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Menschliche und menschheitliche Entwicklungswahrheiten
Das Karma des Materialismus
GA 176

31 Juli 1917, Berlin

Das Karma des Materialismus I

[ 1 ] Ich möchte immer wiederum versuchen, durch aphoristische Ergänzungen desjenigen, was den letzten Betrachtungen zugrunde lag, solche Dinge aufzusuchen, die zur Befestigung der bezüglichen Überzeugungen dienen können.

[ 2 ] In der Tat wird nur derjenige in richtigem Sinn unsere Zeit ihrer geistigen Wesenheit nach ins Auge fassen können, der die äußeren Ereignisse gewissermaßen als einen symbolischen Ausdruck — wenn der symbolische Ausdruck auch schwierig sein mag — von viel tieferen, geistigen Impulsen anzusehen vermag, die jetzt durch die Welt gehen; von Impulsen, über die uns eigentlich ja nur Geisteswissenschaft, unterrichten kann.

[ 3 ] Ich möchte heute ausgehen von einer interessanten Persönlichkeit des neunzehnten Jahrhunderts, von einer Persönlichkeit, welche als Denker zu betrachten außerordentlich anziehend ist, weil auch diese Persönlichkeit, wie so vieles andere, in einer eigentümlichen Art dasjenige spiegelt, was in unserer Zeit lebt beziehungsweise gerade auch dasjenige, was in unserer Zeit in gewissem Sinne erstorben ist. Ich will ausgehen von dem interessanten Denker African Spir, der 1890 gestorben ist. Nicht viele Menschen kennen den interessanten Denker African Spir, der in der Mitte der sechziger Jahre in Leipzig begonnen hat, daran zu denken, eine Art Weltanschauung seinen Mitmenschen zu geben, der damals mit freimaurerischen Kreisen in Berührung gekommen ist, ohne daß diese Berührung ihm, außer Äußerlichkeiten, etwas Besonderes gegeben hätte. Denn African Spir ist ein eigentümlicher Denker, und wenn wir ihn nur ein wenig betrachten werden, zunächst so, wie man ihn betrachten kann, wenn man sich etwas in seine Schriften hineinliest, von denen die bedeutendste 1873 erschienen ist und den Titel trägt: «Denken und Wirklichkeit», so könnte man ihn als einen Denker betrachten, der nicht viel von äußeren Anregungen des neunzehnten Jahrhunderts ausgegangen ist, sondern der eine eigentümliche innere Wesenheit in seinem Denken, seiner Weltanschauung zum Ausdruck bringt. Man muß ihn zunächst eben so betrachten, wie er sich ergibt, wenn man seine Schriften liest. African Spir kommt gewissermaßen, man möchte sagen, wie intuitiv zu einer, vielleicht sehr wenig genügenden, aber doch beträchtlichen Erkenntnis vom Denken. Die Natur des Denkens, die beschäftigt ihn. Was tut der Mensch, wenn er denkt? Wie steht der Mensch zur äußeren Wirklichkeit der Sinne und zu der inneren Wirklichkeit des seelischen Erlebens, wenn er denkt?

[ 4 ] Das Denken kann man ja nur dann in Wirklichkeit begreifen, wenn man es im Menschen als dasjenige ansieht, das überhaupt nicht der äußeren sinnlichen Welt angehört, sondern das seinem wahren Dasein — lassen Sie mich das Wort gebrauchen —, seiner wahren Wesenschaft nach, der spirituellen, der geistigen Welt angehört. Wir erleben schon die geistige Welt, wenn wir wirklich denken, nicht bloß nachdenken über die sinnliche Welt, sondern wenn wir wirklich denken. Es ist das Denken, das nicht ein bloßes Nachdenken der sinnlichen Welt ist, etwas, das dem Menschen schon die Frage vorlegen kann, weil, wenn sich der Mensch wirklich als Denkender weiß, er sich zu gleicher Zeit wissen muß in einer Welt, die jenseits von Geburt und Tod liegt. Es gibt nichts Gewisseres als dieses, daß, indem der Mensch denkt, er sich als Geistwesen betätigt, obwohl von dieser Gewißheit gewiß wenig Menschen eine hinreichende Ahnung haben. Darauf kam African Spir. Und er sagte sich: Wenn ich Gedanken bilde, wenn ich namentlich die höchsten Gedanken bilde, deren meine Seele fähig ist, dann fühle ich mich wie in einer festen, keinem Raum und keiner Zeit unterworfenen Welt. Ich fühle mich wie in einer ewigen Welt. — Das brachte sich African Spir zum Bewußtsein. Von diesem Punkte ausgehend sagte er: Schauen wir aber jetzt die Wirklichkeit an, die wir erleben, wenn wir die Natur auf uns wirken lassen und über die Natur nachdenken, oder schauen wir die Wirklichkeit an, in der sich die Menschen bewegen im Laufe der Geschichte oder innerhalb des sozialen Lebens, diese Welt stimmt nirgends überein mit unseren Gedanken. — So sagte sich Spir: Die Gedanken führen mich dahin zu erkennen, daß sie selbst als Gedanken in der Ewigkeit leben. In der äußeren Welt ist alles vergänglich. Das Irdische kommt, es geht dahin. Das stimmt mit keinem Gedanken überein. Mein Denken sagt mir — so gestand sich African Spir —, daß es unbedingt im Ewigen wurzelt, daher absolute Wirklichkeit ist. — Das war für ihn feststehend. Da aber die äußere Wirklichkeit, die wir erleben, nicht mit dieser Wirklichkeit des Denkens übereinstimmt, so ist diese äußere Wirklichkeit Schein, Täuschung. Und von diesem Gesichtspunkte aus kam in einer anderen Art als etwa das alte Indertum, auch als gewisse Mystiker, African Spir dazu, sich zu sagen: Alles dasjenige, was wir in Raum und Zeit erleben, ist Scheinwelt, ist eigentlich im Grunde genommen Täuschung. Und er sagte sich noch, um dies zu erhärten von einer anderen Seite her, etwa das Folgende: Die Menschen, überhaupt die lebendigen Wesen unterliegen dem Schmerz. Aber der Schmerz, der auftritt, er zeigt sich selbst nicht als das, was er eigentlich ist, denn er hat eine Kraft in sich zu seiner Überwindung, er will überwunden sein. Der Schmerz mag nicht da sein. Daher kann er keine Wahrheit sein. Daher muß er der Täuschewelt angehören, und dasjenige, was in ihm strebt, im Schmerze strebt nach der Schmerzlosigkeit, das muß die wahre Welt sein. Aber nirgends in der äußeren Täuschewelt ist eine völlig schmerzlose Welt. Daher ist wiederum in der äußeren Täuschewelt die wahre Welt gar nicht enthalten. Eingetaucht in den Schein, eingetaucht in den Schmerz ist die wahre, ist die seelische Welt. Daher erscheint es African Spir so, daß der Mensch nur dadurch zu einer innerlichen Befriedigung kommen kann, wenn er durch sein eigenes Entschließen, durch seine innere Tatkraft sich bewußt wird, daß er in sich eine ewige Welt trägt, die sich ihm im Denken ankündigt; sich ihm ankündigt in dem stetigen Streben nach der Überwindung des Schmerzes, ankündigt in dem Streben nach der Seligkeit. Nicht weil ihm, indem er sie anschaut, die äußere Welt als Scheinwelt erscheint, sagt Spir, sie sei eine Scheinwelt, sondern weil er die wahre Welt in seinem Denken unmittelbar zu ergreifen vermeint, und die äußere Welt mit diesem Denken nicht übereinstimmt, sagt er, sie sei Schein.

