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Truths Regarding Humans Development
The Karma of Materialism
GA 176

31 July 1917, Berlin

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Das Karma des Materialismus I

The Karma of Materialism I

[ 1 ] Ich möchte immer wiederum versuchen, durch aphoristische Ergänzungen desjenigen, was den letzten Betrachtungen zugrunde lag, solche Dinge aufzusuchen, die zur Befestigung der bezüglichen Überzeugungen dienen können.

[ 1 ] I would like to try, time and again, to explore—through aphoristic additions to the ideas underlying my recent reflections—those things that can serve to reinforce the relevant convictions.

[ 2 ] In der Tat wird nur derjenige in richtigem Sinn unsere Zeit ihrer geistigen Wesenheit nach ins Auge fassen können, der die äußeren Ereignisse gewissermaßen als einen symbolischen Ausdruck — wenn der symbolische Ausdruck auch schwierig sein mag — von viel tieferen, geistigen Impulsen anzusehen vermag, die jetzt durch die Welt gehen; von Impulsen, über die uns eigentlich ja nur Geisteswissenschaft, unterrichten kann.

[ 2 ] In fact, only those who are able to view external events, so to speak, as a symbolic expression—however difficult that symbolic expression may be—of much deeper spiritual impulses now passing through the world will be able to truly grasp the spiritual essence of our time; impulses about which, in truth, only spiritual science can instruct us.

[ 3 ] Ich möchte heute ausgehen von einer interessanten Persönlichkeit des neunzehnten Jahrhunderts, von einer Persönlichkeit, welche als Denker zu betrachten außerordentlich anziehend ist, weil auch diese Persönlichkeit, wie so vieles andere, in einer eigentümlichen Art dasjenige spiegelt, was in unserer Zeit lebt beziehungsweise gerade auch dasjenige, was in unserer Zeit in gewissem Sinne erstorben ist. Ich will ausgehen von dem interessanten Denker African Spir, der 1890 gestorben ist. Nicht viele Menschen kennen den interessanten Denker African Spir, der in der Mitte der sechziger Jahre in Leipzig begonnen hat, daran zu denken, eine Art Weltanschauung seinen Mitmenschen zu geben, der damals mit freimaurerischen Kreisen in Berührung gekommen ist, ohne daß diese Berührung ihm, außer Äußerlichkeiten, etwas Besonderes gegeben hätte. Denn African Spir ist ein eigentümlicher Denker, und wenn wir ihn nur ein wenig betrachten werden, zunächst so, wie man ihn betrachten kann, wenn man sich etwas in seine Schriften hineinliest, von denen die bedeutendste 1873 erschienen ist und den Titel trägt: «Denken und Wirklichkeit», so könnte man ihn als einen Denker betrachten, der nicht viel von äußeren Anregungen des neunzehnten Jahrhunderts ausgegangen ist, sondern der eine eigentümliche innere Wesenheit in seinem Denken, seiner Weltanschauung zum Ausdruck bringt. Man muß ihn zunächst eben so betrachten, wie er sich ergibt, wenn man seine Schriften liest. African Spir kommt gewissermaßen, man möchte sagen, wie intuitiv zu einer, vielleicht sehr wenig genügenden, aber doch beträchtlichen Erkenntnis vom Denken. Die Natur des Denkens, die beschäftigt ihn. Was tut der Mensch, wenn er denkt? Wie steht der Mensch zur äußeren Wirklichkeit der Sinne und zu der inneren Wirklichkeit des seelischen Erlebens, wenn er denkt?

[ 3 ] Today I would like to begin with an interesting figure from the nineteenth century—a figure who is exceptionally compelling as a thinker because, like so many other things, this figure reflects in a unique way what is alive in our time, or rather, precisely what has, in a certain sense, died out in our time. I want to begin with the interesting thinker African Spir, who died in 1890. Not many people are familiar with the interesting thinker African Spir, who, in the mid-1860s in Leipzig, began to contemplate offering a kind of worldview to his fellow human beings; he had come into contact with Masonic circles at that time, though this contact had given him nothing of particular significance beyond superficialities. For African Spir is a unique thinker, and if we consider him even briefly—at first in the way one can consider him by delving into his writings, the most significant of which was published in 1873 and bears the title: “Thought and Reality,” one might regard him as a thinker who did not draw much from the external influences of the nineteenth century, but who expresses a unique inner essence in his thinking and his worldview. One must first regard him precisely as he presents himself when one reads his writings. African Spir arrives, so to speak—one might say intuitively—at an insight into thought that is perhaps not entirely sufficient but is nonetheless considerable. It is the nature of thought that preoccupies him. What does a person do when they think? How does a person relate to the external reality of the senses and to the inner reality of psychological experience when they think?

[ 4 ] Das Denken kann man ja nur dann in Wirklichkeit begreifen, wenn man es im Menschen als dasjenige ansieht, das überhaupt nicht der äußeren sinnlichen Welt angehört, sondern das seinem wahren Dasein — lassen Sie mich das Wort gebrauchen —, seiner wahren Wesenschaft nach, der spirituellen, der geistigen Welt angehört. Wir erleben schon die geistige Welt, wenn wir wirklich denken, nicht bloß nachdenken über die sinnliche Welt, sondern wenn wir wirklich denken. Es ist das Denken, das nicht ein bloßes Nachdenken der sinnlichen Welt ist, etwas, das dem Menschen schon die Frage vorlegen kann, weil, wenn sich der Mensch wirklich als Denkender weiß, er sich zu gleicher Zeit wissen muß in einer Welt, die jenseits von Geburt und Tod liegt. Es gibt nichts Gewisseres als dieses, daß, indem der Mensch denkt, er sich als Geistwesen betätigt, obwohl von dieser Gewißheit gewiß wenig Menschen eine hinreichende Ahnung haben. Darauf kam African Spir. Und er sagte sich: Wenn ich Gedanken bilde, wenn ich namentlich die höchsten Gedanken bilde, deren meine Seele fähig ist, dann fühle ich mich wie in einer festen, keinem Raum und keiner Zeit unterworfenen Welt. Ich fühle mich wie in einer ewigen Welt. — Das brachte sich African Spir zum Bewußtsein. Von diesem Punkte ausgehend sagte er: Schauen wir aber jetzt die Wirklichkeit an, die wir erleben, wenn wir die Natur auf uns wirken lassen und über die Natur nachdenken, oder schauen wir die Wirklichkeit an, in der sich die Menschen bewegen im Laufe der Geschichte oder innerhalb des sozialen Lebens, diese Welt stimmt nirgends überein mit unseren Gedanken. — So sagte sich Spir: Die Gedanken führen mich dahin zu erkennen, daß sie selbst als Gedanken in der Ewigkeit leben. In der äußeren Welt ist alles vergänglich. Das Irdische kommt, es geht dahin. Das stimmt mit keinem Gedanken überein. Mein Denken sagt mir — so gestand sich African Spir —, daß es unbedingt im Ewigen wurzelt, daher absolute Wirklichkeit ist. — Das war für ihn feststehend. Da aber die äußere Wirklichkeit, die wir erleben, nicht mit dieser Wirklichkeit des Denkens übereinstimmt, so ist diese äußere Wirklichkeit Schein, Täuschung. Und von diesem Gesichtspunkte aus kam in einer anderen Art als etwa das alte Indertum, auch als gewisse Mystiker, African Spir dazu, sich zu sagen: Alles dasjenige, was wir in Raum und Zeit erleben, ist Scheinwelt, ist eigentlich im Grunde genommen Täuschung. Und er sagte sich noch, um dies zu erhärten von einer anderen Seite her, etwa das Folgende: Die Menschen, überhaupt die lebendigen Wesen unterliegen dem Schmerz. Aber der Schmerz, der auftritt, er zeigt sich selbst nicht als das, was er eigentlich ist, denn er hat eine Kraft in sich zu seiner Überwindung, er will überwunden sein. Der Schmerz mag nicht da sein. Daher kann er keine Wahrheit sein. Daher muß er der Täuschewelt angehören, und dasjenige, was in ihm strebt, im Schmerze strebt nach der Schmerzlosigkeit, das muß die wahre Welt sein. Aber nirgends in der äußeren Täuschewelt ist eine völlig schmerzlose Welt. Daher ist wiederum in der äußeren Täuschewelt die wahre Welt gar nicht enthalten. Eingetaucht in den Schein, eingetaucht in den Schmerz ist die wahre, ist die seelische Welt. Daher erscheint es African Spir so, daß der Mensch nur dadurch zu einer innerlichen Befriedigung kommen kann, wenn er durch sein eigenes Entschließen, durch seine innere Tatkraft sich bewußt wird, daß er in sich eine ewige Welt trägt, die sich ihm im Denken ankündigt; sich ihm ankündigt in dem stetigen Streben nach der Überwindung des Schmerzes, ankündigt in dem Streben nach der Seligkeit. Nicht weil ihm, indem er sie anschaut, die äußere Welt als Scheinwelt erscheint, sagt Spir, sie sei eine Scheinwelt, sondern weil er die wahre Welt in seinem Denken unmittelbar zu ergreifen vermeint, und die äußere Welt mit diesem Denken nicht übereinstimmt, sagt er, sie sei Schein.

[ 4 ] One can truly understand thinking only when one regards it in human beings as that which does not belong at all to the external sensory world, but which, by its true existence—if I may use that word—by its true nature, belongs to the spiritual world. We already experience the spiritual world when we truly think—not merely reflect on the sensory world, but when we truly think. It is thinking that is not merely a reflection on the sensory world; it is something that can already pose the question to human beings, because when a person truly knows themselves to be a thinker, they must at the same time know themselves to be in a world that lies beyond birth and death. There is nothing more certain than this: that by thinking, a human being acts as a spiritual being, although certainly few people have a sufficient inkling of this certainty. This is what African Spir realized. And he said to himself: When I form thoughts—especially the highest thoughts of which my soul is capable—then I feel as if I were in a solid world, subject to neither space nor time. I feel as if I were in an eternal world. — African Spir brought this to his awareness. Starting from this point, he said: “But let us now look at the reality we experience when we allow nature to take its course and reflect on nature, or let us look at the reality in which people move throughout history or within social life—this world does not correspond in any way to our thoughts.” — So Spir said to himself: My thoughts lead me to recognize that they themselves, as thoughts, live in eternity. In the external world, everything is transitory. The earthly comes and goes. That does not correspond to any thought. My thinking tells me—African Spir admitted to himself—that it is necessarily rooted in the eternal, and is therefore absolute reality. — That was a certainty for him. But since the external reality we experience does not correspond to this reality of thought, this external reality is an illusion, a deception. And from this perspective—in a different way than, say, ancient Indian philosophy or certain mystics—African Spir came to tell himself: Everything we experience in space and time is an illusory world; it is, in essence, an illusion. And to reinforce this from another angle, he told himself something like the following: Human beings—indeed, all living beings—are subject to pain. But the pain that arises does not reveal itself as what it actually is, for it possesses within itself the power to overcome itself; it wants to be overcome. Pain may not wish to exist. Therefore, it cannot be truth. Therefore, it must belong to the illusory world, and that which strives within it—which, in the midst of pain, strives for freedom from pain—must be the true world. But nowhere in the outer world of illusion is there a completely painless world. Therefore, the true world is not contained at all within the outer world of illusion. Immersed in appearance, immersed in pain, lies the true world—the world of the soul. Therefore, it seems to African Spir that a person can attain inner satisfaction only by becoming aware—through his own resolve and inner drive—that he carries within himself an eternal world that reveals itself to him in thought; reveals itself to him in the constant striving to overcome pain, and in the striving for bliss. Spir says that it is not because the external world appears to him as an illusory world when he looks at it that he calls it an illusory world, but rather because he believes he can grasp the true world directly through his thought, and since the external world does not correspond to this thought, he says it is an illusion.

