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Earth-Death and Universal-Life
Anthroposophical Life-Gifts
Essential Aspects of Consciousness for the Present and the Future
GA 181

29 January 1918, Berlin

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Erdensterben und Weltenleben II

Earth-Death and Universal-Life II

[ 1 ] Es ist öfter im Zusammenhange unserer Betrachtungen aufmerksam gemacht worden auf den durch die Zeiten leuchtenden, an dem griechischen Apollotempel stehenden Spruch «Erkenne dich selbst!». Vieles, unendlich vieles von Aufforderung, nach Menschenweisheit und damit nach Weltenweisheit zu streben, liegt in diesem Spruch. Der Spruch hat allerdings eine bedeutsame Erneuerung, eine Vertiefung erfahren durch den Impuls, den das Mysterium von Golgatha gegeben hat. Von allen diesen Dingen werden wir vielleicht, wenn die Zeiten es gestatten, im Verlaufe dieses Winters noch zu sprechen haben. Wir werden versuchen, den Weg zu finden gerade zu solchen Zielen, die damit angedeutet sind.

[ 1 ] In the course of our reflections, attention has often been drawn to the maxim “Know thyself!”—which has shone through the ages and is inscribed on the Greek Temple of Apollo. This maxim contains much—indeed, an infinite amount—of the call to strive for human wisdom and, thereby, for worldly wisdom. However, the maxim has undergone a significant renewal and deepening through the impulse provided by the Mystery of Golgotha. We may yet have the opportunity, if circumstances permit, to speak of all these things in the course of this winter. We will endeavor to find the path leading precisely to the goals implied by this maxim.

[ 2 ] Da möchte ich denn heute ausgehen von einer scheinbar äußerlichen Betrachtung des Menschen, also gewissermaßen von einer äußerlichen Form der menschlichen Selbsterkenntnis, die aber nur scheinbar eine äußerliche ist, die trotzdem eine erste, gewichtige Kraft ist, wenn man sich ihrer bemächtigt, um auch in das innere Wesen des Menschen einzudringen. Ich möchte ausgehen, aber eigentlich doch nur scheinbar ausgehen von der äußeren menschlichen Gestalt.

[ 2 ] Today, I would like to begin with what appears to be an external observation of the human being—that is, in a sense, an external form of human self-knowledge—which, however, is only seemingly external, yet remains a primary and significant force when one makes use of it to penetrate the inner essence of the human being. I would like to begin—though in reality only seemingly so—with the external human form.

[ 3 ] Eine Betrachtung dieser äußeren menschlichen Gestalt findet man heute in dem, was als Wissenschaft anerkannt ist, eigentlich nur mehr in einem Sinne, der für eine höhere Geistbetrachtung ziemlich unbefriedigend ist. Man darf schon sagen: Wer heute den Menschen als Menschen erkennen will, findet wenig Anregung zu solcher Menschenerkenntnis in der Wissenschaft, allerdings in der Wissenschaft, so wie sie eben in der Gegenwart getrieben wird. Denn, was diese Wissenschaft schon hervorgebracht hat, was vorliegt, das können Sie wiederum aus den verschiedenen Andeutungen meines letzten Buches «Von Seelenrätseln» ersehen. Dieses Buch gibt wichtige, bedeutungsvolle Bausteine zu einer weitausblickenden Erkenntnis des menschlichen Wesens. Aber diese Bausteine werden eben gegenwärtig nicht gesucht. Und was heute Anatomie, Physiologie und so weiter bieten, gibt sehr wenig dem Fragenden, der ernsthaft in das Wesen des Menschen aus einer Erkenntnis der äußeren physischen Menschengestalt eindringen will. Da gibt heute im Grunde genommen viel mehr dasjenige, was künstlerische Betrachtungsweise ist. Man darf schon sagen: Vieles läßt heute die Wissenschaft unbefriedigt. Und wenn jemand sich nur entschließen kann, im Goetheschen Sinne auch in der Kunst, namentlich in der künstlerischen Betrachtung der Welt wirkliche, substantielle Wahrheit zu suchen, so findet er vielleicht heute mehr Wahrheit auf diese Weise, als bei dem, was anerkannte Wissenschaft ist. Es wird in der Zukunft eine Weltanschauung geben, welche gerade die aus der Geisteswissenschaft hervorgegangene sein wird, so wenig man das heute noch durchschauen kann. Eine Weltanschaung wird es geben, die aus einem gewissen menschlichen Erkenntnisbedürfnis wissenschaftliches Empfinden der Welt und künstlerisches Empfinden der Welt in einer höheren Synthese und Harmonie vereinigen wird. Darin wird dann viel mehr Hellsehen sein als in jenem Hellsehen, von dem heute mancher Mensch träumt, aber eben nur träumt.

[ 3 ] Today, in what is recognized as science, one finds a consideration of this outer human form only in a sense that is quite unsatisfactory for a higher spiritual contemplation. It is fair to say that anyone who wishes to recognize the human being as a human being today finds little inspiration for such an understanding of humanity in science—at least in science as it is currently practiced. For what this science has already produced, what is currently available, you can see from the various hints in my latest book, *On the Mysteries of the Soul*. This book provides important, meaningful building blocks for a far-reaching understanding of the human being. But these building blocks are simply not being sought after at present. And what anatomy, physiology, and so on offer today provides very little to the inquirer who seriously wishes to penetrate the essence of the human being through an understanding of the outer physical form of the human being. In fact, what the artistic approach offers is far more substantial today. It is fair to say that science today leaves much unsatisfied. And if one can only resolve, in the spirit of Goethe, to seek real, substantial truth in art—namely, in the artistic contemplation of the world—then one might find more truth in this way today than in what is recognized as science. In the future, there will be a worldview that will emerge precisely from spiritual science, even if we cannot yet fully grasp this today. There will be a worldview that, arising from a certain human need for knowledge, will unite the scientific perception of the world and the artistic perception of the world in a higher synthesis and harmony. In this, there will be far more clairvoyance than in the kind of clairvoyance that many people dream of today—but which is, after all, only a dream.

[ 4 ] Wenn wir an die menschliche Gestalt herantreten, so können wir zunächst etwas Wichtiges an ihr wahrnehmen, wenn wir unseren Blick richten — was Sie gewiß mehr oder weniger alle schon getan haben auf diesen Grundstock der menschlichen Gestalt, der uns im Skelett entgegentritt. Sie alle haben gewiß schon ein menschliches Skelett gesehen und die Differenzierung bemerkt, welche zwischen dem Kopfteil und der übrigen Menschengestalt besteht. Sie werden dabei bemerkt haben, daß der Kopf, das Haupt, in einer gewissen Weise eine abgeschlossene Ganzheit ist, die eigentlich wie auf einer Säule auf alledem aufsitzt, was das Gliedsystem, was den übrigen menschlichen Organismus ausmacht. Man kann sehr leicht beim Skelett den auf dem übrigen menschlichen Organismus ruhenden Kopf abheben. Wenn Sie in dieser Weise die oberflächlichste Differenzierung ins Auge fas‚sen, kann Ihnen auffallen, daß der Kopf, das Haupt, eigentlich mehr oder weniger annähernd kugelförmig gestaltet ist; es ist keine vollkommene Kugelform, aber es ist die Kugelform veranlagt im menschlichen Haupt. Nun muß man als geisteswissenschaftlicher Forscher sogar davor warnen, äußere oberflächliche Analogien einer Erkenntnisbestrebung zugrunde zu legen. Aber die Anschauung des menschlichen Hauptes als der Kugelform sich annähernd ist keine oberflächliche Betrachtung der Form des menschlichen Hauptes; denn der Mensch ist wirklich eine Art Zweiheit zunächst, und die Kugelgestalt seines Hauptes ist keineswegs etwas Zufälliges. Man muß nur ins Auge fassen, was man eigentlich an dem menschlichen Haupt vor sich hat. Erste Andeutungen zu dem, was ich hier meine, wurden gegeben innerhalb unserer geisteswissenschaftlichen Betrachtungen in der Schrift, die ich benannt habe «Die geistige Führung des Menschen und der Menschheit», worin ich schon angedeutet habe, wie in der Tat das menschliche Haupt ein Abbild darstellt des ganzen Universums, des gerade uns äußerlich als Raumkugel, als Hohlkugel entgegentretenden Universums.

[ 4 ] When we approach the human form, we can first perceive something important about it as we direct our gaze—as I’m sure more or less all of you have already done—toward this foundation of the human form, which we encounter in the skeleton. You have all certainly seen a human skeleton before and noticed the distinction that exists between the head and the rest of the human form. You will have observed that the head, in a certain sense, is a self-contained whole that actually rests, as if on a pillar, upon everything that constitutes the limb system—that is, the rest of the human organism. It is very easy to distinguish the head, resting upon the rest of the human organism, from the skeleton. If you consider the most superficial distinction in this way, you may notice that the head is, in fact, shaped more or less approximately like a sphere; it is not a perfect sphere, but the spherical form is inherent in the human head. Now, as a researcher in the spiritual sciences, one must even warn against basing an endeavor toward knowledge on external, superficial analogies. But viewing the human head as approximating a spherical shape is not a superficial observation of the head’s form; for the human being is, in the first instance, truly a kind of duality, and the spherical shape of the head is by no means a matter of chance. One need only consider what one actually has before one’s eyes in the human head. Initial hints as to what I mean here were given within our spiritual scientific considerations in the work I have titled *The Spiritual Guidance of the Individual and of Humanity*, in which I have already indicated how, in fact, the human head represents an image of the entire universe—the universe that appears to us externally as a spatial sphere, as a hollow sphere.

