Donate books to help fund our work. Learn more→

The Rudolf Steiner Archive

a project of Steiner Online Library, a public charity

DONATE

Erdensterben und Weltenleben
Anthroposophische Lebensgaben
Bewußtseins-Notwendigkeiten für Gegenwart und Zukunft
GA 181

5 Februar 1918, Berlin

Erdensterben und Weltenleben III

[ 1 ] Was wir wiederholt auseinandergesetzt haben, was wir hier öfter von den verschiedensten Gesichtspunkten aus besprochen haben: daß jener Wechselzustand zwischen Wachen und Schlafen eine tiefere Bedeutung im Menschenleben noch hat, als es für die äußere Beobachtung scheint — man sollte dieses für eine Gesamtweltbetrachtung, für ein im idealsten Sinne praktisches Stehen in der Welt wohl bedenken. Für die gewöhnliche Beobachtung liegt ja die scheinbare Tatsache vor, daß der Mensch mit seinem Bewußtsein wechselt zwischen Wachzustand und Schlafzustand. Wir wissen, daß dies nur eine scheinbare Tatsache ist. Denn wir haben es von den verschiedensten Gesichtspunkten aus oftmals besprochen, daß der sogenannte Schlafzustand nicht bloß dauert zwischen Einschlafen und Aufwachen, sondern daß er für einen gewissen Teil unseres Wesens auch andauert in der Zeit vom Aufwachen bis zum Einschlafen. Wir müssen schon sagen: Wir sind niemals vollständig, dutchgreifend mit unserem Gesamtwesen wach. Der Schlaf dehnt sich in unseren Wachzustand hinein aus. Mit einem Teile unseres Wesens schlafen wir fortwährend. Wir können uns nun fragen: Mit welchem Teile unseres Wesens sind wir eigentlich fortdauernd während des sogenannten Wachens wirklich wach?

[ 2 ] Wir sind wach mit Bezug auf unsere Wahrnehmungen, mit Bezug auf alles, was wir vom Aufwachen bis zum Einschlafen aus der sinnlichen Welt herein durch unsere Sinne wahrnehmen. Das ist ja gerade das Charakteristische des gewöhnlichen Wahrnehmens, daß wir von einem Nichtverbundensein mit der äußeren Sinneswelt übergehen beim Erwachen zu einem Verbundensein mit ihr, daß eben sehr bald unsere Sinne beginnen tätig zu sein, und dies reißt uns heraus aus jenem dumpfen Zustand, den wir im gewöhnlichen Leben als den Schlafzustand kennen. Also mit unseren. Sinneswahrnehmungen sind wir im wahren Sinne des Wortes wach. Weniger wach schon — eine ordentliche Selbstbeobachtung kann das jedem ergeben, wir haben es auch öfter erwähnt, und Sie können Genaueres darüber in meinem Buche «Von Seelenrätseln» finden —, weniger wach, aber so, daß wir den Zustand als wirkliches Wachsein bezeichnen können, sind wir mit Bezug auf unser Vorstellungsleben. Wir müssen ja das Wahrnehmungsleben von dem eigentlichen Denk- und Vorstellungsleben unterscheiden. Wenn wir abgezogen von der Sinneswahrnehmung, also nicht nach außen gewandt, nachdenken, so sind wir bei diesem Nachdenken schon im gewöhnlichen Sinn des Wortes und auch im höheren Sinn des Wortes wach, wenn auch dieses Wachsein im bloßen Vorstellungsleben immerhin eine Nuance vom Träumerischen hat, beim einen Menschen mehr, beim andern weniger. Wenn sich auch bei manchen Menschen in das Vorstellungsleben gut Träumerisches hineinmischen kann, so können wir doch im großen und ganzen sagen: Wir sind wach, auch wenn wir vorstellen.

[ 3 ] Aber nicht wach sind wir, indem wir fühlen. Gewiß, die Gefühle wogen herauf aus einem unbestimmten, undifferenzierten Seelenleben, und dadurch, daß wir die Gefühle vorstellen, daß sich immer Vorstellungen, also wache Tätigkeiten hineinmischen in das Fühlen, meinen wir, im Fühlen seien wir auch wach. Das ist jedoch in Wirklichkeit nicht so. In Wirklichkeit ist die Regsamkeit unserer Seele im Fühlen ganz genau dieselbe wie im gewöhnlichen 'Träumen. Es besteht eine tiefe Verwandtschaft zwischen dem Traumzustande und dem eigentlichen Gefühlszustande. Würden wir jederzeit fähig sein, das, was wir träumen — der größte Teil des Traumlebens geht uns ja verloren —, ebenso mit dem Vorstellen zu beleuchten, wie wir unser Gefühlsleben beleuchten, so würden wir über das Traumleben ganz genau in demselben Grade Bescheid wissen wie über das Gefühlsleben, denn die eigentlichen Gefühle sind nicht anders in der Seele anwesend als die Träume. Gefühle, Affekte, sogar in gewissem Sinne das Leidenschaftsleben ist in unserer Seele so anwesend wie das Träumen. Kein Mensch kann durch sein Wachleben sagen, was sich eigentlich da abspielt, wenn er fühlt, oder in dem, was er fühlt. Das wogt, wie gesagt, herauf aus einem unbestimmten, undifferenzierten Seelenleben, und das wird dann durch das Licht des Vorstellens beleuchtet. Aber es ist ein Traumleben. Diese Verwandtschaft des Affekt- und Gefühlslebens mit dem Traumleben haben ja auch Nichtokkultisten gut erkannt, zum Beispiel der vorzügliche Ästhetiker Friedrich Theodor Vischer, der oft betont hat, welche tiefe Verwandtschaft im Seelenleben des Menschen besteht zwischen Fühlen und Träumen.

