Mystery Truths and Christmas Impulses
Ancient Myths and Their Significance
GA 180
17 January 1918, Dornach
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Mysterienwahrheiten und Weihnachtsimpulse
Sechzehnter Vortrag
Sechzehnter Vortrag
[ 1 ] Die Dinge, die ich jetzt in diesem letzten Vortrage etwas prosaisch vorbringe gegenüber den großen Ausblicken, die wir gepflogen haben in diesen Betrachtungen, haben aber doch einen gewissen innerlichen Zusammenhang mit unseren ganzen Betrachtungen und auch mit der gegenwärtigen Zeit. Und es war mir in gewissem Sinne ein Bedürfnis, wenn das auch für diese Dinge nur in aphoristischer Form, auch diesmal wiederum in Form von Bemerkungen geschehen kann, vielleicht sogar ohne weiteren Zusammenhang — man müßte ja sonst tagelang reden über das Thema —, war es für mich doch ein Bedürfnis, gewisse Dinge noch mit Ihnen durchzusprechen. So, wie wir die Zeit, die im 8. Jahrhundert gipfelte, versuchten mit ein paar Bemerkungen zu durchdringen, so wollen wir das heute für die folgende Zeit, die dann in gewissem Sinne im 15. Jahrhundert für das europäische Leben gipfelte, betrachten.
[ 1 ] Die Dinge, die ich jetzt in diesem letzten Vortrage etwas prosaisch vorbringe gegenüber den großen Ausblicken, die wir gepflogen haben in diesen Betrachtungen, haben aber doch einen gewissen innerlichen Zusammenhang mit unseren ganzen Betrachtungen und auch mit der gegenwärtigen Zeit. Und es war mir in gewissem Sinne ein Bedürfnis, wenn das auch für diese Dinge nur in aphoristischer Form, auch diesmal wiederum in Form von Bemerkungen geschehen kann, vielleicht sogar ohne weiteren Zusammenhang — man müßte ja sonst tagelang reden über das Thema —, war es für mich doch ein Bedürfnis, gewisse Dinge noch mit Ihnen durchzusprechen. So, wie wir die Zeit, die im 8. Jahrhundert gipfelte, versuchten mit ein paar Bemerkungen zu durchdringen, so wollen wir das heute für die folgende Zeit, die dann in gewissem Sinne im 15. Jahrhundert für das europäische Leben gipfelte, betrachten.
[ 2 ] Dieses 15. Jahrhundert ist in der mannigfaltigsten Beziehung außerordentlich interessant zu betrachten, namentlich zu betrachten, wie es hervorgeht aus den europäischen Lebensverhältnissen der vorangehenden Jahrhunderte. Bedeutungsvoll ist dieses Jahrhundert aus dem Grunde, weil eigentlich erst im 15. Jahrhundert die Verhältnisse in Europa sich gebildet haben, innerhalb deren wir gegenwärtig leben. Die Menschen denken ja, könnte man sagen — wir haben das öfter von andern Gesichtspunkten aus erwähnt —, eigentlich kurz; sie stellen sich vor, daß die Art, wie sie ringsherum die Verhältnisse erleben, eine konstante ist. Das ist sie aber nicht. Die Lebensverhältnisse sind Metamorphosen unterworfen. Und wenn man nicht, wie das ja leider als Unfug in der modernen Historie geschieht, alles vom Gesichtspunkte der Gegenwart aus betrachtet, sondern wenn man versucht, sich in die Eigenart der früheren Zeiten hineinzufinden, was man nur geisteswissenschaftlich kann, namentlich in praktischer Beziehung nur geisteswissenschaftlich kann, so kommt man darauf, daß sich die Zeiten schon ganz wesentlich geändert haben. Ich habe, glaube ich, schon im Laufe dieser Vorträge erwähnt, daß mir vor kurzem einmal, als ich auch etwas Ähnliches vorgebracht habe in einem Vortrage, ein Herr am Schlusse gesagt hat: Ja, aber die Geisteswissenschaft nimmt an, daß diese Epochen, wie sie sich entwickelt haben, voneinander verschieden waren; und die Geschichte zeigt uns ja doch, daß die Menschen eigentlich immer gleich waren, daß sie immer die gleichen Laster gehabt haben, die gleichen Eifersüchteleien und so weiter, daß sich die Menschen nicht wesentlich geändert haben; was heute Konflikt hervorruft, rief auch schon früher Konflikte hervor. — Ich habe dazumal dem Herrn geantwortet: Sie können ja noch weiter gehen mit dieser Betrachtungsweise, Sie können einfach gewisse sehr in die Augen fallende Konfliktstoffe der Gegenwart nehmen und sie bei den griechischen Göttern aufsuchen, die ja ganz gewiß andere Daseinsbedingungen haben als alle irdischen Menschen, und Sie werden finden, daß diejenigen Dinge, auf die Sie nun gerade Ihr Augenmerk richten, sich sogar unter den griechischen Göttern finden.
[ 2 ] Dieses 15. Jahrhundert ist in der mannigfaltigsten Beziehung außerordentlich interessant zu betrachten, namentlich zu betrachten, wie es hervorgeht aus den europäischen Lebensverhältnissen der vorangehenden Jahrhunderte. Bedeutungsvoll ist dieses Jahrhundert aus dem Grunde, weil eigentlich erst im 15. Jahrhundert die Verhältnisse in Europa sich gebildet haben, innerhalb deren wir gegenwärtig leben. Die Menschen denken ja, könnte man sagen — wir haben das öfter von andern Gesichtspunkten aus erwähnt —, eigentlich kurz; sie stellen sich vor, daß die Art, wie sie ringsherum die Verhältnisse erleben, eine konstante ist. Das ist sie aber nicht. Die Lebensverhältnisse sind Metamorphosen unterworfen. Und wenn man nicht, wie das ja leider als Unfug in der modernen Historie geschieht, alles vom Gesichtspunkte der Gegenwart aus betrachtet, sondern wenn man versucht, sich in die Eigenart der früheren Zeiten hineinzufinden, was man nur geisteswissenschaftlich kann, namentlich in praktischer Beziehung nur geisteswissenschaftlich kann, so kommt man darauf, daß sich die Zeiten schon ganz wesentlich geändert haben. Ich habe, glaube ich, schon im Laufe dieser Vorträge erwähnt, daß mir vor kurzem einmal, als ich auch etwas Ähnliches vorgebracht habe in einem Vortrage, ein Herr am Schlusse gesagt hat: Ja, aber die Geisteswissenschaft nimmt an, daß diese Epochen, wie sie sich entwickelt haben, voneinander verschieden waren; und die Geschichte zeigt uns ja doch, daß die Menschen eigentlich immer gleich waren, daß sie immer die gleichen Laster gehabt haben, die gleichen Eifersüchteleien und so weiter, daß sich die Menschen nicht wesentlich geändert haben; was heute Konflikt hervorruft, rief auch schon früher Konflikte hervor. — Ich habe dazumal dem Herrn geantwortet: Sie können ja noch weiter gehen mit dieser Betrachtungsweise, Sie können einfach gewisse sehr in die Augen fallende Konfliktstoffe der Gegenwart nehmen und sie bei den griechischen Göttern aufsuchen, die ja ganz gewiß andere Daseinsbedingungen haben als alle irdischen Menschen, und Sie werden finden, daß diejenigen Dinge, auf die Sie nun gerade Ihr Augenmerk richten, sich sogar unter den griechischen Göttern finden.
[ 3 ] Selbstverständlich findet man gewisse menschliche Verhältnisse, die überall dieselben gewesen sind, wenn man die Sachen abstrakt betrachtet. Es gibt ja gegenwärtig sogar manche naturwissenschaftlichen Betrachtungen, die finden sogar sehr ähnliche Verhältnisse, Familienverhältnisse und dergleichen in diesen oder jenen Tiergattungen. Warum denn nicht! Wenn man nur genügende Abstraktionen anwendet, so findet man schon solche Ähnlichkeiten heraus. Aber darauf kommt es nicht an. Mit einer solchen Betrachtungsweise ist man eben im eminentesten Sinne unpraktisch.
[ 3 ] Selbstverständlich findet man gewisse menschliche Verhältnisse, die überall dieselben gewesen sind, wenn man die Sachen abstrakt betrachtet. Es gibt ja gegenwärtig sogar manche naturwissenschaftlichen Betrachtungen, die finden sogar sehr ähnliche Verhältnisse, Familienverhältnisse und dergleichen in diesen oder jenen Tiergattungen. Warum denn nicht! Wenn man nur genügende Abstraktionen anwendet, so findet man schon solche Ähnlichkeiten heraus. Aber darauf kommt es nicht an. Mit einer solchen Betrachtungsweise ist man eben im eminentesten Sinne unpraktisch.
[ 4 ] Vor allen Dingen betrachten die gegenwärtigen Menschen, und wahrhaftig nicht nur die Menschen der breiteren Kreise, sondern gerade maßgebende, sehr, sehr maßgebende Kreise betrachten dasjenige, was nationale Verhältnisse in Europa und überhaupt in der gebildeten Welt sind, so, als wenn diese nationalen Verhältnisse ewige Dinge wären. Das sind nicht ewige Dinge; sondern gerade jene Form des Empfindens, die sich zum Beispiel aus dem Nationalen für den heutigen Menschen ergibt, die ist ganz abhängig von dem, was sich im 15. Jahrhundert herausgebildet hat, denn vorher war gerade in bezug auf diese Dinge Europa überhaupt etwas anderes. Das, was heute die nationalen Gebilde sind, die sich in Staaten abkristallisieren, das rührt erst aus dem 15. Jahrhundert her. Und dasjenige, was in Europa vorher war, darf überhaupt nicht mit diesen nationalen Gebilden heute verglichen werden. Das müßte eben schon die geschichtliche Betrachtung der Vergangenheit den Menschen lehren.
[ 4 ] Vor allen Dingen betrachten die gegenwärtigen Menschen, und wahrhaftig nicht nur die Menschen der breiteren Kreise, sondern gerade maßgebende, sehr, sehr maßgebende Kreise betrachten dasjenige, was nationale Verhältnisse in Europa und überhaupt in der gebildeten Welt sind, so, als wenn diese nationalen Verhältnisse ewige Dinge wären. Das sind nicht ewige Dinge; sondern gerade jene Form des Empfindens, die sich zum Beispiel aus dem Nationalen für den heutigen Menschen ergibt, die ist ganz abhängig von dem, was sich im 15. Jahrhundert herausgebildet hat, denn vorher war gerade in bezug auf diese Dinge Europa überhaupt etwas anderes. Das, was heute die nationalen Gebilde sind, die sich in Staaten abkristallisieren, das rührt erst aus dem 15. Jahrhundert her. Und dasjenige, was in Europa vorher war, darf überhaupt nicht mit diesen nationalen Gebilden heute verglichen werden. Das müßte eben schon die geschichtliche Betrachtung der Vergangenheit den Menschen lehren.
[ 5 ] Wenn allerdings die Vergangenheit nicht hinter das 15. Jahrhundert zurückreicht, dann könnte es ja einmal passieren, daß jemand die Urteile, die man über die Gegenwart gewinnen kann, so ausspricht, als wenn sie ewige Verhältnisse wären. Wenn zum Beispiel ein Staatsgebilde, wie es solche Staatsgebilde in Europa vor dem 15. Jahrhundert gar nicht gegeben hat, hätte erst begründet werden können nach europäischen Gedanken auf einem Territorium, das für die europäischen Verhältnisse erst nach dem 15. Jahrhundert bekanntgeworden ist, das also nicht in dem Sinne eine Vergangenheit hat wie Europa, wo man also nur über ein paar Jahrhunderte denkt und das Denken dann für ewige Verhältnisse hält, wenn man mit einem solchen Denken Staatsideen etwa oder gar Völkerideen ausdenken sollte, dann müßten mindestens die Europäer wissen, daß solche Völkerideen unbedingt recht kurze Beine haben müssen.
[ 5 ] Wenn allerdings die Vergangenheit nicht hinter das 15. Jahrhundert zurückreicht, dann könnte es ja einmal passieren, daß jemand die Urteile, die man über die Gegenwart gewinnen kann, so ausspricht, als wenn sie ewige Verhältnisse wären. Wenn zum Beispiel ein Staatsgebilde, wie es solche Staatsgebilde in Europa vor dem 15. Jahrhundert gar nicht gegeben hat, hätte erst begründet werden können nach europäischen Gedanken auf einem Territorium, das für die europäischen Verhältnisse erst nach dem 15. Jahrhundert bekanntgeworden ist, das also nicht in dem Sinne eine Vergangenheit hat wie Europa, wo man also nur über ein paar Jahrhunderte denkt und das Denken dann für ewige Verhältnisse hält, wenn man mit einem solchen Denken Staatsideen etwa oder gar Völkerideen ausdenken sollte, dann müßten mindestens die Europäer wissen, daß solche Völkerideen unbedingt recht kurze Beine haben müssen.
[ 6 ] Im 15. Jahrhundert ist auch wiederum etwas eingetreten, das zusammenhängt mit dem, was ich für die Anfänge der christlichen Entwickelung in Europa, namentlich im weiten Römischen Reiche, anführen mußte. Ich führte dazumal an, daß das Römische Reich seinen Untergang gefunden hatte durch mancherlei Kräfte, aber wie unter die Kräfte auch diese zu zählen ist, daß ein unglaublich starker Goldabfluß nach dem Oriente stattgefunden hat, daß goldarm das weite Römische Reich geworden ist, goldarm. Nun kam das den Römern nicht zugute, die gewöhnt waren, in den Einrichtungen ihres Imperiums Gold zu brauchen, Gold brauchen mußten, und nun hatten sie eben keines. Das führte in die Dekadenz hinein.
[ 6 ] Im 15. Jahrhundert ist auch wiederum etwas eingetreten, das zusammenhängt mit dem, was ich für die Anfänge der christlichen Entwickelung in Europa, namentlich im weiten Römischen Reiche, anführen mußte. Ich führte dazumal an, daß das Römische Reich seinen Untergang gefunden hatte durch mancherlei Kräfte, aber wie unter die Kräfte auch diese zu zählen ist, daß ein unglaublich starker Goldabfluß nach dem Oriente stattgefunden hat, daß goldarm das weite Römische Reich geworden ist, goldarm. Nun kam das den Römern nicht zugute, die gewöhnt waren, in den Einrichtungen ihres Imperiums Gold zu brauchen, Gold brauchen mußten, und nun hatten sie eben keines. Das führte in die Dekadenz hinein.
[ 7 ] Den von Norden her anstürmenden Völkerschaften kam das aber zugute. Die waren durch die verschiedenen Verhältnisse, die wir das vorige Mal erwähnt haben, gerade auf die unmittelbare Naturalwirtschaft hin organisiert. Und das Eigentümliche ist, daß sich — trotzdem gewisse Eroberer, von denen wir ja gesprochen haben, sich über die Länder, die vorher Ruhe gehabt haben, hermachten — aus dem Zusammenleben der eroberten Menschen und der Eroberer herausgebildet hat eine gewisse Seßhaftigkeit. Diejenigen, die schon da waren in Europa, die haben ihre Scholle in gewissem Sinne geliebt, und diejenigen, die herangezogen waren, die suchten sich eine Scholle. Und so war aus jenem Ereignis, das man gewöhnlich die Völkerwanderung nennt, das entstanden, was man nennen kann: der Naturalwirtschaft gegenüber der Geldwirtschaft günstige Lebensverhältnisse.
[ 7 ] Den von Norden her anstürmenden Völkerschaften kam das aber zugute. Die waren durch die verschiedenen Verhältnisse, die wir das vorige Mal erwähnt haben, gerade auf die unmittelbare Naturalwirtschaft hin organisiert. Und das Eigentümliche ist, daß sich — trotzdem gewisse Eroberer, von denen wir ja gesprochen haben, sich über die Länder, die vorher Ruhe gehabt haben, hermachten — aus dem Zusammenleben der eroberten Menschen und der Eroberer herausgebildet hat eine gewisse Seßhaftigkeit. Diejenigen, die schon da waren in Europa, die haben ihre Scholle in gewissem Sinne geliebt, und diejenigen, die herangezogen waren, die suchten sich eine Scholle. Und so war aus jenem Ereignis, das man gewöhnlich die Völkerwanderung nennt, das entstanden, was man nennen kann: der Naturalwirtschaft gegenüber der Geldwirtschaft günstige Lebensverhältnisse.
[ 8 ] Europa war allmählich so geworden, daß die Karolinger in die Notwendigkeit versetzt waren, damit zu rechnen, die Verhältnisse so einzurichten, daß man gewissermaßen die großzügige Geldzirkulation entbehren konnte. Die Karolinger, schon die Merowinger, diese Herrschergeschlechter, sie bedeuteten ja für den inneren Gang der Ereignisse oftmals eigentlich nur dasjenige — wenn man es sachgemäß betrachten will —, was man Stunden- und Minutenzeiger der Uhr nennt. Man ist ja auch überzeugt, nicht wahr, daß nicht der Stunden- und Minutenzeiger einen zwingt, das und das zu tun, und dennoch tut man es; oder wenn man erzählt, so sagt man: Ich habe das um zwölf Uhr oder um ein Uhr getan. — Also es kommt bei der historischen Darstellung auf die Absicht an, die man damit verknüpft. Wenn ich dies sage, so meine ich die Zeit, die Lebensverhältnisse in dieser Zeit. Aber man muß sich bewußt sein, daß ein Mensch wie Karl der Große schon durch seine Persönlichkeit, durch sein äußeres Auftreten in Europa etwas bedeutete; denn die Dinge sind konkret verschieden. Ludwig der Fromme bedeutete natürlich nichts weiter. Und wenn sich Dramatiker finden, die Ludwigs des Frommen Familienzänkereien wie großartige Staatsaffären auffrisieren, so ist das ein Unfug, welcher kindliche Gemüter, die im Theater sitzen, interessieren kann; aber es hat nichts zu tun mit irgendeiner «Geschichte», steht weltenfern irgendeiner wirklichen Geschichte.
[ 8 ] Europa war allmählich so geworden, daß die Karolinger in die Notwendigkeit versetzt waren, damit zu rechnen, die Verhältnisse so einzurichten, daß man gewissermaßen die großzügige Geldzirkulation entbehren konnte. Die Karolinger, schon die Merowinger, diese Herrschergeschlechter, sie bedeuteten ja für den inneren Gang der Ereignisse oftmals eigentlich nur dasjenige — wenn man es sachgemäß betrachten will —, was man Stunden- und Minutenzeiger der Uhr nennt. Man ist ja auch überzeugt, nicht wahr, daß nicht der Stunden- und Minutenzeiger einen zwingt, das und das zu tun, und dennoch tut man es; oder wenn man erzählt, so sagt man: Ich habe das um zwölf Uhr oder um ein Uhr getan. — Also es kommt bei der historischen Darstellung auf die Absicht an, die man damit verknüpft. Wenn ich dies sage, so meine ich die Zeit, die Lebensverhältnisse in dieser Zeit. Aber man muß sich bewußt sein, daß ein Mensch wie Karl der Große schon durch seine Persönlichkeit, durch sein äußeres Auftreten in Europa etwas bedeutete; denn die Dinge sind konkret verschieden. Ludwig der Fromme bedeutete natürlich nichts weiter. Und wenn sich Dramatiker finden, die Ludwigs des Frommen Familienzänkereien wie großartige Staatsaffären auffrisieren, so ist das ein Unfug, welcher kindliche Gemüter, die im Theater sitzen, interessieren kann; aber es hat nichts zu tun mit irgendeiner «Geschichte», steht weltenfern irgendeiner wirklichen Geschichte.
