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Truths Regarding Humans Development
The Karma of Materialism
GA 176

24 July 1917, Berlin

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Achter Vortrag

Achter Vortrag

[ 1 ] Neben dem Inhalte desjenigen, was ich durch diese Betrachtungen anschaulich machen möchte, liegt mir auch noch daran, ersichtlich zu machen gerade durch diese Betrachtungen, daß im geisteswissenschaftlichen Sinne Wahrheit etwas Lebendiges ist. Und es scheint insbesondere für die Gegenwart notwendig zu sein, sich eine Empfindung dafür anzueignen, was das eigentlich heißt: Wahrheit ist etwas Lebendiges. Denn sehen Sie, ein Lebendiges ist ein anderes zu einer Zeit und ein anderes zu einer anderen Zeit. Ja, ein Lebendiges ist zu einer gewissen Zeit vielleicht in einer bestimmten Form gar nicht vorhanden, zu einer anderen Zeit hat es eine bestimmte Form. Ein Lebendiges als Mensch, wenn es Kind ist, ist noch kein Greis. Ein Lebendiges ist in einem fortwährenden Wandel. Und derjenige Mensch, der vielleicht in den letzten Jahrzehnten des zwanzigsten Jahrhunderts seine Tätigkeit entfalten wird, ist so, daß wir eben jetzt von ihm noch nicht als von einem Seienden für den physischen Plan sprechen können. Das alles sind triviale Selbstverständlichkeiten. Aber sie hören auf, triviale Selbstverständlichkeiten zu sein, wenn man die Empfindung von der Wahrheit als von etwas Lebendigem wirklich in sich hegen lernt.

[ 1 ] Neben dem Inhalte desjenigen, was ich durch diese Betrachtungen anschaulich machen möchte, liegt mir auch noch daran, ersichtlich zu machen gerade durch diese Betrachtungen, daß im geisteswissenschaftlichen Sinne Wahrheit etwas Lebendiges ist. Und es scheint insbesondere für die Gegenwart notwendig zu sein, sich eine Empfindung dafür anzueignen, was das eigentlich heißt: Wahrheit ist etwas Lebendiges. Denn sehen Sie, ein Lebendiges ist ein anderes zu einer Zeit und ein anderes zu einer anderen Zeit. Ja, ein Lebendiges ist zu einer gewissen Zeit vielleicht in einer bestimmten Form gar nicht vorhanden, zu einer anderen Zeit hat es eine bestimmte Form. Ein Lebendiges als Mensch, wenn es Kind ist, ist noch kein Greis. Ein Lebendiges ist in einem fortwährenden Wandel. Und derjenige Mensch, der vielleicht in den letzten Jahrzehnten des zwanzigsten Jahrhunderts seine Tätigkeit entfalten wird, ist so, daß wir eben jetzt von ihm noch nicht als von einem Seienden für den physischen Plan sprechen können. Das alles sind triviale Selbstverständlichkeiten. Aber sie hören auf, triviale Selbstverständlichkeiten zu sein, wenn man die Empfindung von der Wahrheit als von etwas Lebendigem wirklich in sich hegen lernt.

[ 2 ] Ich habe Ihnen das letzte Mal hier von dem Wesen eines gewissen Staatsmannes der Gegenwart, von Lloyd George gesprochen. Wenn jemand dieselben Dinge, mit Ausnahme des Biographischen, mit Ausnahme des rein Äußerlichen, Tatsächlichen, das dazumal noch nicht hätte erzählt werden können, weil es zum geringsten Teil erst geschehen war, in England 1890 hätte erzählen wollen —, also damals, als Lloyd George 27 Jahre alt war —, wenn er damals von der ganzen Bedeutung dieser Siebenundzwanzigjährigkeit hätte sprechen wollen, wie wir hier vor acht Tagen, so wäre das im geisteswissenschaftlichen Sinne ein Unding gewesen. Man hätte es nicht können und nicht sollen.

[ 2 ] Ich habe Ihnen das letzte Mal hier von dem Wesen eines gewissen Staatsmannes der Gegenwart, von Lloyd George gesprochen. Wenn jemand dieselben Dinge, mit Ausnahme des Biographischen, mit Ausnahme des rein Äußerlichen, Tatsächlichen, das dazumal noch nicht hätte erzählt werden können, weil es zum geringsten Teil erst geschehen war, in England 1890 hätte erzählen wollen —, also damals, als Lloyd George 27 Jahre alt war —, wenn er damals von der ganzen Bedeutung dieser Siebenundzwanzigjährigkeit hätte sprechen wollen, wie wir hier vor acht Tagen, so wäre das im geisteswissenschaftlichen Sinne ein Unding gewesen. Man hätte es nicht können und nicht sollen.

[ 3 ] Wahrheit ist für die Menschen zumeist etwas, wovon sie glauben, daß es zu allen Zeiten in der gleichen Weise ausgesprochen werden kann. Das ist aber nicht der Fall, sobald es sich um gewisse höhere Wahrheiten handelt. Die ganze Anschauung von dem Lebensalter des Menschen in Beziehung zu dem Lebensalter der Menschheit ist gewissermaßen erst jetzt in dieser Zeit reif, gesagt zu werden. Denn Wahrheit in diesem Sinne soll zu gleicher Zeit etwas Wirksames sein. Sie brauchen ja nur die Äußerlichkeit in Betracht zu ziehen, die darin besteht, daß, wenn jemand 1890 von Lloyd George als dem Siebenundzwanzigjährigen mit dem ganzen Lebensprogramm gesprochen hätte — wie man es in gewissen Grenzen schon hätte tun können, wenn man es eben hätte sollen —, so würde man etwas hingestellt haben ungefähr so, wie wenn man eine gewisse Pflanze in die Erde zur Winterszeit setzen wollte, während sie nur zu einer andern Jahreszeit in die Erde gesetzt werden soll. Bei solchen Wahrheiten handelt es sich nicht darum, daß sie nur in abstrakter Form an unsere Seele herankommen, sondern darum, daß sie in der Zeit an unsere Seele herankommen, in der sie wirksam sein können. Das ist etwas, was nicht nur für geschichtliche Wahrheiten gilt, für Wahrheiten, die sich auf die große Weltenentwickelung beziehen, sondern das ist etwas, was sich auch durchaus anwenden läßt auf die Wahrheit in ihrer Wirksamkeit zu der individuellen Menschenseele. Ich habe schon das letzte Mal einige dahingehende Andeutungen gemacht.

[ 3 ] Wahrheit ist für die Menschen zumeist etwas, wovon sie glauben, daß es zu allen Zeiten in der gleichen Weise ausgesprochen werden kann. Das ist aber nicht der Fall, sobald es sich um gewisse höhere Wahrheiten handelt. Die ganze Anschauung von dem Lebensalter des Menschen in Beziehung zu dem Lebensalter der Menschheit ist gewissermaßen erst jetzt in dieser Zeit reif, gesagt zu werden. Denn Wahrheit in diesem Sinne soll zu gleicher Zeit etwas Wirksames sein. Sie brauchen ja nur die Äußerlichkeit in Betracht zu ziehen, die darin besteht, daß, wenn jemand 1890 von Lloyd George als dem Siebenundzwanzigjährigen mit dem ganzen Lebensprogramm gesprochen hätte — wie man es in gewissen Grenzen schon hätte tun können, wenn man es eben hätte sollen —, so würde man etwas hingestellt haben ungefähr so, wie wenn man eine gewisse Pflanze in die Erde zur Winterszeit setzen wollte, während sie nur zu einer andern Jahreszeit in die Erde gesetzt werden soll. Bei solchen Wahrheiten handelt es sich nicht darum, daß sie nur in abstrakter Form an unsere Seele herankommen, sondern darum, daß sie in der Zeit an unsere Seele herankommen, in der sie wirksam sein können. Das ist etwas, was nicht nur für geschichtliche Wahrheiten gilt, für Wahrheiten, die sich auf die große Weltenentwickelung beziehen, sondern das ist etwas, was sich auch durchaus anwenden läßt auf die Wahrheit in ihrer Wirksamkeit zu der individuellen Menschenseele. Ich habe schon das letzte Mal einige dahingehende Andeutungen gemacht.

[ 4 ] Ich muß dies immer wieder und wiederum erwähnen aus dem Grunde, weil wir wirklich in der Gegenwart in einem Übergangszustand des Wahrheitsbegriffes stehen. Ein gewisser Zustand in der Auffassung der Wahrheit soll überhaupt durch die Geisteswissenschaft herbeigeführt werden. Gewissermaßen das Verhältnis der Menschheit zur Wahrheit muß sich in einer gewissen Beziehung ändern, muß eine gewisse Entwickelung durchmachen.

[ 4 ] Ich muß dies immer wieder und wiederum erwähnen aus dem Grunde, weil wir wirklich in der Gegenwart in einem Übergangszustand des Wahrheitsbegriffes stehen. Ein gewisser Zustand in der Auffassung der Wahrheit soll überhaupt durch die Geisteswissenschaft herbeigeführt werden. Gewissermaßen das Verhältnis der Menschheit zur Wahrheit muß sich in einer gewissen Beziehung ändern, muß eine gewisse Entwickelung durchmachen.

[ 5 ] Ich habe das letzte Mal darauf hingedeutet, wie die individuelle Menschenseele leicht zu der Empfindung kommen kann, insbesondere in unserer Gegenwart, sie sei unbefriedigt. Und wir wollen uns zunächst nur zu schaffen machen mit dem Unbefriedigtsein der Menschenseele durch gewisse Vorstellungen. Wir wissen ja, die Menschenseele braucht gewisse Vorstellungen über die Welt, über ihr eigenes Wesen, über solche Grundfragen wie die Unsterblichkeitsfrage, über die Frage der Weltentwickelung. Die Menschenseele braucht Vorstellungen, mit denen sie gewissermaßen leben kann. Kann sie nicht solche Vorstellungen entwickeln, kann sie darüber nur unbefriedigende Vorstellungen entwickeln, dann bleibt sie selber in einem Zustand der Unbefriedigtheit, gewissermaßen in einem kranken Zustand. Denn in einem solchen kranken Zustand sind viele Seelen der Gegenwart, mehr als sie es zugeben wollen. Und viel mehr solche Seelen wird die nächste Zukunft zählen, als man sich heute einen Begriff davon macht, wenn sich nicht die Menschen hinwenden wollen zu einer solchen Erfüllung des Seelischen, wie sie durch eine geistige Wissenschaft kommen kann.

[ 5 ] Ich habe das letzte Mal darauf hingedeutet, wie die individuelle Menschenseele leicht zu der Empfindung kommen kann, insbesondere in unserer Gegenwart, sie sei unbefriedigt. Und wir wollen uns zunächst nur zu schaffen machen mit dem Unbefriedigtsein der Menschenseele durch gewisse Vorstellungen. Wir wissen ja, die Menschenseele braucht gewisse Vorstellungen über die Welt, über ihr eigenes Wesen, über solche Grundfragen wie die Unsterblichkeitsfrage, über die Frage der Weltentwickelung. Die Menschenseele braucht Vorstellungen, mit denen sie gewissermaßen leben kann. Kann sie nicht solche Vorstellungen entwickeln, kann sie darüber nur unbefriedigende Vorstellungen entwickeln, dann bleibt sie selber in einem Zustand der Unbefriedigtheit, gewissermaßen in einem kranken Zustand. Denn in einem solchen kranken Zustand sind viele Seelen der Gegenwart, mehr als sie es zugeben wollen. Und viel mehr solche Seelen wird die nächste Zukunft zählen, als man sich heute einen Begriff davon macht, wenn sich nicht die Menschen hinwenden wollen zu einer solchen Erfüllung des Seelischen, wie sie durch eine geistige Wissenschaft kommen kann.

[ 6 ] Die Natur in ihrem Wirken und Wesen ist in vieler Beziehung ein Abbild der höchsten, geheimnisvollsten Vorgänge, man muß nur den Begriff des Abbildes in der richtigen Weise nehmen, muß ihn nicht zu einem materialistischen Begriff auswachsen lassen. Das kann sich uns in dem Folgenden zeigen. Die Menschen streben sehr leicht danach, eine gewisse Summe von Vorstellungen zu bekommen, von denen sie sagen können: Sie befriedigen meine Seele, sie geben meiner Seele etwas, womit sie leben kann. — Am liebsten möchten die Menschen fertige Vorstellungen. Wenn man irgend jemand raten soll, der unbefriedigende Vorstellungen in seiner Seele trägt, und damit eine unbefriedigte Seele in sich, so hat er oftmals die Empfindung, man solle ihm dieses oder jenes, ein Buch oder dergleichen, das in verhältnismäßig kurzer Zeit durchzumachen ist, raten, damit er dann etwas hat, was seine Seele befriedigt, mit dem er befriedigt durch das weitere Leben ziehen kann. Für denjenigen, der das Wesen der lebendigen Wahrheit in sich selber nur ein wenig erkennt, ist eine solche Zumutung gerade so, wie wenn jemand käme mit dem Verlangen, man solle ihm als lebendigem Menschen eine Speise reichen, die er essen kann und die dann seinen Organismus für den Rest der übrigen Lebenszeit unterhält. Man soll ihm etwas raten, das er essen kann, damit er fortan nicht mehr zu essen brauche. Das ist selbstverständlich ein Unding. Hier haben Sie ein Naturabbild desjenigen, was man eigentlich nur geistig geben kann. Geisteswissenschaft kann nicht dem Menschen etwas reichen, was er nur einmal so hinnehmen und wovon er dann sein ganzes Leben lang genug haben soll. Ich habe oftmals gesagt: Es gibt keine Weltanschauung in der Westentasche, es gibt keinen kurzen Abriß einer Weltanschauung, sondern Geisteswissenschaft setzt an die Stelle fertiger Begriffe, fertiger Vorstellungen etwas, was in immer neuen und neuen Verarbeitungen von der Seele durchgemacht werden muß, womit die Seele immer von neuem und neuem zusammen sein muß. Äußere Wahrheiten, wie sie uns die Naturwissenschaft gibt, wenn wir ein gutes Gedächtnis haben: die bekommen wir und wir haben sie dann. So kann es nicht bei geisteswissenschaftlichen Wahrheiten sein. Denn naturwissenschaftliche Wahrheiten werden in Begriffen gegeben, die gewissermaßen tot sind. Die Naturgesetze als Begriffe sind tot. Geisteswissenschaftliche Wahrheiten müssen in lebendigen Begriffen gegeben werden. Wenn wir die geisteswissenschaftlichen Wahrheiten aber zu toten Begriffen verurteilen, das heißt, wenn wir sie so hinnehmen wollen, wie wir die natürlichen Wahrheiten hinnehmen, dann sind sie für die Seele keine Speise, dann sind sie für die Seele Steine, die nicht verarbeitet werden können.

