Truths Regarding Humans Development
The Karma of Materialism
GA 176
5 June 1917, Berlin
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Truths Regarding Humans Development, tr. SOL
Zweiter Vortrag
Second Lecture
[ 1 ] Ich habe das letzte Mal hier begonnen Betrachtungen anzustellen über den Verlauf der Menschheitsentwickelung in der nachatlantischen Zeit, die uns gewissermaßen ein Schlüssel sein können zu dem Verständnisse der unmittelbaren Gegenwart, jener unmittelbaren Gegenwart, in der allerdings sehr viel Rätselhaftes sich befinden muß für denjenigen, der nicht den Versuch macht, mit Begriffen, mit Ideen, mit Vorstellungen diese Gegenwart zu verstehen, die nicht aus dem Vorstellungsquell und Vorstellungsbereiche unseres materialistisch denkenden Zeitalters genommen sind. Die Gegenwart braucht neue Begriffe, das dürfte uns ja aus mancherlei Betrachtungen schon hervorgegangen sein. Die alten Begriffe reichen nicht aus, um das kompliziert gewordene Leben zu begreifen. Was ich einmal vor Jahren nacheinander in verschiedenen Vorträgen angeführt habe, das ist, wie ich glaube, mit Bezug auf die Gegenwart von einer großen Bedeutung. Ich sagte damals zu wiederholten Malen an verschiedenen Orten: Wenn wir den Umfang der Begriffe, die wir haben, überschauen, der Begriffe, durch die wir die Wirklichkeit zu verstehen suchen, so sind im Grunde genommen die wertvollsten Begriffe, welche die Menschheit hat, um ein wenig hinter die Kulissen der äußeren Sinneswirklichkeit zu schauen, aus dem vierten nachatlantischen Zeitraum. Der fünfte nachatlantische Zeitraum, der 1413 begonnen hat, hat eigentlich im Grunde genommen neue Begriffe nicht hervorgebracht. Er hat gewiß neue Tatsachen, neue Zusammenfassungen von Tatsachen, in großartiger, in bewundernswürdiger Weise hervorgebracht; aber um diese Dinge zu verstehen, wurden eben die alten Begriffe verwendet. Man versuche an irgendeinem Beispiel sich das klarzumachen. Dasjenige, was Darwin und seine Nachfolger versucht haben über den Zusammenhang der Organismen zusammenzustellen, das wurde durch den Entwickelungsbegriff aufgereiht; aber der Entwickelungsbegriff selber ist nicht neu. Der Entwickelungsbegriff selber stammt aus der vierten nachatlantischen Periode. Und so kann man, wenn man den Begriff ernst nimmt, das Wesen des Begriffes ernst nimmt, dies durch alle unsere Auffassungsweisen, unsere Anschauungsweisen durchaus nachweisen.
[ 1 ] Last time, I began to reflect here on the course of human development in the post-Atlantean era, which can, in a sense, serve as a key to understanding the immediate present, that immediate present, which, however, must contain a great deal that is mysterious for those who do not attempt to understand this present with concepts, ideas, and notions that are not drawn from the wellspring of imagination and the realms of imagination of our materialistically minded age. The present needs new concepts; this should already have become clear to us from various considerations. The old concepts are not sufficient to grasp life, which has become so complex. What I once stated repeatedly in various lectures years ago is, I believe, of great significance in relation to the present. I said on repeated occasions in various places at that time: When we survey the scope of the concepts we possess—the concepts through which we seek to understand reality—the most valuable concepts humanity has for peering a little behind the scenes of external sensory reality are, in essence, those from the fourth post-Atlantean epoch. The fifth post-Atlantean epoch, which began in 1413, has not, in essence, produced any new concepts. It has certainly produced new facts and new syntheses of facts in a magnificent, admirable way; but to understand these things, it was precisely the old concepts that were used. Let us try to clarify this with an example. What Darwin and his successors sought to compile regarding the interrelationship of organisms was organized through the concept of evolution; but the concept of evolution itself is not new. The concept of evolution itself dates back to the fourth post-Atlantean period. And so, if one takes the concept seriously—if one takes the essence of the concept seriously—one can demonstrate this through all our modes of perception and our ways of viewing the world.
[ 2 ] Ein gewisser Schritt nach vorwärts ist im Grunde genommen nur gemacht worden, als Goethe die alten Begriffe flüssig machte, als er dadurch etwas ganz Neues brachte, das heute noch immer nicht gewürdigt ist, daß er auf den Begriff selber die Metamorphose, die Verwandlungsfähigkeit anwendete, so daß für ihn der Begriff des Blattes in seiner Verwandlung zugleich der Begriff der Blüte, der Frucht und so weiter werden konnte. Dieses Beweglichmachen des Begriffes, Beweglichmachen der Vorstellung, so daß man dieselbe Vorstellung in der Seele abändert und mit ihr die mannigfaltigen Erscheinungen der Natur, die ja auch in sich beweglich sind, mit einem in sich beweglichen Begriff, einer in sich beweglichen Idee verfolgen kann, das ist in gewisser Beziehung etwas Neues, und das ist dasjenige, was ich vor vielen Jahren genannt habe die zentrale Entdeckung Goethes. Es ist etwas wirklich Neues. Aber sie hat eine Fortsetzung erst gefunden in dem, was wir hier die Geisteswissenschaft nennen, und erst diese Geisteswissenschaft kann der Menschheit wiederum neue Vorstellungen, neue Begriffe bringen, durch die es möglich wird, in die Wirklichkeit ein- und in sie unterzutauchen.
[ 2 ] A certain step forward was essentially taken only when Goethe made the old concepts fluid; when, in doing so, he introduced something entirely new—which is still not appreciated today—namely, that he applied the concept of metamorphosis, the capacity for transformation, to the concept itself, so that for him the concept of the leaf, in its transformation, could simultaneously become the concept of the flower, the fruit, and so on. This making of the concept flexible, this making of the idea flexible—so that one can transform the same idea within the soul and, with it, track the manifold phenomena of nature (which are themselves flexible) using a concept that is flexible in itself, an idea that is flexible in itself—this is, in a certain sense, something new, and this is what I called, many years ago, Goethe’s central discovery. It is something truly new. But it has only found its continuation in what we call here spiritual science, and only this spiritual science can in turn bring humanity new conceptions and new concepts through which it becomes possible to enter into reality and immerse oneself in it.
[ 3 ] Vor allen Dingen muß der Begriff des Geschichtlichen selbst erweitert werden, und wir haben ja in den letzten Betrachtungen immer schon, ich möchte sagen, die Sache so gemacht, daß wir mit einem eigentlich erweiterten geschichtlichen Begriff gearbeitet haben. Wir haben den geschichtlichen Begriff so erweitert, daß wir uns vor allen Dingen bekannt gemacht haben, wie das Seelenleben des Menschen in der Tat, wenn wir gar nicht weit zurückgehen in den Jahrhunderten, durch und durch verschieden war in seiner Gesamtverfassung, in seiner Gesamtstimmung, von dem Seelenleben, wie es heute nach den Notwendigkeiten der menschlichen Entwickelung sein muß. Ich habe aufmerksam gemacht das letzte Mal, daß die Menschen der ersten Kulturperiode, die Menschen der urindischen Kultur, bis zu einem Lebensalter entwickelungsfähig geblieben sind, das man begrenzen kann als vom 56. bis 48. Lebensjahr. Ich habe das dadurch zu veranschaulichen versucht, daß ich sagte: So wie heute nur das Kind und der junge Mensch in seinem seelisch-geistigen Leben einen Parallelismus zeigen mit dem physisch-leiblichen Leben, so war es in jener alten Kulturepoche der Menschheit bis in die Fünfzigerjahre hinein. Heute merkt der Mensch nichts mehr aus seinem Körper heraus, wenn er das 30. Lebensjahr überschreitet. Er merkt nur aus seinem Körper Seelisches heraus, wenn er von der Kindheit auf in den Muskeln erstarkt, in den Nerven verschiedene Formationen durchmacht. Er merkt dann, wie mit dem Erstarken der Muskeln, mit der Veränderung der Formation der Nerven, mit der Umwandlung des Blutes im Organismus, wie da die seelisch-geistigen Erscheinungen mit diesen Veränderungen im physischen Organismus parallel gehen. Dann aber hört diese Abhängigkeit des Geistig-Seelischen von dem physischen Organismus auf. Sie blieb aber vorhanden in jener alten Zeit, von der wir nun einige Worte zu sagen haben.
[ 3 ] Above all, the concept of the historical itself must be expanded, and indeed, in our recent reflections, we have always—I would say—approached the matter in such a way that we have been working with a concept of history that has actually been expanded. We have expanded the concept of history in such a way that, above all, we have come to understand how the inner life of human beings—even if we do not go very far back in the centuries—was, in fact, thoroughly different in its overall constitution and overall mood from the inner life as it must be today, in accordance with the necessities of human development. Last time, I pointed out that the people of the first cultural period—the people of the Proto-Indian culture—remained capable of development up to an age that can be defined as ranging from 56 to 48 years. I tried to illustrate this by saying: Just as today only children and young people show a parallelism between their soul-spiritual life and their physical-bodily life, so it was in that ancient cultural epoch of humanity up into one’s fifties. Today, once a person passes the age of 30, they no longer perceive anything from within their body. They perceive soul-related phenomena through their body only as they grow stronger in their muscles from childhood onward and undergo various developments in their nerves. They then notice how, as the muscles grow stronger, as the structure of the nerves changes, and as the blood is transformed within the organism, the soul-spiritual phenomena run parallel to these changes in the physical organism. But then this dependence of the spiritual-soul aspects on the physical organism ceases. It did, however, remain present in that ancient time, about which we shall now say a few words.
