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Individuelle Geistwesen und ihr Wirken in der Seele des Menschen
GA 178

15 November 1917, St. Gallen

1. Die Erkenntnis Des Übersinnlichen Und Die Menschlichen Seelenrätsel

[ 1 ] Wer die Entwickelung des Menschengeistes im Laufe der Jahrhunderte oder Jahrtausende verfolgt, der wird ein Gefühl davon sich erwerben, wie dieser Menschengeist zu immer neuen und neuen Errungenschaften auf dem Gebiete des Erkennens, auf dem Gebiete des Handelns weiterschreitet. Man braucht ja nicht gerade das Wort Fortschritt zu sehr dabei zu betonen, denn das könnte in der gegenwärtigen traurigen, über die Menschheit hereingebrochenen Zeit in manchem recht herbe Zweifel aufrufen. Aber das andere wird man klar vor Augen haben, wenn man diese Entwickelung des Menschengeistes betrachtet: daß sich die Formen und Gestalten; in denen dieser Menschengeist strebt, von Jahrhundert zu Jahrhundert wesentlich ändern. Und da wir es heute in dieser Betrachtung vorzugsweise zu tun haben mit einer anzustrebenden Erkenntnis, die sich gewissermaßen in der neueren Art in die Menschheitsentwickelung hineinstellen will, so brauchen wir auch nur vergleichsweise zu gedenken, wie solche Anschauungen, welche mit dem Alten in einer gewissen Beziehung in Widerspruch kommen, es schwierig haben, Fuß zu fassen in der sich fortentwickelnden Menschheit. Immer wieder und wieder muß dabei aufmerksam gemacht werden, wie schwierig es zum Beispiel war, den Denkgewohnheiten, den Empfindungsgewohnheiten der Menschen gegenüber die Kopernikanische Weltanschauung zur Geltung zu bringen — auf gewissen Gebieten hat es ja jahrhundertelang gedauert —, jene Weltanschauung, die gebrochen hat mit dem, was die Menschen durch lange Zeit aus ihrer Sinnesanschauung heraus geglaubt haben für die Wahrheit über das Weltengebäude halten zu müssen. Dann kam die Zeit, in der man nicht mehr sich verlassen durfte, sich verlassen konnte auf dasjenige, was Augen sehen über den Aufgang und Untergang der Sonne, über die Bewegung der Sonne; in der man wider den Augenschein annehmen mußte, daß die Sonne in einer gewissen Beziehung, wenigstens in ihrem Verhältnis zur Erde, stillsteht. Solchen Umschwüngen in der Erkenntnis schmiegen sich die Denk- und Empfindungsgewohnheiten der Menschen nicht leicht an.

[ 2 ] In der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft, welcher die Betrachtungen des heutigen Abends hier gewidmet sein sollen, hat man es nun noch viel mehr zu tun mit einem solchen Umschwung, von dem derjenige, der aus guten wissenschaftlichen Untergründen heraus glaubt überzeugt sein zu dürfen von dem Inhalte dieser Geisteswissenschaft, auch glaubt, daß sie notwendigerweise eingreifen muß in die Gegenwart und in die weitere Entwickelung des menschlichen Denkens, Empfindens und Fühlens. Man darf schon sagen — gestatten Sie mir diese Worte einleitungsweise: Bei so etwas wie der Kopernikanischen Weltanschauung hatte man es zu tun mit unzähligen Vorurteilen, mit althergebrachten Meinungen, von denen die Leute glaubten, wenn etwas anderes an ihre Stelle träte, so sei es geschehen um allerlei religiöse Vorstellungen und dergleichen. Bei dem, wovon heute abend gesprochen werden soll, türmt sich noch manches andere auf. Hier hat man es nicht bloß zu tun mit den Vorurteilen, die sich zum Beispiel dem Kopernikanismus gegenüberstellen, sondern hier hat man es zu tun damit, daß in unserer Zeit gar viele Menschen, ja die Mehrzahl derjenigen, die sich für aufgeklärt und gebildet halten, nicht nur ihre Vorurteile, ihre Vorempfindungen entgegenbringen, sondern daß gewissermaßen der Aufgeklärte, der Gebildete überhaupt sich heute schämt, einzugehen im Ernste auf das Gebiet, von dem Anthroposophie sprechen muß. Man glaubt sich etwas zu vergeben, nicht bloß gegenüber der Umwelt, sondern vor sich selbst, wenn man zugibt, daß man über die Dinge, von denen heute gesprochen werden soll, ebenso gründlich wissenschaftlich etwas wissen könne wie über die Dinge des äußeren Naturgebäudes; man glaubt gewissermaßen vor sich selbst sich töricht oder kindisch halten zu müssen.

[ 3 ] Das sind die Dinge, welche in Betracht gezogen werden müssen, wenn heute von anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft die Rede ist. Derjenige, der von ihr spricht aus den Erkenntnissen dieser Wissenschaft heraus, der kennt die Einwände, die sich selbstverständlich heute noch zu Hunderten und zu Tausenden ergeben müssen; er kennt die Einwände schon aus dem Grunde, weil heute nicht nur die einzelnen Wahrheiten und Ergebnisse dieser Geisteswissenschaft bezweifelt werden, sondern weil überhaupt bezweifelt wird, daß man ein Wissen, eine Erkenntnis aufbringen kann für jenes Gebiet, über das sich anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft erstreckt. Daß man über das Gebiet des Ewigen in der Seele Glaubensvorstellungen, allgemeine Glaubensvorstellungen entwickeln kann, das wird gewiß heute noch von sehr vielen Leuten als etwas sehr Berechtigtes anerkannt; daß man über die Tatsachen, die sich der Sinneswelt mit Bezug auf das Unsterblich-Ewige in der Menschennatur entziehen, ein wirkliches Tatsachenwissen entwickeln kann, das gilt in weitesten Kreisen, gerade in jenen, die da glauben, aus der berechtigten wissenschaftlichen Vorstellungsart der Gegenwart heraus zu urteilen, in vielfacher Beziehung als etwas Phantastisches, Schwärmerisches.

[ 4 ] Mit Phantastischem und Schwärmerischem werden wir es heute abend nicht zu tun haben; aber mit einem Gebiete, wo schon, ich möchte sagen, den ersten Voraussetzungen nach der menschliche Betrachter und insbesondere der wissenschaftliche Betrachter zurückschreckt. Ich möchte nur noch ganz kurz berühren, daß diese anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft nicht irgend etwas Sektiererisches sein will. Derjenige verkennt sie vollständig, der da glaubt, daß sie wie die Begründung irgendeines neuen Religionsbekenntnisses auftreten wolle. Das will sie nicht. Sie ist so, wie sie heute auftreten will, ein notwendiges Ergebnis gerade dessen, was als Weltanschauungsvorstellung, als allgemeine, selbst populäre Vorstellung der weitesten Menschenkreise gerade die naturwissenschaftliche Entwickelung gebracht hat. Diese naturwissenschaftliche Entwickelung, die heute so viele Begriffe, welche wiederum Ursachen sind von Gefühlen und Empfindungen, für die Weltanschauung der weitesten Kreise abgibt, diese naturwissenschaftliche Betrachtungsweise stellt sich zur Aufgabe, dasjenige, was den äußeren Sinnen gegeben ist, was an Naturgesetzen über die Tatsachen der äußeren Sinne dem menschlichen Verstande zugänglich ist, zu ergründen, zu erklären.

[ 5 ] Schon wenn man nur auf das Lebendige Rücksicht nimmt, so kann man sehen — für andere Gebiete ist es etwas weiterliegend, aber am Lebendigen tritt es einem so ganz klar zutage —, wie diese Naturwissenschaft heute darauf bedacht sein muß, überall auf dieUrsprünge, auf dasjenige zurückzugehen, was gewissermaßen die Keimesanlage abgibt für das Wachsende, für das Werdende, für das Gedeihende. Will der Naturforscher das tierische, das menschliche Leben erklären in seinem Sinne, geht er auf die Geburt zurück; er studiert die Embryologie, er studiert dasjenige, aus dem sich das Wachsende, Werdende entwickelt. Auf die Geburt, die der Anfang ist von dem, was sich vor den Sinnen ausbreitet, geht Naturwissenschaft zurück. Und wenn Naturwissenschaft eine Welterklärung sein will, so geht sie auch zurück mit verschiedenen Hypothesen, mit Zugrundelegung dessen, was Geologie, Paläontologie, was die einzelnen Zweige der Naturwissenschaft eben geben können, zu dem, was sie sich an Vorstellungen bilden kann, man möchte sagen, über die Geburt des Weltgebäudes. Wenn auch der eine oder andere bezweifelt, daß solch eine Denkweise berechtigt ist —, sie ist immer angestrebt worden. Und bekannt sind ja die Gedanken, welche die Menschen aufgebracht haben, um, wenn vielleicht nicht den Anfang des irdischen Werdens zu ergründen, so doch wenigstens weit zurückliegende Epochen, solche Epochen, in denen zum Beispiel der Mensch noch nicht auf der Erde. gewandelt ist, um aus dem. Vorhergehenden, aus. demjenigen, was keimhaft zugrunde liegt, das Nachfolgende, was der Mensch in seinem Umkreise für seine Sinne hat, irgendwie zu erklären. Die ganze Darwinische Theorie, oder, wenn man von ihr absehen will, die Entwickelungstheorie, sie fußen darauf, Entstehung aufzusuchen, Hervorgehen aus irgend etwas. Ich möchte sagen, überall ist der Gedanke, zurückzugehen in Jugend und Geburt.

[ 6 ] Geisteswissenschaft im anthroposophischen Sinne ist in eine andere Lage versetzt. Und durch diesen Ausgangspunkt schon ruft sie zunächst, ohne daß der Mensch sich dessen klar bewußt ist, Widerspruch hervor: unklaren Widerspruch, man möchte sagen, unterbewußten Widerspruch, instinktiven Widerspruch! Und solcher Widerspruch ist viel wirksamer oftmals als der klar erkannte, klar durchdachte. Diese anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft muß ausgehen, um überhaupt zu Vorstellungen, jetzt nicht über allgemein verschwormmene Geistesbegriffe, sondern über geistige Tatsachen zu kommen, sie muß ausgehen von dem Tode. Dadurch steht sie von vornherein in einem, man möchte sagen, fundamentalen Gegensatz zu dem, was heute beliebt ist: zum Ausgehen von Geburt und Jugend, Wachstum, Vorwätrtsschreiten der Entwickelung. Der Tod greift ein in das Leben. Und Sie können, wenn Sie Umschau halten in der wissenschaftlichen Literatur der Gegenwart, überall finden, daß der gewissenhafte Forscher geradezu der Anschauung ist: Der Tod als solcher kann nicht in demselben Sinne in die naturwissenschaftliche Begriffsreihe hineingestellt werden wie andere Begriffe. Nun muß der Geisteswissenschafter diesen Tod, also das Aufhören, das Gegenteil der Geburt eigentlich, zu seinem Ausgangspunkt machen. Wie der Tod und das Todverwandte eingreift in das Leben im weiteren Sinne, das ist die Grundfrage. Der Tod aber schließt ab dasjenige, was Sinne schauen können; der Tod löst auf dasjenige, was wird, was vor den Sinnen sich entwickelt. Der Tod greift ein als irgend etwas, wovon man sozusagen die Vorstellung haben kann, es sei unbeteiligt an dem, was hier in der Sinneswelt wirkt und gedeiht, quillt und west. Da ergibt sich die Meinung, die in gewissen Grenzen ganz begreiflich, wenn auch eben durchaus unberechtigt ist, daß man über dasjenige, was der Tod gewissermaßen zudeckt, was der Tod verhüllt, nichts wissen könne. Und aus dieser Ecke menschlichen Fühlens heraus erheben sich eigentlich alle die Widersprüche, die sehr selbstverständlich gegen die Dinge vorgebracht werden können, die heute als Ergebnisse einer noch jungen Wissenschaft entwickelt werden. Denn jung ist diese Geisteswissenschaft, und der Geisteswissenschafter ist gerade aus den Gründen, die jetzt angeführt worden sind, in einer ganz andern Lage, auch wenn er über die Dinge seines Forschungsgebietes spricht, als der Naturwissenschafter. Der Geisteswissenschafter kann nicht in genau derselben Weise vorgehen wie der Naturwissenschafter, der irgendeine Tatsache hinstellt und dann auf Grund dessen, wovon gewissermaßen jeder Mensch überzeugt ist, daß man es sehen kann, diese Tatsachen beweist; denn der Geisteswissenschafter spricht ja gerade über dasjenige, was man nicht mit Sinnen wahrnehmen kann. Daher ist der Geisteswissenschafter zunächst, wenn er über Ergebnisse seiner Wissenschaft spricht, immer genötigt, darauf hinzuweisen, wie man zu diesen Ergebnissen kommt.

