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The Rudolf Steiner Archive

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Die spirituellen Hintergründe der äußeren Welt
Der Sturz der Geister der Finsternis
GA 177

28 October 1917, Dornach

Vierzehnter Vortrag

[ 1 ] Wir haben den Betrachtungen, die hier gepflogen worden sind, entnehmen können, welch bedeutsame Vorgänge sich im 19. Jahrhundert - gewissermaßen hinter den Kulissen der Weltgeschichte - abgespielt haben. Es liegt ja in der Natur der Sache, daß man, wenn man nicht ganz abstrakt schildern will, für viele Dinge, die man mit Bezug auf die geistige Welt zu sagen hat, das Spiegelbild, das Abbild in der physischen Welt charakterisieren muß, weil die Dinge, die hier in der physischen Welt geschehen, eben Abbilder des geistigen Geschehens sind.

[ 2 ] Nun möchte ich Sie zunächst noch aufmerksam machen auf das Bedeutungsvolle, das eigentlich hinter all den Tatsachen steht. Wir wissen, ungefähr 1413, also im 15. Jahrhundert, war der Übergang aus der vierten in die fünfte nachatlantische Kulturperiode. Zu all dem, was wir schon an Charakteristik angeführt haben, sei noch hinzugefügt, daß von den geistigen Welten aus die Lenkung der irdischen Angelegenheiten so geschehen ist, daß an dieser Lenkung hauptsächlich Wesen aus der Hierarchie der Archangeloi beschäftigt waren, hauptsächlich sage ich — einiges über die genaueren Zusammenhänge können Sie ja aus dem Büchelchen «Die geistige Führung des Menschen und der Menschheit» entnehmen. Denn stellen Sie sich nur intensiv vor: Engelwesen verrichten ihre Tätigkeit in den geistigen Welten. Dadurch geschieht auf der Erde gar manches. Es geschieht eben das auf der Erde, was wir die irdische Geschichte, das menschliche Leben in der vierten nachatlantischen Kulturperiode nennen. Engelwesen, Wesen aus der Hierarchie der Angeloi, dienen den höheren Wesen aus der Hierarchie der Archangeloi, aber sie dienen ihnen so, daß gewissermaßen das Verhältnis zwischen den Wesenheiten aus der Hierarchie der Angeloi und denen der Archangeloi eine übersinnliche, eine rein geistige Angelegenheit ist, die die Menschen noch wenig berührt. Das wird anders mit dem Hereinbrechen der fünften nachatlantischen Periode, denn da werden in der Führung der Menschheit gewissermaßen selbständiger die Wesen aus der Hierarchie der Angeloi. So daß die Menschen in der vierten nachatlantischen Zeit mehr direkt geführt sind von den Archangeloi; dagegen in der fünften Zeit - also in unserer ganzen jetzigen fünften Zeit bis ins 4. Jahrtausend hinein - wird eine direkte Führung des Menschen durch die Angeloi stattfinden, so daß man jetzt nicht mehr sagen kann: Das Verhältnis der Angeloi zu den Archangeloi ist nur ein übersinnliches Verhältnis. Das ist die Tatsache, geistig ausgedrückt.

[ 3 ] Man kann diese Tatsache auch mehr materiell ausdrücken, denn alles Materielle ist ein Abbild des Geistigen. Wenn wir suchen, auf welchem Umwege die Archangeloi mit den Angeloi zusammen während der vierten nachatlantischen Zeit die Menschen lenkten, können wir sagen: Dies geschah durch das menschliche Blut. - Und auf dem Umwege durch das menschliche Blut wurde ja auch die soziale Struktur hervorgerufen, die sich der Blutsverwandtschaft, den Blutsbanden anschloß. Gewissermaßen war die Wohnung der Archangeloi sowohl wie die der Angeloi im Blute. Ja, das Blut ist nicht bloß dasjenige, was der Chemiker analysiert, sondern das Blut ist zugleich der Wohnort übersinnlicher Wesenheiten.

[ 4 ] Wenn wir also von dieser vierten nachatlantischen Zeit sprechen, so ist das Blut der Wohnort von Archangeloi und Angeloi. Das wird eben anders in der fünften nachatlantischen Zeit, da wird es so, daß sich die Angeloi mehr des Blutes bemächtigen - ich rede jetzt von den Angeloi des Lichtes, von den normalen — und die Archangeloi mehr im Nervensystem wirken. Ich könnte auch mit alter Terminologie ebensogut sagen: In der fünften nachatlantischen Zeit wirken die Archangeloi mehr im Gehirn, die Angeloi mehr im Herzen. Physiologisch, im Sinne der jetzigen Wissenschaft gesprochen, würde man sagen müssen: Die Angeloi wirken mehr im Blute, die Archangeloi mehr im Nervensystem. - So ist wirklich mit den Menschen, wie Sie sehen, eine große Veränderung vor sich gegangen, die man verfolgen kann bis in die materielle Struktur des Menschen hinein.

[ 5 ] Nun, das, was der Mensch tut hier auf der Erde, das, was er vollbringt, hängt mit dem zusammen, was da in ihm wirkt. Man stellt sich ja — nicht immer richtig - vor, irgendwo im Wolkenkuckucksheim seien Angeloi und Archangeloi. Würde man das gesamte Nervenleben der Menschen ins Auge fassen als Ort und das Gesamtblutleben wiederum als Ort und dasjenige, was dazugehört in übersinnlichen Welten zwischen Tod und neuer Geburt, dann würde man die Reiche von Archangeloi und Angeloi finden.

[ 6 ] Im 15. Jahrhundert war ein besonderer Zeitabschnitt in der Erdenentwickelung und in der damit zusammenhängenden Entwickelung der geistigen Welt herangekommen. Man kann dasjenige, was da herangekommen war, etwa in der folgenden Art charakterisieren. Man kann sagen: In dieser Zeit, im 15. Jahrhundert, war die Anziehungskraft der Erde für die Archangeloi, für die regelrechten Archangeloi, die ja den Übergang suchten vom Blut ins Nervensystem, am größten. Also wenn wir zurückgehen aus dem 14. ins 13.,12., 11. Jahrhundert, so finden wir, daß immer schwächer wird die Anziehungskraft der Erde, und nachher wird wiederum die Anziehungskraft der Erde schwächer. Man könnte sagen: Die Archangeloi sind von höheren Geistern angehalten gewesen, in diesem 15. Jahrhundert das Erdendasein am meisten zu lieben. So paradox das manchem heutigen, klotzig-materialistisch denkenden Menschen erscheint, so ist es doch richtig, daß mit solchen Dingen zusammenhängt das, was auf der Erde vorgeht. Wie kommt es, daß gerade damals in einer so merkwürdigen Weise Amerika wiederentdeckt wurde, daß die Menschen anfingen, sich wieder der ganzen Erde zu bemächtigen? Weil die Archangeloi in dieser Zeit am meisten angezogen waren von der Erde. Dadurch dirigierten sie teilweise das Blut, teilweise das Nervensystem schon so, daß der Mensch anfing, von der ganzen Erde Besitz zu ergreifen von seinen Kulturzentren aus. Solche Ereignisse muß man im Zusammenhang mit der geistigen Wirksamkeit betrachten, sonst versteht man sie nicht. Gewiß klingt es heute für den klotzig-maternalistischen Denker sonderbar, wenn man sagt: Deshalb entdeckten die Menschen Amerika, deshalb spielte sich das andere alles ab, was Sie ja in der sogenannten Geschichte nachlesen können, weil die Anziehungskraft der Erde für die Archangeloi am größten in der damaligen Zeit war.