[ 4 ] Gewiß nahm auch dazumal zunächst der Mensch wahr, von der Kindheit aufsteigend, in einem mehr oder weniger deutlichen Bewußtsein — auch heute geschieht das in einem mehr oder weniger deutlichen Bewußtsein nur —, wie er erstarkte körperlich, und wie damit der Wille anders wird, wie das Fühlen anders wird, wie auch das Vorstellen anders wird. Er merkte also die Abhängigkeit in der Kindheit und im Jugendalter von dem Wachsen, dem Blühen, dem Gedeihen, von dem aufsteigenden Leben in seinem Organismus. Dann kam die Zeit der Lebensmitte, die in den Dreißigerjahren liegt; das 35. Jahr ist ja die Zeit der Lebensmitte. Heute weiß sich der Mensch nicht in derselben Weise abhängig von seiner Lebensmitte, wie er sich abhängig weiß vom 12. bis zum 16. Jahr von der Geschlechtsreife zum Beispiel. Dazumal aber wußte sich der Mensch davon abhängig, daß er gewissermaßen in sich verspürte: Vorher stieg das Leben hinauf, es nahm zu, es kam in einen Höhepunkt; von diesem Höhepunkt steigt es wieder hinab, man wächst nicht mehr weiter, man wird nicht mehr größer, man hat im wesentlichen auch seine Nervenformation abgeschlossen, man beginnt so zu bleiben wie man ist. Ja, hatte man feinere Empfindungen dafür, so konnte man auch spüren, wie eben das Leben verholzt, abwärts geht, wie gewissermaßen eine Verknöcherung beginnt, wie der Mensch anfängt — wenn wir den Ausdruck brauchen dürfen —, sich zu vermineralisieren. Dann kamen die Vierzigerjahre mit dem Leben, das entschieden abzusteigen beginnt, wo man fühlt: Das Leben im Leibesorganismus geht zurück. Dafür aber hatte man in jener Zeit dasjenige, was heute der Mensch nicht mehr haben kann; man hatte das seelische Erlebnis in seiner Abhängigkeit vom Zurückgehen des physischen Leibeserlebnisses. Da machte der Mensch in jenen alten Zeiten gewissermafßen drei Stadien durch; heute macht der Mensch höchstens ein Stadium durch. Wodurch drückte sich das denn aus, was er da durchmachte in drei Stadien? Nun, sehen wir einmal ganz deutlich hin auf die Abhängigkeit von dem Wachsen, Blühen und Gedeihen im aufsteigenden Leben, und setzen wir zunächst voraus, daß der Mensch wirklich in sich gesund fühlte — was heute auch schon die wenigsten Menschen tun —, wirklich fühlte dieses gesunde, aufsteigende, wachsende und gedeihende Leben, fühlte, wie dieses aufsteigende, wachsende und gedeihende Leben geistgetragen ist. Denn die bloß physischen Substanzen, die man etwa durch die Nahrung zu sich nimmt, die wachsen ja nicht. Dasjenige, was das Wachsen, was das Zunehmen, was die aufwärtsgehende Entwickelung bewirkt, das ist das Geistige der Kräfte, das da zugrunde liegt. Man konnte hinblicken auf seinen Menschenursprung, konnte sagen: Ich bin hervorgegangen aus den Vererbungssubstanzen, ich habe da meinen Ursprung als leiblicher Mensch genommen, das Geistige hat sich mit dem Leibe vereint und es trägt mich aufwärts. — In diesem gesunden Abhängigsein des Geistig-Seelischen von dem Leiblichen, in diesem Fühlen des Drinnensteckens des Geistig-Seelischen in dem Leiblichen empfand man in der damaligen Zeit das Wirken des Gottes, und zwar des Vater-Gottes in sich. Denn man sagte sich: Ich bin in die Welt hereinversetzt mit der Kraft des Aufsteigens, mit der Kraft des Gedeihens. — Und ist man nicht gedanken- und gefühllos gegenüber dem, was da in einem aufsteigt, dann empfindet man im Seelischen das Wachsen, das Gedeihen selber, als das Wirken des Vater-Gottes in einem. Man fühlt sich verbunden mit der Natur. So wie die Pflanzen und Tiere wachsen und gedeihen, so wächst und gedeiht man selber; man fühlt sich mit dem natürlichen Dasein verwandt und man fühlt in sich den Vater-Gott. Dasjenige, was ich auseinandergesetzt habe als heute in gewissen Begegnungen auftretend, das fühlte man in jenen alten Zeiten einfach im normalen Leben in der Weise, wie ich es jetzt dargestellt habe.
[ 4 ] Certainly, even back then, as people grew from childhood onward, they perceived—with a more or less clear awareness (and even today this occurs only with a more or less clear awareness)—how they grew stronger physically, and how, with that, the will changes, how feeling changes, and how imagination also changes. Thus, in childhood and adolescence, they noticed their dependence on growth, on blossoming, on flourishing, on the rising life within their organism. Then came middle age, which falls in one’s thirties; the age of 35 is, after all, the midpoint of life. Today, people do not recognize their dependence on midlife in the same way that they recognize their dependence, for example, on the period from age 12 to 16, when they reach sexual maturity. Back then, however, people recognized their dependence on this phase because they sensed it within themselves, as it were: Before that, life was on the rise, it was increasing, it reached a peak; from this peak, it begins to decline again—one no longer grows further, one no longer gets taller, one’s nervous system has essentially completed its development, and one begins to remain as one is. Indeed, if one had a more subtle sensitivity to this, one could also sense how life becomes rigid, how it declines, how a sort of ossification begins, how the human being begins—if we may use the expression—to mineralize. Then came the forties, with life beginning to decline decisively, when one feels: Life within the physical organism is receding. But in those days, people had something that people today can no longer have: they had the soul experience in its interdependence with the waning of the physical bodily experience. In those olden days, people went through, so to speak, three stages; today, people go through at most one stage. How, then, was what they went through in those three stages expressed? Well, let us look very clearly at the interdependence with growth, blossoming, and flourishing in the upward-striving life, and let us first assume that a person truly felt healthy within themselves—which very few people do today—truly felt this healthy, upward-striving, growing, and flourishing life, and felt how this upward-striving, growing, and flourishing life is sustained by the spirit. For the purely physical substances that one ingests, for example through food, do not actually grow. That which brings about growth, increase, and upward development is the spiritual aspect of the forces that underlie it. One could look back to one’s human origins and say: I have emerged from the hereditary substances; I have my origin there as a physical human being; the spiritual has united with the body, and it carries me upward. — In this healthy interdependence of the spiritual-soul aspect on the physical, in this sense of the spiritual-soul aspect being embedded within the physical, people in those days perceived the working of God—specifically, the Father-God—within themselves. For they said to themselves: “I have been placed into the world with the power of ascent, with the power of flourishing.” — And if one is not indifferent in thought and feeling to what rises within, then one perceives in the soul the very act of growing and flourishing as the working of the Father-God within oneself. One feels connected to nature. Just as plants and animals grow and flourish, so does one grow and flourish oneself; one feels akin to natural existence and senses the Father-God within oneself. What I have described as occurring today in certain encounters was simply felt in those ancient times as part of normal life, in the way I have now portrayed it.
[ 5 ] Und nun begann die Periode im individuellen Leben, wo die Lebensmitte überschritten wurde, wo man von dem wachsenden, zunehmenden, gedeihenden Leben durch die Kulmination, durch den Höhepunkt, überging zu dem Herabsteigenden. So wie nun das wachsende, gedeihende Leben dem Geistig-Seelischen, das sich davon abhängig weiß, wenn alles gesund wirkt im Menschen, die Empfindung beibringt des Ex deo nascimur, aus dem Gotte bin ich geboren, aus dem Gotte habe ich meinen Ursprung genommen, der mich weiter wachsen und gedeihen läßt, so bringt dieses Hinüberschreiten über die Kulmination, dieses Übersteigen des Höhepunktes das hervor, daß der Mensch, wenn er so empfindet, wie in jenen alten Zeiten empfunden wurde, im gewöhnlichen Wachleben das Gedeihen noch spürte, zum Teil auch noch, weil er sich an das frühere Abhängigsein des Geistig-Seelischen vom Physisch-Leiblichen erinnerte und weil er dasselbe Wachsen und Gedeihen draußen in der Natur verfolgen konnte. Aber wenn er in dem dämmernden Zustande war in jenen alten Zeiten, wo noch Atavismus vorhanden war, dann wirkte das absteigende Leben — dieses absteigende Leben läßt man ja eigentlich zurück, mit dem Astralleib und Ich ist man heraus, aber sie haben Verbindung mit dem physischen Leibe; in Abhängigkeit ist man insbesondere von seinen abnehmenden Kräften, wenn man schläft —, da nahmen denn die Leute im absteigenden Leben das Göttlich-Geistige im natürlichen Dasein wahr. Im absteigenden Leben, das ihr namentlich im Traum, im Schlafe und im alten atavistischen Hellsehen erscheint, wo das Physische zurückgeht, sich zu sklerotisieren beginnt, da beginnt die Seele sich einzuleben ins Geistige, das in der ganzen kosmischen Umgebung ist.
[ 5 ] And now began the period in an individual’s life when middle age had been passed, when one moved from a life of growth, increase, and flourishing—through its culmination, its peak—to a life of decline. Just as the growing, flourishing life instills in the spiritual-soul aspect—which knows itself to be dependent on it when all is healthy within the human being—the feeling of *ex deo nascimur*—I am born of God, I have my origin in God, who allows me to continue growing and flourishing—so this passing beyond the culmination this surpassing of the culmination brings about the fact that the human being, when he feels as people did in those ancient times—when they still sensed this flourishing in ordinary waking life, in part because they remembered the spiritual-soul’s former dependence on the physical-bodily and because they could observe the same growth and flourishing out in nature— But when they were in that twilight state in those ancient times, when atavism still existed, then the descending life was at work—this descending life is actually left behind; one has stepped out of it with the astral body and the I, yet they remain connected to the physical body; one is particularly dependent on one’s waning forces when one sleeps—it was then that people perceived the divine-spiritual in natural existence within this descending life. In the descending life—which appears to you particularly in dreams, in sleep, and in the ancient atavistic clairvoyance, where the physical recedes and begins to sclerotize—the soul begins to settle into the spiritual that is present throughout the entire cosmic environment.
[ 6 ] Denken Sie, was das für ein Erlebnis ist: Man fühlt den Übergang. Geist- oder gottbeseelte Natur wechselt ab mit Wahrnehmung des Geistes aus dem Kosmos, und man weiß: das eine ist aufschwebend, das andere ist herabsteigend. Die Vereinigung des kosmischen Geistes mit dem natürlichen Geiste, das wurde ein unmittelbares Erlebnis. Man wußte: In der irdischen Umgebung ist der kosmische Geist, hier auf der Erde ist der natürliche Geist, aber die beiden haben eine Verbindung, sie wogen ineinander; und indem der Mensch lebt, geht er von dem einen zu dem anderen über. Indem er vom wachsenden Leben ausgeht, den Kulminationspunkt überschreitet, wird er durchwogt von dem kosmischen Geiste, der später als Christus gefunden worden ist.
