Truths Regarding Humans Development
The Karma of Materialism
GA 176
19 June 1917, Berlin
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Aspects of Human Evolution, tr. Stebbing
Dritter Vortrag
Lecture Three
[ 1 ] Es wird heute meine Aufgabe sein, einiges zur Ergänzung desjenigen wiederum vorzubringen, was in Hauptgedanken entwickelt worden ist als eine Art Grundlage für ein zu suchendes Verständnis der Rätsel unserer Zeit. Es ist ja gewiß rechtes, vollberechtigtes Bedürfnis der Gegenwartsmenschen, diese Zeit nicht zu verschlafen, die zahlreichen Umwandlungsimpulse, die in dieser Zeit in verhältnismäßig kurzen Epochen auf uns wirken, wirklich zu beachten, und dann sich bekannt zu machen mit demjenigen, was notwendig ist für ein gedeihliches Weiterentwickeln der in unserer Zeit vorhandenen geistigen und damit auch der anderen Kulturimpulse.
[ 1 ] Today, my task will be to contribute further to the fundamental theme in our quest to understand the problems of our time. It is justifiably required that man should be awake, and pay due heed to the many spiritual influences that affect and transform him over comparatively short periods of time, and also that he acquaint himself with what must be done to further the particular spiritual and cultural impulses at work in our time.
[ 2 ] Nun habe ich von verschiedenen Gesichtspunkten aus versucht, Ihre Aufmerksamkeit hinzulenken auf jenen großen Zeitraum, dessen Verständnis doch ganz allein die Gegenwart wirklich auch begreiflich machen kann, auf den großen nachatlantischen Zeitraum. Einzelheiten habe ich Ihnen daraus geschildert und große Gesichtspunkte, welche dadurch, daß man die Entwickelung der Menschheit in der ganzen nachatlantischen Zeit einmal auf sich wirken läßt, auch zu einem gewissen Verständnis der Gegenwart bringen können. Nun möchte ich heute noch einmal, wiederum von anderen Gesichtspunkten aus, ich möchte sagen, denselben Zeitraum besprechen, möchte einige andere charakteristische Eigentümlichkeiten dieses Zeitraumes vor Ihre Seele hinstellen. Allerdings, verständlich kann dasjenige nur sein, was ich heute sagen werde, wenn man den Blick auf jene Verjüngung des Menschengeschlechtes wirft, jenes Immer-jünger-und-jünger-Werden von einem Lebensalter unmittelbar nach der atlantischen Katastrophe, das wir als 56. Lebensjahr der Menschheit bezeichnet haben, zu dem Lebensalter des heutigen Menschen, das ihn nur bis zum 27. Lebensjahr naturgemäß entwickelungsfähig läßt, wenn er nicht auf sich selbst gebaute, freie Impulse der Seele, die aus dem Geiste selbst herauskommen müssen, zu bauen geneigt ist. Das wollen wir uns also vor die Seele stellen, was über den heutigen siebenundzwanzigjährigen Menschen in das Gebiet unserer Aufmerksamkeit gekommen ist. Blicken wir nun noch einmal zurück auf die Zeit unmittelbar nach der großen atlantischen Katastrophe. Ich habe ja schon darauf hingewiesen, wie ganz anders das soziale Leben ist, wie ganz anders die sozialen Empfindungen der Menschen in dieser Zeit waren. Ich möchte heute auf die besondere Seelenverfassung der ersten nachatlantischen Menschen, vor allem derjenigen, die den Süden Asiens bewohnten, hinweisen, noch einmal hinweisen auf dasjenige, was Sie genugsam kennen als urindische Kultur, wie es in meinen Schriften verzeichnet ist. Vor allen Dingen war in jener Zeit unter den verschiedenen sozialen Vorstellungen, die die Menschen hatten, etwas ganz und gar nicht vorhanden, was heute sich der Mensch aus unserem sozialen Leben kaum wegdenken kann. Sie wissen, in welchem Zusammenhang und mit welcher ungeheuren Bedeutung man heute von Gesetz und Recht und ähnlichen Dingen spricht. Von diesen Dingen hat man in der ersten nachatlantischen Zeit überhaupt nicht gesprochen. Man hat sie gar nicht gekannt. Mit dem Begriff Recht, mit dem Worte Recht, mit dem Worte Gesetz und ähnlichen Worten, die uns heute unabtrennbar sind von der sozialen Denkweise, hätte man gar keinen Begriff verbinden können. Dagegen hörte man, wenn man Entscheidungen haben wollte für dasjenige, was zu tun oder zu lassen ist, was an Einrichtungen zu treffen ist im öffentlichen oder auch privaten Leben, auf diejenigen Menschen, die das damalige Patriarchenalter erreicht hatten — die Fünfzigerjahre erreicht hatten. Man machte die selbstverständliche Voraussetzung, weil die Menschen in Entwickelungsfähigkeit waren bis in die Fünfzigerjahre hinein, weil sie gewissermaßen wie die Kinder entwickelungsfähig blieben bis in die Fünfzigerjahre hinein, und da sie entwickelungsfähig blieben, eben eine gewisse Lebensreife erlangten in dieser Zeit, auf ganz naturgemäßse Weise, so hatte man die Vorstellung, daß man nur sich sagen zu lassen brauche von denjenigen, die die Fünfzigerjahre erreicht hatten, was zu tun und zu lassen ist. Man war vollständig einig darüber, daß das die Weisen waren, daß die wissen, wie die Welt einzurichten ist, wie die Angelegenheiten der Menschen zu besorgen sind. Es hätte damals niemandem in den Kopf kommen können, zu zweifeln daran, daß die normal bis in die Fünfzigerjahre hinein sich entwickelnden Menschen nicht das Richtige in bezug auf Lebensweisheit hätten finden können. Denn dadurch, daß die Menschen bis in dieses Alter hinein entwickelungsfähig geblieben sind, dadurch offenbarte sich in ihrem Innern auf so naturgemäße Weise, wie jetzt bei Kindern etwas in der Seele sich offenbart, wenn sie geschlechtsreif werden, so bei denen in den Fünfzigerjahren etwas, wobei sie eben diese Fähigkeit, die ich angedeutet habe, erlangten. Man frug also die Alten, die Weisen, und sie waren die selbstverständlichen Gesetzgeber.
[ 2 ] I have tried from various viewpoints to draw your attention to the greater post-Atlantean period, by describing wider aspects as well as details from it, because only our understanding of that period makes our own comprehensible. To allow the whole of mankind's post-Atlantean evolution to work upon us awakens understanding for our own time. I want today to speak about that same period by bringing before you some different characteristic aspects. However, in order to understand what I want to describe I must ask you to bear in mind what has been said about humanity as such becoming ever younger and younger. I described how, immediately after the Atlantean catastrophe, mankind's age was 56 and that by now it has dropped to 27. This means that modern man develops naturally up to that age. After the age of 27 he develops further only if he cultivates impulses received directly from the spirit out of his own inner initiative. So let us turn our attention to how the 27 year old human being of today came to be as he is. Let us look back once more to the time immediately after the great Atlantean catastrophe. I have pointed out how very different, compared with today, man's social feelings and in fact his whole social structure then were. I would like to draw special attention to the unique soul constitution of the first post-Atlantean people, particularly of those in the southern part of Asia, and also remind you of certain facts, already known to you from my writings, about that ancient Indian culture. There was at that time a complete absence of what modern man can hardly imagine a social structure without, namely the concepts of laws and rights. You will be aware of the immense importance attached to these and related concepts today. Things of this nature were never mentioned; they were unknown in the first postAtlantean epoch. It would have been impossible at that time to imagine what might be meant by laws and rights, whereas we cannot visualize society without them. When guidance was needed concerning what ought to be done or left undone, or about arrangements to be made either in public or private life, one turned to the patriarchs, i.e., to those who had reached their fifties. It was assumed, because it was self-evident, that those who had reached their fifties were able to recognize what ought to be done. They had this ability because people remained capable of development in the natural sense like children right into their fifties, by which time they had also attained in the same natural way a certain worldly maturity. No one disputed the fact that people of that age were wise and knew how life should be arranged and human affairs conducted. It would never have occurred to anybody to doubt that people who had developed normally into their fifties would know the right answers to life's problems. When a human being today, in the course of his natural development, reaches puberty, a change takes place in his inner being. In that ancient time inner revelations came to people in their mature years, simply because natural development continued until late in life, the consequence of which were the capabilities I have indicated. Thus, when advice was needed, one consulted the natural lawgivers, the elders, the wise ones.
[ 3 ] Wodurch hatten sie denn eigentlich diese bedeutsame Weisheit? Sie hatten diese bedeutsame Weisheit, weil sie sich einig wußten mit dem Geiste, oder vielmehr den Geistern, die in dem Lichte lebten. Heute empfinden wir die Wärme unserer Umgebung, heute empfinden wir die Luft, indem wir sie ein- und ausatmen, wir empfinden die Gewalt des Wassers, wie es aufsteigt und als Regen herunterfällt, wir empfinden das alles aber nur physikalisch, mit den Sinnen. So war es nicht für die ersten nachatlantischen Menschen, wenn sie die Fünfzigerjahre erlebt hatten, sondern sie empfanden in der Wärme, in der Luft und ihren Strömungen, in dem Kreislauf des Wassers überall mit das Geistige. Dadurch aber, daß sie das Geistige in den Elementen empfanden, daß sie gewissermaßen nicht bloß Wind empfanden, sondern die Geister des Windes, nicht bloß Wärme fühlten, sondern den Geist der Wärme, nicht bloß Wasser sahen, sondern auch die Geister des Wassers, dadurch lauschten sie innerlich in gewissen Lebensaltern, allerdings nur in gewissen Wachzuständen, den Offenbarungen dieser Elementengeister; und was ihnen diese Elementengeister mitteilten, das war dasjenige, was sie ihrer Weisheit, die sie den anderen mitteilten, zugrunde legten. Diese Leute waren, wenn sie normal entwickelt waren, nicht bloß dasjenige, was wir heute ein Genie nennen, sondern etwas weit über das, was wir heute Genies nennen, Hinausgehendes. Es war eben möglich in der damaligen Zeit, daß die menschliche Natur selbst dasjenige hergab, daß sich die Weisheit in ihr offenbarte, wie sich heute nach und nach die Seelenstadien unter der körperlichen Entwickelung des Kindes bis in ein gewisses Lebensalter hinein offenbaren. Und daß die Weisheit sich offenbarte, das hing damit zusammen, daß die Menschen nicht nur entwickelungsfähig blieben, solange der Leib im Wachsen, Blühen und Aufsteigen war, sondern auch wenn der Leib zusammensank, wenn der Leib wiederum sich sklerotisierte, mineralisierte. Dieses Abnehmen der Leiblichkeit, dieses Verkalken der Leiblichkeit, das führte dazu, daß sich das Seelisch-Geistige entwickelte. Das war allerdings mit etwas anderem noch verknüpft, was Sie leicht verstehen werden, wenn Sie sich das lebhaft vorstellen, was jetzt auseinandergesetzt worden ist. Solche Menschen nahmen lebendig wahr die geistigen Wesenheiten der Elemente. Kam dann die Nacht herein, so waren die damaligen Sinne normalerweise nicht geeignet, bloß die Sterne zu sehen, sondern sie sahen Imaginationen, wirklich das Geistige, das lebte auch im Sternenhimmel. Deshalb habe ich oftmals darauf aufmerksam gemacht: Die alten Sternkarten, auf denen so merkwürdige Figuren darauf sind, das ist nicht, der Phantastik der neueren Naturwissenschaft entsprechend, durch Phantasie gemacht, sondern durch unmittelbare Schauungen. Diese Dinge hat man wirklich gesehen.
[ 3 ] Why exactly did they have this extraordinary wisdom? The reason they were so wise was that they experienced themselves at one with the spirit, more particularly with the spirits that live in light. Today we sense the warmth in our environment; we are aware of the air as we breathe it in and out; we sense a force in water as it evaporates to come down again as rain, but we experience this only physically, through our senses. The people of the first post-Atlantean epoch did not experience things that way. When they were in their fifties, they felt the spirit in warmth, in currents of air, in circulating water. They did not just experience the wind blowing but the spirits of wind; not just warmth but the spirit of warmth; when they looked at water, they saw also the water spirits. This caused them, when they had reached a certain age, to listen to the revelations of these elemental spirits, though only in certain states of wakefulness. What the elemental spirits revealed to them formed the basis for the wisdom they were able to impart to others. When people who had reached that age had gone through normal development, they were geniuses; in fact, they were much more than what we understand by genius. Today a child's soul development reveals itself gradually up to a certain age while the body's development takes place. In those days something similar happened in old age when wisdom arose from the bodily nature itself. It came about because many not only developed naturally during the body's thriving growth, but continued to do so during its decline when it became sclerotic and mineralized. The body's forces of decline, its calcification, caused the soul and spirit to develop, and this was bound up with another aspect of evolution. If you imagine vividly what I shall now describe, you will find it easy to understand. People who had reached the age when the body began to decline, clearly perceived the beings of the elements. At night the normal senses enabled man to perceive not only the stars but also imaginations. He saw the spiritual aspect of the starry sky. I have often drawn attention to old star maps with their curious figures. These figures are not as modern science would have it—creations of fantasy—but originate from direct perception.
