Menschliche und menschheitliche Entwicklungswahrheiten
Das Karma des Materialismus
GA 176
29 Mai 1917, Berlin
Erster Vortrag
[ 1 ] Zu Festesbetrachtungen im gewöhnlichen Sinn ist die Zeit ungeeignet, und in dieser schweren Zeit wird es am besten sein, wenn wir versuchen im Umfange, im Umkreise der Geisteswissenschaft nach Dingen zu forschen, welche uns einigermaßen in der richtigen Art begreiflich machen können, was die tieferen Grundlagen dieser unserer Zeit sind. Und so möchte ich denn heute von einem besonderen Forschungsresultat zu Ihnen sprechen, das nach dieser Richtung hin aufklärend sein kann, möchte versuchen, von einem besonderen Gesichtspunkte aus die Entwickelung der Menschheit in der nachatlantischen Zeit bis in unsere Gegenwart herein ins Auge zu fassen. Ich werde allerdings, nachdem diese Betrachtungen beendet sein werden, durch mancherlei Veranlassungen genötigt sein, heute abend auch einiges über die Gesellschaft selbst vorzubringen.
[ 2 ] Wir wissen ja aus verschiedenen Dingen, die im Laufe der Jahre vorgebracht worden sind, daß in einer gewissen Beziehung verglichen werden kann die Entwickelung der Menschheit im großen mit der Entwickelung des einzelnen menschlichen Individuums, einfach aus dem Grunde, weil in beiden Fällen diese Entwickelung, wenigstens dem ersten Anschein nach, ein Fortschreiten in der Zeit ist. Ich bin nun durch Jahre hindurch nachgegangen den inneren Entwickelungsbedingungen namentlich der nachatlantischen Menschheit. Und wie so manches mir gerade während der Forschungen dieses Winters sich ergeben hat, so auch etwas Bedeutungsvolles mit Bezug auf diese eben aufgeworfene Frage.
[ 3 ] Äußerlich betrachtet könnte es so scheinen, wenn man ein Stück menschlicher Entwickelung in ihrem Fortgange betrachtet, daß man zu der Anschauung kommen müßte, dieses Stück Menschheitsentwickelung entspreche so der individuellen Entwickelung des einzelnen Menschen, daß man vielleicht zu sagen hätte: Wie der einzelne Mensch sich zwischen diesen und jenen Jahren seines Lebens entwickelt, so ähnlich entwickelt sich die Menschheit. Nun habe ich gefunden, daß dies ganz und gar nicht so ist, und daß mit dem Anderssein in dieser Beziehung bedeutungsvolle Geheimnisse gerade auch des gegenwärtigen menschlichen Zeitalters zusammenhängen. Wenn wir zurückgehen, und wir dürfen dabei ja uns bekannte, uns geläufige Ideen anwenden, in die erste nachatlantische Kulturperiode, die wir gewöhnt sind die altindische, die urindische zu nennen, so können wir uns fragen: Mit welchem einzelnen individuellen menschlichen Lebensalter läßt sich das Gesamtalter der Menschheit in der damaligen urindischen Kulturperiode vergleichen? — Die geistige Forschung ergibt da etwas höchst Merkwürdiges. Ich habe ja oft gesagt: Man stellt sich zu leicht vor, daß in den Zeiten, in denen es da oder dort schon eine menschliche Kultur gegeben hat, die innere Grundverfassung der Menschenseele eigentlich im wesentlichen so war, wie sie jetzt ist. Das ist aber durchaus nicht der Fall. Diese Anschauung entsteht nur aus dem Grunde, weil der heutige Mensch mit seinen Mitteln der materialistischen Wissenschaft durchaus nicht imstande ist, sich Vorstellungen zu bilden darüber, wie eigentlich die Seelen in verhältnismäßig kurzer Zeit im Laufe der Menschheitsentwickelung anders geworden sind, und wie namentlich das Seelenleben anders geworden ist.
