Truths Regarding Humans Development
The Karma of Materialism
GA 176
17 July 1917, Berlin
Translate the original German text into any language:
Versions Available:
Aspects of Human Evolution, tr. Stebbing
Siebenter Vortrag
Lecture Seven
[ 1 ] Wir wollen jetzt nach und nach Vorstellungen bewerten, die wir in unseren letzten Betrachtungen gewonnen haben. Im ganzen werde ich Ihnen zu sprechen haben in dieser und den folgenden Betrachtungen von dem Wesen des Wahren, von dem Wesen des Guten, auf das ich schon in den verflossenen Ausführungen hingedeutet habe. Aber heute werden wir gewissermaßen episodisch etwas aus diesen Zusammenhängen heraus, die wir durchgeführt haben, zu betrachten haben, das der Zeitgeschichte sehr bemerkenswert sein muß. Zunächst haben Sie aus den letzten Vorträgen, die ich hier gehalten habe, gesehen, daß man sich sehr wohl ganz bestimmte Begriffe und Vorstellungen machen kann über den Zusammenhang unseres gegenwärtigen Erdenlebens mit dem früheren Erdenleben und mit demjenigen Erdenleben, das auf das unsrige, auf das jetzige folgen wird. Ich habe Ihnen ja dargestellt, daß in unserem Wollen, sofern wir das Ich selber in unserem Wollen wahrnehmen, wie herüberwirkt unser letztes Erdenleben. Und insofern wir uns den Gedanken des Ich bilden, ist dieser Gedanke mit allem, was er enthalten kann, so fein gewoben, daß er hinüberwirkt, wie wir wissen, in das nächste Erdenleben — wie ich Ihnen gesagt habe —, wie der Keim, der jetzt in einer Pflanze ist in diesem Jahr, hinüberwirkt für das Leben der Pflanze im nächsten Jahr. Also gewissermaßen den Keim zum nächsten Erdenleben haben wir in allem zu suchen, das wir an Gedanken weben, so aber, daß das Gewebe im Mittelpunkt die IchVorstellung, den Ich-Gedanken hat. Daraus ersehen Sie, daß wir, indem wir in unser Erdenleben eintreten, gewissermaßen mit all den Vorbedingungen hereinkommen, die uns vom vorigen Erdenleben kommen; aber auch selbstverständlich mit alledem, was aus uns gemacht wird in der Zeit, in der das vorige Erdenleben gewissermaßen verarbeitet wird zwischen dem Tode und der neuen Geburt, also derjenigen Geburt, durch die wir in das jetzige Erdenleben eingetreten sind. Das ist die eine Gruppe, möchte ich sagen, der Vorstellungen, die wir gewonnen haben.
[ 1 ] Let us now consider the implication of certain concepts we have obtained in our recent studies. Today, in the lecture to follow, I shall speak mainly about the nature of truth and the nature of the good. These issues we have been concerned with recently. But let us first look at something that belongs to those interconnections we spoke about last time and which to modern history must seem very strange. We saw in the previous lecture that it is possible to gain definite concepts as to how a present life on earth is connected with the preceding life on earth as well as with the one that will follow. I described that the I insofar as we are aware of it in the will acts across from our previous life on earth, and that insofar as we form a thought picture of the I this thought, with all it contains, is so delicately woven that it acts across to the next earth life. I compared it with the way in which the seed in this year's plant becomes the life in the plant of next year. We must regard as seed for our next life on earth every web of thought at the center of which is the I. So you see, when we enter our life on earth we do so with conditions determined by our previous life; but also, of course, with what comes as a result of the last life having been worked on between death and new birth. This can be said to be one group of concepts we have gained.
[ 2 ] Jetzt nehmen Sie mit einem großen Sprung eine andere Gruppe, eine Gruppe von Vorstellungen, die wir gewonnen haben über den Verlauf des Menschenlebens auf der Erde, eine Betrachtung, die gegipfelt hat in dem, wir dürfen uns sagen, wunderbaren Geheimnis von dem Gesamtlebensalter der Menschheit in der Gegenwart. Wir haben ja ausgeführt, daß die Menschen, als die atlantische Katastrophe vorüber war, in das erste nachatlantische Zeitalter, in die altindische Zeit eintraten, daß da die Menschen als ganzes Geschlecht ein Alter von der Mitte der fünfziger Jahre, 56 Jahre hatten und so weiter. Und wir haben auch des genaueren ausgeführt, was das zu bedeuten hat. Das hat zu bedeuten, daß in der damaligen Zeit die Menschen entwickelungsfähig blieben, so wie wir jetzt nur in der Kindheit entwickelungsfähig sind, bis in das 56. Jahr hinein, welches sie also durchmachten, wie wir den Parallelismus durchmachen zwischen der seelisch-geistigen und der physisch-leiblichen Entwickelung in der Kindheit, wo mit dem Sichentwickeln, Sichentfalten unseres Leibes, mit unserem Wachsen, mit unserer ganzen Entwickelung die seelisch-geistige Entwickelung zusammenhängt. So also wie wir da einen Parallelismus zwischen der seelisch-geistigen und der physisch-leiblichen Entwickelung durchmachen, dann aber aufhören, wenn wir ein gewisses Alter erreicht haben — wir haben ja angeführt welches —, diesen Zusammenhang zwischen dem Seelisch-Geistigen und dem Physisch-Leiblichen als etwas Wirkliches in uns zu tragen. Das Seelisch-Geistige wird dann unabhängiger, und wir können uns durch das, was von selbst kommt, nicht weiter entwickeln. Wir können so vor allen Dingen nicht die Mitte des Menschenlebens, das 35. Lebensjahr in Abhängigkeit vom Leibe durchmachen; der Leib gibt dann nichts mehr her. Wir erleben also gar nicht in uns selber den Rubikon, der da überschritten wird, und vor allen Dingen dasjenige nicht, was in dieser ersten nachatlantischen Periode erlebt worden ist: wir erleben nicht den ganzen Abstieg, das Zusammensinken, das Sklerotisieren, das Verkalken des Leibes und damit das Freiwerden des Geistes, ohne daß man etwas dazu tut, wie durch Naturentwickelung. Das leben wir nicht mit. Aber dazumal lebte man es mit. Wir wissen dann, daß dieses Lebensalter der Gesamtmenschheit hinunterstieg; die Menschen wurden 55, 54, 53, 50 und so weiter Jahre alt, bis sie am Ende der ersten Epoche nur entwickelungsfähig blieben bis zum 49. Lebensjahr. Dann, in der urpersischen Zeit, machte das Menschengeschlecht die Lebensjahre vom 49. bis 42. Jahr durch, in der dritten, der ägyptisch-chaldäischen Periode, vom 42. bis zum 35. Jahre, in der griechisch-lateinischen vom 35. bis 28. Jahre. So daß also die Griechen und die Römer entwickelungsfähig blieben bis in die Zeit, die eben begrenzt wird vom 28. bis 35. Lebensjahr. Und wir haben uns da vor die Seele geführt das große, ich möchte sagen, das ganz unglaublich große Geheimnis, daß, als die Menschheit heruntergegangen ist auf 33 Jahre, ihr entgegenlebte der Christus Jesus, daß gerade in das von oben heruntergehende 33. Lebensjahr das Mysterium von Golgatha hereinfällt: der dreiunddreißigjährige Christus Jesus. Das ist etwas so Wunderbares, daß man eigentlich gar nicht Worte findet, um das auszudrücken, was die Seele da empfinden kann, wenn sie diese geheimnisvolle Wahrheit voll in sich auszuleben vermag.
[ 2 ] Let us now make a great leap to another group of concepts we also obtained recently, concerned with the course of man's lives on earth. Those considerations culminated in the insight we gained into the secret of mankind's present age. I described how man, after the Atlantean catastrophe, entered upon the ancient Indian epoch, at the beginning of which mankind's age was 56. What this signifies was also described. It means that at that time the individual human being continued to be capable of natural development right up to the age of 56 in a way possible now only in childhood. Up to that age man's soul and spirit went through a development parallel to that of his physical body. This now happens only in childhood when the development of soul and spirit is bound up with the growth and development of the body. This interdependence ceases when we reach the age that was indicated. The soul and spirit then become more independent and man's inner development no longer continues of itself. The most important aspect of this is that we do not go through the middle of life, when the body begins to decline at the age of 35, still dependent on the body. Consequently we are not conscious of the Rubicon which we cross at that time. We do not experience what was experienced in the first post-Atlantean epoch, namely, the body's decline, its becoming sclerotic and calcified and the spirit becoming free of the body. At that time this took place in the course of natural development, without effort on man's part. As we know, during that epoch the age of mankind receded from 56 to 55, 54 and so on, so that at the end of the epoch his natural development continued only up to the age of 49. In the following, the ancient Persian epoch, mankind's age receded from 49 to 42. During the third, the Egyptian-Chaldean epoch, it receded from the age of 42 to that of 35, in the Graeco-Latin epoch from the .age of 35 to 28. This means that the Greeks and Romans remained capable of natural development up to that period in life which is bounded by the ages 28 and 35. I then placed before you the stupendous mystery that, as mankind's age had receded to 33, Christ Jesus, aged 33, united Himself with mankind. That moment the Mystery of Golgotha took place. This revelation is so wondrous that one is at a loss to find words to express the awe felt by the soul able fully to experience this fact so steeped in mystery.
[ 3 ] Dann geht das Lebensalter der Menschheit herunter; wir leben, wie Sie wissen, seit dem fünfzehnten Jahrhundert im fünften Zeitalter. Es hat begonnen damit, daß die Menschheit 28 Jahre alt wurde, daß sie jetzt als solche 27 Jahre alt ist, das heißt, daß wir bis zu unserem 27. Jahr noch in irgendeiner Weise abhängig sind mit dem SeelischGeistigen vom Physisch-Leiblichen, daß wir aber dann durch die Tatsachen, die uns umgeben, selbst nicht gewissermaßen durch Naturentwickelung weiterkommen, sondern, wenn wir dann weiterkommen sollen, dann müssen wir einen inneren Seelenimpuls zu diesem Weiterkommen haben, und der kann heute, wie ich es des weiteren ausgeführt habe, nur aus der geistigen Erkenntnis kommen, aus dem Erfühlen und Erleben desjenigen, was man über die geistigen Vorgänge wissen kann, und was in sachgemäßer Weise nur durch den Christus-Impuls kommt. So daß es einfach richtig ist, daß heute ein Mensch — und wenn er hundert Jahre alt werden würde —, wenn er sich nur dem überläßt, was Natur und Sozialität hergeben, was die Welt von selbst aus einem macht, unter diesen Einflüssen nicht älter wird als 27 Jahre. Und wenn er hundert Jahre alt wird, er bleibt eben dann stehen und ist angewiesen auf dasjenige in seiner weiteren Entwickelung, was er in die Seele hineinimpulsiert, ohne daß es von selbst, durch das Mitmachen der Leibesentwickelung kommen kann. So werden also die heutigen Menschen gewissermaßen von selbst 27 Jahre alt; und das ist das Charakteristische für die heutige Kulturentwickelung. Man versteht diese heutige Kulturentwickelung nur, namentlich in ihrem Zusammenhang mit früheren Kulturstufen, wenn man diese Tatsache, die die Geisteswissenschaft zu konstatieren vermag, sich wirklich vor die Seele schreibt.