[ 7 ] Es gibt heute eine reiche Literatur über dasjenige Gebiet, das ich heute abend vor Ihnen zu vertreten habe. Kritiker, die sich berufen glauben, wenden gegen dasjenige, was zum Beispiel in meinen Schriften steht, immer wieder und wiederum ein, obwohl dies eigentlich nur beweist, wie ungenau, wie oberflächlich die Dinge gelesen werden: der Geisteswissenschafter behaupte, die Sachen seien so und so, aber er beweise nicht. — Ja, sehr verehrte Anwesende, er beweist schon, aber er beweist eben auf andere Art. Er sagt zunächst, wie er zu seinen Resultaten gekommen ist; er muß zuerst angeben, wie der Weg in das Tatsachengebiet hinein ist. Dieser Weg ist schon vielfach befremdlich, weil er ja für die heutigen Denk- und Empfindungsgewohnheiten ein ungewohnter ist. Zunächst muß gesagt werden: Gerade der Geistesforscher kommt durch seine Forschung zu dem zwingenden Ergebnisse, daß man mit den Methoden, mit den Verfahrungsarten, die der Geistesforscher nicht ablehnt, sondern gerade bewundert, mit denen die Naturwissenschaft zu ihren glänzenden Resultaten gekommen ist, in das Übersinnliche nicht hineinkommt. Ja, gerade von diesem Erlebnis, wie begrenzt die Verfahrungsarten des naturwissenschaftlichen Denkens sind, geht Geisteswissenschaft aus; aber nicht so, wie das heute vielfach gemacht wird, daß man einfach in bezug auf gewisse Dinge, bei denen die Naturwissenschaften an ihren Grenzen sind, sagt: Hier sind Grenzen des menschlichen Erkennens, — nein, sondern in der Weise, daß man an diesen Grenzen gerade versucht, zu ganz bestimmten Erlebnissen zu kommen, die nur erreicht werden können an diesen Grenzen. Ich habe von diesen Grenzorten des menschlichen Erkennens insbesondere in meiner neuesten, in diesen Wochen erscheinenden Schrift «Von Seelenrätseln» einiges gesprochen.

[ 8 ] Nun, diejenigen Menschen, welche Erkenntnis nicht als irgend etwas, was ihnen äußerlich angeflogen ist, genommen haben, welche mit den Erkenntnissen gerungen haben, welche mit der Wahrheit gerungen haben, sie haben immer wenigstens an diesen Grenzen gewisse Erlebnisse gehabt. Da muß man eben sagen: Die Zeiten ändern sich, die Entwickelung der Menschheit wandelt sich. — Noch vor verhältnismäßig kurzer Zeit standen die hervorragendsten Denker und Ringer mit der Erkenntnis an solchen Grenzorten so, daß sie eben die Meinung hatten, man kann an diesen Grenzorten nicht weiter, ‚man muß bei ihnen stehenbleiben. Diejenigen der verehrten Zuhörer, welche mich öfter hier gehört haben, wissen, wie wenig es in meinen Gewohnheiten liegt, Persönliches zu berühren. Allein wenn das Persönliche mit dem Sachlichen in irgendeinem Zusammenhange steht, so darf das wohl in Kürze gestattet sein. Ich darf sagen: Gerade dasjenige, was ich über solche Erlebnisse an den Grenzorten des Erkennens zu sagen habe, es ist bei mir das Ergebnis einer mehr als dreißig Jahre andauernden geistigen Forschung. Und es war vor mehr als dreißig Jahren, als gerade diese Probleme, diese Aufgaben, diese Rätsel, die entstehen an den Grenzorten des Erkennens, auf mich einen bedeutsamen Eindruck machten. Aus den vielen Beispielen, die man über solche Grenzorte anführen kann, möchte ich eines herausheben, auf das hingewiesen hat ein wirklicher Ringer mit der Erkenntnis: Friedrich Theodor Vischer, der berühmte Ästhetiker, der aber auch als Philosoph eine sehr bedeutende Persönlichkeit war, wenn er auch vielleicht zu seinen Lebzeiten schon zu wenig anerkannt und schnell vergessen worden ist. Friedrich 'Theodor Vischer, der sogenannte V-Vischer, hat ja vor Jahrzehnten eine sehr interessante Abhandlung geschrieben über ein auch sehr interessantes Buch, das Volkelt über die «Traumphantasie» geschrieben hat. Friedrich 'Theodor Vischer hat dabei manche Dinge berührt, die uns hier nicht weiter interessieren. Aber einen Satz möchte ich herausheben, einen Satz, über den man vielleicht weglesen kann, einen Satz aber auch, der wie ein Blitz einschlagen kann in das menschliche Gemüt, wenn dieses vom Erkenntnisstreben durchdrungen ist, von wahrem, innerem Erkenntnisstreben. Es ist der Satz, der sich Vischer aufdrängt, als er über das Wesen der Menschenseele nachsinnt, nachdenkt. Aus dem, was sich ihm ergeben hatte über das, was Naturwissenschaft in der neueren Zeit vom Menschen zu sagen hat, deduziert er einmal: Daß diese menschliche Seele nicht bloß im Leibe sein kann, das ist ganz klar; daß sie aber auch nicht außerhalb des Leibes sein kann, das ist ebenso klar.

[ 9 ] Nun, wir stehen also vor einem vollkommenen Widerspruch, vor einem Widerspruch, der nicht ein solcher ist, daß man ihn ohne weiteres auflösen kann. Wir stehen vor einem solchen Widerspruch, der sich mit unabänderlicher Notwendigkeit hinstellt, wenn man ernst nach Erkenntnissen ringt. V-Vischer konnte noch nicht — denn die Zeit war noch nicht dazu reif — vordringen von dem, was ich nennen möchte: stehen an solchen Erkenntnisorten, an solchen Grenzorten, vordringen vom Erkennen im gewöhnlichen Sinne des Wortes zum innerlichen Erleben eines solchen Widerspruches. Hören wir doch heute noch von weitaus den meisten Erkenntnismenschen der Gegenwart, wenn sie auf einen solchen Widerspruch stoßen, das Folgende es gibt ja davon Hunderte und Hunderte, Da Bois-Reymond, der geistvolle Physiologe, hat seinerzeit von den sieben Welträtseln gesprochen, aber man kann diese sieben Welträtsel in Hunderte vermehren — der heutige, zeitgenössische Erkenntnismensch sagt: Bis hierher geht eben das menschliche Erkennen, weiter kann es nicht kommen. — Einfach aus dem Grunde sagt er dieses, weil er sich an den Grenzorten des menschlichen Erkennens nicht entschließen kann, überzugehen vom bloßen Denken, vom bloßen Vorstellen zum Erleben. Man muß beginnen an einer solchen Stelle, wo sich ein Widerspruch, den man nicht ausgeklügelt hat, sondern der durch die Welträtsel sich einem geoffenbart hat, in den Weg stellt, muß versuchen, mit einem solchen Widerspruch immer wieder und wiederum zu leben, immer wieder und wieder, so wie man mit den Gewohnheiten des Alltags ringt, mit ihm ringen, gewissermaßen seine Seele ganz in ihn untertauchen. Man muß — es gehört ein gewisser innerer Denkermut dazu — in den Widerspruch untertauchen, keine Furcht davor haben, daß dieser Widerspruch etwa das Vorstellen der Seele zersplittern könne, daß die Seele nicht durchkönne oder ähnliches. In den Einzelheiten habe ich dieses Ringen an solchen Grenzorten gerade geschildert in meinem Buch «Von Seelenrätseln».

[ 10 ] Dann, wenn der Mensch statt mit dem bloßen Vorstellen, bloßen Ausklügeln, Fixieren, mit seiner vollen Seele an einem solchen Grenzort ankommt, dann kommt er weiter. Aber er kommt nicht auf bloß logischem Wege weiter; er kommt auf einem Erkenntnislebenswege weiter. Und was er da erlebt, ich möchte es durch einen Vergleich ausdrücken; denn das, was geistesforscherische Wege sind, sind wirkliche Erkenntniserlebnisse, sind Erkenntnistatsachen. Die Sprache hat heute noch nicht viele Worte für diese Dinge, weil die Worte geprägt sind für die äußere sinnliche Wahrnehmung. Man kann sich daher oftmals über dasjenige, was klar vor dem Geistesauge steht, nur vergleichsweise ausdrücken. Wenn man in solche Widersprüche sich einlebt, fühlt man sich wie an der Grenze, wo die geistige Welt heranschlägt, die in der sinnlichen Wirklichkeit nicht zu finden ist, wo sie zwar heranschlägt, aber gewissermaßen von außen heranschlägt. Es ist so, wie — ob nun die Vorstellung naturwissenschaftlich gut begründet ist oder nicht, darauf kommt es nicht an, vergleichsweise kann sie herangezogen werden —, es ist so, wie wenn ein niederes Lebewesen es noch nicht bis zum Tastsinn gebracht hat, sondern nur innerlich erlebt, in dem sich regenden, steten Bewegen innerlich erlebt und die Grenze der physischen Welt, die Oberfläche der einzelnen Dinge erlebt. Ein Wesen, das noch nicht den Tastsinn ausgebildet hat und so die Oberfläche der sinnlichen Dinge erlebt, das ist noch ganz in sich beschlossen, das kann gewissermaßen noch nicht erfühlen, ertasten dasjenige, was da draußen an sinnlichen Eindrücken ist. Geradeso fühlt sich rein geistig-seelisch — wir dürfen da an gar nichts Materielles denken — der Ringer mit der Erkenntnis, wenn er an einer solchen Stelle ist, wie ich sie eben geschildert habe. Wie aber dann beim niederen Lebewesen gewissermaßen der Organismus durchbricht durch das Anstoßen an die äußere sinnliche Welt, sich differenziert zum Tastsinn, wodurch man die Oberfläche ertastet, wodurch man weiß, ob etwas rauh oder glatt, warm oder kalt ist an der Oberfläche, wie sich eröffnet nach außen dasjenige, was nur im Innern lebt, so erringt man sich die Möglichkeit, gewissermaßen durchzubrechen gerade an solchen Stellen, sich einen geistigen Tastsinn zu erwerben. Dann erst, wenn man vielleicht oftmals jahrelang an solchen Grenzorten des Erkennens gerungen hat durchzubrechen in die geistige Welt hinein, dann gelangt man zum Realen von geistigen Organen. Ich spreche nur elementar von dem, wie sich dieser Tastsinn entwickelt. Aber man kann, um diese oder jene Ausdrücke in einem vollkommeneren Sinne zu gebrauchen, davon sprechen, daß sich durch immer weiteres und weiteres inneres Arbeiten, Herausarbeiten aus dem In-sich-Beschlossensein Geistesaugen, Geistesohren entwickeln. Heute erscheint es vielen Menschen noch absurd, davon zu sprechen, daß die Seele ein ebenso undifferenziertes Organ zunächst ist, wie der Organismus eines niederen Wesens, das seine Sinne aus seiner Substanz heraus bildet, und daß sich aus dieser Substanz seelische Begriffe, seelisch differenzierte Geistesorgane herausbilden können, die ihn dann der geistigen Welt gegenüberstellen.