[ 9 ] Anders ist es, wenn man das Tonangebende Karls des Großen nimmt und dann absieht jetzt von den Kleineren, die dann nachkamen manchmal sind sie ja schon durch die in solchen Kreisen beliebten Beiwörter sonderbar charakterisiert; die Geschichte weist da sonderbare Beiwörter auf: «der Einfältige», «der Dicke», was ja, nicht wahr, nicht gerade für weltgeschichtlich Epochemachendes bedeutungsvoll erscheint. Aber ein gewisser Ton, eine gewisse Tendenz lag doch im Karolingertum, und diese Tendenz, die hatte eine viel breitere Wirkung, als vielleicht seit dem 15. Jahrhundert überhaupt die Tendenz irgendeines persönlichen Zentrums haben kann. Man lebte eben im Mittelalter in einer Zeit, in welcher die Persönlichkeit noch einen weit größeren Wert, eine weit größere Bedeutung hat, als sie später hatte. Nun, diese Karolinger, sie hatten also damit zu rechnen, daß sich aus dem Konglomerat der Völkerwanderung allmählich herausgebildet hatte seßhafte Menschheit über Europa hin. Dieses Seßhafte, das ja ganz besonders charakteristisch zum Ausdruck gekommen ist bei den Sachsen in Mitteleuropa und bei ihrer Deszendenz, die dann nach England, nach der britischen Insel hinübergekommen ist, sie war ein allgemeiner Charakterzug der germanischen Völker — ich meine in dieser Zeit, in der Karolingerzeit, nachdem die Völkerwanderung abgeflaut war. Seßhaftigkeit, verbunden mit Angewiesensein auf dasjenige, was unmittelbar auf dem Boden produziert wird, also eine Bauernbevölkerung, administriert von dem Grafen in der Weise, wie ich das neulich auseinandergesetzt habe, administriert von den Geistlichen, eine Bevölkerung im Umkreis der Städte, administriert von den Bischofssitzen in den Städten; aber eine Bevölkerung, die in bezug auf die Produktion des Ackerbaues, in bezug auf die Produktion im Gewerbe seßhaft war und etwas hielt auf den Ort, mit dem sie zusammen war, weil die Lebensverhältnisse sie mit diesem Orte im Zusammenhang hielten. Gewiß, es fing schon an, daß sich Handelsverhältnisse entwickelten, aber diese mehr gegen die Küstengegenden zu. In den Gegenden, die vor allen Dingen für das mittelalterliche Leben in Betracht kommen, da hatte man es mit Seßhaftigkeit zu tun. Und die Folge davon war, daß man nicht in der Lage war, so zu verwalten, so zu administrieren, wie man das im römischen Imperium gewöhnt war. Man hatte zwar traditionell übernommen, gelernt von den Leuten, die gebildet waren, die wußten, was im Römischen Reiche Sitte war, man hatte übernommen: dieses oder jenes zu tun, man hat es so und so zu verwalten im Römischen Reich, und das hat sich herausgestellt als richtig. Aber das war nicht anwendbar auf die Verhältnisse, die sich da herausgebildet hatten über ganz Europa hin. Es war nicht anwendbar, weil das ganze römische Imperium, nachdem es einmal eine bestimmte Größe erlangt hatte, eigentlich aufgebaut war auf dem Heereswesen des römischen Imperiums, auf das Kriegswesen des römischen Imperiums. Das römische Imperium ist nicht denkbar in seiner Größe ohne die Möglichkeit, überallhin bis in die Peripherie die Soldaten zu schicken. Die Soldaten mußten abgelöhnt werden.
[ 9 ] Anders ist es, wenn man das Tonangebende Karls des Großen nimmt und dann absieht jetzt von den Kleineren, die dann nachkamen manchmal sind sie ja schon durch die in solchen Kreisen beliebten Beiwörter sonderbar charakterisiert; die Geschichte weist da sonderbare Beiwörter auf: «der Einfältige», «der Dicke», was ja, nicht wahr, nicht gerade für weltgeschichtlich Epochemachendes bedeutungsvoll erscheint. Aber ein gewisser Ton, eine gewisse Tendenz lag doch im Karolingertum, und diese Tendenz, die hatte eine viel breitere Wirkung, als vielleicht seit dem 15. Jahrhundert überhaupt die Tendenz irgendeines persönlichen Zentrums haben kann. Man lebte eben im Mittelalter in einer Zeit, in welcher die Persönlichkeit noch einen weit größeren Wert, eine weit größere Bedeutung hat, als sie später hatte. Nun, diese Karolinger, sie hatten also damit zu rechnen, daß sich aus dem Konglomerat der Völkerwanderung allmählich herausgebildet hatte seßhafte Menschheit über Europa hin. Dieses Seßhafte, das ja ganz besonders charakteristisch zum Ausdruck gekommen ist bei den Sachsen in Mitteleuropa und bei ihrer Deszendenz, die dann nach England, nach der britischen Insel hinübergekommen ist, sie war ein allgemeiner Charakterzug der germanischen Völker — ich meine in dieser Zeit, in der Karolingerzeit, nachdem die Völkerwanderung abgeflaut war. Seßhaftigkeit, verbunden mit Angewiesensein auf dasjenige, was unmittelbar auf dem Boden produziert wird, also eine Bauernbevölkerung, administriert von dem Grafen in der Weise, wie ich das neulich auseinandergesetzt habe, administriert von den Geistlichen, eine Bevölkerung im Umkreis der Städte, administriert von den Bischofssitzen in den Städten; aber eine Bevölkerung, die in bezug auf die Produktion des Ackerbaues, in bezug auf die Produktion im Gewerbe seßhaft war und etwas hielt auf den Ort, mit dem sie zusammen war, weil die Lebensverhältnisse sie mit diesem Orte im Zusammenhang hielten. Gewiß, es fing schon an, daß sich Handelsverhältnisse entwickelten, aber diese mehr gegen die Küstengegenden zu. In den Gegenden, die vor allen Dingen für das mittelalterliche Leben in Betracht kommen, da hatte man es mit Seßhaftigkeit zu tun. Und die Folge davon war, daß man nicht in der Lage war, so zu verwalten, so zu administrieren, wie man das im römischen Imperium gewöhnt war. Man hatte zwar traditionell übernommen, gelernt von den Leuten, die gebildet waren, die wußten, was im Römischen Reiche Sitte war, man hatte übernommen: dieses oder jenes zu tun, man hat es so und so zu verwalten im Römischen Reich, und das hat sich herausgestellt als richtig. Aber das war nicht anwendbar auf die Verhältnisse, die sich da herausgebildet hatten über ganz Europa hin. Es war nicht anwendbar, weil das ganze römische Imperium, nachdem es einmal eine bestimmte Größe erlangt hatte, eigentlich aufgebaut war auf dem Heereswesen des römischen Imperiums, auf das Kriegswesen des römischen Imperiums. Das römische Imperium ist nicht denkbar in seiner Größe ohne die Möglichkeit, überallhin bis in die Peripherie die Soldaten zu schicken. Die Soldaten mußten abgelöhnt werden.
[ 10 ] Ich habe schon das letzte Mal erwähnt, daß dazu eben die Goldzirkulation notwendig war. Und als die Goldzirkulation abflaute, da ging es nicht mehr. Und während sich diese Verhältnisse herausbildeten, während sich ein Imperium herausbildete, das ganz darauf angewiesen war, seinen inneren Halt, die Möglichkeit seiner inneren Vergrößerung, die Möglichkeit, sich zu administrieren, zu entwickeln, bildeten sich alle Anschauungen so aus, daß man in diesen Anschauungen eben alles auf das Heereswesen aufgebaut hatte. So hätte man ja sagen können zur Karolingerzeit: Ich stelle mir jemanden an, der bekannt ist mit der Administrationstechnik, mit der Rechtstechnik des römischen Imperiums. — Denn die war ihnen geblieben. Aber es half einem nicht viel, weil man dasjenige, was auf das Legionenwesen gebaut war an administrativer Kunst, nicht anwenden konnte da, wo man es über ganz Europa hin und jetzt auch bis nach Italien hinein — denn diese Verhältnisse hatten sich für alles ausgebildet — anwenden sollte, wo man es zu tun hatte mit seßhaften Bauern. Denn in diesem Momente, wo man die Bauern oder diejenigen, die sich zunächst auch niederließen als Gutsherren und nur eben große Bauern waren, gezwungen hätte, Legionen zu bilden, wie es im Römischen Reich der Fall war, dann hätte man ihnen die Lebensbedingungen entzogen. Unter solcher Geldwirtschaft, wie sie im Römischen Reiche war, konnte man die Legionen überall hinschicken. Aber die Verhältnisse hatten sich allmählich innerhalb Europas so ausgebildet, daß, wenn man es genauso hätte machen wollen wie im Römischen Reiche, wenn der Bauer hätte in den Krieg ziehen sollen, oder der Gutsherr als Graf die Bauern im Kriege an führen, diese all ihre Äcker auf den Buckel hätten nehmen müssen — was man ja bekanntlich nicht kann.
[ 10 ] Ich habe schon das letzte Mal erwähnt, daß dazu eben die Goldzirkulation notwendig war. Und als die Goldzirkulation abflaute, da ging es nicht mehr. Und während sich diese Verhältnisse herausbildeten, während sich ein Imperium herausbildete, das ganz darauf angewiesen war, seinen inneren Halt, die Möglichkeit seiner inneren Vergrößerung, die Möglichkeit, sich zu administrieren, zu entwickeln, bildeten sich alle Anschauungen so aus, daß man in diesen Anschauungen eben alles auf das Heereswesen aufgebaut hatte. So hätte man ja sagen können zur Karolingerzeit: Ich stelle mir jemanden an, der bekannt ist mit der Administrationstechnik, mit der Rechtstechnik des römischen Imperiums. — Denn die war ihnen geblieben. Aber es half einem nicht viel, weil man dasjenige, was auf das Legionenwesen gebaut war an administrativer Kunst, nicht anwenden konnte da, wo man es über ganz Europa hin und jetzt auch bis nach Italien hinein — denn diese Verhältnisse hatten sich für alles ausgebildet — anwenden sollte, wo man es zu tun hatte mit seßhaften Bauern. Denn in diesem Momente, wo man die Bauern oder diejenigen, die sich zunächst auch niederließen als Gutsherren und nur eben große Bauern waren, gezwungen hätte, Legionen zu bilden, wie es im Römischen Reich der Fall war, dann hätte man ihnen die Lebensbedingungen entzogen. Unter solcher Geldwirtschaft, wie sie im Römischen Reiche war, konnte man die Legionen überall hinschicken. Aber die Verhältnisse hatten sich allmählich innerhalb Europas so ausgebildet, daß, wenn man es genauso hätte machen wollen wie im Römischen Reiche, wenn der Bauer hätte in den Krieg ziehen sollen, oder der Gutsherr als Graf die Bauern im Kriege an führen, diese all ihre Äcker auf den Buckel hätten nehmen müssen — was man ja bekanntlich nicht kann.
[ 11 ] Das hatte zur Folge, da man eben doch Bewegung unter den Völkern brauchte, daß sich allmählich herausbilden mußte etwas ganz anderes, ein Element, das nun nicht so ist wie das Legionenwesen im römischen Imperium. Und dieses Element, das sich da herausbildete, das kam auf die folgende Weise zustande. Es kam so zustande, daß — ich rede jetzt von den Jahrhunderten, die auf die Karolingerzeit folgten, denn dasjenige, was ich erzähle, das geschah eben im Laufe von Jahrhunderten —, daß allmählich einzelne, die Gutsbesitzer waren, solche Leute heranzogen, die in ihre speziellen Dienste traten, die von ihnen abhängig wurden. Das waren zumeist solche, die nun überzählig waren im weiten Feld der Naturalwirtschaft. Und diese Leute, die überzählig waren im Felde der Naturalwirtschaft, die konnte man um sich scharen, wenn man Kriegszüge und Heereszüge unternehmen wollte. Diese Leute, die entweder überzählig waren durch Überbevölkerung da oder dort, oder welche dadurch überzählig waren, daß sie sich die Arbeit von andern besorgen ließen, diese waren nun diejenigen Menschen, aus denen sich allmählich über ganz Europa hin das rekrutierte, was nun geschildert wird vom Mittelalter herauf als Ritterschaft; Ritterschaft — im wesentlichen das, was man nennen könnte «Qualitätskrieger», Leute, die den Krieg zu ihrem Handwerk machten, die also das, was sie im Dienste dieses oder jenes Herren taten, um dieses Handwerkes willen ausführten. Mit der Ritterschaft entwickelte sich also zugleich ein besonderes Kriegsvolk heraus, das ein besonderer Stand wurde über ganz Europa hin.
[ 11 ] Das hatte zur Folge, da man eben doch Bewegung unter den Völkern brauchte, daß sich allmählich herausbilden mußte etwas ganz anderes, ein Element, das nun nicht so ist wie das Legionenwesen im römischen Imperium. Und dieses Element, das sich da herausbildete, das kam auf die folgende Weise zustande. Es kam so zustande, daß — ich rede jetzt von den Jahrhunderten, die auf die Karolingerzeit folgten, denn dasjenige, was ich erzähle, das geschah eben im Laufe von Jahrhunderten —, daß allmählich einzelne, die Gutsbesitzer waren, solche Leute heranzogen, die in ihre speziellen Dienste traten, die von ihnen abhängig wurden. Das waren zumeist solche, die nun überzählig waren im weiten Feld der Naturalwirtschaft. Und diese Leute, die überzählig waren im Felde der Naturalwirtschaft, die konnte man um sich scharen, wenn man Kriegszüge und Heereszüge unternehmen wollte. Diese Leute, die entweder überzählig waren durch Überbevölkerung da oder dort, oder welche dadurch überzählig waren, daß sie sich die Arbeit von andern besorgen ließen, diese waren nun diejenigen Menschen, aus denen sich allmählich über ganz Europa hin das rekrutierte, was nun geschildert wird vom Mittelalter herauf als Ritterschaft; Ritterschaft — im wesentlichen das, was man nennen könnte «Qualitätskrieger», Leute, die den Krieg zu ihrem Handwerk machten, die also das, was sie im Dienste dieses oder jenes Herren taten, um dieses Handwerkes willen ausführten. Mit der Ritterschaft entwickelte sich also zugleich ein besonderes Kriegsvolk heraus, das ein besonderer Stand wurde über ganz Europa hin.
[ 12 ] Und dadurch war etwas anderes als eine notwendige Folge gegeben: es war gegeben, daß gewissermaßen zwei Interessenkreise vorhanden waren. Wenn man diese zwei Interessenkreise nicht ins ‚Auge faßt, versteht man das Mittelalter nicht. Da waren die weiten Interessenkreise derjenigen, denen es eigentlich absolut gleichgültig war, ob diese Ritter oder ihre Anführer das oder jenes unternahmen, die nichts anderes wollten als ihre Scholle bebauen und in der nächsten Umgebung ihren Handel treiben, ihr Gewerbe ausüben. Dieses Interesse, das allmählich auch die Gesinnung heraufbrachte in Europa, die zur Zeit der Völkerwanderung noch nicht vorhanden war, die einem dann später entgegentritt namentlich im Handwerk der Städte: die bürgerliche Gesinnung. Diese verbreitete sich innerhalb der einen Schichte der Bevölkerung, und die ritterliche Gesinnung, welche auf den Qualitätskrieger begründet war, die ging parallel, aber ganz nebenher neben der andern Gesinnung.
[ 12 ] Und dadurch war etwas anderes als eine notwendige Folge gegeben: es war gegeben, daß gewissermaßen zwei Interessenkreise vorhanden waren. Wenn man diese zwei Interessenkreise nicht ins ‚Auge faßt, versteht man das Mittelalter nicht. Da waren die weiten Interessenkreise derjenigen, denen es eigentlich absolut gleichgültig war, ob diese Ritter oder ihre Anführer das oder jenes unternahmen, die nichts anderes wollten als ihre Scholle bebauen und in der nächsten Umgebung ihren Handel treiben, ihr Gewerbe ausüben. Dieses Interesse, das allmählich auch die Gesinnung heraufbrachte in Europa, die zur Zeit der Völkerwanderung noch nicht vorhanden war, die einem dann später entgegentritt namentlich im Handwerk der Städte: die bürgerliche Gesinnung. Diese verbreitete sich innerhalb der einen Schichte der Bevölkerung, und die ritterliche Gesinnung, welche auf den Qualitätskrieger begründet war, die ging parallel, aber ganz nebenher neben der andern Gesinnung.
[ 13 ] Damit haben Sie ein Beispiel gegeben — wenn man die Weltgeschichte richtig betrachtet, so findet man solche Dinge überall, nur in anderer Form —, da haben Sie aber ein solches Beispiel gegeben, wie sich verschiedene Stände herausbilden aus gewissen konkreten Notwendigkeiten, die im Laufe der Zeit auftreten. Damit aber war eine Diskrepanz eingetreten. Diejenigen, die sich allmählich durch die Verhältnisse aufschwangen — nicht wahr, ich kann nicht alles erzählen, ich kann nur aphoristische Bemerkungen geben —, schwangen sich eben auf von einer Gutsherrschaft, indem sie sich nach und nach die Umgebung abhängig machten. Das ganze Wesen der Merowinger kam ja auf keine andere Weise zustande, als daß große Gutsherren ihre Netze weiter ausstreckten, mehr Leute abhängig gemacht haben; denn wenn heute in der Geschichte von einem Merowinger-«Staat» die Rede ist, so ist das geradezu demgegenüber ein Blech! Das, was wir heute Staat nennen, beginnt erst nach dem 15. Jahrhundert.
[ 13 ] Damit haben Sie ein Beispiel gegeben — wenn man die Weltgeschichte richtig betrachtet, so findet man solche Dinge überall, nur in anderer Form —, da haben Sie aber ein solches Beispiel gegeben, wie sich verschiedene Stände herausbilden aus gewissen konkreten Notwendigkeiten, die im Laufe der Zeit auftreten. Damit aber war eine Diskrepanz eingetreten. Diejenigen, die sich allmählich durch die Verhältnisse aufschwangen — nicht wahr, ich kann nicht alles erzählen, ich kann nur aphoristische Bemerkungen geben —, schwangen sich eben auf von einer Gutsherrschaft, indem sie sich nach und nach die Umgebung abhängig machten. Das ganze Wesen der Merowinger kam ja auf keine andere Weise zustande, als daß große Gutsherren ihre Netze weiter ausstreckten, mehr Leute abhängig gemacht haben; denn wenn heute in der Geschichte von einem Merowinger-«Staat» die Rede ist, so ist das geradezu demgegenüber ein Blech! Das, was wir heute Staat nennen, beginnt erst nach dem 15. Jahrhundert.