[ 4 ] So also schufen und rieten diese Alten, diese alten Weisen aus ihrem unmittelbaren Schauen heraus und richteten das soziale Leben in diesem Sinne ein. Damals aber waren sie auch in innigem Kontakt, in ganz innigem Kontakt mit dem Stück Erde, das sie bewohnten, denn sie sahen ja das Geistige dieses Stückes Erde, das sie bewohnten: das Geistige des Wassers, das entquoll dieser Erde, die sie bewohnten, sie sahen das Geistige der Luft, die darüber wehte, das Geistige der sonstigen klimatischen Verhältnisse, sahen die Verhältnisse, die in der Wärme lebten und so weiter. Diese Verhältnisse waren überall andere, in Griechenland andere als in Indien, andere als in Persien und so weiter. Daher sahen wirklich die Weisen in der damaligen Zeit so, wie es gemäß ihrem Stück Erde war. Und es entwickelte sich in Indien eine solche Kultur, wie sie aus der Erde herauskommen mußte, ebenso entwickelte sich in Griechenland eine solche Kultur, wie sie herauskommen mußte aus der Erde, im Einverständnis mit den Elementen der Erde. Die Erde wurde empfunden als etwas Konkretes. Nicht wahr, heute empfinden wir es höchstens nur noch am Menschen so: wir würden es heute grotesk am Menschen empfinden, wenn uns jemand weismachen wollte, daß an der Stelle der Nase das Ohr sein könnte und an der Stelle des Ohres die Nase; nicht wahr, der ganze Organismus ist so gebaut, daß die Nase an einer bestimmten Stelle sitzt, und das Ohr an einer bestimmten Stelle sitzt. Aber davon hat man heute keinen rechten Begriff mehr, daß die Erde ein ganzer Organismus ist, und daß, wenn eine bestimmte Kultur, wenn sie wirklich unter dem Einfluß der Erdenelementargeister geschieht, sich entwickelt, sie auch eine bestimmte Physiognomie tragen muß. Man hätte nicht dasjenige, was im alten Griechenland gewachsen ist, hinübertragen können nach dem alten Indien und umgekehrt. Auf der Erde entwickelte sich also eine solche Kultur, welche die geistige Physiognomie der Erde wiedergab. Das ist das Bedeutsame für diese alte Zeit. Heute weiß der Mensch nichts davon, weil er in den Zeiten, wo er es wissen könnte, nicht entwickelungsfähig bleibt. So denken die Leute wenig darüber nach, woher es kommt, daß im östlichen Amerika, wenn die Weißen einwandern, diese Weißen dort ein völlig anderes Aussehen bekommen als in Kalifornien, im westlichen Amerika. Im östlichen Amerika werden bei den eingewanderten Weißen die Augen, der Blick, ganz anders, die Hände werden größer als in Europa, die Hautfarbe wird sogar etwas anders. Im östlichen Amerika ist das der Fall, nicht im westlichen Amerika. Diese Zusammenhänge mit der Stelle im Erdenorganismus, auf der sich eine Kultur entwickelt, die werden gar nicht mehr berücksichtigt. Das hängt heute damit zusammen, daß der Mensch nicht mehr weiß, welche geistigen Entitäten, welche geistigen Wesenheiten in den Elementen der Erde leben. Heute ist der Mensch abstrakt geworden, heute denkt er über die konkreten Dinge überhaupt nicht mehr nach.
[ 4 ] Thus the ancients, the wise ones, were able to give counsel and regulate the social structure through what they directly perceived. They had an intimate relationship with that part of the earth they inhabited because they perceived its spiritual content. They perceived spirituality in the water that issued from it, in the air surrounding it, in the climatic conditions of warmth and so on. But these interrelationships differed from place to place. In Greece they were different from those in India and different again from those in Persia and so on. As a consequence the wise ones, the sages, had perceptions that were related to the particular section of the earth which they occupied. The ancient Indian culture developed the way it did through the relationships prevailing in that part of the earth. Likewise there arose in Greece a culture specifically related to the elements in that part. These differences were experienced quite concretely. Today something similar is experienced only in regard to the human being. We would regard it as grotesque were it suggested that the ear could be situated where the nose is or vice versa. The whole organism is so formed that the nose could only be where it is and likewise the ear. However, the earth itself is an organism, but for that there is no longer any feeling or understanding. When a culture develops, it must of necessity have a certain physiognomy through the influence of the earth's elemental beings. What developed in ancient Greece could not have been transferred to ancient India or vice versa. What is so significant about ancient times is that cultures developed which reflected the earth's spiritual physiognomy. Nothing of this is known to man today because, when he reaches the age when he could know, his natural ability to develop ceases. People do not pause to wonder why it is that, when the white man immigrated to North America, the appearance of those who settled in the eastern part became different from that of those who settled in California. The expression in the eyes of the settlers in the east changed completely, and their hands became larger than they would have been in Europe; even the color of their skin changed. This applies only to the eastern part of America. The development of a civilization and its relationship to its part of the earth's organism is no longer taken into account. Man no longer knows what kind of spiritual entities, what kind of spiritual beings live in the elements of the earth. Man has become abstract; he no longer experiences things as they truly are.
[ 5 ] Was ich Ihnen so geschildert habe für den ältesten Zeitraum, das wurde selbstverständlich anders im nächsten Zeitraum, als die Menschheit das Lebensalter vom 48. bis 42. Jahr durchmachte. Dieser zweite nachatlantische Zeitraum, in ihm blieben die Menschen nur entwickelungsfähig bis in die Vierzigerjahre hinein. Also da erreichten sie nicht jene Weisheit, die sie in der ersten Periode erreichten, sondern sie blieben eben nur in ihrem Seelisch-Geistigen abhängig von dem Leiblichen bis in die Vierzigerjahre hinein. Daher wurde diese Fähigkeit, den Zusammenhang mit den Elementen noch zu empfinden, geringer. Die Menschen konnten nicht mehr den Zusammenhang mit den Elementen empfinden. Aber diese Fähigkeit war nur etwas geringer geworden; sie war noch da. Die Menschen empfanden es damals so, daß sie wußten: Wenn sie mit ihrer Seele im Schlafe außerhalb des Leibes sind, dann sind sie in der geistigen Welt drinnen. Das wußten sie, wenn sie die Reife der Vierzigerjahre erreicht hatten. Und sie wußten auch: Wenn sie wiederum untertauchen in ihren Leib beim Aufwachen, dann verdunkelt sich für sie die geistige Welt. Daher bildete sich der eigentliche Ursprung der späteren Ormuzd- und Ahrimanlehre, der Lehre von Licht und Finsternis. Es ist richtig aus der Erfahrung stammend. Der Mensch wußte: Du bist mit deiner Seele im Schlafe in der geistigen Lichtwelt drinnen; wenn du in den Leib hinuntersteigst, steigst du’ in die geistige Finsternis herunter. Es war nicht mehr die enge Abhängigkeit von dem Stück Land da, auf dem man lebte, aber es war ein Mitleben mit Tag und Nacht. Die Sternbilder sah man auch noch nicht anders als Imaginationen, bildlich. Aber gerade, daß man sie bildlich sah, wenn man außerhalb des Leibes war: diese Fähigkeit war atavistisch geblieben seit der atlantischen Zeit. Daher wußten die Menschen: Du hast eine lebendige Seele, die ist im Schlafe in einer geistigen Welt drinnen, in einer Welt, die durch Imagination erfaßbar ist.
[ 5 ] What I have described applies to the first post-Atlantean epoch. Things changed in the following epoch, in the course of which mankind's age dropped to between 48 and 42. During this second post-Atlantean epoch the natural ability of the human being to develop lasted only into his forties. Therefore he did not attain the kind of wisdom he had attained in the first epoch. His soul-spirit being remained dependent on the bodily nature only in his forties. The ability to sense his relationship with the elements became weaker. However, the ability was still there, only weakened. People now became aware that when they were outside the body during sleep, they were in the spiritual world. They became aware of this once they had reached, their forties. They also became aware that when they awoke and plunged into the body once more, the spiritual world became dark. The teaching about Ormuzd and Ahriman, about Light and Darkness, originated from this experience. Man was aware that he was in the spiritual world during sleep, and he experienced the descent into the body as a descent into darkness. There was no longer the close dependence on the piece of land one inhabited; instead, there was an experience of participating in night and day. The constellations of stars were still seen pictorially through the faculty of imagination. This atavistic ability had remained from the time of Atlantis and enabled man to know that he had a living soul and that during sleep he was in a spiritual world which he could experience through imagination.
[ 6 ] Noch mehr zurückgegangen war dann die Fähigkeit, sich in solcher Weise konkret in das ganze Weltenall hineinzustellen, in der dritten, der ägyptisch-chaldäischen Kulturepoche. Da war sie noch mehr zurückgegangen. Da empfanden die Menschen nicht mehr so stark. In Persien blieb die Tradition, nicht mehr die unmittelbare Erfahrung. Zarathustra hat das dann als Sternenschulung seinen Schülern gebracht. Aber da, wo sich die eigentliche Menschheitskultur normal entwickelte, in der ägyptisch-chaldäischen Kulturperiode, da ist die Fähigkeit der Menschen mit Bezug auf das sinnliche Wahrnehmen erhöht; das alte geistige Wahrnehmen ging zurück. Daher kommt es, daß die Menschen in dieser dritten Periode vorzugsweise den Sternendienst hatten. In der alten Zeit in Persien hatte man nicht einen Sternendienst, sondern man hatte die geistige Welt der Imagination und der Sphärenmusik. Jetzt fing man schon an, die Dinge zu deuten, die Bilder gewissermaßen nur mehr undeutlich zu sehen und die Sterne nur durchzusehen. Daher entwickelte sich da in dieser dritten Periode der eigentliche Sternendienst.
[ 6 ] In the third, the Egyptian-Chaldean epoch, the ability to experience oneself so completely at one with the whole cosmos receded still further. In Persia it had been taught by Zarathustra, but had in general been known through tradition. During the Egyptian-Chaldean cultural epoch, in the course of normal evolution, man's sense perception became stronger while the old spiritual perception became weaker. As a consequence the main form of worship in the third epoch was a star cult. Earlier, in Persia there had been no star cults; the spiritual world had been experienced directly through imagination and music of the spheres. In the third epoch things were more interpreted rather than seen directly; the pictorial aspect became fainter. A proper star cult developed because the stars were clearly seen.
[ 7 ] Und dann kommt die vierte Periode, in der das Bewußtsein der geistigen Welt ringsumher geschwunden war, in der sich schon die Menschen jener Anschauungsform näherten, die wir auch jetzt haben, in der man auch nur mehr aus der Weltumgebung die sinnliche Wirklichkeit der Sterne sah. Ich habe Ihnen geschildert, wie. das im Griechentum war. Da wußte man, in jeder einzelnen Leibesäußerung lebt die Seele; aber die Heimat der Seele im Kosmos, die empfand man in der Weise nicht mehr mit. Daher sehen Sie bei dem großen Weisen, den ich Ihnen ja als für andere Dinge charakteristisch schon öfter angeführt habe, gerade weil er nicht ein Initiierter war, Aristoteles, daß er nicht mehr Anschauungen über die Sterne hat, sondern eine Philosophie über die Sternenwelt begründet. Er deutet; er deutet das, was das Auge sieht, er deutet es deshalb, weil er noch weiß: in dem Leben zwischen Geburt und Tod, da ist die Seele im Leibe. Philosophisch weiß Aristoteles auch: Die Seele hat ihre Heimat da, wo der oberste Gott — für Aristoteles — die äußerste Sphäre lenkt, und die Untergötter dann die anderen Sphären lenken. Aristoteles hat auch noch eine Philosophie über die Elemente der Erde, des Wassers, der Luft, des Feuers oder der Wärme, aber er hat eben nur noch eine Philosophie, nicht eine Erfahrung. In älteren Zeiten war die Erfahrung, die unmittelbare Anschauung da. So war es nicht in der vierten nachatlantischen Kulturperiode. Die Menschheit war herausgetrieben, richtig herausgetrieben aus der geistigen Welt. Daher mußte jener Einschlag kommen, der eben durch das Mysterium von Golgatha kam.
[ 7 ] Then came the fourth epoch when the surrounding spiritual world had faded from man's consciousness. Only the physical aspect of the stars was perceived; the world was seen more or less as we see it. I have already described how man experienced the world in ancient Greece. That the soul lives in the body and expresses itself through the body—of this the Greeks were aware, but they no longer felt to the same extent that the cosmos was the soul's true home. I have often referred to Aristotle who, because he was not initiated, could not perceive the spiritual aspect of the stars; instead he founded a philosophy of the world of stars. He interpreted what he saw physically. His interpretation was based on his awareness that man's soul resides in the body between birth and death. He was also aware in a philosophical sense, that the soul has its home in that outermost sphere in which, for Aristotle, the highest God held sway, while lesser Gods held sway in the nearer spheres. He also evolved a philosophy of the elements, of earth, water, air, and fire or warmth; it was, however, philosophy, not experience. No philosophy of the elements had existed before when they were still directly perceived and experienced. By the fourth epoch it had all changed; mankind had been truly driven from the spiritual world. The time had come when something had to intervene: the Mystery of Golgotha.