[ 5 ] Was liegt dem eigentlich zugrunde? Man kann Umschau halten, wenn man für feine Nuancen der Weltanschauungen einen Sinn hat, so findet man diese Nuance unter den verschiedensten Denkern des neunzehnten Jahrhunderts sonst nicht in dem Milieu, in dem Spir drinnen lebte. Was kann einer solchen Erscheinung zugrunde liegen?

[ 6 ] Betrachten wir einmal die ganze Erscheinung geisteswissenschaftlich, so müssen wir uns sagen: Indem wir die äußere sinnliche Welt um uns herum haben, auch die Welt der Geschichte, in der der Mensch lebt, auch die Welt des Sozialen, sind wir auf dem physischen Plan. Im Denken, das heißt, wenn wir wirklich im Denken leben, sind wir nicht mehr auf dem physischen Plan. Nur wenn wir über das äußerlich Sinnliche denken, wenden wir uns dem physischen Plane zu und verleugnen unsere eigene Natur. Wenn wir uns aber bewußt werden, was da eigentlich im Denken lebt, so müssen wir erfühlen, daß wir mit dem Denken in der geistigen Welt drinnen leben. Also indem er ergreift, ich möchte sagen, das Abstrakteste, das dem Menschen gegeben ist, das bloße Denken, fühlte Spir die entschiedene Grenzscheide zwischen der physischen und der geistigen Welt. Und im Grunde genommen konstatiert er nichts anderes als: Der Mensch gehört zwei Welten an, der physischen und der geistigen Welt, und beide stimmen nicht miteinander überein. Wie aus einem Elementaren in der Natur heraus, kommt Spir darauf: Es gibt eine geistige Welt. Er spricht das nicht so aus, aber indem er erklärt, daß alles dasjenige, was im Natur-, Geschichts- und sozialen Leben um uns herum ist, nur Schein ist, und nicht übereinstimmt mit einer Welt, die gegeben ist im Denken — wenn auch nur im abstrakten Denken uns gegeben ist, wenn auch nicht dem Schauen —, stellt er fest, daß diese zwei Welten durch eine scharfe Grenze voneinander geschieden sind.

[ 7 ] Wenn man dann näher eingeht auf die Art, wie Spir diese seine Weltanschauung darlegt, so findet man allerdings, daß sie dem Menschen des neunzehnten Jahrhunderts schwierig werden mußte. Man verstand ihn natürlich deshalb nicht. Er hatte ja, ich möchte sagen, wie in einem Punkt, nämlich in das Denken konzentriert, die ganze geistige Welt nur vorgetragen, von dem übrigen der geistigen Welt nichts gewußt, nur scharf betont, daß nach der Art, wie er das Denken erlebte, diese geistige Welt da ist, und daß die andere Welt nicht mit ihr übereinstimmt. Das hatte zur Folge, daß er sagte: Wir können schon die Wahrheit finden, aber niemals in der äußeren Welt. Die äußere Welt ist überhaupt unwahr; die äußere Welt ist unvollkommen. — Und in scharfer Weise betonte er das. Er fühlte sich unverstanden, trotzdem er nach seinem eigenen Ausspruch glaubte, daß diese seine Erkenntnis die bedeutendste Tat der Geschichte sei, denn sie zeige ein für allemal, daß in der äußeren Welt keine Wahrheit sein kann. Er fand kein Verständnis. Er griff sogar zu einem Auskunftsmittel: Er schrieb einen Preis aus, man solle ihn widerlegen. Um den Preis hat sich niemand beworben. Man hat nicht versucht, ihn zu widerlegen. Er hat alle Qualen, die der Denker durchleben kann durch das sogenannte Totschweigen, durchlebt. Er wurde, nachdem er lange in Tübingen, dann in Stuttgart gelebt hatte und wegen seiner Lungenkrankheit nach Lausanne verzogen ist, im Jahre 1890 in Genf begraben. Auf seinem Grabe liegt als Grabstein das Evangelium, ein in Stein nachgebildetes Buch, mit den Anfangsworten des Johannes-Evangeliums, das heißt: «Und das Licht schien in die Finsternis, aber die Finsternis hat es nicht begriffen.» Und dazu die Worte «fiat lux», die seine letzten Worte waren, die er gesprochen hat, bevor er dahingeschieden ist.

[ 8 ] Man könnte sagen: Die ganze Philosophie des African Spir ist etwas wie eine Ahnung. Und gerade wenn man sich einem solchen Denker naht, dann fühlt man, wie viele Menschen eigentlich im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts geahnt haben, daß so etwas wie die Geisteswissenschaft kommen müsse, aber durch die mannigfaltigen Verhältnisse des neunzehnten Jahrhunderts verhindert worden sind, selber an diese Geisteswissenschaft heranzukommen. Gerade African Spir ist ein solcher. Sehen Sie, liest man nur die Schriften dieses Denkers und bekümmert man sich nicht um sein Leben, dann steht man eigentlich ein wenig vor einem Rätsel, vor dem Rätsel, das sich auftut, wenn man sich frägt: Ja, wie kommt denn jemand so merkwürdig unbewußt dazu, mit solcher Entschiedenheit die geistige Welt zu betonen aus dem bloßen Denken heraus? Wie kommt denn jemand dazu, sich selber so geistig zu wissen, und sich so in der Wahrheit stehend zu wissen, daß er die äußere Welt einfach als die Unwahrheit definiert? Die Erklärung liegt in seinem Leben, sie liegt einfach darin, daß er 1837 in Rußland geboren ist und eigentlich African Alexandrowitsch heißt, daß er Russe ist, aber ein Russe, der nach Mitteleuropa hereinverpflanzt ist. Ein Russe, der mittel- und westeuropäische Weltanschauungen auf sich hat wirken lassen, und der in seiner Persönlichkeit einen wunderbaren Zusammenklang der russischen Persönlichkeitsnatur mit den west- und mitteleuropäischen Weltanschauungen darstellt. Er lernte eigentlich erst deutsch, als er Mitte der sechziger Jahre nach Leipzig kam, aber er hat dann seine Schriften in deutscher Sprache geschrieben. Und wenn wir daran denken, daß sich das Tableau der Menschheitsentwickelung so darstellt, daß in Westeuropa stufenweise lebt durch die einzelnen Menschen: die Empfindungsseele bei den südromanischen Völkern, die Verstandes- oder Gemütsseele bei den westromanischen Völkern, die Bewußtseinsseele bei den anglo-amerikanischen Völkern, das Ich bei den mitteleuropäischen Völkern, und das Warten auf das Geistselbst, das Geistselbst, möchte ich sagen, im Embryonalzustande, im Keim bei den russischen Völkern, den Osteuropäern, so kann man sagen: African Spir ist herausgeboren aus diesem Wesen, das in sich die Erwartung hat für die Entfaltung des Geistselbst. Das lebte schon in ihm, aber er brachte das alles, was da in ihm lebte, so zum Ausdruck, daß er es in die Formen der westeuropäischen Weltanschauung kleidete.