[ 6 ] Just imagine what an experience that is: You can feel the transition. Nature, imbued with spirit or divinity, alternates with the perception of the spirit from the cosmos, and you know: one is soaring upward, the other is descending. The union of the cosmic spirit with the natural spirit became an immediate experience. One knew: In the earthly environment is the cosmic spirit; here on Earth is the natural spirit; but the two are connected, they flow into one another; and as a person lives, they pass from one to the other. As they emerge from growing life and pass the culminating point, they are permeated by the cosmic spirit, who was later recognized as Christ.
[ 7 ] Wurden dann die Menschen älter, über die Vierzigerjahre hinaus — weil sie bis dahin sich abhängig wußten in ihrem seelisch-geistigen Leben von dem abnehmenden körperlichen Leben, besonders in den träumenden, schlafdurchsetzten oder Dämmerzuständen —, dann wurden die Leute gewahr den Geist als solchen, der jetzt nicht an die Materie gebunden ist, sondern als Geist lebt. Sie nahmen wirklich den Geist von den Vierzigerjahren an wahr, den Geist, der nun nicht an die Natur gebunden ist, den Heiligen Geist. So daß, wenn wir in jene alten Zeiten zurückgehen, wir bei diesen Menschen eine unmittelbare Wahrnehmung durch das Leben hindurch des Vater-Gottes finden, des Christus-Gottes, der noch nicht zum irdischen Dasein heruntergestiegen war, und des Heiligen Geistes. Auf diese unmittelbare Lebenserfahrung hin ist es gebaut, daß in alten religiösen Traditionen die göttliche Trinität auftritt, daß Sie überall, wo Sie suchen, diese göttliche Trinität, Brahma, Vishnu, Shiva, finden. Die alten Traditionen sind eben durchaus auf die wirkliche menschliche Erfahrung gebaut. Wollte man nur eingehen auf dasjenige, auf was ja eingegangen werden muß in der Geisteswissenschaft, auf die Art, wie die eine Wahrheit die andere trägt, dann würde man schon dazu kommen, Geisteswissenschaft als etwas sich in sich selbst ganz Tragendes zu erkennen. Das sollte immer mehr und mehr durchschaut werden; sonst kommt es ja wirklich dahin, was vor kurzer Zeit ein Außenstehender zu einem Mitgliede gesagt hat: Ja, dasjenige, was da vorgetragen wird als Geisteswissenschaft, ist sehr schön, aber es hat keinen Boden, es steht ohne Boden da. — Der Ausspruch ist geradeso gescheit, ich könnte auch sagen ist geradeso dumm, wie wenn jemand in dem Augenblick, als Kopernikus festsetzen mußte, daß die Erde um die Sonne herumgeht, also nicht auf einem Boden aufsitzt, gesagt hätte: Ja, es fehlt ja der Erde der Boden! Wie ist das mit den Planeten und Gestirnen, die müssen doch irgendwo aufsitzen! Sie tragen sich eben dort physisch selber. Und Geisteswissenschaft ist ein Gefüge, von dem man eben nur wissen, einsehen, verstehen muß, daß die einzelnen Glieder sich selber tragen.
[ 7 ] As people grew older, past the age of forty—because up to that point they had been aware of their dependence in their soul-spiritual life on their waning physical life, especially in dreamlike, sleep-filled, or twilight states—they became aware of the Spirit as such, which is now no longer bound to matter but lives as Spirit. From their forties onward, they truly perceived the Spirit—the Spirit that is no longer bound to nature, the Holy Spirit. So that when we go back to those ancient times, we find in these people a direct perception, throughout their lives, of God the Father, God the Christ—who had not yet descended into earthly existence—and the Holy Spirit. It is upon this direct life experience that the appearance of the divine Trinity in ancient religious traditions is founded; wherever you look, you find this divine Trinity—Brahma, Vishnu, Shiva. The ancient traditions are, in fact, entirely based on genuine human experience. If one were only to consider what must indeed be considered in spiritual science—namely, the way in which one truth supports another—one would already come to recognize spiritual science as something that is entirely self-sustaining. This should be understood more and more clearly; otherwise, we will indeed end up in the situation described recently by an outsider to a member: “Yes, what is presented there as spiritual science is very beautiful, but it has no foundation; it stands there without a foundation.” — This statement is just as clever—or, I might say, just as foolish—as if, at the very moment when Copernicus had to establish that the Earth revolves around the Sun and thus does not rest on a foundation, someone had said: “Yes, the Earth lacks a foundation! What about the planets and stars—they must rest on something somewhere! They simply support themselves physically there. And spiritual science is a structure of which one simply has to know, realize, and understand that the individual parts support themselves.
[ 8 ] Dann kam die urpersische Epoche, wo die Menschen in der Art, wie ich es dargestellt habe, entwickelungsfähig blieben bis in die Vierzigerjahre, vom 48. bis 42. Jahre. Sie werden jetzt erkennen, was da zurückging. Zurück ging insbesondere die Anschauung des Geistes als solchen, aber man konnte ihn noch erkennen. Diejenigen, die das Alter vom 48. bis 42. Jahr erreichten, die konnten den Geist in seiner Reinheit, das heißt den Heiligen Geist, noch erkennen, sie konnten noch etwas wissen davon.
[ 8 ] Then came the Proto-Persian epoch, during which human beings, as I have described, remained capable of development well into their forties—from the age of 48 to 42. You will now recognize what was lost during that time. In particular, the perception of the spirit as such was lost, but it was still possible to recognize it. Those who reached the age of 48 to 42 could still perceive the Spirit in its purity—that is, the Holy Spirit—and could still know something of it.
[ 9 ] Dann kam aber die chaldäisch-ägyptische Epoche. Das Lebensalter der Menschheit ging zurück bis auf die Jahre vom 42. bis 35. Lebensjahr. Das reine Anschauen des Geistes trübte sich, und nur diejenigen konnten eigentlich am Schlusse dieser ägyptisch-chaldäischen Epoche noch etwas von dem reinen Geiste wissen, die in die Mysterien eingeweiht wurden; denn selbstverständlich, in den Mysterien konnte man das Geheimnis der Trinität überall anschaulich lehren. Aber für das normale Leben ging das Verständnis für den Geist zurück. Dagegen war in dieser dritten nachatlantischen Zeit, in der ägyptisch-chaldäischen Periode, wirklich noch in hohem Maße das Bewußtsein vorhanden: Im Kosmisch-Himmlischen lebt ein Geist, der aufsteigt und abwogt. Das Bewußtsein von dem kosmischen Christus war durchaus noch allgemein. Der Zusammenhang des Menschen mit den Himmeln, könnte man sagen, war im Bewußtsein vorhanden.
[ 9 ] But then came the Chaldean-Egyptian epoch. Humanity’s lifespan decreased to between the ages of 42 and 35. The pure perception of the spirit became clouded, and by the end of this Egyptian-Chaldean epoch, only those who had been initiated into the mysteries could truly know anything of the pure spirit; for, of course, in the mysteries the mystery of the Trinity could be taught vividly everywhere. But in ordinary life, understanding of the spirit declined. In contrast, during this third post-Atlantean epoch—the Egyptian-Chaldean period—the awareness that a spirit lives in the cosmic-heavenly realm, rising and ebbing, was still very much present. Awareness of the cosmic Christ was still quite widespread. One could say that the connection between human beings and the heavens was present in their consciousness.
[ 10 ] Das wurde nun anders, als die vierte nachatlantische Zeit kam, als in der vierten Periode das allgemeine Menschheitsalter hinunterging bis zum 35. bis 28. Lebensjahr. In den ältesten Zeiten — 747 vor dem Mysterium von Golgatha begann ja dieses vierte Zeitalter, 1413 schließt es —, in den ältesten Zeiten, da war es noch so, daß, wenn ein Mensch das 35. Lebensjahr im allgemeinen menschlichen Lebensalter erreichte, die imaginative Erkenntnis des Christus-Geistes noch vorhanden war. Aber als das erste Drittel herum war, namentlich als das Griechentum das erste Drittel durchgemacht hatte, als der Beginn unserer Zeitrechnung zu verzeichnen war, da war ungefähr das Alter der Menschheit 33 Jahre. Da machten die Menschen nicht mehr den Kulminationspunkt durch, da machten sie nur noch durch das Abhängigsein — allerdings klarer als später im fünften Zeitraum —, das Abhängigsein von dem blühenden, aufsteigenden, gedeihenden Leben. Den Vater-Gott machten sie durchaus mit in ihrem Bewußtsein; der kosmische Christus verschwand allmählich aus dem Bewußtsein. Und da kam denn dasjenige, was als Ersatz dafür zu bezeichnen ist, da kam, als die Menschheit gerade dieses 33. Lebensjahr überschritt, der kosmische Christus in den Leib des Jesus von Nazareth auf die Erde nieder, um auf der Erde seine Kraft auszubreiten und von einer anderen Seite her dasjenige den Menschen zu geben, was sie früher durch die unmittelbare menschliche Erfahrung in der Abhängigkeit des Geistig-Seelischen von dem Leiblich-Physischen hatten. Das ist die große Bedeutung des Mysteriums von Golgatha. Das erklärt auch die Bedeutung jener Verheißung, die man die Verheißung des Heiligen Geistes nennt. Es mußte nun die Zeit beginnen, in der der Heilige Geist durch den von Christus angefachten Impuls von innen heraus, ohne die normale menschliche Erfahrung, erreicht werden muß. Sie sehen, wie der Zusammenhang mit den geistigen Welten, rein durch die physische Organisation des Menschen im Zusammenhang mit der seelischen Organisation, sich ändert, wie allmählich dasjenige, was im Bewußtsein des Menschen durch seine normale Entwickelung war, entschwand.
[ 10 ] This changed when the fourth post-Atlantean epoch began, as the average human lifespan in the fourth epoch declined to between the ages of 35 and 28. In the earliest times—this fourth age began in 747 before the Mystery of Golgotha and ended in 1413—in the earliest times, it was still the case that when a person reached the age of 35 in the general human lifespan, the imaginative perception of the Christ Spirit was still present. But by the time the first third had passed—namely, when Greek civilization had gone through the first third, around the beginning of our era—the average human lifespan was approximately 33 years. At that time, people no longer experienced the culmination point; instead, they experienced only a state of dependence—albeit more clearly than later in the fifth epoch—a dependence on the blossoming, ascending, flourishing life. They certainly included God the Father in their consciousness; the cosmic Christ gradually disappeared from their consciousness. And then came what might be described as a substitute for him, just as humanity was crossing this 33rd year of life, the Cosmic Christ descended to Earth into the body of Jesus of Nazareth to spread His power on Earth and to give humanity, from a different perspective, what they had previously received through direct human experience in the interdependence of the spiritual-soul aspect upon the physical-bodily aspect. This is the great significance of the Mystery of Golgotha. It also explains the significance of that promise known as the promise of the Holy Spirit. The time had now to begin in which the Holy Spirit must be attained from within, through the impulse kindled by Christ, without the normal human experience. You can see how the connection with the spiritual worlds—purely through the physical organization of the human being in relation to the soul organization—is changing, and how what was present in human consciousness through normal development has gradually faded away.