[ 11 ] Man darf sagen: Geisteswissenschaft, wissenschaftlich in aller Berechtigtheit systematisch dargestellt, stellt sich heute neu in den Erkenntnisfortschritt der Menschheitsentwickelung hinein. Aber sie ist nicht in jeder Beziehung etwas Neues. Das Ringen nach ihr, das Streben nach ihr, wir schen es gerade bei den hervorragendsten Erkenntnismenschen der Vergangenheit. Und auf einen von ihnen, auf Friedrich Theodor Vischer habe ich ja hingewiesen. Ich möchte gerade noch einmal zeigen an seinen eigenen Aussprüchen, wie er an einer solchen Erkenntnisgrenze gestanden hat, wie er allerdings davor stehengeblieben ist, wie er nicht den Übergang gemacht hat von dem inneren Regen zum Durchbrechen der Grenze, zum geistigen Tastsinn. Und da möchte ich gerade diejenige Stelle aus Friedrich Theodor Vischers Abhandlungen Ihnen vorlesen, wo er schildert, wie er an eine solche Grenze, wo der Geist heranschlägt an die menschliche Seele, gekommen ist gelegentlich seines Ringens mit den naturwissenschaftlichen Erkenntnissen. Es war in der Zeit, in der die materialistisch gesinnte Naturwissenschaft den ernsten Erkenntnisringern viele Rätsel vorgelegt hat, wo zahlreiche Menschen gesagt haben, man könne gar nicht von Seele anders sprechen, als daß sie nur ein Produkt sei des materiellen Wirkens.

[ 12 ] Hier seine Worte: «Kein Geist, wo kein Nervenzentrum, wo kein Gehirn, sagen die Gegner. Kein Nervenzentrum, kein Gehirn, sagen wir, wenn es nicht von unten auf unzähligen Stufen vorbereitet wäre; es ist leicht, spöttlich von einem Umrumoren des Geistes in Granit und Kalk zu reden, — nicht schwerer als es uns wäre, spottweise zu fragen, wie sich das Eiweiß im Gehirn zu Ideen aufschwinge. Der menschlichen Erkenntnis schwindet die Messung der Stufenunterschiede. Es wird Geheimnis bleiben, wie es kommt und zugeht, daß die Natur, unter welcher doch der Geist schlummern muß, als so vollkommener Gegenschlag des Geistes dasteht, daß wir uns Beulen daran stoßen;» — ich bitte Sie zu beachten, wie der Erkenntnisringer schildert, daß wir uns Beulen daran stoßen; hier haben Sie ein inneres Erlebnis eines Erkenntnisringers: dieses Anschlagen eines Erkenntnisringers! — «es ist eine Diremtion von solchem Scheine der Absolutheit, daß mit Hegels Anderssein und Außersichsein, so geistreich die Formel, doch so gut wie nichts gesagt, die Schroffheit der scheinbaren Scheidewand einfach verdeckt ist. Die richtige Anerkennung der Schneide und des Stoßes in diesem Gegenschlag findet man bei Fichte, aber keine Erklärung dafür.»

[ 13 ] Hier haben wir die Schilderung, die ein Mensch von seinem Erkenntnisringen gibt in der Zeit, bevor der Entschluß entstehen konnte, der geisteswissenschaftliche Entschluß: nicht bloß bis zu diesem Schlag und Gegenschlag zu kommen, sondern zu durchbrechen die Scheidewand gegenüber der geistigen Welt. — Ich kann nur ganz im Prinzipiellen über solche Dinge sprechen; Sie finden sie im einzelnen ausgeführt in meinen Büchern. Namentlich in «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» und im zweiten Teil meiner «Geheimwissenschaft im Umriß» finden Sie in allen Details dasjenige ausgeführt, was die Seele in innerer Regsamkeit, in innerer Übung — wenn der Ausdruck erlaubt ist — mit sich vornehmen muß, um dasjenige, was in ihr undifferenziert ist, zu geistigen Organen, die dann die geistige Welt schauen können, wirklich umzugestalten.

[ 14 ] Aber gar vieles ist notwendig, wenn man auf diesem Wege wirklich zu Forschungen kommen will. Es ist deshalb gar vieles notwendig, weil in unserer Zeit durch die Gewohnheiten, die sich gerade auf naturwissenschaftlichem Gebiete, auf dem Gebiete naturwissenschaftlicher Weltanschauung herausgebildet haben, das auf seinem Felde seine volle Berechtigung hat, eine besondere Art zu denken in das Menschenleben eingegriffen hat, die entgegengesetzt ist den Wegen, die in die geistige Welt führen; so daß es ganz selbstverständlich ist, daß man von naturwissenschaftlicher Seite nur Dinge hört, die eigentlich von der geistigen Welt, wie sie wirklich ist, in ihren Tatsachen nichts wissen wollen. Ich will nur eines anführen — wie gesagt, das Genauere finden Sie in den genannten Büchern —, ich will anführen, daß der Mensch sozusagen sich eine ganz andere Art des Vorstellens erringen muß. Im gewöhnlichen Leben ist man zufrieden mit den Begriffen, den Vorstellungen, wenn man sich sagen kann: Diese Begriffe, diese Vorstellungen sind so geartet, daß sie ein Abbild irgendeiner äußeren Tatsache oder eines äußeren Dinges sind. — Damit kann sich der Geistesforscher nicht befriedigen. Schon die Vorstellungen, die Begriffe werden etwas ganz anderes in seiner Seele, als sie nach den Denkgewohnheiten der Gegenwart sind. Wenn ich wiederum einen Vergleich gebrauchen darf, so möchte ich daran zeigen, wie heute der Geistesforscher der Welt gegenübersteht. Materialistische, spiritualistische, pantheistische, individualistische, monadistische und so weiter, alle solche Leute glauben, in die Weltenrätsel irgendwie eindringen zu können; man versucht mit bestimmten Vorstellungen, Begriffen, ein Bild zu bekommen von den Vorgängen der Welt. So kann der Geistesforscher schon Begriffe gar nicht auffassen, sondern er muß sich zu einem Begriff in der Weise stellen, daß er immer sich klar bewußt ist: In einem Begriff, in einer Vorstellung hat er nichts anderes, als was man in der äußeren Sinneswelt hat, wenn man zum Beispiel einen Baum oder einen andern Gegenstand von einer gewissen Seite her photographiert, man bekommt ein Bild von einer gewissen Seite, von einer andern Seite ein anderes Bild, von einer dritten Seite wieder ein anderes, von einer vierten Seite wiederum ein anderes Bild. Die Bilder sind voneinander verschieden; sie alle geben erst zusammen, wenn man sie im Geiste kombiniert, den Baum als gestaltete Vorstellung. Aber man kann sehr gut sagen, das eine Ding widerspricht dem andern! Sehen Sie nur, wie ganz verschieden oftmals ein Gegenstand aussieht, wenn Sie ihn von der einen und von der andern Seite her photographieren! Allen diesen Vorstellungen von Pantheismus, Monadismus und so weiter steht der Geistesforscher so gegenüber, daß sie nichts anderes sind als verschiedene Aufnahmen der Wirklichkeit. Denn die geistige Wirklichkeit ergibt sich in Wahrheit dem Vorstellungsleben, dem Begriffsleben gar nicht so, daß man sagen kann, irgendein Begriff ist ein Abbild, sondern man muß immer um die Sache herumgehen, man muß immer von verschiedenen Seiten her sich die mannigfaltigsten Begriffe bilden. Dadurch ist man in die Lage versetzt, ein viel größeres inneres, seelisch regsames Leben zu entwickeln, als man für die äußere Sinneswelt gewohnt ist; dadurch ist man aber auch genötigt, die Begriffe zu etwas viel Lebendigerem zu machen. Sie sind nicht mehr Abbilder, aber indem man sie erlebt, sind sie etwas viel Lebendigeres, als sie im gewöhnlichen Leben und seinen Dingen sind.

[ 15 ] Ich kann mich da in der folgenden Weise verständigen. Nehmen Sie an, Sie haben eine Rose, abgeschnitten vom Rosenstock, vor sich; Sie bilden sich die Vorstellung davon. Nun ja, diese Vorstellung können Sie sich bilden; Sie werden auch oftmals bei dieser Vorstellung das Gefühl haben: sie drückt Ihnen etwas Wirkliches aus, die Rose ist etwas Wirkliches. Der Geistesforscher kann niemals auf seinem Wege vorwärtskommen, wenn er bei solchen Vorstellungen sich befriedigt, die Rose sei etwas Wirkliches. Die Rose, vorgestellt für sich als Blüte mit einem kurzen Stengel, ist gar nichts in sich Wirkliches; sie kann so, wie sie ist, nur da sein am Rosenstock drauf. Der Rosenstock ist etwas Wirkliches! Und der Geistesforscher muß sich nun angewöhnen, für alle einzelnen Dinge, für welche die Menschen sich Vorstellungen bilden, indem sie glauben, das sei auch etwas Wirkliches, immer sich bewußt zu sein, in welch eingeschränktem Sinne solch eine Sache etwas Wirkliches ist. Er muß fühlen, indem er die Rose mit dem Stiel vor sich hat: das ist nichts Wirkliches; er muß den Grad von Unwirklichkeit mitempfinden, mitfühlen, miterleben, der in dieser Rose als bloßer Blüte enthalten ist.

[ 16 ] Dadurch aber, daß man das für die ganze Weltbetrachtung ausdehnt, belebt sich das Vorstellungsleben selbst; dadurch bekommt man nicht die schon abgelähmten, die getöteten Vorstellungen, mit denen sich die heutige naturwissenschaftliche Weltanschauung zufrieden gibt, sondern man bekommt Vorstellungen, die mit den Dingen mitleben. Allerdings, man erlebt, wenn man von den Denkgewohnheiten der Gegenwart ausgeht, mancherlei Enttäuschungen zunächst, Enttäuschungen, die sich ergeben, weil dasjenige, was man so erlebt, sich wirklich recht sehr unterscheidet von den Denkgewohnheiten der Gegenwart. Man muß schon manchmal recht paradox sprechen, wenn man aus den Erkenntnissen der geistigen Welt heraus spricht, gegenüber den Dingen, die heute allgemein gesprochen und geglaubt werden.

[ 17 ] Man kann heute ein sehr gelehrter Mann sein, sagen wir auf physikalischem Gebiete, ein außerordentlich gelehrter Mann, und man kann mit Recht Bewunderung erregen durch seine Gelehrsamkeit, aber man kann mit lauter Begriffen arbeiten, die nicht herangeholt, nicht herangearbeitet sind an solchen, wie ich es geschildert habe: dem Lebendigmachen der Vorstellungswelt. Ich habe ja nur etwas ganz Elementares gesagt; dieses Elementare aber muß sich beim Geistesforscher ausdehnen über die ganze Weltbetrachtung. Ich will ein Beispiel anführen: Professor Dewar hat im Anfange des Jahrhunderts einen sehr bedeutsamen Vortrag in London gehalten. Dieser Vortrag, möchte ich sagen, zeigt in jedem Satze den großen Gelehrten der Gegenwart, der in physikalischen Vorstellungen bewandert ist, wie man nur bewandert sein kann. Der Gelehrte versucht aus den physikalischen Vorstellungen heraus, wie sie der Physiker der Gegenwart gewinnen kann, über den Endzustand der Erde zu sprechen beziehungsweise über irgendeinen Zukunftszustand, in dem eben vieles von dem abgestorben sein muß, was heute noch gegenwärtig sein kann. Er schildert sehr richtig, weil er auf lauter gut fundierten Voraussetzungen fußt; er schildert, wie einmal nach Jahrmillionen eintreten müsse ein Erdzustand, in dem die Temperatur um so und so viel hundert Grade heruntergegangen ist, und wie sich dann — man kann das sehr gut berechnen — verändert haben müssen gewisse Substanzen. Man kann das berechnen, und er schildert, wie Milch zum Beispiel dann nicht mehr wie heute flüssig sein könne, sondern fest sein muß, wie Eiweiß, wenn man damit Wände bestreicht, so leuchtend wird, daß man Zeitungen dabei lesen kann, ohne daß man ein anderes Licht braucht, da man von dem bloßen Eiweiß Licht erhält, und viele solche Einzelheiten. Dinge, die heute nicht einmal ein paar Gramm Druck aushalten würden, werden in ihrer Konsistenz, in ihrem Materiellen so stark sein, daß man Hunderte von Kilogramm daranhängen kann, kurz, eine großartige Schilderung eines künftigen Zustandes der Erde gibt Professor Dewar. Man kann vom Standpunkte des Physikalischen aus nicht das geringste einwenden; aber für den, der lebendiges Denken in seine Seele aufgenommen hat, stellt sich die Sache anders. Für den, der lebendiges Denken in seine Seele aufgenommen hat, tritt notwendigerweise sogleich, indem er solche Vorstellungsformen aufnimmt, wie sie dieser Professor gibt, das vor seine Seele, daß er sich nun etwas sagen muß, was in der Methode, in der Anschauungsweise ganz ähnlich wäre der Folgerung und Denkweise dieses Gelehrten.