[ 4 ] Wenn wir heute die Menschheit um uns herum sehen, so bemerken wir, daß während einer gewissen Zeit der individuellen menschlichen Entwickelung der Mensch heranwächst erstens körperlich: seine körperlichen Organe in ihren feineren und gröberen Gliederungen gestalten sich aus, der Mensch wird nicht nur größer, dieOrgane vervollkommnen sich auch innerlich. Und wir sehen, daß bis zu einem gewissen Lebensalter die geistig-seelische Entwickelung an die körperlich-physische Entwickelung gebunden ist, ihr gewissermaßen parallel geht; und kein Erzieher kann ungestraft dies außer acht lassen. Aber wir wissen auch, wie von einem gewissen Lebensalter ab dieses innige Zusammen verwoben sein der seelisch-geistigen Entwickelung mit der körperlichen Entwickelung aufhört. Wir gewahren, daß der Mensch sich von einem bestimmten Lebensalter ab für fertig hält. In unserer Zeit werden wir ja, wenn wir das Leben um uns herum genauer betrachten, gar sehr gewahr, wie sich, man kann sagen, schon in möglichst früher Zeit die Menschen als fertig betrachten, als so betrachten, daß sie eigentlich nichts mehr zu lernen haben. Wir wissen ja, daß es heute für viele eine Zumutung ist, wenn man etwa voraussetzt, sie könnten in einem bestimmten Lebensalter noch Goethes «Iphigenie» oder Schillers «Tell» lesen. Das hat man, als man junges Mädchen oder Schüler war, in der Schule gelesen. Das gehört für die Jugend. Von einem bestimmten Lebensalter an befaßt man sich mit solchen Dingen doch nicht mehr! Gewiß, es ist dies nicht eine allgemeine Gewohnheit, aber doch eine sehr, sehr weit verbreitete Gewohnheit. Und ähnliches können wir auf vielen Gebieten des Lebens gewahr werden. Aber dem liegt schon eine Wahrheit zugrunde. Dem liegt die Wahrheit zugrunde, daß der Mensch von einem bestimmten Zeitpunkte seiner individuellen Entwickelung an gewissermaßen physisch ausgewachsen ist, daß dann sein Geistig-Seelisches aufhört in Abhängigkeit zu sein von dem Wachstum und von der Entwickelung der leiblichen Organe, die ja aufgehört hat, und daß sein Geistig-Seelisches sich frei und selbständig entwickelt; das werden wir gewahr. Wenn wir heute die Menschheit ansehen, so finden wir, daß dieser eben charakterisierte Zeitpunkt in einem bestimmten Lebensalter eintritt; wir werden noch genauer darüber sprechen. Aber man würde sich sehr irren, wenn man glauben würde, daß die Sache so, wie sie heute ist, auch nur im entferntesten ähnlich war in der ersten, in der urindischen Kulturepoche. Auch damals wurden selbstverständlich die Menschen 6, 12, 20, 30, 40, 50 und so weiter Jahre alt, aber ihr ganzes Leben verhielt sich zu diesem Älterwerden anders als jetzt. In diesen alten Zeiten verspürte die Menschenseele bis in ein ungeheuer hohes Alter hinauf, bis in die Zeit vom 48. bis 56. Lebensjahr eine solche Abhängigkeit des Seelisch-Geistigen vom Physisch-Leiblichen, wie sie heute nur empfunden wird im Kindes- und Jünglingsalter. Und bedenken Sie, was das bedeutet. Das bedeutet, daß dazumal der Mensch durchmachte ein Mitleben des Seelischen mit dem Leiblichen in der aufsteigenden körperlichen Entwickelung des Menschen bis zum 35. Jahr, dann wiederum mit der absteigenden körperlichen Entwickelung seelisch mitging, das Seelische in Abhängigkeit fühlte von dieser körperlichen Entwickelung. Indem anfangs das Körperliche ein Wachsen, ein Sichentfalten war, wurde es dann allmählich ein Einsinken. Aber mit dem Einsinken des Körperlichen, das heute der Mensch gar nicht spürt, weil sein SeelischGeistiges verhältnismäßig unabhängig vom Körperlichen verläuft, mit dem Einsinken des Körperlichen verspürten gerade diejenigen, die dieses Alter erreichten, im ersten nachatlantischen Zeitraum, ein innerliches Freiwerden des universell Geistigen. Indem das Körperliche zurückging, sie aber doch abhängig blieben vom Körperlichen, leuchtete ihnen das Geistige im Innern auf. Und das