Erdensterben und Weltenleben
Anthroposophische Lebensgaben
Bewußtseins-Notwendigkeiten für Gegenwart und Zukunft
GA 181
29 Januar 1918, Berlin
Erdensterben und Weltenleben II
[ 1 ] Es ist öfter im Zusammenhange unserer Betrachtungen aufmerksam gemacht worden auf den durch die Zeiten leuchtenden, an dem griechischen Apollotempel stehenden Spruch «Erkenne dich selbst!». Vieles, unendlich vieles von Aufforderung, nach Menschenweisheit und damit nach Weltenweisheit zu streben, liegt in diesem Spruch. Der Spruch hat allerdings eine bedeutsame Erneuerung, eine Vertiefung erfahren durch den Impuls, den das Mysterium von Golgatha gegeben hat. Von allen diesen Dingen werden wir vielleicht, wenn die Zeiten es gestatten, im Verlaufe dieses Winters noch zu sprechen haben. Wir werden versuchen, den Weg zu finden gerade zu solchen Zielen, die damit angedeutet sind.
[ 2 ] Da möchte ich denn heute ausgehen von einer scheinbar äußerlichen Betrachtung des Menschen, also gewissermaßen von einer äußerlichen Form der menschlichen Selbsterkenntnis, die aber nur scheinbar eine äußerliche ist, die trotzdem eine erste, gewichtige Kraft ist, wenn man sich ihrer bemächtigt, um auch in das innere Wesen des Menschen einzudringen. Ich möchte ausgehen, aber eigentlich doch nur scheinbar ausgehen von der äußeren menschlichen Gestalt.
[ 3 ] Eine Betrachtung dieser äußeren menschlichen Gestalt findet man heute in dem, was als Wissenschaft anerkannt ist, eigentlich nur mehr in einem Sinne, der für eine höhere Geistbetrachtung ziemlich unbefriedigend ist. Man darf schon sagen: Wer heute den Menschen als Menschen erkennen will, findet wenig Anregung zu solcher Menschenerkenntnis in der Wissenschaft, allerdings in der Wissenschaft, so wie sie eben in der Gegenwart getrieben wird. Denn, was diese Wissenschaft schon hervorgebracht hat, was vorliegt, das können Sie wiederum aus den verschiedenen Andeutungen meines letzten Buches «Von Seelenrätseln» ersehen. Dieses Buch gibt wichtige, bedeutungsvolle Bausteine zu einer weitausblickenden Erkenntnis des menschlichen Wesens. Aber diese Bausteine werden eben gegenwärtig nicht gesucht. Und was heute Anatomie, Physiologie und so weiter bieten, gibt sehr wenig dem Fragenden, der ernsthaft in das Wesen des Menschen aus einer Erkenntnis der äußeren physischen Menschengestalt eindringen will. Da gibt heute im Grunde genommen viel mehr dasjenige, was künstlerische Betrachtungsweise ist. Man darf schon sagen: Vieles läßt heute die Wissenschaft unbefriedigt. Und wenn jemand sich nur entschließen kann, im Goetheschen Sinne auch in der Kunst, namentlich in der künstlerischen Betrachtung der Welt wirkliche, substantielle Wahrheit zu suchen, so findet er vielleicht heute mehr Wahrheit auf diese Weise, als bei dem, was anerkannte Wissenschaft ist. Es wird in der Zukunft eine Weltanschauung geben, welche gerade die aus der Geisteswissenschaft hervorgegangene sein wird, so wenig man das heute noch durchschauen kann. Eine Weltanschaung wird es geben, die aus einem gewissen menschlichen Erkenntnisbedürfnis wissenschaftliches Empfinden der Welt und künstlerisches Empfinden der Welt in einer höheren Synthese und Harmonie vereinigen wird. Darin wird dann viel mehr Hellsehen sein als in jenem Hellsehen, von dem heute mancher Mensch träumt, aber eben nur träumt.
[ 4 ] Wenn wir an die menschliche Gestalt herantreten, so können wir zunächst etwas Wichtiges an ihr wahrnehmen, wenn wir unseren Blick richten — was Sie gewiß mehr oder weniger alle schon getan haben auf diesen Grundstock der menschlichen Gestalt, der uns im Skelett entgegentritt. Sie alle haben gewiß schon ein menschliches Skelett gesehen und die Differenzierung bemerkt, welche zwischen dem Kopfteil und der übrigen Menschengestalt besteht. Sie werden dabei bemerkt haben, daß der Kopf, das Haupt, in einer gewissen Weise eine abgeschlossene Ganzheit ist, die eigentlich wie auf einer Säule auf alledem aufsitzt, was das Gliedsystem, was den übrigen menschlichen Organismus ausmacht. Man kann sehr leicht beim Skelett den auf dem übrigen menschlichen Organismus ruhenden Kopf abheben. Wenn Sie in dieser Weise die oberflächlichste Differenzierung ins Auge fas‚sen, kann Ihnen auffallen, daß der Kopf, das Haupt, eigentlich mehr oder weniger annähernd kugelförmig gestaltet ist; es ist keine vollkommene Kugelform, aber es ist die Kugelform veranlagt im menschlichen Haupt. Nun muß man als geisteswissenschaftlicher Forscher sogar davor warnen, äußere oberflächliche Analogien einer Erkenntnisbestrebung zugrunde zu legen. Aber die Anschauung des menschlichen Hauptes als der Kugelform sich annähernd ist keine oberflächliche Betrachtung der Form des menschlichen Hauptes; denn der Mensch ist wirklich eine Art Zweiheit zunächst, und die Kugelgestalt seines Hauptes ist keineswegs etwas Zufälliges. Man muß nur ins Auge fassen, was man eigentlich an dem menschlichen Haupt vor sich hat. Erste Andeutungen zu dem, was ich hier meine, wurden gegeben innerhalb unserer geisteswissenschaftlichen Betrachtungen in der Schrift, die ich benannt habe «Die geistige Führung des Menschen und der Menschheit», worin ich schon angedeutet habe, wie in der Tat das menschliche Haupt ein Abbild darstellt des ganzen Universums, des gerade uns äußerlich als Raumkugel, als Hohlkugel entgegentretenden Universums.