[ 18 ] Nehmen Sie an, man nähme zum Beispiel einen fünfundzwanzigjährigen Menschen und beobachtete genau — heute kann man solche Beobachtungen schon anstellen, ich brauche ja nur zu erinnern an das Röntgenwesen —, man beobachtete genau, wie sich gewisse Organe, sagen wir der Magen, von Jahr zu Jahr ändern, im Verlauf von zwei, drei, vier, fünf Jahren ändern; sie nehmen andere Konfigurationen an. Man kann das beschreiben, wie es der Physiker macht, indem er die aufeinanderfolgenden Zustände der Erde vergleicht und dann berechnet, wie nach Jahrmillionen diese Erde ausschauen muß. Nun kann man auch beim Menschen das anstellen: man beobachtet, wie sich, sagen wir, Magen oder Herz von Jahr zu Jahr ändern; dann berechnet man, wie, sagen wir, nach zweihundert Jahren der Mensch ausschauen muß nach diesen Veränderungen. Man bekommt ein ebensogut fundiertes Resultat heraus, wenn man ausrechnet, wie der Mensch nach zweihundert Jahren ausschauen muß, wenn man die einzelnen Anschauungen richtig zusammenrechnet, nur ist der Mensch dann längst gestorben, er ist nicht mehr da!

[ 19 ] Sie sehen, was ich meine. Es handelt sich darum, daß man in dem einen Fall aus der unmittelbaren Erfahrung heraus weiß: solche Rechnerei entspricht nicht der Wirklichkeit, weil nach zweihundert Jahren der menschliche Leib mit diesen Veränderungen nicht mehr da wäre, bei der Erde stellt man aber diese Berechnung an. Man beachtet aber nicht, daß die Erde nach zwei Jahrmillionen eben als physisches Wesen auch längst gestorben ist, nicht mehr da ist; daß also die ganze gelehrte Berechnerei über diesen Zustand gar keinen Wirklichkeitswert hat, weil die Wirklichkeit, auf die sie angewendet ist, nicht mehr da ist.

[ 20 ] Die Sachen gehen sehr weit. Sie können ja ebensogut beim Menschen wie nach vorwärts auch nach rückwärts rechnen, könnten rechnen, wie der Mensch nach den kleinen Veränderungen von zwei Jahren vor zweihundert Jahren ausgeschaut hat, aber er war noch nicht da! Aber nach derselben Methode ist die Kant-Laplacesche Theorie gebildet, jene Theorie, welche annimmt, daß einstmals ein Nebelzustand da war, der aus dem gegenwärtigen Zustand berechnet ist. Die Rechnung stimmt ganz gut, die Wahrnehmungen sind ganz richtig, nur — für den Geistesforscher stellt sich das hin, daß damals, als dieser ganze Urnebel dagewesen sein soll, die ganze Erde noch nicht geboren war, das ganze Sonnensystem noch nicht vorhanden war.

[ 21 ] Ich wollte diese Berechnungen nur heranziehen, um Ihnen zu zeigen, wie das ganze innere Seelenleben aus der Abstraktion herauskommen muß, wie es untertauchen muß in die lebendige Wirklichkeit, wie die Vorstellungen selber lebendig werden müssen. Ich habe in meinem Buch «Vom Menschenrätsel», das vor zwei Jahren erschienen ist, unterschieden zwischen wirklichkeitsgemäßen und unwirklichkeitsgemäßen Vorstellungen. Kurz, worauf es ankommt, das ist, daß der Geistesforscher hinweisen muß darauf, daß sein Weg ein solcher ist, daß die Erkenntnismittel, die er gebraucht, erst erweckt werden müssen, daß er erst seine Seele umgestalten muß, um in die geistige Welt hineinschauen zu können. Dann kommen die Ergebnisse in einer solchen Form, daß man sehen kann: der Geistesforscher spekuliert nun nicht, ob die Seele unsterblich sei, ob die Seele durch Geburt und Tod durchgehe, sondern sein Forschungsweg führt ihn zu dem Ewigen in der Menschenseele, zu dem, was durch Geburten und Tode geht; sein Forschungsweg zeigt ihm, was im Menschen als Ewiges lebt. Also er sucht das Objekt, das Ding, das Wesen selber auf. Hat man das Wesen, so kann man an diesem Wesen seine Eigenschaften erkennen, so wie man an der Rose die Farbe erkennt. Daher entsteht oftmals der Schein, als ob der Geisteswissenschafter nur behaupte, es sei so, denn er muß, indem er Belege angibt, immer darauf hinweisen, auf welchem Wege man zu diesen Dingen kommt; er muß gewissermaßen da anfangen, wo die andere Wissenschaft aufhört. Dann aber ist ein wirkliches Eindringen möglich in diejenigen Gebiete, die, ich möchte sagen, den Tod ebenso zu ihrem Ausgangspunkt haben, wie das auf naturwissenschaftlichem Feld Befindliche die Geburt und die Jugend zum Ausgangspunkte hat. Nur muß man sich klar sein darüber, daß dieser Tod keineswegs bloß dieses, die äußeren sinnlichen Anschauungsformen abschließende Ereignis ist, als das er gewöhnlich angeschaut wird, sondern daß er etwas ist, das teil hat am Dasein, so wie die Kräfte, welche mit der Geburt ins Leben gerufen werden, teil haben am Dasein. Wir begegnen dem Tode nicht nur, indem er uns als einmaliges Ereignis ergreift, sondern wir tragen die Kräfte des Todes in uns — abbauende Kräfte, immerfort abbauende Kräfte —, so wie wir die Kräfte der Geburt, oder die uns bei der Geburt gegebenen, als aufbauende Kräfte in uns tragen.

[ 22 ] Um dies einzusehen, muß man allerdings an einem Grenzorte zwischen Naturwissenschaft und Geisteswissenschaft wirklich Forschungen anstellen können. Ich kann ja heute von manchern natürlich nur Ergebnisse anführen, will ja auch nur anregen; sollte ich dasjenige in allen Einzelheiten ausführen, womit ich anregen will, so müßte ich viele Vorträge halten. Man muß sich also, wenn man das Angedeutete verfolgen will, an einen Grenzort begeben zwischen Naturwissenschaft und Geisteswissenschaft. Man glaubt so vielfach und hat es geglaubt — heute ist die Wissenschaft meistens über diese Dinge schon hinaus, nur die populären Weltanschauungsbewegungen stehen noch auf einem Standpunkte, den die Wissenschaft schon vor Jahrzehnten verlassen hat —, man glaubt so vielfach, dieses menschliche Nervensystem, dieser menschliche Nervenapparat sei einfach ein Werkzeug für das Denken, Fühlen, Wollen, kurz, für das seelische Erleben. Derjenige, der mit solchen Seelenorganen, mit Geistaugen, Geistohren, wie ich sie wenigstens prinzipiell beschrieben habe, erkennen lernt das seelische Leben, der es erst wirklich entdeckt, dieses seelische Leben, der weiß, daß sprechen: das Gehirn sei ein Werkzeug für das Denken — ebenso ist, wie wenn man sagt: Ich gehe über einen Weg, der vielleicht aufgeweicht ist, ich trete meine Fußspuren hinein. Diese Fußspuren findet nachher einer, er will sie erklären. Wie erklärt er sie? Er erklärt sie dadurch, daß er sagt: Unten in der Erde sind allerlei Kräfte, die auf und ab schwingen und die dadurch, daß sie auf und ab schwingen, diese Fußspuren erzeugen, — was gar nicht auf Kräfte in der Erde zurückgeht, die diese Fußspuren erzeugen, denn ich habe sie hineingetragen, aber man kann meine Spuren genau darinnen nachweisen! — So erklären die Physiologen heute, daß dasjenige, was in dem Gehirn vorgeht, aus dem Gehirn kommt, weil jedem Denken, Vorstellen, Fühlen etwas in dem Nervensystem entspricht. Geradeso wie meine Spuren meinen Fußtritten entsprechen, so entspricht wirklich im Gehirn etwas demjenigen, was die Seele als Eindrücke hat. Aber die Seele hat es erst eingedrückt. Ebensowenig wie die Erde das Organ ist für mein Gehen oder die Fußspuren, ebensowenig wie sie diese herausbildet, ebensowenig ist das Gehirn das Organ für allerlei Vorgänge von Denken oder Vorstellen. Und so wie ich nicht gehen kann ohne Boden — ich kann nicht in der Luft gehen, ich brauche den Grund, wenn ich gehen will —, so ist das Gehirn notwendig; aber nicht weil es das Seelische hervorbringt, sondern weil das Seelische den Grund und Boden braucht, auf dem es sich, solange der Mensch zwischen Geburt und Tod im Leibe lebt, ausdrückt. Es hat also gar nichts zu tun mit dem allem.

[ 23 ] Gerade die heute so glänzend verstandene Naturwissenschaft erfährt ihre vollständige Aufklärung, wenn dieser Umschwung im Denken eintreten wird, den ich hiermit angedeutet habe, der allerdings ein radikaleret ist als der der Kopernikanischen Weltanschauung gegenüber der Weltanschauung, die man früher gehabt hat, aber der vor der wirklichen Weltanschauung so berechtigt ist, wie die Kopernikanische Weltanschauung gegenüber der früheren berechtigt war. Dann, wenn man auf seelenforscherischem Wege vorwärtsdtingt, dann findet man auch, daß die Vorgänge im Gehirn, im Nervensystem, welche dem Seelenleben entsprechen, nicht aufbauende sind, nicht etwas sind, was dadurch da ist, daß die produktive, die wachsende, die gedeihende Tätigkeit im Nervensystem so vorhanden ist wie im übrigen Organismus. Nein! Sondern dasjenige, was die Seele vollführt im Nervensystem, das ist abbauende Tätigkeit, das ist in der Tat während unseres wachen Bewußtseins außerhalb des Schlafes abbauende Tätigkeit. Und nur dadurch, daß das Nervensystem so in uns eingelagert ist, daß es von dem übrigen Organismus immer wieder aufgefrischt wird, kann die abbauende, die auflösende, die zerstörende Tätigkeit, die vom Denken aus eingreift in unser Nervensystem, immer wieder ausgeglichen werden. Abbauende Tätigkeit ist da, Tätigkeit, welche ganz genau qualitativ dieselbe ist wie diejenige, die der Mensch auf einmal durchmacht, wenn er stirbt, wenn der Organismus ganz aufgelöst wird. Der Tod lebt fortwährend in uns, indem wir vorstellen. Ich möchte sagen, atomistisch geteilt lebt der Tod fortwährend in uns; und der einmalige Tod, der uns ergreift, er ist nur summiert dasjenige, was fortwährend abbauend in uns arbeitet, allerdings wiederum ausgeglichen wird, nur sind die Ausgleiche so, daß eben zuletzt auch der spontane Tod hervorgerufen wird.

