Erdensterben und Weltenleben
Anthroposophische Lebensgaben
Bewußtseins-Notwendigkeiten für Gegenwart und Zukunft
GA 181
16 April 1918, Berlin
Anthroposophische Lebensgaben V
[ 1 ] Ich habe gestern in dem öffentlichen Vortrag «Menschenwelt und Tierwelt» unter mancherlei anderem auf eine Vorstellung hingewiesen, die man bekommen kann über das menschliche Seelenleben, auf eine Vorstellung, die selbstverständlich keine irgendwie hypothetische ist, sondern eine solche, die unmittelbar der Wirklichkeit des Seelenlebens selbst entspricht. Ich habe darauf aufmerksam gemacht, was in der tierischen Welt Anfang und Ende des Lebens bildet, was gewissermaßen zwei Augenblicke nur umfaßt: das Hereintreten ins physische Leben und das Herausgehen aus demselben, Empfängnis und Tod; sie stehen so zum tierischen Leben, daß man sagen könnte: Das tierische Leben stellt sich als eine Leiter dar, am Anfang die Empfängnis, am Ende der Tod. Ich habe darauf aufmerksam gemacht, daß diese beiden Erlebnisse durch das ganze Seelenleben des Menschen wirklich durchgehen, daß das Seelenleben des Menschen in jedem Augenblicke in ein Ganzes das zusammenfaßt, was im Tierischen erlebt wird, wenn die niemals eigentlich ganz auf den physischen Plan kommende Gattungsseele durch die Empfängnis ein Wechselverhältnis herstellt zu dem physischen Wesen. Und etwas wie ein Anflug eines Ich-Bewußtseins tritt in dem einzigen Augenblick des Sterbens beim Tier auf. Ich habe gestern darauf aufmerksam gemacht, daß der, welcher tierisches Sterben zu beobachten in der Lage ist, schon eine Vorstellung davon bekommen kann, wie im Grunde genommen das, was beim Menschen durch das ganze Leben läuft, das Ich-Bewußtsein, für das Tier nur in diesem Moment des Herausgehens aus dem Leben vorhanden ist. Aber das Wichtige ist eben dies: daß die zwei Augenblicke, die wirklich nur zwei Augenblicke im tierischen Leben sind, in eins zusammengefaßt sind wie in einer Synthese und durch das menschliche Leben so durchgehen, daß das menschliche Haupt, die eigentümliche Art der Organisation, wie ich es auseinandersetzte, eben ein fortwährendes Empfangenwerden und Sterben entwickeln kann, leise anklingend daran — aber so ist das menschliche Seelenleben, und dadurch entsteht der berechtigte Gedanke der menschlichen Unsterblichkeit —, daß dieses menschliche Seelenleben fortwährend verläuft aus dem Ineinander-Verwobensein von Konzeption oder Empfängnis und Tod.
[ 2 ] Ich fügte dann noch hinzu: Jedesmal wenn wir einen Gedanken haben, wird der Gedanke herausgeboren aus dem Willen, und jedesmal wenn wir wollen, erstirbt: der Gedanke in den Willen hinein. Schopenhauer, sagte ich, habe sehr einseitig die Sache dargestellt, indem er nur den Willen als etwas Reales hingestellt hat. Er hat nicht eingesehen, daß «Wille» nur die eine Seite der Sache ist, gewissermaßen nur der sterbende Gedanke, während der «Gedanke» der geborenwerdende Wille ist. Wer so schildert wie Schopenhauer, der gleicht einem Menschen, der vom menschlichen Leben nur die Zeit etwa vom fünfunddreißigsten Jahre an bis zum Ende schildert. Aber jeder Mensch, der fünfunddreißig Jahre alt war, muß vorher noch etwas anders alt gewesen sein. Es gibt auch noch etwas für die Zeit von der Geburt bis zum fünfunddreißigsten Jahr. Schopenhauer schildert nur den Willen; und den Gedanken, beziehungsweise die Vorstellung betrachtet er wie einen Schein. Aber das ist nur die andere Form der Sache; der Gedanke vom Willen, der geboren werden will, während der Gedanke der sterbende Wille ist. Und indem wir in unserem Seelenleben fortwährend ineinander verwoben haben Gedanken und Willen, haben wir ebenso Geburt, die auf die Empfängnis zurückführt — denn die Wahrnehmung ist Empfängnis —, und Sterben.
[ 3 ] Diese Vorstellung ist eine solche, zu der man, auch wenn man sie anatomisch, physiologisch begründen will, nichts anderes braucht als die gegenwärtige Wissenschaft und den Willen, den guten Willen, seelische Erscheinungen wirklich zu beobachten. Wer die Erfahrungen, die man mit dem menschlichen Gehirn macht, nicht so darlegt, wie das gegenwärtig von seiten der offiziellen Wissenschaft geschieht, sondern wer vorurteilslos das, was Physiologie und Biologie des menschlichen Gehirns ergeben, wirklich prüft, der findet, daß das, was ich eben gesagt habe, gut wissenschaftlich fundiert ist. Und wenn sich die Menschen all die Firlefanzereien, die heute an den Universitäten getrieben werden, um in den psychologisch-physiologischen Laboratorien allerlei Zeug zu untersuchen, weil die Anatomen keine Gedanken haben, sondern sich statt dessen an die Apparate setzen, um das Seelenleben der Studierenden erst zu malträtieren und dann zu erforschen, wenn sich die Menschen dies nicht gefallen ließen, dann würde man auch wirklich zum Beobachten des Seelenlebens kommen können und würde dann auch einen Begriff bekommen von dem fortwährenden Geborenwerden und Sterben im menschlichen Seelenleben selbst, von jener Metamorphose, die nur eine Steigerung der Goetheschen Metamorphose ist. Aber die gegenwärtige Wissenschaft hat es heute, nach hundert Jahren, noch nicht einmal dahin gebracht, dieGoethesche Metamorphose zu verstehen, geschweige einen solchen Gedanken, der einmal der Menschheit übergeben worden ist, wirklich weiterzubringen.
