Mystery Truths and Christmas Impulses
Ancient Myths and Their Significance
GA 180
17 January 1918, Dornach
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Mystery Truths and Christmas Impulses, tr. SOL
Sechzehnter Vortrag
Sixteenth Lecture
[ 1 ] Die Dinge, die ich jetzt in diesem letzten Vortrage etwas prosaisch vorbringe gegenüber den großen Ausblicken, die wir gepflogen haben in diesen Betrachtungen, haben aber doch einen gewissen innerlichen Zusammenhang mit unseren ganzen Betrachtungen und auch mit der gegenwärtigen Zeit. Und es war mir in gewissem Sinne ein Bedürfnis, wenn das auch für diese Dinge nur in aphoristischer Form, auch diesmal wiederum in Form von Bemerkungen geschehen kann, vielleicht sogar ohne weiteren Zusammenhang — man müßte ja sonst tagelang reden über das Thema —, war es für mich doch ein Bedürfnis, gewisse Dinge noch mit Ihnen durchzusprechen. So, wie wir die Zeit, die im 8. Jahrhundert gipfelte, versuchten mit ein paar Bemerkungen zu durchdringen, so wollen wir das heute für die folgende Zeit, die dann in gewissem Sinne im 15. Jahrhundert für das europäische Leben gipfelte, betrachten.
[ 1 ] The points I am now presenting in this final lecture—which may seem somewhat prosaic compared to the grand perspectives we have explored in these reflections—nevertheless have a certain inner connection to our entire line of thought and also to the present time. And in a certain sense, I felt a need—even if these matters can only be addressed in aphoristic form, once again in the form of remarks, perhaps even without further context (otherwise we would have to talk about the topic for days on end)—to discuss certain things with you. Just as we attempted to gain insight into the period that culminated in the 8th century with a few remarks, let us now consider the subsequent period, which in a certain sense culminated in European life in the 15th century.
[ 2 ] Dieses 15. Jahrhundert ist in der mannigfaltigsten Beziehung außerordentlich interessant zu betrachten, namentlich zu betrachten, wie es hervorgeht aus den europäischen Lebensverhältnissen der vorangehenden Jahrhunderte. Bedeutungsvoll ist dieses Jahrhundert aus dem Grunde, weil eigentlich erst im 15. Jahrhundert die Verhältnisse in Europa sich gebildet haben, innerhalb deren wir gegenwärtig leben. Die Menschen denken ja, könnte man sagen — wir haben das öfter von andern Gesichtspunkten aus erwähnt —, eigentlich kurz; sie stellen sich vor, daß die Art, wie sie ringsherum die Verhältnisse erleben, eine konstante ist. Das ist sie aber nicht. Die Lebensverhältnisse sind Metamorphosen unterworfen. Und wenn man nicht, wie das ja leider als Unfug in der modernen Historie geschieht, alles vom Gesichtspunkte der Gegenwart aus betrachtet, sondern wenn man versucht, sich in die Eigenart der früheren Zeiten hineinzufinden, was man nur geisteswissenschaftlich kann, namentlich in praktischer Beziehung nur geisteswissenschaftlich kann, so kommt man darauf, daß sich die Zeiten schon ganz wesentlich geändert haben. Ich habe, glaube ich, schon im Laufe dieser Vorträge erwähnt, daß mir vor kurzem einmal, als ich auch etwas Ähnliches vorgebracht habe in einem Vortrage, ein Herr am Schlusse gesagt hat: Ja, aber die Geisteswissenschaft nimmt an, daß diese Epochen, wie sie sich entwickelt haben, voneinander verschieden waren; und die Geschichte zeigt uns ja doch, daß die Menschen eigentlich immer gleich waren, daß sie immer die gleichen Laster gehabt haben, die gleichen Eifersüchteleien und so weiter, daß sich die Menschen nicht wesentlich geändert haben; was heute Konflikt hervorruft, rief auch schon früher Konflikte hervor. — Ich habe dazumal dem Herrn geantwortet: Sie können ja noch weiter gehen mit dieser Betrachtungsweise, Sie können einfach gewisse sehr in die Augen fallende Konfliktstoffe der Gegenwart nehmen und sie bei den griechischen Göttern aufsuchen, die ja ganz gewiß andere Daseinsbedingungen haben als alle irdischen Menschen, und Sie werden finden, daß diejenigen Dinge, auf die Sie nun gerade Ihr Augenmerk richten, sich sogar unter den griechischen Göttern finden.
[ 2 ] This 15th century is extraordinarily interesting to examine in a wide variety of respects, particularly in light of the conditions of life in Europe during the preceding centuries. This century is significant because it was not until the 15th century that the conditions in Europe within which we currently live actually took shape. People tend to think—as we have often mentioned from other perspectives—in the short term; they imagine that the way they experience the conditions around them is a constant. But it is not. The conditions of life are subject to metamorphosis. And if one does not—as, unfortunately, is often done as nonsense in modern history—view everything from the perspective of the present, but rather attempts to immerse oneself in the unique character of earlier times—which can only be done through the humanities, and in practical terms, specifically through the humanities—then one comes to realize that the times have already changed quite significantly. I believe I have already mentioned in the course of these lectures that recently, when I brought up something similar in a lecture, a gentleman said to me at the end: “Yes, but spiritual science assumes that these epochs, as they developed, were different from one another; and history shows us, after all, that people have actually always been the same, that they have always had the same vices, the same jealousies, and so on, that people have not changed significantly; what causes conflict today also caused conflicts in the past.” — I replied to the gentleman at the time: You can take this line of thought even further; you can simply take certain very striking sources of conflict in the present and look for them among the Greek gods—who certainly have very different conditions of existence than any earthly human beings—and you will find that the very things on which you are now focusing your attention can even be found among the Greek gods.
[ 3 ] Selbstverständlich findet man gewisse menschliche Verhältnisse, die überall dieselben gewesen sind, wenn man die Sachen abstrakt betrachtet. Es gibt ja gegenwärtig sogar manche naturwissenschaftlichen Betrachtungen, die finden sogar sehr ähnliche Verhältnisse, Familienverhältnisse und dergleichen in diesen oder jenen Tiergattungen. Warum denn nicht! Wenn man nur genügende Abstraktionen anwendet, so findet man schon solche Ähnlichkeiten heraus. Aber darauf kommt es nicht an. Mit einer solchen Betrachtungsweise ist man eben im eminentesten Sinne unpraktisch.
[ 3 ] Of course, if one considers these matters abstractly, one finds certain human relationships that have been the same everywhere. In fact, there are currently even some scientific studies that find very similar relationships—family relationships and the like—in various animal species. And why not? If one applies sufficient abstraction, one will indeed discover such similarities. But that is not the point. With such an approach, one is, in the truest sense of the word, impractical.
[ 4 ] Vor allen Dingen betrachten die gegenwärtigen Menschen, und wahrhaftig nicht nur die Menschen der breiteren Kreise, sondern gerade maßgebende, sehr, sehr maßgebende Kreise betrachten dasjenige, was nationale Verhältnisse in Europa und überhaupt in der gebildeten Welt sind, so, als wenn diese nationalen Verhältnisse ewige Dinge wären. Das sind nicht ewige Dinge; sondern gerade jene Form des Empfindens, die sich zum Beispiel aus dem Nationalen für den heutigen Menschen ergibt, die ist ganz abhängig von dem, was sich im 15. Jahrhundert herausgebildet hat, denn vorher war gerade in bezug auf diese Dinge Europa überhaupt etwas anderes. Das, was heute die nationalen Gebilde sind, die sich in Staaten abkristallisieren, das rührt erst aus dem 15. Jahrhundert her. Und dasjenige, was in Europa vorher war, darf überhaupt nicht mit diesen nationalen Gebilden heute verglichen werden. Das müßte eben schon die geschichtliche Betrachtung der Vergangenheit den Menschen lehren.
[ 4 ] Above all, people today—and truly not just those in broader circles, but precisely influential, very, very influential circles—view the current state of national relations in Europe and, indeed, throughout the educated world as if these national relations were eternal. These are not eternal things; rather, precisely that form of sentiment that arises, for example, from the national in today’s people is entirely dependent on what developed in the 15th century, for before that, Europe was something entirely different, particularly with regard to these matters. What we see today as national entities—which have crystallized into states—dates back only to the fifteenth century. And what existed in Europe before that cannot be compared at all to these national entities of today. A historical examination of the past should teach people precisely this.
[ 5 ] Wenn allerdings die Vergangenheit nicht hinter das 15. Jahrhundert zurückreicht, dann könnte es ja einmal passieren, daß jemand die Urteile, die man über die Gegenwart gewinnen kann, so ausspricht, als wenn sie ewige Verhältnisse wären. Wenn zum Beispiel ein Staatsgebilde, wie es solche Staatsgebilde in Europa vor dem 15. Jahrhundert gar nicht gegeben hat, hätte erst begründet werden können nach europäischen Gedanken auf einem Territorium, das für die europäischen Verhältnisse erst nach dem 15. Jahrhundert bekanntgeworden ist, das also nicht in dem Sinne eine Vergangenheit hat wie Europa, wo man also nur über ein paar Jahrhunderte denkt und das Denken dann für ewige Verhältnisse hält, wenn man mit einem solchen Denken Staatsideen etwa oder gar Völkerideen ausdenken sollte, dann müßten mindestens die Europäer wissen, daß solche Völkerideen unbedingt recht kurze Beine haben müssen.
[ 5 ] However, if the past does not extend beyond the 15th century, then it could well happen that someone expresses the judgments that can be drawn about the present as if they were eternal conditions. If, for example, a political entity—the likes of which did not exist in Europe before the 15th century—could only have been established according to European ideals on a territory that only became known to Europe after the 15th century—and thus does not have a past in the same sense as Europe, where people think only in terms of a few centuries and then regard that thinking as representing eternal conditions—if one were to use such thinking to devise ideas of the state or even ideas of nations, then at the very least Europeans would have to realize that such ideas of nations are bound to be short-lived.
[ 6 ] Im 15. Jahrhundert ist auch wiederum etwas eingetreten, das zusammenhängt mit dem, was ich für die Anfänge der christlichen Entwickelung in Europa, namentlich im weiten Römischen Reiche, anführen mußte. Ich führte dazumal an, daß das Römische Reich seinen Untergang gefunden hatte durch mancherlei Kräfte, aber wie unter die Kräfte auch diese zu zählen ist, daß ein unglaublich starker Goldabfluß nach dem Oriente stattgefunden hat, daß goldarm das weite Römische Reich geworden ist, goldarm. Nun kam das den Römern nicht zugute, die gewöhnt waren, in den Einrichtungen ihres Imperiums Gold zu brauchen, Gold brauchen mußten, und nun hatten sie eben keines. Das führte in die Dekadenz hinein.
[ 6 ] In the 15th century, something else occurred that is connected to what I had to mention regarding the beginnings of Christian development in Europe, particularly in the vast Roman Empire. I pointed out at the time that the Roman Empire had met its downfall due to various forces, but among those forces one must also count the fact that an incredibly massive outflow of gold to the East had taken place, leaving the vast Roman Empire depleted of gold—deplated of gold. This did not benefit the Romans, who were accustomed to—and indeed had to—use gold in the institutions of their empire, and now they simply had none. This led to decadence.
[ 7 ] Den von Norden her anstürmenden Völkerschaften kam das aber zugute. Die waren durch die verschiedenen Verhältnisse, die wir das vorige Mal erwähnt haben, gerade auf die unmittelbare Naturalwirtschaft hin organisiert. Und das Eigentümliche ist, daß sich — trotzdem gewisse Eroberer, von denen wir ja gesprochen haben, sich über die Länder, die vorher Ruhe gehabt haben, hermachten — aus dem Zusammenleben der eroberten Menschen und der Eroberer herausgebildet hat eine gewisse Seßhaftigkeit. Diejenigen, die schon da waren in Europa, die haben ihre Scholle in gewissem Sinne geliebt, und diejenigen, die herangezogen waren, die suchten sich eine Scholle. Und so war aus jenem Ereignis, das man gewöhnlich die Völkerwanderung nennt, das entstanden, was man nennen kann: der Naturalwirtschaft gegenüber der Geldwirtschaft günstige Lebensverhältnisse.
[ 7 ] This, however, worked to the advantage of the peoples sweeping in from the north. Due to the various circumstances we mentioned last time, they were organized precisely around a direct subsistence economy. And what is remarkable is that—even though certain conquerors, whom we have already discussed, overran the lands that had previously enjoyed peace—a certain degree of sedentariness emerged from the coexistence of the conquered peoples and the conquerors. Those who were already in Europe loved their land in a certain sense, and those who had been drawn there sought out a piece of land for themselves. And so, from that event, which is commonly called the Migration Period, there emerged what might be called living conditions favorable to a subsistence economy as opposed to a monetary economy.
[ 8 ] Europa war allmählich so geworden, daß die Karolinger in die Notwendigkeit versetzt waren, damit zu rechnen, die Verhältnisse so einzurichten, daß man gewissermaßen die großzügige Geldzirkulation entbehren konnte. Die Karolinger, schon die Merowinger, diese Herrschergeschlechter, sie bedeuteten ja für den inneren Gang der Ereignisse oftmals eigentlich nur dasjenige — wenn man es sachgemäß betrachten will —, was man Stunden- und Minutenzeiger der Uhr nennt. Man ist ja auch überzeugt, nicht wahr, daß nicht der Stunden- und Minutenzeiger einen zwingt, das und das zu tun, und dennoch tut man es; oder wenn man erzählt, so sagt man: Ich habe das um zwölf Uhr oder um ein Uhr getan. — Also es kommt bei der historischen Darstellung auf die Absicht an, die man damit verknüpft. Wenn ich dies sage, so meine ich die Zeit, die Lebensverhältnisse in dieser Zeit. Aber man muß sich bewußt sein, daß ein Mensch wie Karl der Große schon durch seine Persönlichkeit, durch sein äußeres Auftreten in Europa etwas bedeutete; denn die Dinge sind konkret verschieden. Ludwig der Fromme bedeutete natürlich nichts weiter. Und wenn sich Dramatiker finden, die Ludwigs des Frommen Familienzänkereien wie großartige Staatsaffären auffrisieren, so ist das ein Unfug, welcher kindliche Gemüter, die im Theater sitzen, interessieren kann; aber es hat nichts zu tun mit irgendeiner «Geschichte», steht weltenfern irgendeiner wirklichen Geschichte.
[ 8 ] Europe had gradually reached a point where the Carolingians were forced to take into account the need to organize conditions in such a way that, to a certain extent, they could do without a generous circulation of money. The Carolingians—and indeed the Merovingians as well—these ruling dynasties often represented, in the inner workings of events, nothing more—if one is to view it objectively—than what one might call the hour and minute hands of a clock. After all, we are convinced, aren’t we, that it is not the hour and minute hands that compel us to do this or that, and yet we do it; or when we recount an event, we say: “I did that at twelve o’clock or at one o’clock.” — So, in historical narration, it all comes down to the intention one associates with it. When I say this, I mean the time period and the living conditions of that time. But one must be aware that a man like Charlemagne, simply by virtue of his personality and his public presence in Europe, was significant; for things are concretely different. Louis the Pious, of course, meant nothing more than that. And when playwrights come along who embellish Louis the Pious’s family squabbles as if they were grand affairs of state, that is nonsense that may interest childish minds sitting in the theater; but it has nothing to do with any kind of “history” and is worlds apart from any real history.
