Truths Regarding Humans Development
The Karma of Materialism
GA 176
24 July 1917, Berlin
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Truths Regarding Humans Development, tr. SOL
Achter Vortrag
Eighth Lecture
[ 1 ] Neben dem Inhalte desjenigen, was ich durch diese Betrachtungen anschaulich machen möchte, liegt mir auch noch daran, ersichtlich zu machen gerade durch diese Betrachtungen, daß im geisteswissenschaftlichen Sinne Wahrheit etwas Lebendiges ist. Und es scheint insbesondere für die Gegenwart notwendig zu sein, sich eine Empfindung dafür anzueignen, was das eigentlich heißt: Wahrheit ist etwas Lebendiges. Denn sehen Sie, ein Lebendiges ist ein anderes zu einer Zeit und ein anderes zu einer anderen Zeit. Ja, ein Lebendiges ist zu einer gewissen Zeit vielleicht in einer bestimmten Form gar nicht vorhanden, zu einer anderen Zeit hat es eine bestimmte Form. Ein Lebendiges als Mensch, wenn es Kind ist, ist noch kein Greis. Ein Lebendiges ist in einem fortwährenden Wandel. Und derjenige Mensch, der vielleicht in den letzten Jahrzehnten des zwanzigsten Jahrhunderts seine Tätigkeit entfalten wird, ist so, daß wir eben jetzt von ihm noch nicht als von einem Seienden für den physischen Plan sprechen können. Das alles sind triviale Selbstverständlichkeiten. Aber sie hören auf, triviale Selbstverständlichkeiten zu sein, wenn man die Empfindung von der Wahrheit als von etwas Lebendigem wirklich in sich hegen lernt.
[ 1 ] In addition to the content of what I wish to illustrate through these reflections, I am also concerned with making it clear—precisely through these reflections—that, in the spiritual-scientific sense, truth is something living. And it seems particularly necessary in the present day to develop a sense of what this actually means: that truth is something living. For you see, a living being is one thing at one time and another at another time. Indeed, a living being may not even exist in a particular form at a certain time, yet at another time it does have a specific form. A living being—a human being, for example—is not yet an old person when it is a child. A living being is in a state of constant change. And the human being who will perhaps unfold his or her activity in the last decades of the twentieth century is such that we cannot yet speak of him or her as a being on the physical plane. All of this is trivial and self-evident. But they cease to be trivial truisms when one truly learns to cherish within oneself the sense of truth as something living.
[ 2 ] Ich habe Ihnen das letzte Mal hier von dem Wesen eines gewissen Staatsmannes der Gegenwart, von Lloyd George gesprochen. Wenn jemand dieselben Dinge, mit Ausnahme des Biographischen, mit Ausnahme des rein Äußerlichen, Tatsächlichen, das dazumal noch nicht hätte erzählt werden können, weil es zum geringsten Teil erst geschehen war, in England 1890 hätte erzählen wollen —, also damals, als Lloyd George 27 Jahre alt war —, wenn er damals von der ganzen Bedeutung dieser Siebenundzwanzigjährigkeit hätte sprechen wollen, wie wir hier vor acht Tagen, so wäre das im geisteswissenschaftlichen Sinne ein Unding gewesen. Man hätte es nicht können und nicht sollen.
[ 2 ] Last time I spoke to you here about the character of a certain contemporary statesman, Lloyd George. If someone had wanted to recount the same things in England in 1890—with the exception of the biographical details, with the exception of the purely external, factual aspects that could not have been recounted at that time because they had only just begun to unfold— that is, back when Lloyd George was 27 years old—if he had wanted to speak then of the full significance of that age of twenty-seven, as we did here eight days ago, it would have been an absurdity in the spiritual-scientific sense. It could not and should not have been done.
[ 3 ] Wahrheit ist für die Menschen zumeist etwas, wovon sie glauben, daß es zu allen Zeiten in der gleichen Weise ausgesprochen werden kann. Das ist aber nicht der Fall, sobald es sich um gewisse höhere Wahrheiten handelt. Die ganze Anschauung von dem Lebensalter des Menschen in Beziehung zu dem Lebensalter der Menschheit ist gewissermaßen erst jetzt in dieser Zeit reif, gesagt zu werden. Denn Wahrheit in diesem Sinne soll zu gleicher Zeit etwas Wirksames sein. Sie brauchen ja nur die Äußerlichkeit in Betracht zu ziehen, die darin besteht, daß, wenn jemand 1890 von Lloyd George als dem Siebenundzwanzigjährigen mit dem ganzen Lebensprogramm gesprochen hätte — wie man es in gewissen Grenzen schon hätte tun können, wenn man es eben hätte sollen —, so würde man etwas hingestellt haben ungefähr so, wie wenn man eine gewisse Pflanze in die Erde zur Winterszeit setzen wollte, während sie nur zu einer andern Jahreszeit in die Erde gesetzt werden soll. Bei solchen Wahrheiten handelt es sich nicht darum, daß sie nur in abstrakter Form an unsere Seele herankommen, sondern darum, daß sie in der Zeit an unsere Seele herankommen, in der sie wirksam sein können. Das ist etwas, was nicht nur für geschichtliche Wahrheiten gilt, für Wahrheiten, die sich auf die große Weltenentwickelung beziehen, sondern das ist etwas, was sich auch durchaus anwenden läßt auf die Wahrheit in ihrer Wirksamkeit zu der individuellen Menschenseele. Ich habe schon das letzte Mal einige dahingehende Andeutungen gemacht.
[ 3 ] For most people, truth is something they believe can be expressed in the same way at all times. But this is not the case when it comes to certain higher truths. The entire concept of the age of the individual in relation to the age of humanity has, in a sense, only now, in this era, reached the point where it is ready to be articulated. For truth in this sense must also be something that takes effect. You need only consider the outward aspect, which consists in the fact that if, in 1890, someone had spoken of Lloyd George as the twenty-seven-year-old with a complete life plan—as one could have done within certain limits, had one only done so— it would have been like planting a certain plant in the ground during winter, when it is meant to be planted only at another time of year. With such truths, it is not a matter of them reaching our soul merely in abstract form, but rather of them reaching our soul at the time when they can be effective. This is something that applies not only to historical truths—truths relating to the great development of the world—but is also something that can certainly be applied to the truth as it takes effect upon the individual human soul. I already made some remarks to this effect last time.
[ 4 ] Ich muß dies immer wieder und wiederum erwähnen aus dem Grunde, weil wir wirklich in der Gegenwart in einem Übergangszustand des Wahrheitsbegriffes stehen. Ein gewisser Zustand in der Auffassung der Wahrheit soll überhaupt durch die Geisteswissenschaft herbeigeführt werden. Gewissermaßen das Verhältnis der Menschheit zur Wahrheit muß sich in einer gewissen Beziehung ändern, muß eine gewisse Entwickelung durchmachen.
[ 4 ] I must mention this again and again because we are truly in a transitional phase regarding the concept of truth at the present time. A certain state of understanding truth is to be brought about by spiritual science. In a sense, humanity’s relationship to truth must change in a certain respect; it must undergo a certain development.
[ 5 ] Ich habe das letzte Mal darauf hingedeutet, wie die individuelle Menschenseele leicht zu der Empfindung kommen kann, insbesondere in unserer Gegenwart, sie sei unbefriedigt. Und wir wollen uns zunächst nur zu schaffen machen mit dem Unbefriedigtsein der Menschenseele durch gewisse Vorstellungen. Wir wissen ja, die Menschenseele braucht gewisse Vorstellungen über die Welt, über ihr eigenes Wesen, über solche Grundfragen wie die Unsterblichkeitsfrage, über die Frage der Weltentwickelung. Die Menschenseele braucht Vorstellungen, mit denen sie gewissermaßen leben kann. Kann sie nicht solche Vorstellungen entwickeln, kann sie darüber nur unbefriedigende Vorstellungen entwickeln, dann bleibt sie selber in einem Zustand der Unbefriedigtheit, gewissermaßen in einem kranken Zustand. Denn in einem solchen kranken Zustand sind viele Seelen der Gegenwart, mehr als sie es zugeben wollen. Und viel mehr solche Seelen wird die nächste Zukunft zählen, als man sich heute einen Begriff davon macht, wenn sich nicht die Menschen hinwenden wollen zu einer solchen Erfüllung des Seelischen, wie sie durch eine geistige Wissenschaft kommen kann.
[ 5 ] Last time, I pointed out how the individual human soul can easily come to feel—especially in our present age—that it is unsatisfied. And for now, let us concern ourselves only with the human soul’s sense of dissatisfaction arising from certain ideas. We know, of course, that the human soul needs certain ideas about the world, about its own nature, about such fundamental questions as the question of immortality, and about the question of the world’s development. The human soul needs concepts with which it can, so to speak, live. If it cannot develop such concepts, or if it can develop only unsatisfactory ones, then it remains in a state of dissatisfaction—in a sense, in a diseased state. For many souls today are in such a diseased state—more than they are willing to admit. And the near future will see far more such souls than we can conceive of today, unless people are willing to turn toward the kind of spiritual fulfillment that can be attained through spiritual science.
[ 6 ] Die Natur in ihrem Wirken und Wesen ist in vieler Beziehung ein Abbild der höchsten, geheimnisvollsten Vorgänge, man muß nur den Begriff des Abbildes in der richtigen Weise nehmen, muß ihn nicht zu einem materialistischen Begriff auswachsen lassen. Das kann sich uns in dem Folgenden zeigen. Die Menschen streben sehr leicht danach, eine gewisse Summe von Vorstellungen zu bekommen, von denen sie sagen können: Sie befriedigen meine Seele, sie geben meiner Seele etwas, womit sie leben kann. — Am liebsten möchten die Menschen fertige Vorstellungen. Wenn man irgend jemand raten soll, der unbefriedigende Vorstellungen in seiner Seele trägt, und damit eine unbefriedigte Seele in sich, so hat er oftmals die Empfindung, man solle ihm dieses oder jenes, ein Buch oder dergleichen, das in verhältnismäßig kurzer Zeit durchzumachen ist, raten, damit er dann etwas hat, was seine Seele befriedigt, mit dem er befriedigt durch das weitere Leben ziehen kann. Für denjenigen, der das Wesen der lebendigen Wahrheit in sich selber nur ein wenig erkennt, ist eine solche Zumutung gerade so, wie wenn jemand käme mit dem Verlangen, man solle ihm als lebendigem Menschen eine Speise reichen, die er essen kann und die dann seinen Organismus für den Rest der übrigen Lebenszeit unterhält. Man soll ihm etwas raten, das er essen kann, damit er fortan nicht mehr zu essen brauche. Das ist selbstverständlich ein Unding. Hier haben Sie ein Naturabbild desjenigen, was man eigentlich nur geistig geben kann. Geisteswissenschaft kann nicht dem Menschen etwas reichen, was er nur einmal so hinnehmen und wovon er dann sein ganzes Leben lang genug haben soll. Ich habe oftmals gesagt: Es gibt keine Weltanschauung in der Westentasche, es gibt keinen kurzen Abriß einer Weltanschauung, sondern Geisteswissenschaft setzt an die Stelle fertiger Begriffe, fertiger Vorstellungen etwas, was in immer neuen und neuen Verarbeitungen von der Seele durchgemacht werden muß, womit die Seele immer von neuem und neuem zusammen sein muß. Äußere Wahrheiten, wie sie uns die Naturwissenschaft gibt, wenn wir ein gutes Gedächtnis haben: die bekommen wir und wir haben sie dann. So kann es nicht bei geisteswissenschaftlichen Wahrheiten sein. Denn naturwissenschaftliche Wahrheiten werden in Begriffen gegeben, die gewissermaßen tot sind. Die Naturgesetze als Begriffe sind tot. Geisteswissenschaftliche Wahrheiten müssen in lebendigen Begriffen gegeben werden. Wenn wir die geisteswissenschaftlichen Wahrheiten aber zu toten Begriffen verurteilen, das heißt, wenn wir sie so hinnehmen wollen, wie wir die natürlichen Wahrheiten hinnehmen, dann sind sie für die Seele keine Speise, dann sind sie für die Seele Steine, die nicht verarbeitet werden können.