[ 4 ] Solche Gedanken, wie ich sie gestern versuchte zu skizzieren, sind nichts anderes als die weitergebildete Goethesche Metamorphosenlehre. Das alles sind Dinge, die festgestellt werden können, ohne daß irgendein hellsichtiges Bewußtsein dafür eintritt. Dazu gehört nur wirkliche Wissenschaft und Seelenbeobachtung. Würde man dagegen, statt zu all den vielfachen Torheiten, zu denen offizielle Wissenschaft die Leute führt, eine Anzahl von Studenten und Studentinnen dazu bringen, eine solche Sache zu begreifen, dann würde der Weg nicht mehr weit sein, um Geisteswissenschaft wirklich der Kultur der Menschheit einzuprägen. Denn gerade solche Gedanken, die wissenschaftlich heute festgestellt werden können, zu deren Fruchtbarmachung für das Seelenleben nichts anderes gehört als der gute Wille, wirklich zu beobachten, und Gedanken zu haben — solche Begriffe, solche Vorstellungen könnten die Brücke bilden von der äußeren sinnlichen Wissenschaft zu der Geisteswissenschaft, die nicht aus dem Grunde sich nicht verbreitet, weil sie nicht verständlich wäre für jene Menschen, die kein Hellsehen haben, sondern weil durch die Brutalität der gegenwärtigen wissenschaftlichen Gesinnung sich so etwas, das neu ins Dasein tritt, überhaupt nicht verbreiten kann. Es schadet nichts — das ist meine Überzeugung —, wenn manchmal diese Dinge auch wirklich bei ihrem wahren Namen genannt und so charakterisiert werden, wie sie eigentlich sind. Man kann schon sagen: Wichtiger noch, als daß ein solcher Gedanke sich als Gedanke verbreitet, ist die Wirkung eines Gedankens auf das menschliche Seelenleben. Es kommt nämlich viel weniger darauf an, was wir für Gedanken haben, als welche Kräfte wir anwenden müssen, um den einen oder andern Gedanken zu fassen. Die menschliche Seelenverfassung muß eine ganz andere sein, ob man irgendeinen völlig toten Gedanken der heutigen sogenannten Wissenschaft, oder ob man einen lebendigen Gedanken der Geisteswissenschaft faßt. Das eine Mal, beim lebendigen Gedanken der Geisteswissenschaft, wird der ganze Mensch innerlich in Anspruch genommen, wird innerlich belebt und hineingestellt in den Kosmos; bei dem dagegen, was vielfach die heutige Wissenschaft produziert, besonders wenn sie über ihr engstes Gebiet hinausgeht, wird der Mensch seelisch hinausgeschoben aus dem kosmischen Zusammenhang.
[ 5 ] Das muß man einsehen. Das ist aber auch das, was wirklich durch die Geisteswissenschaft der Menschheit zugeführt werden muß. Denn gerade da, wo die Dinge für das unmittelbare Leben anfangen wichtig zu werden, zum Beispiel in der Erziehung, im Unterricht und in allem, was damit zusammenhängt, ist es von grenzenloser Bedeutung, daß lebendige, ins Leben unmittelbar eingreifende Begriffe die menschlichen Seelen umfassen können. Dann wird sich für die Seele selbst, welche die Dinge so anzuschauen vermag, ergeben, was die Aufgaben, was das Wesentliche ist im Eingreifen der Geisteswissenschaft für die ganze Geisteskultur unserer Zeit. Das müßte in seiner ganzen Bedeutung eigentlich einmal eingesehen werden. Dann würde man erst sehen, wie notwendig wir es haben, auf das fast ganz verrenkte Denken, welches der gegenwärtigen Lebenspraxis zuweilen zugrunde liegt, mit unbefangenen Augen hinzuschauen. Die Symptome dieses verrenkten Denkens werden gar nicht so leicht gefaßt.
