Die geistigen Hinter des Ersten Weltkrieges
GA 174b
26 April 1918, Stuttgart
Fünfzehnter Vortrag
[ 1 ] Eine Grundeigenschaft derjenigen geisteswissenschaftlichen Betrachtung, die unter uns gepflogen wird, wird auch unter uns selbst ihrer vollen Bedeutung nach wenig gewürdigt. Ja es liegt sogar vielen vielleicht auch unter uns nicht so fern, wenn man auf diese Grundeigenschaft unseres geisteswissenschaftlichen Strebens zunächst mit abstrakten Worten hinweist, zu denken: Das ist ja selbstverständlich, wie sollte das nicht sein! — Und dennoch ist es nicht so. Diese Grundeigenschaft, die ich meine, ist die, daß unsere Geisteswissenschaft bestrebt ist, nicht nur im allgemeinen darauf hinzuweisen, daß die geistige Welt eine Wirklichkeit ist, daß innerhalb der geistigen Welt einzelne Weltwesenheiten als Wirklichkeiten leben, sondern im einzelnen immer wieder und wiederum zu zeigen, wie das, was sich in unserem gewöhnlichen Leben zwischen Geburt und Tod um uns herum und in uns abspielt, eine Schöpfung der geistigen Welt ist. Ich sage: Es könnte die Meinung bestehen, daß, wenn man im Ernste das Geistesauge hinwendet auf die geistige Welt, es schon mitgegeben sei, dasjenige, was rings um uns herum ist, als eine Schöpfung der geistigen Welt anzusehen. Aber es ist weit, von diesen allgemeinen, ganz abstrakten, leeren, nichtssagenden Gedanken hinzudringen bis zu den Geistesorten, wo im einzelnen konkret erfaßt wird, wie die sinnenfällige Wirklichkeit eine Schöpfung des Geistes ist. An einem besonderen Beispiel soll sich uns das heute zeigen. An einem Beispiel, das zu gleicher Zeit den Beweis liefern kann, wie weit die gegenwärtige Menschheit davon entfernt ist, auch nur zu ahnen, was das bedeutet: Die sinnenfällige Schöpfung um uns herum, wie wir sie erleben zwischen Geburt und Tod, ist eine Schöpfung der geistigen Wirklichkeit.
[ 2 ] Um das besondere Beispiel, dem wir heute nahetreten wollen, im einzelnen auszuführen, möchte ich Sie erinnern an dasjenige, was ich genötigt war, schon gestern im Öffentlichen Vortrag zu sagen. Wir wollen die Sache heute eingehender und näher mit Bezug auf gewisse Nutzanwendungen vor unsere Seele führen.
[ 3 ] Ich sprach gestern und auch schon früher hier in diesem Zweige von dem, was ich nennen möchte das Jüngerwerden der Menschheit im Laufe der Entwickelung. Wenn wir nämlich — rekapitulieren wir schnell, um was es sich handelt — zurückgehen in der Menschheitsentwickelung bis zu jener Katastrophe im Erdenwerden, die wir die atlantische Katastrophe nennen, wo der Kontinent, der einmal zwischen dem heutigen Europa und Amerika lag, unterging und dafür die westliche amerikanische und die östliche europäische Welt entstand, so finden wir, von unserer Epoche ausgehend, fünf Menschheitsepochen. Die erste nachatlantische Epoche, die unmittelbar als Kulturepoche auf die atlantische Katastrophe folgte, ist die urindische Kultur. Sie geht weit zurück hinter dasjenige, was man durch äußere historische Dokumente erkunden kann. Sie finden sie beschrieben, soweit das nötig ist, in meiner «Geheimwissenschaft im Umriß». Das Wichtige aber ist für uns heute, daß wir uns klar vor die Seele führen: In jener Kulturepoche lebten die Menschen so, daß sie mit ihrem Geistig-Seelischen mitmachten ihre leibliche Entwickelung bis in die Fünfzigerjahre hinauf. Man versteht unter diesem Mitmachen nicht das, was man heute erlebt. Wenn man sich müde fühlt, wenn man sich alt fühlt, ist dies nicht so ein Mitmachen, wie das Kind die leiblich-körperliche Entwickelung in den ersten Lebensjahren mitmacht. Nein, das, was wir im späteren Alter heute körperlich-leiblich erleben, das wird von dem Geistig-Seelischen eigentlich nicht unmittelbar gewußt. Wir nehmen nicht teil an dem Abstieg unserer Entwickelung. Gerade dann, wenn wir leiblich-physisch teilnehmen könnten an dem Abstieg dieser Entwickelung, würden wir dadurch, daß wir eine Rückentwickelung durchmachen — ein Zusammensinken, ein Mineralisieren der Gehirnmasse, ein Sklerotisieren des Leibes —, ungeheuer viel über die geistige Welt erfahren. Wir würden durch unseren Leib erfahren, was wir heute durch die Geisteswissenschaft erfahren müssen, wenn wir überhaupt an dasselbe herankommen wollen. In der altindischen Kultur machte man diese absteigende Entwickelung bis in die fünfziger Jahre hinein mit. Man war bis in die Fünfzigerjahre hinein Kind, nur eben altwerdendes Kind.
[ 4 ] Dann kam die zweite nachatlantische Kultur, die urpersische, wiederum eine vorgeschichtliche; in der machten die Menschen dasjenige, was sie seelisch-geistig durchmachten in Abhängigkeit von dem Leibe, noch bis zum Ende der Vierzigerjahre mit. Dann, in der dritten Kulturperiode, war die Menschheit als ganze wieder jünger geworden. In der ägyptisch-chaldäischen Zeit emanzipierten sich die Seelen vom Leibe ungefähr vom fünfunddreißigsten bis zum zweiundvierzigsten Jahre. Dann kam das Zeitalter der griechisch-lateinischen Kultur, in die das Mysterium von Golgatha fiel. Da machten die Menschen mit dem Leibe eine solche Entwickelung durch, wie sie heute nur das Kind durchmacht, bis in das fünfunddreißigste Jahr hinein. Und heute sind wir in der fünften nachatlantischen Kulturepoche — wir sind ja nun schon seit dem 15. Jahrhundert fortgeschritten in dieser Kulturepoche —, da machen wir bis zum Ende der Zwanzigerjahre das mit, was der Leib erlebt; da erleben wir überhaupt die absteigende Entwickelung nicht mehr. Daher ist der Mensch durch seine natürliche Anlage heute so wenig geneigt, das Geistige als solches in seine Seele aufzunehmen. In alten Zeiten hat das Körperlich-Physische selber den Geist gegeben; heute gibt das Körperlich-Physische den Geist nicht mehr. Daher muß der Geist durch die Seele selbst aufgenommen werden. Das zu tun, weigert sich die Seele. In alten Zeiten war es ein Unsinn für den Menschen, nicht an den Geist zu glauben. Um nicht an den Geist zu glauben, hätte er sterben müssen vor dem fünfunddreißigsten Jahr. Erlebte er die Zeit nach dem fünfunddreißigsten Jahr, so erlebte er durch das, was in seinem Leibe in absteigender Entwickelung vorging, etwas, das sich unmittelbar als Geist darstellte. Es war gar nicht denkbar, daß die Menschen in alten Zeiten nicht an den Geist glaubten. Aber indem sich die Sachen so entwickelt haben, ist ein moralischer Impuls, ein großartiger moralischer Impuls der Menschheit, insofern ihre natürliche Entwickelung in Betracht kommt, verlorengegangen. Ich bitte, nicht zu unterschätzen diesen großartigen moralischen Impuls, der verlorengegangen ist auf naturgemäße Weise, und der auf geistigethische Weise, auf spirituell-ethische Weise wieder gefunden werden muß. In jenen alten Zeiten wußten die Kinder von den Älteren: Wenn man das fünfunddreißigste Jahr überschritten hat, dann erfährt man etwas als Mensch, was man im jüngeren Alter nicht erfahren kann. — Versetzen Sie sich lebendig in dieses Gefühl, daß die Kinder und jungen Menschen unter dem Eindruck heranwuchsen: Ich habe etwas zu erwarten, wenn ich in die absteigende Entwickelung hereinkomme; ich habe dann etwas zu erfahren, was ich jetzt nicht wissen kann, was einfach jetzt mein Leiblich-Physisches nicht hergibt. — Denken Sie sich die Empfindung, die ganz anders war als die heutige, in der man das Altern unter solchen Voraussetzungen erwartete. Es ist ja etwas von dem Heutigen ungeheuer Verschiedenes im Leben, wenn man so das Altern erwartet, daß man weiß: Da kommt etwas, was früher gar nicht kommen kann.
