Earth-Death and Universal-Life
Anthroposophical Life-Gifts
Essential Aspects of Consciousness for the Present and the Future
GA 181
22 January 1918, Berlin
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Erdensterben und Weltenleben
Erdensterben und Weltenleben I
Erdensterben und Weltenleben I
[ 1 ] Meine lieben Freunde, ich brauche wohl nicht zu sagen, daß es mir eine große Freude sein muß, daß ich in dieser schweren, prüfungsreichen Zeit wieder hier mit Ihnen zusammen sein darf. Und da wir jetzt hier nach langer Zeit zum ersten Male wieder uns über Gegenstände der Geisteswissenschaft besprechen können, so wird es uns besonders naheliegen, in dieser schweren Zeit zu gedenken, wie Geisteswissenschaft fern sein soll davon, bloße Theorie zu sein, wie sie vielmehr sein soll ein substantieller, fester Halt, der da zusammenbindet die Seelen der Menschen, zusammenbindet nicht nur die Seelen derjenigen Menschen, die hier auf dem physischen Plane sind, sondern mit diesen auch die Seelen derjenigen, die in den geistigen Welten leben. Dies liegt uns so nahe, besonders in dieser Zeit, da ungezählte Seelen den physischen Plan verlassen haben unter Umständen, von denen wir so oft gesprochen haben, in dieser Zeit, da so viele Seelen draußen den schwersten Prüfungen, die vielleicht die Weltgeschichte bisher überhaupt Menschen auferlegt hat, ausgesetzt sind. Absehend von den allgemeinen Vorstellungen, welche durch unsere Seelen am Beginne dieser Vorträge hier und an andern Orten fließen, sei es heute einmal in individueller Form versucht, unsere Gefühle, unsere Empfindungen hinzulenken zu denjenigen, die draußen stehen, wie auch zu denjenigen, die schon in dieser Ereignisse Folge durch des Todes Pforte gegangen sind.
[ 1 ] Meine lieben Freunde, ich brauche wohl nicht zu sagen, daß es mir eine große Freude sein muß, daß ich in dieser schweren, prüfungsreichen Zeit wieder hier mit Ihnen zusammen sein darf. Und da wir jetzt hier nach langer Zeit zum ersten Male wieder uns über Gegenstände der Geisteswissenschaft besprechen können, so wird es uns besonders naheliegen, in dieser schweren Zeit zu gedenken, wie Geisteswissenschaft fern sein soll davon, bloße Theorie zu sein, wie sie vielmehr sein soll ein substantieller, fester Halt, der da zusammenbindet die Seelen der Menschen, zusammenbindet nicht nur die Seelen derjenigen Menschen, die hier auf dem physischen Plane sind, sondern mit diesen auch die Seelen derjenigen, die in den geistigen Welten leben. Dies liegt uns so nahe, besonders in dieser Zeit, da ungezählte Seelen den physischen Plan verlassen haben unter Umständen, von denen wir so oft gesprochen haben, in dieser Zeit, da so viele Seelen draußen den schwersten Prüfungen, die vielleicht die Weltgeschichte bisher überhaupt Menschen auferlegt hat, ausgesetzt sind. Absehend von den allgemeinen Vorstellungen, welche durch unsere Seelen am Beginne dieser Vorträge hier und an andern Orten fließen, sei es heute einmal in individueller Form versucht, unsere Gefühle, unsere Empfindungen hinzulenken zu denjenigen, die draußen stehen, wie auch zu denjenigen, die schon in dieser Ereignisse Folge durch des Todes Pforte gegangen sind.
Die Ihr wachet über Erdenseelen,
Die Ihr webet an den Erdenseelen,
Geister, die Ihr über Menschenseelen schützend
Aus der Weltenweisheit liebend wirkt,
Höret unsre Bitte,
Schauet unsre Liebe,
Die mit Euren helfenden Kräftestrahlen
Sich einen möchten
Geist-ergeben, Liebe sendend!
Die Ihr wachet über Erdenseelen,
Die Ihr webet an den Erdenseelen,
Geister, die Ihr über Menschenseelen schützend
Aus der Weltenweisheit liebend wirkt,
Höret unsre Bitte,
Schauet unsre Liebe,
Die mit Euren helfenden Kräftestrahlen
Sich einen möchten
Geist-ergeben, Liebe sendend!
[ 2 ] Und mit Bezug auf die, welche in dieser Zeit bereits durch die Todespforte gegangen sind:
[ 2 ] Und mit Bezug auf die, welche in dieser Zeit bereits durch die Todespforte gegangen sind:
Die Ihr wachet über Sphärenseelen,
Die Ihr webet an den Sphärenseelen,
Geister, die Ihr über Seelenmenschen schützend
Aus der Weltenweisheit liebend wirkt,
Höret unsre Bitte,
Schauet unsre Liebe,
Die mit Euren helfenden Kräfteströmen
Sich einen möchten
Geist-erahnend, Liebe strahlend!
Die Ihr wachet über Sphärenseelen,
Die Ihr webet an den Sphärenseelen,
Geister, die Ihr über Seelenmenschen schützend
Aus der Weltenweisheit liebend wirkt,
Höret unsre Bitte,
Schauet unsre Liebe,
Die mit Euren helfenden Kräfteströmen
Sich einen möchten
Geist-erahnend, Liebe strahlend!
[ 3 ] Und der Geist, dem wir uns zu nahen suchen durch die Jahre schon durch die von uns angestrebte Geist-Erkenntnis, der zu der Erde Heil, zu der Menschheit Freiheit und Fortschritt durch das Mysterium von Golgatha gehen wollte, Er sei mit Euch und Euren schweren Pflichten! 1Die vorangehenden Gedenkworte wurden während des Krieges in dieser oder ähnlicher Weise von Rudolf Steiner vor jedem von ihm innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft gehaltenen Vortrag in den vom Kriege betroffenen Ländern gesprochen.
[ 3 ] Und der Geist, dem wir uns zu nahen suchen durch die Jahre schon durch die von uns angestrebte Geist-Erkenntnis, der zu der Erde Heil, zu der Menschheit Freiheit und Fortschritt durch das Mysterium von Golgatha gehen wollte, Er sei mit Euch und Euren schweren Pflichten! 1Die vorangehenden Gedenkworte wurden während des Krieges in dieser oder ähnlicher Weise von Rudolf Steiner vor jedem von ihm innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft gehaltenen Vortrag in den vom Kriege betroffenen Ländern gesprochen.
[ 4 ] Vielleicht wird die schwere Zeit der Prüfungen, in denen die Menschheit steht, doch eine solche sein, welche immer mehr und mehr die Bedeutung geistiger Vertiefung den Menschenseelen nahelegt; dann wird diese schwere Zeit der Prüfungen nicht umsonst an dieser Gegenwart und für die Zukunft für die Menschheit vorübergegangen sein. Man hat nur heute das Gefühl — und diese Dinge werden ja nicht ausgesprochen, um irgendeine Kritik zu üben an irgend jemandem, sondern gerade um zu appellieren an die rechten und richtigen Gefühle —, man hat das Gefühl, daß die Zeit noch nicht gekommen ist, in der die Menschen von der Schwere der gegenwärtigen Zeitereignisse genügend gelernt haben. Man hat das Gefühl, daß immer noch deutlicher und deutlicher aus dem Geiste der Zeit heraus zu den Menschenseelen, zu den Menschenherzen gesprochen werden muß. Denn es sind ja nicht Menschenstimmen allein, die heute sprechen können; es sind die Stimmen, die geheimnisvoll herausklingen aus den schwerwiegenden und außer ihrem Schwerwiegenden so bedeutungsvollen Tatsachen.
[ 4 ] Vielleicht wird die schwere Zeit der Prüfungen, in denen die Menschheit steht, doch eine solche sein, welche immer mehr und mehr die Bedeutung geistiger Vertiefung den Menschenseelen nahelegt; dann wird diese schwere Zeit der Prüfungen nicht umsonst an dieser Gegenwart und für die Zukunft für die Menschheit vorübergegangen sein. Man hat nur heute das Gefühl — und diese Dinge werden ja nicht ausgesprochen, um irgendeine Kritik zu üben an irgend jemandem, sondern gerade um zu appellieren an die rechten und richtigen Gefühle —, man hat das Gefühl, daß die Zeit noch nicht gekommen ist, in der die Menschen von der Schwere der gegenwärtigen Zeitereignisse genügend gelernt haben. Man hat das Gefühl, daß immer noch deutlicher und deutlicher aus dem Geiste der Zeit heraus zu den Menschenseelen, zu den Menschenherzen gesprochen werden muß. Denn es sind ja nicht Menschenstimmen allein, die heute sprechen können; es sind die Stimmen, die geheimnisvoll herausklingen aus den schwerwiegenden und außer ihrem Schwerwiegenden so bedeutungsvollen Tatsachen.
[ 5 ] Es steht mir das Ganze, das ich heute, ich möchte sagen, wie stammelnd und ungenügend zu Ihnen sprechen kann, insbesondere deshalb vor Augen, weil mir die diesmalige schweizerische Reise gar manches gerade mit Bezug auf das Verhältnis unserer Geistesbewegung zu den Aufgaben der Zeit gezeigt hat. Wer jenen Vortragszyklus aufmerksam gelesen hat, den ich vor dem Kriege in Wien gehalten habe über die Erlebnisse des Menschen zwischen dem Tode und einer neuen Geburt und über dasjenige, was dort an Beziehungen zum menschlichen Leben überhaupt auseinandergesetzt werden konnte, der weiß, wie damals vor dem Kriege auf die tieferen Ursachen, die tieferen Grundlagen der nachher so furchtbar sich auslebenden Zeitereignisse hingewiesen worden ist. Und man darf sagen, alles was man so zwischen den Zeilen des Lebens jetzt erfahren kann, ist eigentlich nach außen hin als ein lebendiger Beweis für die Richtigkeit des damals Gesagten aufzufassen. Mit einem radikalen Wort wurde damals, ich möchte sagen, die allgemeine Krankheit der Zeit bezeichnet, wie Sie wissen. Man merkt schon hie und da, daß nun einiges von den großen Ereignissen gelernt worden ist. Allein, man merkt andererseits auch klar und deutlich, gerade wenn man Einzelheiten scheinbar unbedeutender Dinge im Zusammenhange betrachtet, wie unbeweglich im Laufe der letzten Jahrhunderte das menschliche Denken auf dem physischen Plan geworden ist, wie langsam die Menschen in irgendwelche Entschlüsse, in irgendwelche Maßnahmen, die sie treffen sollen, hineinkommen. Ich möchte heute einleitungsweise von einigem zu Ihnen sprechen, das gerade im Laufe dieser Schweizer Reise erlebt werden konnte, weil es, wie mich dünkt, notwendig ist, daß diejenigen, die sich für unsere Bewegung interessieren, auch im Bilde ihres ganzen Zusammenhanges ein wenig drinnenstehen können. Nur einzelnes aber, aphoristisch, soll vorgebracht werden.
