Earth-Death and Universal-Life
Anthroposophical Life-Gifts
Essential Aspects of Consciousness for the Present and the Future
GA 181
22 January 1918, Berlin
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Earth-Death and Universal-Life, tr. SOL
Erdensterben und Weltenleben I
Earth-Death and Universal-Life I
[ 1 ] Meine lieben Freunde, ich brauche wohl nicht zu sagen, daß es mir eine große Freude sein muß, daß ich in dieser schweren, prüfungsreichen Zeit wieder hier mit Ihnen zusammen sein darf. Und da wir jetzt hier nach langer Zeit zum ersten Male wieder uns über Gegenstände der Geisteswissenschaft besprechen können, so wird es uns besonders naheliegen, in dieser schweren Zeit zu gedenken, wie Geisteswissenschaft fern sein soll davon, bloße Theorie zu sein, wie sie vielmehr sein soll ein substantieller, fester Halt, der da zusammenbindet die Seelen der Menschen, zusammenbindet nicht nur die Seelen derjenigen Menschen, die hier auf dem physischen Plane sind, sondern mit diesen auch die Seelen derjenigen, die in den geistigen Welten leben. Dies liegt uns so nahe, besonders in dieser Zeit, da ungezählte Seelen den physischen Plan verlassen haben unter Umständen, von denen wir so oft gesprochen haben, in dieser Zeit, da so viele Seelen draußen den schwersten Prüfungen, die vielleicht die Weltgeschichte bisher überhaupt Menschen auferlegt hat, ausgesetzt sind. Absehend von den allgemeinen Vorstellungen, welche durch unsere Seelen am Beginne dieser Vorträge hier und an andern Orten fließen, sei es heute einmal in individueller Form versucht, unsere Gefühle, unsere Empfindungen hinzulenken zu denjenigen, die draußen stehen, wie auch zu denjenigen, die schon in dieser Ereignisse Folge durch des Todes Pforte gegangen sind.
[ 1 ] My dear friends, I need hardly say that it is a great joy for me to be here with you again during this difficult and trying time. And since we are now able to discuss topics of spiritual science here for the first time in a long while, it will be especially important for us, in these difficult times, to remember how spiritual science is far from being mere theory, but rather should be a substantial, firm anchor that binds together the souls of human beings—not only the souls of those here on the physical plane, but also, together with them, the souls of those who live in the spiritual worlds. This is so close to our hearts, especially at this time, when countless souls have left the physical plane under circumstances of which we have spoken so often; at this time, when so many souls out there are facing the most severe trials that world history has perhaps ever imposed upon humanity. Setting aside the general ideas that have flowed through our souls at the beginning of these lectures here and in other places, let us try today, in an individual way, to direct our feelings and our sensibilities toward those who are out there, as well as toward those who have already passed through the gate of death in the wake of these events.
Die Ihr wachet über Erdenseelen,
Die Ihr webet an den Erdenseelen,
Geister, die Ihr über Menschenseelen schützend
Aus der Weltenweisheit liebend wirkt,
Höret unsre Bitte,
Schauet unsre Liebe,
Die mit Euren helfenden Kräftestrahlen
Sich einen möchten
Geist-ergeben, Liebe sendend!
You who watch over earthly souls,
You who weave the fabric of earthly souls,
Spirits who protect human souls
And work lovingly from the wisdom of the worlds,
Hear our plea,
Behold our love,
Which, with your rays of helping power
Wishes to become one
Surrendered to the Spirit, sending love!
[ 2 ] Und mit Bezug auf die, welche in dieser Zeit bereits durch die Todespforte gegangen sind:
[ 2 ] And with regard to those who have already passed through the gates of death during this time:
Die Ihr wachet über Sphärenseelen,
Die Ihr webet an den Sphärenseelen,
Geister, die Ihr über Seelenmenschen schützend
Aus der Weltenweisheit liebend wirkt,
Höret unsre Bitte,
Schauet unsre Liebe,
Die mit Euren helfenden Kräfteströmen
Sich einen möchten
Geist-erahnend, Liebe strahlend!
You who watch over the souls of the spheres,
You who weave among the souls of the spheres,
Spirits who protect human souls
And work lovingly from the wisdom of the worlds,
Hear our plea,
Behold our love,
Which, with your streams of helping power
Wishes to become one
Intuiting the Spirit, radiating love!
[ 3 ] Und der Geist, dem wir uns zu nahen suchen durch die Jahre schon durch die von uns angestrebte Geist-Erkenntnis, der zu der Erde Heil, zu der Menschheit Freiheit und Fortschritt durch das Mysterium von Golgatha gehen wollte, Er sei mit Euch und Euren schweren Pflichten! 1Die vorangehenden Gedenkworte wurden während des Krieges in dieser oder ähnlicher Weise von Rudolf Steiner vor jedem von ihm innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft gehaltenen Vortrag in den vom Kriege betroffenen Ländern gesprochen.
[ 3 ] And may the Spirit whom we have sought to draw near to over the years through the spiritual knowledge we have strived for—the Spirit who sought to bring healing to the Earth and freedom and progress to humanity through the Mystery of Golgotha—be with you and your heavy duties! 1The preceding commemorative words were spoken by Rudolf Steiner during the war, in this or a similar form, before each lecture he gave within the Anthroposophical Society in the countries affected by the war.
[ 4 ] Vielleicht wird die schwere Zeit der Prüfungen, in denen die Menschheit steht, doch eine solche sein, welche immer mehr und mehr die Bedeutung geistiger Vertiefung den Menschenseelen nahelegt; dann wird diese schwere Zeit der Prüfungen nicht umsonst an dieser Gegenwart und für die Zukunft für die Menschheit vorübergegangen sein. Man hat nur heute das Gefühl — und diese Dinge werden ja nicht ausgesprochen, um irgendeine Kritik zu üben an irgend jemandem, sondern gerade um zu appellieren an die rechten und richtigen Gefühle —, man hat das Gefühl, daß die Zeit noch nicht gekommen ist, in der die Menschen von der Schwere der gegenwärtigen Zeitereignisse genügend gelernt haben. Man hat das Gefühl, daß immer noch deutlicher und deutlicher aus dem Geiste der Zeit heraus zu den Menschenseelen, zu den Menschenherzen gesprochen werden muß. Denn es sind ja nicht Menschenstimmen allein, die heute sprechen können; es sind die Stimmen, die geheimnisvoll herausklingen aus den schwerwiegenden und außer ihrem Schwerwiegenden so bedeutungsvollen Tatsachen.
[ 4 ] Perhaps the difficult time of trials that humanity is currently facing will, after all, be one that increasingly impresses upon human souls the importance of spiritual deepening; then this difficult time of trials will not have passed in vain for humanity, both in the present and for the future. One simply has the feeling today—and these things are not being said to criticize anyone, but rather to appeal to what is right and just—one has the feeling that the time has not yet come when people have learned enough from the gravity of current events. One has the feeling that it is necessary to speak ever more clearly and clearly from the spirit of the times to human souls, to human hearts. For it is not human voices alone that can speak today; it is the voices that resound mysteriously from the grave events—events that are so significant beyond their mere gravity.
[ 5 ] Es steht mir das Ganze, das ich heute, ich möchte sagen, wie stammelnd und ungenügend zu Ihnen sprechen kann, insbesondere deshalb vor Augen, weil mir die diesmalige schweizerische Reise gar manches gerade mit Bezug auf das Verhältnis unserer Geistesbewegung zu den Aufgaben der Zeit gezeigt hat. Wer jenen Vortragszyklus aufmerksam gelesen hat, den ich vor dem Kriege in Wien gehalten habe über die Erlebnisse des Menschen zwischen dem Tode und einer neuen Geburt und über dasjenige, was dort an Beziehungen zum menschlichen Leben überhaupt auseinandergesetzt werden konnte, der weiß, wie damals vor dem Kriege auf die tieferen Ursachen, die tieferen Grundlagen der nachher so furchtbar sich auslebenden Zeitereignisse hingewiesen worden ist. Und man darf sagen, alles was man so zwischen den Zeilen des Lebens jetzt erfahren kann, ist eigentlich nach außen hin als ein lebendiger Beweis für die Richtigkeit des damals Gesagten aufzufassen. Mit einem radikalen Wort wurde damals, ich möchte sagen, die allgemeine Krankheit der Zeit bezeichnet, wie Sie wissen. Man merkt schon hie und da, daß nun einiges von den großen Ereignissen gelernt worden ist. Allein, man merkt andererseits auch klar und deutlich, gerade wenn man Einzelheiten scheinbar unbedeutender Dinge im Zusammenhange betrachtet, wie unbeweglich im Laufe der letzten Jahrhunderte das menschliche Denken auf dem physischen Plan geworden ist, wie langsam die Menschen in irgendwelche Entschlüsse, in irgendwelche Maßnahmen, die sie treffen sollen, hineinkommen. Ich möchte heute einleitungsweise von einigem zu Ihnen sprechen, das gerade im Laufe dieser Schweizer Reise erlebt werden konnte, weil es, wie mich dünkt, notwendig ist, daß diejenigen, die sich für unsere Bewegung interessieren, auch im Bilde ihres ganzen Zusammenhanges ein wenig drinnenstehen können. Nur einzelnes aber, aphoristisch, soll vorgebracht werden.