[ 3 ] The age of mankind continues to recede. As you know, since the fifteenth century we have been living in the fifth post-Atlantean epoch. When it began, the age of mankind was 28 and by now has dropped to 27. This means that up to that age our soul and spirit are still in some way dependent upon our bodily-physical nature. After that age our natural development ceases; we can make no further progress merely through what our environment provides. If we are to progress, we must have an inner incentive to do so, and today that can only come from spiritual knowledge, as I have often explained. The impulse must arise from our feeling for what is spiritual in the world, from our knowledge of the spiritual aspect of things. In the last resort that can only arise through the Christ impulse. It is simply a fact that modern man, concerned only with what nature and society can provide him with, i.e., what the world can make of him, will remain a 27-year-old even if he lives to be a hundred. If he is to progress in his inner life, he must himself engender the impulse to do so; nothing more arises through the body's participation in his development. Thus through natural development modern man becomes 27 years old, and that is what is so characteristic of today's culture. Our culture, our civilization cannot be understood, especially in relation to earlier ones, unless this fact, verified by spiritual science, is kept firmly in mind.
[ 4 ] Es hängt dieses zusammen mit gewissen Dingen der ersten Gruppe von geisteswissenschaftlichen Wahrheiten, die wir heute wiederholentlich vor unsere Seele geführt haben. Wir machen eine gewisse Entwickelung durch in der Zeit zwischen dem Tode und einer neuen Geburt. In dieser Entwickelung wirken, wie Sie aus meinen Betrachtungen das letzte Mal ersehen haben, namentlich die Willensimpulse der vorhergehenden Inkarnation. Was wir da durchmachen zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, was wir also gewissermaßen mitgebracht haben in dieses Leben hinein, das leben wir jetzt in diesem Leben aus. Nun ist das Eigentümliche vorliegend, daß für einen Menschen der Gegenwart die Wechselwirkung zwischen dem astralischen Leibe und dem Ich, also dem eigentlich Seelischen und Geistigen, und dem Ätherleibe eben stockt mit dem 27. Jahr. Wir werden in der Zeit zwischen dem Tod und einer neuen Geburt so zubereitet, daß wir unseren neuen Ätherleib konstituieren, organisieren können, daß in diesen Ätherleib und über diesen Ätherleib auch in den physischen Leib hineinwirken können das Ich und der astralische Leib. Für einen Menschen im Anfang der griechisch-lateinischen Zeit, also etwa für die Zeit des Jahres 747 vor dem Mysterium von Golgatha, da war es so, daß dieses Stoppen, diese Zeit, wo der Astralleib nicht mehr belebend auf den Ätherleib wirken kann, das 35. Lebensjahr war. Um die Zeit des Mysteriums von Golgatha war es das 33. Lebensjahr. Jetzt ist es das 27. Lebensjahr. So daß also ein Mensch, der sich ganz demjenigen überläßt, was heute die Natur selbst hergibt und von außen, von der Sozialität in uns einströmt, bis zum 27. Jahr infolge der Entwickelung, die er durchgemacht hat vor seiner Geburt, beziehungsweise vor seiner Empfängnis, den Ätherleib so beweglich hält, daß der Astralleib, der mit diesem Ätherleib in Wechselwirkung ist, immer diesen Ätherleib zu neuen Begriffen, zu neuen Vorstellungen, zu neuen Empfindungen beleben kann. Wir können von selbst durch dasjenige, was uns zukommt bis zum 27. Jahr, unsere Vorstellungen über die Welt, unsere Ideale bereichern. Alles das hört mit dem 27. Lebensjahr auf, von selbst zu kommen. Das muß dann, wenn es überhaupt fortdauern soll, durch die inneren Impulse angeregt werden.
[ 4 ] This is something that is closely connected with the first group of spiritual facts of which we reminded ourselves today. As you will realize from the last lecture, we go through a certain evolution during the time between death and new birth; what is particularly at work then are the will impulses from the previous incarnation. What is accomplished between death and new birth we bring with us; it becomes experience in this life. However, the strange fact is that in the human being of today the reciprocal action between the astral body and the I that is soul and spirit on the one hand and the ether body on the other comes to a halt at the age of 27. We are so conditioned during life between death and new birth that we prepare and organize our new ether body in such a way that when it comes to live in the physical body, the I and astral body can still be active in it. At the beginning of the Graeco-Latin epoch, about 747 B.C., this vivifying effect of astral body on the ether body came to a halt when the person reached the age of 35, at the time of the Mystery of Golgotha, at the age of 33. It now stops at the age of 27. This means that today, according to the evolution he has gone through before birth or conception, a person can through what nature itself provides and what he gains from society keep his ether body mobile up to the age of 27, so mobile that the astral body, with which the ether body is in reciprocal activity, can imbue it with fresh concepts and ideas, vivifying it enough to engender new feelings and perceptions. Our mental pictures of the world, our ideals can be enriched up to the age of 27 simply through the experiences that come to us. After that age it does no longer happen of itself; progress will only come about through our own inner impulses.
[ 5 ] Mit dieser für den Gegenwartsmenschen verhältnismäßig frühen Einstellung der Wechselwirkung zwischen Astralleib und Ätherleib und dadurch auch mit dem physischen Leibe, mit diesem verhältnismäßig frühen Stoppen, hängen viele Zustände, die die Seele des gegenwärtigen Menschen durchmacht, zusammen, viele Unbefriedigtheiten. In früher Jugend haben wir, in den untersten Regionen namentlich, eine rege Wechselwirkung zwischen unserem Seelischen, also dem astralischen Leibe und unserem Ätherleibe. Dann stoppt das, und wir können eigentlich, wenn wir nicht so, wie ich das letzte Mal es beschrieben habe, unsere Vorstellungen, unsere Begriffe beleben, nur schattenhafte Begriffe in uns aufnehmen. Denn, würden diese Begriffe voll lebendig sein, dann würden sie uns fortwährend lähmen. Sie würden dann so sein, wie wenn der Keim fortwährend eine Pflanze sein wollte und sich zur ganzen Pflanze auswachsen wollte. Unsere Vorstellungen und Begriffe können das nicht. Sie müssen Keime bleiben für das nächste Erdenleben, für die nächste Inkarnation. Wir wollen da, wenn wir dies nicht in unsere Erziehung, in unsere Selbstzucht aufnehmen, eigentlich immer mehr haben, als uns das Leben geben kann. Und an diesem «mehr haben wollen, als das Leben geben kann» kranken heute verhältnismäßig viele Menschen. Das Leben kann uns, wenn wir unseren Vorstellungen und unseren Empfindungen nicht durch innere Impulse solche Anregungen geben, wie ich es das letzte Mal beschrieben habe, nur solche Begriffe geben, die erst in der nächsten Inkarnation zur Reife kommen, die also schattenhaft in der gegenwärtigen Inkarnation sind. Das verspüren wir. Würden wir das recht durchschauen, daß wir den Keim für die nächste Inkarnation ausbilden, würden wir also unser Leben in einen größeren Zusammenhang hineinstellen, dann würden wir zu einer viel größeren Lebensbefriedigtheit kommen. Das ist aber notwendig, und das hängt zusammen mit etwas, was seit Pascal,und erneuert durch Lessing, immer wiederum betont worden ist. Wir suchen Wahrheit und wir fühlen: in der Wahrheit sind wir in gewissem Sinne befriedigt. Aber Lessing hat den Satz, den vor ihm schon Pascal in einer viel ausführlicheren Weise ausgesprochen hat, in schöner paradigmatischer Weise ausgesprochen, indem er sagte: Wenn Gott in der einen Hand die volle Wahrheit hätte, in der anderen Hand das Streben nach Wahrheit, so würde er das Streben nach Wahrheit wählen. — Hinter dem steckt sehr viel. Hinter dem steckt nämlich das, daß wir eigentlich inkarniert in einem Menschenleibe immer ein Gefühl haben müssen, daß wir niemals die volle Wahrheit haben. Denn wir können im Menschenleibe nur das von der Wahrheit haben — denn die Wahrheit lebt ja in Begriffen, in Vorstellungen, die vom Ich durchzogen sind —, was Keim für die folgende Inkarnation ist. Es muß also das, was als Wahrheit in uns lebt, so leben, daß es in Beweglichkeit ist, im Streben sich befindet. Bevor wir in diese Inkarnation eingetreten sind, haben wir uns unseren Ätherleib so zubereitet, daß er die Wahrheit enthielt. Aber unsere Inkarnation besteht gerade darin, daß sie die volle Wahrheit ablähmt bis zur Kopie, bis zu einem Bilde der Wahrheit, und dieses Bild ist Keim für die nächste Inkarnation.
[ 5 ] Many soul conditions, many inner dissatisfactions in life suffered by modern man are due to the comparatively early cessation of the reciprocal effect between astral and ether body, and consequently also the physical body. There is, especially in early life, a lively reciprocal activity in the lower region between the soul, i.e., the astral body, and the ether body. Then it ceases, and unless we quicken our conceptual life in the way described in the previous lecture, we can absorb only shadowy concepts. These concepts must not attain their full reality or they would constantly lame us. They would be like a plant seed that insisted upon growing into a complete plant straight away. Our concepts and mental pictures must remain seeds until the next incarnation. If upbringing and self-discipline did not modify this tendency, we would in fact always want more than life of itself could give us. Many people do suffer from this “wanting more than life can give.” Life can provide us only with concepts that will mature in our next incarnation. They must consequently remain shadowy in this one unless through inner impulses of the kind described in the last lecture, we enrich and stimulate our mental pictures, in fact our whole inner life. If we could recognize that we are nurturing the seed for our next incarnation, i.e., see life in a much wider perspective, we would attain much greater inner contentment. This is directly connected with what Pascal and later Lessing expressed and what has often since been emphasized, the fact that in seeking truth, we are in a certain sense satisfied.1 Blaise Pascal, 1623–1662. Penseés, in many English editions. From the German edition of Ewald Wasmuth, Heidelberg, 1954, pp. 240-241: “We not only know God and ourselves through Jesus Christ; but life and death we know only through him as well. Without Jesus Christ we would not understand our life, our death, God, or ourselves.” A passage which Pascal before him discussed at great length, Lessing expressed in a simpler, paradigmatic form, saying: “If God held truth in one hand and the striving after truth in the other, I would choose striving after truth.”2 Gotthold Ephraim Lessing, 1729–1781. The verbatim quote is: “If God held in his right hand all truth; and, in his left, the ever active drive for truth, even with the condition that I would eternally and always err, and said: ‘Choose!,’ I would fall humbly on his left and say, ‘Father, give! The pure truth is for you alone!,’ ” Eine Duplik (1778), in G.E. Lessings Sämtliche Schriften, Leipzig, 1897. These words contain a great deal. They imply that while incarnated in a human body we will always have the feeling that we do not attain complete truth. Truth lives in concepts, in mental pictures and these are interwoven with the I; while in a human body, we can have only the truth which is seed for a next incarnation. It must not be fixed but live and move in our striving. Before incarnation our ether body is so constituted that it contains the truth. However, incarnating causes truth as a whole to be reduced to a copy, a picture of truth, and it is this picture which is seed for the following incarnation.
[ 6 ] Wenn wir uns so hineinstellen als einzelner Mensch in die ganze Menschheit, dann kann erst Befriedigung in unsere Seele einziehen. In der Praxis kommt sie nicht, ohne daß wir solche lebendigen Begriffe entwickeln, wie ich das letzte Mal vorgeführt habe, ohne daß wir gewissermaßen Begriffe, die nicht an der Oberfläche des Lebens liegen, in uns eigentlich aufnehmen, die uns weit auseinanderliegende Zusammenhänge des Lebens offenbaren. Zur Befriedigung wird in der Gegenwart kein Mensch kommen, der nicht ein lebendiges Interesse an seiner Umwelt hat, aber ein solches Interesse, das nach dem Geiste und den geistigen Zusammenhängen der Umwelt sucht. Wer nur in sich hineinbrüten will, findet in sich nichts anderes als das, was uns heute bis zum 27. Jahr beschert werden kann gemäß unserer Entwickelung zwischen dem vorigen Tode und dieser Geburt. Dadurch ist dieses Zeitalter auch dasjenige, das der Freiheit entgegenstreben muß, weil der Mensch aus sich selbst heraus dasjenige finden muß, was seine Seele mit der Umwelt zusammenwachsen läßt, was ihn Interesse finden läßt für diese Umwelt, aber Interesse, das nicht bloß durch die Sinne kommt, sondern auf die Weise aus weiten Zusammenhängen kommt, wie ich es das letzte Mal dargestellt habe.