[ 4 ] Noch weiter unten im Seelenleben liegt nun das eigentliche Willensleben. Was weiß denn der Mensch darüber, was eigentlich in seinem Inneren vorgeht, wenn er sagt: Ich will ein Buch ergreifen —, und wenn der Arm sich ausstreckt und das Buch ergreift? Was sich da vollzieht zwischen Muskel und Nerv, was da im Organismus vor sich geht und was auch in der Seele vor sich geht, damit ein Willensimpuls in Bewegung, in Handlung übergeht, das wird vom Menschen nicht stärker gewußt, als die Ereignisse des tiefen traumlosen Schlafes von ihm gewußt werden. Es ist in der Tat so: Das eigentliche Wesen unseres Willenslebens wird wieder von unserem Vorstellungsleben beleuchtet. Dadurch erscheint es so, als wenn es uns bewußt wäre, ‚ aber das eigentliche Wesen des Willenslebens liegt in Wirklichkeit auch vom Aufwachen bis zum Einschlafen in einem vollständigen Schlafzustande.

[ 5 ] Wir sehen also: Wirklich wach, im richtigen Sinne des Wortes . wach sind wir nur in bezug auf unser Wahrnehmen in der Sinneswelt und unser Vorstellungsleben; schlafend, auch in bezug auf den Wachzustand, sind wir mit Bezug auf das Gefühlsleben, das wir eigentlich träumen, und gar erst mit Bezug auf unser Willensleben, das wir eigentlich fortwährend verschlafen. So dehnt sich der Schlafzustand in den Wachzustand hinein aus. Stellen wir uns also vor, wie wir da durch die Welt schreiten: Was wir mit unserem Bewußtsein wachend durchleben, ist eigentlich nur die Wahrnehmung der Sinneswelt und unsere Vorstellungswelt; und eingebettet in dieses Erleben des Menschen ist eine Welt, in der unsere Gefühle und Willensimpulse schwimmen, eine Welt, die um uns herum ist, wie die Luft um uns herum ist, aber die in das gewöhnliche Bewußtsein gar nicht hereintritt. Wer an die Sache so herantritt, wird wahrhaftig nicht sehr weit davon entfernt sein, um sich herum eine sogenannte übersinnliche Welt anzuerkennen.

[ 6 ] Nun hat das Ganze, was ich jetzt gesagt habe, aber bedeutsamere Konsequenzen. Hinter dem, was ich erwähnt habe, verstecken sich bedeutsame Tatsachen des Gesamtlebens. Wer das Leben kennenlernt, welches die Menschenseele zwischen dem Tode und einer neuen Geburt führt — Sie brauchen sich ja nur in mehr abstrakter Form mit diesem Leben bekanntzumachen durch den Vortragszyklus «Inneres Wesen des Menschen und Leben zwischen Tod und neuer Geburt», der im Frühling 1914 in Wien gehalten wurde und der gedruckt ist —, wer sich damit bekanntmacht, der wird sehen, daß wir in dieser Welt, die wir da schlafend durchwandeln, gemeinsam mit den sogenannten Toten leben. Die Toten sind ja fortwährend da. Sie sind sich bewegend, sich verhaltend in einer übersinnlichen Welt da. Wir sind nicht von ihnen getrennt durch unsere Realität, wir sind von ihnen nur getrennt durch den Bewußtseinszustand. Wir sind nicht anders von den Toten getrennt, als wir im Schlafe getrennt sind von den Dingen um uns herum: Wir schlafen in einem Raume, und wir sehen nicht Stühle und vielleicht anderes nicht, das in dem Raume ist, trotzdem es da ist. Wir schlafen im sogenannten Wachzustande mit Bezug auf Gefühl und Willen mitten unter den sogenannten Toten — wir nennen es nur nicht so —, geradeso wie wir die physischen Gegenstände nicht wahrnehmen, die um uns herum sind, wenn wir schlafen. Wir leben also nicht getrennt von der Welt, in der die Kräfte der Toten walten; wir sind mit den Toten in einer gemeinsamen Welt. Geetrennt von ihnen sind wir für das gewöhnliche Bewußtsein nur durch den Bewußtseinszustand.

[ 7 ] Dieses. Wissen von dem Zusammensein mit den Toten wird einer der wichtigsten Bestandteile sein, welchen die Geisteswissenschaft dem allgemeinen Menschheitsbewußtsein, der allgemeinen Menschheitskultur für die Zukunft einzupflanzen hat. Denn die Menschen, welche glauben, daß dasjenige, was vor sich geht, nur dadurch vor sich geht, daß die Kräfte wirken, die man im Sinnesleben wahrnimmt, kennen eben nichts von der Wirklichkeit; sie wissen nicht, daß in das Leben, welches sich hier abspielt, die Kräfte der Toten fortwährend hereinwirken, daß sie fortwährend da sind. Und wenn Sie sich jetzt erinnern, was ich im ersten Vortrage gesagt habe, wo ich ausführte, daß man im Grunde genommen heute in der materialistischen Zeit eine ganz falsche Ansicht über das geschichtliche Leben hat, daß wir die Geschichte in ihren wirklichen Impulsen eigentlich träumen oder verschlafen, so werden Sie sich auch eine Vorstellung davon bilden können, daß in dem, was wir vom geschichtlichen Leben verträumen oder verschlafen, die Kräfte der Toten leben können. Eine Geschichtsbetrachtung wird in der Zukunft kommen, die mit den Kräften derjenigen rechnen wird, welche durch des Todes Pforte gegangen sind und mit ihren Seelen in der Welt zwischen dem Tode und einer neuen Geburt leben. Ein Bewußtsein mit der Gesamtmenschheit, auch mit der sogenannten toten Menschheit, wird der Menschheitskultur eine ganz neue Färbung zu geben haben.

