Menschliche und menschheitliche Entwicklungswahrheiten
Das Karma des Materialismus
GA 176
5 Juni 1917, Berlin
Zweiter Vortrag
[ 1 ] Ich habe das letzte Mal hier begonnen Betrachtungen anzustellen über den Verlauf der Menschheitsentwickelung in der nachatlantischen Zeit, die uns gewissermaßen ein Schlüssel sein können zu dem Verständnisse der unmittelbaren Gegenwart, jener unmittelbaren Gegenwart, in der allerdings sehr viel Rätselhaftes sich befinden muß für denjenigen, der nicht den Versuch macht, mit Begriffen, mit Ideen, mit Vorstellungen diese Gegenwart zu verstehen, die nicht aus dem Vorstellungsquell und Vorstellungsbereiche unseres materialistisch denkenden Zeitalters genommen sind. Die Gegenwart braucht neue Begriffe, das dürfte uns ja aus mancherlei Betrachtungen schon hervorgegangen sein. Die alten Begriffe reichen nicht aus, um das kompliziert gewordene Leben zu begreifen. Was ich einmal vor Jahren nacheinander in verschiedenen Vorträgen angeführt habe, das ist, wie ich glaube, mit Bezug auf die Gegenwart von einer großen Bedeutung. Ich sagte damals zu wiederholten Malen an verschiedenen Orten: Wenn wir den Umfang der Begriffe, die wir haben, überschauen, der Begriffe, durch die wir die Wirklichkeit zu verstehen suchen, so sind im Grunde genommen die wertvollsten Begriffe, welche die Menschheit hat, um ein wenig hinter die Kulissen der äußeren Sinneswirklichkeit zu schauen, aus dem vierten nachatlantischen Zeitraum. Der fünfte nachatlantische Zeitraum, der 1413 begonnen hat, hat eigentlich im Grunde genommen neue Begriffe nicht hervorgebracht. Er hat gewiß neue Tatsachen, neue Zusammenfassungen von Tatsachen, in großartiger, in bewundernswürdiger Weise hervorgebracht; aber um diese Dinge zu verstehen, wurden eben die alten Begriffe verwendet. Man versuche an irgendeinem Beispiel sich das klarzumachen. Dasjenige, was Darwin und seine Nachfolger versucht haben über den Zusammenhang der Organismen zusammenzustellen, das wurde durch den Entwickelungsbegriff aufgereiht; aber der Entwickelungsbegriff selber ist nicht neu. Der Entwickelungsbegriff selber stammt aus der vierten nachatlantischen Periode. Und so kann man, wenn man den Begriff ernst nimmt, das Wesen des Begriffes ernst nimmt, dies durch alle unsere Auffassungsweisen, unsere Anschauungsweisen durchaus nachweisen.
[ 2 ] Ein gewisser Schritt nach vorwärts ist im Grunde genommen nur gemacht worden, als Goethe die alten Begriffe flüssig machte, als er dadurch etwas ganz Neues brachte, das heute noch immer nicht gewürdigt ist, daß er auf den Begriff selber die Metamorphose, die Verwandlungsfähigkeit anwendete, so daß für ihn der Begriff des Blattes in seiner Verwandlung zugleich der Begriff der Blüte, der Frucht und so weiter werden konnte. Dieses Beweglichmachen des Begriffes, Beweglichmachen der Vorstellung, so daß man dieselbe Vorstellung in der Seele abändert und mit ihr die mannigfaltigen Erscheinungen der Natur, die ja auch in sich beweglich sind, mit einem in sich beweglichen Begriff, einer in sich beweglichen Idee verfolgen kann, das ist in gewisser Beziehung etwas Neues, und das ist dasjenige, was ich vor vielen Jahren genannt habe die zentrale Entdeckung Goethes. Es ist etwas wirklich Neues. Aber sie hat eine Fortsetzung erst gefunden in dem, was wir hier die Geisteswissenschaft nennen, und erst diese Geisteswissenschaft kann der Menschheit wiederum neue Vorstellungen, neue Begriffe bringen, durch die es möglich wird, in die Wirklichkeit ein- und in sie unterzutauchen.
[ 3 ] Vor allen Dingen muß der Begriff des Geschichtlichen selbst erweitert werden, und wir haben ja in den letzten Betrachtungen immer schon, ich möchte sagen, die Sache so gemacht, daß wir mit einem eigentlich erweiterten geschichtlichen Begriff gearbeitet haben. Wir haben den geschichtlichen Begriff so erweitert, daß wir uns vor allen Dingen bekannt gemacht haben, wie das Seelenleben des Menschen in der Tat, wenn wir gar nicht weit zurückgehen in den Jahrhunderten, durch und durch verschieden war in seiner Gesamtverfassung, in seiner Gesamtstimmung, von dem Seelenleben, wie es heute nach den Notwendigkeiten der menschlichen Entwickelung sein muß. Ich habe aufmerksam gemacht das letzte Mal, daß die Menschen der ersten Kulturperiode, die Menschen der urindischen Kultur, bis zu einem Lebensalter entwickelungsfähig geblieben sind, das man begrenzen kann als vom 56. bis 48. Lebensjahr. Ich habe das dadurch zu veranschaulichen versucht, daß ich sagte: So wie heute nur das Kind und der junge Mensch in seinem seelisch-geistigen Leben einen Parallelismus zeigen mit dem physisch-leiblichen Leben, so war es in jener alten Kulturepoche der Menschheit bis in die Fünfzigerjahre hinein. Heute merkt der Mensch nichts mehr aus seinem Körper heraus, wenn er das 30. Lebensjahr überschreitet. Er merkt nur aus seinem Körper Seelisches heraus, wenn er von der Kindheit auf in den Muskeln erstarkt, in den Nerven verschiedene Formationen durchmacht. Er merkt dann, wie mit dem Erstarken der Muskeln, mit der Veränderung der Formation der Nerven, mit der Umwandlung des Blutes im Organismus, wie da die seelisch-geistigen Erscheinungen mit diesen Veränderungen im physischen Organismus parallel gehen. Dann aber hört diese Abhängigkeit des Geistig-Seelischen von dem physischen Organismus auf. Sie blieb aber vorhanden in jener alten Zeit, von der wir nun einige Worte zu sagen haben.