[ 5 ] Das ist anders geworden, aber doch nicht in so schroffer Weise, wie man sich vielleicht vorstellt. Nicht wahr, wenn man eine solche Wahrheit ausspricht, wie die eben angedeutete, dann hat die heutige denkerische Unart sogleich das Bedürfnis nach einem Entweder-Oder. So liegen aber die Sachen in Wirklichkeit nie, daß man es mit Entweder-Oder zu tun hat, sondern man hat es in der Regel mit Sowohl-als-auch zu tun. Von selbst kommt es nicht, das Geistige, wenn man jetzt wieder aufsteigt in die Altersentwickelung. Aber wenn der Funke des Geistigen auf die Weise, wie es in der Geisteswissenschaft gemeint ist, in der Seele erregt wird, dann kommt einem doch das zugute, daß man alt wird, dann steigt doch aus dem niedergehenden Leibe etwas auf, was sich besonders hineinlebt in das, was man auf geisteswissenschaftlichem Wege wissen gelernt hat, kennengelernt hat. Wenn Sie heute ohne eine wissenschaftliche Berührung mit dem Geiste bleiben — diese wissenschaftliche Berührung ist ja nicht in fachmännischer Weise gemeint, sondern so; daß sie jedem, auch dem einfachsten Gemüte zugänglich werden kann, denn die Geisteswissenschaft kann populär werden, wenn die Menschheit will —, dann werden Sie nichts Besonderes erleben, wenn Sie alt werden; Sie werden nicht zu schätzen wissen das Altwerden. Sie werden auch gar keine besondere Erwartung hegen in der Kindheit und in der Jugend für das Altwerden. Anders ist es, wenn der Funke der Geist-Erkenntnis in der Seele jetzt nicht durch naturgemäße, sondern durch erzieherische Entwickelung, durch eine an die Seelen der menschlichen Gemeinschaft herantretende Entwickelung, erregt wird. Da wird, wenn recht verstanden wird dasjenige, was Geisteswissenschaft in lebendiger Weise für die Seele sein kann, gerade durch diese Geisteswissenschaft die Stimmung, jetzt in bewußter Weise, wieder erzeugt werden: Ich habe etwas zu erwarten, wenn ich alt werde. Das Altwerden bedeutet etwas. Wenn ich fünfunddreißig Jahre alt sein werde, wird mir dasjenige, was in mir selber lebt, ein anderes sein als jetzt, da ich ein junger Dachs von zwanzig Jahren bin. — Diese Stimmung ist etwas Ungeheures für die Menschenseele, diese Stimmung, die ich als die Stimmung des erwartungsvollen Lebens bezeichnen möchte, des Lebens, das einfach weiß: Die Schöpfung, die du an dir selbst erlebst, die mußt du im Ernste als eine Schöpfung aus dem Geiste betrachten.
[ 6 ] Betrachtet man heute, wo man sich von dem Wissen vom Geiste nicht berühren lassen will, die Menschenschöpfung — selbst wenn man es in phrasenhafter Weise ausspricht — ernsthaft als Schöpfung des Geistes? Nein, in Praxis tut man das durchaus nicht. Denn wenn man es täte, würde man sich sagen: Es hat einen Sinn, daß man alt wird. Der ganze menschliche Lebenslauf ist eine geistige Schöpfung; man wird nicht umsonst alt, es lebt sich das Geistige immer neu in uns aus. Dasjenige, was da in uns ersteht, was sich in uns offenbart von innen heraus, das wird immer neue Seiten zeigen. — Erwartungsvoll leben, etwas erwarten vom Älter- und Älterwerden mit jedem Jahr, das ist eine Konsequenz, die sich ergibt aus dem Ernstnehmen des Satzes, daß dasjenige, was um uns und in uns ist, eine Schöpfung des Geistes ist. Das ist eine Stimmung, dieses Erwartungsvoll-Leben, die sich einbürgern muß in alles Erziehungswesen, die hineinströmen muß in die ganze Verfassung, die dem Erziehungswesen gegeben wird. So daß die Kinder von klein auf und wenn sie Jünglinge und Jungfrauen werden, und noch später, das Gefühl bekommen: Solange wir jung sind, gibt uns der Geist noch nicht alles; aber indem man alt wird, offenbart er immer Neues und Neues, das in der Seele aufsteigt. — Man braucht nur die Anregung vom Wissen des Geistes, um nicht zu übersehen, um nicht unberücksichtigt zu lassen dasjenige, was da herauf will aus den Tiefen unseres Wesens, weil es nicht sinnlos, sondern weil es sinnvoll ist, daß wir alt werden. Heute ärgert es die jüngsten Leute schon, wenn man ihnen eine solche Empfindung noch zumutet; denn die jüngsten Leute schon fühlen sich heute reif, in Parlamente und in die Staatsvertretungen gewählt zu werden, selbstverständlich, obwohl sie da nicht hingehören, weil es sich darum handelt, daß man nur aus der reifen Lebensüberschau heraus über menschliche soziale Strukturverhältnisse ein Urteil fällen kann. Hat man überhaupt die Stimmung des erwartungsvollen Lebens, dann weiß man: Das, was man von den äußeren Einrichtungen voraussetzt, das kann man noch nicht lebendig wissen, noch nicht empfindend wissen, wenn man nicht ein gewisses Alter erreicht hat.