[ 8 ] Die Betrachtungsweise, die sich dem Geistesforscher ergibt, der nun praktische Anwendung von dem eben Gesagten machen kann, zeigt manche konkrete Einzelheit über dieses Zusammenleben der sogenannten Lebenden mit den sogenannten Toten. Würde der Mensch bis in seine Gefühle und bis in seine Willensimpulse ihrem Wesen nach mit seinem Vorstellen hinunterleuchten können, dann würde er ein fortwährendes lebendiges Bewußtsein von dem Dasein der Toten haben. Das hat er nun allerdings nicht. Und das gewöhnliche Bewußtsein hat es nicht aus dem Grunde, weil sich die Dinge merkwürdig verteilen innerhalb unseres Bewußtseinslebens. Man könnte sagen: Für das Begreifen eines höheren Weltenzusammenhanges ist eigentlich viel wichtiger als die Anschauung des Wachzustandes und des Schlafzustandes etwas Drittes. Was ist dieses Dritte?

[ 9 ] Dieses Dritte ist, was dazwischen liegt, was für den gegenwärtigen Menschen eigentlich immer nur ein Augenblick ist, an dem er so votbeigeht: Es ist das Aufwachen und das Einschlafen. Der gegenwärtige Mensch hat nicht viel Aufmerksamkeit für das Aufwachen und das Einschlafen. Und dennoch: Aufwachen und Einschlafen sind im Gesamtbewußtsein des Menschen außerordentlich wichtig. Wie wichtig sie sind, das ergibt sich, wenn man die von Unbewußtheit durchzogenen Erlebnisse des gewöhnlichen Bewußtseins erhellt mit den Erlebnissen des hellseherischen Bewußtseins. Nachdem wir so viele Jahre Vorbereitungen für so etwas gepflogen haben, können wir ja ganz unbefangen aus den übersinnlichen Tatsachen ‚heraus solche Dinge auch einmal beleuchten.

[ 10 ] Es gibt durchaus eine Möglichkeit für das hellsichtige Bewußtsein, nicht nur im allgemeinen sich bekanntzumachen mit den Tatsachen der übersinnlichen Welt, mit der Welt, in der wir uns zum Beispiel aufhalten zwischen Tod und neuer Geburt, sondern es gibt eine Möglichkeit für das hellsichtige Bewußtsein — obwohl diese Möglichkeit nicht so leicht ist, wie die eben genannte und charakterisierte —, im einzelnen, wenn ich mich grob ausdrücken will, in Kontakt, in Korrespondenz zu kommen mit der einzelnen entkörperten Seele. Das wissen Sie ja. Einfügen will ich nur noch: Schwieriger — schwierig für das allgemeine wissenschaftliche Begreifen der übersinnlichen Verhältnisse — ist die Beobachtung nur aus dem Grunde, weil da viel mehr Hindernisse zu überwinden sind. So wenig es in der Gegenwart vielen Menschen gelingt, allgemeine wissenschaftliche Resultate über die übersinnliche Welt zu gewinnen, so kann man doch nicht sagen, daß dies außerordentlich schwierig ist; denn es ist nicht etwas, was der gewöhnlichen menschlichen Seelenfähigkeit so durchaus fern liegt. . Aber schwieriger ist es, im einzelnen mit diesen Seelen in Verbindung zu kommen, aus dem einfachen Grunde, weil die reale, die konkrete einzelne Verbindung der hier im Leibe lebenden Menschenseele mit der entkörperten Seele voraussetzt, daß der, der solche Verbindung anstrebt, der in die Lage kommt, solche Verbindung zu haben, Kontakt also mit einzelnen entkörperten Seelen zu haben, wirklich in einem gewissen höheren Maße in rein Geistigem leben kann, unbeirrt durch den Umstand, daß solches konkretes Leben im rein Geistigen sehr leicht gerade niedere Triebe des Menschen erwecken kann, aus Gründen, die ich oft angeführt habe: daß die höheren Fähigkeiten der übersinnlichen Wesenheiten mit niederen Trieben der Menschen nicht mit höheren Trieben der im Leibe verkörperten Menschen Verwandtschaft haben, wie die niederen Triebe übersinnlicher Wesenheiten mit den höheren, geistigen Eigenschaften der Menschen Verwandtschaft haben. Ich beschreibe es als ein bedeutendes Geheimnis im Verkehr mit der übersinnlichen Welt, ein Geheimnis, an dessen Inhalt sehr leicht der eine oder der andere scheitern kann. Aber wenn diese Klippe überwunden wird, wenn der Mensch übersinnlichen Verkehr haben kann, ohne daß er dadurch von der Welt geistiger Erlebnisse abgelenkt wird, so ist ein solcher Verkehr durchaus möglich. Aber er gestaltet sich sehr, sehr verschieden von dem, was man gewohnt ist, hier in der sinnlichen Welt als Verkehr anzusehen.