[ 8 ] Ich habe Sie auf die ganze tiefe Bedeutung dieses Mysteriums von Golgatha an jener Stelle dieser Betrachtungen hingewiesen, wo ich Ihnen gezeigt habe: da war die Menschheit bis zum 33. Lebensjahr entwickelungsfähig geblieben, und der Christus in dem Jesus erlebte gerade das 33. Jahr. Ein wunderbares Zusammentreffen! Also unmittelbar nach der atlantischen Katastrophe blieb der Mensch entwickelungsfähig bis zum 56., 55., 54. Jahre und so weiter, im Anfang der zweiten Periode bis zum 48., 47. Jahre und so weiter, am Ende bis zum 42. Jahr, am Anfang der dritten Periode bis zum 42., dann heruntergehend bis zum Ende der ägyptisch-chaldäischen Epoche, bis zum 36. Jahr. Dann fing die griechisch-lateinische Zeit an, 747 vor dem Mysterium von Golgatha. Da blieb die Menschheit nur entwickelungsfähig bis zum 35. Jahr, dann bis zum 34. Jahr. Und als sie bis zum 33. Jahr nur entwickelungsfähig war, da erlebten die Menschen — weil das 33. Lebensjahr unter dem 35. Lebensjahr steht; bis zum 35. Jahr geht die Entwickelung hinauf, dann hinunter —, da erlebten die Menschen gar nicht mehr das Hinuntersinken mit der Seele, daher kam der Geist von außen, der Christus-Geist. Denken Sie, wie man da hineinsieht in die Notwendigkeit des Eintretens des Christus-Geistes in die Menschheitsentwickelung!
[ 8 ] In these lectures I have pointed to the deep significance of the Mystery of Golgotha. I explained that by the time it took place mankind's age had dropped to 33; man's natural development proceeded only up to that age, and Christ, in the body of Jesus of Nazareth, experienced just that age. A truly wondrous coincidence! As I have described, immediately after the Atlantean catastrophe man remained capable of natural development right up to the age of 56, then 55, later 54 and so on. At the beginning of the second epoch this ability lasted only up to the age of 48, then 47 and so on. At the beginning of the third, the Egyptian-Chaldean epoch it lasted only to the age of 42, receding to the age of 36. The Graeco-Latin epoch began in the year of 747 B.C. when man retained the ability of natural development only up to the age of 35, then 34 and when it receded to the age of 33 then—because this age is below 35 when the body begins to decline—man could no longer experience the cosmic spirit's union with the soul. Therefore, the spirit that is the Christ Spirit approached man from outside. You see how essential was the Christ Spirit's entry into mankind's evolution.
[ 9 ] Werfen wir jetzt einen Blick zurück auf die alten Patriarchen, die übergenial waren. Man frug sie, wenn es sich darum handelte, Erdeneinrichtungen zu treffen, weil sie durch eigene seelische Entwickelung das Göttlich-Geistige verwirklichen konnten. Immer weniger und weniger konnte man die Menschen fragen. Und als die Menschheit bis zum 33, Jahr gekommen war, da mußte aus ganz anderen Welten der Christus in den Jesus von Nazareth kommen. Da mußte von ganz anderer Seite her den Menschen der Impuls kommen, der ihnen durch eigenes Wachstum ihrer eigenen Entwickelung verlorengegangen war. Tief hinein sehen wir da in den notwendigen Zusammenhang der Menschheitsentwickelung mit dem Mysterium von Golgatha. Immer wieder und wiederum kann man nur sagen: Wenn in dieser Weise Geisteswissenschaft wirken kann, so wird sie zeigen, wie der Christus aus einer inneren Notwendigkeit heraus in die Menschheitsentwickelung eingetreten ist. Und daß die Menschheit heute eine solche Anschauung, eine solche Erneuerung des Verständnisses für den ChristusImpuls braucht: Sie sehen es überall auf Schritt und Tritt.
[ 9 ] Let us look back once more to the patriarchs in ancient times who were, one might say, super-geniuses. They were consulted on all questions concerning the arrangement of human affairs because their natural inner development enabled them to embody the divine-spiritual element. The possibility of receiving higher counsel from human beings diminished ever more. When mankind's age receded to 33, Christ had to come from other worlds and enter the body of Jesus of Nazareth. Man had to receive from a different direction the impulse which through his natural evolution he had lost. This allows us deep insight into the indispensable connection between mankind's evolution and the Mystery of Golgotha. Science of the spirit reveals Christ's entry into human evolution as an inherent necessity. The need for new insight and deeper understanding of the Christ Impulse can be seen at every turn.
[ 10 ] Im letzten Heft «Die Tat» — darinnen manches Interessante ist, und deshalb empfehle ich Ihnen das zu lesen — finden Sie einen interessanten Aufsatz unseres verehrten Freundes Dr. Rittelmeyer und eine der letzten Arbeiten unseres verstorbenen lieben Freundes Deinhard. Aber es ist auch in diesem Heft ein Aufsatz von Arthur Drews, der sehr bedeutsam ist aus dem Grunde, weil Arthur Drews sich wieder einmal damit auseinandersetzt, welche Stellung der Christus Jesus in der modernen Menschheitsentwickelung haben kann. Sie wissen, wir haben öfter von Drews gesprochen. Er ist derjenige, der damals in Berlin aufgetreten ist, als man von sogenannter monistischer Seite sich nachzuweisen bemühte, daß Jesus von Nazareth keine historische Persönlichkeit sein kann und so weiter. Die beiden Bücher von der ChristusMythe sind ja geschrieben, um den Nachweis zu führen, daß es sich nicht geschichtlich beweisen läßt, daß ein Jesus von Nazareth gelebt hat.
[ 10 ] I recommend you read the latest number of Die Tat (The Deed), for it contains much of interest. You will find an article by our revered friend Dr. Rittelmeyer1 Friedrich Rittelmeyer, 1872–1938, professor of theology, pastor in Nurnberg and Berlin, co-founder of the Christian Community. and also one of the last articles written by our dear friend Deinhard before his death.2 Ludwig Deinhard, 1847–1917, Das Mysterium des Menschen im Lichte der psychischen Forschung, Berlin 1910. In this same number there is also an article by Arthur Drews which is significant because here he again discusses the role of Christ Jesus in the modern world.3 Arthur Drews, 1865–1935, see: “Ist Jesus eine historische Perstinlichkeit?” in Hat Jesus gelebt?, Berlin and Leipzig 1910, and Die Christusmythe, Jena 1910 and 1911. I have often spoken about Drews. He came to the fore in Berlin at the time when the attempt was made, from the so-called monistic viewpoint to prove, among other things, that Jesus of Nazareth could not be a historical person. Two books appeared concerned with what was called the “Christ Myth” to show that it cannot be proved historically that a Jesus of Nazareth ever lived.
[ 11 ] Dieses Mal setzt er, Drews, sich von einem merkwürdigen Standpunkte aus mit dem Christus Jesus-Problem auseinander. Es ist im dritten Heft 1917/18, im Juni-Heft von «Die Tat» des Diederichschen Verlags, in dem Artikel «Die Stellung Jesu Christi in der deutschen Frömmigkeit». Nun konstruiert er einen merkwürdigen Begriff von deutscher Frömmigkeit. Ebenso geistreich, als wenn man einen Begriff konstruieren würde von der deutschen Sonne oder dem deutschen Mond. Denn diese Dinge sind ja nun wirklich so, daß, wenn man nach nationalen Differenzierungen von diesen Dingen spricht, man schon das Wort deutsche Frömmigkeit vergleichen kann mit dem unsinnigen Wort deutsche Sonne oder deutscher Mond. Aber diese Dinge finden ja heute ein großes Publikum. Und es ist interessant, wie nun Drews, der ja sonst nicht so sehr sich auf Eckart, Tauler, Jakob Böhme berufen würde, sich hier auf Fichte beruft, auf den er sich auch in philosophischen Dingen sonst nicht berufen würde, wie er anknüpft und etwas krebsen geht, mit dem Begriff deutsche Frömmigkeit und zu zeigen versucht, daß man aber eigentlich heute doch nur, insbesondere wenn man ein Deutscher ist, zu einem richtigen Jesus Christus-Begriff kommen könne, wenn man nicht auf dem Wege geschichtlicher Betrachtung, geschichtlicher Theologie zu diesem Christus-Begriff kommt, sondern durch dasjenige, was er deutsche Metaphysik nennt — Metaphysik! Da kann man, sagt Drews, überhaupt mit einem historischen Christus Jesus nicht rechnen; denn der kann von keiner Metaphysik aufgefunden werden.
[ 11 ] This time Drews discusses Christ Jesus from an odd point of view. In the June number of Die Tat you will find an article entitled “Jesus Christ and German Piety.” He builds up the peculiar idea of a piety that is German; this is just about as clever as to speak of a German sun or a German moon. To bring national differences into these things is really as nonsensical as it would be to speak of the sun or moon being exclusively German; yet such absurdities attract large audiences these days. It is interesting that Drews, who would not dream of evoking Eckart,4 Meister Eckart, 1260–1327, German mystic and preacher. Tauler5 Johannes Tauler, 1300–1361, German mystic and preacher. or Jacob Boehme,6 Jacob Boehme, 1575–1624, German pantheist mystic and philosopher. here does evoke Fichte,7 Johann Gottlieb Fichte, 1762–1814, German idealist philosopher. although normally he would not do so even if philosophical matters were discussed. He takes the greatest trouble in his attempt to justify his idea of German piety, and also to show that, especially if one is German, the truth about Jesus Christ cannot be arrived at through theology or historical study, but only through what he calls German metaphysics. And says Drews, no historical Christ Jesus can be found through metaphysics.
[ 12 ] Das hängt tief zusammen mit etwas, was ich Ihnen sagte in diesen Betrachtungen; ich habe Sie darauf aufmerksam gemacht, daß man in einer gewissen Beziehung überhaupt nur eine Gottes-Idee, den VaterGott finden könne, daß eigentlich bei Harnack der Christus gar nicht vorhanden, sondern nur hineingezerrt ist, daß eigentlich nur der VaterGott vorhanden ist. Denn man kann nicht durch bloße sogenannte innere Mystik etwas anderes finden als nur den einheitlichen Gott. Den Christus kann man nicht finden aus dem, was Tauler und Eckart haben; etwas anderes ist es bei Jakob Böhme, aber den Unterschied versteht der Drews nicht, da kann man, weil der Christus-Begriff da ist, ihn hereinnehmen. Ebensowenig kann man durch die Theologie des Adolf Harnack den Christus finden. Arthur Drews ist nur vom gegenwärtigen Standpunkte aus, ein Stück ehrlicher. Er sucht den Christus und findet ihn nicht, weil man ihn nicht finden kann vom Standpunkte seiner Metaphysik, die sich nicht auf die geschichtlichen Tatsachen bezieht — die, denken Sie, uns so weit führen, daß wir sogar das Alter des Christus Jesus im Mysterium von Golgatha begreifen —, weil Drews stehen bleiben will bei einer abstrakten Metaphysik, die man höchstens heute noch gelten läßt und bei der man den Christus nicht findet. Man kann ihn auch nicht finden, sondern ihn nur herbeizitieren in einer abstrakten Metaphysik. Eine Metaphysik wird einen Gott finden, wird theistisch sein, wenn sie nicht krank ist, aber sie kann nicht den Christus finden. Das hängt mit dem zusammen, was ich Ihnen sagte: Atheist sein, den Gott nicht finden, ist eigentlich eine Krankheit, den Christus nicht finden, ist ein Unglück, den Geist nicht finden, ist eine Blindheit. Damit hängt das zusammen. So kommt Drews dazu, sich zu sagen: Ja, das, was wir da finden, haben wir kein Recht, den Christus zu nennen, daher muß der Christus verschwinden. Jetzt konstruiert Drews — und er glaubt da so recht auf dem Boden der Gegenwart zu stehen, und steht auch darauf, insofern diese Gegenwart die Geisteswissenschaft ablehnt — und glaubt sagen zu können: Gerade diejenige Religion, die wir anstreben müssen, die auf Metaphysik begründet ist, kann, wenn sie ehrlich ist, den Christus-Begriff gar nicht haben. — Nun hören wir die Worte an, mit denen Drews den merkwürdigen Aufsatz schließt:
[ 12 ] Drews' whole approach is closely connected with what I have drawn to your attention in these lectures, that the only concept of God modern man can reach is that of the Father God. The name of Christ is interspersed in the writings of Harnack,8 Adolf Harnack, 1851–1930, German Lutheran theologian. but what he describes is the Father God. What is usually called the inner mystical path can lead only to a general Godhead. Christ cannot be found in either Tauler or Eckart. It is a different matter when we come to Jacob Boehme, but the difference is not understood by Drews. In Boehme the Christ can be found for it is of Him that he speaks. Christ is to be found neither in Arthur Drews' writings nor in Adolf Harnack's theology, but Drews is, from the modern point of view, the more honest. He seeks the Christ and does not find Him, because that is impossible through abstract metaphysics held aloof from historical facts. But the real facts of history can, as we have seen, enable us to understand the significance even of the age of Christ Jesus in relation to the Mystery of Golgotha. Drews fails to find Christ because he remains at abstract metaphysics, which is the only standpoint acceptable today. Certainly, the healthy person can through metaphysics find a general God but not Christ. It is an outlook that is directly connected with what I explained, that atheism is really an illness, the inability to find Christ a misfortune, not to be able to find the spirit a soul blindness. Drews cannot do otherwise than say, “What is discovered through metaphysics cannot honestly be called Christ; we must therefore leave Christ out of our considerations.” Drews believes he is speaking out of the spirit of our time, and so he is inasmuch as our time rejects spiritual science. He believes he is speaking the truth when he says that religion must be based on metaphysics, and therefore cannot, if it is honest, entertain any concept of Christ.