[ 6 ] Nature, in its workings and essence, is in many respects a reflection of the highest, most mysterious processes; one must simply understand the concept of “reflection” correctly and not allow it to develop into a materialistic concept. This will become clear to us in what follows. People are very quick to seek out a certain set of ideas about which they can say: “These satisfy my soul; they give my soul something to live by.” — People prefer ready-made ideas. If one is asked to advise someone who carries unsatisfying ideas within their soul—and thus an unsatisfied soul within themselves—that person often has the feeling that one should recommend this or that—a book or the like—which can be worked through in a relatively short time, so that they then have something that satisfies their soul, with which they can go through the rest of their life content. For someone who recognizes even a little of the essence of living truth within themselves, such a demand is just like if someone were to come with the desire that, as a living human being, they be given a meal that they can eat and that will then sustain their body for the rest of their life. One is supposed to advise him on something he can eat so that from then on he will no longer need to eat. That is, of course, an absurdity. Here you have a natural analogy for what can actually only be given spiritually. Spiritual science cannot offer a person something that he can simply accept once and then be satisfied with for the rest of his life. I have often said: There is no worldview that fits in a pocket; there is no brief outline of a worldview. Instead, spiritual science replaces ready-made concepts and ready-made ideas with something that must be processed by the soul in ever-new ways—something with which the soul must continually engage anew. External truths, such as those provided by the natural sciences—if we have a good memory—we receive them and then possess them. It cannot be that way with spiritual-scientific truths. For natural-scientific truths are presented in concepts that are, so to speak, dead. The laws of nature, as concepts, are dead. Truths of the spiritual sciences must be presented in living concepts. But if we reduce the truths of the spiritual sciences to dead concepts—that is, if we seek to accept them in the same way we accept natural truths—then they are no nourishment for the soul; they are stones for the soul that cannot be processed.
[ 7 ] Es ist merkwürdig, wie nach dem, was Geisteswissenschaft eigentlich in unserer Zeit sein und werden soll, doch die geistige Entwickelung des neunzehnten Jahrhunderts in gewissem Sinne hingearbeitet hat. Aber die letzten Jahrzehnte haben vieles von dem, was so erarbeitet worden ist, verschüttet und vergessen gemacht. Ich möchte heute einleitungsweise auf eines hinweisen: Viel mißverstanden worden ist in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts dasjenige, was man zum Beispiel genannt hat den «Eduard von Hartmann’schen Pessimismus». Und dennoch war der Eduard von Hartmann’sche Pessimismus eigentlich nicht so gemeint, wie man ihn gewöhnlich aufgefaßt hat, denn man ist ausgegangen bei dieser Auffassung von der Begriffsschablone: Pessimismus, das ist die Anschauung, daß die Dinge der Welt nicht restlos gut seien, daß sie unbefriedigend seien, also daß die Welt eigentlich schlecht sei. Und so beurteilte man nach diesem Begriff, den man sich vom Pessimismus gemacht hatte, dann auch die Hartmann’sche Philosophie mit ihrem Pessimismusbegriff. Man konnte ihr von dem Gesichtspunkte aus nie gerecht werden. Es ist heute eigentlich noch schwierig, klarzumachen, um was es sich handelt, denn es wird sich gerade auf diesem Gebiete, ich möchte sagen, um etwas recht Radikales handeln, aber etwas Radikales, das in den Tiefen der menschlichen Seelen vor sich gehen muß.
[ 7 ] It is remarkable how, in a certain sense, the spiritual development of the nineteenth century did, in fact, contribute to what spiritual science is supposed to be and become in our time. But the last few decades have buried and caused much of what was thus achieved to be forgotten. I would like to begin today by pointing out one thing: what has been widely misunderstood in the second half of the nineteenth century is what has been called, for example, “Eduard von Hartmann’s pessimism.” And yet Eduard von Hartmann’s pessimism was not actually intended in the way it has usually been understood, for this interpretation was based on a fixed conceptual template: pessimism is the view that the things of the world are not entirely good, that they are unsatisfactory—in other words, that the world is essentially bad. And so, based on this concept of pessimism that people had formed for themselves, they then also judged Hartmann’s philosophy with its concept of pessimism. From that perspective, it was never possible to do it justice. Even today, it is actually still difficult to make clear what this is all about, for in this very area—I would say—it concerns something quite radical, but a radicalism that must take place in the depths of the human soul.
[ 8 ] Jeder Schulbub und jedes Schulmädchen lernt heute in der Physik den Begriff der Undurchdringlichkeit der Körper. Es müssen die Kinder das so lernen, daß, wenn der Lehrer fragt: Was ist Undurchdringlichkeit? — sie dann sagen: Undurchdringlichkeit besteht darin, daß an dem Orte, wo ein Körper ist, nicht zu gleicher Zeit ein anderer sein kann. — Die physikalische Undurchdringlichkeit! Man kann sich heute gar nicht denken, daß man vielleicht über solche Dinge wird umdenken lernen müssen. Ich will in bezug auf diese Sache nur kurz anführen, um was es sich handelt. Man wird in künftigen Zeiten nicht mehr sagen: Undurchdringlichkeit besteht darin, daß an dem Orte, wo ein Körper ist, nicht zu gleicher Zeit ein anderer sein kann, — sondern man wird sagen: Körper, welche diejenige Eigenschaft haben, daß an dem Orte, wo einer ist, nicht ein anderer zu gleicher Zeit sein kann, sind physische Körper, physische Wesen, Wesen, die also solche Eigenschaften haben, daß sie, wenn sie einen gewissen Raum einnehmen, von diesem Raum ein anderes Wesen gleicher Art ausschließen, sind physische Körper. Das Urwesen der Definition wird sich schon ändern. Man wird in der künftigen Zeit nicht mehr von dem dogmatischen Begriff ausgehen, sondern man wird ausgehen müssen von dem unmittelbaren Leben. Heute redet man ja sehr viel davon, daß man den alten Dogmenglauben überwunden habe und dergleichen. Die Zukunft wird zeigen, daß mit Bezug auf die feinere Begriffsbildung keine Zeit so in Dogmatik drinnen steckte, wie unsere Zeit. Wir sind ganz vollgepfropft von Dogmatik, insbesondere unsere Wissenschaften und noch mehr unser öffentliches Denken; nichts mehr als zum Beispiel unser politisches Denken.
[ 8 ] Every schoolboy and schoolgirl today learns the concept of the impenetrability of bodies in physics. Children must learn this in such a way that, when the teacher asks, “What is impenetrability?”—they then say: “Impenetrability means that where one body is, another cannot be at the same time.”—Physical impenetrability! It is impossible to imagine today that we might one day have to learn to rethink such things. I just want to briefly mention what this is all about. In the future, people will no longer say: “Impenetrability means that where one body is, another cannot be at the same time”—but rather they will say: Bodies that possess the property that, at the place where one is, another cannot be at the same time, are physical bodies, physical entities; entities that possess such properties that, when they occupy a certain space, they exclude another entity of the same kind from that space—these are physical bodies. The fundamental concept of the definition will already change. In the future, one will no longer proceed from the dogmatic concept, but will have to proceed from immediate life. Today, of course, there is much talk of having overcome the old dogmatic faith and the like. The future will show that, with regard to the refinement of conceptual formation, no era was as steeped in dogmatism as our own. We are completely steeped in dogmatism—especially our sciences and, even more so, our public thinking; nothing more so than, for example, our political thinking.
[ 9 ] Fassen wir den Pessimismusbegriff so lebendig auf — und jetzt nur in bezug auf den Hartmann’schen Pessimismusbegriff —, so stellt sich etwa folgendes heraus. Eduard von Hartmann sagt: Es gibt viele Menschen, die streben nach Glück; sie streben nach unmittelbarer Befriedigung in ihrer Seele und nennen das Glück. Das aber kann niemals im höchsten Sinne ein menschenwürdiges Dasein begründen, denn es würde das bloße Streben nach Befriedigtsein des eigenen Wesens einen zu nichts anderem führen als zu einem Abschließen des eigenen Wesens gegenüber der Außenwelt. Es würde das zu einem mehr oder weniger groben oder feinen Egoismus führen. Es kann nicht dies die Aufgabe des Menschen sein, bloß nach der Befriedigung seines Wesens zu streben, sondern es muß die Aufgabe des Menschen sein, sein lebendiges Wesen hineinzustellen in den ganzen Weltenprozeß, sich hinzugeben an den Weltenprozeß, mitzuarbeiten, mitzuwirken an dem Weltenprozeß. Davon würde er abgehalten, wenn er in irgendeinem Momente seines Lebens von dem äußeren Dasein oder der inneren Harmonie im vollsten Sinne befriedigt sein könnte. Nur dann streben wir, selber mit dem Bildeprozeß der Welt weiter zu arbeiten, wenn wir mit keinem Zustand zufrieden sind. Das aber ist Pessimismus in der Empfindung. Hätten wir diesen Pessimismus nicht, meint Eduard von Hartmann, mit keinem gegenwärtigen Zustand befriedigt zu sein, so würde uns der Impuls fehlen, an der Evolution mitzuarbeiten. So daß also Eduard von Hartmann in seiner Zeit sich noch recht philosophisch ausdrücken und sagen mußte, er vertrete den empirischen Evolutionismus, um damit den teleologischen Evolutionismus zu begründen. Aber man sieht, hier wird gewissermaßen der Pessimismus etwas anderes, als wenn man vom dogmatischen Begriff des Pessimismus ausgeht und daraus schließt. Mit diesem Begriff des Pessimismus, den ich jetzt nicht weiter ausführen will, ist aber Eduard von Hartmann doch schon in gewissem Sinne auf der Bahn, welche von der Geisteswissenschaft eingeschlagen werden muß.
[ 9 ] If we interpret the concept of pessimism in such a vivid way—and here I am referring only to Hartmann’s concept of pessimism—the following emerges. Eduard von Hartmann says: There are many people who strive for happiness; they strive for immediate satisfaction in their souls and call this happiness. But this can never, in the highest sense, constitute a dignified human existence, for the mere striving for the satisfaction of one’s own being would lead to nothing other than a closing off of one’s own being from the outside world. This would lead to a form of egoism that is more or less crude or subtle. It cannot be humanity’s task to strive merely for the satisfaction of its own being; rather, humanity’s task must be to place its living being within the entire process of the world, to surrender to that process, and to cooperate and participate in it. He would be deterred from this if, at any moment in his life, he could be fully satisfied with his external existence or inner harmony. We strive to continue working with the world’s creative process only when we are dissatisfied with any given state of affairs. But this is pessimism in its essence. If we did not have this pessimism—according to Eduard von Hartmann—of being dissatisfied with any present state, we would lack the impulse to participate in evolution. Thus, in his time, Eduard von Hartmann still had to express himself quite philosophically and say that he advocated empirical evolutionism in order thereby to justify teleological evolutionism. But one can see that here, pessimism becomes, in a sense, something different than when one starts from the dogmatic concept of pessimism and draws conclusions from it. With this concept of pessimism—which I do not wish to elaborate on further here—Eduard von Hartmann is, however, already, in a certain sense, on the path that spiritual science must take.