[ 5 ] The whole situation—which I can only describe to you today, I might say, in a stammering and inadequate way—is particularly clear to me because this recent trip to Switzerland has shown me many things, especially with regard to the relationship between our spiritual movement and the tasks of our time. Anyone who has carefully read the series of lectures I gave in Vienna before the war—on human experiences between death and a new birth, and on the connections to human life in general that could be explored there—knows how, even back then before the war, reference was made to the deeper causes and foundations of the historical events that subsequently unfolded so terribly. And one may say that everything one can now perceive between the lines of life is, in fact, to be understood outwardly as living proof of the truth of what was said back then. A radical term was used at that time, I would say, to describe the general malaise of the age, as you know. One can already see here and there that some lessons have now been learned from the great events. Yet, on the other hand, one also sees clearly and distinctly—especially when considering the details of seemingly insignificant things in their context—how rigid human thinking has become on the physical plane over the course of the last few centuries, and how slowly people come to any decisions or take any measures they are supposed to undertake. By way of introduction today, I would like to speak to you about a few things that I was able to experience during this trip to Switzerland, because I believe it is necessary for those interested in our movement to have at least some understanding of the broader context. However, I will present only a few points, in aphoristic form.
[ 6 ] Als ein besonders befriedigendes Ereignis durfte es betrachtet werden, daß während meiner diesmaligen Anwesenheit in der Schweiz sich aus den Kreisen jüngerer Akademiker der Zürcher Hochschule Leute gefunden haben, die einen Vortragszyklus von mir in Zürich gerade so gestalten wollten, daß er die Fäden zieht zu den verschiedenen akademischen Wissenschaften. Ich habe dann vier Vorträge in Zürich gehalten, von denen der erste das Verhältnis der anthroposophischen Geisteswissenschaft zur Psychologie, zur Seelenwissenschaft behandelte, der zweite das Verhältnis dieser Geisteswissenschaft zur Geschichte, der dritte das Verhältnis der Geisteswissenschaft zur Naturwissenschaft, und der vierte ihr Verhältnis zur Sozialwissenschaft, zu den großen sozialen, juristischen Völkerproblemen unserer Zeit. Man geht vielleicht nicht fehl, wenn man — zwar selbstverständlich in weitem Abstande von demjenigen, was man gerne wünschen möchte — damals doch ein gewisses Interesse für dieses Fädenziehen zu den akademischen Wissenschaften sehen konnte. Es konnte ja gezeigt werden, daß die akademischen Wissenschaften überall auf diejenige Ergänzung warten, man könnte auch sagen, auf diejenige Erfüllung warten, die nur von seiten der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft kommen kann, und daß die Teilwissenschaften der Gegenwart Halbheiten, vielleicht sogar Viertelheiten bleiben, wenn sie diese Ergänzung nicht haben können. Nirgends, wo es mir gestattet war, in der Schweiz Vorträge zu halten, habe ich versäumt, überall durchblicken zu lassen, was eigentlich nach dieser Richtung hin unserer Gegenwart fehlt, und was diese unsere Gegenwart erlangen muß, um es den Tendenzen, die sie in eine richtige Zukunft hinüberführen, einzuverleiben. Man kann sagen, daß man immerhin empfinden konnte, daß, nachdem in der Schweiz anfänglich ein starker, kurios starker Widerstand gegen unsere Bestrebungen vorhanden war, in der letzten Zeit allmählich — und gewiß ist der Widerstand nicht geringer geworden, ist sogar stärker geworden — neben dem Widerstande sich ein regeres Interesse entwickelte; und es könnte schon sein, da ja das Karma unseren Bau in die Schweiz gebracht hat, daß gerade das Wirken in diesem Lande eine große Bedeutung haben könnte. Insbesondere wenn es so gestaltet wird, wie ich mich bemühte, es zu gestalten: daß unser Wirken Zeugnis ablegt auch zugleich für jene Quellen geisteswissenschaftlicher Forschungen, die in vieler Beziehung leider ungehoben und unbeachtet gerade im deutschen Geistesleben verborgen sind. Dies ist ein Gefühl, das einen heute auf der einen Seite sogar mit einer gewissen Wehmut und in tragischer Weise berührt, auf der andern Seite auch gewiß mit tiefer Befriedigung. Man kann ja sagen: Wer das ganze Gewicht der Tatsache ins Auge faßt, daß mit allem übrigen auch dieses deutsche Geistesleben gegenwärtig von vier Fünfteln der Welt wie sie sich selbst brüsten — verketzert, wirklich verketzert wird, wer sich das ganze Schwerwiegende dieser Tatsache vor Augen hält was man nicht immer tut —, der wird auf der einen Seite wehmütige, auf der andern Seite befriedigende Hoffnungen darauf setzen können, daß vielleicht gerade von seiten der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft auch nach dem Außen der Welt wieder die Möglichkeit geboten sein wird, diesem deutschen Geistesleben jene Stimme zu verschaffen, die es haben muß, wenn nicht der Entwickelung der Erde Schaden geschehen soll. Man findet und wird immer finden die Möglichkeit, zu allen Menschen, ohne Unterschied der Nationalität, zu sprechen, wenn man den Menschen im wahren Sinne vom Geist spricht, das heißt, wenn man von den wahren Quellen des Geisteslebens zu ihnen spricht.
[ 6 ] It was a particularly gratifying development that, during my current stay in Switzerland, a group of younger academics from the University of Zurich took the initiative to organize a series of lectures by me in Zurich, designed specifically to draw connections to the various academic disciplines. I then gave four lectures in Zurich: the first dealt with the relationship between anthroposophical spiritual science and psychology, or the science of the soul; the second with its relationship to history; the third with its relationship to the natural sciences; and the fourth with its relationship to the social sciences and to the major social, legal, and international problems of our time. One would probably not be mistaken in saying that—though, of course, far from what one might wish for—a certain interest in this connection to the academic sciences could indeed be discerned at that time. After all, it could be shown that the academic sciences everywhere await that complement—one might even say that fulfillment—which can come only from anthroposophically oriented spiritual science, and that the subdisciplines of the present remain half-measures, perhaps even quarter-measures, if they cannot have this complement. Nowhere in Switzerland, wherever I was permitted to give lectures, did I fail to make it clear what our present age actually lacks in this regard, and what our present age must attain in order to incorporate it into the trends that will lead it toward a true future. One might say that one could at least sense that, although there was initially strong—curiously strong—resistance to our endeavors in Switzerland, in recent times, gradually—and certainly the resistance has not diminished, but has even grown stronger—a more lively interest has developed alongside the resistance; and it could well be—since karma has brought our work to Switzerland—that our activity in this country in particular could be of great significance. Especially if it is shaped as I have endeavored to shape it: so that our work also bears witness to those sources of spiritual scientific research that, in many respects, are unfortunately hidden and neglected, particularly within German intellectual life. This is a feeling that today touches one, on the one hand, even with a certain melancholy and in a tragic way, and on the other hand, certainly with deep satisfaction. One might well say: Anyone who fully grasps the gravity of the fact that, along with everything else, this German spiritual life is currently being condemned—truly condemned—by four-fifths of the world as it boasts of itself; anyone who keeps the full gravity of this fact before their eyes—which one does not always do— will be able to place, on the one hand, wistful and, on the other, satisfying hopes in the possibility that perhaps, precisely through anthroposophically oriented spiritual science, the opportunity will once again be offered to the outside world to give this German spiritual life the voice it must have if no harm is to be done to the Earth’s development. One finds—and will always find—the possibility of speaking to all people, regardless of nationality, when one speaks to them about the spirit in the true sense, that is, when one speaks to them about the true sources of spiritual life.