[ 5 ] Wenn man diese Dinge bespricht, muß man auf etwas aufmerksam machen, was dem heutigen Menschen für die wichtigste Art der Betrachtung noch fern liegt, was er auf einem Gebiete immer anwendet, was er aber gerade da nicht anwenden will, wo es von ungeheurer Tragweite ist. Niemandem, der einen Kompaß, eine Magnetnadel in die Hand nimmt, und wenn diese Magnetnadel mit einem Ende nach dem magnetischen Nordpol, mit dem andern nach dem magnetischen Südpol gerichtet ist, wird es heute einfallen, die Ursachen dafür, daß diese Magnetnadel sich gerade so richtet, bloß in der Magnetnadel selbst zu suchen; sondern der Physiker wird sich gedrängt fühlen, die Magnetnadel und die von dem magnetischen Nordpol der Erde ausgehende magnetische Kraft als ein Ganzes anzusehen, indem diese magnetische Kraft das eine Ende der Nadel nach dem Nordpol richtet und das andere nach dem Südpol. Da sucht man die Veranlassung zu dem, was in der Magnetnadel im kleinsten Raume geschieht, in dem großen Universum. Dasselbe macht man jedoch nicht, wo man es auch machen sollte, wo es aber sehr darauf ankommen würde, daß man es machte. Wenn jemand heute wahrnimmt — und zwar gerade als Wissenschafter —, daß sich in einem Lebewesen ein anderes Lebewesen bildet, also zum Beispiel, wenn jemand wahrnimmt, daß sich im Huhn das Ei bildet, so geschieht auch etwas im kleinsten Raume; da aber fällt es dem Menschen gewöhnlich nicht ein, das, was er sich bei der Magnetnadel sagen muß, jetzt auch anzuwenden und zu sagen: Es liegt nicht im Huhn, sondern im ganzen Kosmos, daß sich im Huhnkörper der Eikeim bildet. — Gerade so aber, wie an der Magnetnadel das große Universum beteiligt ist, so ist im Huhnkörper, im Mutterhuhn — trotz aller Vorgänge, die daran mitbeteiligt sind — der ganze Kosmos in seiner Sphärengestalt, in seiner Kugelgestalt beteiligt. Diejenigen Vorgänge, die in der Vererbungslinie zurückführen zu den Vorfahren, wirken bloß mit, wenn sich im Mutterorganismus der Eikeim bildet. Das ist heute noch eine Ketzerei gegenüber der offiziellen Wissenschaft, aber doch eine Wahrheit. Und in der verschiedensten Weise wirken die Kräfte des Kosmos mit. Und so wahr es ist, daß sich in der Tat beim Menschen — das, was ich sage, beweist die empirische Embryologie — das Haupt, in seiner Keimanlage zunächst, aus dem ganzen Universum herausbildet, so wahr es ist, daß das menschliche Haupt zuerst im Mutterorganismus entsteht, so wahr ist es auf der andern Seite, daß die ursächlichsten Kräfte zu dieser Entstehung aus dem ganzen Kosmos heraus wirken und daß der Mensch in seinem Haupte ein Abbild ist des ganzen Kosmos. Nur das, was am Haupte hängt, das Skelett, kann man sagen — wenn man es nur besonders beachtet —, das ist eigentlich in seiner Konfiguration, in seiner Formung mehr zusammenhängend mit dem, was in der Vererbungslinie liegt, was mit Vater und Mutter, Großvater und Großmutter zusammenhängt, als mit dem, was im Kosmos draußen ist. So ist auch in bezug auf seine Entstehung, in bezug auf seine Entwickelung der Mensch ein Doppelwesen, zunächst. Er ist seiner Gestalt nach auf der einen Seite aus dem Kosmos herausgebildet, und das kommt in der Kugelgestalt seines Hauptes zum Vorschein; er ist auf der andern Seite herausgebildet aus der ganzen Vererbungsströmung, und das kommt in dem ganzen übrigen Organismus, der ani Kopfe hängt, zum Vorschein. Die ganze äußere Formung des Menschen zeigt ihn uns als ein Zwitterwesen, zeigt uns, daß er einen doppelten Ursprung hat.

[ 5 ] When discussing these matters, one must draw attention to something that is still far removed from the way people today tend to think—something they always apply in one area, yet refuse to apply precisely where it has immense significance. No one who picks up a compass—a magnetic needle—and sees that one end of this magnetic needle points toward the magnetic North Pole and the other toward the magnetic South Pole would today think to look for the reasons why the needle aligns in precisely this way solely within the magnetic needle itself; rather, the physicist will feel compelled to view the magnetic needle and the magnetic force emanating from the Earth’s magnetic North Pole as a single entity, since this magnetic force directs one end of the needle toward the North Pole and the other toward the South Pole. Thus, one seeks the cause of what happens within the magnetic needle—in the tiniest of spaces—in the vast universe. Yet one does not do the same thing in a context where one ought to do so—and where it would be of the utmost importance to do so. If someone today observes—and specifically as a scientist—that one living being is forming within another living being, for example, if someone observes that an egg is forming inside a chicken, then something is also happening within the tiniest space; yet it usually does not occur to people to apply the same reasoning they use for the magnetic needle and say: It is not within the chicken, but within the entire cosmos, that the egg germ forms within the chicken’s body. — Just as the great universe is involved in the magnetic needle, so too is the entire cosmos, in its spherical form, involved in the chicken’s body—in the mother hen—despite all the processes that are also at work there. The processes that trace back through the hereditary line to the ancestors merely play a part when the germ cell forms in the mother’s organism. This is still considered heresy by official science today, but it is nonetheless the truth. And the forces of the cosmos are at work in the most diverse ways. And just as it is true that in human beings—as empirical embryology proves—the head, initially in its embryonic form, develops out of the entire universe, just as it is true that the human head first arises within the mother’s organism, so it is equally true, on the other hand, that the most fundamental forces underlying this formation act from the entire cosmos, and that the human being is, in his head, a reflection of the entire cosmos. Only what is attached to the head—the skeleton, one might say—if one considers it closely, is in its configuration and form more closely connected to what lies in the hereditary line—that which is related to the father and mother, grandfather and grandmother—than to what exists in the cosmos outside. Thus, with regard to his origin and development, the human being is, at first, a dual being. In terms of his form, on the one hand, he is shaped out of the cosmos, and this is revealed in the spherical shape of his head; on the other hand, he is shaped out of the entire stream of heredity, and this is revealed in the rest of the organism attached to the head. The entire external form of the human being reveals him to us as a hybrid being, showing us that he has a dual origin.

[ 6 ] Eine solche Betrachtungsweise hat nicht nur die Bedeutung, daß wir durch sie etwas wissen lernen, sondern noch eine ganz andere. Wer heute nach der Anleitung der gewöhnlichen offiziellen Wissenschaft den Menschen betrachtet, wer zum Beispiel ins Mikroskop hineinschaut und den Keim sich entwickeln sieht, und nur das sieht, was dadrinnen ist — so wie man an der Magnetnadel etwa sehen wollte, warum diese die Fähigkeit hat, sich so in der Richtung von Nord nach Süd einzustellen —, der lebt in einem Gedankenmassiv, das ihn unbeweglich macht und unbrauchbar für das äußere Leben, besonders wenn man so vorgeht wie in der äußeren Wissenschaft. Und wendet man solche Gedanken auf die Sozialwissenschaft an, so genügen sie nicht, oder sie führen zur Weltenschulmeisterei, die man mit einem andern Worte auch «Wilsonianismus» nennen kann. Es handelt sich also darum, welches Denken in uns herangezogen wird, welche Formen in unseren Gedanken entstehen, indem wir uns gewissen Gedanken hingeben. Zu wissen über die Dinge, ist das, was noch die geringere Bedeutung hat. Was in uns die bestimmte Art des Wissens macht, welche Brauchbarkeit sie mit sich bringt, das ist es, worauf es ankommt. Und wenn man einen offenen Sinn dafür hat, den Menschen in Zusammenhang mit dem Weltenganzen anzuschauen, dann werden in uns auch diejenigen Gedanken erweckt, welche in die ethische Weltbetrachtung, in die juristische Weltbetrachtung hineinführen, die in Wirklichkeit die höchste sein soll, die aber heute eben etwas ganz Sonderbares ist. Sie sehen also, es gibt gewisse andere Impulse noch, um ein solches Wissen, wie es hier gemeint ist, aufzusuchen, als die Befriedigung, ich will nicht sagen, der Neugier, sondern der bloßen Wißbegierde.

[ 6 ] Such a way of looking at things is significant not only because it enables us to learn something, but also for an entirely different reason. Anyone who today observes human beings according to the guidelines of conventional official science—who, for example, looks through a microscope and watches a germ develop, seeing only what is inside it — just as one might try to see, for example, from a magnetic needle why it has the ability to align itself in the direction from north to south — lives within a mass of thought that renders them immobile and useless for external life, especially when proceeding as is done in external science. And if one applies such thoughts to the social sciences, they are insufficient, or they lead to a kind of global schoolmasterly attitude, which, in other words, can also be called “Wilsonianism.” The question, then, is what kind of thinking is cultivated within us, what forms arise in our thoughts as we devote ourselves to certain ideas. Knowing about things is what is of lesser importance. What shapes a particular kind of knowledge within us, and what practical value it brings—that is what matters. And if one has an open mind for viewing human beings in connection with the whole of the world, then those thoughts are also awakened within us that lead to an ethical view of the world, to a legal view of the world—which in reality should be the highest, but which today is something quite peculiar. So you see, there are certain other impulses for seeking the kind of knowledge meant here, beyond the satisfaction—I won’t say of curiosity, but of mere thirst for knowledge.

[ 7 ] So steht der Mensch vor uns als ein Doppelwesen, als ein Zwitterwesen. Das hat eine viel tiefere Bedeutung noch. Und ich möchte heute nur die Grundtöne anschlagen, die uns beschäftigen sollen, um in Ihren Seelen ein Gefühl von der Wichtigkeit dessen, was wir betrachten, hervorzurufen.

[ 7 ] Thus, the human being stands before us as a dual being, as a hybrid. This has an even deeper meaning. And today I would like only to set the tone for the topics we will be exploring, in order to awaken in your souls a sense of the importance of what we are considering.

[ 8 ] Bleiben wir dabei stehen, daß das Haupt im weiteren Verlaufe unseres Lebens — das Haupt, das uns jetzt entgegentritt als ein Abbild der ganzen Welt — im wesentlichen der Vermittler ist für unser Erkennen, ich will nicht sagen das Werkzeug, denn ich würde damit etwas nicht ganz Richtiges aussprechen. Aber nicht das Haupt allein ist der Vermittler für unser Erkennen — bleiben wir beim Erkennen, beim Wahrnehmen der Welt —, das Haupt vermittelt es, aber auch der übrige Mensch. Und da der übrige Mensch, sogar seinem Ursprunge nach, von dem Haupte ganz verschieden ist, etwas anderes ist, so besteht der Mensch, auch insofern er Erkennender ist, aus dem Kopfmenschen und — ich nenne ihn so, wie ich ihn schon früher genannt habe — dem Herzensmenschen, weil sich im Herzen das andere alles konzentriert. Wir sind in der Tat zwei Menschen: ein Kopfmensch, der wahrnehmend zu der Welt in Beziehung steht, und ein Herzensmensch. Der Unterschied ist der, daß der Mensch, so sehr er manchmal auf die Welt schimpft, lediglich seinen Kopf benutzt zur Erkenntnis. Was liegt dem eigentlich zugrunde? Wenn man Parallelen ziehen würde zwischen der Kopferkenntnis und der Herzenserkenntnis, so würde nicht viel dabei herauskommen. Es würde der, welcher mit dem Herzen zu erfassen vermag, was der Kopf erkennt, wärmer sein in seiner Erkenntnis als der andere. Es würde eine Differenzierung unter den Menschen geben, aber der Unterschied würde nicht sehr groß sein. Wenn man aber nun mit der geisteswissenschaftlichen Erfahrung an die Dinge herantritt, so stellt sich etwas ganz ‚ anderes heraus. Erkenntnisse, Wahrnehmungen eignet man sich ja an. Nach und nach geschieht es, daß die Wahrnehmungen, die Erkenntnisse an uns herankommen. So ist denn das Folgende der Fall. Wie wir uns mit dem Kopfe zur Welt verhalten, wie wir da wahrnehmen und erkennen, das geschieht in einer gewissen Beziehung schnell; und wie wir uns mit dem übrigen Organismus zur Welt erkennend verhalten, das geschieht langsam. Zu all dem übrigen an Differenzierungen, was ich schon im vorigen Winter in bezug auf die Entwickelung der Welt und der Menschen angeführt habe, kommt noch hinzu, daß unser Kopf mit seinem Erkennen eilt, der übrige Organismus nicht eilt. Das hat eine ungeheuer tiefe Bedeutung. Wenn wir schulmäßig erzogen werden, sieht man eigentlich nur auf die Kopferziehung. Die Menschen werden heute nur für den Kopf erzogen; das können sie schulmäßig machen. Denn der Kopf schließt im äußersten Falle, wenn er sich lange an der Erkenntnisentwickelung beteiligt aber bei den meisten Menschen geht es nicht so weit —, in den Zwanzigerjahren des Lebens ab. Dann ist der Kopf fertig mit seinem Erkennen, mit seinem Aneignen der Welt. Der übrige Organismus braucht dafür die ganze Zeit bis zum Tode. Und man kann schon sagen: Der Kopf geht in dieser Beziehung ungefähr dreimal so schnell wie der übrige Organismus; der übrige Organismus hat Zeit, er geht dreimal langsamer, er macht ein ganz anderes Tempo. Daher ist es für den, der die Gabe hat, solche Dinge durch Erkenntnis zu beobachten, klar, daß er, wenn er irgend etwas ergriffen hat durch den Kopf, warten muß, bis er es mit dem ganzen Menschen vereinigt hat. Um etwas als etwas Lebensvolles aufzunehmen, muß man wirklich, wenn das Aufnehmen durch den Kopf etwa einen Tag gedauert hat, drei bis vier Tage warten, bis man es voll aufgenommen hat. Der gewissenhafte Geistesforscher wird nie das erzählen, was er nur mit dem Kopfe aufgenommen hat, sondern nur das, was er mit seinem ganzen Menschen begriffen hat. Das hat eine außerordentliche, weit- und tiefgehende Bedeutung.