[ 10 ] Denn diese Geisteswissenschaft, die zeigt uns noch viel mehr! Diese Geisteswissenschaft zeigt uns, was eine uns völlig befriedigende Vorstellung für unser Seelenleben eigentlich wäre. Eine uns völlig befriedigende Vorstellung ist für unser Seelenleben genau dasselbe, wie ein äußeres Nahrungsmittel — man kann es nicht einmal Nahrungsmittel nennen — das wir aufessen würden, und bei dem wir keine Möglichkeit hätten, es zu verdauen, sondern das wir unverdaut in uns tragen würden. Wirklich ist es so, daß derjenige, der ein Buch von Trine oder von Johannes Müller nimmt, und damit befriedigt sein will, genau dasselbe Bestreben hat wie jemand, der ein Nahrungsmittel nehmen wollte, das er nun in seinem Körper mittragen könnte. Ja, wenn er es aber nicht mitträgt, so wird es verdaut, dadurch aber verschwindet es, löst es sich in seine Wesenheit auf. Das aber ist bei keiner uns voll befriedigenden Vorstellung der Fall. Eine uns voll befriedigende Vorstellung, die bieibt uns immer, wenn ich so sagen darf, in dem Magen der Seele liegen. Und je mehr wir von einer Vorstellung im Augenblick zu haben glauben, je mehr wir glauben, von einer Vorstellung gleichsam die Befriedigung so zu unserer seelischen Wollust einsaugen zu können, desto mehr werden wir sehen, daß, wenn wir nur mit dieser Vorstellung eine Weile leben wollen, sie uns nicht mehr befriedigen kann, sondern daß sie sich in uns so entwickelt, daß sie uns langweilt, daß sie uns ihrer überdrüssig macht, und dergleichen. |
[ 10 ] For this spiritual science shows us much more than that! This spiritual science shows us what a truly satisfying concept for our inner life would actually be. A concept that is completely satisfying to us is, for our inner life, exactly the same as an external food—one cannot even call it food—that we would eat, but which we would have no way of digesting, and which we would carry within us undigested. It is truly the case that anyone who picks up a book by Trine or Johannes Müller and wants to be satisfied with it has exactly the same aspiration as someone who wants to consume a food that they could then carry around in their body. Yes, but if one does not carry it within, it is digested; and in doing so, it disappears, dissolving into its essence. Yet this is not the case with any idea that fully satisfies us. An idea that fully satisfies us always remains, if I may put it that way, in the stomach of the soul. And the more we believe we have of an idea at any given moment—the more we believe we can, as it were, suck the satisfaction from an idea into our spiritual pleasure—the more we will see that, if we merely wish to live with this idea for a while, it can no longer satisfy us, but rather develops within us in such a way that it bores us, that it makes us weary of it, and so on. |
[ 11 ] Damit hängt zusammen das, was man gerade der Geisteswissenschaft, wie wir sie hier vertreten, vielfach zum Vorwurf macht. Diese Geisteswissenschaft, wie wir sie hier vertreten, sucht auch bei den Vorstellungen, die sie über die Welt entwickelt, immer neue und neue Gesichtspunkte. Wir könnten sozusagen immer reden und reden, wir würden immer neue und neue Gesichtspunkte finden. Das nennen gewisse Leute dann Widersprüche. In Wahrheit handelt es sich um Umbildungen, die auf die Lebendigkeit dieser geisteswissenschaftlichen Wahrheiten hindeuten. In dieser Weise starre Begriffe, wie man sie heute gewöhnt ist, kann diese Geisteswissenschaft gar nicht geben. Sie kann einzelne geisteswissenschaftliche Tatsachen in einer eindeutigen Weise hinstellen, aber dasjenige, was uns befriedigen soll als Weltanschauungsinhalt, das gibt sie in lebendigen Begriffen, die immer von neuem von uns aufgenommen werden können. Derjenige, der diese Begriffe aufnimmt, der wird finden, wenn er sie einmal durch seine Seele ziehen läßt, so sagen sie ihm dies; dann läßt er sie ein andermal durch seine Seele ziehen, dieselben Begriffe sagen ihm etwas ganz anderes. Und wiederum sagen sie ihm etwas ganz anderes, wenn er sie im Zustand der Freude, des Glückes durch seine Seele ziehen läßt, und wenn er sie im Zustand der Traurigkeit, im Zustand des Leides durch seine Seele ziehen läßt. Aber wenn er sie richtig in ihrer Lebendigkeit erfaßt hat, so sagen sie ihm immer etwas. Weil diese geisteswissenschaftlichen Begriffe nicht bloß ein Abbild geben sollen, sondern weil sie eine lebendige Verbindung herstellen sollen zwischen der Menschenseele und der ganzen unendlichen Welt, und weil die Welt unendlich ist, so sind sie nie ganz auszuschöpfen, so sind sie unendlich. Sie sollen immer, in jedem einzelnen Falle eine Verbindung zwischen der Seele und der Welt herstellen. Aber wir müssen uns auch gewissermaßen die freie Empfänglichkeit für alles das bewahren, was aus der Welt an uns herantreten kann, und wir müssen uns vor allen Dingen im Denken daran gewöhnen, daß wir gewisse prinzipielle, grundlegende Begriffe, die der Menschheit heute selbstverständlich erscheinen, für die Zukunft gar nicht mehr gebrauchen können. Nehmen Sie sich unzählige Philosophien: Sie finden in diesen unzähligen Philosophien fast immer wieder eine Frage hervortreten, die Frage nach dem Sein. Das Sein, das einheitliche Sein, das ist etwas, was immer wieder und wiederum hervortritt. Und schon aus dieser Frage, wie man sie stellt, entspringen unzählige Unmöglichkeiten für die lebendige Menschenseele. Ich möchte gerade durch diese Vorträge in Ihnen eine Empfindung hervorrufen, daß alles dasjenige, was wir als das Sein bezeichnen, oder was wir als das Sein den Dingen, den Wesen beilegen, in einem lebendigen Verhältnis zum Werden steht, und zwar in einem eigentümlichen Verhältnis zum Werden. In Wahrheit ist weder der alte Satz des Parmenides von dem starren Sein, noch der Satz des Heraklit von dem Werden, wahr. Es ist in der Welt Sein und Werden, aber nur: Das Werden ist lebendig, das Sein ist immer tot; und jedes Sein ist ein Leichnam des Werdens. Finden Sie irgendwo ein Sein, zum Beispiel in der sich um uns ausbreitenden Natur, so antwortet Ihnen die Geisteswissenschaft darauf: Dieses Sein — lesen Sie das in der «Geheimwissenschaft» — ist dadurch entstanden, daß einmal ein Werden war, und dieses Werden hat seinen Leichnam zurückgelassen, dasjenige, was uns gegenwärtig als Sein umgibt. Das Sein ist das Tote, das Werden ist das Lebendige!
[ 11 ] This is connected to what is often criticized about spiritual science as we represent it here. This spiritual science, as we represent it here, is always seeking new and fresh perspectives, even in the concepts it develops about the world. We could, so to speak, talk on and on, and we would always find new and fresh perspectives. Certain people then call these contradictions. In truth, they are transformations that point to the vitality of these spiritual scientific truths. This spiritual science cannot possibly provide the kind of rigid concepts to which people are accustomed today. It can present individual spiritual-scientific facts in an unambiguous way, but what is meant to satisfy us as the content of a worldview, it presents in living concepts that we can continually take in anew. The person who takes in these concepts will find that, once he allows them to flow through his soul, they tell him one thing; then, when he lets them flow through his soul again at another time, the same concepts will tell him something entirely different. And once more, they will tell him something entirely different when he lets them flow through his soul in a state of joy or happiness, and when he lets them flow through his soul in a state of sadness or suffering. But once he has truly grasped them in their liveliness, they always tell him something. Because these spiritual-scientific concepts are not merely meant to provide a reflection, but are meant to establish a living connection between the human soul and the entire infinite world—and because the world is infinite—they can never be fully exhausted; they are infinite. They are always meant, in every single case, to establish a connection between the soul and the world. But we must also, in a sense, preserve our free receptivity to everything that can approach us from the world, and above all, we must accustom ourselves in our thinking to the fact that certain principled, fundamental concepts—which seem self-evident to humanity today—will no longer be of any use to us in the future. Consider the countless philosophies: in these countless philosophies, you will almost always find one question emerging again and again—the question of Being. Being, unified Being—this is something that emerges time and again. And from this very question, as it is posed, spring countless impossibilities for the living human soul. Through these lectures, I would like to evoke in you a sense that everything we designate as “being,” or what we ascribe as “being” to things and beings, stands in a living relationship to becoming—and indeed in a peculiar relationship to becoming. In truth, neither Parmenides’s ancient proposition about rigid being nor Heraclitus’s proposition about becoming is true. There is Being and Becoming in the world, but only this: Becoming is alive, Being is always dead; and every Being is a corpse of Becoming. If you find a Being anywhere—for example, in the nature that surrounds us—then spiritual science answers you: This Being—read about it in *The Secret Science*—came into being because there was once a Becoming, and this Becoming left behind its corpse, that which currently surrounds us as Being. Being is the dead, Becoming is the living!
[ 12 ] Das Merkwürdige ist nun, daß dies Bedeutsame Anwendung findet im Leben der Seele. Wenn wir durch eine bestimmt abgeschlossene Vorstellung oder Vorstellungsreihe Befriedigung in der Seele haben wollen, so wollen wir durch ein Sein Befriedigung haben. Das können wir nicht! Wir können nur durch ein Werden Befriedigung haben, wir können nur durch dasjenige Befriedigung haben, was auf unsere Seele so wirkt, daß, indem wir es in unsere Seele aufnehmen, es wiederum unbewußt wird, aber indem es sich mit unserer Seele vereinigt, ganz neu uns anregt, diese Fragen an das immer dauernde Werden zu stellen. Das ist gewiß etwas, was an Geisteswissenschaft viele auch wiederum unbefriedigt sein läßt, weil sie gerne etwas Fertiges haben wollen. Während Geisteswissenschaft nur eine Anleitung zum «Essen des Geistigen» geben kann — Sie werden mich verstehn —, möchte man fertige Nahrung haben. Das ist schon etwas, womit unsere Zeit rechnen muß, weil sie voll steckt von der entgegengesetzten Empfindung.
[ 12 ] The remarkable thing is that this significant principle finds application in the life of the soul. If we wish to find satisfaction in the soul through a specific, self-contained idea or series of ideas, then we are seeking satisfaction through a form of being. We cannot do that! We can only find satisfaction through a process of becoming; we can only find satisfaction through that which affects our soul in such a way that, as we take it into our soul, it becomes unconscious again, yet—by uniting with our soul—it inspires us anew to pose these questions to the ever-continuing process of becoming. This is certainly something that leaves many people dissatisfied with spiritual science, because they would like to have something ready-made. While spiritual science can only provide guidance on “eating the spiritual”—you will understand me—people would like to have ready-made nourishment. This is something our time must reckon with, because it is full of the opposite sentiment.
[ 13 ] Wovon steckt unsere Zeit voll? Von der ganz entgegengesetzten Empfindung steckt unsere Zeit voll, von der Empfindung, man müsse nur so schnell als möglich irgendeine fertige Weltanschauung in sich aufnehmen. Vieles von dem, was, ich möchte sagen, an Krankhafligkeit in unserer Seele lebt, wird seine Heilung nur dadurch erfahren können, daß man Interesse gewinnt für das lebendige Leben mit der Wahrheit, nicht die Gier entwickelt nach fertigen Wahrheiten. Klar umrissene Wahrheiten aber, dasjenige, was man in fertigen Begriffen ausspricht, bezieht sich immer auf ein Vergangenes. In irgendeiner Weise ist dasjenige, was in fertige Begriffe geprägt wird, immer auf ein Vergangenes bezüglich. Dasjenige Wahre, was die Vergangenheit gewissermaßen abgesetzt hat, können wir in uns aufnehmen, es lebt dann in uns; und indem es in uns lebt, leben wir mit der Wahrheit.
[ 13 ] What is our age full of? Our age is full of the exact opposite sentiment—the feeling that one must simply absorb some ready-made worldview as quickly as possible. Much of what I would call the pathological elements living in our souls can only be healed by developing an interest in a living relationship with the truth, not by cultivating a craving for ready-made truths. Clearly defined truths, however—that which is expressed in ready-made concepts—always refer to the past. In one way or another, that which is cast into ready-made concepts always relates to the past. We can take into ourselves that which is true and which the past has, so to speak, set aside; it then lives within us; and as it lives within us, we live with the truth.
[ 14 ] Nun ist aber unsere Zeit in dieser Beziehung mitten in einem Umbildungsprozeß darinnen, und dieser Umbildungsprozeß zeigt sich uns in einem merkwürdig polarischen Gegensatz, dem Gegensatz zwischen Westen und Osten in Europa; und wir in Mitteleuropa sind mitten in diesen polarischen Gegensatz hineingestellt. Dasjenige, was der eine Pol ist, das Westliche, das ist gewissermaßen schon bis zur Hypertrophie, bis zur Überreife gelangt; dasjenige, was der Osten bedeutet, das zeigt sich noch nicht einmal in seinem ersten Anfang, kaum embryonal. Seien wir uns nur klar darüber: Was uns in diesem merkwürdigen, heute uns so chaotisch anmutenden Osten ansieht, das versteht man schlecht in Mitteleuropa, und am schlechtesten in Westeuropa. Wie vielerlei Auseinandersetzungen findet man jetzt über das Wesen des russischen Volkes, über dasjenige, was sich im Osten Europas, bleiben wir dabei stehen, geltend macht. Ich habe zum Beispiel neulich gelesen, wie ein Herr sehr geistvoll, wie er selbst selbstverständlich glaubt, auseinandersetzt, daß das russische Volk gewissermaßen jetzt diejenigen Zustände durchmacht, die Mittel- und Westeuropa im Mittelalter durchgemacht habe. Da war im Mittelalter in den mittel- und westeuropäischen Völkern mehr Glaube, mehr wie ein gewisses mystisches Hindämmern herrschend; dasselbe ist im Osten jetzt. Also der Osten macht das Mittelalter durch. Aber bei uns ist seither die Intellektualität, die Verstandeskultur mit ihrem naturwissenschaftlichen Anhängsel gekommen, das müssen die Menschen im Osten nun erst nachholen.
[ 14 ] But our era is currently in the midst of a process of transformation in this regard, and this process of transformation manifests itself to us in a striking polar contrast—the contrast between the West and the East in Europe; and we in Central Europe find ourselves placed right in the middle of this polar contrast. That which constitutes one pole—the West—has, in a sense, already reached a state of hypertrophy, of overripeness; that which the East represents has not even begun to emerge, being barely embryonic. Let us be clear about this: what we see in this peculiar East—which seems so chaotic to us today—is poorly understood in Central Europe, and least of all in Western Europe. How many different debates are there now about the nature of the Russian people, about what is asserting itself in Eastern Europe—let us focus on that. For example, I recently read how a gentleman—in a manner he himself, of course, believes to be very witty—argues that the Russian people are, in a sense, now going through the same conditions that Central and Western Europe went through in the Middle Ages. Back then, in the Middle Ages, there was more faith among the peoples of Central and Western Europe, more of a certain mystical drowsiness prevailing; the same is true in the East now. So the East is going through the Middle Ages. But here, since then, intellectualism—the culture of reason with its scientific appendage—has emerged; the people in the East must now catch up.