[ 7 ] Man sage nicht, daß Geisteswissenschaft, wenn sie richtig verstanden wird, irgend etwas Abstraktes ist, das nicht ins praktische Leben eingreift. Geisteswissenschaft wird, wenn sie immer mehr und richtiger verstanden wird, gar sehr ins praktische Leben eingreifen, denn sie wird sich bis in die konkreten Empfindungen einleben; sie wird bewirken, daß der Mensch anders heranwächst, anders das erwartet, was ihm jedes neue Jahr seines Lebens wieder bringen kann. Geisteswissenschaft enthält die energischsten Erziehungsfermente, die energischsten Erziehungsimpulse. Sie enthält moralische Impulse, die noch ganz anders auf das Menschengemüt wirken als diejenigen moralischen Impulse, deren sich die Menschen der Gegenwart rühmen; denn sie enthält Impulse, die aus dem ganzen Sinn des Lebens, aus dem universellen Sinn des Lebens der Menschenseele zuströmen. Damit will ich selbstverständlich nicht sagen, daß bei jedem, der Geisteswissenschaft kennt, auch gleich alle Ideale erfüllt sein müßten. Aber so ist es ja überhaupt mit dem Moralischen, daß es zunächst als ein Ideal über dem Menschen hängt, und daß er es sich selbst einzuverleiben hat nach seinem freien Willensimpuls. Aber Geisteswissenschaft als solche enthält diese bedeutsamen moralischen Impulse. Sie ist nicht nur eine Pflegerin irdischer Moral, sondern sie ist eine Pflegerin universeller Moral. Diese Dinge muß man nur in entsprechender Weise durchschauen. Das aber ist außerordentlich notwendig, daß eine Gesinnung, die mit dem zusammenhängt, was ich jetzt ausgeführt habe, durch die Geisteswissenschaft in die Menschengemüter hinein Zugang gewinne. Denn was unsere Zeit in eine solche verhängnisvolle Katastrophe hineingeführt hat, das ist eben, daß wir in jenem Übergang leben, der da Neues in die Menschenseele hineingießen will, und daß die Menschen das Hängen am Alten noch nicht verloren haben, daß sie nicht solche neuen Empfindungen aufnehmen wollen, insbesondere nicht in die Erziehungsprinzipien solche Empfindungen aufnehmen wollen. Im äußeren, aus der materialistischen Kultur hervorgehenden Leben findet man vielfach geradezu das Entgegengesetzte gepflegt von dem, was die Zukunft so energisch von der Menschheit fordert. Es ist notwendig, daß vor allen Dingen den heranwachsenden Menschen einverleibt werde dieses Hinschauen auf den Sinn des werdenden Lebens. Und heute ist in dieser Beziehung jeder noch ein heranwachsender Mensch, denn Geisteswissenschaft hat sich noch so wenig einverleibt, daß jeder sich erst mit dem durchdringen muß, was Geisteswissenschaft an Erziehung der menschlichen Seele geben kann. Denn heraus muß aus der Menschheit der Glaube, man sei mit dem zwanzigsten oder fünfundzwanzigsten Jahr ein fertiger Mensch, der alles entwickelt hat und der nur noch loszuleben braucht, und für den das Leben höchstens insofern noch einen Sinn hat, als man dasjenige anwendet, was man gelernt hat, oder indem man das Leben genießt, und dergleichen mehr.
[ 8 ] Schaut man tiefer hinein in die Lebenszusammenhänge, so tritt einem das Gesagte in einer sehr, sehr tiefen Weise vor die Seele. Es ist das etwas, was im Menschen in alten Zeiten von selbst sich entwickelt hat, was in neueren Zeiten durch die erzieherische Pflege in dem menschlichen Gefühl sich entwickeln soll: das erwartungsvolle Leben. Oh, es ist etwas Bedeutendes, wenn der Mensch sich mit dreißig Jahren sagt: In der Zukunft werden sich mir rein dadurch, daß ich um fünf, um zehn Jahre älter werde, Geheimnisse durch dieses Älterwerden enthüllen; ich habe etwas zu erwarten. — Bedenken Sie nur, was das ist und was es heißt, solches in die Erziehung einzuführen! Aber es ist auch etwas Reales. Es ist ein strömendes Wesen, das da im Menschen zur Geltung kommt, das in alten Zeiten von selbst zur Geltung kam, das in der neueren Zeit gepflegt werden soll. Denn da ist es ja, was im Menschen auftritt; dadurch daß wir nicht darauf achtgeben, uns nicht darum kümmern, dadurch ist es ja nicht etwa nicht da. Glauben Sie nicht, daß Sie dem Weiserwerden, dem Empfangen von Geheimnissen, indem Sie älter werden, entgehen, wenn Sie diese Geheimnisse nicht beachten. Der Geist wirkt in Ihnen. Alle werden Sie geist-reich! Der Unterschied ist nur der, daß der eine es willentlich aufnimmt, und der andere, wenn er sich dazu entschlossen hat, ein gescheiter Mann schon in den Zwanzigerjahren zu werden — heute ist man das ja insbesondere auch in der sogenannten Welt der Intelligenz —, weist es ab, irgend etwas später in seine Entwickelung aufzunehmen. Die jüngsten Leute heute, sie schreiben, sie dichten, sie machen noch ganz andere Sachen. Und was hat man diesen Dingen gegenüber alles für Gefühle! Wie wenig hat man Empfindung für den Sinn des Lebens, der in dem Hervorgehen des Menschwerdens als einer Schöpfung aus dem Geiste besteht. Aber der Geist läßt nicht locker, selbst wenn die jüngsten Leute heute Dramen dichten oder Feuilletons schreiben und dergleichen. Es kann trotzdem sein, daß sie noch Geist haben, nur wissen sie von dem Geiste, der sich in ihnen entwickelt, nichts.
[ 9 ] Was geschieht mit diesem Geiste, mit dem wirklichen Geiste, der in alten Zeiten sich von selbst entwickelt hat? Ja, meine lieben Freunde, dieser Geist muß zerstäuben. Wahrhaftig, er zerstäubt. Er verbreitet sich in der geistigen Atmosphäre, er verbreitet sich in der Menschheitsaura. Und das ist etwas, was unserer heutigen Zeit immer wieder und wiederum gesagt werden muß, woran sie aber natürlich nicht glaubt aus dem einfachen Grunde, weil sie es natürlich als Phantasie ansieht, wenn man ihr sagt: Nun, da ist ein junger Feuilletonschreiber, der sich für sehr gescheit hält. Er weiß nichts von dem Geiste, aber der Geist geht in die Menschheitsaura über, er zerstäubt. Sein Geist ist trotzdem da. — Ganz imprägniert von solchem zerstäubtem Geiste ist heute die Menschheitsaura. Dieser Geist muß wieder zusammengehalten werden von den Menschen, eben durch die Stimmung, von der ich gesprochen habe. Denn wir sind heute schon hart an dem Punkte, wo ein furchtbares Übel entstehen müßte, wenn dieser zerstäubende Geist weiter und immer weiter entwickelt würde. Denn es ist ein bedeutsames Gesetz des geistigen Lebens, daß ein Geist etwas ganz anderes wird, als er ursprünglich ist, wenn er seinen Träger verläßt. Fassen Sie das nur genau auf: Ein Geist, der seinen Träger verläßt, der zerstäubt, der wird etwas ganz anderes, als wenn er von seinem Träger zusammengehalten bleibt. Er wird im wesentlichen verschlechtert, verschlimmert, er wird in ahrimanischer Art umgestaltet. Und dasjenige, was herauskommen muß, was heute noch nicht deutlich herauskommt, weil wir im Anfange dessen stehen, was furchtbar werden kann, wenn man es nicht berücksichtigt, das ist eine furchtbare Geistesöde. Die Menschen werden suchen nach etwas, das sie beschäftigt, weil sie den Geist haben zerstäuben lassen, der sie eigentlich beschäftigen sollte. Ein Suchen nach etwas, ohne daß man weiß, was man sucht, das ist etwas, was sich immer mehr verbreiten muß, wenn dem Übel nicht gesteuert wird. Wir sehen heute schon die Anfänge in mancherlei von dem, was ich auch schon erwähnt habe.