[ 8 ] Let us agree that, as our lives unfold—the head that now confronts us as a reflection of the entire world—is essentially the mediator of our cognition; I do not wish to call it a tool, for that would not be entirely accurate. But it is not the head alone that serves as the mediator of our cognition—let us stick with cognition, with the perception of the world—the head mediates it, but so does the rest of the human being. And since the rest of the human being, even in terms of its origin, is quite different from the head—is something else entirely—the human being, even insofar as it is a knowing being, consists of the head-human and—I call it what I have called it before—the heart-human, because everything else is concentrated in the heart. We are, in fact, two human beings: a head-person, who relates to the world through perception, and a heart-person. The difference is that human beings, no matter how much they sometimes rail against the world, use only their heads for cognition. What actually underlies this? If one were to draw parallels between head-cognition and heart-cognition, not much would come of it. The one who is able to grasp with the heart what the head recognizes would have a warmer understanding than the other. There would be a distinction among people, but the difference would not be very great. But if one approaches things through the experience of spiritual science, something quite different emerges. After all, we acquire insights and perceptions. Gradually, perceptions and insights come to us. Thus, the following is the case: How we relate to the world with our minds—how we perceive and recognize there—happens relatively quickly; and how we relate to the world through the rest of our organism in a cognitive sense happens slowly. In addition to all the other distinctions I already mentioned last winter regarding the development of the world and of human beings, there is also the fact that our head, with its cognition, moves quickly, while the rest of the organism does not. This has an immensely profound significance. When we are educated in the conventional school system, the focus is really only on the education of the head. People today are educated solely for the head; that is what the school system can do. For the head, in the extreme case—if it has long been engaged in the development of cognition, though for most people it does not go that far—reaches its limit in one’s twenties. By then, the head is finished with its cognition, with its assimilation of the world. The rest of the organism, however, needs the entire time until death to accomplish this. And one can certainly say: In this respect, the head moves about three times as fast as the rest of the organism; the rest of the organism has time—it moves three times slower, at a completely different pace. Therefore, it is clear to anyone who has the gift of observing such things through insight that, once they have grasped something with the head, they must wait until they have united it with the whole human being. To take something in as something alive, one must truly—if the process of taking it in through the mind has taken about a day—wait three to four days until it has been fully assimilated. The conscientious researcher of the spiritual realm will never recount what he has taken in solely with his mind, but only what he has grasped with his whole being. This has an extraordinary, far-reaching, and profound significance.

[ 9 ] Wir können heute eigentlich unseren Kindern nach den bestehenden Einrichtungen nur eine Art von Kopfwissen geben, wir geben ihnen nicht ein Wissen, das der übrige Organismus verträgt. Es bleibt beim Kopfwissen, bei einem Wissen, das schon so präpariert ist, daß es schnell aufgenommen werden muß durch den Kopf, und daß man sich später daran erinnern kann. Zwar bei Gegenständen, wo es sich um den Unterricht handelt, erinnert man sich später nicht mehr daran, da ist man froh, wenn man die Dinge nur bald nach dem letzten Examen wieder weg hat. Ein Wissen, das ganz von dem übrigen Organismus verarbeitet werden kann, es würde unter allen Umständen später, wenn man sich wieder daran erinnerte, Liebe, Freude, Herzlichkeit dafür entwickeln. Mit den tiefsten Geheimnissen der Mysterien der Menschheit hängt es zusammen, wie man den Unterricht gestalten soll, damit der Mensch später zeitlebens, wenn er auf seine Unterrichtszeit zurücksieht, sich mit Herzlichkeit, mit Freude, mit einer gewissen Beseligung danach zurücksehnen kann.

[ 9 ] Given the existing educational system, we can really only provide our children with a certain kind of intellectual knowledge today; we do not give them knowledge that the rest of their being can assimilate. It remains mere intellectual knowledge—knowledge that is already prepared in such a way that it must be quickly absorbed by the mind so that it can be recalled later. Admittedly, when it comes to subjects taught in school, one no longer remembers them later; in fact, one is glad to have them out of the way soon after the final exam. Knowledge that can be fully processed by the rest of the organism would, under all circumstances, later—when one recalls it—inspire love, joy, and warmth. How one should structure instruction is connected to the deepest secrets of humanity’s mysteries, so that later in life, when a person looks back on their time in school, they can yearn for it with warmth, joy, and a certain sense of bliss.

[ 10 ] Auf diesem Gebiete ist ungeheuer viel zu tun. Denn wer mit den einschlägigen Dingen bekannt ist, der weiß, daß alles, was wir heute insbesondere an Kinder heranbringen, schon von vorneherein so präpariert ist, daß der übrige Organismus es nicht annimmt, daß es später keine Freude macht. Damit hängt aber zusammen, daß die Menschen in unserer Zeit verhältnismäßig früh seelisch altern. Denn das ist ja das Geheimnis des Menschen: Wenn der Kopf zum Beispiel achtundzwanzig Jahre ist, so ist der übrige Organismus, der in seiner Entwickelung nachläuft, erst ein Drittel oder ein Viertel dieser Zeit. Der übrige Organismus hält ein Tempo ein, das dreimal, viermal langsamer ist. Andere Beziehungen werden wir noch kennenlernen. Also der Mensch könnte, wenn man pädagogisch diesen Mysterien entgegenkommen würde, etwas aufnehmen, was so fruchtbar, so gedeihlich ist, daß es ausreichen würde bis zu der Zeit, wo er stirbt. Denn, wenn er bis zum fünfundzwanzigsten Jahre solche Dinge aufgenommen hat und für sie nur dreimal längere Zeit zum Verarbeiten braucht, so würde sie der übrige Organismus bis zum fünfundsiebzigsten Jahre verarbeiten können. Für den Menschen aber in seiner gesamten Wesenheit hat das Wissen, das sich der Kopf aneignet, nicht eine umfassende Bedeutung, sondern nur dasjenige innerlich wissentliche Erleben, das sich der ganze Mensch in seiner ganzen Wesenheit aneignet. Aber demgegenüber ist sogar heute das öffentliche Leben abgeneigt; es will nur das aufnehmen, was Kopfweisheit ist. Denn denken Sie einmal — Sie können sich an den Fingern herzählen die ganze Bedeutung dessen, was ich jetzt meine: Jemand könnte bis zu seinem fünfzehnten Jahre so viel mit dem Kopfe aufnehmen, daß er, wenn er diese Begriffe verarbeitete und wenn diese Begriffe sich zum Beispiel auf die Verwaltung der öffentlichen Angelegenheiten beziehen würden, er mit fünfundvierzig Jahren reif sein würde, in eine Stadtverwaltung, in ein Parlament gewählt zu werden; denn da muß er sich als ein ganzer Mensch hineinstellen. Denn man muß sagen: Wenn man dem Menschen bis zum fünfzehnten Jahre solche Begriffskräfte beibringen kann, daß sie mit seinem ganzen Lebenswesen verarbeitet werden könnten, so wird er mit dem fünfundvierzigsten Jahre reif sein, um in eine Stadtverordnetenversammlung oder in ein Parlament gewählt zu werden. Und den Anschauungen der Alten, die noch ein lebendiges Wissen von diesen Dingen aus den Mysterien hatten, lagen solche Dinge noch zugrunde. Heute dagegen gehen die Bestrebungen dahin, die Altersgrenze möglichst herabzusetzen, denn heute ist jeder mit zwanzig Jahren ebenso reif, wie es sonst jemand mit achtzig war. Aber nicht begierdliche Forderungen können darin entscheiden, sondern nur eine richtige Erkenntnis.

[ 10 ] There is an enormous amount of work to be done in this area. For anyone familiar with these matters knows that everything we present to children today, in particular, is already prepared from the outset in such a way that the rest of the organism does not accept it, and that it brings no joy later on. This is connected to the fact that people in our time age emotionally at a relatively early age. For that is, after all, the mystery of the human being: if the head, for example, is twenty-eight years old, the rest of the organism—which lags behind in its development—is only a third or a quarter of that age. The rest of the organism proceeds at a pace that is three or four times slower. We will come to understand other aspects of this as well. Thus, if educational approaches were designed to accommodate these mysteries, a person could absorb something so fruitful and nourishing that it would suffice until the time of their death. For if a person has absorbed such things by the age of twenty-five and needs only three times as long to process them, the rest of the organism would be able to process them by the age of seventy-five. But for the human being in his or her entirety, the knowledge acquired by the head does not have comprehensive significance; rather, it is only the inner, experiential knowledge that the whole human being, in his or her entirety, takes in. Yet even today, public life is averse to this; it wants to absorb only what constitutes intellectual knowledge. For just think about it—you can count on your fingers the full significance of what I mean: Someone might absorb so much with their head by the age of fifteen that, if they processed these concepts—and if these concepts related, for example, to the administration of public affairs—they would be mature enough by the age of forty-five to be elected to a city council or a parliament; for there they must engage as a whole human being. For it must be said: If one can instill in a person by the age of fifteen such conceptual faculties that they can be integrated into the whole of their being, then by the age of forty-five they will be mature enough to be elected to a city council or a parliament. And such principles still underlay the views of the ancients, who still possessed a living knowledge of these matters from the Mysteries. Today, however, efforts are directed toward lowering the age limit as much as possible, for today everyone at the age of twenty is just as mature as someone used to be at eighty. But it is not eager demands that can decide this, but only true insight.