dauerte gleich nach der atlantischen Katastrophe bis zum 56. Lebensjahre. Da war, wenn wir so sagen dürfen, der Mensch erst ausgewachsen, das heißt, da erst verlor sich die Abhängigkeit des Geistig-Seelischen vom Körperlichen. Daß der Mensch auch geistig-seelisch mitmachte das Körperliche in der absteigenden Entwickelungszeit, das bedingte, daß gerade damals noch Nachklänge innerlich geistigen Schauens vorhanden waren. Und nun ist das Eigentümliche, daß diese Beschaffenheit des menschlichen Lebens natürlich auf die ganze Kultur ausstrahlte. Derjenige, der jung war in jenen alten Zeiten, der wußte durch die allgemeinen Begriffe, Denk- und Empfindungsgewohnheiten, die man sich aneignete, daß, wenn einer alt wurde, er in jenes ehrwürdige Alter kam, wo die göttlichen Geheimnisse in seiner Seele aufgingen. Daher war in jener ersten Kulturepoche der nachatlantischen Zeit eine Altersverehrung, ein Kultus des Alters vorhanden, von dem wir uns heute gar keine Vorstellung mehr machen können, wenn wir sie nicht schauen in den Nachklängen, die uns geistig geblieben sind aus jenen alten Zeiten. Kaum zu erwähnen brauche ich nach all den Betrachtungen, die ich schon angestellt habe, daß jeder, der früher starb, bevor dieses patriarchalische Alter erreicht war, wußte, daß es andere Welten als die materiell-physische Welt gibt, und daß da die hohen geistig-seelischen Wesenheiten der höheren Welten mit jenen, die früher starben, andere Aufgaben zu verrichten hatten. So daß jeder selbstverständlich, auch wenn er früher sterben mußte als der Eintritt in dieses patriarchalisch hohe Alter erfolgte, doch in sich befriedigende Weltempfindungen haben konnte.
[ 5 ] Das Merkwürdige ist, daß, wenn man diesen Dingen nachforscht, man nicht davon sprechen kann: die Menschheit wird älter, sondern man muß kurioserweise davon sprechen: die Menschheit wird jünger, schreitet zurück. Gleich nach der atlantischen Katastrophe war es so, daß die Entwickelung, wie ich sie geschildert habe, stattfand bis zum 56. Lebensjahre, dann kam die Zeit, wo sie stattfand bis zum 55., dann bis zum 54. Lebensjahre und so weiter. Und als die erste nachatlantische Kulturperiode abgelaufen war, dauerte diese Entwickelung nur bis zum 48. Lebensjahre. Dann war gewissermaßen der Mensch in der Lage, daß er sich sagen mußte: Jetzt bin ich mir selbst überlassen, jetzt gibt nicht mehr das Körperliche von sich aus etwas her für meine geistig-seelische Entwickelung! — was heute, wie wir sehen werden, schon viel früher eintritt.
[ 6 ] Nun kommen wir in die zweite, die urpersische Kulturepoche. Sie entspricht dem individuellen menschlichen Lebensalter vom 48. bis zum 42. Lebensjahre. Das heißt: in dieser Epoche ist die Sache so, daß sich die Menschen abhängig fühlen in ihrer Entwickelung seelisch-geistig vom Körperlichen bis in die Vierzigerjahre hinein, und daß sie erst, wenn sie über die Vierzigerjahre hinauskommen, jene Unabhängigkeit empfinden, die heute früher eintritt. Daher aber machte die Seele auch nicht so lange und nicht in so hohem Grade gewissermaßen das Einsinken, das Sklerotisieren des Organismus mit, machte nicht so lange mit dieses Hergeben von Kräften des Organismus, die in die geistige Welt hinein den Menschen weisen konnten, die ihm Erleuchtungen geben konnten in die geistige Welt hinein.
[ 7 ] Dann kam, nach der zweiten, der urpersischen Kulturepoche, diejenige, die wir genannt haben die ägyptisch-chaldäische Epoche. Da stieg das Lebensalter der ganzen Menschheit herunter bis zum individuellen Lebensalter zwischen dem 42. und 35. Lebensjahre. Das heißt: von selbst kamen dem Menschen die Früchte der Entwickelung bis zu diesem Lebensalter zu. Dann mußte er, aufeinanderfolgend in den verschiedenen Unterepochen dieser ägyptisch-chaldäischen Zeit, die freie, selbständige, rein innerliche Entwickelung durchmachen im 42., 40., 38. Lebensjahre und so weiter.