[ 10 ] Was tut heute der Mensch, wenn er es unterlassen hat, auf seinen Geist aufmerksam zu sein? Da sucht er vorzugsweise nach irgend etwas; nur kommt dieses Suchen in einer sonderbaren Weise zum Austrag auf den verschiedensten Gebieten. Ein sehr gebräuchliches Gebiet ist: Man gründet Vereine, Vereine mit guten Programmen. Man setzt vor die Menschen allerlei Forderungen hin. Das können recht gescheite Sachen sein, aber es sind zumeist solche Sachen, welche nur dadurch entstehen, daß man stehengeblieben ist bei dem Kindheitsstandpunkt und dann die Kindheitsidee verknöchert, bis man sie in einem spätern Lebensalter in Form von Vereinsprogrammen auf die Welt losläßt. Auf diesem Gebiet wissen ja die Menschen heute ungeheuer viel zu tun. Sie wissen aber wenig davon, real im Geiste zu wirken, von kleinem Kerne der Geisteswirksamkeit auszugehen, die Menschen von selbst sich angliedern zu lassen und lebendig und rege zu erhalten so etwas, was eine Menschengemeinschaft ist.
[ 11 ] Sehen Sie, davon rührt es her, daß so viele Konflikte entstehen in unserer Gesellschaft, die ja latent bleiben aus gewissen Gründen und die ich jetzt hier nicht erörtern will. Überall da, wo ich selber irgendwie einen Impuls ausüben kann, da möchte ich, daß so ferne wie möglich alle Statuten, alle Regeln, alle Gesetze bleiben. Denn schließlich, wozu braucht man Statuten, wenn sich eine Anzahl von Menschen zur Pflege des geistigen Lebens vereinigen? Man kann solche Statuten aufstellen, um sie den Behörden zu zeigen; das ist eine andere Sache, das hat nichts zu tun mit der Sache selbst, aber worauf es ankommt, das ist, was uns selber solche Statuten sind. Da handelt es sich darum, daß eine solche Gemeinschaft leben soll, daß jeder neue Mensch Neues hineinbringen kann. Eine solche Gemeinschaft soll leben, sie kann sich nicht festlegen durch irgendwelche Statuten, sie muß, wenn sie fünf Jahre bestanden hat, geradeso gut etwas anderes sein, wie ein Kind etwas anderes ist mit zwölf Jahren, als es war mit sieben. Aber das ist nicht eine Denkweise der heutigen Zeit. Die Denkweise der heutigen Zeit ist, möglichst unlebendig zu leben, möglichst alles einzuschnüren in Abstraktionen. Das ist eines. Man könnte viele Beispiele anführen, die alle aus dem hervorgehen, daß man kein Bewußtsein hat von dem zerstäubenden Geistesleben. Man sucht, man sucht auf alle mögliche Weise. Denken Sie nur, wie viele Frauen- und andere Vereine es heute schon in einer einigermaßen größeren Stadt gibt! Man sucht und sucht, weil man nicht weiß, daß das, was man halten soll, zerstäubt. Also sucht man, weil man das nicht hat, worauf man eben keine Aufmerksamkeit verwendet. Dieses Suchen bedeutet Lebensöde. Diese Lebensöde würde furchtbar überhandnehmen, wenn es nicht begriffen würde von der Menschheit, daß die Stimmung des Lebens entstehen muß, von der ich eben gesprochen habe.
[ 12 ] Nicht wahr, das ist es ja, was man heute nicht verstehen will: das unmittelbare Leben! Das Prinzip, daß dasjenige, was da ist, eine Schöpfung des lebendigen Geistes ist, das fordert allerdings Beweglichkeit des Erlebens. Daß man sich nie für abgeschlossen, nie für fertig erklärt, das ist in gewisser Beziehung unbequem. Aber das ist eine Notwendigkeit, wenn die Geistesentwickelung der Menschheit vorwärtsschreiten soll. Und so die Geisteswissenschaft zu verstehen, daß sie die Anregerin ist für ein lebendiges Leben, daß sie sich wirklich hineinfindet in das, was die Zeit im gegenwärtigen Entwickelungspunkte der Menschheit fordert, das ist eben die Aufgabe derjenigen, die sich der Geisteswissenschaft wirklich widmen: mit der Menschheit zu leben und zu erkennen, was sie im Laufe der Zeitenentwickelung durchzumachen hat, was ihr durchzumachen vorgesetzt ist.
[ 13 ] Versuchen Sie eine unbefangene Ansicht zu gewinnen über das, was Sie heute als Ereignisse umgibt. Eigentlich verschlafen ja die meisten Menschen dasjenige, was heute um uns herum vorgeht. Sie denken nur, es müsse wieder ein solcher Zustand kommen, wie er vor 1914 war, und warten darauf, bis ein solcher Zustand kommt. Sie begreifen gar nicht, wie tief einschneidend dasjenige ist, um was es sich eigentlich handelt, und wie notwendig es ist, daß sich die Menschheit zu ganz neuen Begriffen durcharbeitet, die vorher nicht da waren. Das Leben begreifen auch im geschichtlichen Werden, das ist vor allen Dingen die Aufgabe der geisteswissenschaftlichen Denkrichtung.
[ 14 ] Das ist das eine: daß der Geist zerstäubt, indem er von den Menschen nicht beachtet wird, wie es so vielfach heute geschieht. Aber nur ein Teil zerstäubt, der andere bleibt zurück, der staut sich im menschlichen Organismus, aber er tritt nicht ins Bewußtsein. Er imprägniert unbewußt den Organismus. Er geht ins Blut, ins Fleisch; im Unbewußten wirkt er. Teilweise zerstäubt das, dessen sich der Mensch bewußt sein soll im Laufe seines Lebens, teilweise wird es ins Unterbewußte hinuntergetrieben. Was tut es denn in diesem Unterbewußten?