[ 11 ] Diese Dinge haben also schon eine grundbedeutsame Anwendung für das Leben. Unser ganzes öffentliches Leben ist darauf eingestellt, nur das zu berücksichtigen, was die Menschen durch ihre Köpfe sind. Aber trotzdem es so ist, daß eigentlich heute die Menschen, indem sie miteinander sozial verkehren, weisheitsvoll nur mit den Köpfen verkehren, so ist dieser Kopfverkehr — denken Sie nur einmal nach: es ist der ganze soziale Verkehr nur ein Kopfverkehr! — ganz ungeeignet, um ein soziales Leben zu konfigurieren. Denn woher ist denn der Kopf? Der Kopf des Menschen — wir haben das ausgeführt — ist nicht von dieser Erde, er ist gerade aus dem Kosmos heraus geschaffen. Will man mit dem Kopfe die Erdenangelegenheiten besorgen, so kann man es nicht. Mit dem Kopfe ist niemand ein Nationaler, mit dem Kopfe ist niemand ein solcher, der irgendeinem Teil der Erde angehört. Mit dem Kopfe sollen wir nur das entscheiden, was der ganzen Welt angehört. Um jedoch das entscheiden zu können, was der Erde angehört, müssen wir erst während unseres ganzen Lebens mit demjenigen zusammenwachsen, was der Erde angehört und was uns zu einem Bürger der Erde macht, nicht zu einem Bürger des Himmels. Diese Dinge müssen so sein. Was dem öffentlichen Urteile zugrunde liegen kann, das muß man aus den tieferen Erkenntnissen über den Menschen selbst hervorholen. Und wiederum muß man ins Auge fassen — ich will heute nur Fäden zeichnen, die Dinge werden noch weiter ausgeführt werden: Was Goethe als Metamorphosegedanken äußerte, das hat eine tiefe Bedeutung, und das hat eine viel weitere Anwendung noch, als Goethe selbst zu seiner Zeit daraus machen konnte. |

[ 11 ] These things, then, already have a fundamental significance for life. Our entire public life is geared toward taking into account only what people are through their heads. But even though it is true that today, in their social interactions, people wisely interact only with their heads, this interaction of heads—just think about it: the entire social interaction is nothing but an interaction of heads!—is completely unsuitable for shaping social life. For where does the mind come from? The human mind—as we have explained—is not of this earth; it is created directly from the cosmos. If one wants to manage earthly affairs with the mind, one cannot do so. With the mind, no one is a national being; with the mind, no one belongs to any part of the earth. With the head, we are to decide only what belongs to the whole world. However, in order to be able to decide what belongs to the Earth, we must first, throughout our entire lives, grow together with that which belongs to the Earth and which makes us citizens of the Earth, not citizens of heaven. These things must be so. What can underlie public judgment must be drawn from deeper insights into human nature itself. And again, we must consider—I want only to sketch out the outlines today; the details will be elaborated upon later: What Goethe expressed as the idea of metamorphosis has a profound significance, and it has a much broader application than Goethe himself was able to derive from it in his time. |

[ 12 ] Unser Haupt ist also herausgebildet aus dem Kosmos. Betrachten wir die Sache geisteswissenschaftlich, so müssen wir sagen: In der ganzen Zeit, die zwischen dem Tode und einer neuen Geburt verläuft, arbeiten wir vor — wir arbeiten ja da im Kosmos —, um unser Haupt zu bilden. Wir arbeiten an unserem Organismus, indem wir vorzugsweise zwischen Tod und neuer Geburt an unserem Haupte arbeiten. Dieses Haupt ist in gewisser Beziehung das Grab der Seele, hinsichtlich dessen, wie die Seele war vor der Geburt oder, wenn wir sagen wollen, vor der Empfängnis. Da kommen jene Tätigkeiten zur Ruhe, die wir zwischen dem Tode und einer neuen Geburt in einem geistigen Leben ausführen. Und zu demjenigen, was in gewisser Beziehung herausgeformt wird aus der geistigen Welt, wird dann dasjenige hinzugefügt, was als angehängt daranhängt aus der Vererbungsströmung. Aber was ist das, was aus der Vererbungsströmung daranhängt? Das ist trotzdem etwas, was mit dem Haupte zusammenhängt. Ich habe schon früher darauf aufmerksam gemacht: Dasjenige was am Menschen ist außer seinem Haupte, das ist die Anlage für das Haupt in der nächsten Inkarnation. Der ganze übrige Organismus ist etwas, was durch Metamorphose übergehen kann zu dem Haupt der nächsten Inkarnation. Die Kräfte, die wir während des ganzen Lebens ausbilden, entreißen sich, wenn wir durch die Pforte des Todes gehen, dem ganzen übrigen Organismus; aber sie bleiben in jenen Formungen, die der übrige Organismus während des Lebens hatte; das trägt man durch die Zeit zwischen Tod und nächster Geburt und formt es um zum Haupte. In unserem Haupte haben wir also immer auch das, was Erbschaft ist aus der früheren Inkarnation. Und in unserem übrigen Organismus haben wir zu gleicher Zeit etwas, was bestimmend wirkt für die Gestaltung unseres Hauptes in der kommenden Inkarnation. In dieser Beziehung sind wir auch eine Zwienatur.

[ 12 ] Our head, then, is formed from the cosmos. If we consider the matter from a spiritual scientific perspective, we must say: During the entire period between death and a new birth, we work in advance—for we are indeed working there in the cosmos—to form our head. We work on our organism by focusing primarily on our head between death and a new birth. This head is, in a certain sense, the tomb of the soul, in terms of what the soul was like before birth or, if we wish to say so, before conception. It is there that the activities we carry out in a spiritual life between death and a new birth come to rest. And to that which, in a certain sense, is formed out of the spiritual world, is then added that which is attached to it from the stream of heredity. But what is it that is attached from the stream of heredity? It is, nevertheless, something connected to the head. I have pointed this out before: what is in a human being apart from the head is the predisposition for the head in the next incarnation. The entire rest of the organism is something that can pass over, through metamorphosis, into the head of the next incarnation. The forces we develop throughout our entire life break away from the rest of the organism when we pass through the gate of death; but they remain in the forms that the rest of the organism had during life; this is carried through the time between death and the next birth and is reshaped into the head. Thus, in our head we always have what is inherited from the previous incarnation. And at the same time, in the rest of our organism, we have something that has a decisive influence on the formation of our head in the coming incarnation. In this respect, we are also a dual nature.

[ 13 ] Denken Sie, wie man, wenn man so anschaut, daß der Mensch wirklich ganz hineingestellt ist in kosmische Zusammenhänge, dann darauf kommt, daß er wirklich nicht bloß in dem Zeitenteil und Raumesteil entsteht und sich bildet, den man im äußeren physischen Anschauen vor sich hat, sondern daß er in einem ungeheuer großen Zusammenhange drinnensteht. Es ist außerordentlich reizvoll, nicht nur so, wie es schon Goethe gemacht hat, hinzuschauen auf einen Knochen der Wirbelsäule und dann auf die Kopfknochen, um sich zu sagen, die Kopfknochen sind nur umgeformte Wirbelknochen, sondern es ist außerordentlich reizvoll zu sehen, wie alles, was am Haupte ist, auch am übrigen Organismus ist. Nur gehört eine außerordentlich vorurteilslose Betrachtung dazu, um nicht nur beispielsweise die Nase und alles, was am Haupte ist, als eine solche Umbildung zu erkennen, sondern auch alles, was am übrigen Organismus, nur in einer jüngeren Metamorphose, ist; das alles wird umgebildet in einer älteren Metamorphose zu dem, was uns dann am Haupte entgegentritt.

[ 13 ] Consider how, when one looks at things in this way—that human beings are truly and completely embedded in cosmic contexts—one comes to the conclusion that they do not merely arise and take shape within the aspects of time and space that are visible to us in external physical observation, but that they are situated within an immensely vast context. It is extraordinarily fascinating—not merely, as Goethe did, to look at a vertebra and then at the skull bones and conclude that the skull bones are simply transformed vertebrae—but it is extraordinarily fascinating to see how everything that is present in the head is also present in the rest of the organism. However, this requires an extraordinarily open-minded approach—not only to recognize, for example, the nose and everything on the head as such a transformation, but also to recognize that everything found in the rest of the organism is merely in a later stage of metamorphosis; all of this is transformed in an earlier stage of metamorphosis into what we then encounter on the head.

[ 14 ] Ich sagte: Pädagogisch sind die Konsequenzen einer solchen Anschauung außerordentlich wichtig, und wird sich einmal das Denken der Menschen dieser geisteswissenschaftlichen Erkenntnis zuwenden, dann werden ungeheuer bedeutungsvolle Forderungen für so etwas, wie es zum Beispiel die praktische Pädagogik ist, hervorgehen.

[ 14 ] I said: From an educational standpoint, the implications of such a view are extraordinarily important, and once people’s thinking turns toward this insight from the humanities, it will give rise to immensely significant demands for fields such as practical pedagogy.

[ 15 ] Vor allen Dingen ist eines bedeutsam: Wir werden alt in unserem Leben. Aber eigentlich können wir nur sagen, unser physischer Leib wird alt. Denn so sonderbar es ist — ich habe das auch schon erwähnt —, unser Ätherleib, der nächste geistige Teil unseres Wesens, wird immer jünger. Je älter wir werden, desto jünger wird unser ätherischer Leib. Und während wir Runzeln bekommen und kahlköpfig werden dem physischen Leibe nach, werden wir, oder können wir wenigstens dem ätherischen Leibe nach immer pausbackiger und blühender werden. Aber wir müssen allerdings — so wie schon die äußere Natur dafür sorgt, daß der physische Leib älter wird — dafür sorgen, daß unser Ätherleib Jugendkräfte zugeführt erhält. Das können wir aber nur, wenn wir durch den Kopf solche geistige Vorstellungsnahrung einführen, daß sie ausreicht, um im ganzen Leben verarbeitet zu werden.

[ 15 ] Above all, one thing is significant: We grow old in the course of our lives. But strictly speaking, we can only say that our physical body grows old. For as strange as it may seem—and I have mentioned this before—our etheric body, the next spiritual aspect of our being, grows ever younger. The older we get, the younger our etheric body becomes. And while our physical body develops wrinkles and goes bald, we—or at least our etheric body—can become increasingly rosy-cheeked and radiant. But we must, of course—just as external nature ensures that the physical body grows older—ensure that our etheric body is supplied with the forces of youth. We can do this, however, only if we take in through the mind such spiritual nourishment of the imagination that it is sufficient to be processed throughout our entire life.