[ 5 ] Was liegt dem eigentlich zugrunde? Man kann Umschau halten, wenn man für feine Nuancen der Weltanschauungen einen Sinn hat, so findet man diese Nuance unter den verschiedensten Denkern des neunzehnten Jahrhunderts sonst nicht in dem Milieu, in dem Spir drinnen lebte. Was kann einer solchen Erscheinung zugrunde liegen?

[ 5 ] What actually underlies this? If one looks around—and has an eye for the subtle nuances of worldviews—one will find that this particular nuance is not otherwise present among the most diverse thinkers of the nineteenth century, nor in the milieu in which Spir lived. What could underlie such a phenomenon?

[ 6 ] Betrachten wir einmal die ganze Erscheinung geisteswissenschaftlich, so müssen wir uns sagen: Indem wir die äußere sinnliche Welt um uns herum haben, auch die Welt der Geschichte, in der der Mensch lebt, auch die Welt des Sozialen, sind wir auf dem physischen Plan. Im Denken, das heißt, wenn wir wirklich im Denken leben, sind wir nicht mehr auf dem physischen Plan. Nur wenn wir über das äußerlich Sinnliche denken, wenden wir uns dem physischen Plane zu und verleugnen unsere eigene Natur. Wenn wir uns aber bewußt werden, was da eigentlich im Denken lebt, so müssen wir erfühlen, daß wir mit dem Denken in der geistigen Welt drinnen leben. Also indem er ergreift, ich möchte sagen, das Abstrakteste, das dem Menschen gegeben ist, das bloße Denken, fühlte Spir die entschiedene Grenzscheide zwischen der physischen und der geistigen Welt. Und im Grunde genommen konstatiert er nichts anderes als: Der Mensch gehört zwei Welten an, der physischen und der geistigen Welt, und beide stimmen nicht miteinander überein. Wie aus einem Elementaren in der Natur heraus, kommt Spir darauf: Es gibt eine geistige Welt. Er spricht das nicht so aus, aber indem er erklärt, daß alles dasjenige, was im Natur-, Geschichts- und sozialen Leben um uns herum ist, nur Schein ist, und nicht übereinstimmt mit einer Welt, die gegeben ist im Denken — wenn auch nur im abstrakten Denken uns gegeben ist, wenn auch nicht dem Schauen —, stellt er fest, daß diese zwei Welten durch eine scharfe Grenze voneinander geschieden sind.

[ 6 ] If we consider the whole phenomenon from the perspective of spiritual science, we must acknowledge that by having the external sensory world around us—including the world of history in which human beings live, as well as the social world—we are on the physical plane. In thinking—that is, when we truly live in thought—we are no longer on the physical plane. Only when we think about the external sensory world do we turn toward the physical plane and deny our own nature. But when we become aware of what actually lives within thinking, we must sense that, through thinking, we live within the spiritual world. Thus, by grasping—I would say—the most abstract thing given to human beings, mere thinking, Spir sensed the decisive dividing line between the physical and the spiritual world. And, in essence, he states nothing other than this: Human beings belong to two worlds—the physical and the spiritual—and the two do not correspond with one another. As if drawing from an elemental force in nature, Spir arrives at the conclusion: There is a spiritual world. He does not state this explicitly, but by explaining that everything in the natural, historical, and social life around us is merely an illusion and does not correspond to a world that is given in thought—even if it is given to us only in abstract thought, even if not through direct perception—he establishes that these two worlds are separated from one another by a sharp boundary.

[ 7 ] Wenn man dann näher eingeht auf die Art, wie Spir diese seine Weltanschauung darlegt, so findet man allerdings, daß sie dem Menschen des neunzehnten Jahrhunderts schwierig werden mußte. Man verstand ihn natürlich deshalb nicht. Er hatte ja, ich möchte sagen, wie in einem Punkt, nämlich in das Denken konzentriert, die ganze geistige Welt nur vorgetragen, von dem übrigen der geistigen Welt nichts gewußt, nur scharf betont, daß nach der Art, wie er das Denken erlebte, diese geistige Welt da ist, und daß die andere Welt nicht mit ihr übereinstimmt. Das hatte zur Folge, daß er sagte: Wir können schon die Wahrheit finden, aber niemals in der äußeren Welt. Die äußere Welt ist überhaupt unwahr; die äußere Welt ist unvollkommen. — Und in scharfer Weise betonte er das. Er fühlte sich unverstanden, trotzdem er nach seinem eigenen Ausspruch glaubte, daß diese seine Erkenntnis die bedeutendste Tat der Geschichte sei, denn sie zeige ein für allemal, daß in der äußeren Welt keine Wahrheit sein kann. Er fand kein Verständnis. Er griff sogar zu einem Auskunftsmittel: Er schrieb einen Preis aus, man solle ihn widerlegen. Um den Preis hat sich niemand beworben. Man hat nicht versucht, ihn zu widerlegen. Er hat alle Qualen, die der Denker durchleben kann durch das sogenannte Totschweigen, durchlebt. Er wurde, nachdem er lange in Tübingen, dann in Stuttgart gelebt hatte und wegen seiner Lungenkrankheit nach Lausanne verzogen ist, im Jahre 1890 in Genf begraben. Auf seinem Grabe liegt als Grabstein das Evangelium, ein in Stein nachgebildetes Buch, mit den Anfangsworten des Johannes-Evangeliums, das heißt: «Und das Licht schien in die Finsternis, aber die Finsternis hat es nicht begriffen.» Und dazu die Worte «fiat lux», die seine letzten Worte waren, die er gesprochen hat, bevor er dahingeschieden ist.

[ 7 ] If one then examines more closely the way in which Spir presents his worldview, one finds, however, that it must have been difficult for people of the nineteenth century to understand. Naturally, this is why people did not understand him. He had, I would say, concentrated solely on one aspect—namely, thinking—and presented only that part of the spiritual world, knowing nothing of the rest of the spiritual world; he merely emphasized sharply that, according to the way he experienced thinking, this spiritual world exists, and that the other world does not correspond to it. As a result, he said: We can indeed find the truth, but never in the external world. The external world is fundamentally untrue; the external world is imperfect. — And he emphasized this sharply. He felt misunderstood, even though, in his own words, he believed that this insight of his was the most significant achievement in history, for it demonstrated once and for all that there can be no truth in the external world. He found no understanding. He even resorted to a means of seeking a response: he offered a prize for anyone who could refute him. No one applied for the prize. No one attempted to refute him. He endured all the torments a thinker can endure through what is known as “silent rejection.” After living for a long time in Tübingen, then in Stuttgart, and moving to Lausanne due to his lung disease, he was buried in Geneva in 1890. His gravestone is the Gospel—a book carved in stone—bearing the opening words of the Gospel of John: “And the light shone in the darkness, but the darkness did not comprehend it.” Alongside these are the words “fiat lux,” which were the last words he spoke before he passed away.

[ 8 ] Man könnte sagen: Die ganze Philosophie des African Spir ist etwas wie eine Ahnung. Und gerade wenn man sich einem solchen Denker naht, dann fühlt man, wie viele Menschen eigentlich im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts geahnt haben, daß so etwas wie die Geisteswissenschaft kommen müsse, aber durch die mannigfaltigen Verhältnisse des neunzehnten Jahrhunderts verhindert worden sind, selber an diese Geisteswissenschaft heranzukommen. Gerade African Spir ist ein solcher. Sehen Sie, liest man nur die Schriften dieses Denkers und bekümmert man sich nicht um sein Leben, dann steht man eigentlich ein wenig vor einem Rätsel, vor dem Rätsel, das sich auftut, wenn man sich frägt: Ja, wie kommt denn jemand so merkwürdig unbewußt dazu, mit solcher Entschiedenheit die geistige Welt zu betonen aus dem bloßen Denken heraus? Wie kommt denn jemand dazu, sich selber so geistig zu wissen, und sich so in der Wahrheit stehend zu wissen, daß er die äußere Welt einfach als die Unwahrheit definiert? Die Erklärung liegt in seinem Leben, sie liegt einfach darin, daß er 1837 in Rußland geboren ist und eigentlich African Alexandrowitsch heißt, daß er Russe ist, aber ein Russe, der nach Mitteleuropa hereinverpflanzt ist. Ein Russe, der mittel- und westeuropäische Weltanschauungen auf sich hat wirken lassen, und der in seiner Persönlichkeit einen wunderbaren Zusammenklang der russischen Persönlichkeitsnatur mit den west- und mitteleuropäischen Weltanschauungen darstellt. Er lernte eigentlich erst deutsch, als er Mitte der sechziger Jahre nach Leipzig kam, aber er hat dann seine Schriften in deutscher Sprache geschrieben. Und wenn wir daran denken, daß sich das Tableau der Menschheitsentwickelung so darstellt, daß in Westeuropa stufenweise lebt durch die einzelnen Menschen: die Empfindungsseele bei den südromanischen Völkern, die Verstandes- oder Gemütsseele bei den westromanischen Völkern, die Bewußtseinsseele bei den anglo-amerikanischen Völkern, das Ich bei den mitteleuropäischen Völkern, und das Warten auf das Geistselbst, das Geistselbst, möchte ich sagen, im Embryonalzustande, im Keim bei den russischen Völkern, den Osteuropäern, so kann man sagen: African Spir ist herausgeboren aus diesem Wesen, das in sich die Erwartung hat für die Entfaltung des Geistselbst. Das lebte schon in ihm, aber er brachte das alles, was da in ihm lebte, so zum Ausdruck, daß er es in die Formen der westeuropäischen Weltanschauung kleidete.

[ 8 ] One might say: African Spir’s entire philosophy is something of a hunch. And precisely when one approaches such a thinker, one senses how many people actually intuited throughout the nineteenth century that something like the science of the spirit was bound to emerge, but were prevented by the manifold circumstances of the nineteenth century from coming to this science of the spirit themselves. African Spir is precisely such a thinker. You see, if one reads only this thinker’s writings and pays no attention to his life, one is actually left somewhat puzzled—by the puzzle that arises when one asks: How does someone come to be so strangely unaware, yet so resolute in emphasizing the spiritual world through pure thought alone? How does someone come to regard himself as so spiritual, and to see himself as standing so firmly in the truth, that he simply defines the external world as untruth? The explanation lies in his life; it lies simply in the fact that he was born in Russia in 1837 and is actually named African Alexandrovich, that he is Russian—but a Russian who has been transplanted into Central Europe. A Russian who has allowed Central and Western European worldviews to influence him, and who embodies in his personality a wonderful harmony between the Russian character and the worldviews of Western and Central Europe. He actually did not learn German until he came to Leipzig in the mid-1860s, but he subsequently wrote his works in German. And when we consider that the picture of human development unfolds in such a way that, in Western Europe, the following stages are lived out through individual human beings: the soul of feeling among the South Romanic peoples, the soul of understanding or the soul of the mind among the West Romanic peoples, the soul of consciousness among the Anglo- -American peoples, the “I” among the Central European peoples, and the anticipation of the spiritual self—the spiritual self, I might say, in an embryonic state, in a seed—among the Russian peoples, the Eastern Europeans—then one can say: African Spir was born out of this being that carries within itself the anticipation of the unfolding of the spiritual self. This was already alive within him, but he expressed everything that lived within him in such a way that he clothed it in the forms of the Western European worldview.