[ 6 ] Inner contentment we attain only when we can feel ourselves as a member of humanity as a whole. In practice it is not attained unless we develop the kind of living concepts of which we spoke last time. These concepts are not derived from the surface of life's events; they must be sought in the connections between them. No human being today will achieve inner contentment unless he takes a vivid interest in the world around him, but an interest directed towards the spirit and the spiritual connections in the environment. Those who merely want to brood within themselves will find in life only what makes us into the kind of 27-year-olds that correspond to the evolution we went through between the previous death and the birth of the incarnation we are in. Man has to discover out of his own initiative his bonds with the environment. This is why in our age man encounters obstacles to freedom. He must kindle in himself interest for those spiritual aspects of life that cannot be discovered merely through sense observations; they must be sought in wider, more hidden connections, in ways I explained in the previous lecture.
[ 7 ] In diesen Dingen liegt viel — und wir werden das nächste Mal noch von diesem Vielen reden —, viel von dem, was uns aufklären kann in unserer Stellung zu der Wahrheit in der Gegenwart, und auch von dem, was uns aufklären kann über unsere Stellung zu dem Guten, dem Sittlich-Guten, dem Ethischen in der Gegenwart. Heute soll uns mehr etwas interessieren, das uns über mancherlei aufklären kann, das gerade aus diesen Wahrheiten heraus für ein Verständnis unserer unmittelbaren Gegenwart folgen kann.
[ 7 ] Much in what has just been said can help explain, not only our stand towards truth in our time, but also towards the good—the ethically and morally good. In the next lecture we shall go into more detail. Today we shall concern ourselves more with something that follows from these facts and can explain much that will help us understand our present time.
[ 8 ] Der Geisteswissenschafter muß es ja eigentlich mit seinen Wahrheiten ganz anders machen als der Naturwissenschafter. Durch die Betrachtungen von Jahren her haben Sie gesehen, daß der Geisteswissenschafter durch Imagination, Inspiration, Intuition zu seinen Wahrheiten kommt, das heißt, daß er sich durch diejenigen Erkenntnisse betätigt, die über die unmittelbare Sinneswelt hinausführen — sich führen läßt in das Gebiet der geistigen Welt, welches über dasjenige hinausgeht, was wir mit den Sinnen wahrnehmen, wovon aber dieses Sinnlich-Wahrnehmbare als von seinem geistigen Untergrunde überall beherrscht, regiert wird. Also die Geisteswissenschaft muß ihre Wahrheiten holen aus den geistigen Regionen, die dem menschlichen Erkenntnisvermögen zugänglich sind. Solche Wahrheiten wie diese von der Verjüngung des Menschengeschlechtes, von dem Zurückgehen der Lebensalter, wie ich sie Ihnen entwickelt habe, vom 56. bis zum 27. Jahr, das wir als Menschen der Gegenwart erreichen können, wenn wir uns nicht selbst weiterbringen, solche Wahrheiten, die man nicht auf dem Wege der gewöhnlichen Ethnographie, der gewöhnlichen Anthropologie findet, die muß man aus der geistigen Welt herausholen. Eine bloß geschichtliche Betrachtung der Hergänge seit der atlantischen Katastrophe nach der Methode, wie die Naturwissenschaft vorgeht, würde natürlich diese Zusammenhänge nicht ergeben können. Also aus dem Geiste muß man diese Dinge herholen. Daher — das werden Sie begreiflich finden — wird auch gerade bezüglich der Außenwelt, also der Natur- und Geschichtswelt, der Welt der natürlichen Vorgänge und der Welt der sozialen Vorgänge, der Geisteswissenschafter mit seinen Wahrheiten sich etwas anders verhalten müssen als der Naturwissenschafter. Wie geht denn der Naturwissenschafter eigentlich vor? Nun, er hat die Naturtatsachen, die Naturerscheinungen vor sich, danach bildet er sich seine Begriffe und Vorstellungen. Der Begriff, die Vorstellung ist das zweite. Das Gesetz ist das, wozu er kommt. Er geht also von der Tatsache zu dem Gesetz. Das Sinneswahrnehmen steht in der Mitte. Die Tatsachen nehmen wir wahr. Dann bilden wir uns die Vorstellung, das Naturgesetz und so weiter.
[ 8 ] The spiritual scientist must deal with the facts he discovers differently from the way the natural scientist deals with his. From our considerations over the years you will realize that the spiritual scientist arrives at his discoveries through the faculties of imagination, inspiration and intuition. This means he is engaged in cognition that goes beyond the confines of the immediate sensory world into that realm of the spiritual world which reaches beyond what is perceived through physical senses. This realm is at the same time the spiritual background from which everything sense perceptible is governed. The science of the spirit gains its observations such as the fact that humanity becomes younger and younger from the spiritual realm accessible to the human faculty of knowledge. The age of the human being is receding the way I explained from that of 56 to the age of 27 in our present time, and 27 is the age where we remain unless we take our own progress in hand. These facts can be discovered only through spiritual science. They cannot be found through ordinary ethnology or anthropology, nor of course, through ordinary historical research into the course of events since the Atlantean catastrophe with the methods of natural science. All these things can be derived only from the spiritual world. You will understand that the spiritual investigator with his spiritual knowledge will have a somewhat different attitude to events than the natural scientist, and not only to external events and processes but to history and social procedures. How does the natural scientist set about his research? He has before him the objects and phenomena to be investigated, and he formulates his concepts and mental pictures accordingly. The concept, the mental picture, is the second; the law that governs what is investigated is what he discovers. Thus he goes from facts to the laws by which they are governed; the sense perception comes between the two. The facts are the first, then the mental pictures are added, then the law discovered and so on.
[ 9 ] Der Geistesforscher wird es ja in einer ähnlichen Weise mit Bezug auf die geistige Welt machen müssen; da ist die Forschung eigentlich nicht verschieden, aber in bezug auf das äußere Sinnliche werden sich doch Unterschiede ergeben. Man weiß ja zunächst die Tatsachen, indem man sie in der geistigen Welt ergreift. Will man also die Bedeutung dieser geistigen Tatsachen in der äußeren Sinneswelt suchen, so muß man die äußeren Lebenstatsachen hinterher suchen. Man hat zuerst das Geistige gegeben, dann sucht man dazu jene Sinnestatsache oder Lebenstatsache, welche durch dasjenige erklärt wird, was man im Geiste ergriffen hat. Aus dem Geiste heraus erklärt man das, was aus dem Leben geistig erklärt werden sollte. Das ist für manchen ungeheuer schwierig zu verstehen, daß man mit Bezug auf das Geistige zuerst das Gesetz haben muß, und dann weist einen das Gesetz auf die Tatsache. Die Tatsache liefert gewissermaßen eine Bestätigung des Gesetzes. Ältere Geistesforscher haben das immer dadurch ausgesprochen, daß sie gesagt haben — wenn ich diesen schulmäßigen Ausdruck, der ja nichts zur Sache tut, Ihnen vorführen soll —: Die äußere Naturbetrachtung geht induktiv vor, von der Tatsache zum Begriff, die Geisteswissenschaft muß deduktiv vorgehen, vom Begriff zur Tatsache. Nehmen wir von diesem Gesichtspunkte aus ein Beispiel, das uns ja heute in der Gegenwart ganz besonders naheliegen muß.
[ 9 ] In regard to the spiritual world itself the spiritual researcher sets about his investigation in a similar way; here the investigation is not really different. It is in regard to the physical aspect that differences arise. The spiritual facts are directly understood as one takes hold of them. If one wants to discover what significance they have for the physical world, then the corresponding physical facts must be sought out afterwards. The spiritual aspect is given first; afterwards one seeks out the physical facts or conditions which it explains. By means of the spirit one explains what in life must be spiritually explained. Many find it extremely difficult to understand that in spiritual research the law comes first, and the law; i.e., the spiritual aspect, then points to the physical phenomenon to which it applies. The physical phenomenon supplies confirmation, as it were, of the law. Spiritual investigators used to express this difference somewhat formally, saying that natural-scientific investigation has to proceed inductively—from fact to concept, whereas spiritual-scientific investigation must proceed deductively—from concept to fact. In this light, let us look at an example which is of significance today.
[ 10 ] Wir haben aus der geistigen Erkenntnis heraus gefunden, daß die Menschheit in der Gegenwart im allgemeinen durch das, was Natur und Sozialität durch sich selber hergeben, 27 Jahre alt wird. Der typische Mensch der Gegenwart also, der sich fern hält von geisteserkennerischen Impulsen, der typische Mensch der Gegenwart entwickelt sich bis zum 27. Lebensjahr. Ist er ein großer, ein bedeutender Mensch, ein Mensch, in dem viel von Leben sprudelt und wirkt, so wird er sich stark bis zum 27. Jahr entwickeln, das heißt, er wird alles dasjenige, was man heute als Mensch einfach dadurch entwickeln kann, daß man physisch 27 Jahre alt wird, alles dasjenige wird er, mit Bezug auf Denkkraft, mit Bezug auf Impulsivität des Wirkens in der Zeit, werden. Solchen Willen wird er entwickeln, wie man ihn dadurch entwickelt, daß die Muskeln bis zum 27. Jahr heranwachsen, die Nerven sich ausbilden und so weiter. Und dann, wenn er außerdem empfänglich ist für das, was die Sozialität, das Menschenleben hergibt, dann wird er sich bis zum 27. Jahr so entwickeln eine Summe von Ideen, von Idealen, was für soziale Reformen man alles machen wolle. Die leben bis zum 27. Jahre, damit wird er bis zum 27. Jahr, wenn ich so sagen darf, vollgepfropft sein; dann stoppt es, dann bleibt ihm das, dann wird er das von da ab ins Leben überführen wollen. Und er mag nun 100 Jahre alt werden — und ist er ein großer Mann, dann wird er tief Einschneidendes, Bedeutungsvolles ausführen —, aber er wird 27 Jahre alte Ideen, Impulse ins Leben einführen. Er wird also gerade so recht ein Repräsentant der Gegenwart sein, er wird ein Mensch sein, von dem man sagen kann: Das ist einer, den die Gegenwart hervorbringen mußte wie ihr eigenes Produkt, der aber ablehnt, mit der Fortentwickelung der Menschheit zu gehen, wenn er keine inneren GeistImpulse aufnimmt, die inneren Geist-Impulse, die einen wiederum hinausführen über das 27. Jahr, wo man, wie mit den Jahren, so auch mit der Seele weiterlebt. Es müssen geistige Impulse aufgenommen werden. Die wird ein solcher Mensch nicht aufnehmen können, und sie also auch nicht in die Gegenwart hineintragen können. Er wird nichts von dem in die Gegenwart hineintragen können, was den Keim enthält für eine zukünftige Entwickelung der Menschheit. Er wird just dasjenige hineintragen, was unmittelbar charakteristisch ist für die Gegenwart. Und wenn er ein recht großer Mann ist — man kann auch ein großer Mann sein, selbstverständlich, indem man siebenundzwanzigjährig bleibt —, dann wird er das in die Gegenwart hineintragen, was dieser Gegenwart auf einem bestimmten Gebiet voll entspricht, was gerade zu ihr paßt, was aber keine Keime für die Zukunft enthält. Das wird er hineintragen.