[ 9 ] Wenn einmal der osteuropäische Mensch von Europa seine Natur entwickelt haben wird, so wird es für ihn schlechterdings ein Unsinn sein, die äußere physische Welt der Tatsachen die Wahrheit zu nennen, denn er wird sich nicht bloß im Denken darinnen stehend finden, sondern im Geiste mit dem Geistselbst. Er wird sich als ein Bürger der geistigen Welt wissen, und es wird ihm als Unsinn erscheinen, zu sagen, der Mensch sei dasjenige, was einstmals die westlichen Völker als den Menschen angenommen haben. Das, was die westlichen Völker als den Menschen angenommen haben, was sie im Zusammenhang mit der Evolution aus dem Tierreiche gebracht haben, das wird er als Schale ansehen. So wie der osteuropäische Mensch von seinem Geistselbst aus mit der geistigen Welt, mit den Hierarchien, den Weg hinauf zu den Hierarchien macht, so macht der Westeuropäer den Weg zu dem Naturreiche hinunter. Das lebt schon als Instinkt, dieses Drinnenstehen in der geistigen Welt, in African Spir. Aber dieses instinktive Leben in der geistigen Welt, wie es in Osteuropa jetzt vorhanden ist, hat noch keine Möglichkeit, seine Weltanschauung auszudrücken; es wird erst seine Weltanschauung ausdrücken können, wenn es übernimmt diejenigen Vorstellungen, die in der Geisteswissenschaft in Mitteleuropa entwickelt werden können. Dann kann es sich mit seinen inneren Erlebnissen in diese Dinge kleiden.

[ 10 ] African Spir konnte sie noch nicht in die geisteswissenschaftlichen Vorstellungen kleiden, er kleidete sie deshalb in die Vorstellungen Spencers, Lockes, Kants, Hegels, Taines, das heißt, er kleidete sie in jene abstrakte Begriffswelt, die in Wirklichkeit doch nur ein Nachdenken der natürlichen Welt, jedoch kein Leben im Denken selber ist. Ich möchte sagen, daß dasjenige, was embryonal in African Spir lebte, wie erstorben ist in der westeuropäischen Kultur, aber so erstorben, daß man in den Sterbeformen noch erkennt, was eigentlich eingeflossen ist in diese Formen, was in diese Formen hinein erstorben ist. Deshalb ist er eine so interessante Übergangsfigur. Deshalb zeigt er so recht, wie es eine tiefe innere Wahrheit ist, was in der Geisteswissenschaft immer wieder und wiederum betont werden muß, daß eigentlich die europäische Bevölkerung wie ein auseinandergelegter Seelenmensch ist. Die westlichen Völker auseinandergelegt in Empfindungsseele, Verstandes- oder Gemütsseele und Bewußtseinsseele, die mitteleuropäischen Völker Ich-Seele, die osteuropäischen Völker Vorbereitung für das Geistselbst. Man kann sagen, daß einem heute vorschweben kann eine künftige Behandlung der Geschichtswelt. Die Geschichtswelt wird so ungenügend wie möglich in der Gegenwart eigentlich zur Darstellung gebracht. Man stellt immer die Tatsachen der Geschichte dar, aber diese Tatsachen als solche genommen sind nicht das Wesentliche. Wer bloß an die Tatsachen der Geschichte geht, gleicht einem Menschen, der den «Faust» vornimmt und die Buchstaben beschreibt, die Seite für Seite dastehen, aber es kommt jemandem, der wirklich den «Faust» kennenlernen will, nicht auf den Buchstaben an, sondern auf das, was er durch die Buchstaben kennen lernt. So wird einmal eine Geschichtsbetrachtung Platz greifen, der es geradesowenig auf die Tatsachen ankommt, wie es beim Lesen eines Buches auf die Beschreibung der Buchstaben ankommt, eine Betrachtung, welche lesen wird in den Tatsachen dasjenige, was hinter den Tatsachen der Geschichte steht, wie der «Faust» hinter den Buchstaben, die auf dem Papier vorhanden sind. Wenn das auch radikal gesagt ist, so deutet es doch auf das Richtige hin. Wenn man aber die Geschichte so betrachten wird, wird man sie als Symptomengeschichte auffassen, dann wird man so etwas wie African Spir als Symptom ansehen, wie ost- und mitteleuropäisches Wesen gerade in den Elementen der Seele ineinanderwachsen.

[ 11 ] Aber wie weit entfernt ist die Gegenwart von einer so gearteten Betrachtung des Lebens und der Geschichte! Man merkt aber erst recht, was dahinter steht, wenn man in einer tieferen Beziehung solche Dinge im Zusammenhang mit der Gegenwart in Betracht zieht. Keine Zeit hat so wie die unserige Raubbau getrieben mit den geistigen Erzeugnissen der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts und einem guten Teil der geistigen Erzeugnisse in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts. Man kann noch in einem viel höheren Sinne von einem vergessenen Tone im Geistesleben sprechen, als ich es in meinem Buche «Vom Menschenrätsel» getan habe. Die Geschichte des neunzehnten Jahrhunderts wird in der künftigen Zeit einmal völlig umgeschrieben werden müssen. Das hat schon Herman Grimm geahnt, als er sagte: Es wird eine Zeit kommen, in welcher die Geschichte der letzten Jahrzehnte völlig wird umgeschrieben werden, so daß diejenigen Großen, welche heute als solche erscheinen, sehr starke Kleinheiten werden und ganz andere Große auftauchen werden, die heute wie Vergessene da sind. — Wer darauf ausgeht, die wirkliche Geschichte des neunzehnten Jahrhunderts zu studieren, der merkt erst, was für eine Fable convenue die landläufige Geschichte des neunzehnten Jahrhunderts ist. Und insbesondere merkt man das, wenn man die wirkliche Wesenskraft des neunzehnten Jahrhunderts ins Auge fassen kann. Ich sagte: Raubbau getrieben hat unsere Zeit mit den geistigen Erzeugnissen des neunzehnten Jahrhunderts, denn es hat viele, viele Geister gegeben, welche vereinsamt geblieben sind in dieser Zeit, um die man sich nicht gekümmert hat, und African Spir ist gleich eine charakteristische Erscheinung innerhalb dieses neunzehnten Jahrhunderts. Ich will nicht sprechen vom großen Publikum, aber gerade diejenigen haben sich um African Spir nicht gekümmert, deren berufliche Aufgabe es gewesen wäre, sich um ihn zu kümmern. Solche Menschen sterben dann dahin, das heißt, sie gehen mit ihrer Seele in die geistige Welt hinein. Aber die Dinge dieser Welt, sie haben Wirkungen, von denen man, wenn man nur das gewöhnliche Dasein betrachtet, in der Regel wenig ahnt.