[ 6 ] Ich habe gestern auf eines aufmerksam gemacht. Es ist ja auch bei uns, in unserer Praxis, schon notwendig, daß gar nichts von dem entfaltet werde, was man nennen könnte: Lässigkeit des Denkens, Trägheit des Denkens. Denn denken Sie einmal, wenn Lässigkeit des Denkens bei uns entwickelt würde! Ich habe in den letzten Zeiten überall, wo ich nur vortragen konnte, nach allen Richtungen hin das Lob des Buches von Oscar Hertwig gesungen: «Das Werden der Organismen.» Ich habe es das beste Buch der letzten Zeiten in bezug auf wissenschaftliche Leistungen genannt. Ich bin nicht zurückhaltend gewesen, weil es einmal von einem Menschen, der auf der Höhe der wissenschaftlichen Methoden seiner Zeit steht, unternommen worden ist, den Darwinismus aufzudröseln, in seine Grenzen zurückzuweisen. Bis auf die letzten Seiten konnte man mit ihm gehen. Jetzt ist das letzte Buch von Oscar Hertwig erschienen: «Zur Abwehr des ethischen, des sozialen, des politischen Darwinismus.» Und wie ich schon angedeutet habe, möchte man gegen die Impotenz, gegen das Bornierte, Beschränkte, Triviale, Unsinnige dieses Buches wirklich Worte finden, die möglichst scharf sind. Da verläßt einmal der naturwissenschaftliche Forscher das engste Gebiet — und redet ganz gehöriges Blech, aber ausgewalztes Blech! Und ich habe ein Beispiel angeführt, habe erwähnt, daß der gute Mann über die naturwissenschaftlichen Methoden das Folgende sagt: Endlich mußte alle Naturwissenschaft nach dem Muster der Astronomie gebaut werden. — Natürlich ist auch das nicht original; Da Bois-Reymond hatte es schon im Jahre 1872 gesagt, als er über den Bau der Atomenwelt sprach. Aber bedenken Sie, man sollte die Tatsachen um uns herum beobachten; dann aber wird als Muster die astronomische Theorie aufgestellt, welcher der Mensch so fern wie möglich steht! Logisch ist das nicht mehr wert, als wenn man einer Familie, die irgendwo draußen auf dem Lande in Armut schwimmt, das innere Leben dieser Familie dadurch begreiflich machen will, daß man ihr sagt: Du darfst nicht begreifen, wie sich in deiner Familie Vater und Mutter, Sohn und Tochter verhalten, sondern wie es in einem Grafenhause ist; daraus kannst du entnehmen, wie sich die Familiengesetze gestalten sollen! — Über solche Sachen wird aber heute hinweggelesen, das wird gar nicht beachtet. Bei uns aber ist es nötig, daß derlei Dinge beachtet werden. Bei uns darf es nicht nur keinen Autoritätsglauben, sondern auch kein Faulbett geben. Wir sind uns klar, daß, wenn einmal ein Urteil über einen Menschen gefällt ist, man sich nicht darnach auf alles verlassen kann, was sonst von demselben Menschen kommen könnte. Hier handelt es sich um anderes, und das soll wirklich auch bis in die Einzelheiten des Gebarens praktisch durchgeführt werden. Deshalb darf sich niemand wundern, wenn die eine Tätigkeit Oscar Hertwigs das eine Mal bis in den Himmel hinaufgehoben wird, und das nächste Mal etwa bis in die Hölle versenkt wird; denn das muß geschehen; aber man muß sich üben, das Leben vorurteilslos anzuschauen. Denn wer sich darin nicht übt, der bemerkt auf der einen Seite gar nicht, wie die unmittelbaren Tatsachen des Lebens sind, und auf der andern Seite nicht, wo er den Eingang zur geistigen Welt nur finden kann. Ich möchte ein kleines Beispiel dafür anführen. Ich weiß nicht, wie viele Leute die Sache bemerkt haben, aber so bemerkt haben, daß man wirklich die Nutzanwendung daraus im Leben zieht.
[ 7 ] Da ist vor einiger Zeit im «Berliner Tageblatt» ein Artikel von Fritz Mauthner erschienen, worin sich dieser in den unglaublichsten trivialen, aber wirklich schon furchtbar trivialen Widerlegungen eines Mannes erging, der ein Buch geschrieben hat, in dem er neben anderem auch über Goethes Horoskop gesprochen hat. Ungemein selbstgefällig schrieb der Kritiker der Sprache, Fritz Mauthner, lange Spalten, versuchte zu zeigen, was dieser Mann an der Gegenwart für ein Unrecht dadurch begeht, daß er in einem Buche, das noch dazu in einer so populären Sammlung wie «Aus Natur und Geisteswelt» erschien, über das Goethesche Horoskop schreibt und dergleichen. Man bekam gegenüber diesem Artikel Fritz Mauthners das Gefühl: Es ist nun doch wirklich der Trivialität ein wenig zu viel. Aber davon abgesehen, der Verfasser dieses Buches in der Sammlung « Aus Natur und Geisteswelt» ist eigentlich ein ziemlicher Durchschnittsgelehrter der heutigen Zeit, und man konnte nicht recht begreifen, daß etwas vorliegen sollte, worüber man sich besonders aufregen müßte. Denn eigentlich wußte man gar nicht, warum Fritz Mauthner sich irgendwie aufregte. Man konnte es um so weniger begreifen, als der Verfasser dieses Büchelchens sich über alle die Leute lustig macht, die jene dort behandelten Dinge ernst nehmen, und Fritz Mauthner wendet sich gegen diesen Mann eigentlich nur aus dem Grunde, weil er über das Horoskop spricht. Nun hat derselbe Mann, der dieses Büchelchen verfaßt hat, sich im «Berliner Tageblatt» gerechtfertigt und klargelegt, daß ihm gar nicht eingefallen sei, für die Astrologie einzuspringen. Also der Mann hatte eigentlich alles erfüllt, was auch Fritz Mauthner nach seiner Funktion verlangen konnte. Die beiden sind ganz und gar einig, aber Fritz Mauthner ist dennoch über den Mann hergefallen, indem er es als etwas sozial höchst Gefährliches beträchtete, daß ein derartiges Buch in einer solchen Sammlung erschien. Und das «Berliner Tageblatt» macht dazu die Bemerkung, daß . es eigentlich nicht finden könne, daß Fritz Mauthner die Sache nicht richtig verstanden habe; es sei im Gegenteil ganz einverstanden mit dem, was Mauthner geschrieben hat.