[ 10 ] Spiritual research reveals that man in general develops in our time, through what nature and society provide, up to the age of 27. Therefore, the typical modern person who keeps aloof from spiritual knowledge will progress in his development up to his 27th year. If he is a person of significance, someone with many interests and is full of energy, then his faculties will be well developed by the time he reaches the age of 27. This means he will have brought to maturity everything one can develop simply through the fact of having physically become 27 years old. His powers of thinking will have developed and so too, the impulse to be active in one or another sphere. His will power will have grown in strength simply because his muscles have grown stronger, and similar things apply to the nervous system, and so on. If he is responsive to what he can absorb from the human environment, he will, by the time he is 27 years old, have developed a sum of ideas and ideals; he will be concerned about social reform and so on. All this will live and develop in him up to his 27th year, so that by that time he will, one might say, be crammed full. Then it stops; it ceases to develop further, and from then on what he brings to bear on life is the insight and outlook he has attained by the age of 27. He may live to be a hundred years old, and if he is a significant person he will bring about significant things, but whatever he does will be based on the ideas and impulses of a 27-year-old. Thus he is a true representative of the time in which we live; one could say he is a product of our time. But if he has no interest in the spiritual aspect of life, and does not develop impulses of the kind that enable, not only the body but the soul to mature beyond the 27th year, then he refuses to participate in mankind's further evolution. As he does not kindle spiritual impulses in himself, he cannot bring them to bear on his environment. He is incapable of bringing into our time anything that contains seeds for mankind's further progress. All that he does bring is characteristic of the time. If he is a man of stature—and one can, of course, be such and still remain 27 years old—then he will provide our time with what is in complete agreement with a certain aspect of it, but it will provide no seed for the future.
[ 11 ] Wie könnten wir uns denn einen solchen Menschen vorstellen in der Gegenwart, solch einen typischen Menschen? Wie könnten wir uns ihn vorstellen? Sehen Sie, jetzt machen wir den Weg von der geistigen Erfassung einer Vorstellung herunter in die Wirklichkeit; jetzt steigen wir herunter. Wir suchen gleichsam auf, wo das in der Wirklichkeit da ist. Jetzt wollen wir einmal suchen, wo der Mensch stehen könnte, wo er sein könnte, wo er uns gewissermaßen sinnlich im sozialen Leben entgegentreten könnte. Das könnte in der Gegenwart, nach den Verhältnissen der Gegenwart sein. Wie müßte denn ein solcher Mensch sich in die Gegenwart hineinstellen? So müßte er sich in die Gegenwart hineinstellen, daß erstens selbstverständlich das 27. Jahr ein springender Punkt in seinem Leben ist, ein besonders hervorragender Punkt, aber ein solcher Punkt, daß er gewissermaßen vom 27. Jahre ab hineingestellt ist ins Leben so, daß er just das Siebenundzwanzigjährige ins Leben überführen kann, nichts mehr und nichts weniger, daß alles so veranlagt ist in seiner sozialen Lebensstellung, daß er das ausführen kann, daß aber nicht die Mängel des Nicht-weiter-Kommens allzu stark gleich hervortreten. Er müßte also gewissermaßen Gelegenheit haben, auf fruchtbare Art stehen bleiben zu können beim 27. Jahr. Denn würde er 27 Jahre alt sein mit seinen Ideen und Impulsen und nachher nichts Besonderes bedeuten in der sozialen Welt — nun, so würde er 28, 29 Jahre alt werden, und er hätte gleichsam etwas Totes in sich. Würde er dann mit 30, 31 Jahren zu besonderen sozialen Verhältnissen kommen, so würde er dann das, was inzwischen tot geworden, was versumpft ist, hineintragen ins 28., 30., 31. Jahr, er würde nicht voll das 27. Jahr hineintragen, er würde nicht voll ein Repräsentant unserer Zeit sein. Ja, innerhalb unserer gegenwärtigen Verhältnisse könnten wir uns also denken, daß da, wo jetzt vielgerühmte normale Verhältnisse für das Leben der Gegenwart existieren, also in demokratisch regierten Staaten, solch ein Mann mit 27 Jahren ins Parlament gewählt wird, denn da hat er vollständig die Gelegenheit, nunmehr in ein soziales Verhältnis hineinzukommen, welches gewissermaßen einen Abschluß bedeutet. Denn, tritt er als bedeutender Mann mit 27 Jahren ins Parlament ein, und betätigt er sich, so engagiert er sich gewissermaßen für das Leben: so nimmt man ihn; er kann nicht in verschiedener Weise umsatteln, er hat sich festgelegt. Er wird also wirklich vom 27. Jahr ab das ins Leben tragen, was er bis dahin in sich entwickelt hat. Wird er dann später- wovon die Vor- und Nachteile die Mitteleuropäer jetzt kennenlernen wollen — aus dem Parlament zur Ministerschaft berufen, so wird das kein so wichtiger Abschnitt sein, als der, wo er ins Parlament gekommen ist, sondern er wird als Minister das realisieren, was er ins Parlament getragen hat, wenn er gerade mit 27 Jahren hereingekommen ist. So daß Sie also sagen können: Der typischste Mensch der Gegenwart mit Bezug auf sozialpolitisches Leben wäre ein Mensch, der mit 27 Jahren in ein Parlament gewählt worden ist, und zwar in ein demokratisches Parlament, welches einem solchen Menschen auch die Gelegenheit gibt, seine siebenundzwanzigjährigen Impulse in der Sozialität auszuleben.
[ 11 ] How are we to picture to ourselves such a typical person of our time? What exactly would he be like? What we must now do is to bring our mental picture of such a person down into physical reality. We must look for a physical counterpart. We must, as it were, visualize where such a person could be encountered in social life. It would have to be in the midst of modern life. So in what circumstances would one find him? First of all, the 27th year of his life would be conspicuous, but conspicuous in the sense that from his 27th year onwards his position in society would enable him to carry out precisely the ideas and impulses of a 27-year-old. At the same time what he lacked, i.e., his inability to progress inwardly beyond that age would not be too noticeable. In other words, he must have the opportunity to remain the age of 27 in a fruitful manner. Had he reached the age of 27 and found no possibility to do anything significant with his impulses and ideas, then he would have grown older with something dead within him. If then at the age of say 31 he found himself in some public position, he would meanwhile have carried what had become lifeless and dissolute within him into that later age; he would be no true representative of our time. However, it is possible in present-day circumstances to visualize that in a democratic country, under so-called normal conditions, such a person would, at the age of 27 be voted into parliament. There he would have the perfect opportunity to influence social affairs; it would also be a certain peak in his career. For if someone of some significance enters parliament at the age of 27 that would mean an occupation for life. He is, as it were, stuck; he cannot change course. However, he is in a position to put into action, from his 27th year onwards, all he has developed within himself. Should he later be called from parliament to become a minister of state, then that would be a change of less significance than the one that brought him into parliament. As minister of state he can put into practice what, as a 27-year-old he brought into parliament. So we can say that a typical person of our age with political and social interests would be someone who at the age of 27 is voted into parliament, giving him the possibility to carry out in practice the ideas and impulses corresponding to his age.
[ 12 ] Aber noch andere Anforderungen werden wir vielleicht stellen müssen an einen solchen Repräsentanten. In unserer Zeit herrschen über die freie Entwickelung des Menschen — diejenige Entwickelung, wo das zur Entfaltung kommt, was die Natur selbst hergibt — beeinträchtigende Formen. Wenn einer regelrecht Gymnasiast wird, dann geht es schon schief mit dem, was die Natur von selbst hergeben soll. Wenn er noch gar irgendeine Fakultät in der heutigen normalen Weise durchlebt, dann geht es noch schiefer, dann wird er in eine einseitige Richtung hineingedrängt. Wir wollen aber einen Repräsentanten ansehen, einen Menschen, der das hineinbringt in die Siebenundzwanzigjährigkeit, was von selber kommt, der eine möglichst ungehinderte, nicht durch die Norm der Gegenwart behinderte Jugendentwickelung bis zum 27. Jahr durchmachte. So daß der Geisteswissenschafter, wenn er einen Menschen, der so recht die Gegenwart mit all ihrer Siebenundzwanzigjährigkeit und mit dem Willen, es ganz abzulehnen, heranzukommen an etwas, was Entwickelung für die Zukunft in sich aufnimmt, suchen wollte, er sich einen Menschen suchen würde, der alle diese Eigenschaften hat und diese Lebensverhältnisse durchmacht, die ich aus der Geisteswissenschaft heraus selber — nennen Sie es meinetwillen: konstruiert habe —, der Geisteswissenschafter wird sagen deduziert habe. Und wenn ein solcher in der Gegenwart da sein würde, so würde uns das Dasein eines solchen Menschen ungeheuer viel erklären, denn wir würden begreifen, daß dieser Mensch da ist, um die Siebenundzwanzigjährigkeit der Menschheit einmal so recht vorzuleben, zur vollen Tatsache zu machen, daß die Menschen an irgendeiner Stelle gewissermaßen stoppen sollen bei 27 Jahren, in grober Weise ablähmen sollen die Keime für die Zukunft.
[ 12 ] Yet there are still other demands such a person must fulfill to be a true representative of our time. There are things in modern society that work against a human being's natural development. What develops naturally soon goes awry when the person is subjected to modern educational methods; the more so if he goes through some branch of university training that pushes him in a one-sided direction. What we are looking for is someone who represents the age, someone in whom what nature has bestowed develops as far as possible, up to the age of 27, unimpaired by modern training of the young. In other words, he must fulfill the requirement I laid down on the basis of spiritual science—you could say deduced from spiritual science—someone who at the age of 27 stands in the modern world with all that nature provides, fully developed, unimpaired by modern training, and who refuses to absorb any knowledge that provides seeds for the future. If such a person could be found in the modern world, his life would clarify many things. We would see in him demonstrated in practice what it means that mankind is in general 27 years old, that people anywhere who come to a standstill in their development at the age of 27, in a crude way weaken the seed of the future.
[ 13 ] Nun, gibt es einen solchen Menschen, der just die Eigenschaft und Lebensjährigkeit an sich trägt, die ihn zum typischen Repräsentanten der Gegenwart machen? Ja, einen solchen Menschen gibt es, und das ist Lloyd George. Für ihn stimmt alles, was ich Ihnen aus der geisteswissenschaftlichen Betrachtung hier deduziert habe. Betrachten Sie von diesem Gesichtspunkte aus jetzt, nachdem Sie gewissermaßen den Weg nicht durch äußere Betrachtung, sondern von oben, vom Geiste herunter gemacht haben, betrachten Sie jetzt das Leben dieses Lloyd George: 1863 geboren, früh verwaist — Sie kennen ja ungefähr dieses Leben —, zu seinem Oheim gekommen, der Schuster und Prediger war in Wales, keltischen Geblütes, also mit lebhafter innerer Regsamkeit gerade in den Jugendjahren. Seinen Oheim, den Schuster, der Prediger war, fortwährend vor sich, selber nach dem Ideal des Predigers hinstrebend, aber nicht Prediger werden könnend, also nicht einmal durch diese Schablone und Normen eingeengt, weil diese Sekte, zu der der Oheim gehörte, keinen honorierten Pfarrer halten darf, da muß jeder ein Handwerk ausüben und das Predigen frei betreiben. Der Junge wird ein glühender Verehrer der Unabhängigkeit. Er hat nicht so viel, daß ihm immer Schuhe gekauft werden könnten, er läuft barfuß herum, macht alle Stadien des armen Kerls durch und wächst so heran, indem er nicht regelrecht zur Schule geht, nicht eine regelrechte Bildung auf. nimmt, sondern das, was das Leben von selber gibt, an sich herankommen läßt, auch nicht im regelrechten Sinne nunmehr eine Advokatenlaufbahn durchmacht, sondern als Sechzehnjähriger einfach in eine Advokaten-Amtsstube eintritt, sich da durch sein gesundes Urteil hervortut und mit 27 Jahren Sollizitator wird. Also nicht auf dem Wege der akademischen Bildung, sondern aus der Lebenspraxis, aus dem, was das Leben dem Menschen der Gegenwart selber hergibt; so wächst er heran, vom Leben geschult. Vom Leben auch mit allen Impulsen gegen jegliches Privilegium, das Geburt oder Stellung verleiht, ausgestattet. Mit einer gewissen Wut den Hut ziehend vor dem vorgesetzten Gutsbesitzer der Gegend, dem er jeden Tag ein paarmal begegnen muß.