[ 24 ] Man muß den Tod begreifen als eine Kraft, die im Organismus wirkt, so wie man die Lebenskräfte begreift. Sehen Sie sich aber heute die auf ihrem Gebiete durchaus berechtigte Naturwissenschaft an, so werden Sie finden: sie sucht nur die aufbauenden Kräfte. Dasjenige, was abbaut, das entzieht sich ihr. Daher kann auch das aus dem Abbauenden wieder Neuerstehende, nun immerfort jetzt nicht leiblich — denn das Leibliche wird eben abgebaut —, sondern geistig-seelisch sich wieder Aufbauende von der äußeren Naturwissenschaft nicht beobachtet werden, denn es fällt fortwährend aus der Beobachtung heraus und wird nur derjenigen Beobachtung zugänglich, die so vorgeht, wie ich es vorhin beschrieben habe. Dann zeigt sich allerdings, daß, während dem wir unser Leben dahinbringen, unsere gesamte Seelentätigkeit nicht nur zugeordnet ist dem Grund und Boden, auf dem sie sich entwickeln muß und den sie sogar abbaut, insofern sie vorstellt, insofern sie tätig ist, sondern daß diese gesamte Seelentätigkeit auch zugeeignet ist einer geistigen Welt, die uns immer umgibt, in der wir mit unserem Seelisch-Geistigen so drinnenstehen, wie wir drinnenstehen mit unserem physischen Leibe in der sinnlich-physischen Welt. Eine wirkliche Beziehung des Menschen zu der geistigen Welt, die alles durchdringt, was physisch ist, zu der wirklichen, konkreten, realen geistigen Welt, wird also durch die Geisteswissenschaft angestrebt.

[ 25 ] Dann ergibt sich allerdings die Möglichkeit, weiter zu beobachten, wie dasjenige, was da in uns wirkt und webt als Seelisches, das in den Grenzen, die ich geschildert hatte, abbaut, ein zusammengehöriges Ganzes ist. Dasjenige, was ich Seelenentwickelung genannt habe, dringt vor vom gewöhnlichen Bewußtsein zum schauenden Bewußtsein. Ich habe davon gesprochen in meinem Buche «Vom Menschenrätsel». Dieses schauende Bewußtsein entwickelt die Möglichkeit, imaginative Erkenntnisse zu haben. Diese imaginativen Erkenntnisse geben nicht das, was äußerlich sinnlich ist, sondern sie geben am Menschen selber — ich will von der andern Welt jetzt absehen —, sie geben am Menschen selber dasjenige, was an ihm nicht sinnlich wahrnehmbar ist. Ich habe in der letzten Zeit, damit kein Mißverständnis entstehe, dieses, was zunächst von einer solchen geweckten Erkenntnis wahrgenommen werden kann, Bildekräfteleib genannt. Das ist jener übersinnliche Leib des Menschen, welcher tätig ist während unseres ganzen Lebens, von der Geburt, oder sagen wir Empfängnis, bis zu unserem physischen Tode, welcher auch der Träger unserer Erinnerungen ist, welcher aber als übersinnliche Wesenheit mit einer übersinnlichen Außenwelt in Verbindung steht. So daß unser sinnliches Leben mit seinem übrigen Bewußtsein nur wie eine Insel dasteht, aber rings um diese Insel herum und sogar diese Insel durchdringend, liegt die Beziehung des menschlichen Bildekräfteleibes mit der übersinnlichen Außenwelt. Da kommen wir allerdings dazu, alle Vorstellungswelt — jetzt nicht anders als wie ich es geschildert habe in Zusammenhang zu bringen mit dem physischen Gehirn, das den Grund und Boden dafür abgibt; aber wir kommen dazu, einzusehen, daß der Bildekräfteleib der Träger der menschlichen Gedanken ist, daß sich die Gedanken entwickeln in diesem Bildekräfteleib, daß der Mensch, indem er denkt, in diesem Bildekräfteleib lebt.

[ 26 ] Anders ist es schon, wenn wir vorschreiten zu einem andern Seelenerlebnis, zu dem Fühlen. Unser Fühlen, auch unsere Affekte, unsere Leidenschaften stehen in einem andern Verhältnis zu unserem Seelenleben als unser Denken. Der Geistesforscher findet, daß die Gedanken, die wir uns gewöhnlich machen, an den Bildekräfteleib gebunden sind, nicht aber unsere Gefühle, nicht aber unsere Affekte. Diese Gefühle und Affekte leben in uns in einer viel unterbewußteren Art; dafür stehen sie aber auch mit etwas weit Umfassenderem im Zusammenhang als mit unserem Leben zwischen Geburt und Tod. Nicht als ob der Mensch in diesem Teile seines Lebens, von dem ich jetzt spreche, gedankenlos wäre; alle Gefühle sind von Gedanken durchdrungen; aber die Gedanken, von denen die Gefühle durchdrungen sind, kommen dem Menschen in der Regel nicht in das gewöhnliche Bewußtsein hinein, sie sind unter der Schwelle dieses Bewußtseins. Dasjenige, was als Gefühl heraufwogt, das ist gedankendurchsetzt, aber diese Gedanken sind weiterausgreifend, denn man findet sie nur, wenn man zu einem noch höheren Bewußtsein vorschreitet in der schauenden Erkenntnis: zu dem, was — ich denke nicht an abergläubische Vorstellungen —, was ich das inspirierte Bewußtsein nenne. Das Genauere darüber können Sie in meinen Büchern nachlesen.

[ 27 ] Vertieft man sich nun in das, was eigentlich dem gewöhnlichen Bewußtsein gegenüber so schläft, wie der Mensch vom Einschlafen bis zum Aufwachen schläft mit Bezug auf die gewöhnlichen sinnlichen Vorstellungen, so sieht man es heraufwogen, wie in den Schlaf hinein die Träume wogen. So wogen in der Tat die Gefühle herauf, es klingt paradox, aber es ist so: aus dem Tieferen der Seele. Aber dieses Tiefere der Seele, das der inspirierten Erkenntnis zugänglich ist, das ist dasjenige, was da lebt zwischen dem Tod und einer neuen Geburt; das ist dasjenige, was eingetreten ist in den physischen Zusammenhang durch unsere Empfängnis, oder sagen wir Geburt, was durch die Pforte des Todes tritt und unter andern Bedingungen ein geistiges Dasein hat, bis der Mensch wieder geboren wird. Wer mit inspirierter Erkenntnis wirklich hineinschaut in dasjenige, was in der Gefühlswelt lebt, der sieht nicht nur den Menschen zwischen Geburt und Tod, der sieht den Menschen auch in den Zeiten, die die Seele durchlebt zwischen dem Tod und einer neuen Geburt.

[ 28 ] Das ist nicht nur so einfach hingestellt: so ist es eben, — sondern es ist darauf hingewiesen, wie die Kräfte in der Seele entstehen, welche die Gefühle, Affekte, Leidenschaften so anzusehen vermögen, daß man in ihnen drinnen lebt. So wie man in der Pflanze dasjenige sieht, was durch die Keimeskräfte entstanden ist, so sieht man etwas, was nicht mit unserer Geburt oder Empfängnis entsteht, sondern was aus einer geistigen Welt herausgekommen ist.

[ 29 ] Ich weiß sehr wohl, wieviel sich von der heutigen naturwissenschaftlichen Weltanschauung gegen eine solche Vorstellung einwenden läßt. Es werden diejenigen, die bekannt sind mit solchen naturwissenschaftlichen Weltanschauungen, leicht sagen: Ja, da kommt er und schildert in dilettantischer Weise, daß diese Glieder seiner Seele, die er umfassen will, aus einer geistigen Welt herauskommen; schildert die besonderen Konfigurationen, Farben der Gefühle so, als ob in diesen Gefühlen auf der einen Seite der Hinweis wäre auf unser vorgeburtliches Leben, und auf der andern Seite wieder etwas, was so wäre, wie der Keim der Pflanze dasjenige ist, was in der Pflanze des nächsten Jahres sein wird. Kennt denn dieser Mensch nicht — werden die Leute sagen — die wunderbaren Vererbungsgesetze, die durch die Naturwissenschaft heraufgebracht sind? Weiß er denn nicht alles, was diejenigen wissen, welche die Wissenschaft der Vererbungsmerkmale erst schufen, welche erst zusammenprägten alles das, was die Kenntnis der Vererbungsmerkmale hervorgerufen hat?

[ 30 ] Ist auf der einen Seite die Tatsache, auf welche Naturwissenschaft hinweist, ganz richtig, so stecken doch in der Entstehung der Vererbung unsere Kräfte, durch die wir uns durch Jahrhunderte vorbereiten und die wir herunterschicken, so daß sich aus Voreltern und Eltern jene Konstellationen herausbilden, welche zuletzt zu dem materiellen Ergebnis führen, mit dem wir uns dann umhüllen, indem wir aus der geistigen Welt in die physische heruntersteigen. Wer wirklich gerade die wunderbaren Ergebnisse der neueren Vererbungsforschung ins Auge faßt, der wird finden, daß das, was Geisteswissenschaft nur auf eine ganz andere Weise, ich möchte sagen, auf dem entgegengesetzten Wege, von der Seele aus findet, vollständig bestätigt wird gerade durch die Naturwissenschaft; während das, was die Naturwissenschaft selber sagt, gar nicht durch die Naturwissenschaft bestätigt wird. Das kann ich nur andeuten.

[ 31 ] Und wenn wir dann eintreten in jenes Gebiet, das man als den Willen bezeichnet, so entzieht sich das ja sehr dem, was der Mensch in seinem gewöhnlichen Bewußtsein hat. Was weiß der Mensch selbst über das, was in ihm vorgeht, wenn der Gedanke: Ich will etwas haben — sich zu einer Handbewegung gestaltet? Der eigentliche Willensvorgang schläft im Menschen. Mit Bezug auf die Gefühle und Affekte konnte man wenigstens sagen, der Mensch träumt im Menschen. Deshalb ist die Frage über die Freiheit eine so schwierige, weil der Wille schlafend ist dem gewöhnlichen Bewußtsein gegenüber. Über das, was in dem Willen vorgeht, kommt man nur zu einer Erkenntnis, indem man im schauenden Bewußtsein bis zum wirklichen intuitiven Bewußtsein gelangt, nicht dem verschwommenen alltäglichen, intuitiv genannten Bewußtsein, zu dem, was ich in meinen Schriften die drei Stufen: imaginatives, inspiriertes und intuitives Erkennen genannt habe. Da kommt man hinein in das Willensgebiet, in dasjenige, was in uns wirken, leben soll. Das muß erst aus den unterseelischen Tiefen heraufgeholt werden. Dann aber findet man, daß allerdings dieses Willenselement daneben noch — der gewöhnliche Gedanke steht für sich — von Gedanken, von Geistigem durchsetzt ist. Aber so wie wir den Willen in uns tragen, wirkt in diesen Willen hinein jetzt nicht nur das, was wir in der geistigen Welt erlebt haben, was in unsere Gefühle, in unsere Affekte hinein wirkt zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, sondern es wirkt dasjenige, was wir in vorigen Erdenleben erlebt haben. In die Willensnatur des Menschen wirken hinein die Impulse früherer Erdenleben. Und in dem, was wir im gegenwärtigen Wollen entwickeln, heranzüchten, möchte ich sagen, leben die Impulse für folgende Erdenleben. So daß das gesamte Menschenleben für die wirkliche Geistesforschung zerfällt in solche Leben, die zwischen der Geburt und dem Tod liegen, und in solche, welche — weil das ganze physische Dasein aus der Welt heraus gebaut werden muß — in weit längeren Zeiträumen in der geistigen Welt erlebt werden. Aus solchen Leben, wiederholten Erdenleben, wiederholten geistigen Leben, setzt sich das gesamte menschliche Leben zusammen. Dies ist nicht eine Phantastik, nicht ein Einfall, sondern etwas, das man findet, wenn man wirklich auf das Ewige, Unvergängliche in der Menschenseele lernt das Geistesauge hinzuwenden.

[ 32 ] Diese Dinge schließen nicht die menschliche Freiheit aus. Ebensowenig wie es meine Freiheit ausschließt, wenn ich mir dieses Jahr ein Haus baue, in dem ich nach zwei Jahren wohnen werde — ich werde darinnen ein freier Mensch sein, trotzdem ich dieses Haus für mich gebaut habe —, so bestimmen die einen Erdenleben die andern, die folgenden vor. Aber nur mißverstandene Auffassung könnte das als eine Beeinträchtigung des menschlichen Freiheitsgedankens hinstellen.