[ 5 ] Wenn man diese Dinge bespricht, muß man auf etwas aufmerksam machen, was dem heutigen Menschen für die wichtigste Art der Betrachtung noch fern liegt, was er auf einem Gebiete immer anwendet, was er aber gerade da nicht anwenden will, wo es von ungeheurer Tragweite ist. Niemandem, der einen Kompaß, eine Magnetnadel in die Hand nimmt, und wenn diese Magnetnadel mit einem Ende nach dem magnetischen Nordpol, mit dem andern nach dem magnetischen Südpol gerichtet ist, wird es heute einfallen, die Ursachen dafür, daß diese Magnetnadel sich gerade so richtet, bloß in der Magnetnadel selbst zu suchen; sondern der Physiker wird sich gedrängt fühlen, die Magnetnadel und die von dem magnetischen Nordpol der Erde ausgehende magnetische Kraft als ein Ganzes anzusehen, indem diese magnetische Kraft das eine Ende der Nadel nach dem Nordpol richtet und das andere nach dem Südpol. Da sucht man die Veranlassung zu dem, was in der Magnetnadel im kleinsten Raume geschieht, in dem großen Universum. Dasselbe macht man jedoch nicht, wo man es auch machen sollte, wo es aber sehr darauf ankommen würde, daß man es machte. Wenn jemand heute wahrnimmt — und zwar gerade als Wissenschafter —, daß sich in einem Lebewesen ein anderes Lebewesen bildet, also zum Beispiel, wenn jemand wahrnimmt, daß sich im Huhn das Ei bildet, so geschieht auch etwas im kleinsten Raume; da aber fällt es dem Menschen gewöhnlich nicht ein, das, was er sich bei der Magnetnadel sagen muß, jetzt auch anzuwenden und zu sagen: Es liegt nicht im Huhn, sondern im ganzen Kosmos, daß sich im Huhnkörper der Eikeim bildet. — Gerade so aber, wie an der Magnetnadel das große Universum beteiligt ist, so ist im Huhnkörper, im Mutterhuhn — trotz aller Vorgänge, die daran mitbeteiligt sind — der ganze Kosmos in seiner Sphärengestalt, in seiner Kugelgestalt beteiligt. Diejenigen Vorgänge, die in der Vererbungslinie zurückführen zu den Vorfahren, wirken bloß mit, wenn sich im Mutterorganismus der Eikeim bildet. Das ist heute noch eine Ketzerei gegenüber der offiziellen Wissenschaft, aber doch eine Wahrheit. Und in der verschiedensten Weise wirken die Kräfte des Kosmos mit. Und so wahr es ist, daß sich in der Tat beim Menschen — das, was ich sage, beweist die empirische Embryologie — das Haupt, in seiner Keimanlage zunächst, aus dem ganzen Universum herausbildet, so wahr es ist, daß das menschliche Haupt zuerst im Mutterorganismus entsteht, so wahr ist es auf der andern Seite, daß die ursächlichsten Kräfte zu dieser Entstehung aus dem ganzen Kosmos heraus wirken und daß der Mensch in seinem Haupte ein Abbild ist des ganzen Kosmos. Nur das, was am Haupte hängt, das Skelett, kann man sagen — wenn man es nur besonders beachtet —, das ist eigentlich in seiner Konfiguration, in seiner Formung mehr zusammenhängend mit dem, was in der Vererbungslinie liegt, was mit Vater und Mutter, Großvater und Großmutter zusammenhängt, als mit dem, was im Kosmos draußen ist. So ist auch in bezug auf seine Entstehung, in bezug auf seine Entwickelung der Mensch ein Doppelwesen, zunächst. Er ist seiner Gestalt nach auf der einen Seite aus dem Kosmos herausgebildet, und das kommt in der Kugelgestalt seines Hauptes zum Vorschein; er ist auf der andern Seite herausgebildet aus der ganzen Vererbungsströmung, und das kommt in dem ganzen übrigen Organismus, der ani Kopfe hängt, zum Vorschein. Die ganze äußere Formung des Menschen zeigt ihn uns als ein Zwitterwesen, zeigt uns, daß er einen doppelten Ursprung hat.
[ 6 ] Eine solche Betrachtungsweise hat nicht nur die Bedeutung, daß wir durch sie etwas wissen lernen, sondern noch eine ganz andere. Wer heute nach der Anleitung der gewöhnlichen offiziellen Wissenschaft den Menschen betrachtet, wer zum Beispiel ins Mikroskop hineinschaut und den Keim sich entwickeln sieht, und nur das sieht, was dadrinnen ist — so wie man an der Magnetnadel etwa sehen wollte, warum diese die Fähigkeit hat, sich so in der Richtung von Nord nach Süd einzustellen —, der lebt in einem Gedankenmassiv, das ihn unbeweglich macht und unbrauchbar für das äußere Leben, besonders wenn man so vorgeht wie in der äußeren Wissenschaft. Und wendet man solche Gedanken auf die Sozialwissenschaft an, so genügen sie nicht, oder sie führen zur Weltenschulmeisterei, die man mit einem andern Worte auch «Wilsonianismus» nennen kann. Es handelt sich also darum, welches Denken in uns herangezogen wird, welche Formen in unseren Gedanken entstehen, indem wir uns gewissen Gedanken hingeben. Zu wissen über die Dinge, ist das, was noch die geringere Bedeutung hat. Was in uns die bestimmte Art des Wissens macht, welche Brauchbarkeit sie mit sich bringt, das ist es, worauf es ankommt. Und wenn man einen offenen Sinn dafür hat, den Menschen in Zusammenhang mit dem Weltenganzen anzuschauen, dann werden in uns auch diejenigen Gedanken erweckt, welche in die ethische Weltbetrachtung, in die juristische Weltbetrachtung hineinführen, die in Wirklichkeit die höchste sein soll, die aber heute eben etwas ganz Sonderbares ist. Sie sehen also, es gibt gewisse andere Impulse noch, um ein solches Wissen, wie es hier gemeint ist, aufzusuchen, als die Befriedigung, ich will nicht sagen, der Neugier, sondern der bloßen Wißbegierde.
[ 7 ] So steht der Mensch vor uns als ein Doppelwesen, als ein Zwitterwesen. Das hat eine viel tiefere Bedeutung noch. Und ich möchte heute nur die Grundtöne anschlagen, die uns beschäftigen sollen, um in Ihren Seelen ein Gefühl von der Wichtigkeit dessen, was wir betrachten, hervorzurufen.