[ 6 ] Die Natur in ihrem Wirken und Wesen ist in vieler Beziehung ein Abbild der höchsten, geheimnisvollsten Vorgänge, man muß nur den Begriff des Abbildes in der richtigen Weise nehmen, muß ihn nicht zu einem materialistischen Begriff auswachsen lassen. Das kann sich uns in dem Folgenden zeigen. Die Menschen streben sehr leicht danach, eine gewisse Summe von Vorstellungen zu bekommen, von denen sie sagen können: Sie befriedigen meine Seele, sie geben meiner Seele etwas, womit sie leben kann. — Am liebsten möchten die Menschen fertige Vorstellungen. Wenn man irgend jemand raten soll, der unbefriedigende Vorstellungen in seiner Seele trägt, und damit eine unbefriedigte Seele in sich, so hat er oftmals die Empfindung, man solle ihm dieses oder jenes, ein Buch oder dergleichen, das in verhältnismäßig kurzer Zeit durchzumachen ist, raten, damit er dann etwas hat, was seine Seele befriedigt, mit dem er befriedigt durch das weitere Leben ziehen kann. Für denjenigen, der das Wesen der lebendigen Wahrheit in sich selber nur ein wenig erkennt, ist eine solche Zumutung gerade so, wie wenn jemand käme mit dem Verlangen, man solle ihm als lebendigem Menschen eine Speise reichen, die er essen kann und die dann seinen Organismus für den Rest der übrigen Lebenszeit unterhält. Man soll ihm etwas raten, das er essen kann, damit er fortan nicht mehr zu essen brauche. Das ist selbstverständlich ein Unding. Hier haben Sie ein Naturabbild desjenigen, was man eigentlich nur geistig geben kann. Geisteswissenschaft kann nicht dem Menschen etwas reichen, was er nur einmal so hinnehmen und wovon er dann sein ganzes Leben lang genug haben soll. Ich habe oftmals gesagt: Es gibt keine Weltanschauung in der Westentasche, es gibt keinen kurzen Abriß einer Weltanschauung, sondern Geisteswissenschaft setzt an die Stelle fertiger Begriffe, fertiger Vorstellungen etwas, was in immer neuen und neuen Verarbeitungen von der Seele durchgemacht werden muß, womit die Seele immer von neuem und neuem zusammen sein muß. Äußere Wahrheiten, wie sie uns die Naturwissenschaft gibt, wenn wir ein gutes Gedächtnis haben: die bekommen wir und wir haben sie dann. So kann es nicht bei geisteswissenschaftlichen Wahrheiten sein. Denn naturwissenschaftliche Wahrheiten werden in Begriffen gegeben, die gewissermaßen tot sind. Die Naturgesetze als Begriffe sind tot. Geisteswissenschaftliche Wahrheiten müssen in lebendigen Begriffen gegeben werden. Wenn wir die geisteswissenschaftlichen Wahrheiten aber zu toten Begriffen verurteilen, das heißt, wenn wir sie so hinnehmen wollen, wie wir die natürlichen Wahrheiten hinnehmen, dann sind sie für die Seele keine Speise, dann sind sie für die Seele Steine, die nicht verarbeitet werden können.

[ 7 ] Es ist merkwürdig, wie nach dem, was Geisteswissenschaft eigentlich in unserer Zeit sein und werden soll, doch die geistige Entwickelung des neunzehnten Jahrhunderts in gewissem Sinne hingearbeitet hat. Aber die letzten Jahrzehnte haben vieles von dem, was so erarbeitet worden ist, verschüttet und vergessen gemacht. Ich möchte heute einleitungsweise auf eines hinweisen: Viel mißverstanden worden ist in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts dasjenige, was man zum Beispiel genannt hat den «Eduard von Hartmann’schen Pessimismus». Und dennoch war der Eduard von Hartmann’sche Pessimismus eigentlich nicht so gemeint, wie man ihn gewöhnlich aufgefaßt hat, denn man ist ausgegangen bei dieser Auffassung von der Begriffsschablone: Pessimismus, das ist die Anschauung, daß die Dinge der Welt nicht restlos gut seien, daß sie unbefriedigend seien, also daß die Welt eigentlich schlecht sei. Und so beurteilte man nach diesem Begriff, den man sich vom Pessimismus gemacht hatte, dann auch die Hartmann’sche Philosophie mit ihrem Pessimismusbegriff. Man konnte ihr von dem Gesichtspunkte aus nie gerecht werden. Es ist heute eigentlich noch schwierig, klarzumachen, um was es sich handelt, denn es wird sich gerade auf diesem Gebiete, ich möchte sagen, um etwas recht Radikales handeln, aber etwas Radikales, das in den Tiefen der menschlichen Seelen vor sich gehen muß.

[ 7 ] Es ist merkwürdig, wie nach dem, was Geisteswissenschaft eigentlich in unserer Zeit sein und werden soll, doch die geistige Entwickelung des neunzehnten Jahrhunderts in gewissem Sinne hingearbeitet hat. Aber die letzten Jahrzehnte haben vieles von dem, was so erarbeitet worden ist, verschüttet und vergessen gemacht. Ich möchte heute einleitungsweise auf eines hinweisen: Viel mißverstanden worden ist in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts dasjenige, was man zum Beispiel genannt hat den «Eduard von Hartmann’schen Pessimismus». Und dennoch war der Eduard von Hartmann’sche Pessimismus eigentlich nicht so gemeint, wie man ihn gewöhnlich aufgefaßt hat, denn man ist ausgegangen bei dieser Auffassung von der Begriffsschablone: Pessimismus, das ist die Anschauung, daß die Dinge der Welt nicht restlos gut seien, daß sie unbefriedigend seien, also daß die Welt eigentlich schlecht sei. Und so beurteilte man nach diesem Begriff, den man sich vom Pessimismus gemacht hatte, dann auch die Hartmann’sche Philosophie mit ihrem Pessimismusbegriff. Man konnte ihr von dem Gesichtspunkte aus nie gerecht werden. Es ist heute eigentlich noch schwierig, klarzumachen, um was es sich handelt, denn es wird sich gerade auf diesem Gebiete, ich möchte sagen, um etwas recht Radikales handeln, aber etwas Radikales, das in den Tiefen der menschlichen Seelen vor sich gehen muß.

[ 8 ] Jeder Schulbub und jedes Schulmädchen lernt heute in der Physik den Begriff der Undurchdringlichkeit der Körper. Es müssen die Kinder das so lernen, daß, wenn der Lehrer fragt: Was ist Undurchdringlichkeit? — sie dann sagen: Undurchdringlichkeit besteht darin, daß an dem Orte, wo ein Körper ist, nicht zu gleicher Zeit ein anderer sein kann. — Die physikalische Undurchdringlichkeit! Man kann sich heute gar nicht denken, daß man vielleicht über solche Dinge wird umdenken lernen müssen. Ich will in bezug auf diese Sache nur kurz anführen, um was es sich handelt. Man wird in künftigen Zeiten nicht mehr sagen: Undurchdringlichkeit besteht darin, daß an dem Orte, wo ein Körper ist, nicht zu gleicher Zeit ein anderer sein kann, — sondern man wird sagen: Körper, welche diejenige Eigenschaft haben, daß an dem Orte, wo einer ist, nicht ein anderer zu gleicher Zeit sein kann, sind physische Körper, physische Wesen, Wesen, die also solche Eigenschaften haben, daß sie, wenn sie einen gewissen Raum einnehmen, von diesem Raum ein anderes Wesen gleicher Art ausschließen, sind physische Körper. Das Urwesen der Definition wird sich schon ändern. Man wird in der künftigen Zeit nicht mehr von dem dogmatischen Begriff ausgehen, sondern man wird ausgehen müssen von dem unmittelbaren Leben. Heute redet man ja sehr viel davon, daß man den alten Dogmenglauben überwunden habe und dergleichen. Die Zukunft wird zeigen, daß mit Bezug auf die feinere Begriffsbildung keine Zeit so in Dogmatik drinnen steckte, wie unsere Zeit. Wir sind ganz vollgepfropft von Dogmatik, insbesondere unsere Wissenschaften und noch mehr unser öffentliches Denken; nichts mehr als zum Beispiel unser politisches Denken.

[ 8 ] Jeder Schulbub und jedes Schulmädchen lernt heute in der Physik den Begriff der Undurchdringlichkeit der Körper. Es müssen die Kinder das so lernen, daß, wenn der Lehrer fragt: Was ist Undurchdringlichkeit? — sie dann sagen: Undurchdringlichkeit besteht darin, daß an dem Orte, wo ein Körper ist, nicht zu gleicher Zeit ein anderer sein kann. — Die physikalische Undurchdringlichkeit! Man kann sich heute gar nicht denken, daß man vielleicht über solche Dinge wird umdenken lernen müssen. Ich will in bezug auf diese Sache nur kurz anführen, um was es sich handelt. Man wird in künftigen Zeiten nicht mehr sagen: Undurchdringlichkeit besteht darin, daß an dem Orte, wo ein Körper ist, nicht zu gleicher Zeit ein anderer sein kann, — sondern man wird sagen: Körper, welche diejenige Eigenschaft haben, daß an dem Orte, wo einer ist, nicht ein anderer zu gleicher Zeit sein kann, sind physische Körper, physische Wesen, Wesen, die also solche Eigenschaften haben, daß sie, wenn sie einen gewissen Raum einnehmen, von diesem Raum ein anderes Wesen gleicher Art ausschließen, sind physische Körper. Das Urwesen der Definition wird sich schon ändern. Man wird in der künftigen Zeit nicht mehr von dem dogmatischen Begriff ausgehen, sondern man wird ausgehen müssen von dem unmittelbaren Leben. Heute redet man ja sehr viel davon, daß man den alten Dogmenglauben überwunden habe und dergleichen. Die Zukunft wird zeigen, daß mit Bezug auf die feinere Begriffsbildung keine Zeit so in Dogmatik drinnen steckte, wie unsere Zeit. Wir sind ganz vollgepfropft von Dogmatik, insbesondere unsere Wissenschaften und noch mehr unser öffentliches Denken; nichts mehr als zum Beispiel unser politisches Denken.

[ 9 ] Fassen wir den Pessimismusbegriff so lebendig auf — und jetzt nur in bezug auf den Hartmann’schen Pessimismusbegriff —, so stellt sich etwa folgendes heraus. Eduard von Hartmann sagt: Es gibt viele Menschen, die streben nach Glück; sie streben nach unmittelbarer Befriedigung in ihrer Seele und nennen das Glück. Das aber kann niemals im höchsten Sinne ein menschenwürdiges Dasein begründen, denn es würde das bloße Streben nach Befriedigtsein des eigenen Wesens einen zu nichts anderem führen als zu einem Abschließen des eigenen Wesens gegenüber der Außenwelt. Es würde das zu einem mehr oder weniger groben oder feinen Egoismus führen. Es kann nicht dies die Aufgabe des Menschen sein, bloß nach der Befriedigung seines Wesens zu streben, sondern es muß die Aufgabe des Menschen sein, sein lebendiges Wesen hineinzustellen in den ganzen Weltenprozeß, sich hinzugeben an den Weltenprozeß, mitzuarbeiten, mitzuwirken an dem Weltenprozeß. Davon würde er abgehalten, wenn er in irgendeinem Momente seines Lebens von dem äußeren Dasein oder der inneren Harmonie im vollsten Sinne befriedigt sein könnte. Nur dann streben wir, selber mit dem Bildeprozeß der Welt weiter zu arbeiten, wenn wir mit keinem Zustand zufrieden sind. Das aber ist Pessimismus in der Empfindung. Hätten wir diesen Pessimismus nicht, meint Eduard von Hartmann, mit keinem gegenwärtigen Zustand befriedigt zu sein, so würde uns der Impuls fehlen, an der Evolution mitzuarbeiten. So daß also Eduard von Hartmann in seiner Zeit sich noch recht philosophisch ausdrücken und sagen mußte, er vertrete den empirischen Evolutionismus, um damit den teleologischen Evolutionismus zu begründen. Aber man sieht, hier wird gewissermaßen der Pessimismus etwas anderes, als wenn man vom dogmatischen Begriff des Pessimismus ausgeht und daraus schließt. Mit diesem Begriff des Pessimismus, den ich jetzt nicht weiter ausführen will, ist aber Eduard von Hartmann doch schon in gewissem Sinne auf der Bahn, welche von der Geisteswissenschaft eingeschlagen werden muß.

[ 9 ] Fassen wir den Pessimismusbegriff so lebendig auf — und jetzt nur in bezug auf den Hartmann’schen Pessimismusbegriff —, so stellt sich etwa folgendes heraus. Eduard von Hartmann sagt: Es gibt viele Menschen, die streben nach Glück; sie streben nach unmittelbarer Befriedigung in ihrer Seele und nennen das Glück. Das aber kann niemals im höchsten Sinne ein menschenwürdiges Dasein begründen, denn es würde das bloße Streben nach Befriedigtsein des eigenen Wesens einen zu nichts anderem führen als zu einem Abschließen des eigenen Wesens gegenüber der Außenwelt. Es würde das zu einem mehr oder weniger groben oder feinen Egoismus führen. Es kann nicht dies die Aufgabe des Menschen sein, bloß nach der Befriedigung seines Wesens zu streben, sondern es muß die Aufgabe des Menschen sein, sein lebendiges Wesen hineinzustellen in den ganzen Weltenprozeß, sich hinzugeben an den Weltenprozeß, mitzuarbeiten, mitzuwirken an dem Weltenprozeß. Davon würde er abgehalten, wenn er in irgendeinem Momente seines Lebens von dem äußeren Dasein oder der inneren Harmonie im vollsten Sinne befriedigt sein könnte. Nur dann streben wir, selber mit dem Bildeprozeß der Welt weiter zu arbeiten, wenn wir mit keinem Zustand zufrieden sind. Das aber ist Pessimismus in der Empfindung. Hätten wir diesen Pessimismus nicht, meint Eduard von Hartmann, mit keinem gegenwärtigen Zustand befriedigt zu sein, so würde uns der Impuls fehlen, an der Evolution mitzuarbeiten. So daß also Eduard von Hartmann in seiner Zeit sich noch recht philosophisch ausdrücken und sagen mußte, er vertrete den empirischen Evolutionismus, um damit den teleologischen Evolutionismus zu begründen. Aber man sieht, hier wird gewissermaßen der Pessimismus etwas anderes, als wenn man vom dogmatischen Begriff des Pessimismus ausgeht und daraus schließt. Mit diesem Begriff des Pessimismus, den ich jetzt nicht weiter ausführen will, ist aber Eduard von Hartmann doch schon in gewissem Sinne auf der Bahn, welche von der Geisteswissenschaft eingeschlagen werden muß.

[ 10 ] Denn diese Geisteswissenschaft, die zeigt uns noch viel mehr! Diese Geisteswissenschaft zeigt uns, was eine uns völlig befriedigende Vorstellung für unser Seelenleben eigentlich wäre. Eine uns völlig befriedigende Vorstellung ist für unser Seelenleben genau dasselbe, wie ein äußeres Nahrungsmittel — man kann es nicht einmal Nahrungsmittel nennen — das wir aufessen würden, und bei dem wir keine Möglichkeit hätten, es zu verdauen, sondern das wir unverdaut in uns tragen würden. Wirklich ist es so, daß derjenige, der ein Buch von Trine oder von Johannes Müller nimmt, und damit befriedigt sein will, genau dasselbe Bestreben hat wie jemand, der ein Nahrungsmittel nehmen wollte, das er nun in seinem Körper mittragen könnte. Ja, wenn er es aber nicht mitträgt, so wird es verdaut, dadurch aber verschwindet es, löst es sich in seine Wesenheit auf. Das aber ist bei keiner uns voll befriedigenden Vorstellung der Fall. Eine uns voll befriedigende Vorstellung, die bieibt uns immer, wenn ich so sagen darf, in dem Magen der Seele liegen. Und je mehr wir von einer Vorstellung im Augenblick zu haben glauben, je mehr wir glauben, von einer Vorstellung gleichsam die Befriedigung so zu unserer seelischen Wollust einsaugen zu können, desto mehr werden wir sehen, daß, wenn wir nur mit dieser Vorstellung eine Weile leben wollen, sie uns nicht mehr befriedigen kann, sondern daß sie sich in uns so entwickelt, daß sie uns langweilt, daß sie uns ihrer überdrüssig macht, und dergleichen. |

[ 10 ] Denn diese Geisteswissenschaft, die zeigt uns noch viel mehr! Diese Geisteswissenschaft zeigt uns, was eine uns völlig befriedigende Vorstellung für unser Seelenleben eigentlich wäre. Eine uns völlig befriedigende Vorstellung ist für unser Seelenleben genau dasselbe, wie ein äußeres Nahrungsmittel — man kann es nicht einmal Nahrungsmittel nennen — das wir aufessen würden, und bei dem wir keine Möglichkeit hätten, es zu verdauen, sondern das wir unverdaut in uns tragen würden. Wirklich ist es so, daß derjenige, der ein Buch von Trine oder von Johannes Müller nimmt, und damit befriedigt sein will, genau dasselbe Bestreben hat wie jemand, der ein Nahrungsmittel nehmen wollte, das er nun in seinem Körper mittragen könnte. Ja, wenn er es aber nicht mitträgt, so wird es verdaut, dadurch aber verschwindet es, löst es sich in seine Wesenheit auf. Das aber ist bei keiner uns voll befriedigenden Vorstellung der Fall. Eine uns voll befriedigende Vorstellung, die bieibt uns immer, wenn ich so sagen darf, in dem Magen der Seele liegen. Und je mehr wir von einer Vorstellung im Augenblick zu haben glauben, je mehr wir glauben, von einer Vorstellung gleichsam die Befriedigung so zu unserer seelischen Wollust einsaugen zu können, desto mehr werden wir sehen, daß, wenn wir nur mit dieser Vorstellung eine Weile leben wollen, sie uns nicht mehr befriedigen kann, sondern daß sie sich in uns so entwickelt, daß sie uns langweilt, daß sie uns ihrer überdrüssig macht, und dergleichen. |