[ 11 ] Ich will ganz im Konkreten sprechen: Wenn Sie hier in der Sinneswelt von Mensch zu Mensch reden, so reden Sie, der andere antwortet Ihnen. Sie wissen, Sie erzeugen Ihre Worte durch Ihr Stimmorgan; die Worte kommen aus Ihren Gedanken heraus. Sie fühlen, Sie sind der Schöpfer Ihrer Worte. Sie wissen, Sie hören sich, während Sie sprechen, und während der andere antwortet, hören Sie den andern, und Sie wissen dann: Sie sind still, den andern hören Sie jetzt. — Sehen Sie, man gewöhnt sich tief ein in ein solches Verhältnis dadurch, daß man sich nur bewußt ist, in der physischen Welt mit andern Wesen zu verkehren. Der Verkehr mit den entkörperten Seelen ist aber nicht so. So merkwürdig es klingt: Der Verkehr mit den entkörperten Seelen ist genau umgekehrt. Wenn Sie selber Ihre Gedanken dem Entkörperten mitteilen, so sprechen nicht Sie, sondern es spricht er. Es ist genau so, wie wenn Sie mit jemandem sprechen würden, und das, was Sie denken, was Sie mitteilen wollen, sprechen nicht Sie aus, sondern das spricht der andere aus. Und was der sogenannte Tote Ihnen antwortet, kommt Ihnen nicht zu von außen, sondern das steigt von Ihrem Inneren auf, das erleben Sie als Innenleben. Daran muß sich das hellsichtige Bewußtsein erst gewöhnen, muß sich erst gewöhnen, daß man selber in dem andern der Fragende ist, und daß der andere in einem der Antwortende ist. Diese vollständige Umstülpung des Wesens ist notwendig.

[ 12 ] Wer bekannt ist mit solchen Dingen, der weiß, daß solche Umstülpung des Wesens nicht leicht ist. Denn sie widerspricht allem, was der Mensch gewohnt ist; denn die Gewohnheiten bilden sich im Laufe des Lebens aus; aber nicht nur das, sie widerspricht sogar allem, was dem Menschen angeboten ist. Denn zu glauben, daß man selber spricht, wenn man frägt, und daß der andere still ist, wenn man antwortet, das ist doch dem Menschen angeboren. Und dennoch ist das eben Gesagte der Fall im Verkehr mit den übersinnlichen Wesen. Diese Umstülpung des Wesens, die das hellsichtige Bewußtsein erfährt, wird Sie aber darauf aufmerksam machen können, daß ein gut Teil von der Nichtwahrnehmbarkeit der Toten darauf beruht, daß sie eben mit den Lebenden in einer Weise verkehren, wie es den Lebenden nicht nur ungewohnt, sondern ganz unmöglich erscheint. Die Lebenden hören einfach nicht, was ihnen die Toten sagen aus der Tiefe ihres Wesens heraus; und die Lebenden achten nicht darauf, wenn ein anderer dasselbe sagt, was sie selbst denken, was sie selbst fragen wollen.

[ 13 ] Nun liegt aber die Sache so, daß von zwei für den gegenwärtigen Menschen vorüberhuschenden Bewußtseins-Mittelzuständen — vom Aufwachen und Einschlafen — immer nur der eine geeignet ist für das Fragen und der andere nur für das Antworten. Das Eigentümliche ist, daß, wenn wir einschlafen, dieser Moment des Einschlafens besonders günstig ist für das Fragenstellen an den Toten, das heißt, für das Hören der Fragen, die wir an den Toten stellen, von ihm aus. Wenn wir einschlafen, sind wir besonders dafür disponiert, aus dem Toten herauszuhören, was wir fragen wollen. Nun schlafen wir aber im gewöhnlichen Bewußtsein gleich hinterher ein, und die Folge ist, daß wir tatsächlich Hunderte von Fragen an die Toten stellen, von Hunderten von Dingen zu den Toten im Einschlafen reden, daß wir aber nichts davon wissen, weil wir hinterher einschlafen. Dieser vorübergehende Moment des Einschlafens ist ein Moment von ungeheurer Bedeutung für unseren Verkehr mit den Toten. Und wiederum der Moment des Aufwachens: Er disponiert uns ganz besonders dazu, die Antworten der Toten zu vernehmen. Würden wir nicht sogleich in das sinnliche Wahrnehmen übergehen, sondern würden wir beim Momente des Aufwachens verweilen können, so würden wir in diesem Momente sehr geeignet sein, Botschaften von den Toten entgegenzunehmen. Nur würden diese Botschaften uns so erscheinen, als wenn sie aus unserem eigenen Inneren aufsteigen.

[ 14 ] Sie sehen, zwei Gründe gibt es für das eine und für das andere, warum das gewöhnliche Bewußtsein nicht auf den Verkehr mit den Toten achtet. Der eine liegt darin, daß wir sogleich an das Aufwachen und an das Einschlafen einen Zustand anschließen, der geeignet ist auszulöschen, was wir in diesen Momenten erleben; der andere ist, daß die Dinge uns, sagen wir, ungewohnt oder eigentlich unmöglich vorkommen. Wenn wir einschlafen: Die hundert Fragen, die wir an die Toten richten können und auch wirklich richten, sie gehen im Schlafleben unter aus dem Grunde, weil wir ganz ungewohnt sind, das, was wir fragen, zu hören und nicht zu sagen. Und das wiederum, was uns der Tote beim Aufwachen sagt, beurteilen wir nicht so, als ob es von dem Toten käme, weil wir es nicht erkennen, wir halten es für etwas, was aus uns selbst aufsteigt. Das ist der zweite Grund, warum sich der Mensch nicht hineinfindet in den Verkehr mit den Toten.