[ 9 ] Wenn einmal der osteuropäische Mensch von Europa seine Natur entwickelt haben wird, so wird es für ihn schlechterdings ein Unsinn sein, die äußere physische Welt der Tatsachen die Wahrheit zu nennen, denn er wird sich nicht bloß im Denken darinnen stehend finden, sondern im Geiste mit dem Geistselbst. Er wird sich als ein Bürger der geistigen Welt wissen, und es wird ihm als Unsinn erscheinen, zu sagen, der Mensch sei dasjenige, was einstmals die westlichen Völker als den Menschen angenommen haben. Das, was die westlichen Völker als den Menschen angenommen haben, was sie im Zusammenhang mit der Evolution aus dem Tierreiche gebracht haben, das wird er als Schale ansehen. So wie der osteuropäische Mensch von seinem Geistselbst aus mit der geistigen Welt, mit den Hierarchien, den Weg hinauf zu den Hierarchien macht, so macht der Westeuropäer den Weg zu dem Naturreiche hinunter. Das lebt schon als Instinkt, dieses Drinnenstehen in der geistigen Welt, in African Spir. Aber dieses instinktive Leben in der geistigen Welt, wie es in Osteuropa jetzt vorhanden ist, hat noch keine Möglichkeit, seine Weltanschauung auszudrücken; es wird erst seine Weltanschauung ausdrücken können, wenn es übernimmt diejenigen Vorstellungen, die in der Geisteswissenschaft in Mitteleuropa entwickelt werden können. Dann kann es sich mit seinen inneren Erlebnissen in diese Dinge kleiden.

[ 9 ] Once the people of Eastern Europe have developed their nature in accordance with Europe, it will be utter nonsense for them to call the external physical world of facts “truth,” for they will find themselves not merely standing within it in thought, but united in spirit with the spiritual self. He will know himself to be a citizen of the spiritual world, and it will seem absurd to him to say that human beings are what the Western peoples once took to be human beings. What the Western peoples took to be human beings—what they derived from the animal kingdom in the context of evolution—he will regard as a shell. Just as the Eastern European, from his spiritual self, makes his way upward through the spiritual world toward the hierarchies, so does the Western European make his way downward toward the natural kingdom. This sense of being immersed in the spiritual world already lives as an instinct in African Spir. But this instinctive life in the spiritual world, as it now exists in Eastern Europe, does not yet have the means to express its worldview; it will only be able to express its worldview once it adopts the ideas that can be developed in spiritual science in Central Europe. Then it will be able to clothe its inner experiences in these ideas.

[ 10 ] African Spir konnte sie noch nicht in die geisteswissenschaftlichen Vorstellungen kleiden, er kleidete sie deshalb in die Vorstellungen Spencers, Lockes, Kants, Hegels, Taines, das heißt, er kleidete sie in jene abstrakte Begriffswelt, die in Wirklichkeit doch nur ein Nachdenken der natürlichen Welt, jedoch kein Leben im Denken selber ist. Ich möchte sagen, daß dasjenige, was embryonal in African Spir lebte, wie erstorben ist in der westeuropäischen Kultur, aber so erstorben, daß man in den Sterbeformen noch erkennt, was eigentlich eingeflossen ist in diese Formen, was in diese Formen hinein erstorben ist. Deshalb ist er eine so interessante Übergangsfigur. Deshalb zeigt er so recht, wie es eine tiefe innere Wahrheit ist, was in der Geisteswissenschaft immer wieder und wiederum betont werden muß, daß eigentlich die europäische Bevölkerung wie ein auseinandergelegter Seelenmensch ist. Die westlichen Völker auseinandergelegt in Empfindungsseele, Verstandes- oder Gemütsseele und Bewußtseinsseele, die mitteleuropäischen Völker Ich-Seele, die osteuropäischen Völker Vorbereitung für das Geistselbst. Man kann sagen, daß einem heute vorschweben kann eine künftige Behandlung der Geschichtswelt. Die Geschichtswelt wird so ungenügend wie möglich in der Gegenwart eigentlich zur Darstellung gebracht. Man stellt immer die Tatsachen der Geschichte dar, aber diese Tatsachen als solche genommen sind nicht das Wesentliche. Wer bloß an die Tatsachen der Geschichte geht, gleicht einem Menschen, der den «Faust» vornimmt und die Buchstaben beschreibt, die Seite für Seite dastehen, aber es kommt jemandem, der wirklich den «Faust» kennenlernen will, nicht auf den Buchstaben an, sondern auf das, was er durch die Buchstaben kennen lernt. So wird einmal eine Geschichtsbetrachtung Platz greifen, der es geradesowenig auf die Tatsachen ankommt, wie es beim Lesen eines Buches auf die Beschreibung der Buchstaben ankommt, eine Betrachtung, welche lesen wird in den Tatsachen dasjenige, was hinter den Tatsachen der Geschichte steht, wie der «Faust» hinter den Buchstaben, die auf dem Papier vorhanden sind. Wenn das auch radikal gesagt ist, so deutet es doch auf das Richtige hin. Wenn man aber die Geschichte so betrachten wird, wird man sie als Symptomengeschichte auffassen, dann wird man so etwas wie African Spir als Symptom ansehen, wie ost- und mitteleuropäisches Wesen gerade in den Elementen der Seele ineinanderwachsen.

[ 10 ] African Spir was not yet able to frame her within the concepts of the humanities; he therefore framed her within the concepts of Spencer, Locke, Kant, Hegel, and Taine—that is, he framed her within that abstract conceptual world which, in reality, is merely a reflection on the natural world, but not life within thought itself. I would like to say that what lived in an embryonic state within African Spir is as if dead within Western European culture—but so dead that one can still recognize, in the forms of its demise, what actually flowed into these forms, what died within them. That is why he is such an interesting transitional figure. That is why he so clearly demonstrates the profound inner truth—which must be emphasized again and again in spiritual science—that the European population is, in essence, like a human being whose soul has been laid out in parts. The Western peoples are divided into the feeling soul, the intellectual or emotional soul, and the conscious soul; the Central European peoples into the I-soul; and the Eastern European peoples into a preparation for the spiritual self. One might say that a future approach to the world of history is already taking shape in our minds today. The world of history is actually presented in the present as inadequately as possible. One always presents the facts of history, but these facts, taken as such, are not the essential point. Anyone who approaches the facts of history in isolation is like a person who takes up *Faust* and describes the letters that appear page by page; but for someone who truly wants to get to know *Faust*, it is not the letters that matter, but what they come to know through the letters. Thus, a way of viewing history will eventually take hold that is just as unconcerned with the facts as reading a book is with the description of the letters—a perspective that will read into the facts what lies behind the facts of history, just as *Faust* lies behind the letters that appear on the page. Although this is a radical way of putting it, it nevertheless points to the truth. But if one views history in this way, one will understand it as a history of symptoms; then one will regard something like African Spir as a symptom of how the Eastern and Central European essences intertwine precisely in the elements of the soul.

[ 11 ] Aber wie weit entfernt ist die Gegenwart von einer so gearteten Betrachtung des Lebens und der Geschichte! Man merkt aber erst recht, was dahinter steht, wenn man in einer tieferen Beziehung solche Dinge im Zusammenhang mit der Gegenwart in Betracht zieht. Keine Zeit hat so wie die unserige Raubbau getrieben mit den geistigen Erzeugnissen der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts und einem guten Teil der geistigen Erzeugnisse in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts. Man kann noch in einem viel höheren Sinne von einem vergessenen Tone im Geistesleben sprechen, als ich es in meinem Buche «Vom Menschenrätsel» getan habe. Die Geschichte des neunzehnten Jahrhunderts wird in der künftigen Zeit einmal völlig umgeschrieben werden müssen. Das hat schon Herman Grimm geahnt, als er sagte: Es wird eine Zeit kommen, in welcher die Geschichte der letzten Jahrzehnte völlig wird umgeschrieben werden, so daß diejenigen Großen, welche heute als solche erscheinen, sehr starke Kleinheiten werden und ganz andere Große auftauchen werden, die heute wie Vergessene da sind. — Wer darauf ausgeht, die wirkliche Geschichte des neunzehnten Jahrhunderts zu studieren, der merkt erst, was für eine Fable convenue die landläufige Geschichte des neunzehnten Jahrhunderts ist. Und insbesondere merkt man das, wenn man die wirkliche Wesenskraft des neunzehnten Jahrhunderts ins Auge fassen kann. Ich sagte: Raubbau getrieben hat unsere Zeit mit den geistigen Erzeugnissen des neunzehnten Jahrhunderts, denn es hat viele, viele Geister gegeben, welche vereinsamt geblieben sind in dieser Zeit, um die man sich nicht gekümmert hat, und African Spir ist gleich eine charakteristische Erscheinung innerhalb dieses neunzehnten Jahrhunderts. Ich will nicht sprechen vom großen Publikum, aber gerade diejenigen haben sich um African Spir nicht gekümmert, deren berufliche Aufgabe es gewesen wäre, sich um ihn zu kümmern. Solche Menschen sterben dann dahin, das heißt, sie gehen mit ihrer Seele in die geistige Welt hinein. Aber die Dinge dieser Welt, sie haben Wirkungen, von denen man, wenn man nur das gewöhnliche Dasein betrachtet, in der Regel wenig ahnt.

[ 11 ] But how far removed is the present from such a view of life and history! One realizes all the more clearly what lies behind it, however, when one considers such things in a deeper context in relation to the present. No era has exploited the intellectual achievements of the first half of the nineteenth century—and a good portion of those of the second half—as ruthlessly as our own. One can speak of a forgotten tone in intellectual life in an even higher sense than I did in my book *The Riddle of Man*. The history of the nineteenth century will one day have to be completely rewritten. Herman Grimm already foresaw this when he said: “A time will come when the history of the last decades will be completely rewritten, so that those great figures who appear as such today will become mere trifles, and entirely different great figures will emerge—figures who are today regarded as forgotten.” — Anyone who sets out to study the true history of the nineteenth century will realize just what a “fable convenue” the conventional history of the nineteenth century really is. And one notices this especially when one is able to grasp the true essential power of the nineteenth century. I said: Our age has exploited the spiritual products of the nineteenth century to the point of depletion, for there have been many, many minds who remained isolated during this period, neglected by everyone, and African Spir is a prime example of this within the nineteenth century. I do not wish to speak of the general public, but it was precisely those whose professional duty it would have been to care for African Spir who neglected him. Such people then pass away; that is, they enter the spiritual world with their souls. But the things of this world have effects of which one, when considering only ordinary existence, generally has little inkling.