[ 13 ] «Jede derartige geschichtliche Tradition» — er meint also eine geschichtliche Tradition, die den Christus geschichtlich überliefert nimmt — «aber ist ein Hindernis der Religion, und nicht eher wird das große Werk der Reformation, das Luther nur erst begonnen hat, zu Ende geführt sein, als bis das religiöse Bewußtsein auch mit den letzten Resten eines irgendwie gearteten Geschichtsglaubens aufgeräumt hat.»
[ 13 ] Let us now turn to the actual words with which Drews ends his extraordinary article: “Every historical tradition”—he means traditions depicting Christ historically—“is an obstacle to religion; as soon as the great work of reformation, only just begun by Luther, is completed, the last remnant of any faith based on history will be swept away from religious consciousness.”
[ 14 ] Geisteswissenschaft wird diesen geschichtlichen Glauben, wie ich schon öfter gesagt habe, aus dem Grunde herstellen, weil sie wirklich in konkreter Art zu den geistigen Entwickelüngsimpulsen führt, die, ebenso wie die abstrakte Metaphysik den Gott, den konkreten Christus findet. Aber die Metaphysik, die die Gegenwart liebt, wenn sie überhaupt noch Metaphysik will, die kann nur zum einheitlichen Gott kommen. Da hat man kein Recht, zu unterscheiden zwischen dem Vater-Gott und dem Christus.
[ 14 ] I have often mentioned that spiritual science seeks to establish a faith based on history because it provides a concrete impetus towards the spiritual aspect of evolution which leads as directly to Christ as abstract metaphysics leads to an undifferentiated God. Drews says,
[ 15 ] «Die «deutsche Religion wird entweder eine Religion ohne Christus oder sie wird überhaupt nicht sein.»
[ 15 ] “German religion must be either a religion without Christ or no religion at all.”
[ 16 ] Das ist tatsächlich dasjenige, was ich Ihnen öfter angedeutet habe. Es wird schon ausgesprochen, daß das Bewußtsein der Gegenwart den Christus wird wegmachen müssen, wenn es sich nicht geneigt erklärt, durch ein Ergreifen der geistigen Welt in konkreter Art, wie es die Geisteswissenschaft tut, diesen Christus wieder zu beleben. Er sagt weiter:
[ 16 ] That expresses more or less what I have often indicated, namely that the present-day consciousness is bound to remove Christ unless it comes through spiritual science to a concrete grasp of the spiritual world and thereby rekindles understanding of Christ. Drews continues:
[ 17 ] «Wo Gott und Mensch wesentlich eins sind» — denken Sie: uns wirft man vor, Gott und Mensch eins zu machen, aber die tun es gerade! —, «wo jeder Mensch seiner Anlage nach ein «Christus, d. h. Gottmensch ist, da ist für einen Jesus Christus keine Stelle. Man mag die von ihm berichteten Tatsachen zur Verdeutlichung und Veranschaulichung bestimmter religiöser Vorgänge heranziehen, so wie die Mystiker dies getan haben; man mag sich auch der ihm zugeschriebenen Worte bedienen, um die eigene Meinung zu beleuchten und zu beleben, aber dies nicht in einem anderen Sinne, als wie man sich der Worte und Taten jedes anderen hervorragenden Individuums bedient.»
[ 17 ] When one recognizes God and man to be essentially the same, [Imagine, to suggest, as is done here, that God and man are the same!] when every person is seen to have a natural tendency to become a “Christ”; i.e., to become a God-man, then there will be no room for a Jesus Christ. One can certainly draw attention to acts attributed to Christ in order to elucidate and illustrate certain religious procedures, as for example mystics have done. One can also refer to sayings of Christ to make one's own opinions clear, just as one can refer to words and doings of other outstanding individuals.
[ 18 ] Es ist allerdings merkwürdig, daß man da wiederum die Lüge protegiert findet; auf der einen Seite wird bewiesen: «der Christus hat nicht gelebt», auf der anderen Seite: «man kann sich seiner bedienen zur Veranschaulichung». Dann sagt er weiter:
[ 18 ] Here we have the peculiar situation that what is said never to have existed is yet referred to as if it had. On the one hand Drews sets out to prove that Christ never was, and on the other he says that it is permissible to refer to His words and deeds in order to elucidate one's own. He continues:
[ 19 ] «Für einen historischen Erlösungsmittler hingegen, gar für einen «einzigartigen» Menschen Jesus, wie er in den Köpfen unserer liberalen Theologen spukt, hat die «deutsche Religion der Gottmenschheit keinerlei Verwendung. Sie muß ihn ablehnen, weil sie für ihren Grundgedanken der Gottmenschheit keines symbolischen Repräsentanten bedarf, ein solcher vielmehr ihre Anschauungen nur verwirren könnte. Sie muß ihn vor allem’aber auch deshalb für überflüssig, ja schädlich erklären, weil er ein fremdartiges Element, die bei aller Erhabenheit doch einseitige und für uns in den Hauptpunkten unannehmbare evangelische Ethik, in die deutsche Religionsanschauung hineinbringt, die mit schuld ist an der Abwendung der heutigen vom Christentum, und deren Widerspruch gegen die von unserem eigenen Wesen uns auferlegten Pflichten wir gerade gegenwärtig wieder so tief empfinden.»
[ 19 ] “German” religion of the God-man has no use for a historical redeemer or even for an exceptional human being who, like Jesus, haunts our liberal theologians. It needs no symbolic representative who only serves to confuse the issue. Such a symbol must be recognized as superfluous and even dangerous because it introduces into our “German” concept of religion not only an alien element which, however sublime, is nevertheless onesided, but also unacceptable Protestant ethics. It is this which has caused modern man's alienation from Christianity. Furthermore, such imposed ethics contradict the duties, so deeply felt at the present time, placed upon us by our own nature.
[ 20 ] Allerdings ein Satz aus dem ich nichts Rechtes machen kann. Wie zurechtkommen mit diesem Denken der Gegenwart? Das ist für den, der an wirklichkeitsgemäßes Denken sich hält, eine unerfindliche Sache. Nun geht es weiter:
[ 20 ] This is certainly a passage of which I can make no proper sense. How is one to come to terms with the way modern man thinks? That is something difficult to understand when one's own thoughts relate to reality. Drews continues:
[ 21 ] «Was groß und bedeutend ist an den Evangelien, das bleibt der Menschheit unverloren, auch wenn es niemals einen Jesus gegeben haben sollte und seine Worte einen ganz anderen Ursprung haben sollten, als wie man dies bisher gemeint hat: unser Seelenheil können wir davon jedenfalls nicht abhängig sein lassen. Die Anerkennung Jesu als Heilsprinzip zieht nicht nur die ganze dualistische Metaphysik des palästinensischen Judentums nach sich, die mit dem modernen Geiste nun einmal unvereinbar ist, sie bindet auch zugleich die Religion an die Geschichtswissenschaft, liefert sie den schwankenden Meinungen des Tages aus und macht zweifelhaft historische Geschehnisse zum Beweisgrunde ewiger religiöser Innentatsachen! Die «deutsche Religion der Gottmenschheit ist als solche eine Religion der eigensten tiefsten Innerlichkeit, eine Religion der Freiheit. So aber wird sie nicht eher ins Leben treten, als bis wir uns nicht bloß von jedem äußerlichen bisherigen Kirchentum und seinem Vermittleranspruch, sondern auch von Jesus Christus befreit haben. Denn, wie sagt doch Fichte? «Nur das Metaphysische, keineswegs das Historische macht selig.» Die Metaphysik aber weiß nichts von einem Jesus Christus.»
[ 21 ] All that is great and significant in the Gospels is not lost to mankind even if there never was a Jesus. The words attributed to him would then have come from some other source. In any case, our salvation cannot be dependent on whether there was a Jesus or not. Regarding Jesus as principle of salvation draws in its wake not only the whole dualistic metaphysics of Palestinian Judaism, which is incompatible with the modern spirit, but also makes religion inseparable from history. It introduces vague opinions and brings forward doubtful historical events as proof of external religious manifestations. The “German” religion of the God-man is not only a religion of freedom, but a religion of the most individual and deepest inwardness. It will no sooner have entered life than we shall be free both of external Church functions with their subsidiary demands, but also of Jesus Christ. As Fichte said: “It is through metaphysics, not history, that salvation is obtained! And metaphysics knows of no Jesus Christ.”
[ 22 ] Es wäre gut, wenn sich die Menschen bewußt würden, daß dasjenige, was moderne Bildung ohne Geisteswissenschaft ist, mit voller Berechtigung zu dieser Konsequenz führt, denn das andere ist eine Halbheit und deshalb unwahrhaftig; man würde dann darauf kommen, daß Geisteswissenschaft wirklich nicht etwas ist, was wie willkürlich in die Gegenwart hineingetrieben wird, sondern was tatsächlich mit den tiefsten Anforderungen, den wahren Anforderungen der Gegenwart mit Bezug auf die Menschenseele, zusammenhängt.
[ 22 ] It would be well if people become conscious of the fact that without spiritual knowledge modern education leads logically to such a conclusion. To present a different result would be a compromise and therefore dishonest. If this were recognized spiritual science would not be seen as something arbitrarily introduced at the present time, but as the answer to the deepest and truest needs of the human soul.
[ 23 ] Wir sind eben seit 1413 nach dem Mysterium von Golgatha in diesem fünften nachatlantischen Zeitraum drinnen, der noch fremder geworden ist durch die eigene menschliche Entwickelung der geistigen Welt. Wir können nicht anders, als von der Seele selbst aus, durch ureigene seelische Impulse, die nicht mehr das Körperliche hergibt, unseren Anschluß an das Geistige finden. Und weil die Menschen heute noch nicht so weit vom Christentum durchdrungen sind, daß sie die Notwendigkeit des seelischen Anschlusses an die Geisteswelt verspüren würden, deshalb verfallen sie in der Weise in die Abstraktion, wie ich es Ihnen geschildert habe. Deshalb sind alle Begriffe heute abstrakt geworden. Es ist wirklich etwas was zusammengehört, die Unchristlichkeit der Gegenwart und die Abstraktheit der Begriffe, die Unwirklichkeit der Begriffe. Unsere Begriffe werden unwirklich bleiben, wenn wir sie nicht wiederum zu verbinden wissen mit dem im Geiste lebendigen Christus, der sie uns ebenso lebendig machen kann, wie die alten indischen Patriarchen durch ihre Persönlichkeit das lebendig gemacht haben, was Recht und Gesetz war. Unsere Rechte und Gesetze sind heute selber abstrakt. Wenn man eine Brücke falsch baut, dann sieht man bald daran, wenn sie einstürzt, daß sie nach falschen Begriffen aufgebaut ist. Im sozialen Leben kann man quacksalbern, da weist sich dann das Quacksalbern erst an den Unglücken nach, die die Menschen in solchen Zeiten erleben müssen, wie in der unsrigen, und da hat man den Zusammenhang nicht so schnell. Wenn eine Brücke einstürzt, dann gibt man dem Ingenieur die Schuld, der die Brücke gebaut hat; wenn Unglück über die Menschheit kommt durch Begriffe, die nicht in die Wirklichkeit eingreifen, dann gibt man allem möglichen Schuld, nur nicht dem Umstande, daß wir eben jetzt durch eine Krisis durchgehen, in der die Menschen die wahren Empfindungen für einen Begriff eben nicht mehr haben, der mit der Wirklichkeit verwandt ist, und einem Begriff, der wirklichkeitsfremd ist.