[ 8 ] Bleiben wir dabei stehen, daß das Haupt im weiteren Verlaufe unseres Lebens — das Haupt, das uns jetzt entgegentritt als ein Abbild der ganzen Welt — im wesentlichen der Vermittler ist für unser Erkennen, ich will nicht sagen das Werkzeug, denn ich würde damit etwas nicht ganz Richtiges aussprechen. Aber nicht das Haupt allein ist der Vermittler für unser Erkennen — bleiben wir beim Erkennen, beim Wahrnehmen der Welt —, das Haupt vermittelt es, aber auch der übrige Mensch. Und da der übrige Mensch, sogar seinem Ursprunge nach, von dem Haupte ganz verschieden ist, etwas anderes ist, so besteht der Mensch, auch insofern er Erkennender ist, aus dem Kopfmenschen und — ich nenne ihn so, wie ich ihn schon früher genannt habe — dem Herzensmenschen, weil sich im Herzen das andere alles konzentriert. Wir sind in der Tat zwei Menschen: ein Kopfmensch, der wahrnehmend zu der Welt in Beziehung steht, und ein Herzensmensch. Der Unterschied ist der, daß der Mensch, so sehr er manchmal auf die Welt schimpft, lediglich seinen Kopf benutzt zur Erkenntnis. Was liegt dem eigentlich zugrunde? Wenn man Parallelen ziehen würde zwischen der Kopferkenntnis und der Herzenserkenntnis, so würde nicht viel dabei herauskommen. Es würde der, welcher mit dem Herzen zu erfassen vermag, was der Kopf erkennt, wärmer sein in seiner Erkenntnis als der andere. Es würde eine Differenzierung unter den Menschen geben, aber der Unterschied würde nicht sehr groß sein. Wenn man aber nun mit der geisteswissenschaftlichen Erfahrung an die Dinge herantritt, so stellt sich etwas ganz ‚ anderes heraus. Erkenntnisse, Wahrnehmungen eignet man sich ja an. Nach und nach geschieht es, daß die Wahrnehmungen, die Erkenntnisse an uns herankommen. So ist denn das Folgende der Fall. Wie wir uns mit dem Kopfe zur Welt verhalten, wie wir da wahrnehmen und erkennen, das geschieht in einer gewissen Beziehung schnell; und wie wir uns mit dem übrigen Organismus zur Welt erkennend verhalten, das geschieht langsam. Zu all dem übrigen an Differenzierungen, was ich schon im vorigen Winter in bezug auf die Entwickelung der Welt und der Menschen angeführt habe, kommt noch hinzu, daß unser Kopf mit seinem Erkennen eilt, der übrige Organismus nicht eilt. Das hat eine ungeheuer tiefe Bedeutung. Wenn wir schulmäßig erzogen werden, sieht man eigentlich nur auf die Kopferziehung. Die Menschen werden heute nur für den Kopf erzogen; das können sie schulmäßig machen. Denn der Kopf schließt im äußersten Falle, wenn er sich lange an der Erkenntnisentwickelung beteiligt aber bei den meisten Menschen geht es nicht so weit —, in den Zwanzigerjahren des Lebens ab. Dann ist der Kopf fertig mit seinem Erkennen, mit seinem Aneignen der Welt. Der übrige Organismus braucht dafür die ganze Zeit bis zum Tode. Und man kann schon sagen: Der Kopf geht in dieser Beziehung ungefähr dreimal so schnell wie der übrige Organismus; der übrige Organismus hat Zeit, er geht dreimal langsamer, er macht ein ganz anderes Tempo. Daher ist es für den, der die Gabe hat, solche Dinge durch Erkenntnis zu beobachten, klar, daß er, wenn er irgend etwas ergriffen hat durch den Kopf, warten muß, bis er es mit dem ganzen Menschen vereinigt hat. Um etwas als etwas Lebensvolles aufzunehmen, muß man wirklich, wenn das Aufnehmen durch den Kopf etwa einen Tag gedauert hat, drei bis vier Tage warten, bis man es voll aufgenommen hat. Der gewissenhafte Geistesforscher wird nie das erzählen, was er nur mit dem Kopfe aufgenommen hat, sondern nur das, was er mit seinem ganzen Menschen begriffen hat. Das hat eine außerordentliche, weit- und tiefgehende Bedeutung.
[ 9 ] Wir können heute eigentlich unseren Kindern nach den bestehenden Einrichtungen nur eine Art von Kopfwissen geben, wir geben ihnen nicht ein Wissen, das der übrige Organismus verträgt. Es bleibt beim Kopfwissen, bei einem Wissen, das schon so präpariert ist, daß es schnell aufgenommen werden muß durch den Kopf, und daß man sich später daran erinnern kann. Zwar bei Gegenständen, wo es sich um den Unterricht handelt, erinnert man sich später nicht mehr daran, da ist man froh, wenn man die Dinge nur bald nach dem letzten Examen wieder weg hat. Ein Wissen, das ganz von dem übrigen Organismus verarbeitet werden kann, es würde unter allen Umständen später, wenn man sich wieder daran erinnerte, Liebe, Freude, Herzlichkeit dafür entwickeln. Mit den tiefsten Geheimnissen der Mysterien der Menschheit hängt es zusammen, wie man den Unterricht gestalten soll, damit der Mensch später zeitlebens, wenn er auf seine Unterrichtszeit zurücksieht, sich mit Herzlichkeit, mit Freude, mit einer gewissen Beseligung danach zurücksehnen kann.
[ 10 ] Auf diesem Gebiete ist ungeheuer viel zu tun. Denn wer mit den einschlägigen Dingen bekannt ist, der weiß, daß alles, was wir heute insbesondere an Kinder heranbringen, schon von vorneherein so präpariert ist, daß der übrige Organismus es nicht annimmt, daß es später keine Freude macht. Damit hängt aber zusammen, daß die Menschen in unserer Zeit verhältnismäßig früh seelisch altern. Denn das ist ja das Geheimnis des Menschen: Wenn der Kopf zum Beispiel achtundzwanzig Jahre ist, so ist der übrige Organismus, der in seiner Entwickelung nachläuft, erst ein Drittel oder ein Viertel dieser Zeit. Der übrige Organismus hält ein Tempo ein, das dreimal, viermal langsamer ist. Andere Beziehungen werden wir noch kennenlernen. Also der Mensch könnte, wenn man pädagogisch diesen Mysterien entgegenkommen würde, etwas aufnehmen, was so fruchtbar, so gedeihlich ist, daß es ausreichen würde bis zu der Zeit, wo er stirbt. Denn, wenn er bis zum fünfundzwanzigsten Jahre solche Dinge aufgenommen hat und für sie nur dreimal längere Zeit zum Verarbeiten braucht, so würde sie der übrige Organismus bis zum fünfundsiebzigsten Jahre verarbeiten können. Für den Menschen aber in seiner gesamten Wesenheit hat das Wissen, das sich der Kopf aneignet, nicht eine umfassende Bedeutung, sondern nur dasjenige innerlich wissentliche Erleben, das sich der ganze Mensch in seiner ganzen Wesenheit aneignet. Aber demgegenüber ist sogar heute das öffentliche Leben abgeneigt; es will nur das aufnehmen, was Kopfweisheit ist. Denn denken Sie einmal — Sie können sich an den Fingern herzählen die ganze Bedeutung dessen, was ich jetzt meine: Jemand könnte bis zu seinem fünfzehnten Jahre so viel mit dem Kopfe aufnehmen, daß er, wenn er diese Begriffe verarbeitete und wenn diese Begriffe sich zum Beispiel auf die Verwaltung der öffentlichen Angelegenheiten beziehen würden, er mit fünfundvierzig Jahren reif sein würde, in eine Stadtverwaltung, in ein Parlament gewählt zu werden; denn da muß er sich als ein ganzer Mensch hineinstellen. Denn man muß sagen: Wenn man dem Menschen bis zum fünfzehnten Jahre solche Begriffskräfte beibringen kann, daß sie mit seinem ganzen Lebenswesen verarbeitet werden könnten, so wird er mit dem fünfundvierzigsten Jahre reif sein, um in eine Stadtverordnetenversammlung oder in ein Parlament gewählt zu werden. Und den Anschauungen der Alten, die noch ein lebendiges Wissen von diesen Dingen aus den Mysterien hatten, lagen solche Dinge noch zugrunde. Heute dagegen gehen die Bestrebungen dahin, die Altersgrenze möglichst herabzusetzen, denn heute ist jeder mit zwanzig Jahren ebenso reif, wie es sonst jemand mit achtzig war. Aber nicht begierdliche Forderungen können darin entscheiden, sondern nur eine richtige Erkenntnis.