[ 14 ] Die Merowinger, die sich aufschwangen, hatten gewissermaßen zunächst nur zu rechnen mit den Menschen, die auf diese Weise als ritterliche Bevölkerung, gewissermaßen als die Überzähligen sich ihnen angeschlossen hatten, ihre Abenteuer mitmachten, und sie hatten fortwährend, weil ja doch das Territorium ein gemeinsames war, die andern Interessenkreise entweder gegen sich, oder sie hatten sie neben sich so, daß sie mit ihnen nichts Rechtes anzufangen wußten. Von einem wirklichen Umfassen, einer staatlichen Administration etwa, die in alle Lebensverhältnisse hineingreift, kann in der damaligen Zeit gar nicht die Rede sein. Wenn man von Fürsten redet für die damalige Zeit, so haben diese Fürsten im Grunde nur irgendeinen Einfluß auf diejenigen, die sich ihnen angeschlossen haben. Derjenige, der auf seiner Scholle saß, betrachtete sich als der selbständige Herr auf seiner Scholle und kümmerte sich — wenn ich den trivialen Ausdruck gebrauchen darf — seiner Gesinnung nach einen blauen Teufel um denjenigen, der da mitherrschen wollte. Der tut, was er will.
[ 14 ] Die Merowinger, die sich aufschwangen, hatten gewissermaßen zunächst nur zu rechnen mit den Menschen, die auf diese Weise als ritterliche Bevölkerung, gewissermaßen als die Überzähligen sich ihnen angeschlossen hatten, ihre Abenteuer mitmachten, und sie hatten fortwährend, weil ja doch das Territorium ein gemeinsames war, die andern Interessenkreise entweder gegen sich, oder sie hatten sie neben sich so, daß sie mit ihnen nichts Rechtes anzufangen wußten. Von einem wirklichen Umfassen, einer staatlichen Administration etwa, die in alle Lebensverhältnisse hineingreift, kann in der damaligen Zeit gar nicht die Rede sein. Wenn man von Fürsten redet für die damalige Zeit, so haben diese Fürsten im Grunde nur irgendeinen Einfluß auf diejenigen, die sich ihnen angeschlossen haben. Derjenige, der auf seiner Scholle saß, betrachtete sich als der selbständige Herr auf seiner Scholle und kümmerte sich — wenn ich den trivialen Ausdruck gebrauchen darf — seiner Gesinnung nach einen blauen Teufel um denjenigen, der da mitherrschen wollte. Der tut, was er will.
[ 15 ] Man darf nicht, wenn man in die Zeit Ludwigs des Frommen zurückgeht, die Geschichte heute so lesen, als ob das, was ihm als «Reich» zugeschrieben wird, in einem solchen Verhältnisse ihm zuzuschreiben wäre, soi-disant zu seiner Regierung gestanden war, wie heute ein Staat zu seiner Regierung steht. Das ist gar nicht der Fall. Diese Dinge müssen schon konkret betrachtet werden. Und so kann man sagen, daß sich herausgestellt haben ständige, verschiedenartige, stark differenzierte Interessenkreise. Das muß man ganz besonders in Betracht ziehen, weil aus diesen Dingen das geschichtliche Leben des Mittelalters überhaupt hervorgeht.
[ 15 ] Man darf nicht, wenn man in die Zeit Ludwigs des Frommen zurückgeht, die Geschichte heute so lesen, als ob das, was ihm als «Reich» zugeschrieben wird, in einem solchen Verhältnisse ihm zuzuschreiben wäre, soi-disant zu seiner Regierung gestanden war, wie heute ein Staat zu seiner Regierung steht. Das ist gar nicht der Fall. Diese Dinge müssen schon konkret betrachtet werden. Und so kann man sagen, daß sich herausgestellt haben ständige, verschiedenartige, stark differenzierte Interessenkreise. Das muß man ganz besonders in Betracht ziehen, weil aus diesen Dingen das geschichtliche Leben des Mittelalters überhaupt hervorgeht.
[ 16 ] Nun sagte ich: Bemerkenswert ist das 15. Jahrhundert aus dem Grunde, weil im 15. Jahrhundert nach und nach wiederum, namentlich durch die natürliche Erschließung von Bergwerken und dergleichen, in Europa das Gold aufgetreten ist, später durch die Entdeckungsfahrten; so daß seit dem 15. Jahrhundert Verhältnisse eingetreten sind, die schon dadurch grundverschieden sind von den vorhergehenden, daß dann wiederum das Gold aufgetreten ist. Und dieses 15. Jahrhundert, das wir auch das Zeitalter des Christian Rosen‚kreutz nennen können, ist deshalb dasjenige, durch das man wiederum in Europa in die Geldwirtschaft segelte. Da ist auch in dieser Beziehung ein mächtiger Einschnitt. Die letzten Zeiten des vierten nachatlantischen Zeitraums waren in Europa die geldlosen, diejenigen der Naturalwirtschaft. Das ist das, was man ins Auge fassen muß. Und nun entwickelte sich während dieser Zeit durch alle Löcher desjenigen hindurch, was ich geschildert habe, das, was dann vom 15. Jahrhundert ab bewirkte, daß die Verhältnisse allmählich so geworden sind, daß wir jetzt von kompakten Nationalitäten, die nach Staaten abgetrennt sind, sprechen können.
[ 16 ] Nun sagte ich: Bemerkenswert ist das 15. Jahrhundert aus dem Grunde, weil im 15. Jahrhundert nach und nach wiederum, namentlich durch die natürliche Erschließung von Bergwerken und dergleichen, in Europa das Gold aufgetreten ist, später durch die Entdeckungsfahrten; so daß seit dem 15. Jahrhundert Verhältnisse eingetreten sind, die schon dadurch grundverschieden sind von den vorhergehenden, daß dann wiederum das Gold aufgetreten ist. Und dieses 15. Jahrhundert, das wir auch das Zeitalter des Christian Rosen‚kreutz nennen können, ist deshalb dasjenige, durch das man wiederum in Europa in die Geldwirtschaft segelte. Da ist auch in dieser Beziehung ein mächtiger Einschnitt. Die letzten Zeiten des vierten nachatlantischen Zeitraums waren in Europa die geldlosen, diejenigen der Naturalwirtschaft. Das ist das, was man ins Auge fassen muß. Und nun entwickelte sich während dieser Zeit durch alle Löcher desjenigen hindurch, was ich geschildert habe, das, was dann vom 15. Jahrhundert ab bewirkte, daß die Verhältnisse allmählich so geworden sind, daß wir jetzt von kompakten Nationalitäten, die nach Staaten abgetrennt sind, sprechen können.
[ 17 ] Von einem solchen Gegensatz zwischen Deutschen und Franzosen zu sprechen, wie man das seit dem 15. Jahrhundert kann, ist für die Zeit bis zum 15. Jahrhundert noch ganz unmöglich, ist sogar sinnlos. Es hat sich gerade, was man französische Nation nennen kann, ganz langsam und allmählich erst gebildet. Gewiß, es waren die Franken unterschieden von den Sachsen; aber der fränkische Charakter war von dem sächsischen nicht mehr verschieden, als ich das letzte Mal geschildert habe. Es waren Stammesunterschiede, keine Volks- oder gar nationalen Unterschiede, keine größeren Unterschiede, als sie heute etwa sind zwischen Preußen und Bayern, vielleicht sogar ein geringerer Unterschied in vieler Beziehung.
[ 17 ] Von einem solchen Gegensatz zwischen Deutschen und Franzosen zu sprechen, wie man das seit dem 15. Jahrhundert kann, ist für die Zeit bis zum 15. Jahrhundert noch ganz unmöglich, ist sogar sinnlos. Es hat sich gerade, was man französische Nation nennen kann, ganz langsam und allmählich erst gebildet. Gewiß, es waren die Franken unterschieden von den Sachsen; aber der fränkische Charakter war von dem sächsischen nicht mehr verschieden, als ich das letzte Mal geschildert habe. Es waren Stammesunterschiede, keine Volks- oder gar nationalen Unterschiede, keine größeren Unterschiede, als sie heute etwa sind zwischen Preußen und Bayern, vielleicht sogar ein geringerer Unterschied in vieler Beziehung.
[ 18 ] Alles, was sich da entwickelt hatte, das hängt aber noch zusammen mit den Verhältnissen, die wir eben geschildert haben. Denn das, was dann französisches Königtum wurde, ging wirklich aus grundbesitzerischen Verhältnissen hervor. Und der große Unterschied in der Bildung der geschlossenen französischen Nationalität und der nach jeder Richtung offenen, sogenannten deutschen Nationalität in der Mitte von Europa beruht im wesentlichen darauf, daß die französischen Mitglieder der Merowinger, Karolinger und so weiter zunächst durch den Stammescharakter in leichterer Weise die Differenzen zwischen sich und den andern glätten konnten; sie kamen leichter aus mit den widerstrebenden Elementen. Denn aus alldem, was ich geschildert habe, bildete sich das heraus, daß zunächst die Leute, die an der Scholle ansässig waren, die Seßhaften überhaupt, auf nichts eingehen wollten, nirgends den Geßlerhut grüßten. Das war schon so Sitte über ganz Europa hin: nirgends den Geßlerhut zu grüßen.
[ 18 ] Alles, was sich da entwickelt hatte, das hängt aber noch zusammen mit den Verhältnissen, die wir eben geschildert haben. Denn das, was dann französisches Königtum wurde, ging wirklich aus grundbesitzerischen Verhältnissen hervor. Und der große Unterschied in der Bildung der geschlossenen französischen Nationalität und der nach jeder Richtung offenen, sogenannten deutschen Nationalität in der Mitte von Europa beruht im wesentlichen darauf, daß die französischen Mitglieder der Merowinger, Karolinger und so weiter zunächst durch den Stammescharakter in leichterer Weise die Differenzen zwischen sich und den andern glätten konnten; sie kamen leichter aus mit den widerstrebenden Elementen. Denn aus alldem, was ich geschildert habe, bildete sich das heraus, daß zunächst die Leute, die an der Scholle ansässig waren, die Seßhaften überhaupt, auf nichts eingehen wollten, nirgends den Geßlerhut grüßten. Das war schon so Sitte über ganz Europa hin: nirgends den Geßlerhut zu grüßen.
[ 19 ] Aber auch diejenigen, die Ritter geworden sind, suchten ja allmählich wiederum da oder dort seßhaft zu werden. Die waren natürlich auch nach und nach, nachdem sie zunächst eine bestimmte Stellung unter dem Schutze dieses oder jenes Lehnsherren, das heißt Fürsten, erlangt hatten, sehr geneigt, sich wiederum selbständig zu machen. Warum sollte man denn nicht auch so mächtig sein wie der, unter dessen Schutze man mächtig geworden ist?
[ 19 ] Aber auch diejenigen, die Ritter geworden sind, suchten ja allmählich wiederum da oder dort seßhaft zu werden. Die waren natürlich auch nach und nach, nachdem sie zunächst eine bestimmte Stellung unter dem Schutze dieses oder jenes Lehnsherren, das heißt Fürsten, erlangt hatten, sehr geneigt, sich wiederum selbständig zu machen. Warum sollte man denn nicht auch so mächtig sein wie der, unter dessen Schutze man mächtig geworden ist?
[ 20 ] Das aber bedingt, daß derjenige, der so etwas wie ein Herrscher war, es bald mit widerspenstigen Elementen zu tun hatte. Und die Zeit des 9., 10., 11., 12., 13., 14. Jahrhunderts entwickelte sich im wesentlichen so, daß es ein fortwährendes Kämpfen war zwischen den widerstrebenden Elementen und denjenigen, die sie beherrschen wollten. Was sich herausgebildet hatte aus den Konsequenzen der Völkerwanderung, das war nicht so einfach schnell in irgendeine Abstraktionsform hineinzukriegen.
[ 20 ] Das aber bedingt, daß derjenige, der so etwas wie ein Herrscher war, es bald mit widerspenstigen Elementen zu tun hatte. Und die Zeit des 9., 10., 11., 12., 13., 14. Jahrhunderts entwickelte sich im wesentlichen so, daß es ein fortwährendes Kämpfen war zwischen den widerstrebenden Elementen und denjenigen, die sie beherrschen wollten. Was sich herausgebildet hatte aus den Konsequenzen der Völkerwanderung, das war nicht so einfach schnell in irgendeine Abstraktionsform hineinzukriegen.
[ 21 ] Maan frägt sich nun: Wie kommt es denn eigentlich, daß sich in dem, was später Frankreich geworden ist, verhältnismäßig am frühesten eine geschlossene Nationalität herausbilden konnte? Dies ist für den historischen Betrachter in gewissem Sinne eine Art von Rätsel, das einem zunächst vor Augen tritt, und man muß versuchen, ein solches Rätsel zu lösen. Denn mit der allgemeinen Redensart: Auf diese oder jene Weise bilden sich Nationen heraus — kommt man nicht aus. Auf jedem Fleck Erde bildet sich das, was Nation ist, wenn man es auch später gleich benennt, auf eine andere Weise aus. Man frägt sich: Wie ist es geschehen, daß von der Merowingerzeit ab bis in das 15. Jahrhundert diese kompakte französische Nation sich bilden konnte?
[ 21 ] Maan frägt sich nun: Wie kommt es denn eigentlich, daß sich in dem, was später Frankreich geworden ist, verhältnismäßig am frühesten eine geschlossene Nationalität herausbilden konnte? Dies ist für den historischen Betrachter in gewissem Sinne eine Art von Rätsel, das einem zunächst vor Augen tritt, und man muß versuchen, ein solches Rätsel zu lösen. Denn mit der allgemeinen Redensart: Auf diese oder jene Weise bilden sich Nationen heraus — kommt man nicht aus. Auf jedem Fleck Erde bildet sich das, was Nation ist, wenn man es auch später gleich benennt, auf eine andere Weise aus. Man frägt sich: Wie ist es geschehen, daß von der Merowingerzeit ab bis in das 15. Jahrhundert diese kompakte französische Nation sich bilden konnte?
[ 22 ] Nun hängt das allerdings noch zusammen mit etwas früheren Verhältnissen. Noch als das römische Imperium mächtig war, wurden weniger nach Mitteldeutschland als nach dem späteren Frankreich Bewohner, Persönlichkeiten des römischen Imperiums versetzt. Die westlichen Gegenden Europas sind eigentlich sehr, sehr durchsetzt worden schon zur Zeit des Römischen Reiches mit romanischen Elementen. Und ich sagte, durch die Lücken dieser Verhältnisse drang manches hinein. Alles andere ist im Grunde genommen im heutigen Frankreich nicht anders in diesen Jahrhunderten, aber das ist anders: hineingeschoben zwischen die andere Bevölkerung waren viele romanische Elemente, romanische Persönlichkeiten mit romanischen Anschauungen, mit romanischen Interessen, mit romanischen Neigungen, Überbleibsel des alten römischen Imperiums. Und auf den Schwingen des alten römischen Imperiums hatte sich ja das Christentum allmählich verfrachtet, könnte man sagen, über die europäischen Verhältnisse.
[ 22 ] Nun hängt das allerdings noch zusammen mit etwas früheren Verhältnissen. Noch als das römische Imperium mächtig war, wurden weniger nach Mitteldeutschland als nach dem späteren Frankreich Bewohner, Persönlichkeiten des römischen Imperiums versetzt. Die westlichen Gegenden Europas sind eigentlich sehr, sehr durchsetzt worden schon zur Zeit des Römischen Reiches mit romanischen Elementen. Und ich sagte, durch die Lücken dieser Verhältnisse drang manches hinein. Alles andere ist im Grunde genommen im heutigen Frankreich nicht anders in diesen Jahrhunderten, aber das ist anders: hineingeschoben zwischen die andere Bevölkerung waren viele romanische Elemente, romanische Persönlichkeiten mit romanischen Anschauungen, mit romanischen Interessen, mit romanischen Neigungen, Überbleibsel des alten römischen Imperiums. Und auf den Schwingen des alten römischen Imperiums hatte sich ja das Christentum allmählich verfrachtet, könnte man sagen, über die europäischen Verhältnisse.
[ 23 ] Nach Frankreich ist das Christentum mit dem Romanentum gekommen, ist so gekommen, wie es auch im Römischen Reiche selber seinen Einzug gehalten hat. Und es war daher von einem gewissen Vorteil auf diesem Gebiete, wenn diejenigen, die da herrschen wollten, sich an das hielten, was als römisches Überbleibsel da war. Denn die seßhaften Leute und die Ritter, die hatten alle eine Eigenschaft, die sie, wenn noch andere da waren, welche anders geartet waren, nicht recht zum Administrieren, zum Verwalten geeignet erscheinen ließen. Wenn man, wie in Mitteleuropa, lange niemanden hatte als solche Leute, so mußte man natürlich diese Leute verwenden. Nicht wahr, da machte man es eben in Mitteleuropa so: Da kamen die Leute eines bestimmten Gebietes durch rein mündliche Abmachungen zusammen und es wurde von Zeit zu Zeit das veranstaltet, was man ein Thing nannte. Und da besprach man, noch mit Vorstellungen, die alle aus dem atavistischen Hellschen waren, wie man den einen oder den andern zu bestrafen hätte, der etwas ausgefressen hatte. Das wurde mündlich abgemacht, und das war eigentlich über die Gegenden Mitteleuropas ziemlich üblich, diese Dinge mündlich abzumachen. Geschrieben wurde da wenig, weil eben seßhafte Bauern und Ritter die eine Eigentümlichkeit hatten, daß sie alle jedenfalls nicht schreiben und auch nicht lesen konnten. Sie wissen ja vielleicht, daß Wolfram von Eschenbach, der berühmte Dichter des Mittelalters, keinen Buchstaben lesen und schreiben konnte. Das aber konnten die romanischen Elemente, die in Westeuropa eingeflutet waren. Die waren auch in dem Sinne, wie wir das heute nennen, gebildete Leute. Die Folge davon war, daß sich natürlich diejenigen, die herrschen wollten, dieser «gebildeten» Leute bedienten, abgesehen davon, daß die Geistlichen natürlich zunächst aus dieser Klasse genommen wurden. Dadurch kam auch wiederum die Verbindung des administrativen Beamtenstandes mit dem geistlichen Elemente, das zum großen Teil aus dem eingefluteten romanischen Elemente bestand.
[ 23 ] Nach Frankreich ist das Christentum mit dem Romanentum gekommen, ist so gekommen, wie es auch im Römischen Reiche selber seinen Einzug gehalten hat. Und es war daher von einem gewissen Vorteil auf diesem Gebiete, wenn diejenigen, die da herrschen wollten, sich an das hielten, was als römisches Überbleibsel da war. Denn die seßhaften Leute und die Ritter, die hatten alle eine Eigenschaft, die sie, wenn noch andere da waren, welche anders geartet waren, nicht recht zum Administrieren, zum Verwalten geeignet erscheinen ließen. Wenn man, wie in Mitteleuropa, lange niemanden hatte als solche Leute, so mußte man natürlich diese Leute verwenden. Nicht wahr, da machte man es eben in Mitteleuropa so: Da kamen die Leute eines bestimmten Gebietes durch rein mündliche Abmachungen zusammen und es wurde von Zeit zu Zeit das veranstaltet, was man ein Thing nannte. Und da besprach man, noch mit Vorstellungen, die alle aus dem atavistischen Hellschen waren, wie man den einen oder den andern zu bestrafen hätte, der etwas ausgefressen hatte. Das wurde mündlich abgemacht, und das war eigentlich über die Gegenden Mitteleuropas ziemlich üblich, diese Dinge mündlich abzumachen. Geschrieben wurde da wenig, weil eben seßhafte Bauern und Ritter die eine Eigentümlichkeit hatten, daß sie alle jedenfalls nicht schreiben und auch nicht lesen konnten. Sie wissen ja vielleicht, daß Wolfram von Eschenbach, der berühmte Dichter des Mittelalters, keinen Buchstaben lesen und schreiben konnte. Das aber konnten die romanischen Elemente, die in Westeuropa eingeflutet waren. Die waren auch in dem Sinne, wie wir das heute nennen, gebildete Leute. Die Folge davon war, daß sich natürlich diejenigen, die herrschen wollten, dieser «gebildeten» Leute bedienten, abgesehen davon, daß die Geistlichen natürlich zunächst aus dieser Klasse genommen wurden. Dadurch kam auch wiederum die Verbindung des administrativen Beamtenstandes mit dem geistlichen Elemente, das zum großen Teil aus dem eingefluteten romanischen Elemente bestand.