[ 7 ] Wehmütig könnte es auch stimmen, daß, indem man auf der einen Seite sieht, daß diese geisteswissenschaftlichen Bestrebungen einigen Boden gewinnen, auf der andern Seite deutlich zutage tritt, wie auch ein solches Land wie die Schweiz es immer schwieriger und schwieriger hat, sich noch aufrechtzuerhalten gegenüber dem, was heute anstürmt. Es ist nicht leicht, gegenüber dem Druck von vier Fünfteln der Welt sich irgendein freies Urteil zu gestalten; und es ist nicht leicht, selbst die Worte zu finden, um in einem solchen Lande — das zwar ein neutrales ist, in dem aber die vier Fünftel der Welt doch eine bedeutende Rolle spielen — alles das zu sagen, was gesagt werden muß. Die Verhältnisse der Welt haben sich eben sehr zugespitzt.
[ 7 ] It might also be a cause for melancholy that, while on the one hand we see these humanities-oriented endeavors gaining some ground, on the other hand it becomes clearly evident how even a country like Switzerland is finding it increasingly difficult to hold its ground in the face of what is bearing down on us today. It is not easy to form any kind of independent judgment in the face of pressure from four-fifths of the world; and it is not easy to even find the words to say everything that needs to be said in a country like this—which is, admittedly, a neutral one, but in which those four-fifths of the world nevertheless play a significant role. The situation in the world has simply become very tense.
[ 8 ] Nun kommt uns auf diesem Boden allerdings zugute, daß das bloße Wort, die bloße Lehre dort gerade unterstützt wird durch die Formen und Schöpfungen unseres Dornacher Baues, der ja auch vor das äußere Auge das hinstellt, was unsere Geisteswissenschaft will, und damit zeigen kann, daß diese Geisteswissenschaft schon da, wo man sie ins praktische Leben eingreifen läßt, wo man sie nicht brutal zurück weist, fähig ist, das Leben, das in der Gegenwart so große Anforderungen an den Menschen stellt, zu meistern und zu handhaben.
[ 8 ] Now, however, we benefit in this regard from the fact that the mere word, the mere teaching, is supported there precisely by the forms and creations of our Dornach building, which, after all, also presents to the outward eye what our spiritual science aims for, and can thus demonstrate that this spiritual science—wherever it is allowed to intervene in practical life, wherever it is not brutally rejected—is capable of mastering and managing the life that places such great demands on human beings in the present.
[ 9 ] Wenn man heute über das Verhältnis zwischen der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft und dem andern Wissen und Wollen der Welt spricht, so handelt es sich ja darum, daß man wirklich ganz neue, ungewohnte Vorstellungen an die Menschen heranbringen muß. Die Menschen sind im allgemeinen in den Untergründen ihres Bewußtseins ganz dunkel davon überzeugt, daß von da oder dort irgend etwas Neues kommen müsse. Aber sie sind auch unerhört unelastisch in bezug auf ihr Denken, unerhört langsam im Aufnehmen. Man kann schon sagen: Ein Grundzug ist in unserer schnellebigen Zeit der, daß die Menschen so furchtbar langsam denken. In Kleinigkeiten tritt einem das entgegen. In Zürich ist es zustande gekommen, daß die Fäden anthroposophischer Geisteswissenschaft zu den akademischen Wissenschaften gezogen werden konnten. In Basel habe ich öffentlich früher gesprochen als in Zürich. Kurze Zeit, bevor ich von der Schweiz wieder abreisen mußte, kam auch von Basel die Aufforderung an mich heran, ganz innerhalb eines akademischen Zusammenhanges über die Beziehungen der anthroposophischen Geisteswissenschaft zu den andern Wissenschaften zu sprechen. Aber es war natürlich zu spät, so daß der Sache nicht mehr nähergetreten werden konnte. — Ich erwähne dies aus zwei Gründen: erstens, weil es eine große Wichtigkeit gehabt hätte, unmittelbar in einem nur der akademischen Wissenschaft gewidmeten Raume, veranstaltet von der Basler Studentenschaft, von unserer Geisteswissenschaft zu sprechen; auf der andern Seite erwähne ich es deshalb, weil die Leute so langsam waren, daß sie erst vor Toresschluß kamen. Es ist ein Charakteristikon, daß die Menschen immer vor Toresschluß sich zu dem entschließen, wozu Elastizität des Denkens, die Fähigkeit, schnell aufzunehmen, früher führen könnte. Es ist ja notwendig, diese Dinge unter uns zu besprechen, damit wir uns nach ihnen richten können. Man braucht heute nur eines dieser Themen ins Auge zu fassen, von denen ich in der letzten Zeit gesprochen habe, so wird man das Bedeutsame, das zu geschehen hat, schon sehen.
[ 9 ] When we speak today about the relationship between anthroposophically oriented spiritual science and the rest of the world’s knowledge and will, the point is that we really must bring entirely new, unfamiliar ideas to people. People are generally, deep down in the recesses of their consciousness, dimly convinced that something new must come from somewhere. But they are also incredibly inflexible in their thinking, incredibly slow to take things in. One might even say: A fundamental characteristic of our fast-paced age is that people think so terribly slowly. This becomes apparent in small details. In Zurich, it was possible to establish connections between anthroposophical spiritual science and the academic sciences. I had spoken publicly in Basel earlier than I had in Zurich. Shortly before I had to leave Switzerland again, I also received an invitation from Basel to speak, entirely within an academic context, about the relationship between anthroposophical spiritual science and the other sciences. But of course it was too late, so the matter could no longer be pursued. — I mention this for two reasons: first, because it would have been of great importance to speak about our spiritual science directly in a setting dedicated solely to academic scholarship, organized by the Basel student body; on the other hand, I mention it because people were so slow that they didn’t arrive until just before closing time. It is characteristic that people always wait until just before closing time to decide on what flexibility of thought and the ability to grasp things quickly might have led them to earlier. It is indeed necessary to discuss these matters among ourselves so that we can act accordingly. One need only consider just one of the topics I have been speaking about recently, and one will already see the significance of what is to come.
[ 10 ] Ich habe in Zürich unter anderem auch gesprochen über die Fäden, die zu ziehen sind zwischen der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft und der Geschichtswissenschaft, dem geschichtlichen Leben der Menschheit. Wir haben ja heute eine Geschichte. Sie wird gelehrt, wird gelehrt den Kindern, wird gelehrt den Akademikern. Aber was ist diese Geschichte? Sie ist etwas, was nicht einmal eine Ahnung hat von den Kräften, die im geschichtlichen Leben der Menschheit walten, aus dem einfachen Grunde, weil das ganze intellektuelle Leben von heute darauf ausgeht, den Verstand des Menschen in Bewegung zu setzen; die gewöhnlichen, sogenannten vollbewußten Begriffe und Ideen in Bewegung zu setzen und von da aus alles zu verstehen.
[ 10 ] Among other things, I spoke in Zurich about the connections that need to be drawn between anthroposophically oriented spiritual science and the study of history—the historical life of humanity. We do, after all, have a history today. It is taught—taught to children, taught to academics. But what is this history? It is something that has not even the faintest inkling of the forces at work in the historical life of humanity, for the simple reason that the entire intellectual life of today is directed toward setting the human intellect in motion; toward setting the ordinary, so-called fully conscious concepts and ideas in motion and, from there, understanding everything.
[ 11 ] Ja, so kann man die äußere sinnenfällige Natur verstehen, so kann man jenes Denken verstehen, das so große Triumphe auf dem naturwissenschaftlichen Felde erlebte; aber indem man dieses Denken auf die Geschichte anwandte, hat man die Geschichte zu einer Naturwissenschaft machen wollen. Man hat sich im 19. Jahrhundert bemüht, die Geschichte so zu betrachten, wie man in der Naturwissenschaft die sinnenfälligen Dinge betrachtet. Das ist jedoch eine Unmöglichkeit, aus dem einfachen Grunde, weil die geschichtlichen Tatsachen zum Leben in einem ganz andern Verhältnisse stehen als die naturwissenschaftlichen. Was halten die Menschen im geschichtlichen Leben sich vor Augen? Welches sind die geschichtlichen Impulse?
[ 11 ] Yes, this is how one can understand the external, sensually perceptible natural world; this is how one can understand that mode of thinking which achieved such great triumphs in the field of the natural sciences; but by applying this mode of thinking to history, one sought to turn history into a natural science. In the 19th century, efforts were made to view history in the same way that one views sensory phenomena in the natural sciences. This, however, is impossible, for the simple reason that historical facts stand in a completely different relationship to life than those of the natural sciences. What do people keep in mind in historical life? What are the historical impulses?