[ 15 ] Nichts von dem ist eine Wirklichkeit! Die Wahrheit ist vielmehr diese, daß der russische Mensch allerdings mystisch veranlagt ist, daß aber diese Mystik zu gleicher Zeit intellektuell wirkt — intellektualistische Mystik — und der Intellekt mystisch wirkt — Mystischer Intellektualismus, der überhaupt in Mitteleuropa gar nicht vorhanden war. Es ist etwas ganz anderes, etwas Neues, das herankommt, so wie das Kind heranwächst und etwas anderes wird als der Greis, der neben ihm steht, der vielleicht sein Großvater ist. Aber es geht nicht für den heutigen Menschen, an diesen Dingen schlafend und träumend vorbeizugehen. Und gerade wir in Mitteleuropa haben die dringende Notwendigkeit, nach Verständnis dieser Dinge zu suchen. Und wenn wir nicht versuchen, nach einem Verständnis dieses polarischen Gegensatzes zu suchen, so kommen wir wirklich nicht über das Chaos der Gegenwart hinaus.
[ 15 ] None of that is reality! The truth is rather this: that the Russian people do indeed have a mystical disposition, but that this mysticism simultaneously has an intellectual effect—intellectualistic mysticism—and the intellect has a mystical effect—mystical intellectualism, which did not exist at all in Central Europe. Something entirely different, something new, is emerging, just as a child grows up and becomes something other than the old man standing next to him, who may be his grandfather. But people today cannot afford to pass by these things while asleep and dreaming. And we in Central Europe, in particular, have an urgent need to seek an understanding of these things. And if we do not try to seek an understanding of this polar opposition, we will truly not be able to move beyond the chaos of the present.
[ 16 ] Es ist allerdings sehr schwierig, sich diesen Gegensatz zwischen Osten und Westen ganz klarzumachen, denn das, was im Westen ist, ist gewissermaßen schon über die Reife hinaus; das, was im Osten ist, ist, wie ich gesagt habe, kaum embryonal; und dennoch müssen wir uns ein Verständnis davon verschaffen. Wir haben im Westen und auch in Mitteleuropa einen ganz bestimmten, nennen wir es Aberglauben, den man im Osten nicht hat, und wo man den hat, ist er nur angelernt vom Westen. Wir haben einen ganz bestimmten Aberglauben im Westen und in Mitteleuropa. Nun, am groteskesten ausgedrückt, möchte ich sagen, es ist der Aberglaube für das Buch, für dasjenige, was im Buche steht. Das ist nur etwas grotesk ausgedrückt, aber es umfaßt einen ganzen Komplex von Kulturtatsachen. Wir im Westen hängen an dem, was ins Buch gebracht werden kann, was gewissermaßen niedergeschrieben, fixiert werden kann, was, mit anderen Worten, als menschlich vom Menschen losgelöst und objektiviert werden kann, und das schätzen wir vor allen Dingen. Wir schätzen es nicht nur darin, daß unsere Bibliotheken sich wirklich schon zu Riesenungetümern auswachsen, und diese Bibliotheken für uns, insbesondere wenn wir wissenschaftlich arbeiten wollen, etwas Ungeheures bedeuten, sondern wir schätzen es auch in anderer Beziehung: Wir schätzen es zum Beispiel darin, daß wir eine gewisse Summe von Begriffen haben, die die Menschen gedacht und die sich vom Menschen losgelöst haben. Eine Summe von Begriffen nennen wir Liberalismus, und wenn sich eine Anzahl von Menschen, eine Menschengruppe dazu bekennt, so nennen wir diese Menschengruppe eine liberale Partei. Eine solche liberale Partei ist in Wirklichkeit nichts anderes als dasjenige, was sich dann darstellt, wenn sich über eine Anzahl von Menschen wie ein Spinngewebe ausdehnt etwas wie eine liberale "Theorie; das heißt etwas, was im Buche stehen kann. Und so ist es mit anderem auch. Und wir erlangen es sogar immer mehr und mehr unter dem Aberglauben dieser Theorie, daß alles festgesetzt wird in dieser Weise, damit man weiß, womit man es zu tun hat.
[ 16 ] It is, however, very difficult to fully grasp this contrast between East and West, for what exists in the West has, in a sense, already passed the stage of maturity; what exists in the East, as I have said, is barely in its embryonic stage; and yet we must gain an understanding of it. In the West, and also in Central Europe, we have a very specific—let’s call it superstition—that does not exist in the East, and where it does exist, it has been learned from the West. We have a very specific superstition in the West and in Central Europe. Well, to put it in the most grotesque terms, I would say it is the superstition regarding the book, regarding what is written in the book. That is just a somewhat grotesque way of putting it, but it encompasses a whole complex of cultural realities. We in the West cling to what can be put into a book—what can, so to speak, be written down and fixed—what, in other words, can be detached from the human and objectified, and that is what we value above all else. We value it not only in the fact that our libraries have truly grown into gigantic behemoths—and these libraries mean the world to us, especially when we wish to engage in scholarly work—but we also value it in another respect: We value it, for example, in the fact that we possess a certain body of concepts that people have conceived and that have become detached from humanity. We call this body of concepts “liberalism,” and when a number of people—a group of people—adhere to it, we call that group a liberal party. Such a liberal party is, in reality, nothing other than what emerges when something like a liberal “theory”—that is, something that can be written in a book—spreads over a number of people like a spider’s web. And so it is with other things as well. And we are increasingly falling prey to the superstition of this theory—that everything is defined in this way so that one knows what one is dealing with.
[ 17 ] Wir haben im Westen aufdämmern sehen in ganz schneller Folge eine ganze Anzahl von nicht nur gewöhnlichen Theorien, wie: Liberalismus, Konservatismus und so weiter, sondern wir haben auch umfassende universelle Theorien in Büchern geschrieben gefunden: Proudhonische, Bellamysche Weltgestaltungen; eine große Summe von Utopien, und je weiter nach Westen, desto mehr. Mitteleuropa hat verhältnismäßig wenig, sogar, wenn man der Sache nachgeht, keine einzige Utopie hervorgebracht; die Utopien sind alle Ergebnisse der angelsächsischen und romanischen Rasse. Sie sind nur, weil die Dinge auch versetzt erscheinen, auch in Mitteleuropa zuweilen erschienen. Dieses Loslösen desjenigen, was eigentlich im Menschen lebt, es zu etwas Äußerem machen, das man fixieren kann, und das Leben mit dem Fixierten, das ist dasjenige, was zum Aberglauben des Westens gehört, und was Mitteleuropa bis zu einem gewissen Grade von diesem Westen angenommen hat. In gewissen, namentlich so mystischen und allerlei anderen Bewegungen, hat das sogar einen recht schlimmen Charakter angenommen, indem man großen Wert darauf gelegt hat, nur ja nicht irgendwie gegenwärtig Lebendiges zu haben, sondern irgend etwas Altes, was aus alten Büchern oder aus alten Überlieferungen geschöpft werden kann, kurz, was sonst losgelöst ist vom Menschen, obwohl es im Menschen einmal gelebt haben muß. Manche Menschen interessiert es gar nicht, wenn man diesen oder jenen Begriff über geistige Welten in unmittelbarer Gestalt an sie heranbringt. Wenn man ihnen aber erzählt: das haben die alten Rosenkreuzer gedacht, das ist rosenkreuzerische Weisheit — oder wenn man eine gewisse Sekte, will sagen, Gesellschaft gründen will, von «alten Tempeln, mystischen Tempeln», «mystischen orientalischen Tempeln» und so weiter und hinweist, wie alt die Dinge sind, das heißt, wann sie abgelagert sind, fixiert worden sind, dann fühlen sich manche außerordentlich befriedigt.
[ 17 ] In the West, we have seen emerge in rapid succession not only a whole host of ordinary theories—such as liberalism, conservatism, and so on—but we have also found comprehensive, universal theories set forth in books: Proudhonian and Bellamyan visions of the world; a vast array of utopias, and the further west one goes, the more there are. Central Europe has produced relatively few—indeed, upon closer examination, not a single utopia; these utopias are all the products of the Anglo-Saxon and Romance races. They have appeared in Central Europe only occasionally, simply because things also appear in a displaced manner there. This detachment from what actually lives within human beings—turning it into something external that can be fixed—and living according to that which is fixed: that is what belongs to the superstition of the West, and what Central Europe has, to a certain degree, adopted from the West. In certain movements—particularly mystical ones and various other currents—this has even taken on a rather harmful character, in that great importance has been attached to avoiding anything that is currently alive, preferring instead something ancient that can be drawn from old books or ancient traditions—in short, something that is otherwise detached from human beings, even though it must once have lived within them. Some people are not at all interested when one presents this or that concept of spiritual worlds to them in a direct form. But when one tells them: “This is what the ancient Rosicrucians believed; this is Rosicrucian wisdom”—or when one wants to found a certain sect, that is to say, a society, based on “ancient temples, mystical temples,” “mystical Oriental temples,” and so on—and point out how ancient these things are, that is, when they were established and codified—then some people feel extraordinarily satisfied.
[ 18 ] Dies ist, ich möchte sagen, das allgemeine, aber es hat wirklich hypertrophiert im Westen und wird sich immer mehr und mehr zum Extrem ausgestalten. Denn dieses hängt zusammen, innig zusammen mit einer gewissen Despotie des vom Menschen losgelösten Geistigen über den Menschen selbst. Zuletzt erscheint die Herrschaft des hinausgeworfenen Geistigen über das unmittelbar Elementarisch-Menschliche. Der Mensch soll dann ausgeschaltet werden, und dasjenige, was er hinausgeworfen hat, das soll in irgendeiner Form herrschend werden. Aber dasjenige, was in die Welt hinausgeworfen wird, das strebt nach Materialisierung, nicht nur nach Auffassung im materialistischen Sinn, sondern nach Materialisierung. Und in dieser Beziehung ist die westliche Welt ja schon sehr, sehr weit gegangen. Man sucht in solchen Dingen nur gewöhnlich die inneren Gesetze nicht, aber diese inneren Gesetze sind vorhanden und es wird sich in der nächsten Zukunft der Menschen sehr rächen, daß sie nicht die inneren Gesetze suchen.
[ 18 ] This is, I would say, the general trend, but it has truly become exaggerated in the West and will increasingly take on extreme forms. For this is intimately connected with a certain despotism of the spiritual—detached from humanity—over humanity itself. Ultimately, the dominion of the spiritual—which has been cast out—over the immediate, elemental human nature will emerge. Humanity is then to be sidelined, and that which it has cast out is to become dominant in some form. But that which is cast out into the world strives toward materialization—not merely toward conception in the materialistic sense, but toward materialization itself. And in this regard, the Western world has indeed already gone very, very far. People usually do not seek the inner laws in such matters, but these inner laws do exist, and in the near future, humanity will suffer greatly for not seeking them.
[ 19 ] Da gibt es einen Menschen in der Gegenwart, der, nachdem er früher einen bürgerlichen Namen getragen hat, jetzt den Namen Lord Northcliffe trägt; der große Zeitungsmagnat Englands und jetzt nach und nach auch Amerikas. Der Mann fing vor einiger Zeit an, sich die Idee vorzulegen: Wie kann man das soziale Leben, das Zusammenleben der Menschen unabhängig machen von dem Menschen selbst? Wie kann man gewissermaßen die Herrschaft des vom Menschen Losgelösten über die Menschen begründen? — Er hat angefangen gewissermaßen zuerst mit Theorien, indem er sagte: Jede Provinz hat ihre Zeitung; da schreiben immer einzelne Menschen in diese Zeitungen hinein, dadurch ist die Zeitung einer jeden Provinz anders als die einer anderen Provinz. Wie großartig wäre es doch, wenn man es nach und nach dahin brächte, daß man eine einheitliche Schablone ausgösse über die verschiedenen Provinzpressen, so daß man in einer Zentrale sammelt alle guten chemischen Artikel, die von berühmten Chemikern geschrieben sind, alle guten physikalischen Artikel, die von guten Physikern geschrieben sind, alle guten biologischen Artikel, die von berühmten Biologen geschrieben sind und so weiter. Und die werden dann verteilt an die einzelnen Zeitungen und die bringen dann alle das gleiche. Und auch wenn sie verschieden sein sollen, so ordnet man schon von der Zentrale die Verschiedenheit an. Natürlich kann man nicht überall, schon weil die Sprache verschieden wäre, dasselbe anbringen, aber man kann alles zentralisieren.