[ 8 ] Am bedeutungsvollsten erscheint uns diese Wahrheit für das vierte, für das griechisch-lateinische Zeitalter, denn in diesem griechisch-lateinischen Zeitalter entwickelt sich die ganze Menschheit so, daß ihr Lebensalter entsprach dem individuellen menschlichen Lebensalter zwischen dem 35. und 28. Lebensjahre. Damit aber stehen wir gerade in den Jahren der Lebensmitte. Denken Sie also, was eigentlich für diese griechisch-lateinische Periode statt hatte. Diejenigen, die als individuelle Menschen sich entwickelten innerhalb dieser griechisch-lateinischen Kulturperiode, die machten durch, rein durch die Entwickelungsgesetze der Menschheit selber, die Abhängigkeit des Seelisch-Geistigen von dem fortschreitenden Wachstum. Und in der Zeit, als das Einsinken des Menschen begann, das Sklerotischwerden des Menschen — wenn ich so sagen darf, das ist natürlich ein radikaler Ausdruck —, da wurde die Seele frei vom Körperlichen. Die erste Hälfte des Lebens machte ein Angehöriger der griechisch-lateinischen Kultur im Sinne der allgemeinen Menschheitsentwickelung durch. So wunderbar fiel die individuelle Entwickelung mit der allgemeinen Menschheitsentwickelung in diesem Zeitalter zusammen, daß von dem Augenblick ab, wo der Mensch anfängt, seine körperliche Entwickelung in absteigender Linie zu haben, sich nichts mehr den Griechen vom Körper aus offenbarte. Daher war der Grieche auch in seiner Kultur so voll von allem Wachsenden, Gedeihenden, Aufsteigenden in der Entwickelung. Aber es entging ihm auch dasjenige, was sich von selbst durch die Entwickelung des Körperlichen nur offenbaren kann in der absteigenden menschlichen Entwickelung. Das heißt: es fiel weg für den Griechen, wenn er nicht in den Mysterien durch spirituellen Unterricht das hatte, es fiel weg durch die eigene menschliche Natur, das Hineinblicken in die geistige Welt.
[ 9 ] In dem dritten Zeitraum war in absteigender Folge einfach durch die menschliche Natur ein Einblicken in die geistigen Welten möglich, es war möglich, daß der Mensch unmittelbar aus Anschauung etwas wissen konnte über die Unsterblichkeit der Seele. Im griechisch-lateinischen Zeitraum war es zwar noch möglich, daß der Mensch wissen konnte: alles Wachsende, Aufsteigende, Werdende ist seeldurchdrungen. Aber das selbständige Leben der Seele, wenn der Mensch durch die Pforte des Todes gegangen, oder bevor er durch die Geburt ins physische Leben eingetreten war, das war nicht mehr durch die selbstverständliche Entwickelung der Menschheit dem Griechen gegeben. Daher solch eine Anschauung, wie ich sie öfter schon hier auch erwähnt habe und wie sie ja bekannt ist, die sich ausdrückt in dem berühmten Spruche des griechischen Heroen: Lieber ein Bettler sein in der Oberwelt, als ein König im Reiche der Schatten. — Wie die Oberwelt mit dem, was der Mensch darin ist, seeldurchdrungen ist, das wußte der Grieche durch unmittelbare Anschauung. Durch diese Anschauung entzog sich ihm die übersinnliche Welt. Und merkwürdig ist es, wie der große griechische Weise Aristoteles gerade aus dieser Grundanschauung heraus seine Ideen, von denen wir ja schon in den kürzlich hier gehaltenen Betrachtungen gesprochen haben, entwickelt. Franz Brentano, der kürzlich verstorbene große Aristoteles-Forscher, hat richtig gedeutet, wenn er sagt: Es ist des Aristoteles Idee von der Unsterblichkeit, daß der Mensch, der durch die Pforte des Todes gegangen ist, kein vollständiger Mensch mehr sei. — Denn als Grieche hatte Aristoteles zum vollständigen Menschen, aus den Voraussetzungen heraus, die ich Ihnen oben entwickelt habe, die Zugehörigkeit des Körperlichen zu dem Seelischen gerechnet. Nur wenn er ein Mysterien-Weiser war — was Aristoteles nicht war —, wußte er als Grieche von der wahren Unsterblichkeit der Seele. Wenn er kein Mysterien-Weiser war, wie Aristoteles, so mußte er sagen — was ja gewiß den höchsten Wahrheiten gegenüber falsch ist, was aber einem griechischen Denken entsprang, wenn sich dieses Denken auch in Aristoteles zur höchsten Blüte erhob —,, so mußte er sich sagen: Wenn ich einem Menschen einen Arm abschlage, so ist er kein vollständiger Mensch mehr, wenn ich ihm zwei Arme abschlage, noch weniger, wenn ich ihm aber den ganzen Leib nehme, wie der Tod tut, so ist er erst recht kein vollständiger Mensch mehr. Daher die Seele, nachdem sie durch die Pforte des Todes gegangen ist, für Aristoteles ein unvollständiger Mensch ist, ein Mensch, dem die Organe fehlen, um mit irgendeiner Umgebung in Zusammenhang zu kommen. Es ist die aristotelische Idee von der Unsterblichkeit, die Brentano richtig deutet.