[ 4 ] Gewiß nahm auch dazumal zunächst der Mensch wahr, von der Kindheit aufsteigend, in einem mehr oder weniger deutlichen Bewußtsein — auch heute geschieht das in einem mehr oder weniger deutlichen Bewußtsein nur —, wie er erstarkte körperlich, und wie damit der Wille anders wird, wie das Fühlen anders wird, wie auch das Vorstellen anders wird. Er merkte also die Abhängigkeit in der Kindheit und im Jugendalter von dem Wachsen, dem Blühen, dem Gedeihen, von dem aufsteigenden Leben in seinem Organismus. Dann kam die Zeit der Lebensmitte, die in den Dreißigerjahren liegt; das 35. Jahr ist ja die Zeit der Lebensmitte. Heute weiß sich der Mensch nicht in derselben Weise abhängig von seiner Lebensmitte, wie er sich abhängig weiß vom 12. bis zum 16. Jahr von der Geschlechtsreife zum Beispiel. Dazumal aber wußte sich der Mensch davon abhängig, daß er gewissermaßen in sich verspürte: Vorher stieg das Leben hinauf, es nahm zu, es kam in einen Höhepunkt; von diesem Höhepunkt steigt es wieder hinab, man wächst nicht mehr weiter, man wird nicht mehr größer, man hat im wesentlichen auch seine Nervenformation abgeschlossen, man beginnt so zu bleiben wie man ist. Ja, hatte man feinere Empfindungen dafür, so konnte man auch spüren, wie eben das Leben verholzt, abwärts geht, wie gewissermaßen eine Verknöcherung beginnt, wie der Mensch anfängt — wenn wir den Ausdruck brauchen dürfen —, sich zu vermineralisieren. Dann kamen die Vierzigerjahre mit dem Leben, das entschieden abzusteigen beginnt, wo man fühlt: Das Leben im Leibesorganismus geht zurück. Dafür aber hatte man in jener Zeit dasjenige, was heute der Mensch nicht mehr haben kann; man hatte das seelische Erlebnis in seiner Abhängigkeit vom Zurückgehen des physischen Leibeserlebnisses. Da machte der Mensch in jenen alten Zeiten gewissermafßen drei Stadien durch; heute macht der Mensch höchstens ein Stadium durch. Wodurch drückte sich das denn aus, was er da durchmachte in drei Stadien? Nun, sehen wir einmal ganz deutlich hin auf die Abhängigkeit von dem Wachsen, Blühen und Gedeihen im aufsteigenden Leben, und setzen wir zunächst voraus, daß der Mensch wirklich in sich gesund fühlte — was heute auch schon die wenigsten Menschen tun —, wirklich fühlte dieses gesunde, aufsteigende, wachsende und gedeihende Leben, fühlte, wie dieses aufsteigende, wachsende und gedeihende Leben geistgetragen ist. Denn die bloß physischen Substanzen, die man etwa durch die Nahrung zu sich nimmt, die wachsen ja nicht. Dasjenige, was das Wachsen, was das Zunehmen, was die aufwärtsgehende Entwickelung bewirkt, das ist das Geistige der Kräfte, das da zugrunde liegt. Man konnte hinblicken auf seinen Menschenursprung, konnte sagen: Ich bin hervorgegangen aus den Vererbungssubstanzen, ich habe da meinen Ursprung als leiblicher Mensch genommen, das Geistige hat sich mit dem Leibe vereint und es trägt mich aufwärts. — In diesem gesunden Abhängigsein des Geistig-Seelischen von dem Leiblichen, in diesem Fühlen des Drinnensteckens des Geistig-Seelischen in dem Leiblichen empfand man in der damaligen Zeit das Wirken des Gottes, und zwar des Vater-Gottes in sich. Denn man sagte sich: Ich bin in die Welt hereinversetzt mit der Kraft des Aufsteigens, mit der Kraft des Gedeihens. — Und ist man nicht gedanken- und gefühllos gegenüber dem, was da in einem aufsteigt, dann empfindet man im Seelischen das Wachsen, das Gedeihen selber, als das Wirken des Vater-Gottes in einem. Man fühlt sich verbunden mit der Natur. So wie die Pflanzen und Tiere wachsen und gedeihen, so wächst und gedeiht man selber; man fühlt sich mit dem natürlichen Dasein verwandt und man fühlt in sich den Vater-Gott. Dasjenige, was ich auseinandergesetzt habe als heute in gewissen Begegnungen auftretend, das fühlte man in jenen alten Zeiten einfach im normalen Leben in der Weise, wie ich es jetzt dargestellt habe.
[ 5 ] Und nun begann die Periode im individuellen Leben, wo die Lebensmitte überschritten wurde, wo man von dem wachsenden, zunehmenden, gedeihenden Leben durch die Kulmination, durch den Höhepunkt, überging zu dem Herabsteigenden. So wie nun das wachsende, gedeihende Leben dem Geistig-Seelischen, das sich davon abhängig weiß, wenn alles gesund wirkt im Menschen, die Empfindung beibringt des Ex deo nascimur, aus dem Gotte bin ich geboren, aus dem Gotte habe ich meinen Ursprung genommen, der mich weiter wachsen und gedeihen läßt, so bringt dieses Hinüberschreiten über die Kulmination, dieses Übersteigen des Höhepunktes das hervor, daß der Mensch, wenn er so empfindet, wie in jenen alten Zeiten empfunden wurde, im gewöhnlichen Wachleben das Gedeihen noch spürte, zum Teil auch noch, weil er sich an das frühere Abhängigsein des Geistig-Seelischen vom Physisch-Leiblichen erinnerte und weil er dasselbe Wachsen und Gedeihen draußen in der Natur verfolgen konnte. Aber wenn er in dem dämmernden Zustande war in jenen alten Zeiten, wo noch Atavismus vorhanden war, dann wirkte das absteigende Leben — dieses absteigende Leben läßt man ja eigentlich zurück, mit dem Astralleib und Ich ist man heraus, aber sie haben Verbindung mit dem physischen Leibe; in Abhängigkeit ist man insbesondere von seinen abnehmenden Kräften, wenn man schläft —, da nahmen denn die Leute im absteigenden Leben das Göttlich-Geistige im natürlichen Dasein wahr. Im absteigenden Leben, das ihr namentlich im Traum, im Schlafe und im alten atavistischen Hellsehen erscheint, wo das Physische zurückgeht, sich zu sklerotisieren beginnt, da beginnt die Seele sich einzuleben ins Geistige, das in der ganzen kosmischen Umgebung ist.
[ 6 ] Denken Sie, was das für ein Erlebnis ist: Man fühlt den Übergang. Geist- oder gottbeseelte Natur wechselt ab mit Wahrnehmung des Geistes aus dem Kosmos, und man weiß: das eine ist aufschwebend, das andere ist herabsteigend. Die Vereinigung des kosmischen Geistes mit dem natürlichen Geiste, das wurde ein unmittelbares Erlebnis. Man wußte: In der irdischen Umgebung ist der kosmische Geist, hier auf der Erde ist der natürliche Geist, aber die beiden haben eine Verbindung, sie wogen ineinander; und indem der Mensch lebt, geht er von dem einen zu dem anderen über. Indem er vom wachsenden Leben ausgeht, den Kulminationspunkt überschreitet, wird er durchwogt von dem kosmischen Geiste, der später als Christus gefunden worden ist.