[ 7 ] Und damals begann von seiten der Archangeloi die Erziehung der Angeloi, die dahin ging, das menschliche Blut in Besitz zu nehmen, während die Archangeloi den Übergang finden wollten ins Nervensystem. Und im Beginne der vierziger Jahre war die Sache so weit, daß gewisse zurückgebliebene Angeloiwesen den Versuch machten, nun nicht im Blute zu residieren oder zu regieren, sondern den Archangeloiplatz im Nervensystem einzunehmen. Also wir können sagen: Es war in diesen vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts ein bedeutungsvoller Kampf, der sich so entwickelt hat, wie ich das schon beschrieben habe, der, wenn wir sein Spiegelbild hier im Gröbstmateriellen betrachten, sich abspielte zwischen dem menschlichen Blut und dem menschlichen Nervensystem. Die Engel der Finsternis wurden aus dem Nervensystem herausgeworfen und in das menschliche Blut geworfen, so daß sie nunmehr im menschlichen Blute so rumoren, wie ich das geschildert habe. Weil sie im menschlichen Blute rumoren, kommt das alles zustande, was ich beschrieben habe als die Wirkung der zurückgebliebenen Angeloi hier auf der Erde. Da sie im menschlichen Blute rumoren, hat sich auch das herausgestellt, daß die Menschen so gescheit sein konnten, wie ich das beschrieben habe. Natürlich spielt sich das alles langsam und allmählich ab, so daß man sagen kann: Der richtige, tiefgehende Abschnitt ist 1841; aber das ganze 19. Jahrhundert ist schon infiziert von dem, was da in Betracht kommt.

[ 8 ] Damit ist überhaupt eine Evolution eingeleitet, die von tiefgehender Bedeutung ist. Ich habe Sie im Laufe dieser Vorträge schon auf eine wichtige Tatsache aufmerksam gemacht. Ich habe Sie darauf aufmerksam gemacht, daß es nur bis zum 7. Jahrtausend dauern wird innerhalb der Erdenentwickelung, daß die Menschenfrauen fruchtbar sein werden, daß dann nicht mehr die Fortpflanzung hier besorgt werden kann. Ginge es bloß nach den normal im Blute lebenden Engelwesen, so würde die menschliche Generation, die menschliche Fortpflanzung, nicht einmal bis dahin dauern, sondern nur ins 6. Jahrtausend hinein. Nur noch die sechste nachatlantische Kulturperiode träfe die Möglichkeit einer physischen Fortpflanzung auf der Erde; weiter erstreckt sich der Impuls der Fortpflanzung für diese nachatlantische Zeit in ihren sieben Kulturperioden nach der Weisheit des Lichtes nicht. Aber die Fortpflanzung wird länger dauern; sie wird bis ins 7. Jahrtausend hinein dauern, vielleicht noch etwas darüber hinaus. Woher wird das kommen? Weil dann die Regenten der Fortpflanzung, die impulsierenden Mächte der Fortpflanzung, diese herabgestoßenen Angeloi sein werden.

[ 9 ] Das ist sehr bedeutungsvoll. In der sechsten nachatlantischen Kulturperiode wird nach und nach versiegen die menschliche Fruchtbarkeit, insoferne sie impulsiert ist von den Lichtmächten. Und die dunkeln Mächte werden eingreifen müssen, daß die Sache noch etwas weitergehe. Wir wissen, die sechste nachatlantische Kulturperiode hat ihre Keime im europäischen Osten. Der europäische Osten wird starke Neigungen entwickeln, die menschliche Fortpflanzung, die physische Fortpflanzung nicht über die sechste Kulturperiode hinausgehen zu lassen, sondern nachher die Erde überzuführen in ein mehr spirituelles, in ein mehr psychisches Dasein. Von Amerika herüber werden die andern Impulse wirken für die siebente nachatlantische Kulturperiode, in welcher die Impulse der herabgestoßenen Angeloi die Generation leiten werden.

[ 10 ] Bedenken Ste, wie kompliziert die Dinge sind. Diese Dinge kann man - ich muß das immer wieder betonen - nur durch direkte Beobachtung der geistigen Welten finden. Durch irgendwelches Theoretisieren irrt man sich in der Regel. Man verfolgt dann nur eine Linie und kommt dann eventuell dazu zu behaupten, daß eben in der sechsten nachatlantischen Kulturperiode das Generationsleben der Menschheit auslöschen wird. Die wirkliche spirituelle Beobachtung nur gibt einem die Möglichkeit, verschiedene Strömungen, die ineinanderwirken, um das Ganze herzustellen, zu beobachten. Man muß vieles anwenden, wenn so bedeutungsvoll ineinandergehende Erkenntnisse herauskommen sollen, wie diejenigen, von denen ich jetzt gesprochen habe.

[ 11 ] Der Mensch wird Ihnen ja recht kompliziert vorkommen, wenn Sie bedenken, daß jetzt, in der fünften nachatlantischen Zeit, in ihm wirken durch sein Nervensystem und Blut Archangeloi und Angeloi, aber auch die entgegengesetzten Geister, die abnormen Geister. Da sind die Kräfte verankert, die miteinander, gegeneinander und so weiter wirken, da sehen wir, was eigentlich in Wirklichkeit geschieht. Wenn man dasjenige, was äußerlich im Leben geschieht, beobachtet, so sieht man gewissermaßen nur die äußerliche Woge, nicht die Kräfte, welche diese Woge an die Oberfläche werfen.

[ 12 ] Nun können wir noch ein Merkmal angeben, wodurch die Geister der Finsternis, die also seit 1879 gestürzt sind, schon vorher von der geistigen Welt aus und jetzt von dem Reiche der Menschen aus zu wirken versuchen. Erinnern Sie sich an etwas, das ich schon im Laufe dieser Betrachtungen Ihnen vorgebracht habe: daß die Menschheit als Ganzes immer jünger wird. Wenn wir zurückgehen ins alte Indien, finden wir, daß die Menschen jung blieben, das heißt, leiblich entwickelungsfähig blieben bis in das höchste Alter hinauf; dann in der persischen Epoche nicht mehr so lange, in der ägyptisch-chaldäischen wieder nicht mehr so lange, und in der griechisch-lateinischen blieben die Menschen nur entwickelungsfähig bis in die Zeitspanne vom achtundzwanzigsten bis fünfunddreißigsten Lebensjahr. Jetzt sind sie noch jünger geworden: die Menschen bleiben nur entwickelungsfähig, wie ich Ihnen ausgeführt habe, bis zum siebenundzwanzigsten Jahre. Dann wird die Zeit kommen, wo die Menschen nur bis zum sechsundzwanzigsten Lebensjahre entwickelungsfähig bleiben und so weiter. Erinnern Sie sich, daß ich angedeutet habe, wie eine Persönlichkeit, um die sich jetzt vieles dreht, gerade dadurch verständlich werden kann, daß die Siebenundzwanzigjährigkeit eine so besondere Rolle in ihrem Leben spielt: Lloyd George. Denn es bedeutet immer sehr viel, wenn das Seelenleben zusammenfällt mit dem äußeren Leibesleben.