[ 12 ] Wer da glaubt, die geschichtlichen Impulse mit jenem Verstande auffassen zu können, der in der Naturwissenschaft ganz gut angewendet werden kann, der trifft nie die geschichtlichen Impulse, denn diese wirken in der menschlichen Entwickelung so wie die Träume in unserem eigenen Traumleben. Die geschichtlichen Impulse wirken nicht herein in das gewöhnliche Bewußtsein, mit dem wir den Alltag oder die Naturwissenschaft beherrschen; sondern was in der Geschichte geschieht, das wirkt als solche Impulse, wie das, was nur in unser Traumleben hereinspielt. Man kann sagen, geschichtliches Werden ist ein großer Traum der Menschheit. Aber was in die Träume hineinspielt als hinhuschende Bilder, es wird klar und deutlich in den Imaginationen der Geisteswissenschaft. Daher gibt es keine Geschichte, die nicht eine Geisteswissenschaft ist; und die Geschichte, die heute gelehrt wird, ist keine Geschichte.
[ 12 ] Anyone who believes they can grasp historical impulses with the kind of intellect that works quite well in the natural sciences will never grasp them, for these impulses operate in human development just as dreams do in our own dream life. Historical impulses do not penetrate the ordinary consciousness with which we master everyday life or the natural sciences; rather, what happens in history acts as such impulses, just as that which plays a part only in our dream life. One could say that historical becoming is a great dream of humanity. But what plays out in dreams as fleeting images becomes clear and distinct in the imaginative acts of spiritual science. Therefore, there is no history that is not a spiritual science; and the history taught today is not history.
[ 13 ] Herman Grimm ist es aufgefallen, daß der Geschichtsschreiber Gibbon, als er die ersten Zeiten der christlichen Zeitrechnung schildert, nur den Untergang des Römischen Reiches schildert, nicht das allmähliche Heraufkommen des Christentums, sein Wachsen und Gedeihen. Aber Herman Grimm wußte natürlich den Grund nicht, weshalb ein guter Geschichtsschreiber jedenfalls einen Verfall gut schildern kann, nicht. aber ein Wachsen und Werden. Der Grund ist der, daß auf die Art, wie man heute geschichtlich begreifen will, nur das begriffen werden kann, was zugrunde geht, nicht das, was wird, nicht das, was wächst. Das lebt in die Menschenentwickelung sich so hinein, wie sich sonst Träume in das individuelle Leben hineinleben. Daher kann es nur von dem geschildert werden, der Imaginationen haben kann. Und wer nicht Imaginationen haben kann, der mag ein Ranke, der mag ein Lamprecht sein: er schildert nur den Leichnam der Geschichte, nicht das Wirkliche des geschichtlichen Werdens. Denn die Impulse des geschichtlichen Werdens werden vom Bewußtsein nur geträumt; und versucht es das gewöhnliche Bewußtsein, das, was geschichtlich wird, aufzufassen, so kann es dies nur auffassen, wenn es schon im Unterbewußtsein ist.
[ 13 ] Herman Grimm noticed that the historian Gibbon, when describing the early days of the Christian era, focuses solely on the fall of the Roman Empire, not on the gradual rise of Christianity, its growth and flourishing. But Herman Grimm, of course, did not know the reason why a good historian can certainly describe a decline well, but not growth and development. The reason is that, given the way we seek to understand history today, we can only comprehend what is perishing, not what is becoming, not what is growing. This becomes so deeply embedded in human development just as dreams otherwise become embedded in individual life. Therefore, it can only be described by someone capable of imagination. And whoever is incapable of imagination—be he a Ranke or a Lamprecht—describes only the corpse of history, not the reality of historical becoming. For the impulses of historical becoming are merely dreamed by consciousness; and if ordinary consciousness attempts to grasp what is becoming historical, it can do so only when it is already in the subconscious.
[ 14 ] Auch die neuere Zeit bietet uns interessante Beispiele dafür. Wer diese neuere Zeit verfolgte, hat gesehen, wie in den letzten Jahrzehnten das Interesse der Menschen für große Fragen des Weltzusammenhanges mehr oder weniger ganz erstorben oder verakademisiert worden ist — was fast gleichbedeutend mit Ersterben ist —, verschulmäßigt worden ist, ja, verschulmäßigt worden ist. Es ist ein tiefer Zusammenhang zwischen dem Verschulmäßigen der Zeit und der Tatsache, daß ein Schulmeister gegenwärtig an der Spitze der bedeutendsten Republik die Parole für die Menschheit ausgeben will. — Wenn man sich fragt: Wo war in den letzten Jahrzehnten Sinn für große Menschheitszusammenhänge, für Ideen, welche, man möchte sagen, eine Art religiösen Charakter hatten, wenn auch einen brutal religiösen Charakter, während alles andere mehr oder weniger im Sterben war, wo war so etwas? — so kann man doch sagen, wenn man die Verhältnisse richtig durchschaut: Es war beim Sozialismus. — Da waren Ideen, aber Ideen, die sich niemals auf das geistige Leben richteten, die sich nur auf das brutal materielle Leben richteten. Aber es stand leider diesen Ideen keine andere Welt von Ideen gegenüber. Kennt man nun das, was da an Ideen des Sozialismus an die Oberfläche getreten ist, so findet man: Es sind gewissermaßen geschichtliche Ideen, es sind Träume der Menschheit. Aber was für Träume? Man muß einen Sinn haben für dieses Geträumtwerden der geschichtlichen Ereignisse der Menschheit. Ich versuchte es in den Vorträgen in der Schweiz in der Weise den Leuten klarzumachen, daß ich sagte: Man versuche nur einmal, diejenigen Leute, die sehr gescheit sind, die aber gar nicht Verständnis haben für das, was ich jetzt Traumimpulse nenne, zu lenkenden und führenden Persönlichkeiten zu machen; man wird sehen, wie weit man kommt. — Man versuche es nur einmal damit, die Frage praktisch zu beantworten: Wie kann man ein Gemeinwesen — so sagte ich, auch im öffentlichen Vortrage — so schnell als möglich systematisch zugrunde richten? — Man ordne die Sache so an, daß man ein Parlament über dieses Gemeinwesen setzt und in dieses Parlament lauter Gelehrte und Professoren hineinbringt: das ist ein sicheres Mittel, um ein Gemeinwesen systematisch zugrunde zu richten. Es brauchen nicht angestellte Professoren zu sein, es können auch sozialistische Führer sein, unter denen ja die Bewegung genügend Professoren hat. Man muß für solche Dinge eine Empfindung haben, dann wird man sich sagen: Wie ist eigentlich diese ganze umfassende "Theorie des Sozialismus gekommen? Wollte man die sozialistischen Theorien — vielleicht wird die Menschheit heute einen traurigen Beweis dafür im Osten erleben können, wenn sie nicht früher aufhört und versucht, sie weiterzuführen — in die Wirklichkeit überführen, so würden sie nur zerstören können. Wie ist es gekommen, daß diese sozialistischen Ideen in den Köpfen der Menschen Platz gegriffen haben? Was sind sie eigentlich, diese Theorien?
[ 14 ] More recent times also offer us interesting examples of this. Anyone who has followed recent history has seen how, in the last few decades, people’s interest in the great questions of the world’s interconnectedness has more or less died out entirely or become overly academic—which is almost synonymous with dying out—it has become school-like, yes, it has become school-like. There is a deep connection between the school-like nature of our times and the fact that a schoolmaster currently at the helm of the most important republic seeks to set the agenda for humanity. — If one asks: Where, in recent decades, was the sense of the great interconnections of humanity, of ideas that, one might say, had a kind of religious character—albeit a brutally religious one—while everything else was more or less dying out? Where was such a thing? — then one can say, if one truly understands the circumstances: It was in socialism. — There were ideas, but ideas that were never directed toward spiritual life, that were directed solely toward brutal material life. But unfortunately, no other world of ideas stood in contrast to these. If one examines the ideas of socialism that have come to the surface, one finds: They are, in a sense, historical ideas; they are humanity’s dreams. But what kind of dreams? One must have a sense for this “dreaming” of humanity’s historical events. I tried to make this clear to people in my lectures in Switzerland by saying: Just try, for once, to turn those people who are very intelligent but who have absolutely no understanding of what I now call “dream impulses” into guiding and leading figures; you’ll see how far you get. — Just try, for once, to answer the question practically: How can one systematically destroy a community—as I said, even in a public lecture—as quickly as possible? — Organize things so that a parliament is established over this community and fill that parliament with nothing but scholars and professors: that is a surefire way to systematically ruin a community. They need not be tenured professors; they can also be socialist leaders, among whom the movement certainly has enough professors. One must have a sense for such things; then one will ask oneself: How did this whole comprehensive “theory of socialism” actually come about? If one were to put socialist theories into practice—perhaps humanity will be able to witness sad proof of this in the East today, if it does not stop sooner and tries to carry them forward—they would only be capable of destruction. How did these socialist ideas come to take root in people’s minds? What are these theories, really?