[ 5 ] Es steht mir das Ganze, das ich heute, ich möchte sagen, wie stammelnd und ungenügend zu Ihnen sprechen kann, insbesondere deshalb vor Augen, weil mir die diesmalige schweizerische Reise gar manches gerade mit Bezug auf das Verhältnis unserer Geistesbewegung zu den Aufgaben der Zeit gezeigt hat. Wer jenen Vortragszyklus aufmerksam gelesen hat, den ich vor dem Kriege in Wien gehalten habe über die Erlebnisse des Menschen zwischen dem Tode und einer neuen Geburt und über dasjenige, was dort an Beziehungen zum menschlichen Leben überhaupt auseinandergesetzt werden konnte, der weiß, wie damals vor dem Kriege auf die tieferen Ursachen, die tieferen Grundlagen der nachher so furchtbar sich auslebenden Zeitereignisse hingewiesen worden ist. Und man darf sagen, alles was man so zwischen den Zeilen des Lebens jetzt erfahren kann, ist eigentlich nach außen hin als ein lebendiger Beweis für die Richtigkeit des damals Gesagten aufzufassen. Mit einem radikalen Wort wurde damals, ich möchte sagen, die allgemeine Krankheit der Zeit bezeichnet, wie Sie wissen. Man merkt schon hie und da, daß nun einiges von den großen Ereignissen gelernt worden ist. Allein, man merkt andererseits auch klar und deutlich, gerade wenn man Einzelheiten scheinbar unbedeutender Dinge im Zusammenhange betrachtet, wie unbeweglich im Laufe der letzten Jahrhunderte das menschliche Denken auf dem physischen Plan geworden ist, wie langsam die Menschen in irgendwelche Entschlüsse, in irgendwelche Maßnahmen, die sie treffen sollen, hineinkommen. Ich möchte heute einleitungsweise von einigem zu Ihnen sprechen, das gerade im Laufe dieser Schweizer Reise erlebt werden konnte, weil es, wie mich dünkt, notwendig ist, daß diejenigen, die sich für unsere Bewegung interessieren, auch im Bilde ihres ganzen Zusammenhanges ein wenig drinnenstehen können. Nur einzelnes aber, aphoristisch, soll vorgebracht werden.
[ 6 ] Als ein besonders befriedigendes Ereignis durfte es betrachtet werden, daß während meiner diesmaligen Anwesenheit in der Schweiz sich aus den Kreisen jüngerer Akademiker der Zürcher Hochschule Leute gefunden haben, die einen Vortragszyklus von mir in Zürich gerade so gestalten wollten, daß er die Fäden zieht zu den verschiedenen akademischen Wissenschaften. Ich habe dann vier Vorträge in Zürich gehalten, von denen der erste das Verhältnis der anthroposophischen Geisteswissenschaft zur Psychologie, zur Seelenwissenschaft behandelte, der zweite das Verhältnis dieser Geisteswissenschaft zur Geschichte, der dritte das Verhältnis der Geisteswissenschaft zur Naturwissenschaft, und der vierte ihr Verhältnis zur Sozialwissenschaft, zu den großen sozialen, juristischen Völkerproblemen unserer Zeit. Man geht vielleicht nicht fehl, wenn man — zwar selbstverständlich in weitem Abstande von demjenigen, was man gerne wünschen möchte — damals doch ein gewisses Interesse für dieses Fädenziehen zu den akademischen Wissenschaften sehen konnte. Es konnte ja gezeigt werden, daß die akademischen Wissenschaften überall auf diejenige Ergänzung warten, man könnte auch sagen, auf diejenige Erfüllung warten, die nur von seiten der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft kommen kann, und daß die Teilwissenschaften der Gegenwart Halbheiten, vielleicht sogar Viertelheiten bleiben, wenn sie diese Ergänzung nicht haben können. Nirgends, wo es mir gestattet war, in der Schweiz Vorträge zu halten, habe ich versäumt, überall durchblicken zu lassen, was eigentlich nach dieser Richtung hin unserer Gegenwart fehlt, und was diese unsere Gegenwart erlangen muß, um es den Tendenzen, die sie in eine richtige Zukunft hinüberführen, einzuverleiben. Man kann sagen, daß man immerhin empfinden konnte, daß, nachdem in der Schweiz anfänglich ein starker, kurios starker Widerstand gegen unsere Bestrebungen vorhanden war, in der letzten Zeit allmählich — und gewiß ist der Widerstand nicht geringer geworden, ist sogar stärker geworden — neben dem Widerstande sich ein regeres Interesse entwickelte; und es könnte schon sein, da ja das Karma unseren Bau in die Schweiz gebracht hat, daß gerade das Wirken in diesem Lande eine große Bedeutung haben könnte. Insbesondere wenn es so gestaltet wird, wie ich mich bemühte, es zu gestalten: daß unser Wirken Zeugnis ablegt auch zugleich für jene Quellen geisteswissenschaftlicher Forschungen, die in vieler Beziehung leider ungehoben und unbeachtet gerade im deutschen Geistesleben verborgen sind. Dies ist ein Gefühl, das einen heute auf der einen Seite sogar mit einer gewissen Wehmut und in tragischer Weise berührt, auf der andern Seite auch gewiß mit tiefer Befriedigung. Man kann ja sagen: Wer das ganze Gewicht der Tatsache ins Auge faßt, daß mit allem übrigen auch dieses deutsche Geistesleben gegenwärtig von vier Fünfteln der Welt wie sie sich selbst brüsten — verketzert, wirklich verketzert wird, wer sich das ganze Schwerwiegende dieser Tatsache vor Augen hält was man nicht immer tut —, der wird auf der einen Seite wehmütige, auf der andern Seite befriedigende Hoffnungen darauf setzen können, daß vielleicht gerade von seiten der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft auch nach dem Außen der Welt wieder die Möglichkeit geboten sein wird, diesem deutschen Geistesleben jene Stimme zu verschaffen, die es haben muß, wenn nicht der Entwickelung der Erde Schaden geschehen soll. Man findet und wird immer finden die Möglichkeit, zu allen Menschen, ohne Unterschied der Nationalität, zu sprechen, wenn man den Menschen im wahren Sinne vom Geist spricht, das heißt, wenn man von den wahren Quellen des Geisteslebens zu ihnen spricht.
[ 6 ] Als ein besonders befriedigendes Ereignis durfte es betrachtet werden, daß während meiner diesmaligen Anwesenheit in der Schweiz sich aus den Kreisen jüngerer Akademiker der Zürcher Hochschule Leute gefunden haben, die einen Vortragszyklus von mir in Zürich gerade so gestalten wollten, daß er die Fäden zieht zu den verschiedenen akademischen Wissenschaften. Ich habe dann vier Vorträge in Zürich gehalten, von denen der erste das Verhältnis der anthroposophischen Geisteswissenschaft zur Psychologie, zur Seelenwissenschaft behandelte, der zweite das Verhältnis dieser Geisteswissenschaft zur Geschichte, der dritte das Verhältnis der Geisteswissenschaft zur Naturwissenschaft, und der vierte ihr Verhältnis zur Sozialwissenschaft, zu den großen sozialen, juristischen Völkerproblemen unserer Zeit. Man geht vielleicht nicht fehl, wenn man — zwar selbstverständlich in weitem Abstande von demjenigen, was man gerne wünschen möchte — damals doch ein gewisses Interesse für dieses Fädenziehen zu den akademischen Wissenschaften sehen konnte. Es konnte ja gezeigt werden, daß die akademischen Wissenschaften überall auf diejenige Ergänzung warten, man könnte auch sagen, auf diejenige Erfüllung warten, die nur von seiten der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft kommen kann, und daß die Teilwissenschaften der Gegenwart Halbheiten, vielleicht sogar Viertelheiten bleiben, wenn sie diese Ergänzung nicht haben können. Nirgends, wo es mir gestattet war, in der Schweiz Vorträge zu halten, habe ich versäumt, überall durchblicken zu lassen, was eigentlich nach dieser Richtung hin unserer Gegenwart fehlt, und was diese unsere Gegenwart erlangen muß, um es den Tendenzen, die sie in eine richtige Zukunft hinüberführen, einzuverleiben. Man kann sagen, daß man immerhin empfinden konnte, daß, nachdem in der Schweiz anfänglich ein starker, kurios starker Widerstand gegen unsere Bestrebungen vorhanden war, in der letzten Zeit allmählich — und gewiß ist der Widerstand nicht geringer geworden, ist sogar stärker geworden — neben dem Widerstande sich ein regeres Interesse entwickelte; und es könnte schon sein, da ja das Karma unseren Bau in die Schweiz gebracht hat, daß gerade das Wirken in diesem Lande eine große Bedeutung haben könnte. Insbesondere wenn es so gestaltet wird, wie ich mich bemühte, es zu gestalten: daß unser Wirken Zeugnis ablegt auch zugleich für jene Quellen geisteswissenschaftlicher Forschungen, die in vieler Beziehung leider ungehoben und unbeachtet gerade im deutschen Geistesleben verborgen sind. Dies ist ein Gefühl, das einen heute auf der einen Seite sogar mit einer gewissen Wehmut und in tragischer Weise berührt, auf der andern Seite auch gewiß mit tiefer Befriedigung. Man kann ja sagen: Wer das ganze Gewicht der Tatsache ins Auge faßt, daß mit allem übrigen auch dieses deutsche Geistesleben gegenwärtig von vier Fünfteln der Welt wie sie sich selbst brüsten — verketzert, wirklich verketzert wird, wer sich das ganze Schwerwiegende dieser Tatsache vor Augen hält was man nicht immer tut —, der wird auf der einen Seite wehmütige, auf der andern Seite befriedigende Hoffnungen darauf setzen können, daß vielleicht gerade von seiten der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft auch nach dem Außen der Welt wieder die Möglichkeit geboten sein wird, diesem deutschen Geistesleben jene Stimme zu verschaffen, die es haben muß, wenn nicht der Entwickelung der Erde Schaden geschehen soll. Man findet und wird immer finden die Möglichkeit, zu allen Menschen, ohne Unterschied der Nationalität, zu sprechen, wenn man den Menschen im wahren Sinne vom Geist spricht, das heißt, wenn man von den wahren Quellen des Geisteslebens zu ihnen spricht.