[ 11 ] Dann kam der fünfte nachatlantische Zeitraum. Das allgerüeine Menschheitsalter ging bis zum 28. Jahre zurück, und es wird während des fünften Zeitraumes bis zum 21. Jahre zurückgehen. Jetzt leben wir, wie ich das letzte Mal ausgeführt habe, im Allgemein-menschheitlichen Lebensalter von ungefähr 27 Jahren. Daher, das muß immer wieder betont werden, ist es jetzt notwendig, daß im Innern der Seele etwas angefacht wird an Kräften, die nicht mehr dadurch kommen, daß Kräfte des Leibes in die Seele einschießen können, sondern daß selbständig auf die Seele gebaute spirituelle Impulse in der Seele sich festlegen können, die die Seele in dieser Selbständigkeit, nicht mehr abhängig vom Leibe, vorwärts bringen. Aber nur bis gegen das 30. Jahr hin, solange der Mensch noch irgend etwas von Wachsen und Aufsprießen, wenn es auch nur das Wachsen der Muskeln noch ist, in sich hat, fühlt er bei gesundem Leben, bei gesundem Empfinden, bei gesundem Erleben, die Abhängigkeit vom Vater-Gott. Es muß also, wie Sie leicht einsehen können, mit dem Fortschreiten des fünften nachatlantischen Zeitraumes das eintreten, daß auch das gesunde Empfinden für das in dem eigenen Wachstum lebende Göttlich-Geistige allmählich zurückgeht. Das war noch rege, absolut rege im vierten nachatlantischen Zeitraum. Davon war auch in hohem Grade noch etwas vorhanden im fünfzehnten Jahrhundert. Heute fehlt der Menschheit schon ein Jahr bis zum Lebensalter, das vom 35. bis 28. Jahr dauert und die Lebensmitte darstellt. Und in diesem Fehlen eines Jahres liegt es, daß die Menschheit heute für den Materialismus und den Atheismus natürlich organisiert ist. Der Atheismus wird sich durch die Organisation der Menschen ausbreiten, und wenn das Gegengewicht, das spirituelle Gegengewicht, durch die Entwickelung eines rein seelischen Impulses, die unabhängig vom Leibe vor sich geht, nicht geschaffen wird, wird sich der Atheismus ausbreiten, weil sich der Mensch nicht mehr als Vollmensch gesund erleben kann; es wird ihm etwas entzogen von dem Miterleben des wachsenden, blühenden, gedeihenden Lebens. Deshalb konnte ich sagen: Atheist kann man eigentlich nur sein — vor einiger Zeit habe ich es hier gesagt —, wenn man nicht in voller Gesundheit den Zusammenhang des Seelisch-Geistigen mit dem Leiblich-Physischen im ganzen aufsteigenden Leben empfindet. Atheismus ist eigentlich für die Geisteswissenschaft eine Krankheit, aber diese Krankheit ist in der Menschheit dem rein natürlichen Dasein nach im Zunehmen begriffen. Immer mehr und mehr wird fehlen von jener Unterstützung des Fassungsvermögens für die gesamte Wirklichkeit, die der Mensch durch seine Organisation hat.
[ 11 ] Then came the fifth post-Atlantean epoch. The average human lifespan used to be 28 years, and during the fifth epoch it will decrease to 21 years. As I explained last time, we are now living in an era when the average human lifespan is approximately 27 years. Therefore—and this must be emphasized again and again—it is now necessary for certain forces to be kindled within the soul; these forces no longer arise from the body’s energies flowing into the soul, but rather from spiritual impulses that are independently built upon the soul and can take root within it, propelling the soul forward in this independence, no longer dependent on the body. But only up to around the age of 30—as long as a person still possesses within themselves some capacity for growth and development, even if it is merely the growth of muscles—do they feel, through a healthy life, healthy sensibility, and healthy experience, a dependence on God the Father. So, as you can easily see, with the progression of the fifth post-Atlantean epoch, what must occur is that even the healthy sense of the divine-spiritual living within one’s own growth gradually recedes. This was still active—absolutely active—in the fourth post-Atlantean epoch. To a high degree, something of this was still present in the fifteenth century. Today, humanity is already one year short of the stage of life that lasts from the 35th to the 28th year and represents midlife. And it is in this lack of one year that humanity’s natural predisposition toward materialism and atheism lies. Atheism will spread through the organization of human beings, and if the counterbalance—the spiritual counterbalance—is not created through the development of a purely soul-based impulse that proceeds independently of the body, atheism will spread because human beings can no longer experience themselves as healthy, whole human beings; something will be taken away from them in their experience of growing, blossoming, and flourishing life. That is why I was able to say—as I mentioned here some time ago—that one can truly be an atheist only if one does not, in full health, perceive the connection between the soul-spiritual and the bodily-physical in the whole of ascending life. Atheism is actually a disease for spiritual science, but this disease is on the rise in humanity in terms of purely natural existence. More and more, that support for the comprehension of the entirety of reality—which human beings possess through their constitution—will be lacking.
[ 12 ] Den Christus zu leugnen oder nicht zu erkennen, bezeichnete ich als ein Schicksalsunglück, weil der Christus gnadenvoll von außen an den Menschen herankommen muß. Und den Geist nicht zu erkennen, bezeichnete ich als eine Seelenblindheit. Diese Unterscheidung muß man schon haben. Eine Krankheit — natürlich den Begriff der Krankheit im umfassendsten Sinn gemeint — ist der Atheismus. Ein Schicksalsunglück ist die Leugnung oder Verkennung des Christus. Eine Seelenblindheit ist die Leugnung oder Verkennung des Geistes. Sie sehen schon hier, man muß schon einen völlig neuen Begriff von der Entwickelung haben, wenn man die Entwickelung des Menschengeschlechtes richtig verstehen will. Denn der Begriff von Entwickelung, wie er im Darwinismus herrscht, ist furchtbar abstrakt, und in dem Augenblick, wo die ganz grobe Wirklichkeit dem Darwinismus nicht mehr zur Verfügung steht, da weiß der Darwinismus eigentlich mit dem Entwickelungsbegriff nicht mehr viel anzufangen. Denn die Entwickelung hat einen aufsteigenden und absteigenden Ast, wie wir gesehen haben, während wir heute so leicht im Sinne des Materialismus denken: Nun, Entwickelung ist Ausgangspunkt von einer Form des Daseins, die nächste Form wird erreicht, die nächste und so weiter, und man glaubt, das schreitet so immer zum Vollkommeneren weiter.
[ 12 ] I described denying or failing to recognize Christ as a misfortune of fate, because Christ must graciously approach human beings from the outside. And I described failing to recognize the Spirit as a blindness of the soul. One must make this distinction. Atheism is an illness—of course, I mean the concept of illness in the broadest sense. The denial or failure to recognize Christ is a misfortune of fate. The denial or failure to recognize the Spirit is a blindness of the soul. You can already see here that one must have a completely new concept of evolution if one wants to understand the evolution of the human race correctly. For the concept of evolution, as it prevails in Darwinism, is terribly abstract, and the moment the very gross reality is no longer available to Darwinism, Darwinism actually no longer knows what to do with the concept of evolution. For evolution has an ascending and a descending branch, as we have seen, whereas today we so easily think in materialistic terms: Well, evolution is the starting point of one form of existence; the next form is reached, then the next, and so on, and one believes that this process continues ever onward toward greater perfection.
[ 13 ] Die Entwickelung der Menschen in der nachatlantischen Zeit ist so, daß allerdings die Unabhängigkeit des Seelisch-Geistigen von dem Körperlichen immer größer und größer wird; aber auf den früheren Entwickelungsstufen schießt aus dem Körperlichen herauf in das Seelisch-Geistige das Begreifen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Das Begreifen des Geistes nimmt zuerst ab, das Begreifen des Sohnes schwindet dann, und jetzt stehen wir auf dem Weg, wo das Begreifen des Vater-Gottes schwinden wird für das äußere normale Leben — das gefühlsmäßige Begreifen! Denn ich sagte ja: Es ist ein mehr oder weniger deutliches Bewußtsein vorhanden von diesem Zusammenhang des Seelisch-Geistigen mit dem KörperlichPhysischen.
[ 13 ] Human development in the post-Atlantean era is such that, while the independence of the soul-spiritual from the physical does indeed become greater and greater, in the earlier stages of development the understanding of the Father, the Son, and the Holy Spirit surges upward from the physical into the soul-spiritual. The understanding of the Spirit diminishes first, the understanding of the Son then fades, and now we are on the path where the understanding of God the Father will fade for ordinary external life—the emotional understanding! For as I said: There is a more or less clear awareness of this connection between the soul-spiritual and the physical-material.
[ 14 ] Aber das hängt noch mit etwas anderem zusammen. Denken Sie, daß die körperliche Organisation überhaupt immer weniger und weniger hergibt, daß der Mensch, wenn er dem Geiste nahekommen will, zu Wegen greifen muß, auf denen ihn die körperliche Organisation nicht unterstützt. Daher kommt es, daß für denjenigen, der die Dinge beobachten kann, ein deutliches Zurückgehen in dem Umfang der Vorstellungen überhaupt stattfindet. Die Vorstellungen, die dem Menschen in alten Zeiten zur Verfügung standen, ich möchte sagen, die kochte sein Leib aus, indem er aus sich heraus das Geistige hergab, das ja in allem Materiellen steckt. Aber jetzt kocht der Leib immer weniger und weniger Vorstellungen und Begriffe aus, so daß — wenn man es radikal ausdrücken will — immer mehr und mehr die Zeit eintreten muß, wo der Mensch sein Hirn zermartern wird — oder, wenn er zu bequem ist, es auch nicht zermartern wird —, aber er findet nicht Begriffe, weil sie das Gehirn nicht von selbst hergibt. Er muß sich an die Geisteswissenschaft wenden, welche ihm Begriffe gibt, die nur mit dem Ätherleib, nicht mehr mit dem physischen Leib verstanden werden können, bewegliche Begriffe, nicht jene starren, toten Begriffe, die der physische Leib hergibt. So daß die natürliche Entwickelung des Menschen dahin geht, daß er immer ärmer wird an Begriffen, daß ihn diese natürliche Organisation hindert, in die Wirklichkeit unterzutauchen, wenn er nicht die Wege des geistigen Erkennens wählen will.