[ 12 ] Glauben Sie denn, daß es wirklich so ist, daß ein Denker, der dahingestorben ist wie African Spir, das heißt, dessen Seele durch die Pforte des Todes in die geistige Welt eingezogen ist, einfach nun verschwunden ist für diese Welt hier? Vergessen Sie nicht, daß die geistige Welt nicht in einem Wolkenkuckucksheim ist, daß, ebenso wie unser Leib durchzogen ist von dem Seelisch-Geistigen, die ganze Welt, in der wir leben, vom Seelisch-Geistigen durchzogen ist. Dieses Seelisch-Geistige ist da, das lebt um uns herum wie die Luft. Und verschwunden ist nicht dasjenige, was ein Denker in einem angestrengten Denker-Leben hier im physischen Leibe produziert hat, wenn er durch diePforte des Todes in die geistige Welt eingegangen ist. Verschwunden ist das nicht. Denn ein sehr Eigentümliches liegt vor: Ein Denker, der viel Beifall findet, ist in einer anderen Lage, als ein einsam bleibender Denker wie African Spir. Ein Denker, der Mode geworden ist, ist gewissermaßen mit seinen Gedanken fertig dann, wenn er durch des Todes Pforte gegangen ist. Ein Denker wie Spir ist nicht mit seinen Gedanken fertig, sondern etwas anderes tritt ein: er hütet seine Gedanken. Und damit sage ich Ihnen etwas sehr Bedeutungsvolles. Diese Gedanken sind da in der physischen Welt, geistig, und er hütet sie. Und dadurch, daß ein solcher Denker seine Gedanken hütet, gewissermaßen bei ihnen bleibt eine gewisse Zeit hindurch, die nach Jahrzehnten sich berechnet, dadurch entziehen sich die Gedanken den Menschen, die dann in dieser Zeit, während er seine Gedanken behütet, im physischen Leibe leben.

[ 13 ] Also stirbt ein Denker wie African Spir, so sind seine Gedanken bei ihm, und es ist nicht möglich für einen anderen, aus sich selbst heraus, so ohne weiteres zu diesen Gedanken zu kommen, welche der betreffende Denker gehegt hat. Daher entsteht für solche Gedanken ein unbewußtes Sehnen, das aber nicht befriedigt werden kann, ein Zustand, der sich so beschreiben läßt: Da sind Menschen, ihre Vorfahren haben einen solchen Denker einsam sterben lassen, um den sie sich nicht gekümmert haben. Der hat Gedanken gehabt, die sich hätten weiterentwickeln sollen, aber er hütet sie, läßt sie nicht unter die Menschen kommen, die Menschen spüren sie als unbestimmte Sehnsucht, sie können nicht zu ihnen kommen; dadurch entsteht viel Unbefriedigendes in solchen Menschen. In manchem Zeitalter, und insbesondere in unserem Zeitalter leben Menschen, zahlreiche Menschen, in unbefriedigter Sehnsucht nach Gedanken, zu denen sie nicht kommen können, weil diese Gedanken von unberücksichtigt gebliebenen Denkern behütet werden. Nun leben wir gerade in einem Zeitalter, wo das in einem hohen Grade der Fall ist, und wo es daher begreiflich ist, daß viel Unbefriedigtes da sein muß, einfach aus dem Grunde, weil im letzten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts solcher Raubbau getrieben worden ist, eine ganze Anzahl hochsinniger Denker gelebt haben, um die sich die Welt nicht gekümmert hat.

[ 14 ] Was ist da zu tun? Das ist ja natürlich die Frage, die eigentlich die bedeutungsvolle ist. Ja, sehen Sie, was da zu tun ist, das ist das, daß man eben von solch vergessenen Tönen im Geistesleben spricht. Und wenn ich einen solchen Denker wie African Spir mit ein paar Zügen hier vor Ihre Seelen hinstelle, so geschieht es nicht aus einem bloß theoretischen Grunde, um Ihnen etwas Interessantes zu erzählen, sondern um darauf aufmerksam zu machen: Unter uns ist eine geistige Welt von wirklichen Gedanken, die auch schon ein Denker gehegt hat; aber der Denker hütet die Gedanken. Wir müssen nur entwickeln ein gewisses pietätvolles Gefühl, ein gewisses Hinschauen zu dem Denker selbst, damit er sie uns herausgibt in einem gewissen Sinne, und wir durch sie befruchtet werden können. Deshalb ist es, daß ich gerne im Laufe der Betrachtungen auf solche vergessene Denker aufmerksam mache, weil dadurch eine Verbindung zu ihnen geschaffen wird, die eine Realität darstellt. Indem ich ein wenig das Bild des African Spir in Ihre Seelen hinein zeichne, wird etwas hergestellt, was in gewissem Sinne da sein soll zur Korrektur. Und das gehört unter die Aufgaben der Geisteswissenschaft.

[ 15 ] Die geistige Welt ist nicht etwas bloß Abstraktes, wie es der verschwommene Pantheismus meint, sondern sie ist etwas ebenso Konkretes wie die äußeren physisch-sinnlichen Tatsachen. Nicht dadurch redet man von der geistigen Welt, daß man Geist, Geist, Geist sagt, sondern dadurch, daß man auf die konkret vorhandenen Tatsachen der geistigen Welt hinweist. Unter diesen Tatsachen ist vor allem für unsere Zeit die, daß wir in uns lebendig machen können den Zusammenhang. mit vergessenen Geistern, deren Gedankenfrüchte auf diese Weise in unsere Seelen kommen können. Auf der anderen Seite werden diese Geister auch erlöst davon, weiter ihre Gedanken zu behüten.

[ 16 ] So ist es ein reales Tun, was wir vollbringen, wenn wir in dieser Weise und mit dieser Gesinnung von denjenigen Geistern sprechen, mit denen gerade die letzte Zeit einen solchen Raubbau getrieben hat. Und es wird gerade dadurch unserer Zeit etwas gegeben, wenigstens könnte unserer Zeit etwas gegeben werden, was ihr so not tut. Denn all das Denken, das nur ein Nachdenken ist, all das Denken, das in der landläufigen Weise über die Natur, die Geschichte, das soziale Leben denkt, all das Denken ist unfruchtbar, all dieses Denken hat eigentlich keine Aufgaben mehr, wenn es die äußere Welt erfaßt hat; es ist unfruchtbar. Daher gibt es heute so viele unfruchtbar denkende Leute, weil sie nur über äußere Wirklichkeiten oder über Geschichtswirklichkeiten denken wollen. Fruchtbar ist nur dasjenige Denken, welches als Inhalt die geistige Welt in sich aufnimmt. Der Gedanke ist wie eine Leiche, solange er nur im Nachdenken über die Natur oder Geschichte entstand, er wird erst lebendig und schöpferisch, wenn er erfüllt ist von dem, was durch die Hierarchien von der geistigen Welt in ihn hinunterströmt.