[ 11 ] Damit hängt zusammen das, was man gerade der Geisteswissenschaft, wie wir sie hier vertreten, vielfach zum Vorwurf macht. Diese Geisteswissenschaft, wie wir sie hier vertreten, sucht auch bei den Vorstellungen, die sie über die Welt entwickelt, immer neue und neue Gesichtspunkte. Wir könnten sozusagen immer reden und reden, wir würden immer neue und neue Gesichtspunkte finden. Das nennen gewisse Leute dann Widersprüche. In Wahrheit handelt es sich um Umbildungen, die auf die Lebendigkeit dieser geisteswissenschaftlichen Wahrheiten hindeuten. In dieser Weise starre Begriffe, wie man sie heute gewöhnt ist, kann diese Geisteswissenschaft gar nicht geben. Sie kann einzelne geisteswissenschaftliche Tatsachen in einer eindeutigen Weise hinstellen, aber dasjenige, was uns befriedigen soll als Weltanschauungsinhalt, das gibt sie in lebendigen Begriffen, die immer von neuem von uns aufgenommen werden können. Derjenige, der diese Begriffe aufnimmt, der wird finden, wenn er sie einmal durch seine Seele ziehen läßt, so sagen sie ihm dies; dann läßt er sie ein andermal durch seine Seele ziehen, dieselben Begriffe sagen ihm etwas ganz anderes. Und wiederum sagen sie ihm etwas ganz anderes, wenn er sie im Zustand der Freude, des Glückes durch seine Seele ziehen läßt, und wenn er sie im Zustand der Traurigkeit, im Zustand des Leides durch seine Seele ziehen läßt. Aber wenn er sie richtig in ihrer Lebendigkeit erfaßt hat, so sagen sie ihm immer etwas. Weil diese geisteswissenschaftlichen Begriffe nicht bloß ein Abbild geben sollen, sondern weil sie eine lebendige Verbindung herstellen sollen zwischen der Menschenseele und der ganzen unendlichen Welt, und weil die Welt unendlich ist, so sind sie nie ganz auszuschöpfen, so sind sie unendlich. Sie sollen immer, in jedem einzelnen Falle eine Verbindung zwischen der Seele und der Welt herstellen. Aber wir müssen uns auch gewissermaßen die freie Empfänglichkeit für alles das bewahren, was aus der Welt an uns herantreten kann, und wir müssen uns vor allen Dingen im Denken daran gewöhnen, daß wir gewisse prinzipielle, grundlegende Begriffe, die der Menschheit heute selbstverständlich erscheinen, für die Zukunft gar nicht mehr gebrauchen können. Nehmen Sie sich unzählige Philosophien: Sie finden in diesen unzähligen Philosophien fast immer wieder eine Frage hervortreten, die Frage nach dem Sein. Das Sein, das einheitliche Sein, das ist etwas, was immer wieder und wiederum hervortritt. Und schon aus dieser Frage, wie man sie stellt, entspringen unzählige Unmöglichkeiten für die lebendige Menschenseele. Ich möchte gerade durch diese Vorträge in Ihnen eine Empfindung hervorrufen, daß alles dasjenige, was wir als das Sein bezeichnen, oder was wir als das Sein den Dingen, den Wesen beilegen, in einem lebendigen Verhältnis zum Werden steht, und zwar in einem eigentümlichen Verhältnis zum Werden. In Wahrheit ist weder der alte Satz des Parmenides von dem starren Sein, noch der Satz des Heraklit von dem Werden, wahr. Es ist in der Welt Sein und Werden, aber nur: Das Werden ist lebendig, das Sein ist immer tot; und jedes Sein ist ein Leichnam des Werdens. Finden Sie irgendwo ein Sein, zum Beispiel in der sich um uns ausbreitenden Natur, so antwortet Ihnen die Geisteswissenschaft darauf: Dieses Sein — lesen Sie das in der «Geheimwissenschaft» — ist dadurch entstanden, daß einmal ein Werden war, und dieses Werden hat seinen Leichnam zurückgelassen, dasjenige, was uns gegenwärtig als Sein umgibt. Das Sein ist das Tote, das Werden ist das Lebendige!

[ 11 ] Damit hängt zusammen das, was man gerade der Geisteswissenschaft, wie wir sie hier vertreten, vielfach zum Vorwurf macht. Diese Geisteswissenschaft, wie wir sie hier vertreten, sucht auch bei den Vorstellungen, die sie über die Welt entwickelt, immer neue und neue Gesichtspunkte. Wir könnten sozusagen immer reden und reden, wir würden immer neue und neue Gesichtspunkte finden. Das nennen gewisse Leute dann Widersprüche. In Wahrheit handelt es sich um Umbildungen, die auf die Lebendigkeit dieser geisteswissenschaftlichen Wahrheiten hindeuten. In dieser Weise starre Begriffe, wie man sie heute gewöhnt ist, kann diese Geisteswissenschaft gar nicht geben. Sie kann einzelne geisteswissenschaftliche Tatsachen in einer eindeutigen Weise hinstellen, aber dasjenige, was uns befriedigen soll als Weltanschauungsinhalt, das gibt sie in lebendigen Begriffen, die immer von neuem von uns aufgenommen werden können. Derjenige, der diese Begriffe aufnimmt, der wird finden, wenn er sie einmal durch seine Seele ziehen läßt, so sagen sie ihm dies; dann läßt er sie ein andermal durch seine Seele ziehen, dieselben Begriffe sagen ihm etwas ganz anderes. Und wiederum sagen sie ihm etwas ganz anderes, wenn er sie im Zustand der Freude, des Glückes durch seine Seele ziehen läßt, und wenn er sie im Zustand der Traurigkeit, im Zustand des Leides durch seine Seele ziehen läßt. Aber wenn er sie richtig in ihrer Lebendigkeit erfaßt hat, so sagen sie ihm immer etwas. Weil diese geisteswissenschaftlichen Begriffe nicht bloß ein Abbild geben sollen, sondern weil sie eine lebendige Verbindung herstellen sollen zwischen der Menschenseele und der ganzen unendlichen Welt, und weil die Welt unendlich ist, so sind sie nie ganz auszuschöpfen, so sind sie unendlich. Sie sollen immer, in jedem einzelnen Falle eine Verbindung zwischen der Seele und der Welt herstellen. Aber wir müssen uns auch gewissermaßen die freie Empfänglichkeit für alles das bewahren, was aus der Welt an uns herantreten kann, und wir müssen uns vor allen Dingen im Denken daran gewöhnen, daß wir gewisse prinzipielle, grundlegende Begriffe, die der Menschheit heute selbstverständlich erscheinen, für die Zukunft gar nicht mehr gebrauchen können. Nehmen Sie sich unzählige Philosophien: Sie finden in diesen unzähligen Philosophien fast immer wieder eine Frage hervortreten, die Frage nach dem Sein. Das Sein, das einheitliche Sein, das ist etwas, was immer wieder und wiederum hervortritt. Und schon aus dieser Frage, wie man sie stellt, entspringen unzählige Unmöglichkeiten für die lebendige Menschenseele. Ich möchte gerade durch diese Vorträge in Ihnen eine Empfindung hervorrufen, daß alles dasjenige, was wir als das Sein bezeichnen, oder was wir als das Sein den Dingen, den Wesen beilegen, in einem lebendigen Verhältnis zum Werden steht, und zwar in einem eigentümlichen Verhältnis zum Werden. In Wahrheit ist weder der alte Satz des Parmenides von dem starren Sein, noch der Satz des Heraklit von dem Werden, wahr. Es ist in der Welt Sein und Werden, aber nur: Das Werden ist lebendig, das Sein ist immer tot; und jedes Sein ist ein Leichnam des Werdens. Finden Sie irgendwo ein Sein, zum Beispiel in der sich um uns ausbreitenden Natur, so antwortet Ihnen die Geisteswissenschaft darauf: Dieses Sein — lesen Sie das in der «Geheimwissenschaft» — ist dadurch entstanden, daß einmal ein Werden war, und dieses Werden hat seinen Leichnam zurückgelassen, dasjenige, was uns gegenwärtig als Sein umgibt. Das Sein ist das Tote, das Werden ist das Lebendige!

[ 12 ] Das Merkwürdige ist nun, daß dies Bedeutsame Anwendung findet im Leben der Seele. Wenn wir durch eine bestimmt abgeschlossene Vorstellung oder Vorstellungsreihe Befriedigung in der Seele haben wollen, so wollen wir durch ein Sein Befriedigung haben. Das können wir nicht! Wir können nur durch ein Werden Befriedigung haben, wir können nur durch dasjenige Befriedigung haben, was auf unsere Seele so wirkt, daß, indem wir es in unsere Seele aufnehmen, es wiederum unbewußt wird, aber indem es sich mit unserer Seele vereinigt, ganz neu uns anregt, diese Fragen an das immer dauernde Werden zu stellen. Das ist gewiß etwas, was an Geisteswissenschaft viele auch wiederum unbefriedigt sein läßt, weil sie gerne etwas Fertiges haben wollen. Während Geisteswissenschaft nur eine Anleitung zum «Essen des Geistigen» geben kann — Sie werden mich verstehn —, möchte man fertige Nahrung haben. Das ist schon etwas, womit unsere Zeit rechnen muß, weil sie voll steckt von der entgegengesetzten Empfindung.

[ 12 ] Das Merkwürdige ist nun, daß dies Bedeutsame Anwendung findet im Leben der Seele. Wenn wir durch eine bestimmt abgeschlossene Vorstellung oder Vorstellungsreihe Befriedigung in der Seele haben wollen, so wollen wir durch ein Sein Befriedigung haben. Das können wir nicht! Wir können nur durch ein Werden Befriedigung haben, wir können nur durch dasjenige Befriedigung haben, was auf unsere Seele so wirkt, daß, indem wir es in unsere Seele aufnehmen, es wiederum unbewußt wird, aber indem es sich mit unserer Seele vereinigt, ganz neu uns anregt, diese Fragen an das immer dauernde Werden zu stellen. Das ist gewiß etwas, was an Geisteswissenschaft viele auch wiederum unbefriedigt sein läßt, weil sie gerne etwas Fertiges haben wollen. Während Geisteswissenschaft nur eine Anleitung zum «Essen des Geistigen» geben kann — Sie werden mich verstehn —, möchte man fertige Nahrung haben. Das ist schon etwas, womit unsere Zeit rechnen muß, weil sie voll steckt von der entgegengesetzten Empfindung.

[ 13 ] Wovon steckt unsere Zeit voll? Von der ganz entgegengesetzten Empfindung steckt unsere Zeit voll, von der Empfindung, man müsse nur so schnell als möglich irgendeine fertige Weltanschauung in sich aufnehmen. Vieles von dem, was, ich möchte sagen, an Krankhafligkeit in unserer Seele lebt, wird seine Heilung nur dadurch erfahren können, daß man Interesse gewinnt für das lebendige Leben mit der Wahrheit, nicht die Gier entwickelt nach fertigen Wahrheiten. Klar umrissene Wahrheiten aber, dasjenige, was man in fertigen Begriffen ausspricht, bezieht sich immer auf ein Vergangenes. In irgendeiner Weise ist dasjenige, was in fertige Begriffe geprägt wird, immer auf ein Vergangenes bezüglich. Dasjenige Wahre, was die Vergangenheit gewissermaßen abgesetzt hat, können wir in uns aufnehmen, es lebt dann in uns; und indem es in uns lebt, leben wir mit der Wahrheit.

[ 13 ] Wovon steckt unsere Zeit voll? Von der ganz entgegengesetzten Empfindung steckt unsere Zeit voll, von der Empfindung, man müsse nur so schnell als möglich irgendeine fertige Weltanschauung in sich aufnehmen. Vieles von dem, was, ich möchte sagen, an Krankhafligkeit in unserer Seele lebt, wird seine Heilung nur dadurch erfahren können, daß man Interesse gewinnt für das lebendige Leben mit der Wahrheit, nicht die Gier entwickelt nach fertigen Wahrheiten. Klar umrissene Wahrheiten aber, dasjenige, was man in fertigen Begriffen ausspricht, bezieht sich immer auf ein Vergangenes. In irgendeiner Weise ist dasjenige, was in fertige Begriffe geprägt wird, immer auf ein Vergangenes bezüglich. Dasjenige Wahre, was die Vergangenheit gewissermaßen abgesetzt hat, können wir in uns aufnehmen, es lebt dann in uns; und indem es in uns lebt, leben wir mit der Wahrheit.

[ 14 ] Nun ist aber unsere Zeit in dieser Beziehung mitten in einem Umbildungsprozeß darinnen, und dieser Umbildungsprozeß zeigt sich uns in einem merkwürdig polarischen Gegensatz, dem Gegensatz zwischen Westen und Osten in Europa; und wir in Mitteleuropa sind mitten in diesen polarischen Gegensatz hineingestellt. Dasjenige, was der eine Pol ist, das Westliche, das ist gewissermaßen schon bis zur Hypertrophie, bis zur Überreife gelangt; dasjenige, was der Osten bedeutet, das zeigt sich noch nicht einmal in seinem ersten Anfang, kaum embryonal. Seien wir uns nur klar darüber: Was uns in diesem merkwürdigen, heute uns so chaotisch anmutenden Osten ansieht, das versteht man schlecht in Mitteleuropa, und am schlechtesten in Westeuropa. Wie vielerlei Auseinandersetzungen findet man jetzt über das Wesen des russischen Volkes, über dasjenige, was sich im Osten Europas, bleiben wir dabei stehen, geltend macht. Ich habe zum Beispiel neulich gelesen, wie ein Herr sehr geistvoll, wie er selbst selbstverständlich glaubt, auseinandersetzt, daß das russische Volk gewissermaßen jetzt diejenigen Zustände durchmacht, die Mittel- und Westeuropa im Mittelalter durchgemacht habe. Da war im Mittelalter in den mittel- und westeuropäischen Völkern mehr Glaube, mehr wie ein gewisses mystisches Hindämmern herrschend; dasselbe ist im Osten jetzt. Also der Osten macht das Mittelalter durch. Aber bei uns ist seither die Intellektualität, die Verstandeskultur mit ihrem naturwissenschaftlichen Anhängsel gekommen, das müssen die Menschen im Osten nun erst nachholen.

[ 14 ] Nun ist aber unsere Zeit in dieser Beziehung mitten in einem Umbildungsprozeß darinnen, und dieser Umbildungsprozeß zeigt sich uns in einem merkwürdig polarischen Gegensatz, dem Gegensatz zwischen Westen und Osten in Europa; und wir in Mitteleuropa sind mitten in diesen polarischen Gegensatz hineingestellt. Dasjenige, was der eine Pol ist, das Westliche, das ist gewissermaßen schon bis zur Hypertrophie, bis zur Überreife gelangt; dasjenige, was der Osten bedeutet, das zeigt sich noch nicht einmal in seinem ersten Anfang, kaum embryonal. Seien wir uns nur klar darüber: Was uns in diesem merkwürdigen, heute uns so chaotisch anmutenden Osten ansieht, das versteht man schlecht in Mitteleuropa, und am schlechtesten in Westeuropa. Wie vielerlei Auseinandersetzungen findet man jetzt über das Wesen des russischen Volkes, über dasjenige, was sich im Osten Europas, bleiben wir dabei stehen, geltend macht. Ich habe zum Beispiel neulich gelesen, wie ein Herr sehr geistvoll, wie er selbst selbstverständlich glaubt, auseinandersetzt, daß das russische Volk gewissermaßen jetzt diejenigen Zustände durchmacht, die Mittel- und Westeuropa im Mittelalter durchgemacht habe. Da war im Mittelalter in den mittel- und westeuropäischen Völkern mehr Glaube, mehr wie ein gewisses mystisches Hindämmern herrschend; dasselbe ist im Osten jetzt. Also der Osten macht das Mittelalter durch. Aber bei uns ist seither die Intellektualität, die Verstandeskultur mit ihrem naturwissenschaftlichen Anhängsel gekommen, das müssen die Menschen im Osten nun erst nachholen.