[ 7 ] Wurden dann die Menschen älter, über die Vierzigerjahre hinaus — weil sie bis dahin sich abhängig wußten in ihrem seelisch-geistigen Leben von dem abnehmenden körperlichen Leben, besonders in den träumenden, schlafdurchsetzten oder Dämmerzuständen —, dann wurden die Leute gewahr den Geist als solchen, der jetzt nicht an die Materie gebunden ist, sondern als Geist lebt. Sie nahmen wirklich den Geist von den Vierzigerjahren an wahr, den Geist, der nun nicht an die Natur gebunden ist, den Heiligen Geist. So daß, wenn wir in jene alten Zeiten zurückgehen, wir bei diesen Menschen eine unmittelbare Wahrnehmung durch das Leben hindurch des Vater-Gottes finden, des Christus-Gottes, der noch nicht zum irdischen Dasein heruntergestiegen war, und des Heiligen Geistes. Auf diese unmittelbare Lebenserfahrung hin ist es gebaut, daß in alten religiösen Traditionen die göttliche Trinität auftritt, daß Sie überall, wo Sie suchen, diese göttliche Trinität, Brahma, Vishnu, Shiva, finden. Die alten Traditionen sind eben durchaus auf die wirkliche menschliche Erfahrung gebaut. Wollte man nur eingehen auf dasjenige, auf was ja eingegangen werden muß in der Geisteswissenschaft, auf die Art, wie die eine Wahrheit die andere trägt, dann würde man schon dazu kommen, Geisteswissenschaft als etwas sich in sich selbst ganz Tragendes zu erkennen. Das sollte immer mehr und mehr durchschaut werden; sonst kommt es ja wirklich dahin, was vor kurzer Zeit ein Außenstehender zu einem Mitgliede gesagt hat: Ja, dasjenige, was da vorgetragen wird als Geisteswissenschaft, ist sehr schön, aber es hat keinen Boden, es steht ohne Boden da. — Der Ausspruch ist geradeso gescheit, ich könnte auch sagen ist geradeso dumm, wie wenn jemand in dem Augenblick, als Kopernikus festsetzen mußte, daß die Erde um die Sonne herumgeht, also nicht auf einem Boden aufsitzt, gesagt hätte: Ja, es fehlt ja der Erde der Boden! Wie ist das mit den Planeten und Gestirnen, die müssen doch irgendwo aufsitzen! Sie tragen sich eben dort physisch selber. Und Geisteswissenschaft ist ein Gefüge, von dem man eben nur wissen, einsehen, verstehen muß, daß die einzelnen Glieder sich selber tragen.
[ 8 ] Dann kam die urpersische Epoche, wo die Menschen in der Art, wie ich es dargestellt habe, entwickelungsfähig blieben bis in die Vierzigerjahre, vom 48. bis 42. Jahre. Sie werden jetzt erkennen, was da zurückging. Zurück ging insbesondere die Anschauung des Geistes als solchen, aber man konnte ihn noch erkennen. Diejenigen, die das Alter vom 48. bis 42. Jahr erreichten, die konnten den Geist in seiner Reinheit, das heißt den Heiligen Geist, noch erkennen, sie konnten noch etwas wissen davon.
[ 9 ] Dann kam aber die chaldäisch-ägyptische Epoche. Das Lebensalter der Menschheit ging zurück bis auf die Jahre vom 42. bis 35. Lebensjahr. Das reine Anschauen des Geistes trübte sich, und nur diejenigen konnten eigentlich am Schlusse dieser ägyptisch-chaldäischen Epoche noch etwas von dem reinen Geiste wissen, die in die Mysterien eingeweiht wurden; denn selbstverständlich, in den Mysterien konnte man das Geheimnis der Trinität überall anschaulich lehren. Aber für das normale Leben ging das Verständnis für den Geist zurück. Dagegen war in dieser dritten nachatlantischen Zeit, in der ägyptisch-chaldäischen Periode, wirklich noch in hohem Maße das Bewußtsein vorhanden: Im Kosmisch-Himmlischen lebt ein Geist, der aufsteigt und abwogt. Das Bewußtsein von dem kosmischen Christus war durchaus noch allgemein. Der Zusammenhang des Menschen mit den Himmeln, könnte man sagen, war im Bewußtsein vorhanden.
[ 10 ] Das wurde nun anders, als die vierte nachatlantische Zeit kam, als in der vierten Periode das allgemeine Menschheitsalter hinunterging bis zum 35. bis 28. Lebensjahr. In den ältesten Zeiten — 747 vor dem Mysterium von Golgatha begann ja dieses vierte Zeitalter, 1413 schließt es —, in den ältesten Zeiten, da war es noch so, daß, wenn ein Mensch das 35. Lebensjahr im allgemeinen menschlichen Lebensalter erreichte, die imaginative Erkenntnis des Christus-Geistes noch vorhanden war. Aber als das erste Drittel herum war, namentlich als das Griechentum das erste Drittel durchgemacht hatte, als der Beginn unserer Zeitrechnung zu verzeichnen war, da war ungefähr das Alter der Menschheit 33 Jahre. Da machten die Menschen nicht mehr den Kulminationspunkt durch, da machten sie nur noch durch das Abhängigsein — allerdings klarer als später im fünften Zeitraum —, das Abhängigsein von dem blühenden, aufsteigenden, gedeihenden Leben. Den Vater-Gott machten sie durchaus mit in ihrem Bewußtsein; der kosmische Christus verschwand allmählich aus dem Bewußtsein. Und da kam denn dasjenige, was als Ersatz dafür zu bezeichnen ist, da kam, als die Menschheit gerade dieses 33. Lebensjahr überschritt, der kosmische Christus in den Leib des Jesus von Nazareth auf die Erde nieder, um auf der Erde seine Kraft auszubreiten und von einer anderen Seite her dasjenige den Menschen zu geben, was sie früher durch die unmittelbare menschliche Erfahrung in der Abhängigkeit des Geistig-Seelischen von dem Leiblich-Physischen hatten. Das ist die große Bedeutung des Mysteriums von Golgatha. Das erklärt auch die Bedeutung jener Verheißung, die man die Verheißung des Heiligen Geistes nennt. Es mußte nun die Zeit beginnen, in der der Heilige Geist durch den von Christus angefachten Impuls von innen heraus, ohne die normale menschliche Erfahrung, erreicht werden muß. Sie sehen, wie der Zusammenhang mit den geistigen Welten, rein durch die physische Organisation des Menschen im Zusammenhang mit der seelischen Organisation, sich ändert, wie allmählich dasjenige, was im Bewußtsein des Menschen durch seine normale Entwickelung war, entschwand.