[ 15 ] Diese allgemeinen Erscheinungen werden allerdings doch zuweilen durchbrochen, und zwar in der folgenden Weise. Was der Mensch im Einschlafen erlebt als das Von-sich-aus-Fragenstellen an die Toten, setzt sich in einer gewissen Weise durch den Schlafzustand hindurch fort. Wir blicken, indem wir weiterschlafen, unbewußt zurück zu dem Moment des Einschlafens, und durch diese Tatsache können sich Träume einstellen. Solche Träume können tatsächlich Wiedergaben sein der Fragen, die wir an die Toten stellen. Das ist schon einmal so, daß wir in den Träumen viel mehr, als wir meinen, uns den Toten nähern, zu den Toten hinsprechen, wenn auch das, was im Traume erlebt wird, unmittelbar schon beim Einschlafen gesprochen war. Aber der Traum holt es herauf aus den undifferenzierten Tiefen der Seele. Doch der Mensch mißdeutet es leicht; er nimmt die Träume, wenn er sich dann später an sie als Träume erinnert, meistens nicht als das, was sie sind. Träume sind eigentlich immer ein aus unserem Gefühlsleben hervorgehendes Zusammenleben mit den Toten. Wir haben uns zu ihnen hinbewegt, und der Traum gibt uns eigentlich oft Fragen, die wir an Tote gestellt haben. Er gibt uns schon unser subjektives Erlebnis, aber so, als wenn es von außen kommen würde. Der Tote spricht zu uns, aber wir sprechen es eigentlich selber. Es scheint . nur so, als wenn der Tote spricht. Es sind in der Regel nicht Botschaften, die von den Toten kommen, was uns in den Träumen entgegentritt, sondern der Traum, den wir von den Toten haben, ist der Ausdruck des Bedürfnisses dafür, daß wir mit den Toten zusammen sind, daß es uns gelungen ist, mit den Toten im Momente des Einschlafens zusammenzukommen.

[ 16 ] Der Moment des Aufwachens überbringt uns die Botschaften von den Toten. Dieser Moment des Aufwachens wird ausgelöscht durch das nachfolgende Sinnesleben. Aber es kommt doch auch die Tatsache vor, daß wir im Aufwachen, wie aus dem Inneren der Seele heraufsteigend, irgend etwas haben, von dem wir, wenn wir nur eine genauere Selbstbeobachtung haben, sehr gut wissen können: Es kommt nicht aus unserem gewöhnlichen Ich heraus. Das sind oftmals Botschaften der Toten.

[ 17 ] Sie werden mit diesen Vorstellungen zurechtkommen, wenn Sie nicht schief denken über ein Verhältnis, das Ihnen ja jetzt vor die Seele getreten sein wird. Sie werden sagen: Dann ist der Moment des Einschlafens geeignet, um an den Toten Fragen zu stellen; der Moment des Aufwachens ist geeignet, um von dem Toten die Antworten zu bekommen. Das liegt also auseinander. Sie werden dies nur richtig beurteilen, wenn Sie die Zeitverhältnisse in der übersinnlichen Welt richtig ins Auge fassen. Dort ist das wahr, was in einer merkwürdigen Intuition Richard Wagner in dem Satz ausgesprochen hat: Die Zeit wird zum Raume. — Es wird wirklich in der übersinnlichen Welt die Zeit zum Raume, so wie ein Raumpunkt dort ist, ein anderer dort. Also ist die Zeit nicht vergangen, sondern ein Raumpunkt ist nur in einer größeren oder geringeren Entfernung. Die Zeit wird wirklich übersinnlich zum Raume. Und der Tote spricht nur die Antworten, indem er etwas weiter von uns absteht. Das ist natürlich wieder ungewohnt. Aber das Vergangene ist nicht vergangen in der übersinnlichen Welt; das ist da, es bleibt da. Und mit Bezug auf das Gegenwärtige handelt es sich nur um das Sich-Gegenüberstellen an einem andern Ort gegenüber dem Vergangenen. Das Vergangene ist ebensowenig fort in der übersinnlichen Welt, wie das Haus fort ist, aus dem Sie heute abend weggegangen sind, um hierher zu kommen. Das ist an seinem Orte, und so ist das Vergangene in der übersinnlichen Welt nicht weg, es ist da. Und ob Sie nun nahe oder mehr entfernt sind von dem Toten, das hängt von Ihnen selbst ab, wie weit Sie mit dem Toten gekommen sind. Es kann sehr weit sein, kann aber auch sehr nahe sein.

[ 18 ] Wir sehen also: Dadurch, daß wir nicht nur schlafen und wachen, sondern aufwachen und einschlafen, stehen wir in einer fortwährenden Korrespondenz, in einem fortwährenden Kontakt mit den Toten. Sie sind immer unter uns, und wir handeln wirklich nicht nur unter dem Einfluß derjenigen, die als physische Menschen um uns herum leben, sondern wir handeln auch unter dem Einfluß derer, die durch des Todes Pforte gegangen sind und einen Zusammenhang mit uns haben.

[ 19 ] Ich möchte heute solche Tatsachen hervorheben, die uns immer tiefer und tiefer von einem gewissen Gesichtspunkte aus in die übersinnliche Welt hineinführen.