[ 7 ] Wehmütig könnte es auch stimmen, daß, indem man auf der einen Seite sieht, daß diese geisteswissenschaftlichen Bestrebungen einigen Boden gewinnen, auf der andern Seite deutlich zutage tritt, wie auch ein solches Land wie die Schweiz es immer schwieriger und schwieriger hat, sich noch aufrechtzuerhalten gegenüber dem, was heute anstürmt. Es ist nicht leicht, gegenüber dem Druck von vier Fünfteln der Welt sich irgendein freies Urteil zu gestalten; und es ist nicht leicht, selbst die Worte zu finden, um in einem solchen Lande — das zwar ein neutrales ist, in dem aber die vier Fünftel der Welt doch eine bedeutende Rolle spielen — alles das zu sagen, was gesagt werden muß. Die Verhältnisse der Welt haben sich eben sehr zugespitzt.
[ 7 ] Wehmütig könnte es auch stimmen, daß, indem man auf der einen Seite sieht, daß diese geisteswissenschaftlichen Bestrebungen einigen Boden gewinnen, auf der andern Seite deutlich zutage tritt, wie auch ein solches Land wie die Schweiz es immer schwieriger und schwieriger hat, sich noch aufrechtzuerhalten gegenüber dem, was heute anstürmt. Es ist nicht leicht, gegenüber dem Druck von vier Fünfteln der Welt sich irgendein freies Urteil zu gestalten; und es ist nicht leicht, selbst die Worte zu finden, um in einem solchen Lande — das zwar ein neutrales ist, in dem aber die vier Fünftel der Welt doch eine bedeutende Rolle spielen — alles das zu sagen, was gesagt werden muß. Die Verhältnisse der Welt haben sich eben sehr zugespitzt.
[ 8 ] Nun kommt uns auf diesem Boden allerdings zugute, daß das bloße Wort, die bloße Lehre dort gerade unterstützt wird durch die Formen und Schöpfungen unseres Dornacher Baues, der ja auch vor das äußere Auge das hinstellt, was unsere Geisteswissenschaft will, und damit zeigen kann, daß diese Geisteswissenschaft schon da, wo man sie ins praktische Leben eingreifen läßt, wo man sie nicht brutal zurück weist, fähig ist, das Leben, das in der Gegenwart so große Anforderungen an den Menschen stellt, zu meistern und zu handhaben.
[ 8 ] Nun kommt uns auf diesem Boden allerdings zugute, daß das bloße Wort, die bloße Lehre dort gerade unterstützt wird durch die Formen und Schöpfungen unseres Dornacher Baues, der ja auch vor das äußere Auge das hinstellt, was unsere Geisteswissenschaft will, und damit zeigen kann, daß diese Geisteswissenschaft schon da, wo man sie ins praktische Leben eingreifen läßt, wo man sie nicht brutal zurück weist, fähig ist, das Leben, das in der Gegenwart so große Anforderungen an den Menschen stellt, zu meistern und zu handhaben.
[ 9 ] Wenn man heute über das Verhältnis zwischen der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft und dem andern Wissen und Wollen der Welt spricht, so handelt es sich ja darum, daß man wirklich ganz neue, ungewohnte Vorstellungen an die Menschen heranbringen muß. Die Menschen sind im allgemeinen in den Untergründen ihres Bewußtseins ganz dunkel davon überzeugt, daß von da oder dort irgend etwas Neues kommen müsse. Aber sie sind auch unerhört unelastisch in bezug auf ihr Denken, unerhört langsam im Aufnehmen. Man kann schon sagen: Ein Grundzug ist in unserer schnellebigen Zeit der, daß die Menschen so furchtbar langsam denken. In Kleinigkeiten tritt einem das entgegen. In Zürich ist es zustande gekommen, daß die Fäden anthroposophischer Geisteswissenschaft zu den akademischen Wissenschaften gezogen werden konnten. In Basel habe ich öffentlich früher gesprochen als in Zürich. Kurze Zeit, bevor ich von der Schweiz wieder abreisen mußte, kam auch von Basel die Aufforderung an mich heran, ganz innerhalb eines akademischen Zusammenhanges über die Beziehungen der anthroposophischen Geisteswissenschaft zu den andern Wissenschaften zu sprechen. Aber es war natürlich zu spät, so daß der Sache nicht mehr nähergetreten werden konnte. — Ich erwähne dies aus zwei Gründen: erstens, weil es eine große Wichtigkeit gehabt hätte, unmittelbar in einem nur der akademischen Wissenschaft gewidmeten Raume, veranstaltet von der Basler Studentenschaft, von unserer Geisteswissenschaft zu sprechen; auf der andern Seite erwähne ich es deshalb, weil die Leute so langsam waren, daß sie erst vor Toresschluß kamen. Es ist ein Charakteristikon, daß die Menschen immer vor Toresschluß sich zu dem entschließen, wozu Elastizität des Denkens, die Fähigkeit, schnell aufzunehmen, früher führen könnte. Es ist ja notwendig, diese Dinge unter uns zu besprechen, damit wir uns nach ihnen richten können. Man braucht heute nur eines dieser Themen ins Auge zu fassen, von denen ich in der letzten Zeit gesprochen habe, so wird man das Bedeutsame, das zu geschehen hat, schon sehen.
[ 9 ] Wenn man heute über das Verhältnis zwischen der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft und dem andern Wissen und Wollen der Welt spricht, so handelt es sich ja darum, daß man wirklich ganz neue, ungewohnte Vorstellungen an die Menschen heranbringen muß. Die Menschen sind im allgemeinen in den Untergründen ihres Bewußtseins ganz dunkel davon überzeugt, daß von da oder dort irgend etwas Neues kommen müsse. Aber sie sind auch unerhört unelastisch in bezug auf ihr Denken, unerhört langsam im Aufnehmen. Man kann schon sagen: Ein Grundzug ist in unserer schnellebigen Zeit der, daß die Menschen so furchtbar langsam denken. In Kleinigkeiten tritt einem das entgegen. In Zürich ist es zustande gekommen, daß die Fäden anthroposophischer Geisteswissenschaft zu den akademischen Wissenschaften gezogen werden konnten. In Basel habe ich öffentlich früher gesprochen als in Zürich. Kurze Zeit, bevor ich von der Schweiz wieder abreisen mußte, kam auch von Basel die Aufforderung an mich heran, ganz innerhalb eines akademischen Zusammenhanges über die Beziehungen der anthroposophischen Geisteswissenschaft zu den andern Wissenschaften zu sprechen. Aber es war natürlich zu spät, so daß der Sache nicht mehr nähergetreten werden konnte. — Ich erwähne dies aus zwei Gründen: erstens, weil es eine große Wichtigkeit gehabt hätte, unmittelbar in einem nur der akademischen Wissenschaft gewidmeten Raume, veranstaltet von der Basler Studentenschaft, von unserer Geisteswissenschaft zu sprechen; auf der andern Seite erwähne ich es deshalb, weil die Leute so langsam waren, daß sie erst vor Toresschluß kamen. Es ist ein Charakteristikon, daß die Menschen immer vor Toresschluß sich zu dem entschließen, wozu Elastizität des Denkens, die Fähigkeit, schnell aufzunehmen, früher führen könnte. Es ist ja notwendig, diese Dinge unter uns zu besprechen, damit wir uns nach ihnen richten können. Man braucht heute nur eines dieser Themen ins Auge zu fassen, von denen ich in der letzten Zeit gesprochen habe, so wird man das Bedeutsame, das zu geschehen hat, schon sehen.
[ 10 ] Ich habe in Zürich unter anderem auch gesprochen über die Fäden, die zu ziehen sind zwischen der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft und der Geschichtswissenschaft, dem geschichtlichen Leben der Menschheit. Wir haben ja heute eine Geschichte. Sie wird gelehrt, wird gelehrt den Kindern, wird gelehrt den Akademikern. Aber was ist diese Geschichte? Sie ist etwas, was nicht einmal eine Ahnung hat von den Kräften, die im geschichtlichen Leben der Menschheit walten, aus dem einfachen Grunde, weil das ganze intellektuelle Leben von heute darauf ausgeht, den Verstand des Menschen in Bewegung zu setzen; die gewöhnlichen, sogenannten vollbewußten Begriffe und Ideen in Bewegung zu setzen und von da aus alles zu verstehen.
[ 10 ] Ich habe in Zürich unter anderem auch gesprochen über die Fäden, die zu ziehen sind zwischen der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft und der Geschichtswissenschaft, dem geschichtlichen Leben der Menschheit. Wir haben ja heute eine Geschichte. Sie wird gelehrt, wird gelehrt den Kindern, wird gelehrt den Akademikern. Aber was ist diese Geschichte? Sie ist etwas, was nicht einmal eine Ahnung hat von den Kräften, die im geschichtlichen Leben der Menschheit walten, aus dem einfachen Grunde, weil das ganze intellektuelle Leben von heute darauf ausgeht, den Verstand des Menschen in Bewegung zu setzen; die gewöhnlichen, sogenannten vollbewußten Begriffe und Ideen in Bewegung zu setzen und von da aus alles zu verstehen.
[ 11 ] Ja, so kann man die äußere sinnenfällige Natur verstehen, so kann man jenes Denken verstehen, das so große Triumphe auf dem naturwissenschaftlichen Felde erlebte; aber indem man dieses Denken auf die Geschichte anwandte, hat man die Geschichte zu einer Naturwissenschaft machen wollen. Man hat sich im 19. Jahrhundert bemüht, die Geschichte so zu betrachten, wie man in der Naturwissenschaft die sinnenfälligen Dinge betrachtet. Das ist jedoch eine Unmöglichkeit, aus dem einfachen Grunde, weil die geschichtlichen Tatsachen zum Leben in einem ganz andern Verhältnisse stehen als die naturwissenschaftlichen. Was halten die Menschen im geschichtlichen Leben sich vor Augen? Welches sind die geschichtlichen Impulse?
[ 11 ] Ja, so kann man die äußere sinnenfällige Natur verstehen, so kann man jenes Denken verstehen, das so große Triumphe auf dem naturwissenschaftlichen Felde erlebte; aber indem man dieses Denken auf die Geschichte anwandte, hat man die Geschichte zu einer Naturwissenschaft machen wollen. Man hat sich im 19. Jahrhundert bemüht, die Geschichte so zu betrachten, wie man in der Naturwissenschaft die sinnenfälligen Dinge betrachtet. Das ist jedoch eine Unmöglichkeit, aus dem einfachen Grunde, weil die geschichtlichen Tatsachen zum Leben in einem ganz andern Verhältnisse stehen als die naturwissenschaftlichen. Was halten die Menschen im geschichtlichen Leben sich vor Augen? Welches sind die geschichtlichen Impulse?