[ 13 ] Diese Tatsache, daß die Menschen in unserer fünften nachatlantischen Zeit naturgemäß entwickelungsfähig bleiben bis in die Zwanzigerjahre hinein, diese Tatsache bildet eine wichtige Grundlage für das Zusammenwirken der Angeloi mit den Archangeloi, denn die Normalgeister, die Geister des Lichtes, die möchten die Sache in einer bestimmten Weise in der Menschheitsentwickelung dirigieren. Das ist so: Bis in die Zwanzigerjahre ist der Mensch naturgemäß entwickelungsfähig. Diese Entwickelungsfähigkeit möchten nun die Geister des Lichtes intim halten, so daß sie sich im Menschen abspielt möglichst ohne Rumor; und im achtundzwanzigsten Jahre, zwischen dem achtundzwanzigsten und fünfunddreißigsten Jahre, sollte dann das, was still im Innern des Menschen sich abspielt, herauskommen. Also fassen Sie die Sache richtig auf. Dasjenige, was im Blute bis zum achtundzwanzigsten Jahre hin im Menschen sich entwickelt, das soll dann vom achtundzwanzigsten Jahre ab dem Menschen mehr ins Selbstbewußtsein dringen, es soll dem Blute selbstbewußt übergeben werden. Also der Mensch soll gewissermaßen nach der Absicht der normalen Geister, der Geister des Lichtes, still im Innern, anspruchslos, selbstlos sein Seelenleben entwickeln, und dann soll es erst in Aktion treten, dann soll er gewissermaßen aus den Lehrjahren heraus in die Wanderjahre und in die Meisterjahre eintreten, wenn er das achtundzwanzigste Jahr überschritten hat.

[ 14 ] Dagegen lehnen sich die herabgestoßenen Geister, die Geister der Finsternis, auf. Die wollen bewirken, daß der Mensch in den Zwanzigerjahren nicht die intime innere Entwickelung durchmacht, sondern schon da mit der äußeren Intellektualität, mit allem, was äußere Aktionsfähigkeit, Meisterschaft ist, in das Leben eingreift.

[ 15 ] Jetzt haben Sie direkt eine soziale Erscheinung auf ihre spirituelle Grundlage zurückgeführt. Ein Kampf findet unter uns statt, denken Sie, ein bedeutungsvoller Kampf: Die Geister des Lichtes möchten uns erst nach dem achtundzwanzigsten Jahre so reif machen, daß wir hinaustreten ins öffentliche Leben, aktionsfähig werden. Die Geister der Finsternis möchten, daß der Zeitpunkt vorgeschoben, vor das achtundzwanzigste Jahr gerückt wird; sie möchten den Menschen früher hinausstoßen in das öffentliche Leben. Und alles, was in unserem sozialen Leben an Kräften spielt, die ein Spiegelbild sind von solchen Dingen, rührt davon her, wenn so zum Beispiel da oder dort wiederum ein Antrag gestellt wird, das wahlfähige Alter noch mehr gegen die Zwanzigerjahre herabzusetzen oder gar vor die Zwanzigerjahre hin. Da haben Sie die Ursprünge für diese Dinge.

[ 16 ] Gewiß, solche Dinge zu wissen, ist dem heutigen Menschen unbequem, und wie vieles von den Geistern der Finsternis im öffentlichen Leben rumort, kann man ja eben gerade daraus entnehmen. Es ist bis jetzt viel von dem, was ich so dargelegt habe, den Menschen instinktiv bewußt gewesen, atavistisch bewußt gewesen. Aber das hat aufgehört. Und die Menschen werden sich entschließen müssen, dasjenige, was instinktiv bewußt war, was auch durch die alten Mysterien in die Menschen hineingeträufelt worden ist, das wirklich bewußt zu wissen, das heißt: spirituelle Grundsätze in die Gestaltung der sozialen Struktur aufzunehmen, wirklich daran zu denken, nicht so blindlings nach bloßen Emotionen die Welt gestalten zu wollen. Denn dadurch erreichen ja die Geister der Finsternis am besten, was sie wollen, daß die Menschen schlafen gegenüber den spirituellen Vorgängen. Dann können sich während dieses Schlafens die Geister der Finsternis sehr wohl dessen bemächtigen, was sie nicht erreichen können, wenn der Mensch sich bewußt hineinversetzt in das, was an spirituellen Impulsen durch die Evolution waltet. Und vieles von dem, was heute als Verlogenheit in der Welt vorhanden ist, ist ja eben dazu da, um die Menschen in Illusionen, das heißt in Schlafzustände einzuwiegen, damit sie die Wirklichkeit nicht sehen, damit sie von der Wirklichkeit abgelenkt werden, damit die Geister der Finsternis möglichst freies Spiel haben mit den Menschen. Denn indem man den Menschen alles mögliche vormacht, werden sie abgelenkt von dem, was sie im wachen Zustande wirklich erleben könnten und erleben müssen, wenn die Evolution der Menschheit in einer fruchtbaren Weise fortgehen soll. Wir leben nun einmal in dem Zeitalter, in dem die Menschen ihre Angelegenheiten selbst in die Hand nehmen müssen.

[ 17 ] Dazu aber wird ernstlich notwendig sein, daß gewisse Dinge durchschaut werden, die aber nur durchschaut werden können, wenn man die Kräfte, die spirituellen Kräfte kennt. Man kann sagen: Im 19. Jahrhundert ist alles geschehen, was bewirken kann, daß die Menschen abgelenkt werden von der Wahrheit. Bedenken Sie nur, was es eigentlich bedeutet hat, daß gerade in der wichtigsten Periode der Entwickelung des 19. Jahrhunderts der Darwinismus in der ja Ihnen öfter bezeichneten Weise sehr, sehr tief, bis in die populärsten Gedanken hinein, in die Menschenentwickelung eingegriffen hat. Es ist merkwürdig, was in bezug auf solche Dinge die Menschen zuweilen für Anschauungen entwickeln. So zum Beispiel findet sich in dem berühmten Buch von Fritz Mauthner, in seinem «Philosophischen Wörterbuche», der interessante Satz: Nicht wie Darwin die Teleologie, das heißt die Lehre von dem Zwecke, sondern daß er sie überwunden habe, das sei das Bedeutende. - Weil Mauthner doch so gescheit ist, daß er weiß, daß Darwin nur sehr mangelhaft das Walten spiritueller Mächte überwunden hat, so sagt er, nicht wie er es überwunden hat, sondern daß er es überwunden hat. Mit andern Worten meint Mauthner: Es ist schon sehr fruchtbar gewesen, daß man einmal den Gang der organischen Entwickelung so vorgestellt hat, als ob keine Zwecke durch irgendwelche spirituellen Wesen in dieser Entwickelung drinnen wären, als ob keine solchen Wesen drinnen wären.

[ 18 ] Nun, für den, der solche Dinge durchschaut, stellt sich aber die Sache in der folgenden Weise dar: Wenn Sie ein Gespann sehen, eine Droschke, voran ein Pferd, so zieht das Pferd die Droschke. Sie werden zwar sagen: Der Kutscher sitzt auf dem Bock und kutschiert und lenkt das Pferd. - Aber wenn Sie absehen von dem Kutscher, so können Sie jetzt feine Studien machen, was alles im Pferde vorgeht, damit es die Droschke ziehe, und Sie können in allen Einzelheiten beschreiben, wie es das Pferd macht, daß es die Droschke zieht, wenn Sie eben davon abstrahieren, daß das Pferd erst seine Intentionen von dem Kutscher bekommt.