[ 9 ] Anders ist es, wenn man das Tonangebende Karls des Großen nimmt und dann absieht jetzt von den Kleineren, die dann nachkamen manchmal sind sie ja schon durch die in solchen Kreisen beliebten Beiwörter sonderbar charakterisiert; die Geschichte weist da sonderbare Beiwörter auf: «der Einfältige», «der Dicke», was ja, nicht wahr, nicht gerade für weltgeschichtlich Epochemachendes bedeutungsvoll erscheint. Aber ein gewisser Ton, eine gewisse Tendenz lag doch im Karolingertum, und diese Tendenz, die hatte eine viel breitere Wirkung, als vielleicht seit dem 15. Jahrhundert überhaupt die Tendenz irgendeines persönlichen Zentrums haben kann. Man lebte eben im Mittelalter in einer Zeit, in welcher die Persönlichkeit noch einen weit größeren Wert, eine weit größere Bedeutung hat, als sie später hatte. Nun, diese Karolinger, sie hatten also damit zu rechnen, daß sich aus dem Konglomerat der Völkerwanderung allmählich herausgebildet hatte seßhafte Menschheit über Europa hin. Dieses Seßhafte, das ja ganz besonders charakteristisch zum Ausdruck gekommen ist bei den Sachsen in Mitteleuropa und bei ihrer Deszendenz, die dann nach England, nach der britischen Insel hinübergekommen ist, sie war ein allgemeiner Charakterzug der germanischen Völker — ich meine in dieser Zeit, in der Karolingerzeit, nachdem die Völkerwanderung abgeflaut war. Seßhaftigkeit, verbunden mit Angewiesensein auf dasjenige, was unmittelbar auf dem Boden produziert wird, also eine Bauernbevölkerung, administriert von dem Grafen in der Weise, wie ich das neulich auseinandergesetzt habe, administriert von den Geistlichen, eine Bevölkerung im Umkreis der Städte, administriert von den Bischofssitzen in den Städten; aber eine Bevölkerung, die in bezug auf die Produktion des Ackerbaues, in bezug auf die Produktion im Gewerbe seßhaft war und etwas hielt auf den Ort, mit dem sie zusammen war, weil die Lebensverhältnisse sie mit diesem Orte im Zusammenhang hielten. Gewiß, es fing schon an, daß sich Handelsverhältnisse entwickelten, aber diese mehr gegen die Küstengegenden zu. In den Gegenden, die vor allen Dingen für das mittelalterliche Leben in Betracht kommen, da hatte man es mit Seßhaftigkeit zu tun. Und die Folge davon war, daß man nicht in der Lage war, so zu verwalten, so zu administrieren, wie man das im römischen Imperium gewöhnt war. Man hatte zwar traditionell übernommen, gelernt von den Leuten, die gebildet waren, die wußten, was im Römischen Reiche Sitte war, man hatte übernommen: dieses oder jenes zu tun, man hat es so und so zu verwalten im Römischen Reich, und das hat sich herausgestellt als richtig. Aber das war nicht anwendbar auf die Verhältnisse, die sich da herausgebildet hatten über ganz Europa hin. Es war nicht anwendbar, weil das ganze römische Imperium, nachdem es einmal eine bestimmte Größe erlangt hatte, eigentlich aufgebaut war auf dem Heereswesen des römischen Imperiums, auf das Kriegswesen des römischen Imperiums. Das römische Imperium ist nicht denkbar in seiner Größe ohne die Möglichkeit, überallhin bis in die Peripherie die Soldaten zu schicken. Die Soldaten mußten abgelöhnt werden.
[ 9 ] The situation is different when one considers the dominant figure of Charlemagne and then sets aside—for the moment—the lesser figures who came after him; sometimes they are, after all, already strangely characterized by the epithets popular in such circles; history offers some peculiar epithets here: “the Simple-Minded One,” “the Fat One”—which, you’ll agree, don’t exactly seem significant for events that shaped world history. But a certain tone, a certain tendency, was indeed present in the Carolingian era, and this tendency had a much broader impact than perhaps any tendency associated with a single individual has had since the 15th century. After all, the Middle Ages were a time when the individual still held far greater value and significance than he did later on. Now, these Carolingians had to reckon with the fact that, out of the conglomeration of the Migration Period, a settled population had gradually emerged across Europe. This settled way of life—which found particularly characteristic expression among the Saxons in Central Europe and their descendants who later crossed over to England and the British Isles—was a general trait of the Germanic peoples—I mean during this period, the Carolingian era, after the Migration Period had subsided. A sedentary way of life, combined with a dependence on what was produced directly from the land—that is, a peasant population administered by the count in the manner I recently explained, administered by the clergy, and a population in the vicinity of the cities, administered by the bishoprics in those cities; but a population that, in terms of agricultural production and in terms of craft production, was sedentary and attached to the place with which it was associated, because their living conditions bound them to that place. Certainly, commercial relations were already beginning to develop, but these were more concentrated in the coastal regions. In the regions that are of primary importance for medieval life, the population was sedentary. And the consequence of this was that it was not possible to govern or administer in the manner to which one had become accustomed in the Roman Empire. Admittedly, they had traditionally adopted practices—learned from educated people who knew what was customary in the Roman Empire—such as doing this or that, or administering matters in such-and-such a way as was done in the Roman Empire, and this had proven to be correct. But this was not applicable to the conditions that had emerged throughout Europe. It was not applicable because the entire Roman Empire, once it had reached a certain size, was in fact built upon the military system of the Roman Empire, upon the war machine of the Roman Empire. The Roman Empire is inconceivable on such a scale without the ability to send soldiers everywhere, even to the periphery. The soldiers had to be paid.
[ 10 ] Ich habe schon das letzte Mal erwähnt, daß dazu eben die Goldzirkulation notwendig war. Und als die Goldzirkulation abflaute, da ging es nicht mehr. Und während sich diese Verhältnisse herausbildeten, während sich ein Imperium herausbildete, das ganz darauf angewiesen war, seinen inneren Halt, die Möglichkeit seiner inneren Vergrößerung, die Möglichkeit, sich zu administrieren, zu entwickeln, bildeten sich alle Anschauungen so aus, daß man in diesen Anschauungen eben alles auf das Heereswesen aufgebaut hatte. So hätte man ja sagen können zur Karolingerzeit: Ich stelle mir jemanden an, der bekannt ist mit der Administrationstechnik, mit der Rechtstechnik des römischen Imperiums. — Denn die war ihnen geblieben. Aber es half einem nicht viel, weil man dasjenige, was auf das Legionenwesen gebaut war an administrativer Kunst, nicht anwenden konnte da, wo man es über ganz Europa hin und jetzt auch bis nach Italien hinein — denn diese Verhältnisse hatten sich für alles ausgebildet — anwenden sollte, wo man es zu tun hatte mit seßhaften Bauern. Denn in diesem Momente, wo man die Bauern oder diejenigen, die sich zunächst auch niederließen als Gutsherren und nur eben große Bauern waren, gezwungen hätte, Legionen zu bilden, wie es im Römischen Reich der Fall war, dann hätte man ihnen die Lebensbedingungen entzogen. Unter solcher Geldwirtschaft, wie sie im Römischen Reiche war, konnte man die Legionen überall hinschicken. Aber die Verhältnisse hatten sich allmählich innerhalb Europas so ausgebildet, daß, wenn man es genauso hätte machen wollen wie im Römischen Reiche, wenn der Bauer hätte in den Krieg ziehen sollen, oder der Gutsherr als Graf die Bauern im Kriege an führen, diese all ihre Äcker auf den Buckel hätten nehmen müssen — was man ja bekanntlich nicht kann.
[ 10 ] I already mentioned last time that the circulation of gold was necessary for this. And when the circulation of gold slowed down, it was no longer possible. And as these conditions took shape—as an empire emerged that was entirely dependent on the military for its internal stability, its potential for internal expansion, and its ability to govern itself—all perspectives developed in such a way that everything in these perspectives was built upon the military. So one could have said during the Carolingian period: I’ll hire someone who is familiar with the administrative techniques and legal systems of the Roman Empire. — For that had remained with them. But it was of little help, because the administrative methods based on the legionary system could not be applied where they were supposed to be applied—across all of Europe and now even into Italy, since these conditions had developed everywhere—where one was dealing with settled farmers. For at that moment, if the peasants—or those who had initially settled as landowners and were merely large-scale farmers—had been forced to form legions, as was the case in the Roman Empire, their very means of livelihood would have been taken away from them. Under the monetary economy that existed in the Roman Empire, legions could be sent anywhere. But conditions within Europe had gradually developed in such a way that, if one had wanted to do things exactly as in the Roman Empire—if the farmer had been required to go to war, or if the landowner, as a count, had been to lead the farmers into battle—they would have had to carry all their fields on their backs—which, as is well known, is impossible.
[ 11 ] Das hatte zur Folge, da man eben doch Bewegung unter den Völkern brauchte, daß sich allmählich herausbilden mußte etwas ganz anderes, ein Element, das nun nicht so ist wie das Legionenwesen im römischen Imperium. Und dieses Element, das sich da herausbildete, das kam auf die folgende Weise zustande. Es kam so zustande, daß — ich rede jetzt von den Jahrhunderten, die auf die Karolingerzeit folgten, denn dasjenige, was ich erzähle, das geschah eben im Laufe von Jahrhunderten —, daß allmählich einzelne, die Gutsbesitzer waren, solche Leute heranzogen, die in ihre speziellen Dienste traten, die von ihnen abhängig wurden. Das waren zumeist solche, die nun überzählig waren im weiten Feld der Naturalwirtschaft. Und diese Leute, die überzählig waren im Felde der Naturalwirtschaft, die konnte man um sich scharen, wenn man Kriegszüge und Heereszüge unternehmen wollte. Diese Leute, die entweder überzählig waren durch Überbevölkerung da oder dort, oder welche dadurch überzählig waren, daß sie sich die Arbeit von andern besorgen ließen, diese waren nun diejenigen Menschen, aus denen sich allmählich über ganz Europa hin das rekrutierte, was nun geschildert wird vom Mittelalter herauf als Ritterschaft; Ritterschaft — im wesentlichen das, was man nennen könnte «Qualitätskrieger», Leute, die den Krieg zu ihrem Handwerk machten, die also das, was sie im Dienste dieses oder jenes Herren taten, um dieses Handwerkes willen ausführten. Mit der Ritterschaft entwickelte sich also zugleich ein besonderes Kriegsvolk heraus, das ein besonderer Stand wurde über ganz Europa hin.
[ 11 ] Since there was a need for mobility among the peoples, this meant that something entirely different had to gradually emerge—an element that was not like the legionary system of the Roman Empire. And this element that emerged came about in the following way. It came about in this way—I am now speaking of the centuries that followed the Carolingian era, for what I am describing took place over the course of centuries—that gradually, individual landowners began to attract people who entered their specific service and became dependent on them. These were mostly people who had become surplus in the vast realm of the subsistence economy. And these people, who were surplus in the realm of the subsistence economy, could be rallied around one’s side when one wished to undertake military campaigns and expeditions. These people—who were either surplus due to overpopulation here or there, or who were surplus because they had others do their work for them—were the very people from whom, gradually throughout all of Europe, the class that has been described since the Middle Ages as the knighthood was recruited; The knighthood—essentially what one might call “elite warriors,” people who made war their craft, who thus carried out what they did in the service of this or that lord for the sake of that craft. With the emergence of the knighthood, a distinct class of warriors developed simultaneously, becoming a distinct social class throughout Europe.
[ 12 ] Und dadurch war etwas anderes als eine notwendige Folge gegeben: es war gegeben, daß gewissermaßen zwei Interessenkreise vorhanden waren. Wenn man diese zwei Interessenkreise nicht ins ‚Auge faßt, versteht man das Mittelalter nicht. Da waren die weiten Interessenkreise derjenigen, denen es eigentlich absolut gleichgültig war, ob diese Ritter oder ihre Anführer das oder jenes unternahmen, die nichts anderes wollten als ihre Scholle bebauen und in der nächsten Umgebung ihren Handel treiben, ihr Gewerbe ausüben. Dieses Interesse, das allmählich auch die Gesinnung heraufbrachte in Europa, die zur Zeit der Völkerwanderung noch nicht vorhanden war, die einem dann später entgegentritt namentlich im Handwerk der Städte: die bürgerliche Gesinnung. Diese verbreitete sich innerhalb der einen Schichte der Bevölkerung, und die ritterliche Gesinnung, welche auf den Qualitätskrieger begründet war, die ging parallel, aber ganz nebenher neben der andern Gesinnung.
[ 12 ] And this gave rise to something other than a mere necessary consequence: it meant that, in a sense, two spheres of interest existed. If one does not grasp these two spheres of interest, one cannot understand the Middle Ages. There were the broad spheres of interest of those who were, in fact, utterly indifferent to whether these knights or their leaders undertook this or that; they wanted nothing more than to cultivate their land and conduct their trade and practice their crafts in the immediate vicinity. This interest gradually gave rise to a mindset in Europe that had not yet existed at the time of the Migration Period, a mindset that later emerged particularly in the urban crafts: the bourgeois mindset. This mindset spread within one segment of the population, while the chivalric mindset—which was based on the concept of the elite warrior—developed in parallel, but entirely alongside the other mindset.
[ 13 ] Damit haben Sie ein Beispiel gegeben — wenn man die Weltgeschichte richtig betrachtet, so findet man solche Dinge überall, nur in anderer Form —, da haben Sie aber ein solches Beispiel gegeben, wie sich verschiedene Stände herausbilden aus gewissen konkreten Notwendigkeiten, die im Laufe der Zeit auftreten. Damit aber war eine Diskrepanz eingetreten. Diejenigen, die sich allmählich durch die Verhältnisse aufschwangen — nicht wahr, ich kann nicht alles erzählen, ich kann nur aphoristische Bemerkungen geben —, schwangen sich eben auf von einer Gutsherrschaft, indem sie sich nach und nach die Umgebung abhängig machten. Das ganze Wesen der Merowinger kam ja auf keine andere Weise zustande, als daß große Gutsherren ihre Netze weiter ausstreckten, mehr Leute abhängig gemacht haben; denn wenn heute in der Geschichte von einem Merowinger-«Staat» die Rede ist, so ist das geradezu demgegenüber ein Blech! Das, was wir heute Staat nennen, beginnt erst nach dem 15. Jahrhundert.
[ 13 ] You have thus provided an example—if one looks at world history correctly, one finds such things everywhere, just in different forms—but you have given an example of how different social classes emerge from certain concrete necessities that arise over time. But this gave rise to a discrepancy. Those who gradually rose to prominence as a result of the circumstances—you see, I cannot recount everything; I can only offer aphoristic remarks—rose from the position of landowners by gradually bringing their surroundings under their control. The entire nature of the Merovingians came about in no other way than by great landowners casting their nets wider and making more people dependent on them; for when we speak today in history of a Merovingian “state,” it is, by comparison, nothing but a sham! What we call a state today did not begin until after the 15th century.