[ 20 ] Nun können wir einen Unterschied machen zwischen verschiedenen Seelen, welche durch des Todes Pforte gegangen sind, wenn man einmal erfaßt hat, daß ein solcher Kontakt fortwährend mit den Toten da ist. Wenn wir eigentlich immer durch das Feld der Toten gehen, entweder indem wir im Einschlafen Fragen stellen an die Toten, oder Antworten von ihnen bekommen im Aufwachen, dann wird es uns auch nahegehen, wie wir mit den Toten in Verbindung stehen, je nachdem die Toten durch des Todes Pforte gegangen sind als jüngere Menschen oder als ältere. Die Tatsachen, die hier zugrunde liegen, zeigen sich allerdings nur dem hellsichtigen Bewußtsein. Aber das ist ja nur das Wissen davon, die Realität findet fortwährend statt. Jeder Mensch steht so mit den Toten in Verbindung, wie es eben durch das hellsichtige Bewußtsein ausgesprochen wird. Wenn jüngere Menschen — Kinder oder Jugendliche — durch des Todes Pforte gehen, dann zeigt sich namentlich, daß ein gewisser Zusammenhang bestehen bleibt zwischen den Lebendigen und diesen Toten, ein Zusammenhang, der anderer Art ist, als wenn ältere Menschen in Frage kommen, die in der Abenddämmerung ihres Lebens durch die Todespforte gegangen sind. Da ist ein durchgreifender Unterschied. Wenn wir Kinder verlieren, wenn jugendliche Menschen von uns weggehen, ist es eigentlich so, daß sie im Grunde genommen gar nicht richtig von uns weggehen, sondern eigentlich bei uns bleiben. Das zeigt sich dem hellsichtigen Bewußtsein dadurch, daß die Botschaften, die beim Aufwachen uns zukommen, gerade lebendig, lebhaft sind, wenn es sich um Kinder oder jugendliche Personen handelt, die gestorben sind. Da ist eine Verbindung zwischen den Zurückgebliebenen und den Verstorbenen vorhanden, die man schon so bezeichnen kann, daß man sagt: Ein Kind, einen jugendlichen Menschen hat man in Wirklichkeit gar nicht verloren; sie bleiben eigentlich da. — Und sie bleiben vor allem aus dem Grunde da, weil sie nach dem Tode ein lebendiges Bedürfnis darnach zeigen, in unser Aufwachen hineinzuwirken, in unser Aufwachen hinein Botschaften zu senden. Es ist schon sehr merkwürdig, aber es ist so, daß mit alledem, was mit dem Aufwachen zusammenhängt, das jugendlich verstorbene Menschenkind außerordentlich viel zu tun hat. Dem hellsichtigen Bewußtsein wird es ganz besonders interessant, wie es eigentlich jugendlich früh verstorbenen Seelen zu danken ist, wenn die Menschen im äußeren physischen Leben eine gewisse Frömmigkeit, eine gewisse Neigung zur Frommheit empfinden. Denn das sagen ihnen die früh verstorbenen Seelen. Ungeheuer viel wird mit Bezug auf Frömmigkeit gewirkt durch die Botschaften der früh verstorbenen Seelen.

[ 21 ] Anders ist es, wenn Seelen im Alter, im physischen Alter dahingehen. Da können wir das, was sich dem hellsichtigen Bewußtsein zeigt, in einer andern Weise darstellen. Wir können sagen: Die verlieren uns nicht, denen bleiben wir mit unseren Seelen. — Merken Sie den Gegensatz: Die jugendlichen Seelen verlieren wir nicht, sie bleiben unter uns; die älter verstorbenen Seelen verlieren uns nicht, die nehmen gewissermaßen etwas von unseren Seelen mit sich. — Es ist nur vergleichsweise gesprochen, wenn ich mich vergleichsweise ausdrücken darf. Die älter verstorbenen Seelen ziehen uns mehr zu sich hin, während die jugendlich Verstorbenen sich mehr zu uns hinziehen. Daher haben wir selbst im Momente des Einschlafens viel an die älteren verstorbenen Seelen zu sagen, und wir können ein Band zur geistigen Welt besonders dadurch weben, daß wir uns geeignet machen, uns an die älteren verstorbenen Seelen im Momente des Einschlafens zu richten. Mit Bezug auf diese Dinge kann der Mensch wirklich einiges tun.

[ 22 ] Wir sehen also, wir stehen mit den Toten in einer fortwährenden Verbindung; wir haben eine Art Fragen und Antworten, eine Wechselwirkung mit den Toten. Um uns besonders zum Fragen geeignet zu machen, also gewissermaßen um den Toten nahezukommen, ist folgendes das richtige. Gewöhnliche abstrakte Gedanken, also Gedanken, die aus dem materialistischen Leben heraus sind, bringen uns wenig mit den Toten zusammen. Die Toten leiden auch unter unseren Zerstreuungen im rein materiellen Leben, wenn sie in irgendeiner Weise zu uns gehören. Wenn wir dagegen das festhalten und pflegen, was uns gefühlsmäßig und willensmäßig mit den Toten zusammenbringt, dann bereiten wir uns gut dazu vor, an die Toten entsprechende Fragen zu richten, bereiten uns gut dazu vor, im Momente des Einschlafens mit den Toten in Beziehung zu kommen. Diese Beziehungen sind ja vorzugsweise dadurch vorhanden, daß die betreffenden Toten im Leben mit uns in Zusammenhang gestanden haben. Der Zusammenhang im Leben begründet das, was weiter folgt für den Zusammenhang nach dem Tode. Es gibt natürlich einen Unterschied, ob ich mit irgend jemandem gleichgültig spreche oder mit Anteil, ob ich mit ihm so spreche, wie ein Mensch mit einem . andern spricht, wenn er diesen andern lieb hat, oder ob ich mich gleichgültig verhaltend spreche. Es gibt einen großen Unterschied, ob ich mit jemandem wie beim Five-o’clock-tea rede oder ob mich ganz besonders interessiert, was ich von dem andern vernehmen kann. Wenn man intimere Beziehungen schafft im Leben zwischen Seele und Seele, solche Beziehungen, die auf Gefühlen und Willensimpulsen beruhen, und wenn man, nachdem eine Seele durch des Todes Pforte gegangen ist, vorzugsweise solche gefühlsmäßigen Beziehungen, solches Interesse an der Seele, solche Neugier zu den Antworten, die sie geben wird, festhalten kann, oder wenn man vielleicht den Drang hat, ihr selbst etwas zu sein, wenn man in diesen Reminiszenzen zu der Seele leben kann, Reminiszenzen, die nicht aus dem Inhalte des Vorstellungslebens zu der Seele fließen, sondern aus den Beziehungen zwischen Seele und Seele, dann ist man besonders geeignet, um im Momente des Einschlafens fragend an die Seele heranzukommen. Um dagegen Antworten, Botschaften zu bekommen im Momente des Aufwachens, dazu wird man besonders geeignet, wenn man fähig und geneigt ist, auf das Wesen des betreffenden Toten während seines Lebens erkennend einzugehen. Bedenken Sie, wie man, besonders in der Gegenwart, an den Menschen vorbeigeht, ohne sie wirklich kennenzulernen. Was kennen eigentlich heute die Menschen voneinander? Es gibt — wenn man gleich dieses etwas sonderbare, frappierende Beispiel nehmen darf — Ehen, die Jahrzehnte dauern, ohne daß die beiden Eheleute sich auch nur irgendwie kennenlernen. Es ist so. Es ist aber durchaus möglich — was nicht von einem Talent abhängt, es ist eigentlich von der Liebe abhängig —, verständnisvoll auf das Wesen des andern einzugehen und dadurch eine wirkliche Vorstellungswelt von dem andern in sich zu tragen. Das aber bereitet besonders gut dazu vor, im Momente des Aufwachens von dem Toten selbst Antworten zu empfangen. Daher ist man eigentlich auch eher geneigt, beim Aufwachen von einem Kinde, von einem Jugendlichen Antworten zu empfangen, weil man Jugendliche doch noch immer eher kennenlernt als die, welche sich verinnerlicht haben und älter geworden sind.