[ 10 ] Nun bedenken Sie: in dieser Zeit also machten die Menschen im allgemeinen das Lebensalter durch, das dem individuellen Lebensalter vom 35. bis zum 28. Lebensjahr entspricht. Nehmen wir das erste Drittel, also ungefähr das 33. Lebensjahr. Der vierte nachatlantische Zeitraum beginnt ja im Jahre 747 vor dem Mysterium von Golgatha; er endet im Jahre 1413 nach dem Mysterium von Golgatha. Es ist derjenige Zeitraum, in dem — wenn die Menschheit in demselben Sinne sich weiterentwickelt hätte, wie sie sich bis dahin entwickelt hatte — das hätte geschehen müssen, daß die Menschen im allgemeinen immer jünger und jünger geworden wären, und daß sie aufgehört hätten mit Bezug auf das Geistig-Seelische vom Körperlichen abhängig zu sein, viel früher, als der Mensch in seinem Wachstum, seiner Entwickelung, bei der Lebensmitte ankommt. Es hätte sich nicht nur eine solche schattenhafte Unsterblichkeit ergeben müssen, wie es bei den Griechen war, sondern es hätte allmählich der Mensch, indem die Menschheit nurmehr hergab ein Lebensalter bis zum 34., 33., 32. Lebensjahre und so weiter, so werden müssen, daß ihn gewissermaßen das Physisch-Leibliche überwältigt hätte, daß er durch seine eigene Entwickelung innerhalb der Menschheit nicht mehr hätte hinaufschauen können auf irgendeine übersinnliche Welt. Da ist es denn das ungeheuer Bedeutungsvolle, daß am Ende des ersten Drittels dieses Zeitraumes, der 747 vor Christus beginnt, das Mysterium von Golgatha eintritt, gerade in diesem Zeitraum, und daß in diesem Zeitraum es also ist, in dem sich der Christus Jesus entwickelt genau bis zu demjenigen individuellen Lebensalter, dem 33. Lebensjahre, das dazumal das Lebensalter der Menschheit ist. Dann tritt der Tod auf Golgatha ein. Der Christus Jesus wächst dem Lebensalter der Menschheit entgegen, und er führt durch das Mysterium von Golgatha die Möglichkeit herbei, zum Wissen von der Unsterblichkeit auf eine Weise zu kommen, die nicht aus Irdischem genommen ist, die nur auf die Erde kommen konnte durch jene Befruchtung, welche für die Erde eingetreten ist, indem der Christus-Geist sich mit der Jesus-Persönlichkeit verbunden hat und diese 33 Jahre alt geworden ist, so alt, wie die Menschheit war, als dieser Menschheit drohte, jeden Zusammenhang mit der übersinnlichen Welt zu verlieren.