[ 19 ] Darauf aber beruht die Darwinsche Lehre; man sieht einfach von dem Kutscher ab. Man behauptet: Das ist ein alter Aberglaube, ein Vorurteil, daß der Kutscher das Pferd lenkt. Das Pferd zieht doch den Wagen, das sieht doch jeder, denn das Pferd ist vorgespannt. — Ganz nach dem Muster dieser Logik ist die Darwinsche Theorie aufgebaut. Sie hat dadurch, durch diese Einseitigkeit, natürlich gute Wahrheiten zu Tage gefördert, Wahrheiten allererster Größe. Aber ein vollständiges Überschauen des Tatbestandes ist dadurch verdunkelt. Und unzählige naturwissenschaftliche Tatsachen in ihrer Erfahrung leiden heute gerade darunter, daß man, ich kann sagen, den Kutscher übersieht. Man spricht von Ursache und Wirkung; aber die Ursache für das Fortgehen des Wagens sucht man beim Pferde, und man betrachtet das als einen großen Fortschritt. Man bemerkt nicht, daß man solche Verwechslungen zwischen Pferd und Kutscher, solche «Pferdetheorien» - verzeihen Sie das harte Wort - auf Schritt und Tritt in der heutigen Wissenschaft findet. Deren Falschheit nachweisen kann man nicht, wie es ja auch nicht unrichtig ist, daß das Pferd den Wagen zieht. Das ist ja ganz richtig, aber um wahr und falsch in diesem äußeren Sinne handelt es sich nicht. Daher können materialistische Denker immer den spiritualistischen Denker widerlegen, der da weiß, daß außerdem noch der Kutscher da ist. Das aber zeigt Ihnen, wohin eine bloß spitzfindige, scharfsinnige, kritische Verständigkeit führen würde, wie sie die Geister der Finsternis dem Menschen bescheren wollen. Aufs Richtige braucht die Sache nicht zu gehen, aufs Vollständige schon gar nicht, sondern auf etwas, was eben nach dem Muster richtig ist, daß das Pferd den Wagen zieht. Es kann sich ganz gut die Logik emanzipieren von der Wirklichkeit. Man kann sehr logisch und zugleich sehr wirklichkeitsfremd sein.

[ 20 ] Wenn aber von der Menschheitsevolution die Rede ist, dann kommt noch ein anderes in Betracht, dann kommt in Betracht, daß die Geister der Finsternis Macht haben vorzugsweise über Verstand und Intellektualität. Die können sie ergreifen, aber nicht die Emotionen, nicht den Willen, vor allen Dingen nicht Willensimpulse. Hier berühre ich allerdings ein sehr tiefes, bedeutsames Gesetz der Wirklichkeit. Wir haben es erlebt - Sie haben )Ja alle schon, allerdings mit Unterschieden, ein so respektables Alter erreicht, daß wir von mehreren Jahrzehnten, wenigstens von zwei, drei Jahrzehnten sprechen können, die wir miterlebt haben -, wir haben es erlebt, daß in diesen Jahrzehnten, die unserer Zeit vorangegangen sind, die mannigfaltigsten sozialen Bestrebungen waren, die zum großen Teil von der Pressejournalistik, zum Teil auch von der Bücherjournalistik, sehr wenig aber vom wirklichen Wissen, von den Tatsachen getragen sind. Wir haben eigentümliche Strukturen erlebt des sozialen und politischen Lebens, wie es über Europa und Amerika in den letzten Jahrzehnten heraufgezogen ist. Das Eigentümliche nun ist, daß in all dem, was da geschieht, zwar die Gedanken vom Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts leben, aber nicht die Emotionen, nicht die Willensimpulse. Das ist sehr merkwürdig. Man kommt darauf nur durch wirklich gewissenhafte, ehrliche Untersuchungen in der geistigen Welt. Menschen, welche in den vierziger Jahren herabgestiegen sind aus der geistigen Welt zur Verkörperung in menschliche Leiber und jetzt wiederum schon oben sind, die wissen solche Dinge, die wissen aus dem Aspekt von der andern Welt aus, daß in der Tat hier auf Erden in den letzten Jahrzehnten die Verstande, die Intellekte, die gewissermaßen der Zeit nach reif waren, walteten — aber die Willensimpulse noch so wie damals in den vierziger Jahren. Denn der Wille bewegt sich nämlich wesentlich langsamer in der menschlichen Evolution als die Gedanken. Bitte, fassen Sie das als eine sehr wichtige Wahrheit auf: Der Wille bewegt sich viel langsamer als die Gedanken. So daß zum Beispiel bei den Menschen, die sich mehr den allgemeinen Gewohnheiten überlassen haben, die nicht dazumal gerade in den vierziger Jahren Rebellen oder Revolutionäre waren, sondern die sich so mehr den allgemeinen Gewohnheiten, den patriarchischen, biederen Gewohnheiten der dreißiger, vierziger Jahre überlassen haben, diese Gewohnheiten fortlebten bis in die Jahrzehnte, die ich jetzt meine. Aber die Gedanken schritten weiter. Und dadurch treten fortwährend in der Evolution Diskrepanzen auf zwischen dem Gedankenleben und dem Willensleben, die nicht in allen Sphären des Lebens, aber in gewissen Sphären des Lebens erscheinen.

[ 21 ] Nur dadurch ist eines möglich geworden in diesem 19. Jahrhundert, was in allen früheren Jahrhunderten nicht möglich war. Äußere Geschichtsbetrachter können das ja allerdings bekämpfen, aber es ist unsinnig, wenn man es bekämpft. Was ich meine, ist dieses: daß niemals in den verfolgbaren historischen Epochen der Menschheitsentwickelung der Intellekt, die Gedankenschärfe. positiv ins Leben eingegriffen hat. Gehen Sie in die alten römischen Sklavenaufstände zurück: es waren im wesentlichen Rankünen, Willensimpulse, die die Sklaven zur Empörung gebracht haben. Das ist ganz anders im 19. Jahrhundert und ins 20. Jahrhundert herein. Die moderne Sozialdemokratie darf nicht verglichen werden historisch mit dem alten Sklavenaufstand; sie ist etwas ganz anderes, sie ist aus der Theorie heraus geboren, aus solchen Theorien, wie denen von Lassalle, aber hauptsächlich von Karl Marx, aus der Theorie vom Klassenkampf. Etwas rein Kritisches, rein Theoretisches, etwas, was rein auf Gedanken beruht, hat die Menschen auf die Beine gebracht, hat die Menschen zum Agitatorischen gebracht. Warum? Weil die Menschen, die den Marxismus agitatorisch aufnahmen, noch dieselben Willensimpulse hatten wie in den vierziger Jahren. Mit dem Willen waren sie noch nicht nachgekommen. Durch diese Willensdiskrepanz ist es gekommen, daß im 19. Jahrhundert durch die Führung gewisser Mächte eine rein intellektuelle Bewegung die Massen zur Agitation hat bringen können.