[ 8 ] Das ist nur ein besonders eklatantes Beispiel für jenen Grad geistigen Schwachsinns, der auf dem Grunde eigentlich aller dieser Dinge schon ruht. Wenn man auf der andern Seite ins Auge faßt, wie sehr das Leben eigentlich verquickt ist mit dem, was in solcher Journalisten-, in solcher inferioren Geistestätigkeit zum Ausdruck kommt, dann kommt man schon auf die Gedanken, welche die gegenwärtige geistige Kultur charakterisieren. Und dieseGedanken muß man eigentlich haben. Das gehört notwendigerweise dazu, wenn man Verständnis gewinnen will für die Aufgaben, welche die geisteswissenschaftliche Richtung eigentlich haben kann. Was man vor allem wissen muß, das ist, daß solche Dinge, wie Verlogenheit, Lüge, reale Mächte sind, und man kann sich nichts ärger Verlogenes vorstellen, als wenn so etwas geschieht: Der eine schreibt ein Buch über Astrologie, der andere fällt über ihn her, weil er nicht will, daß überhaupt jemand darüber schreibt, und der erste rechtfertigt sich nun, indem er sagt: Du, ich mache damit aber nur einen Spaß. — Hätte er vorher gesagt: Ich mache damit nur einen Spaß, daß ich hier auch noch das Horoskop Goethes erzähle —, dann würde Mauthner befriedigt gewesen sein.
[ 9 ] Die Dinge sind durchaus ernst und hängen mit den ernstesten Strömungen der Gegenwart zusammen, vor allem mit dem, was man auch durchschauen muß: daß es die Geisteswissenschaft notwendig in unserer Gegenwart schwierig haben muß, um durchzudringen, um irgendwie etwas von dem zu erreichen, was ihr zu erreichen eigentlich obliegt. Sie fordert wirklich ein starkes und mutiges Denken, und neben all ihrem Inhalt ist dies notwendig, daß man sich eben etwas vertraut macht mit dem Gedanken, daß die Geisteswissenschaft ein starkes und mutiges Denken fordert. Diesem starken und mutigen Denken ist vielfach der Boden abgegraben worden. Wie ihm der Boden abgegraben worden ist, das allerdings führt wieder dazu, etwas einzusehen: daß bei diesem Abgraben des Bodens nicht allein bloß irdische, menschliche Wesenheiten tätig waren, sondern daß seit Jahrhunderten die großen ahrimanischen Mächte der Menschheit dabei am Werke sind. Zu all den Dingen, die von den ahrimanischen Wesenheiten unternommen worden sind, um die Menschheit in ein solches Wirrsal hineinzubringen, aus dem heraus das Licht wieder gefunden werden muß, zählt vor allem auch das, daß man die Menschen dazu gebracht hat, nicht mehr einzusehen, daß alles Materielle im Geistigen wurzelt, und daß alles Geistige sich materiell offenbaren will. Man hat die Welt zerrissen, das Zusammengehörige auseinandergebracht. Vor allen Dingen, wenn man das äußere Historische der fortlaufenden christlichen Strömung — nicht des Christentums — ins Auge faßt, da findet man ahrimanische Mächte, die durch die Menschheit wirken, in dieser christlichen Entwickelung gar sehr am Werke. Eines schon unter vielem andern sollte man beachten: das Auseinanderreißen desjenigen, was Sonne und Sonnenkraft einerseits, und was Christus und Christus-Kraft andererseits ist. Wenn nicht der Zusammenhang zwischen Sonne und Sonnenkraft und Christus und Christus-Kraft wieder erkannt wird, dann wird die Welt nicht immer leicht an das Geistige angeknüpft werden können. Darin liegt aber gerade eine der Hauptaufgaben geistiger Wissenschaft, daß man in einer andern Weise — in der Weise, wie es dem Durchgeistigtsein der Menschheit mit dem Christus-Mysterium entspricht — wiederum das große Sonnengeheimnis auffinden kann, das durch die Zeiten vor dem Mysterium von Golgatha noch nicht das Christus-Geheimnis sein konnte, das nachdem aber zugleich das Christus-Geheimnis geworden ist. Julian der Abtrünnige, der Apostat, kannte das Sonnenmysterium nur noch in der alten Form, er verstand noch nicht, daß es das Christus-Mysterium war. Das ist sein tragisches Geschick, das tragische Geschick, daß er von dem welthistorischen Wahn befallen war, der Menschheit das Geheimnis von der geistigen Kraft der Sonne mitzuteilen. Das führte dann auch dazu, daß er auf seinem persischen Zuge ermordet worden ist.