[ 13 ] Does a human being exist somewhere who had all the required qualities at the right age to make him a typical representative of our age? He does indeed; all the qualifications I deduced from spiritual considerations fit Lloyd George completely.3 David Lloyd George, 1863–1945, British statesman. Prime minister, 1916–1922. Look at the life of Lloyd George, not just from the external aspect but, as it were, from above, from the spiritual aspect, and you will find that everything fits. He was born in 1863, was orphaned early in life—you will be acquainted with these details—he was brought up by his uncle who was a cobbler and also a preacher in Wales. He was of Celtic stock and, especially when young, of a lively and alert disposition. His uncle, the preacher, was always there as an example, and he aspired to become a preacher himself. That was not possible because the sect to which his uncle belonged was not permitted to have salaried priests; everyone had to pursue a trade and preach without remuneration. Therefore, not even these conventions had any inhibiting effect. Already in youth he was an ardent lover of independence. The poverty was such that often there was no money for shoes, so he ran about barefoot, in fact experienced all degrees of destitution. He grew up without attending school regularly, so received no proper education, but simply accepted what life brought him. In the same irregular fashion he embarked on a career as a lawyer, not through official training but by getting employment at sixteen in a lawyer's office, and through keen observation and sound judgment he became a solicitor at the age of 27. Thus his attainments were achieved not through academic training but through what he could gain from life in the present. Life had also kindled in him a strong opposition to the many privileges birth and position bestow. It was with a certain fury that he had removed his cap in greeting to the local squire with whom he was obliged to meet several times a day.
[ 14 ] Und was geschieht? Im Jahre 1890 — 1863 ist Lloyd George geboren, 1890 ist er 27 Jahre alt — wird er dadurch, daß ein Mitglied des Parlamentes stirbt, als Gegenkandidat gegen den Mann, auf den er eine Wut hat, weil er ihn täglich grüßen mußte, aufgestellt, weil er sich ausgezeichnet hat durch eine Reihe eindringlicher Reden, die wie Feuer den Menschen in die Seele zogen, welche dahin wirkten, daß Wales sich freimachen muß aus der englischen Umklammerung, daß die Nationalität der Kelten ein neues Aufleben erfahren muß, daß die Kirche vor allen Dingen niemals mit dem Staate in einem organisatorischen Konnex stehen darf, sondern frei gegenüber dem Staate stehen muß. Weil er sich so ausgezeichnet hatte, erringt er sich mit einer geringen Majorität den Parlamentssitz 1890, mit 27 Jahren! Das Leben hat ihn gelehrt aus unmittelbarer Anschauung, was für seine Gegenwart notwendig war. Das trägt er ins Parlament hinein. Zwei Monate schaut sich der Siebenundzwanzigjährige alles an, redet kein Wort. Aber mit seinen Augen, die stets eine etwas konvergierende Achsenstellung nehmen und dann funkeln können, mit der Hand hinter dem Ohr, um möglichst genau zuzuhören, hört er zwei Monate alles das an, was die Situation bietet. Und von da ab beginnt er ein gefürchteter Redner des Parlaments zu sein. Leute, die vorher eigentlich mit einer gewissen Gleichgültigkeit, mit englischer Gelassenheit auf ihren Opponenten geschaut haben, wie Churchill oder Chamberlain, wurden wütend, wenn ihnen Lloyd George als Opponent entgegentrat, denn er war als Ungelehrter, als Unakademiker, von einer eindringlichen Dialektik und von einer sarkastischen Art, jeden zurückzuweisen, auch wenn der Betreffende noch so hoch in seinem Ansehen stand. Gladstone stand er am nächsten, dennoch hatte selbst Gladstone von Lloyd George mancherlei auszuhalten durch seinen Sarkasmus, durch das Treffende, das Zielsichere der Dialektik, mit der Lloyd George bei jeder Gelegenheit aufzutreten verstand. Hier zeigt sich das Merk würdige eines durch das Leben belehrten Menschen: die Vielseitigkeit. Menschen, die nicht durch das Leben belehrt worden sind, werden einseitig, wissen nur über das oder jenes Bescheid. Lloyd George wußte über alles Bescheid und sprach so, daß selbst die angesehensten Leute, die er angriff, in Wut kamen, aufgeregt wurden, während sie früher in englischer Gelassenheit dasaßen.
[ 14 ] Then what happens? In the year 1890 when Lloyd George, born 1863, is 27 years old, he becomes, through the death of a member of parliament, the candidate opposing the man to whom he hated raising his cap in daily greeting. He had been put forward as a candidate because of the attention caused by a series of urgent speeches he had made, inflaming the hearts and minds of his listeners, exhorting the liberation of Wales from English dominion. Celtic nationality, he said, was to be infused with new life, and in particular the Church should be freed of the organizing influence of the State. He drew so much attention that as a result he won a seat in parliament by a slight majority. This was in 1890. Lloyd George was just 27 years old and a member of parliament! Immediate life experiences had taught him what was needed in his time, and these experiences he brought with him into parliament. For two months this 27-year-old member carefully watched everything that was happening and said not a word. For two months, sitting with a hand behind his ear, with eyes that tended to converge but now and then could flash, he saw and heard everything that went on, whereupon he began the career of a much feared speaker in parliament. People like Churchill and Chamberlain who formerly had looked upon their opponent with a certain indifference, with a certain English impassiveness, became enraged when opposed by Lloyd George.4 Sir Winston Churchill, 1874–1965, British statesman, prime minister 1940–1945, 1951–1955. Arthur Neville Chamberlain, 1869–1940, British statesman, prime minister 1937–1940. After all, he was untutored, unacademic, but he also displayed penetrating logic and biting sarcasm when refuting an opponent, no matter how highly revered. He was close to Gladstone, but even he had to endure much from the sarcasm, the cutting remarks, and logical arguments Lloyd George was always ready to conduct.5 William Ewart Gladstone, 1809–1898, British statesman, prime minister four times between 1868 and 1894. Here we see the extraordinary versatility of someone taught by life itself. People not taught in this way tend to be one-sided, limited in things they can manage. Lloyd George was well informed about every subject and spoke in a way that enraged even the most distinguished members, rousing them from their habitual impassiveness.
[ 15 ] Es ist also gerade interessant, den großen Mann als Repräsentanten der Gegenwart zu sehen, den zu studieren, der mit dem siebenundzwanzigjährigen Charakter das Keltentum verbindet, also diesen siebenundzwanzigjährigen Charakter mit der ganzen Kraft des Keltentums auslebt. Am angesehensten sind die Reden geworden, in denen er in beißender Art den Burenkrieg zurückwies, die ganze Schändlichkeit, wie er es immer nannte, die ganze Niederträchtigkeit des südafrikanischen Krieges, die er in immer neuen und neuen Worten dem Parlament vor die Seele rückte. Und unerschrocken, keltisch unerschrocken, trat er auf, so daß er einmal nach einer Rede mit einem Knüppel so auf den Kopf geschlagen wurde, daß er zu Boden sank. Ein andermal mußte ihm ein Polizeimann seine Uniform geben, daß er durch eine Hintertüre gebracht werden konnte, weil man sagte, der Lloyd George würde über einen Gegenstand reden, und man sich davor fürchtete. Ein Mensch, wie er tatsächlich innerhalb der englischen Verhältnisse, wie sie damals in den neunziger Jahren waren, vorher nicht da war! Ein scharfer Kritiker bis ins zwanzigste Jahrhundert herein. Selbstverständlich unter reaktionären Regierungen nur ein Kritiker. Aber als im Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts das erste liberale Ministerium Campbell-Bannerman kam, da sagte man sich: Ja, es wäre schon alles schön, liberal zu regieren, aber was machen mit Lloyd George? Was macht man in einem solchen Falle — Mitteleuropa will sich ja jetzt von solchen Dingen eine genauere Kenntnis erwerben, wie Sie vielleicht gehört haben —, was macht man in einem solchen Falle in demokratischen Ländern? Man holt den Betreffenden auch ins Ministerium hinein, indem man ihm ein Portefeuille gibt, von dem man glaubt, er verstehe nichts davon. Das machte das Ministerium Campbell-Bannerman mit Lloyd George. Man gab Lloyd George, just ihm, der niemals Gelegenheit hatte, mit Handel sich zu beschäftigen, das Handelsportefeuille. Nun hatte Lloyd George das Handelsportefeuille von 1905 an inne. Lloyd George war ein selbstgemachter Mann, ein Mann, den das Leben gemacht hat, nicht ein Akademiker. Was war die Folge davon? Er wurde einer der ausgezeichnetsten Handelsminister, die England gehabt hat.
[ 15 ] It is indeed interesting to observe this great man as a representative of our time, to observe how he unites the characteristics of the 27-year-old with the strength of Celtic traits and makes the most of this combination. His caustic speeches against the Boer war, this wholly disgraceful affair, as he called it, are among his most outstanding. He constantly harangued parliament in even more vivid terms about what he called this vile, mean action of the war in South Africa. With Celtic fearlessness he continued to speak in public though he was once hit on the head with a cudgel so hard that he fell senseless to the ground. Another time he had to borrow a policeman's uniform and be smuggled through a side door because one dreaded the speech he was going to make. There had been no one like him in British political life, and he remained a severe critic well into the 20th century; naturally under a reactionary government a critic only. However, when the Campbell-Bannerman liberal government came to power early in the 20th century, everyone said how good it was to have a liberal government, but what was to be done about Lloyd George?6 Sir Henry Campbell-Bannerman, 1836–1908, British statesman, prime minister, 1905–1908. Well, in a democratic country what does one do in such a case? One hauls the person in question into the cabinet and gives him a portfolio he is sure to know nothing about. That was exactly what Campbell-Bannerman did with Lloyd George. He, who never had any opportunity to concern himself with trade, was given the Department of Trade, which he took over in 1905. He was a self-made man, molded by life, not by academic training. And what was the outcome? He became the most outstanding Minister of Trade Britain had ever had.
[ 16 ] Nach verhältnismäßig kurzen Studien, zu denen auch Reisen nach Hamburg, Antwerpen, Spanien gehörten, um da die Handelsverhältnisse zu studieren, ging er daran, ein Patentgesetz zu machen, das ein Segen für das Land ist. Ebenso gelang ihm ein Gesetz zur Regulierung des Hafens von London, ein Gesetz, an dem sich viele Handelsminister vor ihm schon verblutet hatten. Das brachte er so zustande, daß man damit zufrieden war. Ihm gelang auch, die Beilegung einer damals sehr akut gewordenen Eisenbahnkrisis zu bewirken. Kurz, er hat sich als Handelsminister ganz außerordentlich bewährt. Und es kam die Ablösung des liberalen Ministeriums Campbell-Bannerman durch Asquith-Grey. Lloyd George mußte man selbstverständlich im Ministerium haben! Aber man hatte sich ja jetzt schon überzeugt: Lloyd George ist ein Mensch, der alles kann. So richtig der Repräsentant der Zeit, also gibt man ihm auch den wichtigsten Posten: man macht ihn zum Schatzkanzler. Also Lloyd George war nun Schatzkanzler.
