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Menschliche und menschheitliche Entwicklungswahrheiten
Das Karma des Materialismus
GA 176

7 August 1917, Berlin

Das Karma des Materialismus II

[ 1 ] Ich sagte, daß ich aphoristische Ergänzungen zu mancherlei bringen wollte, das in der letzten Zeit betrachtet worden ist. Diese Betrachtungen gingen ja vorzugsweise darauf hinaus, zu zeigen, was gegenüber den geistigen Zeitströmungen, gegenüber dem Grundcharakter der geistigen Zeitströmungen vonnöten ist. Sie gingen darauf hin, zu zeigen, wie aus der Geisteswissenschaft, wie wir sie hier meinen, dasjenige kommen könne, was einfließen muß in das Denken, Fühlen und Wollen der Zeit. Denn daß solches einfließen muß, das könnte ja heute schon manchen auch aus einer oberflächlichen, aus einer äußeren Betrachtung der Zeitereignisse klar sein.

[ 2 ] Beginnen möchte ich damit, zu zeigen, wie einem, ich möchte sagen, heute auf Schritt und Tritt entgegenkommt dasjenige, was durch Geisteswissenschaft allein geheilt werden kann. Ich könnte ja, um dies zu zeigen, zu zeigen in Verbindung mit mancherlei in der letzten Zeit Gesagtem, selbstverständlich auch irgend etwas anderes herausgreifen; ich will einen Aufsatz, der in den letzten Tagen hier in einer Berliner Zeitung erschienen ist, herausgreifen, und der überschrieben ist «StaatsPhysiologie». Es ist ja notwendig, wenn man eine Betrachtung der Zeit anstellt, auf solche Symptome wohl zu achten, denn in ihnen spricht sich ja aus die Art und Weise, wie die Zeitgenossen denken, fühlen, was sie wollen und dergleichen. Wenn man sich nicht in einer einseitigen Weise bloß in eine Polemik oder dergleichen über einen solchen Aufsatz ergeht, sondern wenn man ihn betrachtet wie herausfließend aus der ganzen Natur und dem ganzen Wesen unseres Fühlens und Denkens, so kann man an einer solchen Erscheinung gar mancherlei zeigen. Der Aufsatz hat zum Verfasser Max Verworn, den ich hier oftmals genannt habe, Max Verworn, der in seinem Fache als höchste Autorität geltende Max Verworn. Und Verworn, der berühmte Professor der Physiologie, setzt sich zur Aufgabe, zu zeigen, wie die Politik beeinflußt werden müsse durch dasjenige Denken, an das er gewöhnt ist. Man kann sich das schon denken, es ist fast selbstverständlich, denn wie sollte nicht jeder glauben, daß sein Denken das beste sei, und daher gerade sein Denken als dasjenige anempfehlen, nach dem sich die wichtigsten Angelegenheiten der Zeit zu richten haben. Nun, wenn man diesen Aufsatz «Staats-Physiologie» durchliest, bekommt man ein eigentümliches Gefühl. Zunächst erinnert einen dieser Aufsatz wiederum einmal daran, wie unrecht diejenigen haben, die da glauben, daß der krasseste Materialismus aus der Wissenschaft heute schon vertilgt sei. Manche sagen das, manche, die gerade vollständig in den Klauen dieses Materialismus sind, und nur weil sie sich ein paar Begriffe hingezimmert haben, die sie als Philosophie anschauen, glauben sie, den Materialismus überwunden zu haben. Wie wenig sie den Materialisimus überwunden haben, das zeigen einige Sätze dieses Aufsatzes einer der naturwissenschaftlichen Autoritäten der Gegenwart. Wir brauchen nur solche Sätze vor unsere Seele zu führen: «Die Tierwelt stellt den allgemeineren Begriff vor, der auch den speziellen Fall des Menschen mit einschließt, sowie die Tierwelt selbst wieder einen speziellen Fall des noch umfassenderen Begriffs der Organismenwelt bildet.» Das heißt: Will man etwas wissen über den Menschen, so wendet man sich an die Tierwelt; will man etwas wissen über die Tiere, so wendet man sich an den allgemeinen Begriff des Organismus. Jedenfalls findet diese bedeutende Autorität, daß man vor allen Dingen die Verhältnisse im politischen Leben studieren müsse nach dem Muster, wie man studiert, das heißt, wie er, der Professor Max Verworn, die Verhältnisse innerhalb der Tierwelt studiert. Denn er entdeckt das Bedeutsame:

[ 3 ] «Diese Tatsache kann heute» — nämlich daß der Mensch dieser spezielle Fall der Tierwelt ist — «niemand mehr verkennen, der nicht an der gesamten Entwickelung der Biologie ahnungslos vorbeigegangen ist. Der Mensch steht der übrigen Tierwelt nur insofern gegenüber, als er sich von ihr durch gewisse besondere Merkmale unterscheidet, zum Beispiel auch durch seine Kulturproduktion, aber deshalb ist und bleibt er doch ein tierischer Organismus, der in seinem gesamten Verhalten den allgemeinen Gesetzen unterworfen ist, die jeden tierischen Organismus beherrschen.» — Man kann schon sagen: dies ist, mehr oder weniger ausgesprochen, trotz aller Gegendeklamationen dennoch die Grundüberzeugung der heutigen offiziellen Wissenschaft. Und wenn sie auch theoretisch mit dieser oder jener Bemerkung oftmals darüber hinausgeht, so muß man sich dennoch klar sein darüber, daß die ganze Art und Weise des Denkens, die ganze Art und Weise Wissenschaft zu treiben, heute in dem Lichte einer solchen Betrachtungsweise steht. Und die Konsequenz ist, daß Verworn dazu kommt, zu sagen, «man könne sich davon überzeugt halten, daß unsere ganze Kulturentwickelung nichts anderes ist als ein spezieller Fall der organischen Entwickelung überhaupt.» — Also alles das, was unsere Kulturentwickelung einschließt, ist ein spezieller Fall der organischen Entwickelung überhaupt. Das heißt: studieren wir, wie das Tier frißt, wie es verdaut, wie es sich nach und nach entwickelt, wie die einzelnen Zellen im tierischen Organismus miteinander arbeiten und übertragen wir dann diesen Begriff auf das Leben der Familie, der Korporationen, sonstiger kleinerer Organismen im großen Organismus Staat, so haben wir eine richtige Grundlage für eine theoretische Politik, im Sinne Verworns. «Wir werden nur gesund denken auf diesem Gebiet», meint er, «wenn wir versuchen, den «politischen Staat » — wie er ihn nennt «uns zu denken als einen großen Organismus.» — Denn er findet, daß, wenn man die Zellen und Zellenverbände, die sich vorfinden in einem tierischen Organismus, betrachtet — und seiner Ansicht nach ist der menschliche Organismus nichts anderes als der tierische Organismus —, daß sie dann in einem solchen Zusammenhang stehen, gegenseitig voneinander abhängig sind und so weiter, wie die einzelnen Körperschaften innerhalb eines politischen Staates. Nun, meint Verworn, unterliege die tierische Organisation zunächst der Entwickelung. Die Entwickelung stellt er sich allerdings in einer eigentümlichen Weise vor. Er sagt: «Eine allgemeine Eigentümlichkeit alles Lebendigen ist die Tatsache der Entwickelung.» Worin besteht bei ihm aber die Entwickelung? Die Entwickelung besteht bei ihm darin, daß sich dasjenige, was er Organismus nennt, an die Lebensverhältnisse anpaßt. Entwickelung ist also dasjenige, was entsteht, indem das Organische, das Lebewesen, sich an die Lebensverhältnisse änpäßt. Ja, nun stolpert er ja gleich in den ersten Spalten, denn da sagt er: «Eine der niederen Organismen, zum Beispiel die Amöbe ist ja zweifellos auch schon ihren Lebensbedingungen angepaßt, sonst würde sie ja nicht lebensfähig sein, sondern zugrunde gehen.» — Nun entsteht der Haken: Der niederste Organismus ist schon den Lebensverhältnissen angepaßt; warum entwickelt er sich denn weiter, wenn er doch angepaßt ist, wenn Entwickelung die Anpassung an die Lebensverhältnisse ist? Sehen Sie, in der Verwertung der Begriffe und Vorstellungen kennt dasjenige, was heute Wissenschaft ist, nicht einmal die allerersten Anfangsimpulse, die in uns sein müssen, denn es würde sofort der ganze Begriff der Entwickelung zerfallen, wenn man solch einen Satz ernst nehmen würde, wie Verworn ihn hier selber ausspricht. Aber das hindert nicht, nachdem er diesen ausgesprochen hat, einen anderen darauf zu bauen: «Ein Vergleich der verschiedenen Organisationsstufen, die wir in der Organismenwelt finden, zeigt uns nun, daß die zunehmende Vervollkommnung besteht in der immer reicheren und besseren Ausgestaltung der physiologischen Mittel zur Erhaltung des Lebens bei den verschiedenartigsten Änderungen der Lebensbedingungen.» Aha! während die Amöbe, der niederste Organismus, schon angepaßt ist an die Lebensbedingungen und daher nicht nötig hat, sich zu entwickeln, konstruiert Verworn den Begriff dahin, daß er sagt: Es soll aber immer besser angepaßt werden. Woher kommt denn ein solcher Impuls des BesserAnpassens? Es ist kein Grund vorhanden in der Amöbe, denn «wenn sie nicht angepaßt wäre, müßte sie zugrunde gehen», sagt er selbst. Das heißt: Die Leute sind in jedem Augenblick bereit, solches Zeug auszusprechen und das gesamte Publikum ist darauf dressiert — weil man ja gar nicht autoritätsgläubig ist —, solche Gedanken-Bocksprünge in aller Geduld hinzunehmen und sie für den Ausfluß großer Wissenschaft zu halten und darauf allerlei anderes Zeug zu bauen. Mit solchen Begriffen wird nun gearbeitet auf dem Gebiete der Physiologie. Im einzelnen schadet es nicht viel, denn das, was die Physiologie zu verarbeiten hat, hat man unter dem Mikroskop. Wenn man die Tatsachen erzählt, kann man noch so falsche Begriffe aufbauen, man kann die schönsten Entdeckungen machen, weil das, was man unter dem Mikroskop hat, die Entdeckungen zeigt; man kann ein großer Physiologe sein und kann ein Dummkopf in bezug auf die Verarbeitung von irgendwelchen Begriffen sein. Aber der Schaden wird ungeheuer, wenn man dann die Prätention hat, zu glauben, daß man solche Begriffe, deren Torheit nicht zutage tritt, wenn man die Objekte vor sich hat, in das sozialpolitische Leben einführen könne, wo die Begriffe selbst das Richtunggebende sein müssen, wo sie, wenn sie sich verwirklichen, zur verwirklichten Torheit werden. Das ist eines, was in Betracht gezogen werden muß, wo die große Lebenstragik beginnt.

[ 4 ] Derjenige, der ein wenig etwas weiß von der geistigen Entwickelung der Gegenwart, der muß freilich erstaunt sein über die Ignoranz, über die Unwissenheit, die gerade bei bedeutenden Forschern heute herrscht. Gedankenlosigkeit auf der einen Seite, Unwissenheit auf der anderen Seite. Denn von einer berühmten Autorität tritt einem solch eine Forderung entgegen, wie ich es charakterisiert habe. Man fragt sich vergeblich: Weiß ein solcher Herr nicht, daß der Versuch vor nicht so langer Zeit, aus ebenso unklaren Begriffen heraus allerdings, gemacht worden ist? Man nehme sich die drei Bände Schäffles, des einstigen österreichischen Ministers: «Bau und Leben des sozialen Körpers.» Da wurde versucht, den Staat nach dem Muster des Zellenorganismus zu denken. Die Sache ist also schon gemacht und hat Fiasko erlebt. Es ist derselbe Schäffle, der dann ein Buch geschrieben hat, welches betitelt ist «Die Aussichtslosigkeit der Sozialdemokratie», worauf Hermann Bahr als ganz junger Mann eine Gegenschrift geschrieben hat: «Die Einsichtslosigkeit des Herrn Schäffle.»