[ 11 ] Dann kam der fünfte nachatlantische Zeitraum. Das allgerüeine Menschheitsalter ging bis zum 28. Jahre zurück, und es wird während des fünften Zeitraumes bis zum 21. Jahre zurückgehen. Jetzt leben wir, wie ich das letzte Mal ausgeführt habe, im Allgemein-menschheitlichen Lebensalter von ungefähr 27 Jahren. Daher, das muß immer wieder betont werden, ist es jetzt notwendig, daß im Innern der Seele etwas angefacht wird an Kräften, die nicht mehr dadurch kommen, daß Kräfte des Leibes in die Seele einschießen können, sondern daß selbständig auf die Seele gebaute spirituelle Impulse in der Seele sich festlegen können, die die Seele in dieser Selbständigkeit, nicht mehr abhängig vom Leibe, vorwärts bringen. Aber nur bis gegen das 30. Jahr hin, solange der Mensch noch irgend etwas von Wachsen und Aufsprießen, wenn es auch nur das Wachsen der Muskeln noch ist, in sich hat, fühlt er bei gesundem Leben, bei gesundem Empfinden, bei gesundem Erleben, die Abhängigkeit vom Vater-Gott. Es muß also, wie Sie leicht einsehen können, mit dem Fortschreiten des fünften nachatlantischen Zeitraumes das eintreten, daß auch das gesunde Empfinden für das in dem eigenen Wachstum lebende Göttlich-Geistige allmählich zurückgeht. Das war noch rege, absolut rege im vierten nachatlantischen Zeitraum. Davon war auch in hohem Grade noch etwas vorhanden im fünfzehnten Jahrhundert. Heute fehlt der Menschheit schon ein Jahr bis zum Lebensalter, das vom 35. bis 28. Jahr dauert und die Lebensmitte darstellt. Und in diesem Fehlen eines Jahres liegt es, daß die Menschheit heute für den Materialismus und den Atheismus natürlich organisiert ist. Der Atheismus wird sich durch die Organisation der Menschen ausbreiten, und wenn das Gegengewicht, das spirituelle Gegengewicht, durch die Entwickelung eines rein seelischen Impulses, die unabhängig vom Leibe vor sich geht, nicht geschaffen wird, wird sich der Atheismus ausbreiten, weil sich der Mensch nicht mehr als Vollmensch gesund erleben kann; es wird ihm etwas entzogen von dem Miterleben des wachsenden, blühenden, gedeihenden Lebens. Deshalb konnte ich sagen: Atheist kann man eigentlich nur sein — vor einiger Zeit habe ich es hier gesagt —, wenn man nicht in voller Gesundheit den Zusammenhang des Seelisch-Geistigen mit dem Leiblich-Physischen im ganzen aufsteigenden Leben empfindet. Atheismus ist eigentlich für die Geisteswissenschaft eine Krankheit, aber diese Krankheit ist in der Menschheit dem rein natürlichen Dasein nach im Zunehmen begriffen. Immer mehr und mehr wird fehlen von jener Unterstützung des Fassungsvermögens für die gesamte Wirklichkeit, die der Mensch durch seine Organisation hat.
[ 12 ] Den Christus zu leugnen oder nicht zu erkennen, bezeichnete ich als ein Schicksalsunglück, weil der Christus gnadenvoll von außen an den Menschen herankommen muß. Und den Geist nicht zu erkennen, bezeichnete ich als eine Seelenblindheit. Diese Unterscheidung muß man schon haben. Eine Krankheit — natürlich den Begriff der Krankheit im umfassendsten Sinn gemeint — ist der Atheismus. Ein Schicksalsunglück ist die Leugnung oder Verkennung des Christus. Eine Seelenblindheit ist die Leugnung oder Verkennung des Geistes. Sie sehen schon hier, man muß schon einen völlig neuen Begriff von der Entwickelung haben, wenn man die Entwickelung des Menschengeschlechtes richtig verstehen will. Denn der Begriff von Entwickelung, wie er im Darwinismus herrscht, ist furchtbar abstrakt, und in dem Augenblick, wo die ganz grobe Wirklichkeit dem Darwinismus nicht mehr zur Verfügung steht, da weiß der Darwinismus eigentlich mit dem Entwickelungsbegriff nicht mehr viel anzufangen. Denn die Entwickelung hat einen aufsteigenden und absteigenden Ast, wie wir gesehen haben, während wir heute so leicht im Sinne des Materialismus denken: Nun, Entwickelung ist Ausgangspunkt von einer Form des Daseins, die nächste Form wird erreicht, die nächste und so weiter, und man glaubt, das schreitet so immer zum Vollkommeneren weiter.
[ 13 ] Die Entwickelung der Menschen in der nachatlantischen Zeit ist so, daß allerdings die Unabhängigkeit des Seelisch-Geistigen von dem Körperlichen immer größer und größer wird; aber auf den früheren Entwickelungsstufen schießt aus dem Körperlichen herauf in das Seelisch-Geistige das Begreifen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Das Begreifen des Geistes nimmt zuerst ab, das Begreifen des Sohnes schwindet dann, und jetzt stehen wir auf dem Weg, wo das Begreifen des Vater-Gottes schwinden wird für das äußere normale Leben — das gefühlsmäßige Begreifen! Denn ich sagte ja: Es ist ein mehr oder weniger deutliches Bewußtsein vorhanden von diesem Zusammenhang des Seelisch-Geistigen mit dem KörperlichPhysischen.
[ 14 ] Aber das hängt noch mit etwas anderem zusammen. Denken Sie, daß die körperliche Organisation überhaupt immer weniger und weniger hergibt, daß der Mensch, wenn er dem Geiste nahekommen will, zu Wegen greifen muß, auf denen ihn die körperliche Organisation nicht unterstützt. Daher kommt es, daß für denjenigen, der die Dinge beobachten kann, ein deutliches Zurückgehen in dem Umfang der Vorstellungen überhaupt stattfindet. Die Vorstellungen, die dem Menschen in alten Zeiten zur Verfügung standen, ich möchte sagen, die kochte sein Leib aus, indem er aus sich heraus das Geistige hergab, das ja in allem Materiellen steckt. Aber jetzt kocht der Leib immer weniger und weniger Vorstellungen und Begriffe aus, so daß — wenn man es radikal ausdrücken will — immer mehr und mehr die Zeit eintreten muß, wo der Mensch sein Hirn zermartern wird — oder, wenn er zu bequem ist, es auch nicht zermartern wird —, aber er findet nicht Begriffe, weil sie das Gehirn nicht von selbst hergibt. Er muß sich an die Geisteswissenschaft wenden, welche ihm Begriffe gibt, die nur mit dem Ätherleib, nicht mehr mit dem physischen Leib verstanden werden können, bewegliche Begriffe, nicht jene starren, toten Begriffe, die der physische Leib hergibt. So daß die natürliche Entwickelung des Menschen dahin geht, daß er immer ärmer wird an Begriffen, daß ihn diese natürliche Organisation hindert, in die Wirklichkeit unterzutauchen, wenn er nicht die Wege des geistigen Erkennens wählen will.