[ 10 ] Wir haben aber im 19. Jahrhundert noch eine geistige Unternehmung zu verzeichnen, die von ahrimanischen Mächten aufgerichtet worden ist, um das, was ich jetzt sage: das Sonnenmysterium in Verbindung mit andern Mysterien —, die Menschheit nicht wissen zu lassen. Auch diesen Dingen muß man gehörig ins Auge schauen. Ich erwähne jetzt etwas, was man, wenn ich es nicht vor vorbereiteten Menschen, sondern in irgendeinem wissenschaftlichen Verein oder dergleichen erwähnen würde, selbstverständlich für Wahnsinn halten würde. Aber darauf kommt es nicht an. Es handelt sich darum, die Wahrheit zu sagen; denn die Entscheidung darüber, ob man selbst oder die andern wahnsinnig sind, ist ja eine Frage, die dabei nicht zum Austrag gebracht werden muß. — Im 19. Jahrhundert ist im wesentlichen erst eine Vorstellung entstanden, welche heute die ganze Wissenschaft beherrscht, und die, wenn sie im stärkern Grade noch als gegenwärtig schon herrschen wird, niemals gesunde Vorstellungen über das geistige Leben wird Platz greifen lassen. Zu den Vorstellungen, die heute über die Grundprinzipien von Physik und Chemie verbreitet sind, gehört die Grundvorstellung von der Erhaltung der Kraft, von der Erhaltung der Energie, wie sie heute vertreten wird. Sie können heute überall nachforschen und werden hören, daß gesagt wird, Kräfte verwandeln sich nur. Die vorgebrachten Beispiele sind natürlich im einzelnen überall berechtigt. Wenn ich mit der Hand über den Tisch streiche, wende ich Druck auf, aber die aufgewendete Kraft ist dadurch nicht verbraucht, der Druck verwandelt sich in Wärme. So verwandeln sich alle Kräfte. Eine Umwandelung der Kraft, der Energie findet statt. «Erhaltung des Stoffes und der Kraft» ist ja ein Schlagwort, das im eminentesten Sinne alles, was heute wissenschaftlich denkt, ergriffen hat. Daß nichts entsteht und vergeht in bezug auf das Stoffliche und in bezug auf die Energien, die Kräfte, das gilt als ein Axiom. Führt man es in seinen Grenzen an, so kann man gar nichts dagegen haben. Aber man führt es ja in den Wissenschaften nicht innerhalb der Grenzen an, sondern so, daß man es zu einem Dogma, zu einem wissenschaftlichen Dogma macht.
[ 11 ] Es hat sich ja gerade im 19. Jahrhundert eine merkwürdige ahrimanische Praxis der Vergröberung der Vorstellungen herausgebildet. Da ist eine wunderbar glänzend schöne Abhandlung von Julius Robert Mayer über die Erhaltung der Energie erschienen. Diese Abhandlung, die im Jahre 1842 erschienen ist, wurde damals von den meisten tonangebenden Geistern Deutschlands zurückgewiesen; sie galt als dilettantisch. Julius Robert Mayer ist später sogar ins Irrenhaus gesperrt worden. Heute weiß man, daß er eine grundlegende wissenschaftliche Entdeckung gemacht hat. Aber das hat nicht gewirkt. Denn man kann leicht nachweisen, daß die, welche ihn bei diesem wissenschaftlichen Gesetz erwähnen, ihn selbst nicht gelesen haben. Es gibt eine Geschichte der Philosophie von Ueberweg, worin Mayer auch erwähnt wird; in ein paar Zeilen wird darin von ihm gesprochen. Wer sich aber diese paar Zeilen durchliest, der weiß sofort: Dieser klassische Geschichtsschreiber der Philosophie, den alle Studenten durchochsen müssen, hat nichts von ihm gelesen; sonst könnte er nicht einen solchen Stiefel geschrieben haben wie das, was die Studenten zu ochsen haben. Aber es ist ja die Sache auch nicht in der feingeistigen Art, wie sie bei Mayer behandelt wird, in die Menschenseelen übergegangen, sondern in einer viel gröberen Weise. Und das kommt vor allem daher, weil nicht die Gedanken von Julius Robert Mayer, sondern die des englischen Bierbrauers Joule und des Physikers Helmholtz unter völligem Verlassen der Gedanken Julius Robert Mayers in die Wissenschaft übergegangen sind. Aber man findet es heute nicht nötig, diese Dinge ins Auge zu fassen. Diese Verhältnisse müßte man an unseren höheren Unterrichtsanstalten auch kennenlernen. Man müßte doch auch erfahren, weshalb der Darwinismus eine so rasche Ausbreitung gefunden hat. Denn glauben Sie mir, wenn Darwins Buch «Über die Entstehung der Arten durch natürliche Zuchtwahl» einfach so erschienen wäre, als ein Buch ins Publikum geworfen, es hätte nicht so alle populären Kreise ergriffen, und wären diese Ansichten auf den Wolken herangetragen worden. Nein, was dem Darwinismus eigentlich zugrunde liegt, dem war schon vorgearbeitet. Es ist nämlich 1844, also lange Zeit vor Darwin, ein zusammengestoppeltes Buch herausgekommen, das in der trivialsten Weise alle die Dinge nennt, welche ZLamarck und andere gesagt haben. Es war ein rein buchhändlerisch spekulatives Unternehmen, das Robert Chambers in Edinburgh hat erscheinen lassen, weil man wußte, man kann auf die Instinkte des 19. Jahrhunderts rechnen und dringt mit so etwas durch. Und in diese so geschwängerte Atmosphäre hat Darwin seine Sachen hineingeworfen. Er hat nur die Dinge von Lamarck mit der Selektionstheorie durchsetzt; denn den englischen Praktikern waren diese Sachen schon längst bekannt. Denn vorher war ein Buch erschienen: «Schiffsbauholz und Baumcultur» von Patrick Matthew, darin ist die Selektionstheorie offen ausgesprochen. — Die Wege, auf denen diese Dinge in die Kultur des 19. Jahrhunderts hineingegangen sind, müßten einmal aufgedeckt werden. Geschichte, so wie sie dargestellt wird, ist ein Mythos, eine große Verlogenheit auf den meisten Gebieten. Es handelt sich darum, daß man wirklich ins Auge faßt, was tatsächlich geschehen ist. Denn es ist etwas anderes, ob der junge Mensch weiß, daß man es mit einer wissenschaftlichen Tatsache zu tun hat, oder ob es sich um die Gedanken des englischen Bierbrauers Joule handelt. Es ist etwas anderes für ihn, zu wissen, ob etwas durch alle wissenschaftlichen Betrachtungen des 19. Jahrhunderts festgestellt wurde, oder ob man es mit einem Unternehmen des Edinburgher Verlagsbuchhändlers Robert Chambers zu tun hat. Das führt in der richtigen Weise in die Wahrheit hinein. Auf Wahrheit vor allem muß sich die Menschheit einstellen.