[ 17 ] Das aber, sehen Sie, dieses Sichverbinden im Denken mit der geistigen Welt, das liegt unserer Zeit nicht, das flieht sie geradezu. Unsere Zeit tut sich ungeheuer viel zugute auf die Pflege «wahrer Wissenschaft», die nun endlich gekommen ist, nachdem die Menschheit so lange auf einer Kindheitsstufe gestanden hat. Mit dieser wahren Wissenschaft, insbesondere da, wo aus der Naturwissenschaft heraus sich die Wissenschaft zu einer Weltanschauung gestalten soll, ist es zu sonderbaren Dingen gekommen. Mit dem Denken als solchem konnte diese Wissenschaft wirklich nichts Richtiges anfangen, denn sie zergliedert den Menschen, kommt bis zu wunderbaren Anschauungen über den Bau des Gehirns und dergleichen, über die menschlichen Funktionen und so weiter, aber das Denken ist in alle dem nicht drinnen. Daher ist das Denken als solches für diese Wissenschaft nach und nach etwas geworden — oh, man könnte schon sagen: das sie schon selbst wie eine Art Gespenst, vor dem sie sich fürchtet, empfindet. Insbesondere verhaßt sind daher der neueren Wissenschaft solche Denker, die viel gedacht haben, die im Inhalte ihrer Weltanschauung Gedanken haben, wie Hegel, Schelling, Jakob Böhme und andere Mystiker. Ja, die Leute haben gedacht — so sagt sich der moderne Naturforscher —, aber da ist man im Unsicheren. Er fühlt sich so nicht geheuer, wenn er aus der Welt heraus soll, die African Spir eine Scheinwelt, eine Welt der Täuschung nennt. Beim Denken ist es ihm nicht geheuer. Aber nun kann er nicht Wissenschaft begründen, wenn er nicht doch denkt. Das ist eine Zwickmühle. Das hat dazu geführt, daß einer der Herren, der sich ganz besonders als Vertreter moderner Wissenschaftlichkeit fühlte, bei einer Naturforscherversammlung folgenden Ausspruch tat, einen Ausspruch, der geradezu über der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts, wenn man dessen Geschichte schreibt, hingeschrieben werden sollte wie eine Art Devise, wie etwas, das viel charakterisiert. Da sagt der Betreffende: Wir Mediziner wollen zugestehen, daß auch die exakte strenge Wissenschaft, wie der gebildete Mensch überhaupt, das Denken nicht völlig entbehren kann. — So im neunzehnten Jahrhundert bei einer ernsten Naturforscherversammlung! Mit Bedauern wird der Satz hingestellt, daß man doch das Denken nicht ganz entbehren kann, nicht als Mediziner, überhaupt nicht als gebildeter Mensch. Also dieses Denken ist eigentlich etwas recht Fatales. Es versetzt einen sogleich, wenn man sich nur ihm nähert, in die Unsicherheit, aber man kann es nicht ganz entbehren!

[ 18 ] Solche Menschen fühlen gegenüber dem Hereinragen der geistigen Welt überhaupt etwas ganz Besonderes. Sie fürchten ja das Denken auch nur aus dem Grunde, weil sie spüren, daß da die geistige Welt im Denken hereinragt. Aber das wollen sie nicht, denn die geistige Welt, die gibt es ja gar nicht! Sie erinnern sich wohl, wie ich Ihnen auseinandergesetzt habe, welche Umwandelung mit dem Wesen des Genies im Laufe der Entwickelung vor sich gehen wird. Jedenfalls wird Sie aber diese Betrachtung dazumal darauf aufmerksam gemacht haben, daß man das Genie nur dann in seiner wahren Wesenhaftigkeit betrachtet, wenn man annimmt, daß durch das Genie mehr der Geist wirkt als durch das Nichtgenie. Wenn das Genie gerade mechanische Erfindungen macht, dann lassen es sich die Leute der Gegenwart gefallen, aber sonst haben sie auch die Sehnsucht, ihre Abneigung gegen den Geist gewissermaßen auf das Genie zu übertragen. Und in einer nicht uninteressanten Abhandlung eines Naturforschers über einen genialen Menschen finden Sie einen sehr merkwürdigen Satz. Nachdem der Naturforscher auseinandergesetzt hat, daß eigentlich ein genialer Mensch halb krank, halb verrückt ist, versteigt er sich zu dem Ausspruch: Danken wir alle Gott, daß wir keine Genies sind!

[ 19 ] Ja, diese Dinge muß man nehmen als Symptom für unsere Zeit. Man muß sie als Symptom nehmen, denn sie drücken doch den Charakter unserer Zeit sehr gut aus. Man hat so die Gewohnheit, über diese Dinge nur die Nase zu rümpfen oder sonst über sie hinwegzusehen, höchstens über sie zu lachen, weil man ihre ganze Tiefe nicht durchschaut; nicht durchschaut, daß das Elend unserer Zeit mit diesen Dingen zusammenhängt, und nicht durchschauen will, wie wenig in unserer Zeit die Menschen die Neigung haben, durch eine Verbindung mit der geistigen Welt die Ordnung in dieser Welt zu fördern. Sie lassen gewissermaßen die Verbindung mit der geistigen Welt ersterben, dadurch aber verlieren sie auch die Verbindung mit der Außenwelt, denn sie können dann auch nur die Schale der äußeren Welt betrachten. Daher kommt es auch, daß in unserer Zeit — und ich mache damit auf eine bedeutsame Erscheinung aufmerksam — etwas so Schlimmes zutage tritt da, wo sich die menschlichen Gedanken, wenn sie da sind, verbinden sollen mit der äußeren Wirklichkeit. Das hat zur Folge, daß die äußere Wirklichkeit ihren Gang geht, auch insofern die Menschen die äußere Wirklichkeit machen, und die Gedanken der Menschen ganz schön sein können — mancher Menschen natürlich —, aber die Außenwelt, insofern Menschen darin handeln, ist so geartet, daß sie Gedanken gar nicht annehmen will, nicht zugänglich ist für Gedanken. So sehen wir, daß es allmählich dazu gekommen ist, daß einzelne Menschen schöne Gedanken haben können, aber daß diese schönen Gedanken ein eigenes Leben für sich führen, und die äußere Wirklichkeit auch ein eigenes Leben für sich führt. Eine furchtbare Diskrepanz besteht zwischen dem, was in den Köpfen mancher Menschen heute vorgeht, und in dem, was in der um sie herum liegenden Wirklichkeit vorgeht, eine Disharmonie, die so groß ist, wie sie in keiner verflossenen Zeit war.

[ 20 ] Man glaubt immer, man übertreibe, wenn man solche Dinge vorbringt. Man übertreibt nicht, sondern man muß solche Dinge sagen, weil diese einfach wahr sind, und als einfache Wahrheit erkannt werden müssen. Überall, wo man anfaßt, merkt man dieses. Man kann nur nicht die Empfindung stark genug machen, um wirklich zu fühlen, was damit eigentlich gesagt ist.