[ 23 ] Since the year 1413 after the Mystery of Golgotha, man has lived in the fifth post-Atlantean epoch during which through human evolution he becomes ever more estranged from the spiritual world. We can find our connection with spirituality only through impulses that are no longer provided by man's bodily nature but are innate in the soul itself. People today succumb to the kind of abstractions I have described because as yet they are not sufficiently permeated by Christianity to sense the soul's necessity of union with the spiritual world. That is why nowadays all concepts, all ideas are abstract. Truly they go together—today's unchristian attitude and the unreality and abstraction of ideas. Indeed our concepts and ideas will remain unreal unless we learn to permeate them once more with the spirit, the spirit in which Christ lives. Through Him our concepts will again become as living and real as those of the ancient Indian patriarchs who through their personalities made concrete and effective what was instituted as rights and laws. Our rights and laws are themselves abstract. When a bridge is built and it collapses, one soon realizes that its construction was based on wrong concepts. In society such connections are not so easily detected; all kinds of incompetence may be practiced. The result reveals itself only in the unhappiness people suffer in times such as ours. When a bridge collapses, one blames the engineer who built it. When misfortune overtakes mankind because the inadequate concepts of those in charge are incapable of intervening in events, then one blames all kinds of things. However, what ought to be blamed, or rather recognized, is the circumstance that we are going through a crisis in which people no longer have any true sense as to whether a concept has any connection with reality or not.
[ 24 ] Ich möchte noch einmal jenes Beispiel brauchen aus der äußeren physischen Welt, damit Sie noch einmal vor Ihre Seele diesen Unterschied zwischen wirklichkeitsverwandten und wirklichkeitsfremden Begriffen führen. Wenn Sie einen Kristall nehmen: der kann, wenn Sie ihn als Kristall denken, auch als Kristall bestehen; denn so entsteht er, so ist er wirklich. Bauen Sie sich also den Begriff eines sechsseitigen Prismas, geschlossen oben und unten von sechsseitigen Pyramiden auf, so haben Sie einen wirklichkeitsgemäßen Begriff von Quarz. Bauen Sie sich den Begriff einer Blume ohne Wurzel auf, so haben Sie einen unwirklichen Begriff; denn eine Blume ohne Wurzel kann in der Wirklichkeit nicht leben. Für denjenigen, der nicht nach Wirklichkeit strebt, für den ist eine Blume, wenn sie am Stiele abgerissen ist, gerade so etwas Wirkliches, wie ein Quarzkristall. Aber das ist nicht wahr. Die Vorstellung einer Blume ohne Wurzel kann derjenige, der real denkt, überhaupt im Gedanken nicht vollziehen. Das müssen die Menschen erst wieder lernen, wirklichkeitsgemäße Begriffe zu bilden. Ein Baum, der ausgegraben ist, ist schon nicht mehr eine Wirklichkeit, wenn wir sie als Begriff bilden. Und wenn wir diese Empfindung haben, er sei eine Wirklichkeit, so ist es nicht richtig, denn er kann nicht leben, ohne in der Erde mit der Wurzel zu stecken; er dorrt ab, er kann nicht mehr im Leben sein. Da haben Sie den Unterschied!
[ 24 ] I would like to give you an example taken from external nature to illustrate once more the distinction between concepts that are connected with reality and those that are not. If you take a crystal and think of it as a hexagonal prism, closed above and below by hexagonal pyramids, then you have a concept of a quartz crystal that is connected with the reality, because that is true of the crystal's form and existence. If on the other hand you form a concept of a flower without roots, you have an unreal concept, for without roots a flower cannot live, cannot have an existence in reality. Someone who does not strive to make his thoughts correspond to reality will regard the flower torn off at the stem as just as real as the quartz crystal, but that is untrue. It is not possible for someone who thinks in accordance with reality to form a mental picture of a flower without roots. People will have to learn anew to form concepts that correspond to reality. A tree which has been uprooted is no longer a reality to which the concept tree corresponds. To feel the uprooted tree as a reality is to feel an untruth, for it cannot live, but withers and dies if not rooted in the earth. There you have the difference.
[ 25 ] Aber solches Denken kann nicht wirklichkeitsgemäße Begriffe bilden, sonst würde nicht jemand wie der Professor Dewar sagen, daß man ausdenken könne einen realen Endzustand der Erde, wo man mit Eiweiß, das in bläulichem Lichte erstrahlt, die Wände bestreicht und so weiter; das alles kann nicht real sein. Das muß eine Denkgewohnheit werden, sonst kann man in die geistige Welt nur hineinphantasieren. Nur derjenige, der einen Begriff, dessen was lebendig und tot ist, bilden kann, der kann einen Begriff für die geistige Welt haben. Wer aber einen Baum ohne Wurzel oder eine geologische Schichte als real ansieht — die ja auch nicht bestehen kann, ohne daß eine andere darunter, eine andere darüber liegt —, wer so denkt, wie die Geologen, die Physiker, namentlich die Biologen denken, wer einen Zahn für sich denkt, während doch ein Zahn nicht für sich bestehen kann, der denkt nicht real. Daher ist es heute so, daß unter den nicht der Geisteswissenschaft Ergebenen, für reale Begriffe nur noch bei der Künstlerschaft, ausgenommen die reinen Naturalisten, ein Verständnis dafür vorhanden ist, daß etwas von gewissen Gesichtspunkten aus real oder unreal ist, wenn etwas anderes nicht dabei ist und dergleichen.
[ 25 ] No one whose thinking corresponds to reality could suggest, as professor Dewar does, that it is possible to calculate by means of experiments how the world will end.9 Professor Dewar, 1842–1923, chemist, lecturer at the Royal Institution in London. Such speculations are always unreal. It must become habit to train one's thinking to correspond to things as they truly are, otherwise one's thoughts about the spiritual world will be mere fantasy. One must be able to distinguish the concept of a living entity from that of a lifeless one, otherwise one cannot have true concepts of the spiritual world. One's thoughts remain unreal if a tree without roots, or a geological stratum by itself—for it can exist only if there are other strata lying below as well as above—is regarded as true reality. Those who think the way geologists or physicists and especially biologists do are not formulating real thoughts. Biologists think of a tooth, for example, as if it could exist on its own. Today, spiritual science apart, it is only in the realm of art—though not in pure realism—that one finds any understanding for the fact that the reality or unreality of something can depend on whether that to which it belongs is present or not.
[ 26 ] Das ist aus der äußeren, physischen Welt entlehnt. Aber unter solchen unwirklichen Begriffen leidet heute alles, was Nationalökonomie ist, was Staatswissenschaft ist namentlich. Daher dieses Unmögliche der Staatswissenschaft, das ich Ihnen nachgewiesen habe an dem Buche von Kjellén: «Der Staat als Lebensform.» Wenn jemand ein solches Buch schreiben würde auf naturwissenschaftlichem Gebiete — Sie wissen, ich habe großen Respekt vor Kjellén —, wie dieses Buch «Der Staat als Lebensform», das heute so viel gelesen wird und in solchem Ansehen steht, der würde einfach ausgelacht. Man kann nicht über ein Krokodil so schreiben, wie über den Staat, weil kein einziger Begriff real gedacht ist, mit denen er sein Buch füllt.
[ 26 ] These examples are taken from the external physical world, but today other spheres, such as national economy and political science in particular, suffer from unreal thoughts. I have pointed out the impossibility of the political science outlined by Kjellen in his book The State as a Form of Life.10Rudolf Kjellen, 1864–1922, Der Staat als Lebensform, Leipzig 1916. You know that I have great respect for Kjellen. His book is both widely read and highly praised, but if some aspect of natural science had been written about in a similar way, the author would have been laughed at. One may get away with writing in that way about the state, but not about a crocodile. Not a single concept in Kjellen's book is thought through realistically.
[ 27 ] Das ist aber das, was sich die Menschheit aneignen muß; dann wird sie namentlich unterscheiden lernen dasjenige, was fähig ist, in die soziale Ordnung hineinzugehen, und dasjenige, was unfähig ist, in die soziale Ordnung einzugehen. Denken Sie, wie notwendig wir es heute haben, über diejenigen Menschen, die auf russischem Boden leben, reale Vorstellungen zu gewinnen. Es ist merkwürdig, wie wenig sich die Menschen Mühe geben, über so etwas reale Vorstellungen zu bekommen. Dasjenige, was heute die Menschen hier, oder sonst in West- oder Mitteleuropa über die Natur der russischen Bevölkerung denken, ist ganz ferne jeder Realität. Ich habe einen Aufsatz vor ein paar Tagen gelesen, da wird auseinandergesetzt: Die Russen sind zum Teil noch in der mittelalterlichen Mystik drinnen, sie haben jene Intellektualiität nicht durchgemacht, welche im Westen und in Mitteleuropa seit dem Mittelalter gang und gäbe ist. Und es wird bemerklich gemacht, daß die Russen nun werden anfangen müssen, diese Intellektualität ebenso zu erreichen, die die andere europäische Bevölkerung nun glücklich erreicht hat, weil der Betreffende keine Ahnung hat, daß der ganze russische Charakter ein durchaus anderer ist.
[ 27 ] It is essential that man develop a sense for the kind of thoughts that do relate to reality; only then will he be able to recognize the kind of concepts and ideas capable of bringing order into society. Just think how essential it is that we acquire concepts enabling us to understand people living on Russian soil. Remarkably little is done to reach such understanding. What is thought about the Russian people, whether here or in the West or in Central Europe, is very far from the truth. A few days ago I read an article which suggested that Russians still have to some extent the more mystical approach to life of the Middle Ages, whereas since then in the West and in Central Europe intellectuality has become widespread. The article makes it clear that the Russian people should begin to acquire the intellectuality which other European peoples have had the good fortune to attain. The writer concerned has not the slightest inkling that the character of the Russian people is utterly different. People nowadays are not inclined to study things as they truly are. The sense is lacking for the reality, the truth, contained in things.11See also Lecture VI, p. 117 and Lecture VIII, p. 157.
[ 28 ] Reale Dinge zu studieren fällt den Menschen heute gar nicht ein. Wo reale Dinge auftreten, da empfinden die Menschen heute gar nichts mehr Rechtes. Einer unserer Freunde hat versucht, dasjenige zusammenzubinden, was ich in meinen Büchern über Goethe geschrieben habe, mit dem, was ich einmal hier vorgetragen habe über den menschlichen und kosmischen Gedanken. Er hat ein russisches Buch daraus gemacht, ein merkwürdiges russisches Buch. Das Buch ist schon erschienen. Ich bin überzeugt davon, es wird in Rußland von einer gewissen Schichte der Bevölkerung außerordentlich viel gelesen werden. Würde es ins Deutsche übersetzt werden oder in andere europäische Sprachen, so würden es die Leute sterbenslangweilig finden, weil sie keinen Sinn haben für die fein ausziselierten Begriffe, für die wunderbare Filigranarbeit der Begriffe, möchte ich sagen, die da gerade in diesem Buche auffällt. Es ist dieses ganz merkwürdig, daß im russischen Charakter, wie er sich entwickeln wird, etwas ganz anderes auftreten wird als im übrigen Europa, daß da nicht wie im übrigen Europa Mystik und Intellektualität getrennt leben werden, sondern eine mystische Natur sich ausleben wird, die selbst intellektualistisch wirkt, und eine Intellektualität, die nicht ohne mystische Grundlage bleibt, daß da etwas ganz Neues heraufkommt: eine Intellektualität, die zugleich Mystik ist, eine Mystik, die zugleich Intellektualität ist, aber schon so gewachsen, wenn ich mich so ausdrücken darf. Dafür ist nicht das geringste Verständnis vorhanden, und doch ist das dasjenige, was in diesem östlichen Chaos jetzt aber noch ganz verborgen lebt, denn es wird erst in dieser Eigenart, die ich nur in ein paar Strichen angedeutet habe, sich ausleben. Aber um diese Dinge zu verstehen, muß man eben das Gefühl haben für die Realität der Vorstellungen; für die Wirklichkeit der Ideen. Das ist aber heute so notwendig wie nur irgend etwas, daß man sich diese Empfindung, dieses Gefühl für die Wirklichkeit der Ideen aneignet, sonst wird man immer wieder und wiederum abstrakte politische Programmpunkte, schöne politische Reden halten für etwas, was wirklich schöpferisch sein könnte, während es nicht wirklich schöpferisch sein kann. Man wird keine Empfindung gewinnen können für diejenigen Punkte in der Geschichte, die sehr lehrreich sein könnten, in denen, wenn man sie wirklich verfolgt, ein Etwas auftritt, was auch für die Gegenwart außerordentlich lehrreich sein könnte.
[ 28 ] One of our friends made the effort to bring together what I have written about Goethe in my books with what I said in a lecture concerning human and cosmic thoughts.12Rudolf Steiner, Human and Cosmic Thought (Rudolf Steiner Press, London, 1967). From this material he produced a book in Russian, a remarkable book already published.13Boris Bugajeff (Andrej Bjelyi), 1880–1934. Rudolf Steiner and Goethe in der Weltanschauung der Gegenwart. I am convinced it will be widely read in Russia by a certain section of the public. Were it to be translated into German or any other European language, people would find it deadly boring. This is because they lack the sense for appreciating the finely chiseled thoughts, the wonderful conceptual filigree work that makes this book so striking. What is so remarkable about the Russian character is that as it evolves something will emerge which is different from what has emerged in the rest of Europe where mysticism and intellectuality exist, as it were, apart. In Russia a mysticism will appear which is intellectual in character and an intellectuality which is based on mysticism. Thus it will be something quite new, intellectual mysticism, mystical intellectuality and, if I may put it so, quite equal to its task. This is something that is not understood at all. It is there nevertheless, though hidden within the chaos of Eastern Europe, and will emerge expressing the characteristics I have briefly indicated. These things can be understood only if one has a feeling for the reality inherent in ideas. To acquire this sense, this feeling that ideas are realities is one of the most urgent needs of the present time. Without it abstract programs will continue to be devised, beautiful political speeches held about all kinds of measures to be taken which prove unproductive, though they need not be. Nor can there be any feeling for events in history which when followed up, can be an immense help when it comes to understanding our own time.