[ 14 ] But this is also connected to something else. Do you think that the physical constitution is becoming less and less capable of providing what is needed, so that if a person wants to draw closer to the spirit, they must resort to paths on which the physical constitution does not support them? That is why, for those who are able to observe these things, there is a clear decline in the scope of ideas in general. The ideas that were available to human beings in ancient times—I would say—were distilled by the body as it yielded from within itself the spiritual element that is, after all, inherent in all material things. But now the body extracts fewer and fewer ideas and concepts, so that—to put it bluntly—the time must increasingly come when a person will rack his brain—or, if he is too complacent, will not even do that—but he will not find concepts, because the brain does not yield them of its own accord. He must turn to spiritual science, which provides him with concepts that can be understood only through the etheric body, no longer through the physical body—flexible concepts, not those rigid, lifeless concepts that the physical body yields. Thus, the natural development of the human being leads to his becoming ever poorer in concepts; this natural organization prevents him from immersing himself in reality unless he chooses the paths of spiritual cognition.
[ 15 ] Das führt auch hinein in das Verständnis der Gegenwart, das führt zum Verständnis dessen, was wirklich gesagt werden muß, ohne daß irgendwie dabei Kritik ausgeübt werden soll, nur eine Kennzeichnung soll es sein, daß die Menschheit immer stumpfsinniger und stumpfsinniger wird durch ihr natürliches Dasein, wenn sie nicht geistige Erkenntniswege wählt. Solchen Dingen muß man sich mit vollem Ernste gegenüberstellen. Das vermineralisierte Gehirn — und es wird immer mehr und mehr vermineralisieren —, das wird stumpf und kann nicht mehr Begriffe bilden, die in die Wirklichkeit wirklich untertauchen können. Nur derjenige, der sich keine Mühe gibt, hineinzuschauen in das Getriebe der Gegenwart, und der nicht das Bedürfnis hat zu verstehen, was eigentlich in der Gegenwart ist, der kann an diesen Dingen vorbeigehen. Aber es ist wirklich dringend notwendig, daß man versucht, dieses recht zu verstehen.
[ 15 ] This also leads to an understanding of the present; it leads to an understanding of what really needs to be said—not as a form of criticism, but simply as an observation: that humanity is becoming increasingly dull-witted through its natural existence if it does not choose paths of spiritual knowledge. One must face such things with the utmost seriousness. The mineralized brain—and it will become more and more mineralized—becomes dull and can no longer form concepts that can truly penetrate reality. Only those who make no effort to look into the workings of the present, and who feel no need to understand what is actually happening in the present, can pass these things by. But it is truly urgent that we try to understand this properly.
[ 16 ] Und es ist merkwürdig, was einem da für Erscheinungen entgegentreten. Man muß nur die Zeit nicht verschlafen! Die meisten Menschen verschlafen jetzt die Zeit, indem sie das, was eigentlich die wirksamen Impulse sind, nicht sehen, sondern nur die Äußerlichkeiten desjenigen, was vorgeht. Man muß nur achten auf dasjenige, was vorgeht, dann wird man schon darauf kommen, daß in der Gegenwart unendlich viel Rätselvolles ist. Um es zu verstehen, braucht man die Begriffe, die aus der Geisteswissenschaft kommen, sonst fühlt man sich eben hilflos; denn irgendwo müssen ja diese Begriffe herkommen. Nehmen Sie ein Beispiel. Es ist immerhin kein schlechtes Beispiel, das ich hier anführen will. Ein strebender Mensch sucht seit Jahrzehnten in Österreich etwas zu entfachen, was er eine kulturpolitische Bewegung nennt. Scheu heißt der Mann. Was versucht er? Er charakterisiert die hier öfter schon charakterisierten Verhältnisse. Er versucht, die intellektuellen Leute zusammenzufassen, um mit ihnen neue Formen des politischen Lebens zu finden, durch welche dem Geist eine größere Macht über die Geschicke der Völker gesichert werden könnte.
[ 16 ] And it is remarkable what kinds of phenomena one encounters there. One must simply not sleep through this time! Most people are currently sleeping through this time by failing to see what are actually the active impulses, but instead seeing only the outward appearances of what is happening. One need only pay attention to what is happening, and one will soon realize that there is an infinite amount of mystery in the present. To understand it, one needs the concepts that come from spiritual science; otherwise, one simply feels helpless, for these concepts must come from somewhere. Take an example. It is, after all, not a bad example that I wish to cite here. For decades, an aspiring individual in Austria has been seeking to spark what he calls a cultural-political movement. The man’s name is Scheu. What is he attempting to do? He describes the circumstances that have already been characterized here on several occasions. He is trying to bring together intellectuals in order to find, together with them, new forms of political life through which the spirit might be assured greater power over the destinies of nations.
[ 17 ] Ein sehr löbliches Beginnen, wenn man es erreichen könnte, daß dem Geiste eine größere Macht über die Geschicke der Völker gesichert werden könnte, indem man die Intellektuellen zusammenfassen würde. Warum hat der Mann in den neunziger Jahren bereits begonnen mit diesen Dingen? Er hat begonnen, weil er etwas wie einen dunklen Trieb hatte, daß es so, wie es ging, nicht weitergehen könne, daß da etwas zu fehlen, etwas zu mangeln beginne, das man hereinbringen müsse in die Menschheit. Er hat selbstverständlich bis jetzt nicht dasjenige finden können, was nötig ist, in die Menschheit hereinzubringen, denn Geisteswissenschaft ist ja selbstverständlich für solche Leute, auch wenn sie schon mehr oder weniger deutlich fühlen, was mangelt, eine Phantasterei, abergläubische Hinterwäldlerei. Dazu sind sie zu gescheit, darauf wollen sie sich nicht einlassen, nicht wahr. Nun, er fühlt eigentlich recht deutlich, was in der Gegenwart mangelt, und er drückt es so aus:
[ 17 ] A very commendable endeavor, if it were possible to ensure that the intellect gained greater power over the fate of nations by uniting intellectuals. Why did this man begin working on these matters as early as the 1890s? He began because he felt a kind of dark impulse—that things could not continue as they were, that something was beginning to be missing, something lacking that needed to be introduced into humanity. Of course, he has not yet been able to find what is necessary to bring into humanity, for spiritual science is, of course, for such people—even if they already sense more or less clearly what is lacking—nothing but a fantasy, superstitious backwoods nonsense. They are too clever for that; they do not want to get involved in it, do they? Well, he actually senses quite clearly what is lacking in the present, and he expresses it this way:
[ 18 ] «Ich will meinen Grundgedanken hier wiederholen. In der Erkenntnis, im Gedanklichen ist unsere Zeit unserer Zeit weit voraus.»
[ 18 ] “I would like to reiterate my basic idea here. In terms of knowledge and thought, our era is far ahead of its time.”
[ 19 ] Ein merkwürdiger Satz. Was wollte denn der Mann? Daß die Gedanken etwa stumpf geworden sind, das drückt er nicht aus, sondern er weiß nur: Die heutigen Intellektuellen — abstrakte Gedanken können sie wunderbar bilden! Alles geht bei ihnen wie am Schnürchen, sie sind überzeugt, weil sie alles so klar wissen können. Also:
[ 19 ] A strange statement. What did the man want, anyway? He doesn’t suggest that people’s minds have grown dull; he simply knows this: Today’s intellectuals—they’re wonderfully skilled at forming abstract thoughts! Everything runs like clockwork for them; they’re convinced because they can understand everything so clearly. So:
[ 20 ] «In der Erkenntnis, im Gedanklichen ist unsere Zeit unserer Zeit weit voraus.»
[ 20 ] “In terms of knowledge and thought, our era is far ahead of its time.”
[ 21 ] Das heißt: Die Leute können gut denken, aber die Gedanken sind von solcher Art, wie ich es dargestellt habe. «Unsere Zeit ist weit hinter unserer Zeit zurück.» Derselbe Gedanke, nur in anderer Form.
[ 21 ] In other words: People are capable of thinking well, but their thoughts are of the kind I have described. “Our time is far behind our time.” The same idea, just in a different form.
[ 22 ] «Als Erkennende, als Wissende, sind wir überreif und bis ins Unerlaubte verfeinert.»
[ 22 ] “As those who perceive, as those who know, we are overripe and refined to the point of the impermissible.”
[ 23 ] Das sind wir auch, wir Menschen der Gegenwart. Man braucht ja nur in der Literatur oder sonst im Leben Umschau zu halten. Denken Sie doch, was die Leute für feine Gedanken ausdenken! Nur sind diese Gedanken nicht geeignet, die Wirklichkeit zu ergreifen, unterzutauchen in die Wirklichkeit. Also:
[ 23 ] That’s us, too—we people of the present. You only have to look around in literature or elsewhere in life. Just think of the subtle ideas people come up with! But these ideas aren’t suited to grasping reality, to immersing themselves in reality. So:
[ 24 ] «Als Erkennende, als Wissende sind wir überreif und bis ins Unerlaubte verfeinert und erleuchtet; im realen Leben herrscht noch das Mittelalter. Die Ursache liegt darin, daß der Hochofen, worin die Gedanken in Realität umgeschmolzen werden sollen, nicht funktioniert.»
[ 24 ] “As perceivers and knowers, we are overripe and refined and enlightened to the point of the impermissible; in real life, however, the Middle Ages still reign. The cause lies in the fact that the blast furnace, in which thoughts are to be remelted into reality, is not functioning.”