[ 16 ] After a comparatively short time, spent studying his new task and which involved travels to Hamburg, Antwerp and Spain in order to study trade relations, he set about introducing a law concerning patents which was a blessing for the country. The bills he introduced and passed for reorganizing the Port of London were met with general approval, an issue over which many former Ministers of Trade had come to grief. The way he managed to settle a particularly critical railway dispute was universally applauded. In short, he proved to be a quite exceptionally efficient minister of trade. When the change of government came from Campbell-Bannerman to that of Asquith and Grey, Lloyd George naturally had to be kept in the cabinet.7 Sir Edward Grey, 1862–1933, British statesman. British foreign Minister, 1905–1914. Herbert Henry Asquith, 1852–1928, British statesman. By then it was the general opinion that Lloyd George could do anything. He was so truly a representative of his time that he was given the most important office, that of Chancellor of the Exchequer.
[ 17 ] Nun denken Sie sich: mit aller Siebenundzwanzigjährigkeit, die er behielt, mit allen Emotionen des Keltentums, mit allen Emotionen, die er aufgenommen hat, indem er immer als barfüßiger Junge den Gutsherrn grüßen mußte — der allerdings nachher mit geringer Majorität durchgefallen ist —, mit allen Emotionen gegen alles, was Privilegium und dergleichen heißt — denn er alterte nicht, er blieb das, was er bis zum 27. Jahr gewesen war —, mit all dem wurde jetzt Lloyd George Schatzkanzler. Bis dahin hatte man in England geradezu ein Zaubermittel für alles finanzielle Wesen: das war dasjenige, was man die Tarifgesetzgebung nannte. Steuergesetzgebung war eigentlich Tarifgesetzgebung, und diese bestand darin, daß alles dasjenige, was privilegiert war, möglichst wenig besteuert wurde, und daß durch die ganze Tarifgesetzgebung der Pauperismus im eminentesten Maße gefördert wurde. Man kann sagen, wenn man irgendwo eine Schule suchen will für jene Methode, zu schimpfen, die jetzt gewisse englische Zeitungen gegen die Deutschen betreiben, wenn man irgendwo eine Schule suchen will, die durchgemacht wurde, so war es dazumal, als Lloyd George zuerst mit seinem ganz neuen Budget-Entwurf, den er machte, hervortrat. Dazumal machten die englischen Journalisten eine Schule durch, indem sie Lloyd George und sein unmögliches Budget beschimpften. Alles mögliche wurde ihm vorgeworfen, was nur eben jetzt auf dem Gebiete eine Steigerung hat, das ich Ihnen eben angedeutet habe. Und die heftigste Opposition fand der Mann im Parlamente selbst, wo er immer so saß, daß sich seine Lippen allmählich zu einem gewissen Sarkasmus zu ziehen verstanden, dauernd, aber immer weiter mit der Hand hinter dem Ohr und mit den etwas zusammengehenden, aber strahlenden Augen, mit absoluter Ruhe und Sicherheit. Denn dieser Mann hatte als Mensch sich in die Gegenwart hineingestellt. Es hat vor ihm auch Finanzminister gegeben, Budgetfabrikanten, die haben Budgets fabriziert, die diesen oder jenen Namen tragen, aber das Budget des Lloyd George war so individuell, daß man es in England einfach Lloyd-George-Budget hieß. So sehr war dieser Mann herausgewachsen aus der Gegenwart und so sehr stellte er sich repräsentativ hinein. Und nichts gab es für ihn an Schule als nur das Leben. Alles das, was man sammeln kann aus den Steuer-Erfahrungen von Amerika, von Frankreich, von Deutschland, das hat er zusammengesammelt und versucht, es zu verwerten. Also auch selbst in seinem Studium, in seinem am Leben sich vollziehenden Studium, nicht hinter Büchern, sondern hinter dem, was die Sozietät in der Gegenwart selber hergibt, bleibend. Sehr interessant, wirklich, ganz merkwürdig! Aber nun denken Sie, so fühlt sich der Mann in seiner Gegenwart drinnen, daß er eines Jahres, als er den Budget-Abschluß vorzulegen hatte, ein gewisses Defizit hatte. Niemals hatte man früher sich zu einem Defizit anders verhalten, als indem man die Deckung aufgenommen hat, also einen Posten für die Deckung aufgenommen hat. Lloyd George hat gesagt: Ja, es ist ein Defizit da, aber wir lassen es, wir setzen nichts dafür ein, denn durch dasjenige, was ich getan habe, werden die verschiedenen Zweige, denen das zugute gekommen ist, so prosperieren, daß wir einfach durch diese Prosperierung der verschiedenen Lebenszweige das Defizit zur rechten Zeit gedeckt haben werden. Also dieser Mann wußte auch mit dem Leben zu leben. Er glaubte auch an das Leben, weil er sich mit dem Leben verankert fühlte. Und was die Hauptsache ist: Mancher glaubt an das Leben, aber er hört auf zu glauben, wenn die Sache beginnt schief zu gehen. Und die Sache, die ich eben angeführt habe, die ging schief. Das Defizit wurde stehen gelassen, ein Deckungsposten nicht aufgenommen, es ging schief. Es prosperierte eben nicht so, wie er rein aus Vertrauen gesagt hatte. Aber er blieb ruhig, er war fest verankert in dem Leben der Gegenwart. Und was geschah? Drei seiner größten, seiner geldschwersten Feinde starben. Sie waren seine mächtigsten Gegner, weil er das Steuergesetz so ausgebildet hatte, daß man ihn einen Dieb an der englischen Lordschaft nannte; das war so einer der Ausdrücke, die man ihm an den Kopf geworfen hat. Na, also drei seiner mächtigsten Feinde starben. Aber er hatte vorher schon die Erbschaftssteuer so hoch geschraubt, daß — nennen Sie es jetzt einen Zufall — von der Hinterlassenschaft seiner mächtigsten Feinde so viel abgeführt werden mußte, daß das Defizit gedeckt war.
[ 17 ] With all his characteristics of a 27-year-old, with all his emotions stemming from his Celtic origin, Lloyd George became Chancellor of the Exchequer. He had of course retained all the emotions that used to well up in him when as a barefoot boy he had to greet the local squire. He did, however, score over that same squire in his bid for a seat in parliament. He also retained his strong feelings against everything to do with special privileges and the like. He remained as he had been at the age of 27. Before Lloyd George's time as Chancellor there had been in England a magic cure for financial problems; it was called tariffs. Inland revenue is really a form of tariff, worked out so that the privileged pay as little possible, ensuring that poverty is widespread. As Lloyd George presented his first budget, the abuse hurled at him and his impossible budget must have created a precedent. The British press was, in fact, hurling at him the kind of abuse they at present are reserving for the Germans. Everything in his budget to do with raising taxes in areas that affected the more privileged came in for heavy criticism. In parliament he faced vehement opposition, but he sat, as always, completely calm and unperturbed, hand behind the ear, eyes that sparkled and lips ready to curl in sarcasm. This was a man in complete accord with the age. Chancellors before him had produced budgets which had been given this or that name, but the budget he presented was so unique to him that in Britain it was known simply as the Lloyd George budget. With no education other than that of life itself, he represented to perfection the time of which he was himself a product. Everything that could be learned about taxation and how it worked in America, France, and Germany he had investigated and endeavored to evaluate. Here again he did not gain his knowledge from books but from practical life, from the way the issue was dealt with at that particular time. What he achieved is really most interesting and quite remarkable. His complete confidence is again demonstrated when one year, as he came to present his annual balance sheet, it was found that there was a deficit. Deficits had previously always been dealt with by simply absorbing them; i.e., making an entry for the amount. However, Lloyd George said: “Well, there is a deficit, but we shall leave it and not enter it because through the measures I have taken various branches of trade and industry will be so profitable that the extra revenue will cover the deficit in time”—which shows his confidence in life, a confidence that stemmed from his accord with life. Most importantly, unlike others he dod not lose that confidence when things went wrong. And in regard to this matter things did go very wrong. The deficit remained, but the prosperity he had so confidently promised did not materialize. Yet he remained calm, being so completely adjusted to life. And what happened? Three of his greatest adversaries died, all exceedingly wealthy men. They had strongly opposed him because of his tax laws which had earned him the title “robber of the upper classes,” one of the many insults hurled at him. Well, three of his most powerful enemies died—and you may call it a coincidence, but the death duty he had already introduced was so high that the revenue from their estates made up the deficit.
[ 18 ] Es war merkwürdig, wie sich gewissermaßen nach und nach das Blatt wendete, wie man nach und nach anfing, den Lloyd George zu loben. Allerdings, der Mensch lebt ja wirklich durch die Art, wie sich sein Verhältnis zur Natur in ihm selbst und zur Umgebung gestaltet, und man kann sich nichts denken, was besser zusammenpaßt, als der siebenundzwanzigjährig Bleibende und die siebenundzwanzigjährige Menschheit. Wenn man so zusammenstimmt, wenn man 28, 29 Jahre und so weiter geworden ist, und also sein Budget 1909 vorgelegt hat — da war er ja natürlich eigentlich schon älter; er war aber nach den Theorien, die ich aufgestellt habe, weiter 27 Jahre alt —, wenn man so zusammenstimmt mit dem, was in der Menschheit einen umgibt, und die Kraft hat, dieses Zusammenstimmen zu durchleben, dann bekommt man eben auch die Kraft, die sich ausleben kann. Und so kam es immer wieder und wiederum vor, daß — weil ja selbstverständlich Lloyd George, der auf allen Gebieten, auf die er Einfluß hatte, Neuerungen einführte, die sich alle in der Richtung bewegten, den Pauperismus zu bekämpfen, gewisse Dinge zu bekämpfen, die wirklich soziale Schäden schlimmster Art in England waren —, daß er da angefeindet wurde. Zuweilen mußte er zehn Stunden lang Reden anhören und immer wieder und wiederum eingreifen; die stärksten Männer des Parlaments verloren, wenn sie ein Monokel hatten, ihr Monokel aus den Augen, so schimpften sie. Lloyd George blieb ruhig, antwortete zehn Stunden lang, wenn es sein mußte, mit seiner dialektischen Schlagfertigkeit, mit seinem Sarkasmus überall treffend. Und so hatte er denn auf diese Weise Gesetze durchgebracht, die tief, tief einschneidend sind ins soziale Leben: ein Altersversorgungsgesetz und ähnliche Gesetze, Gesetze, die in hygienischer Weise wirkten, die gegen die Trunksucht in nützlicher Weise wirkten. Also der Mann stellte sich als Repräsentant der Gegenwart allen Nicht-Repräsentativen, ich möchte sagen, allein mit seinen Schultern entgegen.
[ 18 ] In a remarkable way the tide gradually turned, and Lloyd George began to be praised. He lived according to his inner conscience and the way he was prompted by the environment, and nothing could be in more complete accord than the man who had remained aged 27 and mankind aged 27. However, the time came for his 1909 budget. By then he was of course considerably older, yet had remained aged 27 in the real sense. As he introduced new measures in every sphere in which he had influence, all aiming at fighting poverty and other social ills of the worst kind existing in Britain, it was not surprising that he met with much enmity. But, if one is in such accord with what lives in mankind and has the strength to experience it, the strength will also be found to cope. He sometimes had to listen for ten hours or more to speeches and continually had to intervene and often was opposed by the strongest members of parliament, some glaring at him through monocles while reviling him. Lloyd George remained calm, answering objections for ten hours if he had to, always with wit and ironic remarks that found their target. Thus he managed to introduce laws of immense benefit, such as care of the elderly, laws aiming at improving the population's health, such as effectively combatting drunkenness and the like. One could say that as representative of the time he fought everyone who did not represent his time.