[ 12 ] Glauben Sie denn, daß es wirklich so ist, daß ein Denker, der dahingestorben ist wie African Spir, das heißt, dessen Seele durch die Pforte des Todes in die geistige Welt eingezogen ist, einfach nun verschwunden ist für diese Welt hier? Vergessen Sie nicht, daß die geistige Welt nicht in einem Wolkenkuckucksheim ist, daß, ebenso wie unser Leib durchzogen ist von dem Seelisch-Geistigen, die ganze Welt, in der wir leben, vom Seelisch-Geistigen durchzogen ist. Dieses Seelisch-Geistige ist da, das lebt um uns herum wie die Luft. Und verschwunden ist nicht dasjenige, was ein Denker in einem angestrengten Denker-Leben hier im physischen Leibe produziert hat, wenn er durch diePforte des Todes in die geistige Welt eingegangen ist. Verschwunden ist das nicht. Denn ein sehr Eigentümliches liegt vor: Ein Denker, der viel Beifall findet, ist in einer anderen Lage, als ein einsam bleibender Denker wie African Spir. Ein Denker, der Mode geworden ist, ist gewissermaßen mit seinen Gedanken fertig dann, wenn er durch des Todes Pforte gegangen ist. Ein Denker wie Spir ist nicht mit seinen Gedanken fertig, sondern etwas anderes tritt ein: er hütet seine Gedanken. Und damit sage ich Ihnen etwas sehr Bedeutungsvolles. Diese Gedanken sind da in der physischen Welt, geistig, und er hütet sie. Und dadurch, daß ein solcher Denker seine Gedanken hütet, gewissermaßen bei ihnen bleibt eine gewisse Zeit hindurch, die nach Jahrzehnten sich berechnet, dadurch entziehen sich die Gedanken den Menschen, die dann in dieser Zeit, während er seine Gedanken behütet, im physischen Leibe leben.

[ 12 ] Do you really believe that a thinker who has passed away like African Spir—that is, whose soul has entered the spiritual world through the gate of death—has simply vanished from this world? Do not forget that the spiritual world is not some pipe dream; just as our physical body is permeated by the soul-spiritual, so too is the entire world in which we live permeated by the soul-spiritual. This soul-spiritual is present; it lives all around us like the air. And what a thinker has produced here in the physical body through a life of intense intellectual effort has not disappeared when he has passed through the gate of death into the spiritual world. That has not disappeared. For there is something very peculiar at work here: a thinker who receives much acclaim is in a different situation than a thinker who remains solitary, such as African Spir. A thinker who has become fashionable is, in a sense, done with his thoughts once he has passed through the gate of death. A thinker like Spir is not done with his thoughts; rather, something else takes place: he guards his thoughts. And in saying this, I am telling you something very significant. These thoughts exist in the physical world, in a spiritual sense, and he guards them. And because such a thinker guards his thoughts—remaining with them, so to speak, for a certain period of time, measured in decades—the thoughts elude the people who, during this time while he guards his thoughts, live in their physical bodies.

[ 13 ] Also stirbt ein Denker wie African Spir, so sind seine Gedanken bei ihm, und es ist nicht möglich für einen anderen, aus sich selbst heraus, so ohne weiteres zu diesen Gedanken zu kommen, welche der betreffende Denker gehegt hat. Daher entsteht für solche Gedanken ein unbewußtes Sehnen, das aber nicht befriedigt werden kann, ein Zustand, der sich so beschreiben läßt: Da sind Menschen, ihre Vorfahren haben einen solchen Denker einsam sterben lassen, um den sie sich nicht gekümmert haben. Der hat Gedanken gehabt, die sich hätten weiterentwickeln sollen, aber er hütet sie, läßt sie nicht unter die Menschen kommen, die Menschen spüren sie als unbestimmte Sehnsucht, sie können nicht zu ihnen kommen; dadurch entsteht viel Unbefriedigendes in solchen Menschen. In manchem Zeitalter, und insbesondere in unserem Zeitalter leben Menschen, zahlreiche Menschen, in unbefriedigter Sehnsucht nach Gedanken, zu denen sie nicht kommen können, weil diese Gedanken von unberücksichtigt gebliebenen Denkern behütet werden. Nun leben wir gerade in einem Zeitalter, wo das in einem hohen Grade der Fall ist, und wo es daher begreiflich ist, daß viel Unbefriedigtes da sein muß, einfach aus dem Grunde, weil im letzten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts solcher Raubbau getrieben worden ist, eine ganze Anzahl hochsinniger Denker gelebt haben, um die sich die Welt nicht gekümmert hat.

[ 13 ] So when a thinker like African Spir dies, his thoughts remain with him, and it is not possible for another person, on their own, to so readily arrive at the thoughts that this particular thinker held. Consequently, an unconscious longing arises for such thoughts—a longing that cannot be satisfied—a state that can be described as follows: There are people whose ancestors allowed such a thinker to die alone, having neglected him. He had thoughts that should have been developed further, but he guards them, not allowing them to reach the people; people sense them as an indefinable longing, yet they cannot attain them; this gives rise to much dissatisfaction in such people. In certain eras—and especially in our own—there are people, numerous people, living with an unfulfilled longing for thoughts they cannot access, because these thoughts are guarded by thinkers who have been overlooked. We are now living in an age where this is very much the case, and where it is therefore understandable that there must be a great deal of unfulfillment, simply because in the last third of the nineteenth century such overexploitation took place, and a whole host of highly spirited thinkers lived whom the world paid no heed to.

[ 14 ] Was ist da zu tun? Das ist ja natürlich die Frage, die eigentlich die bedeutungsvolle ist. Ja, sehen Sie, was da zu tun ist, das ist das, daß man eben von solch vergessenen Tönen im Geistesleben spricht. Und wenn ich einen solchen Denker wie African Spir mit ein paar Zügen hier vor Ihre Seelen hinstelle, so geschieht es nicht aus einem bloß theoretischen Grunde, um Ihnen etwas Interessantes zu erzählen, sondern um darauf aufmerksam zu machen: Unter uns ist eine geistige Welt von wirklichen Gedanken, die auch schon ein Denker gehegt hat; aber der Denker hütet die Gedanken. Wir müssen nur entwickeln ein gewisses pietätvolles Gefühl, ein gewisses Hinschauen zu dem Denker selbst, damit er sie uns herausgibt in einem gewissen Sinne, und wir durch sie befruchtet werden können. Deshalb ist es, daß ich gerne im Laufe der Betrachtungen auf solche vergessene Denker aufmerksam mache, weil dadurch eine Verbindung zu ihnen geschaffen wird, die eine Realität darstellt. Indem ich ein wenig das Bild des African Spir in Ihre Seelen hinein zeichne, wird etwas hergestellt, was in gewissem Sinne da sein soll zur Korrektur. Und das gehört unter die Aufgaben der Geisteswissenschaft.

[ 14 ] What is to be done? That, of course, is the question that really matters. Yes, you see, what needs to be done is precisely to speak of such forgotten tones in intellectual life. And when I present a thinker like African Spir to you here in a few strokes, I do so not for purely theoretical reasons, to tell you something interesting, but to draw your attention to this: Among us there is a spiritual world of real thoughts that a thinker has already cherished; but the thinker guards those thoughts. We need only cultivate a certain reverent feeling, a certain focus on the thinker himself, so that he may, in a certain sense, reveal them to us, and we may be enriched by them. That is why I like to draw attention to such forgotten thinkers in the course of my reflections, because this creates a connection to them that constitutes a reality. By sketching the image of African Spir into your souls, something is established that, in a certain sense, is meant to serve as a correction. And that is one of the tasks of spiritual science.

[ 15 ] Die geistige Welt ist nicht etwas bloß Abstraktes, wie es der verschwommene Pantheismus meint, sondern sie ist etwas ebenso Konkretes wie die äußeren physisch-sinnlichen Tatsachen. Nicht dadurch redet man von der geistigen Welt, daß man Geist, Geist, Geist sagt, sondern dadurch, daß man auf die konkret vorhandenen Tatsachen der geistigen Welt hinweist. Unter diesen Tatsachen ist vor allem für unsere Zeit die, daß wir in uns lebendig machen können den Zusammenhang. mit vergessenen Geistern, deren Gedankenfrüchte auf diese Weise in unsere Seelen kommen können. Auf der anderen Seite werden diese Geister auch erlöst davon, weiter ihre Gedanken zu behüten.

[ 15 ] The spiritual world is not merely something abstract, as vague pantheism would have it, but is just as concrete as the external, physical, sensory facts. One does not speak of the spiritual world by simply saying “spirit, spirit, spirit,” but by pointing to the concrete realities of the spiritual world. Among these realities, the most significant one for our time is that we can bring to life within ourselves a connection with forgotten spirits, whose fruits of thought can thus enter our souls. On the other hand, these spirits are also released from the need to continue guarding their thoughts.

[ 16 ] So ist es ein reales Tun, was wir vollbringen, wenn wir in dieser Weise und mit dieser Gesinnung von denjenigen Geistern sprechen, mit denen gerade die letzte Zeit einen solchen Raubbau getrieben hat. Und es wird gerade dadurch unserer Zeit etwas gegeben, wenigstens könnte unserer Zeit etwas gegeben werden, was ihr so not tut. Denn all das Denken, das nur ein Nachdenken ist, all das Denken, das in der landläufigen Weise über die Natur, die Geschichte, das soziale Leben denkt, all das Denken ist unfruchtbar, all dieses Denken hat eigentlich keine Aufgaben mehr, wenn es die äußere Welt erfaßt hat; es ist unfruchtbar. Daher gibt es heute so viele unfruchtbar denkende Leute, weil sie nur über äußere Wirklichkeiten oder über Geschichtswirklichkeiten denken wollen. Fruchtbar ist nur dasjenige Denken, welches als Inhalt die geistige Welt in sich aufnimmt. Der Gedanke ist wie eine Leiche, solange er nur im Nachdenken über die Natur oder Geschichte entstand, er wird erst lebendig und schöpferisch, wenn er erfüllt ist von dem, was durch die Hierarchien von der geistigen Welt in ihn hinunterströmt.

[ 16 ] Thus, what we are accomplishing is a genuine act when we speak in this way and with this attitude about those spirits that have been so ruthlessly exploited, especially in recent times. And it is precisely through this that something is given to our time—or at least something could be given to our time—that it so desperately needs. For all thinking that is merely reflection, all thinking that considers nature, history, and social life in the conventional way—all such thinking is fruitless; all such thinking actually has no further purpose once it has grasped the external world; it is fruitless. That is why there are so many people today who think unproductively—because they want to think only about external realities or historical realities. Only that thinking is fruitful which takes the spiritual world as its content. A thought is like a corpse as long as it arises solely from reflection on nature or history; it becomes alive and creative only when it is filled with what flows down into it from the spiritual world through the hierarchies.