[ 5 ] Das ist die Unwissenheit, daß man heute immer wieder und wiederum an derselben Stelle anfängt, ohne zu ahnen, daß derlei Dinge längst Fiasko gemacht haben. Würde man nicht einen allgemeinen Einfall einfach so hinwerfen, so würde man, bevor man einen solchen Gedanken hat, so etwas vornehmen wie Schäffles Werk «Bau und Leben des sozialen Körpers». Man kann fragen: Wie kommt denn Verworn überhaupt dazu, diesen Gedanken zu fassen? Das ist nun ganz besonders interessant. Denn, sehen Sie, einmal, vor nicht zu langer Zeit, vor ein paar Jahrzehnten, hat Virchow über den Aufbau des menschlichen Organismus, überhaupt des tierischen Organismus sprechen wollen. Im tierischen Organismus sind verschiedene Zellensysteme, die zusammengehören, zusammenarbeiten. Was hat er getan, um einen Begriff zu haben, eine Vorstellung, die zusammenfaßt diese einzelnen Zellensysteme? Nun, Virchow hat, um einen Begriff, ein Wort dafür zu bekommen, den tierischen Organismus einen «Zellenstaat» genannt. Das heißt, er hat den Begriff des Staates genommen, wie er um uns herum liegt, und hat den tierischen Organismus mit dem Staate verglichen. Was tut Verworn? Weil Virchow den Begriff des Staates genommen hat, um den tierischen Organismus zu charakterisieren, macht Verworn sich wiederum daran — nachdem nun der Begriff des Staates hineingenommen ist —, diesen Staat wiederum herauszuklauben, und vom tierischen Organismus aus nun die ganze Geschichte auf den Staat anzuwenden. Ist das nicht wie eine Geschichte des berühmten Münchhausen, der sich am eigenen Schopf in die Höhe zieht?

[ 6 ] Das ist die Gedankenlosigkeit, nur ein Beispiel der Gedankenlosigkeit, die Sie heute auf Schritt und Tritt finden. Der eine macht sich an den Staat und trägt ihn in den Organismus hinein, der andere trägt wiederum den Organismus in den Staat hinein. Für diejenigen Menschen, die immer nur das eine mitmachen, und keinen Begriff haben davon, wann einmal irgend etwas hineingetragen ist, was der andere wieder herausholt, für diese Menschen wird die Sache allerdings undurchsichtig. Aber so ist die Sache. Die Menschen suchen heute unter dem Einfluß all der populären Anleitungen, die aus dieser «großen Wissenschaft» kommen, festen, sicheren Lebenshalt, und können ihn nicht finden. Die Seelen verlieren sich. Warum verlieren sich diese Seelen? Weil ihnen die Wissenschaft solche Münchhausenschen Helden darbietet, die allerdings nicht gut stehen können. Solche Begriffe werden als Einfälle einfach hingeworfen. Würde man im einzelnen auf die Dinge eingehen, würde man auch nur sich die Mühe nehmen, wiederum zurückzugehen zu seinen eigenen Begriffen, um diese dann anzuschauen, dann würde man finden, was man zuweilen für Tollheiten sagt. Also zum Beispiel: «Es besteht ein Abhängigkeitsverhältnis einer Zellenorganisation von der anderen. Die besteht nicht in einer Geltendmachung der Macht der einen Zellenart zur Unterdrückung der anderen, sondern in einer Förderung ihrer spezifischen Eigenart im Interesse der sozialen Gesamtheit und damit wieder jedes einzelnen Individuums.» Er meint jetzt den Organismus. Bei den Zellenverbänden soll es so sein, daß die beiden in Abhängigkeit sind, daß das eine das andere aber ganz besonders fördert. Und wie sich die Zellensysteme im Organismus gegenseitig fördern, das soll man nun als Musterbild hinstellen für einen Gedanken, der eine Staatsstruktur geben soll. Man soll zum Beispiel den Gedanken fassen, daß die Gehirnzellen, also ein Zellenverband, die Blutzellen, um tätig sein zu können, brauchen, aber sie ganz in ihren Dienst stellen. Was würde herauskommen, wenn man in einem Staatsorganismus etwas Ähnliches schaffen würde, wie den Gebrauch der Blutzellen durch die Gehirnzellen und dergleichen? Also die Sache ist so gedankenlos, daß man nur irgendwo mit einer Einzelheit anzufangen braucht, und man sieht sofort: man hat es zu tun mit einem ganz tollen Einfall, mit einem wahnsinnigen beziehungsweise schwachsinnigen Einfall; doch Schwachsinn ist ja nur ein spezieller Fall des Wahnsinns. Das Beste aber ist wohl dieses, daß Herr Verworn findet, daß, so wie sich die einzelnen Zellverbände zueinander verhalten, die einzelnen Staatsteile sich verhalten sollen, denn dann käme das richtige heraus von dem, was er den Begriff der Freiheit nennt.

[ 7 ] «Das ist ein ungemein wichtiges Prinzip und ein genaues Studium der speziellen Wege, welche die Entwickelung des tierischen Zellenstaates in dieser Richtung eingeschlagen hat, vermag uns eine Richtung zu geben für entsprechende Organisationsfragen im sozialen Organismus des politischen Staates. Vor allem wird hier der Begriff der «individuellen Freiheit: auf seine natürliche und einzig richtige Fassung gebracht und von dem törichten Beiwerke befreit, das so üppig an ihm emporgerankt ist.» Also der Begriff der Freiheit soll dadurch gefunden werden, daß man zum Beispiel studiert, wie die Gehirnzellen die Blutzellen brauchen — die Blutzellen haben nämlich ihre Freiheit gegenüber den Gehirnzellen! Er möchte nun die Sache durchführen. Das Nervensystem sieht er an als das, was im Organismus ist für den Verwaltungsapparat im Staate. Der oberflächlichste Vergleich, der sich nur überhaupt bieten kann. Die Nerven gehen nach den Sinnesorganen hin. Wenn man nun wirklich vergleichen würde: Wo sind nun die Augen, wo sind die Ohren des Staates?

[ 8 ] Treibt man Geisteswissenschaft, dann kommt man zu überragenden, zu übergeordneten Begriffen; die sind dann anwendbar auf dasjenige, was in geistigen Zusammenhängen ist, und auch auf dasjenige, was in einem solchen Zusammenhang ist, wie der tierisch-menschliche Organismus. Aber wenn man seine Begriffe — und noch dazu in einer solchen Weise, wie es hier geschehen ist — in einseitiger Weise nur vom menschlichen Organismus nimmt, dann kann man überhaupt nimmermehr zu irgend etwas kommen.

[ 9 ] Aber das schönste ist, daß die Gedankenlosigkeit geradezu himmelschreiend wird. Das sieht man zum Beispiel an einem solchen Satz: «Dieser Zustand wird aber in der organischen Entwickelung des tierischen Zellenstaates erst vollkommener erreicht auf einer weiteren Etappe durch das Prinzip der Zentralisation. Das ist nur möglich, wenn die Arbeit der einzelnen Zellen und Zellengruppen je nach dem momentanen Bedürfnis regulatorisch geleitet wird von einer zentralen Stelle aus, die imstande ist, die Bedürfnisse auf Grund ihrer Informationen zu beurteilen.» Das heißt ungefähr, das Gehirn informiert sich bei den anderen Zellengruppen. Und Verworn führt die kindischesten Begriffe ein. So wie wenn das Gehirn Boten ausschickte zum Magen und dergleichen. Also hier wird die Gedankenlosigkeit eine himmelschreiende Tatsache.