[ 11 ] Ja, wenn man von ganz anderen Voraussetzungen aus unter diesem Gesichtspunkte die Entwickelung der Menschheit betrachtet, und sich dann ergibt, einfach ergibt im Laufe der geisteswissenschaftlichen Forschung dieser tiefe Zusammenhang des Alters und Todes des Christus Jesus mit der gesamten irdischen Menschheitsentwickelung, dann allerdings ist dies eine tief, tief in die Seele eingreifende Erkenntnis. Und ich kann mir nur weniges denken, das so ungeheuer in die Seele einschlagen muß, wie die Erkenntnis von diesem Hineingestelltsein des Mysteriums von Golgatha in ein bedeutungsvolles Entwickelungsgesetz der menschlichen und der menschheitlichen Entwickelung. Wir sehen, wie auf diese Art die Geisteswissenschaft nach und nach ihre erklärenden und aufklärenden Strahlen auf das Mysterium von Golgatha wirft. Und wir können vielleicht ahnen, daß, wenn die Geisteswissenschaft sich immer weiter und weiter in sorgfältiger Forschung entwickeln wird, noch manches andere Licht fällt auf dieses Mysterium von Golgatha, das wir ganz gewiß heute auch mit der eindringlichen Geisteswissenschaft nur zum kleinsten Teile irdisch verstehen, und das immer tiefer und tiefer verstanden werden wird, je weiter die Menschheit in dieser Entwickelung vorschreitet. Ich darf sagen, daß ich selber wenig Momente von solcher Ergriffenheit gehabt habe während des geisteswissenschaftlichen Forschens, wie diesen, wo mir — lassen Sie mich das Wort gebrauchen — aus grauen Geistestiefen heraus dieser Zusammenhang zwischen dem 33. Jahre der Menschheit im vierten nachatlantischen Zeitraum und dem 33. Lebensjahre des Christus Jesus, in dem der Tod auf Golgatha eintritt, als Ergebnis heraufgestiegen ist.
[ 12 ] Und wenn wir nun weitergehen, so kommen wir in unseren fünften nachatlantischen Zeitraum, und wir kommen dazu, sagen zu müssen, daß in unserem fünften nachatlantischen Zeitraum das allgemeine Lebensalter der Menschheit dem individuellen Lebensalter zwischen dem 28. und 21. Lebensjahre entspricht. Das heißt: als 1413 der fünfte Zeitraum begonnen hatte, war die allgemeine Menschheitsentwickelung so, daß die Menschen sich abhängig wissen durften in ihrer geistig-seelischen Entwickelung bis zum 28. Lebensjahr. Dann mußte die Seele selbständig werden, Sie sehen also, daß für dieses Zeitalter notwendig ist, daß mit vollem Bewußtsein angestrebt wird, innerlich, durch spirituelle geistige Entwickelung, der Seele das zu geben, was aus der Abhängigkeit vom Körperlich-Physischen nicht mehr hergegeben werden kann. Der Mensch muß in diesem Zeitalter in die Seele Dinge aufnehmen, die nur individuell an ihn herankommen können, die seine Seele unmittelbar in ihrer Unabhängigkeit und Freiheit ergreifen und sie als Seele hinausführen über das 28., 27., 26. Jahr und so weiter. Allerdings, vorläufig geht noch die allgemeine Erziehung, so viel auch über diese Erziehung geredet wird — man könnte auch sagen «gefabelt» wird —, dahin, an den Menschen nicht mehr heranzubringen, als eben gerade dem entspricht, was die Menschheit von selbst hergibt. Jetzt steht eben in unserem Zeitalter die Menschheit im ganzen im 27. Lebensjahr. Sie wird 26, 25 und so weiter Jahre alt werden. Und bis der fünfte Zeitraum abgelaufen sein wird, wird sie bis zum 21. Jahr heruntergerückt sein. Daraus ersehen Sie die Notwendigkeit des Auftretens der Geisteswissenschaft, welche an die Seele dasjenige heranbringen will, was nicht aus der körperlichen Entwickelung folgen kann, welche die Seele unterstützen will in ihrer frei auf sich gestellten Entwickelung. Denn wir haben sonst die Erscheinung, daß die Menschen, deren Entwickelung nur abhängig bleibt von dem, was äußerlich aus der Sinnenwelt und aus der gewöhnlichen Geschichtswelt kommen kann, für unser Zeitalter nicht älter als 27 Jahre würden — und wenn sie hundert Jahre alt werden in Wirklichkeit. Das heißt, dasjenige, was sie in ihrer innerlichen Verfassung an Ideen, Empfindungen, an Idealen äußern könnten, das würde immer den Charakter tragen von dem, was dem menschlichen Lebensalter bis zum 27. Jahre entspricht.