[ 19 ] There is a man living today who, having once borne a common name, now goes by the name of Lord Northcliffe; he is the great newspaper magnate of England and, little by little, of America as well. Some time ago, this man began to ponder the following idea: How can one make social life—the coexistence of people—independent of human beings themselves? How can one, so to speak, establish the rule of something detached from human beings over human beings? — He began, so to speak, with theories, saying: Every province has its own newspaper; individual people always write in these newspapers, and as a result, the newspaper of each province is different from that of another province. How wonderful it would be if, little by little, we could arrive at a point where a uniform template were applied to the various provincial newspapers, so that a central office would collect all the good chemistry articles written by famous chemists, all the good physics articles written by good physicists, all the good biology articles written by famous biologists, and so on. These would then be distributed to the individual newspapers, and they would all publish the same content. And even if they are supposed to be different, the central office would already dictate the differences. Of course, one cannot apply the same content everywhere—if only because the language would be different—but everything can be centralized.
[ 20 ] Und siehe da: jener Mann hat einen weiten Weg nach dieser Richtung gemacht, und heute ist er gewissermaßen der unsichtbare Herrscher eines großen Teiles der britischen, der französischen, der amerikanischen Presse überhaupt, indem nichts in einer gewissen Presse Englands, Frankreichs, Amerikas erscheint, was nicht aus dieser Zentrale stammt. Und sehr schwer hat es die andere Presse, die noch von ihm unabhängig ist, neben dem, was durch seine Kanäle fließt, zu bestehen. Aber sein Ideal ist, alles wegzuräumen, was nicht aus einer einzigen solchen Quelle fließt. Denken Sie, welche Möglichkeit, bei dem Glauben, der heute herrscht an dasjenige, was zwar sich vom Menschen abgesondert hat, was aber dann an die Menschen auf diese Weise herantritt! Denken Sie, welche Möglichkeiten eine ungeheure Tyrannis von dieser Seite her über den einzelnen individuellen Menschen auszuüben!
[ 20 ] And lo and behold: that man has come a long way in this direction, and today he is, so to speak, the invisible ruler of a large part of the British, French, and American press in general, in that nothing appears in certain sections of the press in England, France, and America that does not originate from this central office. And the other press—which is still independent of him—has a very hard time surviving alongside what flows through his channels. But his ideal is to eliminate everything that does not flow from a single such source. Just think of the possibilities, given the prevailing belief today in that which, though separated from humanity, nevertheless approaches people in this way! Just think of the possibilities for an immense tyranny to be exerted from this direction over each individual human being!
[ 21 ] Den individuellen Menschen in seiner vollen Gültigkeit wieder einzusetzen, den individuellen Menschen wieder ganz auf sich selbst zu stellen, das ist in der Tat die Anlage der Menschen des Ostens; das Buch zu überwinden, das Fixierte zu überwinden und den Menschen an die Stelle zu setzen. Der Idealzustand, nach dem der Osten strebt, ist der, daß man weniger lesen, weniger das Fixierte auf sich wirken lassen wird, dafür aber alles dasjenige, was mit dem unmittelbaren individuellen Menschen zusammenhängt. Der einzelne Mensch wird wieder den anderen anhören; der einzelne Mensch wird wissen, daß es ein Unterschied ist, ob das Wort vom Menschen selbst kommt, oder ob es sich abgesondert hat und den Umweg durch die Druckerschwärze und dergleichen gemacht hat. Gewiß, auf manchem Gebiet sind in dieser Beziehung erst Anfänge gemacht, aber sehr, sehr bedeutsame, schreckliche Anfänge, ich meine: im Westen sind in diesen Dingen mit der Absonderung Anfänge gemacht, aber schreckliche Anfänge.
[ 21 ] To restore the individual human being to his full validity, to place the individual human being once again entirely on his own feet—this is indeed the inclination of the people of the East: to transcend the book, to transcend the fixed, and to put the human being in its place. The ideal state to which the East aspires is one in which people will read less and allow the fixed to influence them less, but instead will focus on everything connected to the immediate, individual human being. The individual will once again listen to others; the individual will know that there is a difference between a word coming from the person themselves and one that has become detached and taken a detour through ink and the like. Certainly, in some areas, only the first steps have been taken in this regard—but very, very significant, terrifying first steps. I mean: in the West, the first steps have been taken in these matters regarding separation—but they are terrifying first steps.
[ 22 ] Daß es das Absondern vom Menschen gibt, das hat uns auf vielen Gebieten, insbesondere der Kunst, zu Reproduktionsverfahren gebracht, die nun wirklich geeignet sind, den Sinn für Künstlertum auszutreiben. Vielfach hat man dadurch die Möglichkeit verloren, im Kunstwerk das Individuelle noch zu sehen, insbesondere im Kunstwerk des alltäglichen Gebrauches, und schwer versteht man das Sich-Stemmen gegen den Unfug der Zeit. Vielleicht werden Sie gesehen haben, daß einzelne unserer Damen wiederum Ringe tragen oder anderes Ähnliches, aber jede ein anderes, weil ein Wert darauf gelegt wird, daß etwas Individuelles drinnen ist, etwas, was eine unmittelbar individuelle oder ideelle Beziehung darstellt zwischen dem einzelnen Objekt und dem, der es gemacht hat. Man hat nicht mehr viel Verständnis für solche Dinge in der Zeit, wo alles in Vervielfältigung hergestellt wird, das heißt, objektiviert, losgelöst wird vom Menschen. In unseren Dingen sind eben sehr häufig Intentionen, die wirklich mit der Zeitentwickelung zusammenhängen und die man vielleicht nur für Liebhabereien hält, die aber aus solchen Zusammenhängen heraus gewollt sind. Aber dasjenige, was sich im Osten vorbereitet, das Bauen auf das Individuelle, das Erhöhen des unmittelbaren Wertes des Menschen, das ist eben erst in dem embryonalsten Anfange. Was bereitet sich denn da vor? Im Westen hat sich herausgebildet nun, sagen wir: der Marxismus. Was ist der Marxismus? — Ich könnte ebensogut etwas anderes nennen — was ist der Marxismus? Eine Theorie, die eine solche Gestaltung der Wirklichkeit in Begriffe darstellt, daß unter dieser Gestaltung der Wirklichkeit alle Menschen richtig zusammenleben können in sozialer Beziehung.
[ 22 ] The fact that there is a separation from humanity has led us, in many fields—especially art—to reproductive processes that are truly capable of driving out the sense of artistry. In many cases, this has caused us to lose the ability to still see the individual in a work of art—especially in works of art intended for everyday use—and it is difficult to understand the resistance to the nonsense of the times. Perhaps you have noticed that some of our ladies are once again wearing rings or similar items, but each one is different, because importance is placed on there being something individual within them—something that represents a direct, individual, or ideal connection between the individual object and the person who made it. There is no longer much understanding for such things in an age when everything is mass-produced—that is, objectified and detached from the human being. Our creations very often embody intentions that are truly connected to the development of our times—intentions that might be dismissed as mere hobbies, but which are in fact deliberately rooted in such contexts. But what is taking shape in the East—the emphasis on the individual, the elevation of the intrinsic value of the human being—is still in its very earliest, embryonic stages. What, then, is taking shape there? In the West, what has now emerged is, let’s say, Marxism. What is Marxism? — I could just as well name something else — what is Marxism? A theory that conceptualizes reality in such a way that, under this conception of reality, all human beings can live together harmoniously in social relations.
[ 23 ] Im Osten bereitet sich eine geistige Art vor, die überhaupt so etwas als einen völligen Unsinn ansieht, daß man überhaupt etwas ausspinnen kann, was eine allgemein gültige Theorie über menschliches Zusammenleben ist; das wird der Weltanschauung, die sich im Osten herausbildet, als ein völliger Unsinn erscheinen. Denn man wird sagen: Man kann doch nicht die Art fixieren, wie die Menschen zusammenleben sollen; das muß doch jeder einzelne selbst sagen, das muß jeder einzelne Mensch zeigen, das muß im menschlichen Zusammenleben selber sich entwickeln. Ein gewisser, wenn ich nun wiederum ein Wort brauchen darf, das einen Schablonenbegriff darstellt — ich tue es ungern, aber man muß ja gewisse Begriffe anwenden —, ein gewisser Individualismus, aber ein wirklich schöpferischer Individualismus bereitet sich im Osten vor.
[ 23 ] In the East, a spiritual movement is emerging that regards it as utter nonsense to even conceive of a universally valid theory of human coexistence; this will appear to be utter nonsense to the worldview taking shape in the East. For people will say: You cannot possibly prescribe the way people should live together; that is something each individual must decide for themselves, something each individual must demonstrate, something that must develop within human coexistence itself. A certain—if I may once again use a term that represents a stereotypical concept—I do so reluctantly, but one must use certain terms—a certain individualism, but a truly creative individualism, is taking shape in the East.
[ 24 ] Diese Dinge muß man fassen können, muß man verstehen können, denn diese Dinge stellen die Kräfte dar, unter denen sich gegenwärtig dieWelt gestaltet. Wir stehen mitten darinnen in dieser Weltgestaltung. Man kann nicht zu einer fruchtbaren Idee von Weltgestaltung kommen, wenn man diese Dinge nicht berücksichtigt. Man durchschaut dann nicht, wie einem andere zuvorkommen. Denn jener Lord Northcliffe hat nicht nur britische, amerikanische und französische Zeitungen gekauft, sondern er hat zum Beispiel auch russische Zeitungen gekauft. Die «Nowoje Wremja» ist völlig in seinem Besitz, und damit spannt er seine Netze nach dem Osten hinüber, spannt, wohl unter der Anleitung solcher Menschen, die in gewissem Sinne die Dinge schon kennen, dasjenige, was Zukunft ist, in das Netz seines Vergangenen hinein. Und das steckt als etwas viel Tieferes, als man heute ahnt, in dem ostwestlichen Bündnis, in das wir hineingekeilt sind. An diesen Dingen ist gründlich und viel — auch noch auf anderen Gebieten — gearbeitet worden, mehr als sich die Menschen heute vorstellen, und viel systematischer als man sich oftmals heute denkt. Denn es ist eine furchtbare Idee, dem absterbenden Westen das Keimhafte des Ostens einzuimpfen. Aber wer beurteilt denn heute in der richtigen Weise bemerken tun es manche-,, daß plötzlich um die Wende des neunzehnten, zwanzigsten Jahrhunderts in der englischen Presse eine ganze Reihe von Pseudonymen auftaucht: Ignotus, Argus, Spektator und so weiter; wer beurteilt es von einem gewissen höheren Gesichtspunkte aus, daß auf der einen Seite die «Nowoje Wremja» gekauft wird, aber der Vertreter der «Nowoje Wremja» unter einem solchen Namen in London schreibt, so daß ein völliger Austausch desjenigen stattfindet, was im Westen an Hypertrophie herrscht, und dem Embryonalen, Keimhaften des Ostens. Das steckt hinter den Kulissen unseres gegenwärtigen Lebens, und das hängt zusammen mit den Gesetzen des Menschheitswerdens; das hängt zusammen mit den Gesetzen der Erdenentwickelung.
[ 24 ] One must be able to grasp these things, must be able to understand them, for they represent the forces that are currently shaping the world. We stand right in the midst of this shaping of the world. One cannot arrive at a fruitful conception of how the world is shaped without taking these things into account. Otherwise, one fails to see how others are getting ahead of us. For Lord Northcliffe has not only bought British, American, and French newspapers, but he has also, for example, bought Russian newspapers. *Novoye Vremya* is entirely in his possession, and with it he is casting his nets toward the East; he is weaving—likely under the guidance of people who, in a certain sense, already know what lies ahead—the future into the web of his past. And this lies, as something far deeper than we suspect today, at the heart of the East-West alliance into which we have been wedged. A great deal of thorough work has been done on these matters—and in other areas as well—more than people today can imagine, and far more systematically than is often realized today. For it is a terrible idea to inoculate the dying West with the embryonic essence of the East. But who today assesses—as some do, though not in the right way—that suddenly, at the turn of the nineteenth and twentieth centuries, a whole series of pseudonyms appeared in the English press: Ignotus, Argus, Spectator, and so on; who assesses it from a certain higher perspective that, on the one hand, *Novoye Vremya* is being bought, but the representative of *Novoye Vremya* writes in London under such a name, so that a complete exchange takes place between what prevails in the West as hypertrophy and the embryonic, germinal essence of the East. This is what lies behind the scenes of our present-day life, and it is connected to the laws of human evolution; it is connected to the laws of Earth’s development.
[ 25 ] Wer glaubt, daß ich phantasiere, indem ich geradezu die Behauptung aufstelle: Im Beginne des zwanzigsten Jahrhunderts wurde der europäisch-Östliche Geist mit dem europäisch-westlichen Geist zusammengekoppelt, und es wurde systematisch an dem Aufkommen einer öffentlichen Meinung gearbeitet — zunächst in den Redaktionen, von da aus in den Parlamenten, von da aus in unterirdischen Kanälen, aber zunächst auf ganz anderen Gebieten —, wer glaubt, daß ich phantasiere, der lese jene Briefe, die veröffentlicht worden sind von Frau Novikoff, der Gattin des russischen Gesandten in Wien, im Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts, die die Frau Novikoff geschrieben hat an Mrs. Campbell-Bannerman, mit der sie in England bekannt geworden ist, und versuche sich dasjenige so recht vor die Seele zu führen, was er aus diesen Briefen lernen kann. Man wird sehen, daß ich nicht phantasiere, aber man wird dann für vieles die Erklärung finden, das heute wie unerklärlich, insbesondere vor den Seelen Mitteleuropas steht.