[ 24 ] Damit aber und mit der Kirche zugleich, die also vom Romanischen aus eingezogen war, kam es, daß das sprachliche Element eine ungeheure Rolle zu spielen begann. Und das Rätsel, das ich angedeutet habe, ist nicht anders zu lösen, als wenn man sich eine Vorstellung verschafft von der ungeheuren suggestiven Bedeutung der Sprache. Mit der Sprache, die sich aus dem Romanischen umgestaltete im Westen Europas, die aber den romanischen Duktus, wenn ich so sagen darf, behielt, mit dieser Sprache wurde tatsächlich nicht nur eine Sprache, sondern ein ganzer Geist übertragen. Denn in der Sprache lebt mit ungeheurer Suggestionskraft ein Geist. Und dieser Geist wirkte überwältigend. Und der Einzug jetzt des romanischen Geistes auf den Flügeln der romanischen Sprache, der vollzog sich von der Karolingerzeit bis ins 15. Jahrhundert hinein.
[ 24 ] Damit aber und mit der Kirche zugleich, die also vom Romanischen aus eingezogen war, kam es, daß das sprachliche Element eine ungeheure Rolle zu spielen begann. Und das Rätsel, das ich angedeutet habe, ist nicht anders zu lösen, als wenn man sich eine Vorstellung verschafft von der ungeheuren suggestiven Bedeutung der Sprache. Mit der Sprache, die sich aus dem Romanischen umgestaltete im Westen Europas, die aber den romanischen Duktus, wenn ich so sagen darf, behielt, mit dieser Sprache wurde tatsächlich nicht nur eine Sprache, sondern ein ganzer Geist übertragen. Denn in der Sprache lebt mit ungeheurer Suggestionskraft ein Geist. Und dieser Geist wirkte überwältigend. Und der Einzug jetzt des romanischen Geistes auf den Flügeln der romanischen Sprache, der vollzog sich von der Karolingerzeit bis ins 15. Jahrhundert hinein.
[ 25 ] Und da tritt das Eigentümliche ein, daß nun Westeuropa ganz verschieden ist von den Verhältnissen in Mitteleuropa. In Westeuropa ist fertig dasjenige, was die Sprache, die sich allmählich aus einem romanischen Elemente heraus gebildet hat, suggestiv in den Menschenseelen bewirkt hat, als von unten herauf. Das, was im breiten Volkstum lag, in dem, was ich eben geschildert habe als die seßhaften Bauern, dieses seßhafte Bauerntum mit seinem alten atavistischen Hellsehen — selbst wenn diese Leute Christen geworden waren —, mit dem Herauftragen ihres, nicht Glaubens, sondern unmittelbaren Anschauens dessen, was in den geistigen Welten war, das trat ja für die Leute, die da oben herrschten oder administrierten, überall nicht hervor. Aber eine Oberschicht bildete sich gerade im Westen Europas, welche suggestiv, indem sie die Sprache bildete, auch nach unten wirkte. Wir brauchen diese Oberschichte nicht nach dem zu betrachten, wie sie administrierte und was sich da für Rechts- und Verwaltungsverhältnisse herausbildeten; aber wir haben sie doch als solche zu betrachten, die als Beamtenschicht, als Sprachenschicht die Sprache hineintrug in die Unterschicht und mit der Sprache das ganze suggestive Element, das sich als ein Gleichförmiges ausbreitete über ein gewisses Territorium, bevor das Volk von unten herauf gegen das reagierte, was sich als Herrscherschicht gebildet hatte. Denn wir sehen bis zum 15. Jahrhundert das, was sich als Herrscherschicht gebildet hatte, seine verschiedenen Manipulationen machen; und das, was unten ist, das kümmert sich so lange nicht darum, bleibt frei, bis eben Zusammenstöße kommen. Das, was herrscht, hat eben, nicht wahr, die Tendenz, immer mehr und mehr an sich zu ziehen. Bis das Land so weit war, daß die Bauernschaft, das ursprüngliche Volkstum, zurückreagierte, war schon das sprachliche Element mit seiner suggestiven Kraft energisch wirksam gewesen. Und Sie können es gerade in Westeuropa urphänomenal bezeichnend finden, sehen, wie da die breite Volksmasse reagiert, die noch in ihrer alten Geistigkeit drinnen war, in ihrer atavistischen Geistigkeit.
[ 25 ] Und da tritt das Eigentümliche ein, daß nun Westeuropa ganz verschieden ist von den Verhältnissen in Mitteleuropa. In Westeuropa ist fertig dasjenige, was die Sprache, die sich allmählich aus einem romanischen Elemente heraus gebildet hat, suggestiv in den Menschenseelen bewirkt hat, als von unten herauf. Das, was im breiten Volkstum lag, in dem, was ich eben geschildert habe als die seßhaften Bauern, dieses seßhafte Bauerntum mit seinem alten atavistischen Hellsehen — selbst wenn diese Leute Christen geworden waren —, mit dem Herauftragen ihres, nicht Glaubens, sondern unmittelbaren Anschauens dessen, was in den geistigen Welten war, das trat ja für die Leute, die da oben herrschten oder administrierten, überall nicht hervor. Aber eine Oberschicht bildete sich gerade im Westen Europas, welche suggestiv, indem sie die Sprache bildete, auch nach unten wirkte. Wir brauchen diese Oberschichte nicht nach dem zu betrachten, wie sie administrierte und was sich da für Rechts- und Verwaltungsverhältnisse herausbildeten; aber wir haben sie doch als solche zu betrachten, die als Beamtenschicht, als Sprachenschicht die Sprache hineintrug in die Unterschicht und mit der Sprache das ganze suggestive Element, das sich als ein Gleichförmiges ausbreitete über ein gewisses Territorium, bevor das Volk von unten herauf gegen das reagierte, was sich als Herrscherschicht gebildet hatte. Denn wir sehen bis zum 15. Jahrhundert das, was sich als Herrscherschicht gebildet hatte, seine verschiedenen Manipulationen machen; und das, was unten ist, das kümmert sich so lange nicht darum, bleibt frei, bis eben Zusammenstöße kommen. Das, was herrscht, hat eben, nicht wahr, die Tendenz, immer mehr und mehr an sich zu ziehen. Bis das Land so weit war, daß die Bauernschaft, das ursprüngliche Volkstum, zurückreagierte, war schon das sprachliche Element mit seiner suggestiven Kraft energisch wirksam gewesen. Und Sie können es gerade in Westeuropa urphänomenal bezeichnend finden, sehen, wie da die breite Volksmasse reagiert, die noch in ihrer alten Geistigkeit drinnen war, in ihrer atavistischen Geistigkeit.
[ 26 ] Der Sendbote, der Genius dieser Volksmasse, das ist die Jungfrau von Orleans. Mit der Jungfrau von Orleans tritt auf, was, nachdem die Sprache durch ihre Suggestivkraft gewirkt hat, dann erst die Reaktion des Volkstums von unten ist, was das französische Königtum zwingt, mit dem Volke zu rechnen. Sie sehen, bis ins 15. Jahrhundert, bis zum Auftreten der Jungfrau von Orleans, die eigentlich Frankreich gemacht hat als Frankreich, romanische Überflutung, dann Auftreten des Volksboten. So daß noch an dieser Art des Auftretens des Volkstums durch die Scherwissenschaft der Jeanne d’Arc sich zeigt, wie das, was natürlich überall in diesem Volkstum gelebt hat, reagiert nach oben und da eigentlich erst für die äußere Geschichte «Geschichte» wird.
[ 26 ] Der Sendbote, der Genius dieser Volksmasse, das ist die Jungfrau von Orleans. Mit der Jungfrau von Orleans tritt auf, was, nachdem die Sprache durch ihre Suggestivkraft gewirkt hat, dann erst die Reaktion des Volkstums von unten ist, was das französische Königtum zwingt, mit dem Volke zu rechnen. Sie sehen, bis ins 15. Jahrhundert, bis zum Auftreten der Jungfrau von Orleans, die eigentlich Frankreich gemacht hat als Frankreich, romanische Überflutung, dann Auftreten des Volksboten. So daß noch an dieser Art des Auftretens des Volkstums durch die Scherwissenschaft der Jeanne d’Arc sich zeigt, wie das, was natürlich überall in diesem Volkstum gelebt hat, reagiert nach oben und da eigentlich erst für die äußere Geschichte «Geschichte» wird.
[ 27 ] Solche Jungfrauen von Orleans — das heißt nicht mit der Tatkraft, aber mit der Seherkraft —, die hat es über ganz Europa gegeben in diesen Jahrhunderten. Und das Fundament, auf dem die Jungfrau von Orleans baute, das war eben das über die breite Bauernschaft und über die breite Masse des Volkes ausgebreitete Element. In der Jungfrau kam es nur herauf. Man schildert es nicht für die Leute. Man muß Ludwig den Dummen — nein den Frommen — und seine Räte und all das Zeug, was da in den Chroniken steht, was sie zusammengeschrieben haben, als «Geschichte» kodifizieren und muß den Leuten vormachen, als wenn diese großen Gutsbesitzer Verwalter von Staaten gewesen wären und dergleichen. Aber das steht doch im Grunde genommen außerhalb des wirklichen konkreten Lebens. Das wirkliche konkrete Leben aber war durchsetzt, die Geschichte sagt nichts davon, aber es war durchsetzt von dem, was dann in dem Genius der Jungfrau von Orleans an die Oberfläche trat und was hineintrat in das französische Wesen zu einer Zeit, als eben die suggestive Sprachkraft ausgeübt wurde. Und dadurch wurde von unten herauf dasjenige hineingeflutet in das französische Wesen, was Volkskraft war. So ist das zustande gekommen.
[ 27 ] Solche Jungfrauen von Orleans — das heißt nicht mit der Tatkraft, aber mit der Seherkraft —, die hat es über ganz Europa gegeben in diesen Jahrhunderten. Und das Fundament, auf dem die Jungfrau von Orleans baute, das war eben das über die breite Bauernschaft und über die breite Masse des Volkes ausgebreitete Element. In der Jungfrau kam es nur herauf. Man schildert es nicht für die Leute. Man muß Ludwig den Dummen — nein den Frommen — und seine Räte und all das Zeug, was da in den Chroniken steht, was sie zusammengeschrieben haben, als «Geschichte» kodifizieren und muß den Leuten vormachen, als wenn diese großen Gutsbesitzer Verwalter von Staaten gewesen wären und dergleichen. Aber das steht doch im Grunde genommen außerhalb des wirklichen konkreten Lebens. Das wirkliche konkrete Leben aber war durchsetzt, die Geschichte sagt nichts davon, aber es war durchsetzt von dem, was dann in dem Genius der Jungfrau von Orleans an die Oberfläche trat und was hineintrat in das französische Wesen zu einer Zeit, als eben die suggestive Sprachkraft ausgeübt wurde. Und dadurch wurde von unten herauf dasjenige hineingeflutet in das französische Wesen, was Volkskraft war. So ist das zustande gekommen.
[ 28 ] Das war nicht so in Mitteleuropa. Da übte keine Sprache eine solche suggestive Gewalt aus. Da waren alle andern Verhältnisse ähnlich, aber es war nichts, was zusammenschweißte eine größere Stammesmenge durch die suggestive Kraft der Sprache zu einer Volkskraft. Daher bleibt dasjenige, was in Mitteleuropa ist, in nationaler Beziehung eine flüssige Masse, läßt sich — und das ist das Eigentümliche — leicht zur Kolonisation verwenden. Aber die Kolonisation, die mit der Bevölkerung Mitteleuropas gemacht wird, ist eine andere als heute. Wenn man heute kolonisiert, so handelt es sich ja vorzugsweise darum, daß man fremde Gebiete erwirbt. Aber damals schickte man Leute in fremde Gegenden — namentlich zahlreich wurden sie ja berufen, die Kolonisatoren — und was sie dann verstanden von der Heimat, das trugen sie in fremde Gegenden hinein.
[ 28 ] Das war nicht so in Mitteleuropa. Da übte keine Sprache eine solche suggestive Gewalt aus. Da waren alle andern Verhältnisse ähnlich, aber es war nichts, was zusammenschweißte eine größere Stammesmenge durch die suggestive Kraft der Sprache zu einer Volkskraft. Daher bleibt dasjenige, was in Mitteleuropa ist, in nationaler Beziehung eine flüssige Masse, läßt sich — und das ist das Eigentümliche — leicht zur Kolonisation verwenden. Aber die Kolonisation, die mit der Bevölkerung Mitteleuropas gemacht wird, ist eine andere als heute. Wenn man heute kolonisiert, so handelt es sich ja vorzugsweise darum, daß man fremde Gebiete erwirbt. Aber damals schickte man Leute in fremde Gegenden — namentlich zahlreich wurden sie ja berufen, die Kolonisatoren — und was sie dann verstanden von der Heimat, das trugen sie in fremde Gegenden hinein.
[ 29 ] So wurde es mit dem Osten von Europa im weitesten Umfange gemacht. Aber es blieb eine flüssige Masse. Und während vor allen Dingen im Westen die suggestive Sprachkraft wirkte, blieben in Mitteleuropa die Balgereien, die Zänkereien, die differenzierten Interessen, die ich geschildert habe, Unbotmäßigkeiten vor allen Dingen gegen diejenigen, die herrschen wollten, was dann zur Folge hatte, daß sich nicht bilden konnte wie im Westen eine weithin sich erstreckende, gleichförmige Nationalität. So etwas war nicht da wie die suggestive Gewalt der Sprache. Daher ergab sich aus den früheren Verhältnissen heraus vielfach ein Heraufkommen desjenigen, der eben gerade durch die Verhältnisse der Stärkere war. Daher die Territorialfürstentümer, die auch noch bis über das 15. Jahrhundert hinaus geblieben waren, und die sich im wesentlichen ergeben haben, weil nicht eine solche suggestive Gewalt da war, wie es die Sprachgewalt im Westen war.
[ 29 ] So wurde es mit dem Osten von Europa im weitesten Umfange gemacht. Aber es blieb eine flüssige Masse. Und während vor allen Dingen im Westen die suggestive Sprachkraft wirkte, blieben in Mitteleuropa die Balgereien, die Zänkereien, die differenzierten Interessen, die ich geschildert habe, Unbotmäßigkeiten vor allen Dingen gegen diejenigen, die herrschen wollten, was dann zur Folge hatte, daß sich nicht bilden konnte wie im Westen eine weithin sich erstreckende, gleichförmige Nationalität. So etwas war nicht da wie die suggestive Gewalt der Sprache. Daher ergab sich aus den früheren Verhältnissen heraus vielfach ein Heraufkommen desjenigen, der eben gerade durch die Verhältnisse der Stärkere war. Daher die Territorialfürstentümer, die auch noch bis über das 15. Jahrhundert hinaus geblieben waren, und die sich im wesentlichen ergeben haben, weil nicht eine solche suggestive Gewalt da war, wie es die Sprachgewalt im Westen war.
[ 30 ] Mit all diesen Verhältnissen nun — die ich Ihnen wirklich jetzt nur höchst unvollkommen schildern kann —, mit all diesen Verhältnissen hatte zu rechnen das andere Element, das nun wirklich zum Teil verstand, damit zu rechnen: das kirchliche Element, das sich allmählich herausschälte in Rom aus dem untergegangenen römischen Imperium. Dieses kirchliche Element wird in okkultistischen Kreisen genannt der graue Schatten des römischen Imperiums, weil man alles das übernommen hat, was Denkweise war über Administrieren und der gleichen vom römischen Imperium, aber es angewendet hat auf kirchliche Verhältnisse. Dieses Streben der Kirche mußte dahin gehen, differenziert sich hineinzuleben in das, was sich in Europa herausbildet. Und ich habe Ihnen einiges darüber ja schon angedeutet, wie man von Rom aus wußte mit Verhältnissen zu rechnen. Man wußte vom 9. Jahrhundert bis zum Ende des 10. Jahrhunderts und Anfang des 11. Jahrhunderts wunderschön mit den Verhältnissen zu rechnen, indem man von Rom aus nun eigentlich bestrebt war, dasjenige, was man da Christentum nannte, in administrativer Form hineinzudrücken in alle diese Verhältnisse. War irgendwo es möglich, eine Stadt in einen Bischofssitz zu verwandeln, so tat man das; war irgendwo eine Bauernschaft, die man gewinnen wollte: man errichtete ihr eine Kirche, daß sie sich darum gruppierte; war irgendwo ein Gutsherr, so versuchte man nach und nach an die Stelle dieses Gutsherrn, indem man seinen Sohn ausbildete oder dergleichen, einen Geistlichen zu setzen. Die Kirche benutzte alle Verhältnisse. Und in der Tat: wie niemals später war die Kirche innerhalb dieser Jahrhunderte in die Möglichkeit versetzt, europäische Universalmacht zu werden. Dieser Prozeß, wie die Kirche im 9., 10., 11. Jahrhundert arbeitete, ist ungeheuer bedeutungsvoll, weil er wirklich darauf ausgeht, mit allen konkreten Verhältnissen zu rechnen. Das muß man nur ins Auge fassen.
[ 30 ] Mit all diesen Verhältnissen nun — die ich Ihnen wirklich jetzt nur höchst unvollkommen schildern kann —, mit all diesen Verhältnissen hatte zu rechnen das andere Element, das nun wirklich zum Teil verstand, damit zu rechnen: das kirchliche Element, das sich allmählich herausschälte in Rom aus dem untergegangenen römischen Imperium. Dieses kirchliche Element wird in okkultistischen Kreisen genannt der graue Schatten des römischen Imperiums, weil man alles das übernommen hat, was Denkweise war über Administrieren und der gleichen vom römischen Imperium, aber es angewendet hat auf kirchliche Verhältnisse. Dieses Streben der Kirche mußte dahin gehen, differenziert sich hineinzuleben in das, was sich in Europa herausbildet. Und ich habe Ihnen einiges darüber ja schon angedeutet, wie man von Rom aus wußte mit Verhältnissen zu rechnen. Man wußte vom 9. Jahrhundert bis zum Ende des 10. Jahrhunderts und Anfang des 11. Jahrhunderts wunderschön mit den Verhältnissen zu rechnen, indem man von Rom aus nun eigentlich bestrebt war, dasjenige, was man da Christentum nannte, in administrativer Form hineinzudrücken in alle diese Verhältnisse. War irgendwo es möglich, eine Stadt in einen Bischofssitz zu verwandeln, so tat man das; war irgendwo eine Bauernschaft, die man gewinnen wollte: man errichtete ihr eine Kirche, daß sie sich darum gruppierte; war irgendwo ein Gutsherr, so versuchte man nach und nach an die Stelle dieses Gutsherrn, indem man seinen Sohn ausbildete oder dergleichen, einen Geistlichen zu setzen. Die Kirche benutzte alle Verhältnisse. Und in der Tat: wie niemals später war die Kirche innerhalb dieser Jahrhunderte in die Möglichkeit versetzt, europäische Universalmacht zu werden. Dieser Prozeß, wie die Kirche im 9., 10., 11. Jahrhundert arbeitete, ist ungeheuer bedeutungsvoll, weil er wirklich darauf ausgeht, mit allen konkreten Verhältnissen zu rechnen. Das muß man nur ins Auge fassen.