[ 14 ] Die Merowinger, die sich aufschwangen, hatten gewissermaßen zunächst nur zu rechnen mit den Menschen, die auf diese Weise als ritterliche Bevölkerung, gewissermaßen als die Überzähligen sich ihnen angeschlossen hatten, ihre Abenteuer mitmachten, und sie hatten fortwährend, weil ja doch das Territorium ein gemeinsames war, die andern Interessenkreise entweder gegen sich, oder sie hatten sie neben sich so, daß sie mit ihnen nichts Rechtes anzufangen wußten. Von einem wirklichen Umfassen, einer staatlichen Administration etwa, die in alle Lebensverhältnisse hineingreift, kann in der damaligen Zeit gar nicht die Rede sein. Wenn man von Fürsten redet für die damalige Zeit, so haben diese Fürsten im Grunde nur irgendeinen Einfluß auf diejenigen, die sich ihnen angeschlossen haben. Derjenige, der auf seiner Scholle saß, betrachtete sich als der selbständige Herr auf seiner Scholle und kümmerte sich — wenn ich den trivialen Ausdruck gebrauchen darf — seiner Gesinnung nach einen blauen Teufel um denjenigen, der da mitherrschen wollte. Der tut, was er will.
[ 14 ] The Merovingians, who were on the rise, initially had to contend, so to speak, only with the people who had joined them in this way—as a chivalric class, so to speak, as the surplus population—and who shared in their adventures, and because the territory was, after all, shared, they constantly found themselves either pitted against other interest groups or had them alongside them in such a way that they did not really know what to make of them. There can be no question of any real comprehensive control—such as a state administration that intervenes in all aspects of life—at that time. When one speaks of princes in that era, these princes essentially had influence only over those who had joined them. The man who sat on his patch of land regarded himself as the independent master of that land and—if I may use the colloquial expression—couldn’t care less about anyone who wanted to rule alongside him. He does as he pleases.
[ 15 ] Man darf nicht, wenn man in die Zeit Ludwigs des Frommen zurückgeht, die Geschichte heute so lesen, als ob das, was ihm als «Reich» zugeschrieben wird, in einem solchen Verhältnisse ihm zuzuschreiben wäre, soi-disant zu seiner Regierung gestanden war, wie heute ein Staat zu seiner Regierung steht. Das ist gar nicht der Fall. Diese Dinge müssen schon konkret betrachtet werden. Und so kann man sagen, daß sich herausgestellt haben ständige, verschiedenartige, stark differenzierte Interessenkreise. Das muß man ganz besonders in Betracht ziehen, weil aus diesen Dingen das geschichtliche Leben des Mittelalters überhaupt hervorgeht.
[ 15 ] When looking back at the time of Louis the Pious, one must not interpret history today as if what is attributed to him as the “Empire” were to be regarded as having stood in such a relationship to his rule—so to speak—as a state stands to its government today. That is not the case at all. These matters must be considered in concrete terms. And so one can say that there emerged constant, diverse, and highly differentiated spheres of interest. This must be taken into account in a very special way, because the historical life of the Middle Ages as a whole emerges from these very factors.
[ 16 ] Nun sagte ich: Bemerkenswert ist das 15. Jahrhundert aus dem Grunde, weil im 15. Jahrhundert nach und nach wiederum, namentlich durch die natürliche Erschließung von Bergwerken und dergleichen, in Europa das Gold aufgetreten ist, später durch die Entdeckungsfahrten; so daß seit dem 15. Jahrhundert Verhältnisse eingetreten sind, die schon dadurch grundverschieden sind von den vorhergehenden, daß dann wiederum das Gold aufgetreten ist. Und dieses 15. Jahrhundert, das wir auch das Zeitalter des Christian Rosen‚kreutz nennen können, ist deshalb dasjenige, durch das man wiederum in Europa in die Geldwirtschaft segelte. Da ist auch in dieser Beziehung ein mächtiger Einschnitt. Die letzten Zeiten des vierten nachatlantischen Zeitraums waren in Europa die geldlosen, diejenigen der Naturalwirtschaft. Das ist das, was man ins Auge fassen muß. Und nun entwickelte sich während dieser Zeit durch alle Löcher desjenigen hindurch, was ich geschildert habe, das, was dann vom 15. Jahrhundert ab bewirkte, daß die Verhältnisse allmählich so geworden sind, daß wir jetzt von kompakten Nationalitäten, die nach Staaten abgetrennt sind, sprechen können.
[ 16 ] Now I said: The 15th century is remarkable for the reason that, in the 15th century, gold gradually reappeared in Europe—namely through the natural development of mines and the like, and later through voyages of discovery; so that, beginning in the 15th century, conditions arose that were fundamentally different from those that preceded them simply because gold had reappeared. And this 15th century—which we might also call the Age of Christian Rosenkreutz—is therefore the period through which Europe once again sailed into the monetary economy. There is also a major turning point in this regard. The final period of the fourth post-Atlantean epoch in Europe was a cashless one, characterized by a subsistence economy. This is what we must bear in mind. And now, during this time, through all the cracks in what I have described, something developed that—beginning in the 15th century—gradually brought about conditions such that we can now speak of compact nationalities, separated into states.
[ 17 ] Von einem solchen Gegensatz zwischen Deutschen und Franzosen zu sprechen, wie man das seit dem 15. Jahrhundert kann, ist für die Zeit bis zum 15. Jahrhundert noch ganz unmöglich, ist sogar sinnlos. Es hat sich gerade, was man französische Nation nennen kann, ganz langsam und allmählich erst gebildet. Gewiß, es waren die Franken unterschieden von den Sachsen; aber der fränkische Charakter war von dem sächsischen nicht mehr verschieden, als ich das letzte Mal geschildert habe. Es waren Stammesunterschiede, keine Volks- oder gar nationalen Unterschiede, keine größeren Unterschiede, als sie heute etwa sind zwischen Preußen und Bayern, vielleicht sogar ein geringerer Unterschied in vieler Beziehung.
[ 17 ] To speak of such a contrast between Germans and French—as one has been able to do since the 15th century—is entirely impossible, and even meaningless, for the period prior to the 15th century. What might be called the French nation had only just begun to take shape, very slowly and gradually. Certainly, the Franks were distinct from the Saxons; but the Frankish character was no more different from the Saxon one than I described last time. These were tribal differences, not ethnic or even national differences—no greater differences than those that exist today, for example, between Prussia and Bavaria, and perhaps even a smaller difference in many respects.
[ 18 ] Alles, was sich da entwickelt hatte, das hängt aber noch zusammen mit den Verhältnissen, die wir eben geschildert haben. Denn das, was dann französisches Königtum wurde, ging wirklich aus grundbesitzerischen Verhältnissen hervor. Und der große Unterschied in der Bildung der geschlossenen französischen Nationalität und der nach jeder Richtung offenen, sogenannten deutschen Nationalität in der Mitte von Europa beruht im wesentlichen darauf, daß die französischen Mitglieder der Merowinger, Karolinger und so weiter zunächst durch den Stammescharakter in leichterer Weise die Differenzen zwischen sich und den andern glätten konnten; sie kamen leichter aus mit den widerstrebenden Elementen. Denn aus alldem, was ich geschildert habe, bildete sich das heraus, daß zunächst die Leute, die an der Scholle ansässig waren, die Seßhaften überhaupt, auf nichts eingehen wollten, nirgends den Geßlerhut grüßten. Das war schon so Sitte über ganz Europa hin: nirgends den Geßlerhut zu grüßen.
[ 18 ] Everything that developed there, however, is still connected to the conditions we have just described. For what later became the French monarchy truly emerged from landowning conditions. And the major difference between the formation of the cohesive French nation and the so-called German nation in the heart of Europe—which was open in every direction—lies essentially in the fact that the French members of the Merovingian, Carolingian, and other dynasties were initially able to smooth over the differences between themselves and others more easily due to their tribal character; they got along more easily with the opposing elements. For from all that I have described, it became clear that, at first, the people who were settled on the land—the sedentary population in general—were unwilling to go along with anything; nowhere did they salute the Gessler hat. This was already the custom throughout Europe: nowhere did they salute the Gessler hat.
[ 19 ] Aber auch diejenigen, die Ritter geworden sind, suchten ja allmählich wiederum da oder dort seßhaft zu werden. Die waren natürlich auch nach und nach, nachdem sie zunächst eine bestimmte Stellung unter dem Schutze dieses oder jenes Lehnsherren, das heißt Fürsten, erlangt hatten, sehr geneigt, sich wiederum selbständig zu machen. Warum sollte man denn nicht auch so mächtig sein wie der, unter dessen Schutze man mächtig geworden ist?
[ 19 ] But even those who had become knights gradually sought to settle down here and there once again. Naturally, after initially attaining a certain position under the protection of this or that feudal lord—that is, prince—they were, little by little, very inclined to become independent once more. Why shouldn’t one be just as powerful as the one under whose protection one had become powerful?
[ 20 ] Das aber bedingt, daß derjenige, der so etwas wie ein Herrscher war, es bald mit widerspenstigen Elementen zu tun hatte. Und die Zeit des 9., 10., 11., 12., 13., 14. Jahrhunderts entwickelte sich im wesentlichen so, daß es ein fortwährendes Kämpfen war zwischen den widerstrebenden Elementen und denjenigen, die sie beherrschen wollten. Was sich herausgebildet hatte aus den Konsequenzen der Völkerwanderung, das war nicht so einfach schnell in irgendeine Abstraktionsform hineinzukriegen.
[ 20 ] But this meant that anyone who acted as a sort of ruler soon had to contend with rebellious elements. And the period of the 9th, 10th, 11th, 12th, 13th, 14th centuries essentially unfolded as a continuous struggle between these opposing forces and those who sought to control them. What had emerged as a result of the Migration Period could not be easily or quickly reduced to any abstract form.
[ 21 ] Maan frägt sich nun: Wie kommt es denn eigentlich, daß sich in dem, was später Frankreich geworden ist, verhältnismäßig am frühesten eine geschlossene Nationalität herausbilden konnte? Dies ist für den historischen Betrachter in gewissem Sinne eine Art von Rätsel, das einem zunächst vor Augen tritt, und man muß versuchen, ein solches Rätsel zu lösen. Denn mit der allgemeinen Redensart: Auf diese oder jene Weise bilden sich Nationen heraus — kommt man nicht aus. Auf jedem Fleck Erde bildet sich das, was Nation ist, wenn man es auch später gleich benennt, auf eine andere Weise aus. Man frägt sich: Wie ist es geschehen, daß von der Merowingerzeit ab bis in das 15. Jahrhundert diese kompakte französische Nation sich bilden konnte?
[ 21 ] Maan now asks himself: How is it, in fact, that a cohesive national identity was able to emerge relatively early in the region that later became France? For the historian, this is, in a certain sense, a kind of puzzle that immediately presents itself, and one must attempt to solve such a puzzle. For the general saying—that nations emerge in this or that way—is not sufficient. In every corner of the earth, what constitutes a nation—even if it is later given the same name—develops in a different way. One wonders: How did this compact French nation come to form, from the Merovingian period through the 15th century?
[ 22 ] Nun hängt das allerdings noch zusammen mit etwas früheren Verhältnissen. Noch als das römische Imperium mächtig war, wurden weniger nach Mitteldeutschland als nach dem späteren Frankreich Bewohner, Persönlichkeiten des römischen Imperiums versetzt. Die westlichen Gegenden Europas sind eigentlich sehr, sehr durchsetzt worden schon zur Zeit des Römischen Reiches mit romanischen Elementen. Und ich sagte, durch die Lücken dieser Verhältnisse drang manches hinein. Alles andere ist im Grunde genommen im heutigen Frankreich nicht anders in diesen Jahrhunderten, aber das ist anders: hineingeschoben zwischen die andere Bevölkerung waren viele romanische Elemente, romanische Persönlichkeiten mit romanischen Anschauungen, mit romanischen Interessen, mit romanischen Neigungen, Überbleibsel des alten römischen Imperiums. Und auf den Schwingen des alten römischen Imperiums hatte sich ja das Christentum allmählich verfrachtet, könnte man sagen, über die europäischen Verhältnisse.
[ 22 ] However, this is still connected to somewhat earlier circumstances. Even when the Roman Empire was still powerful, residents and prominent figures of the Roman Empire were sent not so much to Central Germany as to what would later become France. The western regions of Europe were actually very, very heavily permeated with Roman elements as early as the time of the Roman Empire. And as I said, many things seeped in through the cracks in these circumstances. Everything else in present-day France has essentially remained the same over the centuries, but this is different: intermingled among the rest of the population were many Roman elements—Roman figures with Roman views, Roman interests, and Roman inclinations—remnants of the old Roman Empire. And, one might say, Christianity had gradually spread across Europe on the wings of the old Roman Empire.
[ 23 ] Nach Frankreich ist das Christentum mit dem Romanentum gekommen, ist so gekommen, wie es auch im Römischen Reiche selber seinen Einzug gehalten hat. Und es war daher von einem gewissen Vorteil auf diesem Gebiete, wenn diejenigen, die da herrschen wollten, sich an das hielten, was als römisches Überbleibsel da war. Denn die seßhaften Leute und die Ritter, die hatten alle eine Eigenschaft, die sie, wenn noch andere da waren, welche anders geartet waren, nicht recht zum Administrieren, zum Verwalten geeignet erscheinen ließen. Wenn man, wie in Mitteleuropa, lange niemanden hatte als solche Leute, so mußte man natürlich diese Leute verwenden. Nicht wahr, da machte man es eben in Mitteleuropa so: Da kamen die Leute eines bestimmten Gebietes durch rein mündliche Abmachungen zusammen und es wurde von Zeit zu Zeit das veranstaltet, was man ein Thing nannte. Und da besprach man, noch mit Vorstellungen, die alle aus dem atavistischen Hellschen waren, wie man den einen oder den andern zu bestrafen hätte, der etwas ausgefressen hatte. Das wurde mündlich abgemacht, und das war eigentlich über die Gegenden Mitteleuropas ziemlich üblich, diese Dinge mündlich abzumachen. Geschrieben wurde da wenig, weil eben seßhafte Bauern und Ritter die eine Eigentümlichkeit hatten, daß sie alle jedenfalls nicht schreiben und auch nicht lesen konnten. Sie wissen ja vielleicht, daß Wolfram von Eschenbach, der berühmte Dichter des Mittelalters, keinen Buchstaben lesen und schreiben konnte. Das aber konnten die romanischen Elemente, die in Westeuropa eingeflutet waren. Die waren auch in dem Sinne, wie wir das heute nennen, gebildete Leute. Die Folge davon war, daß sich natürlich diejenigen, die herrschen wollten, dieser «gebildeten» Leute bedienten, abgesehen davon, daß die Geistlichen natürlich zunächst aus dieser Klasse genommen wurden. Dadurch kam auch wiederum die Verbindung des administrativen Beamtenstandes mit dem geistlichen Elemente, das zum großen Teil aus dem eingefluteten romanischen Elemente bestand.
[ 23 ] Christianity came to France along with Roman culture, just as it had taken root in the Roman Empire itself. And so it was to a certain extent advantageous in this region for those who wished to rule to adhere to what remained of Roman tradition. For the settled people and the knights all possessed a certain character that, when others of a different disposition were present, made them seem ill-suited for administration and governance. If, as in Central Europe, there had long been no one but such people, then naturally one had to make use of them. Isn’t that right? That’s just how it was done in Central Europe: People from a certain region would come together through purely verbal agreements, and from time to time they would hold what was called a “thing.” And there, guided by ideas that all stemmed from the atavistic Hellschen tradition, they discussed how to punish one person or another who had committed some misdeed. This was agreed upon orally, and it was actually quite common throughout Central Europe to settle such matters verbally. Little was written down, because settled farmers and knights had the peculiarity that, in any case, none of them could read or write. You may know that Wolfram von Eschenbach, the famous medieval poet, could neither read nor write a single letter. The Romance-speaking peoples who had flooded into Western Europe, however, could do so. They were also, in the sense we use the term today, educated people. The consequence of this was that, naturally, those who wished to rule made use of these “educated” people, aside from the fact that the clergy were, of course, primarily drawn from this class. This, in turn, led to the connection between the administrative bureaucracy and the clergy, which consisted largely of the Romanic elements that had flooded in.