[ 25 ] Er drückt die Sache gefühlsmäßig merkwürdig richtig aus. Der Hochofen funktioniert nicht, wodurch die Gedanken, die im Abstrakten, Nebulosen herumirren, nicht so innerlich durchkrafter werden können, daß sie wirklich mit der Wirklichkeit sich verbinden könnten. Das fühlte er. Und er hat eigentlich etwas getan, was von seinem Gesichtspunkte aus gar nicht schlecht ist. Er sagte sich ungefähr so: An abstrakten Gedanken sind die Menschen überreif; da haben eine Reihe von Leuten den abstrakten Gedanken des Sozialismus, der Sozialdemokratie, den drechseln sie aus. — Man kann ja wirklich sagen, es ist eigentlich mit wunderbarer Logizität durchgeführt gerade im Marzismus dieser abstrakte Gedanke des Sozialdemokratischen; da ist der abstrakte Gedanke des Sozialdemokratischen, da ist der abstrakte Gedanke des Liberalismus durchgeführt. Man kann dann auch kombinierte Gedanken abstrakt durchführen: Nationalliberalismus, sogar Sozialliberalismus. Der abstrakte Gedanke des Konservativismus, er ist da. Nach diesen abstrakten Gedanken, die abstrakt sind — denn der Hochofen fehlt, durch den sie in die Wirklichkeit eingreifen können —, bildet man den Parlamentarismus, das Repräsentativsystem, bildet alle die Ideen des Liberalismus, Sozialliberalismus, der Sozialdemokratie, des Konservativismus, des Nationalismus aus. Robert Scheu versucht einfach mit den Mitteln, die ihm zur Verfügung stehen, an die Stelle dieser Abstraktionen die Wirklichkeit zu setzen, indem er an die Stelle des abstrakten Gedankens die Enquete setzt. Er sagt: Entscheiden sollen über die Sachen diejenigen, die etwas von ihnen verstehen. Nicht wahr, ob einer liberal oder konservativ ist, das macht nicht viel aus, wenn es sich darum handelt, den Petroleumhandel zu organisieren, oder darum, Kunstanstalten einzurichten, denn da handelt es sich darum, daß er von Kunst etwas versteht. Und so hat denn in der Tat Robert Scheu Enqueten auf den verschiedensten Gebieten veranstaltet, um die Leute reden zu lassen, die etwas davon verstehen. Das war ein ganz niedlicher Anfang.
[ 25 ] He expresses the matter in a strangely accurate way, emotionally speaking. The blast furnace isn’t working, which means that the thoughts wandering around in the abstract and nebulous cannot be strengthened internally enough to truly connect with reality. He sensed this. And he actually did something that, from his point of view, isn’t bad at all. He told himself something like this: People are fed up with abstract ideas; there’s a whole group of people who have these abstract ideas of socialism and social democracy, and they’re spinning them out of proportion. — One can truly say that this abstract idea of social democracy has actually been carried out with marvelous logical consistency, particularly in Marxism; there is the abstract idea of social democracy, and there is the abstract idea of liberalism carried out. One can then also carry out combined ideas in the abstract: national liberalism, even social liberalism. The abstract idea of conservatism is there. Based on these abstract ideas—which remain abstract because they lack the crucible through which they can take hold in reality—one develops parliamentarism, the representative system, and all the ideas of liberalism, social liberalism, social democracy, conservatism, and nationalism. Robert Scheu simply attempts, with the means at his disposal, to replace these abstractions with reality by substituting the inquiry for the abstract idea. He says: Those who understand the matters at hand should be the ones to decide on them. After all, whether someone is liberal or conservative doesn’t matter much when it comes to organizing the petroleum trade or establishing art institutions, because what matters is that they understand something about art. And so, in fact, Robert Scheu has organized surveys in a wide variety of fields to let the people who understand these matters have their say. That was a very nice start.
[ 26 ] «Was ist dieser Hochofen?» sagt er. «Das Repräsentativsystem und das Parlament. Wo ist die Realität? In der Verwaltung. — Wer hält am Repräsentativsystem fest? Die Parteien. — Das sind abstrakte Gebilde mit prinzipiellen Programmen, die widerstreitende reale Interessen in sich zusammenfassen. Die Gegenstände des wirklichen Lebens werden von den Parteien nicht erfaßt, die nur aus deduktivem Denken an die Wirklichkeit herantreten. Sie interessieren sich für die wirklichen Gegenstände des Lebens nur insofern, als sie daraus einen Zuwachs ihrer Macht erwarten.»
[ 26 ] “What is this blast furnace?” he says. “The representative system and Parliament. Where is reality? In the administration. — Who upholds the representative system? The parties. — These are abstract constructs with principled programs that encompass conflicting real-world interests. The issues of real life are not grasped by the parties, which approach reality solely through deductive reasoning. They are interested in the real issues of life only to the extent that they expect to gain power from them.”
[ 27 ] Hier fühlt einer sogar einmal, daß dieses Verfeinertsein im Gedanken — wir können auch sagen Stumpfwerden im Gedanken, weil die Gedanken nicht mehr wirklichkeitsverwandt sind —, daß das für das Leben eine unmittelbare Bedeutung hat. Denn an diese Fragen knüpft der Mann die Frage der Weiterentwickelung des öffentlichen Lebens, ob Repräsentativsystem oder etwas anderes, wobei er natürlich nicht an Reaktion von alten Formen denkt, sondern wirklich darüber nachdenkt, wie man aus der Wirklichkeit heraus etwas finden könne, was die Struktur des sozialen Lebens in Ordnung bringen kann, Da hat er manches geschaffen im Laufe der Zeit. Aber jetzt ist es interessant, jetzt hält er wiederum einmal so eine Art Rückschau nach dem, was ihm gelungen ist. Er sagt sich: Was habe ich eigentlich versucht? — Versucht hat er an die Wirklichkeit heranzudringen, wie man heute mit stumpfen Begriffen sagt: Ich habe an die Stelle der Deduktion die Induktion gesetzt. — Nun, so drückt man es heute mit den stumpfen Begriffen aus. Man kann das überall lesen. Aber befriedigt fühlt sich der Mann nicht, wirklich nicht. Und deshalb sagt er am Schlusse des Aufsatzes, wo er die ganze Geschichte erzählt:
[ 27 ] Here, one even senses at times that this refinement of thought—we might also call it a dulling of thought, because the thoughts are no longer grounded in reality—has immediate significance for life. For the man links these questions to the issue of the further development of public life—whether a representative system or something else—though he is naturally not thinking of a return to old forms, but is genuinely reflecting on how one might find, based on reality, something that can put the structure of social life in order. In this regard, he has achieved quite a bit over time. But now it’s interesting: now he is once again taking a kind of retrospective look at what he has achieved. He asks himself: What have I actually been trying to do? — He has tried to penetrate reality; as people say today in blunt terms: I have replaced deduction with induction. — Well, that’s how people express it today in those blunt terms. You can read that everywhere. But the man does not feel satisfied—truly not. And that is why, at the end of the essay where he recounts the whole story, he says:
[ 28 ] «Ich aber bin zu der Erkenntnis gekommen, daß meine induktive Kulturpolitik doch einer Ergänzung durch ein deduktives Programm bedarf, daß man den Tunnel von zwei Seiten anbohren muß, um den Durchbruch zu erarbeiten. Die dazu nötige Denkarbeit müßte von allen guten Europäern gemeinsam geleistet werden.»
[ 28 ] “I have, however, come to realize that my inductive cultural policy does indeed need to be supplemented by a deductive program; that one must drill into the tunnel from both sides in order to achieve a breakthrough. The intellectual work required for this would have to be carried out jointly by all good Europeans.”
[ 29 ] Sie sehen, der Mann geht selbst bis zu dem Bilde, daß man den Tunnel von zwei Seiten anbohren muß, nur kann er nicht an diejenige Quelle heran, wo heute wirklichkeitsverwandte Begriffe zu holen sind. Er bleibt also zunächst stehen, würde wahrscheinlich auch nicht glauben, daß sein sogenannter induktiver Weg durch alle möglichen Enqueten denn doch eben nur die eine Anbohrung des Tunnels ist; die andere ist das Aufsuchen der geistigen Entitäten, wo die Geisteswissenschaft eben die andere Seite der Wirklichkeit enthält.
[ 29 ] You see, the man himself goes so far as to imagine that one must drill into the tunnel from both sides; yet he cannot access the source from which concepts grounded in reality can be drawn today. So he stops there for the time being; he probably wouldn’t even believe that his so-called inductive approach—based on all kinds of investigations—is, after all, merely one way of breaking through the tunnel; the other is the search for spiritual entities, where spiritual science encompasses the other side of reality.
[ 30 ] Die unmittelbare Lebenspraxis fordert dasjenige, was Geisteswissenschaft eigentlich meint. Und es ist nicht irgendein abstruser Gedanke, wenn davon gesprochen wird: Geisteswissenschaft ist dasjenige, was gebraucht wird von dem Leben! — sondern es ist durchaus aus dem Leben heraus, aber aus dem Leben, indem man es erfaßt in dem Moment, wo es in der gegenwärtigen Entwickelungsepoche der Menschheit steht. Denken Sie nur, wie fruchtbar diese Geisteswissenschaft würde, wenn die Menschen jene Binde sich von den Augen nehmen könnten, die sie heute noch so dick vor den Augen haben. Denn das ist in der Tat dasjenige, was von der anderen Seite des Tunnels die Anbohrung braucht. Ohne das wird man trotzdem nur zu Absurditäten kommen. Daß dann im einzelnen allerlei niedliche Sachen passieren, das fällt einem natürlich gleich auf, wenn man in den beweglichen Begriffen der Geisteswissenschaft lebt. Enqueten stellt Robert Scheu an, also über die verschiedenen Lebenszweige läßt er die Leute reden, die etwas davon verstehen. Er führt unter den Dingen, die durch solche Enqueten geändert werden sollen, zum Beispiel auch das Meldewesen an. Denken Sie einmal, wenn jetzt über das Meldewesen durch eine Enquete entschieden werden sollte!
[ 30 ] The immediate practice of life demands what spiritual science actually means. And it is not some abstruse idea when we say: Spiritual science is what life needs! — Rather, it arises entirely from life, but from life as we grasp it at the very moment it stands in the present epoch of human development. Just think how fruitful this spiritual science would become if people could remove the blinders that still cover their eyes so thickly today. For that is, in fact, what needs to be drilled through from the other side of the tunnel. Without it, one will inevitably arrive only at absurdities. That all sorts of charming little things then happen in the details—one naturally notices this right away when one lives within the flexible concepts of spiritual science. Robert Scheu conducts surveys—that is, he has people who understand the various aspects of life speak about them. Among the things that are to be changed through such surveys, he cites, for example, the registration system. Just imagine if the registration system were to be decided upon through a survey right now!