[ 12 ] Wer da glaubt, die geschichtlichen Impulse mit jenem Verstande auffassen zu können, der in der Naturwissenschaft ganz gut angewendet werden kann, der trifft nie die geschichtlichen Impulse, denn diese wirken in der menschlichen Entwickelung so wie die Träume in unserem eigenen Traumleben. Die geschichtlichen Impulse wirken nicht herein in das gewöhnliche Bewußtsein, mit dem wir den Alltag oder die Naturwissenschaft beherrschen; sondern was in der Geschichte geschieht, das wirkt als solche Impulse, wie das, was nur in unser Traumleben hereinspielt. Man kann sagen, geschichtliches Werden ist ein großer Traum der Menschheit. Aber was in die Träume hineinspielt als hinhuschende Bilder, es wird klar und deutlich in den Imaginationen der Geisteswissenschaft. Daher gibt es keine Geschichte, die nicht eine Geisteswissenschaft ist; und die Geschichte, die heute gelehrt wird, ist keine Geschichte.
[ 12 ] Wer da glaubt, die geschichtlichen Impulse mit jenem Verstande auffassen zu können, der in der Naturwissenschaft ganz gut angewendet werden kann, der trifft nie die geschichtlichen Impulse, denn diese wirken in der menschlichen Entwickelung so wie die Träume in unserem eigenen Traumleben. Die geschichtlichen Impulse wirken nicht herein in das gewöhnliche Bewußtsein, mit dem wir den Alltag oder die Naturwissenschaft beherrschen; sondern was in der Geschichte geschieht, das wirkt als solche Impulse, wie das, was nur in unser Traumleben hereinspielt. Man kann sagen, geschichtliches Werden ist ein großer Traum der Menschheit. Aber was in die Träume hineinspielt als hinhuschende Bilder, es wird klar und deutlich in den Imaginationen der Geisteswissenschaft. Daher gibt es keine Geschichte, die nicht eine Geisteswissenschaft ist; und die Geschichte, die heute gelehrt wird, ist keine Geschichte.
[ 13 ] Herman Grimm ist es aufgefallen, daß der Geschichtsschreiber Gibbon, als er die ersten Zeiten der christlichen Zeitrechnung schildert, nur den Untergang des Römischen Reiches schildert, nicht das allmähliche Heraufkommen des Christentums, sein Wachsen und Gedeihen. Aber Herman Grimm wußte natürlich den Grund nicht, weshalb ein guter Geschichtsschreiber jedenfalls einen Verfall gut schildern kann, nicht. aber ein Wachsen und Werden. Der Grund ist der, daß auf die Art, wie man heute geschichtlich begreifen will, nur das begriffen werden kann, was zugrunde geht, nicht das, was wird, nicht das, was wächst. Das lebt in die Menschenentwickelung sich so hinein, wie sich sonst Träume in das individuelle Leben hineinleben. Daher kann es nur von dem geschildert werden, der Imaginationen haben kann. Und wer nicht Imaginationen haben kann, der mag ein Ranke, der mag ein Lamprecht sein: er schildert nur den Leichnam der Geschichte, nicht das Wirkliche des geschichtlichen Werdens. Denn die Impulse des geschichtlichen Werdens werden vom Bewußtsein nur geträumt; und versucht es das gewöhnliche Bewußtsein, das, was geschichtlich wird, aufzufassen, so kann es dies nur auffassen, wenn es schon im Unterbewußtsein ist.
[ 13 ] Herman Grimm ist es aufgefallen, daß der Geschichtsschreiber Gibbon, als er die ersten Zeiten der christlichen Zeitrechnung schildert, nur den Untergang des Römischen Reiches schildert, nicht das allmähliche Heraufkommen des Christentums, sein Wachsen und Gedeihen. Aber Herman Grimm wußte natürlich den Grund nicht, weshalb ein guter Geschichtsschreiber jedenfalls einen Verfall gut schildern kann, nicht. aber ein Wachsen und Werden. Der Grund ist der, daß auf die Art, wie man heute geschichtlich begreifen will, nur das begriffen werden kann, was zugrunde geht, nicht das, was wird, nicht das, was wächst. Das lebt in die Menschenentwickelung sich so hinein, wie sich sonst Träume in das individuelle Leben hineinleben. Daher kann es nur von dem geschildert werden, der Imaginationen haben kann. Und wer nicht Imaginationen haben kann, der mag ein Ranke, der mag ein Lamprecht sein: er schildert nur den Leichnam der Geschichte, nicht das Wirkliche des geschichtlichen Werdens. Denn die Impulse des geschichtlichen Werdens werden vom Bewußtsein nur geträumt; und versucht es das gewöhnliche Bewußtsein, das, was geschichtlich wird, aufzufassen, so kann es dies nur auffassen, wenn es schon im Unterbewußtsein ist.
[ 14 ] Auch die neuere Zeit bietet uns interessante Beispiele dafür. Wer diese neuere Zeit verfolgte, hat gesehen, wie in den letzten Jahrzehnten das Interesse der Menschen für große Fragen des Weltzusammenhanges mehr oder weniger ganz erstorben oder verakademisiert worden ist — was fast gleichbedeutend mit Ersterben ist —, verschulmäßigt worden ist, ja, verschulmäßigt worden ist. Es ist ein tiefer Zusammenhang zwischen dem Verschulmäßigen der Zeit und der Tatsache, daß ein Schulmeister gegenwärtig an der Spitze der bedeutendsten Republik die Parole für die Menschheit ausgeben will. — Wenn man sich fragt: Wo war in den letzten Jahrzehnten Sinn für große Menschheitszusammenhänge, für Ideen, welche, man möchte sagen, eine Art religiösen Charakter hatten, wenn auch einen brutal religiösen Charakter, während alles andere mehr oder weniger im Sterben war, wo war so etwas? — so kann man doch sagen, wenn man die Verhältnisse richtig durchschaut: Es war beim Sozialismus. — Da waren Ideen, aber Ideen, die sich niemals auf das geistige Leben richteten, die sich nur auf das brutal materielle Leben richteten. Aber es stand leider diesen Ideen keine andere Welt von Ideen gegenüber. Kennt man nun das, was da an Ideen des Sozialismus an die Oberfläche getreten ist, so findet man: Es sind gewissermaßen geschichtliche Ideen, es sind Träume der Menschheit. Aber was für Träume? Man muß einen Sinn haben für dieses Geträumtwerden der geschichtlichen Ereignisse der Menschheit. Ich versuchte es in den Vorträgen in der Schweiz in der Weise den Leuten klarzumachen, daß ich sagte: Man versuche nur einmal, diejenigen Leute, die sehr gescheit sind, die aber gar nicht Verständnis haben für das, was ich jetzt Traumimpulse nenne, zu lenkenden und führenden Persönlichkeiten zu machen; man wird sehen, wie weit man kommt. — Man versuche es nur einmal damit, die Frage praktisch zu beantworten: Wie kann man ein Gemeinwesen — so sagte ich, auch im öffentlichen Vortrage — so schnell als möglich systematisch zugrunde richten? — Man ordne die Sache so an, daß man ein Parlament über dieses Gemeinwesen setzt und in dieses Parlament lauter Gelehrte und Professoren hineinbringt: das ist ein sicheres Mittel, um ein Gemeinwesen systematisch zugrunde zu richten. Es brauchen nicht angestellte Professoren zu sein, es können auch sozialistische Führer sein, unter denen ja die Bewegung genügend Professoren hat. Man muß für solche Dinge eine Empfindung haben, dann wird man sich sagen: Wie ist eigentlich diese ganze umfassende "Theorie des Sozialismus gekommen? Wollte man die sozialistischen Theorien — vielleicht wird die Menschheit heute einen traurigen Beweis dafür im Osten erleben können, wenn sie nicht früher aufhört und versucht, sie weiterzuführen — in die Wirklichkeit überführen, so würden sie nur zerstören können. Wie ist es gekommen, daß diese sozialistischen Ideen in den Köpfen der Menschen Platz gegriffen haben? Was sind sie eigentlich, diese Theorien?
[ 14 ] Auch die neuere Zeit bietet uns interessante Beispiele dafür. Wer diese neuere Zeit verfolgte, hat gesehen, wie in den letzten Jahrzehnten das Interesse der Menschen für große Fragen des Weltzusammenhanges mehr oder weniger ganz erstorben oder verakademisiert worden ist — was fast gleichbedeutend mit Ersterben ist —, verschulmäßigt worden ist, ja, verschulmäßigt worden ist. Es ist ein tiefer Zusammenhang zwischen dem Verschulmäßigen der Zeit und der Tatsache, daß ein Schulmeister gegenwärtig an der Spitze der bedeutendsten Republik die Parole für die Menschheit ausgeben will. — Wenn man sich fragt: Wo war in den letzten Jahrzehnten Sinn für große Menschheitszusammenhänge, für Ideen, welche, man möchte sagen, eine Art religiösen Charakter hatten, wenn auch einen brutal religiösen Charakter, während alles andere mehr oder weniger im Sterben war, wo war so etwas? — so kann man doch sagen, wenn man die Verhältnisse richtig durchschaut: Es war beim Sozialismus. — Da waren Ideen, aber Ideen, die sich niemals auf das geistige Leben richteten, die sich nur auf das brutal materielle Leben richteten. Aber es stand leider diesen Ideen keine andere Welt von Ideen gegenüber. Kennt man nun das, was da an Ideen des Sozialismus an die Oberfläche getreten ist, so findet man: Es sind gewissermaßen geschichtliche Ideen, es sind Träume der Menschheit. Aber was für Träume? Man muß einen Sinn haben für dieses Geträumtwerden der geschichtlichen Ereignisse der Menschheit. Ich versuchte es in den Vorträgen in der Schweiz in der Weise den Leuten klarzumachen, daß ich sagte: Man versuche nur einmal, diejenigen Leute, die sehr gescheit sind, die aber gar nicht Verständnis haben für das, was ich jetzt Traumimpulse nenne, zu lenkenden und führenden Persönlichkeiten zu machen; man wird sehen, wie weit man kommt. — Man versuche es nur einmal damit, die Frage praktisch zu beantworten: Wie kann man ein Gemeinwesen — so sagte ich, auch im öffentlichen Vortrage — so schnell als möglich systematisch zugrunde richten? — Man ordne die Sache so an, daß man ein Parlament über dieses Gemeinwesen setzt und in dieses Parlament lauter Gelehrte und Professoren hineinbringt: das ist ein sicheres Mittel, um ein Gemeinwesen systematisch zugrunde zu richten. Es brauchen nicht angestellte Professoren zu sein, es können auch sozialistische Führer sein, unter denen ja die Bewegung genügend Professoren hat. Man muß für solche Dinge eine Empfindung haben, dann wird man sich sagen: Wie ist eigentlich diese ganze umfassende "Theorie des Sozialismus gekommen? Wollte man die sozialistischen Theorien — vielleicht wird die Menschheit heute einen traurigen Beweis dafür im Osten erleben können, wenn sie nicht früher aufhört und versucht, sie weiterzuführen — in die Wirklichkeit überführen, so würden sie nur zerstören können. Wie ist es gekommen, daß diese sozialistischen Ideen in den Köpfen der Menschen Platz gegriffen haben? Was sind sie eigentlich, diese Theorien?