[ 12 ] Diese Vorstellung von der absoluten, nicht relativen, Unvergänglichkeit des Stoffes und der Kraft verhindert — man könnte es heute physiologisch feststellen, und nur das Dogma von der Erhaltung der Energie hindert die Menschen daran —, daß der Ort erkannt werde, wo wirklich Stoff ins Nichts verschwindet und neuer Stoff beginnt. Und dieser einzige Ort in der Welt — es sind viele Orte — ist der menschliche Organismus. Durch den menschlichen Organismus geht der Stoff nicht bloß durch, sondern während des Prozesses, der sich seelisch erlebt in der Synthesis von Konzipiertwerden und Sterben, spielt sich körperlich das ab, daß gewisser Stoff, der von uns aufgenommen wird, tatsächlich verschwindet, daß Kräfte vergehen und neu erzeugt werden. Diejenigen Dinge, die dabei in Betracht kommen, sind eigentlich älter beobachtet, als man meint. Aber auf diese Beobachtungen wird kein Wert gelegt. Man studiere nur einmal sorgfältig die Blutzirkulation im Inneren des Auges: Mit den Instrumenten, die heute schon vollkommen genug sind, um auch äußerlich so etwas sehen zu können, wird man an der Blutzirkulation rein äußerlich, physikalisch, nachweisen können, was ich eben ausgesprochen habe. Denn man wird zeigen können, daß Blut nach einem Organ peripherisch hingeht, in das Organ hinein verschwindet und aus ihm wiederum erzeugt wird, um zurückzufließen, so daß man es nicht mit einem Blutkreislauf zu tun hat, sondern mit einem Entstehen und Vergehen. Diese Dinge gibt es, doch die dogmatischen Vorstellungen der heutigen Wissenschaft hindern das, worauf es in bezug auf sie ankommt. Deshalb werden die Menschen heute auch gehindert, gewisse Prozesse und Vorgänge, die einfach real sind, in ihrer Realität zu betrachten.
[ 13 ] Was ist es für die heutige Wissenschaft, wenn Menschen sterben, rein als physische Wesen sterben? Man nimmt davon in der Wissenschaft keine Notiz. Sonst beschäftigt man sich ja genügend mit den Toten, weil man an die Lebenden nicht herankommen kann, aber man nimmt in der Wissenschaft nicht von der Tatsache des Sterbens Notiz. Daß man sich sonst mit den Toten beschäftigt, dafür wurde mir erst gestern ein Beispiel erzählt. Im Jahre 1889 wurde Hamerling in Graz provisorisch beigesetzt. Später sollte er in eine andere Gruft überführt werden. Während der Überführung — der Herr, der die Sache aufdeckte, hat es mir erst gestern erzählt — von der provisorischen Gruft in die spätere, verschwand der Schädel. Der Schädel war nicht da. Der betreffende Herr ist der Sache nachgegangen, und da hat sich denn herausgestellt, daß im Universitätsmuseum ein Gipsabguß von dem Schädel genommen worden war. Der Schädel hat, eingepackt in Zeitungspapier, an einer Stelle dort gestanden, und nur dadurch ist er wieder in sein Grab zum übrigen Organismus gekommen, daß damals die Sache aufgedeckt worden ist. — Man beschäftigt sich also schon mit den Toten, aber nicht mit der Tatsache des Todes. Denn diese Tatsache des Todes führt ebenfalls dazu, Wichtigstes einzusehen. Der Menschenstaub nämlich — ich habe schon in einer der letzten Betrachtungen darauf hingewiesen — macht ganz besondere Wege durch. Ich habe darauf hingewiesen, daß er eigentlich den Weg nach oben anzutreten versucht. Es würde tatsächlich der Staub, der vom Menschen kommt, anders als anderer Staub, in den ganzen Kosmos hinein zerstäuben, ganz gleichgültig, ob der Leichnam verbrannt wird oder verwest, wenn er nicht ergriffen würde von der Sonnenkraft, von der Kraft, die in der Sonne ist. In der Tat, diejenige Kraft, die uns an der Oberfläche des glitzernden Steines erglänzt, oder wenn wir die Pflanzenfarben sehen, das ist nur eine Kraft der Sonne, das ist diejenige Kraft, die Julian, der Apostat, die sichtbare Sonne genannt hat. Dann haben wir die unsichtbare Sonne, welche der sichtbaren zugrunde liegt, wie die Seele dem äußeren physischen Menschenorganismus. Diese Kraft, die natürlich nicht mit den physischen Ätherstrahlen herunterkommt, sondern die darin erst wieder lebt, diese Kraft belebt in einer ganz besonderen Weise den Menschenstaub, so wie sie sonst nichts, nicht den mineralischen, nicht den pflanzlichen und nicht den tierischen Staub belebt. Eine fortwährende Wechselwirkung findet statt post mortem zwischen dem, was rein äußerlich, leiblich, vom Menschen übrigbleibt, und den Kräften, die von der Sonne herunterstrahlen. Beides begegnet sich. Die Kräfte, die da herunterströmen, um den Menschenstaub zu bewegen, sind allerdings diejenigen Kräfte, die der Tote selber — jetzt als geistig-seelische Individualität — nach dem Tode entdeckt. Während wir, indem wir in den physischen Leib hinein inkarniert sind, die physische Sonne sehen, entdeckt der Tote, wenn er durch die Pforte des Todes gegangen ist, die Sonne zuerst als das Weltenwesen, welches da unten auf der Erde Menschenstaub belebt. Das ist eine Entdeckung, die der Tote unter den allgemeinen Entdeckungen, die er nach dem Tode macht, auch macht. Er lernt kennen das Ineinander-Verwobenwerden von Sonnenkraft, von seelischer Sonnenkraft mit Menschenstaub. Und indem er dieses Gewebe kennenlernt zwischen Menschenstaub und Sonnenktaft, lernt er erstens überhaupt das Geheimnis der Wiederverkörperung kennen, von der andern Seite gesehen, vorbereitend die nächste Inkarnation, aus dem Kosmos heraus webend die nächste Inkarnation. Und außerdem lernt er von der andern Seite gewisse Tatsachen erkennen, auf denen das Geheimnis der Wiederverkörperung beruht, wovon wir in > der nächsten Zeit auch sprechen werden.