[ 21 ] Nehmen Sie folgenden Fall, man könnte diesen Fall ins Tausendfache vermehren: Zwei Menschen reden 1909 in Rußland über die Beziehungen zwischen Rußland und Mitteleuropa, 1909, unmittelbar nach der österreichischen Annexion in Bosnien und der Herzegowina. Das Gespräch fand statt in derselben Zeit, in welcher die Wogen in Rußland ungeheuer hoch gingen, die eigentlich dahin zielten, schon damals, jenen furchtbaren Zustand herbeizuführen, der dann 1914 gekommen ist. Denn es hing ja an einem Faden, so wäre der Krieg, der 1914 ausgebrochen ist, schon 1909 ausgebrochen. An gewissen Kreisen Rußlands hing es wirklich nicht, daß er nicht damals ausgebrochen ist. Diesen Dingen muß man nur trocken ins Antlitz schauen. Zwei Menschen, ein Kroate und ein Russe, redeten also in dieser Zeit über das Verhältnis von Rußland namentlich zu Österreich. Das Gespräch führte dahin, daß der Russe, nachdem die beiden alle Möglichkeiten besprochen hatten, auf eine vernünftige Weise das Verhältnis zwischen Mittel- und Osteuropa zu ordnen, seine Anschauung in die Worte zusammengefaßt hat: Ein Krieg zwischen Rußland und Osterreich-Deutschland wäre nicht nur das Unmenschlichste, sondern auch das Unsinnigste. Diese Worte: Ein Krieg zwischen Rußland und Österreich-Deutschland wäre nicht nur das Unmenschlichste, sondern auch das Unsinnigste waren die Zusammenfassung von vernünftigen Gedanken über die soziale Struktur von Mittel- und Osteuropa. Also nicht etwa bloß aus der Emotion, dem Gefühl, sondern aus der, ich möchte sagen, weisheitsvollen Vernunft heraus gesprochene Worte. Man braucht nur den Namen des Russen zu nennen, der diese Worte 1909 gesprochen hat, um erhärtet zu finden, was vorhin auseinandergesetzt wurde; denn dieser Russe, der den Krieg in der Weise ablehnte — der 1909 nicht anders geworden wäre, als er 1914 geworden ist —, der Russe ist Lwow, derjenige, der dann der erste Ministerpräsident des ersten revolutionären russischen Ministeriums wurde, also derjenige, um den herum alle diese Dinge vorgegangen sind, die das Elend Europas in der Gegenwart ausmachen.

[ 22 ] Denken Sie sich, vor welchem Ereignis wir da stehen! Wir sehen die äußeren Ereignisses sich abspielen, und wir sehen Menschen mitten drinnen handelnd stehen, die ganz anders denken! Menschen stehen in diesen Ereignissen drinnen, die ganz vernünftig denken, aber die Ereignisse wachsen ihnen über den Kopf. Warum wachsen ihnen diese Ereignisse über den Kopf? Weil versäumt worden ist, die Gedanken mit dem geistigen Element zu verbinden. Diejenigen Gedanken, die nicht mit dem geistigen Element verbunden sind, die sind nicht wirksam in der Welt. Nur diejenigen Gedanken sind wirksam in der Welt, die mit dem Geistigen in der Welt verbunden sind. Ist es denn nicht heute geradezu ein Dogma — wenn es auch nicht in der Form ausgesprochen wird —, daß derjenige, der sich im äußeren sozial-politischen Leben betätigt, ja nicht zu den Denkern gehören darf! Es ist ein Fehler, wenn er Gedanken entwickeln kann. Denn ein Mensch, der Gedanken entwickelt, den hält man für einen unpraktischen Menschen, der nichts von der Wirklichkeit versteht. Während nur die wirklichen Gedanken in die Wirklichkeit eingreifen können, und niemals diejenigen Gedanken, die von denen kommen, die man heute als der Wirklichkeit gewachsen hält. Oder sollte es denn wirklich vernünftig sein, daß für einen großen Politiker ein Mensch ausersehen wird, der sich besonders gut aufs Angeln versteht, mehr als einer, der denken kann? «Flyfishing» heißt das Buch, das über das Angeln Sir Edward Grey geschrieben hat, «Flyfishing», das Angeln mit der Fliege, und das war im Grunde genommen dasjenige, was seine ganze Seele ausfüllte. Ich habe schon einmal erwähnt: Ein Ministerkollege von ihm hat einmal nicht mit Unrecht gesagt: Der Grey ist so furchtbar konzentriert, weil er niemals einen eigenen Gedanken hat, der ihn von der Konzentration abhalten kann, sondern immer dasjenige aufnimmt, was ihm die anderen eingeben. — Dieser Ministerkollege hat wohl das Richtige getroffen. Also diejenigen Menschen, die sich gut verstehen auf das Flyfishing, die sollen sich nach den Auffassungen unserer Zeit auf die Politik verstehen; aber ein Fehler soll es sein, wenn jemand Gedanken hat. Aber gerade diese Anschauung ist diejenige, die in unseren Tagen Schiffbruch gelitten, die sich als die unmögliche erwiesen hat. Denn sie hat zu alle dem geführt, was ich wiederholt und auch heute wiederum auseinandergesetzt habe.

[ 23 ] Seien wir uns nur klar darüber: Dasjenige, was heute als fähig angesehen wird, Staatswissenschaft, Staatskünstlerisches aufzubauen, ist unfähig, solche aufzubauen. Warum denn? Wenn wir nachdenken über die Welt, und nur nachdenken will ja unsere Zeit, das will sie bloß haben, was ich vor vielen Jahren — Sie können darüber nachlesen in meinem Buche «Goethes Weltanschauung» — Tatsachenfanatismus genannt habe; vor einer noch größeren Anzahl von Jahren habe ich es in meiner Einleitung zu Goethes Naturwissenschaftlichen Schriften in Kürschners Nationalliteratur «Dogmatismus der Erfahrung» genannt. Diejenigen, die solches Denken entwickeln, das bloßes Nachdenken der natürlichen Geschehnisse oder der geschichtlichen Ereignisse oder des äußeren sozialen Lebens ist, die entwickeln Gedanken, welche lediglich ahrimanische sind. Deshalb brauchen sie nicht unrichtig zu sein, aber sie sind ahrimanisch. Ahrimanisches muß in der Welt sein. Der gesamte Inhalt der Naturwissenschaft ist ahrimanisch. Er wird erst seiner ahrimanischen Natur entkleidet, wenn er belebt wird, wenn das Denken sich loslöst von dem bloßen Nachdenken, wenn es schöpferisches Denken wird, wenn es durchdrungen, durchflossen wird von dem, was in den geistigen Welten lebt. Will man soziale Gesetze formen, Rechtsgesetze formen, und man stützt sich auf bloßes Nachdenken, so stützt man sich ja bloß auf Ahrimanisches. Ahrimanisches führt aber immer, da wo es nicht sein soll, zur Ertötung desjenigen, in dem es lebt; zum Ersterben, zum Auflösen. Das Heil unserer Zeit kann nur dadurch entstehen, daß gerade mit Bezug auf alles, was das soziale Leben befruchten soll, das Rechtsleben, das Staatsleben, daß mit Bezug auf das alles solche Gedanken eingreifen, die in lebendigem Zusammenhang mit der geistigen Welt stehen. Das aber wollen heute noch wenig Menschen glauben. Denn was müßten sie dann glauben, diese Menschen? Man merkt, wenn man den Menschen heute vom Geiste spricht, daß sie sich wehren. Was sie dann im Bewußtsein haben, das will nicht viel besagen, was aber im Unterbewußten, im Unbewußten lebt, das will recht viel besagen. Was im Unterbewußten lebt, das ist nämlich ein unbewußtes schlechtes Gewissen, ein richtiges schlechtes Gewissen. Die Menschen wollen sich nicht gestehen, daß sie Totes denken, Ahrimanisches denken. Und daher lassen sie es nicht bis zu dem Gedanken kommen. Denn in dem Augenblick, wo man sich zum lebendigen Ergreifen der geistigen Welt aufschwingt mit dem Denken, in diesem Augenblick muß man eben gewahr werden, daß man Ahrimanisches denkt. Davor fürchtet man sich aber. Furcht ist es, was die Menschen heute davon abhält, sich vom bloßen Nachdenken zum produktiven Denken zu erheben, was allein da sein kann, wenn es inspiriert ist — mag es auch unbewußt inspiriert sein — von den geistigen Welten aus.