[ 10 ] Was ist nach Verworn Kultur? Die Ohren kann man sich verstopfen, um nicht zu hören, die Augen kann man sich verbinden; man denke sich einmal hypothetisch, es könne sich jemand den Verstand verstopfen, dann könnte man ungefähr eine solche Definition von Kultur geben: «Die Mittel, die sich der Mensch für diese vollbewußte Stellungnahme zu den Vorgängen in seiner Umgebung selbst geschaffen hat, und die er als Mittel seiner Anpassung an alle Vorkommnisse in seinem Leben benutzt, bilden in ihrer Gesamtheit seine Kultur: denn die Kultur ist nichts anderes, als die Gesamtheit der vom Menschen selbst geschaffenen Werte zur Erhaltung und Förderung seines Lebens.» Also die Kultur ist die Gesamtheit der von Menschen geschaffenen Werte zur Erhaltung und Förderung des Lebens. Man muß den Verstand verstopft haben, denn zweifellos hängt es auch mit der Kultur zusammen, daß man heute so vorzügliche Mordinstrumente hat. Man schaue sich den ganzen Prozeß an, in den die Kultur da hineingelaufen ist, und definiere einmal, daß das alles geschaffen ist von Menschen zur Erhaltung und Förderung des Lebens. Würde jemand diesen Teil der Kultur etwa so schildern, daß er geschaffen ist zur Bedrängung und Vernichtung des Lebens, dann würde er von einem Teil der Kultur wenigstens das Richtige aussagen. Man muß also den Verstand verloren haben, um solche Worte zusammenzustellen. Aber das ist doch auf Schritt und Tritt so zu finden in dem, was heute sich Wissenschaft nennt. Und dann kommt solche Wissenschaft und findet: «Die Produktion von Kulturwerten ist aber durchaus nicht bloß eine physiologische Funktion des einzelnen Individuums, sondern sie ist zum großen Teil eine spezifische Funktion des politischen Staates, nämlich insofern, als viele Kulturwerte überhaupt nicht von einem einzelnen Individuum, sondern als soziale Leistung durch das Zusammenwirken zahlreicher Einzelindividuen hervorgebracht werden können. Der politische Staat ist also als Ganzes ebenso ein Kulturorganismus wie der einzelne Mensch.

[ 11 ] Nach alle dem liegen die engen Beziehungen der Politik zur Physiologie auf der Hand, und es wird Zeit, daß man daraus die praktischen Folgerungen zieht, indem man in der Politik den physiologischen Grundlagen des menschlichen Staates Rechnung trägt und sich für alle organisatorischen Probleme des Staatslebens Rat holt beim lebendigen Organismus.» Besser gesagt, meint natürlich Verworn, bei Verworn, nach dem was er ja weiß über den menschlichen Organismus.

[ 12 ] Ja, man muß manchmal solche Symptome herausholen, denn sie sind ja dasjenige, dem die heutige Menschenseele ausgesetzt ist. Diese unglückselige Menschenseele der Gegenwart, die gerne etwas wissen möchte über die Art und Weise, wie sie selber hineingestellt ist in diesen großen Weltorganismus, und der man dann von der Art und Weise, wie sie in den großen Weltorganismus hineingestellt ist, derlei Dinge erzählt. Es ist deshalb außerordentlich schwierig, sich heute überhaupt mit einer großen Anzahl von Menschen, die gerade tonangebend sind auf dem wissenschaftlichen Gebiet, auch nur irgendwie zu verständigen, denn kann man sich überhaupt nur dem Wahn hingeben, daß so jemand wie Verworn auch nur die allergeringsten elementaren Sachen aus der Geisteswissenschaft irgendwie verstehen kann? Daran ist ja gar nicht zu denken. Nur daran ist zu denken, daß Geisteswissenschaft durch ihre eigene Kraft immer mehr und mehr Menschenseelen tragen muß, damit dann überwunden werden solche wissenschaftlichen Torheiten mit ihren ungeheuerlichen Prätentionen. Widerlegen oder sich verständigen ist da aussichtslos. Hier kann es sich nur um Überwindung handeln, indem eine genügend große Anzahl von Menschen verstehen lernt, wohin die Menschheit geführt wird, wenn noch weiterhin dasjenige, was sich heute Wissenschaft nennt, tonangebend bleiben darf und sich gar hineinnisten darf in diejenigen Lebensimpulse, in denen die Begriffe selber Gestalt gewinnen, Tatsachen werden. Es ist eine sehr ernste Sache, die durchaus ernst ins Auge gefaßt werden muß. Die Gedankenlosigkeit zum Beispiel, sie liegt schon in den allerersten Anfängen. Wo man hinsieht, überall tritt einem die Sache entgegen. Und das möchte man so gerne erreichen, daß eine genügend große Anzahl von Menschen da wäre, welche das, was einem sozusagen jeden Tag dreimal ins Haus geschickt werden kann, betrachtet mit dem Geiste, der jetzt ein wenig charakterisiert worden ist.

[ 13 ] Gerade auf die richtige Bewertung dieser Dinge kommt ungeheuer viel an. Man liest eine berühmte Rede von Virchow. Wie geht man heute vor? Virchow ist ein berühmter Mann, ein ungeheuer bedeutender Mann gewesen. Man stellt sich von vornherein — autoritätsgläubig ist man heute ja nicht — auf den Standpunkt: Ja, was ein so berühmter Mann sagt, ist selbstverständlich ein Dogma; das muß absolut stimmen. Aber sagen wir, es stimmt einmal. Dann kann man auch noch eine Torheit begehen, wenn man dieses Stimmen wiederum nicht in der richtigen Weise zu seiner Vorstellungskonsequenz weiterleitet. Da gab es einmal auf einer Münchener Naturforscherversammlung von Haeckel und von Virchow eine Rede über die Freiheit der Wissenschaft und ihrer Lehren. Virchow sprach sich darüber aus, daß man nicht aus der Entwickelungslehre weitere Schlüsse ziehen solle. Er hatte manches Berechtigte gegen Haeckel gesagt, sich vor allen Dingen gewendet dagegen, daß man den Darwinismus sogleich in die Schule hineintragen soll, wo er doch nur dazu dienen könne, Mucken in die Gemüter der Menschen zu setzen. In dieser Rede kann man den folgenden Satz lesen:

[ 14 ] «Das, was mich ziert, ist die Kenntnis meiner Unwissenheit. Das ist das Wichtigste, daß ich genau weiß, was ich von Chemie nicht verstehe. Wüßte ich das nicht, dann würde ich allerdings immer hin und her schaukeln.» Nun, das ist schön, wenn der Virchow gesteht, daß er weiß, daß er von Chemie nichts versteht. Aber diejenigen, die Virchowianer sind, werden es zwar ablehnen, in chemische Dinge sich einzulassen, weil sie sagen, daß sie nichts davon verstehen, aber sie werden jeden für einen Narren oder Phantasten halten, der zur Geisteswissenschaft sich bekennt. Würden sie dasjenige, was Virchow selber in bezug auf die Chemie gesagt hat, auf die Geisteswissenschaft ausdehnen, so würden sie sagen: Es ist das Wichtigste, daß ich genau weiß, was ich von der Geisteswissenschaft nicht verstehe. Aber da handeln sie nicht so. Da ist vor allen Dingen eine gleiche Gesinnung nicht vorhanden. Also auch bei den Dingen, die gesagt werden, handelt es sich darum, daß man die richtigen Konsequenzen zu ziehen vermag.

[ 15 ] Das neunzehnte Jahrhundert war in vieler Beziehung dennoch groß, aber man muß dasjenige, was in ihm groß war, in der richtigen Weise verstehen. Und man muß vieles von dem, was jetzt allgemeines Menschheitsschicksal ist, in Zusammenhang bringen mit der Entwickelung des neunzehnten Jahrhunderts. Haltlose Seelen, Seelen, die sich nicht zurechtfinden in der Welt, sie sind jetzt sehr zahlreich. Es sind zumeist Seelen, welche aus einem instinktiven Bedürfnis heraus nach etwas anderem dürsten als ihnen nach den traditionellen Überlieferungen gebracht wird; Seelen, die sich in vielem umgeschaut haben, die aber irgend etwas, von dem sie verspüren würden, daß es ihnen sicheren Halt gibt, nicht finden können. Was braucht der Mensch, um — ich will nicht sagen, um in einem Augenblick einen sicheren Halt zu bekommen, das haben wir ja genügend zurückgewiesen in den letzten Betrachtungen hier, das ist nicht möglich, so wie man sich nicht durch eine Mahlzeit für das ganze Leben ernähren kann —, was braucht der Mensch, um auf einem sicheren Wege zu gehen? — das ist vielleicht besser gesagt. Nun, was er vor allen Dingen braucht, das ist das Bewußtsein des Drinnenstehens im Weltenall. Alle Schwachheiten der Seele, alle Unbefriedigtheiten der Seele, sie kommen aus dem seelischen Sich-allein-Fühlen, aus dem Sich—nicht—drinnenstehend—Fühlen in der Welt. Es ist gewissermaßen die große Frage des Lebens: Wie stehe ich in der Welt darinnen? — Es ist zunächst recht abstrakt ausgesprochen, aber in diesem abstrakten Satze liegt ungeheuer Bedeutungsvolles, liegt ungeheuer viel, es liegt das tiefste menschliche Schicksal darin.

[ 16 ] Wenn heute aber der Mensch bei den naturwissenschaftlichen Vorstellungen anfragt, um eine Befriedigung zu erlangen für die Frage: Wie stehe ich im Weltenall darinnen? — da gibt ihm im besten Falle diese naturwissenschaftliche Weltanschauung die Möglichkeit, eine Antwort zu bekommen auf die Frage, wie der physische Leib in der ganzen Entwickelung, im ganzen Weltenall drinnen steht. Das kann man ja bis zu einem gewissen Grade heute wissen, wie der physische Leib im Weltenall drinnen steht. Aber nichts, auch nicht das allergeringste sagt diese naturwissenschaftliche Weltanschauung über das Darinnenstehen der Seele oder gar des Geistes im Weltenall. Vergleichen Sie die geisteswissenschaftliche Entwickelungslehre mit der naturwissenschaftlichen Entwickelungslehre von heute. Die naturwissenschaftliche Entwickelungslehre führt auf tierische Gebiete — wie man sich die Vorstellung macht, mag Nebensache sein —, Geisteswissenschaft stellt den menschlichen Leib in das ganze Weltenall hinein. Geisteswissenschaft führt uns zurück durch die verschiedenen Phasen der irdischen Entwickelung, der Mondenentwickelung, der Sonnenentwickelung bis zur Saturnentwickelung, und sie zeigt uns, daß dasjenige, was in uns als Menschen seelisch—geistig lebt, zur Zeit der Saturnentwickelung schon veranlagt war. Vom ganzen Physischen war dazumal überhaupt nichts vorhanden als Wärmezustände. In Zusammenhang werden wir gebracht mit Wärmezuständen der Ururzeit, die durchwogt und durchwellt war von den einzelnen Wesenheiten der Hierarchien, die heute noch um uns leben. In ein Weltenall werden wir hineingestellt, worinnen Geist und Seele stehen. Das ist der große Unterschied. Geisteswissenschaft stellt unsere Seele und unseren Geist in ein großes All hinein, das sie im einzelnen zu beschreiben vermag. Sie allein kann daher der Seele dasjenige geben, ohne das sich die Seele selbst vernichtet denken muß. Und die Unbefriedigtheiten, die Haltlosiigkeiten der heutigen Seelen, sie sind nur der Reflex des heutigen Denkens. Das Denken erklärt nur den menschlichen Leib als im Weltenall drinnenstehend. Es übersieht die Seele. Das ist der eine Aspekt. Der andere ist der, daß sich die Seele nun auch nicht erfühlt, daß sie nichts an sich hat, an das sie sich selber halten kann. Das verhindert aber, daß die Seelen in sich Gemütsstärke finden; das kann nicht kommen, ohne daß wir zu Vorstellungen gelangen über das Weltenall, die den Menschen enthalten in seinem Seelisch-Geistigen, so wie die naturwissenschaftlichen Vorstellungen den physischen Menschen enthalten als einen Teil des physischen Weltenalls in seiner physischen Entwickelung.