[ 16 ] Es kann einem geisteswissenschaftlichen Betrachter vorschweben, wie man Kinder in frühester Jugend darüber unterrichtet, wie der Mensch ein Abbild ist des gesamten Universums, ein Abbild der göttlichen weisen Weltenordnung, aber einer solchen göttlichen Weltenordnung, daß es unmittelbar, elementar ergriffen wird, und nicht indem man dem Menschen unverstandene Bibelworte vorsagt. Das alles aber muß aus dem Geiste der Geisteswissenschaft geschaffen werden, dann wird es ein vollsaftigeres Kopfwissen geben als heute. Das aber wird für den Menschen zeit seines Lebens ein Quell der Verjüngung sein, während unser gegenwärtiger Unterricht nicht ein solcher Quell der Verjüngung ist, sondern das Gegenteil. Und wenn wir heute in der glücklichen Lage sind, wegen unseres früheren Unterrichtes nicht die fürchterlichsten Sauertöpfe zu sein, so ist das nur deshalb, weil die heutige Art, für den Kopf zu sorgen — die sich seit ungefähr vier Jahrhunderten vorbereitet hat und die heute auf ihren Gipfelpunkt gelangt ist —, noch nicht so viel hat ruinieren können von dem, was doch aus alten Zeiten als Erbkultur vorhanden ist. Aber wenn wir so fortfahren, daß wir bloß für den Kopf unterrichten, dann sind wir auf dem besten Wege, wirklich Sauertöpfe zu erziehen. Ich habe schon neulich gesagt — der Krieg hat ja die Sache unterbrochen —: Groß waren in den Jahren vor dem Kriege die Züge nach den Sanatorien, groß waren die Mittel, [die der Mensch aufwendete], um seine Nervosität wegzubringen.

[ 16 ] A student of the spiritual sciences might envision how to teach children in their earliest years that the human being is a reflection of the entire universe, a reflection of the divine, wise world order—but in such a way that it is grasped immediately and intuitively, rather than by reciting incomprehensible Bible verses to them. All of this, however, must be created out of the spirit of spiritual science; then there will be a richer, more vibrant body of knowledge than we have today. And this will be a source of rejuvenation for people throughout their lives, whereas our current education is not such a source of rejuvenation, but rather the opposite. And if we are in the fortunate position today of not being the most dreadful sourpusses because of our earlier education, it is only because today’s way of catering to the intellect—which has been developing for about four centuries and has now reached its peak—has not yet been able to ruin so much of what remains as a cultural heritage from ancient times. But if we continue in this way, teaching solely for the mind, then we are well on our way to truly raising sourpusses. I said just the other day—though the war did interrupt matters—that in the years before the war, there were large numbers of people heading to sanatoriums, and great resources [were expended] to alleviate nervousness.

[ 17 ] Das alles hängt damit zusammen, daß dem Kopfe nicht das gegeben wird, was der ganze Mensch braucht. Ich habe es auch erwähnt, wie wenig man findet, daß in der richtigen Art einiges für diese Dinge gesorgt wird. Denn ich muß immer wieder daran denken, wie ich vor einigen Jahren einmal ein Sanatorium aufsuchte, um dort jemanden zu besuchen. Wir kamen gerade hin, als Mittagszeit war. Die ganze Menge der Sanatoriumsgäste defilierte an uns vorbei. Es waren ja zum Teil recht merkwürdige Menschenkinder, die wirklich ihre Nervosität zum Teil auf ihrem Gesichte geschrieben hatten und ihr Hände- und Füßegezappel hatten. Aber ich lernte dann den Allernervösesten, den Allerzappeligsten in jenem Sanatorium kennen, nämlich den dirigierenden Arzt. Und es muß schon gesagt werden, daß ein dirigierender Arzt nicht die rechte Hand findet zur Kur für seine Gäste, wenn er selbst derjenige ist, dem die Kur am meisten not täte. Sonst jedoch war er ein außerordentlich liebenswürdiger Mensch, aber er war ein Beispiel für diejenigen Menschen, die in ihrer Jugend jedenfalls nicht das aufgenommen haben, was sie zeitlebens verjüngt halten kann. Solche Dinge lassen sich nicht durch irgendwelche vereinzelten Reformen ändern und aus Verhältnissen, in denen sie sind, in andere Verhältnisse bringen; solche Dinge lassen sich nur verbessern, wenn der ganze soziale Organismus verbessert wird. Daher muß man seine Aufmerksamkeit auf den ganzen sozialen Organismus richten. Es ist schon durch die großen Weltgesetze dafür gesorgt, daß der Mensch als einzelner auf solchem Gebiete seinen Egoismus nicht befriedigen kann, sondern daß er gewissermaßen sein Heil nur finden kann, wenn er es sucht in der Gemeinsamkeit mit den andern.

[ 17 ] All of this stems from the fact that the mind is not given what the whole person needs. I have also mentioned how rarely one finds that proper care is taken of these matters. For I am constantly reminded of how, a few years ago, I once visited a sanatorium to see someone there. We arrived just as it was lunchtime. The entire group of sanatorium guests filed past us. Some of them were quite peculiar people, whose nervousness was literally written all over their faces, and who fidgeted with their hands and feet. But I then got to know the most nervous, the most fidgety person in that sanatorium—namely, the attending physician. And it must be said that a chief physician cannot find the right approach to treating his patients if he himself is the one who most needs treatment. Otherwise, however, he was an exceptionally amiable person, but he was an example of those people who, at least in their youth, did not absorb what could keep them youthful throughout their lives. Such things cannot be changed by isolated reforms or by shifting them from their current circumstances to different ones; such things can only be improved if the entire social organism is improved. Therefore, one must direct one’s attention to the entire social organism. The great laws of the universe already ensure that the individual cannot satisfy his egoism in such matters, but that, in a sense, he can find his salvation only by seeking it in communion with others.

[ 18 ] So stelle ich mir vor — und jeder, der nicht bloß das, was im Sinnlichen lebt, wie es heute üblich ist, sich vorstellt, sondern der hinauszublicken vermag von dem Sinnlichen ins Übersinnliche, aus dem die Kräfte hereinkommen müssen zur Reformation der Welt für die nächste Zukunft, kann sich das vorstellen —, so stelle ich mir vor, daß auf solchem Gebiete, aber auch noch auf andern, die Einführung des Geisteswissenschaftlichen in das Leben geschehen kann, dadurch geschehen kann, daß man in ehrlicher, aufrichtiger Weise im Konkreten das ausarbeitet, wozu die Geisteswissenschaft die Impulse geben kann. Sie sehen, man braucht in dem Sinne, von dem wir ja oft gesprochen haben und immer wieder sprechen werden, nicht zu drängen nach visionärem Hellsehen, sondern man braucht nur sinnvoll den Menschen als Ebenbild der Weltengeistigkeit zu erfassen, dann kommt einem schon die Geistigkeit. Man kann unmöglich den Menschen in seiner Ganzheit auffassen und durchschauen, ohne daß man das, was als Geistiges dem Menschen zugrunde liegt, durchschaut und ins Auge faßt. Aber eines ist notwendig, ich habe öfter darauf aufmerksam gemacht: die Ablegung einer gegenüber allen Weltanschauungsfragen heute so furchtbar vorhandenen Untugend, die Ablegung der Erkenntnisbequemlichkeit des Menschen. Unsere ganze geisteswissenschaftliche Betrachtung zeigt uns ja, daß man Schritt für Schritt vorwärtsgehen muß, daß man Neigung haben muß, auf Einzelheiten einzugehen, um ein Ganzes aus diesen Einzelheiten aufzubauen, daß man gewissermaßen vom sinnlich Nächstliegenden ausgehen muß, um ins Übersinnliche aufzusteigen. Man kann an dem sinnlich Nächstliegenden das Übersinnliche fast mit Händen greifen. Denn wer in richtiger Weise das menschliche Haupt ins Auge fassen kann, der sieht in ihm das, was aus dem ganzen Weltenall herausgebildet ist, und er sieht in dem übrigen Menschenorganismus dasjenige, was sich wieder hineinbildet ins Weltenall, um wieder zurückzukommen aus dem Weltenall in der nächsten Inkarnation. Man kann, wenn man richtig das äußere Sinnenfällige betrachtet, schon in ganz rechter Art zu dem Übersinnlichen kommen. Aber man hat nötig, die Unbequemlichkeit auf sich zu nehmen, den Menschen wenigstens so weit zu seinem Rechte kommen zu lassen, daß man ihm in bezug auf seine Erkenntnis das zugesteht, was man beispielsweise der Uhr oder einem ganz gewöhnlichen Dinge zugesteht. Jeder, wenn er nur ein bißchen gelernt hat, wie die Sachen mechanisch zusammenwirken, wird zugeben, eine Uhr nicht zu verstehen, ohne den Zusammenhang der Räder ins Auge zu fassen. Über den Menschen jedoch redet jeder, ohne eine solche Anforderung zu stellen, und zwar glaubt jeder auch über das höchste Wesen des Menschen reden zu können, und beruft sich dann sehr häufig darauf, daß er sagt: Ja, die Wahrheit muß eben «einfach» sein —, und dann jene Anklage gegen die Geisteswissenschaft zimmert, die immer darin besteht, daß die Geisteswissenschaft ja viel zu kompliziert sei. Die menschliche Begierde mag allerdings dahin gehen, in fünf Minuten oder vielleicht in gar keiner Zeit sich das anzueignen, was zur Erkenntnis des höchsten Wesens des Menschen notwendig ist. Aber der Mensch ist nun einmal ein kompliziertes Wesen. Gerade darin besteht seine Größe im Weltenall, daß er ein kompliziertes Wesen ist, und man muß den Hang nach Bequemlichkeit der Erkenntnis überwinden, wenn man wirklich in das Wesen des Menschen eindringen will. Für unsere Zeit gibt es kein Verständnis desjenigen, was not tut, wenn man sich nicht in die Lage versetzen will, die ganze Kompliziertheit der menschlichen Natur wenigstens ahnungsvoll zu durchdringen. Denn dadurch, daß wir nur Kopfwissen pflegen, daß wir nicht mit dem ganzen Menschen das, was das Haupt lernt, verarbeiten wollen, und schon dem Haupte nicht so etwas geben, was von dem ganzen Menschen verarbeitet werden kann, dadurch stellen wir den Menschen in die soziale Ordnung so hinein, daß wir gewissermaßen das irdische Leben nicht zum Abbilde eines übersinnlichen, geistigen Lebens machen wollen. Wir leiden an einem merkwürdigen Zwiespalt. Das ist aber jetzt nicht ein Zwiespalt wie die andern Zwiespältigkeiten, von denen ich jetzt gesprochen habe, sondern das ist ein schädlicher Zwiespalt, den wir überwinden müssen.