[ 31 ] Die Leute, die dazumal dirigierende katholische Geistliche oder Priester waren, die waren nicht so töricht, zu glauben, daß die Geister, von denen die Menschen im atavistischen Hellsehen sprachen, keine Geister wären; die rechneten damit, daß das reale Mächte sind, aber die suchten die geeigneten Mittel, um sie zu bekämpfen. Während die Fürsten durchaus nicht mit ihnen fertig wurden, konnte die Kirche nach und nach tatsächlich die Vorstellungen — die für sie ganz berechtigt waren — mit einer Nomenklatur beglücken. Nicht wahr, in Rom wußte man ganz gut: Das sind nicht lauter Teufel, von denen das atavistische Hellsehen spricht; aber diese Dämonen sind unsere Gegner, die müssen wir bekämpfen.
[ 31 ] Die Leute, die dazumal dirigierende katholische Geistliche oder Priester waren, die waren nicht so töricht, zu glauben, daß die Geister, von denen die Menschen im atavistischen Hellsehen sprachen, keine Geister wären; die rechneten damit, daß das reale Mächte sind, aber die suchten die geeigneten Mittel, um sie zu bekämpfen. Während die Fürsten durchaus nicht mit ihnen fertig wurden, konnte die Kirche nach und nach tatsächlich die Vorstellungen — die für sie ganz berechtigt waren — mit einer Nomenklatur beglücken. Nicht wahr, in Rom wußte man ganz gut: Das sind nicht lauter Teufel, von denen das atavistische Hellsehen spricht; aber diese Dämonen sind unsere Gegner, die müssen wir bekämpfen.
[ 32 ] Ein Kampfmittel war dieses, daß man sie zu Teufeln stempelte, also mit einer Nomenklatur belegte. Das war ein ganz realer Kampf gegen die geistige Welt, den man dazumal führte, und erst mit dem 15. Jahrhundert trat das ein, daß man kein Bewußtsein hatte von den wirkenden geistigen Mächten. Die Stärke des sich ausbreitenden kirchlichen Christentums liegt darinnen, daß man real zu rechnen wußte mit dem, was real ist: mit den geistigen Mächten. Und im 11., 12. Jahrhundert war bis zu einem gewissen Grade eigentlich der Prozeß abgeschlossen.
[ 32 ] Ein Kampfmittel war dieses, daß man sie zu Teufeln stempelte, also mit einer Nomenklatur belegte. Das war ein ganz realer Kampf gegen die geistige Welt, den man dazumal führte, und erst mit dem 15. Jahrhundert trat das ein, daß man kein Bewußtsein hatte von den wirkenden geistigen Mächten. Die Stärke des sich ausbreitenden kirchlichen Christentums liegt darinnen, daß man real zu rechnen wußte mit dem, was real ist: mit den geistigen Mächten. Und im 11., 12. Jahrhundert war bis zu einem gewissen Grade eigentlich der Prozeß abgeschlossen.
[ 33 ] Sie werden die Geschichte des Mittelalters nur richtig beurteilen, wenn Sie ins Auge fassen, daß all die kirchlichen Künste, die wirksam angewendet worden sind und welche große, bedeutungsvolle Künste waren, eigentlich ausgebildet worden sind in der Kirche vom 9. Jahrhundert ab, wo es sich zum Beispiel gerade unter dem Papst Nikolaus I. zeigte, wie man stark rechnete mit den geistigen Mächten, wie man zu rechnen hatte mit alldem, was das Volk durch das atavistische Hellsehen wußte. Und die Kunst, im Geiste zu wirken, die hat eigentlich die Kirche groß gemacht. Aber mit dem 11., 12. Jahrhundert waren diese Künste erschöpft. Gewiß, die alten übte man weiter, aber neue hatte man nicht hinzuerfunden, so daß man sagen kann: alles übrige, was geschieht, geschieht eigentlich im Dienste dieses gewaltigen Geisterkampfes. Denn selbst dasjenige, was einem so tonangebend, scheinbar tonangebend entgegentritt: die Begründung des deutsch-romanischen Imperiums, das da übergeht, nicht wahr, vom Westen nach Mitteleuropa unter den sächsischen Kaisern, diese Zusammenkoppelung von Mitteleuropa mit Italien, das tritt mehr oder weniger zurück gegenüber der ungeheuren Macht, die darinnen liegt, daß die Kirche in diesen Zeiten ein Internationales über Europa ausgießt, das erst vom 15. Jahrhundert ab ein Nationales wird. Erst vom 15. Jahrhundert ab entwickeln sich die Verhältnisse, auf Grund deren man gegenwärtig in Europa lebt, auch mit Bezug auf die Völkerschaften in Mitteleuropa. Es muß immer wieder und wieder betont werden, denn was lag denn eigentlich dem zugrunde, was sich immerfort abspielte zwischen den sogenannten römisch-deutschen Kaisern und den Päpsten? Sie können das besonders studieren, wenn Sie die Darstellungen des vielleicht in der Geschichte entstellten, politisch aber sehr klugen Heinrich IV. lesen. Was zugrunde lag, war bei solchen Dingen immer, daß es notwendig war für diejenigen, die herrschen wollten, die herrschen sollten meinetwillen, die Widerspenstigen zu zähmen. Die sich ausbreitende Kirche war natürlich ein gutes Mittel zur Bekämpfung der Widerspenstigen — wenn die Kirche mithalf. Daher das immer fortwährende Zusammenbinden der weltlichen Gewalt mit der kirchlichen Gewalt, was eben in der Zeit nur erreicht werden konnte durch ein gewisses Verhältnis zwischen denen, die da in Mitteleuropa gewählt wurden, und die gerade durch das, was sie durch diese Wahl in Mitteleuropa erlangten, wenig anderes hatten von ihrem Herrschertum als die Kräfte von den Widerspenstigen aus, die Kräfte von denjenigen, die sie eigentlich gar nicht haben wollten.
[ 33 ] Sie werden die Geschichte des Mittelalters nur richtig beurteilen, wenn Sie ins Auge fassen, daß all die kirchlichen Künste, die wirksam angewendet worden sind und welche große, bedeutungsvolle Künste waren, eigentlich ausgebildet worden sind in der Kirche vom 9. Jahrhundert ab, wo es sich zum Beispiel gerade unter dem Papst Nikolaus I. zeigte, wie man stark rechnete mit den geistigen Mächten, wie man zu rechnen hatte mit alldem, was das Volk durch das atavistische Hellsehen wußte. Und die Kunst, im Geiste zu wirken, die hat eigentlich die Kirche groß gemacht. Aber mit dem 11., 12. Jahrhundert waren diese Künste erschöpft. Gewiß, die alten übte man weiter, aber neue hatte man nicht hinzuerfunden, so daß man sagen kann: alles übrige, was geschieht, geschieht eigentlich im Dienste dieses gewaltigen Geisterkampfes. Denn selbst dasjenige, was einem so tonangebend, scheinbar tonangebend entgegentritt: die Begründung des deutsch-romanischen Imperiums, das da übergeht, nicht wahr, vom Westen nach Mitteleuropa unter den sächsischen Kaisern, diese Zusammenkoppelung von Mitteleuropa mit Italien, das tritt mehr oder weniger zurück gegenüber der ungeheuren Macht, die darinnen liegt, daß die Kirche in diesen Zeiten ein Internationales über Europa ausgießt, das erst vom 15. Jahrhundert ab ein Nationales wird. Erst vom 15. Jahrhundert ab entwickeln sich die Verhältnisse, auf Grund deren man gegenwärtig in Europa lebt, auch mit Bezug auf die Völkerschaften in Mitteleuropa. Es muß immer wieder und wieder betont werden, denn was lag denn eigentlich dem zugrunde, was sich immerfort abspielte zwischen den sogenannten römisch-deutschen Kaisern und den Päpsten? Sie können das besonders studieren, wenn Sie die Darstellungen des vielleicht in der Geschichte entstellten, politisch aber sehr klugen Heinrich IV. lesen. Was zugrunde lag, war bei solchen Dingen immer, daß es notwendig war für diejenigen, die herrschen wollten, die herrschen sollten meinetwillen, die Widerspenstigen zu zähmen. Die sich ausbreitende Kirche war natürlich ein gutes Mittel zur Bekämpfung der Widerspenstigen — wenn die Kirche mithalf. Daher das immer fortwährende Zusammenbinden der weltlichen Gewalt mit der kirchlichen Gewalt, was eben in der Zeit nur erreicht werden konnte durch ein gewisses Verhältnis zwischen denen, die da in Mitteleuropa gewählt wurden, und die gerade durch das, was sie durch diese Wahl in Mitteleuropa erlangten, wenig anderes hatten von ihrem Herrschertum als die Kräfte von den Widerspenstigen aus, die Kräfte von denjenigen, die sie eigentlich gar nicht haben wollten.
[ 34 ] Man bedenke nur: mit einem Wahlkönigtum hatte man es zu tun. Die Könige wurden gewählt. Sie wurden gewählt von den sogenannten sieben Kurfürsten. Von diesen sieben Kurfürsten waren aber drei die kirchlichen geistlichen Fürsten. Die kirchlichen geistlichen Fürsten, mit Hilfe der kirchlichen Mittel, wie ich eben angedeutet habe, waren mächtig. Die Erzbischöfe in Mainz, Köln, Trier hatten zunächst drei Stimmen von den sieben, die in Betracht kamen, und die waren mächtig. Dazu kam eigentlich als der einzige noch Mächtige der Pfalzgraf am Rhein; der war noch so, daß er nach den Verhältnissen, die sich herausgebildet hatten, auch mit seinen Vasallen — später nannte man sie Untertanen — fertig werden konnte. Aber die drei andern Kurfürsten, sogenannten Kurfürsten, von denen war zum Beispiel der eine der König von Böhmen, der selber ein Widerspenstiger war; die andern beiden herrschten über damals noch ganz slawische Gegenden, an der Elbe und so weiter, mit stark slawischer Bevölkerung. Das Königtum bedeutete eben wirklich auch nichts anderes, als was das Karolingertum bedeutet hat. Der Unterschied war nur der, daß das Karolingertum leichter fertig wurde mit dem, was an die Oberfläche strebte, weil die suggestive Gewalt der Sprache da war. Das war in Mitteleuropa nicht da.
[ 34 ] Man bedenke nur: mit einem Wahlkönigtum hatte man es zu tun. Die Könige wurden gewählt. Sie wurden gewählt von den sogenannten sieben Kurfürsten. Von diesen sieben Kurfürsten waren aber drei die kirchlichen geistlichen Fürsten. Die kirchlichen geistlichen Fürsten, mit Hilfe der kirchlichen Mittel, wie ich eben angedeutet habe, waren mächtig. Die Erzbischöfe in Mainz, Köln, Trier hatten zunächst drei Stimmen von den sieben, die in Betracht kamen, und die waren mächtig. Dazu kam eigentlich als der einzige noch Mächtige der Pfalzgraf am Rhein; der war noch so, daß er nach den Verhältnissen, die sich herausgebildet hatten, auch mit seinen Vasallen — später nannte man sie Untertanen — fertig werden konnte. Aber die drei andern Kurfürsten, sogenannten Kurfürsten, von denen war zum Beispiel der eine der König von Böhmen, der selber ein Widerspenstiger war; die andern beiden herrschten über damals noch ganz slawische Gegenden, an der Elbe und so weiter, mit stark slawischer Bevölkerung. Das Königtum bedeutete eben wirklich auch nichts anderes, als was das Karolingertum bedeutet hat. Der Unterschied war nur der, daß das Karolingertum leichter fertig wurde mit dem, was an die Oberfläche strebte, weil die suggestive Gewalt der Sprache da war. Das war in Mitteleuropa nicht da.
[ 35 ] Da müßte ich noch viel erzählen, wie sich die Differenzen im einzelnen entwickelt haben; aber das können Sie ja in jedem Geschichtsbuch nachlesen, und wenn Sie solche Gesichtspunkte verfolgen, wie wir sie hier anwenden, so werden Sie Geschichte mit andern Augen lesen.
[ 35 ] Da müßte ich noch viel erzählen, wie sich die Differenzen im einzelnen entwickelt haben; aber das können Sie ja in jedem Geschichtsbuch nachlesen, und wenn Sie solche Gesichtspunkte verfolgen, wie wir sie hier anwenden, so werden Sie Geschichte mit andern Augen lesen.
[ 36 ] Als nun etwas abgeflaut waren die Verhältnisse, die sich allmählich herausgebildet hatten zwischen Papsttum und Kaisertum, da war das kirchliche Element aber so stark geworden, daß es selbständige Politik machen wollte. Das war im wesentlichen im 11. und 12. Jahrhundert der Fall. Und da ist es interessant, daß Papst Innozenz III. die Verhältnisse in Italien, die bis dahin eigentlich anarchische waren — in gewissem Sinne am schwierigsten war das Kirchentum da —, nun von Rom aus administrierte. Eigentlich ist Innozenz III. jetzt als eine menschlich-geistige Macht mit dem, was von ihm ausgegangen ist, erst der Schöpfer eines nationalen Bewußtseins der sogenannten Italiener. Innozenz III. ist ein langobardischer Sprößling, aber man kann sagen, daß das, was von ihm ausgegangen ist, im Grunde die italienische Nation gemacht hat, die eigentlich auch durch die Impulse, die Innozenz III. gelegt hat, zu einer Nation geworden ist. Auch bis gegen das 15. Jahrhundert ist da der Nationalisierungsprozeß abgeschlossen worden. Da ist es im wesentlichen also die Kirche selber, die das nationale Element geschaffen hat. So daß man suchen muß in bezug auf die Bildung der französischen Nation gerade in diesen Zeiten die suggestive Gewalt der Sprache, in der italienischen Nation direkt das kirchliche Element. Diese Dinge bestätigen alle nur dasjenige — wenn man sie geschichtlich betrachtet, so ist das prosaisch, abstrakt —, was man konkret aus der Geisteswissenschaft bekommt, was wir ja schon für die verschiedenen Nationen betrachtet haben.
[ 36 ] Als nun etwas abgeflaut waren die Verhältnisse, die sich allmählich herausgebildet hatten zwischen Papsttum und Kaisertum, da war das kirchliche Element aber so stark geworden, daß es selbständige Politik machen wollte. Das war im wesentlichen im 11. und 12. Jahrhundert der Fall. Und da ist es interessant, daß Papst Innozenz III. die Verhältnisse in Italien, die bis dahin eigentlich anarchische waren — in gewissem Sinne am schwierigsten war das Kirchentum da —, nun von Rom aus administrierte. Eigentlich ist Innozenz III. jetzt als eine menschlich-geistige Macht mit dem, was von ihm ausgegangen ist, erst der Schöpfer eines nationalen Bewußtseins der sogenannten Italiener. Innozenz III. ist ein langobardischer Sprößling, aber man kann sagen, daß das, was von ihm ausgegangen ist, im Grunde die italienische Nation gemacht hat, die eigentlich auch durch die Impulse, die Innozenz III. gelegt hat, zu einer Nation geworden ist. Auch bis gegen das 15. Jahrhundert ist da der Nationalisierungsprozeß abgeschlossen worden. Da ist es im wesentlichen also die Kirche selber, die das nationale Element geschaffen hat. So daß man suchen muß in bezug auf die Bildung der französischen Nation gerade in diesen Zeiten die suggestive Gewalt der Sprache, in der italienischen Nation direkt das kirchliche Element. Diese Dinge bestätigen alle nur dasjenige — wenn man sie geschichtlich betrachtet, so ist das prosaisch, abstrakt —, was man konkret aus der Geisteswissenschaft bekommt, was wir ja schon für die verschiedenen Nationen betrachtet haben.
[ 37 ] Für Innozenz III. ist durchaus charakteristisch, daß er schon eigentlich der katholischen Kirche ganz bestimmte Aufgaben gestellt hat. Und man könnte fragen: Worinnen besteht denn nun eigentlich die Aufgabe, die sich das Papsttum stellte nach der großen Zeit, von der ich gesprochen habe, etwa vom 10., 11., 12. Jahrhundert ab, worinnen besteht denn die Mission des Papsttums seit diesen Jahrhunderten? Die Mission des Papsttums besteht in der katholischen Kirche überhaupt im wesentlichen darinnen, Europa davon abzuhalten, zu erkennen, was eigentlich der Christus-Impuls ist. Mehr oder weniger bewußt handelt es sich darum, eine Kirche zu begründen, welche vollständigstes Verkennen des eigentlichen christlichen Impulses sich zur Aufgabe setzte, nicht unter die Leute kommen zu lassen, was der eigentliche Impuls des Christentums ist. Denn, wo immer versucht wird, irgendein Element in den Vordergrund zu stellen, das mehr an den christlichen Impuls heran will — sagen wir das Element des Franz von Assisi oder ähnliches —, da wird das zwar konsumiert, aber in die eigentliche Struktur der Kirchengewalt doch nicht aufgenommen. Die europäischen Verhältnisse haben sich eben so herausgebildet, daß die Menschen in Europa allmählich ein solches Christentum angenommen haben, das keines ist. Das Christentum soll erst wiederum bekannt werden durch die geisteswissenschaftliche Entdeckung des Christentums. Dadurch, daß die Europäer ein Christentum angenommen haben, das keines ist, dadurch ist es wesentlich mitbedingt, daß über die christlichen Geheimnisse zu sprechen heute eine absolute Unmöglichkeit ist. Da läßt sich nichts machen, dazu bedarf es erst wieder langer Vorbereitungen. Denn nicht darauf kommt es an, daß man den Christus-Namen braucht, sondern darauf würde es ankommen, daß man das Wesentliche, was das Christentum ist, in richtiger Weise ins Auge zu fassen vermöchte. Das aber sollte gerade verhüllt, das sollte verdrängt werden durch dasjenige, was Päpste in solchem Stil wie Innozenz III. gemacht haben.