[ 33 ] So kommt man allmählich in geistiger Forschung an die geistigen Tatsachen heran, indem man ausgeht von dem Tode. Auch im einzelnen ergibt diese Beobachtung das Mannigfaltigste, wenn man den Tod der Geistesforschung so zugrunde legt, wie man die Geburt und das Keimesleben der physischen Forschung zugrunde legt. Ich will nur einiges anführen, weil ich nicht im Unbestimmten herumreden. möchte, sondern konkrete Ergebnisse der anthroposophischen Geistesforschung anführe. Wir können unterscheiden im gewöhnlichen Geistesleben zwischen dem gewaltsam eintretenden Tode durch äußere Veranlassung und dem Tod, der von innen heraus, sei es durch Krankheit von innen heraus, sei es durch Altern, eintritt. Wir können also verschiedene Arten des Todes unterscheiden. Geistesforschung, die konkret auf die Natur des Todes eingeht, findet folgendes:

[ 34 ] Nehmen wir zum Beispiel den gewaltsamen Tod, der in ein Leben hereintritt, sei es dadurch, daß man verunglückt, oder auf irgendeine andere Weise, kurz, gewaltsam. Das ist der Hereintritt eines Ereignisses, das das Leben in diesem Erdendasein auflöst. Von diesem einmaligen Eintritt des Todes hängt ebenso die Entwickelung des Geistbewußtseins für die geistige Welt nach dem Tode ab, wie von den Kräften, die uns bei der Geburt gegeben werden, die Grundlage abhängt — in der Weise aber wie ich es geschildert habe — dafür, daß wir im Leben ein Bewußtsein entwickeln können. Andersartig ist das Bewußtsein, das wir nach dem Tode entwickeln: Das Bewußtsein, das wir hier auf Erden entwickeln, steht auf dem Boden des Nervensystems, so wie ich auf dem Boden stehe, wenn ich auf dem Boden gehe; in der geistigen Welt begründet ist das Bewußtsein nach dem Tode ein andersartiges, aber durchaus ein Bewußtsein. Wenn der Mensch eines gewaltsamen Todes stirbt, so ist das nicht nur etwas, was hereingreift in seine Vorstellungen. Das gewöhnliche Bewußtseinsvorstellen schließt ja mit dem Tode ab, ein anderes Bewußtsein beginnt, aber es greift herein in seinen Willen, von dem wir gesehen haben, daß er herübergeht in folgende Erdenleben. Der Geistesforscher hat die Mittel, in einem Erdenleben zu untersuchen, was da auftreten kann, wenn in einem vorigen Erdenleben ein gewaltsamer Tod eingetreten ist.

[ 35 ] Wenn man über solche Dinge heute spricht, so weiß man selbstverständlich, daß allerlei Menschen sagen: Das ist töricht, kindisch, phantastisch. — Aber die Ergebnisse sind ebenso gesicherte wissenschaftliche — nur solche bringe ich vor — wie die der Naturwissenschaft. Wenn ein gewaltsamer Tod in ein Leben eingreift, so zeigt sich dieses im nächstfolgenden Erdenleben so, daß dieser Tod nachwirkt, indem er in ganz bestimmten Lebensjahren des nächstfolgenden Lebens irgendwie eine Richtungsänderung des Lebens hervorbringt. Es werden jetzt schon Forschungen angestellt über Seelenleben; nur werden sie in der Regel so angestellt, daß man nur das Alleräußerlichste dabei berücksichtigt. In manchen Menschenleben tritt in einem bestimmten Augenblicke dieses Lebens etwas ein, was das ganze Schicksal des Menschen ändert, was ihn auf andere Lebenswege bringt, wie innerlich herausgefordert. In Amerika nennt man solche Dinge «Bekehrungen», weil man Namen haben will für sie; aber wir brauchen nicht immer an Religiöses zu denken; der Mensch kann in andere Lebenswege, in eine bleibende Änderung seiner Willensrichtung hineingedrängt werden. Solch eine radikale Änderung einer Willensrichtung hat ihren Ursprung in einem gewaltsamen Tode seines vorhergehenden Lebens. Denn wie sehr häufig dasjenige, was im Tode auftritt, gerade für die Mitte des nächsten Lebens wichtig ist, das zeigt sich der konkreten Forschung. Tritt der Tod spontan aus dem Innern durch Krankheit oder durch Altern auf, so hat der Tod viel mehr als für das nächste Erdenleben eine Bedeutung für das Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt.

[ 36 ] Ich wollte diese Beispiele anführen, damit Sie sehen, daß man nicht im Unbestimmten herumredet, sondern in der Tat über Einzelheiten, die im Zusammenhange des Lebens auftreten, ganz bestimmte Anschauungen gewinnen kann. Und so ist es, daß in der Tat die Geistesforschung neu, selbst auch für diejenigen, die überzeugt sind von der Unsterblichkeit der Menschenseele, in das Bewußtsein hereinbringt, daß man nicht nur im allgemeinen von Unsterblichkeit zu reden hat, sondern daß durch das Begreifen des Ewigen in der Menschenseele das Menschenleben als solches begreiflich wird. All die sonderbaren Vorgänge, die man beobachtet, wenn man Sinn hat für seelischen Lebensverlauf, für den Verlauf des seelischen Lebens im Menschen, all die wunderbaren Ereignisse, sie stellen sich hinein, wenn man weiß, man hat es zu tun mit wiederholten Erdenleben und wiederholten geistigen Leben. In der geistigen Welt — ich sage das nur wie in Parenthese — steht der Mensch mit geistigen Wesenheiten, nicht nur mit den Mitmenschen, die ihm schicksalsmäßig nahegetreten sind und die auch durch die Pforte des Todes gegangen sind, sondern auch mit andern geistigen Wesen so in Beziehung, wie er hier mit den drei Reichen, dem Pflanzenreich, dem Mineralteich, dem Tierreich in Beziehung steht. Der geistige Forscher redet von einzelnen bestimmten Geistern, einzelnen bestimmten geistigen Wesenheiten, von einer konkreten, individualisierten geistigen Welt, wie wir hier von individualisierten Pflanzenwesen und Tierwesen und Menschenwesen reden, insofern sie zwischen Geburt und Tod physische Wesen sind. Was vor allen Dingen den Menschen erschüttern kann — es ist schwierig über die Dinge so zu sprechen, daß sie in einer neuen Weise wie aus grauer Geistestiefe heraustreten —, das ist, was dann eintritt, wenn die Erkenntnis selber in einer ganz bestimmten Weise an die menschliche Seele herantritt. Sie haben aus dem, was ich gesagt habe, gesehen, daß man Erkenntnis über die geistige Welt gewinnen kann. Diese Erkenntnisse haben tiefe Bedeutung für die menschliche Seele; sie machen gewissermaßen aus dieser menschlichen Seele etwas anderes. Es greift ein in das Leben der Seele, gleichgültig ob man Geistesforscher ist oder ob man nur das, was vom Geistesforscher erforscht ist, gehört hat, verstanden hat, es aufgenommen hat; es ist gleichgültig, es kommt nicht darauf an, es selbst erforscht zu haben: man kann es auch begreiflich finden. Alles kann man begreiflich finden, wenn man es nur genügend durchdringt. Man braucht es nur aufgenommen zu haben. Dann tritt es aber, wenn man es in seiner vollen Wesenheit erfaßt, so in dieses menschliche Seelenleben herein, daß man sich eines Tages eines sagt, daß es bedeutungsvoller ist als alle andern Ereignisse des Lebens.

[ 37 ] Man kann Schweres, Trauriges erlebt haben, das einen erschüttert hat, Freudiges, was einen erhoben hat, Erhabenes — man braucht nicht stumpf zu sein dagegen, wenn man etwa Geistesforscher oder Geist-Erkenner ist, man kann alles so voll empfindend miterleben wie die andern Menschen, die noch nicht Geistesforscher sind —, aber wenn man in seiner vollen Wesenheit durchdringt, was die GeistErkenntnis der Seele gibt und sich die Frage zu beantworten vermag: Was hat die Seele von diesen geistigen Ergebnissen? — wenn man sich voll sagt, was die Seele geworden ist durch die geistige Erkenntnis, dann wird dieses Ereignis wichtiger als alle andern Schicksale, als alle andern Schicksalserlebnisse, die an den Menschen herantreten. Nicht daß die andern kleiner werden, aber dieses wird größer als die andern. Die Erkenntnis selbst tritt dann schicksalsmäßig durch das menschliche Seelenleben herein. Tritt so die Erkenntnis durch das menschliche Seelenleben herein, dann fängt man an, das menschliche Schicksal als solches zu verstehen: von da aus leuchtet das Licht, das das menschliche Schicksal aufklärt. Man sagt sich von diesem Momente ab: Hat man so rein im Geistigen dieses Schicksalserlebnis, dann wird einem erklärlich, wie man schicksalsmäßig in das Leben hereingestellt ist, wie unser Schicksal an den Fäden hängt, die sich herausspinnen aus vorhergehenden Leben, vorhergehenden Erdenleben und Leben zwischen Tod und neuer Geburt, die sich wieder hineinspinnen aus diesem Leben in ein folgendes Leben. — Und man sagt sich: Das gewöhnliche Bewußtsein durchträumt sein Schicksal nur; das gewöhnliche Bewußtsein nimmt sein Schicksal hin, ohne es zu verstehen, wie man den Traum hinnimmt. Das schauende Bewußtsein, zu dem man erwacht, wie man aus dem Traum zum gewöhnlichen Bewußtsein erwacht, das gewinnt auch ein neues Verhältnis zum Schicksal. Das Schicksal wird erkannt als dasjenige, was mitarbeitet an unserem umfassenden Leben, an dem Leben, das durch Geburten und Tode geht.

[ 38 ] Es ist die Sache nicht in der trivialen Weise aufzufassen, als wenn der Geistesforscher nun sagen würde: Dein Unglück hast du selbst verschuldet — nein, das wäre nicht nur ein Verkennen, es wäre sogar eine Verleumdung der Geistesforschung. Ein Unglück braucht sogar gar nicht aus dem vorhergehenden Leben irgendwie verursacht zu sein. Es kann spontan eintreten; es wird nur seine Folgen für das folgende und auch alles Leben zwischen den Erdenleben haben, weil wir sehr häufig sehen, daß aus Unglück, aus Leid und Schmerz dasjenige herauswächst, was andersgestaltetes Bewußtsein in der geistigen Welt ist. Aber Sinn kommt in unser ganzes Leben hinein, Verständnis auch für unser Schicksal, das wir sonst nur durchträumen, das wir nun verstehen lernen.

[ 39 ] Eines tritt vor allem hervor, wenn diese Geisteserkenntnis ins Auge gefaßt wird. Man kann nicht etwa dann noch sagen: Nun ja, nach dem Tode mag die Seele in ein anderes Leben eintreten, aber das kann man ja abwarten. Hier nehme man das Leben, wie es sich im physischen Leib darbietet; was nach dem Tode ist, das kann man ja abwarten. — Die Sache ist eine Bewußtseinsfrage. Allerdings steht das, was nach dem Tode eintritt, in einem Zusammenhange mit dem Leben, das wir durchleben im Leibe. So wie wir hier durch unseren Leib in gewissem Sinne das Bewußtsein haben, das wit eben im gewöhnlichen Wachzustande haben, so haben wir nach dem Tode ein Bewußtsein, das sich jetzt nicht räumlich aus dem Nervensystem aufbaut, sondern das sich zeitlich aufbaut, im Zurückschauen aufbaut. So wie unser Nervensystem gewissermaßen die Widerlage und der Gegenschlag ist für unser gewöhnliches Bewußtsein zwischen Geburt und 'Tod, so bildet eine Grundlage für unser Bewußtsein in der geistigen Welt zwischen Tod und neuer Geburt dasjenige, was schon hier in unserem Bewußtsein sitzt. Und so wie wir hier die Welt um uns haben, so haben wir, wenn wir gestorben sind, gerade unser Leben als wichtiges Organ vor uns. Daher hängt viel ab von dem Bewußtsein im physischen Leib, das sich hineinerstrecken kann in das Bewußtsein, das nach dem Tode an uns herantritt. Wer zum Beispiel, wie es oftmals den Denkgewohnheiten der Gegenwart entspricht, sich nur beschäftigt mit physischen Vorstellungen, die durch die Sinne aufgefaßt sind, der bekommt in sein Bewußtsein, auch in sein Erinnerungsvermögen, in all dasjenige, was sich in seiner Seele abspielt, nur Vorstellungen aus dem gewöhnlichen Leben: auch er baut sich eine Welt auf nach dem Tode. Die Umgebung baut man sich auf durch das, was man innerlich ist. So wie einer, der physisch in Europa geboren ist, nicht Amerika um sich herum sehen kann, so wie man durch das, worin man hineingeboren ist leiblich, seine Umgebung erhält, so bestimmt man gewissermaßen die Umgebung, den Ort seines Daseins durch das, was man im Leibe sich gebildet hat.