[ 17 ] Das aber, sehen Sie, dieses Sichverbinden im Denken mit der geistigen Welt, das liegt unserer Zeit nicht, das flieht sie geradezu. Unsere Zeit tut sich ungeheuer viel zugute auf die Pflege «wahrer Wissenschaft», die nun endlich gekommen ist, nachdem die Menschheit so lange auf einer Kindheitsstufe gestanden hat. Mit dieser wahren Wissenschaft, insbesondere da, wo aus der Naturwissenschaft heraus sich die Wissenschaft zu einer Weltanschauung gestalten soll, ist es zu sonderbaren Dingen gekommen. Mit dem Denken als solchem konnte diese Wissenschaft wirklich nichts Richtiges anfangen, denn sie zergliedert den Menschen, kommt bis zu wunderbaren Anschauungen über den Bau des Gehirns und dergleichen, über die menschlichen Funktionen und so weiter, aber das Denken ist in alle dem nicht drinnen. Daher ist das Denken als solches für diese Wissenschaft nach und nach etwas geworden — oh, man könnte schon sagen: das sie schon selbst wie eine Art Gespenst, vor dem sie sich fürchtet, empfindet. Insbesondere verhaßt sind daher der neueren Wissenschaft solche Denker, die viel gedacht haben, die im Inhalte ihrer Weltanschauung Gedanken haben, wie Hegel, Schelling, Jakob Böhme und andere Mystiker. Ja, die Leute haben gedacht — so sagt sich der moderne Naturforscher —, aber da ist man im Unsicheren. Er fühlt sich so nicht geheuer, wenn er aus der Welt heraus soll, die African Spir eine Scheinwelt, eine Welt der Täuschung nennt. Beim Denken ist es ihm nicht geheuer. Aber nun kann er nicht Wissenschaft begründen, wenn er nicht doch denkt. Das ist eine Zwickmühle. Das hat dazu geführt, daß einer der Herren, der sich ganz besonders als Vertreter moderner Wissenschaftlichkeit fühlte, bei einer Naturforscherversammlung folgenden Ausspruch tat, einen Ausspruch, der geradezu über der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts, wenn man dessen Geschichte schreibt, hingeschrieben werden sollte wie eine Art Devise, wie etwas, das viel charakterisiert. Da sagt der Betreffende: Wir Mediziner wollen zugestehen, daß auch die exakte strenge Wissenschaft, wie der gebildete Mensch überhaupt, das Denken nicht völlig entbehren kann. — So im neunzehnten Jahrhundert bei einer ernsten Naturforscherversammlung! Mit Bedauern wird der Satz hingestellt, daß man doch das Denken nicht ganz entbehren kann, nicht als Mediziner, überhaupt nicht als gebildeter Mensch. Also dieses Denken ist eigentlich etwas recht Fatales. Es versetzt einen sogleich, wenn man sich nur ihm nähert, in die Unsicherheit, aber man kann es nicht ganz entbehren!

[ 17 ] But you see, this connecting with the spiritual world through thought—that is not in keeping with our times; our times actually shun it. Our age takes immense pride in the cultivation of “true science,” which has finally arrived after humanity had remained at a childlike stage for so long. With this true science—especially where, emerging from the natural sciences, science is supposed to develop into a worldview—strange things have come to pass. This science really could not make proper use of thinking as such, for it dissects the human being, arriving at marvelous insights into the structure of the brain and the like, into human functions and so on, but thinking is not present in any of this. Consequently, thinking as such has gradually become something for this science—oh, one might even say: something it perceives as a kind of specter that it fears. For this reason, modern science particularly detests thinkers who have thought deeply, whose worldview is rooted in thought—such as Hegel, Schelling, Jakob Böhme, and other mystics. Yes, these people have thought—so the modern natural scientist tells himself—but there one is in a state of uncertainty. He feels so uneasy when he is supposed to step out of the world that African Spir calls an illusory world, a world of deception. He feels uneasy about thinking. But now he cannot establish science unless he thinks after all. This is a dilemma. It led one of these gentlemen—who felt himself to be a particularly prominent representative of modern scientific rigor—to make the following statement at a naturalists’ conference, a statement that, when writing the history of the second half of the nineteenth century, ought to be inscribed above it like a kind of motto, like something that characterizes it profoundly. The gentleman in question said: “We physicians must admit that even exact, rigorous science—like any educated person—cannot do without thinking entirely.” — And this was said in the nineteenth century at a serious gathering of natural scientists! The statement is made with regret: that one cannot entirely do without thinking—not as a physician, and certainly not as an educated person. So this thinking is actually something quite fateful. It immediately plunges one into uncertainty the moment one approaches it, yet one cannot entirely do without it!

[ 18 ] Solche Menschen fühlen gegenüber dem Hereinragen der geistigen Welt überhaupt etwas ganz Besonderes. Sie fürchten ja das Denken auch nur aus dem Grunde, weil sie spüren, daß da die geistige Welt im Denken hereinragt. Aber das wollen sie nicht, denn die geistige Welt, die gibt es ja gar nicht! Sie erinnern sich wohl, wie ich Ihnen auseinandergesetzt habe, welche Umwandelung mit dem Wesen des Genies im Laufe der Entwickelung vor sich gehen wird. Jedenfalls wird Sie aber diese Betrachtung dazumal darauf aufmerksam gemacht haben, daß man das Genie nur dann in seiner wahren Wesenhaftigkeit betrachtet, wenn man annimmt, daß durch das Genie mehr der Geist wirkt als durch das Nichtgenie. Wenn das Genie gerade mechanische Erfindungen macht, dann lassen es sich die Leute der Gegenwart gefallen, aber sonst haben sie auch die Sehnsucht, ihre Abneigung gegen den Geist gewissermaßen auf das Genie zu übertragen. Und in einer nicht uninteressanten Abhandlung eines Naturforschers über einen genialen Menschen finden Sie einen sehr merkwürdigen Satz. Nachdem der Naturforscher auseinandergesetzt hat, daß eigentlich ein genialer Mensch halb krank, halb verrückt ist, versteigt er sich zu dem Ausspruch: Danken wir alle Gott, daß wir keine Genies sind!

[ 18 ] Such people feel something quite special about the spiritual world intruding into their lives. They fear thinking simply because they sense that the spiritual world intrudes into their thoughts. But they don’t want that, because the spiritual world—well, it doesn’t even exist! You probably remember how I explained to you what transformation will take place in the nature of genius in the course of evolution. In any case, that discussion must have made you aware at the time that one can only view genius in its true essence if one assumes that the spirit acts more strongly through genius than through the non-genius. When a genius is making mechanical inventions, people today are willing to tolerate it, but otherwise they also have a desire to project their aversion to the spirit onto the genius, so to speak. And in a rather interesting essay by a naturalist about a genius, you’ll find a very curious sentence. After the naturalist has argued that a genius is actually half-sick, half-mad, he goes so far as to say: “Let us all thank God that we are not geniuses!”

[ 19 ] Ja, diese Dinge muß man nehmen als Symptom für unsere Zeit. Man muß sie als Symptom nehmen, denn sie drücken doch den Charakter unserer Zeit sehr gut aus. Man hat so die Gewohnheit, über diese Dinge nur die Nase zu rümpfen oder sonst über sie hinwegzusehen, höchstens über sie zu lachen, weil man ihre ganze Tiefe nicht durchschaut; nicht durchschaut, daß das Elend unserer Zeit mit diesen Dingen zusammenhängt, und nicht durchschauen will, wie wenig in unserer Zeit die Menschen die Neigung haben, durch eine Verbindung mit der geistigen Welt die Ordnung in dieser Welt zu fördern. Sie lassen gewissermaßen die Verbindung mit der geistigen Welt ersterben, dadurch aber verlieren sie auch die Verbindung mit der Außenwelt, denn sie können dann auch nur die Schale der äußeren Welt betrachten. Daher kommt es auch, daß in unserer Zeit — und ich mache damit auf eine bedeutsame Erscheinung aufmerksam — etwas so Schlimmes zutage tritt da, wo sich die menschlichen Gedanken, wenn sie da sind, verbinden sollen mit der äußeren Wirklichkeit. Das hat zur Folge, daß die äußere Wirklichkeit ihren Gang geht, auch insofern die Menschen die äußere Wirklichkeit machen, und die Gedanken der Menschen ganz schön sein können — mancher Menschen natürlich —, aber die Außenwelt, insofern Menschen darin handeln, ist so geartet, daß sie Gedanken gar nicht annehmen will, nicht zugänglich ist für Gedanken. So sehen wir, daß es allmählich dazu gekommen ist, daß einzelne Menschen schöne Gedanken haben können, aber daß diese schönen Gedanken ein eigenes Leben für sich führen, und die äußere Wirklichkeit auch ein eigenes Leben für sich führt. Eine furchtbare Diskrepanz besteht zwischen dem, was in den Köpfen mancher Menschen heute vorgeht, und in dem, was in der um sie herum liegenden Wirklichkeit vorgeht, eine Disharmonie, die so groß ist, wie sie in keiner verflossenen Zeit war.

[ 19 ] Yes, one must regard these things as symptoms of our time. One must regard them as symptoms, for they do, after all, express the character of our time very well. People tend to simply turn up their noses at these things or otherwise overlook them—at most, laugh at them—because they fail to grasp their full depth; they fail to see that the misery of our time is connected to these things, and they refuse to recognize how little inclination people in our time have to promote order in this world through a connection with the spiritual world. In a sense, they allow the connection with the spiritual world to wither away; but in doing so, they also lose their connection with the external world, for then they can only perceive the shell of the external world. This is also why, in our time—and I am drawing attention to a significant phenomenon here—something so terrible comes to light precisely where human thoughts, when they exist, are supposed to connect with external reality. The consequence of this is that external reality follows its own course—including insofar as human beings shape that reality—and while human thoughts can be quite beautiful—those of some people, of course—the external world, insofar as human beings act within it, is of such a nature that it does not wish to accept thoughts at all; it is inaccessible to thoughts. Thus we see that it has gradually come to pass that individual people may have beautiful thoughts, but that these beautiful thoughts lead a life of their own, and external reality also leads a life of its own. There is a terrible discrepancy between what is going on in the minds of some people today and what is happening in the reality surrounding them—a disharmony greater than at any time in the past.

[ 20 ] Man glaubt immer, man übertreibe, wenn man solche Dinge vorbringt. Man übertreibt nicht, sondern man muß solche Dinge sagen, weil diese einfach wahr sind, und als einfache Wahrheit erkannt werden müssen. Überall, wo man anfaßt, merkt man dieses. Man kann nur nicht die Empfindung stark genug machen, um wirklich zu fühlen, was damit eigentlich gesagt ist.

[ 20 ] People always think they’re exaggerating when they bring up such things. They’re not exaggerating; rather, they have to say such things because they are simply true and must be recognized as simple truths. You notice this everywhere you turn. It’s just that you can’t make the sensation strong enough to truly feel what is actually being said.