[ 15 ] Sehen wir uns noch ein bißchen genauer an, was die besondere Veranlassung ist, daß der Geist teilweise ins Unterbewußte hinuntergetrieben wird. Die Veranlassung dazu sind meist jene falschen Erziehungsprinzipien, welche bei den Kindern und jungen Menschen nach dem Altklugwerden hinarbeiten, darauf hinarbeiten, daß die Kinder möglichst wenig kindlich bleiben. Wieviel tut man sich doch heute zugute, das Kind möglichst früh zu einem eigenen Urteil zu bringen, das Kind möglichst früh in anderer Weise zu erziehen, als wie es dargestellt ist in meinem Schriftchen «Die Erziehung des Kindes vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft». Es ist notwendig, daß das Kind vor allen Dingen in bildlichen Vorstellungen lebe, daß das Verstandesmäßige so spät wie möglich an das Kind herantrete. Dafür hat man ja heute recht wenig Sinn. Schon die Kultur selbst hat dafür wenig Sinn. Aber diese Kultur soll man nicht zurückstauen wollen, reaktionär wird Geisteswissenschaft niemals werden. Sie wird selbstverständlich mit dem äußeren, materiellen Kulturfortschritt rechnen; aber dieser äußere, materielle Kulturfortschritt fordert eben gerade, daß man ein Gegengewicht schaffe. Anders war es mit dem Menschen in den Zeiten, in denen man nicht in den Jugendjahren lesen und schreiben gelernt hat. Ich will nicht dem Analphabetismus das Wort reden, mißverstehen Sie mich nicht in der Weise, aber heute betrachtet man es als ein Unglück, wenn die Leute Analphabeten sind, denn man sieht den Wert des Menschen nicht in dem, was in der Seele lebendig lebt, sondern in dem, was an den Menschen herangebracht wird, was schließlich mit der eigentlichen Menschenseele furchtbar wenig zu tun hat. In jenen alten Zeiten, als die Schrift noch eine Bilderschrift war, als der Buchstabe wiedergab ein Wortgeheimnis, da war die Schrift etwas. Aber heute: Jene kleinen Geister, die auf weißem Papier vor die Augen der jüngsten Kinder treten und enträtselt werden müssen, jene kleinen Geister, die die Kinder selber auf das Papier zaubern, was haben sie denn für eine Beziehung zur Seele? Zeichen sind sie doch nur, willkürliche Zeichen. Man könnte sich denken, daß das ganze, was man da als Schriftwerk hat, ganz anders angeordnet wäre. Manche Leute haben ja heute schon die Tendenz, daß dies anders eingerichtet werde. Man hat ja auch die Stenographie eingerichtet. Keine Notwendigkeit besteht, daß das, was da ist, so an die Menschen herantritt, es könnte auch ganz anders sein. Aber das ist ein notwendiges Erfordernis der Erdenkultur; gegen das wendet sich der Reaktionär, nicht der Geisteswissenschafter. Das mußte kommen, selbstverständlich. Aber ein Gegengewicht wird kommen. Geisteswissenschaft wird es nicht als ein Ideal betrachten, die Schule abzuschaffen; aber ein Gegengewicht wird sein, daß die Kinder bildhaften Unterricht bekommen, jenen Unterricht, welcher Hinweis über Hinweis auf die Weltengeheimnisse enthält, einen Unterricht, welcher das Gemüt durch alles dasjenige, was man lernt, in Zusammenhang bringt mit den Weltengeheimnissen. Jedes Tier, jede Pflanze in ihren Formen, sie drücken etwas aus, was in geheimnisvoller Weise mit der ganzen Schöpfung zusammenhängt. Die rechte Frische des Gemütes, um solchen Ausdruck zu empfinden, hat man nur in einem gewissen Lebensalter. Man muß in einem gewissen Lebensalter zusammenwachsen mit der Schöpfung.
[ 16 ] Nehmen wir auch da ein Beispiel. Ich habe schon früher erinnert an ein Wort, das mein alter Freund Vinzenz Knauer, der Geschichtsschreiber der Philosophie, öfter gebraucht hat. Er sagte aus seinem gut mittelalterlichen Scholastikerbewußtsein heraus denen gegenüber, die da behaupten, alles ist in gleichartiger Materie: Nun, man soll nur einmal anschauen die gleiche Materie, wie sie in einem Wolf und in einem Lamm ist; man sperre einmal einen Wolf ein, so daß er keine andere Nahrung bekommen kann, und gebe ihm nur Lämmer. Wenn wirklich die Lamm-Materie dieselbe ist wie die Wolf-Materie, so müßte der Wolf ja ein Lamm werden nach und nach, wenigstens müßte er lammfromm werden. — Das bezeichnet ganz klar, daß in demjenigen, was den Wolf formt — wir nennen es die Gruppenseele —, in jenem Lebendigen, das die Struktur des Wolfes bestimmt, etwas anderes liegt als die Struktur des Lammes. Auf die bloße Materie hinzuschauen, nicht auf die geformte Materie, nicht auf die durchgeistigte Materie, das führt nicht in die Schöpfung hinein, sondern aus ihr hinaus. Die Tiere um uns herum sind in den mannigfaltigsten Formen aufgebaut. Man schaue nur einmal hin, wie in dieser Beziehung der Mensch anders ist als die Tiere. Man bedenke das recht genau, was da eigentlich vorliegt. Die Menschen sind, von kleinen Unterschieden abgesehen, die in den verschiedenen Rassencharakteren liegen, die groß sein können, aber nicht heranreichen an die Unterschiede der Tiergattungen, gleichgeformt über die Erde hin. Warum? Weil die Gleichgewichtsverhältnisse in ihnen anders liegen als bei den Tieren. Das Tier ist ein Ergebnis der Gleichgewichtsverhältnisse, die in bezug auf die Erde sich ausbilden. Beim Affen, der nahezu aufrecht sich gestaltet, können Sie das sehen. Das Tier ist so gestaltet, daß sein Rückgrat eigentlich dazu veranlagt ist, parallel der Erdoberfläche zu sein, daß sein Hinterleib in der gleichen Höhe liegt wie der Vorderleib. Das allerbedeutsamste ist, daß der Mensch von vorneherein so veranlagt ist, daß dasjenige, was beim Tier neben dem Hinterleib ist, über den Hinterleib gebaut ist, daß es den Hinterleib überdeckt. Beim Menschen fällt die Linie, welche durch den Kopf zur Erde geht, in die Schwerpunktslinie hinein, beim Tier aber nicht. Dadurch, daß der Mensch dazu berufen ist, sich seine eigene Gleichgewichtslage zur Erde zu geben, die im Affen zur Karikatur wird, im Menschen die selbstverständliche Wesenheit ist, dadurch hebt er sich hinaus aus der bestimmten Gestalt, die jede Tiergattung hat. Der Mensch hat deshalb nicht eine so bestimmte Konfiguration wie die Tiergattungen, weil er sich hinaushebt, weil er die Gestalt aufhebt, den Kopf über den Hinterleib setzen kann. Das ist etwas ungeheuer Bedeutsames. Die Darwinisten haben daran noch gar nicht gedacht. Das ist es aber, worauf es ankommt.