[ 24 ] Damit aber und mit der Kirche zugleich, die also vom Romanischen aus eingezogen war, kam es, daß das sprachliche Element eine ungeheure Rolle zu spielen begann. Und das Rätsel, das ich angedeutet habe, ist nicht anders zu lösen, als wenn man sich eine Vorstellung verschafft von der ungeheuren suggestiven Bedeutung der Sprache. Mit der Sprache, die sich aus dem Romanischen umgestaltete im Westen Europas, die aber den romanischen Duktus, wenn ich so sagen darf, behielt, mit dieser Sprache wurde tatsächlich nicht nur eine Sprache, sondern ein ganzer Geist übertragen. Denn in der Sprache lebt mit ungeheurer Suggestionskraft ein Geist. Und dieser Geist wirkte überwältigend. Und der Einzug jetzt des romanischen Geistes auf den Flügeln der romanischen Sprache, der vollzog sich von der Karolingerzeit bis ins 15. Jahrhundert hinein.
[ 24 ] But with this, and at the same time with the Church—which had thus made its way in from the Romance world—it came to pass that the linguistic element began to play an immense role. And the mystery I have alluded to can only be solved by forming a conception of the immense suggestive power of language. With the language that evolved from Romance in Western Europe—yet retained the Romance character, if I may put it that way—it was not merely a language but an entire spirit that was transmitted. For a spirit lives within language with immense evocative power. And this spirit had an overwhelming effect. And the arrival of the Romance spirit on the wings of the Romance language took place from the Carolingian period well into the 15th century.
[ 25 ] Und da tritt das Eigentümliche ein, daß nun Westeuropa ganz verschieden ist von den Verhältnissen in Mitteleuropa. In Westeuropa ist fertig dasjenige, was die Sprache, die sich allmählich aus einem romanischen Elemente heraus gebildet hat, suggestiv in den Menschenseelen bewirkt hat, als von unten herauf. Das, was im breiten Volkstum lag, in dem, was ich eben geschildert habe als die seßhaften Bauern, dieses seßhafte Bauerntum mit seinem alten atavistischen Hellsehen — selbst wenn diese Leute Christen geworden waren —, mit dem Herauftragen ihres, nicht Glaubens, sondern unmittelbaren Anschauens dessen, was in den geistigen Welten war, das trat ja für die Leute, die da oben herrschten oder administrierten, überall nicht hervor. Aber eine Oberschicht bildete sich gerade im Westen Europas, welche suggestiv, indem sie die Sprache bildete, auch nach unten wirkte. Wir brauchen diese Oberschichte nicht nach dem zu betrachten, wie sie administrierte und was sich da für Rechts- und Verwaltungsverhältnisse herausbildeten; aber wir haben sie doch als solche zu betrachten, die als Beamtenschicht, als Sprachenschicht die Sprache hineintrug in die Unterschicht und mit der Sprache das ganze suggestive Element, das sich als ein Gleichförmiges ausbreitete über ein gewisses Territorium, bevor das Volk von unten herauf gegen das reagierte, was sich als Herrscherschicht gebildet hatte. Denn wir sehen bis zum 15. Jahrhundert das, was sich als Herrscherschicht gebildet hatte, seine verschiedenen Manipulationen machen; und das, was unten ist, das kümmert sich so lange nicht darum, bleibt frei, bis eben Zusammenstöße kommen. Das, was herrscht, hat eben, nicht wahr, die Tendenz, immer mehr und mehr an sich zu ziehen. Bis das Land so weit war, daß die Bauernschaft, das ursprüngliche Volkstum, zurückreagierte, war schon das sprachliche Element mit seiner suggestiven Kraft energisch wirksam gewesen. Und Sie können es gerade in Westeuropa urphänomenal bezeichnend finden, sehen, wie da die breite Volksmasse reagiert, die noch in ihrer alten Geistigkeit drinnen war, in ihrer atavistischen Geistigkeit.
[ 25 ] And here is where the peculiarity comes in: Western Europe is now quite different from the conditions in Central Europe. In Western Europe, the process is complete—the language, which gradually developed from a Romance element, has had a suggestive effect on people’s souls, as if rising from below. What lay in the broad folk tradition—in what I have just described as the settled peasantry, this settled peasantry with its ancient, atavistic clairvoyance —even if these people had become Christians—with their transmission not of faith but of a direct perception of what existed in the spiritual worlds—this did not come to the fore at all for the people who ruled or administered from above. But an upper class formed precisely in Western Europe, which, through the formation of language, exerted a suggestive influence that also worked downward. We need not consider this upper class in terms of how it administered or what legal and administrative conditions emerged there; but we must nevertheless regard it as the class of officials, the linguistic class, that introduced language into the lower classes and, along with the language, the entire suggestive element that spread uniformly across a certain territory before the people from below reacted against what had formed as the ruling class. For up until the 15th century, we see what had formed as the ruling class engaging in its various manipulations; and those at the bottom pay no attention to it for so long, remaining free, until clashes finally arise. The ruling class, after all, has a tendency to draw more and more power to itself, doesn’t it? By the time the country had reached the point where the peasantry—the original folk—fought back, the linguistic element, with its suggestive power, had already been vigorously at work. And you can find it particularly striking in Western Europe, seeing how the broad masses of the people, who were still steeped in their old spirituality—their atavistic spirituality—reacted.
[ 26 ] Der Sendbote, der Genius dieser Volksmasse, das ist die Jungfrau von Orleans. Mit der Jungfrau von Orleans tritt auf, was, nachdem die Sprache durch ihre Suggestivkraft gewirkt hat, dann erst die Reaktion des Volkstums von unten ist, was das französische Königtum zwingt, mit dem Volke zu rechnen. Sie sehen, bis ins 15. Jahrhundert, bis zum Auftreten der Jungfrau von Orleans, die eigentlich Frankreich gemacht hat als Frankreich, romanische Überflutung, dann Auftreten des Volksboten. So daß noch an dieser Art des Auftretens des Volkstums durch die Scherwissenschaft der Jeanne d’Arc sich zeigt, wie das, was natürlich überall in diesem Volkstum gelebt hat, reagiert nach oben und da eigentlich erst für die äußere Geschichte «Geschichte» wird.
[ 26 ] The messenger, the spirit of this mass of people—that is the Maid of Orleans. With the appearance of the Maid of Orleans comes what—after language has taken effect through its suggestive power—is only then the reaction of the folk from below, forcing the French monarchy to reckon with the people. You see, up until the 15th century, up until the appearance of the Maid of Orleans—who actually made France what it is—there was a Romanic influx, followed by the emergence of the folk messenger. Thus, even in this manner of the folk’s emergence through the transformative power of Joan of Arc, it becomes evident how that which naturally lived everywhere within this folk reacts upward and only then actually becomes “history” for external history.
[ 27 ] Solche Jungfrauen von Orleans — das heißt nicht mit der Tatkraft, aber mit der Seherkraft —, die hat es über ganz Europa gegeben in diesen Jahrhunderten. Und das Fundament, auf dem die Jungfrau von Orleans baute, das war eben das über die breite Bauernschaft und über die breite Masse des Volkes ausgebreitete Element. In der Jungfrau kam es nur herauf. Man schildert es nicht für die Leute. Man muß Ludwig den Dummen — nein den Frommen — und seine Räte und all das Zeug, was da in den Chroniken steht, was sie zusammengeschrieben haben, als «Geschichte» kodifizieren und muß den Leuten vormachen, als wenn diese großen Gutsbesitzer Verwalter von Staaten gewesen wären und dergleichen. Aber das steht doch im Grunde genommen außerhalb des wirklichen konkreten Lebens. Das wirkliche konkrete Leben aber war durchsetzt, die Geschichte sagt nichts davon, aber es war durchsetzt von dem, was dann in dem Genius der Jungfrau von Orleans an die Oberfläche trat und was hineintrat in das französische Wesen zu einer Zeit, als eben die suggestive Sprachkraft ausgeübt wurde. Und dadurch wurde von unten herauf dasjenige hineingeflutet in das französische Wesen, was Volkskraft war. So ist das zustande gekommen.
[ 27 ] Such Maidens of Orleans—that is, not endowed with the power of action, but with the power of vision—have existed throughout Europe over the centuries. And the foundation upon which the Maid of Orleans built was precisely that element widespread among the peasantry and the masses of the people. In the Virgin, it simply came to the surface. One does not describe it to the people. One must codify Louis the Fool—no, the Pious—and his advisors and all that stuff found in the chronicles, which they have compiled, as “history,” and must make it appear to the people as if these great landowners had been administrators of states and the like. But that is, after all, outside of real, concrete life. Real, concrete life, however, was permeated—history says nothing of this—but it was permeated by what then came to the surface in the genius of the Maid of Orleans and what entered into the French spirit at a time when the suggestive power of language was being exercised. And through this, what was the power of the people flooded into the French spirit from below. That is how it came about.
[ 28 ] Das war nicht so in Mitteleuropa. Da übte keine Sprache eine solche suggestive Gewalt aus. Da waren alle andern Verhältnisse ähnlich, aber es war nichts, was zusammenschweißte eine größere Stammesmenge durch die suggestive Kraft der Sprache zu einer Volkskraft. Daher bleibt dasjenige, was in Mitteleuropa ist, in nationaler Beziehung eine flüssige Masse, läßt sich — und das ist das Eigentümliche — leicht zur Kolonisation verwenden. Aber die Kolonisation, die mit der Bevölkerung Mitteleuropas gemacht wird, ist eine andere als heute. Wenn man heute kolonisiert, so handelt es sich ja vorzugsweise darum, daß man fremde Gebiete erwirbt. Aber damals schickte man Leute in fremde Gegenden — namentlich zahlreich wurden sie ja berufen, die Kolonisatoren — und was sie dann verstanden von der Heimat, das trugen sie in fremde Gegenden hinein.
[ 28 ] This was not the case in Central Europe. There, no single language exerted such suggestive power. All other conditions were similar, but there was nothing that united a larger group of tribes into a national force through the suggestive power of language. Consequently, what exists in Central Europe remains, in national terms, a fluid mass—and, strangely enough, one that lends itself easily to colonization. But the colonization carried out with the population of Central Europe is different from that of today. When people colonize today, the primary aim is, of course, to acquire foreign territories. But back then, people were sent to foreign regions—and the colonizers were indeed called upon in large numbers—and whatever they understood of their homeland, they carried with them into those foreign regions.
[ 29 ] So wurde es mit dem Osten von Europa im weitesten Umfange gemacht. Aber es blieb eine flüssige Masse. Und während vor allen Dingen im Westen die suggestive Sprachkraft wirkte, blieben in Mitteleuropa die Balgereien, die Zänkereien, die differenzierten Interessen, die ich geschildert habe, Unbotmäßigkeiten vor allen Dingen gegen diejenigen, die herrschen wollten, was dann zur Folge hatte, daß sich nicht bilden konnte wie im Westen eine weithin sich erstreckende, gleichförmige Nationalität. So etwas war nicht da wie die suggestive Gewalt der Sprache. Daher ergab sich aus den früheren Verhältnissen heraus vielfach ein Heraufkommen desjenigen, der eben gerade durch die Verhältnisse der Stärkere war. Daher die Territorialfürstentümer, die auch noch bis über das 15. Jahrhundert hinaus geblieben waren, und die sich im wesentlichen ergeben haben, weil nicht eine solche suggestive Gewalt da war, wie es die Sprachgewalt im Westen war.
[ 29 ] This is how things were handled in Eastern Europe to the greatest extent. But it remained a fluid mass. And while the suggestive power of language was at work above all in the West, Central Europe was still plagued by the squabbles, the bickering, the divergent interests I have described—acts of insubordination directed primarily against those who sought to rule—which meant that, unlike in the West, a far-reaching, uniform national identity could not take shape. There was nothing there comparable to the suggestive power of language. Consequently, the earlier conditions often led to the rise of whoever happened to be the stronger party under those circumstances. Hence the territorial principalities, which persisted even beyond the 15th century and which essentially arose because there was no such suggestive power as the power of language in the West.
[ 30 ] Mit all diesen Verhältnissen nun — die ich Ihnen wirklich jetzt nur höchst unvollkommen schildern kann —, mit all diesen Verhältnissen hatte zu rechnen das andere Element, das nun wirklich zum Teil verstand, damit zu rechnen: das kirchliche Element, das sich allmählich herausschälte in Rom aus dem untergegangenen römischen Imperium. Dieses kirchliche Element wird in okkultistischen Kreisen genannt der graue Schatten des römischen Imperiums, weil man alles das übernommen hat, was Denkweise war über Administrieren und der gleichen vom römischen Imperium, aber es angewendet hat auf kirchliche Verhältnisse. Dieses Streben der Kirche mußte dahin gehen, differenziert sich hineinzuleben in das, was sich in Europa herausbildet. Und ich habe Ihnen einiges darüber ja schon angedeutet, wie man von Rom aus wußte mit Verhältnissen zu rechnen. Man wußte vom 9. Jahrhundert bis zum Ende des 10. Jahrhunderts und Anfang des 11. Jahrhunderts wunderschön mit den Verhältnissen zu rechnen, indem man von Rom aus nun eigentlich bestrebt war, dasjenige, was man da Christentum nannte, in administrativer Form hineinzudrücken in alle diese Verhältnisse. War irgendwo es möglich, eine Stadt in einen Bischofssitz zu verwandeln, so tat man das; war irgendwo eine Bauernschaft, die man gewinnen wollte: man errichtete ihr eine Kirche, daß sie sich darum gruppierte; war irgendwo ein Gutsherr, so versuchte man nach und nach an die Stelle dieses Gutsherrn, indem man seinen Sohn ausbildete oder dergleichen, einen Geistlichen zu setzen. Die Kirche benutzte alle Verhältnisse. Und in der Tat: wie niemals später war die Kirche innerhalb dieser Jahrhunderte in die Möglichkeit versetzt, europäische Universalmacht zu werden. Dieser Prozeß, wie die Kirche im 9., 10., 11. Jahrhundert arbeitete, ist ungeheuer bedeutungsvoll, weil er wirklich darauf ausgeht, mit allen konkreten Verhältnissen zu rechnen. Das muß man nur ins Auge fassen.
[ 30 ] With all these circumstances—which I can truly describe to you only very imperfectly at this time—the other element, which now truly understood to some extent that it had to reckon with them, had to take them into account: the ecclesiastical element that gradually emerged in Rome from the fallen Roman Empire. In occult circles, this ecclesiastical element is called the “gray shadow of the Roman Empire,” because it adopted the entire mindset regarding administration and the like from the Roman Empire, but applied it to ecclesiastical circumstances. The Church’s endeavor had to be directed toward integrating itself, in a differentiated way, into what was taking shape in Europe. And I have already hinted at this to some extent—how people in Rome knew how to anticipate developments. From the 9th century through the end of the 10th century and into the early 11th century, they were exceptionally adept at navigating these circumstances, as Rome was essentially striving to impose what was then called Christianity in an administrative form upon all these circumstances. If it was possible anywhere to transform a town into a bishopric, they did so; if there was a farming community they wanted to win over, they built a church there so that the people would gather around it; if there was a landowner, they gradually tried to replace him with a clergyman by educating his son or similar means. The Church exploited every situation. And indeed: never again would the Church, as it was during these centuries, be in such a position to become a universal European power. This process—the way the Church operated in the 9th, 10th, and 11th centuries—is immensely significant because it truly involves taking all concrete circumstances into account. One need only consider this.