[ 24 ] Daher sehen wir, daß in unserer Zeit hinter allem übrigen Elend noch ein ganz anderes lebt. Nichts Geringeres lebt in unserer Zeit, und wird immer mehr leben wollen, von gewissen Kreisen ausgehend, als der Kampf gegen den Geist selbst. Dieser Kampf gegen den Geist, der wird in unserer Zeit im eminentesten Sinne gefördert durch dasjenige, was man den Zeitgeist nennen könnte. Ich muß sagen, es ist recht schwierig, über solche Dinge zu reden, wie diejenigen sind, auf die wir da kommen; aber auf der anderen Seite ist es auch nicht genügend, auf die Dinge bloß hinzudeuten und sie nicht bei ihrem wahren Namen zu nennen. Denn in der Welt kann man eigentlich nicht sagen: Irgend etwas ist absolut gut oder absolut schlecht oder böse, sondern es kommt überall auf den Gesichtspunkt an. Überall kommt es darauf an, die Dinge so zu erkennen, daß man sich sagen kann: An ihrem richtigen Ort und in ihrem richtigen Zusammenhang sind sie gut. Werden sie aus dem richtigen Zusammenhang herausgeschoben, dann sind sie eben nicht mehr gut. Und weil man heute die Dinge so sehr leicht verdogmatisiert und verabsolutiert, so wird man bei einer solchen Auseinandersetzung, wie ich sie jetzt meine, sehr leicht mißverstanden; man wird sehr leicht so verstanden, als ob man eine Art Kritiker der Zeit sein wollte, ein Mensch, der die Zeit selbst kritisiert. Das will ich ganz und gar nicht sein, sondern ich will nur auf die Tatsachen hinweisen.

[ 25 ] Eine Neigung vom Geiste weg nach dem Ahrimanischen — also eigentlich auch nach einem Geiste, aber nach einem Geiste, der erstorben ist, wo die Materie dem Menschen sich nur offenbart —, ein solches Streben lebt in unserer Zeit. Das Leben aber ist ungeheuer differenziert und wird immer differenzierter und differenzierter. Und wir könnten in der Gegenwart vieles anführen, das in der Differenzierung der einzelnen sozialen Verhältnisse uns aufmerksam machen würde, was für Impulse in der Gegenwart eigentlich leben, in was wir mitten darinnen stehen. Ich will zunächst zwei Impulse unserer Zeit erwähnen.

[ 26 ] Der eine Impuls ist der, welcher lebt in solchen Menschen, die hauptsächlich zusammenhängen mit dem Grund und Boden. Wir brauchen ja nur nach dem Osten zu gehen, so finden wir, wie die Menschen da immer mehr und mehr mit dem Grund und Boden zusammenhängen. Gehen wir mehr nach dem Westen, so finden wir mehr jene Verhältnisse entwickelt — der Mitteleuropäer hat ja gerade in dieser Richtung in den letzten Jahrzehnten eine rasend schnelle Entwickelung durchgemacht vom Hängen am Boden zum Emanzipieren vom Boden —, wir kommen immer mehr und mehr in die Verhältnisse des Emanzipierens vom Boden hinein. Die Landmenschen leben mit dem Boden zusammen, die Städter emanzipieren sich vom Boden, die Landmenschen werden Agrarier, die Stadtmenschen werden Industrielle. Agrarier, Industrielle, haben eine ganz andere Bedeutung bekommen in unserem Jahrzehnt als in früheren Zeiten. Ja, es ist schon schwer, wenn man solche Dinge auseinandersetzt, weil man sie verabsolutiert. Das ist aber nicht gemeint, sondern gemeint ist eine Charakteristik der Dinge. Beide Strömungen sind in der Menschheitsentwickelung, und wir alle stehen da mitten drinnen. Denn ob wir dieses oder jenes treiben: nach der einen oder anderen Seite hängen wir mit einer von diesen Menschheitsströmungen zusammen. Beide Strömungen in der Menschheitsentwickelung, gewiß, an sich sind sie gute, aber unter dem Einfluß der Impulse, wie wir sie in der Gegenwart haben, arten sie aus. Der Agrarier artet dazu aus, nicht bis zum Geiste herauf zu wollen, unter dem Geiste drunten zu bleiben, mit dem zu verwachsen, was noch nicht Geist ist, den Geist nicht zur Entfaltung kommen zu lassen. Der Industriemensch artet nach der anderen Seite aus; er verliert den Zusammenhang mit der Naturhandhabe des Geistes. Er lebt sich hinein in die bloße Abstraktion, in den bloßen abstrakten Begriff, in den verdünnten Begriff. Der Agrarier ist in unserer Zeit in Gefahr zu erstikken, weil die Welt, in die er sich einlebt, zu wenig Geist hat. Der Industrielle ist in der anderen Gefahr: er lebt gewissermaßen wie, wenn ich den physischen Vergleich gebrauchen darf, jemand, der in zu verdünnter Luft lebt. So lebt er in verdünntem Geiste, in abstrahiertem Geiste, in Begriffen, die gar nicht mehr zusammenhängen mit irgendeiner Wirklichkeit.

[ 27 ] Das sind die Schattenseiten gerade in unserer Zeit auf der einen Seite des agrarischen Wesens, auf der anderen Seite des Industriewesens. Daher sehen wir, daß der Agrarier heute sehr leicht zum Hasser des Geistes wird. Weil man ja nicht stehenbleiben kann, ohne die Entwickelung mitzumachen, flieht man den Geist, bleibt man in der Natur drinnen, geht man unter die Natur hinunter. Man kommt dann mit denjenigen Dämonen in Beziehung, welche einen wirklich zum Hasser des Geistes machen, und kommt mit den richtigen ahrimanischen Dämonen in Beziehung und entwickelt dann Weltanschauungsbegriffe, die ganz von ahrimanischer Dämonologie durchzogen sind.