[ 18 ] This is how I imagine it—and anyone who does not merely imagine what exists in the sensory realm, as is customary today, but who is able to look beyond the sensory into the supersensory, from which the forces must come to reform the world in the near future, can imagine this— this is how I imagine that in such a field, but also in others, the introduction of spiritual science into life can take place—by working out in a concrete, honest, and sincere way what spiritual science can provide the impetus for. You see, in the sense we have often spoken of—and will continue to speak of time and again—one need not strive for visionary clairvoyance, but one need only meaningfully grasp the human being as the image of the world’s spiritual nature; then the spiritual will come to one of its own accord. It is impossible to grasp and penetrate the human being in his or her entirety without penetrating and taking in sight what lies at the foundation of the human being as the spiritual. But one thing is necessary—I have often drawn attention to this—the abandonment of a vice that is so terribly prevalent today in relation to all questions of worldview: the abandonment of human complacency in knowledge. Our entire spiritual-scientific approach shows us, after all, that one must proceed step by step, that one must be inclined to delve into details in order to build a whole out of these details, and that one must, so to speak, start from what is sensually closest at hand in order to ascend to the supersensible. In what is immediately perceptible to the senses, one can almost grasp the supersensible with one’s own hands. For whoever can correctly contemplate the human head sees in it that which has been formed out of the entire universe, and sees in the rest of the human organism that which is once again forming itself back into the universe, only to return from the universe in the next incarnation. If one correctly observes what is outwardly perceptible to the senses, one can already arrive at the supersensible in a perfectly proper way. But one must be willing to accept the inconvenience of allowing the human being to be treated fairly, at least to the extent that one grants him, in terms of his understanding, what one grants, for example, to a clock or an entirely ordinary object. Anyone who has learned even a little about how mechanical devices function will admit that one cannot understand a clock without considering the interplay of its gears. When it comes to human beings, however, everyone speaks without making such a requirement; indeed, everyone believes they can speak about the highest essence of the human being, and very often invokes the argument that: “Yes, the truth must simply be ‘simple’”—and then they cobble together that accusation against spiritual science, which always consists in the claim that spiritual science is far too complicated. Human desire may well be to acquire in five minutes—or perhaps in no time at all—what is necessary for understanding the highest nature of the human being. But the human being is, after all, a complex being. It is precisely in this—that he is a complex being—that his greatness in the universe lies, and one must overcome the tendency toward intellectual laziness if one truly wishes to penetrate the essence of the human being. In our time, there is no understanding of what is necessary unless one is willing to put oneself in a position to at least intuitively penetrate the full complexity of human nature. For by cultivating only intellectual knowledge, by refusing to process with the whole human being what the mind learns, and by failing to provide the mind with anything that can be processed by the whole human being—in this way we place human beings within the social order in such a way that, in a sense, we do not wish to make earthly life a reflection of a supersensible, spiritual life. We suffer from a peculiar conflict. But this is not a conflict like the other conflicts I have just spoken of; rather, it is a harmful conflict that we must overcome.

[ 19 ] Das menschliche Leben hat sich im Laufe der Entwickelung verändert. Um das zu beobachten, braucht man nur vier Jahrhunderte zurückgehen, ja nicht einmal so weit. Wer nicht aus der landläufigen Literaturgeschichte, sondern wer aus der Geistesgeschichte das Leben aus seiner Wirklichkeit kennt, der weiß, wie unendlich verschieden das Leben und Denken noch des 18. Jahrhunderts von dem des 19. Jahrhunderts ist. Wir brauchen nur etwas zurückzugehen und werden sehen, wie seit vier Jahrhunderten das ganze menschliche Denken sich geändert hat. Das ganze menschliche Denken, das sich so geändert hat, ist allmählich bis zum 20. Jahrhundert dazu gekommen, immer abstraktere Begriffe auszubilden. Es sind immer mehr Kopfbegriffe gekommen. Wenn wir die vollsaftigen Begriffe der Menschen im 13., im 14. Jahrhundert nehmen, wenn wir die Naturwissenschaft dieser Jahrhunderte ansehen: Es ist ein grandioser Unterschied gegenüber dem Abstrakten, gegenüber der trockenen Gesetzmäßigkeit der heutigen Naturwissenschaft! Es gibt ein sehr bekanntes Buch, das dem Basilins Valentinus zugeschrieben wird. Sehr interessante Dinge finden sich darin. Vor kurzem hat nun ein schwedischer Gelehrter ein Buch über die «Materie» geschrieben und auch verschiedenes von Valentinus darin zitiert, und sein Urteil darüber ist: Das verstehe, wer kann; man kann es eben nicht verstehen. — Wir glauben es sehr gern, daß er nichts von diesem Buche des Valentinus verstehen kann. Denn Valentinus gelesen mit den Begriffen, die man aus der Physik und Chemie heute mitbringt, ist ganz unverständlich! Das hängt mit denselben Dingen zusammen, mit denen etwa die Tatsache zusammenhängt, daß sich die gute alte Lebensweisheit «Morgenstunde hat Gott und Gold im Munde» umgewandelt hat im Laufe der Zeit in jene andere Lebensweisheit «Morgenstunde hat Gold im Munde». Dadurch ist der gut europäische Ausspruch «Morgenstunde hat Gott und Gold im Munde» amerikanisch geworden: «Morgenstunde hat Gold im Munde.»

[ 19 ] Human life has changed over the course of its development. To observe this, one need only go back four centuries—not even that far. Anyone who understands life in its reality—not from conventional literary history, but from the history of ideas—knows how infinitely different life and thought in the 18th century were from those of the 19th century. We need only go back a little to see how human thought as a whole has changed over the past four centuries. This human thought, which has changed so much, has gradually come to form increasingly abstract concepts by the 20th century. More and more intellectual concepts have emerged. If we consider the rich, vivid concepts of people in the 13th and 14th centuries, if we look at the natural sciences of those centuries: there is a striking contrast to the abstract, dry regularity of today’s natural sciences! There is a very well-known book attributed to Basilins Valentinus. It contains some very interesting insights. Recently, a Swedish scholar wrote a book on “matter” and quoted various passages from Valentinus in it, and his verdict is: Let those who can understand it do so; one simply cannot understand it. — We are quite willing to believe that he cannot understand anything in this book by Valentinus. For Valentinus, when read through the concepts we bring with us today from physics and chemistry, is completely incomprehensible! This is connected to the same phenomena that explain, for example, how the good old proverb “The early bird catches God and gold” has, over time, transformed into the other proverb “The early bird catches gold.” As a result, the traditional European saying “The early bird catches God and gold” has become Americanized: “The early bird catches gold.”

[ 20 ] Jene alte Zeit war in bezug auf die Beschreibung und die Auffassung der Natur durchdrungen von dem, was aus dem ganzen Menschen kommt. Heute ist es Kopfwissen. Dadurch ist es auf der einen Seite abstrakt, trocken und füllt den Menschen nicht sein ganzes Leben hindurch aus; und auf der andern Seite ist es doch sehr geistig. Wir stehen vor dieser Zwienatur, daß wir das Geistigste eigentlich heute erzeugen; diese abstrakten Begriffe sind das Geistigste, was es geben kann, aber sie sind unfähig, den Geist zu begreifen. Es ist ungeheuer leicht einzusehen, in welchen Zwiespalt der Mensch hineinkommt durch jene geistigen Begriffe, die er sich ausgebildet hat. Er ist gerade in diesen geistigen Begriffen merkwürdigerweise Materialist geworden. Aber wenn die Begriffe richtig sind, würde nie der Materialismus aus ihnen entstehen. Einfach das Vorhandensein der abstrakten Begriffe ist schon die erste Widerlegung des Materialismus. In diesem Zwiespalte leben wir drinnen. Wir haben uns seit vier Jahrhunderten ungeheuer vergeistigt, und wir müssen in diesem Geistigen, das wir nur abstrakt haben, wieder das lebendige Geistige finden. Wir sind dazu aufgestiegen, nur gegenständliche Begriffe zu haben, aber wir müssen wieder zur Imagination, zur Inspiration, zur Intuition kommen. Wir haben abgelegt, was aus früherer uralter Erbweisheit in Imaginationen, Inspirationen und Intuitionen uns überkommen war. Wir müssen es wiederbekommen, nachdem wir uns der Vollsaftigkeit des Wissens des ganzen Menschen soweit entäußert haben.

[ 20 ] In those days, the description and understanding of nature were permeated by what arises from the whole human being. Today, it is intellectual knowledge. As a result, on the one hand, it is abstract, dry, and does not fulfill a person’s entire life; and on the other hand, it is nevertheless very spiritual. We are faced with this dual nature: that we actually produce the most spiritual things today; these abstract concepts are the most spiritual things there can be, yet they are incapable of grasping the spirit. It is incredibly easy to see the conflict into which human beings are drawn by the spiritual concepts they have developed. Strangely enough, it is precisely in these spiritual concepts that they have become materialists. But if the concepts were correct, materialism would never arise from them. The very existence of abstract concepts is in itself the first refutation of materialism. We live within this conflict. We have become immensely spiritualized over the past four centuries, and we must rediscover the living spiritual within this spirituality that we possess only in the abstract. We have risen to the point of having only concrete concepts, but we must return to imagination, inspiration, and intuition. We have cast aside what had been handed down to us from ancient, time-honored wisdom in the form of imaginations, inspirations, and intuitions. We must regain it, now that we have so thoroughly divested ourselves of the full richness of knowledge pertaining to the whole human being.

[ 21 ] Das ist etwas, was einen schon erfüllen kann mit dem Ernst gegenüber dem Geisteswissenschaftlichen. Und wenn ich in diesen zwei Vorträgen, die ich jetzt wieder vor Ihnen halten durfte, mehr einleitend gesprochen habe, so war meine Absicht, zu zeigen, wie aus der äußerlichsten Betrachtung des Menschen der Impuls hervorgehen kann, sich mit demjenigen zu beschäftigen, was der Welt geistig zugrunde liegt. Es wird die Menschheit im Verfolgen dieser Impulse und Ideen auf etwas kommen, was ihr heute so ungeheuer abgeht: innere Wahrhaftigkeit. Man kann nicht wirklich fruchtbar nach dem Geist streben, wenn man nicht in innerer Wahrhaftigkeit strebt, und man wird niemals fehl gehen, wenn man sich durch Lebenserfahrung die Erkenntnis erwirbt, daß eine richtige Harmonie zwischen Kopfwissen und Herzenswissen nur möglich ist, wenn man sich wahrhaftig in das Leben hineinstellt. Denn deshalb wollen gerade die Menschen der Gegenwart das Kopfwissen nicht in Herzenswissen überführen, weil das Herzenswissen nicht nur länger braucht, sondern weil es auch gegen das Kopfwissen reagiert, es zurückstößt, wenn es unwahr ist. Der übrige Mensch macht sich dann als eine Art Gewissen bemerkbar. Davor fürchtet sich die nur für den Kopf geneigte Menschheit der Gegenwart.