[ 37 ] Für Innozenz III. ist durchaus charakteristisch, daß er schon eigentlich der katholischen Kirche ganz bestimmte Aufgaben gestellt hat. Und man könnte fragen: Worinnen besteht denn nun eigentlich die Aufgabe, die sich das Papsttum stellte nach der großen Zeit, von der ich gesprochen habe, etwa vom 10., 11., 12. Jahrhundert ab, worinnen besteht denn die Mission des Papsttums seit diesen Jahrhunderten? Die Mission des Papsttums besteht in der katholischen Kirche überhaupt im wesentlichen darinnen, Europa davon abzuhalten, zu erkennen, was eigentlich der Christus-Impuls ist. Mehr oder weniger bewußt handelt es sich darum, eine Kirche zu begründen, welche vollständigstes Verkennen des eigentlichen christlichen Impulses sich zur Aufgabe setzte, nicht unter die Leute kommen zu lassen, was der eigentliche Impuls des Christentums ist. Denn, wo immer versucht wird, irgendein Element in den Vordergrund zu stellen, das mehr an den christlichen Impuls heran will — sagen wir das Element des Franz von Assisi oder ähnliches —, da wird das zwar konsumiert, aber in die eigentliche Struktur der Kirchengewalt doch nicht aufgenommen. Die europäischen Verhältnisse haben sich eben so herausgebildet, daß die Menschen in Europa allmählich ein solches Christentum angenommen haben, das keines ist. Das Christentum soll erst wiederum bekannt werden durch die geisteswissenschaftliche Entdeckung des Christentums. Dadurch, daß die Europäer ein Christentum angenommen haben, das keines ist, dadurch ist es wesentlich mitbedingt, daß über die christlichen Geheimnisse zu sprechen heute eine absolute Unmöglichkeit ist. Da läßt sich nichts machen, dazu bedarf es erst wieder langer Vorbereitungen. Denn nicht darauf kommt es an, daß man den Christus-Namen braucht, sondern darauf würde es ankommen, daß man das Wesentliche, was das Christentum ist, in richtiger Weise ins Auge zu fassen vermöchte. Das aber sollte gerade verhüllt, das sollte verdrängt werden durch dasjenige, was Päpste in solchem Stil wie Innozenz III. gemacht haben.
[ 38 ] Schon die äußeren Verhältnisse waren merkwürdig, wie sie ein Innozenz III. herausbildete. Denn man darf nicht vergessen, daß damals von päpstlicher Seite ein merkwürdiger Sieg gewonnen worden ist. Es gab — das werden Sie aus der äußeren Geschichte wissen —, eine zweifache Strömung in Mitteleuropa, Südeuropa, Westeuropa: eine mehr papstfreundliche Strömung, die sogenannte welfische, und eine papstfeindliche, die hohenstaufische. Die Hohenstaufen waren ja mehr oder weniger immer in Konflikt mit den Päpsten. Das hat aber Innozenz III. nicht verhindert, mit den Franzosen und den Hohenstaufen zusammen über die Engländer und die Welfen zu siegen. Denn es war eben bereits soweit gekommen, daß man auf päpstlicher Seite nunmehr mit den Verhältnissen rechnete, die dann nachher politische geworden sind. Die Kirche konnte in ihren besseren Zeiten noch nicht mit politischen Verhältnissen rechnen; sie mußte mit konkreten Verhältnissen rechnen.
[ 38 ] Schon die äußeren Verhältnisse waren merkwürdig, wie sie ein Innozenz III. herausbildete. Denn man darf nicht vergessen, daß damals von päpstlicher Seite ein merkwürdiger Sieg gewonnen worden ist. Es gab — das werden Sie aus der äußeren Geschichte wissen —, eine zweifache Strömung in Mitteleuropa, Südeuropa, Westeuropa: eine mehr papstfreundliche Strömung, die sogenannte welfische, und eine papstfeindliche, die hohenstaufische. Die Hohenstaufen waren ja mehr oder weniger immer in Konflikt mit den Päpsten. Das hat aber Innozenz III. nicht verhindert, mit den Franzosen und den Hohenstaufen zusammen über die Engländer und die Welfen zu siegen. Denn es war eben bereits soweit gekommen, daß man auf päpstlicher Seite nunmehr mit den Verhältnissen rechnete, die dann nachher politische geworden sind. Die Kirche konnte in ihren besseren Zeiten noch nicht mit politischen Verhältnissen rechnen; sie mußte mit konkreten Verhältnissen rechnen.
[ 39 ] Das gibt Ihnen ein Bild von der Konfiguration von Europa und von dem allmählichen Einfügen, Sich-Einfügen der universellen Kirche in diese Konfiguration von Europa. Nun dürfen wir nicht vergessen, es war im wesentlichen ein Überwinden des alten hellseherischen Elementes durch die Kirche. Das war die eine Seite. Aber das alte hellseherische Element entwickelte sich trotzdem fort, und Sie sehen überall, wo weltliche Gewalt und Kirchengewalt ihre Kompromisse schließen, daß da oder dort die Rede ist davon, die Fürsten oder die Päpste müssen den Kampf gegen die Ketzer führen. Denken Sie nur einmal an die Waldenser und so weiter, an die Katharer; überall sind solche ketzerischen Elemente. Sie haben aber auch ihre Fortsetzung, ihre Entwickelung gehabt. Aus denen bildete sich allmählich etwas heraus, und das waren die Leute, die sich nach und nach von sich aus das Christentum ansahen. Und das Merkwürdige ist, daß aus der Mitte der Ketzer allmählich Leute hervorkamen, die sich das Christentum von sich aus anschauten und die erkennen konnten, daß dasjenige, das von Rom ausgeht, doch etwas anderes ist als das Christentum. Das war ein neues Element des Kampfes, das besonders stark Ihnen entgegentreten kann, wenn Sie verfolgen den Kampf, den die Könige von Frankreich, die verbündet waren mit dem Papste, zu führen hatten gegen den Grafen von Toulouse, der ein Protektor der südfranzösischen Ketzer war. Und so etwas findet man auf allen Gebieten. Aber diese Ketzer schauten sich eben das Christentum an und konnten nicht einverstanden sein mit dem politischen Christentum, das von Rom ausging. So daß, während sich die Verhältnisse bildeten, die ich geschildert habe, es auch überall solche Ketzer gab, die aber eigentlich Christen waren, welche heftig angefeindet wurden, die oftmals sich stille hielten, allerlei Gemeinschaften gründeten, Geheimnis breiteten über das. Die anderen waren mächtig; sie aber strebten nach einem besonderen Christentum.
[ 39 ] Das gibt Ihnen ein Bild von der Konfiguration von Europa und von dem allmählichen Einfügen, Sich-Einfügen der universellen Kirche in diese Konfiguration von Europa. Nun dürfen wir nicht vergessen, es war im wesentlichen ein Überwinden des alten hellseherischen Elementes durch die Kirche. Das war die eine Seite. Aber das alte hellseherische Element entwickelte sich trotzdem fort, und Sie sehen überall, wo weltliche Gewalt und Kirchengewalt ihre Kompromisse schließen, daß da oder dort die Rede ist davon, die Fürsten oder die Päpste müssen den Kampf gegen die Ketzer führen. Denken Sie nur einmal an die Waldenser und so weiter, an die Katharer; überall sind solche ketzerischen Elemente. Sie haben aber auch ihre Fortsetzung, ihre Entwickelung gehabt. Aus denen bildete sich allmählich etwas heraus, und das waren die Leute, die sich nach und nach von sich aus das Christentum ansahen. Und das Merkwürdige ist, daß aus der Mitte der Ketzer allmählich Leute hervorkamen, die sich das Christentum von sich aus anschauten und die erkennen konnten, daß dasjenige, das von Rom ausgeht, doch etwas anderes ist als das Christentum. Das war ein neues Element des Kampfes, das besonders stark Ihnen entgegentreten kann, wenn Sie verfolgen den Kampf, den die Könige von Frankreich, die verbündet waren mit dem Papste, zu führen hatten gegen den Grafen von Toulouse, der ein Protektor der südfranzösischen Ketzer war. Und so etwas findet man auf allen Gebieten. Aber diese Ketzer schauten sich eben das Christentum an und konnten nicht einverstanden sein mit dem politischen Christentum, das von Rom ausging. So daß, während sich die Verhältnisse bildeten, die ich geschildert habe, es auch überall solche Ketzer gab, die aber eigentlich Christen waren, welche heftig angefeindet wurden, die oftmals sich stille hielten, allerlei Gemeinschaften gründeten, Geheimnis breiteten über das. Die anderen waren mächtig; sie aber strebten nach einem besonderen Christentum.
[ 40 ] Nun wäre es interessant, zu studieren, wie auf der einen Seite allerdings die fortwährenden Vorstöße von Asien herüber Anlässe wurden zu dem, was man die Kreuzzüge nennt. Aber für das Papsttum war ja zu gleicher Zeit der Ruf, der durch Peser von Amiens und andere im ‚Auftrage des Papstes zu den Kreuzzügen erscholl, eine Art von Auskunftsmittel. Das Papsttum brauchte schon in der damaligen Zeit eine Art von Aufbesserung. Was rein politisch geworden war, hatte nötig, einen künstlichen Enthusiasmus zu erzeugen, und im wesentlichen war die Art, wie von päpstlicher Seite die Kreuzzüge betrieben wurden, dazu bestimmt, neuen Enthusiasmus in die Leute hineinzugießen. Jetzt aber fanden sich solche Menschen, die eigentlich aus den Reihen der Ketzer hervorgingen, die in der geraden Fortentwickelung der Ketzer liegen.
[ 40 ] Nun wäre es interessant, zu studieren, wie auf der einen Seite allerdings die fortwährenden Vorstöße von Asien herüber Anlässe wurden zu dem, was man die Kreuzzüge nennt. Aber für das Papsttum war ja zu gleicher Zeit der Ruf, der durch Peser von Amiens und andere im ‚Auftrage des Papstes zu den Kreuzzügen erscholl, eine Art von Auskunftsmittel. Das Papsttum brauchte schon in der damaligen Zeit eine Art von Aufbesserung. Was rein politisch geworden war, hatte nötig, einen künstlichen Enthusiasmus zu erzeugen, und im wesentlichen war die Art, wie von päpstlicher Seite die Kreuzzüge betrieben wurden, dazu bestimmt, neuen Enthusiasmus in die Leute hineinzugießen. Jetzt aber fanden sich solche Menschen, die eigentlich aus den Reihen der Ketzer hervorgingen, die in der geraden Fortentwickelung der Ketzer liegen.
[ 41 ] Besonders charakteristisch, repräsentativ für diese Ketzerleute, die aber das Christentum sich angeschaut hatten, war Gottfried von Bouillon; denn Gottfried von Bouillon wird in der Geschichte immer entstellt. Es wird immer in der Geschichte so dargestellt, als ob Peter von Amiens and der Walter von Habenichts zuerst gezogen sind, nichts Rechtes haben ausrichten können, und dann, unter derselben Tendenz, sei Gottfried von Bouillon mit anderen nach Kleinasien gezogen, und die hätten nun dasselbe fortsetzen wollen, was der Peter von Amiens und der Walter von Habenichts hätten machen sollen. Davon kann aber gar nicht die Rede sein. Denn dieser sogenannte erste geregelte Kreuzzug ist etwas ganz anderes.
[ 41 ] Besonders charakteristisch, repräsentativ für diese Ketzerleute, die aber das Christentum sich angeschaut hatten, war Gottfried von Bouillon; denn Gottfried von Bouillon wird in der Geschichte immer entstellt. Es wird immer in der Geschichte so dargestellt, als ob Peter von Amiens and der Walter von Habenichts zuerst gezogen sind, nichts Rechtes haben ausrichten können, und dann, unter derselben Tendenz, sei Gottfried von Bouillon mit anderen nach Kleinasien gezogen, und die hätten nun dasselbe fortsetzen wollen, was der Peter von Amiens und der Walter von Habenichts hätten machen sollen. Davon kann aber gar nicht die Rede sein. Denn dieser sogenannte erste geregelte Kreuzzug ist etwas ganz anderes.
[ 42 ] Gottfried von Bouillon und die andern, die mit ihm verbunden, waren wesentlich — wenn sie auch äußerlich das nicht.so zur Schau trugen, aus den Gründen, die ich auseinandergesetzt habe — aus den Reihen der Ketzer hervorgegangen. Und für diese war das Ziel zunächst ein christliches: sie wollten mit Hilfe der Kreuzzüge, indem sie von Jerusalem aus ein neues Zentrum gegen Rom begründeten, ein wirkliches Christentum an die Stelle des Christentums in Rom setzen. Die Kreuzzüge waren von denjenigen, die gewissermaßen in ihre eigentlichen Geheimnisse eingeweiht waren, gegen Rom gerichtet. Und das geheime Losungswort der Kreuzzügler war: Jerusalem gegen Rom. — Das ist dasjenige, was in der äußeren Geschichte wenig berührt wird, was aber so ist. Was man aus dem ketzerischen Christentum heraus im Gegensatz zu dem römisch-politischen Christentum wollte, das wollte man auf dem Umwege durch die Kreuzzüge erreichen. Aber das ging nicht. Das Papsttum war noch zu mächtig. Aber was da zustande kam, das war, daß man den Gesichtskreis erweiterte. Man braucht sich nur zu erinnern, wie der Gesichtskreis verengt worden ist schon von den Zeiten des Augustinus her in Europa. Sie finden in meinem Buche «Das Christentum als mystische Tatsache» von Augustinus den Ausspruch angeführt, den aber auch schon Gregor von Nazianz und andere getan haben: Ja, gewisse Dinge sind natürlich mit der Vernunft nicht zu vereinen, aber die Kirche, die katholische Kirche schreibt sie vor, daher glaube ich es. — Diese Version, diese unheilvolle Auskunft, die ja in vieler Beziehung für Europa notwendig war, hatte aber mit sich gebracht, daß man große Gesichtspunkte, die geeignet waren, an große Empfindungen, an große Weltanschauungen anzuknüpfen, daß man diese floh. Lesen Sie die Bekenntnisse des Augustinus, wie er die Manichäer flieht. Und eigentlich ist es das, daß er in der Manichäerlehre eine Weltanschauung hat. Davor hat man Angst, davor hat man Furcht, davor scheut man zurück. Drüben in Asien war aber aufgeblüht auf Grundlage dessen, was ich in ganz materieller Weise geschildert habe als Goldzufluß nach dem Oriente, die alte Perserlehre, die einen großen Aufschwung genommen hat. Die Kreuzfahrer erweiterten ihren Gesichtskreis sehr, konnten anknüpfen an dasjenige, was eigentlich verschüttet war, und daher wurde ihnen manches Geheimnis kund, das sie sorgfältig behüteten. Die Folge davon war, daß sie, weil sie nicht mächtig genug waren, «Jerusalem gegen Rom» durchzuführen, die Dinge weiter als Geheimnis behandeln mußten. Daher entstanden Orden, allerlei Bünde, welche gewisse christliche Dinge unter anderem Mantel, weil eben die Kirche mächtig war, in Orden und dergleichen bewahrten, die aber eben gegnerisch gegen die Kirche sind.
[ 42 ] Gottfried von Bouillon und die andern, die mit ihm verbunden, waren wesentlich — wenn sie auch äußerlich das nicht.so zur Schau trugen, aus den Gründen, die ich auseinandergesetzt habe — aus den Reihen der Ketzer hervorgegangen. Und für diese war das Ziel zunächst ein christliches: sie wollten mit Hilfe der Kreuzzüge, indem sie von Jerusalem aus ein neues Zentrum gegen Rom begründeten, ein wirkliches Christentum an die Stelle des Christentums in Rom setzen. Die Kreuzzüge waren von denjenigen, die gewissermaßen in ihre eigentlichen Geheimnisse eingeweiht waren, gegen Rom gerichtet. Und das geheime Losungswort der Kreuzzügler war: Jerusalem gegen Rom. — Das ist dasjenige, was in der äußeren Geschichte wenig berührt wird, was aber so ist. Was man aus dem ketzerischen Christentum heraus im Gegensatz zu dem römisch-politischen Christentum wollte, das wollte man auf dem Umwege durch die Kreuzzüge erreichen. Aber das ging nicht. Das Papsttum war noch zu mächtig. Aber was da zustande kam, das war, daß man den Gesichtskreis erweiterte. Man braucht sich nur zu erinnern, wie der Gesichtskreis verengt worden ist schon von den Zeiten des Augustinus her in Europa. Sie finden in meinem Buche «Das Christentum als mystische Tatsache» von Augustinus den Ausspruch angeführt, den aber auch schon Gregor von Nazianz und andere getan haben: Ja, gewisse Dinge sind natürlich mit der Vernunft nicht zu vereinen, aber die Kirche, die katholische Kirche schreibt sie vor, daher glaube ich es. — Diese Version, diese unheilvolle Auskunft, die ja in vieler Beziehung für Europa notwendig war, hatte aber mit sich gebracht, daß man große Gesichtspunkte, die geeignet waren, an große Empfindungen, an große Weltanschauungen anzuknüpfen, daß man diese floh. Lesen Sie die Bekenntnisse des Augustinus, wie er die Manichäer flieht. Und eigentlich ist es das, daß er in der Manichäerlehre eine Weltanschauung hat. Davor hat man Angst, davor hat man Furcht, davor scheut man zurück. Drüben in Asien war aber aufgeblüht auf Grundlage dessen, was ich in ganz materieller Weise geschildert habe als Goldzufluß nach dem Oriente, die alte Perserlehre, die einen großen Aufschwung genommen hat. Die Kreuzfahrer erweiterten ihren Gesichtskreis sehr, konnten anknüpfen an dasjenige, was eigentlich verschüttet war, und daher wurde ihnen manches Geheimnis kund, das sie sorgfältig behüteten. Die Folge davon war, daß sie, weil sie nicht mächtig genug waren, «Jerusalem gegen Rom» durchzuführen, die Dinge weiter als Geheimnis behandeln mußten. Daher entstanden Orden, allerlei Bünde, welche gewisse christliche Dinge unter anderem Mantel, weil eben die Kirche mächtig war, in Orden und dergleichen bewahrten, die aber eben gegnerisch gegen die Kirche sind.
[ 43 ] Damals hat sich eigentlich jene Differenz herausgebildet, die einem jetzt nur noch dann entgegentritt, wenn man wieder einmal irgendwo, sagen wir in Italien, eine Kirche besucht hat und wenn darinnen gerade einer gegen die Freimaurer gepredigt hat: man sieht da Leute stehen, denen natürlich die Freimaurer höchst gleichgültig sind; sie wissen gar keinen Namen, aber der Pfarrer wettert auf der Kanzel gegen die Freimaurer. Dieser Gegensatz zwischen Kirchentum und Freimaurerei — was trotzdem aus dem Ketzertum sich heraus entwickelt hat —, der hat sich im wesentlichen dazumal gestaltet.
[ 43 ] Damals hat sich eigentlich jene Differenz herausgebildet, die einem jetzt nur noch dann entgegentritt, wenn man wieder einmal irgendwo, sagen wir in Italien, eine Kirche besucht hat und wenn darinnen gerade einer gegen die Freimaurer gepredigt hat: man sieht da Leute stehen, denen natürlich die Freimaurer höchst gleichgültig sind; sie wissen gar keinen Namen, aber der Pfarrer wettert auf der Kanzel gegen die Freimaurer. Dieser Gegensatz zwischen Kirchentum und Freimaurerei — was trotzdem aus dem Ketzertum sich heraus entwickelt hat —, der hat sich im wesentlichen dazumal gestaltet.