[ 17 ] Ich kann es heute nur andeuten; wenn ich es weiter ausführen wollte, müßte ich viele Vorträge halten, und es würde die tief bedeutsame Frage nach dem Unterschied der Tiere von dem Menschen beleuchten. Aber das interessiert uns heute weniger, uns interessiert heute, daß der Mensch die Tiergestalt in sich überwindet, indem er sich seine aufrechte Stellung gibt, indem er sich eine andere Gleichgewichtslage auf der Erde gibt. Er macht sich dadurch von der Erde unabhängig. Aber das ist er nur als physischer Mensch. Gehen wir zum Ätherleibe hin, da ist das anders. Dieser Ätherleib ist in sich beweglich; der ist alle Augenblicke in jedem einzelnen Menschen anders gestaltet. Wenn jemand einen Löwen anschaut: hellsichtig sehen Sie die Löwengestalt an dem anschauenden Menschen. Sehen Sie eine Hyäne an, so werden Sie im Übersinnlichen selber hyänenartig. Der Mensch überwindet im Physischen die äußeren Gestaltungen, aber im Ätherleibe paßt er sich dem an, was in seiner Umgebung auftritt. Das ist gerade wiederum dasjenige, was den Menschen so bedeutsam vom Tiere unterscheidet: das Tier hat seine bestimmte Gestalt; der Löwe, der dem Hund gegenübertritt, kann in seinem Ätherleibe die Gestalt des Hundes nicht nachahmen, er bleibt immer, auch innerlich, der Löwe, er erkennt in Wahrheit nur einen anderen Löwen. Schauen Sie hin, wie das gleichartige Tier dem gleichartigen Tier ganz anders gegenübersteht als dem ungleichartigen. Der Mensch ist aber versatil, er ist vielseitig, er paßt sich in bezug auf den Ätherleib seiner Umgebung an. Aber darum handelt es sich, ob diese Anpassung eine regelmäßige oder eine unregelmäßige wird, ob diese Anpassung sinnlos oder sinnvoll ins Leben eingreift. Daß die Tiere so mannigfaltig gestaltet sind, daß die Tiere festhalten in ihrer physischen Gestalt das, was der Mensch, immer wieder, sich verwandelnd, werden kann, das macht, daß das ganze Tierreich nicht nur das ist, was der heutige Zoologe sieht, sondern daß jede Tiergestalt einen bestimmten Sinn hat, und die Zusammenhänge unter den Tieren einen bestimmten Sinn ergeben. Man kann in einer gewissen Weise diesen Sinn des ganzen Tierreiches lesen. Dadurch aber baut man eine Brücke zwischen sich und der geistigen Welt, daß einem der Sinn desjenigen aufgeht, was draußen in fester Gestalt ist, und was man dann sinnvoll nacherlebt, indem man es selber wird.
[ 18 ] In alten Zeiten haben die Menschen versucht, den Sinn der Umwelt instinktiv zu empfinden. Dasjenige, was in historische Zeiten davon hereinragt, sind die verschiedenen sinnbildlichen Erzählungen über die Tiere: die Tiermärchen, die Tiersagen, die Tierfabeln und ähnliches. Zu dem können wir nicht wieder zurückkehren. Aber etwas anderes muß dafür ausgebildet werden, so daß die Menschen nicht nur das lernen, was sie sich jetzt in ganz abstrakter Weise einochsen über die Tiergestalt. Wie sind solche Tiere beschrieben in den heutigen Schulbüchern! Die Beschreibungen wirken ja auf die Kinder deshalb so langweilig, weil sie ganz äußerliche sind. Lassen Sie die Beschreibung eine sinnvolle sein, lassen Sie den Löwen wieder etwas werden, was sich herausgestaltet in der Schöpfung in anderer Weise als die Hyäne, als das Känguruh. Dann wird der Mensch sich auch wiederum sinnvoll in die Schöpfung hineinleben, dann wird er die Schöpfung lebendig aufnehmen. Es wird allerdings eine bestimmte Folge haben, denn der Geist wird beweglich, der Geist wird inhaltvoll, wenn er so sich in die Schöpfung vertieft. Dann ist er nicht zufrieden mit dem, was ihm die offizielle Wissenschaft heute vielfach gibt. Da können Sie ja heute mancherlei erleben. Wenn man die Entwickelung der Tierreihe verfolgt, so wie sich die heutige offizielle Wissenschaft sie vorstellt, selbst da, wo sie etwas unbefangener ist, können Sie sonderbare Dinge erleben. Man braucht nicht einmal bis zum Darwinismus zu gehen, man kann bei Zamarck bleiben, der noch viel gescheiter ist, als was sich in materialistischer Weise aus dem Darwinismus entwickelt hat. Da können Sie auch dargestellt finden, wie sich die verschiedenen Tierformen durch Anpassung an die Lebensverhältnisse gebildet haben. Gewisse Tiere haben sich Schwimmfüße gebildet, indem sich für sie die Lebensverhältnisse herausgestaltet haben, im Wasser zu leben. Andere Tiere haben Greiforgane bekommen, weil sie ihre Nahrung finden mußten oben an den Bäumen und dergleichen. Ja, wenn sich durch solche Gewohnheiten die Organe ausgebildet haben, müssen sie doch vorher anders gewesen sein. Tiere, die Schwimmfüße gekriegt haben, müssen vorher keine gehabt haben, müssen andere gehabt haben; die späteren haben sie dann durch ihre Lebensverhältnisse gebildet. Man kommt allmählich darauf, daß diejenigen Tiere, denen Schwimmfüße eigen sind, sich diese aus anderen Füßen gebildet haben, und die keine Schwimmfüße haben, die haben aus den früheren sich die andersgestalteten gebildet. — Das ist schon so. Man merkt es nur nicht, man lernt fleißig, aber man merkt es nicht. Wenn die Giraffe einen langen Hals hat, erklärt man: Aus einem kurzen ist er so geworden, weil die Giraffe auf den Baum langen mußte. — Wenn die Giraffe einen kurzen Hals hätte, würde er aus einem langen Halse zum kurzen Halse geworden sein durch andere Lebensgewohnheiten. Man merkt gar nicht, daß man die Dinge herumkugelt und herumkollert. In welchen Wirrnissen, in welchem wirrnisvollen Denken eine Weltanschauung lebt, die nicht die sinnvolle Brücke herstellt zu dem, was in der menschlichen Umgebung ist, davon macht man sich heute gar keine Vorstellung.
[ 19 ] Aber das ist es, was der Erziehung einverleibt werden muß, um nur eines zu erwähnen: dieses sinnvolle Miterleben der Umgebung; nicht bloß verstandesmäßig die Umgebung auffassen, sondern sinnvoll miterleben, so daß man wirklich mit der ganzen Seele die Formen des Tierreiches, des Pflanzenreiches und des Mineralreiches in sich aufnimmt. Was würde man so einem vierzehn-, fünfzehnjährigen Jungen oder Mädchen für eine Wohltat tun, wenn man sie einmal auf einen Spaziergang mitnimmt und sagt: Sieh einmal diese Wolkenbildungen an! — Dann wieder auf einem nächsten Spaziergang, wo die Wolken anders gebildet sind: Nun sieh dir diese Wolken an. Präge dir das ein, so daß du ein Bild hast von diesen Formen! — Nachdem man das Kind eine Zeitlang das Ganze hat anschauen lassen, geht man zu seinem Regal und nimmt Goethes «Naturwissenschaftliche Schriften» heraus, wo er die verschiedenen Wolkenformen, wie sie ineinander und auseinander entstehen, in sinnvoller Weise darstellt. Das Kind wird das sogleich verstehen, wird sogleich in dieses lebendige, sinnvolle Vorstellen der Wolkenformen sich einleben, wird etwas Wunderbares durchmachen.
[ 20 ] Oder man lasse das Kind im Garten eine Pflanze beobachten, wie sie im Frühling, im Sommer, im Herbste ist, und lese ihm dann aus Goethes Gedichten die «Metamorphose der Pflanzen» vor. Da hat man etwas, was sinnvoll in die Natur hineinführt.