[ 21 ] This is something that can truly inspire a sense of seriousness toward spiritual science. And if I have spoken more in an introductory manner in these two lectures that I have now had the privilege of presenting to you again, my intention was to show how, even from the most external observation of the human being, the impulse can arise to engage with that which lies at the spiritual foundation of the world. In pursuing these impulses and ideas, humanity will arrive at something that is so sorely lacking today: inner truthfulness. One cannot truly strive fruitfully toward the spirit unless one strives in inner truthfulness, and one will never go astray if, through life experience, one gains the insight that a true harmony between intellectual knowledge and heart-based knowledge is possible only when one truly engages with life. For this is precisely why people today do not want to transform intellectual knowledge into heart-based knowledge: not only because heart-based knowledge takes longer, but also because it reacts against intellectual knowledge, rejecting it when it is untrue. The rest of the human being then makes itself felt as a kind of conscience. This is what the modern human race, inclined solely toward the intellect, fears.

[ 22 ] Und jetzt zum Schlusse — weil es sich für uns ja immer darum handeln muß, wenn wir so unter uns zusammen sind, auch die Stellung unseres geisteswissenschaftlichen Strebens, das wir in solcher Art charakterisierten, wie es heute und das letzte Mal geschehen ist, in der ganzen Welt einzusehen —, zum Schlusse einige Bemerkungen, die sich für uns unmittelbar praktisch ergeben.

[ 22 ] And now, in conclusion—since it is always our concern, when we are gathered together like this, to consider the position of our spiritual scientific endeavors, which we have characterized in the manner we did today and last time, in the context of the entire world—in conclusion, a few remarks that have immediate practical implications for us.

[ 23 ] Geisteswissenschaft kann auch nur gedeihen, wenn man mit ihr Ernst macht in der Wahrhaftigkeit; denn sie muß ja an tiefste Bedürfnisse der Menschheit gerade in der Gegenwart herangehen. Sie muß sich jenen Gewissensqualen aussetzen, die sehr leicht entstehen können, wenn das Herz zum Kopfe Nein sagt. Denn immer sagt das Herz zum Kopfe Nein, wenn nicht Geistiges gesucht wird, oder wenn Wissen nur angestrebt wird aus einem bloßen Egoismus, aus Begierde, Ehrgeiz und so weiter. Aus diesem Grunde war es schon notwendig, in dem Betriebe der Geisteswissenschaft nach keiner Seite hin auch nur leise Kompromisse aufkommen zu lassen. Geisteswissenschaft muß aus sich selbst heraus positiv betrieben werden; man kann nicht Kompromisse schließen mit Halbheiten, Viertelheiten oder Achtelheiten; es ist heute eine zu ernste Angelegenheit. Wir dürfen wohl, nachdem wir einiges einleitend gesagt haben, diese Bemerkungen folgen lassen, die nicht persönlich gemeint sind, wenn sie auch an Persönliches anschließen. Einen großen Teil der Gegnerschaft gegen die Geisteswissenschaft kann man nur verstehen, wenn man ihn seiner Genesis nach, seinem Werden nach ins Auge faßt. Da oder dort tritt zum Beispiel jemand auf, der sich in der heftigsten Weise gegen die Geisteswissenschaft wendet. Es gibt auch andere Fälle, als ich jetzt meine, aber in vielen Fällen geht die Gegnerschaft gegen Geisteswissenschaft aus so etwas hervor, wie ich jetzt einen konkreten Fall anführen will.

[ 23 ] Spiritual science can only flourish if one takes it seriously in terms of truthfulness; for it must address the deepest needs of humanity, especially in the present. It must expose itself to those pangs of conscience that can very easily arise when the heart says “no” to the head. For the heart always says “no” to the head when the spiritual is not sought, or when knowledge is pursued solely out of mere selfishness, desire, ambition, and so on. For this reason, it has always been necessary, in the practice of spiritual science, not to allow even the slightest compromise to arise on any side. Spiritual science must be pursued positively from within itself; one cannot make compromises with half-measures, quarter-measures, or eighth-measures; it is too serious a matter today. Having said a few introductory remarks, we may now follow them with these observations, which are not meant personally, even if they touch on personal matters. A large part of the opposition to spiritual science can only be understood if one considers its origins and how it has developed. Here and there, for example, someone appears who turns against spiritual science in the most vehement manner. There are other cases as well, but in many instances, opposition to spiritual science arises from something like what I am about to cite as a concrete example.

[ 24 ] Ich war einmal in Frankfurt am Main, um Vorträge zu halten. Da telephonierte mich jemand an, daß ein Herr mich sprechen wollte. Ich hatte nichts dagegen und sagte, er könne mich dann und dann sprechen. Der Betreffende kam und sagte: « Ach, ich bin Ihnen eigentlich seit langer Zeit immer so nachgereist, um zu sehen, ob ich Sie einmal sprechen könnte.» Ich konnte nichts dagegen haben, aber ich hatte auch nichts dafür. Der Betreffende redete dann so um allerlei herum. Aber man kann schon nicht anders, als Geisteswissenschaft ernst zu nehmen, und wenn man das will, dann muß man manches, was sich aufspielt und als gelehrt erweisen will, abweisen. Man kann nicht mit allem Möglichen Kompromisse schließen. Ich war nicht unhöflich gegen den Mann, aber ich ließ ihn ablaufen, ließ ihn merken, daß ich weiter keine Notiz von ihm nehmen würde. Es war meine tiefste Überzeugung, daß der Mann hohles Zeug herumtredete, aber daß er dabei Anlehnung suchte. Das trat ja wirklich in unzähligen Fällen hervor. — Was ich jetzt sage, spreche ich nicht aus Albernheit, sondern um eben gewisse Vorgänge zu charakterisieren. — Also ich mußte diesen Mann ablaufen lassen. Es war vieles außerordentlich schmeichelhaft, was der Mann sagte, aber es kam nur darauf an, oban seinen «auch» geisteswissenschaftlichen Bestrebungen etwas Wahres sei. Bald darnach traten in der Schweiz Ankündigungen dieses Mannes auf, aus denen hervorging, daß über das «Dämonische», über das «Teuflische» der Steinerschen Geisteswissenschaft in Grund und Boden zu reden wäre. — Ich könnte auch noch eine Nachgeschichte dieser Sache erzählen, aber das will ich schon nicht. Es ist dies aber eine von den Arten, wie da oder dort Gegner auftreten. Es sind sehr häufig Menschen, welche eigentlich irgendwie Zusammenhang gesucht haben, und deren Suchen nach Zusammenhang eben aus bestimmten Gründen ignoriert werden mußte. Vieles mußte ignoriert werden, um die Geisteswissenschaft rein zu erhalten. Das mußte man sich schon auferlegen.

[ 24 ] I was once in Frankfurt am Main to give some lectures. Someone called me to say that a gentleman wanted to speak with me. I had no objection and said he could speak with me at such-and-such a time. The man in question arrived and said: “Oh, I’ve actually been following you around for quite some time now, just to see if I could speak with you someday.” I had no objection to that, but I wasn’t particularly interested either. The man then went on and on about all sorts of things. But one simply cannot help but take spiritual science seriously, and if one wants to do that, then one must reject many things that come along and claim to be scholarly. You can’t compromise on just anything. I wasn’t rude to the man, but I let him run on, making it clear that I wouldn’t pay any further attention to him. It was my deepest conviction that the man was spouting empty nonsense, but that he was seeking support in the process. That really did come to light in countless cases. — What I am saying now, I am not saying out of frivolity, but precisely to characterize certain events. — So I had to let this man run his course. Much of what the man said was extraordinarily flattering, but the only question was whether there was any truth to his “also” spiritual-scientific aspirations. Soon afterward, announcements by this man appeared in Switzerland, from which it emerged that the “demonic” and “diabolical” aspects of Steiner’s spiritual science were to be thoroughly debunked. — I could also recount a follow-up to this story, but I’d rather not. This, however, is one of the ways in which opponents arise here and there. Very often, these are people who were actually seeking some kind of connection, and whose search for such a connection simply had to be ignored for specific reasons. Much had to be ignored in order to keep spiritual science pure. That was a necessity one had to accept.