[ 25 ] Anyone who thinks I am fantasizing when I go so far as to assert: At the beginning of the twentieth century, the Eastern European spirit was linked with the Western European spirit, and systematic efforts were made to foster the emergence of public opinion—first in the newsrooms, then in the parliaments, and from there through underground channels, but initially in entirely different spheres— anyone who believes I am fantasizing should read those letters published by Mrs. Novikoff, the wife of the Russian ambassador in Vienna, at the beginning of the twentieth century—letters Mrs. Novikoff wrote to Mrs. Campbell-Bannerman, with whom she had become acquainted in England—and try to truly bring to mind what he can learn from these letters. One will see that I am not fantasizing, but one will then find an explanation for many things that today seem inexplicable, especially to the people of Central Europe.
[ 26 ] Wir brauchen andere Begriffe als diejenigen, die uns von altersher übertragen sind, wenn wir die bedeutsamen Umschwünge in unserer Zeit wirklich fassen wollen. Und was das Wichtigste ist: wir sind dazu veranlagt, uns zu erziehen, uns solche Begriffe zu bilden. Die Tatsachen, die heute geschehen, sollen wir doch nicht verschlafen. Hunderte und hunderte solcher Tatsachen könnten wir anführen, wie zum Beispiel diese: Im Sommer 1911 war eine große Versammlung in Oxford. Anwesend waren in ihren Amtskleidern in prunkvollem Aufzuge alle die Würdenträger und Professoren der Universität Oxford. Denn Haldane, der Lord Haldane hielt eine Rede. Und was war der Inhalt dieser Rede? Also der Kriegsminister des Ministeriums in England hielt eine Rede, und der Inhalt dieser Rede war ein streng wissenschaftlicher und er befaßte sich damit, daß er auseinandersetzte, welche ungeheueren Fortschritte die Entwickelung der Menschheit durch das Wesen des deutschen Geistes gemacht hatte; indem Lord Haldane den Leuten auseinandersetzte, daß da in erster Linie ein Beispiel ist, woran man sehen kann, daß die menschliche Kultur nicht durch brutale Gewalt, sondern durch die sittlichen Kräfte, die in der Kultur wirken, weitergetragen wird. Die ganze Rede war ein Panegyrikus auf die Zuverlässigkeit und das innere Gediegene des deutschen Geisteslebens. Als der Krieg ausgebrochen war, gehörte Lord Haldane zu denjenigen, welche völlig einstimmten in die Anschauungen, daß das deutsche Wesen sich eigentlich durch seinen Militarismus auslebe, und daß der deutsche Militarismus die Hölle für die Welt ist. Er betonte das stark. Derselbe Lord Haldane, welcher als junger Mann in Göttingen erschienen ist, verehrend zu Füßen des Philosophen Lotze gesessen hat, der die schönen Bücher über «Erziehung und Staat», und das schöne Buch «Ein Pfad zur Wirklichkeit» geschrieben hat; derselbe Lord Haldane, der das schöne Wort gesprochen hat über den Unterschied zwischen Hegel und Goethe: daß Goethe höher stünde, weil Hegel sage, so ungefähr, daß die Natur die höchsten Geheimnisse aussprechen würde, wenn man sie nur hören könnte, während Goethe das höhere Wort als Grundlage seiner ganzen Weltanschauung hat, daß, wenn die Natur wirklich alles, was der Mensch braucht, auszusagen hätte, so würde sie reden können. Es ist dies ein tiefes Wort, ein ungeheuer tiefes Wort, denn damit ist nichts Geringeres gesagt als: Goethe bekennt sich zum wirklichen Spiritualismus. Würde die Natur alles enthalten, was in der Welt ist, so würde sie es uns sagen; sagt sie es uns nicht, so ist es ein Beweis dafür, daß es noch anderes, nämlich Geistiges außer dem Naturdasein gibt. Das alles hat Haldane aus seinem Zusammenhang mit dem deutschen Geistesleben gesprochen. Dennoch — wir können hundert und hunderte von Beispielen angeben — sehen wir ihn plötzlich umschlagen.
[ 26 ] We need concepts other than those handed down to us from time immemorial if we truly wish to grasp the significant upheavals of our time. And most importantly: we are capable of educating ourselves to form such concepts. We must not, after all, sleep through the events unfolding today. We could cite hundreds and hundreds of such events, such as this one: In the summer of 1911, there was a large gathering in Oxford. All the dignitaries and professors of the University of Oxford were present in their official robes, in a magnificent procession. For Haldane—Lord Haldane—was giving a speech. And what was the content of this speech? Well, the Minister of War in the British government gave a speech, and the content of this speech was strictly scientific; he focused on explaining the tremendous progress that human development had made through the essence of the German spirit; as Lord Haldane explained to the audience that this was, first and foremost, an example demonstrating that human culture is advanced not by brute force, but by the moral forces at work within culture. The entire speech was a panegyric on the reliability and inner integrity of German intellectual life. When the war broke out, Lord Haldane was among those who fully concurred with the view that the German character was essentially expressed through its militarism, and that German militarism was hell for the world. He emphasized this strongly. The same Lord Haldane who, as a young man, appeared in Göttingen and sat reverently at the feet of the philosopher Lotze, who wrote the beautiful books on “Education and the State” and the beautiful book “A Path to Reality”; the same Lord Haldane who spoke those beautiful words about the difference between Hegel and Goethe: that Goethe stood higher because Hegel said, roughly, that nature would utter the highest mysteries if only one could hear her, whereas Goethe takes as the foundation of his entire worldview the higher word that, if nature truly had everything that man needs to say, she would be able to speak. This is a profound statement, an immensely profound statement, for it says nothing less than this: Goethe professes true spiritualism. If nature contained everything that exists in the world, it would tell us so; if it does not tell us so, it is proof that there is something else—namely, the spiritual—beyond natural existence. Haldane spoke all this out of his connection with German intellectual life. Nevertheless—and we could cite hundreds upon hundreds of examples—we suddenly see him change his tune.
[ 27 ] Diese Erscheinungen sind keine solchen, über die man hinweg kommen wird mit der trivialen Auskunft: Wenn wir mal Frieden machen, wird das wieder gut sein, da gleicht sich das alles aus! — So glauben sehr viele Menschen. Es wird nicht so sein! Wir brauchen etwas wesentlich anderes. Wir brauchen es uns aber nicht zu erwerben, denn wir haben es im Grunde; wir können es doch, wenn wir nur wollen. Denn wir haben in Mitteleuropa dasjenige Wesen in uns, das es uns möglich macht, wirklich nach Westen und nach Osten hin zu verstehen, wenn wir wollen. Wir können verstehen, wenn wir wollen. Aber, wir müssen uns etwas Gewisses abgewöhnen, und das Abgewöhnen, das gibt uns das wirkliche Verstehen der Geisteswissenschaft. Aber man muß dann mit seinem Gemüte, mit seiner ganzen Seele, nicht mit dem theoretischen Geiste in der Geisteswissenschaft stecken.
[ 27 ] These phenomena are not the kind that can be brushed aside with the trivial explanation: “Once we make peace, everything will be fine again; it will all balance itself out!” — That is what so many people believe. It will not be so! We need something fundamentally different. But we do not need to acquire it, for we already possess it deep down; we are capable of it, if only we are willing. For we in Central Europe have within us the very nature that enables us to truly understand both the West and the East, if we so choose. We can understand if we want to. But we must break ourselves of a certain habit, and it is this breaking of the habit that spiritual science gives us through true understanding. But one must then immerse oneself in spiritual science with one’s heart, with one’s whole soul—not merely with a theoretical mind.
[ 28 ] Verzeihen Sie, wenn ich da etwas Persönliches spreche, aber das liegt uns Ja allen jetzt nahe, weil wir uns gegenseitig gut kennen, ich habe über Nietzsche geschrieben, und man sieht aus dem Buche, daß ich Nietzsche sehr verehre, daß ich ihn voll würdige. Nun, ich habe erst neulich an verschiedenen Orten davon gesprochen, wie sehr ich den Schwaben-Ästhetiker, den «V»-Vischer schätze und verehre, und wie er zu den Ersten gehörte, an die ich mich gewendet habe, als ich vor mehr als dreißig Jahren die ersten Keime legte zu dem, was ich jetzt Geisteswissenschaft nenne, wie er dazumal der Erste war, der mir entgegenkam, indem er mir sagte: Ihre Auffassung des Zeitbegriffs ist wirklich etwas, was fruchtbar ist für die Begründung der Geisteswissenschaft. — Also, ich verehre Nietzsche, ich versuchte ihn darzustellen in meinem Buche «Friedrich Nietzsche, ein Kämpfer gegen seine Zeit»; ich verehre den V-Vischer. Aber, nehmen wir jetzt die beiden. Eine interessante Stelle, die wir bei Nietzsche finden über den V-Vischer. Sie wissen, Nietzsche hat ja das dann vielfach gebrauchte Wort «Bildungsphilister» geprägt, indem er es auf David Friedrich Strauß angewendet hat, den Verfasser des «Leben Jesu» und «Der alte und der neue Glaube». V-Vischer war ein starker Verehrer von David Friedrich Strauß. Das ist das, was ich nur dazu sage, damit der Sinn hingelenkt wird. Aber über den V-Vischer machte Nietzsche die folgende schöne Bemerkung:
[ 28 ] Please forgive me if I say something personal here, but this is something we can all relate to now, since we know each other so well. I have written about Nietzsche, and as you can see from the book, I greatly admire him and hold him in the highest regard. Well, just recently I spoke in various places about how much I value and admire the Swabian aesthetician, “V” Vischer, and how he was among the first people I turned to when, more than thirty years ago, I laid the initial foundations for what I now call the science of the spirit—how he was the first at that time to reach out to me by saying: “Your conception of the concept of time is truly something that is fruitful for the foundation of the science of the spirit.” — So, I revere Nietzsche; I tried to portray him in my book *Friedrich Nietzsche, a Fighter Against His Time*; I revere V-Vischer. But let’s now consider these two. There’s an interesting passage we find in Nietzsche about V-Vischer. As you know, Nietzsche coined the term “Bildungsphilister” (educational philistine)—a term that has since been widely used—by applying it to David Friedrich Strauss, the author of *The Life of Jesus* and *The Old and the New Faith*. V-Vischer was a great admirer of David Friedrich Strauss. I mention this only to set the context. But Nietzsche made the following beautiful remark about V-Vischer:
[ 29 ] «. .. Jüngst machte ein Idioten-Urteil in historicis, ein Satz des zum Glück verblichenen ästhetischen Schwaben Vischer, die Runde durch die deutschen Zeitungen als eine ‹Wahrheit›, zu der jeder Deutsche Ja sagen müsse: «Die Renaissance und die Reformation, beide zusammen machen erst ein Ganzes — die ästhetische Wiedergeburt und die sittliche Wiedergeburt.» — Bei solchen Sätzen geht es mit meiner Geduld zu Ende, und ich spüre Lust, ich fühle es selbst als Pflicht, den Deutschen einmal zu sagen, was sie alles schon auf dem Gewissen haben. Alle großen Kulturverbrechen von vier Jahrhunderten haben sie auf dem Gewissen! .. .»
[ 29 ] ". .. Recently, an idiotic judgment in *historicis*—a statement by the fortunately deceased “aesthetic Swabian” Vischer—made the rounds in German newspapers as a “truth” to which every German must say “yes”: “The Renaissance and the Reformation, together, form a whole—the aesthetic rebirth and the moral rebirth.” — Statements like these are the last straw for my patience, and I feel the urge—indeed, I feel it is my duty—to tell the Germans once and for all what they already have on their conscience. They have all the great cultural crimes of four centuries on their conscience! .. .»
[ 30 ] Man kann es also erleben, daß man den einen verehrt, den andern verehrt, daß man in gleicher Verehrung zu der beiden Vorstellungssystem steht, daß aber der eine den anderen einen Idioten nennt. Das ändert aber mein Urteil über keinen von beiden, weil, wenn ich dasjenige anerkenne, was der eine spricht und der andere spricht, ich mich nicht veranlaßt fühle, auf den einen oder anderen zu schwören, mich nicht veranlaßt fühle, dasselbe Urteil, das der eine über den anderen hat, auch zu dem meinigen zu machen, sondern es als seines zu verstehen. So, wie ich ganz gut weiß, daß ich, wenn ich hier diese Bücherlage ansehe, sie mir anders erscheint, als sie dem Herrn erscheint, der sie von dort ansieht.