[ 17 ] Dazu ist es notwendig, daß der Mut, der sich heute in äußeren Dingen in so glorioser Weise zeigt, nun wirklich auch auftritt in bezug auf das menschliche Innere. Denn vor dem Verfolgen des inneren Lebens erweist sich die heutige Seele des Menschen ganz und gar nicht mutig. Es ist überall ein Zurückweichen vor dem geistigen Inhalte der Welt. Und das führt dann zu so unzähligen Beispielen von Seelenhaltlosigkeiten, die uns heute überall begegnen. Es ist freilich vieles notwendig, wenn die vertrackten Vorstellungen der Gegenwart einmal gesunden Vorstellungen weichen sollen. Es sind ja heute noch immer auf der einen Seite, sagen wir, die atomistischen Vorstellungen vorhanden, wenn man auch von der alten Klotzatomistik übergegangen ist zu der heutigen Ionen- und Elektronenatomistik. Aus Atomen besteht dasjenige, was wir um uns haben. Das meint die heutige Weltanschauung. Und viele stellen sich ja vor, alles müßten sie zurückführen auf kleinste atomistische Gebilde. Ja, so stellen sich die Menschen dasjenige vor, was sie den Stoff nennen, Stoff: aus kleinsten Teilen, aus Atomen bestehend. Manche, sogar die größere Zahl, fügt dann zu dem Stoff noch die Kraft hinzu, daß Stoffteile sich anziehen und abstoßen; aber dann glauben sie sich genug getan zu haben. Und wir haben ja im neunzehnten Jahrhundert gesehen, die ganze bedeutungsvolle Periode durch die Entwickelung der Menschheit ziehen, die ihren klassischen Ausdruck gefunden hat in all den Werken, welche das Weltenall erklärt haben aus dem Aufbau von Kraft und Stoff.

[ 18 ] Nun wollen wir einmal an diesem Beispiel uns klarmachen, wie man wird umlernen müssen, um zu ermessen, was eigentlich heute alles vonnöten ist. Halten wir daran fest: Die Stoffler — so nennen wir sie einfach — stellen sich vor, die Welt bestände aus Atomen. Was zeigt uns Geisteswissenschaft? Gewiß, die Naturerscheinungen führen uns auf solche Atome zurück, aber was sind sie, diese Atome? Sobald die erste Stufe der schauenden Erkenntnis eintritt, die allererste Stufe, die imaginative Stufe, da entpuppen sich die Atome als dasjenige, was sie sind. Ich habe ja vor vielen Jahren schon in öffentlichen Vorträgen darauf hingewiesen, als was sie sich entpuppen, in verschiedenen Zusammenhängen. Sie entpuppen sich nämlich in einer ganz eigentümlichen Weise, diese Atome. Nach den Stofflern ist der Raum leer, und da drinnen, da wackeln die Atome herum. Also sie sind das Allerfesteste. Aber so ist es nicht, das Ganze beruht auf Täuschung. Die Atome sind nämlich Blasen vor der imaginativen Erkenntnis, und da, wo der leere Raum ist, da ist die Wirklichkeit; und die Atome bestehen gerade darin, daß sie zu Blasen aufgetrieben sind. Blasen sind das. Da ist gerade nichts, gegenüber ihrer Umgebung. Wissen Sie, wie in einer Selterswasserflasche die Perlen: es ist nichts im Wasser, wo die Perlen sind, aber man sieht dort die Perlen. So sind die Atome Blasen. Da ist der Raum hohl, da ist nichts drinnen. Ja, aber man kann doch darauf stoßen! Das Daraufstoßen, das besteht aber gerade darin, daß man an die Hohlheit stößt, und daß einem die Hohlheit, indem man darauf stößt, eine Wirkung verursacht. Ja, aber das Nichts soll eine Wirkung verursachen? Nehmen Sie einmal den fast luftleeren Raum in dem Luftpumpen-Rezipienten, da können Sie sehen, wie die Luft hineinfließt in das Nichts. Wenn Sie es falsch interpretieren wollen, können Sie das, was in der Glocke der Luftpumpe nicht darinnen ist, eine Substanz nennen und sagen, es schieße die Luft herein.

[ 19 ] Gerade dieselbe Täuschung besteht in bezug auf die Atome. Es ist gerade das Gegenteil wahr. Sie sind leer — und doch wiederum nicht leer. Es ist doch etwas darinnen, in diesen Blasen. Was ist in diesen Blasen darinnen? Nun, auch darüber habe ich schon Betrachtungen angestellt, was in diesen Blasen darinnen ist, das ist nämlich die Substanz des Ahriman, da steckt er drinnen, da ist er eigentlich in seinen einzelnen Teilen drinnen, Ahriman. Das ganze Atomsystem ist ahrimanische Substantialität, Ahriman. Denken Sie, zu welcher merkwürdigen Metamorphose der Stoffleridee wir da kommen. Wir müssen an diejenigen Stellen des Raumes, wohin die Stoffler ihren Stoff setzen, den Ahriman setzen. Da ist überall Ahriman.

[ 20 ] Kraft, das ist der andere Begriff, den die Kraftler, wie man sie auch genannt hat, zur Konstitution ihres Weltall-Bildes aufrufen. Wiederum zeigt die erste Stufe der schauenden Erkenntnis, daß man es bei dem, was als Kraft wirkt, gar nicht zu tun hat mit etwas, sondern da,wo die Kraft nicht ist, außer der Kraft, da wirkt etwas. Es ist gerade so, wie wenn zwei Menschen gehen würden und einer beobachtet jetzt: da gehen zwei Menschen dahin. Er guckt und guckt nun zwischendurch, Sie gehen ein bißchen voneinander entfernt, er guckt auf das und zeichnet nun auf, nicht den einen und den anderen Menschen, sondern die Grenzen des Raumes, der da zwischen beiden ist; er guckt auf das, was zwischen beiden ist. So gucken die Kraftler auf dasjenige, was zwischen der Realität ist. Wo sie sagen: Da ist Anziehungskraft, — da ist in Wirklichkeit nämlich gar nichts. Aber links und rechts davon, da ist dasjenige, was wirklich vorhanden ist. Ich müßte allerdings sehr vieles ausführen, wenn ich Ihnen das, was ich nur als Tatsachen hinstellte, in seinen Einzelheiten darlegen wollte. Aber es ist schon heute an der Zeit, daß auch von solchen Dingen gesprochen wird. Denn all der glänzende Unsinn, den man heute zum Beispiel als Relativitätstheorie verzapft, durch welchen Einstein ein großer Mann geworden ist, der wird nur zurückgewiesen werden können, wenn man über diese Dinge klare Begriffe haben wird, die den Wirklichkeiten entsprechen. Wissen Sie, die Relativitätstheorie ist ja so einleuchtend. Nicht wahr, man braucht sich nur vorzustellen, daß, nun ja, wenn in einer Entfernung eine Kanone losgeschossen ist, so hört man es erst nach einer bestimmten Zeit. Nun, nehmen wir aber an, wir bewegen uns zur Kanone hin, nicht wahr, so hört man sie früher, weil man ja näher kommt. Nun schließt der Relativitätstheoretiker: Wenn man nun ebenso schnell sich bewegt, wie der Schall geht, dann geht man mit dem Schall, dann hört man ihn nicht. Und geht man gar schneller als der Schall, dann hört man etwas, was später abgeschossen wird, früher als das, was früher abgeschossen worden ist. Das ist ja heute eine allgemein angenommene Vorstellung, nur just steht sie nicht im geringsten Verhältnis zur Wirklichkeit. Denn wenn man sich ebenso schnell bewegt wie der Schall, so kann man selber ein Schall sein, aber man kann keinen Schall hören. Diese ganzen ungesunden Vorstellungen leben aber heute als Relativitätstheorie und genießen das allergrößte Ansehen.