[ 44 ] Diese und manche andern Erscheinungen könnte man anführen, wenn man im Konkteten, im einzelnen wirklich verstehen will, was in Wirklichkeit dazumal eigentlich geschehen ist. Und Sie werden ersehen haben aus dem Ganzen, daß das Leben zum Teil ein recht mannigfaltiges war, aber daß die verschiedensten geistigen Interessenkreise durcheinanderspielten. Es traten den Leuten vor Augen solche Gegensätze, wie der zwischen den Ketzern, von denen eigentlich viele Christen waren im besten Sinne des Wortes, und den Kirchenchristen. Man könnte viele andere Dinge noch anführen, die dann in Deutschland zum Beispiel zur Reformation geführt haben und dergleichen. Man könnte anführen, daß durch das Politisieren der Kirche die Kirche immer mehr und mehr an Machtmitteln verloren hat, während es in früherer Zeit noch ganz undenkbar gewesen wäre, daß die Kirche nicht die Möglichkeit gefunden hätte, das durchzusetzen, was sie wollte. Auf gewissen Gebieten muß man doch sagen — trotzdem die Kirche in der Lage war, durch das Konzil von Konstanz den Hus zu verbrennen —: der Husizismus hat sich erhalten und als Macht hat er eigentlich ziemliche Bedeutung gehabt.
[ 44 ] Diese und manche andern Erscheinungen könnte man anführen, wenn man im Konkteten, im einzelnen wirklich verstehen will, was in Wirklichkeit dazumal eigentlich geschehen ist. Und Sie werden ersehen haben aus dem Ganzen, daß das Leben zum Teil ein recht mannigfaltiges war, aber daß die verschiedensten geistigen Interessenkreise durcheinanderspielten. Es traten den Leuten vor Augen solche Gegensätze, wie der zwischen den Ketzern, von denen eigentlich viele Christen waren im besten Sinne des Wortes, und den Kirchenchristen. Man könnte viele andere Dinge noch anführen, die dann in Deutschland zum Beispiel zur Reformation geführt haben und dergleichen. Man könnte anführen, daß durch das Politisieren der Kirche die Kirche immer mehr und mehr an Machtmitteln verloren hat, während es in früherer Zeit noch ganz undenkbar gewesen wäre, daß die Kirche nicht die Möglichkeit gefunden hätte, das durchzusetzen, was sie wollte. Auf gewissen Gebieten muß man doch sagen — trotzdem die Kirche in der Lage war, durch das Konzil von Konstanz den Hus zu verbrennen —: der Husizismus hat sich erhalten und als Macht hat er eigentlich ziemliche Bedeutung gehabt.
[ 45 ] Nun aber, worinnen besteht der eigentliche Timbre dieser mittelalterlichen Gebildeten? Nicht wahr, eine religiöse Strömung breitete sich aus, die zuletzt rein politische Form hatte. Schade, daß die Zeit so kurz ist; es würden sich viele interessante Sachen noch anknüpfen lassen. Eine religiöse Strömung breitete sich aus, die universellen Charakter annimmt. Durch die andern Verhältnisse entwickeln sich allmählich die Nationalitäten in Europa. Wenn Sie bedenken, daß das Christentum mit heraufgebracht hat Vorstellungen, die sich so eingewurzelt haben in Europa wie die vom Sündenfall, so daß solche Stücke entstehen konnten wie das «Paradeisspiel», das über weite Gegenden, gerade im 12.Jahrhundert über ganz Europa gespielt wurde. Es ist bis in die einzelnsten, elementarsten Verhältnisse hinuntergegangen. Da sind tief, tief in die Herzen und Seelen gehende Vorstellungen zu weiter Verbreitung gekommen, Vorstellungen über dasjenige, was der Mensch nach — wenn man so sagen darf — dem ursprünglichen Ratschluß Gottes eigentlich hätte sein können und was er geworden ist.
[ 45 ] Nun aber, worinnen besteht der eigentliche Timbre dieser mittelalterlichen Gebildeten? Nicht wahr, eine religiöse Strömung breitete sich aus, die zuletzt rein politische Form hatte. Schade, daß die Zeit so kurz ist; es würden sich viele interessante Sachen noch anknüpfen lassen. Eine religiöse Strömung breitete sich aus, die universellen Charakter annimmt. Durch die andern Verhältnisse entwickeln sich allmählich die Nationalitäten in Europa. Wenn Sie bedenken, daß das Christentum mit heraufgebracht hat Vorstellungen, die sich so eingewurzelt haben in Europa wie die vom Sündenfall, so daß solche Stücke entstehen konnten wie das «Paradeisspiel», das über weite Gegenden, gerade im 12.Jahrhundert über ganz Europa gespielt wurde. Es ist bis in die einzelnsten, elementarsten Verhältnisse hinuntergegangen. Da sind tief, tief in die Herzen und Seelen gehende Vorstellungen zu weiter Verbreitung gekommen, Vorstellungen über dasjenige, was der Mensch nach — wenn man so sagen darf — dem ursprünglichen Ratschluß Gottes eigentlich hätte sein können und was er geworden ist.
[ 46 ] Das erzeugte eine Stimmung, und vielleicht niemals, ganz gewiß nicht in unserer Zeit, hat man in so weitem Umkreise immer wieder und wiederum gefühlsmäßig sich eine Frage aufgeworfen, die Frage, die basiert ist auf dem Unterschied zwischen dieser Welt hier und zwischen der Welt des Paradieses, zwischen der Welt, die den Menschen glücklich machen kann. Diese Frage in den verschiedensten Varianten beherrschte schon weite Kreise. Und Leute, die intelligent waren, Leute, deren Sehnsuchten intellektuelle waren, die kamen dadurch dazu, ihr Streben oftmals in naiver, aber oftmals auch in sachlicher Weise auf solche Rätsel hinzurichten. Betrachten Sie nur die ganze Konfiguration der Zeit. Mit dem römischen Imperium ist Europa goldarm geworden. Es kam die Naturalwirtschaft. Unter der Naturalwirtschaft hatten sich allmählich Verhältnisse herbeigeführt Sie brauchen nur an das mittelalterliche Faustrecht zu denken, an das Zusammenheiraten der Herrscherfamilien und so weiter —, die dem Volke nicht als paradiesisch erschienen. Die Kirche hatte sich ausgebreitet, für viele so, daß sie sich sagten: Es ist nicht das Christentum, es ist eher zur Verhüllung des Christentums da, gibt eher eine falsche Vorstellung von dem Christus-Mysterium als eine richtige. Aber das alles hat ja zur Wirkung gehabt, daß wir nicht glücklich sind. — Die Frage: Warum ist der Mensch auf der Erde nicht glücklich? — ja, man kann sagen, mehr als Essen und Trinken hat allmählich diese Frage im 13., 14., 15. Jahrhundert die Menschen beschäftigt, gerade diejenigen, die empfunden haben in rechter Weise irgend etwas über das Mysterium von Golgatha. Was ja natürlich eine tiefe Bedeutung und eine andere Bedeutung hat, das verband sich für die Menschen mit der Frage: Warum sind wir nicht glücklich? Unter welcher Bedingung kann der Mensch denn auf der Erde glücklich werden?
[ 46 ] Das erzeugte eine Stimmung, und vielleicht niemals, ganz gewiß nicht in unserer Zeit, hat man in so weitem Umkreise immer wieder und wiederum gefühlsmäßig sich eine Frage aufgeworfen, die Frage, die basiert ist auf dem Unterschied zwischen dieser Welt hier und zwischen der Welt des Paradieses, zwischen der Welt, die den Menschen glücklich machen kann. Diese Frage in den verschiedensten Varianten beherrschte schon weite Kreise. Und Leute, die intelligent waren, Leute, deren Sehnsuchten intellektuelle waren, die kamen dadurch dazu, ihr Streben oftmals in naiver, aber oftmals auch in sachlicher Weise auf solche Rätsel hinzurichten. Betrachten Sie nur die ganze Konfiguration der Zeit. Mit dem römischen Imperium ist Europa goldarm geworden. Es kam die Naturalwirtschaft. Unter der Naturalwirtschaft hatten sich allmählich Verhältnisse herbeigeführt Sie brauchen nur an das mittelalterliche Faustrecht zu denken, an das Zusammenheiraten der Herrscherfamilien und so weiter —, die dem Volke nicht als paradiesisch erschienen. Die Kirche hatte sich ausgebreitet, für viele so, daß sie sich sagten: Es ist nicht das Christentum, es ist eher zur Verhüllung des Christentums da, gibt eher eine falsche Vorstellung von dem Christus-Mysterium als eine richtige. Aber das alles hat ja zur Wirkung gehabt, daß wir nicht glücklich sind. — Die Frage: Warum ist der Mensch auf der Erde nicht glücklich? — ja, man kann sagen, mehr als Essen und Trinken hat allmählich diese Frage im 13., 14., 15. Jahrhundert die Menschen beschäftigt, gerade diejenigen, die empfunden haben in rechter Weise irgend etwas über das Mysterium von Golgatha. Was ja natürlich eine tiefe Bedeutung und eine andere Bedeutung hat, das verband sich für die Menschen mit der Frage: Warum sind wir nicht glücklich? Unter welcher Bedingung kann der Mensch denn auf der Erde glücklich werden?
[ 47 ] Dadurch bildete sich etwas heraus — in der Form, wie es sich herausgebildet hat, ist es auf diese Ursache zurückzuführen, die ich jetzt anführen werde —, was Ihnen aus den Schilderungen, die ich gegeben habe, begreiflich sein wird. Europa war ohne Gold; Naturalwirtschaft war das, auf Grund dessen sich die unglückliche Menschheit ausgebildet hat. Das römische Papsttum hat das Christentum verhüllt. ‚Aber die Menschen sollen doch nach etwas streben, was ein wirkliches menschliches Ziel ist. Und so hat sich denn, wenn man die Sache kurz sagt, klingt sie paradox, herausgebildet in weiteren Kreisen, gerade in denen, die aus dem Ketzerkreise hervorgegangen sind, die Stimmung: Ja, wir sind arm geworden in Europa, das Romanentum hat uns allmählich arm gemacht. — Und man hat eingesehen, daß sich nur diejenigen herausarbeiten, die auf dieselbe Weise sich herausarbeiten, wodurch das Römische Reich groß geworden ist, die zu Gold gekommen waren. Wie kann man das paralysieren? Wie kann man die Macht des Goldes paralysieren? Wenn man Gold machen kann!
[ 47 ] Dadurch bildete sich etwas heraus — in der Form, wie es sich herausgebildet hat, ist es auf diese Ursache zurückzuführen, die ich jetzt anführen werde —, was Ihnen aus den Schilderungen, die ich gegeben habe, begreiflich sein wird. Europa war ohne Gold; Naturalwirtschaft war das, auf Grund dessen sich die unglückliche Menschheit ausgebildet hat. Das römische Papsttum hat das Christentum verhüllt. ‚Aber die Menschen sollen doch nach etwas streben, was ein wirkliches menschliches Ziel ist. Und so hat sich denn, wenn man die Sache kurz sagt, klingt sie paradox, herausgebildet in weiteren Kreisen, gerade in denen, die aus dem Ketzerkreise hervorgegangen sind, die Stimmung: Ja, wir sind arm geworden in Europa, das Romanentum hat uns allmählich arm gemacht. — Und man hat eingesehen, daß sich nur diejenigen herausarbeiten, die auf dieselbe Weise sich herausarbeiten, wodurch das Römische Reich groß geworden ist, die zu Gold gekommen waren. Wie kann man das paralysieren? Wie kann man die Macht des Goldes paralysieren? Wenn man Gold machen kann!
[ 48 ] So hängt mit den ganz konkreten Verhältnissen die weitverbreitete Experimentier- und Probierkunst des Goldmachens zusammen in der Zeit, wo man arm an Gold war und wo nur einzelne daher zu Gold kamen, die mit dem Golde die andern tyrannisieren konnten. Es erstrebten die Leute, dieses auszugleichen. Denn das wußten sie: Wenn jeder Gold machen kann, so hat das Gold keinen Wert. — Es wurde daher das Ideal, Gold machen zu können. Sie sagten sich: Glücklich kann man jedenfalls nur in einer Welt sein, in der man Gold machen kann. — Und in ähnlicher Weise verhält es sich mit dem Fragen nach dem «Stein der Weisen», sogar mit der Frage nach dem «Homunkulus». Da, wo die Interessen so auftreten, wie sie auftraten durch die Familienverhältnisse — man sah es an den Teilungen der Karolinger und so weiter —, da können die Menschen nicht glücklich sein. Das aber hängt zusammen mit der natürlichen Fortpflanzung des Menschen. Jedenfalls, wenn ein Paradies möglich ist, so kann es eher möglich sein, wenn man Homunkuli macht, als wenn die gewöhnliche Fortpflanzung mit all den Familienverhältnissen fortdauert. Solche Dinge, die heute ganz paradox, verdreht klingen, die waren dazumal etwas, was unzählige Gemüter bewegte. Und man versteht die Zeit nicht, wenn man nicht weiß, daß sie von solchen Fragen bewegt wurde.
[ 48 ] So hängt mit den ganz konkreten Verhältnissen die weitverbreitete Experimentier- und Probierkunst des Goldmachens zusammen in der Zeit, wo man arm an Gold war und wo nur einzelne daher zu Gold kamen, die mit dem Golde die andern tyrannisieren konnten. Es erstrebten die Leute, dieses auszugleichen. Denn das wußten sie: Wenn jeder Gold machen kann, so hat das Gold keinen Wert. — Es wurde daher das Ideal, Gold machen zu können. Sie sagten sich: Glücklich kann man jedenfalls nur in einer Welt sein, in der man Gold machen kann. — Und in ähnlicher Weise verhält es sich mit dem Fragen nach dem «Stein der Weisen», sogar mit der Frage nach dem «Homunkulus». Da, wo die Interessen so auftreten, wie sie auftraten durch die Familienverhältnisse — man sah es an den Teilungen der Karolinger und so weiter —, da können die Menschen nicht glücklich sein. Das aber hängt zusammen mit der natürlichen Fortpflanzung des Menschen. Jedenfalls, wenn ein Paradies möglich ist, so kann es eher möglich sein, wenn man Homunkuli macht, als wenn die gewöhnliche Fortpflanzung mit all den Familienverhältnissen fortdauert. Solche Dinge, die heute ganz paradox, verdreht klingen, die waren dazumal etwas, was unzählige Gemüter bewegte. Und man versteht die Zeit nicht, wenn man nicht weiß, daß sie von solchen Fragen bewegt wurde.
[ 49 ] Und dann kam das 15. Jahrhundert, und das machte äußerlich natürlich zunächst der Goldsucht dadurch ein Ende, daß man Amerika entdeckte und von dort das Gold herüberbrachte. Und dann flaute das ab, was ich eben charakterisiert habe. Universell zusammenfassend alle diejenigen Elemente, die in den Kreuzzügen wirkten, sich vertieft haben während der Kreuzzüge, zusammenfassend all die Sehnsuchten, die im Mittelalter lagen — die Kunst, Gold zu machen, den Homunkulus zu erzeugen —, das alles auf eine wirklich geistige Weise so zusammenzufassen, daß es ein tatkräftiger Impuls hätte werden können, das war im wesentlichen dasjenige, was sich die Genossen des Christian Rosenkreutz zur Aufgabe gestellt haben. Dazu mußte es erst zu all den Dingen kommen, die sich bis zum 15. Jahrhundert hin entwickelt haben.
[ 49 ] Und dann kam das 15. Jahrhundert, und das machte äußerlich natürlich zunächst der Goldsucht dadurch ein Ende, daß man Amerika entdeckte und von dort das Gold herüberbrachte. Und dann flaute das ab, was ich eben charakterisiert habe. Universell zusammenfassend alle diejenigen Elemente, die in den Kreuzzügen wirkten, sich vertieft haben während der Kreuzzüge, zusammenfassend all die Sehnsuchten, die im Mittelalter lagen — die Kunst, Gold zu machen, den Homunkulus zu erzeugen —, das alles auf eine wirklich geistige Weise so zusammenzufassen, daß es ein tatkräftiger Impuls hätte werden können, das war im wesentlichen dasjenige, was sich die Genossen des Christian Rosenkreutz zur Aufgabe gestellt haben. Dazu mußte es erst zu all den Dingen kommen, die sich bis zum 15. Jahrhundert hin entwickelt haben.
[ 50 ] Es war die Zeit noch nicht gekommen, aus dem Geiste heraus neue Wahrheiten zu holen, und daher blieben die Impulse des Christian Rosenkreutz, ebenso wie die Bemühungen von Johann Valentin Andreae, zuletzt erfolglos. Worauf gingen sie? Sie gingen dahin und das, was ich jetzt sage, bitte ich wohl zu beachten und zu berücksichtigen —, sich zu sagen: Europa differenziert sich; aus dem, was da früher gewaltet hat, sind differenzierte Gebilde hervorgegangen.
[ 50 ] Es war die Zeit noch nicht gekommen, aus dem Geiste heraus neue Wahrheiten zu holen, und daher blieben die Impulse des Christian Rosenkreutz, ebenso wie die Bemühungen von Johann Valentin Andreae, zuletzt erfolglos. Worauf gingen sie? Sie gingen dahin und das, was ich jetzt sage, bitte ich wohl zu beachten und zu berücksichtigen —, sich zu sagen: Europa differenziert sich; aus dem, was da früher gewaltet hat, sind differenzierte Gebilde hervorgegangen.
[ 51 ] Es wäre noch interessant, aber dazu ist nicht mehr Zeit, daß ich auch noch erzählen könnte, wie in einer ähnlichen Weise sich die britische Nation gebildet hat. Sogar im Osten hat sich die russisch-slawische in einer entsprechenden Weise gebildet. Das alles könnte man schildern. Überall ist es mit einer Reaktion von unten gegangen, nur ist sie in Frankreich so bedeutsam, wo der Genius von unten her direkten Charakter hatte, indem er in Jeanne d’Arc erschien.
[ 51 ] Es wäre noch interessant, aber dazu ist nicht mehr Zeit, daß ich auch noch erzählen könnte, wie in einer ähnlichen Weise sich die britische Nation gebildet hat. Sogar im Osten hat sich die russisch-slawische in einer entsprechenden Weise gebildet. Das alles könnte man schildern. Überall ist es mit einer Reaktion von unten gegangen, nur ist sie in Frankreich so bedeutsam, wo der Genius von unten her direkten Charakter hatte, indem er in Jeanne d’Arc erschien.
[ 52 ] Gegenüber dieser Differenzierung etwas wirklich Universalistisches zu machen — denn daß das Romanentum nicht taugt, universalistisch zu sein, hatte gerade Innozenz III. gezeigt, der die italienische Nation gegründet hat; also die Kirche ist nicht mehr universalistisch —, zu finden einen geistigen Impuls, der so stark ist, daß er über diese sämtlichen Differenzierungen hinweghilft, wirklich die Menschheit zu einem Ganzen macht, das war im wesentlichen das, was dem Rosenkreuzertum zugrunde lag. Um dazu die Mittel und Wege einzuschlagen, war natürlich die Menschheit nicht reif. Ein Ideal ist das aber immer geblieben. Und so wahr es ist, daß die Menschheit ein Ganzes, eine Einheit ist, so wahr ist es auch, daß, wenn auch eine Zeitlang in verschiedener Form, solch ein Ideal wiederum aufgenommen werden muß. Und die Geschichte selbst, wie sie hintendiert zum 15. Jahrhundert, wie sie die eigentümliche Konfiguration im 15. Jahrhundert herausbildet, ist der lebendigste Beweis dafür. Man braucht nicht das alte Rosenkreuzertum aufzuwärmen, aber das Ideal, das ihm zugrunde lag, das muß aufgenommen werden.