[ 15 ] Wer dies wissen will, der muß von innen heraus die Geschichte der vier letzten Jahrhunderte kennen, insbesondere aber die des 18. und des 19. Jahrhunderts. Er muß wissen, daß das, was Geschichte der letzten vier Jahrhunderte ist, etwas ganz anderes ist als dasjenige, was in den Geschichtsbüchern steht; er muß wissen, daß die Geschichte der vier letzten Jahrhunderte, und namentlich die der zwei letzten, wirklich ein Bild menschlicher Klassen- und Standeskämpfe ist. Und Karl Marx zum Beispiel hat nichts anderes getan als dasjenige, was die Menschheit im Laufe der vier oder der zwei letzten Jahrhunderte geträumt hat, was wirklich da war, was aber jetzt ausgeträumt ist und einer neuen Zeit Platz machen muß, in dem Moment, als es schon ausgeträumt war, als Theorie aufzustellen. Der Sozialismus, der in seinen Theorien aufgestellt wurde in dem Augenblick, als die Tatsache bereits verträumt war, zeigt, daß der Verstand das schon Zugrundegegangene, das schon Leichnam Gewordene braucht, wenn er sich mit denjenigen Erkenntnismitteln an die Sache macht, die zum Beispiel in der Naturwissenschaft ganz gut gelten können. Man wird gerade aus solchen Erkenntnissen heraus einsehen müssen, daß jetzt die Welt an einem Zeitenwendepunkte ‚wirklich steht, wo sie in der Auffassung des geschichtlichen Werdens der Menschheit — und die Gegenwart ist ja auch geschichtlich geworden, und wenn man in die Zukunft hineinlebt, lebt man auch in geschichtliches Werden hinein — umlernen muß; man wird einsehen müssen, daß dieses geschichtliche Werden nicht anders zu verstehen ist, als daß man es geisteswissenschaftlich versteht. Man bekommt ja nicht einmal ein richtiges Bild der allerjüngsten Ereignisse, wenn man die Geisteswissenschaft außer acht läßt. Ich will Ihnen ein Beispiel nennen, das ich in der letzten Zeit öfter angeführt habe.
[ 15 ] Wer dies wissen will, der muß von innen heraus die Geschichte der vier letzten Jahrhunderte kennen, insbesondere aber die des 18. und des 19. Jahrhunderts. Er muß wissen, daß das, was Geschichte der letzten vier Jahrhunderte ist, etwas ganz anderes ist als dasjenige, was in den Geschichtsbüchern steht; er muß wissen, daß die Geschichte der vier letzten Jahrhunderte, und namentlich die der zwei letzten, wirklich ein Bild menschlicher Klassen- und Standeskämpfe ist. Und Karl Marx zum Beispiel hat nichts anderes getan als dasjenige, was die Menschheit im Laufe der vier oder der zwei letzten Jahrhunderte geträumt hat, was wirklich da war, was aber jetzt ausgeträumt ist und einer neuen Zeit Platz machen muß, in dem Moment, als es schon ausgeträumt war, als Theorie aufzustellen. Der Sozialismus, der in seinen Theorien aufgestellt wurde in dem Augenblick, als die Tatsache bereits verträumt war, zeigt, daß der Verstand das schon Zugrundegegangene, das schon Leichnam Gewordene braucht, wenn er sich mit denjenigen Erkenntnismitteln an die Sache macht, die zum Beispiel in der Naturwissenschaft ganz gut gelten können. Man wird gerade aus solchen Erkenntnissen heraus einsehen müssen, daß jetzt die Welt an einem Zeitenwendepunkte ‚wirklich steht, wo sie in der Auffassung des geschichtlichen Werdens der Menschheit — und die Gegenwart ist ja auch geschichtlich geworden, und wenn man in die Zukunft hineinlebt, lebt man auch in geschichtliches Werden hinein — umlernen muß; man wird einsehen müssen, daß dieses geschichtliche Werden nicht anders zu verstehen ist, als daß man es geisteswissenschaftlich versteht. Man bekommt ja nicht einmal ein richtiges Bild der allerjüngsten Ereignisse, wenn man die Geisteswissenschaft außer acht läßt. Ich will Ihnen ein Beispiel nennen, das ich in der letzten Zeit öfter angeführt habe.
[ 16 ] Ein wichtiges Ereignis, das zwischen den Zeilen des europäischen Lebens im Mittelalter sich zugetragen hat — wir sind ja hier unter uns, können daher solche Sachen sagen, trotzdem die draußen stehende Menschheit öfter über derartiges lacht; aber sie wird nicht immer lachen —, ist dasjenige, daß im Laufe des Mittelalters die Kunde, das Wissen vom westlichen Weltteil der europäischen Menschheit verlorengegangen ist. Es waren ja immer Verbindungen vorhanden, besonders zwischen Irland und England und demjenigen Gebiete, das man heute Amerika nennt. Von Irland und England aus sind immer gewisse Verbindungen nach Westen gepflogen worden, und erst in dem Jahrhunderte, in dem dann die sogenannte Entdeckung Amerikas erfolgt ist, ist noch durch eine päpstliche Urkunde verboten worden, sich mit Amerika zu beschäftigen. Natürlich hat es damals nicht «Amerika» geheißen. Der Zusammenhang mit Amerika ist eigentlich erst in dem Zeitpunkt geschwunden, als die sogenannte Entdeckung Amerikas durch die Spanier erfolgt ist; aber die äußere Geschichte ist so undeutlich, daß eigentlich heute die Menschen das Gefühl haben, man habe in Europa vor dem Jahre 1492 Amerika überhaupt nicht gekannt. Das glauben ja fast alle Leute. Und ähnliche Tatsachen, welche die Geisteswissenschaft aus ihren Quellen heraus geltend machen müßte, könnten viele angeführt werden. Wir stehen heute eben vor einem Zeitenwendepunkt, in dem gerade das geschichtliche Leben unter dem Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft betrachtet werden muß. Man wird nun vielleicht sagen: Da aber Geisteswissenschaft, so wie wir sie betrachten, doch eigentlich erst in unserer Zeit aufgehen kann, wie steht es denn dann mit früheren Zeiten?
[ 16 ] Ein wichtiges Ereignis, das zwischen den Zeilen des europäischen Lebens im Mittelalter sich zugetragen hat — wir sind ja hier unter uns, können daher solche Sachen sagen, trotzdem die draußen stehende Menschheit öfter über derartiges lacht; aber sie wird nicht immer lachen —, ist dasjenige, daß im Laufe des Mittelalters die Kunde, das Wissen vom westlichen Weltteil der europäischen Menschheit verlorengegangen ist. Es waren ja immer Verbindungen vorhanden, besonders zwischen Irland und England und demjenigen Gebiete, das man heute Amerika nennt. Von Irland und England aus sind immer gewisse Verbindungen nach Westen gepflogen worden, und erst in dem Jahrhunderte, in dem dann die sogenannte Entdeckung Amerikas erfolgt ist, ist noch durch eine päpstliche Urkunde verboten worden, sich mit Amerika zu beschäftigen. Natürlich hat es damals nicht «Amerika» geheißen. Der Zusammenhang mit Amerika ist eigentlich erst in dem Zeitpunkt geschwunden, als die sogenannte Entdeckung Amerikas durch die Spanier erfolgt ist; aber die äußere Geschichte ist so undeutlich, daß eigentlich heute die Menschen das Gefühl haben, man habe in Europa vor dem Jahre 1492 Amerika überhaupt nicht gekannt. Das glauben ja fast alle Leute. Und ähnliche Tatsachen, welche die Geisteswissenschaft aus ihren Quellen heraus geltend machen müßte, könnten viele angeführt werden. Wir stehen heute eben vor einem Zeitenwendepunkt, in dem gerade das geschichtliche Leben unter dem Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft betrachtet werden muß. Man wird nun vielleicht sagen: Da aber Geisteswissenschaft, so wie wir sie betrachten, doch eigentlich erst in unserer Zeit aufgehen kann, wie steht es denn dann mit früheren Zeiten?
[ 17 ] Wenn wir in frühere Zeiten zurückgehen, dann finden wir etwas anderes, das gewissermaßen sich schon messen kann mit dem, was wir heute die Imaginationen der Geisteswissenschaft nennen; wir finden den Mythos, die Sagen, und aus der Kraft des Mythos, aus der Kraft der Sage, die Bilder waren, konnten wahrhaftig realere, wirklichkeitsgemäßere — auch politische — Impulse genommen werden als aus den abstrakten Lehren der heutigen: Geschichte oder Sozialökonomie oder dergleichen. Denn was Menschen zusammenhält, was das Zusammenleben der Menschen bedingt, es braucht nicht in abstrakten Begriffen aufgefaßt zu werden. Im Mythos wurde es früher zum Ausdruck gebracht. Nun, wir können heute nicht wieder Mythen dichten, wir müssen eben zu Imaginationen kommen und mit Imaginationen das geschichtliche Leben erfassen und daraus wieder politische Impulse prägen, die wahrhaftig anders sein werden als die phantastischen Impulse, von denen heute so viele Menschen träumen, oder wie wir sagen wollen: als die schulmeisterlichen Impulse.
[ 17 ] Wenn wir in frühere Zeiten zurückgehen, dann finden wir etwas anderes, das gewissermaßen sich schon messen kann mit dem, was wir heute die Imaginationen der Geisteswissenschaft nennen; wir finden den Mythos, die Sagen, und aus der Kraft des Mythos, aus der Kraft der Sage, die Bilder waren, konnten wahrhaftig realere, wirklichkeitsgemäßere — auch politische — Impulse genommen werden als aus den abstrakten Lehren der heutigen: Geschichte oder Sozialökonomie oder dergleichen. Denn was Menschen zusammenhält, was das Zusammenleben der Menschen bedingt, es braucht nicht in abstrakten Begriffen aufgefaßt zu werden. Im Mythos wurde es früher zum Ausdruck gebracht. Nun, wir können heute nicht wieder Mythen dichten, wir müssen eben zu Imaginationen kommen und mit Imaginationen das geschichtliche Leben erfassen und daraus wieder politische Impulse prägen, die wahrhaftig anders sein werden als die phantastischen Impulse, von denen heute so viele Menschen träumen, oder wie wir sagen wollen: als die schulmeisterlichen Impulse.