[ 11 ] Diese Dinge haben also schon eine grundbedeutsame Anwendung für das Leben. Unser ganzes öffentliches Leben ist darauf eingestellt, nur das zu berücksichtigen, was die Menschen durch ihre Köpfe sind. Aber trotzdem es so ist, daß eigentlich heute die Menschen, indem sie miteinander sozial verkehren, weisheitsvoll nur mit den Köpfen verkehren, so ist dieser Kopfverkehr — denken Sie nur einmal nach: es ist der ganze soziale Verkehr nur ein Kopfverkehr! — ganz ungeeignet, um ein soziales Leben zu konfigurieren. Denn woher ist denn der Kopf? Der Kopf des Menschen — wir haben das ausgeführt — ist nicht von dieser Erde, er ist gerade aus dem Kosmos heraus geschaffen. Will man mit dem Kopfe die Erdenangelegenheiten besorgen, so kann man es nicht. Mit dem Kopfe ist niemand ein Nationaler, mit dem Kopfe ist niemand ein solcher, der irgendeinem Teil der Erde angehört. Mit dem Kopfe sollen wir nur das entscheiden, was der ganzen Welt angehört. Um jedoch das entscheiden zu können, was der Erde angehört, müssen wir erst während unseres ganzen Lebens mit demjenigen zusammenwachsen, was der Erde angehört und was uns zu einem Bürger der Erde macht, nicht zu einem Bürger des Himmels. Diese Dinge müssen so sein. Was dem öffentlichen Urteile zugrunde liegen kann, das muß man aus den tieferen Erkenntnissen über den Menschen selbst hervorholen. Und wiederum muß man ins Auge fassen — ich will heute nur Fäden zeichnen, die Dinge werden noch weiter ausgeführt werden: Was Goethe als Metamorphosegedanken äußerte, das hat eine tiefe Bedeutung, und das hat eine viel weitere Anwendung noch, als Goethe selbst zu seiner Zeit daraus machen konnte. |
[ 12 ] Unser Haupt ist also herausgebildet aus dem Kosmos. Betrachten wir die Sache geisteswissenschaftlich, so müssen wir sagen: In der ganzen Zeit, die zwischen dem Tode und einer neuen Geburt verläuft, arbeiten wir vor — wir arbeiten ja da im Kosmos —, um unser Haupt zu bilden. Wir arbeiten an unserem Organismus, indem wir vorzugsweise zwischen Tod und neuer Geburt an unserem Haupte arbeiten. Dieses Haupt ist in gewisser Beziehung das Grab der Seele, hinsichtlich dessen, wie die Seele war vor der Geburt oder, wenn wir sagen wollen, vor der Empfängnis. Da kommen jene Tätigkeiten zur Ruhe, die wir zwischen dem Tode und einer neuen Geburt in einem geistigen Leben ausführen. Und zu demjenigen, was in gewisser Beziehung herausgeformt wird aus der geistigen Welt, wird dann dasjenige hinzugefügt, was als angehängt daranhängt aus der Vererbungsströmung. Aber was ist das, was aus der Vererbungsströmung daranhängt? Das ist trotzdem etwas, was mit dem Haupte zusammenhängt. Ich habe schon früher darauf aufmerksam gemacht: Dasjenige was am Menschen ist außer seinem Haupte, das ist die Anlage für das Haupt in der nächsten Inkarnation. Der ganze übrige Organismus ist etwas, was durch Metamorphose übergehen kann zu dem Haupt der nächsten Inkarnation. Die Kräfte, die wir während des ganzen Lebens ausbilden, entreißen sich, wenn wir durch die Pforte des Todes gehen, dem ganzen übrigen Organismus; aber sie bleiben in jenen Formungen, die der übrige Organismus während des Lebens hatte; das trägt man durch die Zeit zwischen Tod und nächster Geburt und formt es um zum Haupte. In unserem Haupte haben wir also immer auch das, was Erbschaft ist aus der früheren Inkarnation. Und in unserem übrigen Organismus haben wir zu gleicher Zeit etwas, was bestimmend wirkt für die Gestaltung unseres Hauptes in der kommenden Inkarnation. In dieser Beziehung sind wir auch eine Zwienatur.
[ 13 ] Denken Sie, wie man, wenn man so anschaut, daß der Mensch wirklich ganz hineingestellt ist in kosmische Zusammenhänge, dann darauf kommt, daß er wirklich nicht bloß in dem Zeitenteil und Raumesteil entsteht und sich bildet, den man im äußeren physischen Anschauen vor sich hat, sondern daß er in einem ungeheuer großen Zusammenhange drinnensteht. Es ist außerordentlich reizvoll, nicht nur so, wie es schon Goethe gemacht hat, hinzuschauen auf einen Knochen der Wirbelsäule und dann auf die Kopfknochen, um sich zu sagen, die Kopfknochen sind nur umgeformte Wirbelknochen, sondern es ist außerordentlich reizvoll zu sehen, wie alles, was am Haupte ist, auch am übrigen Organismus ist. Nur gehört eine außerordentlich vorurteilslose Betrachtung dazu, um nicht nur beispielsweise die Nase und alles, was am Haupte ist, als eine solche Umbildung zu erkennen, sondern auch alles, was am übrigen Organismus, nur in einer jüngeren Metamorphose, ist; das alles wird umgebildet in einer älteren Metamorphose zu dem, was uns dann am Haupte entgegentritt.
[ 14 ] Ich sagte: Pädagogisch sind die Konsequenzen einer solchen Anschauung außerordentlich wichtig, und wird sich einmal das Denken der Menschen dieser geisteswissenschaftlichen Erkenntnis zuwenden, dann werden ungeheuer bedeutungsvolle Forderungen für so etwas, wie es zum Beispiel die praktische Pädagogik ist, hervorgehen.
[ 15 ] Vor allen Dingen ist eines bedeutsam: Wir werden alt in unserem Leben. Aber eigentlich können wir nur sagen, unser physischer Leib wird alt. Denn so sonderbar es ist — ich habe das auch schon erwähnt —, unser Ätherleib, der nächste geistige Teil unseres Wesens, wird immer jünger. Je älter wir werden, desto jünger wird unser ätherischer Leib. Und während wir Runzeln bekommen und kahlköpfig werden dem physischen Leibe nach, werden wir, oder können wir wenigstens dem ätherischen Leibe nach immer pausbackiger und blühender werden. Aber wir müssen allerdings — so wie schon die äußere Natur dafür sorgt, daß der physische Leib älter wird — dafür sorgen, daß unser Ätherleib Jugendkräfte zugeführt erhält. Das können wir aber nur, wenn wir durch den Kopf solche geistige Vorstellungsnahrung einführen, daß sie ausreicht, um im ganzen Leben verarbeitet zu werden.