[ 21 ] Nehmen Sie folgenden Fall, man könnte diesen Fall ins Tausendfache vermehren: Zwei Menschen reden 1909 in Rußland über die Beziehungen zwischen Rußland und Mitteleuropa, 1909, unmittelbar nach der österreichischen Annexion in Bosnien und der Herzegowina. Das Gespräch fand statt in derselben Zeit, in welcher die Wogen in Rußland ungeheuer hoch gingen, die eigentlich dahin zielten, schon damals, jenen furchtbaren Zustand herbeizuführen, der dann 1914 gekommen ist. Denn es hing ja an einem Faden, so wäre der Krieg, der 1914 ausgebrochen ist, schon 1909 ausgebrochen. An gewissen Kreisen Rußlands hing es wirklich nicht, daß er nicht damals ausgebrochen ist. Diesen Dingen muß man nur trocken ins Antlitz schauen. Zwei Menschen, ein Kroate und ein Russe, redeten also in dieser Zeit über das Verhältnis von Rußland namentlich zu Österreich. Das Gespräch führte dahin, daß der Russe, nachdem die beiden alle Möglichkeiten besprochen hatten, auf eine vernünftige Weise das Verhältnis zwischen Mittel- und Osteuropa zu ordnen, seine Anschauung in die Worte zusammengefaßt hat: Ein Krieg zwischen Rußland und Osterreich-Deutschland wäre nicht nur das Unmenschlichste, sondern auch das Unsinnigste. Diese Worte: Ein Krieg zwischen Rußland und Österreich-Deutschland wäre nicht nur das Unmenschlichste, sondern auch das Unsinnigste waren die Zusammenfassung von vernünftigen Gedanken über die soziale Struktur von Mittel- und Osteuropa. Also nicht etwa bloß aus der Emotion, dem Gefühl, sondern aus der, ich möchte sagen, weisheitsvollen Vernunft heraus gesprochene Worte. Man braucht nur den Namen des Russen zu nennen, der diese Worte 1909 gesprochen hat, um erhärtet zu finden, was vorhin auseinandergesetzt wurde; denn dieser Russe, der den Krieg in der Weise ablehnte — der 1909 nicht anders geworden wäre, als er 1914 geworden ist —, der Russe ist Lwow, derjenige, der dann der erste Ministerpräsident des ersten revolutionären russischen Ministeriums wurde, also derjenige, um den herum alle diese Dinge vorgegangen sind, die das Elend Europas in der Gegenwart ausmachen.

[ 21 ] Consider the following case—one that could be multiplied a thousandfold: In 1909, in Russia, two people were discussing relations between Russia and Central Europe, in 1909, immediately following the Austrian annexation of Bosnia and Herzegovina. The conversation took place at the very time when tensions in Russia were running incredibly high—tensions that were actually aimed, even back then, at bringing about that terrible situation that eventually came to pass in 1914. For it hung by a thread; had it not been for that, the war that broke out in 1914 would have broken out as early as 1909. It was certainly not up to certain circles in Russia that it did not break out back then. One must simply look these facts squarely in the face. Two men—a Croat and a Russian—were thus discussing at that time the relationship between Russia and Austria in particular. The conversation led to the point where, after the two had discussed all possibilities for sensibly organizing relations between Central and Eastern Europe, the Russian summarized his view in these words: “A war between Russia and Austria-Germany would not only be the most inhumane thing, but also the most senseless.” These words—“A war between Russia and Austria-Germany would not only be the most inhumane, but also the most senseless”—were the summary of rational thoughts on the social structure of Central and Eastern Europe. In other words, they were words spoken not merely out of emotion or sentiment, but out of what I would call wise reason. One need only mention the name of the Russian who spoke these words in 1909 to find confirmation of what was just explained; for this Russian, who rejected war in this way—a war that in 1909 would have turned out no differently than it did in 1914—is Lwow, the man who later became the first prime minister of the first revolutionary Russian government, that is, the man around whom all these events unfolded that constitute Europe’s present misery.

[ 22 ] Denken Sie sich, vor welchem Ereignis wir da stehen! Wir sehen die äußeren Ereignisses sich abspielen, und wir sehen Menschen mitten drinnen handelnd stehen, die ganz anders denken! Menschen stehen in diesen Ereignissen drinnen, die ganz vernünftig denken, aber die Ereignisse wachsen ihnen über den Kopf. Warum wachsen ihnen diese Ereignisse über den Kopf? Weil versäumt worden ist, die Gedanken mit dem geistigen Element zu verbinden. Diejenigen Gedanken, die nicht mit dem geistigen Element verbunden sind, die sind nicht wirksam in der Welt. Nur diejenigen Gedanken sind wirksam in der Welt, die mit dem Geistigen in der Welt verbunden sind. Ist es denn nicht heute geradezu ein Dogma — wenn es auch nicht in der Form ausgesprochen wird —, daß derjenige, der sich im äußeren sozial-politischen Leben betätigt, ja nicht zu den Denkern gehören darf! Es ist ein Fehler, wenn er Gedanken entwickeln kann. Denn ein Mensch, der Gedanken entwickelt, den hält man für einen unpraktischen Menschen, der nichts von der Wirklichkeit versteht. Während nur die wirklichen Gedanken in die Wirklichkeit eingreifen können, und niemals diejenigen Gedanken, die von denen kommen, die man heute als der Wirklichkeit gewachsen hält. Oder sollte es denn wirklich vernünftig sein, daß für einen großen Politiker ein Mensch ausersehen wird, der sich besonders gut aufs Angeln versteht, mehr als einer, der denken kann? «Flyfishing» heißt das Buch, das über das Angeln Sir Edward Grey geschrieben hat, «Flyfishing», das Angeln mit der Fliege, und das war im Grunde genommen dasjenige, was seine ganze Seele ausfüllte. Ich habe schon einmal erwähnt: Ein Ministerkollege von ihm hat einmal nicht mit Unrecht gesagt: Der Grey ist so furchtbar konzentriert, weil er niemals einen eigenen Gedanken hat, der ihn von der Konzentration abhalten kann, sondern immer dasjenige aufnimmt, was ihm die anderen eingeben. — Dieser Ministerkollege hat wohl das Richtige getroffen. Also diejenigen Menschen, die sich gut verstehen auf das Flyfishing, die sollen sich nach den Auffassungen unserer Zeit auf die Politik verstehen; aber ein Fehler soll es sein, wenn jemand Gedanken hat. Aber gerade diese Anschauung ist diejenige, die in unseren Tagen Schiffbruch gelitten, die sich als die unmögliche erwiesen hat. Denn sie hat zu alle dem geführt, was ich wiederholt und auch heute wiederum auseinandergesetzt habe.

[ 22 ] Just imagine the event we are facing! We see external events unfolding, and we see people right in the thick of them, acting while thinking in a completely different way! There are people caught up in these events who think quite rationally, but the events are overwhelming them. Why are these events overwhelming them? Because they have failed to connect their thoughts with the spiritual element. Those thoughts that are not connected to the spiritual element are not effective in the world. Only those thoughts are effective in the world that are connected to the spiritual in the world. Is it not, after all, practically a dogma today—even if it is not expressed in so many words—that anyone who is active in external socio-political life must not, in fact, be counted among the thinkers! It is a mistake if such a person is capable of developing thoughts. For a person who develops thoughts is regarded as impractical, someone who understands nothing of reality. Whereas only true thoughts can influence reality—and never those thoughts that come from those whom we today consider to be a match for reality. Or is it really reasonable that a person who is particularly skilled at fishing should be chosen as a great politician, rather than one who can think? *Flyfishing* is the title of the book Sir Edward Grey wrote about fishing—“Flyfishing,” or fly fishing—and that was, in essence, what filled his entire soul. I have mentioned this before: A fellow minister of his once said, not without reason: “Grey is so terribly focused because he never has a thought of his own that can distract him from his concentration, but always takes in whatever others feed him.”—This fellow minister was probably right. So those who are well-versed in fly fishing are, according to the views of our time, supposed to be well-versed in politics; but it is considered a mistake for anyone to have their own thoughts. Yet it is precisely this view that has foundered in our day, that has proven to be untenable. For it has led to everything I have repeatedly discussed, and am discussing again today.

[ 23 ] Seien wir uns nur klar darüber: Dasjenige, was heute als fähig angesehen wird, Staatswissenschaft, Staatskünstlerisches aufzubauen, ist unfähig, solche aufzubauen. Warum denn? Wenn wir nachdenken über die Welt, und nur nachdenken will ja unsere Zeit, das will sie bloß haben, was ich vor vielen Jahren — Sie können darüber nachlesen in meinem Buche «Goethes Weltanschauung» — Tatsachenfanatismus genannt habe; vor einer noch größeren Anzahl von Jahren habe ich es in meiner Einleitung zu Goethes Naturwissenschaftlichen Schriften in Kürschners Nationalliteratur «Dogmatismus der Erfahrung» genannt. Diejenigen, die solches Denken entwickeln, das bloßes Nachdenken der natürlichen Geschehnisse oder der geschichtlichen Ereignisse oder des äußeren sozialen Lebens ist, die entwickeln Gedanken, welche lediglich ahrimanische sind. Deshalb brauchen sie nicht unrichtig zu sein, aber sie sind ahrimanisch. Ahrimanisches muß in der Welt sein. Der gesamte Inhalt der Naturwissenschaft ist ahrimanisch. Er wird erst seiner ahrimanischen Natur entkleidet, wenn er belebt wird, wenn das Denken sich loslöst von dem bloßen Nachdenken, wenn es schöpferisches Denken wird, wenn es durchdrungen, durchflossen wird von dem, was in den geistigen Welten lebt. Will man soziale Gesetze formen, Rechtsgesetze formen, und man stützt sich auf bloßes Nachdenken, so stützt man sich ja bloß auf Ahrimanisches. Ahrimanisches führt aber immer, da wo es nicht sein soll, zur Ertötung desjenigen, in dem es lebt; zum Ersterben, zum Auflösen. Das Heil unserer Zeit kann nur dadurch entstehen, daß gerade mit Bezug auf alles, was das soziale Leben befruchten soll, das Rechtsleben, das Staatsleben, daß mit Bezug auf das alles solche Gedanken eingreifen, die in lebendigem Zusammenhang mit der geistigen Welt stehen. Das aber wollen heute noch wenig Menschen glauben. Denn was müßten sie dann glauben, diese Menschen? Man merkt, wenn man den Menschen heute vom Geiste spricht, daß sie sich wehren. Was sie dann im Bewußtsein haben, das will nicht viel besagen, was aber im Unterbewußten, im Unbewußten lebt, das will recht viel besagen. Was im Unterbewußten lebt, das ist nämlich ein unbewußtes schlechtes Gewissen, ein richtiges schlechtes Gewissen. Die Menschen wollen sich nicht gestehen, daß sie Totes denken, Ahrimanisches denken. Und daher lassen sie es nicht bis zu dem Gedanken kommen. Denn in dem Augenblick, wo man sich zum lebendigen Ergreifen der geistigen Welt aufschwingt mit dem Denken, in diesem Augenblick muß man eben gewahr werden, daß man Ahrimanisches denkt. Davor fürchtet man sich aber. Furcht ist es, was die Menschen heute davon abhält, sich vom bloßen Nachdenken zum produktiven Denken zu erheben, was allein da sein kann, wenn es inspiriert ist — mag es auch unbewußt inspiriert sein — von den geistigen Welten aus.