[ 22 ] Das ist eine Erscheinung, die früher nicht da war, die Ihnen mehr noch beweisen wird als das, was ich Ihnen gestern schon sagte, was es heißt, daß in diesem 19. Jahrhundert - teilweise während die Geister der Finsternisse noch oben waren, dann, als sie heruntergekommen waren -, daß in diesem 19. Jahrhundert die Geister der Finsternis durch die eine Strömung vorzugsweise den materiellen Verstand pflegen wollten. Da sehen Sie ihn wirken, da sehen Sie ihn sogar die Emotionen der dreißiger und vierziger Jahre ergreifen, da sehen Sie ihn einmal nicht nur als Verstand wirken, um die Menschen zur Überzeugung zu bringen, da sehen Sie den Verstand direkt in Agitation, Revolution, in revolutionären Sehnsuchten und so weiter wirken. Noch niemals hat der Verstand das Ruder so geführt. Das ist wichtig, daß man diese Dinge ins Auge faßt. Man muß die Zeit durchschauen dadurch, daß man entdeckt, was hinter den Kulissen der sogenannten Weltgeschichte vor sich geht. Fragen Sie irgend jemanden, der sich nicht viel um die Dinge bekümmert: Wie alt ist denn die Geschichte? Seit wann treibt denn die Menschheit das, was man heute Geschichte nennt? — Er wird antworten: Na, das ist eine alte Sache! — Die Geschichte ist nicht viel mehr als hundert Jahre alt. Dasjenige, was heute als Geschichte angesehen wird, das ist nicht viel älter als hundert Jahre. Vorher notierte man Denkwürdigkeiten, notierte man «Geschichten»; aber was man Weltgeschichte nennt, dieses Verfolgen eines Fadens durch die Menschheitsentwickelung, das ist nicht älter als ein bißchen mehr als hundert Jahre. Schauen Sie sich nur die früheren Geschichten an, die dem vorangegangen sind. Warum ist denn das heraufgekommen? Weil es ein Übergangsprodukt ist. Gibt es besondere Gründe, die Geschichte, so wie sie heute gepflegt wird, als eine Wissenschaft anzusehen? Nun ja, es gibt einige Gründe dafür, hauptsächlich den Grund, daß so und so viel hundert Professoren an sämtlichen Universitäten der Welt als Professoren der Geschichte angestellt sind. Es erinnert das an jenen juristischen Lehrer, an den ich mich manchmal erinnern muß, wenn von Gründen für die Dinge geredet wird. Der war Lehrer des Strafrechts an einer Universität und begann immer seine Vorlesungen damit, daß er die menschliche Freiheit beweisen wollte. Nun, viel hat er nicht an wirklichen Gründen vorgebracht: Meine Herren! Freiheit muß es geben, denn gäb es keine Freiheit, gäb es kein Strafrecht. Nun bin ich aber Professor des Strafrechts, also gibt es ein Strafrecht, also gibt es auch eine menschliche Freiheit.

[ 23 ] Aber so oft Sie heute urteilen hören über dies oder jenes, was sich bilden soll im Laufe der Menschheitsentwickelung, können Sie die schönen Sätze hören: Die Geschichte lehrt das und das. — Sehen Sie sich die Literatur an, die über die Jetztzeit — wenn ich das Wort gebrauchen darf - geschrieben wird, wie oft Sie da dem Satz begegnen werden, wenn wieder einer seinen Unsinn sagen will von dem, was nach dem Frieden wird, wie oft Sie da die Phrase vernehmen: Das lehrt die Geschichte. - Dann kommt er damit: Nach dem Dreißigjährigen Krieg war es so, und so weiter. — Diese Wahrheiten sind von der Art, wie ich es Ihnen vorgeführt habe, daß die Leute ausgerechnet haben, ein Krieg kann heute überhaupt nicht länger als vier Monate dauern. In Wahrheit lehrt die Geschichte gar nichts. Denn im Sinne der materialistischen Wissenschaft sind Wissenschaften nur diejenigen, welche aus der Wiederholung der Fälle das Zukünftige in irgendeiner Weise aus dem Vorhergehenden entnehmen können. Wenn der Chemiker ein Experiment macht, so weiß er, er bringt gewisse Stoffe zusammen, daraus ergeben sich gewisse Vorgänge; werden wieder dieselben Stoffe zusammengemischt, werden sich wieder dieselben Vorgänge ergeben, und ein drittes Mal wieder. Oder es ist eine gewisse Wolkenkombination da, die Blitze bewirkt, und eine ähnliche Wolkenkombination ist wieder da, so daß wieder Blitze bewirkt werden. Es kann ja unter den Voraussetzungen des heutigen Denkens eine Wissenschaft nicht bestehen, die nicht auf solche Wiederholungen baut. Denken Sie sich das nur einmal durch. Geschichte kann aber für diejenigen Menschen, die heute von ihrem materialistischen Standpunkte aus denken, gar keine Wissenschaft sein, denn es wiederholt sich niemals etwas in der Geschichte, es treten immer neue Kombinationen auf. Man kann also niemals nach der Methode schließen, nach der man bei den andern Wissenschaften schließt. Geschichte ist nur ein Übergangsprodukt. Sie ist ja erst im 19. Jahrhundert aufgekommen als Wissenschaft. Früher hat man Denkwürdigkeiten beschrieben. Nicht wahr, man bezeichnet es auch nicht als Geschichte, wenn jemand seine sogenannte Familiengeschichte aufschreibt. Sogar das Wort «Geschichte» ist gar nicht alt. In andern Sprachen als in der deutschen Sprache ist das Wort überhaupt nicht vorhanden, denn «Historie» hat einen ganz andern ursprünglichen Zusammenhang. Früher sagte man in der Einzahl «das Geschicht», «das Geschicht der Apostel» zum Beispiel, das ist das, was «geschieht». Und dann hat man die Mehrzahl gebildet: «die Geschichte», was eigentlich nichts anderes ist als die Mehrzahl von «das Geschicht»; heute muß man sagen «die Geschichten». Aber «die Geschichte» bedeuteten in der Schweiz noch vor hundertfünfzig Jahren die Mehrzahl von «das Geschicht», und das hat sich dann übertragen, indem man den Artikel geändert hat in «die Geschichte» — Singular — der Plural ist also später zum weiblichen Singular geworden. Dadurch ist das Wort Geschichte entstanden. Das können Sie aus der Wortgeschichte verfolgen.

[ 24 ] Einen Sinn wird der Begriff der Geschichte erst erhalten, wenn geistige Impulse aufgefaßt werden. Da kann man sprechen von dem, was wirklich geschieht, da kann man innerhalb gewisser Grenzen sprechen von dem, was da hinter den Kulissen vorgeht. Die Grenzen sind dadurch gegeben, daß man die Sache vergleicht mit dem, was auch in der äußeren, physischen Welt ist. Man kann sagen, wie der zukünftige Sonnenstand, sagen wir im nächsten Sommer sein wird, aber nicht, wie das Wetter bis in alle Einzelheiten hinein sein wird, das kann man nicht. So treten natürlich auch in der geistigen Welt Dinge auf, die sich so wie das zukünftige Wetter zum zukünftigen Sonnenstand verhalten. Aber im allgemeinen wird man etwas wissen können über den Gang der Menschheitsentwickelung nur aus den geistigen Impulsen heraus. Die Geschichte ist also embryonal, ist heute noch nicht das, was sie sein soll, kann erst etwas werden, wenn sie ihren hundertjährigen Bestand überleitet in die Betrachtung des geistigen Lebens, das hinter dem äußeren Geschehen in der Menschheit sich abspielt.