[ 13 ] Ich habe mich mit den mannigfaltigsten Persönlichkeiten unseres Zeitalters befaßt, solchen Persönlichkeiten, die eingreifen in die verschiedenen Kulturzweige unserer Zeit, in das öffentliche Leben. Gerade diesen Teil des Studiums habe ich mir wahrhaftig nicht leicht gemacht. Ich habe versucht zu finden, worin denn eigentlich die eine oder andere Erscheinung, die uns heute so fragwürdig im Leben entgegentritt, besteht. Und es hat sich ergeben, daß vieles von dem, was uns jetzt entgegentritt, darauf beruht, daß Menschen in der Öffentlichkeit wirken, so wirken, wie ich es Ihnen in vorangegangenen Betrachtungen geschildert habe, deren Grundstimmung in ihren Ideen, in dem, was sie von sich geben können, und wenn sie noch so alt sind, nur bis zum 27. Jahre geht. Wahrhaftig, was ich jetzt sagen will, sage ich nicht aus irgendeiner Stimmung heraus, nicht aus irgendeiner Animosität heraus, denn die Studien, die dem zugrunde liegen, die gehen weit in die Zeit vor diesem Kriege zurück, wie ich sogar aus den Zyklen nachweisen kann. Es hat sich mir ergeben, daß eine charakteristische Persönlichkeit, von der gesagt werden muß, daß sie in ihrer Seelenkonfiguration, in bezug auf dasjenige, was sie der Seele nach ist, nicht älter als 27 Jahre geworden ist, aber natürlich Jahre zugelegt hat und nun im öffentlichen Leben geradezu als eine typische repräsentative Persönlichkeit wirkt — es sind auch viele andere, von denen wir nicht sprechen wollen, nehmen wir ein ferneres Beispiel —, eine charakteristische Persönlichkeit, von der gerade viel in dieser unserer Zeit ausgegangen ist, der Präsident der Nordamerikanischen Union, Woodrow Wilson ist. Ich habe mir viele Mühe gegeben, die Seelenverfassung dieses Mannes zu studieren. Er ist ein repräsentativer Mensch für diejenigen, die nichts zugelegt haben durch die Entwickelung der frei auf sich gestellten, unabhängigen Seele, repräsentativ für diejenigen Menschen, die nicht älter werden in unserem Zeitalter, als das Alter der allgemeinen Menschheit ist: 27 Jahre. Es ist im Grunde genommen unwahr, wenn sie 30, 40, 50 Jahre und so weiter zählen, denn sie sind in Wirklichkeit in bezug auf das Fortschreiten ihrer Seele nicht älter als 27 Jahre. Und ich glaube, es ist wahr, was ein Freund unserer Bewegung mir sagte, nachdem er in München gerade diesen Vortrag, den ich jetzt hier halte, angehört hatte: daß ihm, der viel, viel gedacht und gelitten hat über mancherlei Erscheinungen der Gegenwart, diese Aufklärung über die Eigentümlichkeit der Gegenwart geradezu ein Lichtstrahl war, um viele Erscheinungen zu begreifen. Die Abstraktheit der Ideale, eine Jugendeigenschaft der Ideale, das abstrakte Herumreden in Freiheitsideen, in dem man der eigenen geistigen Wollust dient und glaubt, eine Weltmission zu haben — so recht charakteristisch für Woodrow Wilson! Es erklärt sich aus dieser Tatsache das Unpraktische der Ideen, das heißt, die Unmöglichkeit solche Ideen zu haben, die schöpferisch sind, so daß sie fortrinnen in der Wirklichkeit als schaffend und schöpferisch, sondern die einzige Möglichkeit, solche Ideen zu fassen, die den Leuten gefallen, die einleuchten der allgemeinen Menschheit, die eben Ideen unter 27 Jahren haben will. Das ist wiederum ein Charakteristikon desjenigen, was Woodrow Wilson in die Welt gesetzt hat; denn seine Ideen sind so unpraktisch gewesen, daß er zum Beispiel durch die Welt laufen ließ die Idee des Friedens, und entsprungen ist aus dieser Idee des Friedens — der Krieg für sein eigenes Land; Dinge, welche tief zusammenhängen, aber ihre Begründung in solchen Tatsachen haben, wie ich sie Ihnen eben angedeutet habe.