[ 31 ] Die Leute, die dazumal dirigierende katholische Geistliche oder Priester waren, die waren nicht so töricht, zu glauben, daß die Geister, von denen die Menschen im atavistischen Hellsehen sprachen, keine Geister wären; die rechneten damit, daß das reale Mächte sind, aber die suchten die geeigneten Mittel, um sie zu bekämpfen. Während die Fürsten durchaus nicht mit ihnen fertig wurden, konnte die Kirche nach und nach tatsächlich die Vorstellungen — die für sie ganz berechtigt waren — mit einer Nomenklatur beglücken. Nicht wahr, in Rom wußte man ganz gut: Das sind nicht lauter Teufel, von denen das atavistische Hellsehen spricht; aber diese Dämonen sind unsere Gegner, die müssen wir bekämpfen.
[ 31 ] The people who were leading Catholic clergy or priests at that time were not so foolish as to believe that the spirits people spoke of in their atavistic clairvoyance were not spirits; they reckoned that these were real forces, but they sought the appropriate means to combat them. While the princes were by no means able to deal with them, the Church was gradually able to provide these concepts—which were entirely justified from its perspective—with a proper nomenclature. After all, in Rome they knew full well: The beings described by atavistic clairvoyance are not all devils; but these demons are our adversaries, and we must fight them.
[ 32 ] Ein Kampfmittel war dieses, daß man sie zu Teufeln stempelte, also mit einer Nomenklatur belegte. Das war ein ganz realer Kampf gegen die geistige Welt, den man dazumal führte, und erst mit dem 15. Jahrhundert trat das ein, daß man kein Bewußtsein hatte von den wirkenden geistigen Mächten. Die Stärke des sich ausbreitenden kirchlichen Christentums liegt darinnen, daß man real zu rechnen wußte mit dem, was real ist: mit den geistigen Mächten. Und im 11., 12. Jahrhundert war bis zu einem gewissen Grade eigentlich der Prozeß abgeschlossen.
[ 32 ] One tactic was to brand them as devils—that is, to label them with such a term. This was a very real battle against the spiritual world that was waged at that time, and it was not until the 15th century that people lost awareness of the active spiritual forces. The strength of the spreading ecclesiastical Christianity lay in the fact that people knew how to truly reckon with what is real: with the spiritual powers. And by the 11th and 12th centuries, this process had actually been completed to a certain extent.
[ 33 ] Sie werden die Geschichte des Mittelalters nur richtig beurteilen, wenn Sie ins Auge fassen, daß all die kirchlichen Künste, die wirksam angewendet worden sind und welche große, bedeutungsvolle Künste waren, eigentlich ausgebildet worden sind in der Kirche vom 9. Jahrhundert ab, wo es sich zum Beispiel gerade unter dem Papst Nikolaus I. zeigte, wie man stark rechnete mit den geistigen Mächten, wie man zu rechnen hatte mit alldem, was das Volk durch das atavistische Hellsehen wußte. Und die Kunst, im Geiste zu wirken, die hat eigentlich die Kirche groß gemacht. Aber mit dem 11., 12. Jahrhundert waren diese Künste erschöpft. Gewiß, die alten übte man weiter, aber neue hatte man nicht hinzuerfunden, so daß man sagen kann: alles übrige, was geschieht, geschieht eigentlich im Dienste dieses gewaltigen Geisterkampfes. Denn selbst dasjenige, was einem so tonangebend, scheinbar tonangebend entgegentritt: die Begründung des deutsch-romanischen Imperiums, das da übergeht, nicht wahr, vom Westen nach Mitteleuropa unter den sächsischen Kaisern, diese Zusammenkoppelung von Mitteleuropa mit Italien, das tritt mehr oder weniger zurück gegenüber der ungeheuren Macht, die darinnen liegt, daß die Kirche in diesen Zeiten ein Internationales über Europa ausgießt, das erst vom 15. Jahrhundert ab ein Nationales wird. Erst vom 15. Jahrhundert ab entwickeln sich die Verhältnisse, auf Grund deren man gegenwärtig in Europa lebt, auch mit Bezug auf die Völkerschaften in Mitteleuropa. Es muß immer wieder und wieder betont werden, denn was lag denn eigentlich dem zugrunde, was sich immerfort abspielte zwischen den sogenannten römisch-deutschen Kaisern und den Päpsten? Sie können das besonders studieren, wenn Sie die Darstellungen des vielleicht in der Geschichte entstellten, politisch aber sehr klugen Heinrich IV. lesen. Was zugrunde lag, war bei solchen Dingen immer, daß es notwendig war für diejenigen, die herrschen wollten, die herrschen sollten meinetwillen, die Widerspenstigen zu zähmen. Die sich ausbreitende Kirche war natürlich ein gutes Mittel zur Bekämpfung der Widerspenstigen — wenn die Kirche mithalf. Daher das immer fortwährende Zusammenbinden der weltlichen Gewalt mit der kirchlichen Gewalt, was eben in der Zeit nur erreicht werden konnte durch ein gewisses Verhältnis zwischen denen, die da in Mitteleuropa gewählt wurden, und die gerade durch das, was sie durch diese Wahl in Mitteleuropa erlangten, wenig anderes hatten von ihrem Herrschertum als die Kräfte von den Widerspenstigen aus, die Kräfte von denjenigen, die sie eigentlich gar nicht haben wollten.
[ 33 ] You will only be able to properly assess the history of the Middle Ages if you bear in mind that all the ecclesiastical arts—which were effectively employed and were great and significant arts— were actually developed within the Church from the 9th century onward, when—for example, under Pope Nicholas I—it became evident just how much reliance was placed on spiritual powers, and how one had to take into account all that the people knew through atavistic clairvoyance. And the art of working in the spirit is what truly made the Church great. But by the 11th and 12th centuries, these arts had run their course. Certainly, the old ones were still practiced, but no new ones had been discovered, so that one can say: everything else that happens actually takes place in the service of this mighty spiritual struggle. For even that which appears so dominant, seemingly setting the tone: the founding of the German-Roman Empire, which is spreading—isn’t it?—from the West into Central Europe under the Saxon emperors, this linking of Central Europe with Italy—all of this recedes more or less in the face of the immense power inherent in the fact that, during these times, the Church was pouring out an international influence across Europe that would only become a national one starting in the 15th century. It was not until the 15th century that the conditions under which we currently live in Europe began to develop, including with regard to the peoples of Central Europe. This must be emphasized again and again, for what was actually at the root of what was constantly unfolding between the so-called Roman-German emperors and the popes? You can study this in particular by reading the accounts of Henry IV, who may have been misrepresented in history but was politically very astute. The underlying factor in such matters was always that it was necessary for those who wanted to rule—who were supposed to rule for my sake—to subdue the rebellious. The expanding Church was, of course, a good means of combating the rebellious—provided the Church cooperated. Hence the ever-ongoing intertwining of secular and ecclesiastical power, which at that time could only be achieved through a certain relationship between those who were elected in Central Europe and who, precisely because of what they gained through this election in Central Europe, had little else to sustain their rule but the strength drawn from the rebellious—the strength of those who actually did not want them to rule at all.
[ 34 ] Man bedenke nur: mit einem Wahlkönigtum hatte man es zu tun. Die Könige wurden gewählt. Sie wurden gewählt von den sogenannten sieben Kurfürsten. Von diesen sieben Kurfürsten waren aber drei die kirchlichen geistlichen Fürsten. Die kirchlichen geistlichen Fürsten, mit Hilfe der kirchlichen Mittel, wie ich eben angedeutet habe, waren mächtig. Die Erzbischöfe in Mainz, Köln, Trier hatten zunächst drei Stimmen von den sieben, die in Betracht kamen, und die waren mächtig. Dazu kam eigentlich als der einzige noch Mächtige der Pfalzgraf am Rhein; der war noch so, daß er nach den Verhältnissen, die sich herausgebildet hatten, auch mit seinen Vasallen — später nannte man sie Untertanen — fertig werden konnte. Aber die drei andern Kurfürsten, sogenannten Kurfürsten, von denen war zum Beispiel der eine der König von Böhmen, der selber ein Widerspenstiger war; die andern beiden herrschten über damals noch ganz slawische Gegenden, an der Elbe und so weiter, mit stark slawischer Bevölkerung. Das Königtum bedeutete eben wirklich auch nichts anderes, als was das Karolingertum bedeutet hat. Der Unterschied war nur der, daß das Karolingertum leichter fertig wurde mit dem, was an die Oberfläche strebte, weil die suggestive Gewalt der Sprache da war. Das war in Mitteleuropa nicht da.
[ 34 ] Just consider this: we are dealing with an elective monarchy. The kings were elected. They were elected by the so-called seven electors. Of these seven electors, however, three were ecclesiastical princes. The ecclesiastical princes, with the help of ecclesiastical resources, as I just indicated, were powerful. The archbishops of Mainz, Cologne, and Trier initially held three of the seven votes that mattered, and they were powerful. In addition, the Count Palatine of the Rhine was, in fact, the only other powerful figure; he was still in a position, given the circumstances that had developed, to deal with his vassals—later called subjects. But as for the other three so-called electors—one of whom, for example, was the King of Bohemia, who was himself a rebellious figure—the other two ruled over regions that were still entirely Slavic at the time, along the Elbe and so on, with a predominantly Slavic population. The kingship really meant nothing other than what the Carolingian era had meant. The only difference was that the Carolingian era coped more easily with what was striving to the surface, because the suggestive power of language was present. That was not the case in Central Europe.
[ 35 ] Da müßte ich noch viel erzählen, wie sich die Differenzen im einzelnen entwickelt haben; aber das können Sie ja in jedem Geschichtsbuch nachlesen, und wenn Sie solche Gesichtspunkte verfolgen, wie wir sie hier anwenden, so werden Sie Geschichte mit andern Augen lesen.
[ 35 ] I could go on at length about how these differences developed in detail; but you can read about that in any history book, and if you approach history from the perspectives we’re using here, you’ll see it in a whole new light.
[ 36 ] Als nun etwas abgeflaut waren die Verhältnisse, die sich allmählich herausgebildet hatten zwischen Papsttum und Kaisertum, da war das kirchliche Element aber so stark geworden, daß es selbständige Politik machen wollte. Das war im wesentlichen im 11. und 12. Jahrhundert der Fall. Und da ist es interessant, daß Papst Innozenz III. die Verhältnisse in Italien, die bis dahin eigentlich anarchische waren — in gewissem Sinne am schwierigsten war das Kirchentum da —, nun von Rom aus administrierte. Eigentlich ist Innozenz III. jetzt als eine menschlich-geistige Macht mit dem, was von ihm ausgegangen ist, erst der Schöpfer eines nationalen Bewußtseins der sogenannten Italiener. Innozenz III. ist ein langobardischer Sprößling, aber man kann sagen, daß das, was von ihm ausgegangen ist, im Grunde die italienische Nation gemacht hat, die eigentlich auch durch die Impulse, die Innozenz III. gelegt hat, zu einer Nation geworden ist. Auch bis gegen das 15. Jahrhundert ist da der Nationalisierungsprozeß abgeschlossen worden. Da ist es im wesentlichen also die Kirche selber, die das nationale Element geschaffen hat. So daß man suchen muß in bezug auf die Bildung der französischen Nation gerade in diesen Zeiten die suggestive Gewalt der Sprache, in der italienischen Nation direkt das kirchliche Element. Diese Dinge bestätigen alle nur dasjenige — wenn man sie geschichtlich betrachtet, so ist das prosaisch, abstrakt —, was man konkret aus der Geisteswissenschaft bekommt, was wir ja schon für die verschiedenen Nationen betrachtet haben.
[ 36 ] Once the tensions that had gradually developed between the papacy and the empire had subsided somewhat, the ecclesiastical element had become so powerful that it sought to pursue an independent political course. This was essentially the case in the 11th and 12th centuries. And it is interesting to note that Pope Innocent III now administered the situation in Italy—which until then had been virtually anarchic, with the Church’s position there being, in a certain sense, the most difficult—from Rome. In fact, it is Innocent III, as a human and spiritual force through the influence he exerted, who was the true creator of a national consciousness among the so-called Italians. Innocent III was of Lombard descent, but one can say that what emanated from him essentially forged the Italian nation, which in fact became a nation through the impulses set in motion by Innocent III. The process of nationalization was not completed until around the 15th century. Thus, it was essentially the Church itself that created the national element. Consequently, when considering the formation of the French nation during this period, one must look to the evocative power of language; in the case of the Italian nation, one must look directly to the ecclesiastical element. All these things merely confirm—when viewed historically, this is prosaic and abstract—what one concretely derives from spiritual science, which we have already considered in relation to the various nations.
[ 37 ] Für Innozenz III. ist durchaus charakteristisch, daß er schon eigentlich der katholischen Kirche ganz bestimmte Aufgaben gestellt hat. Und man könnte fragen: Worinnen besteht denn nun eigentlich die Aufgabe, die sich das Papsttum stellte nach der großen Zeit, von der ich gesprochen habe, etwa vom 10., 11., 12. Jahrhundert ab, worinnen besteht denn die Mission des Papsttums seit diesen Jahrhunderten? Die Mission des Papsttums besteht in der katholischen Kirche überhaupt im wesentlichen darinnen, Europa davon abzuhalten, zu erkennen, was eigentlich der Christus-Impuls ist. Mehr oder weniger bewußt handelt es sich darum, eine Kirche zu begründen, welche vollständigstes Verkennen des eigentlichen christlichen Impulses sich zur Aufgabe setzte, nicht unter die Leute kommen zu lassen, was der eigentliche Impuls des Christentums ist. Denn, wo immer versucht wird, irgendein Element in den Vordergrund zu stellen, das mehr an den christlichen Impuls heran will — sagen wir das Element des Franz von Assisi oder ähnliches —, da wird das zwar konsumiert, aber in die eigentliche Struktur der Kirchengewalt doch nicht aufgenommen. Die europäischen Verhältnisse haben sich eben so herausgebildet, daß die Menschen in Europa allmählich ein solches Christentum angenommen haben, das keines ist. Das Christentum soll erst wiederum bekannt werden durch die geisteswissenschaftliche Entdeckung des Christentums. Dadurch, daß die Europäer ein Christentum angenommen haben, das keines ist, dadurch ist es wesentlich mitbedingt, daß über die christlichen Geheimnisse zu sprechen heute eine absolute Unmöglichkeit ist. Da läßt sich nichts machen, dazu bedarf es erst wieder langer Vorbereitungen. Denn nicht darauf kommt es an, daß man den Christus-Namen braucht, sondern darauf würde es ankommen, daß man das Wesentliche, was das Christentum ist, in richtiger Weise ins Auge zu fassen vermöchte. Das aber sollte gerade verhüllt, das sollte verdrängt werden durch dasjenige, was Päpste in solchem Stil wie Innozenz III. gemacht haben.