[ 30 ] So it is possible to find oneself revering one person and revering another, to hold both systems of thought in equal esteem, while at the same time one calls the other an idiot. But that does not change my judgment of either of them, because when I acknowledge what one says and what the other says, I do not feel compelled to swear by one or the other, nor do I feel compelled to make my own the same judgment that one has of the other, but rather to understand it as his own. Just as I know full well that when I look at this stack of books here, it appears different to me than it does to the gentleman who is looking at it from over there.
[ 31 ] Wir sind dazu veranlagt; wir sehen nur, daß bis jetzt vielfach Geister, die diese Veranlagung in sich recht zum Ausdruck gebracht haben, gewissermaßen seelisch gescheitert sind an dieser Anlage. Aber diese Anlage muß mit voller geistiger Gesundheit von uns aufgenommen und entwickelt werden.
[ 31 ] We are predisposed to this; we see only that, up to now, many souls who have fully expressed this predisposition within themselves have, in a sense, failed spiritually because of it. But we must embrace and develop this predisposition with complete spiritual health.
[ 32 ] Interessant ist, weil ja Hölderlin in einer gewissen Weise mit seinem «Hyperion in Griechenland» sich identifiziert hat, was da Hölderlin seinen Hyperion über die Deutschen sagen läßt. Und derjenige, der Hölderlin kennt, der weiß, daß das nicht nur Hyperions, sondern daß es, nur ganz stark, Hölderlins Ansicht ist. Er charakterisiert die Deutschen folgendermaßen:
[ 32 ] It is interesting—since Hölderlin, in a certain sense, identified with his “Hyperion in Greece”—to note what Hölderlin has his Hyperion say about the Germans. And anyone familiar with Hölderlin knows that this is not merely Hyperion’s view, but—albeit expressed much more strongly—Hölderlin’s own. He characterizes the Germans as follows:
[ 33 ] «Barbaren von alters her, durch Fleiß und Wissenschaft und selbst durch Religion barbarischer geworden, tiefunfähig jedes göttlichen Gefühls, verdorben bis ins Mark zum Glück der heiligen Grazien, in jedem Grad der Übertreibung und der Ärmlichkeit beleidigend für jede gutgeartete Seele, dumpf und harmonielos, wie die Scherben eines weggeworfenen Gefäßes — das, mein Bellarmin, waren meine Tröster. — Es ist ein hartes Wort, und dennoch sag ich’s, weil es Wahrheit ist: ich kann kein Volk mir denken, das zerrissener wäre, wie die Deutschen. Handwerker, siehst du, aber keine Menschen; Denker, aber keine Menschen; Priester, aber keine Menschen; Herren und Knechte, junge und gesetzte Leute, aber keine Menschen und so weiter.»
[ 33 ] “Barbarians from time immemorial, made even more barbaric by diligence, science, and even religion; utterly incapable of any divine feeling; corrupted to the very marrow, much to the delight of the holy graces; offensive to every good-natured soul in every degree of exaggeration and wretchedness; dull and devoid of harmony, like the shards of a discarded vessel—that, my Bellarmin, were my solace. — It is a harsh word, and yet I say it because it is the truth: I cannot imagine a people more torn apart than the Germans. Artisans, you see, but not human beings; thinkers, but not human beings; priests, but not human beings; masters and servants, young and old, but not human beings, and so on.”
[ 34 ] Es könnten ja die Entente-Schriftsteller solche Dinge abschreiben, nicht wahr. Aber um etwas anderes handelt es sich: Derselbe Hölderlin, dessen Überzeugung dieses durchaus war, derselbe Hölderlin nannte Deutschland «das Herz Europas». Das heißt: es war ihm möglich, das eine Urteil und das andere Urteil zu haben. Und wir müssen diese Möglichkeit immer wieder und wiederum als mit unserer innersten Anlage zusammenhängend erkennen. Jenes abstrakte Haften an Widersprüchen müssen wir als das Haften an Einseitigkeit erkennen. Denn dasjenige, was sich im Osten entwickeln will, das wird überhaupt derlei Dinge, unter denen Westeuropa groß geworden ist, gar nicht mehr verstehen können. Daß man nicht ein Urteil und das entgegengesetzte auch haben kann, das wird man im Osten zukünftig nicht mehr verstehen können, weil sich im Osten die Vielseitigkeit herausentwickeln wird und man begreifen wird, daß man ein jegliches Ding nur dadurch erkennt, daß man ringsherum geht und es in vielen Gestaltungen zu schildern vermag. |
[ 34 ] The Entente writers might well have copied such things, couldn’t they? But the issue is something else: the very same Hölderlin, whose conviction this most certainly was, the very same Hölderlin called Germany “the heart of Europe.” That is to say: it was possible for him to hold both judgments. And we must recognize this possibility again and again as being connected to our innermost nature. We must recognize that abstract clinging to contradictions as a clinging to one-sidedness. For what is seeking to develop in the East will no longer be able to understand at all the very things under which Western Europe has grown great. The idea that one cannot hold both one judgment and its opposite will no longer be comprehensible in the East in the future, because versatility will develop there, and people will come to understand that one can only truly know any given thing by circling around it and being able to describe it in many different forms. |
[ 35 ] Das hängt aber mit dem zusammen, womit ich heute begonnen habe: mit dem notwendigen Verständnis, daß wir ein neues Verhältnis zur Wahrheit gewinnen müssen. Wir werden es nicht anders gewinnen, als wenn wir verstehen werden, daß das Leben in den Vorstellungen, in den Begriffen schon ein Leben im Geiste ist. Dieses nichtnaturwissenschaftliche — denn naturwissenschaftlich ist es nicht. —, aber dieses materialistische oder monistische Vorurteil müssen wir uns abgewöhnen, welches da besagt: wenn ich denke, brauche ich mein Gehirn, also geht aus meinem Gehirn das Denken hervor! — es ist das gerade so gescheit, als wenn jemand sagt: Hier ist eine Straße, da sind Fußspuren, — woher können diese Fußspuren nur kommen? Nun ja, da müssen selbstverständlich unten in der Erde Kräfte sein, welche diese Fußspuren gemacht haben. Jetzt studiere ich die Fußspuren und mache eine Theorie darüber, welche Kräfte da unten sind, welche herunter- und heraufstoßen, so daß die Erde, wenn sie weich ist, sich so bewegt, damit diese Fußspuren herauskommen. — Diese Leute wären geradeso gescheit wie derjenige, welcher in der Struktur und in den Bewegungen des Gehirns die Kräfte sucht, die das Denken bilden. Gerade so wie die Fußspuren etwas sind, was in der Erde gefunden wird, aber herrührt von dem Menschen, der darüber gegangen ist, so ist dasjenige, was Struktur des Gehirns ist, selbstverständlich so da, wie es die Biologie und Physiologie schildert, aber das Denken hat das eingegraben, und das Denken ist schon ein Geistiges.
[ 35 ] But this is connected to what I began with today: the necessary understanding that we must develop a new relationship to truth. We will not achieve this unless we understand that life in ideas and concepts is already a life in the spirit. We must rid ourselves of this non-scientific—for it is not scientific—but this materialistic or monistic prejudice, which holds that: when I think, I need my brain, so thinking originates from my brain!—this is just as sensible as if someone were to say: Here is a road, there are footprints—where on earth could these footprints come from? Well, of course there must be forces down in the earth that made these footprints. Now I study the footprints and formulate a theory about what forces are down there, which push down and up, so that the earth, when it is soft, moves in such a way that these footprints appear. — These people would be just as clever as the one who looks for the forces that constitute thought in the structure and movements of the brain. Just as footprints are something found in the earth but originate from the person who walked over it, so too is the structure of the brain, of course, exactly as biology and physiology describe it, but thinking has imprinted it, and thinking is already a spiritual phenomenon.
[ 36 ] Ja, aber das Gehirn muß doch da sein? — Selbstverständlich, der Erdboden muß auch da sein, wenn ich darüber gehen will! Das Gehirn muß als eine Widerlage da sein, solange ich zwischen Geburt und Tod lebe; es muß sich dasjenige, was in mir lebt, geistig lebt, nach den Bedingungen des Daseins zwischen Geburt und Tod an etwas zurückspiegeln. Dieser Spiegelungsapparat ist das Gehirn, nur daß — die Spiegelung eine lebendige ist, so wie wenn in einem Spiegel nicht bloß eine glatte Fläche das Licht spiegelt, sondern wie wenn sich alles eingraben würde, und man an der Struktur noch sehen könnte, was sich gespiegelt hat; so spiegelt es sich vom Gehirn aus. Man wird begreifen müssen, daß das Denken als solches schon etwas Spirituelles ist, daß wir bereits in der geistigen Welt drinnen stehen, wenn wir denken. Das volle Bewußtsein davon wird aber erst kommen, wenn das Denken sich befreit, wenn das Denken gewissermaßen in sich selbst sich wird erfangen können, so daß es so wird verlaufen können, wie ich das das vorige und vorvorige Mal geschildert habe, wo der Mensch sich feinere Zusammenhänge sucht, wo er versucht, dasjenige, was nicht nur an der Oberfläche, sondern unter der Oberfläche in feineren Zusammenhängen vorhanden ist, in sein feineres Denken hineinzunehmen.
[ 36 ] Yes, but the brain has to be there, doesn’t it? — Of course, the ground has to be there, too, if I want to walk on it! The brain must be there as a foundation as long as I live between birth and death; that which lives within me—that which lives spiritually—must be reflected back onto something according to the conditions of existence between birth and death. This apparatus of reflection is the brain, except that—the reflection is a living one, just as when in a mirror it is not merely a smooth surface that reflects the light, but as if everything were imprinted upon it, and one could still see in the structure what has been reflected; this is how it is reflected from the brain. One will have to understand that thinking as such is already something spiritual, that we are already within the spiritual world when we think. Full awareness of this, however, will only come when thinking frees itself, when thinking is able, so to speak, to capture itself within itself, so that it can proceed as I described the last two times, where the human being seeks finer connections, where he attempts to incorporate into his finer thinking that which exists not only on the surface but beneath the surface in finer connections.
[ 37 ] Denn mit dem so von der Materie sich befreienden Denken wird man erst gewahr werden, was eigentlich das Denken als Geistiges ist. Dann wird man aber erst zu einem solchen Denken kommen, welches auch in der Welt schöpferisch sein kann. Denn sehen Sie, die Natur kann man allenfalls mit einem Denken erfassen, welches das aufnimmt, was die Naturerscheinungen selber sagen; wenn man aber Ideen finden soll, die sich in das soziale Leben einleben, die gewissermaßen die Menschheit regieren sollen, dann müssen diese Ideen wirklich im freien Denken selber entstehen. Daher ist unsere Zeit politisch so unendlich unfruchtbar, so steril, weil unserer Zeit das freie, das von der Materie losgetrennte Denken fehlt, das allein fähig ist, dem sozialen Leben etwas zu sein. Es fehlt uns eben zu stark die Möglichkeit, uns zu erheben von der Abhängigkeit dessen, was uns von außen erscheint, und uns zu erheben zu dem lebendigen Eigenweben des Denkens. Und das ist im Grunde genommen das nächste, wenn wir es so nennen wollen, mystische Bedürfnis, nicht das dunkle mystische Zeugs, was heute so vielfach immer wieder und wiederum getrieben wird, das Sich-selbst-Erleben im göttlichen inneren Sein und dergleichen, wie die Dinge so schön klingen; denn den Gott in seinem Innern erlebt jedes Wesen. Wenn man nur sagt: Mystik, Theosophie, das ist inneres Erleben seines Zusammenhanges mit der Einheit der Welt, mit dem Gotte in sich: der Maikäfer erlebt ihn auch, aber in seiner Art. Es handelt sich darum, daß wir zunächst beginnen müssen mit dem Erleben eben dieses lebendigen Webens des Denkens, das sich in konkreten Begriffen auslebt. Dann werden diese Begriffe auch konkret werden, werden sich einleben können in die soziale Struktur des Daseins.
[ 37 ] For it is only through thinking that frees itself in this way from matter that one will become aware of what thinking, as a spiritual process, actually is. Only then, however, will we arrive at a form of thinking that can also be creative in the world. For you see, nature can at best be grasped by a form of thinking that takes in what natural phenomena themselves express; but if we are to find ideas that take root in social life—ideas that are, so to speak, meant to govern humanity—then these ideas must truly arise from free thinking itself. That is why our age is so infinitely barren, so sterile, politically speaking: because our age lacks free thinking—thinking detached from matter—which alone is capable of being a force in social life. We simply lack, to a great extent, the ability to rise above our dependence on what appears to us from the outside and to rise to the living, self-woven fabric of thought. And this is, in essence, the next—if we wish to call it that—mystical need, not that obscure mystical stuff that is so often pursued today, over and over again: the experience of the self within divine inner being and the like—as beautiful as those things may sound; for every being experiences God within itself. If one simply says: mysticism, theosophy—that is the inner experience of one’s connection with the unity of the world, with God within oneself—even the May beetle experiences this, but in its own way. The point is that we must first begin by experiencing precisely this living weaving of thought, which expresses itself in concrete concepts. Then these concepts will also become concrete and will be able to take root in the social structure of existence.