[ 29 ] Ein Beispiel dafür will ich Ihnen anführen, das sehr charakteristisch ist. Für denjenigen, der an den Rätseln der Gegenwart, ich möchte sagen, sich abplagt, taucht immer wieder und wiederum die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts, namentlich die sechziger Jahre des achtzehnten Jahrhunderts auf; denn da sind auch merkwürdige europäische Entwickelungsimpulse, die, wenn man versucht, sie zu verstehen, für die Gegenwart sehr lehrreich sind. Sie wissen, in der damaligen Zeit war die europäische Konstellation so — es war ja die Zeit während des Siebenjährigen Krieges —, daß England und Frankreich tief zerfallen waren, namentlich wegen der nordamerikanischen Verhältnisse, daß England mit Preußen im Bündnisse war, Frankreich auf der anderen Seite mit Österreich im Bündnisse war, und daß, solange die russische Zarin Elisabeth herrschte, in Rußland eine absolut feindliche Stimmung gegen Preußen war, so daß man schon sprechen kann von einem Bündnis zwischen Rußland, Frankreich und Österreich gegen Preußen und England. Das hatte Verhältnisse heraufgeführt, die gewiß, man kann sagen, gegen die heutigen etwas sind wie eine Sache en miniature, die aber für die damalige Zeit etwas sehr ähnliches darboten an europäischem Chaos. Und insbesondere der Anfang der sechziger Jahre wenn Sie eingehen auf die Verhältnisse — ist unserem Jahr 1917 ja gar nicht so unähnlich. Nun ist das Merkwürdige, daß ich da das Folgende erwähnen möchte: Am 5. Januar, glaube ich, war es, da war die Zarin Elisabeth gestorben; wie die Historiker sagen: Sie hatte ihr nur selten nüchternes Leben beendet, denn sie war den größten Teil ihres Lebens betrunken, so erzählt die Geschichte. Die Zarin Elisabeth war gestorben. Und ihr Schwestersohn stand damals vor den dazu Befugten, um die Zarenkrone sich aufs Haupt setzen zu lassen. Eine merkwürdige Persönlichkeit, die da stand am 5. Januar 1762 zur feierlichen Übernahme der Zarenwürde in der hohen Auszeichnung des Preobrashenskischen Regimentes, mit der grünen Jacke, dem roten Kragen und roten Aufschlägen, der strohgelben Weste, strohgelben Hosen, mit Gamaschen, die über die Knie hinaufgingen, weil er schon als Großfürst sich daran gewöhnt hatte, niemals die Knie zu beugen, wenn er ging, sondern mit steifen Knien zu gehen schien ihm würdevoller, mit langem Zopf, zwei gepuderten Rollen, einem Hut mit umgebogener Krempe und einem richtigen Knotenstock, den er als sein Symbol trug. Sie wissen, daß Katharina seine Gemahlin war. Er übernahm die Zarenkrone. Und er wird von der Geschichte geschildert so mehr als ein unreif gebliebener junger Mann. Es ist außerordentlich schwierig zu prüfen, was das eigentlich für eine Persönlichkeit war. Höchst wahrscheinlich war er wirklich eine ganz unreife, fast schwachsinnige Persönlichkeit. Der trat also die Zarenwürde an in einem bedeutungsvollsten Momente der europäischen Entwickelung. Neben ihm lebte jene Frau, die schon als siebenjähriges Mädchen in ihr Tagebuch geschrieben hatte, daß sie nichts sehnlicher wünschte, als die unabhängige Herrscherin der Russen zu werden, deren Traum es war, Selbstherrscherin zu sein, deren Stolz es gewesen zu sein scheint, daß sie niemals nötig hatte, unter ihrer unmittelbaren Nachkommenschaft ein echtes Kind ihres Zarenmannes zu haben. Nun, die Situation war dazumal so, daß lange Krieg war, und die Völker sich alle nach Frieden sehnten oder wenigstens so fühlten, als ob der Friede zum Segen gereichen würde, aber man ihn nicht haben könnte.
[ 29 ] Let me give you a characteristic example. Concern about the problems facing mankind at the present time causes one to turn repeatedly to events that took place in the 18th century, particularly in the '60s of that century. At that time remarkable impulses were emerging in Europe. An attempt to understand them can be most instructive. As you know that was when the Seven Years War took place. England and France were deeply divided, mainly through their colonial rivalry in North America. In Europe, England and Prussia were allies; opposing them was the alliance consisting of France and Austria. In Russia a strong hostility prevailed against Prussia during the reign of Czarina Elizabeth. Therefore one should really speak of an alliance between Russia, France and Austria against Prussia and England. One could say that on a smaller scale conditions were similar to those of today; just as now there was then a danger of complete chaos in Europe. In fact, when the situation in the early 1760s is investigated, it is found to be not unlike the present one in 1917. But the remarkable incident I want to mention is the following. I believe it was on January the fifth, 1762, that Czarina Elizabeth died; or to put it as the historians have done, her life, not very often sober, had come to an end; she had spent most of it inebriated. The Czarina Elizabeth was dead, and her nephew, her sister's son, stood before those authorized to place the crown upon his head. It was an extraordinary person who, on January the fifth 1762, prepared himself to be elevated to Czar. He was clad in his regiment's ceremonial uniform, consisting of green jacket with red collar and cuffs, yellow waistcoat and stockings, leggings to above the knee (he had already as Grand Duke made a habit of never bending the knees when walking as this, to him, seemed more dignified) long pigtail, two powdered coils, a hat with upturned brim, and as his symbol he carried a knobbed staff. As you know, his consort was Catherine, later to become Catherine the Great. History describes Czar Peter III as an immature young man.14Peter III, Czar of Russia 1768–1762. It is extraordinarily difficult to ascertain what kind of person he actually was. Very probably he was very immature, even backward. He became Czar at a significant moment in the history of Europe. At his side was a woman who already as a seven year old girl had written in her diary that there was nothing she desired more than to become the absolute ruler of the Russian people. Her dream was to become ruler in her own right. And she seemed to be proud that for the sake of direct succession she need never bear a child that was necessarily that of her husband, the Czar. When he became ruler, the war had been going on for a long time; everybody longed for peace. Peace would be a blessing if only it could be attained.
[ 30 ] Da erschien schon im Februar, nachdem der, wie es heißt, schwachsinnige Peter III. den Zarenthron bestiegen hatte, ein russisches Manifest an die anderen Mächte Europas. Das ist merkwürdig. Deshalb will ich es Ihnen in der Übersetzung wörtlich vorlesen. Dieses Manifest ging nämlich an die Gesandten Österreichs, Frankreichs, Schwedens und Sachsens; Kursachsen war damals mit Polen vereinigt:
[ 30 ] What happened next was that already in February—that is, soon after the feeble-minded Peter III had ascended to the throne of the Czars—all the European powers received a Russian manifesto. This event was very remarkable, and I would like to read to you a literal translation. The manifesto was sent to the embassies in Austria, France, Sweden and Saxony. Saxe-Coburg was at that time part of Poland. The document reads as follows:
[ 31 ] «Seine Kaiserliche Majestät, welche bei der glücklichen Besteigung des Throns Ihrer Vorfahren es als Ihre erste Schuldigkeit betrachten, das Wohl Ihrer Untertanen zu erweitern und zu vermehren, sehen mit dem äußersten Leidwesen, daß das gegenwärtige, seit sechs Jahren dauernde Kriegsfeuer, welches allen darinnen begriffenen Mächten schon lange beschwerlich fällt, statt seinem Ende sich zu nähern, zum großen Unglück aller Nationen je länger je weiter um sich greift, und daß das menschliche Geschlecht durch diese Plage desto mehr leiden muß, da das Schicksal der Waffen, das bis zur Stunde so vieler Ungewißheit unterworfen gewesen, solches nicht weniger für die Zukunft ist. Da Seine Kaiserliche Majestät bei solchen Umständen aus Gefühl der Menschlichkeit mit der unnützen Vergießung unschuldigen Blutes Mitleid tragen und Dero Seits einem solchen Übel Einhalt tun wollen, so finden Sie nötig, den Alliierten von Rußland zu deklarieren, daß, indem Sie das erste Gesetz, das Gott den Souverainen vorschreibt, nämlich die Erhaltung der ihnen anvertrauten Völker, allen Betrachtungen vorziehen, Sie wünschen, Dero Reichen den Frieden zu verschaffen, der denselben so nötig und so kostbar ist, und zu gleicher Zeit so viel als möglich dazu beizutragen, daß solcher in dem ganzen Europa hergestellt werde. In dieser Absicht sind Seine Majestät bereit, die in diesem Kriege durch die Russischen Waffen gemachten Eroberungen aufzuopfern, in der Hoffnung, daß sämtliche alliierte Höfe Ihrerseits die Rückkehr der Ruhe und des Friedens den Vorteilen vorziehen werden, dieSie von dem Kriege erwarten könnten und die nicht anders als durch weiteres Vergießen von Menschenblut zu erhalten sind. Um deswillen raten Seine Kaiserliche Majestät Ihnen in der besten Gesinnung, Ihrerseits zur Vollendung eines so großen und heilsamen Werkes alle Ihre Kräfte aufzuwenden. St. Petersburg, den 23. Februar 1762.»
[ 31 ] His Imperial Majesty, who through good fortune ascended to the throne of his forebears, regards his first duty to be promotion and increase of the welfare of his subjects. It is therefore with great sorrow that he Witnesses the present war which has already lasted six years and is an immense burden to all the countries involved. Far from showing any signs of coming to an end, it is, to the misfortune of all the nations, spreading ever further the longer it lasts. The suffering of humanity through this calamity is all the greater because of the uncertainty concerning the outcome, which shows no sign of lessening. In these circumstances, out of humanitarian feelings and compassion for the useless spilling of innocent blood, his Imperial Majesty on his part wishes to put an end to this evil. He therefore finds it necessary to turn to Russia's allies reminding them that God's first commandment to sovereigns, namely the preservation of the people entrusted to them, must take precedence over all other considerations. They on their part would wish to secure the peace so necessary and valuable to them also, and at the same time to contribute as much as is possible to see peace established in the whole of Europe. To this purpose His Majesty is prepared to sacrifice the conquests made in this war by Russian forces. His Majesty hopes that the allies on their part will consider the return of peace a greater benefit than anything they could expect to obtain through a prolonged war and further bloodshed. Out of the best and deepest feelings his Imperial Majesty advises all to devote their best forces to achieve so great and beneficial an objective. St. Petersburg, February 23, 1762.
[ 32 ] Ich möchte fragen: Wird man heute ein richtiges Gefühl dafür haben, daß dieses Manifest so konkret wie möglich ist, daß es unmittelbar wirklichkeitsgeboren ist? Das muß man empfinden! Ein unmittelbar aus der Wirklichkeit heraus empfundenes Manifest. Wenn man die Noten liest, die auf dieses Manifest geliefert wurden, dann liest man Deklarationen, welche ungefähr den Stil haben, den die letzten Entente-Noten, insbesondere die Note jenes Woodrow Wilson hatten, die auch wieder die neueste Note Woodrow Wilsons hat, die ich Ihnen ja auf ihre Art charakterisiert habe. Alles abstrakt, abstrakt, abstrakt! Alles nichts von Wirklichkeit! Doch da, wo man am 23. Februar 1762 neuen Stils dies geschrieben hat, was ich eben vorgelesen habe, da waltete irgend etwas ganz Merkwürdiges, trotzdem der Zar so dastand, wie ich es eben geschildert habe, etwas ganz Merkwürdiges; da muß irgendeine Macht dahinter gewesen sein, die so etwas machen konnte, die Sinn für die Wirklichkeit hatte. Denn nachdem die anderen abstrakten Deklarationen entgegengekommen waren, die alle solche Dinge enthielten — man nennt sie heute «annexionslosen Frieden», «Völkerfreiheit» und wie die Abstraktionen alle heißen —, nachdem alle diese Deklarationen wiederum Rußland erreicht hatten, da ging wiederum von Peter, dem Schwachsinnigen, eine Antwort aus, die der russische Gesandte, Fürst Gallitzin, am Wiener Hofe am 9. April überreichte. Hören Sie diese Deklaration an! In der heißt es:
[ 32 ] I do wonder if anywhere today there is a true feeling for the fact that this manifesto is absolutely concrete, is based completely on reality. One should be able to sense that it is a document that carries the conviction of truth. However, the diplomatic notes sent in answer to the manifesto are all declarations written more or less in the same vein as are today's declarations concerned with the entente, especially the ones sent by Woodrow Wilson. Everything in these diplomatic notes is utterly abstract with no relation to reality, whereas what I just now read to you, written on the 23rd of February 1762, is in a style of a different order, and contains something quite remarkable, all the more so in view of the Czar's condition, which I described to you. There must have been someone with power behind the scenes, with a sense for the reality of the situation, who could cause this action to be taken. Later, when the abstract replies had reached Russia—replies containing the same kind of abstractions as those used today, like “peace, free from annexation” or “freedom for the people”—Peter, the feeble-minded, sent an answer delivered by the Russian envoy, Count Gallitzin, to the Court in Vienna on the 9th of April. Listen to what it contains:
[ 33 ] «Die schon von Kaiser Peters I. Zeiten her zwischen den kaiserlich russischen und königlich preußischen Höfen gepflogene Freundschaft hat in den letzten Jahren durch bloß zufällige Vorfälle und Veränderungen im System Europas eine Erschütterung erlitten. Da nun aber der dadurch ausgebrochene Krieg weder ewig dauern kann, noch die durch einen solchen erlangten Vorteile die Freundschaft einer Macht hintanzusetzen vermöchten, die so viele Jahre hindurch ein nützlicher Bundesgenosse gewesen und noch künftig sein kann, so haben Seine RussischKaiserliche Majestät sich vorgesetzt, mit dem Könige von Preußen nicht allein einen dauerhaften Frieden, sondern auch nach Erforderung Ihres Interesses an noch einen weitern Allianz-Traktat zu schließen.»