[ 31 ] Sie haben hier so recht ein Beispiel, wie die Menschen anfangen zu fühlen, daß etwas fehlt, aber sich nicht entschließen können, zu dem zu gehen, was nun wirklich notwendig ist, um die Sache weiterzuführen. Es ist sehr merkwürdig, was man gerade auf diesem Gebiet für Erfahrungen macht. Es war wirklich von vornherein mein Bestreben, Geisteswissenschaft nicht in jene abstruse Bahnen zu geleiten, wozu sie ein sektiererischer Sinn geleiten möchte, sondern sie je nach den Bedürfnissen der Menschen einzugeleiten in das Leben. Ich versuchte, jedem Menschen, wenn er einen Rat hören wollte, je nach seiner Individualität einen Rat zu geben. Nehmen wir ein Beispiel. Heute ist es ja ungeheuer schwer, ich möchte sagen, bis in die materialistische Lebenspraxis mit einem solchen Rat hineinzugehen. Denn die Fabrikdirektoren werden einem sonderbar kommen, wenn man sagt, daß durch Geisteswissenschaft ihr Betrieb besser betrieben werden könnte als durch ihre sogenannte Praxis. Aber man konnte hoffen, daß es doch an einem Punkte ginge.
[ 31 ] Here you have a perfect example of how people begin to feel that something is missing, but cannot bring themselves to turn to what is truly necessary to carry the matter forward. It is very curious what kinds of experiences one has in this particular area. From the very beginning, it was truly my aim not to steer spiritual science down those abstruse paths toward which a sectarian mindset would like to lead it, but rather to introduce it into people’s lives in accordance with their needs. I tried to give each person—if they were willing to hear advice—guidance tailored to their individuality. Let’s take an example. Today it is, of course, incredibly difficult—I would even say nearly impossible—to apply such advice to materialistic everyday life. For factory managers will find it strange when one says that spiritual science could help run their operations better than their so-called “practical methods.” But one could hope that it might work at least in some respects.
[ 32 ] Da trat vor Jahren ein Mann an mich heran und sagte, er möchte seine Wissenschaftlichkeit befruchten durch die Geisteswissenschaft. Wir sprachen nun über seine Wissenschaftlichkeit. Er war ein wunderbarer Gelehrter; babylonisch-ägyptische Altertumskunde, das wurde wirklich in hohem Grade von ihm beherrscht. Ich versuchte mit ihm zusammen, wie die Fäden gezogen werden können, wie das, was die Geisteswissenschaft gibt, befruchtend eingreifen kann, nun, wenigstens in diese Wissenschaft, so daß wenigstens ein Stück, möchte ich sagen, eben der Wissenschaft, wie sie heute getrieben wird, befruchtet werden kann. Das, was die Wissenschaft heute geben kann, das wußte er auf seinem Gebiet; Geisteswissenschaft fand er bei uns. Das Babylonische und Ägyptische war auf der einen Seite, die Geisteswissenschaft auf der anderen Seite; beides hatte er, aber den Willen, sie wirklich zu durchdringen gegenseitig, sie zu verbinden: er konnte ihn nicht aufbringen! Wenn man aber diesen Willen nicht entwickelt, so wird man niemals verstehen, was eigentlich mit der Geisteswissenschaft gemeint ist. Man wird immer mehr und mehr dazu neigen, die Geisteswissenschaft zu jener zweifelhaften Mystik zu machen, zu welcher sie die Leute, die zum Leben nicht zu brauchen sind, machen möchten, unter dem Eindruck: Das Leben ist nichts wert, man muß aufsteigen zu einem höheren Leben, man muß aus dieser Welt des sinnlichen Anschauens in die Träumerei aufsteigen, da ergibt sich das Höhere dann. Wozu denn hier ordentlich seine Kinder erziehen, lieber nachdenken, was man früher für Inkarnationen hatte! Das ist das, was einen in die höheren Regionen bringt und so weiter. — Darum handelt es sich nicht, sondern darum handelt es sich, auf dem Gebiete, auf dem man eben steht, Geisteswissenschaft fruchtbar zu machen. Sie kann überall fruchtbar gemacht werden, das Leben fordert sie.
[ 32 ] Years ago, a man approached me and said he wanted to enrich his scientific work through spiritual science. We then spoke about his scientific work. He was a wonderful scholar; he had a truly profound mastery of Babylonian and Egyptian archaeology. Together with him, I tried to explore how the threads could be drawn, how what spiritual science offers could have a fertilizing effect—at least on this particular field of study—so that at least a part, I would say, of science as it is practiced today could be enriched. He knew what science can offer today in his own field; he found spiritual science with us. On the one hand there was the Babylonian and Egyptian traditions, and on the other, spiritual science; he had both, but the will to truly penetrate them in relation to one another, to connect them—he could not muster it! But if one does not develop this will, one will never understand what spiritual science actually means. One will increasingly tend to turn spiritual science into that dubious mysticism that people—who have no use for it in life—would like to make of it, under the impression that life is worthless, that one must ascend to a higher life, that one must rise from this world of sensory perception into reverie, whereupon the higher realm will then reveal itself. Why bother raising one’s children properly here, when it’s better to reflect on one’s past incarnations! That is what takes one to the higher realms, and so on. — That is not the point; rather, the point is to make spiritual science fruitful in the very realm in which one currently stands. It can be made fruitful everywhere; life demands it.
[ 33 ] Das ist dasjenige, wofür man, ich möchte sagen, nicht bloß Worte haben möchte, um es heute begreiflich zu machen. Denn Worte sind wirklich schon recht abgebrauchte Verkehrsmünzen geworden. Wer fühlt denn heute eigentlich noch bei den Worten, was in ihnen liegt? Wer fühlt denn so recht sich hinein in die Worte? Fühlen mit den Worten, das ist etwas, was die Menschheit fast ganz verloren hat, wenigstens in dem Teil der Menschheit, dem wir angehören. Denken Sie, wenn heute einer sagt — lassen Sie mich das Beispiel gebrauchen —: Nun, du hast deine Aufgabe ziemlich gut gemacht; wer fühlt dann viel mehr bei diesen Worten als: Du hast deine Aufgabe fast gut gemacht. Das ist das, was man heute fühlt. «Ziemlich» ist «fast» gut. Wir sagen das eine statt des anderen. Legen Sie die Hand aufs Herz, ob Sie nicht bei dem Worte «ziemlich gut» das Gefühl haben: «fast gut», und das eine für das andere gebrauchen. Und doch: «ziemlich» ist ein Wort, das derselben Familie angehört, wie «geziemend sein, sich geziemen». Wenn ich etwas ziemlich gut mache, mache ich es so, daß ich es auf die geziemende Art gut bekomme, auf eine leichte Art; ich mache es nicht bloß gut, sondern so, daß mein Tun keine Schwierigkeiten hat, sondern geziemend ist; ich habe es in der Hand. Wer fühlt denn in dem Worte «ziemlich» noch das «geziemend» drinnen? Oder wer fühlt in dem Worte Zweifel, daß darinnen steckt das Zwei, daß man da einer Sache gegenübersteht, die sich zweiteilt? Wer fühlt überhaupt dieses zw, z-w? Sie haben aber überall, wo zu auftritt, dieselbe Empfindung wie bei Zweifel, wenn sich die Sache zweiteilt. Zwischen — da haben Sie dasselbe! Zweck, Zweifel, zwar — versuchen Sie, es zu fühlen! In allen Lautzusammenhängen kann Gefühl drinnen liegen. Aber die Worte sind heute eben recht wertlose Scheidemünzen. Deshalb möchte man schon etwas anderes als die Sprache haben, um eindringlich zu machen, was heute nötig ist, und was Geisteswissenschaft geben könnte. Diese Sprache, wie sie heute getrieben wird, sie ist so, daß sie noch mehr als es ohnedies schon der Fall ist durch die natürliche Entwickelung, das Denken abstumpft, und in einem Wust von Schreibereien und Druckereien stumpfes Denken zutage tritt.
[ 33 ] This is precisely what, I would say, requires more than just words to make it comprehensible today. For words have truly become rather worn-out currency. Who today actually still feels, when hearing these words, what lies within them? Who truly immerses themselves in the words? Feeling with words—that is something humanity has almost entirely lost, at least in the part of humanity to which we belong. Think about it: if someone says today—let me use this example—“Well, you did your task pretty well,” who feels much more from these words than: “You did your task almost well”? That is what people feel today. “Pretty” is “almost” good. We say one instead of the other. Be honest with yourself: when you hear the phrase “pretty good,” don’t you feel “almost good,” and use one in place of the other? And yet: “pretty” is a word that belongs to the same family as “to be fitting, to be proper.” When I do something pretty well, I do it in such a way that I accomplish it properly and with ease; I don’t just do it well, but in a way that my actions encounter no difficulties and are fitting; I have it under control. Who still senses the “becoming” within the word “pretty”? Or who senses in the word “doubt” that it contains the “two,” that one is faced with something that splits into two? Who even senses this “zw,” this “z-w”? Yet wherever “zu” appears, you have the same sensation as with “Doubt” (Zweifel), when the matter splits in two. “Zwischen” (between)—there you have the same thing! “Zweck” (purpose), “Zweifel” (doubt)—try to feel it! Feeling can lie within all sound combinations. But words today are simply worthless coins. That is why one would like to have something other than language to make forceful clear what is necessary today and what spiritual science could provide. This language, as it is used today, is such that—even more than is already the case through natural development—it dulls thinking, and dull thinking comes to the fore in a jumble of writings and printed matter.
[ 34 ] Man könnte Blut schwitzen, wie es mir heute morgen fast passiert ist, wo ich ein Buch in die Hand nahm, das geben soll die große Bedeutung des Unterschiedes der Ideen von 1789 und 1914, von Dr. Johann Plenge, ordentlicher Professor der Staatswissenschaften an der Universität Münster in Westfalen. Der Mann macht den Anspruch, den großen Gegensatz herauszuschälen aus der neueren Entwickelung, der besteht zwischen den Ideen von 1789 und 1914. Die Idee von 1914 hat er, wie er behauptet, ja eigentlich erfunden. Er hält sich für einen riesig großen Mann. Darauf wollen wir aber jetzt nicht eingehen. Seite 61 des Buches lese ich den Satz — ich will jetzt pedantisch sein, aber diese Pedanterie bedeutet etwas Feineres, und diejenigen, die das fühlen können, die werden es schon fühlen — also Seite 61 gab mir der Satz eine Ohrfeige — verzeihen Sie den Ausdruck: «Wo man also das eine kennt, muß man das andere suchen. Denken wir uns in die Seele eines Geschichtsschreibers der Zukunft, der dereinst von der Weltkatastrophe von 1914 hört.» — Was soll man sich mit diesem Satz aufbinden lassen? Einen Geschichtsschreiber der Zukunft stellt sich der Mann vor, der plötzlich hört von der Weltkatastrophe von 1914. Also er hat während seiner ganzen Jugend nichts gehört, sondern erst als Geschichtsschreiber der Zukunft hört er plötzlich davon! Man muß wirklich nicht mehr im lebendigen Vorstellen drinnenleben, um solch ein Zeug hinstellen zu können. Dann sucht er von der Bedeutung der Ideen zu sprechen, sucht zu sprechen davon, daß es Ideen in der Geschichte gibt, daß Ideen aufsteigen, Ideen zurückgehen können, und er sucht so hinter den Charakter und die Natur der Ideen zu kommen. Und während er das tut, während er das versucht, da leistet er sich denn an einer Stelle das Folgende: Er versucht zu zeigen, wie bei primitiven Völkerstämmen Ideen so unbewußt aufdämmern, dann bewußter werden. Er sagt: «Ein werdendes Kulturvolk lebt nach dem Vorbild eines vorgestellten veredelten Menschentums. Das schönste Muster einer solchen Ideenbildung ist die Stellung Homers in der Antike.»