[ 15 ] Wer dies wissen will, der muß von innen heraus die Geschichte der vier letzten Jahrhunderte kennen, insbesondere aber die des 18. und des 19. Jahrhunderts. Er muß wissen, daß das, was Geschichte der letzten vier Jahrhunderte ist, etwas ganz anderes ist als dasjenige, was in den Geschichtsbüchern steht; er muß wissen, daß die Geschichte der vier letzten Jahrhunderte, und namentlich die der zwei letzten, wirklich ein Bild menschlicher Klassen- und Standeskämpfe ist. Und Karl Marx zum Beispiel hat nichts anderes getan als dasjenige, was die Menschheit im Laufe der vier oder der zwei letzten Jahrhunderte geträumt hat, was wirklich da war, was aber jetzt ausgeträumt ist und einer neuen Zeit Platz machen muß, in dem Moment, als es schon ausgeträumt war, als Theorie aufzustellen. Der Sozialismus, der in seinen Theorien aufgestellt wurde in dem Augenblick, als die Tatsache bereits verträumt war, zeigt, daß der Verstand das schon Zugrundegegangene, das schon Leichnam Gewordene braucht, wenn er sich mit denjenigen Erkenntnismitteln an die Sache macht, die zum Beispiel in der Naturwissenschaft ganz gut gelten können. Man wird gerade aus solchen Erkenntnissen heraus einsehen müssen, daß jetzt die Welt an einem Zeitenwendepunkte ‚wirklich steht, wo sie in der Auffassung des geschichtlichen Werdens der Menschheit — und die Gegenwart ist ja auch geschichtlich geworden, und wenn man in die Zukunft hineinlebt, lebt man auch in geschichtliches Werden hinein — umlernen muß; man wird einsehen müssen, daß dieses geschichtliche Werden nicht anders zu verstehen ist, als daß man es geisteswissenschaftlich versteht. Man bekommt ja nicht einmal ein richtiges Bild der allerjüngsten Ereignisse, wenn man die Geisteswissenschaft außer acht läßt. Ich will Ihnen ein Beispiel nennen, das ich in der letzten Zeit öfter angeführt habe.
[ 15 ] Anyone who wants to know this must have a deep understanding of the history of the last four centuries, especially that of the 18th and 19th centuries. One must know that the history of the last four centuries is something entirely different from what is written in history books; one must know that the history of the last four centuries—and especially that of the last two—is truly a picture of human class and social struggles. And Karl Marx, for example, did nothing other than formulate as a theory—at the very moment it had already run its course—what humanity had dreamed of over the course of the last four or two centuries: what was truly there but has now run its course and must give way to a new era. Socialism, which was formulated in theory at the very moment when the reality had already faded from our dreams, shows that the intellect requires what has already perished—what has already become a corpse—when it sets about the task using those means of knowledge that, for example, are quite valid in the natural sciences. It is precisely on the basis of such insights that one will have to recognize that the world now truly stands at a turning point in history—where, in terms of the historical development of humanity—and the present has, after all, also become history, and when one lives into the future, one also lives into historical development—it must re-learn; one will have to realize that this historical development cannot be understood in any other way than through the spiritual sciences. After all, one cannot even obtain a true picture of the most recent events if one disregards the spiritual sciences. I would like to give you an example that I have cited frequently in recent times.
[ 16 ] Ein wichtiges Ereignis, das zwischen den Zeilen des europäischen Lebens im Mittelalter sich zugetragen hat — wir sind ja hier unter uns, können daher solche Sachen sagen, trotzdem die draußen stehende Menschheit öfter über derartiges lacht; aber sie wird nicht immer lachen —, ist dasjenige, daß im Laufe des Mittelalters die Kunde, das Wissen vom westlichen Weltteil der europäischen Menschheit verlorengegangen ist. Es waren ja immer Verbindungen vorhanden, besonders zwischen Irland und England und demjenigen Gebiete, das man heute Amerika nennt. Von Irland und England aus sind immer gewisse Verbindungen nach Westen gepflogen worden, und erst in dem Jahrhunderte, in dem dann die sogenannte Entdeckung Amerikas erfolgt ist, ist noch durch eine päpstliche Urkunde verboten worden, sich mit Amerika zu beschäftigen. Natürlich hat es damals nicht «Amerika» geheißen. Der Zusammenhang mit Amerika ist eigentlich erst in dem Zeitpunkt geschwunden, als die sogenannte Entdeckung Amerikas durch die Spanier erfolgt ist; aber die äußere Geschichte ist so undeutlich, daß eigentlich heute die Menschen das Gefühl haben, man habe in Europa vor dem Jahre 1492 Amerika überhaupt nicht gekannt. Das glauben ja fast alle Leute. Und ähnliche Tatsachen, welche die Geisteswissenschaft aus ihren Quellen heraus geltend machen müßte, könnten viele angeführt werden. Wir stehen heute eben vor einem Zeitenwendepunkt, in dem gerade das geschichtliche Leben unter dem Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft betrachtet werden muß. Man wird nun vielleicht sagen: Da aber Geisteswissenschaft, so wie wir sie betrachten, doch eigentlich erst in unserer Zeit aufgehen kann, wie steht es denn dann mit früheren Zeiten?
[ 16 ] An important event that took place between the lines of European life in the Middle Ages—we are among ourselves here, so we can speak of such things, even though those on the outside often laugh at them; but they will not always laugh—is the fact that, over the course of the Middle Ages, knowledge of the Western Hemisphere was lost to the European people. There had, of course, always been connections, especially between Ireland and England and the region we now call America. From Ireland and England, certain connections to the West had always been maintained, and it was not until the century in which the so-called discovery of America took place that a papal decree prohibited any engagement with America. Of course, it was not called “America” back then. The connection with America actually only faded at the time of the so-called discovery of America by the Spaniards; but external history is so unclear that people today actually have the impression that Europe knew nothing at all about America before the year 1492. Almost everyone believes that. And many similar facts, which spiritual science ought to bring to light from its sources, could be cited. We are now standing at a turning point in history, at which historical life must be viewed precisely from the perspective of spiritual science. One might now say: But since spiritual science, as we understand it, can really only come into its own in our own time, what then of earlier times?
[ 17 ] Wenn wir in frühere Zeiten zurückgehen, dann finden wir etwas anderes, das gewissermaßen sich schon messen kann mit dem, was wir heute die Imaginationen der Geisteswissenschaft nennen; wir finden den Mythos, die Sagen, und aus der Kraft des Mythos, aus der Kraft der Sage, die Bilder waren, konnten wahrhaftig realere, wirklichkeitsgemäßere — auch politische — Impulse genommen werden als aus den abstrakten Lehren der heutigen: Geschichte oder Sozialökonomie oder dergleichen. Denn was Menschen zusammenhält, was das Zusammenleben der Menschen bedingt, es braucht nicht in abstrakten Begriffen aufgefaßt zu werden. Im Mythos wurde es früher zum Ausdruck gebracht. Nun, wir können heute nicht wieder Mythen dichten, wir müssen eben zu Imaginationen kommen und mit Imaginationen das geschichtliche Leben erfassen und daraus wieder politische Impulse prägen, die wahrhaftig anders sein werden als die phantastischen Impulse, von denen heute so viele Menschen träumen, oder wie wir sagen wollen: als die schulmeisterlichen Impulse.
[ 17 ] If we go back to earlier times, we find something else that, in a sense, can already be compared to what we today call the imaginations of spiritual science; we find myth and legend, and from the power of myth, from the power of legend—which were images—it was possible to draw impulses that were truly more real, more in keeping with reality—including political ones—than from the abstract teachings of today: history, social economics, or the like. For what binds people together, what makes human coexistence possible, need not be grasped in abstract terms. In the past, this was expressed through myth. Well, we cannot invent myths again today; we must simply turn to the power of imagination and use it to grasp historical life, and from this, shape political impulses that will truly be different from the fantastical impulses of which so many people dream today—or, as we might say, different from the pedantic impulses.