[ 14 ] Dies führt uns nun wieder dahin, einen Begriff zu erhalten, wie ganz anders die Vorstellungen des inneren Lebens der Menschenseele sind, wenn die Seele durch die Pforte des Todes gegangen ist, gegenüber den Erlebnissen, welche die Seele hier hat. Diese Erlebnisse nach dem Tode sind schon in der ganzen Konfiguration der Seele anders. So wie wir hier zwischen Schlafen und Wachen abwechseln, so wechselt der Tote auch zwischen Bewußtseinszuständen ab. Ich habe hier in diesen Vorträgen schon darauf aufmerksam gemacht, will es aber von einem andern Gesichtspunkte aus noch einmal kurz charakterisieren.
[ 15 ] Wir leben hier, neben anderem, in Gedanken, innerlich seelisch. Der Tote tritt in eine Realität ein. Was für uns bloß Gedanken sind, ist diese Realität. Während wir im physischen Leben die äußerliche mineralische, pflanzliche, tierische Welt wahrnehmen und dazu unsere eigene physische Welt haben, ist das, wovon wir nur den Schatten erleben im Gedanken, für den Toten gleich da, wenn er durch die Pforte des Todes geschritten ist. Und diese Welt, in die er da eintritt, verhält sich zur physischen wirklich so, wie hier die Gegenstände zu den Schatten. Wir haben im Gedanken nur die Schatten dessen, was der Tote erlebt. Aber der Tote erlebt das anders, als wir Gedanken erleben. Er erfährt über die Gedanken etwas anderes, als der Mensch hier, wenigstens in unserem heutigen Zeitalter. Für gewöhnlich träumt der Mensch in bezug auf die Gedanken. Der Tote aber erfährt: Indem er denkt, also in Gedanken als in Realitäten lebt, wird er, wächst er, gedeiht er; in demselben Maße, als er die Gedanken verläßt, nicht in ihnen lebt, entwird er, wird magerer, spärlicher. Entstehen und Vergehen selber hängt post mortem zusammen mit In-Gedanken-Leben und Außer-den-Gedanken-Leben. Wenn es hier so wäre, daß die Menschen magerer würden, die nicht denken wollen, so könnte sich eine merkwürdige Welt zeigen. Aber wir erleben eben nur die unwirksamen Schatten der Gedanken, die keine realen Wirkungen haben. Der Tote erlebt die Gedanken als Wirklichkeiten; sie nähren ihn, oder zehren ihn ab in seinem seelisch-geistigen Dasein. Und diese Zeit, in der die Gedanken ihn nähren oder abzehren, ist zugleich die Zeit, in welcher er sein übersinnliches Wahrnehmungsleben entwickelt. Er sieht, wie die Gedanken in ihn einströmen, und wie sie wieder weggehen. Es ist nicht ein solches Wahrnehmen, wie sonst in unserem gewöhnlichen Bewußtsein, wo wir nur die fertigen Wahrnehmungen haben, sondern es ist ein durchgehender Strom des Gedankenlebens, der sich immer mit dem eigenen Wesen verbindet. Wenn der physische Mensch auf der Erde noch so viele Dinge sieht, so ist er doch hinterher, wenn er alles gesehen hat, genau ebenso beschaffen, nur daß er nachher meistens etwas davon weiß, was er vorher gewesen ist, aber es hat an seiner Organisation wenigstens nicht erheblich viel geändert. Beim Toten ist das anders; er sieht sich selber in fortwährender Veränderung mit dem, was er wahrnimmt. Das ist der eine Zustand: dieses Wahrnehmen des Hereinfließens und des Fortfließens eines lebendigen Gedankenstromes. Der andere Zustand ist, daß dies aufhört, und daß ein ruhiges Sich-zum-Bewußtsein-Bringen dessen besteht, was so durch ihn durchgeflossen ist: eine intensivere Erinnerung, eine Erinnerung, die nicht unsere abstrakte Erinnerung ist, sondern die wieder mit dem ganzen Werden zusammenhängt. Diese beiden Zustände wechseln ab. Deshalb sind die Toten auch eigentlich nur empfänglich für solche Gedanken, die aus der geisteswissenschaftlichen oder aus der spirituellen Gesinnung heraus zu ihnen hingetragen werden. Das Gedankenwesen, das die heutigen Menschen gewöhnlich haben, dringt eigentlich kaum zu den Toten, und das Gedankenwesen, das zu den Toten dringt, lieben die heutigen Menschen nicht sehr. Die heutigen Menschen lieben solche Gedanken, die sie irgendwie aus der Außenwelt hernehmen können. Gedanken aber, die man nur dadurch hat, daß man sie innerlich erarbeiten muß, die also innerlich seelisch schon eine Spur von dem haben, was die Gedanken nach dem Tode haben, diese Beweglichkeit, dieses Leben liebt man nicht. Das ist dem heutigen Menschen viel zu schwer. Deshalb können die Menschen auch, wenn sie hübsch im Laboratorium sitzen, das Mikroskop haben und unter dem Mikroskop die Zellen, können mit dem Messer