[ 23 ] Let’s be clear about this: What is regarded today as capable of establishing political science and the art of statecraft is incapable of doing so. Why is that? When we reflect on the world—and our age wants nothing but to reflect; that is all it desires—what I called many years ago—you can read about it in my book *Goethe’s Worldview* — I called “fanaticism of facts”; even more years ago, in my introduction to Goethe’s Scientific Writings in Kürschner’s *Nationalliteratur*, I called it “dogmatism of experience.” Those who develop a mode of thinking that consists merely of pondering natural phenomena, historical events, or external social life—they develop thoughts that are purely Ahrimanic. Therefore, they need not be incorrect, but they are Ahrimanic. Ahrimanic forces must exist in the world. The entire content of natural science is Ahrimanic. It is only stripped of its Ahrimanic nature when it is enlivened, when thinking detaches itself from mere reflection, when it becomes creative thinking, when it is permeated and infused by that which lives in the spiritual worlds. If one wishes to formulate social laws or legal laws and relies on mere reflection, one is in fact relying solely on the Ahrimanic. But wherever the Ahrimanic is present where it should not be, it leads to the destruction of that in which it lives; to withering away, to dissolution. The salvation of our time can arise only when, precisely in relation to everything that is meant to enrich social life—legal life, political life—thoughts that stand in a living connection with the spiritual world come into play. But few people are willing to believe this today. For what would these people then have to believe? One notices that when one speaks to people today about the spirit, they resist. What they are then conscious of does not mean much, but what lives in the subconscious and the unconscious means quite a great deal. For what lives in the subconscious is, in fact, an unconscious guilty conscience—a genuine guilty conscience. People do not want to admit to themselves that they are thinking dead thoughts, Ahrimanic thoughts. And that is why they do not allow their thoughts to go that far. For the moment one lifts one’s thinking to a living grasp of the spiritual world, at that very moment one must become aware that one is thinking Ahrimanic thoughts. But people fear this. It is fear that prevents people today from rising from mere reflection to productive thinking, which can exist only when it is inspired—even if unconsciously—by the spiritual worlds.

[ 24 ] Daher sehen wir, daß in unserer Zeit hinter allem übrigen Elend noch ein ganz anderes lebt. Nichts Geringeres lebt in unserer Zeit, und wird immer mehr leben wollen, von gewissen Kreisen ausgehend, als der Kampf gegen den Geist selbst. Dieser Kampf gegen den Geist, der wird in unserer Zeit im eminentesten Sinne gefördert durch dasjenige, was man den Zeitgeist nennen könnte. Ich muß sagen, es ist recht schwierig, über solche Dinge zu reden, wie diejenigen sind, auf die wir da kommen; aber auf der anderen Seite ist es auch nicht genügend, auf die Dinge bloß hinzudeuten und sie nicht bei ihrem wahren Namen zu nennen. Denn in der Welt kann man eigentlich nicht sagen: Irgend etwas ist absolut gut oder absolut schlecht oder böse, sondern es kommt überall auf den Gesichtspunkt an. Überall kommt es darauf an, die Dinge so zu erkennen, daß man sich sagen kann: An ihrem richtigen Ort und in ihrem richtigen Zusammenhang sind sie gut. Werden sie aus dem richtigen Zusammenhang herausgeschoben, dann sind sie eben nicht mehr gut. Und weil man heute die Dinge so sehr leicht verdogmatisiert und verabsolutiert, so wird man bei einer solchen Auseinandersetzung, wie ich sie jetzt meine, sehr leicht mißverstanden; man wird sehr leicht so verstanden, als ob man eine Art Kritiker der Zeit sein wollte, ein Mensch, der die Zeit selbst kritisiert. Das will ich ganz und gar nicht sein, sondern ich will nur auf die Tatsachen hinweisen.

[ 24 ] Therefore, we see that in our time, behind all other forms of misery, there lies yet another, entirely different one. Nothing less than the struggle against the Spirit itself exists in our time—and will increasingly seek to assert itself, originating from certain circles. This struggle against the spirit is, in our time, promoted in the most eminent sense by what one might call the spirit of the age. I must say, it is quite difficult to speak about such matters as those we are now addressing; but on the other hand, it is also not enough merely to point to these things without calling them by their true names. For in the world, one cannot really say that anything is absolutely good or absolutely bad or evil; rather, it all depends on one’s point of view. Everywhere, it is a matter of recognizing things in such a way that one can say: In their proper place and in their proper context, they are good. If they are removed from their proper context, then they are simply no longer good. And because people today are so quick to dogmatize and absolutize things, one is very easily misunderstood in a discussion such as the one I have in mind; one is very easily perceived as if one were trying to be a kind of critic of the times—a person who criticizes the times themselves. That is not at all what I want to be; I merely wish to point out the facts.

[ 25 ] Eine Neigung vom Geiste weg nach dem Ahrimanischen — also eigentlich auch nach einem Geiste, aber nach einem Geiste, der erstorben ist, wo die Materie dem Menschen sich nur offenbart —, ein solches Streben lebt in unserer Zeit. Das Leben aber ist ungeheuer differenziert und wird immer differenzierter und differenzierter. Und wir könnten in der Gegenwart vieles anführen, das in der Differenzierung der einzelnen sozialen Verhältnisse uns aufmerksam machen würde, was für Impulse in der Gegenwart eigentlich leben, in was wir mitten darinnen stehen. Ich will zunächst zwei Impulse unserer Zeit erwähnen.

[ 25 ] A tendency away from the spirit and toward the Ahrimanic—that is, toward a spirit as well, but one that has died, where matter alone reveals itself to human beings—such a striving is alive in our time. Life, however, is immensely differentiated and is becoming ever more and more differentiated. And we could cite many examples in the present that, through the differentiation of individual social conditions, would draw our attention to the impulses that are actually at work today—the very impulses we are in the midst of. I would like to mention two such impulses of our time to begin with.

[ 26 ] Der eine Impuls ist der, welcher lebt in solchen Menschen, die hauptsächlich zusammenhängen mit dem Grund und Boden. Wir brauchen ja nur nach dem Osten zu gehen, so finden wir, wie die Menschen da immer mehr und mehr mit dem Grund und Boden zusammenhängen. Gehen wir mehr nach dem Westen, so finden wir mehr jene Verhältnisse entwickelt — der Mitteleuropäer hat ja gerade in dieser Richtung in den letzten Jahrzehnten eine rasend schnelle Entwickelung durchgemacht vom Hängen am Boden zum Emanzipieren vom Boden —, wir kommen immer mehr und mehr in die Verhältnisse des Emanzipierens vom Boden hinein. Die Landmenschen leben mit dem Boden zusammen, die Städter emanzipieren sich vom Boden, die Landmenschen werden Agrarier, die Stadtmenschen werden Industrielle. Agrarier, Industrielle, haben eine ganz andere Bedeutung bekommen in unserem Jahrzehnt als in früheren Zeiten. Ja, es ist schon schwer, wenn man solche Dinge auseinandersetzt, weil man sie verabsolutiert. Das ist aber nicht gemeint, sondern gemeint ist eine Charakteristik der Dinge. Beide Strömungen sind in der Menschheitsentwickelung, und wir alle stehen da mitten drinnen. Denn ob wir dieses oder jenes treiben: nach der einen oder anderen Seite hängen wir mit einer von diesen Menschheitsströmungen zusammen. Beide Strömungen in der Menschheitsentwickelung, gewiß, an sich sind sie gute, aber unter dem Einfluß der Impulse, wie wir sie in der Gegenwart haben, arten sie aus. Der Agrarier artet dazu aus, nicht bis zum Geiste herauf zu wollen, unter dem Geiste drunten zu bleiben, mit dem zu verwachsen, was noch nicht Geist ist, den Geist nicht zur Entfaltung kommen zu lassen. Der Industriemensch artet nach der anderen Seite aus; er verliert den Zusammenhang mit der Naturhandhabe des Geistes. Er lebt sich hinein in die bloße Abstraktion, in den bloßen abstrakten Begriff, in den verdünnten Begriff. Der Agrarier ist in unserer Zeit in Gefahr zu erstikken, weil die Welt, in die er sich einlebt, zu wenig Geist hat. Der Industrielle ist in der anderen Gefahr: er lebt gewissermaßen wie, wenn ich den physischen Vergleich gebrauchen darf, jemand, der in zu verdünnter Luft lebt. So lebt er in verdünntem Geiste, in abstrahiertem Geiste, in Begriffen, die gar nicht mehr zusammenhängen mit irgendeiner Wirklichkeit.

[ 26 ] One impulse is that which lives in people who are primarily connected to the land. We need only look to the East to see how people there are becoming more and more connected to the land. If we go further west, we find these conditions more fully developed—Central Europeans, in fact, have undergone a breakneck development in this very direction over the past few decades, moving from attachment to the land to emancipation from it—and we are entering more and more into conditions of emancipation from the land. Rural people live in harmony with the land, while city dwellers emancipate themselves from it; rural people become farmers, and city dwellers become industrialists. The terms “farmer” and “industrialist” have taken on a completely different meaning in our decade than in earlier times. Yes, it is indeed difficult to analyze such things, because one tends to treat them as absolute. But that is not the intention; rather, the aim is to characterize these phenomena. Both currents exist in human development, and we are all right in the midst of them. For whether we pursue this or that, we are connected—in one way or another—to one of these currents of human development. Both currents in human development—certainly, in and of themselves they are good—but under the influence of the impulses we face today, they degenerate. The agrarian degenerates into a refusal to rise up to the spirit, remaining below the spirit, becoming entangled with what is not yet spirit, and preventing the spirit from unfolding. The industrialist degenerates in the opposite direction; he loses touch with the spirit’s mastery of nature. He immerses himself in mere abstraction, in mere abstract concepts, in diluted concepts. In our time, the agrarian is in danger of suffocating because the world into which he immerses himself has too little spirit. The industrialist faces the opposite danger: he lives, so to speak—if I may use a physical analogy—like someone living in air that is too thin. Thus he lives in a diluted spirit, in an abstract spirit, in concepts that no longer have any connection to any reality.

[ 27 ] Das sind die Schattenseiten gerade in unserer Zeit auf der einen Seite des agrarischen Wesens, auf der anderen Seite des Industriewesens. Daher sehen wir, daß der Agrarier heute sehr leicht zum Hasser des Geistes wird. Weil man ja nicht stehenbleiben kann, ohne die Entwickelung mitzumachen, flieht man den Geist, bleibt man in der Natur drinnen, geht man unter die Natur hinunter. Man kommt dann mit denjenigen Dämonen in Beziehung, welche einen wirklich zum Hasser des Geistes machen, und kommt mit den richtigen ahrimanischen Dämonen in Beziehung und entwickelt dann Weltanschauungsbegriffe, die ganz von ahrimanischer Dämonologie durchzogen sind.

[ 27 ] These are the dark sides, especially in our time, of agrarian life on the one hand and industrial life on the other. That is why we see that the farmer today very easily becomes an enemy of the spirit. Since one cannot stand still without participating in progress, one flees from the spirit, remains within nature, and descends into nature. One then comes into contact with those demons that truly turn one into a hater of the spirit, and comes into contact with the very demons of Ahriman, and then develops worldview concepts that are entirely permeated by Ahrimanic demonology.