[ 25 ] Dazu ist schon notwendig, daß die Menschen mit Bezug auf manche Dinge wirklich erwachen. Denn man braucht ja nur irgendein gerade für die Gegenwart nicht ganz unwichtiges Thema anzuschlagen, zum Beispiel solch ein Thema wie das, was ich angeschlagen habe: Wie alt ist die Geschichte? - Ja, wie viele Menschen haben denn — das ist nicht ein Vorwurf, den man dem einzelnen macht, sondern das ist ein Vorwurf, den man dem System der Schulen machen muß -, wie viele Menschen haben denn jemals eine Vorstellung davon bekommen, wie jung eigentlich der Begriff der Geschichte ist, wie wenig das also einer Wirklichkeit entsprechen kann! Denn denken Sie sich einmal: Wenn die Naturwissenschaft heute erst hundert Jahre bestünde und Sie sie vergleichen wollten mit früheren Zuständen der Naturwissenschaft! - Diese Dinge pflanzen sich erst allmählich herüber aus dem bloß Gelernten ins Leben. Und erst, wenn man das ins Auge fassen wird, wenn diese Fragen Erziehungsfragen werden, können die Menschen dazu kommen, das Leben wirklichkeitsgemäß zu verstehen. Die Menschen müssen auf der einen Seite dazu geführt werden, daß sie schon als Kinder mit dem Naturleben in einer Weise bekanntgemacht werden, wie man das in einzelnen - ich sage in einzelnen — Erzählungen des Brehmschen Tierlebens findet, wo man wirklich die Möglichkeit gewinnt, ein anschauliches Leben von Vorgängen zu gewinnen, die sich durch tierische Geschöpfe abspielen. Man muß da namentlich unterscheiden zwischen dem, was real in der Wirklichkeit wurzelt, und dem, was etwa jemand, der an der Oberfläche der Natur zu tippen gewohnt ist, als allerlei allegorische, symbolische Dinge erzählt. Dadurch würden die Kinder nur dem wirklichen Naturgeschehen entfremdet. Nicht darum handelt es sich, ihnen symbolisch, allegorisch Dinge zu erzählen, sondern sie in das wirkliche Naturgeschehen hineinzuführen, zum Beispiel das Leben der Bienen durchzugehen, aber nicht, wie es der Zoologe macht, sondern wie es derjenige macht, der wirklich mit der ganzen Seele den Dingen nachgehen kann, und namentlich ohne Sentimentalität. Das Bienenbuch von Maeterlinck ist gewiß sehr gut, aber für Kinder würde es sich nicht eignen; es könnte vielleicht die Anleitung dazu geben, ein Kinderbuch über die Bienen oder auch über die Ameisen zu schreiben. Nur müßte man eben alle Allegorik vermeiden, müßte vermeiden, von bloßen abstrakten Geistwesen zu sprechen, sondern man müßte aufs Konkrete wirklich eingehen.

[ 26 ] Auf der andern Seite müßte diese sogenannte Geschichte, die so, wie sie ist, ein Unfug für das Kindesalter ist, wirklich so getrieben werden, daß man das Walten des Geistigen überall durchfühlt. Natürlich können Sie den Kindern nicht erzählen, was da im 19. Jahrhundert sich abgespielt hat, auch den Gymnasiasten und Gymnasiastinnen nicht; aber wie man erzählt, wie man die Ereignisse gruppiert, welchen Wert man dem oder jenem beilegt, darinnen kann man zum Ausdruck bringen, um was es sich handelt.

[ 27 ] Die Geschichten des 19. Jahrhunderts, die da verzapft werden, die sind wahrhaftig nicht geeignet, in irgendeinem Menschen heute, selbst wenn er schon in reiferen Jahren ist, eine Vorstellung von dem wirklichen Geschehen hervorzurufen. Da müßte man nun schildern, wie in diesem 19. Jahrhundert nach und nach durch das erste, zweite, dritte, vierte Jahrzehnt herauf sich etwas vorbereitet hat, was dann besonders rege geworden ist in den vierziger Jahren. Es kommt ja nur darauf an, so zu schildern, daß der Betreffende ein Gefühl bekommt von den Ereignissen der vierziger Jahre in Europa und Amerika: daß da etwas Besonderes drinnen — verzeihen Sie den Ausdruck - «wurlt». Dann wiederum, wenn man in die siebziger Jahre hineinkommt, nicht etwa erzählen, daß da Engel gestürzt worden sind, aber man kann so schildern, daß man sieht, daß man fühlt, daß ein Einschlag da ist für das 19. Jahrhundert. Geisteswissenschaft kann aber auch frühere Geschichte befruchten. Und jenes Blech, das heute als griechische und römische Geschichte verzapft wird in den Schulen, wie könnte das belebt werden, wenn es wirklich von den geisteswissenschaftlichen Impulsen durchdrungen würde, die wir dafür kennengelernt haben! Man braucht ja nicht diese Begriffe und Ideen zum Ausdruck zu bringen, sondern nur so zu erzählen, daß es anschaulich in der Erzählung wird. Aber davon hat man sich immer mehr und mehr entfernt und muß sich ihm wiederum nähern.

[ 28 ] Dadurch allein werden die Menschen sich Wirklichkeitssinn erwerben. Denn heute fehlt den Menschen selbst in bezug auf das Primitivste des Umlebens und des Miterlebens der Wirklichkeitssinn. Die Menschen glauben heute realistisch, materialistisch zu sein, sind aber die abstraktesten Theoretiker, die man sich nur denken kann, sind vollgepfropft von bloßen Theorien, schlafen in lauter Theorien und sind sich dessen nicht bewußt, daß sie in Theorien schlafen. Wenn einmal einer aufwacht - es ist nicht Zufälligkeit, aber man könnte in populärer Redewendung sagen -, wenn einmal einer zufällig aufwacht und etwas wach sagt, wird er einfach unberücksichtigt bleiben. So geht es eben heute.

[ 29 ] Sie werden vielleicht schon gehört haben, daß von gewissen Leuten immer wiederum in die Welt posaunt wird: Die Demokratie muß die ganze Kulturwelt ergreifen. Demokratisierung der Menschheit ist dasjenige, was das Heil bringt; dafür muß man nun alles kurz und klein schlagen, damit die Demokratie sich ausbreitet auf der Welt. - Ja, wenn die Menschen einfach so fortleben, daß sie die Dinge, die als Begriffe an sie herantreten, nur so an sich herankommen lassen, also ganz aufgehend in dem Begriffe Demokratie, dann haben sie eben den Begriff Demokratie so, wie ich ihn als Definition des Menschen angeführt habe: Ein Mensch ist ein Wesen, das zwei Beine und keine Federn hat — wie ein gerupfter Hahn. - Denn ungefähr so viel, wie der, dem man einen gerupften Hahn zeigt, vom Menschen weiß, wissen die Menschen, die heute die Glorie der Demokratie verkündigen, von der Demokratie. Man nimmt Begriffe für Wirklichkeiten. Dadurch aber ist es unschwer möglich, daß die Illusion sich an die Stelle der Wirklichkeit setzt, wenn es sich ums Menschenleben handelt, indem man die Menschen einlullt und einschläfert durch Begriffe. Dann glauben sie, in ihrem Streben gehe es dahin, daß jeder Mensch seinen Willen zum Ausdruck bringen könne durch die verschiedenen Einrichtungen der Demokratie, und merken nicht, daß diese Strukturen der Demokratie so sind, daß immer ein paar Menschen an den Drähten ziehen, die andern aber werden gezogen. Doch weil man ihnen immer vorredet, sie sind in der Demokratie drinnen, merken sie nicht, daß sie gezogen werden, daß da einzelne ziehen. Und um so besser können diese einzelnen ziehen, wenn die andern alle glauben, sie ziehen selbst, sie werden nicht gezogen. So kann man ganz gut durch abstrakte Begriffe die Menschen einlullen und sie glauben das Gegenteil von dem, was Wirklichkeit ist. Dadurch können aber die dunkeln Mächte gerade am allerbesten wirken. Und wenn einmal einer aufwacht, so wird er eben nicht berücksichtigt.