[ 21 ] Nun, wie gesagt, da wo die Kraftlinien sind, die man heute zeichnet in der Physik, da ist nichts; aber ringsherum ist — was denn? Das luziferische Element, Luzifer. Wollen wir also irgend etwas vorstellen der Realität gemäß, an den Stellen, wo der Kraftstoffler seine Kraft hinsetzt, dann müssen wir uns dort das Luziferische vorstellen. Schön, nun haben wir dasjenige, was an die Stelle eines anderen treten muß. Wenn also im neunzehnten Jahrhundert ein Buch geschrieben worden ist: «Kraft und Stoff», wo Kraft und Stoff als die das Weltenall konstitulerenden Dinge dargestellt sind, so muß das zwanzigste Jahrhundert an die Stelle setzen: Luzifer und Ahriman. Denn Kraft und Stoff decken sich vollständig mit Luzifer und Ahriman. Und dasjenige, was als Kraft und Stoff erklärt werden kann, wird in Wirklichkeit als Luzifer und Ahriman erklärt. Sie werden sagen: Schrecklich! Es ist nichts Schreckliches; denn Ahriman und Luzifer, ich habe es oft betont, sind nur dann schrecklich, wenn man sie im einseitigen Pendelschlag betrachtet. Im gegenseitigen Verhältnis werden sie gebraucht gerade zur weisen Weltenlenkung, indem sie das eine auf die eine Waagschale, das andere auf die andere Waagschale legt, nur muß ein Ausgleich zwischen beiden stattfinden. Auf diesen Ausgleich sind wir verwiesen, fortwährend sind wir an diesen Ausgleich gewiesen. Wir tragen diesen Ausgleich in einer gewissen Weise in uns, und in einer merkwürdigen Weise tragen wir diesen Ausgleich in uns. Erinnern Sie sich der Betrachtung, in der ich Ihnen gesagt habe, wie merkwürdig wir mit unserem Atmungsprozeß im ganzen Weltenall drinnen stehen. Wir machen in der Minute eine gewisse Zahl von Atemzügen. Rechnet man sich die Zahl von Atemzügen in einem Menschentage aus, so bekommt man, wie ich Ihnen sagte, dieselbe Zahl heraus, welche man als Zahl der Tage, die ein Mensch lebt, wenn er in die Siebzigerjahre hineinkommt, findet. Ein Wunderbares! Wir leben so viele Lebenstage, als wir Atemzüge in einem Tage haben. Das ist aber nur ein Teil einer gewaltigen Zusammenstimmung von Harmonien im Weltenall. Einer unserer Atemzüge verhält sich zu unseren Lebenstagen, wie sich ein Lebenstag verhält zu unserem gesamten irdischen Leben; und unser gesamtes irdisches Leben wiederum verhält sich zu einem großen Sonnenjahr, zum sogenannten platonischen Jahr gerade so, wie unsere Lebenstage zum gesamten menschlichen Leben und wie ein Atemzug zu einem Tage. Unser Atem nämlich steht in einer wunderbaren inneren Beziehung zu dem gesamten Kosmos. Würden wir mit unserem Erkennen in ein solches Tempo hineinkommen können, das unser Atem entwickelt, dann würden wir in einer dem Menschen angemessenen Harmonie zum Weltenall stehen. Der Morgenländer versucht es durch seine Atmungsübungen auf mancherlei Weise, die dem Abendländer aber nicht entspricht; der muß es auf geistige Weise suchen.

[ 22 ] Aber im Grunde genommen sind alle die Übungen, die geschildert sind in dem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?», das geistige Korrelat des Abendlandes für dasjenige, was das Morgenland in der Sehnsucht hat: mit dem Erkenntnisprozeß in das Tempo des Atmungsprozesses hineinzukommen. Wären wir nämlich darinnen, würden wir mit unserem Erkennen in dem Tempo des Atmungsprozesses drinnen sein, dann würde uns das Weltenall viele seiner Geheimnisse enthüllen können; es enthüllt sie uns auch, aber leider nicht unserer Erkenntnis — wenn man in diesem Falle leider sagen kann —, sondern dunklen Gefühlen, die noch dazu manchen Täuschungen unterworfen sind. Dagegen unsere Erkenntnis, die im Vorstellen verläuft, unser Denken, ist gegenüber dem Rhythmus, in den unser Atmen hineingestellt ist, zu klein; es schlägt gleichsam zu kleine Pendelschläge unser Denken. Wir können uns mit unserem Denken im gewöhnlichen äußeren normalen Leben nicht in den großen Weltenrhythmus hineinstellen; es ist zu klein, das Denken. Etwas anderes aber ist dagegen zu groß, das wir auch haben, und das ist unser Wollen. Das schlägt zu stark aus. Das macht zu starke Amplituden. So stehen wir zwischen Denken und Wollen. Das Denken ist zu klein in seinem Pendelausschlag, das Wollen ist zu groß. Daher wird das Denken immer nur solche Vorstellungen entwickeln können, die an anderem korrigiert werden müssen. Durch die verschiedensten Standpunkte, die wir einnehmen, können wir uns allmählich einer Einsicht annähern. Das Wollen kann sich nur durch ein Zusammenschließen mit anderem — weil es zu stark ausschlägt, können wir immer nur zu kleine Teile davon einfangen —, nur durch sein Zusammenschließen mit anderem kann das Wollen zu dem kommen, zu dem es prädestiniert, vorgebildet ist. Das heißt: ein Wollen kann nur im Zusammenhang mit einem anderen Wollen zu etwas kommen; ein Wollen in einer Inkarnation mit einem Wollen in einer anderen Inkarnation zusammen und so weiter.