[ 16 ] Es kann einem geisteswissenschaftlichen Betrachter vorschweben, wie man Kinder in frühester Jugend darüber unterrichtet, wie der Mensch ein Abbild ist des gesamten Universums, ein Abbild der göttlichen weisen Weltenordnung, aber einer solchen göttlichen Weltenordnung, daß es unmittelbar, elementar ergriffen wird, und nicht indem man dem Menschen unverstandene Bibelworte vorsagt. Das alles aber muß aus dem Geiste der Geisteswissenschaft geschaffen werden, dann wird es ein vollsaftigeres Kopfwissen geben als heute. Das aber wird für den Menschen zeit seines Lebens ein Quell der Verjüngung sein, während unser gegenwärtiger Unterricht nicht ein solcher Quell der Verjüngung ist, sondern das Gegenteil. Und wenn wir heute in der glücklichen Lage sind, wegen unseres früheren Unterrichtes nicht die fürchterlichsten Sauertöpfe zu sein, so ist das nur deshalb, weil die heutige Art, für den Kopf zu sorgen — die sich seit ungefähr vier Jahrhunderten vorbereitet hat und die heute auf ihren Gipfelpunkt gelangt ist —, noch nicht so viel hat ruinieren können von dem, was doch aus alten Zeiten als Erbkultur vorhanden ist. Aber wenn wir so fortfahren, daß wir bloß für den Kopf unterrichten, dann sind wir auf dem besten Wege, wirklich Sauertöpfe zu erziehen. Ich habe schon neulich gesagt — der Krieg hat ja die Sache unterbrochen —: Groß waren in den Jahren vor dem Kriege die Züge nach den Sanatorien, groß waren die Mittel, [die der Mensch aufwendete], um seine Nervosität wegzubringen.
[ 17 ] Das alles hängt damit zusammen, daß dem Kopfe nicht das gegeben wird, was der ganze Mensch braucht. Ich habe es auch erwähnt, wie wenig man findet, daß in der richtigen Art einiges für diese Dinge gesorgt wird. Denn ich muß immer wieder daran denken, wie ich vor einigen Jahren einmal ein Sanatorium aufsuchte, um dort jemanden zu besuchen. Wir kamen gerade hin, als Mittagszeit war. Die ganze Menge der Sanatoriumsgäste defilierte an uns vorbei. Es waren ja zum Teil recht merkwürdige Menschenkinder, die wirklich ihre Nervosität zum Teil auf ihrem Gesichte geschrieben hatten und ihr Hände- und Füßegezappel hatten. Aber ich lernte dann den Allernervösesten, den Allerzappeligsten in jenem Sanatorium kennen, nämlich den dirigierenden Arzt. Und es muß schon gesagt werden, daß ein dirigierender Arzt nicht die rechte Hand findet zur Kur für seine Gäste, wenn er selbst derjenige ist, dem die Kur am meisten not täte. Sonst jedoch war er ein außerordentlich liebenswürdiger Mensch, aber er war ein Beispiel für diejenigen Menschen, die in ihrer Jugend jedenfalls nicht das aufgenommen haben, was sie zeitlebens verjüngt halten kann. Solche Dinge lassen sich nicht durch irgendwelche vereinzelten Reformen ändern und aus Verhältnissen, in denen sie sind, in andere Verhältnisse bringen; solche Dinge lassen sich nur verbessern, wenn der ganze soziale Organismus verbessert wird. Daher muß man seine Aufmerksamkeit auf den ganzen sozialen Organismus richten. Es ist schon durch die großen Weltgesetze dafür gesorgt, daß der Mensch als einzelner auf solchem Gebiete seinen Egoismus nicht befriedigen kann, sondern daß er gewissermaßen sein Heil nur finden kann, wenn er es sucht in der Gemeinsamkeit mit den andern.
[ 18 ] So stelle ich mir vor — und jeder, der nicht bloß das, was im Sinnlichen lebt, wie es heute üblich ist, sich vorstellt, sondern der hinauszublicken vermag von dem Sinnlichen ins Übersinnliche, aus dem die Kräfte hereinkommen müssen zur Reformation der Welt für die nächste Zukunft, kann sich das vorstellen —, so stelle ich mir vor, daß auf solchem Gebiete, aber auch noch auf andern, die Einführung des Geisteswissenschaftlichen in das Leben geschehen kann, dadurch geschehen kann, daß man in ehrlicher, aufrichtiger Weise im Konkreten das ausarbeitet, wozu die Geisteswissenschaft die Impulse geben kann. Sie sehen, man braucht in dem Sinne, von dem wir ja oft gesprochen haben und immer wieder sprechen werden, nicht zu drängen nach visionärem Hellsehen, sondern man braucht nur sinnvoll den Menschen als Ebenbild der Weltengeistigkeit zu erfassen, dann kommt einem schon die Geistigkeit. Man kann unmöglich den Menschen in seiner Ganzheit auffassen und durchschauen, ohne daß man das, was als Geistiges dem Menschen zugrunde liegt, durchschaut und ins Auge faßt. Aber eines ist notwendig, ich habe öfter darauf aufmerksam gemacht: die Ablegung einer gegenüber allen Weltanschauungsfragen heute so furchtbar vorhandenen Untugend, die Ablegung der Erkenntnisbequemlichkeit des Menschen. Unsere ganze geisteswissenschaftliche Betrachtung zeigt uns ja, daß man Schritt für Schritt vorwärtsgehen muß, daß man Neigung haben muß, auf Einzelheiten einzugehen, um ein Ganzes aus diesen Einzelheiten aufzubauen, daß man gewissermaßen vom sinnlich Nächstliegenden ausgehen muß, um ins Übersinnliche aufzusteigen. Man kann an dem sinnlich Nächstliegenden das Übersinnliche fast mit Händen greifen. Denn wer in richtiger Weise das menschliche Haupt ins Auge fassen kann, der sieht in ihm das, was aus dem ganzen Weltenall herausgebildet ist, und er sieht in dem übrigen Menschenorganismus dasjenige, was sich wieder hineinbildet ins Weltenall, um wieder zurückzukommen aus dem Weltenall in der nächsten Inkarnation. Man kann, wenn man richtig das äußere Sinnenfällige betrachtet, schon in ganz rechter Art zu dem Übersinnlichen kommen. Aber man hat nötig, die Unbequemlichkeit auf sich zu nehmen, den Menschen wenigstens so weit zu seinem Rechte kommen zu lassen, daß man ihm in bezug auf seine Erkenntnis das zugesteht, was man beispielsweise der Uhr oder einem ganz gewöhnlichen Dinge zugesteht. Jeder, wenn er nur ein bißchen gelernt hat, wie die Sachen mechanisch zusammenwirken, wird zugeben, eine Uhr nicht zu verstehen, ohne den Zusammenhang der Räder ins Auge zu fassen. Über den Menschen jedoch redet jeder, ohne eine solche Anforderung zu stellen, und zwar glaubt jeder auch über das höchste Wesen des Menschen reden zu können, und beruft sich dann sehr häufig darauf, daß er sagt: Ja, die Wahrheit muß eben «einfach» sein —, und dann jene Anklage gegen die Geisteswissenschaft zimmert, die immer darin besteht, daß die Geisteswissenschaft ja viel zu kompliziert sei. Die menschliche Begierde mag allerdings dahin gehen, in fünf Minuten oder vielleicht in gar keiner Zeit sich das anzueignen, was zur Erkenntnis des höchsten Wesens des Menschen notwendig ist. Aber der Mensch ist nun einmal ein kompliziertes Wesen. Gerade darin besteht seine Größe im Weltenall, daß er ein kompliziertes Wesen ist, und man muß den Hang nach Bequemlichkeit der Erkenntnis überwinden, wenn man wirklich in das Wesen des Menschen eindringen will. Für unsere Zeit gibt es kein Verständnis desjenigen, was not tut, wenn man sich nicht in die Lage versetzen will, die ganze Kompliziertheit der menschlichen Natur wenigstens ahnungsvoll zu durchdringen. Denn dadurch, daß wir nur Kopfwissen pflegen, daß wir nicht mit dem ganzen Menschen das, was das Haupt lernt, verarbeiten wollen, und schon dem Haupte nicht so etwas geben, was von dem ganzen Menschen verarbeitet werden kann, dadurch stellen wir den Menschen in die soziale Ordnung so hinein, daß wir gewissermaßen das irdische Leben nicht zum Abbilde eines übersinnlichen, geistigen Lebens machen wollen. Wir leiden an einem merkwürdigen Zwiespalt. Das ist aber jetzt nicht ein Zwiespalt wie die andern Zwiespältigkeiten, von denen ich jetzt gesprochen habe, sondern das ist ein schädlicher Zwiespalt, den wir überwinden müssen.