[ 37 ] It is quite characteristic of Innocent III that he actually assigned very specific tasks to the Catholic Church. And one might ask: What, then, is the actual task that the papacy set for itself after the great era I have spoken of—beginning roughly in the 10th, 11th, and 12th centuries—and what has been the mission of the papacy since those centuries? The mission of the papacy within the Catholic Church essentially consists in preventing Europe from recognizing what the Christ impulse actually is. More or less consciously, the aim is to establish a church that has made it its task to completely misconstrue the true Christian impulse—to prevent the people from understanding what the true impulse of Christianity is. For wherever an attempt is made to bring to the fore any element that seeks to draw closer to the Christian impulse—let us say the element of Francis of Assisi or something similar—that element is indeed assimilated, but it is not incorporated into the actual structure of ecclesiastical authority. European conditions have developed in such a way that people in Europe have gradually adopted a form of Christianity that is not truly Christianity. Christianity must first be made known again through the spiritual-scientific discovery of Christianity. The fact that Europeans have adopted a form of Christianity that is not truly Christianity is a major reason why speaking about the Christian mysteries is an absolute impossibility today. There is nothing that can be done about this; it will first require a long period of preparation. For what matters is not that one uses the name of Christ, but rather that one be able to grasp the essence of what Christianity is in the right way. But that is precisely what was meant to be concealed, what was meant to be suppressed by the actions of popes such as Innocent III.
[ 38 ] Schon die äußeren Verhältnisse waren merkwürdig, wie sie ein Innozenz III. herausbildete. Denn man darf nicht vergessen, daß damals von päpstlicher Seite ein merkwürdiger Sieg gewonnen worden ist. Es gab — das werden Sie aus der äußeren Geschichte wissen —, eine zweifache Strömung in Mitteleuropa, Südeuropa, Westeuropa: eine mehr papstfreundliche Strömung, die sogenannte welfische, und eine papstfeindliche, die hohenstaufische. Die Hohenstaufen waren ja mehr oder weniger immer in Konflikt mit den Päpsten. Das hat aber Innozenz III. nicht verhindert, mit den Franzosen und den Hohenstaufen zusammen über die Engländer und die Welfen zu siegen. Denn es war eben bereits soweit gekommen, daß man auf päpstlicher Seite nunmehr mit den Verhältnissen rechnete, die dann nachher politische geworden sind. Die Kirche konnte in ihren besseren Zeiten noch nicht mit politischen Verhältnissen rechnen; sie mußte mit konkreten Verhältnissen rechnen.
[ 38 ] Even the external circumstances were remarkable, as Innocent III brought them to light. For one must not forget that at that time a remarkable victory had been won by the papal side. As you will know from general history, there was a dual current in Central, Southern, and Western Europe: one that was more favorable to the papacy—the so-called Guelph faction—and one that was hostile to the papacy—the Hohenstaufen faction. The Hohenstaufens were, after all, more or less always in conflict with the popes. However, this did not prevent Innocent III from joining forces with the French and the Hohenstaufens to defeat the English and the Guelphs. For matters had already reached the point where the papal side was now reckoning with circumstances that would later become political. In its better days, the Church had not yet been able to reckon with political circumstances; it had to reckon with concrete circumstances.
[ 39 ] Das gibt Ihnen ein Bild von der Konfiguration von Europa und von dem allmählichen Einfügen, Sich-Einfügen der universellen Kirche in diese Konfiguration von Europa. Nun dürfen wir nicht vergessen, es war im wesentlichen ein Überwinden des alten hellseherischen Elementes durch die Kirche. Das war die eine Seite. Aber das alte hellseherische Element entwickelte sich trotzdem fort, und Sie sehen überall, wo weltliche Gewalt und Kirchengewalt ihre Kompromisse schließen, daß da oder dort die Rede ist davon, die Fürsten oder die Päpste müssen den Kampf gegen die Ketzer führen. Denken Sie nur einmal an die Waldenser und so weiter, an die Katharer; überall sind solche ketzerischen Elemente. Sie haben aber auch ihre Fortsetzung, ihre Entwickelung gehabt. Aus denen bildete sich allmählich etwas heraus, und das waren die Leute, die sich nach und nach von sich aus das Christentum ansahen. Und das Merkwürdige ist, daß aus der Mitte der Ketzer allmählich Leute hervorkamen, die sich das Christentum von sich aus anschauten und die erkennen konnten, daß dasjenige, das von Rom ausgeht, doch etwas anderes ist als das Christentum. Das war ein neues Element des Kampfes, das besonders stark Ihnen entgegentreten kann, wenn Sie verfolgen den Kampf, den die Könige von Frankreich, die verbündet waren mit dem Papste, zu führen hatten gegen den Grafen von Toulouse, der ein Protektor der südfranzösischen Ketzer war. Und so etwas findet man auf allen Gebieten. Aber diese Ketzer schauten sich eben das Christentum an und konnten nicht einverstanden sein mit dem politischen Christentum, das von Rom ausging. So daß, während sich die Verhältnisse bildeten, die ich geschildert habe, es auch überall solche Ketzer gab, die aber eigentlich Christen waren, welche heftig angefeindet wurden, die oftmals sich stille hielten, allerlei Gemeinschaften gründeten, Geheimnis breiteten über das. Die anderen waren mächtig; sie aber strebten nach einem besonderen Christentum.
[ 39 ] This gives you a picture of the configuration of Europe and of the gradual integration—the fitting in—of the universal Church into this configuration of Europe. Now, we must not forget that this was essentially the Church’s overcoming of the old clairvoyant element. That was one side of the story. But the old clairvoyant element continued to develop nonetheless, and you see everywhere where secular and ecclesiastical powers strike compromises that here and there there is talk of princes or popes having to wage war against heretics. Just think of the Waldensians and so on, the Cathars; such heretical elements are everywhere. But they also had their continuation, their development. Gradually, something emerged from them, and these were the people who, little by little and of their own accord, began to examine Christianity. And the remarkable thing is that, from among the heretics, people gradually emerged who examined Christianity on their own and were able to recognize that what emanates from Rome is, after all, something other than Christianity. This was a new element in the struggle, one that can present a particularly strong challenge to you if you follow the struggle that the kings of France—who were allied with the Pope—had to wage against the Count of Toulouse, who was a protector of the heretics in southern France. And such things can be found in all areas. But these heretics looked at Christianity and could not agree with the political Christianity that emanated from Rome. So that, as the circumstances I have described took shape, there were also such heretics everywhere—who were, in fact, Christians—who were fiercely opposed, who often kept a low profile, founded all sorts of communities, and shrouded their beliefs in secrecy. The others were powerful; but they strove for a distinct form of Christianity.
[ 40 ] Nun wäre es interessant, zu studieren, wie auf der einen Seite allerdings die fortwährenden Vorstöße von Asien herüber Anlässe wurden zu dem, was man die Kreuzzüge nennt. Aber für das Papsttum war ja zu gleicher Zeit der Ruf, der durch Peser von Amiens und andere im ‚Auftrage des Papstes zu den Kreuzzügen erscholl, eine Art von Auskunftsmittel. Das Papsttum brauchte schon in der damaligen Zeit eine Art von Aufbesserung. Was rein politisch geworden war, hatte nötig, einen künstlichen Enthusiasmus zu erzeugen, und im wesentlichen war die Art, wie von päpstlicher Seite die Kreuzzüge betrieben wurden, dazu bestimmt, neuen Enthusiasmus in die Leute hineinzugießen. Jetzt aber fanden sich solche Menschen, die eigentlich aus den Reihen der Ketzer hervorgingen, die in der geraden Fortentwickelung der Ketzer liegen.
[ 40 ] Now it would be interesting to examine how, on the one hand, the continuous incursions from Asia gave rise to what are known as the Crusades. But for the papacy, the call to the Crusades issued by Peser of Amiens and others “on behalf of the Pope” served at the same time as a kind of means of communication. Even back then, the papacy was in need of a kind of revitalization. What had become purely political needed to generate artificial enthusiasm, and essentially, the way the Crusades were conducted by the papacy was intended to instill new enthusiasm in the people. But now there were people who actually emerged from the ranks of the heretics, who represent the direct continuation of heresy.
[ 41 ] Besonders charakteristisch, repräsentativ für diese Ketzerleute, die aber das Christentum sich angeschaut hatten, war Gottfried von Bouillon; denn Gottfried von Bouillon wird in der Geschichte immer entstellt. Es wird immer in der Geschichte so dargestellt, als ob Peter von Amiens and der Walter von Habenichts zuerst gezogen sind, nichts Rechtes haben ausrichten können, und dann, unter derselben Tendenz, sei Gottfried von Bouillon mit anderen nach Kleinasien gezogen, und die hätten nun dasselbe fortsetzen wollen, was der Peter von Amiens und der Walter von Habenichts hätten machen sollen. Davon kann aber gar nicht die Rede sein. Denn dieser sogenannte erste geregelte Kreuzzug ist etwas ganz anderes.
[ 41 ] Godfrey of Bouillon was particularly characteristic and representative of these heretics, who had, however, taken a look at Christianity; for Godfrey of Bouillon is always portrayed in a distorted light in history. History always portrays it as if Peter of Amiens and Walter of Habenichts had set out first, had been unable to accomplish anything of substance, and then, following the same trend, Godfrey of Bouillon had marched to Asia Minor with others, and they had intended to continue what Peter of Amiens and Walter of Habenichts should have done. But that is not the case at all. For this so-called first organized Crusade is something entirely different.
[ 42 ] Gottfried von Bouillon und die andern, die mit ihm verbunden, waren wesentlich — wenn sie auch äußerlich das nicht.so zur Schau trugen, aus den Gründen, die ich auseinandergesetzt habe — aus den Reihen der Ketzer hervorgegangen. Und für diese war das Ziel zunächst ein christliches: sie wollten mit Hilfe der Kreuzzüge, indem sie von Jerusalem aus ein neues Zentrum gegen Rom begründeten, ein wirkliches Christentum an die Stelle des Christentums in Rom setzen. Die Kreuzzüge waren von denjenigen, die gewissermaßen in ihre eigentlichen Geheimnisse eingeweiht waren, gegen Rom gerichtet. Und das geheime Losungswort der Kreuzzügler war: Jerusalem gegen Rom. — Das ist dasjenige, was in der äußeren Geschichte wenig berührt wird, was aber so ist. Was man aus dem ketzerischen Christentum heraus im Gegensatz zu dem römisch-politischen Christentum wollte, das wollte man auf dem Umwege durch die Kreuzzüge erreichen. Aber das ging nicht. Das Papsttum war noch zu mächtig. Aber was da zustande kam, das war, daß man den Gesichtskreis erweiterte. Man braucht sich nur zu erinnern, wie der Gesichtskreis verengt worden ist schon von den Zeiten des Augustinus her in Europa. Sie finden in meinem Buche «Das Christentum als mystische Tatsache» von Augustinus den Ausspruch angeführt, den aber auch schon Gregor von Nazianz und andere getan haben: Ja, gewisse Dinge sind natürlich mit der Vernunft nicht zu vereinen, aber die Kirche, die katholische Kirche schreibt sie vor, daher glaube ich es. — Diese Version, diese unheilvolle Auskunft, die ja in vieler Beziehung für Europa notwendig war, hatte aber mit sich gebracht, daß man große Gesichtspunkte, die geeignet waren, an große Empfindungen, an große Weltanschauungen anzuknüpfen, daß man diese floh. Lesen Sie die Bekenntnisse des Augustinus, wie er die Manichäer flieht. Und eigentlich ist es das, daß er in der Manichäerlehre eine Weltanschauung hat. Davor hat man Angst, davor hat man Furcht, davor scheut man zurück. Drüben in Asien war aber aufgeblüht auf Grundlage dessen, was ich in ganz materieller Weise geschildert habe als Goldzufluß nach dem Oriente, die alte Perserlehre, die einen großen Aufschwung genommen hat. Die Kreuzfahrer erweiterten ihren Gesichtskreis sehr, konnten anknüpfen an dasjenige, was eigentlich verschüttet war, und daher wurde ihnen manches Geheimnis kund, das sie sorgfältig behüteten. Die Folge davon war, daß sie, weil sie nicht mächtig genug waren, «Jerusalem gegen Rom» durchzuführen, die Dinge weiter als Geheimnis behandeln mußten. Daher entstanden Orden, allerlei Bünde, welche gewisse christliche Dinge unter anderem Mantel, weil eben die Kirche mächtig war, in Orden und dergleichen bewahrten, die aber eben gegnerisch gegen die Kirche sind.
[ 42 ] Godfrey of Bouillon and the others allied with him had essentially—even if they did not outwardly display it as such, for the reasons I have explained—emerged from the ranks of the heretics. And for them, the goal was initially a Christian one: with the help of the Crusades, by establishing a new center against Rome from Jerusalem, they wanted to replace the Christianity of Rome with true Christianity. The Crusades were directed against Rome by those who were, in a sense, initiated into their true secrets. And the secret watchword of the Crusaders was: Jerusalem against Rome. — This is what is scarcely touched upon in external history, yet it is the truth. What they sought to achieve from within heretical Christianity—in contrast to Roman-political Christianity—they sought to attain indirectly through the Crusades. But that did not succeed. The papacy was still too powerful. What did come about, however, was a broadening of horizons. One need only recall how narrow the horizon had become in Europe as far back as the time of Augustine. In my book *Christianity as a Mystical Fact*, you will find quoted a statement by Augustine—one that Gregory of Nazianzus and others had also made: “Yes, certain things are naturally incompatible with reason, but the Church, the Catholic Church, prescribes them; therefore, I believe them.” — This version, this ominous assertion—which was, of course, necessary for Europe in many respects—had, however, led to people shunning broad perspectives that were capable of connecting to profound feelings and grand worldviews. Read Augustine’s *Confessions* to see how he flees from the Manichaeans. And in fact, it is precisely this—that in Manichaean doctrine he finds a worldview. People are afraid of this, they fear it, they shy away from it. Over in Asia, however, the ancient Persian doctrine had flourished—based on what I have described in very material terms as the flow of gold to the East—and had experienced a great resurgence. The Crusaders greatly broadened their horizons; they were able to build upon what had actually been buried, and thus many secrets were revealed to them, which they carefully guarded. The result was that, because they were not powerful enough to carry out “Jerusalem against Rome,” they had to continue treating these matters as secrets. This led to the emergence of religious orders and all manner of secret societies, which preserved certain Christian teachings under a different guise—precisely because the Church was powerful—within orders and the like, even though these groups were, in fact, opposed to the Church.
[ 43 ] Damals hat sich eigentlich jene Differenz herausgebildet, die einem jetzt nur noch dann entgegentritt, wenn man wieder einmal irgendwo, sagen wir in Italien, eine Kirche besucht hat und wenn darinnen gerade einer gegen die Freimaurer gepredigt hat: man sieht da Leute stehen, denen natürlich die Freimaurer höchst gleichgültig sind; sie wissen gar keinen Namen, aber der Pfarrer wettert auf der Kanzel gegen die Freimaurer. Dieser Gegensatz zwischen Kirchentum und Freimaurerei — was trotzdem aus dem Ketzertum sich heraus entwickelt hat —, der hat sich im wesentlichen dazumal gestaltet.
[ 43 ] It was back then that this difference actually emerged—a difference one now encounters only when, once again, one has visited a church somewhere, say in Italy, and someone inside has just been preaching against the Freemasons: you see people standing there who, of course, are completely indifferent to the Freemasons; they don’t even know their names, but the pastor is railing against the Freemasons from the pulpit. This contrast between Christianity and Freemasonry—which, nevertheless, developed out of heresy—essentially took shape back then.