[ 18 ] Es ist heute gewiß schwierig, den Menschen noch zu sagen: Das geschichtliche Leben ist etwas, was eigentlich dem gewöhnlichen Vorstellen gegenüber im Unterbewußtsein verläuft. Aber auf der andern Seite pocht dieses dem Menschen verborgene Leben gar sehr an die Pforten der Ereignisse, an die Pforte der menschlichen Impulse überhaupt. Man kann sagen — gerade bei den Zürcher Vorträgen hat sich das gezeigt —, man möchte heute überall zusammenkommen mit denjenigen Erkenntnisbestrebungen, die auch zum Geiste hinwollen, aber mit lauter unzulänglichen Mitteln. In Zürich macht man ja insbesondere Bekanntschaft mit der dort bereits akademiefähig gewordenen analytischen Psychologie, der sogenannten Psychoanalyse, und gerade an meine Vorträge haben sich die merkwürdigsten Auseinandersetzungen über die Beziehungen der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft zur Psychoanalyse angeschlossen. Aber die Psychoanalytiker kommen sozusagen mit geistig verbundenen Augen an diese Welt der Geisteswissenschaft heran, können sich nicht in sie hineinfinden. Aber diese Welt pocht an die Türe desjenigen, was heute den Menschen erschlossen werden soll.
[ 18 ] It is certainly difficult today to tell people: Historical life is something that actually unfolds in the subconscious, contrary to ordinary conception. But on the other hand, this life, hidden from human beings, is knocking very insistently at the gates of events, at the gate of human impulses in general. One could say—as was particularly evident in the Zurich lectures—that today, everywhere, one encounters efforts toward knowledge that also aim toward the spirit, but with nothing but inadequate means. In Zurich, in particular, one becomes acquainted with analytical psychology—which has already gained academic recognition there—the so-called psychoanalysis, and it was precisely my lectures that sparked the most remarkable debates regarding the relationship between anthroposophically oriented spiritual science and psychoanalysis. But the psychoanalysts approach this world of spiritual science, so to speak, with spiritual blindfolds on; they cannot find their way into it. Yet this world is knocking at the door of what is meant to be revealed to people today.
[ 19 ] Da ist zum Beispiel in Zürich ein Professor Jung, der erst jüngst wieder eine Broschüre über Psychoanalyse geschrieben hat — er hat viele Schriften darüber verfaßt — und der manches Problem darin berührt; aber er zeigt damit gerade, daß er alles nur mit unzulänglichen Mitteln anpacken kann. Ich will eine Tatsache anführen, aus deren Erwähnung Sie gleich sehen werden, was ich meine. Jung führt ein Beispiel an, das überhaupt viel von den Psychoanalytikern angeführt wird.
[ 19 ] Take, for example, Professor Jung in Zurich, who has just recently written another pamphlet on psychoanalysis—he has authored many works on the subject—and who touches on a number of issues in it; but in doing so, he demonstrates precisely that he can only tackle everything with inadequate means. I would like to cite a fact from which you will immediately see what I mean. Jung cites an example that is frequently cited by psychoanalysts in general.
[ 20 ] Einer Frau passiert das Folgende. Sie ist eines Abends in einer Gesellschaft eingeladen, sie soll in einem Hause zum Abend bleiben. Die Dame des Hauses, wo sie eingeladen ist, soll gleich, nachdem das Abendessen verlaufen ist, in einen Badeort reisen, weil sie nicht ganz gesund ist. Das Abendbrot nimmt seinen Verlauf, die Dame des Hauses fährt ab, die Gäste gehen auch fort. Mit einem Trupp Gäste geht auch die eingeladene Dame, die ich meine. Die Leute gingen, wie man das ja zuweilen zu tun pflegt, wenn man abends aus einer Gesellschaft kommt, nicht auf dem sogenannten Bürgersteig, sondern sie gingen auf der Mitte der Straße. Da kommt auf einmal eine Droschke um eine Ecke gefahren. Die Leute wichen dem Wagen nach den Bürgersteigen hin aus, aber jene erwähnte Dame nicht. Sie lief mitten auf dem Fahrdamm weiter, gerade vor den Pferden vorweg. Der Kutscher schimpfte, aber sie lief immer in derselben Weise weiter, bis sie an eine Brücke kam, die über einen Fluß führte. Da beschloß sie, um dieser unangenehmen Situation zu entgehen, sich über die Brücke in den Fluß zu stürzen. Das tat sie, und sie konnte von den Leuten der Gesellschaft, die ihr nachgelaufen waren, gerade noch gerettet werden. Und weil es nun für die Gesellschaft das Nächstliegende war, wurde sie gerade wieder in das Haus der abgereisten Frau, wo sie herkamen, zurückgebracht. Sie fand dort den Gatten jener abgereisten Dame und konnte in seinem Hause mit ihm einige Stunden zubringen.
[ 20 ] The following happens to a woman. One evening, she is invited to a social gathering and is to stay for the night at someone’s home. The lady of the house where she is a guest is supposed to travel to a spa town right after dinner, because she is not in the best of health. Dinner proceeds as usual; the lady of the house leaves, and the guests also depart. The guest I am referring to leaves with a group of other guests. As people sometimes do when leaving a social gathering in the evening, they did not walk on the so-called sidewalk but in the middle of the street. Suddenly, a horse-drawn cab came round a corner. The people stepped aside toward the sidewalks to make way for the carriage, but the lady in question did not. She continued walking right in the middle of the road, right in front of the horses. The coachman cursed, but she kept walking in the same manner until she came to a bridge that crossed a river. There, to escape this unpleasant situation, she decided to throw herself off the bridge into the river. She did so, and was barely rescued by the members of the party who had run after her. And since it was the most obvious course of action for the group, she was taken straight back to the house of the woman who had left—the very place they had come from. There she found the husband of that departed lady and was able to spend a few hours with him in his home.
[ 21 ] Nun denken Sie sich, was ein Mensch mit unzulänglichen Mitteln alles aus einer solchen Begebenheit machen kann. Man findet dann, wenn man nach Art der Psychoanalytiker an die Sache herangeht, jene geheimnisvollen Provinzen in der Seele, die uns davon unterrichten, daß die Seele schon in ihrem siebenten Lebensjahre irgendein Erlebnis gehabt hat, das mit Pferden zusammenhängt, so daß die Frau auf jenem Fortgange aus der Gesellschaft, indem der Anblick der Droschkenpferde jenes frühere Erlebnis aus dem Unterbewußtsein herauftief, dadurch so perplex gemacht worden ist, daß sie nicht zur Seite sprang, sondern vor der Droschke davonlief. So wird für den Psychoanalytiker der ganze Vorgang ein Ergebnis des Zusammenhanges gegenwärtiger Erlebnisse mit «ungelösten Seelenrätseln» aus dem Gebiete der Erziehung und so weiter. Alles dies aber ist ein Verfolgen der Dinge mit unzulänglichen Mitteln, weil der betreffende Psychoanalytiker nicht weiß, daß dieses im Menschen waltende Unterbewußte wesenhafter ist, als er annimmt, daß es sogar auch viel raffinierter und viel gescheiter ist als das, was der Mensch aus seinem bewußten Verstande hat. Auch viel mutiger und viel kühner ist oft dieses Unterbewußtsein. Denn der Psychoanalytiker weiß nur nicht, daß ein Dämon in der Seele jener Frau saß, die weggegangen, ich könnte ebensogut sagen, schon hingegangen ist mit dem unterbewußten Gedanken, allein zu sein mit dem Manne, wenn die Frau abgereist sein wird. Das alles ist veranstaltet mit den raffiniertesten Mitteln des Unterbewußtseins, denn man tut alles viel sicherer, wenn man mit dem Bewußtsein nicht dabei ist. Die Dame lief einfach vor den Rossen einher, um abgefangen zu werden, wenn es so weit ist, und verhielt sich danach. Aber solche Dinge durchschaut der Psychoanalytiker nicht, weil er nicht voraussetzt, daß es überall eine geistig-seelische Welt gibt, zu der die Menschenseele in Beziehung steht. Aber Jung ahnt so etwas. Aus den zahlreichen Dingen, die ihm auftreten, ahnt er, daß die Menschenseele zu zahlreichen andern Seelen in einer Beziehung steht. Aber er muß doch Materialist sein, denn sonst wäre er doch kein gescheiter Mensch der Gegenwart. Was macht er also? Er sagt: Überall steht die Menschenseele — man sieht das an den Dingen, die mit der Menschenseele vorgehen — in Beziehung zu außerseelischen geistigen Tatsachen. — Diese gibt es aber doch nicht! Also wie hilft man sich da? Nun, die Seele hat eben einen Körper, der von andern Körpern abstammt, und diese wieder von andern; dann gibt es eine Vererbung, und Jung konstruiert sich zusammen, daß die Seele vererbungsgemäß alles das nachlebt, was man an Verhältnissen zum Beispiel zu den heidnischen Göttern erlebt hat. Das steckt noch in einem, dutch Vererbung steckt es in einem, und das werden «isolierte Seelenprovinzen», die erst heraufkatechisiert werden müssen, wenn man die Menschenseele davon befreien will. Er sieht es sogar ein, daß es der Menschenseele ein Bedürfnis ist, dazu eine Beziehung zu haben, und daß sie das Nervensystem ruinieren, wenn es nicht heraufgeholt wird ins Bewußtsein. Daher spricht er den Satz aus, der ganz berechtigt ist aus der modernen Weltanschauung heraus: Die Menschenseele kann nicht, ohne daß sie innerlich zugrunde geht, ohne Beziehung zu einem göttlichen Wesen sein. Dies ist ebenso sicher, wie es auf der andern Seite sicher ist, daß es ja ein göttliches Wesen gar nicht gibt. Die Frage nach der Beziehung des menschlichen Seelenwesens zum Gotte hat mit der Frage der Existenz Gottes nicht das geringste zu tun.