[ 34 ] One could almost break out in a cold sweat, as I nearly did this morning when I picked up a book that purports to highlight the great significance of the difference between the ideas of 1789 and 1914, by Dr. Johann Plenge, full professor of political science at the University of Münster in Westphalia. The man claims to be able to distill from recent developments the great contrast that exists between the ideas of 1789 and 1914. He claims, in fact, to have actually invented the idea of 1914. He considers himself a truly great man. But we won’t go into that now. On page 61 of the book, I read the sentence—I’ll be pedantic here, but this pedantry implies something more subtle, and those who can sense it will surely feel it—so on page 61, the sentence struck me like a slap in the face—pardon the expression: “Where one knows one thing, one must seek the other. Let’s put ourselves in the mind of a future historian who one day hears about the global catastrophe of 1914.”—What are we supposed to make of this sentence? The man imagines a future historian who suddenly hears about the global catastrophe of 1914. So he heard nothing about it during his entire youth, but only as a future historian does he suddenly hear about it! One really no longer needs to live within the realm of vivid imagination to be able to come up with such nonsense. Then he seeks to speak of the significance of ideas, seeks to speak of the fact that there are ideas in history, that ideas can rise and fall, and in this way he seeks to get to the heart of the character and nature of ideas. And while he is doing this, while he is attempting this, he goes so far as to say the following at one point: He attempts to show how, among primitive tribes, ideas dawn unconsciously at first and then become more conscious. He says: “A people in the process of becoming a cultured nation lives according to the model of an imagined, ennobled humanity. The finest example of such a formation of ideas is Homer’s position in antiquity.”
[ 35 ] Also denken Sie: Die Stellung Homers in der Antike ist das Beispiel einer Ideenbildung! Was ungefähr so viel heißt als: Wenn einer Hofrat ist, so ist das das Beispiel einer Ideenbildung. Es ist unmöglich, sich bei so etwas was zu denken, wenn man mit seinen Gedanken lebendige Vorstellungen verknüpfen will. Wenn man allerdings das gewohnt ist von Jugend auf, so bekommt man wirklich Ohrfeigen bei solchen Sätzen, die nur ein Wortgedrechsel sind. Sie erinnern mich sehr lebhaft an jenen Professor, der ein Kolleg begonnen hat, indem er 25 Fragen aufwarf, einen Professor, der sehr, sehr berühmt geworden ist, einen Literaturprofessor. Ich will nicht sagen, wer es ist, sonst könnten Sie mir nicht einmal glauben. Er stellte 25 Fragen, dann sagte er: Meine Herren! Ich habe Sie in einen Wald von Fragezeichen geführt! — Ich mußte mir vorstellen einen Wald von Fragezeichen hintereinander. Denken Sie nur, was das für ein Denken ist, so seine Gedanken nicht verwirklichen, nicht leben in seinen Gedanken, so mit seinen Gedanken Worte drechseln.
[ 35 ] So you think: Homer’s status in antiquity is an example of the formation of ideas! Which is roughly the same as saying: If someone is a court councilor, that is an example of the formation of ideas. It’s impossible to make sense of something like that if you want to link your thoughts to vivid mental images. If, however, you’ve been accustomed to this from childhood, you really feel a slap in the face when you hear such sentences, which are nothing but verbal gymnastics. They remind me very vividly of that professor who began a lecture by posing 25 questions—a professor who became very, very famous, a professor of literature. I won’t say who it is, otherwise you might not even believe me. He posed 25 questions, then said: “Gentlemen! I have led you into a forest of question marks!”—I had to imagine a forest of question marks lined up one after another. Just think what kind of thinking that is—not bringing one’s thoughts to life, not living within one’s thoughts, but merely twisting words with one’s thoughts.
[ 36 ] Das lebt sich dann allerdings in merkwürdiger Weise in der Gesinnung eines solchen Menschen aus. Da kommt man auf höchst Merkwürdiges; der Mann sagt: Der ganz richtige Historiker, der sucht eigentlich wie der Astronom die Dinge vorauszuberechnen. Und nun bemüht sich der gute Mann, zu zeigen, wie sich die Wirtschaftsverhältnisse entwickelt haben gegen diese jetzige Kriegskatastrophe zu. Da sagt er: Der wirkliche Historiker kann wie der Astronom solch eine Katastrophe vorausberechnen. — Nun, er hält sich auf der einen Seite für einen wirklich so großen Historiker, der das können müßte, aber er hat es nun nicht gekonnt, trotzdem er viele Bücher geschrieben hat über das wirtschaftliche Leben. Das stört ihn. Deshalb erzählt er, wie er es eigentlich gemacht hat. Wie hat er es gemacht? Er sagt: Nun ja, ich habe gezeigt auf der einen Seite, daß die wirtschaftliche Entwickelung so ist, daß man eigentlich mit allen Mächten und Kräften dem Frieden zustreben müßte; und dann habe ich wieder gezeigt, daß sie aber auch so ist, daß nur der Krieg kommen konnte. — Nun, das ist ja eine unzweifelhaft richtige Prophetie, nicht wahr; das ist, wie wenn ich zwei Röcke habe und sage: Wenn ich nicht den einen anziehe morgen, dann werde ich den andern anziehen. Aber glauben Sie nicht, daß solch eine innere Frivolität in Begriffen nicht Folgen hätte, denn da, wo er nun davon spricht, wie er so geschwankt hat, ob er nun den blauen Rock oder — nein, den Frieden oder den Krieg prophezeien soll, da sagt er — ja, er zitiert sich selber, es ist mit den Zitaten überhaupt eine merkwürdige Sache in diesem Buch —, er sagt: «Aber es ist notwendig, daß die Phantasie mit diesem Kriege spielt.» Nun denken Sie sich diese Gesinnung! Er hielt es eben für notwendig, nicht mit mehr Ernst zu reden, sondern daß die Phantasie mit dem Kriege spielt, in den Jahren, die zu dieser Katastrophe hingeführt haben.
[ 36 ] This, however, manifests itself in a strange way in the mindset of such a person. One then comes across something highly peculiar; the man says: The true historian, like the astronomer, actually seeks to predict events. And now this good man endeavors to show how economic conditions have developed leading up to this current catastrophe of war. He says: “The true historian, like the astronomer, can predict such a catastrophe.” — Well, on the one hand, he considers himself such a great historian that he ought to be able to do this, but he hasn’t been able to, even though he has written many books on economic life. That bothers him. That’s why he explains how he actually went about it. How did he do it? He says: “Well, on the one hand, I showed that economic development is such that one should actually strive for peace with all one’s might; and then I showed, on the other hand, that it is also such that only war could result. — Well, that is undoubtedly a correct prophecy, isn’t it; it’s as if I had two coats and said: If I don’t put on one of them tomorrow, then I’ll put on the other. But don’t think that such an inner frivolity in concepts would have no consequences, for when he speaks of how he wavered between whether to prophesy the blue coat or—no, peace or war—he says—yes, he quotes himself—quotations are a curious thing in this book in general—he says: “But it is necessary for the imagination to play with this war.” Now just imagine that mindset! He considered it necessary not to speak with greater seriousness, but rather for the imagination to play with the war, in the years leading up to this catastrophe.
[ 37 ] Ich sagte, mit dem Zitieren ist es in diesem Buche eine eigentümliche Sache. Das ganze Buch ist nämlich eine Anlehnung an einen Artikel, der in der Tageszeitung erschienen ist. Dieser Artikel ist ein unschuldiges Ding; da hat sich einfach ein unbekannter Journalist aufgelehnt gegen die Idee von 1914, die Plenge ja «erfunden» hat. Das ist merkwürdig in seiner Buchmacherei. Denn da liest man den Artikel auf der ersten Seite, soweit Plenge ihn bringen will, um daran anzuknüpfen. Dann redet er über den Artikel; dann kommt man auf Seite 21, da zitiert er ihn noch einmal, so daß der Artikel von der Tageszeitung schon zweimal dasteht. Dann redet er weiter. Dann zitiert er einzelne Stücke aus dem Artikel; da liest man ihn also ein drittes Mal. Und am Schlusse, weil er ihn erst dreimal zitiert hat, bringt er ihn noch einmal, so daß man in diesem Buche einen Artikel der Tageszeitung viermal zitiert hat.
[ 37 ] I said that the way citations are handled in this book is rather peculiar. The entire book is, in fact, based on an article that appeared in the daily newspaper. This article is an innocent piece; it’s simply an unknown journalist rebelling against the idea of 1914, which Plenge, of course, “invented.” This is peculiar in the way the book is put together. For on the first page, you read the article—as far as Plenge chooses to include it—in order to build on it. Then he discusses the article; then, on page 21, he quotes it again, so that the article from the daily newspaper appears twice. Then he continues his discussion. Then he quotes individual passages from the article; so you read it a third time. And at the end, since he’s already quoted it three times, he includes it once more, so that in this book, an article from the daily newspaper has been quoted four times.
[ 38 ] Ich muß schon an solchen konkreten Beispielen die Dinge, wie sie liegen, klarmachen, um zeigen zu können, was notwendig ist, und um auch zeigen zu können, wie Geisteswissenschaft wirklich das Instrument ist, das in der Gegenwart einzugreifen hat. Diese Dinge, die scheinbar Kleinigkeiten sind, hängen mit den großen Gesichtspunkten, von denen wir ausgegangen sind, durchaus zusammen, Das bitte ich Sie, aus diesen Betrachtungen festzuhalten.
[ 38 ] I must use such concrete examples to clarify the state of affairs, in order to show what is necessary and also to demonstrate how spiritual science is truly the instrument that must intervene in the present. These things, which may seem trivial, are thoroughly connected to the broader perspectives from which we began. I ask you to bear this in mind as you reflect on these observations.