[ 18 ] Es ist heute gewiß schwierig, den Menschen noch zu sagen: Das geschichtliche Leben ist etwas, was eigentlich dem gewöhnlichen Vorstellen gegenüber im Unterbewußtsein verläuft. Aber auf der andern Seite pocht dieses dem Menschen verborgene Leben gar sehr an die Pforten der Ereignisse, an die Pforte der menschlichen Impulse überhaupt. Man kann sagen — gerade bei den Zürcher Vorträgen hat sich das gezeigt —, man möchte heute überall zusammenkommen mit denjenigen Erkenntnisbestrebungen, die auch zum Geiste hinwollen, aber mit lauter unzulänglichen Mitteln. In Zürich macht man ja insbesondere Bekanntschaft mit der dort bereits akademiefähig gewordenen analytischen Psychologie, der sogenannten Psychoanalyse, und gerade an meine Vorträge haben sich die merkwürdigsten Auseinandersetzungen über die Beziehungen der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft zur Psychoanalyse angeschlossen. Aber die Psychoanalytiker kommen sozusagen mit geistig verbundenen Augen an diese Welt der Geisteswissenschaft heran, können sich nicht in sie hineinfinden. Aber diese Welt pocht an die Türe desjenigen, was heute den Menschen erschlossen werden soll.
[ 18 ] Es ist heute gewiß schwierig, den Menschen noch zu sagen: Das geschichtliche Leben ist etwas, was eigentlich dem gewöhnlichen Vorstellen gegenüber im Unterbewußtsein verläuft. Aber auf der andern Seite pocht dieses dem Menschen verborgene Leben gar sehr an die Pforten der Ereignisse, an die Pforte der menschlichen Impulse überhaupt. Man kann sagen — gerade bei den Zürcher Vorträgen hat sich das gezeigt —, man möchte heute überall zusammenkommen mit denjenigen Erkenntnisbestrebungen, die auch zum Geiste hinwollen, aber mit lauter unzulänglichen Mitteln. In Zürich macht man ja insbesondere Bekanntschaft mit der dort bereits akademiefähig gewordenen analytischen Psychologie, der sogenannten Psychoanalyse, und gerade an meine Vorträge haben sich die merkwürdigsten Auseinandersetzungen über die Beziehungen der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft zur Psychoanalyse angeschlossen. Aber die Psychoanalytiker kommen sozusagen mit geistig verbundenen Augen an diese Welt der Geisteswissenschaft heran, können sich nicht in sie hineinfinden. Aber diese Welt pocht an die Türe desjenigen, was heute den Menschen erschlossen werden soll.
[ 19 ] Da ist zum Beispiel in Zürich ein Professor Jung, der erst jüngst wieder eine Broschüre über Psychoanalyse geschrieben hat — er hat viele Schriften darüber verfaßt — und der manches Problem darin berührt; aber er zeigt damit gerade, daß er alles nur mit unzulänglichen Mitteln anpacken kann. Ich will eine Tatsache anführen, aus deren Erwähnung Sie gleich sehen werden, was ich meine. Jung führt ein Beispiel an, das überhaupt viel von den Psychoanalytikern angeführt wird.
[ 19 ] Da ist zum Beispiel in Zürich ein Professor Jung, der erst jüngst wieder eine Broschüre über Psychoanalyse geschrieben hat — er hat viele Schriften darüber verfaßt — und der manches Problem darin berührt; aber er zeigt damit gerade, daß er alles nur mit unzulänglichen Mitteln anpacken kann. Ich will eine Tatsache anführen, aus deren Erwähnung Sie gleich sehen werden, was ich meine. Jung führt ein Beispiel an, das überhaupt viel von den Psychoanalytikern angeführt wird.
[ 20 ] Einer Frau passiert das Folgende. Sie ist eines Abends in einer Gesellschaft eingeladen, sie soll in einem Hause zum Abend bleiben. Die Dame des Hauses, wo sie eingeladen ist, soll gleich, nachdem das Abendessen verlaufen ist, in einen Badeort reisen, weil sie nicht ganz gesund ist. Das Abendbrot nimmt seinen Verlauf, die Dame des Hauses fährt ab, die Gäste gehen auch fort. Mit einem Trupp Gäste geht auch die eingeladene Dame, die ich meine. Die Leute gingen, wie man das ja zuweilen zu tun pflegt, wenn man abends aus einer Gesellschaft kommt, nicht auf dem sogenannten Bürgersteig, sondern sie gingen auf der Mitte der Straße. Da kommt auf einmal eine Droschke um eine Ecke gefahren. Die Leute wichen dem Wagen nach den Bürgersteigen hin aus, aber jene erwähnte Dame nicht. Sie lief mitten auf dem Fahrdamm weiter, gerade vor den Pferden vorweg. Der Kutscher schimpfte, aber sie lief immer in derselben Weise weiter, bis sie an eine Brücke kam, die über einen Fluß führte. Da beschloß sie, um dieser unangenehmen Situation zu entgehen, sich über die Brücke in den Fluß zu stürzen. Das tat sie, und sie konnte von den Leuten der Gesellschaft, die ihr nachgelaufen waren, gerade noch gerettet werden. Und weil es nun für die Gesellschaft das Nächstliegende war, wurde sie gerade wieder in das Haus der abgereisten Frau, wo sie herkamen, zurückgebracht. Sie fand dort den Gatten jener abgereisten Dame und konnte in seinem Hause mit ihm einige Stunden zubringen.
[ 20 ] Einer Frau passiert das Folgende. Sie ist eines Abends in einer Gesellschaft eingeladen, sie soll in einem Hause zum Abend bleiben. Die Dame des Hauses, wo sie eingeladen ist, soll gleich, nachdem das Abendessen verlaufen ist, in einen Badeort reisen, weil sie nicht ganz gesund ist. Das Abendbrot nimmt seinen Verlauf, die Dame des Hauses fährt ab, die Gäste gehen auch fort. Mit einem Trupp Gäste geht auch die eingeladene Dame, die ich meine. Die Leute gingen, wie man das ja zuweilen zu tun pflegt, wenn man abends aus einer Gesellschaft kommt, nicht auf dem sogenannten Bürgersteig, sondern sie gingen auf der Mitte der Straße. Da kommt auf einmal eine Droschke um eine Ecke gefahren. Die Leute wichen dem Wagen nach den Bürgersteigen hin aus, aber jene erwähnte Dame nicht. Sie lief mitten auf dem Fahrdamm weiter, gerade vor den Pferden vorweg. Der Kutscher schimpfte, aber sie lief immer in derselben Weise weiter, bis sie an eine Brücke kam, die über einen Fluß führte. Da beschloß sie, um dieser unangenehmen Situation zu entgehen, sich über die Brücke in den Fluß zu stürzen. Das tat sie, und sie konnte von den Leuten der Gesellschaft, die ihr nachgelaufen waren, gerade noch gerettet werden. Und weil es nun für die Gesellschaft das Nächstliegende war, wurde sie gerade wieder in das Haus der abgereisten Frau, wo sie herkamen, zurückgebracht. Sie fand dort den Gatten jener abgereisten Dame und konnte in seinem Hause mit ihm einige Stunden zubringen.
[ 21 ] Nun denken Sie sich, was ein Mensch mit unzulänglichen Mitteln alles aus einer solchen Begebenheit machen kann. Man findet dann, wenn man nach Art der Psychoanalytiker an die Sache herangeht, jene geheimnisvollen Provinzen in der Seele, die uns davon unterrichten, daß die Seele schon in ihrem siebenten Lebensjahre irgendein Erlebnis gehabt hat, das mit Pferden zusammenhängt, so daß die Frau auf jenem Fortgange aus der Gesellschaft, indem der Anblick der Droschkenpferde jenes frühere Erlebnis aus dem Unterbewußtsein herauftief, dadurch so perplex gemacht worden ist, daß sie nicht zur Seite sprang, sondern vor der Droschke davonlief. So wird für den Psychoanalytiker der ganze Vorgang ein Ergebnis des Zusammenhanges gegenwärtiger Erlebnisse mit «ungelösten Seelenrätseln» aus dem Gebiete der Erziehung und so weiter. Alles dies aber ist ein Verfolgen der Dinge mit unzulänglichen Mitteln, weil der betreffende Psychoanalytiker nicht weiß, daß dieses im Menschen waltende Unterbewußte wesenhafter ist, als er annimmt, daß es sogar auch viel raffinierter und viel gescheiter ist als das, was der Mensch aus seinem bewußten Verstande hat. Auch viel mutiger und viel kühner ist oft dieses Unterbewußtsein. Denn der Psychoanalytiker weiß nur nicht, daß ein Dämon in der Seele jener Frau saß, die weggegangen, ich könnte ebensogut sagen, schon hingegangen ist mit dem unterbewußten Gedanken, allein zu sein mit dem Manne, wenn die Frau abgereist sein wird. Das alles ist veranstaltet mit den raffiniertesten Mitteln des Unterbewußtseins, denn man tut alles viel sicherer, wenn man mit dem Bewußtsein nicht dabei ist. Die Dame lief einfach vor den Rossen einher, um abgefangen zu werden, wenn es so weit ist, und verhielt sich danach. Aber solche Dinge durchschaut der Psychoanalytiker nicht, weil er nicht voraussetzt, daß es überall eine geistig-seelische Welt gibt, zu der die Menschenseele in Beziehung steht. Aber Jung ahnt so etwas. Aus den zahlreichen Dingen, die ihm auftreten, ahnt er, daß die Menschenseele zu zahlreichen andern Seelen in einer Beziehung steht. Aber er muß doch Materialist sein, denn sonst wäre er doch kein gescheiter Mensch der Gegenwart. Was macht er also? Er sagt: Überall steht die Menschenseele — man sieht das an den Dingen, die mit der Menschenseele vorgehen — in Beziehung zu außerseelischen geistigen Tatsachen. — Diese gibt es aber doch nicht! Also wie hilft man sich da? Nun, die Seele hat eben einen Körper, der von andern Körpern abstammt, und diese wieder von andern; dann gibt es eine Vererbung, und Jung konstruiert sich zusammen, daß die Seele vererbungsgemäß alles das nachlebt, was man an Verhältnissen zum Beispiel zu den heidnischen Göttern erlebt hat. Das steckt noch in einem, dutch Vererbung steckt es in einem, und das werden «isolierte Seelenprovinzen», die erst heraufkatechisiert werden müssen, wenn man die Menschenseele davon befreien will. Er sieht es sogar ein, daß es der Menschenseele ein Bedürfnis ist, dazu eine Beziehung zu haben, und daß sie das Nervensystem ruinieren, wenn es nicht heraufgeholt wird ins Bewußtsein. Daher spricht er den Satz aus, der ganz berechtigt ist aus der modernen Weltanschauung heraus: Die Menschenseele kann nicht, ohne daß sie innerlich zugrunde geht, ohne Beziehung zu einem göttlichen Wesen sein. Dies ist ebenso sicher, wie es auf der andern Seite sicher ist, daß es ja ein göttliches Wesen gar nicht gibt. Die Frage nach der Beziehung des menschlichen Seelenwesens zum Gotte hat mit der Frage der Existenz Gottes nicht das geringste zu tun.