[ 19 ] Das menschliche Leben hat sich im Laufe der Entwickelung verändert. Um das zu beobachten, braucht man nur vier Jahrhunderte zurückgehen, ja nicht einmal so weit. Wer nicht aus der landläufigen Literaturgeschichte, sondern wer aus der Geistesgeschichte das Leben aus seiner Wirklichkeit kennt, der weiß, wie unendlich verschieden das Leben und Denken noch des 18. Jahrhunderts von dem des 19. Jahrhunderts ist. Wir brauchen nur etwas zurückzugehen und werden sehen, wie seit vier Jahrhunderten das ganze menschliche Denken sich geändert hat. Das ganze menschliche Denken, das sich so geändert hat, ist allmählich bis zum 20. Jahrhundert dazu gekommen, immer abstraktere Begriffe auszubilden. Es sind immer mehr Kopfbegriffe gekommen. Wenn wir die vollsaftigen Begriffe der Menschen im 13., im 14. Jahrhundert nehmen, wenn wir die Naturwissenschaft dieser Jahrhunderte ansehen: Es ist ein grandioser Unterschied gegenüber dem Abstrakten, gegenüber der trockenen Gesetzmäßigkeit der heutigen Naturwissenschaft! Es gibt ein sehr bekanntes Buch, das dem Basilins Valentinus zugeschrieben wird. Sehr interessante Dinge finden sich darin. Vor kurzem hat nun ein schwedischer Gelehrter ein Buch über die «Materie» geschrieben und auch verschiedenes von Valentinus darin zitiert, und sein Urteil darüber ist: Das verstehe, wer kann; man kann es eben nicht verstehen. — Wir glauben es sehr gern, daß er nichts von diesem Buche des Valentinus verstehen kann. Denn Valentinus gelesen mit den Begriffen, die man aus der Physik und Chemie heute mitbringt, ist ganz unverständlich! Das hängt mit denselben Dingen zusammen, mit denen etwa die Tatsache zusammenhängt, daß sich die gute alte Lebensweisheit «Morgenstunde hat Gott und Gold im Munde» umgewandelt hat im Laufe der Zeit in jene andere Lebensweisheit «Morgenstunde hat Gold im Munde». Dadurch ist der gut europäische Ausspruch «Morgenstunde hat Gott und Gold im Munde» amerikanisch geworden: «Morgenstunde hat Gold im Munde.»
[ 20 ] Jene alte Zeit war in bezug auf die Beschreibung und die Auffassung der Natur durchdrungen von dem, was aus dem ganzen Menschen kommt. Heute ist es Kopfwissen. Dadurch ist es auf der einen Seite abstrakt, trocken und füllt den Menschen nicht sein ganzes Leben hindurch aus; und auf der andern Seite ist es doch sehr geistig. Wir stehen vor dieser Zwienatur, daß wir das Geistigste eigentlich heute erzeugen; diese abstrakten Begriffe sind das Geistigste, was es geben kann, aber sie sind unfähig, den Geist zu begreifen. Es ist ungeheuer leicht einzusehen, in welchen Zwiespalt der Mensch hineinkommt durch jene geistigen Begriffe, die er sich ausgebildet hat. Er ist gerade in diesen geistigen Begriffen merkwürdigerweise Materialist geworden. Aber wenn die Begriffe richtig sind, würde nie der Materialismus aus ihnen entstehen. Einfach das Vorhandensein der abstrakten Begriffe ist schon die erste Widerlegung des Materialismus. In diesem Zwiespalte leben wir drinnen. Wir haben uns seit vier Jahrhunderten ungeheuer vergeistigt, und wir müssen in diesem Geistigen, das wir nur abstrakt haben, wieder das lebendige Geistige finden. Wir sind dazu aufgestiegen, nur gegenständliche Begriffe zu haben, aber wir müssen wieder zur Imagination, zur Inspiration, zur Intuition kommen. Wir haben abgelegt, was aus früherer uralter Erbweisheit in Imaginationen, Inspirationen und Intuitionen uns überkommen war. Wir müssen es wiederbekommen, nachdem wir uns der Vollsaftigkeit des Wissens des ganzen Menschen soweit entäußert haben.
[ 21 ] Das ist etwas, was einen schon erfüllen kann mit dem Ernst gegenüber dem Geisteswissenschaftlichen. Und wenn ich in diesen zwei Vorträgen, die ich jetzt wieder vor Ihnen halten durfte, mehr einleitend gesprochen habe, so war meine Absicht, zu zeigen, wie aus der äußerlichsten Betrachtung des Menschen der Impuls hervorgehen kann, sich mit demjenigen zu beschäftigen, was der Welt geistig zugrunde liegt. Es wird die Menschheit im Verfolgen dieser Impulse und Ideen auf etwas kommen, was ihr heute so ungeheuer abgeht: innere Wahrhaftigkeit. Man kann nicht wirklich fruchtbar nach dem Geist streben, wenn man nicht in innerer Wahrhaftigkeit strebt, und man wird niemals fehl gehen, wenn man sich durch Lebenserfahrung die Erkenntnis erwirbt, daß eine richtige Harmonie zwischen Kopfwissen und Herzenswissen nur möglich ist, wenn man sich wahrhaftig in das Leben hineinstellt. Denn deshalb wollen gerade die Menschen der Gegenwart das Kopfwissen nicht in Herzenswissen überführen, weil das Herzenswissen nicht nur länger braucht, sondern weil es auch gegen das Kopfwissen reagiert, es zurückstößt, wenn es unwahr ist. Der übrige Mensch macht sich dann als eine Art Gewissen bemerkbar. Davor fürchtet sich die nur für den Kopf geneigte Menschheit der Gegenwart.