[ 33 ] The friendship which has existed between the Russian Imperial Court and the Prussian Royal Court ever since the time of Czar Peter I has lately suffered a setback merely through accidental changes in the constitution of Europe. The war which is a result of these changes can neither last forever nor destroy the advantage of a friendship which for many years proved to be a useful confederation and could be so again. His Imperial Majesty therefore proposes to the King of Prussia that they conclude not only a lasting peace, but a treaty of alliance in their mutual interest and to their mutual advantage.
[ 34 ] Und nun, bitte, hören Sie das ungeheuer Geniale, das jetzt kommt:
[ 34 ] Please note the stroke of genius in what follows:
[ 35 ] «Die Ursachen, die Seine Russisch-Kaiserliche Majestät haben, solches zu beschleunigen, bedürfen keiner weitläufigen Erklärung, indem leicht zu erweisen ist, daß man einen so allgemeinen Frieden, wie der westfälische gewesen, von den unendlichen Veränderungen der Waffen und den so unterschiedenen Absichten nicht zu erwarten hat und derselbe nicht dauerhaft sein kann. Bei dem Westfälischen Frieden haben einem jeden die schon erworbenen Besitzungen versichert werden müssen; jetzt aber kommt es auf Prätentionen an, die erst aus dem Kriege entstanden und nicht wohl zu vereinbaren sind, da man, zumal zu Anfang des Krieges, darauf bedacht gewesen, mehr Mächte in denselben hineinzuziehen, als daß man überlegte, wo die vielen so eilfertig errichteten Traktaten und Verbindungen hinausgehen würden.»
[ 35 ] The reason for these deliberations on the part of his Russian Imperial Majesty is obvious and needs no lengthy explanation, as it is easy enough to demonstrate that no good can come of a general peace such as was concluded in Westphalia. Peace cannot be expected to last when there is an unending shifting of arms and such variety of intentions. Such a peace necessitates all conquered territories to be protected, as is the case in Westphalia. But now the matter hinges on pretentions which have only arisen out of the war. These can hardly be reconciled due to the eagerness early in the war to mobilize as many powers as possible with little consideration for possible consequences of hastily concluded treaties and amalgamations.
[ 36 ] Man kann sich ein genialeres Regierungsdokument nicht denken. Denken Sie, wenn es jetzt jemand einsehen könnte, daß es auf Prätentionen ankommt, die erst in diesem Kriege entstanden sind!
[ 36 ] One cannot imagine a more ingenious diplomatic document. Think about it—if only somebody could recognize now that the pretentions made today have only arisen because of this war! The document continues:
[ 37 ] «Der Russisch-Kaiserliche Hof hat allein jederzeit auf der Notwendigkeit bestanden, die voneinander so unterschiedenen Interessen und Forderungen erst zu vereinbaren, ehe ein Generalkongreß angestellt würde. Der Wienerische Hof schien solches zu begreifen, weshalb er, doch ohne jemals auf die Kaiserlich-Russischen Gesinnungen direkt zu antworten, sich nur kurz auf die zu seinem Vorteil genommene Abrede berief, und indem er die andern Forderungen mit Stillschweigen überging, alles vom möglichen Glücke der Waffen erwartete...
[ 37 ] The Russian Imperial Court alone has always insisted that, before a general congress is arranged, it is necessary that conflicting interests and demands are reconciled. It would appear that the Sovereign Court in Vienna also recognizes this, and therefore never directly answered the Russian Imperial communique. The Sovereign Court made only brief reference to points that were in its favor, passing over others in silence preferring, it would seem, to await possible fortunes with arms. ...
[ 38 ] Der seither zwischen England und Spanien hinzugekommene Krieg vermehrt das allgemeine Elend und beut kein Mittel, den Krieg in Deutschland zu hemmen, wenn auch England zur See alles anwendet. Schweden, das ohne Nutzen und Hoffnung, ja mit Verlust seines eigenen Ruhmes, erschöpft, scheint weder den Krieg fortzusetzen noch endigen zu dürfen. Da nun alle an dem gegenwärtigen Kriege teilhabenden Höfe nur abzuwarten schienen, wer den ersten und entscheidendsten Schritt zur Herstellung des Friedens tun würde, und Seine Russisch-Kaiserliche Majestät jetzo dazu aus warmem Erbarmen und in Erwägung der Gefälligkeiten, die Ihr von des Königs von Preußen Majestät bezeigt wurden, allein imstande wäre, so kommt Ihr auch zu, gedachten Schritt um so eher zu tun, als Sie solche Gesinnungen gleich beim Antritt Ihrer Regierung unterm 23. Februar allen Höfen eröffnet haben.»
[ 38 ] The war that has since broken out between England and Spain only increases the general misery. Although it engages England at sea, it does nothing to lessen the war in Germany. Sweden is without hope and is suffering losses; her glory waning, she seems to have courage neither to continue the war nor to withdraw from it. The Sovereign Courts all appear to be waiting to see who will be the first to make a decisive move towards establishing peace. His Russian Imperial Majesty alone is ready to do so, through compassion and also in view of the complaisance shown by his majesty the King of Prussia. His Imperial Majesty wishes to take the necessary steps at the earliest possible moment, especially as this intention was communicated to all the Sovereign Courts as early as the 23rd of February, soon after the start of his reign.
[ 39 ] Der Friede kam zustande, und zwar infolge desjenigen, was durch dieses konkrete, reale Dokument eingeleitet worden ist. Aber man muß sich eine Empfindung erwerben für dasjenige, was uns die Geschichte überliefert, eine Empfindung für Ideen und Vorstellungen erwerben, die unmöglich in die Realität eingreifen können, und solche Ideen und Vorstellungen, die tief aus der Wirklichkeit heraus entlehnt sind, daher auch die Wirklichkeit tragen können. Man soll daher nicht glauben, daß Worte immer nur Worte sind; Worte können auch Taten sein, aber sie müssen wirklichkeitsgetragen sein. Man muß sich eben überzeugen, daß wir in der Gegenwart durch eine Krisis hindurchgehen, daß wir in einer neuen Weise den Anschluß an die Wirklichkeit finden müssen. Daher erscheinen einem heute die Menschen so wirklichkeitsfremd. Wir sehen es ja auf Schritt und Tritt. Lassen Sie mich ein kleines Beispiel anführen: Heute wird dadurch so viel Unwahrhaftiges gehört und in die Tat umgesetzt, weil die Menschen wirklichkeitsfremd geworden sind und daher auch nicht den Sinn haben für die richtige Anführung und Auffassung der Tatsachen. Es ist sehr wichtig, auch die heutige Unwahrhaftigkeit in Zusammenhang mit der Krisis zu bringen, durch die wir durchgehen. Nehmen Sie ein naheliegendes kleines Beispiel. Da erscheint eine kleine Zeitschrift, sie nennt sich: «Der unsichtbare Tempel», also selbstverständlich eine Zeitschrift, in welcher die abstrakten Mystlinge — ich will sagen Mystiker — etwas Tiefes zu finden gedenken. Der unsichtbare Tempel — tief, tief! «Monatsschrift zur Sammlung der Geister.» Nun, ich will auf die Sache nicht weiter eingehen; aber da wird in einem Heft auch über Monisten und Theosophen gesprochen. Verschiedenes recht Törichtes wird gesagt. Dann aber kommt ein merkwürdiger Satz, den ich Ihnen vorlesen will, denn diese Zeitschrift ist ja das äußere Organ einer Gesellschaft, die heute unter Horneffers Führung den Anspruch macht, die Welt zu erneuern:
[ 39 ] Peace was established, and indeed as a result of what was initiated with this concrete document based on reality. It is of the greatest importance that a sense is developed for what history conveys, a feeling for the difference between concepts and ideas that are incapable of intervening in reality, and those that are themselves rooted deeply in reality and therefore have the power to affect it. One should not imagine that words are always mere words; they can be as effective as deeds if based on reality. It must be realized that mankind is going through a crisis. It is all-important that a new path, a new connection, be found to truth and reality. People are so alienated from what is real that they have lost the sense for truth and for the right way of dealing with things. It is important to see that the crisis we are in and the untruthfulness that abounds are related. Let me give you one small example: a periodical has appeared, calling itself The Invisible Temple, obviously a publication in which those inclined towards mysticism expect to find something very deep. “The Invisible Temple”—Oh, the depth of it! Subtitle? A Monthly Magazine for the Gathering of Spirits.15Der unsichtbare Tempel; Monatsschri ft zur Sammlung der Geister, Mtinchen 1916–1920, 5 volumes edited by the brothers Dr. Ernst and Dr. August Horneffer. I will say no more on that point, but in one issue monists and theosophists are mentioned. Various foolish things are said, including a passage I will read. The periodical is the mouthpiece for a society which is at present led by Horneffer.16Ernst Horneffer, 1871–1954, professor in Giessen, followed Dr. Fritz Koegel as editor in the Nietzsche archives. See Nietzsches letztes Schaffen, Jena 1907. The society claims it is going to renew the world. This is the passage:
[ 40 ] «So verschieden die Richtung der Monisten von der der Theosophen ist, und so eifrig sie sich gegenseitig bekämpfen und verachten, so sind sie sich doch in dem einen Punkte merkwürdig ähnlich, daß sie das Wort Wissenschaft gleichsam für sich mit Beschlag belegen. Was sie selber treiben, ist wahre, reine Wissenschaft; was andere Leute treiben, ist Schein- und Afterwissenschaft. So bei Haeckel und so bei Rudolf Steiner zu lesen.»
[ 40 ] Monists and theosophists may go in different directions; they may vigorously fight and despise one another; yet in one respect they are strangely alike. Both lay claim to the word “science.” Both insist that their pursuit is true science, and that everybody else's science is pseudo-science. You will find this stated in the writings of Haeckel as well as of Rudolf Steiner.
[ 41 ] Nun bitte ich Sie, nehmen Sie alles dasjenige, was ich jemals geschrieben und gesagt habe, und versuchen Sie das zu finden, wovon hier behauptet wird, daß es bei mir zu lesen ist. Aber wie viele Leute sind heute bereit, in diesen Fällen das Kind beim rechten Namen zu nennen: es ist verlogen, eine ganz gewöhnliche Lüge! Das muß man aber auch einsehen. Man muß das Kind beim rechten Namen nennen. Nicht wahr, daß schließlich Horneffer, dem ich einstmals, als er Nietzsche-Herausgeber war, nachweisen mußte, daß er nicht eine Spur von NietzscheVerständnis hat, und das törichteste Zeug zusammengeschrieben und auch herausgegeben hat als Nietzsche-Herausgeber, daß der schließlich solche Dinge schreibt, kann man verstehen, aber solche Dinge werden im Ernste genommen. Daher ist es möglich, daß heute das schlimmste, dümmste Gauklertum mit dem ernsten Bestreben der Geisteswissenschaft verwechselt und zusammengeworfen wird, und daß vor allen Dingen die Lügen nicht Lügen genannt werden, was das Richtige wäre.
[ 41 ] I request you to go through everything I have said or written and see if you can find anything of what is here maintained. But who today is prepared in a case like this to call something by its right name, and say that it is an outright lie, and a common one at that. That Horneffer should write such things comes as no surprise. When he published Nietzsche's works, I had to point out to him that he did not have the faintest understanding of Nietzsche. What he had compiled and published was rubbish. So what he writes now is no surprise. But people take such things seriously, and thus it comes about that the worst, most stupid foolishness is confused and mixed up with the earnest striving of spiritual science, and worse still, what is-truth is called lies, whereas lies are accepted as truth.