[ 15 ] Nichts von dem ist eine Wirklichkeit! Die Wahrheit ist vielmehr diese, daß der russische Mensch allerdings mystisch veranlagt ist, daß aber diese Mystik zu gleicher Zeit intellektuell wirkt — intellektualistische Mystik — und der Intellekt mystisch wirkt — Mystischer Intellektualismus, der überhaupt in Mitteleuropa gar nicht vorhanden war. Es ist etwas ganz anderes, etwas Neues, das herankommt, so wie das Kind heranwächst und etwas anderes wird als der Greis, der neben ihm steht, der vielleicht sein Großvater ist. Aber es geht nicht für den heutigen Menschen, an diesen Dingen schlafend und träumend vorbeizugehen. Und gerade wir in Mitteleuropa haben die dringende Notwendigkeit, nach Verständnis dieser Dinge zu suchen. Und wenn wir nicht versuchen, nach einem Verständnis dieses polarischen Gegensatzes zu suchen, so kommen wir wirklich nicht über das Chaos der Gegenwart hinaus.

[ 15 ] Nichts von dem ist eine Wirklichkeit! Die Wahrheit ist vielmehr diese, daß der russische Mensch allerdings mystisch veranlagt ist, daß aber diese Mystik zu gleicher Zeit intellektuell wirkt — intellektualistische Mystik — und der Intellekt mystisch wirkt — Mystischer Intellektualismus, der überhaupt in Mitteleuropa gar nicht vorhanden war. Es ist etwas ganz anderes, etwas Neues, das herankommt, so wie das Kind heranwächst und etwas anderes wird als der Greis, der neben ihm steht, der vielleicht sein Großvater ist. Aber es geht nicht für den heutigen Menschen, an diesen Dingen schlafend und träumend vorbeizugehen. Und gerade wir in Mitteleuropa haben die dringende Notwendigkeit, nach Verständnis dieser Dinge zu suchen. Und wenn wir nicht versuchen, nach einem Verständnis dieses polarischen Gegensatzes zu suchen, so kommen wir wirklich nicht über das Chaos der Gegenwart hinaus.

[ 16 ] Es ist allerdings sehr schwierig, sich diesen Gegensatz zwischen Osten und Westen ganz klarzumachen, denn das, was im Westen ist, ist gewissermaßen schon über die Reife hinaus; das, was im Osten ist, ist, wie ich gesagt habe, kaum embryonal; und dennoch müssen wir uns ein Verständnis davon verschaffen. Wir haben im Westen und auch in Mitteleuropa einen ganz bestimmten, nennen wir es Aberglauben, den man im Osten nicht hat, und wo man den hat, ist er nur angelernt vom Westen. Wir haben einen ganz bestimmten Aberglauben im Westen und in Mitteleuropa. Nun, am groteskesten ausgedrückt, möchte ich sagen, es ist der Aberglaube für das Buch, für dasjenige, was im Buche steht. Das ist nur etwas grotesk ausgedrückt, aber es umfaßt einen ganzen Komplex von Kulturtatsachen. Wir im Westen hängen an dem, was ins Buch gebracht werden kann, was gewissermaßen niedergeschrieben, fixiert werden kann, was, mit anderen Worten, als menschlich vom Menschen losgelöst und objektiviert werden kann, und das schätzen wir vor allen Dingen. Wir schätzen es nicht nur darin, daß unsere Bibliotheken sich wirklich schon zu Riesenungetümern auswachsen, und diese Bibliotheken für uns, insbesondere wenn wir wissenschaftlich arbeiten wollen, etwas Ungeheures bedeuten, sondern wir schätzen es auch in anderer Beziehung: Wir schätzen es zum Beispiel darin, daß wir eine gewisse Summe von Begriffen haben, die die Menschen gedacht und die sich vom Menschen losgelöst haben. Eine Summe von Begriffen nennen wir Liberalismus, und wenn sich eine Anzahl von Menschen, eine Menschengruppe dazu bekennt, so nennen wir diese Menschengruppe eine liberale Partei. Eine solche liberale Partei ist in Wirklichkeit nichts anderes als dasjenige, was sich dann darstellt, wenn sich über eine Anzahl von Menschen wie ein Spinngewebe ausdehnt etwas wie eine liberale "Theorie; das heißt etwas, was im Buche stehen kann. Und so ist es mit anderem auch. Und wir erlangen es sogar immer mehr und mehr unter dem Aberglauben dieser Theorie, daß alles festgesetzt wird in dieser Weise, damit man weiß, womit man es zu tun hat.

[ 16 ] Es ist allerdings sehr schwierig, sich diesen Gegensatz zwischen Osten und Westen ganz klarzumachen, denn das, was im Westen ist, ist gewissermaßen schon über die Reife hinaus; das, was im Osten ist, ist, wie ich gesagt habe, kaum embryonal; und dennoch müssen wir uns ein Verständnis davon verschaffen. Wir haben im Westen und auch in Mitteleuropa einen ganz bestimmten, nennen wir es Aberglauben, den man im Osten nicht hat, und wo man den hat, ist er nur angelernt vom Westen. Wir haben einen ganz bestimmten Aberglauben im Westen und in Mitteleuropa. Nun, am groteskesten ausgedrückt, möchte ich sagen, es ist der Aberglaube für das Buch, für dasjenige, was im Buche steht. Das ist nur etwas grotesk ausgedrückt, aber es umfaßt einen ganzen Komplex von Kulturtatsachen. Wir im Westen hängen an dem, was ins Buch gebracht werden kann, was gewissermaßen niedergeschrieben, fixiert werden kann, was, mit anderen Worten, als menschlich vom Menschen losgelöst und objektiviert werden kann, und das schätzen wir vor allen Dingen. Wir schätzen es nicht nur darin, daß unsere Bibliotheken sich wirklich schon zu Riesenungetümern auswachsen, und diese Bibliotheken für uns, insbesondere wenn wir wissenschaftlich arbeiten wollen, etwas Ungeheures bedeuten, sondern wir schätzen es auch in anderer Beziehung: Wir schätzen es zum Beispiel darin, daß wir eine gewisse Summe von Begriffen haben, die die Menschen gedacht und die sich vom Menschen losgelöst haben. Eine Summe von Begriffen nennen wir Liberalismus, und wenn sich eine Anzahl von Menschen, eine Menschengruppe dazu bekennt, so nennen wir diese Menschengruppe eine liberale Partei. Eine solche liberale Partei ist in Wirklichkeit nichts anderes als dasjenige, was sich dann darstellt, wenn sich über eine Anzahl von Menschen wie ein Spinngewebe ausdehnt etwas wie eine liberale "Theorie; das heißt etwas, was im Buche stehen kann. Und so ist es mit anderem auch. Und wir erlangen es sogar immer mehr und mehr unter dem Aberglauben dieser Theorie, daß alles festgesetzt wird in dieser Weise, damit man weiß, womit man es zu tun hat.

[ 17 ] Wir haben im Westen aufdämmern sehen in ganz schneller Folge eine ganze Anzahl von nicht nur gewöhnlichen Theorien, wie: Liberalismus, Konservatismus und so weiter, sondern wir haben auch umfassende universelle Theorien in Büchern geschrieben gefunden: Proudhonische, Bellamysche Weltgestaltungen; eine große Summe von Utopien, und je weiter nach Westen, desto mehr. Mitteleuropa hat verhältnismäßig wenig, sogar, wenn man der Sache nachgeht, keine einzige Utopie hervorgebracht; die Utopien sind alle Ergebnisse der angelsächsischen und romanischen Rasse. Sie sind nur, weil die Dinge auch versetzt erscheinen, auch in Mitteleuropa zuweilen erschienen. Dieses Loslösen desjenigen, was eigentlich im Menschen lebt, es zu etwas Äußerem machen, das man fixieren kann, und das Leben mit dem Fixierten, das ist dasjenige, was zum Aberglauben des Westens gehört, und was Mitteleuropa bis zu einem gewissen Grade von diesem Westen angenommen hat. In gewissen, namentlich so mystischen und allerlei anderen Bewegungen, hat das sogar einen recht schlimmen Charakter angenommen, indem man großen Wert darauf gelegt hat, nur ja nicht irgendwie gegenwärtig Lebendiges zu haben, sondern irgend etwas Altes, was aus alten Büchern oder aus alten Überlieferungen geschöpft werden kann, kurz, was sonst losgelöst ist vom Menschen, obwohl es im Menschen einmal gelebt haben muß. Manche Menschen interessiert es gar nicht, wenn man diesen oder jenen Begriff über geistige Welten in unmittelbarer Gestalt an sie heranbringt. Wenn man ihnen aber erzählt: das haben die alten Rosenkreuzer gedacht, das ist rosenkreuzerische Weisheit — oder wenn man eine gewisse Sekte, will sagen, Gesellschaft gründen will, von «alten Tempeln, mystischen Tempeln», «mystischen orientalischen Tempeln» und so weiter und hinweist, wie alt die Dinge sind, das heißt, wann sie abgelagert sind, fixiert worden sind, dann fühlen sich manche außerordentlich befriedigt.

[ 17 ] Wir haben im Westen aufdämmern sehen in ganz schneller Folge eine ganze Anzahl von nicht nur gewöhnlichen Theorien, wie: Liberalismus, Konservatismus und so weiter, sondern wir haben auch umfassende universelle Theorien in Büchern geschrieben gefunden: Proudhonische, Bellamysche Weltgestaltungen; eine große Summe von Utopien, und je weiter nach Westen, desto mehr. Mitteleuropa hat verhältnismäßig wenig, sogar, wenn man der Sache nachgeht, keine einzige Utopie hervorgebracht; die Utopien sind alle Ergebnisse der angelsächsischen und romanischen Rasse. Sie sind nur, weil die Dinge auch versetzt erscheinen, auch in Mitteleuropa zuweilen erschienen. Dieses Loslösen desjenigen, was eigentlich im Menschen lebt, es zu etwas Äußerem machen, das man fixieren kann, und das Leben mit dem Fixierten, das ist dasjenige, was zum Aberglauben des Westens gehört, und was Mitteleuropa bis zu einem gewissen Grade von diesem Westen angenommen hat. In gewissen, namentlich so mystischen und allerlei anderen Bewegungen, hat das sogar einen recht schlimmen Charakter angenommen, indem man großen Wert darauf gelegt hat, nur ja nicht irgendwie gegenwärtig Lebendiges zu haben, sondern irgend etwas Altes, was aus alten Büchern oder aus alten Überlieferungen geschöpft werden kann, kurz, was sonst losgelöst ist vom Menschen, obwohl es im Menschen einmal gelebt haben muß. Manche Menschen interessiert es gar nicht, wenn man diesen oder jenen Begriff über geistige Welten in unmittelbarer Gestalt an sie heranbringt. Wenn man ihnen aber erzählt: das haben die alten Rosenkreuzer gedacht, das ist rosenkreuzerische Weisheit — oder wenn man eine gewisse Sekte, will sagen, Gesellschaft gründen will, von «alten Tempeln, mystischen Tempeln», «mystischen orientalischen Tempeln» und so weiter und hinweist, wie alt die Dinge sind, das heißt, wann sie abgelagert sind, fixiert worden sind, dann fühlen sich manche außerordentlich befriedigt.

[ 18 ] Dies ist, ich möchte sagen, das allgemeine, aber es hat wirklich hypertrophiert im Westen und wird sich immer mehr und mehr zum Extrem ausgestalten. Denn dieses hängt zusammen, innig zusammen mit einer gewissen Despotie des vom Menschen losgelösten Geistigen über den Menschen selbst. Zuletzt erscheint die Herrschaft des hinausgeworfenen Geistigen über das unmittelbar Elementarisch-Menschliche. Der Mensch soll dann ausgeschaltet werden, und dasjenige, was er hinausgeworfen hat, das soll in irgendeiner Form herrschend werden. Aber dasjenige, was in die Welt hinausgeworfen wird, das strebt nach Materialisierung, nicht nur nach Auffassung im materialistischen Sinn, sondern nach Materialisierung. Und in dieser Beziehung ist die westliche Welt ja schon sehr, sehr weit gegangen. Man sucht in solchen Dingen nur gewöhnlich die inneren Gesetze nicht, aber diese inneren Gesetze sind vorhanden und es wird sich in der nächsten Zukunft der Menschen sehr rächen, daß sie nicht die inneren Gesetze suchen.

[ 18 ] Dies ist, ich möchte sagen, das allgemeine, aber es hat wirklich hypertrophiert im Westen und wird sich immer mehr und mehr zum Extrem ausgestalten. Denn dieses hängt zusammen, innig zusammen mit einer gewissen Despotie des vom Menschen losgelösten Geistigen über den Menschen selbst. Zuletzt erscheint die Herrschaft des hinausgeworfenen Geistigen über das unmittelbar Elementarisch-Menschliche. Der Mensch soll dann ausgeschaltet werden, und dasjenige, was er hinausgeworfen hat, das soll in irgendeiner Form herrschend werden. Aber dasjenige, was in die Welt hinausgeworfen wird, das strebt nach Materialisierung, nicht nur nach Auffassung im materialistischen Sinn, sondern nach Materialisierung. Und in dieser Beziehung ist die westliche Welt ja schon sehr, sehr weit gegangen. Man sucht in solchen Dingen nur gewöhnlich die inneren Gesetze nicht, aber diese inneren Gesetze sind vorhanden und es wird sich in der nächsten Zukunft der Menschen sehr rächen, daß sie nicht die inneren Gesetze suchen.

[ 19 ] Da gibt es einen Menschen in der Gegenwart, der, nachdem er früher einen bürgerlichen Namen getragen hat, jetzt den Namen Lord Northcliffe trägt; der große Zeitungsmagnat Englands und jetzt nach und nach auch Amerikas. Der Mann fing vor einiger Zeit an, sich die Idee vorzulegen: Wie kann man das soziale Leben, das Zusammenleben der Menschen unabhängig machen von dem Menschen selbst? Wie kann man gewissermaßen die Herrschaft des vom Menschen Losgelösten über die Menschen begründen? — Er hat angefangen gewissermaßen zuerst mit Theorien, indem er sagte: Jede Provinz hat ihre Zeitung; da schreiben immer einzelne Menschen in diese Zeitungen hinein, dadurch ist die Zeitung einer jeden Provinz anders als die einer anderen Provinz. Wie großartig wäre es doch, wenn man es nach und nach dahin brächte, daß man eine einheitliche Schablone ausgösse über die verschiedenen Provinzpressen, so daß man in einer Zentrale sammelt alle guten chemischen Artikel, die von berühmten Chemikern geschrieben sind, alle guten physikalischen Artikel, die von guten Physikern geschrieben sind, alle guten biologischen Artikel, die von berühmten Biologen geschrieben sind und so weiter. Und die werden dann verteilt an die einzelnen Zeitungen und die bringen dann alle das gleiche. Und auch wenn sie verschieden sein sollen, so ordnet man schon von der Zentrale die Verschiedenheit an. Natürlich kann man nicht überall, schon weil die Sprache verschieden wäre, dasselbe anbringen, aber man kann alles zentralisieren.