[ 23 ] So können die Menschen schon etwas dazu tun, um in der rechten Weise das Verhältnis zwischen den Lebenden und den Toten zu begründen. Eigentlich ist unser ganzes Leben von diesem Verhältnis durchzogen. Wir sind als Seelen eingebettet in die Sphäre, in der auch die Toten sind. Der Grad — das habe ich schon vorhin gesagt —, in dem wir fromm sind, hängt sehr stark damit zusammen, wie die jugendlich verstorbenen Menschen auf uns wirken. Und würden nicht jugendlich verstorbene Menschen in das Leben hereinwirken, so gäbe es wahrscheinlich überhaupt keine Frömmigkeit. Daher verhalten sich die Menschen zu jung verstorbenen Seelen am besten so, daß sie das Andenken mehr im allgemeinen halten. Trauerfeiern für Kinder oder jugendlich verstorbene Menschen sollten immer etwas Kultushaftes, etwas Generelleres haben. Man sollte beim Tode von jugendlich Verstorbenen eine Art von Kultus haben. Die katholische Kirche, die alles auf das jugendliche, auf das kindliche Leben abnuanciert, die es überhaupt nur mit Kindern zu tun haben möchte, Kinderseelen zu verwalten haben möchte, sie wendet daher wenig die Bitte an, individuelle Reden zu halten für das kindliche Leben, das mit dem Tode geschlossen hat. Das ist ganz besonders gut. Die Trauer, die wir um Kinder haben, ist anderer Art, als unsere Trauer um ältere Leute. Die Trauer um Kinder möchte ich am liebsten Mitgefühltrauer nennen; denn die Trauer, die wir um ein Kind haben, das uns hinweggestorben ist, ist eigentlich vielfach eine Reflexion aus unserer eigenen Seele gegenüber dem Wesen des Kindes, das eigentlich dageblieben ist in unserer Nähe. Wir leben das Leben des Kindes mit, und das Wesen des Kindes macht da die Trauer mit. Es ist Mitgefühltrauer. Wenn die Trauer dagegen besonders gegenüber älter verstorbenen Personen auftritt, kann man sie nicht als Mitgefühltrauer bezeichnen; sie ist dann immer als eine egoistische zu bezeichnen, und sie wird am besten durch die Erwägung getragen, daß der Tote uns dann eigentlich mitnimmt, wenn er älter geworden ist; er verliert uns nicht, wenn wir versuchen, uns geeignet zu machen, um mit ihm zusammenzukommen. Daher können wir dem älteren Toten gegenüber das Andenken mehr individuell gestalten, mehr in Gedanken tragen, können in Gedanken vereint bleiben mit dem, was wir in Gedanken mit ihm gepflogen haben, wenn wir versuchen, nicht als ein unbequemer Genosse uns zu benehmen. Er hat uns, aber er hat uns auf eine sonderbare Art, wenn wir Gedanken haben, die gar nicht von ihm aufgenommen werden können. Wir bleiben bei ihm, aber wir können ihm zur Last werden, wenn er uns mitschleppen muß, ohne daß wir solche Gedanken in uns hegen, die er mit sich vereinigen kann, die er geistig in entsprechender Weise anschauen kann.

[ 24 ] Bedenken Sie, wie konkret das herauskommt, was unsere Beziehungen zu den Toten sind, wenn wir wirklich geisteswissenschaftlich unsere Beziehungen zu den Toten beleuchten können, wenn wir wirklich in der Lage sind, das ganze Verhältnis der Lebenden zu den Toten ins Auge zu fassen. Es wird der Menschheit der Zukunft schon wichtig werden, dies ins Auge zu fassen. So trivial es klingt — weil man sagen kann, daß jede Zeit eine Übergangszeit ist —, unsere Zeit ist doch eine Übergangszeit. Unsere Zeit muß übergehen in eine spirituellere Zeit. Sie muß wissen, was aus dem Reiche der Toten kommt, muß wissen, daß wir hier von den Toten so umgeben sind, wie von der Luft. Es wird in Zukunft einfach eine reale Empfindung sein: Wenn jemand älter hinweggestorben ist, darfst du ihm nicht zum Alp werden; du wirst ihm aber zum Alp, wenn du Gedanken in dir trägst, die er nicht in sich aufnehmen kann. Bedenken Sie, wie sich das Leben bereichern kann, wenn wir dies in uns aufnehmen. Dadurch wird ja erst das Zusammenleben mit den Toten zu einem realen gemacht werden.