[ 52 ] Gegenüber dieser Differenzierung etwas wirklich Universalistisches zu machen — denn daß das Romanentum nicht taugt, universalistisch zu sein, hatte gerade Innozenz III. gezeigt, der die italienische Nation gegründet hat; also die Kirche ist nicht mehr universalistisch —, zu finden einen geistigen Impuls, der so stark ist, daß er über diese sämtlichen Differenzierungen hinweghilft, wirklich die Menschheit zu einem Ganzen macht, das war im wesentlichen das, was dem Rosenkreuzertum zugrunde lag. Um dazu die Mittel und Wege einzuschlagen, war natürlich die Menschheit nicht reif. Ein Ideal ist das aber immer geblieben. Und so wahr es ist, daß die Menschheit ein Ganzes, eine Einheit ist, so wahr ist es auch, daß, wenn auch eine Zeitlang in verschiedener Form, solch ein Ideal wiederum aufgenommen werden muß. Und die Geschichte selbst, wie sie hintendiert zum 15. Jahrhundert, wie sie die eigentümliche Konfiguration im 15. Jahrhundert herausbildet, ist der lebendigste Beweis dafür. Man braucht nicht das alte Rosenkreuzertum aufzuwärmen, aber das Ideal, das ihm zugrunde lag, das muß aufgenommen werden.
[ 53 ] Das sind einzelne aphoristische Bemerkungen, die ich zuletzt noch machen wollte. Es sind wirklich mehr Anregungen, die ich geben wollte, als irgend etwas Ausführliches und Erschöpfendes, jetzt, wo ich Ihnen wiederum für einige Zeit gewissermaßen werde Abschied sagen müssen. Es ist ja im Laufe dieser Jahre, wenn ich sagen darf, immer schwerer geworden dieses Abschiedsagen, weil es eigentlich immer unter weniger hoffnungsvollen Voraussetzungen geschah. Nun, ich brauche selbstverständlich Ihnen nicht zu versichern, daß der Bau und alles, was mit diesem Bau zusammenhängt, von mir in ehrlicher, aufrichtiger Weise als etwas angesehen wird, das ganz im wesentlichen als ein wirklicher Faktor zusammenhängt mit den Bestrebungen, die eigentlich die Bestrebungen unserer Zeit im weitesten Umkreise werden müßten. Ich habe nie in diesem Bau etwa nur gesehen die Liebhaberei oder etwas Ähnliches von einzelnen Gruppen oder dergleichen, sondern ich habe immer gesehen in diesem Bau und woraus er hervorgeht, auf Grund dessen er sich aufbaut, etwas, was das Kulturferment unserer Zeit sein muß, namentlich der Zukunft werden muß.
[ 53 ] Das sind einzelne aphoristische Bemerkungen, die ich zuletzt noch machen wollte. Es sind wirklich mehr Anregungen, die ich geben wollte, als irgend etwas Ausführliches und Erschöpfendes, jetzt, wo ich Ihnen wiederum für einige Zeit gewissermaßen werde Abschied sagen müssen. Es ist ja im Laufe dieser Jahre, wenn ich sagen darf, immer schwerer geworden dieses Abschiedsagen, weil es eigentlich immer unter weniger hoffnungsvollen Voraussetzungen geschah. Nun, ich brauche selbstverständlich Ihnen nicht zu versichern, daß der Bau und alles, was mit diesem Bau zusammenhängt, von mir in ehrlicher, aufrichtiger Weise als etwas angesehen wird, das ganz im wesentlichen als ein wirklicher Faktor zusammenhängt mit den Bestrebungen, die eigentlich die Bestrebungen unserer Zeit im weitesten Umkreise werden müßten. Ich habe nie in diesem Bau etwa nur gesehen die Liebhaberei oder etwas Ähnliches von einzelnen Gruppen oder dergleichen, sondern ich habe immer gesehen in diesem Bau und woraus er hervorgeht, auf Grund dessen er sich aufbaut, etwas, was das Kulturferment unserer Zeit sein muß, namentlich der Zukunft werden muß.
[ 54 ] Daher kann man schon sagen, es hängt recht viel davon ab, daß diejenigen, die sich durchgerungen haben, die Bedeutung dieses Baues einzusehen, dieses wirklich auch verstehen mit Nachdruck und Ernst und mit aller Würde zu vertreten. Gewiß, der Bau ist nach jeder Richtung ein erster Versuch. Aber, wenn die Menschheit wiederum in dem Menschen erlöst werden soll, wenn das, was heute mit Füßen getreten wird, in der Menschheit wiederum gepflegt werden soll, dann werden Kräfte notwendig sein, die so geartet sind wie diejenigen, die mit unserem Bau gemeint sind, und dem, was mit unserem Bau zusammenhängt.
[ 54 ] Daher kann man schon sagen, es hängt recht viel davon ab, daß diejenigen, die sich durchgerungen haben, die Bedeutung dieses Baues einzusehen, dieses wirklich auch verstehen mit Nachdruck und Ernst und mit aller Würde zu vertreten. Gewiß, der Bau ist nach jeder Richtung ein erster Versuch. Aber, wenn die Menschheit wiederum in dem Menschen erlöst werden soll, wenn das, was heute mit Füßen getreten wird, in der Menschheit wiederum gepflegt werden soll, dann werden Kräfte notwendig sein, die so geartet sind wie diejenigen, die mit unserem Bau gemeint sind, und dem, was mit unserem Bau zusammenhängt.
[ 55 ] Es klingt heute, wenn alte religiöse Bekenntnisse und ähnliches die kritisieren, sehr sonderbar; denn diese alten religiösen Bekenntnisse haben recht lange Zeit gehabt, um zu wirken. Und wenn heute die Menschheit in eine Sackgasse hineingekommen ist, dann ist es vielleicht nicht unbegründet, zu fragen: Wenn Ihr dasselbe sagt, was Ihr früher gesagt habt, warum hat es denn nicht schon früher gewirkt? — Das ist es, wenn es richtig betrachtet wird, was vielleicht doch in manchem erzeugen kann die Einsicht von der Notwendigkeit dessen, was eigentlich hier gemeint ist, was hier beabsichtigt wird.
[ 55 ] Es klingt heute, wenn alte religiöse Bekenntnisse und ähnliches die kritisieren, sehr sonderbar; denn diese alten religiösen Bekenntnisse haben recht lange Zeit gehabt, um zu wirken. Und wenn heute die Menschheit in eine Sackgasse hineingekommen ist, dann ist es vielleicht nicht unbegründet, zu fragen: Wenn Ihr dasselbe sagt, was Ihr früher gesagt habt, warum hat es denn nicht schon früher gewirkt? — Das ist es, wenn es richtig betrachtet wird, was vielleicht doch in manchem erzeugen kann die Einsicht von der Notwendigkeit dessen, was eigentlich hier gemeint ist, was hier beabsichtigt wird.
[ 56 ] Und nun, wie auch die Zeit werden mag — jedesmal, wenn ich fortgegangen bin, habe ich Sie gebeten: Mögen auch diese oder jene Verhältnisse eintreten, nach dem Maße, wie Sie es können, halten Sie an dem fest, was zu diesem Bau geführt hat. Gewiß kann man sagen, die Anfeindungen werden groß; aber bedenken Sie, daß selbst in dieser ungünstigen Zeit doch im Laufe der letzten Jahre da und dort und sogar in weiteren Kreisen manche Teilnahme auch gerade für das Wesen dieses Baues und was damit zusammenhängt, ja aufgetreten ist. Und wenn man nicht bedenken würde die große Aufgabe unserer geisteswissenschaftlichen Bewegung, die Schwierigkeiten, die sie hat, den weiten Abstand von dem, was erreicht werden soll und von dem, was da ist, wenn man schließlich, ohne auf der einen Seite albern zu werden, auf der andern Seite aber, ohne die Dinge zu verkennen, auf das sieht, was sich entwickelt — man kann ja auch einmal auf das Gute sehen —, so ist das doch da! Es gehen die Dinge doch vorwärts. Wenn Sie zum Beispiel mit feinerem Gefühl verfolgen, wie solch eine Einzelheit wie die eurythmische Kunst im Laufe der letzten Jahre hier fortentwickelt wurde — man kann, glaube ich, das schon bemerken —, so kann man sagen, ein Stillstand ist in unseren Reihen nicht. Und wer gar die intimeren Fortschritte betrachten würde, die gerade innerhalb der Entstehung dieses Baues stattfinden, der darf von einem gewissen Fortschritte sprechen. Ich darf das sogar heute, wo ich von Ihnen wiederum für einige Zeit Abschied nehmen muß, mit einer gewissen inneren herzlichen Bewegtheit sagen.
[ 56 ] Und nun, wie auch die Zeit werden mag — jedesmal, wenn ich fortgegangen bin, habe ich Sie gebeten: Mögen auch diese oder jene Verhältnisse eintreten, nach dem Maße, wie Sie es können, halten Sie an dem fest, was zu diesem Bau geführt hat. Gewiß kann man sagen, die Anfeindungen werden groß; aber bedenken Sie, daß selbst in dieser ungünstigen Zeit doch im Laufe der letzten Jahre da und dort und sogar in weiteren Kreisen manche Teilnahme auch gerade für das Wesen dieses Baues und was damit zusammenhängt, ja aufgetreten ist. Und wenn man nicht bedenken würde die große Aufgabe unserer geisteswissenschaftlichen Bewegung, die Schwierigkeiten, die sie hat, den weiten Abstand von dem, was erreicht werden soll und von dem, was da ist, wenn man schließlich, ohne auf der einen Seite albern zu werden, auf der andern Seite aber, ohne die Dinge zu verkennen, auf das sieht, was sich entwickelt — man kann ja auch einmal auf das Gute sehen —, so ist das doch da! Es gehen die Dinge doch vorwärts. Wenn Sie zum Beispiel mit feinerem Gefühl verfolgen, wie solch eine Einzelheit wie die eurythmische Kunst im Laufe der letzten Jahre hier fortentwickelt wurde — man kann, glaube ich, das schon bemerken —, so kann man sagen, ein Stillstand ist in unseren Reihen nicht. Und wer gar die intimeren Fortschritte betrachten würde, die gerade innerhalb der Entstehung dieses Baues stattfinden, der darf von einem gewissen Fortschritte sprechen. Ich darf das sogar heute, wo ich von Ihnen wiederum für einige Zeit Abschied nehmen muß, mit einer gewissen inneren herzlichen Bewegtheit sagen.
[ 57 ] Als die ersten Zeiten da waren, diesen Bau zu schaffen, da handelte es sich zunächst darum, daß die größeren Linien gezogen wurden, daß das oder jenes geschah. Aber wenn wir auch mit tiefem Schmerze und mit tiefem Leide auf das unser Augenmerk richten und richten müssen darauf, wie dieser Bau gelitten hat unter den allgemeinen katastrophalen Verhältnissen der Menschheit, so darf auch anderes gesagt werden: Es haben die Verhältnisse es mit sich gebracht — es war diesmal notwendig —, daß ich da oder dort noch viel eingehender mitgearbeitet habe an den Einzelheiten, die hier am Bau entstehen. Und gerade deshalb kann ich sagen, daß ich mit bewegtem Herzen es hier aussprechen darf: Das, was im Bau wird, bringt wirklich auch immer sichtbarer und intimer schon zum Ausdrucke dasjenige, was mit größeren Menschheitsimpulsen zusammenhängt. Ich konnte Ihnen neulich zum Beispiel von der neuen Isislegende erzählen, welche Erzählung eben für die ganzen Verhältnisse des Baues charakteristisch sein soll, charakteristisch für dasjenige, was ich damit ausdrücken möchte, daß ich sage, dieser Bau soll eine Art von — lassen Sie mich den philiströsen Ausdruck gebrauchen — Markstein sein, der da scheidet ein Altes, das endlich wird einsehen müssen, daß es ein Altes ist, von einem Neuen, das da werden will, weil es werden muß, wenn die Menschheit nicht in immer katastrophalere Verhältnisse hineinkommen soll. Es wird schon einmal auch die Zeit kommen, wo man es bereuen wird, daß man das, was mit diesem Bau gewollt ist, vielfach als Narretei angesehen hat. Denn diese Katastrophe der Menschheit wird eben auch das zur Folge haben, daß man manches wird einsehen, was man ohne diese Katastrophe nicht würde eingesehen haben. Denn sie spricht mit sehr, sehr deutlichen Zeichen. Daß die Menschheit aus dem Menschen erlöst werden kann gerade durch solche Impulse, wie sie mit diesem Bau zusammenhängen, dafür spricht wirklich manches, das beobachtet werden konnte während dieses Baues.
[ 57 ] Als die ersten Zeiten da waren, diesen Bau zu schaffen, da handelte es sich zunächst darum, daß die größeren Linien gezogen wurden, daß das oder jenes geschah. Aber wenn wir auch mit tiefem Schmerze und mit tiefem Leide auf das unser Augenmerk richten und richten müssen darauf, wie dieser Bau gelitten hat unter den allgemeinen katastrophalen Verhältnissen der Menschheit, so darf auch anderes gesagt werden: Es haben die Verhältnisse es mit sich gebracht — es war diesmal notwendig —, daß ich da oder dort noch viel eingehender mitgearbeitet habe an den Einzelheiten, die hier am Bau entstehen. Und gerade deshalb kann ich sagen, daß ich mit bewegtem Herzen es hier aussprechen darf: Das, was im Bau wird, bringt wirklich auch immer sichtbarer und intimer schon zum Ausdrucke dasjenige, was mit größeren Menschheitsimpulsen zusammenhängt. Ich konnte Ihnen neulich zum Beispiel von der neuen Isislegende erzählen, welche Erzählung eben für die ganzen Verhältnisse des Baues charakteristisch sein soll, charakteristisch für dasjenige, was ich damit ausdrücken möchte, daß ich sage, dieser Bau soll eine Art von — lassen Sie mich den philiströsen Ausdruck gebrauchen — Markstein sein, der da scheidet ein Altes, das endlich wird einsehen müssen, daß es ein Altes ist, von einem Neuen, das da werden will, weil es werden muß, wenn die Menschheit nicht in immer katastrophalere Verhältnisse hineinkommen soll. Es wird schon einmal auch die Zeit kommen, wo man es bereuen wird, daß man das, was mit diesem Bau gewollt ist, vielfach als Narretei angesehen hat. Denn diese Katastrophe der Menschheit wird eben auch das zur Folge haben, daß man manches wird einsehen, was man ohne diese Katastrophe nicht würde eingesehen haben. Denn sie spricht mit sehr, sehr deutlichen Zeichen. Daß die Menschheit aus dem Menschen erlöst werden kann gerade durch solche Impulse, wie sie mit diesem Bau zusammenhängen, dafür spricht wirklich manches, das beobachtet werden konnte während dieses Baues.
[ 58 ] Es wird Ihnen ja heute besonders stark entgegentreten, wie äußerlich manches Kulturwerk zustande kommt. Fragen Sie sich, ob überall da, wo heute eine Kirche oder irgend etwas Ähnliches — es könnte auch ein Warenhaus sein — aufgeführt wird, diese immer aufgeführt werden so, daß derjenige, der sie aufführt und diejenigen, die mitarbeiten, ganz drinnenstehen in dem, wozu die Sachen aufgeführt werden. Man könnte manchen großen Dom aufführen, bei denen die Dombaumeister nicht sehr an jenes Symbolum, das da drinnen ist, glauben. Hier aber ist das schon eine Wahrheit, daß derjenige am besten arbeitet, der am tiefsten mit seinem Herzen mit der Sache verknüpft ist, der nicht nur seine Kunst, sondern der seinen ganzen Menschen einzusetzen vermag, der nicht nur mit den äußeren Formen mitarbeitet, sondern der von ganzem Herzen heraus an dieser Weltanschauung nicht nur mitarbeitet, sondern diese Weltanschauung lebt. Und deshalb muß ich sagen: Es ist mir von ganz besonderer Bedeutung, auch gerade diesmal all denjenigen, die ihre Arbeit, ihre Lebenskräfte, ihre Gedanken diesem Bau widmen, mit uns hier zusammenarbeiten wollen, um dieses Werk zustande zu bringen, diesen allen nicht nur einen äußerlichen Dank zu sagen, sondern ihnen zu sagen, daß ich wirklich tief, tief empfinde, was es bedeutet, daß sich Menschen zusammengefunden haben, die hier an diesem Kulturwerke arbeiten wollen. — Und aus dieser Empfindung heraus, die ja noch tiefer bindet in Zeiten, in denen der Mensch so gebunden ist wie in dieser, sage ich Ihnen heute, wo wir am Abschlusse dieser Vorträge stehen, zunächst für die äußeren physischen Verhältnisse eine Art Lebewohl. Wir bleiben ja alle in Gedanken zusammen. Physische Verhältnisse können uns nicht trennen. Aber das, was uns am besten verbinden wird, das wird sein, wenn lebendig in uns bleibt die Kraft, die da hineingebaut, hineingebildet sein will in dasjenige, was sich in Sturmeszeiten der Menschheit zum Menschheitsfrieden entwickeln will.
[ 58 ] Es wird Ihnen ja heute besonders stark entgegentreten, wie äußerlich manches Kulturwerk zustande kommt. Fragen Sie sich, ob überall da, wo heute eine Kirche oder irgend etwas Ähnliches — es könnte auch ein Warenhaus sein — aufgeführt wird, diese immer aufgeführt werden so, daß derjenige, der sie aufführt und diejenigen, die mitarbeiten, ganz drinnenstehen in dem, wozu die Sachen aufgeführt werden. Man könnte manchen großen Dom aufführen, bei denen die Dombaumeister nicht sehr an jenes Symbolum, das da drinnen ist, glauben. Hier aber ist das schon eine Wahrheit, daß derjenige am besten arbeitet, der am tiefsten mit seinem Herzen mit der Sache verknüpft ist, der nicht nur seine Kunst, sondern der seinen ganzen Menschen einzusetzen vermag, der nicht nur mit den äußeren Formen mitarbeitet, sondern der von ganzem Herzen heraus an dieser Weltanschauung nicht nur mitarbeitet, sondern diese Weltanschauung lebt. Und deshalb muß ich sagen: Es ist mir von ganz besonderer Bedeutung, auch gerade diesmal all denjenigen, die ihre Arbeit, ihre Lebenskräfte, ihre Gedanken diesem Bau widmen, mit uns hier zusammenarbeiten wollen, um dieses Werk zustande zu bringen, diesen allen nicht nur einen äußerlichen Dank zu sagen, sondern ihnen zu sagen, daß ich wirklich tief, tief empfinde, was es bedeutet, daß sich Menschen zusammengefunden haben, die hier an diesem Kulturwerke arbeiten wollen. — Und aus dieser Empfindung heraus, die ja noch tiefer bindet in Zeiten, in denen der Mensch so gebunden ist wie in dieser, sage ich Ihnen heute, wo wir am Abschlusse dieser Vorträge stehen, zunächst für die äußeren physischen Verhältnisse eine Art Lebewohl. Wir bleiben ja alle in Gedanken zusammen. Physische Verhältnisse können uns nicht trennen. Aber das, was uns am besten verbinden wird, das wird sein, wenn lebendig in uns bleibt die Kraft, die da hineingebaut, hineingebildet sein will in dasjenige, was sich in Sturmeszeiten der Menschheit zum Menschheitsfrieden entwickeln will.