[ 22 ] Und jetzt zum Schlusse — weil es sich für uns ja immer darum handeln muß, wenn wir so unter uns zusammen sind, auch die Stellung unseres geisteswissenschaftlichen Strebens, das wir in solcher Art charakterisierten, wie es heute und das letzte Mal geschehen ist, in der ganzen Welt einzusehen —, zum Schlusse einige Bemerkungen, die sich für uns unmittelbar praktisch ergeben.
[ 23 ] Geisteswissenschaft kann auch nur gedeihen, wenn man mit ihr Ernst macht in der Wahrhaftigkeit; denn sie muß ja an tiefste Bedürfnisse der Menschheit gerade in der Gegenwart herangehen. Sie muß sich jenen Gewissensqualen aussetzen, die sehr leicht entstehen können, wenn das Herz zum Kopfe Nein sagt. Denn immer sagt das Herz zum Kopfe Nein, wenn nicht Geistiges gesucht wird, oder wenn Wissen nur angestrebt wird aus einem bloßen Egoismus, aus Begierde, Ehrgeiz und so weiter. Aus diesem Grunde war es schon notwendig, in dem Betriebe der Geisteswissenschaft nach keiner Seite hin auch nur leise Kompromisse aufkommen zu lassen. Geisteswissenschaft muß aus sich selbst heraus positiv betrieben werden; man kann nicht Kompromisse schließen mit Halbheiten, Viertelheiten oder Achtelheiten; es ist heute eine zu ernste Angelegenheit. Wir dürfen wohl, nachdem wir einiges einleitend gesagt haben, diese Bemerkungen folgen lassen, die nicht persönlich gemeint sind, wenn sie auch an Persönliches anschließen. Einen großen Teil der Gegnerschaft gegen die Geisteswissenschaft kann man nur verstehen, wenn man ihn seiner Genesis nach, seinem Werden nach ins Auge faßt. Da oder dort tritt zum Beispiel jemand auf, der sich in der heftigsten Weise gegen die Geisteswissenschaft wendet. Es gibt auch andere Fälle, als ich jetzt meine, aber in vielen Fällen geht die Gegnerschaft gegen Geisteswissenschaft aus so etwas hervor, wie ich jetzt einen konkreten Fall anführen will.
[ 24 ] Ich war einmal in Frankfurt am Main, um Vorträge zu halten. Da telephonierte mich jemand an, daß ein Herr mich sprechen wollte. Ich hatte nichts dagegen und sagte, er könne mich dann und dann sprechen. Der Betreffende kam und sagte: « Ach, ich bin Ihnen eigentlich seit langer Zeit immer so nachgereist, um zu sehen, ob ich Sie einmal sprechen könnte.» Ich konnte nichts dagegen haben, aber ich hatte auch nichts dafür. Der Betreffende redete dann so um allerlei herum. Aber man kann schon nicht anders, als Geisteswissenschaft ernst zu nehmen, und wenn man das will, dann muß man manches, was sich aufspielt und als gelehrt erweisen will, abweisen. Man kann nicht mit allem Möglichen Kompromisse schließen. Ich war nicht unhöflich gegen den Mann, aber ich ließ ihn ablaufen, ließ ihn merken, daß ich weiter keine Notiz von ihm nehmen würde. Es war meine tiefste Überzeugung, daß der Mann hohles Zeug herumtredete, aber daß er dabei Anlehnung suchte. Das trat ja wirklich in unzähligen Fällen hervor. — Was ich jetzt sage, spreche ich nicht aus Albernheit, sondern um eben gewisse Vorgänge zu charakterisieren. — Also ich mußte diesen Mann ablaufen lassen. Es war vieles außerordentlich schmeichelhaft, was der Mann sagte, aber es kam nur darauf an, oban seinen «auch» geisteswissenschaftlichen Bestrebungen etwas Wahres sei. Bald darnach traten in der Schweiz Ankündigungen dieses Mannes auf, aus denen hervorging, daß über das «Dämonische», über das «Teuflische» der Steinerschen Geisteswissenschaft in Grund und Boden zu reden wäre. — Ich könnte auch noch eine Nachgeschichte dieser Sache erzählen, aber das will ich schon nicht. Es ist dies aber eine von den Arten, wie da oder dort Gegner auftreten. Es sind sehr häufig Menschen, welche eigentlich irgendwie Zusammenhang gesucht haben, und deren Suchen nach Zusammenhang eben aus bestimmten Gründen ignoriert werden mußte. Vieles mußte ignoriert werden, um die Geisteswissenschaft rein zu erhalten. Das mußte man sich schon auferlegen.