[ 19 ] Da gibt es einen Menschen in der Gegenwart, der, nachdem er früher einen bürgerlichen Namen getragen hat, jetzt den Namen Lord Northcliffe trägt; der große Zeitungsmagnat Englands und jetzt nach und nach auch Amerikas. Der Mann fing vor einiger Zeit an, sich die Idee vorzulegen: Wie kann man das soziale Leben, das Zusammenleben der Menschen unabhängig machen von dem Menschen selbst? Wie kann man gewissermaßen die Herrschaft des vom Menschen Losgelösten über die Menschen begründen? — Er hat angefangen gewissermaßen zuerst mit Theorien, indem er sagte: Jede Provinz hat ihre Zeitung; da schreiben immer einzelne Menschen in diese Zeitungen hinein, dadurch ist die Zeitung einer jeden Provinz anders als die einer anderen Provinz. Wie großartig wäre es doch, wenn man es nach und nach dahin brächte, daß man eine einheitliche Schablone ausgösse über die verschiedenen Provinzpressen, so daß man in einer Zentrale sammelt alle guten chemischen Artikel, die von berühmten Chemikern geschrieben sind, alle guten physikalischen Artikel, die von guten Physikern geschrieben sind, alle guten biologischen Artikel, die von berühmten Biologen geschrieben sind und so weiter. Und die werden dann verteilt an die einzelnen Zeitungen und die bringen dann alle das gleiche. Und auch wenn sie verschieden sein sollen, so ordnet man schon von der Zentrale die Verschiedenheit an. Natürlich kann man nicht überall, schon weil die Sprache verschieden wäre, dasselbe anbringen, aber man kann alles zentralisieren.

[ 20 ] Und siehe da: jener Mann hat einen weiten Weg nach dieser Richtung gemacht, und heute ist er gewissermaßen der unsichtbare Herrscher eines großen Teiles der britischen, der französischen, der amerikanischen Presse überhaupt, indem nichts in einer gewissen Presse Englands, Frankreichs, Amerikas erscheint, was nicht aus dieser Zentrale stammt. Und sehr schwer hat es die andere Presse, die noch von ihm unabhängig ist, neben dem, was durch seine Kanäle fließt, zu bestehen. Aber sein Ideal ist, alles wegzuräumen, was nicht aus einer einzigen solchen Quelle fließt. Denken Sie, welche Möglichkeit, bei dem Glauben, der heute herrscht an dasjenige, was zwar sich vom Menschen abgesondert hat, was aber dann an die Menschen auf diese Weise herantritt! Denken Sie, welche Möglichkeiten eine ungeheure Tyrannis von dieser Seite her über den einzelnen individuellen Menschen auszuüben!

[ 20 ] Und siehe da: jener Mann hat einen weiten Weg nach dieser Richtung gemacht, und heute ist er gewissermaßen der unsichtbare Herrscher eines großen Teiles der britischen, der französischen, der amerikanischen Presse überhaupt, indem nichts in einer gewissen Presse Englands, Frankreichs, Amerikas erscheint, was nicht aus dieser Zentrale stammt. Und sehr schwer hat es die andere Presse, die noch von ihm unabhängig ist, neben dem, was durch seine Kanäle fließt, zu bestehen. Aber sein Ideal ist, alles wegzuräumen, was nicht aus einer einzigen solchen Quelle fließt. Denken Sie, welche Möglichkeit, bei dem Glauben, der heute herrscht an dasjenige, was zwar sich vom Menschen abgesondert hat, was aber dann an die Menschen auf diese Weise herantritt! Denken Sie, welche Möglichkeiten eine ungeheure Tyrannis von dieser Seite her über den einzelnen individuellen Menschen auszuüben!

[ 21 ] Den individuellen Menschen in seiner vollen Gültigkeit wieder einzusetzen, den individuellen Menschen wieder ganz auf sich selbst zu stellen, das ist in der Tat die Anlage der Menschen des Ostens; das Buch zu überwinden, das Fixierte zu überwinden und den Menschen an die Stelle zu setzen. Der Idealzustand, nach dem der Osten strebt, ist der, daß man weniger lesen, weniger das Fixierte auf sich wirken lassen wird, dafür aber alles dasjenige, was mit dem unmittelbaren individuellen Menschen zusammenhängt. Der einzelne Mensch wird wieder den anderen anhören; der einzelne Mensch wird wissen, daß es ein Unterschied ist, ob das Wort vom Menschen selbst kommt, oder ob es sich abgesondert hat und den Umweg durch die Druckerschwärze und dergleichen gemacht hat. Gewiß, auf manchem Gebiet sind in dieser Beziehung erst Anfänge gemacht, aber sehr, sehr bedeutsame, schreckliche Anfänge, ich meine: im Westen sind in diesen Dingen mit der Absonderung Anfänge gemacht, aber schreckliche Anfänge.

[ 21 ] Den individuellen Menschen in seiner vollen Gültigkeit wieder einzusetzen, den individuellen Menschen wieder ganz auf sich selbst zu stellen, das ist in der Tat die Anlage der Menschen des Ostens; das Buch zu überwinden, das Fixierte zu überwinden und den Menschen an die Stelle zu setzen. Der Idealzustand, nach dem der Osten strebt, ist der, daß man weniger lesen, weniger das Fixierte auf sich wirken lassen wird, dafür aber alles dasjenige, was mit dem unmittelbaren individuellen Menschen zusammenhängt. Der einzelne Mensch wird wieder den anderen anhören; der einzelne Mensch wird wissen, daß es ein Unterschied ist, ob das Wort vom Menschen selbst kommt, oder ob es sich abgesondert hat und den Umweg durch die Druckerschwärze und dergleichen gemacht hat. Gewiß, auf manchem Gebiet sind in dieser Beziehung erst Anfänge gemacht, aber sehr, sehr bedeutsame, schreckliche Anfänge, ich meine: im Westen sind in diesen Dingen mit der Absonderung Anfänge gemacht, aber schreckliche Anfänge.

[ 22 ] Daß es das Absondern vom Menschen gibt, das hat uns auf vielen Gebieten, insbesondere der Kunst, zu Reproduktionsverfahren gebracht, die nun wirklich geeignet sind, den Sinn für Künstlertum auszutreiben. Vielfach hat man dadurch die Möglichkeit verloren, im Kunstwerk das Individuelle noch zu sehen, insbesondere im Kunstwerk des alltäglichen Gebrauches, und schwer versteht man das Sich-Stemmen gegen den Unfug der Zeit. Vielleicht werden Sie gesehen haben, daß einzelne unserer Damen wiederum Ringe tragen oder anderes Ähnliches, aber jede ein anderes, weil ein Wert darauf gelegt wird, daß etwas Individuelles drinnen ist, etwas, was eine unmittelbar individuelle oder ideelle Beziehung darstellt zwischen dem einzelnen Objekt und dem, der es gemacht hat. Man hat nicht mehr viel Verständnis für solche Dinge in der Zeit, wo alles in Vervielfältigung hergestellt wird, das heißt, objektiviert, losgelöst wird vom Menschen. In unseren Dingen sind eben sehr häufig Intentionen, die wirklich mit der Zeitentwickelung zusammenhängen und die man vielleicht nur für Liebhabereien hält, die aber aus solchen Zusammenhängen heraus gewollt sind. Aber dasjenige, was sich im Osten vorbereitet, das Bauen auf das Individuelle, das Erhöhen des unmittelbaren Wertes des Menschen, das ist eben erst in dem embryonalsten Anfange. Was bereitet sich denn da vor? Im Westen hat sich herausgebildet nun, sagen wir: der Marxismus. Was ist der Marxismus? — Ich könnte ebensogut etwas anderes nennen — was ist der Marxismus? Eine Theorie, die eine solche Gestaltung der Wirklichkeit in Begriffe darstellt, daß unter dieser Gestaltung der Wirklichkeit alle Menschen richtig zusammenleben können in sozialer Beziehung.

[ 22 ] Daß es das Absondern vom Menschen gibt, das hat uns auf vielen Gebieten, insbesondere der Kunst, zu Reproduktionsverfahren gebracht, die nun wirklich geeignet sind, den Sinn für Künstlertum auszutreiben. Vielfach hat man dadurch die Möglichkeit verloren, im Kunstwerk das Individuelle noch zu sehen, insbesondere im Kunstwerk des alltäglichen Gebrauches, und schwer versteht man das Sich-Stemmen gegen den Unfug der Zeit. Vielleicht werden Sie gesehen haben, daß einzelne unserer Damen wiederum Ringe tragen oder anderes Ähnliches, aber jede ein anderes, weil ein Wert darauf gelegt wird, daß etwas Individuelles drinnen ist, etwas, was eine unmittelbar individuelle oder ideelle Beziehung darstellt zwischen dem einzelnen Objekt und dem, der es gemacht hat. Man hat nicht mehr viel Verständnis für solche Dinge in der Zeit, wo alles in Vervielfältigung hergestellt wird, das heißt, objektiviert, losgelöst wird vom Menschen. In unseren Dingen sind eben sehr häufig Intentionen, die wirklich mit der Zeitentwickelung zusammenhängen und die man vielleicht nur für Liebhabereien hält, die aber aus solchen Zusammenhängen heraus gewollt sind. Aber dasjenige, was sich im Osten vorbereitet, das Bauen auf das Individuelle, das Erhöhen des unmittelbaren Wertes des Menschen, das ist eben erst in dem embryonalsten Anfange. Was bereitet sich denn da vor? Im Westen hat sich herausgebildet nun, sagen wir: der Marxismus. Was ist der Marxismus? — Ich könnte ebensogut etwas anderes nennen — was ist der Marxismus? Eine Theorie, die eine solche Gestaltung der Wirklichkeit in Begriffe darstellt, daß unter dieser Gestaltung der Wirklichkeit alle Menschen richtig zusammenleben können in sozialer Beziehung.

[ 23 ] Im Osten bereitet sich eine geistige Art vor, die überhaupt so etwas als einen völligen Unsinn ansieht, daß man überhaupt etwas ausspinnen kann, was eine allgemein gültige Theorie über menschliches Zusammenleben ist; das wird der Weltanschauung, die sich im Osten herausbildet, als ein völliger Unsinn erscheinen. Denn man wird sagen: Man kann doch nicht die Art fixieren, wie die Menschen zusammenleben sollen; das muß doch jeder einzelne selbst sagen, das muß jeder einzelne Mensch zeigen, das muß im menschlichen Zusammenleben selber sich entwickeln. Ein gewisser, wenn ich nun wiederum ein Wort brauchen darf, das einen Schablonenbegriff darstellt — ich tue es ungern, aber man muß ja gewisse Begriffe anwenden —, ein gewisser Individualismus, aber ein wirklich schöpferischer Individualismus bereitet sich im Osten vor.

[ 23 ] Im Osten bereitet sich eine geistige Art vor, die überhaupt so etwas als einen völligen Unsinn ansieht, daß man überhaupt etwas ausspinnen kann, was eine allgemein gültige Theorie über menschliches Zusammenleben ist; das wird der Weltanschauung, die sich im Osten herausbildet, als ein völliger Unsinn erscheinen. Denn man wird sagen: Man kann doch nicht die Art fixieren, wie die Menschen zusammenleben sollen; das muß doch jeder einzelne selbst sagen, das muß jeder einzelne Mensch zeigen, das muß im menschlichen Zusammenleben selber sich entwickeln. Ein gewisser, wenn ich nun wiederum ein Wort brauchen darf, das einen Schablonenbegriff darstellt — ich tue es ungern, aber man muß ja gewisse Begriffe anwenden —, ein gewisser Individualismus, aber ein wirklich schöpferischer Individualismus bereitet sich im Osten vor.

[ 24 ] Diese Dinge muß man fassen können, muß man verstehen können, denn diese Dinge stellen die Kräfte dar, unter denen sich gegenwärtig dieWelt gestaltet. Wir stehen mitten darinnen in dieser Weltgestaltung. Man kann nicht zu einer fruchtbaren Idee von Weltgestaltung kommen, wenn man diese Dinge nicht berücksichtigt. Man durchschaut dann nicht, wie einem andere zuvorkommen. Denn jener Lord Northcliffe hat nicht nur britische, amerikanische und französische Zeitungen gekauft, sondern er hat zum Beispiel auch russische Zeitungen gekauft. Die «Nowoje Wremja» ist völlig in seinem Besitz, und damit spannt er seine Netze nach dem Osten hinüber, spannt, wohl unter der Anleitung solcher Menschen, die in gewissem Sinne die Dinge schon kennen, dasjenige, was Zukunft ist, in das Netz seines Vergangenen hinein. Und das steckt als etwas viel Tieferes, als man heute ahnt, in dem ostwestlichen Bündnis, in das wir hineingekeilt sind. An diesen Dingen ist gründlich und viel — auch noch auf anderen Gebieten — gearbeitet worden, mehr als sich die Menschen heute vorstellen, und viel systematischer als man sich oftmals heute denkt. Denn es ist eine furchtbare Idee, dem absterbenden Westen das Keimhafte des Ostens einzuimpfen. Aber wer beurteilt denn heute in der richtigen Weise bemerken tun es manche-,, daß plötzlich um die Wende des neunzehnten, zwanzigsten Jahrhunderts in der englischen Presse eine ganze Reihe von Pseudonymen auftaucht: Ignotus, Argus, Spektator und so weiter; wer beurteilt es von einem gewissen höheren Gesichtspunkte aus, daß auf der einen Seite die «Nowoje Wremja» gekauft wird, aber der Vertreter der «Nowoje Wremja» unter einem solchen Namen in London schreibt, so daß ein völliger Austausch desjenigen stattfindet, was im Westen an Hypertrophie herrscht, und dem Embryonalen, Keimhaften des Ostens. Das steckt hinter den Kulissen unseres gegenwärtigen Lebens, und das hängt zusammen mit den Gesetzen des Menschheitswerdens; das hängt zusammen mit den Gesetzen der Erdenentwickelung.

[ 24 ] Diese Dinge muß man fassen können, muß man verstehen können, denn diese Dinge stellen die Kräfte dar, unter denen sich gegenwärtig dieWelt gestaltet. Wir stehen mitten darinnen in dieser Weltgestaltung. Man kann nicht zu einer fruchtbaren Idee von Weltgestaltung kommen, wenn man diese Dinge nicht berücksichtigt. Man durchschaut dann nicht, wie einem andere zuvorkommen. Denn jener Lord Northcliffe hat nicht nur britische, amerikanische und französische Zeitungen gekauft, sondern er hat zum Beispiel auch russische Zeitungen gekauft. Die «Nowoje Wremja» ist völlig in seinem Besitz, und damit spannt er seine Netze nach dem Osten hinüber, spannt, wohl unter der Anleitung solcher Menschen, die in gewissem Sinne die Dinge schon kennen, dasjenige, was Zukunft ist, in das Netz seines Vergangenen hinein. Und das steckt als etwas viel Tieferes, als man heute ahnt, in dem ostwestlichen Bündnis, in das wir hineingekeilt sind. An diesen Dingen ist gründlich und viel — auch noch auf anderen Gebieten — gearbeitet worden, mehr als sich die Menschen heute vorstellen, und viel systematischer als man sich oftmals heute denkt. Denn es ist eine furchtbare Idee, dem absterbenden Westen das Keimhafte des Ostens einzuimpfen. Aber wer beurteilt denn heute in der richtigen Weise bemerken tun es manche-,, daß plötzlich um die Wende des neunzehnten, zwanzigsten Jahrhunderts in der englischen Presse eine ganze Reihe von Pseudonymen auftaucht: Ignotus, Argus, Spektator und so weiter; wer beurteilt es von einem gewissen höheren Gesichtspunkte aus, daß auf der einen Seite die «Nowoje Wremja» gekauft wird, aber der Vertreter der «Nowoje Wremja» unter einem solchen Namen in London schreibt, so daß ein völliger Austausch desjenigen stattfindet, was im Westen an Hypertrophie herrscht, und dem Embryonalen, Keimhaften des Ostens. Das steckt hinter den Kulissen unseres gegenwärtigen Lebens, und das hängt zusammen mit den Gesetzen des Menschheitswerdens; das hängt zusammen mit den Gesetzen der Erdenentwickelung.

[ 25 ] Wer glaubt, daß ich phantasiere, indem ich geradezu die Behauptung aufstelle: Im Beginne des zwanzigsten Jahrhunderts wurde der europäisch-Östliche Geist mit dem europäisch-westlichen Geist zusammengekoppelt, und es wurde systematisch an dem Aufkommen einer öffentlichen Meinung gearbeitet — zunächst in den Redaktionen, von da aus in den Parlamenten, von da aus in unterirdischen Kanälen, aber zunächst auf ganz anderen Gebieten —, wer glaubt, daß ich phantasiere, der lese jene Briefe, die veröffentlicht worden sind von Frau Novikoff, der Gattin des russischen Gesandten in Wien, im Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts, die die Frau Novikoff geschrieben hat an Mrs. Campbell-Bannerman, mit der sie in England bekannt geworden ist, und versuche sich dasjenige so recht vor die Seele zu führen, was er aus diesen Briefen lernen kann. Man wird sehen, daß ich nicht phantasiere, aber man wird dann für vieles die Erklärung finden, das heute wie unerklärlich, insbesondere vor den Seelen Mitteleuropas steht.