[ 21 ] Solche Dinge gehören dazu, die Stimmung des erwartungsvollen Lebens zu erzeugen, solche Dinge gehören dazu, wenn erreicht werden soll, daß nicht der Geist zurückgestaut wird und ins Blut, ins Fleisch hineingeht, sondern in entsprechender Weise im Inneren von der Seele ergriffen wird. Gewisse Dinge dürfen eben nicht im Laufe der Entwickelung ins Fleisch gehen, sondern müssen in der Seele bleiben. Was geschieht denn, wenn sie ins Fleisch, ins Blut gehen? Dann begründen sie im Unterbewußten Affekte, Leidenschaften, denen Namen gegeben werden, denen Masken gegeben werden, und die manchmal etwas ganz anderes sind als die Masken, die ihnen gegeben werden. Heute lebt so vieles — und es kommt in der menschlichen Entwickelung zum Ausdruck —, was dadurch entstanden ist, daß ins Blut, ins Fleisch übergegangen ist, was in der Seele hätte bleiben sollen. Und was wird dadurch begründet? Es begründet Streit, Zwietracht, Disharmonie über die Erde hin. Das maskiert sich in allen möglichen Formen, das maskiert sich darin, daß der Italiener den Germanen, daß der Engländer den Deutschen, daß der Germane den Romanen nicht ausstehen kann; das maskiert sich in diesen Leidenschaften, die über die Erde hin wüten. Man muß für diese Dinge nur die tieferen Gründe wissen, und man muß einsehen, was der Menschheit obliegt, was der Menschheit Mission ist, um dasjenige zu erreichen, was unbedingt erreicht werden muß.
[ 22 ] Was in der Gegenwart ist, sollen nur deutliche Zeichen sein für das, was wir lernen sollen, um die Menschheit einer gedeihlichen Zukunft entgegenzuführen. Man soll nicht an der Oberfläche bleiben, wie es die Menschen heute tun, sondern in die Tiefen der Menschenseelen hineinschauen. Daß das 19. Jahrhundert einen Erziehungsfehler gemacht hat, weil es eine Übergangszeit war, weil es ins Fleisch, ins Blut hat gehen lassen, was in die Seelen hätte gehen sollen, das wird heute auf den Schlachtfeldern ausgekämpft. Das Blut, das aufgenommen hat dasjenige, was hätte in die Seelen gehen sollen, waltet heute in den wild über die Erde hinstürmenden Leidenschaften. Das macht, daß sich die Menschen nicht verstehen können. Das macht, daß die Menschen aneinander vorbeireden. Das macht, daß sie so wenig Sinn haben für das Miteinander-Empfinden, das Miteinander-Leben.
[ 23 ] Die Zeichen der Zeit sind ernst, sehr ernst, aber sie sind eine Aufforderung, in die Tiefen des Weltenwerdens hineinzuschauen, um aus diesen Tiefen zu erkennen, was unsere Aufgabe ist. Ich habe schon das vorige Mal gesagt: Das ist nicht ein Einwand gegen die Weltenweisheit, gegen die göttliche Weisheit. Die göttliche Weisheit muß diese Zeichen über die Menschheit hinführen, weil die Menschheit nicht eine Automaten-Wesenheit, sondern selbständig werden soll. Es handelt sich nicht darum, zu fragen: Warum ist die Menschheit in dieses alles hineingekommen? — sondern: Was ist zu tun zum Heile der Menschheit? — Um die Tat und um die großen universalistisch-ethischen Impulse handelt es sich. Das ist dasjenige, was uns von Woche zu Woche, von Stunde zu Stunde, von Minute zu Minute obliegt: uns einzulassen darauf, was zu geschehen hat. Und derjenige, der in solcher Weise, wie es heute angedeutet worden ist, erwartet hat, daß ihm jedes neue Lebensjahr etwas bringt, was ihm vorher Geheimnis war, der entzündet in seiner Seele das, was die Menschheit auch in der Zukunft brauchen wird: den lebendigen, nicht den toten Unsterblichkeitssinn. Derjenige, der weiß, daß ihm jedes neue Jahr neue Geheimnisse bringt, weiß auch, daß ihm das Leben nach dem Tode neue Geheimnisse bringt; für ihn hat der Zweifel an dem Fortbestehen dessen, was der Entwickelung des Leibes entgegen Neues bringt, keinen Sinn. Für ihn wird aber auch dieses Leben nach dem Tode real, recht real: es wird nicht nur jenes egoistische Prinzip, als was es heute so vielfach auftritt, sondern es wird Menschheitsprinzip.
[ 24 ] Wir treten heute durch die Pforte des Todes und bringen vieles mit an Lebensbeobachtungen, was wir hier nicht verarbeitet haben. Das aber hat noch eine Bedeutung für die Erde. Es kommt unsere Weisheit, die wir uns hier angeeignet haben, der Erde auch noch zugute, wenn wir durch die Pforte des Todes geschritten sind. Aber hier auf der Erde müssen Menschen da sein, die sie brauchen wollen. Jene, die Erfahrungen haben, wissen von diesen Erfahrungen zu berichten. Öffentlich muß man, um sich nicht ganz und gar lächerlich zu machen, diese Dinge noch so sagen, wie ich es zum Beispiel gestern tat: daß Planck heute anders denken würde, als er in den achtziger Jahren gedacht hat. Man meint damit als Geisteswissenschafter eigentlich noch etwas anderes. Man weiß: Die Seele dieses Menschen hat so vieles durch die Pforte des Todes hindurchgetragen, daß reichlich vorhanden ist, was der Erde noch nützlich sein kann. Ja, derjenige, der weiß, daß sein lebendiges Gefühl für die lebendige Seele durch die Pforte des Todes nicht beeinträchtigt wird, weiß auch, daß die sogenannten Toten mit uns in fortwährender Verbindung stehen, daß wir nur entgegenzunehmen haben dasjenige, was von ihnen gewirkt wird. Wer Erfahrung darin hat, darf vielleicht auch aus der persönlichen Erfahrung in bescheidener Weise von diesen Dingen sprechen. Ich weiß, daß ich nicht nur an Goethes Weltanschauung angeknüpft habe, sondern daß ich dasjenige, was ich über Goethes Weltanschauung in der verschiedensten Weise geschrieben habe, nur deshalb geschrieben habe, weil ich wußte, daß es aus der Inspiration der Goetheseele selber herrührt, natürlich soweit man es als schwacher Nachkomme aufnehmen kann.
[ 25 ] Aber dazu gehört das lebendige Sich-in-ein-Verhältnis-Setzen mit der lebendiggebliebenen Seele, nicht bloß jenes abstrakte Verehren der Toten, sondern das Aufnehmen der lebendigen Wesenheit der Toten in unsere Seelen, die hier im physischen Leibe verkörpert sind. Oh, es wird viel, sehr viel Fruchtbringendes, bedeutungsvoll Wesenhaftes hereinfließen in die Erdenentwickelung, wenn die Toten durch die Gesinnung der Lebenden werden die Ratgeber sein können der Menschheit. Ich weiß, wie weit unsere Gesinnung noch davon entfernt ist. Ich weiß, daß man zwar heute frägt: Was sagt der Zweiundzwanzigjährige, der Dreiundzwanzigjährige — oder was sonst die Altersgrenze für die verschiedenen Parlamente sein mag —, was sagt der Vierundzwanzigjährige zu irgend etwas, was Gesetz werden soll? — Aber man frägt nicht: Was sagt Goethe heute zu dem, was Gesetz werden soll? — Das wird aber auch noch kommen. Die Toten werden unsere Mitbürger sein. Wenn man die Stimmung in die Seele aufnimmt, daß jedes Jahr ein neues Geheimnis für uns enthüllt werden kann, dann wird man auch noch weitergehen: dann wird man auch wissen, was es bedeutet, mit der Summe der Erdenentwickelung den großen Übergang zu machen durch die Pforte des Todes hindurch. Dann werden die Toten die Mitberater der Lebenden sein. Denn nicht auf den Glauben an die Unsterblichkeit kommt es bloß an, sondern darauf kommt es an, daß dasjenige, was unsterblich ist, auf all den Feldern fruchtbar werden kann, wo es wirklich fruchtbar werden soll. Kraft braucht der Mensch, um durchzudrücken die Decke, die ihn heute trennt von dem, was die geistige Welt noch in sich birgt.