[ 44 ] Diese und manche andern Erscheinungen könnte man anführen, wenn man im Konkteten, im einzelnen wirklich verstehen will, was in Wirklichkeit dazumal eigentlich geschehen ist. Und Sie werden ersehen haben aus dem Ganzen, daß das Leben zum Teil ein recht mannigfaltiges war, aber daß die verschiedensten geistigen Interessenkreise durcheinanderspielten. Es traten den Leuten vor Augen solche Gegensätze, wie der zwischen den Ketzern, von denen eigentlich viele Christen waren im besten Sinne des Wortes, und den Kirchenchristen. Man könnte viele andere Dinge noch anführen, die dann in Deutschland zum Beispiel zur Reformation geführt haben und dergleichen. Man könnte anführen, daß durch das Politisieren der Kirche die Kirche immer mehr und mehr an Machtmitteln verloren hat, während es in früherer Zeit noch ganz undenkbar gewesen wäre, daß die Kirche nicht die Möglichkeit gefunden hätte, das durchzusetzen, was sie wollte. Auf gewissen Gebieten muß man doch sagen — trotzdem die Kirche in der Lage war, durch das Konzil von Konstanz den Hus zu verbrennen —: der Husizismus hat sich erhalten und als Macht hat er eigentlich ziemliche Bedeutung gehabt.
[ 44 ] These and many other examples could be cited if one truly wishes to understand, in concrete terms and in detail, what actually happened back then. And you will have seen from the whole picture that life was, in part, quite diverse, but that the most varied intellectual interests were intertwined. People were confronted with such contrasts as that between the heretics—many of whom were actually Christians in the best sense of the word—and the institutional Christians. One could cite many other factors that led, for example, to the Reformation in Germany and similar events. One could point out that, as the church became increasingly politicized, it lost more and more of its means of power, whereas in earlier times it would have been completely unthinkable that the church would not have found a way to enforce whatever it wanted. In certain areas, one must admit—even though the Church was in a position to burn Hus at the Council of Constance—that Husism persisted and, as a force, actually held considerable significance.
[ 45 ] Nun aber, worinnen besteht der eigentliche Timbre dieser mittelalterlichen Gebildeten? Nicht wahr, eine religiöse Strömung breitete sich aus, die zuletzt rein politische Form hatte. Schade, daß die Zeit so kurz ist; es würden sich viele interessante Sachen noch anknüpfen lassen. Eine religiöse Strömung breitete sich aus, die universellen Charakter annimmt. Durch die andern Verhältnisse entwickeln sich allmählich die Nationalitäten in Europa. Wenn Sie bedenken, daß das Christentum mit heraufgebracht hat Vorstellungen, die sich so eingewurzelt haben in Europa wie die vom Sündenfall, so daß solche Stücke entstehen konnten wie das «Paradeisspiel», das über weite Gegenden, gerade im 12.Jahrhundert über ganz Europa gespielt wurde. Es ist bis in die einzelnsten, elementarsten Verhältnisse hinuntergegangen. Da sind tief, tief in die Herzen und Seelen gehende Vorstellungen zu weiter Verbreitung gekommen, Vorstellungen über dasjenige, was der Mensch nach — wenn man so sagen darf — dem ursprünglichen Ratschluß Gottes eigentlich hätte sein können und was er geworden ist.
[ 45 ] But now, what is the true character of these medieval intellectuals? Wasn’t there a religious movement that spread and ultimately took on a purely political form? It’s a pity that time is so short; there are still many interesting points that could be explored. A religious movement spread that took on a universal character. Due to changing circumstances, national identities in Europe gradually developed. If you consider that Christianity gave rise to ideas that became so deeply rooted in Europe—such as the concept of the Fall of Man—that works like the *Paradeisspiel* could emerge, a play that was performed across vast regions, indeed throughout all of Europe, particularly in the 12th century. It has penetrated down to the most individual, most elementary circumstances. Ideas that penetrate deeply, deeply into hearts and souls have become widely disseminated—ideas about what human beings, according to—if one may say so—God’s original design, could actually have been, and what they have become.
[ 46 ] Das erzeugte eine Stimmung, und vielleicht niemals, ganz gewiß nicht in unserer Zeit, hat man in so weitem Umkreise immer wieder und wiederum gefühlsmäßig sich eine Frage aufgeworfen, die Frage, die basiert ist auf dem Unterschied zwischen dieser Welt hier und zwischen der Welt des Paradieses, zwischen der Welt, die den Menschen glücklich machen kann. Diese Frage in den verschiedensten Varianten beherrschte schon weite Kreise. Und Leute, die intelligent waren, Leute, deren Sehnsuchten intellektuelle waren, die kamen dadurch dazu, ihr Streben oftmals in naiver, aber oftmals auch in sachlicher Weise auf solche Rätsel hinzurichten. Betrachten Sie nur die ganze Konfiguration der Zeit. Mit dem römischen Imperium ist Europa goldarm geworden. Es kam die Naturalwirtschaft. Unter der Naturalwirtschaft hatten sich allmählich Verhältnisse herbeigeführt Sie brauchen nur an das mittelalterliche Faustrecht zu denken, an das Zusammenheiraten der Herrscherfamilien und so weiter —, die dem Volke nicht als paradiesisch erschienen. Die Kirche hatte sich ausgebreitet, für viele so, daß sie sich sagten: Es ist nicht das Christentum, es ist eher zur Verhüllung des Christentums da, gibt eher eine falsche Vorstellung von dem Christus-Mysterium als eine richtige. Aber das alles hat ja zur Wirkung gehabt, daß wir nicht glücklich sind. — Die Frage: Warum ist der Mensch auf der Erde nicht glücklich? — ja, man kann sagen, mehr als Essen und Trinken hat allmählich diese Frage im 13., 14., 15. Jahrhundert die Menschen beschäftigt, gerade diejenigen, die empfunden haben in rechter Weise irgend etwas über das Mysterium von Golgatha. Was ja natürlich eine tiefe Bedeutung und eine andere Bedeutung hat, das verband sich für die Menschen mit der Frage: Warum sind wir nicht glücklich? Unter welcher Bedingung kann der Mensch denn auf der Erde glücklich werden?
[ 46 ] This created a certain mood, and perhaps never before—certainly not in our time—has a question been posed time and again, with such emotional intensity, across such a wide circle: the question based on the difference between this world here and the world of paradise, between the world that can make people happy. This question, in its many different forms, has already dominated wide circles. And intelligent people—those whose longings were intellectual—were led by it to direct their aspirations, often naively but often also objectively, toward such mysteries. Just consider the entire configuration of the times. With the Roman Empire, Europe became impoverished. A subsistence economy took hold. Under this subsistence economy, conditions gradually developed—you need only think of the law of the jungle in the Middle Ages, the intermarriage of ruling families, and so on—that did not appear paradisiacal to the people. The Church had spread, to such an extent for many that they said to themselves: “This is not Christianity; it serves rather to obscure Christianity, giving a false impression of the mystery of Christ rather than a true one.” But all of this has, in fact, had the effect of making us unhappy. — The question: Why is humanity not happy on earth? — yes, one can say that, more than eating and drinking, this question gradually occupied people’s minds in the 13th, 14th, and 15th centuries, especially those who had sensed, in the right way, something of the mystery of Golgotha. This, of course, has a deep meaning and a different significance, which for people was linked to the question: Why are we not happy? Under what conditions can a human being become happy on Earth?
[ 47 ] Dadurch bildete sich etwas heraus — in der Form, wie es sich herausgebildet hat, ist es auf diese Ursache zurückzuführen, die ich jetzt anführen werde —, was Ihnen aus den Schilderungen, die ich gegeben habe, begreiflich sein wird. Europa war ohne Gold; Naturalwirtschaft war das, auf Grund dessen sich die unglückliche Menschheit ausgebildet hat. Das römische Papsttum hat das Christentum verhüllt. ‚Aber die Menschen sollen doch nach etwas streben, was ein wirkliches menschliches Ziel ist. Und so hat sich denn, wenn man die Sache kurz sagt, klingt sie paradox, herausgebildet in weiteren Kreisen, gerade in denen, die aus dem Ketzerkreise hervorgegangen sind, die Stimmung: Ja, wir sind arm geworden in Europa, das Romanentum hat uns allmählich arm gemacht. — Und man hat eingesehen, daß sich nur diejenigen herausarbeiten, die auf dieselbe Weise sich herausarbeiten, wodurch das Römische Reich groß geworden ist, die zu Gold gekommen waren. Wie kann man das paralysieren? Wie kann man die Macht des Goldes paralysieren? Wenn man Gold machen kann!
[ 47 ] As a result, something took shape—and the form it took can be attributed to the cause I am about to mention—which will be clear to you from the descriptions I have provided. Europe was without gold; a subsistence economy was the basis upon which this unfortunate humanity had developed. The Roman Papacy had veiled Christianity. ‘But people must strive for something that is a truly human goal.’ And so—to put it briefly, though it sounds paradoxical—a sentiment emerged in wider circles, precisely among those who had emerged from the ranks of the heretics: Yes, we have become poor in Europe; Roman culture has gradually impoverished us. — And it has been recognized that only those who work their way up in the same way that made the Roman Empire great—those who had acquired gold—will succeed. How can this be halted? How can the power of gold be halted? If only one could make gold!
[ 48 ] So hängt mit den ganz konkreten Verhältnissen die weitverbreitete Experimentier- und Probierkunst des Goldmachens zusammen in der Zeit, wo man arm an Gold war und wo nur einzelne daher zu Gold kamen, die mit dem Golde die andern tyrannisieren konnten. Es erstrebten die Leute, dieses auszugleichen. Denn das wußten sie: Wenn jeder Gold machen kann, so hat das Gold keinen Wert. — Es wurde daher das Ideal, Gold machen zu können. Sie sagten sich: Glücklich kann man jedenfalls nur in einer Welt sein, in der man Gold machen kann. — Und in ähnlicher Weise verhält es sich mit dem Fragen nach dem «Stein der Weisen», sogar mit der Frage nach dem «Homunkulus». Da, wo die Interessen so auftreten, wie sie auftraten durch die Familienverhältnisse — man sah es an den Teilungen der Karolinger und so weiter —, da können die Menschen nicht glücklich sein. Das aber hängt zusammen mit der natürlichen Fortpflanzung des Menschen. Jedenfalls, wenn ein Paradies möglich ist, so kann es eher möglich sein, wenn man Homunkuli macht, als wenn die gewöhnliche Fortpflanzung mit all den Familienverhältnissen fortdauert. Solche Dinge, die heute ganz paradox, verdreht klingen, die waren dazumal etwas, was unzählige Gemüter bewegte. Und man versteht die Zeit nicht, wenn man nicht weiß, daß sie von solchen Fragen bewegt wurde.
[ 48 ] Thus, the widespread art of experimenting and trying one’s hand at making gold is linked to very concrete circumstances during a time when gold was scarce and only a few individuals were able to acquire it—those who could then use their gold to tyrannize others. People sought to counterbalance this. For they knew this: If everyone can make gold, then gold has no value. — Thus, the ability to make gold became the ideal. They told themselves: One can only be happy, in any case, in a world where one can make gold. — And the situation is similar with regard to the quest for the “Philosopher’s Stone,” and even with the question of the “homunculus.” Where interests arise as they did through family relationships—as seen in the divisions among the Carolingians and so on—people cannot be happy. But this is connected to the natural reproduction of humankind. In any case, if a paradise is possible, it is more likely to be possible through the creation of homunculi than if ordinary procreation, with all its family dynamics, were to continue. Such ideas, which sound quite paradoxical and twisted today, were once a matter that stirred the minds of countless people. And one cannot understand that era unless one knows that it was driven by such questions.
[ 49 ] Und dann kam das 15. Jahrhundert, und das machte äußerlich natürlich zunächst der Goldsucht dadurch ein Ende, daß man Amerika entdeckte und von dort das Gold herüberbrachte. Und dann flaute das ab, was ich eben charakterisiert habe. Universell zusammenfassend alle diejenigen Elemente, die in den Kreuzzügen wirkten, sich vertieft haben während der Kreuzzüge, zusammenfassend all die Sehnsuchten, die im Mittelalter lagen — die Kunst, Gold zu machen, den Homunkulus zu erzeugen —, das alles auf eine wirklich geistige Weise so zusammenzufassen, daß es ein tatkräftiger Impuls hätte werden können, das war im wesentlichen dasjenige, was sich die Genossen des Christian Rosenkreutz zur Aufgabe gestellt haben. Dazu mußte es erst zu all den Dingen kommen, die sich bis zum 15. Jahrhundert hin entwickelt haben.
[ 49 ] And then came the 15th century, which, outwardly speaking, naturally put an end to the gold rush at first by the discovery of America and the importation of gold from there. And then what I have just described began to subside. Summarizing, in a universal sense, all those elements that were at work during the Crusades and became more deeply rooted during that time—summarizing all the longings that characterized the Middle Ages—the art of the art of making gold, the creation of the homunculus—to synthesize all of this in a truly spiritual way so that it could have become a dynamic impulse: that was essentially the task the companions of Christian Rosenkreutz set for themselves. For this to happen, all the events that had unfolded up to the 15th century first had to take place.
[ 50 ] Es war die Zeit noch nicht gekommen, aus dem Geiste heraus neue Wahrheiten zu holen, und daher blieben die Impulse des Christian Rosenkreutz, ebenso wie die Bemühungen von Johann Valentin Andreae, zuletzt erfolglos. Worauf gingen sie? Sie gingen dahin und das, was ich jetzt sage, bitte ich wohl zu beachten und zu berücksichtigen —, sich zu sagen: Europa differenziert sich; aus dem, was da früher gewaltet hat, sind differenzierte Gebilde hervorgegangen.
[ 50 ] The time had not yet come to draw new truths from the spirit, and therefore the impulses of Christian Rosenkreutz, just like the efforts of Johann Valentin Andreae, ultimately proved unsuccessful. What did they amount to? They amounted to this—and I ask you to pay close attention to and take into account what I am about to say—namely, to recognize that Europe is becoming more diverse; from what once prevailed there, diverse structures have emerged.
[ 51 ] Es wäre noch interessant, aber dazu ist nicht mehr Zeit, daß ich auch noch erzählen könnte, wie in einer ähnlichen Weise sich die britische Nation gebildet hat. Sogar im Osten hat sich die russisch-slawische in einer entsprechenden Weise gebildet. Das alles könnte man schildern. Überall ist es mit einer Reaktion von unten gegangen, nur ist sie in Frankreich so bedeutsam, wo der Genius von unten her direkten Charakter hatte, indem er in Jeanne d’Arc erschien.
[ 51 ] It would also be interesting—though there is no longer time for this—to describe how the British nation was formed in a similar way. Even in the East, the Russian-Slavic nation was formed in a corresponding manner. All of this could be described. Everywhere, it has been a reaction from below; it is just particularly significant in France, where the genius from below took on a direct character in the person of Joan of Arc.
[ 52 ] Gegenüber dieser Differenzierung etwas wirklich Universalistisches zu machen — denn daß das Romanentum nicht taugt, universalistisch zu sein, hatte gerade Innozenz III. gezeigt, der die italienische Nation gegründet hat; also die Kirche ist nicht mehr universalistisch —, zu finden einen geistigen Impuls, der so stark ist, daß er über diese sämtlichen Differenzierungen hinweghilft, wirklich die Menschheit zu einem Ganzen macht, das war im wesentlichen das, was dem Rosenkreuzertum zugrunde lag. Um dazu die Mittel und Wege einzuschlagen, war natürlich die Menschheit nicht reif. Ein Ideal ist das aber immer geblieben. Und so wahr es ist, daß die Menschheit ein Ganzes, eine Einheit ist, so wahr ist es auch, daß, wenn auch eine Zeitlang in verschiedener Form, solch ein Ideal wiederum aufgenommen werden muß. Und die Geschichte selbst, wie sie hintendiert zum 15. Jahrhundert, wie sie die eigentümliche Konfiguration im 15. Jahrhundert herausbildet, ist der lebendigste Beweis dafür. Man braucht nicht das alte Rosenkreuzertum aufzuwärmen, aber das Ideal, das ihm zugrunde lag, das muß aufgenommen werden.