[ 40 ] Nehmen wir den extremen Fall, der aber nicht leicht bei einem Menschen eintreten kann, daß jemand sich gewehrt hat gegen alle übersinnlichen Vorstellungen, Atheist geworden ist, auch von seiten der Religion her nicht einmal ein Gefühl aufgenommen hat, daß er sich damit auch nur beschäftigen wolle — ich weiß, daß ich etwas sehr Paradoxes sage, aber es hat auch gute geisteswissenschaftliche Unterlagen: er verurteilt sich dazu, in der Erdensphäre zu bleiben, mit seinem Bewußtsein dazubleiben, während der andere, der geistige Vorstellungen aufgenommen hat, in eine geistige Umgebung versetzt wird. Derjenige aber, der nur sinnliche Vorstellungen aufgenommen hat, verurteilt sich, in der sinnlichen Umwelt zu bleiben.

[ 41 ] Wie man gedeihlich wirken kann im physischen Leib, weil man gewissermaßen in dem physischen Leib die Schutzhülle hat gegen die Umwelt, wie man gedeihlich wirken kann, wenn man im physischen Leib in der physischen Welt anwesend ist, so wirkt man ungedeihlich, wenn man nach dem Tode in der physischen Welt anwesend bleibt. Mit physischen Vorstellungen in dem Bewußtsein nach dem Tode wird man zum Zerstörer. — Ich habe schon bei dem Vererbungsproblem angedeutet, wie die Kräfte des Menschen, wenn er in der geistigen Welt ist, eingreifen in die physische Welt. Wer sich selber durch sein bloßes physisches Bewußtsein verurteilt, in der physischen Welt zu bleiben, der wird zum Zentrum von zerstörenden Kräften, die in dasjenige eingreifen, was im Menschenleben und im übrigen Weltenleben geschieht. Solange wir im Leibe sind, mögen wir bloß sinnliche Gedanken, materialistische Gedanken haben: der Leib ist ein Schutz. Oh, er ist in einem viel höheren Maße, als wir es denken, ein Schutz! Es ist sehr sonderbar, aber dem, der hineinschaut in den ganzen Zusammenhang der geistigen Welt, ist eines klar: Wenn der Mensch nicht durch seine Sinne abgeschlossen wäre von der Umwelt, wenn die Sinne nicht zurückhalten würden, da er im gewöhnlichen Bewußtsein nicht fähig ist, lebendige Begriffe aufzunehmen, sondern die abgetöteten, die ihn zurückhalten sollen von dem Eindringen in die geistige Umgebung, wenn der Mensch unmittelbar wirksam machen könnte seine Vorstellungen, wenn er sie nicht bloß als innerliche in sich hätte, nachdem schon die Dinge durch die Sinne gegangen sind, so würde der Mensch auch hier in der physischen Welt, wenn er sein Vorstellungsleben entwickelt, durch seine Vorstellungen tötend, lähmend wirken. Denn diese Vorstellungen sind in einer gewissen Weise zerstörerisch, abbauend für alles das, was sie ergreifen. Nur weil diese Vorstellungen in uns zurückgehalten werden, sind sie nicht abbauend, bauen sie nur ab, wenn sie in Maschinen zum Ausdruck kommen, in Werkzeugen, die ja auch ein Totes aus der lebendigen Natur heraus sein müssen. Das ist zwar nur ein Bild, das aber einer Wirklichkeit entspricht. Aber wenn der Mensch eintritt in die geistige Welt mit bloß physischen Vorstellungen, wird er ein Zentrum der Zerstörung.

[ 42 ] So habe ich diese eine Vorstellung als ein Beispiel nur für viele anzuführen, daß wir nicht sagen dürfen: Wir können warten —, sondern daß es in des Menschen Wesenheit liegt, ob er sinnliche oder übersinnliche Vorstellungen entwickelt, so oder so sich vorbereitet das folgende Leben. Dieses ist freilich ein ganz anderes, aber es wird herausentwickelt aus dem Leben hier; das ist das Wesentliche, was man überschauen muß. Mancherlei tritt einem anders entgegen aus der Geisteswissenschaft, als man vermutet. Deshalb muß ich am Schlusse noch einige Bemerkungen machen.

[ 43 ] Es könnte sehr leicht der Glaube entstehen, daß derjenige, der nun in die geistige Welt eintritt, unbedingt selber .ein Geistesforscher werden müsse. Das ist nicht nötig, obwohl ich beschrieben habe in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» so viel von dem, was die Seele aus sich machen muß, damit sie wirklich eintreten kann. Und es kann es heute bis zu einem gewissen Grade jeder, aber es braucht es nicht jeder. Das, was man als Seelisches entwickelt hat, ist eine rein innerliche Angelegenheit; das aber, was daraus entsteht, ist, daß die erforschten Wahrheiten in Begriffe geformt werden, daß man in solche Vorstellungen, wie ich sie heute entwickelt habe, einkleidet, was der Geistesforscher geben kann. Dann kann es mitgeteilt werden. Für das, was der Mensch braucht, ist es ganz gleichgültig — ich spreche damit ein Gesetz der Geistesforschung aus —, ob man die Dinge selber erforscht hat, oder ob man sie von anderer glaubwürdiger Seite erhalten hat. Es kommt nicht. darauf an, die Dinge selbst zu erforschen, sondern es kommt darauf an, daß man sie in sich hat, daß man sie in sich entwickelt hat. Es ist daher eine irrtümliche Vorstellung, wenn man glaubt, ein jeder müsse ein Geistesforscher werden. Der Geistesforscher wird nur heute das Bedürfnis haben, wie ich selber das Bedürfnis gehabt habe, über seinen Forschungsweg gewissermaßen Rechenschaft zu geben. Und nicht nur aus dem Grunde, weil heute bis zu einem gewissen Grade jeder ohne allen Schaden den Weg gehen kann, den ich beschrieben habe, sondern auch, weil jeder berechtigt ist zu fragen: Wie hast du es gemacht, daß du zu solchen Resultaten gekommen bist? — daher habe ich diese Dinge beschrieben. Und ich glaube, daß auch jeder, der nicht ein Geistesforscher werden will, wenigstens sich überzeugen wird wollen, wie der Geistesforscher zu den Resultaten kommt, die ja heute jeder braucht, der im Sinne der heutigen menschlichen Entwickelung die Grundlage legen will für das Leben, das sich in den Menschenseelen entwickeln muß.

[ 44 ] Es ist heute die Zeit vorüber, die in alten Zeiten bezüglich der Geistesforschung da war, wo man so sehr zurückgehalten hat dasjenige, was Seelenentwickelung bewirkt hat. Es war in alter Zeit streng verboten, das Verborgene mitzuteilen. Auch heute noch halten diejenigen, die von diesen Geheimnissen des Lebens wissen — es sind ja ihrer nicht wenige —, mit diesen Dingen zurück. Wer bloß als Schüler diese Dinge bekommen hat von einem andern Lehrer, der wird unter allen Umständen nicht gut tun, die Dinge weiterzugeben! Es ist heute nur ratsam, dasjenige weiterzugeben, worauf man selber gekommen ist, was man selber erforscht hat. Das aber kann und muß der übrigen Menschheit dienen. |

[ 45 ] Es kann schon aus den wenigen kurzen Andeutungen, die ich heute geben konnte, hervorgehen, was für den einzelnen Menschen Geistesforschung sein kann; aber sie ist nicht bloß für den einzelnen Menschen von Bedeutung. Und um dieses andere zum Schlusse mit ein paar Worten wenigstens anzudeuten, möchte ich auf etwas hinweisen, was recht wenig heute berücksichtigt wird.

[ 46 ] Es ist eine eigentümliche Erscheinung, auf die ich aufmerksam machen möchte in der folgenden Art: Wir haben in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine gewisse naturwissenschaftliche Richtung groß heraufkommen sehen, es ist die an den Namen Darwin sich knüpfende Erklärung der Lebewesen. Begeisterte, gelehrte Forscher, begeisterte Schüler haben diese Dinge durch die Jahrzehnte der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts getragen. Ich habe vielleicht auch bier schon darauf aufmerksam gemacht, was da für ein eigentümliches Faktum eingetreten ist. In den sechziger Jahren schon war die Sache so, daß unter der Führung FZaeckels eine mächtige Weltanschauungsbewegung entstanden war, welche alles Alte über den Haufen werfen und die ganze Weltanschauung umgestalten wollte nach darwinistischen Begriffen. Heute gibt es noch immer zahlreiche Leute, welche hervorheben, wie groß und bedeutend es gewesen wäre, wenn man nicht mehr eine weisheitsvolle Weltenlenkung hätte, sondern daß aus mechanistischen Kräften heraus im Sinne des Darwinismus das Werden alles hätte erklärt werden können.

[ 47 ] 1869 trat Eduard von FHlartmann auf mit seiner «Philosophie des Unbewußten» und wendete sich gegen den rein äußerlich die Welt auffassenden Darwinismus, indem er auf die Notwendigkeit innerer Kräfte, wenn auch in unzulänglicher Weise — Geistesforschung hatte er nicht —, in bloß philosophischer Weise hinwies. Selbstverständlich waren diejenigen, welche begeistert waren vom Heraufkommen des Darwinismus, bereit, zu sagen: Nun, der Philosoph ist ein Dilettant, man braucht nicht auf ihn zu hören. — Gegenschriften erschienen, in denen man spöttisch über den Dilettanten Eduard von Hartmann redete: der wahre, gelehrte Naturforscher braucht auf solche Dinge nichts zu geben.

[ 48 ] Da erschien auch eine Schrift von einem Anonymus, die diese Schrift von Eduard von Hartmann glänzend widerlegte. Mit dieser Schrift waren die Naturforscher und diejenigen, die in ihrem Sinne dachten, recht einverstanden, denn Eduard von Hartmann wurde vollständig widerlegt. Alles, was man da vorbringen konnte, recht gelehrt aus dem Fond der Naturwissenschaft heraus, wurde in dieser Schrift von einem Ungenannten gegen Eduard von Hartmann vorgebracht geradeso wie heute vieles vorgebracht wird gegen Geistesforschung. Und siehe da, die Schrift wurde sehr beifällig aufgenommen. Haeckel sagte: Das hat einmal ein wirklicher Naturforscher geschrieben gegen diesen Dilettanten Eduard von Hartmann; da sieht man, was ein Naturforscher kann; ich selber könnte nichts Besseres schreiben. Er nenne sich uns, und wir betrachten ihn als einen der Unsrigen. Kurz, die Naturforscher haben für diese Schrift, die ihnen sehr zugute kam, recht Propaganda gemacht, so daß sie bald vergriffen war. Eine zweite Auflage war nötig. Da nannte sich der Verfasser: es war Eduard von Hartmann!

[ 49 ] Da hat einmal jemand der Welt eine Lektion erteilt, die wichtig war. Derjenige nämlich, der heute erleben muß als Geistesforscher, was gegen Geistesforschung geschrieben ist, könnte nämlich alles das aus dem kleinen Finger sich saugen ohne viel Mühe, was gegen die Geisteswissenschaft vorgebracht wird. Eduard von Hartmann konnte auch alles das, was die Naturforscher gegen ihn vorbrachten, sich schon selber sagen — und er tat es.