[ 15 ] Das führt auch hinein in das Verständnis der Gegenwart, das führt zum Verständnis dessen, was wirklich gesagt werden muß, ohne daß irgendwie dabei Kritik ausgeübt werden soll, nur eine Kennzeichnung soll es sein, daß die Menschheit immer stumpfsinniger und stumpfsinniger wird durch ihr natürliches Dasein, wenn sie nicht geistige Erkenntniswege wählt. Solchen Dingen muß man sich mit vollem Ernste gegenüberstellen. Das vermineralisierte Gehirn — und es wird immer mehr und mehr vermineralisieren —, das wird stumpf und kann nicht mehr Begriffe bilden, die in die Wirklichkeit wirklich untertauchen können. Nur derjenige, der sich keine Mühe gibt, hineinzuschauen in das Getriebe der Gegenwart, und der nicht das Bedürfnis hat zu verstehen, was eigentlich in der Gegenwart ist, der kann an diesen Dingen vorbeigehen. Aber es ist wirklich dringend notwendig, daß man versucht, dieses recht zu verstehen.
[ 16 ] Und es ist merkwürdig, was einem da für Erscheinungen entgegentreten. Man muß nur die Zeit nicht verschlafen! Die meisten Menschen verschlafen jetzt die Zeit, indem sie das, was eigentlich die wirksamen Impulse sind, nicht sehen, sondern nur die Äußerlichkeiten desjenigen, was vorgeht. Man muß nur achten auf dasjenige, was vorgeht, dann wird man schon darauf kommen, daß in der Gegenwart unendlich viel Rätselvolles ist. Um es zu verstehen, braucht man die Begriffe, die aus der Geisteswissenschaft kommen, sonst fühlt man sich eben hilflos; denn irgendwo müssen ja diese Begriffe herkommen. Nehmen Sie ein Beispiel. Es ist immerhin kein schlechtes Beispiel, das ich hier anführen will. Ein strebender Mensch sucht seit Jahrzehnten in Österreich etwas zu entfachen, was er eine kulturpolitische Bewegung nennt. Scheu heißt der Mann. Was versucht er? Er charakterisiert die hier öfter schon charakterisierten Verhältnisse. Er versucht, die intellektuellen Leute zusammenzufassen, um mit ihnen neue Formen des politischen Lebens zu finden, durch welche dem Geist eine größere Macht über die Geschicke der Völker gesichert werden könnte.
[ 17 ] Ein sehr löbliches Beginnen, wenn man es erreichen könnte, daß dem Geiste eine größere Macht über die Geschicke der Völker gesichert werden könnte, indem man die Intellektuellen zusammenfassen würde. Warum hat der Mann in den neunziger Jahren bereits begonnen mit diesen Dingen? Er hat begonnen, weil er etwas wie einen dunklen Trieb hatte, daß es so, wie es ging, nicht weitergehen könne, daß da etwas zu fehlen, etwas zu mangeln beginne, das man hereinbringen müsse in die Menschheit. Er hat selbstverständlich bis jetzt nicht dasjenige finden können, was nötig ist, in die Menschheit hereinzubringen, denn Geisteswissenschaft ist ja selbstverständlich für solche Leute, auch wenn sie schon mehr oder weniger deutlich fühlen, was mangelt, eine Phantasterei, abergläubische Hinterwäldlerei. Dazu sind sie zu gescheit, darauf wollen sie sich nicht einlassen, nicht wahr. Nun, er fühlt eigentlich recht deutlich, was in der Gegenwart mangelt, und er drückt es so aus:
[ 18 ] «Ich will meinen Grundgedanken hier wiederholen. In der Erkenntnis, im Gedanklichen ist unsere Zeit unserer Zeit weit voraus.»
[ 19 ] Ein merkwürdiger Satz. Was wollte denn der Mann? Daß die Gedanken etwa stumpf geworden sind, das drückt er nicht aus, sondern er weiß nur: Die heutigen Intellektuellen — abstrakte Gedanken können sie wunderbar bilden! Alles geht bei ihnen wie am Schnürchen, sie sind überzeugt, weil sie alles so klar wissen können. Also:
[ 20 ] «In der Erkenntnis, im Gedanklichen ist unsere Zeit unserer Zeit weit voraus.»
[ 21 ] Das heißt: Die Leute können gut denken, aber die Gedanken sind von solcher Art, wie ich es dargestellt habe. «Unsere Zeit ist weit hinter unserer Zeit zurück.» Derselbe Gedanke, nur in anderer Form.
[ 22 ] «Als Erkennende, als Wissende, sind wir überreif und bis ins Unerlaubte verfeinert.»
[ 23 ] Das sind wir auch, wir Menschen der Gegenwart. Man braucht ja nur in der Literatur oder sonst im Leben Umschau zu halten. Denken Sie doch, was die Leute für feine Gedanken ausdenken! Nur sind diese Gedanken nicht geeignet, die Wirklichkeit zu ergreifen, unterzutauchen in die Wirklichkeit. Also:
[ 24 ] «Als Erkennende, als Wissende sind wir überreif und bis ins Unerlaubte verfeinert und erleuchtet; im realen Leben herrscht noch das Mittelalter. Die Ursache liegt darin, daß der Hochofen, worin die Gedanken in Realität umgeschmolzen werden sollen, nicht funktioniert.»