[ 19 ] Nun müssen wir, wenn wir die Sache vollständig verstehen wollen, dazu eine andere Grundwahrheit nehmen. Wir müssen uns ja klarwerden darüber, daß wir als besonders in der Entwickelung liegend haben in der ersten, der urindischen Zeit für die Menschheit den Ätherleib, dann in der urpersischen den Empfindungsleib, in der ägyptisch-chaldäischen die Empfindungsseele, in der griechisch-lateinischen Zeit die Verstandes- oder Gemütsseele; wir haben die Bewußtseinsseele. Aber alle anderen Völker sind ja in der gegenwärtigen Zeitepoche nicht in der Lage der Engländer, die wiederum unter den Völkern der Erde gerade für die Bewußtseinsseele beschaffen sind. Wir wissen: die Empfindungsseele wird ausgebildet durch die italienisch-spanischen Völker, die Verstandes- oder Gemütsseele durch die französischen Völker, die Bewußtseinsseele bei den Engländern, das Ich bei uns in Mitteleuropa, und vorbereitet wird das Geistselbst bei den Russen. Also die Engländer sind gewissermaßen die Repräsentanten der materialistischen Gegenwart, die mit der Ausbildung der Bewußtseinsseele zusammenhängt. Lloyd George hängt wiederum in innigster Weise zusammen, ich möchte sagen, er ist prädestiniert nach jeder Richtung hin, repräsentativ für die Gegenwart zu sein. Siebenundzwanzigjährig, innerhalb des englischen Volkes siebenundzwanzigjährig, das will Ungeheures sagen! Daher ist dasjenige, was er sprach, allerdings wie herausgesprochen nicht nur aus der allgemeinen Menschheitsentwickelung der Gegenwart — wenn man sie so auffaßt, daß man sie nicht weiter führen will, sondern gerade dasjenige, was sie in der Gegenwart hat, in stierhafter Stärke aufdrängen will —, sondern auch noch von einem repräsentativen Engländer gesprochen. Also die englische Volksseele, ausgesprochen durch einen repräsentativen Menschen der Gegenwart!
[ 19 ] In order to understand fully this whole issue, we must add to it another basic aspect of mankind's evolution. We must bear in mind that in the first, the ancient Indian epoch, man developed the ether body, in the ancient Persian epoch the sentient body. Then in the Egyptian-Chaldean epoch he developed the sentient soul, in the Graeco-Latin epoch the intellectual soul, and in our epoch the consciousness soul. However, in the present epoch no other people anywhere are in the position of the British, for they are especially constituted for the consciousness soul. We know that the Italian and Spanish peoples develop the sentient soul, the French the intellectual soul, the English people the consciousness soul, the Central Europeans the I, while the Russian people are preparing for the Spirit Self. The English people are therefore representative of the materialism of the epoch, because materialism is bound up with the development of the consciousness soul. Thus Lloyd George is also intimately connected with the consciousness soul; he is, as it were, predestined to be in every way the representative of our time. It is of immense significance that he, the typical 27-year-old, should emerge with the 27-year-old English people. That is why in everything he said he represented the English folk. But he also spoke as a representative of man-kind's present evolutionary stage, as one who has no inclination to further that evolution, but rather with bull-like tenacity wants to press on with what this evolution presently has to offer. Thus the English folk soul is coming to expression in a human being representing the age.
[ 20 ] So wirkte er seit dem Jahre 1890, seit seinem 27. Lebensjahr. Überall in dem, was sich sozial in England ausgelebt hat, sind die Spuren von Lloyd George zu finden. Daher braucht man sich nicht zu verwundern, wenn man gerade in den Jahren, die schon nahe an den Krieg herangingen, von ihm hörte, daß sich die Engländer nicht betäuben lassen sollen von denjenigen, die als Kriegsfurien fortwährend den Engländern vorreden, die Deutschen wollten Invasionen in England; sie sollen solche Dinge nicht glauben, sie sollten nicht von jedem Penny, der dem Staate zufließt, einen halben Penny zu Rüstungen abgeben. Das war ganz aus der Gesinnung des Engländers und des repräsentativen Menschen heraus gesprochen. Das ist auch ganz aus dem siebenundzwanzigjährigen Ideal heraus gesprochen. Denn die anderen Dinge waren alle Reminiszenzen anderer Ideale, von anderen menschlichen Lebensaltern. Der Mann sprach seine unmittelbare Gegenwart aus, die unmittelbare unkriegerische Gegenwart, zu der gerade das englische Volk gekommen ist. Drei Stufen, sagte er, gibt es zum Ruin, vor diesen drei Stufen muß man sich hüten. Das prägte er immer wieder und wiederum den Leuten ein. Die erste Stufe zum Ruin ist der Schutzzoll, die zweite die Rüstungen, die dritte der Krieg! Das war Lloyd Georges Leitspruch: zum Ruin wird man geführt erstens durch den Schutzzoll, zweitens durch die Rüstungen, drittens durch den Krieg. Nun denken Sie sich: dieser Mann, der außerdem für das richtig abstrakte siebenundzwanzigjährige Ideal des Weltenschiedsgerichtes schwärmte, dieser Mann hat sozusagen in der liberalen Zeit Englands das Gepräge gegeben für all dasjenige, was eben das liberale England durch den Liberalismus sich hat geben können gerade durch einen repräsentativen Menschen. Nun ja, zu alledem, was ich Ihnen jetzt auseinandergesetzt habe in bezug auf Lloyd George, gehört das, daß er der repräsentative Mensch der Siebenundzwanzigjährigkeit ist. Daher wird er all dasjenige gerade in der richtigen Weise in sich haben, mit alledem, was ich Ihnen bisher erzählt habe, für das, was eben repräsentativ für das Engländertum ist, für das auch, was gut ist für das Engländertum, und wodurch das Engländertum der Welt nützen kann. Aber er ist nicht imstande, mit seinen Lebensjahren vorwärtszugehen. Es ist im Sinne dessen, was ich ausgeführt habe, daß er bei der Siebenundzwanzigjährigkeit stehen bleibt. Kommt also etwas, was aus anderen menschlichen Lebensaltern heraus wirkt, dann ist er sofort aufgeworfen, denn da hat er keinen Zusammenhang. Wie sollte er, der dasjenige ablehnt, was das Leben nicht von selber gibt, einen Zusammenhang mit demjenigen haben, was von anderen Ecken der Menschheitsentwickelung heraus kommt. Und damit hängt es zusammen, was für den, der heute hinter die Kulissen der Weltgeschichte schaut, eine absolute Wahrheit ist, wenn diese Wahrheit auch so wenig erkannt wird: dasjenige, was an der Oberfläche des englischen Volkes, des Volkstums lebt, was das Engländertum als solches wollte, dafür ist Lloyd George der Repräsentant. Und das wollte vor allen Dingen dasjenige, was im Sinne der Worte liegt: Zum Ruin führen erstens der Schutzzoll, zweitens die Rüstungen, drittens der Krieg; das heißt, das wollte keinen Krieg. Denn, trotzdem der Krieg im wesentlichen von England nicht verhindert wurde, also herbeigeführt worden ist, so ist es doch die Wahrheit, daß er von Mächten herbeigeführt worden ist, die wir geradezu als okkulte Mächte ansehen müssen, die wir geradezu ansehen als diejenigen, welche die herrschenden Männer an Drähte nahmen. Ich möchte sagen, wir können die Momente nachweisen, wo diese okkulten Mächte eingegriffen haben, wo diese okkulten Mächte die herrschenden, die scheinbar herrschenden Männer an ihre Drähte genommen haben. Diejenigen, die von England aus den Krieg gemacht haben, stehen hinter denen, die als Staatsmänner mit Namen genannt werden. Und sie wirken aus Impulsen heraus, die wahrhaftig nicht siebenundzwanzigjährig sind, sondern die aus alten Traditionen der Menschheit heraus sind, die aus der gründlichsten Kenntnis der Völkerkräfte Europas heraus entsprungen sind, aus der Erkenntnis alles dessen, wo die verschiedenen Völker, die verschiedenen Menschen, die verschiedenen Staatsleitungen stark und schwach sein können, aus genauer, intimer Erkenntnis heraus, aber aus einer Erkenntnis heraus, die durch Jahrhunderte aus ganz geheimen Kanälen geflossen ist, und auch im geheimen lebt, denn diejenigen, die sie inne hatten, die nahmen eben die anderen an die Schnüre. So ein Grey, so ein Asquith waren in Wahrheit nur Marionetten, die selber bis Anfang August 1914 geglaubt haben, daß kein Krieg für England kommen würde, daß sie alles tun wollten, damit kein Krieg kommen könne, und die sich plötzlich gezogen, gestoßen von okkulten Mächten sahen. Diesen Mächten gegenüber, die noch in ganz anderen Persönlichkeiten ihren Ursprung haben als in denen, deren Namen genannt werden, diesen Mächten gegenüber, die aus ganz anderen menschlichen Lebensaltern heraus wirkten, weil sie aus alten Traditionen heraus wirkten, und diese alten Traditionen in den Dienst des englischen Egoismus nahmen, diesen Impulsen gegenüber bedeutet auch der 27 Jahre alt bleibende Lloyd George nur eine Marionette. Und dasjenige, was unter dem Einfluß dieser Mächte wirkt, das wird eine Welle sein, die auch für England über Lloyd George hinweggeht, der ein großer Mann ist, der aber eben ein Repräsentant, durchaus ein Repräsentant der Gegenwart ist. Während hinter den Impulsen, die von England aus diesem Kriege zugrunde liegen, eine genaue Kenntnis der europäischen Völker- und Staatsimpulse liegt, so daß derjenige, der wußte, was in England vorgeht, auch wußte, daß alles das, was jetzt als Schlagwort herrscht, schon geherrscht hat als Idee, die sich verwirklichen mußte, in den achtziger, neunziger Jahren.