[ 25 ] Wer glaubt, daß ich phantasiere, indem ich geradezu die Behauptung aufstelle: Im Beginne des zwanzigsten Jahrhunderts wurde der europäisch-Östliche Geist mit dem europäisch-westlichen Geist zusammengekoppelt, und es wurde systematisch an dem Aufkommen einer öffentlichen Meinung gearbeitet — zunächst in den Redaktionen, von da aus in den Parlamenten, von da aus in unterirdischen Kanälen, aber zunächst auf ganz anderen Gebieten —, wer glaubt, daß ich phantasiere, der lese jene Briefe, die veröffentlicht worden sind von Frau Novikoff, der Gattin des russischen Gesandten in Wien, im Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts, die die Frau Novikoff geschrieben hat an Mrs. Campbell-Bannerman, mit der sie in England bekannt geworden ist, und versuche sich dasjenige so recht vor die Seele zu führen, was er aus diesen Briefen lernen kann. Man wird sehen, daß ich nicht phantasiere, aber man wird dann für vieles die Erklärung finden, das heute wie unerklärlich, insbesondere vor den Seelen Mitteleuropas steht.

[ 26 ] Wir brauchen andere Begriffe als diejenigen, die uns von altersher übertragen sind, wenn wir die bedeutsamen Umschwünge in unserer Zeit wirklich fassen wollen. Und was das Wichtigste ist: wir sind dazu veranlagt, uns zu erziehen, uns solche Begriffe zu bilden. Die Tatsachen, die heute geschehen, sollen wir doch nicht verschlafen. Hunderte und hunderte solcher Tatsachen könnten wir anführen, wie zum Beispiel diese: Im Sommer 1911 war eine große Versammlung in Oxford. Anwesend waren in ihren Amtskleidern in prunkvollem Aufzuge alle die Würdenträger und Professoren der Universität Oxford. Denn Haldane, der Lord Haldane hielt eine Rede. Und was war der Inhalt dieser Rede? Also der Kriegsminister des Ministeriums in England hielt eine Rede, und der Inhalt dieser Rede war ein streng wissenschaftlicher und er befaßte sich damit, daß er auseinandersetzte, welche ungeheueren Fortschritte die Entwickelung der Menschheit durch das Wesen des deutschen Geistes gemacht hatte; indem Lord Haldane den Leuten auseinandersetzte, daß da in erster Linie ein Beispiel ist, woran man sehen kann, daß die menschliche Kultur nicht durch brutale Gewalt, sondern durch die sittlichen Kräfte, die in der Kultur wirken, weitergetragen wird. Die ganze Rede war ein Panegyrikus auf die Zuverlässigkeit und das innere Gediegene des deutschen Geisteslebens. Als der Krieg ausgebrochen war, gehörte Lord Haldane zu denjenigen, welche völlig einstimmten in die Anschauungen, daß das deutsche Wesen sich eigentlich durch seinen Militarismus auslebe, und daß der deutsche Militarismus die Hölle für die Welt ist. Er betonte das stark. Derselbe Lord Haldane, welcher als junger Mann in Göttingen erschienen ist, verehrend zu Füßen des Philosophen Lotze gesessen hat, der die schönen Bücher über «Erziehung und Staat», und das schöne Buch «Ein Pfad zur Wirklichkeit» geschrieben hat; derselbe Lord Haldane, der das schöne Wort gesprochen hat über den Unterschied zwischen Hegel und Goethe: daß Goethe höher stünde, weil Hegel sage, so ungefähr, daß die Natur die höchsten Geheimnisse aussprechen würde, wenn man sie nur hören könnte, während Goethe das höhere Wort als Grundlage seiner ganzen Weltanschauung hat, daß, wenn die Natur wirklich alles, was der Mensch braucht, auszusagen hätte, so würde sie reden können. Es ist dies ein tiefes Wort, ein ungeheuer tiefes Wort, denn damit ist nichts Geringeres gesagt als: Goethe bekennt sich zum wirklichen Spiritualismus. Würde die Natur alles enthalten, was in der Welt ist, so würde sie es uns sagen; sagt sie es uns nicht, so ist es ein Beweis dafür, daß es noch anderes, nämlich Geistiges außer dem Naturdasein gibt. Das alles hat Haldane aus seinem Zusammenhang mit dem deutschen Geistesleben gesprochen. Dennoch — wir können hundert und hunderte von Beispielen angeben — sehen wir ihn plötzlich umschlagen.

[ 26 ] Wir brauchen andere Begriffe als diejenigen, die uns von altersher übertragen sind, wenn wir die bedeutsamen Umschwünge in unserer Zeit wirklich fassen wollen. Und was das Wichtigste ist: wir sind dazu veranlagt, uns zu erziehen, uns solche Begriffe zu bilden. Die Tatsachen, die heute geschehen, sollen wir doch nicht verschlafen. Hunderte und hunderte solcher Tatsachen könnten wir anführen, wie zum Beispiel diese: Im Sommer 1911 war eine große Versammlung in Oxford. Anwesend waren in ihren Amtskleidern in prunkvollem Aufzuge alle die Würdenträger und Professoren der Universität Oxford. Denn Haldane, der Lord Haldane hielt eine Rede. Und was war der Inhalt dieser Rede? Also der Kriegsminister des Ministeriums in England hielt eine Rede, und der Inhalt dieser Rede war ein streng wissenschaftlicher und er befaßte sich damit, daß er auseinandersetzte, welche ungeheueren Fortschritte die Entwickelung der Menschheit durch das Wesen des deutschen Geistes gemacht hatte; indem Lord Haldane den Leuten auseinandersetzte, daß da in erster Linie ein Beispiel ist, woran man sehen kann, daß die menschliche Kultur nicht durch brutale Gewalt, sondern durch die sittlichen Kräfte, die in der Kultur wirken, weitergetragen wird. Die ganze Rede war ein Panegyrikus auf die Zuverlässigkeit und das innere Gediegene des deutschen Geisteslebens. Als der Krieg ausgebrochen war, gehörte Lord Haldane zu denjenigen, welche völlig einstimmten in die Anschauungen, daß das deutsche Wesen sich eigentlich durch seinen Militarismus auslebe, und daß der deutsche Militarismus die Hölle für die Welt ist. Er betonte das stark. Derselbe Lord Haldane, welcher als junger Mann in Göttingen erschienen ist, verehrend zu Füßen des Philosophen Lotze gesessen hat, der die schönen Bücher über «Erziehung und Staat», und das schöne Buch «Ein Pfad zur Wirklichkeit» geschrieben hat; derselbe Lord Haldane, der das schöne Wort gesprochen hat über den Unterschied zwischen Hegel und Goethe: daß Goethe höher stünde, weil Hegel sage, so ungefähr, daß die Natur die höchsten Geheimnisse aussprechen würde, wenn man sie nur hören könnte, während Goethe das höhere Wort als Grundlage seiner ganzen Weltanschauung hat, daß, wenn die Natur wirklich alles, was der Mensch braucht, auszusagen hätte, so würde sie reden können. Es ist dies ein tiefes Wort, ein ungeheuer tiefes Wort, denn damit ist nichts Geringeres gesagt als: Goethe bekennt sich zum wirklichen Spiritualismus. Würde die Natur alles enthalten, was in der Welt ist, so würde sie es uns sagen; sagt sie es uns nicht, so ist es ein Beweis dafür, daß es noch anderes, nämlich Geistiges außer dem Naturdasein gibt. Das alles hat Haldane aus seinem Zusammenhang mit dem deutschen Geistesleben gesprochen. Dennoch — wir können hundert und hunderte von Beispielen angeben — sehen wir ihn plötzlich umschlagen.

[ 27 ] Diese Erscheinungen sind keine solchen, über die man hinweg kommen wird mit der trivialen Auskunft: Wenn wir mal Frieden machen, wird das wieder gut sein, da gleicht sich das alles aus! — So glauben sehr viele Menschen. Es wird nicht so sein! Wir brauchen etwas wesentlich anderes. Wir brauchen es uns aber nicht zu erwerben, denn wir haben es im Grunde; wir können es doch, wenn wir nur wollen. Denn wir haben in Mitteleuropa dasjenige Wesen in uns, das es uns möglich macht, wirklich nach Westen und nach Osten hin zu verstehen, wenn wir wollen. Wir können verstehen, wenn wir wollen. Aber, wir müssen uns etwas Gewisses abgewöhnen, und das Abgewöhnen, das gibt uns das wirkliche Verstehen der Geisteswissenschaft. Aber man muß dann mit seinem Gemüte, mit seiner ganzen Seele, nicht mit dem theoretischen Geiste in der Geisteswissenschaft stecken.

[ 27 ] Diese Erscheinungen sind keine solchen, über die man hinweg kommen wird mit der trivialen Auskunft: Wenn wir mal Frieden machen, wird das wieder gut sein, da gleicht sich das alles aus! — So glauben sehr viele Menschen. Es wird nicht so sein! Wir brauchen etwas wesentlich anderes. Wir brauchen es uns aber nicht zu erwerben, denn wir haben es im Grunde; wir können es doch, wenn wir nur wollen. Denn wir haben in Mitteleuropa dasjenige Wesen in uns, das es uns möglich macht, wirklich nach Westen und nach Osten hin zu verstehen, wenn wir wollen. Wir können verstehen, wenn wir wollen. Aber, wir müssen uns etwas Gewisses abgewöhnen, und das Abgewöhnen, das gibt uns das wirkliche Verstehen der Geisteswissenschaft. Aber man muß dann mit seinem Gemüte, mit seiner ganzen Seele, nicht mit dem theoretischen Geiste in der Geisteswissenschaft stecken.

[ 28 ] Verzeihen Sie, wenn ich da etwas Persönliches spreche, aber das liegt uns Ja allen jetzt nahe, weil wir uns gegenseitig gut kennen, ich habe über Nietzsche geschrieben, und man sieht aus dem Buche, daß ich Nietzsche sehr verehre, daß ich ihn voll würdige. Nun, ich habe erst neulich an verschiedenen Orten davon gesprochen, wie sehr ich den Schwaben-Ästhetiker, den «V»-Vischer schätze und verehre, und wie er zu den Ersten gehörte, an die ich mich gewendet habe, als ich vor mehr als dreißig Jahren die ersten Keime legte zu dem, was ich jetzt Geisteswissenschaft nenne, wie er dazumal der Erste war, der mir entgegenkam, indem er mir sagte: Ihre Auffassung des Zeitbegriffs ist wirklich etwas, was fruchtbar ist für die Begründung der Geisteswissenschaft. — Also, ich verehre Nietzsche, ich versuchte ihn darzustellen in meinem Buche «Friedrich Nietzsche, ein Kämpfer gegen seine Zeit»; ich verehre den V-Vischer. Aber, nehmen wir jetzt die beiden. Eine interessante Stelle, die wir bei Nietzsche finden über den V-Vischer. Sie wissen, Nietzsche hat ja das dann vielfach gebrauchte Wort «Bildungsphilister» geprägt, indem er es auf David Friedrich Strauß angewendet hat, den Verfasser des «Leben Jesu» und «Der alte und der neue Glaube». V-Vischer war ein starker Verehrer von David Friedrich Strauß. Das ist das, was ich nur dazu sage, damit der Sinn hingelenkt wird. Aber über den V-Vischer machte Nietzsche die folgende schöne Bemerkung:

[ 28 ] Verzeihen Sie, wenn ich da etwas Persönliches spreche, aber das liegt uns Ja allen jetzt nahe, weil wir uns gegenseitig gut kennen, ich habe über Nietzsche geschrieben, und man sieht aus dem Buche, daß ich Nietzsche sehr verehre, daß ich ihn voll würdige. Nun, ich habe erst neulich an verschiedenen Orten davon gesprochen, wie sehr ich den Schwaben-Ästhetiker, den «V»-Vischer schätze und verehre, und wie er zu den Ersten gehörte, an die ich mich gewendet habe, als ich vor mehr als dreißig Jahren die ersten Keime legte zu dem, was ich jetzt Geisteswissenschaft nenne, wie er dazumal der Erste war, der mir entgegenkam, indem er mir sagte: Ihre Auffassung des Zeitbegriffs ist wirklich etwas, was fruchtbar ist für die Begründung der Geisteswissenschaft. — Also, ich verehre Nietzsche, ich versuchte ihn darzustellen in meinem Buche «Friedrich Nietzsche, ein Kämpfer gegen seine Zeit»; ich verehre den V-Vischer. Aber, nehmen wir jetzt die beiden. Eine interessante Stelle, die wir bei Nietzsche finden über den V-Vischer. Sie wissen, Nietzsche hat ja das dann vielfach gebrauchte Wort «Bildungsphilister» geprägt, indem er es auf David Friedrich Strauß angewendet hat, den Verfasser des «Leben Jesu» und «Der alte und der neue Glaube». V-Vischer war ein starker Verehrer von David Friedrich Strauß. Das ist das, was ich nur dazu sage, damit der Sinn hingelenkt wird. Aber über den V-Vischer machte Nietzsche die folgende schöne Bemerkung:

[ 29 ] «. .. Jüngst machte ein Idioten-Urteil in historicis, ein Satz des zum Glück verblichenen ästhetischen Schwaben Vischer, die Runde durch die deutschen Zeitungen als eine ‹Wahrheit›, zu der jeder Deutsche Ja sagen müsse: «Die Renaissance und die Reformation, beide zusammen machen erst ein Ganzes — die ästhetische Wiedergeburt und die sittliche Wiedergeburt.» — Bei solchen Sätzen geht es mit meiner Geduld zu Ende, und ich spüre Lust, ich fühle es selbst als Pflicht, den Deutschen einmal zu sagen, was sie alles schon auf dem Gewissen haben. Alle großen Kulturverbrechen von vier Jahrhunderten haben sie auf dem Gewissen! .. .»

[ 29 ] «. .. Jüngst machte ein Idioten-Urteil in historicis, ein Satz des zum Glück verblichenen ästhetischen Schwaben Vischer, die Runde durch die deutschen Zeitungen als eine ‹Wahrheit›, zu der jeder Deutsche Ja sagen müsse: «Die Renaissance und die Reformation, beide zusammen machen erst ein Ganzes — die ästhetische Wiedergeburt und die sittliche Wiedergeburt.» — Bei solchen Sätzen geht es mit meiner Geduld zu Ende, und ich spüre Lust, ich fühle es selbst als Pflicht, den Deutschen einmal zu sagen, was sie alles schon auf dem Gewissen haben. Alle großen Kulturverbrechen von vier Jahrhunderten haben sie auf dem Gewissen! .. .»

[ 30 ] Man kann es also erleben, daß man den einen verehrt, den andern verehrt, daß man in gleicher Verehrung zu der beiden Vorstellungssystem steht, daß aber der eine den anderen einen Idioten nennt. Das ändert aber mein Urteil über keinen von beiden, weil, wenn ich dasjenige anerkenne, was der eine spricht und der andere spricht, ich mich nicht veranlaßt fühle, auf den einen oder anderen zu schwören, mich nicht veranlaßt fühle, dasselbe Urteil, das der eine über den anderen hat, auch zu dem meinigen zu machen, sondern es als seines zu verstehen. So, wie ich ganz gut weiß, daß ich, wenn ich hier diese Bücherlage ansehe, sie mir anders erscheint, als sie dem Herrn erscheint, der sie von dort ansieht.