[ 28 ] Entwickelt man sich als ein Mensch, der ganz aufgeht im industriellen Leben, in der Abstraktheit der Begriffe, die dann folgt, so kommt man zu einer Art — aber jetzt nicht in Nietzscheschem Sinne — von Übermenschentum, das heißt, man kommt in die luziferische Welt hinein. Ahriman übergibt einen den luziferischen Gewalten, und man durchtränkt seine Kraft und seine Begriffe mit luziferischen Emotionen. Die Agrarier bekommen sehr leicht etwas Brutales; die industriellen Begriffe bekommen sehr leicht etwas abstrakt Draufgängerisches. Das sind ganz reale, konkrete Erscheinungen unserer Zeit.

[ 29 ] Alle diese Dinge sind ernst, und sie zeigen uns, daß man eigentlich die Gegenwart nur verstehen kann, wenn man aus der Geisteswissenschaft kommende Begriffe zu Hilfe nimmt. Die Menschen müssen miteinander leben, aber sie können nur miteinander leben, wenn sie ihre Einseitigkeiten aneinander abschleifen, wenn sie einen Zusammenhang finden. Gewiß, es muß ebenso Agrarier wie Industrielle geben, aber weil in der Zeit, in der die Evangelien geschrieben sind, dies vorausgesehen worden ist, daß sich die Menschen differenzieren werden, ist mit Bezug auf die Agrarier mehr das Lukas-Evangelium, mit Bezug auf die Industriellen mehr das Matthäus-Evangelium geschrieben worden. Aber wir sollen nicht bloß das Lukas- und nicht bloß das MatthäusEvangelium, sondern wir sollen sie alle auf uns wirken lassen. Gescheite Leute — wobei ich «gescheit» in Gänsefüßchen setze —, «gescheite Leute» finden Widersprüche zwischen den Evangelien, weil sie nicht darauf achten, unter welchen Gesichtspunkten die Evangelien geschrieben sind, daß zum Beispiel der Schreiber des Lukas-Evangeliums geschrieben hat, indem er in seiner Seele fühlte dasjenige, was gerade im agrarischen Leben sich auslebte, daß der Schreiber des Matthäus-Evangeliums geschrieben hat, indem er in seiner Seele fühlte dasjenige, was gerade in den dem industriellen Leben angehörigen Seelen sich auslebt. Daß sich die Dinge in der Wirklichkeit widersprechen, aber in ihren Widersprüchen sich ergänzen, und daß wir nach Ergänzung suchen müssen, das ist dasjenige, worauf es ankommt. Aber dieses Suchen nach gegenseitiger Ergänzung ist nicht möglich, wenn man in der Einseitigkeit drinnen bleibt. Der Mensch wird sehr bald ähnlich demjenigen, was ihn umgibt, in dem er drinnen lebt, wenn er sich nicht zu verbinden sucht mit dem, was in keinem Einzelnen lebt, und das ist das gemeinschaftliche Geistige, das alle durchdringt, das aber nur wirklich in der Geisteswissenschaft heute gefunden werden kann. Nicht nur, daß es wahr ist, was Hartmann einmal als ein sehr nettes Aperçu gesagt hat: «Wenn man in eine Alpengegend kommt und schaut den Ochsen an und daneben den Bauer, — ein so großer Unterschied ist nicht in der Physiognomie» — das ist radikal ausgedrückt und ist sehr verletzend, aber man weiß, was damit gesagt werden sollte. Auf der anderen Seite tritt dadurch, daß in unserer Zeit die Menschen den Geist so sehr fliehen, eine innige Verwandtschaft ein zwischen der Seelenkonfiguration der einzelnen Menschen und demjenigen, in dem jene Menschen drinnen leben. Derjenige, der das Leben betrachten kann, der weiß ganz genau, wie die Begriffe eines Agrariers aus seinem Umgang mit der Bodenfläche und der Bodenarbeit gewonnen sind, und die Begriffe des Industriellen aus dem Umgang mit der industriellen Arbeit entstanden sind. Wie der Agrarier oder Industrielle über Politik oder Religion denkt: die Begriffe sind agrarische oder industrielle. Die Begriffe der Menschen, die also heute so furchtbar abhängig sind von der äußeren physischen Umgebung, müssen aufgelöst werden in dem, was die Geisteswissenschaft unter die Menschheit ausströmen kann.

[ 30 ] So etwas fühlte ein solcher Denker wie African Spir ganz besonders. Denn, wenn er sagt: Alles Äußere ist ein Schein, ist eine Täuschung, — so hängt das damit zusammen, daß er fühlte aus der Selbstwahrnehmung seines Innern, wie die Menschen selber in ihrem inneren seelischen Erleben zum Schein werden, wie sie gar nicht mehr Wahrheit sind, weil sie zusammenwachsen mit dem, was äußerer Schein ist. Wie sollte aus dem Schein, in dem die Seele lebt, etwas werden, was sich zum Heile der Menschheit entwickeln kann? Wie sollten die Menschen anders als äußerlich aufeinanderplatzen in so furchtbarer Weise, wie es gegenwärtig der Fall ist, wenn sie sich ganz verstricken in die Dinge, die aufeinanderplatzen?

[ 31 ] Wir müssen schon, wenn wir nicht bloß dem Namen nach oder aus ein paar unbestimmten Gefühlen heraus, sondern im tiefsten Sinne des Wortes Geisteswissenschafter sein wollen, wir müssen schon gerade das Leben mit den Mitteln betrachten, die uns die Geisteswissenschaft heute gibt. Nirgends sieht man heute das Leben nach seiner wahren Gestalt betrachten, weil man überall den Geist flieht, und aus dem Ungeistigen heraus das Leben zur Entwickelung bringen will. Was nützt es, wenn man so im allgemeinen als eine abstrakte Wahrheit das in sich trägt, was Geisteswissenschaft sagt, und man dann, wenn man das äußere Leben betrachtet, ein ganz anderer Mensch ist und nicht anwendet dasjenige, was uns die Geisteswissenschaft gibt? Nicht bloß darauf kommt es an, daß man weiß: der Mensch besteht aus physischem Leib, Ätherleib, Astralleib und Ich und es gibt Ahriman und Luzifer, sondern darauf kommt es an, daß wir in echt wissenschaftlichem Sinne verwenden können diese Begriffe ahrimanisch, luziferisch, wie der Physiker verwenden kann die Begriffe positive und negative Elektrizität, wenn er diese Erscheinungen prüft.

[ 32 ] Wir schauen das Leben an, und für uns bleiben die Begriffe Agrarier und Industrieller nicht bloß abstrakte Begriffe, sondern sie beleben sich vom Innern des Denkens aus, indem wir sie mit den Begriffen luziferisch und ahrimanisch durchdringen, wie wir es eben getan haben. Gewiß, man tritt mit solchen Charakteristiken auf dünnes Eis, und die Menschen hören die Dinge heute nicht gern, aber die Menschen müssen sich gewöhnen, die Wahrheit zu hören. Ehe sie sich nicht gewöhnen, die Wahrheit zu hören, eher kommt kein Heil in unsere verworrene Zeit. Innig zusammen hängt schon das Begreifen des menschlichen Lebens mit dem, was Heil und Heilung den Übeln unserer Zeit bringen soll.