[ 21 ] Now just imagine what a person with limited resources can make of such an event. If one approaches the matter in the manner of psychoanalysts, one discovers those mysterious regions of the soul that reveal to us that, as early as the age of seven, the soul had some experience related to horses, so that the woman, on that outing from society, when the sight of the carriage horses brought that earlier experience up from the subconscious, was rendered so perplexed that she did not jump aside but ran away in front of the carriage. Thus, for the psychoanalyst, the entire episode becomes a result of the connection between present-day experiences and “unresolved psychological puzzles” stemming from one’s upbringing and so on. All of this, however, is an attempt to understand things with inadequate means, because the psychoanalyst in question does not know that this subconscious reigning within human beings is more essential than he assumes—that it is even far more sophisticated and far more intelligent than what a person possesses through his conscious mind. This subconscious is also often much braver and much bolder. For the psychoanalyst simply does not know that a demon dwelt in the soul of that woman who left—I might just as well say, has already departed—with the subconscious thought of being alone with the man once the woman has left. All of this is orchestrated by the most sophisticated mechanisms of the subconscious, for one acts with far greater confidence when the conscious mind is not present. The lady simply walked ahead of the horses so she could be intercepted when the time came, and she behaved accordingly. But the psychoanalyst does not see through such things, because he does not assume that there is a spiritual-psychic world everywhere with which the human soul is connected. But Jung senses something like this. From the many things that occur to him, he senses that the human soul is related to numerous other souls. But he must be a materialist after all, for otherwise he would not be a sensible person of the present day. So what does he do? He says: Everywhere, the human soul—as can be seen from the things that happen to the human soul—is related to spiritual realities outside the soul. — But those don’t exist! So how does one deal with that? Well, the soul simply has a body that descends from other bodies, and those in turn from others; thus there is heredity, and Jung constructs the idea that, through heredity, the soul relives everything that has been experienced in relationships—for example, with the pagan gods. This is still within us; through heredity, it is within us, and these become “isolated provinces of the soul” that must first be brought to the surface if one wishes to free the human soul from them. He even acknowledges that it is a necessity for the human soul to have a relationship with these, and that they ruin the nervous system if they are not brought up into consciousness. Therefore, he utters the statement, which is entirely justified from the perspective of the modern worldview: The human soul cannot exist without a relationship to a divine being without perishing inwardly. This is just as certain as it is certain, on the other hand, that a divine being does not exist at all. The question of the relationship between the human soul and God has not the slightest connection with the question of God’s existence.
[ 22 ] So steht es in seinem Buche. Also bedenken wir, was da eigentlich vorliegt: Es wird wissenschaftlich konstatiert, daß die Menschenseele sich ein Verhältnis zu Gott konstruieren muß, daß es aber ebenso sicher ist, daß es töricht wäre, einen Gott anzunehmen; also ist die Seele zu ihrer eigenen Gesundheit verurteilt, sich einen Gott vorzulügen. Lüge dir vor, daß es einen Gott gibt, sonst wirst du krank! das steht eigentlich in dem Buch.
[ 22 ] That is what it says in his book. So let’s consider what we actually have here: It is scientifically established that the human soul must construct a relationship with God, but that it is equally certain that it would be foolish to assume the existence of a God; thus, for its own well-being, the soul is condemned to lie to itself about God. Lie to yourself that there is a God, or else you’ll get sick! That’s actually what the book says.
[ 23 ] Man sieht aber daraus, daß die großen Rätselprobleme an die Pforten pochen, und daß sich die Gegenwart nur gegen diese Dinge stemmt. Würde man mutig genug sein, so würde auf Schritt und Tritt heute etwas ähnliches zutage treten. Man ist nur nicht mutig genug! Denn ich sage dies alles nicht, um dem Professor Jung etwas am Zeuge zu flicken, sondern weil ich glaube, daß er in seinem Denken schon mutiger ist als alle andern. Er sagt das, was er sagen muß nach den Voraussetzungen der Gegenwart. Die andern sagen es nicht, sie sind noch weniger mutig.
[ 23 ] But one can see from this that the great enigmatic problems are knocking at the door, and that the present is merely resisting these things. If one were brave enough, something similar would come to light at every turn today. It’s just that people aren’t brave enough! For I am not saying all this to patch up Professor Jung’s reputation, but because I believe that, in his thinking, he is already braver than all the others. He says what he must say given the circumstances of the present. The others do not say it; they are even less brave.
[ 24 ] Diese Dinge muß man alle bedenken, wenn man so recht ins Auge fassen will, was es eigentlich heißt, die Geisteswissenschaft kommt mit einer solchen Wahrheit wie dieser: Was im geschichtlichen Leben der Menschheit und folglich auch im Leben der politischen Impulse geschieht, das hat nichts zu tun mit dem gewöhnlichen Bewußtsein, kann nichts zu tun haben mit dem gewöhnlichen Bewußtsein; sondern wirklich verstanden und gehandhabt kann es nur werden, wenn das imaginative Bewußtsein eintreten kann. Man könnte auch mit Beziehung auf den charakteristischsten Vertreter der — wie ich in der letzten Zeit öfter sagte — antisozialen Geschichtsauffassung in der Politik sagen, daß der Wilsonianismus ersetzt werden muß durch ein imaginatives Erkennen der Wirklichkeit. Nur ist der Wilsonianismus sehr verbreitet, und manche Menschen sind Wilsonianer, ohne daß sie es ahnen. Es kommt nicht auf Namen an, sondern auf die Tatsachen, die unter den Menschen leben. Ich kann ja in gewisser Beziehung unbefangener über Wilson sprechen, weil ich immer betonen kann, daß ich in dem schon vor dem Kriege gehaltenen Zyklus in Helsingfors ein Urteil über Wilson abgegeben habe und nicht nötig hatte, durch Woodrow Wilson erst während des Krieges belehrt zu werden, wes Geistes Kind auf dem Throne von Amerika sitzt. — Man könnte aber recht gut nachweisen die lobhudelnden Stimmen, die es überall über Woodrow Wilson gegeben hat und die erst seit gar nicht so langer Zeit verklungen sind. Jetzt weiß man gar viel. Jetzt weiß man sogar, daß dieser Herr, der auf dem 'Throne von Amerika sitzt, zur Abfassung seiner wirksamsten republikanischen Urkunden sich alte Botschaften des seligen Kaisers Dom Pedro von Brasilien vom Jahre 1864 nimmt und die darin enthaltenen Sätze einfach abschreibt, nur daß er an den Stellen, wo Dom Pedro sagte: Ich muß für die Interessen Südamerikas eintreten —, jetzt dafür setzt: Ich muß für die Interessen der Vereinigten Staaten von Amerika eintreten — und so weiter, mit der gehörigen Umformung.