[ 30 ] Man kann es also erleben, daß man den einen verehrt, den andern verehrt, daß man in gleicher Verehrung zu der beiden Vorstellungssystem steht, daß aber der eine den anderen einen Idioten nennt. Das ändert aber mein Urteil über keinen von beiden, weil, wenn ich dasjenige anerkenne, was der eine spricht und der andere spricht, ich mich nicht veranlaßt fühle, auf den einen oder anderen zu schwören, mich nicht veranlaßt fühle, dasselbe Urteil, das der eine über den anderen hat, auch zu dem meinigen zu machen, sondern es als seines zu verstehen. So, wie ich ganz gut weiß, daß ich, wenn ich hier diese Bücherlage ansehe, sie mir anders erscheint, als sie dem Herrn erscheint, der sie von dort ansieht.

[ 31 ] Wir sind dazu veranlagt; wir sehen nur, daß bis jetzt vielfach Geister, die diese Veranlagung in sich recht zum Ausdruck gebracht haben, gewissermaßen seelisch gescheitert sind an dieser Anlage. Aber diese Anlage muß mit voller geistiger Gesundheit von uns aufgenommen und entwickelt werden.

[ 31 ] Wir sind dazu veranlagt; wir sehen nur, daß bis jetzt vielfach Geister, die diese Veranlagung in sich recht zum Ausdruck gebracht haben, gewissermaßen seelisch gescheitert sind an dieser Anlage. Aber diese Anlage muß mit voller geistiger Gesundheit von uns aufgenommen und entwickelt werden.

[ 32 ] Interessant ist, weil ja Hölderlin in einer gewissen Weise mit seinem «Hyperion in Griechenland» sich identifiziert hat, was da Hölderlin seinen Hyperion über die Deutschen sagen läßt. Und derjenige, der Hölderlin kennt, der weiß, daß das nicht nur Hyperions, sondern daß es, nur ganz stark, Hölderlins Ansicht ist. Er charakterisiert die Deutschen folgendermaßen:

[ 32 ] Interessant ist, weil ja Hölderlin in einer gewissen Weise mit seinem «Hyperion in Griechenland» sich identifiziert hat, was da Hölderlin seinen Hyperion über die Deutschen sagen läßt. Und derjenige, der Hölderlin kennt, der weiß, daß das nicht nur Hyperions, sondern daß es, nur ganz stark, Hölderlins Ansicht ist. Er charakterisiert die Deutschen folgendermaßen:

[ 33 ] «Barbaren von alters her, durch Fleiß und Wissenschaft und selbst durch Religion barbarischer geworden, tiefunfähig jedes göttlichen Gefühls, verdorben bis ins Mark zum Glück der heiligen Grazien, in jedem Grad der Übertreibung und der Ärmlichkeit beleidigend für jede gutgeartete Seele, dumpf und harmonielos, wie die Scherben eines weggeworfenen Gefäßes — das, mein Bellarmin, waren meine Tröster. — Es ist ein hartes Wort, und dennoch sag ich’s, weil es Wahrheit ist: ich kann kein Volk mir denken, das zerrissener wäre, wie die Deutschen. Handwerker, siehst du, aber keine Menschen; Denker, aber keine Menschen; Priester, aber keine Menschen; Herren und Knechte, junge und gesetzte Leute, aber keine Menschen und so weiter.»

[ 33 ] «Barbaren von alters her, durch Fleiß und Wissenschaft und selbst durch Religion barbarischer geworden, tiefunfähig jedes göttlichen Gefühls, verdorben bis ins Mark zum Glück der heiligen Grazien, in jedem Grad der Übertreibung und der Ärmlichkeit beleidigend für jede gutgeartete Seele, dumpf und harmonielos, wie die Scherben eines weggeworfenen Gefäßes — das, mein Bellarmin, waren meine Tröster. — Es ist ein hartes Wort, und dennoch sag ich’s, weil es Wahrheit ist: ich kann kein Volk mir denken, das zerrissener wäre, wie die Deutschen. Handwerker, siehst du, aber keine Menschen; Denker, aber keine Menschen; Priester, aber keine Menschen; Herren und Knechte, junge und gesetzte Leute, aber keine Menschen und so weiter.»

[ 34 ] Es könnten ja die Entente-Schriftsteller solche Dinge abschreiben, nicht wahr. Aber um etwas anderes handelt es sich: Derselbe Hölderlin, dessen Überzeugung dieses durchaus war, derselbe Hölderlin nannte Deutschland «das Herz Europas». Das heißt: es war ihm möglich, das eine Urteil und das andere Urteil zu haben. Und wir müssen diese Möglichkeit immer wieder und wiederum als mit unserer innersten Anlage zusammenhängend erkennen. Jenes abstrakte Haften an Widersprüchen müssen wir als das Haften an Einseitigkeit erkennen. Denn dasjenige, was sich im Osten entwickeln will, das wird überhaupt derlei Dinge, unter denen Westeuropa groß geworden ist, gar nicht mehr verstehen können. Daß man nicht ein Urteil und das entgegengesetzte auch haben kann, das wird man im Osten zukünftig nicht mehr verstehen können, weil sich im Osten die Vielseitigkeit herausentwickeln wird und man begreifen wird, daß man ein jegliches Ding nur dadurch erkennt, daß man ringsherum geht und es in vielen Gestaltungen zu schildern vermag. |

[ 34 ] Es könnten ja die Entente-Schriftsteller solche Dinge abschreiben, nicht wahr. Aber um etwas anderes handelt es sich: Derselbe Hölderlin, dessen Überzeugung dieses durchaus war, derselbe Hölderlin nannte Deutschland «das Herz Europas». Das heißt: es war ihm möglich, das eine Urteil und das andere Urteil zu haben. Und wir müssen diese Möglichkeit immer wieder und wiederum als mit unserer innersten Anlage zusammenhängend erkennen. Jenes abstrakte Haften an Widersprüchen müssen wir als das Haften an Einseitigkeit erkennen. Denn dasjenige, was sich im Osten entwickeln will, das wird überhaupt derlei Dinge, unter denen Westeuropa groß geworden ist, gar nicht mehr verstehen können. Daß man nicht ein Urteil und das entgegengesetzte auch haben kann, das wird man im Osten zukünftig nicht mehr verstehen können, weil sich im Osten die Vielseitigkeit herausentwickeln wird und man begreifen wird, daß man ein jegliches Ding nur dadurch erkennt, daß man ringsherum geht und es in vielen Gestaltungen zu schildern vermag. |

[ 35 ] Das hängt aber mit dem zusammen, womit ich heute begonnen habe: mit dem notwendigen Verständnis, daß wir ein neues Verhältnis zur Wahrheit gewinnen müssen. Wir werden es nicht anders gewinnen, als wenn wir verstehen werden, daß das Leben in den Vorstellungen, in den Begriffen schon ein Leben im Geiste ist. Dieses nichtnaturwissenschaftliche — denn naturwissenschaftlich ist es nicht. —, aber dieses materialistische oder monistische Vorurteil müssen wir uns abgewöhnen, welches da besagt: wenn ich denke, brauche ich mein Gehirn, also geht aus meinem Gehirn das Denken hervor! — es ist das gerade so gescheit, als wenn jemand sagt: Hier ist eine Straße, da sind Fußspuren, — woher können diese Fußspuren nur kommen? Nun ja, da müssen selbstverständlich unten in der Erde Kräfte sein, welche diese Fußspuren gemacht haben. Jetzt studiere ich die Fußspuren und mache eine Theorie darüber, welche Kräfte da unten sind, welche herunter- und heraufstoßen, so daß die Erde, wenn sie weich ist, sich so bewegt, damit diese Fußspuren herauskommen. — Diese Leute wären geradeso gescheit wie derjenige, welcher in der Struktur und in den Bewegungen des Gehirns die Kräfte sucht, die das Denken bilden. Gerade so wie die Fußspuren etwas sind, was in der Erde gefunden wird, aber herrührt von dem Menschen, der darüber gegangen ist, so ist dasjenige, was Struktur des Gehirns ist, selbstverständlich so da, wie es die Biologie und Physiologie schildert, aber das Denken hat das eingegraben, und das Denken ist schon ein Geistiges.

[ 35 ] Das hängt aber mit dem zusammen, womit ich heute begonnen habe: mit dem notwendigen Verständnis, daß wir ein neues Verhältnis zur Wahrheit gewinnen müssen. Wir werden es nicht anders gewinnen, als wenn wir verstehen werden, daß das Leben in den Vorstellungen, in den Begriffen schon ein Leben im Geiste ist. Dieses nichtnaturwissenschaftliche — denn naturwissenschaftlich ist es nicht. —, aber dieses materialistische oder monistische Vorurteil müssen wir uns abgewöhnen, welches da besagt: wenn ich denke, brauche ich mein Gehirn, also geht aus meinem Gehirn das Denken hervor! — es ist das gerade so gescheit, als wenn jemand sagt: Hier ist eine Straße, da sind Fußspuren, — woher können diese Fußspuren nur kommen? Nun ja, da müssen selbstverständlich unten in der Erde Kräfte sein, welche diese Fußspuren gemacht haben. Jetzt studiere ich die Fußspuren und mache eine Theorie darüber, welche Kräfte da unten sind, welche herunter- und heraufstoßen, so daß die Erde, wenn sie weich ist, sich so bewegt, damit diese Fußspuren herauskommen. — Diese Leute wären geradeso gescheit wie derjenige, welcher in der Struktur und in den Bewegungen des Gehirns die Kräfte sucht, die das Denken bilden. Gerade so wie die Fußspuren etwas sind, was in der Erde gefunden wird, aber herrührt von dem Menschen, der darüber gegangen ist, so ist dasjenige, was Struktur des Gehirns ist, selbstverständlich so da, wie es die Biologie und Physiologie schildert, aber das Denken hat das eingegraben, und das Denken ist schon ein Geistiges.

[ 36 ] Ja, aber das Gehirn muß doch da sein? — Selbstverständlich, der Erdboden muß auch da sein, wenn ich darüber gehen will! Das Gehirn muß als eine Widerlage da sein, solange ich zwischen Geburt und Tod lebe; es muß sich dasjenige, was in mir lebt, geistig lebt, nach den Bedingungen des Daseins zwischen Geburt und Tod an etwas zurückspiegeln. Dieser Spiegelungsapparat ist das Gehirn, nur daß — die Spiegelung eine lebendige ist, so wie wenn in einem Spiegel nicht bloß eine glatte Fläche das Licht spiegelt, sondern wie wenn sich alles eingraben würde, und man an der Struktur noch sehen könnte, was sich gespiegelt hat; so spiegelt es sich vom Gehirn aus. Man wird begreifen müssen, daß das Denken als solches schon etwas Spirituelles ist, daß wir bereits in der geistigen Welt drinnen stehen, wenn wir denken. Das volle Bewußtsein davon wird aber erst kommen, wenn das Denken sich befreit, wenn das Denken gewissermaßen in sich selbst sich wird erfangen können, so daß es so wird verlaufen können, wie ich das das vorige und vorvorige Mal geschildert habe, wo der Mensch sich feinere Zusammenhänge sucht, wo er versucht, dasjenige, was nicht nur an der Oberfläche, sondern unter der Oberfläche in feineren Zusammenhängen vorhanden ist, in sein feineres Denken hineinzunehmen.

[ 36 ] Ja, aber das Gehirn muß doch da sein? — Selbstverständlich, der Erdboden muß auch da sein, wenn ich darüber gehen will! Das Gehirn muß als eine Widerlage da sein, solange ich zwischen Geburt und Tod lebe; es muß sich dasjenige, was in mir lebt, geistig lebt, nach den Bedingungen des Daseins zwischen Geburt und Tod an etwas zurückspiegeln. Dieser Spiegelungsapparat ist das Gehirn, nur daß — die Spiegelung eine lebendige ist, so wie wenn in einem Spiegel nicht bloß eine glatte Fläche das Licht spiegelt, sondern wie wenn sich alles eingraben würde, und man an der Struktur noch sehen könnte, was sich gespiegelt hat; so spiegelt es sich vom Gehirn aus. Man wird begreifen müssen, daß das Denken als solches schon etwas Spirituelles ist, daß wir bereits in der geistigen Welt drinnen stehen, wenn wir denken. Das volle Bewußtsein davon wird aber erst kommen, wenn das Denken sich befreit, wenn das Denken gewissermaßen in sich selbst sich wird erfangen können, so daß es so wird verlaufen können, wie ich das das vorige und vorvorige Mal geschildert habe, wo der Mensch sich feinere Zusammenhänge sucht, wo er versucht, dasjenige, was nicht nur an der Oberfläche, sondern unter der Oberfläche in feineren Zusammenhängen vorhanden ist, in sein feineres Denken hineinzunehmen.

[ 37 ] Denn mit dem so von der Materie sich befreienden Denken wird man erst gewahr werden, was eigentlich das Denken als Geistiges ist. Dann wird man aber erst zu einem solchen Denken kommen, welches auch in der Welt schöpferisch sein kann. Denn sehen Sie, die Natur kann man allenfalls mit einem Denken erfassen, welches das aufnimmt, was die Naturerscheinungen selber sagen; wenn man aber Ideen finden soll, die sich in das soziale Leben einleben, die gewissermaßen die Menschheit regieren sollen, dann müssen diese Ideen wirklich im freien Denken selber entstehen. Daher ist unsere Zeit politisch so unendlich unfruchtbar, so steril, weil unserer Zeit das freie, das von der Materie losgetrennte Denken fehlt, das allein fähig ist, dem sozialen Leben etwas zu sein. Es fehlt uns eben zu stark die Möglichkeit, uns zu erheben von der Abhängigkeit dessen, was uns von außen erscheint, und uns zu erheben zu dem lebendigen Eigenweben des Denkens. Und das ist im Grunde genommen das nächste, wenn wir es so nennen wollen, mystische Bedürfnis, nicht das dunkle mystische Zeugs, was heute so vielfach immer wieder und wiederum getrieben wird, das Sich-selbst-Erleben im göttlichen inneren Sein und dergleichen, wie die Dinge so schön klingen; denn den Gott in seinem Innern erlebt jedes Wesen. Wenn man nur sagt: Mystik, Theosophie, das ist inneres Erleben seines Zusammenhanges mit der Einheit der Welt, mit dem Gotte in sich: der Maikäfer erlebt ihn auch, aber in seiner Art. Es handelt sich darum, daß wir zunächst beginnen müssen mit dem Erleben eben dieses lebendigen Webens des Denkens, das sich in konkreten Begriffen auslebt. Dann werden diese Begriffe auch konkret werden, werden sich einleben können in die soziale Struktur des Daseins.

[ 37 ] Denn mit dem so von der Materie sich befreienden Denken wird man erst gewahr werden, was eigentlich das Denken als Geistiges ist. Dann wird man aber erst zu einem solchen Denken kommen, welches auch in der Welt schöpferisch sein kann. Denn sehen Sie, die Natur kann man allenfalls mit einem Denken erfassen, welches das aufnimmt, was die Naturerscheinungen selber sagen; wenn man aber Ideen finden soll, die sich in das soziale Leben einleben, die gewissermaßen die Menschheit regieren sollen, dann müssen diese Ideen wirklich im freien Denken selber entstehen. Daher ist unsere Zeit politisch so unendlich unfruchtbar, so steril, weil unserer Zeit das freie, das von der Materie losgetrennte Denken fehlt, das allein fähig ist, dem sozialen Leben etwas zu sein. Es fehlt uns eben zu stark die Möglichkeit, uns zu erheben von der Abhängigkeit dessen, was uns von außen erscheint, und uns zu erheben zu dem lebendigen Eigenweben des Denkens. Und das ist im Grunde genommen das nächste, wenn wir es so nennen wollen, mystische Bedürfnis, nicht das dunkle mystische Zeugs, was heute so vielfach immer wieder und wiederum getrieben wird, das Sich-selbst-Erleben im göttlichen inneren Sein und dergleichen, wie die Dinge so schön klingen; denn den Gott in seinem Innern erlebt jedes Wesen. Wenn man nur sagt: Mystik, Theosophie, das ist inneres Erleben seines Zusammenhanges mit der Einheit der Welt, mit dem Gotte in sich: der Maikäfer erlebt ihn auch, aber in seiner Art. Es handelt sich darum, daß wir zunächst beginnen müssen mit dem Erleben eben dieses lebendigen Webens des Denkens, das sich in konkreten Begriffen auslebt. Dann werden diese Begriffe auch konkret werden, werden sich einleben können in die soziale Struktur des Daseins.