[ 25 ] Ich habe öfter gesagt: Geisteswissenschaft will nicht eine neue Religion gründen, will auch nicht etwas Sektiererisches in die Welt setzen, sonst verkennt man sie vollständig. Ich habe dagegen oft betont, daß sie das religiöse Leben der Menschen vertiefen kann, indem sie reale Grundlagen schafft. Das Totenandenken, der Totenkult hat seine religiöse Seite. Auf dieser Seite des religiösen Lebens wird eine Grundlage geschaffen, wenn das Leben geisteswissenschaftlich beleuchtet wird. Aus dem Abstrakten werden die Dinge herausgehoben, indem das Richtige geschieht. Es ist zum Beispiel nicht gleichgültig für das Leben, ob einem jugendlichen Menschen oder einem älteren eine richtige Totenfeier gehalten wird. Denn diese Dinge, ob eine richtige oder eine falsche Totenfeier einem Verstorbenen gehalten wird, das heißt eine Feier, die nicht aus dem Bewußtsein heraus kommt, was ein jugendlich verstorbener Mensch ist und was ein älter verstorbener — diese Tatsache, ob eine Totenfeier richtig oder unrichtig gemacht wird, ist für das Zusammenleben der Menschen viel wichtiger als ein Gemeinderatsbeschluß oder ein Parlamentsbeschluß, so sonderbar es klingt. Denn die Impulse, die im Leben wirken, werden aus den Menschenindividuen selber herauskommen, wenn die Menschen im richtigen Verhältnis zu der Welt der Toten stehen. Heute möchten die Menschen alles durch abstrakte Struktur der sozialen Ordnung einrichten. Die Menschen sind froh, wenn sie wenig nachzudenken brauchen über das, was sie tun sollen. Viele sogar sind froh, wenn sie nicht viel nachzudenken haben über das, was sie denken sollen. Aber das ist ganz anders, wenn man ein lebendiges Bewußtsein, nicht nur von einem pantheistischen Zusammenleben mit einer Geisteswelt, sondern ein lebendiges Bewußtsein von einem konkreten Zusammenleben mit einer geistigen Welt hat. Man kann voraussehen ein Durchtränktwerden des religiösen Lebens mit konkreten Vorstellungen, wenn eben durch Geisteswissenschaft dieses religiöse Leben vertieft werden wird. Der Geist ist ja — ich habe auch das öfter erwähnt — im Jahre 869 für die abendländische Menschheit auf dem achten ökumenischen Konzil in Konstantinopel abgeschafft worden. Damals wurde zum Dogma erhoben, daß der Mensch von den Katholiken nicht angesehen werden dürfe als bestehend aus Leib, Seele und Geist, sondern nur aus Leib und Seele, und der Seele wurde zugeschrieben, daß sie auch «geistige Eigenschaften» habe. Dieses Abschaffen des Geistes hat eine ungeheuer große Bedeutung. Daß man im Jahre 869 in Konstantinopel den Beschluß gefaßt hat, daß der Mensch nicht dürfe begabt gedacht werden mit «anima» und «spiritus», sondern daß er nur «unam animam rationalem et intellectualem» besitze, das ist Dogma. «Die Seele hat geistige Eigenschaften», dies hat seit dem 9. Jahrhundert Dämmerung gebreitet über das geistige Leben des Abendlandes. Das muß wieder überwunden werden. Der Geist muß wieder anerkannt werden. Das, weswegen man im Mittelalter im eminenten Sinne als ein Ketzer galt, nämlich wenn man die Trichotomie — Leib, Seele und Geist — anerkannte, das muß wieder als richtige, echte Menschenanschauung gelten. Dazu wird es einiges brauchen für die Menschen, die heute selbstverständlich jede Autorität ablehnen und darauf schwören, daß der Mensch nur aus Leib und Seele bestehe, und zwar sind dies nicht etwa bloß Leute eines gewissen religiösen Bekenntnisses, sondern auch solche, welche Professoren hören, Philosophen und andere hören. Und die Philosophen — wie Sie überall lesen können — unterscheiden ja auch nur zwischen Leib und Seele, lassen den Geist weg. Das ist ihre «unbefangene» Weltbetrachtung, die aber nur davon herrührt, daß einmal im Jahre 869 auf einem Kirchenkonzil der Beschluß gefaßt worden ist, den Geist nicht anzuerkennen. Aber man weiß das nicht. Philosophen, die weltberühmt geworden sind, zum Beispiel Wilhelm Wundt, ein großer Philosoph von seines Verlegers Gnaden, aber weltberühmt, teilt selbstverständlich auch den Menschen ein in Leib und Seele, weil er es für unbefangene Wissenschaft hält — und nicht weiß, daß er nur dem Konzilsbeschluß von 869 folgt. Man muß schon auf die wahren Tatsachen sehen, wenn man das durchschauen will, was sich in der Welt der Wirklichkeit vollzieht. Sieht man auf diesem Gebiete, das wir besonders heute berührt haben, auf die wahren Tatsachen, dann wird einem ein Bewußtsein erschlossen von einem Zusammenhange mit jener Welt, die in der Geschichte verträumt und verschlafen wird. Geschichte, geschichtliches Leben, man wird es nur im rechten Lichte sehen können, wenn man auch ein rechtes Bewußtsein entwickeln kann über den Zusammenhang der sogenannten Lebenden mit den sogenannten Toten. Davon wollen wir weiter reden, wenn wir uns hier wieder sehen.