[ 25 ] Er drückt die Sache gefühlsmäßig merkwürdig richtig aus. Der Hochofen funktioniert nicht, wodurch die Gedanken, die im Abstrakten, Nebulosen herumirren, nicht so innerlich durchkrafter werden können, daß sie wirklich mit der Wirklichkeit sich verbinden könnten. Das fühlte er. Und er hat eigentlich etwas getan, was von seinem Gesichtspunkte aus gar nicht schlecht ist. Er sagte sich ungefähr so: An abstrakten Gedanken sind die Menschen überreif; da haben eine Reihe von Leuten den abstrakten Gedanken des Sozialismus, der Sozialdemokratie, den drechseln sie aus. — Man kann ja wirklich sagen, es ist eigentlich mit wunderbarer Logizität durchgeführt gerade im Marzismus dieser abstrakte Gedanke des Sozialdemokratischen; da ist der abstrakte Gedanke des Sozialdemokratischen, da ist der abstrakte Gedanke des Liberalismus durchgeführt. Man kann dann auch kombinierte Gedanken abstrakt durchführen: Nationalliberalismus, sogar Sozialliberalismus. Der abstrakte Gedanke des Konservativismus, er ist da. Nach diesen abstrakten Gedanken, die abstrakt sind — denn der Hochofen fehlt, durch den sie in die Wirklichkeit eingreifen können —, bildet man den Parlamentarismus, das Repräsentativsystem, bildet alle die Ideen des Liberalismus, Sozialliberalismus, der Sozialdemokratie, des Konservativismus, des Nationalismus aus. Robert Scheu versucht einfach mit den Mitteln, die ihm zur Verfügung stehen, an die Stelle dieser Abstraktionen die Wirklichkeit zu setzen, indem er an die Stelle des abstrakten Gedankens die Enquete setzt. Er sagt: Entscheiden sollen über die Sachen diejenigen, die etwas von ihnen verstehen. Nicht wahr, ob einer liberal oder konservativ ist, das macht nicht viel aus, wenn es sich darum handelt, den Petroleumhandel zu organisieren, oder darum, Kunstanstalten einzurichten, denn da handelt es sich darum, daß er von Kunst etwas versteht. Und so hat denn in der Tat Robert Scheu Enqueten auf den verschiedensten Gebieten veranstaltet, um die Leute reden zu lassen, die etwas davon verstehen. Das war ein ganz niedlicher Anfang.
[ 26 ] «Was ist dieser Hochofen?» sagt er. «Das Repräsentativsystem und das Parlament. Wo ist die Realität? In der Verwaltung. — Wer hält am Repräsentativsystem fest? Die Parteien. — Das sind abstrakte Gebilde mit prinzipiellen Programmen, die widerstreitende reale Interessen in sich zusammenfassen. Die Gegenstände des wirklichen Lebens werden von den Parteien nicht erfaßt, die nur aus deduktivem Denken an die Wirklichkeit herantreten. Sie interessieren sich für die wirklichen Gegenstände des Lebens nur insofern, als sie daraus einen Zuwachs ihrer Macht erwarten.»
[ 27 ] Hier fühlt einer sogar einmal, daß dieses Verfeinertsein im Gedanken — wir können auch sagen Stumpfwerden im Gedanken, weil die Gedanken nicht mehr wirklichkeitsverwandt sind —, daß das für das Leben eine unmittelbare Bedeutung hat. Denn an diese Fragen knüpft der Mann die Frage der Weiterentwickelung des öffentlichen Lebens, ob Repräsentativsystem oder etwas anderes, wobei er natürlich nicht an Reaktion von alten Formen denkt, sondern wirklich darüber nachdenkt, wie man aus der Wirklichkeit heraus etwas finden könne, was die Struktur des sozialen Lebens in Ordnung bringen kann, Da hat er manches geschaffen im Laufe der Zeit. Aber jetzt ist es interessant, jetzt hält er wiederum einmal so eine Art Rückschau nach dem, was ihm gelungen ist. Er sagt sich: Was habe ich eigentlich versucht? — Versucht hat er an die Wirklichkeit heranzudringen, wie man heute mit stumpfen Begriffen sagt: Ich habe an die Stelle der Deduktion die Induktion gesetzt. — Nun, so drückt man es heute mit den stumpfen Begriffen aus. Man kann das überall lesen. Aber befriedigt fühlt sich der Mann nicht, wirklich nicht. Und deshalb sagt er am Schlusse des Aufsatzes, wo er die ganze Geschichte erzählt:
[ 28 ] «Ich aber bin zu der Erkenntnis gekommen, daß meine induktive Kulturpolitik doch einer Ergänzung durch ein deduktives Programm bedarf, daß man den Tunnel von zwei Seiten anbohren muß, um den Durchbruch zu erarbeiten. Die dazu nötige Denkarbeit müßte von allen guten Europäern gemeinsam geleistet werden.»
[ 29 ] Sie sehen, der Mann geht selbst bis zu dem Bilde, daß man den Tunnel von zwei Seiten anbohren muß, nur kann er nicht an diejenige Quelle heran, wo heute wirklichkeitsverwandte Begriffe zu holen sind. Er bleibt also zunächst stehen, würde wahrscheinlich auch nicht glauben, daß sein sogenannter induktiver Weg durch alle möglichen Enqueten denn doch eben nur die eine Anbohrung des Tunnels ist; die andere ist das Aufsuchen der geistigen Entitäten, wo die Geisteswissenschaft eben die andere Seite der Wirklichkeit enthält.
[ 30 ] Die unmittelbare Lebenspraxis fordert dasjenige, was Geisteswissenschaft eigentlich meint. Und es ist nicht irgendein abstruser Gedanke, wenn davon gesprochen wird: Geisteswissenschaft ist dasjenige, was gebraucht wird von dem Leben! — sondern es ist durchaus aus dem Leben heraus, aber aus dem Leben, indem man es erfaßt in dem Moment, wo es in der gegenwärtigen Entwickelungsepoche der Menschheit steht. Denken Sie nur, wie fruchtbar diese Geisteswissenschaft würde, wenn die Menschen jene Binde sich von den Augen nehmen könnten, die sie heute noch so dick vor den Augen haben. Denn das ist in der Tat dasjenige, was von der anderen Seite des Tunnels die Anbohrung braucht. Ohne das wird man trotzdem nur zu Absurditäten kommen. Daß dann im einzelnen allerlei niedliche Sachen passieren, das fällt einem natürlich gleich auf, wenn man in den beweglichen Begriffen der Geisteswissenschaft lebt. Enqueten stellt Robert Scheu an, also über die verschiedenen Lebenszweige läßt er die Leute reden, die etwas davon verstehen. Er führt unter den Dingen, die durch solche Enqueten geändert werden sollen, zum Beispiel auch das Meldewesen an. Denken Sie einmal, wenn jetzt über das Meldewesen durch eine Enquete entschieden werden sollte!