[ 25 ] Nun will ich im Zusammenhang damit etwas anderes erwähnen, Unser sehr verehrter Freund Dr. Rittelmeyer hatte vor kurzem in der Zeitschrift «Die christliche Welt» über das Verhältnis unserer Geisteswissenschaft zur religiösen Frage gesprochen und dabei versucht, manches andere Vorurteil gegen unsere Geisteswissenschaft in einer außerordentlich anerkennenswerten und dankenswerten Weise zurück‚zuweisen. Ich hoffe, daß sich alle von Ihnen mit dem Aufsatze, der von Dr. Rittelmeyer in der «Christlichen Welt» erschienen ist, bekanntmachen werden. Nun aber hat sich Dr. Johannes Müller, der ja vielen bekannt ist, bemüßigt gesehen, eine Reihe von Aufsätzen über drei Nummern in derselben «Christlichen Welt» gegen diese Abhandlung Dr. Rittelmeyers zu schreiben. Es ist wirklich nicht meine Absicht, irgendwie auf das einzugehen, was Dr. Johannes Müller geschrieben hat. Denn seit einer langen Reihe von Jahren, die nach vorne keinen Anfang hat, war es im wesentlichen immer mein Bestreben, über Dr. Johannes Müller nicht zu reden; denn ich habe Gründe, die Geisteswissenschaft von dilettantischen Bestrebungen freizuhalten, sie nicht irgendwie in Kompromisse zu verwickeln. Und ich glaube, daß dies am besten zu erreichen ist, wenn man sich um das nicht kümmert, wenigstens nicht sprechend kümmert, was ja angeblich durch seinen eigenen Wert wirken muß, wenn es wirken kann. Niemals habe ich Dr. Johannes Müller in einem besonderen Zusammenhange erwähnt. Nun besteht ja in unserer Zeit nicht viel Gefühl dafür, was auf diesem Gebiete eigentlich in Wirklichkeit Wahrheit und Unwahrheit ist. Wenn Sie die Johannes Müllerschen Aufsätze jetzt durchgehen, so werden Sie finden, daß sie schon ein gut Stück von dem enthalten, was man durch Leichtsinn bewirkte oder durch sonst etwas bewirkte objektive Unwahrheiten nennen muß. Sie strotzen davon. Solche Dinge muß man nahe ins Auge fassen. Ich hatte in einem Falle eine solche Unwahrheit zu charakterisieren: die Dessoitschen Unwahrheiten in meinen «Seelenrätseln». Ich bin nun sehr gespannt, denn auf das, wie dort dem Professor an der Berliner Universität nachgewiesen ist zu schreiben, müßte eigentlich etwas erfolgen. Man lese nur den Aufsatz, den ich als zweiten in meinem Buche «Von Seelenrätseln» geschrieben habe über die Art, wie Professor Dessoir wirkt. Jeder natürlich, der nach diesem Aufsatze, der jetzt vorliegt, über das Dessoirsche Buch schreibt und diesen Aufsatz nicht berücksichtigt, ist ein Mitschuldiger an diesen Dingen. Aber diese Sachen nimmt man heute nicht so, indem mancher sich heute ausredet: Ich habe es nicht gewußt —, als ob nicht der, welcher etwas behauptet, die Dinge erst richtig ins Auge zu fassen hätte. — Nun, über derlei Kinkerlitzchen, daß meine Plakate «marktschreierisch» und so weiter wären, darüber lasse ich lieber diejenigen urteilen, welche die Johannes Müllerschen Vorträge und Plakate kennen; und daß bei meinen Vorträgen auf die besondere Sensationsbedürftigkeit der Menschen spekuliert werden sollte, darüber lasse ich ebenfalls andere urteilen. Es ist noch nicht lange her, da hat mir ein sehr geschätzter alter Herr, der sich wirklich ein sehr gewissenhaftes Urteil über diese Dinge bilden will, gesagt, er wundere sich eigentlich, daß in meine Vorträge so viele Menschen kämen, denn ich legte es gar nicht darauf an, daß sie leicht wären. Nun kann man sehr leicht beweisen, daß die Johannes Müllerschen Beschuldigungen unwahr sind. Denn auf die bloße Ankündigung hin kommen in einer Stadt, wo die Geisteswissenschaft noch nicht Fuß gefaßt hat, gewöhnlich nicht sehr viele Leute in meine Vorträge; wo aber viele kommen, da kommt das daher, weil an solchem Orte wirklich darum geworben und gearbeitet worden ist. Ich will jedoch nicht weiter darauf eingehen, höchstens noch auf den letzten Abschnitt der Johannes Müllerschen Aussprache hinweisen, die sich darin ergeht, daß ich von dem «Drama Gottes» spreche, der durch den Menschen erlöst werden soll und dergleichen, und wo Johannes Müller anderthalb Spalten dadurch zustande bringt, daß er an einer beliebigen Stelle aus meinem Buche «Das Christentum als mystische Tatsache» einige Sätze bringt, die er aus ihrem Zusammenhange herausreißt, wie es ihm gerade einfällt. Aber durch das, was er vorher ausgelassen hat, wird alles, was er sagt, zum absolutesten Unsinn. In meinem Buche über das Christentum wird über das «Drama Gottes und seine Verzauberung» das Gegenteil gesagt. Johannes Müller redet sich jedoch damit heraus, daß er aus meinen Schriften nicht hat klar werden können. Das glaube ich ihm ganz bestimmt! Aber ohne auch nur das geringste verstanden zu haben, macht sich Johannes Müller über dieses Buch her. Ich habe öfter darauf aufmerksam gemacht, daß dieses Buch in dem Mysterium von Golgatha — im Unterschiede von allen übrigen Mysterien — den Hauptnerv sieht. Dafür hat Johannes Müller keine Empfindung. Ich würde also niemals verlangen, daß er mein Buch verstehen sollte, glaube auch nicht, daß er dazu in der Lage wäre, aber er kritisiert es. Und das Merkwürdige ist dies: Im Jahre 1902 ist dieses Buch gedruckt worden; es lag also im Jahre 1906 viex Jahre lang vor. Man wußte, ich habe gerade damals in der damaligen ersten Auflage mein Verhältnis zur Naturwissenschaft auf der einen Seite, zur Philosophie auf der andern Seite auseinandergelegt. Das «Christentum als mystische Tatsache» ist bekanntgeworden. Nun, wenn es Johannes Müller noch nicht bekanntgeworden ist, so ist das seine Sache. Aber ich erwähne, daß es 1906 bekannt war, und daß} es ebenso mit meiner Gesamtweltauffassung verbunden war, wie zum Beispiel meine «Philosophie der Freiheit». Wer sich also im Jahre 1906 über mich eine Meinung bildete, der mußte mich vom Standpunkte meiner ganzen Weltanschauung aus nehmen und konnte im Grunde genommen nicht Halbheiten nehmen. Also 1906 war die Tatsache da, daß das «Christentum» vier Jahre bereits erschienen war. 1906 aber wurde mir das Buch «Die Bergpredigt» von Johannes Müller zugeschickt. Darin stand als Widmung: «Herrn Dr. R. Steiner in angenehmer Erinnerung an die «Philosophie der Freiheit». Mainberg, 17. VIII. 06.» Diese Angelegenheit gehört zu denjenigen, wo ich in die Notwendigkeit versetzt war, zu ignorieren; denn es war nicht möglich, Kompromisse zu schließen nach jenen Richtungen, von denen ich gesprochen habe. Und ich betrachte es als mein gutes Recht, statt jemandem zu sagen: Ich sehe Ihre Dinge als dies und das an —, zu schweigen, wenn er in dieser Weise an mich herantritt. Aber daß man schweigt, ärgert unter Umständen die Leute am allermeisten. Ich sagte, man müsse die Gegnerschaft gegen die Geisteswissenschaft in den realen Verhältnissen suchen. Das ist den Leuten oft viel unangenehmer, wenn man die realen Verhältnisse aufdeckt. Ich könnte noch unangenehmere Dinge erzählen. Aber wer jetzt die Aufsätze von Dr. Johannes Müller über unseren Freund Dr. Rittelmeyer liest, der wird vielleicht gut tun, nicht bloß in diesen Dingen die Gegnerschaft zu suchen, sondern in solchen Beiträgen, von denen ich einen kleinen anführte. Man muß überall nachgehen, ob man nicht viel wahrere Gründe als die an der Oberfläche liegenden findet. Es wurmt, wenn jemand «in angenehmer Erinnerung an die «Philosophie der Freiheit»» herankommt und der andere nicht darauf eingeht und keine Antwort gibt.
[ 26 ] Ich wollte Ihnen diesen kleinen Beitrag vielleicht auch zur Psychologie Johannes Müllers nicht vorenthalten, damit Sie auch dort klarer sehen, als Sie vielleicht bloß durch seine Aufsätze sehen würden.