[ 38 ] Es ist sehr wichtig, sagte ich im Beginne der heutigen Betrachtung, daß wir nicht nur das Verhältnis des Menschen zu einer neuen Wahrheit als geisteswissenschaftlich ansehen, sondern daß wir zu der Empfindung durchdringen, daß dieses Verhältnis des Menschen zur Wahrheit selbst ein anderes werden muß, nämlich ein lebendiges, ein lebendiges Verbundensein mit der Wirklichkeit. Das ist für die Auffassung der großen Welterscheinungen, für die Auffassung des geschichtlichen Werdens, für die Auffassung der sozialen Gegenwart und Zukunft und auch für das Leben der einzelnen Menschenseele von ungeheurem Wert. Man wird nur beginnen müssen, die großen Linien und Strömungen fortzusetzen, welche begonnen haben, aber eben nicht fortgesetzt worden sind. Es hat seine guten Gründe — und wir werden auch von diesen noch sprechen —, daß in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts vieles vergessen worden ist, verschüttet worden ist. Wenn ich eine Neuauflage meines Buches «Vom Menschenrätsel» werde erscheinen lassen, so werde ich wiederum auf so manche Erscheinung hinzuzeigen haben, die noch zu diesen vergessenen Klängen des Geisteslebens gehört. Man entdeckt da ganz außerordentlich vieles, wovon man sagen kann, daß unsere Geisteswissenschaft unmittelbar an dasjenige anknüpft, das schon da war in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts und ganz vergessen worden ist. Hätte es fortbestanden was natürlich nur eine Hypothese ist, denn die Dinge hätten sich nicht anders entwickeln können, als sie sich entwickelt haben —, aber hätte es fortbestanden, dann würde der Mensch heute ganz anders den merkwürdigen, den schmerzvollen Ereignissen gegenüberstehen, denen er gegenübersteht, nicht so hilflos. Denn hilflos steht er ihnen in gewisser Beziehung eigentlich doch gegenüber.
[ 38 ] As I said at the beginning of today’s reflection, it is very important that we not only view humanity’s relationship to a new truth from a spiritual-scientific perspective, but that we come to realize that this relationship of humanity to truth itself must become something different—namely, a living, vital connection with reality. This is of immense value for our understanding of the great phenomena of the world, for our understanding of historical development, for our understanding of the social present and future, and also for the life of the individual human soul. We will simply have to begin to continue the major lines and currents that were started but have not been carried forward. There are good reasons—and we will speak of these as well—why so much was forgotten and buried in the second half of the nineteenth century. When I publish a new edition of my book *The Mystery of Man*, I will once again have to point out many phenomena that still belong to these forgotten echoes of spiritual life. One discovers an extraordinary amount there of which one can say that our spiritual science directly builds upon what was already present in the first half of the nineteenth century and has been completely forgotten. Had it persisted—which is, of course, merely a hypothesis, for things could not have developed any differently than they did—but had it persisted, then people today would face the strange, painful events they are confronted with quite differently, not so helplessly. For in a certain sense, they do indeed face them helplessly.
[ 39 ] Es ist merkwürdig — ich habe es wiederholt gesagt —, wie man vom Westen aus, namentlich von britischer Seite aus, mit den in Europa vorhandenen Kräften, aber in britisch-egoistischer Weise gerechnet hat, und wie dadurch sich die Gewitterwolken zusammengezogen haben, in deren Wirkungen wir jetzt leben. Ich habe auch hier in verflossenen Zeiten schon manches von den Ereignissen dargelegt, die unsere so traurige Gegenwart heraufgebracht haben. Aber aus mancherlei von dem, was ich auch wieder in der letzten Zeit gesagt habe, werden Sie ersehen, daß es wirklich nicht genügt, bloß diejenigen Ereignisse und Ereigniszusammenhänge anzusehen, die heute so vielfach geschildert werden, sondern tiefer zu schürfen, wirklich einzugehen auf manches so ungeheuer Bedeutsame, das sich zugetragen hat unter der Oberfläche des äußeren Geschehens, und das sich jetzt entlädt in den schwerwiegenden, so furchtbar über die Menschen hinflutenden Gegenwartsgeschehnissen. Manche Dinge sind so, daß sie heute wirklich noch nicht beim rechten Namen genannt werden können, weil sie die Menschen noch nicht würden hinnehmen wollen, aber es muß, wenn Licht in die Menschheitsentwickelung hineinkommen soll, möglich werden, auch an solche tieferen Geheimnisse, die mit dem Werden der Gegenwart zusammenhängen, heranzukommen, daran zu rühren. Das wird aber nur möglich sein, wenn man es aufrichtig und immer aufrichtiger meinen wird mit demjenigen, was hier eigentlich als Geisteswissenschaft gemeint ist.
[ 39 ] It is strange—as I have said repeatedly—how the West, particularly the British, has calculated the balance of power in Europe in a self-serving, British manner, and how this has led to the gathering of storm clouds whose effects we are now experiencing. I have also discussed here on previous occasions many of the events that have led to our present, such a sad state of affairs. But from much of what I have said again recently, you will see that it is truly not enough to merely look at those events and their interconnections that are so frequently described today, but rather to dig deeper, to truly delve into many things of such immense significance that have taken place beneath the surface of outward events, and which are now erupting in the grave events of the present that are flooding over humanity so terribly. Some things are such that they truly cannot yet be called by their proper names today, because people would not yet be willing to accept them; but if light is to be shed on human evolution, it must become possible to approach and touch upon even such deeper mysteries connected with the unfolding of the present. But this will only be possible if people become more and more sincere in their commitment to what is actually meant here by “spiritual science.”
[ 40 ] Dann wird man allerdings diese Geisteswissenschaft nicht mehr verwechseln dürfen mit all dem törichten Zeug, das heute vielfach als mystische Strömungen, als mystische Gründungen und dergleichen sich geltend macht. Und ich muß schon immer wieder und wiederum betonen: Die Ereignisse gestalten sich so, daß ich in der Zukunft immer gründlicher und gründlicher das Tischtuch werde zerschneiden müssen zwischen dem, was in dieser Geisteswissenschaft, in dieser anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft gewollt und getan wird und zwischen all dem, was sich so gerne verwandt fühlen möchte mit diesem. Das, was in dieser Geisteswissenschaft gemeint ist, das will durchaus an die besten Impulse, die im Abendland gegeben worden sind, anknüpfen, aber es will eine Weiterentwickelung sein!
[ 40 ] Then, however, one must no longer confuse this spiritual science with all the foolish nonsense that today often presents itself as mystical movements, mystical foundations, and the like. And I must emphasize again and again: Events are unfolding in such a way that in the future I will have to draw an ever clearer line of demarcation between what is intended and practiced in this spiritual science—this anthroposophically oriented spiritual science—and everything that would so readily like to be associated with it. What is intended in this spiritual science certainly seeks to build upon the finest impulses that have been given in the West, but it aims to be a further development!
[ 41 ] Ich bitte Sie, um das zum Schlusse zu sagen, nehmen Sie das Morgenland. Gewiß, es hat in einer ungeheuer hohen Ausbildung in alten Zeiten die Anschauung von den wiederholten Erdenleben gehabt. Es wurde diese Anschauung von den wiederholten Erdenleben, aus einer gewissen Entwickelung des menschlichen Innern herausgeholt, gewiß. Und es kann keine tiefere Auseinandersetzung über den Zusammenhang der einzelnen Menschenseele mit dem Weltenall, von einem gewissen Gesichtspunkte aus, geben, als zum Beispiel die Bhagavad Gita. Aber wir haben eben andere Aufgaben. Und nehmen Sie die Aufgabe, die inauguriert worden ist durch Lessing in seiner «Erziehung des Menschengeschlechts», in welcher im Abendlande wiederum die Idee von den wiederholten Erdenleben auftritt. Wie springt sie da aus Lessings Denken hervor! Gewiß, auch er erinnert daran, daß es eine Lehre gewesen ist, die primitive Völkerschaften gehabt haben, aber er betrachtet die aufeinanderfolgenden Epochen der Menschheitsentwickelung, er betrachtet, wie sich eine spätere Epoche der Menschheitsentwickelung aus der früheren heraus entwickelt hat, und er versucht zu erkennen, wie das immer abgerissen würde, wenn nicht die Menschenseele selber es wäre, die von der Epoche A in die Epoche B, in die Epoche C dasjenige hinübertragen würde, was sie sich an Kräften errungen hat. Denken Sie, wenn wir als Menschenseele im grauesten Altertum der Erde gelebt haben und dann immer wieder und wiederum, dann sind wir es selber, die hinübertragen aus früheren Zeiten in die gegenwärtigen Zeiten dasjenige, was als Fäden, die durch die ganze geschichtliche Entwickelung getragen werden können, sich spinnt. Dann sind es die Menschen selber, die diese Epoche schaffen. Aus dieser historischen Anschauung, daß die Geschichte einen Sinn gewinnt, wenn die Menschen immer wiederkommen — denn es sind die Menschen, welche die Impulse aus der einen Epoche in die andere hinübertragen —, aus dieser großen historischen Betrachtung, nicht aus der einzelnen Menschenseele, wie im Orient, sondern aus geschichtlichem Überblick über die Menschheitsentwickelung springt bei Lessing der Gedanke über die wiederholten Erdenleben heraus.
[ 41 ] To conclude, I ask you to consider the East. Certainly, in ancient times, when spiritual development was at an extraordinarily high level, the East held the belief in repeated earthly lives. This belief in repeated earthly lives was certainly derived from a certain stage of human inner development. And from a certain point of view, there can be no deeper exploration of the connection between the individual human soul and the universe than, for example, the Bhagavad Gita. But we have different tasks. And take the task inaugurated by Lessing in his *The Education of the Human Race*, in which the idea of repeated earthly lives reappears in the West. How vividly it springs forth from Lessing’s thinking! Certainly, he, too, recalls that it was a doctrine held by primitive peoples, but he considers the successive epochs of human development, he observes how a later epoch of human development has emerged from the earlier one, and he attempts to discern how this process would always be cut short were it not for the human soul itself, which carries over from epoch A to epoch B, to epoch C, the powers it has acquired. Think of it this way: if we lived as human souls in the earliest antiquity of the Earth, and then again and again thereafter, then it is we ourselves who carry over from earlier times into the present what is spun as threads that can be carried through the entire course of historical development. Then it is human beings themselves who create this epoch. From this historical perspective—that history gains meaning when human beings return again and again, for it is human beings who carry the impulses from one epoch into the next—from this broad historical view, not from the individual human soul as in the East, but from a historical overview of human development, the idea of repeated earthly lives emerges in Lessing’s thought.
[ 42 ] Ein historisches Denken, Historie, Geschichte im höchsten Sinne, das ist die Aufgabe des Abendlandes. Dann müssen wir sie aber in jedem Augenblicke verstehen können. Geschichte — und Geschichte tritt uns ja auch entgegen, wenn die einzelnen Tatsachen uns zum Beispiel in dem Verstehen der verschiedensten Lebensalter vor Augen treten —, Geschichte ist es doch, wenn hier das Kind steht, hier der Mann, der Greis. Das, was geschichtlich ist, kann auch nebeneinander dastehen, aber begriffen kann es doch nur werden im Sinne der Geschichte, indem man weiß, wie der Greis Kind war, und wie der Greis Mann war, und wie das, was nacheinander lebt, auch nebeneinander steht. Ost-, West- und Mitteleuropa sind zwar nebeneinander, verstanden werden können sie aber nur dann, wenn wir sie im geschichtlichen Sinne auch als ein Nacheinander fassen können, aber dann im richtigen Sinne.
[ 42 ] Historical thinking, history—in the highest sense—that is the task of the West. But then we must be able to understand it at every moment. History—and history does indeed come to meet us when individual facts present themselves to us, for example, in our understanding of the various stages of life—it is history, after all, when here stands the child, here the man, and here the old man. What is historical can also exist side by side, but it can only be grasped in the sense of history by knowing how the elderly man was once a child, and how he was once a man, and how that which lives in succession also stands side by side. Eastern, Western, and Central Europe may indeed exist side by side, but they can only be understood if we can also conceive of them in a historical sense as a sequence—but then in the proper sense.
[ 43 ] Das sind Aufgaben, die an jeden von uns gestellt werden, und wir werden im lebendigen Zusammenhang mit dem, was um uns ist, die Befriedigung unserer Seele gewinnen, wenn wir unseren Horizont über solche Dinge erweitern.
[ 43 ] These are tasks that each of us is called upon to undertake, and we will find satisfaction for our souls in the living connection with the world around us as we broaden our horizons to include such things.