[ 24 ] One must take all these things into account if one truly wishes to grasp what it actually means when spiritual science presents a truth such as this: What happens in the historical life of humanity—and consequently also in the life of political impulses—has nothing to do with ordinary consciousness; it cannot have anything to do with ordinary consciousness. Rather, it can only be truly understood and dealt with when imaginative consciousness comes into play. One could also say, with regard to the most characteristic representative of the—as I have often said recently—anti-social view of history in politics, that Wilsonianism must be replaced by an imaginative understanding of reality. However, Wilsonianism is very widespread, and some people are Wilsonians without even realizing it. It is not names that matter, but the facts that exist among people. In a certain sense, I can speak more impartially about Wilson because I can always emphasize that I had already passed judgment on Wilson in the lecture series I gave in Helsinki before the war, and I did not need to be taught by Woodrow Wilson during the war what kind of person sits on the throne of America. — But one could quite easily point to the voices of adulation that were heard everywhere regarding Woodrow Wilson and that have only recently fallen silent. Now we know a great deal. Now we even know that this gentleman, who sits on the “throne of America,” draws upon old dispatches from the late Emperor Dom Pedro of Brazil dating from 1864 to draft his most effective Republican documents, simply copying the sentences contained therein—except that in the places where Dom Pedro said: “I must stand up for the interests of South America”—he now substitutes: “I must stand up for the interests of the United States of America”—and so on, with the necessary modifications.
[ 25 ] Als auch in unserem Territorium seinerzeit die beiden Bücher Wilsons «Die neue Freiheit» und «Nur Literatur» erschienen sind, da waren der lobhudelnden Stimmen nicht weniger; es ist noch nicht lange her, nur so fünf, sechs Jahre. Auf diesem Gebiete des Wilsonianismus haben ja die Menschen einiges gelernt. Aber mit Bezug auf viele andere Dinge wäre es schon notwendig, daß gelernt und gelernt würde von den so tief, tief einschneidenden Ereignissen der Gegenwart. Dazu ist allerdings notwendig, daß manche Dinge sehr ernst genommen würden, die gerade auf dem Grund und Boden der geisteswissenschaftlichen Erkenntnis nur erblühen können. Man klagt ja auch diese anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft sehr leicht an, daß sie theoretisch sei, und hält ihr vor, wie andere Richtungen unmittelbar zu Werke gehen, wie sie nicht die Menschen damit plagen, Weltenentwickelungen begreifen zu sollen, sondern wie sie den Menschen von Liebe sprechen, von allgemeiner Menschenliebe, was man lieben und wie man lieben soll. Nun, Jahrtausende ist in dieser Weise von der Liebe gesprochen worden, wie es auch jetzt wieder viele Leute haben wollen; trotzdem lebt sich die Liebe so aus, wie sie sich jetzt auslebt. Lassen Sie erst einmal eine viel kürzere Zeit Geisteswissenschaft die menschlichen Seelen ergreifen, dann werden Sie sehen, daß diese Geisteswissenschaft, wenn sie die menschlichen Seelen wirklich ergreift, in den menschlichen Herzen schon als Liebe aufgehen wird. Denn Liebe kann nicht gepredigt werden. Liebe kann allein wachsen, wenn sie richtig gepflegt wird. Aber dann wächst sie. Und sie ist ein Kind des Geistes. Sie ist auch beim Menschen ein Kind des wirklichen Erkennens, jenes Erkennens, das nicht auf die bloße Materie geht, sondern das auf den Geist geht.
[ 25 ] When Wilson’s two books, *The New Freedom* and *Merely Literature*, were published in our country at the time, there was no shortage of voices singing their praises; it wasn’t that long ago—only about five or six years. People have certainly learned a thing or two in this realm of Wilsonianism. But with regard to many other matters, it would indeed be necessary to learn—and to keep learning—from the deeply, profoundly transformative events of the present. For this, however, it is essential that certain things be taken very seriously—things that can flourish only on the fertile ground of spiritual scientific knowledge. People are, after all, very quick to accuse this anthroposophically oriented spiritual science of being theoretical, and they hold it up against her that other movements get straight to work, that they do not burden people with the need to understand the development of the worlds, but rather speak to people about love, about universal love for humanity—what one should love and how one should love. Well, for millennia, love has been spoken of in this way, just as many people want it to be again today; yet love expresses itself just as it does now. Let spiritual science first take hold of human souls for a much shorter time, and then you will see that this spiritual science, if it truly takes hold of human souls, will already blossom as love in human hearts. For love cannot be preached. Love can grow only if it is properly nurtured. But then it does grow. And it is a child of the spirit. In human beings, too, it is a child of true knowledge—that knowledge which does not focus on mere matter, but on the spirit.
[ 26 ] Damit habe ich heute in einem einleitenden Vortrage nichts anderes tun wollen, als auf einige Empfindungen hinzudeuten, die uns gerade in dieser Zeit vielleicht bedeutsam sein werden. Aber ich habe angedeutet, wie ich es in den nächsten Zweigvorträgen hier halten will. Ich habe gerade alles das zu besprechen, was in der Menschenseele heute Kraft und Mut und Hoffnung erwecken kann. Ich möchte von alledem sprechen, was Geisteswissenschaft anderes der Menschheit geben kann, als was ihr Jahrhunderte gegeben haben, und ich möchte von der Geisteswissenschaft als von etwas Lebendigem sprechen, das in uns nicht Theorie ist, sondern das in uns einen zweiten, einen . geistigen Menschen gebiert, der den andern trägt und hält in der Welt. Und das glaube ich vor allen Dingen, daß es die Gegenwart braucht. Es gab im Mittelalter eine Zeit, Sie kennen sie alle, wo viele Menschen den manchmal sehr phantastischen Drang hatten, Gold zu machen. Warum wollten sie Gold machen? Sie wollten damit etwas, was sich unter den gewöhnlichen irdischen Verhältnissen nicht realisieren läßt. Warum? Weil sie einsahen, daß die gewöhnlichen irdischen Verhältnisse, ohne durchgeistigt zu sein, ohne von den geistigen Impulsen durchzogen zu sein, den Menschen nicht eine wahre Befriedigung geben können. Das ist ja schließlich auch der Inhalt der Lehre des Evangeliums. Nur sehen die Menschen gewöhnlich an dem Wichtigsten vorbei, sie kritisieren die Anschauung der Evangelien, daß das Reich Gottes herabgekommen ist. Ja, aber ist es nicht da? Es ist da! Es ist nur nicht in den äußeren Gebärden. Es muß innerlich ergriffen werden. Es muß nur nicht verleugnet werden, wie es in unserer Zeit verleugnet wird. Und auch von diesem Herabkommen des Reiches des Geistes wollen wir in der nächsten Zeit sprechen.
[ 26 ] In today’s introductory lecture, my sole intention was to point out a few insights that may be significant for us, especially at this time. But I have also indicated how I intend to proceed in the upcoming series of lectures here. I intend to discuss everything that can awaken strength, courage, and hope in the human soul today. I would like to speak of all that spiritual science can offer humanity beyond what centuries have already given it, and I would like to speak of spiritual science as something living—not a mere theory within us, but something that gives birth within us to a second, spiritual human being who sustains and upholds the other in the world. And I believe, above all else, that this is what the present moment needs. There was a time in the Middle Ages—you are all familiar with it—when many people felt the sometimes very fanciful urge to make gold. Why did they want to make gold? They wanted to achieve something that cannot be realized under ordinary earthly conditions. Why? Because they realized that ordinary earthly conditions—without being spiritualized, without being permeated by spiritual impulses—cannot give human beings true satisfaction. After all, that is also the essence of the Gospel’s teaching. But people usually overlook what is most important; they criticize the Gospel’s view that the Kingdom of God has come down. Yes, but isn’t it there? It is there! It is simply not found in outward gestures. It must be grasped inwardly. It must not be denied, as it is denied in our time. And we will also speak about this descent of the Kingdom of the Spirit in the coming days.
[ 27 ] So wollte ich heute nur, ich möchte sagen, einen Grundton anschlagen. Unsere Zeit ist auch darauf angewiesen — die Zahl derjenigen, die jetzt durch die Todespforte gegangen sind, zählt ja nach Millionen —, die Brücke zu bauen zu dem Reich, in welchem die Toten leben. Sie leben unter uns, und wir können sie finden. Wie wir sie finden können, auch davon wollen wir wieder in einer erneuerten Weise sprechen.
[ 27 ] So today I just wanted—I’d like to say—to set the tone. Our time also depends on this—after all, the number of those who have now passed through the gates of death runs into the millions—on building a bridge to the realm in which the dead live. They live among us, and we can find them. We also want to speak anew about how we can find them.