[ 38 ] Es ist sehr wichtig, sagte ich im Beginne der heutigen Betrachtung, daß wir nicht nur das Verhältnis des Menschen zu einer neuen Wahrheit als geisteswissenschaftlich ansehen, sondern daß wir zu der Empfindung durchdringen, daß dieses Verhältnis des Menschen zur Wahrheit selbst ein anderes werden muß, nämlich ein lebendiges, ein lebendiges Verbundensein mit der Wirklichkeit. Das ist für die Auffassung der großen Welterscheinungen, für die Auffassung des geschichtlichen Werdens, für die Auffassung der sozialen Gegenwart und Zukunft und auch für das Leben der einzelnen Menschenseele von ungeheurem Wert. Man wird nur beginnen müssen, die großen Linien und Strömungen fortzusetzen, welche begonnen haben, aber eben nicht fortgesetzt worden sind. Es hat seine guten Gründe — und wir werden auch von diesen noch sprechen —, daß in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts vieles vergessen worden ist, verschüttet worden ist. Wenn ich eine Neuauflage meines Buches «Vom Menschenrätsel» werde erscheinen lassen, so werde ich wiederum auf so manche Erscheinung hinzuzeigen haben, die noch zu diesen vergessenen Klängen des Geisteslebens gehört. Man entdeckt da ganz außerordentlich vieles, wovon man sagen kann, daß unsere Geisteswissenschaft unmittelbar an dasjenige anknüpft, das schon da war in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts und ganz vergessen worden ist. Hätte es fortbestanden was natürlich nur eine Hypothese ist, denn die Dinge hätten sich nicht anders entwickeln können, als sie sich entwickelt haben —, aber hätte es fortbestanden, dann würde der Mensch heute ganz anders den merkwürdigen, den schmerzvollen Ereignissen gegenüberstehen, denen er gegenübersteht, nicht so hilflos. Denn hilflos steht er ihnen in gewisser Beziehung eigentlich doch gegenüber.

[ 38 ] Es ist sehr wichtig, sagte ich im Beginne der heutigen Betrachtung, daß wir nicht nur das Verhältnis des Menschen zu einer neuen Wahrheit als geisteswissenschaftlich ansehen, sondern daß wir zu der Empfindung durchdringen, daß dieses Verhältnis des Menschen zur Wahrheit selbst ein anderes werden muß, nämlich ein lebendiges, ein lebendiges Verbundensein mit der Wirklichkeit. Das ist für die Auffassung der großen Welterscheinungen, für die Auffassung des geschichtlichen Werdens, für die Auffassung der sozialen Gegenwart und Zukunft und auch für das Leben der einzelnen Menschenseele von ungeheurem Wert. Man wird nur beginnen müssen, die großen Linien und Strömungen fortzusetzen, welche begonnen haben, aber eben nicht fortgesetzt worden sind. Es hat seine guten Gründe — und wir werden auch von diesen noch sprechen —, daß in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts vieles vergessen worden ist, verschüttet worden ist. Wenn ich eine Neuauflage meines Buches «Vom Menschenrätsel» werde erscheinen lassen, so werde ich wiederum auf so manche Erscheinung hinzuzeigen haben, die noch zu diesen vergessenen Klängen des Geisteslebens gehört. Man entdeckt da ganz außerordentlich vieles, wovon man sagen kann, daß unsere Geisteswissenschaft unmittelbar an dasjenige anknüpft, das schon da war in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts und ganz vergessen worden ist. Hätte es fortbestanden was natürlich nur eine Hypothese ist, denn die Dinge hätten sich nicht anders entwickeln können, als sie sich entwickelt haben —, aber hätte es fortbestanden, dann würde der Mensch heute ganz anders den merkwürdigen, den schmerzvollen Ereignissen gegenüberstehen, denen er gegenübersteht, nicht so hilflos. Denn hilflos steht er ihnen in gewisser Beziehung eigentlich doch gegenüber.

[ 39 ] Es ist merkwürdig — ich habe es wiederholt gesagt —, wie man vom Westen aus, namentlich von britischer Seite aus, mit den in Europa vorhandenen Kräften, aber in britisch-egoistischer Weise gerechnet hat, und wie dadurch sich die Gewitterwolken zusammengezogen haben, in deren Wirkungen wir jetzt leben. Ich habe auch hier in verflossenen Zeiten schon manches von den Ereignissen dargelegt, die unsere so traurige Gegenwart heraufgebracht haben. Aber aus mancherlei von dem, was ich auch wieder in der letzten Zeit gesagt habe, werden Sie ersehen, daß es wirklich nicht genügt, bloß diejenigen Ereignisse und Ereigniszusammenhänge anzusehen, die heute so vielfach geschildert werden, sondern tiefer zu schürfen, wirklich einzugehen auf manches so ungeheuer Bedeutsame, das sich zugetragen hat unter der Oberfläche des äußeren Geschehens, und das sich jetzt entlädt in den schwerwiegenden, so furchtbar über die Menschen hinflutenden Gegenwartsgeschehnissen. Manche Dinge sind so, daß sie heute wirklich noch nicht beim rechten Namen genannt werden können, weil sie die Menschen noch nicht würden hinnehmen wollen, aber es muß, wenn Licht in die Menschheitsentwickelung hineinkommen soll, möglich werden, auch an solche tieferen Geheimnisse, die mit dem Werden der Gegenwart zusammenhängen, heranzukommen, daran zu rühren. Das wird aber nur möglich sein, wenn man es aufrichtig und immer aufrichtiger meinen wird mit demjenigen, was hier eigentlich als Geisteswissenschaft gemeint ist.

[ 39 ] Es ist merkwürdig — ich habe es wiederholt gesagt —, wie man vom Westen aus, namentlich von britischer Seite aus, mit den in Europa vorhandenen Kräften, aber in britisch-egoistischer Weise gerechnet hat, und wie dadurch sich die Gewitterwolken zusammengezogen haben, in deren Wirkungen wir jetzt leben. Ich habe auch hier in verflossenen Zeiten schon manches von den Ereignissen dargelegt, die unsere so traurige Gegenwart heraufgebracht haben. Aber aus mancherlei von dem, was ich auch wieder in der letzten Zeit gesagt habe, werden Sie ersehen, daß es wirklich nicht genügt, bloß diejenigen Ereignisse und Ereigniszusammenhänge anzusehen, die heute so vielfach geschildert werden, sondern tiefer zu schürfen, wirklich einzugehen auf manches so ungeheuer Bedeutsame, das sich zugetragen hat unter der Oberfläche des äußeren Geschehens, und das sich jetzt entlädt in den schwerwiegenden, so furchtbar über die Menschen hinflutenden Gegenwartsgeschehnissen. Manche Dinge sind so, daß sie heute wirklich noch nicht beim rechten Namen genannt werden können, weil sie die Menschen noch nicht würden hinnehmen wollen, aber es muß, wenn Licht in die Menschheitsentwickelung hineinkommen soll, möglich werden, auch an solche tieferen Geheimnisse, die mit dem Werden der Gegenwart zusammenhängen, heranzukommen, daran zu rühren. Das wird aber nur möglich sein, wenn man es aufrichtig und immer aufrichtiger meinen wird mit demjenigen, was hier eigentlich als Geisteswissenschaft gemeint ist.

[ 40 ] Dann wird man allerdings diese Geisteswissenschaft nicht mehr verwechseln dürfen mit all dem törichten Zeug, das heute vielfach als mystische Strömungen, als mystische Gründungen und dergleichen sich geltend macht. Und ich muß schon immer wieder und wiederum betonen: Die Ereignisse gestalten sich so, daß ich in der Zukunft immer gründlicher und gründlicher das Tischtuch werde zerschneiden müssen zwischen dem, was in dieser Geisteswissenschaft, in dieser anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft gewollt und getan wird und zwischen all dem, was sich so gerne verwandt fühlen möchte mit diesem. Das, was in dieser Geisteswissenschaft gemeint ist, das will durchaus an die besten Impulse, die im Abendland gegeben worden sind, anknüpfen, aber es will eine Weiterentwickelung sein!

[ 40 ] Dann wird man allerdings diese Geisteswissenschaft nicht mehr verwechseln dürfen mit all dem törichten Zeug, das heute vielfach als mystische Strömungen, als mystische Gründungen und dergleichen sich geltend macht. Und ich muß schon immer wieder und wiederum betonen: Die Ereignisse gestalten sich so, daß ich in der Zukunft immer gründlicher und gründlicher das Tischtuch werde zerschneiden müssen zwischen dem, was in dieser Geisteswissenschaft, in dieser anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft gewollt und getan wird und zwischen all dem, was sich so gerne verwandt fühlen möchte mit diesem. Das, was in dieser Geisteswissenschaft gemeint ist, das will durchaus an die besten Impulse, die im Abendland gegeben worden sind, anknüpfen, aber es will eine Weiterentwickelung sein!

[ 41 ] Ich bitte Sie, um das zum Schlusse zu sagen, nehmen Sie das Morgenland. Gewiß, es hat in einer ungeheuer hohen Ausbildung in alten Zeiten die Anschauung von den wiederholten Erdenleben gehabt. Es wurde diese Anschauung von den wiederholten Erdenleben, aus einer gewissen Entwickelung des menschlichen Innern herausgeholt, gewiß. Und es kann keine tiefere Auseinandersetzung über den Zusammenhang der einzelnen Menschenseele mit dem Weltenall, von einem gewissen Gesichtspunkte aus, geben, als zum Beispiel die Bhagavad Gita. Aber wir haben eben andere Aufgaben. Und nehmen Sie die Aufgabe, die inauguriert worden ist durch Lessing in seiner «Erziehung des Menschengeschlechts», in welcher im Abendlande wiederum die Idee von den wiederholten Erdenleben auftritt. Wie springt sie da aus Lessings Denken hervor! Gewiß, auch er erinnert daran, daß es eine Lehre gewesen ist, die primitive Völkerschaften gehabt haben, aber er betrachtet die aufeinanderfolgenden Epochen der Menschheitsentwickelung, er betrachtet, wie sich eine spätere Epoche der Menschheitsentwickelung aus der früheren heraus entwickelt hat, und er versucht zu erkennen, wie das immer abgerissen würde, wenn nicht die Menschenseele selber es wäre, die von der Epoche A in die Epoche B, in die Epoche C dasjenige hinübertragen würde, was sie sich an Kräften errungen hat. Denken Sie, wenn wir als Menschenseele im grauesten Altertum der Erde gelebt haben und dann immer wieder und wiederum, dann sind wir es selber, die hinübertragen aus früheren Zeiten in die gegenwärtigen Zeiten dasjenige, was als Fäden, die durch die ganze geschichtliche Entwickelung getragen werden können, sich spinnt. Dann sind es die Menschen selber, die diese Epoche schaffen. Aus dieser historischen Anschauung, daß die Geschichte einen Sinn gewinnt, wenn die Menschen immer wiederkommen — denn es sind die Menschen, welche die Impulse aus der einen Epoche in die andere hinübertragen —, aus dieser großen historischen Betrachtung, nicht aus der einzelnen Menschenseele, wie im Orient, sondern aus geschichtlichem Überblick über die Menschheitsentwickelung springt bei Lessing der Gedanke über die wiederholten Erdenleben heraus.

[ 41 ] Ich bitte Sie, um das zum Schlusse zu sagen, nehmen Sie das Morgenland. Gewiß, es hat in einer ungeheuer hohen Ausbildung in alten Zeiten die Anschauung von den wiederholten Erdenleben gehabt. Es wurde diese Anschauung von den wiederholten Erdenleben, aus einer gewissen Entwickelung des menschlichen Innern herausgeholt, gewiß. Und es kann keine tiefere Auseinandersetzung über den Zusammenhang der einzelnen Menschenseele mit dem Weltenall, von einem gewissen Gesichtspunkte aus, geben, als zum Beispiel die Bhagavad Gita. Aber wir haben eben andere Aufgaben. Und nehmen Sie die Aufgabe, die inauguriert worden ist durch Lessing in seiner «Erziehung des Menschengeschlechts», in welcher im Abendlande wiederum die Idee von den wiederholten Erdenleben auftritt. Wie springt sie da aus Lessings Denken hervor! Gewiß, auch er erinnert daran, daß es eine Lehre gewesen ist, die primitive Völkerschaften gehabt haben, aber er betrachtet die aufeinanderfolgenden Epochen der Menschheitsentwickelung, er betrachtet, wie sich eine spätere Epoche der Menschheitsentwickelung aus der früheren heraus entwickelt hat, und er versucht zu erkennen, wie das immer abgerissen würde, wenn nicht die Menschenseele selber es wäre, die von der Epoche A in die Epoche B, in die Epoche C dasjenige hinübertragen würde, was sie sich an Kräften errungen hat. Denken Sie, wenn wir als Menschenseele im grauesten Altertum der Erde gelebt haben und dann immer wieder und wiederum, dann sind wir es selber, die hinübertragen aus früheren Zeiten in die gegenwärtigen Zeiten dasjenige, was als Fäden, die durch die ganze geschichtliche Entwickelung getragen werden können, sich spinnt. Dann sind es die Menschen selber, die diese Epoche schaffen. Aus dieser historischen Anschauung, daß die Geschichte einen Sinn gewinnt, wenn die Menschen immer wiederkommen — denn es sind die Menschen, welche die Impulse aus der einen Epoche in die andere hinübertragen —, aus dieser großen historischen Betrachtung, nicht aus der einzelnen Menschenseele, wie im Orient, sondern aus geschichtlichem Überblick über die Menschheitsentwickelung springt bei Lessing der Gedanke über die wiederholten Erdenleben heraus.

[ 42 ] Ein historisches Denken, Historie, Geschichte im höchsten Sinne, das ist die Aufgabe des Abendlandes. Dann müssen wir sie aber in jedem Augenblicke verstehen können. Geschichte — und Geschichte tritt uns ja auch entgegen, wenn die einzelnen Tatsachen uns zum Beispiel in dem Verstehen der verschiedensten Lebensalter vor Augen treten —, Geschichte ist es doch, wenn hier das Kind steht, hier der Mann, der Greis. Das, was geschichtlich ist, kann auch nebeneinander dastehen, aber begriffen kann es doch nur werden im Sinne der Geschichte, indem man weiß, wie der Greis Kind war, und wie der Greis Mann war, und wie das, was nacheinander lebt, auch nebeneinander steht. Ost-, West- und Mitteleuropa sind zwar nebeneinander, verstanden werden können sie aber nur dann, wenn wir sie im geschichtlichen Sinne auch als ein Nacheinander fassen können, aber dann im richtigen Sinne.

[ 42 ] Ein historisches Denken, Historie, Geschichte im höchsten Sinne, das ist die Aufgabe des Abendlandes. Dann müssen wir sie aber in jedem Augenblicke verstehen können. Geschichte — und Geschichte tritt uns ja auch entgegen, wenn die einzelnen Tatsachen uns zum Beispiel in dem Verstehen der verschiedensten Lebensalter vor Augen treten —, Geschichte ist es doch, wenn hier das Kind steht, hier der Mann, der Greis. Das, was geschichtlich ist, kann auch nebeneinander dastehen, aber begriffen kann es doch nur werden im Sinne der Geschichte, indem man weiß, wie der Greis Kind war, und wie der Greis Mann war, und wie das, was nacheinander lebt, auch nebeneinander steht. Ost-, West- und Mitteleuropa sind zwar nebeneinander, verstanden werden können sie aber nur dann, wenn wir sie im geschichtlichen Sinne auch als ein Nacheinander fassen können, aber dann im richtigen Sinne.

[ 43 ] Das sind Aufgaben, die an jeden von uns gestellt werden, und wir werden im lebendigen Zusammenhang mit dem, was um uns ist, die Befriedigung unserer Seele gewinnen, wenn wir unseren Horizont über solche Dinge erweitern.

[ 43 ] Das sind Aufgaben, die an jeden von uns gestellt werden, und wir werden im lebendigen Zusammenhang mit dem, was um uns ist, die Befriedigung unserer Seele gewinnen, wenn wir unseren Horizont über solche Dinge erweitern.