[ 21 ] Nun denken Sie sich, was ein Mensch mit unzulänglichen Mitteln alles aus einer solchen Begebenheit machen kann. Man findet dann, wenn man nach Art der Psychoanalytiker an die Sache herangeht, jene geheimnisvollen Provinzen in der Seele, die uns davon unterrichten, daß die Seele schon in ihrem siebenten Lebensjahre irgendein Erlebnis gehabt hat, das mit Pferden zusammenhängt, so daß die Frau auf jenem Fortgange aus der Gesellschaft, indem der Anblick der Droschkenpferde jenes frühere Erlebnis aus dem Unterbewußtsein herauftief, dadurch so perplex gemacht worden ist, daß sie nicht zur Seite sprang, sondern vor der Droschke davonlief. So wird für den Psychoanalytiker der ganze Vorgang ein Ergebnis des Zusammenhanges gegenwärtiger Erlebnisse mit «ungelösten Seelenrätseln» aus dem Gebiete der Erziehung und so weiter. Alles dies aber ist ein Verfolgen der Dinge mit unzulänglichen Mitteln, weil der betreffende Psychoanalytiker nicht weiß, daß dieses im Menschen waltende Unterbewußte wesenhafter ist, als er annimmt, daß es sogar auch viel raffinierter und viel gescheiter ist als das, was der Mensch aus seinem bewußten Verstande hat. Auch viel mutiger und viel kühner ist oft dieses Unterbewußtsein. Denn der Psychoanalytiker weiß nur nicht, daß ein Dämon in der Seele jener Frau saß, die weggegangen, ich könnte ebensogut sagen, schon hingegangen ist mit dem unterbewußten Gedanken, allein zu sein mit dem Manne, wenn die Frau abgereist sein wird. Das alles ist veranstaltet mit den raffiniertesten Mitteln des Unterbewußtseins, denn man tut alles viel sicherer, wenn man mit dem Bewußtsein nicht dabei ist. Die Dame lief einfach vor den Rossen einher, um abgefangen zu werden, wenn es so weit ist, und verhielt sich danach. Aber solche Dinge durchschaut der Psychoanalytiker nicht, weil er nicht voraussetzt, daß es überall eine geistig-seelische Welt gibt, zu der die Menschenseele in Beziehung steht. Aber Jung ahnt so etwas. Aus den zahlreichen Dingen, die ihm auftreten, ahnt er, daß die Menschenseele zu zahlreichen andern Seelen in einer Beziehung steht. Aber er muß doch Materialist sein, denn sonst wäre er doch kein gescheiter Mensch der Gegenwart. Was macht er also? Er sagt: Überall steht die Menschenseele — man sieht das an den Dingen, die mit der Menschenseele vorgehen — in Beziehung zu außerseelischen geistigen Tatsachen. — Diese gibt es aber doch nicht! Also wie hilft man sich da? Nun, die Seele hat eben einen Körper, der von andern Körpern abstammt, und diese wieder von andern; dann gibt es eine Vererbung, und Jung konstruiert sich zusammen, daß die Seele vererbungsgemäß alles das nachlebt, was man an Verhältnissen zum Beispiel zu den heidnischen Göttern erlebt hat. Das steckt noch in einem, dutch Vererbung steckt es in einem, und das werden «isolierte Seelenprovinzen», die erst heraufkatechisiert werden müssen, wenn man die Menschenseele davon befreien will. Er sieht es sogar ein, daß es der Menschenseele ein Bedürfnis ist, dazu eine Beziehung zu haben, und daß sie das Nervensystem ruinieren, wenn es nicht heraufgeholt wird ins Bewußtsein. Daher spricht er den Satz aus, der ganz berechtigt ist aus der modernen Weltanschauung heraus: Die Menschenseele kann nicht, ohne daß sie innerlich zugrunde geht, ohne Beziehung zu einem göttlichen Wesen sein. Dies ist ebenso sicher, wie es auf der andern Seite sicher ist, daß es ja ein göttliches Wesen gar nicht gibt. Die Frage nach der Beziehung des menschlichen Seelenwesens zum Gotte hat mit der Frage der Existenz Gottes nicht das geringste zu tun.
[ 22 ] So steht es in seinem Buche. Also bedenken wir, was da eigentlich vorliegt: Es wird wissenschaftlich konstatiert, daß die Menschenseele sich ein Verhältnis zu Gott konstruieren muß, daß es aber ebenso sicher ist, daß es töricht wäre, einen Gott anzunehmen; also ist die Seele zu ihrer eigenen Gesundheit verurteilt, sich einen Gott vorzulügen. Lüge dir vor, daß es einen Gott gibt, sonst wirst du krank! das steht eigentlich in dem Buch.
[ 22 ] So steht es in seinem Buche. Also bedenken wir, was da eigentlich vorliegt: Es wird wissenschaftlich konstatiert, daß die Menschenseele sich ein Verhältnis zu Gott konstruieren muß, daß es aber ebenso sicher ist, daß es töricht wäre, einen Gott anzunehmen; also ist die Seele zu ihrer eigenen Gesundheit verurteilt, sich einen Gott vorzulügen. Lüge dir vor, daß es einen Gott gibt, sonst wirst du krank! das steht eigentlich in dem Buch.
[ 23 ] Man sieht aber daraus, daß die großen Rätselprobleme an die Pforten pochen, und daß sich die Gegenwart nur gegen diese Dinge stemmt. Würde man mutig genug sein, so würde auf Schritt und Tritt heute etwas ähnliches zutage treten. Man ist nur nicht mutig genug! Denn ich sage dies alles nicht, um dem Professor Jung etwas am Zeuge zu flicken, sondern weil ich glaube, daß er in seinem Denken schon mutiger ist als alle andern. Er sagt das, was er sagen muß nach den Voraussetzungen der Gegenwart. Die andern sagen es nicht, sie sind noch weniger mutig.
[ 23 ] Man sieht aber daraus, daß die großen Rätselprobleme an die Pforten pochen, und daß sich die Gegenwart nur gegen diese Dinge stemmt. Würde man mutig genug sein, so würde auf Schritt und Tritt heute etwas ähnliches zutage treten. Man ist nur nicht mutig genug! Denn ich sage dies alles nicht, um dem Professor Jung etwas am Zeuge zu flicken, sondern weil ich glaube, daß er in seinem Denken schon mutiger ist als alle andern. Er sagt das, was er sagen muß nach den Voraussetzungen der Gegenwart. Die andern sagen es nicht, sie sind noch weniger mutig.
[ 24 ] Diese Dinge muß man alle bedenken, wenn man so recht ins Auge fassen will, was es eigentlich heißt, die Geisteswissenschaft kommt mit einer solchen Wahrheit wie dieser: Was im geschichtlichen Leben der Menschheit und folglich auch im Leben der politischen Impulse geschieht, das hat nichts zu tun mit dem gewöhnlichen Bewußtsein, kann nichts zu tun haben mit dem gewöhnlichen Bewußtsein; sondern wirklich verstanden und gehandhabt kann es nur werden, wenn das imaginative Bewußtsein eintreten kann. Man könnte auch mit Beziehung auf den charakteristischsten Vertreter der — wie ich in der letzten Zeit öfter sagte — antisozialen Geschichtsauffassung in der Politik sagen, daß der Wilsonianismus ersetzt werden muß durch ein imaginatives Erkennen der Wirklichkeit. Nur ist der Wilsonianismus sehr verbreitet, und manche Menschen sind Wilsonianer, ohne daß sie es ahnen. Es kommt nicht auf Namen an, sondern auf die Tatsachen, die unter den Menschen leben. Ich kann ja in gewisser Beziehung unbefangener über Wilson sprechen, weil ich immer betonen kann, daß ich in dem schon vor dem Kriege gehaltenen Zyklus in Helsingfors ein Urteil über Wilson abgegeben habe und nicht nötig hatte, durch Woodrow Wilson erst während des Krieges belehrt zu werden, wes Geistes Kind auf dem Throne von Amerika sitzt. — Man könnte aber recht gut nachweisen die lobhudelnden Stimmen, die es überall über Woodrow Wilson gegeben hat und die erst seit gar nicht so langer Zeit verklungen sind. Jetzt weiß man gar viel. Jetzt weiß man sogar, daß dieser Herr, der auf dem 'Throne von Amerika sitzt, zur Abfassung seiner wirksamsten republikanischen Urkunden sich alte Botschaften des seligen Kaisers Dom Pedro von Brasilien vom Jahre 1864 nimmt und die darin enthaltenen Sätze einfach abschreibt, nur daß er an den Stellen, wo Dom Pedro sagte: Ich muß für die Interessen Südamerikas eintreten —, jetzt dafür setzt: Ich muß für die Interessen der Vereinigten Staaten von Amerika eintreten — und so weiter, mit der gehörigen Umformung.