[ 30 ] Interessant ist es, wie 1910 einer den schönen Satz geschrieben hat, daß es dem Großkapitalismus gelungen sei, aus der Demokratie das wunderbarste, wirksamste, biegsamste Werkzeug zur Ausbeutung der Gesamtheit zu machen. Man bilde sich gewöhnlich ein, die Finanzleute seien Gegner der Demokratie, schreibt der betreffende Mann - ein Grundirrtum; vielmehr seien sie deren Leiter und deren bewußte Förderer. Denn diese — die Demokratie nämlich — bilde die Spanische Wand, hinter welcher sie ihre Ausbeutungsmethode verbergen, und in ihr fänden sie das beste Verteidigungsmittel gegen die etwaige Empörung des Volkes.

[ 31 ] Da hat einmal einer, der aufgewacht ist, gesehen, wie es nicht darauf ankommt, von Demokratie zu deklamieren, sondern wie es darauf ankommt, die Wirklichkeit zu durchschauen, nichts auf alle solche Schlagworte zu geben, sondern zu sehen, was wirklich ist. Heute wäre dies ganz besonders notwendig, denn man würde dann sehen, von wie wenigen Zentren aus die Ereignisse heute eigentlich gelenkt und geleitet werden, die so furchtbar, so blutig über die ganze Menschheit hin walten. Darauf wird man nicht kommen, wenn man immer in dem Irrwahn lebt, die Völker bekämpfen sich; wenn man sich immer einlullen läßt von der europäischen und amerikanischen Presse über irgendwelche Beziehungen, die in den gegenwärtigen Ereignissen zwischen den Völkern sein sollen. Das alles, was da gesagt wird über Antagonismus und Gegensätzlichkeiten der Völker, das ist dazu da, um über die wahren Gründe den Schleier zu breiten. Denn nicht dadurch, daß man von Worten heute zehrt, um diese Ereignisse zu erklären, kommt man zu irgendeinem Resultat, sondern dadurch, daß man auf die konkreten Persönlichkeiten hinzeigt. Das wird nur manchmal unbequem. Und derselbe Mann, der diese Sätze niedergeschrieben hat 1910, der aufgewacht ist, der hat auch in demselben Buche eine höchst unangenehme Rechnung angestellt. Er hat nämlich eine Liste aufgestellt von fünfundfünfzig Männern, die in Wirklichkeit Frankreich beherrschen und ausbeuten. Diese Liste gibt es in dem Buche «La Démocratie et les Financiers», 1910, von Francis Delaisi, von demselben Mann, der das ja mittlerweile berühmt gewordene Buch «La Guerre qui vient» geschrieben hat, das letztere 1911, das Buch «La Démocratie et les Financiers» 1910. In diesem Buche finden Sie Sätze von fundamentaler Bedeutung. Da ist einmal ein Mensch aufgewacht gegenüber der Wirklichkeit. In diesem Buche «Die Démokratie und die Finanzwelt» liegen Impulse, um vieles von dem zu durchschauen, was heute durchschaut werden sollte, vieles aber auch zu zerhauen von dem, was als Nebel über die Gehirne der Menschen hin zum Fluten gebracht wird. Auch über diese Dinge muß man sich entschließen, die Wirklichkeit ins Auge zu fassen.

[ 32 ] Natürlich ist das Buch unberücksichtigt geblieben. Aber in diesem Buche werden gewisse Fragen aufgeworfen, die heute in der ganzen Welt aufgeworfen werden sollten, weil sie manches über die Wirklichkeit lehren würden, die man so begraben will unter all den Deklamationen von Demokratie und Autokratie und was die Schlagworte alle sind. In diesem Buche finden Sie zum Beispiel auch eine sehr schöne Darstellung von der üblen Lage, in der eigentlich ein Parlamentarier ist. Nicht wahr, die Menschen glauben, so ein Parlamentarier stimmt nach seiner Überzeugung ab. Aber würde man alle die Fäden kennen, durch die ein solcher Parlamentarier zusammenhängt mit der Wirklichkeit, dann würde man erst wissen, warum er in einem Fall ja und im andern Fall nein sagt. Denn gewisse Fragen müssen aufgeworfen werden. Delaisi wirft sie auf. Zum Beispiel wirft er die Frage auf, indem er einen Parlamentarier ins Auge faßt: Auf welche Seite soll sich der arme Mann stellen? Das Volk zahlt ihm jährlich dreitausend Francs Diäten, die Aktionäre dreißigtausend Francs! — Die Frage stellen heißt sie schon beantworten. Also der gute arme Mann bekommt vom Volk seine dreitausend Francs Diäten, von den Aktionären dreißigtausend! Nicht wahr, es ist ein sehr schöner Beweis, zeugt manchmal von großem Scharfsinn zu sagen: Wie schön ist es doch, daß einmal in einem Parlament ein Sozialist, ein Volksmann wie Millerand, einen Platz gefunden hat! Es ist etwas Großartiges, daß eine solche Errungenschaft möglich geworden ist. Delaisi fragt etwas anderes. Er fragt: Wie steht es mit der Unabhängigkeit eines Menschen wie Millerand, der jährlich dreißigtausend Francs als Vertreter von Versicherungsgesellschaften verdiente?

[ 33 ] Da ist einmal einer aufgewacht; der weiß ganz gut, wie die Fäden gehen von den Taten eines solchen Mannes in die verschiedenen Versicherungsgesellschaften hinein. Aber solche Dinge, die heute im Wachzustand über die Wirklichkeit erzählt werden, die werden eben nicht berücksichtigt. Man kann natürlich sehr schön den Menschen von der Demokratie der westlichen Welten deklamieren. Wenn man ihnen aber die Wahrheit sagen wollte, müßte man ihnen sagen: Wer soundso heißt, macht es so, und wer soundso heißt, macht es so. - Und da rechnet Delaisi fünfundfünfzig Männer heraus, nicht eine Demokratie, sondern fünfundfünfzig bestimmte Männer, von denen er sagt, daß sie Frankreich beherrschen und ausbeuten. Da ist man auf die realen Tatsachen gekommen, denn auch im gewöhnlichen Leben muß der Sinn erwachen für reale Tatsachen.

[ 34 ] Das weiß man auch aus dem Buch von Delaisi: Es war einmal ein Advokat. Dieser Advokat — viele Fäden verbanden ihn mit allen möglichen, nicht nur mit Versicherungsgesellschaften, sondern auch mit Finanzzentren, Finanzwelten -, aber dieser Advokat hatte noch höheren Ehrgeiz; er wollte für seine Taten nicht nur durch die Finanzwelt, durch die Industriewelt, Handelswelt protegiert sein, sondern auch durch die Gelehrtenwelt der Akademie. Das ist die Stätte, wo man durch die Gelehrtenwelt selbst in die Sphäre der Unsterblichkeit erhoben werden kann. Aber nun fanden sich zwei «Unsterbliche» innerhalb der Akademie, welche just unerlaubte Trustgeschäfte machten. Sie fanden es ganz gut vereinbar mit ihrem Wirken für die Unsterblichkeit, Trustgeschäfte, die unerlaubt waren nach dem Gesetze des Landes, zu machen. Da fand sich denn der sehr scharfsinnige Advokat und vertrat die beiden Unsterblichen vor dem Gerichte, und es gelang ihm, sie freizubekommen, sie reinzuwaschen, so daß sie nicht verurteilt wurden. Da nahmen sie ihn selber unter die «Unsterblichen» auf. Die Wissenschaft, die nicht das Zeitliche der Welt, sondern das Ewige der Welt, das Unsterbliche verwaltet, die ist verteidigt worden von diesem «selbstlosen» Advokaten: Raymond Poincare heißt er. - Delaisi erzählt in dem genannten Buche diese Geschichte.