[ 52 ] To create something truly universal in the face of this differentiation—for it was precisely Innocent III, who founded the Italian nation, who had shown that Romanism is not suited to being universal; so the Church is no longer universalist—to find a spiritual impulse strong enough to transcend all these distinctions and truly make humanity a whole—that was essentially what lay at the foundation of Rosicrucianism. Of course, humanity was not yet ready to embark on the paths and means to achieve this. Yet it has always remained an ideal. And just as it is true that humanity is a whole, a unity, so too is it true that, even if for a time in a different form, such an ideal must be taken up once again. And history itself—as it leads up to the fifteenth century, as it gives rise to the distinctive configuration of the fifteenth century—is the most vivid proof of this. There is no need to revive the old Rosicrucianism, but the ideal that underlay it must be taken up again.
[ 53 ] Das sind einzelne aphoristische Bemerkungen, die ich zuletzt noch machen wollte. Es sind wirklich mehr Anregungen, die ich geben wollte, als irgend etwas Ausführliches und Erschöpfendes, jetzt, wo ich Ihnen wiederum für einige Zeit gewissermaßen werde Abschied sagen müssen. Es ist ja im Laufe dieser Jahre, wenn ich sagen darf, immer schwerer geworden dieses Abschiedsagen, weil es eigentlich immer unter weniger hoffnungsvollen Voraussetzungen geschah. Nun, ich brauche selbstverständlich Ihnen nicht zu versichern, daß der Bau und alles, was mit diesem Bau zusammenhängt, von mir in ehrlicher, aufrichtiger Weise als etwas angesehen wird, das ganz im wesentlichen als ein wirklicher Faktor zusammenhängt mit den Bestrebungen, die eigentlich die Bestrebungen unserer Zeit im weitesten Umkreise werden müßten. Ich habe nie in diesem Bau etwa nur gesehen die Liebhaberei oder etwas Ähnliches von einzelnen Gruppen oder dergleichen, sondern ich habe immer gesehen in diesem Bau und woraus er hervorgeht, auf Grund dessen er sich aufbaut, etwas, was das Kulturferment unserer Zeit sein muß, namentlich der Zukunft werden muß.
[ 53 ] These are a few aphoristic remarks I wanted to make before I go. They are really more like suggestions I wanted to offer than anything detailed or exhaustive, now that I will once again have to say goodbye to you, so to speak, for some time. Over the course of these years, if I may say so, it has become increasingly difficult to say goodbye, because it has always taken place under less and less hopeful circumstances. Well, of course I need not assure you that I regard this building and everything connected with it, in an honest and sincere manner, as something that is, in essence, a real factor linked to the aspirations that should, in the broadest sense, be the aspirations of our time. I have never viewed this building merely as a hobby or something similar pursued by individual groups or the like; rather, I have always seen in this building—and in what gave rise to it, in the foundation upon which it is built—something that must be the cultural catalyst of our time, and indeed of the future.
[ 54 ] Daher kann man schon sagen, es hängt recht viel davon ab, daß diejenigen, die sich durchgerungen haben, die Bedeutung dieses Baues einzusehen, dieses wirklich auch verstehen mit Nachdruck und Ernst und mit aller Würde zu vertreten. Gewiß, der Bau ist nach jeder Richtung ein erster Versuch. Aber, wenn die Menschheit wiederum in dem Menschen erlöst werden soll, wenn das, was heute mit Füßen getreten wird, in der Menschheit wiederum gepflegt werden soll, dann werden Kräfte notwendig sein, die so geartet sind wie diejenigen, die mit unserem Bau gemeint sind, und dem, was mit unserem Bau zusammenhängt.
[ 54 ] Therefore, one can certainly say that a great deal depends on those who have brought themselves to recognize the significance of this structure truly understanding it and defending it with conviction, seriousness, and all due dignity. Certainly, the structure is, in every respect, a first attempt. But if humanity is to be redeemed within the human being once again, if that which is trampled underfoot today is to be nurtured within humanity once more, then forces will be necessary that are of the same nature as those intended by our building and everything associated with it.
[ 55 ] Es klingt heute, wenn alte religiöse Bekenntnisse und ähnliches die kritisieren, sehr sonderbar; denn diese alten religiösen Bekenntnisse haben recht lange Zeit gehabt, um zu wirken. Und wenn heute die Menschheit in eine Sackgasse hineingekommen ist, dann ist es vielleicht nicht unbegründet, zu fragen: Wenn Ihr dasselbe sagt, was Ihr früher gesagt habt, warum hat es denn nicht schon früher gewirkt? — Das ist es, wenn es richtig betrachtet wird, was vielleicht doch in manchem erzeugen kann die Einsicht von der Notwendigkeit dessen, was eigentlich hier gemeint ist, was hier beabsichtigt wird.
[ 55 ] It sounds very strange today when old religious creeds and the like are criticized; for these old religious creeds have had quite a long time to take effect. And if humanity has reached a dead end today, then it is perhaps not unfounded to ask: If you are saying the same thing you said before, why didn’t it work earlier? — That is, when viewed correctly, what may ultimately lead some to realize the necessity of what is actually meant here, of what is intended here.
[ 56 ] Und nun, wie auch die Zeit werden mag — jedesmal, wenn ich fortgegangen bin, habe ich Sie gebeten: Mögen auch diese oder jene Verhältnisse eintreten, nach dem Maße, wie Sie es können, halten Sie an dem fest, was zu diesem Bau geführt hat. Gewiß kann man sagen, die Anfeindungen werden groß; aber bedenken Sie, daß selbst in dieser ungünstigen Zeit doch im Laufe der letzten Jahre da und dort und sogar in weiteren Kreisen manche Teilnahme auch gerade für das Wesen dieses Baues und was damit zusammenhängt, ja aufgetreten ist. Und wenn man nicht bedenken würde die große Aufgabe unserer geisteswissenschaftlichen Bewegung, die Schwierigkeiten, die sie hat, den weiten Abstand von dem, was erreicht werden soll und von dem, was da ist, wenn man schließlich, ohne auf der einen Seite albern zu werden, auf der andern Seite aber, ohne die Dinge zu verkennen, auf das sieht, was sich entwickelt — man kann ja auch einmal auf das Gute sehen —, so ist das doch da! Es gehen die Dinge doch vorwärts. Wenn Sie zum Beispiel mit feinerem Gefühl verfolgen, wie solch eine Einzelheit wie die eurythmische Kunst im Laufe der letzten Jahre hier fortentwickelt wurde — man kann, glaube ich, das schon bemerken —, so kann man sagen, ein Stillstand ist in unseren Reihen nicht. Und wer gar die intimeren Fortschritte betrachten würde, die gerade innerhalb der Entstehung dieses Baues stattfinden, der darf von einem gewissen Fortschritte sprechen. Ich darf das sogar heute, wo ich von Ihnen wiederum für einige Zeit Abschied nehmen muß, mit einer gewissen inneren herzlichen Bewegtheit sagen.
[ 56 ] And now, whatever the future may bring—every time I have left, I have asked you: No matter what circumstances may arise, to the best of your ability, hold fast to what has led to this construction. Certainly, one might say that the hostility will grow; but consider that even in these unfavorable times, over the course of the last few years, here and there—and even in wider circles—some interest has indeed arisen precisely in the nature of this work and what is connected with it. And if one were to set aside for a moment the great task of our spiritual scientific movement, the difficulties it faces, and the vast gap between what is to be achieved and what currently exists—if one were to look, without becoming naive on the one hand, yet without misjudging the situation on the other, at what is developing—one can, after all, also look at the positive aspects—then one would see that progress is indeed being made! Things are moving forward after all. If, for example, you observe with a keen sense how a detail such as the art of eurythmy has continued to develop here over the course of the last few years—I believe one can already notice this—then one can say that there is no standstill in our ranks. And anyone who were to consider the more intimate progress taking place specifically within the construction of this building might well speak of a certain degree of progress. I can even say this today, as I must once again take my leave of you for a while, with a certain inner, heartfelt emotion.
[ 57 ] Als die ersten Zeiten da waren, diesen Bau zu schaffen, da handelte es sich zunächst darum, daß die größeren Linien gezogen wurden, daß das oder jenes geschah. Aber wenn wir auch mit tiefem Schmerze und mit tiefem Leide auf das unser Augenmerk richten und richten müssen darauf, wie dieser Bau gelitten hat unter den allgemeinen katastrophalen Verhältnissen der Menschheit, so darf auch anderes gesagt werden: Es haben die Verhältnisse es mit sich gebracht — es war diesmal notwendig —, daß ich da oder dort noch viel eingehender mitgearbeitet habe an den Einzelheiten, die hier am Bau entstehen. Und gerade deshalb kann ich sagen, daß ich mit bewegtem Herzen es hier aussprechen darf: Das, was im Bau wird, bringt wirklich auch immer sichtbarer und intimer schon zum Ausdrucke dasjenige, was mit größeren Menschheitsimpulsen zusammenhängt. Ich konnte Ihnen neulich zum Beispiel von der neuen Isislegende erzählen, welche Erzählung eben für die ganzen Verhältnisse des Baues charakteristisch sein soll, charakteristisch für dasjenige, was ich damit ausdrücken möchte, daß ich sage, dieser Bau soll eine Art von — lassen Sie mich den philiströsen Ausdruck gebrauchen — Markstein sein, der da scheidet ein Altes, das endlich wird einsehen müssen, daß es ein Altes ist, von einem Neuen, das da werden will, weil es werden muß, wenn die Menschheit nicht in immer katastrophalere Verhältnisse hineinkommen soll. Es wird schon einmal auch die Zeit kommen, wo man es bereuen wird, daß man das, was mit diesem Bau gewollt ist, vielfach als Narretei angesehen hat. Denn diese Katastrophe der Menschheit wird eben auch das zur Folge haben, daß man manches wird einsehen, was man ohne diese Katastrophe nicht würde eingesehen haben. Denn sie spricht mit sehr, sehr deutlichen Zeichen. Daß die Menschheit aus dem Menschen erlöst werden kann gerade durch solche Impulse, wie sie mit diesem Bau zusammenhängen, dafür spricht wirklich manches, das beobachtet werden konnte während dieses Baues.
[ 57 ] In the early days of creating this structure, the first task was to lay out the broad outlines, to ensure that this or that was done. But even as we turn our attention—and must turn it—with deep sorrow and profound suffering to how this building has suffered under the general catastrophic conditions facing humanity, something else must also be said: Circumstances have dictated—it was necessary this time—that I have worked much more closely here and there on the details that are taking shape in this building. And precisely for this reason, I can say that I am permitted to express this here with a moved heart: What is taking shape in the Work truly brings to expression, ever more visibly and intimately, that which is connected with the greater impulses of humanity. For example, I was able to tell you recently about the new Isis legend, a narrative that is intended to be characteristic of the entire context of the building—characteristic of what I wish to express when I say that this building is to be a kind of—let me use the philistine expression — a milestone that separates the Old—which will finally have to recognize that it is the Old—from the New, which is striving to come into being because it must, if humanity is not to descend into ever more catastrophic circumstances. The time will certainly come when people will regret having regarded what this building is intended to achieve as sheer folly in so many cases. For this catastrophe of humanity will also have the consequence that people will come to understand many things they would not have understood without it. For it speaks through very, very clear signs. There is indeed much evidence, observable during the construction of this building, that humanity can be redeemed from its own human nature precisely through impulses such as those associated with this building.
[ 58 ] Es wird Ihnen ja heute besonders stark entgegentreten, wie äußerlich manches Kulturwerk zustande kommt. Fragen Sie sich, ob überall da, wo heute eine Kirche oder irgend etwas Ähnliches — es könnte auch ein Warenhaus sein — aufgeführt wird, diese immer aufgeführt werden so, daß derjenige, der sie aufführt und diejenigen, die mitarbeiten, ganz drinnenstehen in dem, wozu die Sachen aufgeführt werden. Man könnte manchen großen Dom aufführen, bei denen die Dombaumeister nicht sehr an jenes Symbolum, das da drinnen ist, glauben. Hier aber ist das schon eine Wahrheit, daß derjenige am besten arbeitet, der am tiefsten mit seinem Herzen mit der Sache verknüpft ist, der nicht nur seine Kunst, sondern der seinen ganzen Menschen einzusetzen vermag, der nicht nur mit den äußeren Formen mitarbeitet, sondern der von ganzem Herzen heraus an dieser Weltanschauung nicht nur mitarbeitet, sondern diese Weltanschauung lebt. Und deshalb muß ich sagen: Es ist mir von ganz besonderer Bedeutung, auch gerade diesmal all denjenigen, die ihre Arbeit, ihre Lebenskräfte, ihre Gedanken diesem Bau widmen, mit uns hier zusammenarbeiten wollen, um dieses Werk zustande zu bringen, diesen allen nicht nur einen äußerlichen Dank zu sagen, sondern ihnen zu sagen, daß ich wirklich tief, tief empfinde, was es bedeutet, daß sich Menschen zusammengefunden haben, die hier an diesem Kulturwerke arbeiten wollen. — Und aus dieser Empfindung heraus, die ja noch tiefer bindet in Zeiten, in denen der Mensch so gebunden ist wie in dieser, sage ich Ihnen heute, wo wir am Abschlusse dieser Vorträge stehen, zunächst für die äußeren physischen Verhältnisse eine Art Lebewohl. Wir bleiben ja alle in Gedanken zusammen. Physische Verhältnisse können uns nicht trennen. Aber das, was uns am besten verbinden wird, das wird sein, wenn lebendig in uns bleibt die Kraft, die da hineingebaut, hineingebildet sein will in dasjenige, was sich in Sturmeszeiten der Menschheit zum Menschheitsfrieden entwickeln will.
[ 58 ] Today, you will be particularly struck by how many cultural works come into being in a purely external way. Ask yourself whether, wherever a church or something similar—it could also be a department store—is built today, it is always built in such a way that the builder and those who work on it are fully immersed in the purpose for which these structures are built. One could build many a great cathedral where the master builders do not really believe in the symbolism contained within it. Here, however, it is certainly true that the person who works best is the one who is most deeply connected to the project with his heart—the one who is able to commit not only his art but his whole being, who does not merely work with the outward forms but, from the bottom of his heart, not only collaborates with this worldview but lives it. And that is why I must say: It is of very special significance to me, especially at this time, to express not only outward gratitude to all those who wish to dedicate their work, their life forces, and their thoughts to this building and to collaborate with us here to bring this work to fruition, but also to tell them that I truly feel, deeply, deeply, what it means that people have come together who wish to work here on this cultural endeavor. — And out of this feeling—which binds us even more deeply in times when people are as bound as they are now—I say to you today, as we come to the conclusion of these lectures, first of all a kind of farewell to the external, physical circumstances. We will all remain united in thought. Physical circumstances cannot separate us. But what will best unite us is this: that the power which seeks to be built into and shaped within that which, in times of turmoil for humanity, seeks to develop into peace for humanity, remains alive within us.