[ 42 ] Nun, das muß eben gelernt werden, daß ein neuer Anschluß an die Wirklichkeit gefunden werden muß. Denn was ist das letzte, was geblieben ist aus jener alten Zeit der ersten nachatlantischen Kulturperiode, wo die Patriarchen in den fünfziger Jahren das Geistige durch naturgemäße Entwickelung in sich aufgenommen haben? Was ist geblieben durch die Griechenzeit hindurch bis in unsere Zeit herein? Geblieben ist von alledem dasjenige, was wir die Genies nennen. Da ist noch gewissermaßen eine Abhängigkeit von der Natur, wenn die genialen Fähigkeiten auftreten. Diejenigen Genies, die die fünfte Kulturperiode hat, werden die letzten Genies unserer Erdenentwickelung sein. Genies wird es in Zukunft nicht mehr geben. Das ist wichtig zu wissen. Jene Genialität, die eine Naturgabe ist, die hört auf — man muß sich schon ungeschminkt der Wirklichkeit gegenüberstellen —, dafür muß die erarbeitete Genialität eintreten, jene Genialität, welche mit einer lebendigen Verbindung des Menschen mit der sich offenbarenden Geistigkeit von außen zusammenhängen muß. Es ist ungeheuer interessant, wenn man die Tatsachen in diesem Zusammenhang einmal sich vor die Seele stellt.
[ 42 ] It must be learned that a new link to reality has to be found. In the first post-Atlantean cultural epoch the patriarchs when they reached their fifties, received the spirit into themselves as part of their natural development. We may ask if this has in any way remained through the Greek epoch up to our own? The answer is that all that has remained is what we call genius. When the faculty of genius appears today it is still to some extent dependent on man's natural development. However, the men of genius appearing during the fifth cultural epoch will be the last in earth evolution. It is important to know that no genius will appear in the future. We must face the fact that as a natural gift the faculty of genius will disappear. Instead, a new quality of originality will appear, a quality that no longer appears as a gift of nature but must be striven for. It will arise through man's intimate union with the spirituality that reveals itself in the outer world.
[ 43 ] In unserer Zeit treten Menschen auf, die sehr häufig auf dem einen oder anderen Gebiet das sehen, worauf es ankommt, wie das bei Robert Scheu der Fall ist, auf den ich hier vor vierzehn Tagen aufmerksam gemacht habe. Aber es fehlt ihnen die Möglichkeit, das in einem großen Zusammenhang drinnen zu sehen, wirklich in einen Zusammenhang mit der ganzen Weltenentwickelung hineinzustellen.
[ 43 ] Not translated
[ 44 ] Nun ist ja wirklich ein sehr interessanter Mensch jener Psychologe gewesen, der jetzt im März 1917 gestorben ist; ich habe schon auf den Namen hingewiesen, Franz Brentano. Nicht nur daß er der bedeutendste Aristoteles-Kenner der Gegenwart war, sondern er war überhaupt für die Denkweise der Gegenwart ganz charakteristisch. Ich habe Sie aufmerksam gemacht: er hat eine Seelenkunde zu schreiben begonnen. Im Jahre 1874 erschien der ersteBand, der zweite sollte im Herbst erscheinen, und es sollten noch mehrere Bände nachfolgen. Nichts erschien mehr, nicht im Herbst der zweite Band, nicht die folgenden Bände. Ich habe die Überzeugung — und nicht aus etwas anderem heraus, als aus einer gründlichen Kenntnis Franz Brentanos, denn ich kenne sowohl Franz Brentanos persönliche Art vorzutragen, von Wien her; ich kann mich kaum entschlagen, doch zu sagen, daß es kaum irgendeine gedruckte Zeile von Brentano gibt, die ich nicht gelesen habe, ich kenne seine ganze Entwickelung, ich kann mir daher schon eine Überzeugung bilden; sie besteht darin, daß Brentano als ehrlicher Mann einfach die folgenden Bände nicht erscheinen lassen konnte. Denn er läßt schon im ersten Bande merken, daß er auf eine Anschauung über die Unsterblichkeit der Seele hinarbeitet. Das drückt er klar aus. Aber er konnte nicht ohne Geisteswissenschaft, die er nicht haben wollte — die Geisteswissenschaft schloß er aus, die wollte er nicht haben —, ohne Geisteswissenschaft konnte er nicht über den ersten Band hinauskommen, viel weniger bis zum fünften Band, wo er die Unsterblichkeit der Seele beweisen wollte. Er schloß die Geisteswissenschaft aus. Er ist ja gerade der Erfinder dessen, was so viele Philosophen des neunzehnten Jahrhunderts beschäftigt hat: «Vera philosophiae methodus nulla alia nisi scientiae naturalis est.» «Die wahre Geisteswissenschaft hat keine andere Forschungsart als die Naturwissenschaft.» Diesen Satz hat er aufgestellt als eine Dozententhese bei seinem Antritte im Jahre 1866, wo er aus dem Dominikanerorden ausgetreten ist und in Würzburg Professor wurde. Philosophie war dazumal schon ganz verachtet. Als er das erste Mal in den Hörsaal kam, wo ein Anhänger Baaders bis dahin gelehrt hatte, da war angeschrieben im Hörsaal: Schwefelfabrik.
[ 44 ] A very interesting man, a psychologist, died in March, 1917. I have often spoken about Franz Brentano.17Franz Brentano, see note 2 to Lecture I. He was not only the most significant expert on Aristotle, but a characteristic thinker of our time. I have mentioned before that he began a work on psychology. The first volume appeared in 1874; the second was to appear that same fall and further volumes later. But neither the one expected in the fall nor any later volumes appeared. I became thoroughly familiar with Franz Brentano's characteristic way of lecturing when I lived in Vienna. I have read every published line of what he has written, so I am well acquainted with the direction of his thoughts. Because I know him so well I am convinced that Franz Brentano's innate honesty prevented him from publishing further volumes. There are clear indications already in the first volume of his struggle to reach a clear conclusion regarding immortality of the soul. However, without spiritual science—with which he would have nothing to do—he could not get beyond the first volume, let alone the fifth, in which he planned to furnish proof of the soul's immortality. There was no room for science of the spirit in his outlook. He is, in fact, the originator of the saying so much quoted by 19th-century philosophers: “Vera philosophiae methodus nulla alia nisi scientiae naturalis est” (”True science of the spirit can have no other method of research than natural science.”)18Franz Brentano, Das Genie, a lecture held in the Center for Engineering and Architecture in Vienna, published in Leipzig, 1892. He composed this sentence for his inauguration thesis when in 1866, having left the Dominican order, he became professor at the university at Wurzburg. Philosophy was already then rather scorned. The first time he entered the auditorium, where formerly a follower of Baader19Franz Xavier Benedikt Baader, 1765–1841, philosopher. had lectured, he was met with slogans such as “sulfur factory” written on the walls.
[ 45 ] Nun war er ein geistreicher Mann, er kam so weit als man kommen konnte mit der These, die ich eben angeführt habe, aber er konnte nicht hineinkommen in die Geisteswissenschaft. Daher blieb es beim ersten Band. Was er später geschrieben hat, sind einzelne Fragmente. Aber eine Abhandlung von ihm ist außerordentlich interessant. Diese Abhandlung ist die Wiedergabe eines Vortrages, den er gehalten hat. Und Franz Brentano war ein feiner Beobachter; er war kein Mensch, der aufsteigen konnte von der Beobachtung der äußeren Welt zum Geistigen, aber er war ein feiner Beobachter. Und diese Abhandlung, die ich jetzt meine, ist eigentlich die Bekämpfung der Idee vom Genie. Sie heißt: «Das Genie». Aber es wird darin eigentlich bekämpft die Möglichkeit, daß aus irgendwelchen unterbewußten Grundlagen heraus das kommt, was Genie ist. Es wird dargestellt, daß dasjenige, was sich als Genie auslebt, sich im wesentlichen auf eine schnellere, überschauendere Behandlung der Welt stützt, als sie vom gewöhnlichen Menschen angestrebt und erreicht wird. Sehr interessant ist diese Abhandlung; denn obwohl Brentano keine Geisteswissenschaft erringen konnte: er war ein feiner Beobachter und konnte eigentlich in dem Beobachten des wirklichen Lebens der Gegenwart den Genie-Begriff nicht mehr finden. Er war ehrlich genug, den Genie-Gedanken zu bekämpfen.
[ 45 ] Franz Brentano was a gifted man, and he worked out his chosen subject as far as it was possible for him to do. The reason he came to a standstill after the first volume of his intended work was his refusal to enter into spiritual science. His later writings are fragments. But one treatise, a rendering of one of his lectures, is extremely interesting. It is entitled Genius. Although he was a keen observer he was not someone able to ascend from physical observations to spiritual ones. The treatise is basically an attack on the idea of genius. He opposes the idea that from some unconscious strata of the soul could arise what is called genius. He argues that what comes to expression is just a quicker, more commanding grasp of things than is normally attained by ordinary people. As I said, Brentano's treatise is very interesting although he did not come to a spiritual-scientific viewpoint. He was a keen observer and for that very reason could not find, when observing life today, anything to justify the claim of genius. And because he was honest he opposed the idea.
[ 46 ] Solche Dinge erscheinen einem geradezu als Rätsel, wenn man nicht auf die tieferen Grundlagen der Menschheitsentwickelung eingeht, wenn man nicht weiß, daß dasjenige, was das Genie in der Zukunft ersetzen wird, darinnen bestehen wird, daß gewisse Menschen sich dazu finden werden, die in einer anderen Weise als es in alten Zeiten der Fall war, Umgang haben werden mit der geistigen Welt. Und weil sie das haben werden, werden sie aus der geistigen Welt die Impulse bekommen, die sich dann in dem äußern, was in der Zukunft äquivalent ist mit demjenigen, was in der Vergangenheit von Genies geschaffen worden ist. So weit geht der Entwickelungsgedanke: Es ist alles, alles anders gewesen in alten Zeiten, es wird alles anders sein in Zukunftszeiten. — Ich weiß sehr wohl, wie einen heute noch die Leute auslachen, wenn man solche Dinge sagt, aber die Dinge sind eben der konkreten Betrachtung der Wirklichkeit entnommen, während man sich heute in Begriffe verliebt. Es hat sich zum Beispiel einer den Begriff gebildet: Für gewisse Krankheiten ist Bewegung gut. Dagegen ist nichts einzuwenden. Dann kommt aber einer zu ihm, der ihm über Krankheit klagt, und er findet, daß das die Zustände sind, für die Bewegung gut ist. Er rät dem Kranken, sich viel Bewegung zu machen, der sagt ihm aber: Sie verzeihen, Sie vergessen wohl, daß ich Briefträger bin! — Die Begriffe sind eben nicht real, wenn man nicht weiß, daß sie nur Instrumente für die Wirklichkeit sind, wenn man nicht weiß, daß man nie dogmatisieren darf. — Ich sagte ja, ebenso gilt auch der Begriff nicht: Der Tüchtigste an der richtigen Stelle, wenn man nachher überzeugt ist, daß der Neffe oder der Schwiegersohn der tüchtigste Mann ist. Auf die Wirklichkeit kommt es an, nicht auf Begriffe, in die man sich verliebt. Diese Empfindung muß man erhalten, sonst wird man nichts lernen aus der Geschichte, auch nichts aus der Wirklichkeit der Gegenwart, und sonst wird man auch nicht zu einer Möglichkeit kommen, den Christus Jesus wieder zu finden.
[ 46 ] The riddle of genius, among other things, remains inexplicable till one investigates the deeper aspects of mankind's evolution, unless one knows that in the future, what has been known as “genius” will be replaced in certain people by a new way of communion with the spiritual world. When they achieve this, they will receive impulses which will come to expression in the external world in ways that will be equivalent to what was created by geniuses in the past. To recognize that things were different in the past and will be different again in the future is to understand evolution rightly. I know full well that one is ridiculed for saying such things, but they are the result of direct observation of concrete facts. They are also a contrast to the way people nowadays base their actions not on facts but on some idea with which they have become enamored. To give an example, a man concerned with healing got the idea that movement is good for certain illnesses, which is quite true. However, someone consulted him who had a complaint which the practitioner thought would benefit from movement. He recommended that the patient take plenty of exercise, to which he got the reply: “Forgive me, but you must have forgotten that I am a postman.” One must recognize that concepts are only the tool, not the reality, and also that one must never be dogmatic. I have sometimes referred to another unreal concept, frequently acted upon when it is said: “the best man in the right place!”—whereupon it is immediately found that one's nephew or son-in-law is the best man! What matters are the facts as they truly are, not the idea one is in love with. Unless a feeling for these things is acquired one will fail to learn what is to be learned from history, and fail also to recognize the real issues in things and events around one. And the possibility to find the Christ again will elude one.
[ 47 ] An diese Betrachtung wollen wir heute in acht Tagen anknüpfen.
[ 47 ] We shall continue these considerations next week.