[ 23 ] Ich stelle diese Dinge hier zunächst einmal, ich möchte sagen, die Sache fadenzeichnend hin; sie bedürfen alle selbstverständlich einer weiteren Ausführung, aber ich möchte dadurch einmal begreiflich machen, nach welchen Begriffen Geisteswissenschaft den Menschen hinführen muß, um ihn so, wie er es jetzt und in der Zukunft braucht, in das Weltenall hineingestellt zu denken. Gewiß, alles das, was unsere ganz gewöhnliche Erkenntnis ist, das ist zu klein. Sie hat zu kleine Schwingungen gegenüber den größeren Schwingungen, die unser Atmen durchmacht. Aber dieses Denken, von dem wissen wir, es ist nicht ein Ziel, es ist nur ein Weg. Sie alle denken. Die Menschen denken, aber sie denken nicht alles, was in ihre Seelen geht. Ein Gedanke hat sein Ziel nicht erreicht, indem er gedacht wird, sondern erst wenn er sich mit uns verbunden hat. Bewußte Gedanken werden der Erinnerungsfähigkeit mitgeteilt, aber vieles nehmen wir auch auf, das gar nicht zum Bewußtsein kommt, das aber doch in uns hineingeht. Denken Sie sich den ganzen Komplex dessen, was Sie gedacht haben und nicht gedacht haben, und was in Ihnen ist. Wo ist es? Es ist in Ihnen. Sie können sich daran erinnern. Manchmal treten sie auf, die Erinnerungen, manchmal treten sie nicht auf, aber sie sind in Ihnen. Sie sind nämlich im Ätherleibe. Nach dem Tode sondern sie sich ab, gehen in die allgemeine Welt über. Da sind sie dann dasjenige, was wir anschauen in der Zeit zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, was macht, daß wir da überhaupt Wirklichkeit sehen; das sondert sich von uns ab. Was wir denken, das geht mit der Außenwelt zusammen. Wir brauchen dieses in der Außenwelt. So wie wir hier in der physischen Welt Licht brauchen, so brauchen wir dort in der Außenwelt dasjenige, was sich von uns absondert. Wir haben es oftmals beschrieben, daß das in die Außenwelt übergeht; das macht, daß wir dann die Außenwelt haben.

[ 24 ] Dasjenige, was wir wollen, das macht, daß wir dann eine Innenwelt haben. Nicht bloß das, was wir wünschen, sondern das, was wir wollen, das heißt, was wirklich Tat wird, das macht, daß wir dann eine Innenwelt haben. In der Zeit zwischen dem Tode und einer neuen Geburt wird dasjenige, was wir hier gewollt haben, was wir hier der Außenwelt mitgeteilt haben, was wir getan haben, das wird unsere Innenwelt. Was wir gedacht haben, was heruntergestiegen ist in uns, das beleuchtet unsere Außenwelt; das Äußere wird Innen, das Innere wird Außen. Halten Sie fest an diesem bedeutsamen Satz: das Außen wird Innen, das Innen wird Außen.

[ 25 ] Es wird allerdings noch manches Wasser die Spree herunterrinnen — kann man sagen, um ein beliebtes Sprichwort zu gebrauchen —, bis in dem, was man offiziell wissenschaftliche Kreise nennt, die Einsicht erwacht, daß Kraft und Stoff heißen müssen: Luzifer und Ahriman, bis die Einsicht erwacht, daß nach zwei Einseitigkeiten hin, nach der luziferischen Einseitigkeit, indem wir denken, der Atmungsprozeß sich entwickelt, und nach der anderen Einseitigkeit hin, nach dem Willensprozeß, nach der Ahrimanseite die Stoffwechselvorgänge. Wir pendeln hin und her zwischen Luzifer und Ahriman, und die Gleichgewichtslage, das Mittlere, ist der Atmungsprozeß, durch den wir in der großen Harmonie drinnenstehen. Das ist wirkliche Wissenschaft, geschaute Wissenschaft!

[ 26 ] Jetzt gehen Sie von dieser geschauten Wissenschaft zurück zu der ersten Seite des Alten Testaments und vergleichen Sie diese geschaute Wissenschaft mit dem Satz aus dem Alten Testament: «und er blies dem Menschen den lebendigen Odem ein, und er ward eine lebendige Seele». Nicht wird gesagt, er erteilte ihm das Wollen, er erteilte ihm das Denken, aber auf das Atmen wird hingewiesen; dann werden Sie etwas empfinden — wenn Sie solches empfinden! — von jener Uroffenbarung, von der heute eine einseitige Wissenschaft auch schon sprechen kann, von dem, was in alten Zeiten ein andersgeartetes Wissen war, als dasjenige ist, zu dem man heute gekommen ist. Aber Sie kommen zu der Empfindung eines wunderbaren Zusammenschlusses des heute Geschauten mit diesem größten und auch mit anderen Dokumenten der Menschheitsentwickelung, diesem größten Dokument, dem Alten Testament. Selbstverständlich wird nirgends behauptet, daß auf dieselbe Weise, wie die heutige schauende Wissenschaft, man in der Zeit zu den Dingen gekommen ist, in der das Alte Testament geoffenbart worden ist, aber um so grandioser ist die Konkordanz, ist die Übereinstimmung. Wie sich diese Übereinstimmung dann mit anderen Urkunden, namentlich mit dem Neuen Testament, mit der Erscheinung des Mysteriums von Golgatha von diesem Gesichtspunkte aus betrachten läßt, das werden wir wohl das nächste Mal uns vor die Seele führen können.

[ 27 ] Ich möchte durch diese Betrachtungen eben in Ihnen Vorstellungen von dem hervorrufen, was nötig ist für unsere Zeit, aber auch davon, wie schwer es ist, sich mit denjenigen, die heute sich Wissenschafter nennen, überhaupt nur zu verständigen. Man findet sehr schwer die Möglichkeit, sich mit dem zu verständigen, der eingerostet ist in einer bestimmten Art von Begriffen, von denen er glaubt, daß sie unfehlbar sind. Ich habe einmal gesagt: das Infallibilitätsdogma des Papstes bezweifelt man, die Infallibilität vieler, vieler, die nimmt unsere autoritätslose, über jede Autorität hinaus sich wähnende Zeit, sehr gerne hin.