[ 50 ] Aber dies nur als Einleitung. Worauf es mir ankommt ist das: Oscar Hertwig ist einer der bedeutendsten Schüler Haeckels, der den emsigen und ehrlichen und großen Forscherweg der Naturwissenschaft beschritten hat. Hertwig hat im vorigen Jahre ein sehr schönes Buch geschrieben. Das Buch heißt «Das Werden der Organismen. Eine Widerlegung von Darwin’s Zufallstheorie», und darin weist er hin auf solche Dinge, wie sie schon Eduard von Hartmann vorgebracht hat. Solch eine Sache ist eigentlich ziemlich ohne Beispiel da: daß schon die nächste Generation, diejenige, die noch unter dem Meister aufgewachsen ist, abkommen muß von etwas, wovon man glaubte, daß es eine ganze Weltanschauung aufbauen, daß es auch über die geistige Welt Aufschluß geben könne. Ein guter Darwinist widerlegt den Darwinismus! Aber er tut noch mehr; und das ist es, worauf es mir zum Schlusse ankommt.

[ 51 ] Oscar Hertwig schreibt am Schlusse seines so ausgezeichneten, schönen Buches «Das Werden der Organismen. Eine Widerlegung von Darwin’s Zufallstheorie», so etwas wie eine Weltanschauung, wie der Darwinismus es war, stehe nicht bloß als ein theoretisches Gebäude da, sondern greife ein in das ganze Menschenleben, umfasse gewissermaßen das auch, was die Menschen tun, wollen, fühlen und denken. Er sagt: «Die Auslegung der Lehre Darwins, die mit ihren Unbestimmtheiten so vieldeutig ist, gestattete auch eine sehr vielseitige Verwendung auf anderen Gebieten des wirtschaftlichen, des sozialen und des politischen Lebens. Aus ihr konnte jeder, wie aus einem delphischen Orakelspruch, je nachdem es ihm erwünscht war, seine Nutzanwendungen auf soziale, politische, hygienische, medizinische und andere F ragen ziehen und sich zur Bekräftigung seiner Behauptungen auf die Wissenschaft der darwinistisch umgeprägten Biologie mit ihren unabänderlichen Naturgesetzen berufen. Wenn nun aber diese vermeintlichen Gesetze keine solchen sind, sollten da bei ihrer vielseitigen Nutzanwendung auf andere Gebiete nicht auch soziale Gefahren bestehen können? Man glaube doch nicht, daß die menschliche Gesellschaft ein halbes Jahrhundert lang Redewendungen, wie unerbittlicher Kampf ums Dasein, Auslese des Passenden, des Nützlichen, des Zweckmäßigen, Vervollkommnung durch Zuchtwahl etc. in ihrer Übertragung auf die verschiedensten Gebiete, wie tägliches Brot, gebrauchen kann, ohne in der ganzen Richtung ihrer Ideenbildung tiefer und nachhaltiger beeinflußt zu werden! Der Nachweis für diese Behauptung würde sich nicht schwer aus vielen Erscheinungen der Neuzeit gewinnen lassen. Eben darum greift die Entscheidung über Wahrheit und Irrtum des Darwinismus auch weit über den Rahmen der biologischen Wissenschaften hinaus. »

[ 52 ] Im Leben überall zeigt sich dasjenige, was in einer solchen Theorie zutage tritt. Dann entsteht die Frage, die auch ins Leben eingreift, von dem Gebiete der Geisteswissenschaft her. Wir leben heute in einer traurigen, in einer für die Menschheit tragischen Zeit. Es ist die Zeit, die herausentwickelt ist doch aus den menschlichen Vorstellungen, aus den menschlichen Ideen. Derjenige, der die Zusammenhänge geisteswissenschaftlich studiert, weiß es, der kennt den Zusammenhang desjenigen, was uns jetzt äußerlich gegenübertritt mit dem, was die Menschheit jetzt an Tragischem erlebt. Man erlebt gar vieles; die Menschen glauben zu wissen, sie glauben mit ihren Begriffen die Wirklichkeit zu umspannen — sie umspannen sie nicht. Und dadurch, daß sie sie nicht umspannen, weil mit naturwissenschaftlich gearteten Begriffen nie die Wirklichkeit umspannt werden kann, dadurch wächst ihnen die Wirklichkeit über den Kopf und zeigt ihnen, indem die Ereignisse den Menschen über den Kopf wachsen, daß die Menschen wohl eintreten können in solche Ereignisse, aber dann dasjenige Chaos entsteht, von dem wir in der Gegenwart umgeben sind. Geisteswissenschaft entsteht nicht nur — wie es ja wahr ist — durch eine innere Notwendigkeit; sie würde entstanden sein durch eben diese innere Notwendigkeit, wenn die äußeren Ereignisse auch nicht als ein großartiges, gewaltiges Zeichen jetzt dastehen würden. Daß die alten Weltanschauungen zwar auf naturwissenschaftlichem Gebiete groß sind, daß sie aber niemals auf sozialem, auf rechtlichem, auf politischem Gebiete in die Welt gestaltend eingreifen können, daß die Wirklichkeit die Menschen überwächst, wenn sie das wollen, das ist es, was von der andern Seite her in gewaltigen Zeichen auf die Geisteswissenschaft hinweist, die wirklichkeitsgemäße Begriffe sucht, Begriffe, die der Wirklichkeit entlehnt sind und daher auch fähig sein werden, auf sozialem, auf politischem Gebiete die Welt zu tragen. Man mag noch so sehr mit den Begriffen, die außerhalb der Geisteswissenschaft heute üblich sind, glauben aus dem Chaos herauszukommen, man wird es nicht; denn in der Wirklichkeit waltet der Geist. Und weil der Mensch mit seinen Handlungen selbst in diese Wirklichkeit eingreift im sozialen, im politischen Leben, so braucht er, um zu fruchtbaren Begriffen auf diesem Gebiete zu kommen, solche Vorstellungen, solche Empfindungen, solche Willensimpulse, welche aus dem Geiste herausgeholt sind. Politik und Sozialwissenschaft, sie werden in der Zukunft dasjenige brauchen, wozu allein Geisteswissenschaft die Grundlage legen kann. Das ist dasjenige, was auch für die heutige Zeitgeschichte von ganz besonderer Wichtigkeit ist.

[ 53 ] Ich selbst kann heute in diesem Vortrage, der schon lang genug geworden ist, nur einzelne Anregungen geben wollen. Hinweisen darauf will ich nur, daß dasjenige, was als Geisteswissenschaft heute in systematischer Ordnung auftritt, von den Besten gewollt ist. Käme es allein auf mich an, so würde ich diese Geisteswissenschaft mit einem besonderen Namen belegen. Denn seit mehr als reichlich dreißig Jahren arbeite ich zu immer größerer und größerer Ausgestaltung diejenigen Vorstellungen aus, die Goe/he an der Wirklichkeit gewonnen hat in seiner großartigen Metamorphosenlehre, wo er schon den Begriff lebendig zu machen versuchte gegenüber den toten Begriffen. Das war dazumal nur elementar möglich. Wenn man aber Goethe nicht nur bloß historisch nimmt, wenn man ihn als einen noch Gegenwärtigen betrachtet, so gestaltet sich heute gerade die Goethesche Metamorphosenlehre um zu demjenigen, was ich lebendige Begriffe nenne, die dann den Weg in die Geisteswissenschaft finden. Goetheanismus möchte ich am liebsten dasjenige nennen, was ich mit der Geistesforschung meine, weil es auf den gesunden Grundlagen einer Wirklichkeitsauffassung beruht, wie sie Goethe gewollt hat. Und den Bau in Dornach, der dieser Geistesforschung gewidmet sein soll, und durch den diese Geistesforschung mehr bekanntgeworden ist, als sie vielleicht ohne ihn bekanntgeworden wäre, ich möchte ihn am liebsten Goetheanum nennen, damit man sehen würde, daß dasjenige, was als Geistesforschung heute auftritt, in vollem, gesundem Entwickelungsprozeß der Menschheit drinnensteht. Freilich sagen heute noch viele, die da glauben, auch sich zur Goetheschen Weltanschauung zu bekennen: Goethe war derjenige, der die Natur vor allen Dingen als das Höchste anerkannte und auch den Geist aus der Natur hervorgehen ließ. — Nun, Goethe hat schon als ganz junger Mann gesagt: «Gedacht hat sie und sinnt beständig»; sinnt beständig, wenn auch nicht als Mensch, sondern als Natur. Mit demjenigen Naturalismus, der die Natur durchgeistigt denkt wie Goethe — man kann mit ihm einverstanden sein, wenn man auch Geistesforscher ist. Und denjenigen, die da immer glauben, man müsse an den Grenzen der Erkenntnis stehenbleiben, könne da nicht weiter, denen kann mit Goethes Worten wohl erwidert werden — und lassen Sie mich daher diese Worte noch am Schlusse anfügen, die Goethe gebrauchte gegenüber einem andern verdienten Forscher, der die spätere Kantsche Anschauung vertrat:

Ins Innere der Natur
Dringt kein erschaffner Geist.
Glückselig, wem sie nur
Die äußere Schale weist!

[ 54 ] Dem gegenüber hat Goethe die Worte gestellt, die da bedeuteten, daß Goethe wohl wußte, daß wenn der Mensch den Geist in sich selber erweckt, er auch den Geist in der Welt findet, und sich als Geist:

Ins Innere der Natur
Dringt kein erschaffner Geist.
Glückselig, wem sie nur
Die äußere Schale weist!
So hör ich schon an die sechzig Jahre wiederholen
Und fluche darauf — aber verstohlen —,
Natur hat weder Kern noch Schale,
Alles ist sie mit einemmale.
Dich prüfe du nur zu allermeist,
Ob du selbst Kern oder Schale seist!

[ 55 ] Geisteswissenschaft will dahin wirken, daß der Mensch sich ernsthaftig prüfen lernt, ob er selbst Kern oder Schale sei. Und er ist Kern, wenn er sich in seiner vollen Wirklichkeit erfaßt. Erfaßt er sich als Kern, dann dringt er auch vor bis zum Geist der Natur; dann wird in der Entwickelung der Menschheit mit Bezug auf die Geistesforschung etwas Ähnliches eintreten, wie es eintreten mußte, als Kopernikus vom Sichtbaren auf das Nichtsichtbare sogar für dieses Sichtbare selbst hingewiesen hat.

[ 56 ] Für das Übersinnliche aber wird sich die Menschheit dazu bequemen müssen, in sich selber dieses Übersinnliche zu erfassen. Man braucht dazu kein Geistesforscher zu werden; man muß aber alle Vorurteile hinwegräumen, welche sich vor die Seele lagern, wenn dasjenige verstanden werden soll, was die Geistesforschung gerade aus einer solchen Goetheschen Gesinnung heraus meint.

[ 57 ] Dies wollte ich nur als ein paar Anregungen heute geben. Man kann von diesem Gesichtspunkte aus wenigstens immer nur anregen; denn wollte man ausführen dasjenige in allen Einzelheiten, müßte man viele Vorträge halten. Aber ich glaube, diese wenigen Ausführungen werden genügt haben, um zu zeigen, daß etwas herausgeholt werden soll aus dem Entwickelungsprozesse der Menschheit, das diese Seele des Menschen erst zum vollen Leben erweckt. Niemand braucht zu glauben, daß er die Seele verkümmert, daß er irgend etwas ersterben läßt in sich, auch das religiöse Leben nicht. Denn geradeso wie Goethe gesagt hat:

Wer Wissenschaft und Kunst besitzt
Hat auch Religion,
Wer jene beiden nicht besitzt,
Der habe Religion!

[ 58 ] so darf man sagen, so wie sich die Denkweise der neueren Zeit entwickelt: Wer geisteswissenschaftliche Wege finden wird, wird den Weg zum wahren religiösen Leben auch finden; wer aber den geisteswissenschaftlichen Weg nicht findet, von dem kann befürchtet werden, daß er auch für die Zukunft den für die Menschheit so nötigen religiösen Weg verliert!