[ 24 ] Diese Dinge muß man alle bedenken, wenn man so recht ins Auge fassen will, was es eigentlich heißt, die Geisteswissenschaft kommt mit einer solchen Wahrheit wie dieser: Was im geschichtlichen Leben der Menschheit und folglich auch im Leben der politischen Impulse geschieht, das hat nichts zu tun mit dem gewöhnlichen Bewußtsein, kann nichts zu tun haben mit dem gewöhnlichen Bewußtsein; sondern wirklich verstanden und gehandhabt kann es nur werden, wenn das imaginative Bewußtsein eintreten kann. Man könnte auch mit Beziehung auf den charakteristischsten Vertreter der — wie ich in der letzten Zeit öfter sagte — antisozialen Geschichtsauffassung in der Politik sagen, daß der Wilsonianismus ersetzt werden muß durch ein imaginatives Erkennen der Wirklichkeit. Nur ist der Wilsonianismus sehr verbreitet, und manche Menschen sind Wilsonianer, ohne daß sie es ahnen. Es kommt nicht auf Namen an, sondern auf die Tatsachen, die unter den Menschen leben. Ich kann ja in gewisser Beziehung unbefangener über Wilson sprechen, weil ich immer betonen kann, daß ich in dem schon vor dem Kriege gehaltenen Zyklus in Helsingfors ein Urteil über Wilson abgegeben habe und nicht nötig hatte, durch Woodrow Wilson erst während des Krieges belehrt zu werden, wes Geistes Kind auf dem Throne von Amerika sitzt. — Man könnte aber recht gut nachweisen die lobhudelnden Stimmen, die es überall über Woodrow Wilson gegeben hat und die erst seit gar nicht so langer Zeit verklungen sind. Jetzt weiß man gar viel. Jetzt weiß man sogar, daß dieser Herr, der auf dem 'Throne von Amerika sitzt, zur Abfassung seiner wirksamsten republikanischen Urkunden sich alte Botschaften des seligen Kaisers Dom Pedro von Brasilien vom Jahre 1864 nimmt und die darin enthaltenen Sätze einfach abschreibt, nur daß er an den Stellen, wo Dom Pedro sagte: Ich muß für die Interessen Südamerikas eintreten —, jetzt dafür setzt: Ich muß für die Interessen der Vereinigten Staaten von Amerika eintreten — und so weiter, mit der gehörigen Umformung.
[ 25 ] Als auch in unserem Territorium seinerzeit die beiden Bücher Wilsons «Die neue Freiheit» und «Nur Literatur» erschienen sind, da waren der lobhudelnden Stimmen nicht weniger; es ist noch nicht lange her, nur so fünf, sechs Jahre. Auf diesem Gebiete des Wilsonianismus haben ja die Menschen einiges gelernt. Aber mit Bezug auf viele andere Dinge wäre es schon notwendig, daß gelernt und gelernt würde von den so tief, tief einschneidenden Ereignissen der Gegenwart. Dazu ist allerdings notwendig, daß manche Dinge sehr ernst genommen würden, die gerade auf dem Grund und Boden der geisteswissenschaftlichen Erkenntnis nur erblühen können. Man klagt ja auch diese anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft sehr leicht an, daß sie theoretisch sei, und hält ihr vor, wie andere Richtungen unmittelbar zu Werke gehen, wie sie nicht die Menschen damit plagen, Weltenentwickelungen begreifen zu sollen, sondern wie sie den Menschen von Liebe sprechen, von allgemeiner Menschenliebe, was man lieben und wie man lieben soll. Nun, Jahrtausende ist in dieser Weise von der Liebe gesprochen worden, wie es auch jetzt wieder viele Leute haben wollen; trotzdem lebt sich die Liebe so aus, wie sie sich jetzt auslebt. Lassen Sie erst einmal eine viel kürzere Zeit Geisteswissenschaft die menschlichen Seelen ergreifen, dann werden Sie sehen, daß diese Geisteswissenschaft, wenn sie die menschlichen Seelen wirklich ergreift, in den menschlichen Herzen schon als Liebe aufgehen wird. Denn Liebe kann nicht gepredigt werden. Liebe kann allein wachsen, wenn sie richtig gepflegt wird. Aber dann wächst sie. Und sie ist ein Kind des Geistes. Sie ist auch beim Menschen ein Kind des wirklichen Erkennens, jenes Erkennens, das nicht auf die bloße Materie geht, sondern das auf den Geist geht.
[ 25 ] Als auch in unserem Territorium seinerzeit die beiden Bücher Wilsons «Die neue Freiheit» und «Nur Literatur» erschienen sind, da waren der lobhudelnden Stimmen nicht weniger; es ist noch nicht lange her, nur so fünf, sechs Jahre. Auf diesem Gebiete des Wilsonianismus haben ja die Menschen einiges gelernt. Aber mit Bezug auf viele andere Dinge wäre es schon notwendig, daß gelernt und gelernt würde von den so tief, tief einschneidenden Ereignissen der Gegenwart. Dazu ist allerdings notwendig, daß manche Dinge sehr ernst genommen würden, die gerade auf dem Grund und Boden der geisteswissenschaftlichen Erkenntnis nur erblühen können. Man klagt ja auch diese anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft sehr leicht an, daß sie theoretisch sei, und hält ihr vor, wie andere Richtungen unmittelbar zu Werke gehen, wie sie nicht die Menschen damit plagen, Weltenentwickelungen begreifen zu sollen, sondern wie sie den Menschen von Liebe sprechen, von allgemeiner Menschenliebe, was man lieben und wie man lieben soll. Nun, Jahrtausende ist in dieser Weise von der Liebe gesprochen worden, wie es auch jetzt wieder viele Leute haben wollen; trotzdem lebt sich die Liebe so aus, wie sie sich jetzt auslebt. Lassen Sie erst einmal eine viel kürzere Zeit Geisteswissenschaft die menschlichen Seelen ergreifen, dann werden Sie sehen, daß diese Geisteswissenschaft, wenn sie die menschlichen Seelen wirklich ergreift, in den menschlichen Herzen schon als Liebe aufgehen wird. Denn Liebe kann nicht gepredigt werden. Liebe kann allein wachsen, wenn sie richtig gepflegt wird. Aber dann wächst sie. Und sie ist ein Kind des Geistes. Sie ist auch beim Menschen ein Kind des wirklichen Erkennens, jenes Erkennens, das nicht auf die bloße Materie geht, sondern das auf den Geist geht.
[ 26 ] Damit habe ich heute in einem einleitenden Vortrage nichts anderes tun wollen, als auf einige Empfindungen hinzudeuten, die uns gerade in dieser Zeit vielleicht bedeutsam sein werden. Aber ich habe angedeutet, wie ich es in den nächsten Zweigvorträgen hier halten will. Ich habe gerade alles das zu besprechen, was in der Menschenseele heute Kraft und Mut und Hoffnung erwecken kann. Ich möchte von alledem sprechen, was Geisteswissenschaft anderes der Menschheit geben kann, als was ihr Jahrhunderte gegeben haben, und ich möchte von der Geisteswissenschaft als von etwas Lebendigem sprechen, das in uns nicht Theorie ist, sondern das in uns einen zweiten, einen . geistigen Menschen gebiert, der den andern trägt und hält in der Welt. Und das glaube ich vor allen Dingen, daß es die Gegenwart braucht. Es gab im Mittelalter eine Zeit, Sie kennen sie alle, wo viele Menschen den manchmal sehr phantastischen Drang hatten, Gold zu machen. Warum wollten sie Gold machen? Sie wollten damit etwas, was sich unter den gewöhnlichen irdischen Verhältnissen nicht realisieren läßt. Warum? Weil sie einsahen, daß die gewöhnlichen irdischen Verhältnisse, ohne durchgeistigt zu sein, ohne von den geistigen Impulsen durchzogen zu sein, den Menschen nicht eine wahre Befriedigung geben können. Das ist ja schließlich auch der Inhalt der Lehre des Evangeliums. Nur sehen die Menschen gewöhnlich an dem Wichtigsten vorbei, sie kritisieren die Anschauung der Evangelien, daß das Reich Gottes herabgekommen ist. Ja, aber ist es nicht da? Es ist da! Es ist nur nicht in den äußeren Gebärden. Es muß innerlich ergriffen werden. Es muß nur nicht verleugnet werden, wie es in unserer Zeit verleugnet wird. Und auch von diesem Herabkommen des Reiches des Geistes wollen wir in der nächsten Zeit sprechen.
[ 26 ] Damit habe ich heute in einem einleitenden Vortrage nichts anderes tun wollen, als auf einige Empfindungen hinzudeuten, die uns gerade in dieser Zeit vielleicht bedeutsam sein werden. Aber ich habe angedeutet, wie ich es in den nächsten Zweigvorträgen hier halten will. Ich habe gerade alles das zu besprechen, was in der Menschenseele heute Kraft und Mut und Hoffnung erwecken kann. Ich möchte von alledem sprechen, was Geisteswissenschaft anderes der Menschheit geben kann, als was ihr Jahrhunderte gegeben haben, und ich möchte von der Geisteswissenschaft als von etwas Lebendigem sprechen, das in uns nicht Theorie ist, sondern das in uns einen zweiten, einen . geistigen Menschen gebiert, der den andern trägt und hält in der Welt. Und das glaube ich vor allen Dingen, daß es die Gegenwart braucht. Es gab im Mittelalter eine Zeit, Sie kennen sie alle, wo viele Menschen den manchmal sehr phantastischen Drang hatten, Gold zu machen. Warum wollten sie Gold machen? Sie wollten damit etwas, was sich unter den gewöhnlichen irdischen Verhältnissen nicht realisieren läßt. Warum? Weil sie einsahen, daß die gewöhnlichen irdischen Verhältnisse, ohne durchgeistigt zu sein, ohne von den geistigen Impulsen durchzogen zu sein, den Menschen nicht eine wahre Befriedigung geben können. Das ist ja schließlich auch der Inhalt der Lehre des Evangeliums. Nur sehen die Menschen gewöhnlich an dem Wichtigsten vorbei, sie kritisieren die Anschauung der Evangelien, daß das Reich Gottes herabgekommen ist. Ja, aber ist es nicht da? Es ist da! Es ist nur nicht in den äußeren Gebärden. Es muß innerlich ergriffen werden. Es muß nur nicht verleugnet werden, wie es in unserer Zeit verleugnet wird. Und auch von diesem Herabkommen des Reiches des Geistes wollen wir in der nächsten Zeit sprechen.
[ 27 ] So wollte ich heute nur, ich möchte sagen, einen Grundton anschlagen. Unsere Zeit ist auch darauf angewiesen — die Zahl derjenigen, die jetzt durch die Todespforte gegangen sind, zählt ja nach Millionen —, die Brücke zu bauen zu dem Reich, in welchem die Toten leben. Sie leben unter uns, und wir können sie finden. Wie wir sie finden können, auch davon wollen wir wieder in einer erneuerten Weise sprechen.
[ 27 ] So wollte ich heute nur, ich möchte sagen, einen Grundton anschlagen. Unsere Zeit ist auch darauf angewiesen — die Zahl derjenigen, die jetzt durch die Todespforte gegangen sind, zählt ja nach Millionen —, die Brücke zu bauen zu dem Reich, in welchem die Toten leben. Sie leben unter uns, und wir können sie finden. Wie wir sie finden können, auch davon wollen wir wieder in einer erneuerten Weise sprechen.