[ 26 ] Sehen Sie, die heutige Denkweise ist eigentlich mehr oder weniger dazu da, daß wir in ihr die starke Kraft entwickeln, um zum Geiste durchzudringen. Aber es ist heute schon der Zeitpunkt gekommen, wo die Menschen manches in klarer Weise durchdringen müssen, weil sie es selbst verstehen sollen. Daher sind die Zeichen vor die Menschenseele hingestellt, weil die Menschen lernen müssen: Dieses darf ganz und gar nicht da sein, jenes muß ganz und gar überwunden werden. Und weil sie es selbst überwinden sollen, deshalb mußte es unter ihnen auftreten.
[ 27 ] Zwei Extreme stehen im äußeren Leben — aber es gibt viele solche Extreme — einander gegenüber: der Wilsonismus und ihm gegenüber der Trotzkismus oder Leninismus, nennen Sie ihn, wie Sie wollen. Die beiden Dinge stehen da, herausgeboren aus einer ungeistigen Weltanschauung, der ungeistigsten Weltanschauung, die sich denken läßt. Aufgabe der Menschheit ist es, zu sehen, daß ausgelöscht werde alles dasjenige, was in den letzten Konsequenzen zum Leninismus oder zum Wilsonismus führt. Aber viel Wilsonismus, viel Leninismus ist überall zu finden; sie sind sehr, sehr verbreitet, man merkt es nur nicht. Man muß den Dingen nur ins Auge schauen. Derjenige aber, der sich ein wenig mit Geisteswissenschaft befaßt, der weiß, daß ihm diese Geisteswissenschaft das Seelenauge gibt, um auch auf diesem Gebiet den Dingen klar ins Auge zu schauen. Heute ist es für die Menschen eine Lebensnotwendigkeit, klar in die Welt zu schauen, sich die Dinge anzuschauen, sie nicht zu verschlafen. Denn nur allzuviel Grund haben die Menschen, vielfach Masken über das zu breiten, was wahr ist. Und allzu leichtgläubig sind die Menschen; deshalb glauben sie an die Masken und sehen nicht auf dasjenige, was hinter den Masken verborgen ist. Man kann nicht jene Denkweise entwickeln, die eine gewisse Beweglichkeit des Geistes möglich macht, welche für Geisteswissenschaft notwendig ist, ohne in einer gewissen Zeit, wenn man sich wirklich in diese Beweglichkeit hineinfindet, sich eine klare, ruhige Anschauungsweise zu verschaffen über das, was in der Welt vorgeht. Man darf nicht die Dinge verschlafen, man muß aufwachen durch die Geisteswissenschaft, wenn man sich nicht selber aus einer gewissen Lebensbequemlichkeit heraus einlullen will. Bedürfnis ist viel vorhanden, solche Geistesart in die Seele hineinströmen zu lassen, aber der Wille, namentlich vieler, die sich als Führer der Menschheit fühlen, mit diesem Bedürfnis zu rechnen, ist nicht vorhanden. Der Wille zum Geiste ist heute in den einfachsten Naturen vorhanden; sie verstehen sich nur selbst noch nicht, weil sie irregeführt sind durch dasjenige, was heute vielfach als «öffentliche Meinung» — Schopenhauer nannte sie «private Dummheit» — verbreitet wird. Die Führenden sind vielfach geneigt, da von Grenzen des menschlichen Wesens zu sprechen, wo sie die Menschen über die Grenzen nicht hinausführen wollen. Auf allen Gebieten finden Sie das heute. Wie wohl tut es den Menschen — um nur das eine Beispiel zu erwähnen —, wenn so etwas geschehen kann, wie es jetzt mit dem französischen "Theologen Loisy geschieht, der auch so eine merkwürdig schwankende Stellung zwischen Modernismus und Nichtmodernismus eingenommen hat, obwohl er sich scheinbar eine Zeitlang auf eigene Beine gestellt hatte. Jetzt aber, gegenüber den katastrophalen Ereignissen, hat er sich die Frage vorgelegt: Ja, was ist denn eigentlich mit dem Christentum geworden bei den Ereignissen der heute geschaffenen Weltenlage? Hat dieses Christentum vielleicht nicht versagt? — Nicht den Christus als solchen, meint Loisy, aber er frägt sich: Hat dieses Christentum vielleicht nicht manches versäumt? — Es haben einige über diese Gewissensfrage des Loisy etwas geschrieben. Einer hat gesagt: Nun ja, man muß eben rechnen mit der Unvollkommenheit der Menschen. Das Christentum will zwar etwas anderes, als was jetzt über die Erde hin geschieht, aber das, was geschieht, das muß geschehen, weil die Menschen unvollkommen sind. — Darüber nachzudenken, das ist nicht dasjenige, um was es sich handelt, sondern das, um was es sich handelt, ist: nachzudenken und nachzusinnen und nachzuempfinden, wie der Mensch vollkommener werden kann, wie der Mensch sich veredeln kann, wie der Mensch ethisch höher kommen kann dadurch, daß er sich dem universellen Weltenwesen immer mehr und mehr eingliedert. Die Fragen müssen vielfach ganz anders gestellt werden, als man heute geneigt ist, diese Fragen zu stellen.
[ 28 ] Das sind die Empfindungen, die ich während unseres diesmaligen Zusammenseins in Ihre Seelen legen wollte. Mehr noch als früher kommt es mir diesmal darauf an, daß meine Worte nicht nur mit dem Verstand begriffen, sondern daß sie so aufgefaßt werden, wie sie gemeint sind: daß sie unser Gemüt anregen, damit sie in unserem Gemüte die Keime werden für verständnisvolles Eindringen in das, was in der Menschheitsentwickelung, im Menschheitslaufe zu geschehen hat. Denn jeder wird in vielleicht nicht gar zu langer Zeit, nach seiner Art und nach seinem Karma, auf diesem oder jenem Posten sich umringt sehen von wichtigen Lebensfragen, denen er nicht gewachsen ist, wenn er nur bei den alten bequemen Vorstellungen bleiben will. Lernen müssen wir, neue Vorstellungen uns anzueignen. Geisteswissenschaft wird uns eine Führerin sein können zu solch neuen Vorstellungen. Zum Wachsein die Seelen anzuregen, das haben meine Worte gewollt. Wenn sie auch scheinbar von Tatsachen ausgegangen sind, so waren die Tatsachen so gewählt, daß sie gerade dasjenige berührten, was mit Bezug auf das Empfindungsleben, mit Bezug auf das ganze Gemütsleben im gegenwärtigen Augenblick für den Menschen das Allerwichtigste ist.