[ 14 ] Ja, die tiefgehenden Entwickelungswahrheiten sind nicht angenehm zu hören. Daher kommt es wohl auch, daß diese tiefgehenden Entwickelungswahrheiten, die aus den Quellen der Geistesforschung geholt werden, in der Gegenwart so wenig geliebt werden. Zwar nicht im Oberbewußtsein, aber im Unterbewußtsein verspüren die Menschen, daß diese Ideen zuweilen nichts Angenehmes sind. Sie fürchten sich davor. Es ist eine unbewußte Furcht, eine unterbewußte Furcht, die aber so sicher wirkt, daß sie gerade die Idee nicht ins Oberbewußtsein heraufkommen läßt, dafür aber den Haß, die Antipathie gegenüber diesen Dingen, die sich dann geltend macht. Was heute der Geisteswissenschaft die Antipathie zuträgt, das ist dieser unterbewußte Haß, aber vor allen Dingen diese unterbewußte Furcht vor Ideen, welche allerdings nicht so leicht im Leben, sagen wir, verdaut werden können, wie die sogenannte große Idee, die man heute liebt: Der beste Mann am rechten Platz und so weiter. — Das Leben in die Zukunft hinein braucht konkrete Ideen, konkrete Ideale, es braucht solche Ideen und solche Ideale, welche mit der Wirklichkeit einen Bund eingehen können — ich habe das von den verschiedensten Gesichtspunkten aus erwähnt —, sie müssen aber geholt sein aus wirklicher Erkenntnis der Entwickelungs- und Daseinsbedingungen der Menschheit. Es kann nicht Heil in diese Menschheitsentwickelung hineinkommen, solange man sich nicht dazu bequemen wird, dasjenige, was man Idealismus nennt, auf solche konkrete Geistesforschung zu begründen. Aus der Willkür heraus lassen sich heute keine Ideale aufstellen, die wirklichkeits-befreundet sind, die in die Wirklichkeit hineinpassen.
[ 15 ] Stellen Sie sich nur einmal vor, wie es im sechsten Zeitraum sein wird, in dem Zeitraum, der den unsrigen ablöst, und wie es sein würde, wenn dasjenige, was aus den Quellen der geistigen Welt geholt werden kann, sich nicht verbinden würde mit der unabhängigen, auf sich selbst in Freiheit gestellten Menschenseele. Dann wird die Menschheitsentwickelung eingetreten sein in ein Lebensalter, das dem individuellen Lebensalter vom 21. bis zum 14. Jahre entspricht. Dann wird man 30, 40, 50 Jahre alt sein können, wenn dann nicht die individuelle Entwickelung angefacht worden ist, und eine Lebensreife haben können von 17, 16, 15 Jahren. Es ist auch wiederum das Große an der menschheitlichen Entwickelung, daß, je weiter die Erde vorrückt, desto mehr der Fortschritt der Menschheit in des Menschen eigene Hand gegeben ist. Aber wenn das nicht berücksichtigt wird, daß des Menschen Fortschritt in des Menschen eigene Hand gegeben wird, was folgt? Die epidemische Dementia praecox! Daraus aber ersehen Sie, daß es notwendig ist, in die Untergründe des Erdendaseins hineinzuschauen, bewußt zu werden über dasjenige, was der Menschheit droht. Es wird heute viel und nicht hoch genug einzuschätzender Mut in äußeren Taten erlebt; was aber der Menschheit im weiteren Fortgang der Entwickelung notwendig wird, das ist Mut der Seele, jener Mut, der sich entgegenzustellen vermag den Wahrheiten, die zuerst nicht angenehm, nicht bequem erscheinen, wenn man die Bequemlichkeit, die Annehmlichkeit des Lebens allein liebt, und wenn man danach strebt, nur dasjenige aus der Erkenntnis zu vernehmen, das einen, wie man so sagt, «erhebt». Denn dann verlangt man angenehme Wahrheiten. Und das ist ja vielleicht sogar etwas, was sehr, sehr weit verbreitet ist in der Gegenwart. Sobald jemand spricht von nicht angenehmen, obzwar notwendigen Wahrheiten, liebt man ihn nicht, denn man findet, er malträtiert einen, er erhebt einen nicht. Aber höher steht eben das Wahre der Erkenntnis als jene Worte, die wie Butter vom Munde rinnen, und die daher auch wie ein Labetrank mit nach Hause genommen werden können. Höher steht diejenige Befriedigung, die wir aus der Erkenntnis schöpfen, die sich stützen will auf das Leben in der Wahrheit und in der Notwendigkeit und nicht auf das Leben in der leichten Bequemlichkeit.
[ 16 ] Das sind die Dinge, die ich zum Verständnis unserer Zeit heute sagen wollte.