[ 28 ] Entwickelt man sich als ein Mensch, der ganz aufgeht im industriellen Leben, in der Abstraktheit der Begriffe, die dann folgt, so kommt man zu einer Art — aber jetzt nicht in Nietzscheschem Sinne — von Übermenschentum, das heißt, man kommt in die luziferische Welt hinein. Ahriman übergibt einen den luziferischen Gewalten, und man durchtränkt seine Kraft und seine Begriffe mit luziferischen Emotionen. Die Agrarier bekommen sehr leicht etwas Brutales; die industriellen Begriffe bekommen sehr leicht etwas abstrakt Draufgängerisches. Das sind ganz reale, konkrete Erscheinungen unserer Zeit.

[ 28 ] If one develops into a person who is completely absorbed in industrial life and in the abstract nature of concepts that follows from it, one arrives at a kind of—though not in the Nietzschean sense—superhumanity; that is, one enters the Luciferic world. Ahriman delivers one into the hands of the Luciferic forces, and one imbues one’s strength and concepts with Luciferic emotions. Agriculturalists very easily take on a brutal quality; industrial concepts very easily take on an abstract, reckless quality. These are very real, concrete phenomena of our time.

[ 29 ] Alle diese Dinge sind ernst, und sie zeigen uns, daß man eigentlich die Gegenwart nur verstehen kann, wenn man aus der Geisteswissenschaft kommende Begriffe zu Hilfe nimmt. Die Menschen müssen miteinander leben, aber sie können nur miteinander leben, wenn sie ihre Einseitigkeiten aneinander abschleifen, wenn sie einen Zusammenhang finden. Gewiß, es muß ebenso Agrarier wie Industrielle geben, aber weil in der Zeit, in der die Evangelien geschrieben sind, dies vorausgesehen worden ist, daß sich die Menschen differenzieren werden, ist mit Bezug auf die Agrarier mehr das Lukas-Evangelium, mit Bezug auf die Industriellen mehr das Matthäus-Evangelium geschrieben worden. Aber wir sollen nicht bloß das Lukas- und nicht bloß das MatthäusEvangelium, sondern wir sollen sie alle auf uns wirken lassen. Gescheite Leute — wobei ich «gescheit» in Gänsefüßchen setze —, «gescheite Leute» finden Widersprüche zwischen den Evangelien, weil sie nicht darauf achten, unter welchen Gesichtspunkten die Evangelien geschrieben sind, daß zum Beispiel der Schreiber des Lukas-Evangeliums geschrieben hat, indem er in seiner Seele fühlte dasjenige, was gerade im agrarischen Leben sich auslebte, daß der Schreiber des Matthäus-Evangeliums geschrieben hat, indem er in seiner Seele fühlte dasjenige, was gerade in den dem industriellen Leben angehörigen Seelen sich auslebt. Daß sich die Dinge in der Wirklichkeit widersprechen, aber in ihren Widersprüchen sich ergänzen, und daß wir nach Ergänzung suchen müssen, das ist dasjenige, worauf es ankommt. Aber dieses Suchen nach gegenseitiger Ergänzung ist nicht möglich, wenn man in der Einseitigkeit drinnen bleibt. Der Mensch wird sehr bald ähnlich demjenigen, was ihn umgibt, in dem er drinnen lebt, wenn er sich nicht zu verbinden sucht mit dem, was in keinem Einzelnen lebt, und das ist das gemeinschaftliche Geistige, das alle durchdringt, das aber nur wirklich in der Geisteswissenschaft heute gefunden werden kann. Nicht nur, daß es wahr ist, was Hartmann einmal als ein sehr nettes Aperçu gesagt hat: «Wenn man in eine Alpengegend kommt und schaut den Ochsen an und daneben den Bauer, — ein so großer Unterschied ist nicht in der Physiognomie» — das ist radikal ausgedrückt und ist sehr verletzend, aber man weiß, was damit gesagt werden sollte. Auf der anderen Seite tritt dadurch, daß in unserer Zeit die Menschen den Geist so sehr fliehen, eine innige Verwandtschaft ein zwischen der Seelenkonfiguration der einzelnen Menschen und demjenigen, in dem jene Menschen drinnen leben. Derjenige, der das Leben betrachten kann, der weiß ganz genau, wie die Begriffe eines Agrariers aus seinem Umgang mit der Bodenfläche und der Bodenarbeit gewonnen sind, und die Begriffe des Industriellen aus dem Umgang mit der industriellen Arbeit entstanden sind. Wie der Agrarier oder Industrielle über Politik oder Religion denkt: die Begriffe sind agrarische oder industrielle. Die Begriffe der Menschen, die also heute so furchtbar abhängig sind von der äußeren physischen Umgebung, müssen aufgelöst werden in dem, was die Geisteswissenschaft unter die Menschheit ausströmen kann.

[ 29 ] All these things are serious, and they show us that one can truly understand the present only by drawing on concepts derived from spiritual science. People must live together, but they can do so only if they smooth out their one-sidedness and find a common ground. Certainly, there must be farmers as well as industrialists, but because it was foreseen at the time the Gospels were written that people would differentiate themselves, the Gospel of Luke was written with farmers in mind, and the Gospel of Matthew with industrialists in mind. But we should not limit ourselves to just the Gospel of Luke or just the Gospel of Matthew; rather, we should allow them all to take effect within us. “Smart” people—and I put “smart” in quotation marks—find contradictions between the Gospels because they do not pay attention to the perspectives from which the Gospels were written—that, for example, the writer of the Gospel of Luke wrote while feeling in his soul what was unfolding in agrarian life at that time, and that the writer of the Gospel of Matthew wrote while feeling in his soul what was unfolding in the souls of those belonging to industrial life. The fact that things contradict one another in reality but complement one another in their contradictions, and that we must seek this complementarity—that is what matters. But this search for mutual complementarity is not possible if one remains trapped in one-sidedness. A person very quickly becomes like what surrounds them—the environment in which they live—if they do not seek to connect with that which dwells in no single individual; and that is the communal spiritual essence that permeates everyone, but which can truly be found today only in spiritual science. Not only is it true what Hartmann once said as a very apt observation: “When you come to an Alpine region and look at the ox and the farmer standing next to it—there isn’t such a great difference in their physiognomy”—this is expressed in radical terms and is very hurtful, but one knows what was meant by it. On the other hand, because people in our time flee from the spirit so much, an intimate kinship arises between the soul’s configuration of individual human beings and the environment in which those people live. Anyone who can observe life knows quite precisely how a farmer’s concepts are derived from his interaction with the land and agricultural labor, and how an industrialist’s concepts have arisen from his engagement with industrial labor. The way a farmer or industrialist thinks about politics or religion: their concepts are agrarian or industrial. The concepts of people who are so terribly dependent today on their external physical environment must be dissolved into what spiritual science can radiate out among humanity.

[ 30 ] So etwas fühlte ein solcher Denker wie African Spir ganz besonders. Denn, wenn er sagt: Alles Äußere ist ein Schein, ist eine Täuschung, — so hängt das damit zusammen, daß er fühlte aus der Selbstwahrnehmung seines Innern, wie die Menschen selber in ihrem inneren seelischen Erleben zum Schein werden, wie sie gar nicht mehr Wahrheit sind, weil sie zusammenwachsen mit dem, was äußerer Schein ist. Wie sollte aus dem Schein, in dem die Seele lebt, etwas werden, was sich zum Heile der Menschheit entwickeln kann? Wie sollten die Menschen anders als äußerlich aufeinanderplatzen in so furchtbarer Weise, wie es gegenwärtig der Fall ist, wenn sie sich ganz verstricken in die Dinge, die aufeinanderplatzen?

[ 30 ] A thinker like African Spir felt this particularly keenly. For when he says, “Everything external is an illusion, a deception”—this stems from the fact that he sensed, through his self-perception of his inner being, how human beings themselves become illusions in their inner spiritual experience, how they are no longer truth at all because they merge with what is external illusion. How could anything emerge from the illusion in which the soul lives that might develop for the healing of humanity? How could people avoid clashing with one another in such a terrible way, as is currently the case, if they become completely entangled in the very things that cause these clashes?

[ 31 ] Wir müssen schon, wenn wir nicht bloß dem Namen nach oder aus ein paar unbestimmten Gefühlen heraus, sondern im tiefsten Sinne des Wortes Geisteswissenschafter sein wollen, wir müssen schon gerade das Leben mit den Mitteln betrachten, die uns die Geisteswissenschaft heute gibt. Nirgends sieht man heute das Leben nach seiner wahren Gestalt betrachten, weil man überall den Geist flieht, und aus dem Ungeistigen heraus das Leben zur Entwickelung bringen will. Was nützt es, wenn man so im allgemeinen als eine abstrakte Wahrheit das in sich trägt, was Geisteswissenschaft sagt, und man dann, wenn man das äußere Leben betrachtet, ein ganz anderer Mensch ist und nicht anwendet dasjenige, was uns die Geisteswissenschaft gibt? Nicht bloß darauf kommt es an, daß man weiß: der Mensch besteht aus physischem Leib, Ätherleib, Astralleib und Ich und es gibt Ahriman und Luzifer, sondern darauf kommt es an, daß wir in echt wissenschaftlichem Sinne verwenden können diese Begriffe ahrimanisch, luziferisch, wie der Physiker verwenden kann die Begriffe positive und negative Elektrizität, wenn er diese Erscheinungen prüft.

[ 31 ] If we want to be spiritual scientists—not merely in name or out of a few vague feelings, but in the deepest sense of the word—we must view life precisely through the means that spiritual science provides us today. Nowhere today does one see life being viewed in its true form, because everywhere people flee from the spirit and seek to bring life to development from what is non-spiritual. What good is it if one generally holds within oneself, as an abstract truth, what spiritual science teaches, yet when observing external life, one is a completely different person and does not apply what spiritual science offers us? It is not merely a matter of knowing that the human being consists of a physical body, an etheric body, an astral body, and an “I,” and that there are Ahriman and Lucifer; rather, what matters is that we can use these terms—“Ahrimanic” and “Luciferic”—in a truly scientific sense, just as a physicist can use the terms “positive” and “negative” electricity when examining these phenomena.

[ 32 ] Wir schauen das Leben an, und für uns bleiben die Begriffe Agrarier und Industrieller nicht bloß abstrakte Begriffe, sondern sie beleben sich vom Innern des Denkens aus, indem wir sie mit den Begriffen luziferisch und ahrimanisch durchdringen, wie wir es eben getan haben. Gewiß, man tritt mit solchen Charakteristiken auf dünnes Eis, und die Menschen hören die Dinge heute nicht gern, aber die Menschen müssen sich gewöhnen, die Wahrheit zu hören. Ehe sie sich nicht gewöhnen, die Wahrheit zu hören, eher kommt kein Heil in unsere verworrene Zeit. Innig zusammen hängt schon das Begreifen des menschlichen Lebens mit dem, was Heil und Heilung den Übeln unserer Zeit bringen soll.

[ 32 ] We look at life, and for us the terms “agrarian” and “industrialist” are not merely abstract concepts; rather, they come to life from within our thinking as we imbue them with the concepts of “Luciferic” and “Ahrimanic,” just as we have just done. Certainly, one treads on thin ice with such characterizations, and people today do not like to hear such things, but people must get used to hearing the truth. Until they get used to hearing the truth, no salvation will come to our troubled times. The understanding of human life is already intimately connected with what is to bring salvation and healing to the evils of our time.