[ 20 ] Lloyd George has been active in the British social system ever since 1890, when he was 27 years old, and has left his mark on every aspect of it. And it comes as no surprise that in the years leading up to the war he was heard saying that the British people were not to let themselves be confused by warmongers who continually tried to convince them that the Germans meant to invade England. There was to be no war and not a penny would be spent on arms. So again, this eminent representative of the British people expressed exactly what the British people felt. It also expresses the idealism of a 27-year-old. Whatever else was taking place at the time was more reminiscent of the other ideas as they had been in different ages. But Lloyd George expressed the un-warlike sentiment of the present age, particularly characteristic of the British people. He said there were three stages—which must be avoided at all cost—to sure ruin: to budget for war, to arm for war, and the war itself. This man, the eminent representative of our time, during the period of liberalism in Britain had imprinted it on all spheres of life. All that could be done in Britain in this respect he had done. He also dreamed of a world court of arbitration, which is a typical abstract ideal of a 27-year-old. Everything I have explained so far about Lloyd George is connected with the fact that he possesses in an unspoiled way the qualities of the 27-year-old. This makes him the ideal representative of the English folk, and in fact, of everything from which the British people benefit and through which they in turn can benefit the world. But what Lloyd George cannot do is progress beyond the age of 27; he remains that age throughout his life in the sense I have explained. Consequently when something occurs under the influence of a different human age group with which he has no affinity, he is immediately thrown off balance. Someone who accepts only what nature and life of itself provide can have no understanding of something which issues from quite a different aspect of mankind's evolution. When one is able to look behind the scenes of world history it is an indisputable fact, though one that is little recognized, that what is represented by Lloyd George is what on the surface the British people want. And what they want is no war. This comes to expression perfectly in the sentiment which says that the three stages to certain ruin are to budget for war, arm for war and war itself. Though the war was not prevented, and thus permitted to occur by Britain, the real truth is that it was brought about by occult powers who manipulate those who govern as if they were marionettes. One could point to the exact moment when these occult powers intervened, the moment they caught in their net those who were rulers or rather appeared to be. The occult powers who caused the war from Britain were behind well-known statesmen, and their impulses are most certainly not those of 27-year-olds. Rather they stem from ancient traditions and from a thorough knowledge of the forces inherent in the peoples of Europe. They have knowledge of where and when various peoples, or individuals, various leaders may be weak or strong. Their knowledge is exact and far-reaching, and has for centuries not only flowed through hidden channels but has been kept so secret that those in possession of it could drag others unawares into their net. Individuals like Asquith and also Grey were in reality mere puppets who themselves believed, right up to early August 1914, that at least for Britain there would be no war. They were sure they would do everything to prevent war, when suddenly they found themselves manipulated by occult powers, powers which originated from personalities quite other than those named. Over against these powers Lloyd George, having remained 27 years old, also became a mere puppet. This was because their influence originated from quite a different human life period than his; they could be so effective because of their ability to place ancient traditions in the service of British egoism. The influence of these powers swept like a wave over Britain engulfing also Lloyd George who, though a great man, is through and through a product of our time. Behind the impulses which from Britain laid the foundations for war existed an exact knowledge of the peoples of Europe and their political intentions. Those who know what took place in Britain also know that the content of what today is expressed in war slogans existed as an idea, as a plan, already in the 1880s and 90s, a plan that had to become reality.
[ 21 ] Derjenige, der wußte, was diejenigen reden, welche wirklich von der Politik der Zukunft in England redeten, welche aus der okkulten Erkenntnis des europäischen Völker-Werdens redeten, der wußte, daß diese so redeten: Das russische Reich wird in seinen Herrschaftsverhältnissen zugrunde gehen, damit das russische Volk wird leben können. Ende der achtziger Jahre war die Formel für dasjenige da, was sich im März 1917 als russische Revolution vollzog, und die Fäden waren auch da, von denen das gelenkt und geleitet ist. Aber das wußte nur jener kleine Kreis, der durch seine geheimen Verrichtungen älter wurde, als eben auch Lloyd George wurde. Alle die Vorgänge auf dem Balkan waren in Formeln geprägt von denjenigen Menschen, die wir «die dunklen Hintermänner» nennen können. Es ist eben das Schicksal, daß solche Dinge erlebt werden müssen. Denn, als etwas ganz anderes auch von England aus eingriff, als das eigentlich englische Wesen, welches schon durch Lloyd George repräsentiert wurde, da wurde Lloyd George, der, solange er er selbst war, aus den tiefsten Impulsen heraus den Ruin der Menschheit sah in Schutzzoll, Rüstungen und Krieg, als er die Marionette wurde derjenigen, die hinten ziehen — Munitionsminister! Er behielt nur seine Tüchtigkeit. Er wurde ein tüchtiger Munitionsminister. Der Mann, der gegen die Rüstungen aus innerster Überzeugung gesprochen hat, brachte es zustande, daß England so gerüstet wird, wie die anderen gerüstet sind.
[ 21 ] Those with occult insight into Britain's political future and the future of the peoples of Europe were saying that the dominance of the Russian empire will be destroyed to enable the Russian people to exist. The Russian revolution in March 1917 was planned already at the end of the 1880s, and so were the channels through which events were guided and manipulated. This was something known only to that small circle whose secret activities sprang from impulses that were of considerably older origin than those of Lloyd George. The events that took place on the Balkans were all planned by human beings of whom it could be said that they were the “dark figures behind the scenes.” That these things happen, is destiny. When from Britain something intervened in the world situation which could not have arisen from the essentially British character represented by Lloyd George, the powers behind the scenes saw to it that he became Minister of Munitions! As long as he had been himself, Lloyd George's deepest convictions had been that the way to certain ruin was to budget for war, arm for war and war itself. Now that he is a puppet he becomes Minister of Munitions! All he retained of his own was his efficiency. He became a very able Minister of Munitions. The man who from deepest inner conviction had spoken against arms brought about that Britain became as well armed as all the other nations.
[ 22 ] Da sehen wir, das Zusammentreffen des siebenundzwanzigjährig bleibenden Repräsentanten der Gegenwart mit den dunklen Mächten, die dahinter stehen können, die selbst Überzeugungen, wenn sie noch so tief wurzeln, umkrempeln, weil dasjenige, was nur hier innerhalb des sinnlichen Lebens lebt, immer dirigiert wird von dem Geistigen, also auch dirigiert werden kann von einem Geiste, der im Sinne des Egoismus irgendeiner Gruppe wirkt. Es gab vielleicht wenige Fälle in der Welt, in denen Überzeugungen so in ihr Gegenteil umgekrempelt wurden, wie die Überzeugung des Lloyd George durch die jetzt hinter ihm stehenden Mächte umgekehrt worden ist. Warum? Weil diese Überzeugungen absolut in dem wurzeln, was für den Zeitpunkt der Gegenwart zupräpariert ist in der Siebenundzwanzigjährigkeit. Solange die Siebenundzwanzigjährigkeit der einzelnen Menschenindividualität in der siebenundzwanzigjährigen Menschheit drinnen wirkte, harmonisierten sie vollständig, in dem Augenblick, wo das andere kam, das auf uralten Studien, auf uralter Weisheit beruhte, da wurde es gerade aus dem Grunde aus den Angeln gehoben, weil es eben nur in der Gegenwart wurzelte.
[ 22 ] Here we see coming together the one who, having remained at age 27, so eminently represents mankind, and the dark powers behind the scenes, powers capable of overturning even the deepest convictions because all that lives in the physical world is governed by the spiritual realm; therefore it can be guided by a spirit which acts in accordance with the egoism of a certain group of people. Seldom perhaps have convictions been so completely reversed by the powers behind the scenes as those of Lloyd George have been. The reason lies in the fact that his convictions were so completely rooted in what had been prepared for this particular time as the essential “age 27 quality.” As long as the “age 27 quality” of this single human individuality was effective within mankind also aged 27, there was complete accord. However, just because that harmony was rooted solely in the present, the discord became all the greater when that other influence, based on ancient knowledge, asserted itself.
[ 23 ] Ein interessanter Zusammenhang, ein ungeheuer interessanter Zusammenhang! Ein Zusammenhang, der uns, ich denke schon, einiges erklärt über die Vorgänge der Gegenwart, der uns darüber hinwegführt, aus Sympathie und Antipathie heraus zu urteilen, sondern der es uns möglich macht, auf Grundlage von Tatsachen und vom Entwickelungsgang der Menschheit aus ein Urteil zu gewinnen über dasjenige, was vorgeht. Wenn man nämlich weiß, wie die Dinge, die vorgehen, in der ganzen Menschheitsentwickelung verankert sind, dann erst versteht man den Ernst gewisser Ereignisse. Aber man versteht auch, wie notwendig es wird, in dasjenige hineinzuschauen, was hinter den Kulissen der äußeren Weltgeschichte vorgeht. Ja, bis zu dem 28. Menschheitsjahr, bis in das fünfzehnte Jahrhundert, durfte sich die Menschheit so entwickeln, daß die Menschen sich nicht einließen auf die leitenden, führenden Geistesimpulse, von denen die Geschichte abhängt. Heute ist es notwendig, daß die Menschen dasjenige kennenlernen, was wirkt, dasjenige, was wahrhaftig als Impulse unter der Oberfläche wirkt. Und dies haben wir insbesondere in Mitteleuropa notwendig. Denn man muß den Feind in all seinen Kräften erst kennenlernen, wenn man sich gegen ihn in der richtigen Weise schützen will. Erkenntnis desjenigen, was vorgeht, haben wir notwendig. Es gibt aber keine andere Möglichkeit, wirklich in die Untergründe der gegenwärtigen Menschheitsentwickelung hineinzuschauen als durch die Gesetze, welche Geisteswissenschaft für diese Menschheitsentwickelung uns erklärt. Bis in die einzelnen menschlichen Individuen herein verstehen wir unsere Zeit nur, wenn wir sie aus dem Geiste heraus verstehen können.
[ 23 ] This extremely interesting interaction does certainly explain a great deal about present-day events; it can also help us to base our judgments on the facts of human evolution, rather than on sympathy or antipathy. The seriousness of certain things can be understood only when they are seen against the background of mankind's evolution as a whole. This also leads to a recognition of how essential it is to be aware of what goes on behind the surface of world history. As long as mankind's age had not receded below that of 28, up to the fifteenth century, evolution could go on without the individual acquainting himself with the guiding spiritual impulses behind historical events. Today it is necessary that we learn to know the influences at work beneath the surface. Such insight is essential especially in Central Europe. If one is to guard against the adversary, one must know the full extent of his might. The only way we can attain insight into mankind's evolution today is to acquaint ourselves, through spiritual knowledge, with the laws that govern that evolution. We understand our time even in regard to the individual human being only when we do so out of the spirit.
[ 24 ] Wie kommt es, daß eine sonst so rätselvolle Persönlichkeit, wie dieser Lloyd George ist, an diesem Platze gerade steht? Diese Frage muß beantwortet werden, denn man muß wissen, mit was man es zu tun hat. Man lernt aber heute den einzelnen Menschen, auch wenn er für die Menschheit repräsentativ ist, nur durch die Geisteswissenschaft kennen. Interessant wird an diesem Lloyd George alles sein, wie schon alles interessant war. Interessant war jeder Schritt, den er seit dem Jahre 1890 unternommen hat. Interessant war die Art und Weise, wie er beim Kriegsausbruch im Hintergrunde gestanden hat, wie er an die Oberfläche gespielt worden ist, wie er jetzt zu einer Art von Achse geworden ist, um die sich so viel in der Welt dreht, sogar der andere Siebenundzwanzigjährige, der Wilson, sich dreht. Und interessant ist es, wie die Innerlichkeit dieses Lloyd George gegenüber geistigen, wenn auch fragwürdigen geistigen Kräften und Mächten versagen mußte. Und interessant wird es sein, wie Lloyd George einmal gestürzt werden wird, was seine Zukunft sein wird. Darauf wollen wir warten.
[ 24 ] How does such an enigmatic figure as Lloyd George come to be just in the key position at this time? The answer to this question is important if one is to understand what is taking place. However, even when the individual is a representative of mankind, he can only be understood through the science of the spirit. Everything concerning Lloyd George's future will be of interest, just as everything concerning his past is of interest. Every step taken by him since 1890 has been significant. So, too, is the way he was there in the background at the outbreak of war, reflected, as it were, in the surface of events. Interesting is also the way he has become the pivot around which so many things in the world revolve, including what emerges from Woodrow Wilson, another one aged 27.8 Woodrow Wilson, 1856–1924, note 3 to Lecture I. Not least of interest is the fact that Lloyd George's inner convictions, despite their strength, were obliterated in the face of spiritual influences and powers of a dubious nature. How will Lloyd George be superseded? What is his future?9 David Lloyd George, see note 3, fell from power as Prime Minister in 1922 in connection with the Irish Question. He was a minister in various cabinets from 1909–1916, and Prime Minister from December 1916–1922. The liberal party which he led lost its influence thereafter. Lloyd George's role as a prominent politician was also at an end. These questions are also of interest. We must wait and see.