[ 31 ] Sie haben hier so recht ein Beispiel, wie die Menschen anfangen zu fühlen, daß etwas fehlt, aber sich nicht entschließen können, zu dem zu gehen, was nun wirklich notwendig ist, um die Sache weiterzuführen. Es ist sehr merkwürdig, was man gerade auf diesem Gebiet für Erfahrungen macht. Es war wirklich von vornherein mein Bestreben, Geisteswissenschaft nicht in jene abstruse Bahnen zu geleiten, wozu sie ein sektiererischer Sinn geleiten möchte, sondern sie je nach den Bedürfnissen der Menschen einzugeleiten in das Leben. Ich versuchte, jedem Menschen, wenn er einen Rat hören wollte, je nach seiner Individualität einen Rat zu geben. Nehmen wir ein Beispiel. Heute ist es ja ungeheuer schwer, ich möchte sagen, bis in die materialistische Lebenspraxis mit einem solchen Rat hineinzugehen. Denn die Fabrikdirektoren werden einem sonderbar kommen, wenn man sagt, daß durch Geisteswissenschaft ihr Betrieb besser betrieben werden könnte als durch ihre sogenannte Praxis. Aber man konnte hoffen, daß es doch an einem Punkte ginge.
[ 32 ] Da trat vor Jahren ein Mann an mich heran und sagte, er möchte seine Wissenschaftlichkeit befruchten durch die Geisteswissenschaft. Wir sprachen nun über seine Wissenschaftlichkeit. Er war ein wunderbarer Gelehrter; babylonisch-ägyptische Altertumskunde, das wurde wirklich in hohem Grade von ihm beherrscht. Ich versuchte mit ihm zusammen, wie die Fäden gezogen werden können, wie das, was die Geisteswissenschaft gibt, befruchtend eingreifen kann, nun, wenigstens in diese Wissenschaft, so daß wenigstens ein Stück, möchte ich sagen, eben der Wissenschaft, wie sie heute getrieben wird, befruchtet werden kann. Das, was die Wissenschaft heute geben kann, das wußte er auf seinem Gebiet; Geisteswissenschaft fand er bei uns. Das Babylonische und Ägyptische war auf der einen Seite, die Geisteswissenschaft auf der anderen Seite; beides hatte er, aber den Willen, sie wirklich zu durchdringen gegenseitig, sie zu verbinden: er konnte ihn nicht aufbringen! Wenn man aber diesen Willen nicht entwickelt, so wird man niemals verstehen, was eigentlich mit der Geisteswissenschaft gemeint ist. Man wird immer mehr und mehr dazu neigen, die Geisteswissenschaft zu jener zweifelhaften Mystik zu machen, zu welcher sie die Leute, die zum Leben nicht zu brauchen sind, machen möchten, unter dem Eindruck: Das Leben ist nichts wert, man muß aufsteigen zu einem höheren Leben, man muß aus dieser Welt des sinnlichen Anschauens in die Träumerei aufsteigen, da ergibt sich das Höhere dann. Wozu denn hier ordentlich seine Kinder erziehen, lieber nachdenken, was man früher für Inkarnationen hatte! Das ist das, was einen in die höheren Regionen bringt und so weiter. — Darum handelt es sich nicht, sondern darum handelt es sich, auf dem Gebiete, auf dem man eben steht, Geisteswissenschaft fruchtbar zu machen. Sie kann überall fruchtbar gemacht werden, das Leben fordert sie.
[ 33 ] Das ist dasjenige, wofür man, ich möchte sagen, nicht bloß Worte haben möchte, um es heute begreiflich zu machen. Denn Worte sind wirklich schon recht abgebrauchte Verkehrsmünzen geworden. Wer fühlt denn heute eigentlich noch bei den Worten, was in ihnen liegt? Wer fühlt denn so recht sich hinein in die Worte? Fühlen mit den Worten, das ist etwas, was die Menschheit fast ganz verloren hat, wenigstens in dem Teil der Menschheit, dem wir angehören. Denken Sie, wenn heute einer sagt — lassen Sie mich das Beispiel gebrauchen —: Nun, du hast deine Aufgabe ziemlich gut gemacht; wer fühlt dann viel mehr bei diesen Worten als: Du hast deine Aufgabe fast gut gemacht. Das ist das, was man heute fühlt. «Ziemlich» ist «fast» gut. Wir sagen das eine statt des anderen. Legen Sie die Hand aufs Herz, ob Sie nicht bei dem Worte «ziemlich gut» das Gefühl haben: «fast gut», und das eine für das andere gebrauchen. Und doch: «ziemlich» ist ein Wort, das derselben Familie angehört, wie «geziemend sein, sich geziemen». Wenn ich etwas ziemlich gut mache, mache ich es so, daß ich es auf die geziemende Art gut bekomme, auf eine leichte Art; ich mache es nicht bloß gut, sondern so, daß mein Tun keine Schwierigkeiten hat, sondern geziemend ist; ich habe es in der Hand. Wer fühlt denn in dem Worte «ziemlich» noch das «geziemend» drinnen? Oder wer fühlt in dem Worte Zweifel, daß darinnen steckt das Zwei, daß man da einer Sache gegenübersteht, die sich zweiteilt? Wer fühlt überhaupt dieses zw, z-w? Sie haben aber überall, wo zu auftritt, dieselbe Empfindung wie bei Zweifel, wenn sich die Sache zweiteilt. Zwischen — da haben Sie dasselbe! Zweck, Zweifel, zwar — versuchen Sie, es zu fühlen! In allen Lautzusammenhängen kann Gefühl drinnen liegen. Aber die Worte sind heute eben recht wertlose Scheidemünzen. Deshalb möchte man schon etwas anderes als die Sprache haben, um eindringlich zu machen, was heute nötig ist, und was Geisteswissenschaft geben könnte. Diese Sprache, wie sie heute getrieben wird, sie ist so, daß sie noch mehr als es ohnedies schon der Fall ist durch die natürliche Entwickelung, das Denken abstumpft, und in einem Wust von Schreibereien und Druckereien stumpfes Denken zutage tritt.