[ 35 ] Es ist ganz gut, solche Dinge als Ingredienzen der Wirklichkeit auch zu wissen. Diese Dinge müssen schon ins Auge gefaßt werden. Und man wird so gelenkt, daß man einen gewissen Spürsinn für die Wahrheit bekommt, wenn man Geisteswissenschaft aufnimmt, während die materialistische Bildung der heutigen Zeit, in die ja so unzählige Kanäle von der Presse fließen, dazu angetan ist, nicht auf die Wirklichkeiten hinzuweisen, sondern auf etwas, was mit allerlei Schlagworten wie mit Mäntelchen belegt wird. Und wenn einmal einer aufwacht wie der Delaisi und die Dinge schildert, wie sie sind: Wie vielen Menschen werden diese Dinge bekannt? Wie viele Menschen hören darauf? Sie können ja auch nicht hören, denn es wird begraben von dem — nun, eben wieder von dem von der Presse beherrschten Leben. Delaisi erweist sich in seinem Buche über die Demokratie und die Finanzwelt als ein recht heller Kopf, der sich viele Mühe gegeben hat, manches zu durchschauen. Er ist kein blinder Anbeter des Parlamentarismus, er ist kein blinder Anbeter der Demokratie. Er sagt voraus, daß diese Dinge, auf die sich die heutigen Menschen so furchtbar viel zugutetun, aufhören werden. Er sagt es ausdrücklich, auch von der «Abstimmungsmaschine» - so ungefähr ist das Wort, in dem er sich ausdrückt. Und ganz wissenschaftlich und ernsthaft ergeht sich auch Delaisi über diese parlamentarische Abstimmungsmaschine, denn er durchschaut den ganzen Apparat, der in diese Abstimmungsmaschinen hineinführt, denen gegenüber man den Glauben erwecken will, da stimme ab eine überzeugte Majorität gegen eine verrückte Minorität. Er weiß, daß, wenn eine gesunde Entwickelung kommen soll, ganz anderes an die Stelle treten muß.

[ 36 ] Das ist heute noch nicht möglich, weil es noch die Leute sehr schockieren würde, zu sagen, was an die Stelle treten wird. Das kann heute eigentlich im Grunde genommen nur der in die Geisteswissenschaft Eingeweihte wissen. Formen der Vergangenheit werden ganz gewiß nicht an die Stelle treten. Sie brauchen nicht zu fürchten, daß derjenige, der aus der Geisteswissenschaft heraus redet, irgendwelchen reaktionären oder konservativen Dingen das Wort redet; vergangene Dinge werden es nicht sein. Doch sind die Dinge von dem, was heute als Abstimmungsmaschine besteht, so verschieden, daß es schockieren würde. Es würde noch als eine Verrücktheit angesehen. Trotzdem wird es sich in die Impulse der Zeitentwickelung einleben. Aber auch Delaisi meint: Wie in der organischen Entwikkelung später unnütze Glieder auftreten, die fortbestehen, obgleich sie ihre Funktionen schon verloren haben, so werden längere Zeit auch noch diese Parlamente abstimmen; aber das lebendige Leben, das geht aus ihnen fort.

[ 37 ] Sie wissen, der Mensch hat solche Glieder, die heute ihre Aufgabe verloren haben: manche können noch die Ohren bewegen, auf früheren Stufen waren Muskeln da, die haben ihre Aufgabe verloren. Der Mensch hat heute noch diese Muskeln, aber es sind sogenannte atavistische Glieder, die nicht mehr ihre Aufgabe haben. So stellt sich Delaisi das Parlament der Zukunft vor; die Parlamente werden noch solche abfallende, abgestorbene, atavistische Überreste sein, aber etwas anderes wird in die menschheitliche Entwickelung hineingeführt werden.

[ 38 ] Ich habe Ihnen gerade Delaisi angeführt, das Buch, das vor noch gar nicht zu langer Zeit, 1910, erschienen ist, um Sie aufmerksam darauf. zu machen, daß eigentlich genugsam Leute vorhanden sind denn einer genügt ja für manche Tausende -, daß es sich nur darum handelt, diese Leute nicht unberücksichtigt zu lassen. Und neben dem, daß ich mich bestrebe, Sie einzuführen in die Gesetze des geistigen Lebens, in die Impulse des geistigen Lebens, neben dem betrachte ich es auch als meine Aufgabe, auf die bedeutenden Erscheinungen der Gegenwart hinzuweisen, wenn auch dadurch zunächst zustandekommt, daß dasjenige, was Sie hier in diesen Vorträgen als die bedeutenden Erscheinungen hören, Sie draußen im Leben gerade nicht als bedeutende Erscheinungen genannt finden, wenn Sie es überhaupt genannt finden. Es muß sich schon radikal und gründlich das, was unter uns getrieben wird, unterscheiden von dem, was draußen getrieben wird. Nur dann, wenn wir dies in aller Tiefe und in allem Ernste auffassen, können wir wirklich in entsprechender Weise Geisteswissenschaft treiben.

[ 39 ] Morgen werde ich dann wiederum hier einen Vortrag halten, der sich mehr auf Künstlerisches beziehen wird, so daß wohl die richtige Fortsetzung der heutigen Betrachtungen erst am nächsten Freitag erfolgen wird. Wenn es nicht mittlerweile anders beschlossen wird nicht bei uns, aber bei den Behörden heraußen -, dann nächsten Freitag um 7 Uhr. Morgen also um 6 Uhr.

[ 40 ] Ich darf Sie vielleicht aufmerksam machen, meine lieben Freunde, daß ich eben das Buch abgeschlossen habe «Von Seelenrätseln», das noch nicht erschienen ist, aber demnächst erscheinen wird. Es enthält zunächst drei Abschnitte:

I. Anthropologie und Anthroposophie
II. Max Dessoir über Anthroposophie
III. Franz Brentano (Ein Nachruf).

[ 41 ] Und dann lege ich aber insbesondere Wert darauf, daß ich im Anfang Exkurse gegeben habe, welche wirklich jahrzehntelang von mir betriebene frühere Gebiete zusammenfassen. Sie finden dann in dieser Schrift, den heutigen Verhältnissen entsprechend gehalten:

1. Die philosophische Rechtfertigung der Anthroposophie
2. Das Auftreten der Erkenntnisgrenzen nur»
3. Von der Abstraktheit der Begriffe
4. Ein wichtiges Merkmal der Geist-Wahrnehmung
5. Über die wirkliche Grundlage der intentionalen Beziehung
6. Die physischen und die geistigen Abhängigkeiten der Menschen-Wesenheit
7. Die Sonderung des Seelischen von dem Außer-Seelischen durch Franz Brentano
8. Ein oft erhobener Einwand gegen die Anthroposophie.

[ 42 ] Ferner finden Sie im 3. Buch des Jahres -— Oktober 1917 - vom «Reich» den ersten Teil des Aufsatzes von mir über «Die Chymische Hochzeit von Christian Rosenkreutz», ferner einen schönen Aufsatz von Dr. Unger über Erkenntnisfragen der Geisteswissenschaft und auch einen schönen Aufsatz von Dr. Wohlbold, und manches andere. Ich erwähne nur diejenigen Aufsätze, die in dieser Schrift direkt aus unserer anthroposophischen Bewegung hervorgegangen sind. Auch von Frau Wolfram finden Sie einen Aufsatz über die Alexandersage. Also gerade in diesem Heft des «Reich» finden Sie einen großen Teil direkt aus unserer anthroposophischen Geistesströmung entsprungen.