[ 25 ] Nun will ich im Zusammenhang damit etwas anderes erwähnen, Unser sehr verehrter Freund Dr. Rittelmeyer hatte vor kurzem in der Zeitschrift «Die christliche Welt» über das Verhältnis unserer Geisteswissenschaft zur religiösen Frage gesprochen und dabei versucht, manches andere Vorurteil gegen unsere Geisteswissenschaft in einer außerordentlich anerkennenswerten und dankenswerten Weise zurück‚zuweisen. Ich hoffe, daß sich alle von Ihnen mit dem Aufsatze, der von Dr. Rittelmeyer in der «Christlichen Welt» erschienen ist, bekanntmachen werden. Nun aber hat sich Dr. Johannes Müller, der ja vielen bekannt ist, bemüßigt gesehen, eine Reihe von Aufsätzen über drei Nummern in derselben «Christlichen Welt» gegen diese Abhandlung Dr. Rittelmeyers zu schreiben. Es ist wirklich nicht meine Absicht, irgendwie auf das einzugehen, was Dr. Johannes Müller geschrieben hat. Denn seit einer langen Reihe von Jahren, die nach vorne keinen Anfang hat, war es im wesentlichen immer mein Bestreben, über Dr. Johannes Müller nicht zu reden; denn ich habe Gründe, die Geisteswissenschaft von dilettantischen Bestrebungen freizuhalten, sie nicht irgendwie in Kompromisse zu verwickeln. Und ich glaube, daß dies am besten zu erreichen ist, wenn man sich um das nicht kümmert, wenigstens nicht sprechend kümmert, was ja angeblich durch seinen eigenen Wert wirken muß, wenn es wirken kann. Niemals habe ich Dr. Johannes Müller in einem besonderen Zusammenhange erwähnt. Nun besteht ja in unserer Zeit nicht viel Gefühl dafür, was auf diesem Gebiete eigentlich in Wirklichkeit Wahrheit und Unwahrheit ist. Wenn Sie die Johannes Müllerschen Aufsätze jetzt durchgehen, so werden Sie finden, daß sie schon ein gut Stück von dem enthalten, was man durch Leichtsinn bewirkte oder durch sonst etwas bewirkte objektive Unwahrheiten nennen muß. Sie strotzen davon. Solche Dinge muß man nahe ins Auge fassen. Ich hatte in einem Falle eine solche Unwahrheit zu charakterisieren: die Dessoitschen Unwahrheiten in meinen «Seelenrätseln». Ich bin nun sehr gespannt, denn auf das, wie dort dem Professor an der Berliner Universität nachgewiesen ist zu schreiben, müßte eigentlich etwas erfolgen. Man lese nur den Aufsatz, den ich als zweiten in meinem Buche «Von Seelenrätseln» geschrieben habe über die Art, wie Professor Dessoir wirkt. Jeder natürlich, der nach diesem Aufsatze, der jetzt vorliegt, über das Dessoirsche Buch schreibt und diesen Aufsatz nicht berücksichtigt, ist ein Mitschuldiger an diesen Dingen. Aber diese Sachen nimmt man heute nicht so, indem mancher sich heute ausredet: Ich habe es nicht gewußt —, als ob nicht der, welcher etwas behauptet, die Dinge erst richtig ins Auge zu fassen hätte. — Nun, über derlei Kinkerlitzchen, daß meine Plakate «marktschreierisch» und so weiter wären, darüber lasse ich lieber diejenigen urteilen, welche die Johannes Müllerschen Vorträge und Plakate kennen; und daß bei meinen Vorträgen auf die besondere Sensationsbedürftigkeit der Menschen spekuliert werden sollte, darüber lasse ich ebenfalls andere urteilen. Es ist noch nicht lange her, da hat mir ein sehr geschätzter alter Herr, der sich wirklich ein sehr gewissenhaftes Urteil über diese Dinge bilden will, gesagt, er wundere sich eigentlich, daß in meine Vorträge so viele Menschen kämen, denn ich legte es gar nicht darauf an, daß sie leicht wären. Nun kann man sehr leicht beweisen, daß die Johannes Müllerschen Beschuldigungen unwahr sind. Denn auf die bloße Ankündigung hin kommen in einer Stadt, wo die Geisteswissenschaft noch nicht Fuß gefaßt hat, gewöhnlich nicht sehr viele Leute in meine Vorträge; wo aber viele kommen, da kommt das daher, weil an solchem Orte wirklich darum geworben und gearbeitet worden ist. Ich will jedoch nicht weiter darauf eingehen, höchstens noch auf den letzten Abschnitt der Johannes Müllerschen Aussprache hinweisen, die sich darin ergeht, daß ich von dem «Drama Gottes» spreche, der durch den Menschen erlöst werden soll und dergleichen, und wo Johannes Müller anderthalb Spalten dadurch zustande bringt, daß er an einer beliebigen Stelle aus meinem Buche «Das Christentum als mystische Tatsache» einige Sätze bringt, die er aus ihrem Zusammenhange herausreißt, wie es ihm gerade einfällt. Aber durch das, was er vorher ausgelassen hat, wird alles, was er sagt, zum absolutesten Unsinn. In meinem Buche über das Christentum wird über das «Drama Gottes und seine Verzauberung» das Gegenteil gesagt. Johannes Müller redet sich jedoch damit heraus, daß er aus meinen Schriften nicht hat klar werden können. Das glaube ich ihm ganz bestimmt! Aber ohne auch nur das geringste verstanden zu haben, macht sich Johannes Müller über dieses Buch her. Ich habe öfter darauf aufmerksam gemacht, daß dieses Buch in dem Mysterium von Golgatha — im Unterschiede von allen übrigen Mysterien — den Hauptnerv sieht. Dafür hat Johannes Müller keine Empfindung. Ich würde also niemals verlangen, daß er mein Buch verstehen sollte, glaube auch nicht, daß er dazu in der Lage wäre, aber er kritisiert es. Und das Merkwürdige ist dies: Im Jahre 1902 ist dieses Buch gedruckt worden; es lag also im Jahre 1906 viex Jahre lang vor. Man wußte, ich habe gerade damals in der damaligen ersten Auflage mein Verhältnis zur Naturwissenschaft auf der einen Seite, zur Philosophie auf der andern Seite auseinandergelegt. Das «Christentum als mystische Tatsache» ist bekanntgeworden. Nun, wenn es Johannes Müller noch nicht bekanntgeworden ist, so ist das seine Sache. Aber ich erwähne, daß es 1906 bekannt war, und daß} es ebenso mit meiner Gesamtweltauffassung verbunden war, wie zum Beispiel meine «Philosophie der Freiheit». Wer sich also im Jahre 1906 über mich eine Meinung bildete, der mußte mich vom Standpunkte meiner ganzen Weltanschauung aus nehmen und konnte im Grunde genommen nicht Halbheiten nehmen. Also 1906 war die Tatsache da, daß das «Christentum» vier Jahre bereits erschienen war. 1906 aber wurde mir das Buch «Die Bergpredigt» von Johannes Müller zugeschickt. Darin stand als Widmung: «Herrn Dr. R. Steiner in angenehmer Erinnerung an die «Philosophie der Freiheit». Mainberg, 17. VIII. 06.» Diese Angelegenheit gehört zu denjenigen, wo ich in die Notwendigkeit versetzt war, zu ignorieren; denn es war nicht möglich, Kompromisse zu schließen nach jenen Richtungen, von denen ich gesprochen habe. Und ich betrachte es als mein gutes Recht, statt jemandem zu sagen: Ich sehe Ihre Dinge als dies und das an —, zu schweigen, wenn er in dieser Weise an mich herantritt. Aber daß man schweigt, ärgert unter Umständen die Leute am allermeisten. Ich sagte, man müsse die Gegnerschaft gegen die Geisteswissenschaft in den realen Verhältnissen suchen. Das ist den Leuten oft viel unangenehmer, wenn man die realen Verhältnisse aufdeckt. Ich könnte noch unangenehmere Dinge erzählen. Aber wer jetzt die Aufsätze von Dr. Johannes Müller über unseren Freund Dr. Rittelmeyer liest, der wird vielleicht gut tun, nicht bloß in diesen Dingen die Gegnerschaft zu suchen, sondern in solchen Beiträgen, von denen ich einen kleinen anführte. Man muß überall nachgehen, ob man nicht viel wahrere Gründe als die an der Oberfläche liegenden findet. Es wurmt, wenn jemand «in angenehmer Erinnerung an die «Philosophie der Freiheit»» herankommt und der andere nicht darauf eingeht und keine Antwort gibt.

[ 25 ] Now I would like to mention something else in this context: Our highly esteemed friend Dr. Rittelmeyer recently wrote in the journal *Die christliche Welt* about the relationship between our spiritual science and religious questions, and in doing so attempted to dispel many other prejudices against our spiritual science in an exceptionally commendable and gratifying manner . I hope that all of you will familiarize yourselves with the essay that Dr. Rittelmeyer published in *Die christliche Welt*. Now, however, Dr. Johannes Müller—who is, of course, known to many—has seen fit to write a series of essays spanning three issues of the same *Die christliche Welt* in opposition to Dr. Rittelmeyer’s treatise. It is truly not my intention to address in any way what Dr. Johannes Müller has written. For a long series of years—one that has no beginning—it has essentially always been my aim not to speak about Dr. Johannes Müller; for I have reasons to keep spiritual science free from dilettantish endeavors and to avoid entangling it in compromises of any kind. And I believe that this is best achieved by not paying attention to it—at least not by speaking about it—since it must, supposedly, have an effect through its own merit, if it is to have any effect at all. I have never mentioned Dr. Johannes Müller in any specific context. Now, in our time there is not much sense of what actually constitutes truth and falsehood in this field. If you go through Johannes Müller’s essays now, you will find that they already contain a good deal of what one must call objective falsehoods—caused by carelessness or by something else. They are brimming with them. Such things must be examined closely. In one instance, I had to characterize such a falsehood: the Dessoir falsehoods in my *Seelenrätsel* (*Riddles of the Soul*). I am now very curious, for the evidence presented there against the professor at the University of Berlin should actually lead to some action. One need only read the essay—the second one I wrote in my book *On the Riddles of the Soul*—about the way Professor Dessoir operates. Anyone, of course, who writes about Dessoir’s book after this essay—which is now available—and fails to take this essay into account is an accomplice to these matters. But people don’t take these things seriously today; many simply make excuses: “I didn’t know”—as if the one who makes a claim weren’t the one who should first properly consider the facts. — Well, as for such trifles as the claim that my posters are “sensationalist” and so on, I’d rather leave it to those who are familiar with Johannes Müller’s lectures and posters to judge; and as for the suggestion that my lectures are designed to capitalize on people’s particular thirst for sensation, I’ll likewise leave that to others to judge. Not long ago, a highly esteemed elderly gentleman—who truly seeks to form a conscientious judgment on these matters—told me that he was actually surprised that so many people attended my lectures, since I did not set out to make them easy. Now it is very easy to prove that Johannes Müller’s accusations are untrue. For in a city where spiritual science has not yet taken root, the mere announcement of my lectures usually does not draw a large crowd; but where many do come, it is because genuine efforts have been made to promote and cultivate interest in such matters in that place. However, I do not wish to dwell on this further; at most, I will point out the final section of Johannes Müller’s statement, in which he goes on at length about my speaking of the “drama of God,” who is to be redeemed through humanity, and the like, and where Johannes Müller fills one and a half columns by quoting a few sentences from any random passage in my book *Christianity as a Mystical Fact*, which he tears out of context as it happens to suit him. But because of what he has omitted beforehand, everything he says becomes utter nonsense. In my book on Christianity, the exact opposite is stated regarding the “Drama of God and its Enchantment.” Johannes Müller, however, excuses himself by claiming that he could not make sense of my writings. I certainly believe him! But without having understood even the slightest bit, Johannes Müller sets about attacking this book. I have often pointed out that this book sees the central theme in the Mystery of Golgotha—unlike all other mysteries. Johannes Müller has no sense of this. So I would never expect him to understand my book, nor do I believe he would be capable of doing so, yet he criticizes it. And here’s the strange thing: this book was published in 1902; so by 1906, it had been available for four years. It was well known that, in that first edition, I had set forth my relationship to the natural sciences on the one hand and to philosophy on the other. *Christianity as a Mystical Fact* had become well known. Well, if Johannes Müller was not yet familiar with it, that is his business. But I mention that it was well known in 1906, and that it was just as much a part of my overall worldview as, for example, my *Philosophy of Freedom*. Anyone who formed an opinion about me in 1906, therefore, had to consider me from the standpoint of my entire worldview and, strictly speaking, could not accept half-measures. So in 1906, the fact was that *Christianity* had already been published for four years. But in 1906, Johannes Müller sent me the book *The Sermon on the Mount*. It bore the following dedication: “To Dr. R. Steiner, in fond memory of *The Philosophy of Freedom*. Mainberg, August 17, 1906.” This matter is one of those in which I was compelled to remain silent; for it was not possible to make compromises along the lines I have spoken of. And I consider it my right, rather than telling someone, “I view your ideas as such and such,” to remain silent when he approaches me in this manner. But remaining silent can, under certain circumstances, annoy people the most. I said that one must look for opposition to spiritual science in the real circumstances. It is often much more unpleasant for people when one uncovers the real circumstances. I could recount even more unpleasant things. But anyone who now reads Dr. Johannes Müller’s essays about our friend Dr. Rittelmeyer would perhaps do well not merely to seek opposition in these matters, but in contributions such as the one I briefly mentioned. One must investigate everywhere to see if one can find reasons that are much more genuine than those lying on the surface. It is irritating when someone approaches the topic “with fond memories of the *Philosophy of Freedom*” and the other person does not address it or offer a response.

[ 26 ] Ich wollte Ihnen diesen kleinen Beitrag vielleicht auch zur Psychologie Johannes Müllers nicht vorenthalten, damit Sie auch dort klarer sehen, als Sie vielleicht bloß durch seine Aufsätze sehen würden.

[ 26 ] I thought I might as well share this brief piece on Johannes Müller’s psychology with you, so that you might gain a clearer understanding of that subject than you might otherwise gain simply from reading his essays.