[ 34 ] Man könnte Blut schwitzen, wie es mir heute morgen fast passiert ist, wo ich ein Buch in die Hand nahm, das geben soll die große Bedeutung des Unterschiedes der Ideen von 1789 und 1914, von Dr. Johann Plenge, ordentlicher Professor der Staatswissenschaften an der Universität Münster in Westfalen. Der Mann macht den Anspruch, den großen Gegensatz herauszuschälen aus der neueren Entwickelung, der besteht zwischen den Ideen von 1789 und 1914. Die Idee von 1914 hat er, wie er behauptet, ja eigentlich erfunden. Er hält sich für einen riesig großen Mann. Darauf wollen wir aber jetzt nicht eingehen. Seite 61 des Buches lese ich den Satz — ich will jetzt pedantisch sein, aber diese Pedanterie bedeutet etwas Feineres, und diejenigen, die das fühlen können, die werden es schon fühlen — also Seite 61 gab mir der Satz eine Ohrfeige — verzeihen Sie den Ausdruck: «Wo man also das eine kennt, muß man das andere suchen. Denken wir uns in die Seele eines Geschichtsschreibers der Zukunft, der dereinst von der Weltkatastrophe von 1914 hört.» — Was soll man sich mit diesem Satz aufbinden lassen? Einen Geschichtsschreiber der Zukunft stellt sich der Mann vor, der plötzlich hört von der Weltkatastrophe von 1914. Also er hat während seiner ganzen Jugend nichts gehört, sondern erst als Geschichtsschreiber der Zukunft hört er plötzlich davon! Man muß wirklich nicht mehr im lebendigen Vorstellen drinnenleben, um solch ein Zeug hinstellen zu können. Dann sucht er von der Bedeutung der Ideen zu sprechen, sucht zu sprechen davon, daß es Ideen in der Geschichte gibt, daß Ideen aufsteigen, Ideen zurückgehen können, und er sucht so hinter den Charakter und die Natur der Ideen zu kommen. Und während er das tut, während er das versucht, da leistet er sich denn an einer Stelle das Folgende: Er versucht zu zeigen, wie bei primitiven Völkerstämmen Ideen so unbewußt aufdämmern, dann bewußter werden. Er sagt: «Ein werdendes Kulturvolk lebt nach dem Vorbild eines vorgestellten veredelten Menschentums. Das schönste Muster einer solchen Ideenbildung ist die Stellung Homers in der Antike.»
[ 35 ] Also denken Sie: Die Stellung Homers in der Antike ist das Beispiel einer Ideenbildung! Was ungefähr so viel heißt als: Wenn einer Hofrat ist, so ist das das Beispiel einer Ideenbildung. Es ist unmöglich, sich bei so etwas was zu denken, wenn man mit seinen Gedanken lebendige Vorstellungen verknüpfen will. Wenn man allerdings das gewohnt ist von Jugend auf, so bekommt man wirklich Ohrfeigen bei solchen Sätzen, die nur ein Wortgedrechsel sind. Sie erinnern mich sehr lebhaft an jenen Professor, der ein Kolleg begonnen hat, indem er 25 Fragen aufwarf, einen Professor, der sehr, sehr berühmt geworden ist, einen Literaturprofessor. Ich will nicht sagen, wer es ist, sonst könnten Sie mir nicht einmal glauben. Er stellte 25 Fragen, dann sagte er: Meine Herren! Ich habe Sie in einen Wald von Fragezeichen geführt! — Ich mußte mir vorstellen einen Wald von Fragezeichen hintereinander. Denken Sie nur, was das für ein Denken ist, so seine Gedanken nicht verwirklichen, nicht leben in seinen Gedanken, so mit seinen Gedanken Worte drechseln.
[ 36 ] Das lebt sich dann allerdings in merkwürdiger Weise in der Gesinnung eines solchen Menschen aus. Da kommt man auf höchst Merkwürdiges; der Mann sagt: Der ganz richtige Historiker, der sucht eigentlich wie der Astronom die Dinge vorauszuberechnen. Und nun bemüht sich der gute Mann, zu zeigen, wie sich die Wirtschaftsverhältnisse entwickelt haben gegen diese jetzige Kriegskatastrophe zu. Da sagt er: Der wirkliche Historiker kann wie der Astronom solch eine Katastrophe vorausberechnen. — Nun, er hält sich auf der einen Seite für einen wirklich so großen Historiker, der das können müßte, aber er hat es nun nicht gekonnt, trotzdem er viele Bücher geschrieben hat über das wirtschaftliche Leben. Das stört ihn. Deshalb erzählt er, wie er es eigentlich gemacht hat. Wie hat er es gemacht? Er sagt: Nun ja, ich habe gezeigt auf der einen Seite, daß die wirtschaftliche Entwickelung so ist, daß man eigentlich mit allen Mächten und Kräften dem Frieden zustreben müßte; und dann habe ich wieder gezeigt, daß sie aber auch so ist, daß nur der Krieg kommen konnte. — Nun, das ist ja eine unzweifelhaft richtige Prophetie, nicht wahr; das ist, wie wenn ich zwei Röcke habe und sage: Wenn ich nicht den einen anziehe morgen, dann werde ich den andern anziehen. Aber glauben Sie nicht, daß solch eine innere Frivolität in Begriffen nicht Folgen hätte, denn da, wo er nun davon spricht, wie er so geschwankt hat, ob er nun den blauen Rock oder — nein, den Frieden oder den Krieg prophezeien soll, da sagt er — ja, er zitiert sich selber, es ist mit den Zitaten überhaupt eine merkwürdige Sache in diesem Buch —, er sagt: «Aber es ist notwendig, daß die Phantasie mit diesem Kriege spielt.» Nun denken Sie sich diese Gesinnung! Er hielt es eben für notwendig, nicht mit mehr Ernst zu reden, sondern daß die Phantasie mit dem Kriege spielt, in den Jahren, die zu dieser Katastrophe hingeführt haben.
[ 37 ] Ich sagte, mit dem Zitieren ist es in diesem Buche eine eigentümliche Sache. Das ganze Buch ist nämlich eine Anlehnung an einen Artikel, der in der Tageszeitung erschienen ist. Dieser Artikel ist ein unschuldiges Ding; da hat sich einfach ein unbekannter Journalist aufgelehnt gegen die Idee von 1914, die Plenge ja «erfunden» hat. Das ist merkwürdig in seiner Buchmacherei. Denn da liest man den Artikel auf der ersten Seite, soweit Plenge ihn bringen will, um daran anzuknüpfen. Dann redet er über den Artikel; dann kommt man auf Seite 21, da zitiert er ihn noch einmal, so daß der Artikel von der Tageszeitung schon zweimal dasteht. Dann redet er weiter. Dann zitiert er einzelne Stücke aus dem Artikel; da liest man ihn also ein drittes Mal. Und am Schlusse, weil er ihn erst dreimal zitiert hat, bringt er ihn noch einmal, so daß man in diesem Buche einen Artikel der Tageszeitung viermal zitiert hat.
[ 38 ] Ich muß schon an solchen konkreten Beispielen die Dinge, wie sie liegen, klarmachen, um zeigen zu können, was notwendig ist, und um auch zeigen zu können, wie Geisteswissenschaft wirklich das Instrument ist, das in der Gegenwart einzugreifen hat. Diese Dinge, die scheinbar Kleinigkeiten sind, hängen mit den großen Gesichtspunkten, von denen wir ausgegangen sind, durchaus zusammen, Das bitte ich Sie, aus diesen Betrachtungen festzuhalten.