den entsprechenden Schnitt machen, den Schnitt beobachten oder in irgendeiner Weise andere Beobachtungen verarbeiten. Dann können sie so ausgezeichnete Bücher schreiben wie Oscar Hertwig: «Das Werden der Organismen.» In dem Augenblick aber, wo sie anfangen zu denken, können sie so unsinnige Bücher schreiben, wie der jetzige Oscar Hertwig. Der Unterschied ist nur der, daß für ein Buch wie sein zweites, nicht Gedankenleichname notwendig gewesen wären. Für die naturwissenschaftlichen Bücher sind nur Gedankenleichname notwendig; für Bücher von der Art des zweiten wären lebendige Gedanken notwendig gewesen. Die hat er nicht! Das ist aber nötig, solche Gedanken wirklich zu lieben, in ihnen leben zu können. Denn in dem Augenblick, wo man als hier Zurückgebliebener wirklich eine Brücke schlagen will zu dem, der durch die Pforte des Todes gegangen ist, und mit dem man karmisch verbunden war, in diesem Augenblick braucht man wenigstens eine Gesinnung, die zum Leben in Gedanken hinneigt. Hat man diese Gesinnung, so sind die Gedanken der Zurückgebliebenen für den Toten wirklich eine ganz besondere Zugabe zum Leben und ändern viel, unendlich viel an dem Dasein derjenigen Menschen, die zwischen Tod und neuer Geburt stehen. Aber, wenn allerdings in den Menschenseelen ein unbestimmtes Gefühl von allem leben würde, wovon die Toten die Meinung haben, es sollte auf der Erde anders sein, als es ist, dann würden die Lebenden an diesem Gedanken wenig Beseligung haben. Ein solches unbestimmtes Gefühl ist vorhanden. Die Menschen fürchten, es könnte die Meinung der Toten über manches herauskommen, was die Menschen im physischen Leben denken und empfinden, tun und meinen. Nur wird diese Furcht nicht bewußt, aber sie hält die Menschen im Materialismus befangen. Denn das Unbewußte, wenn es auch nicht bewußt wird, ist doch wirksam. Man muß mit dem Denkermut nicht nur das durchseelen, was bewußtes Vorstellungsleben ist, sondern auch die tiefsten Tiefen des menschlichen Wesens. Das muß immer wieder und wieder gesagt werden, wenn Geisteswissenschaft in vollem Ernst aufgefaßt werden soll. Denn nicht darauf kommt es an, daß man den einen oder andern Satz auffaßt, das eine oder andere interessant oder für sich wichtig findet, sondern darauf, daß alle die Einzelheiten, so wie ein Organismus sich aus vielen Einzelheiten zusammenfügt, für den Menschen sich zusammenbilden zu einer Gesamtverfassung der Seele, die man für unsere Zeit doch nur immer so charakterisieren kann, wie ich es von den verschiedensten Gesichtspunkten aus versucht habe. Es ist durchaus notwendig, daß sich einige Menschen in unserer Gegenwart finden, welche die Geisteswissenschaft von diesem Gesichtspunkte aus ernst zu nehmen wissen: daß sie unserer Zeit ein bewegliches, lebendiges Gedankenleben gibt, daß nicht einer über den andern herfällt, obwohl sie ganz einverstanden sind, also auch gar kein Grund vorhanden ist, zu bellen, wenn jemand etwas vom Horoskop sagt. Man schaut dann die Sache gar nicht ordentlich an.
[ 16 ] Eine Zeit, in der solche Seelenverfassung herrscht, erzeugt noch vieles andere auf ihrem Grund. Leider kann man nur leise darauf hindeuten, aber es müßte auch die Möglichkeit geschaffen werden, das, was auf dem Grunde der Zeit ruht und was genug in so katastrophaler Weise zum Ausdruck kommt, wirklich ins Auge zu fassen. Einige Menschen beginnen ja heute, ernsthaftige Gedanken zu haben. Aber man sieht, wie schwer es für die Menschen ist, über die unwahrhaftige Stellung zur Welt und zur Menschheit, von der heute die Seelen befangen sind, hinauszukommen. An wie vielen Punkten tritt denn diese Frage zutage, die ich heute leise berührt habe, und die ich in der nächsten Zeit weiter ausführen werde, die Frage: Welche Stellung hat denn überhaupt das Christentum im Laufe der Jahrhunderte und Jahrtausende gehabt, daß es nun Jahrhunderte, Jahrtausende bald gewirkt hat und dennoch die heutigen Zustände hat möglich werden lassen? — Die Frage wurde an verschiedenen Punkten gestellt. Aber man sieht, die Materialien zu ihrer Beantwortung sind noch nicht unter dem, was heute die Menschheit wissenschaftliche oder religiöse oder sonstwie geartete Betrachtungen nennt. Diese Materialien wird erst die Geisteswissenschaft herbeibringen können. Denn eine ernste Frage ist es doch: Wie soll sich der Mensch in der Gegenwart zum Christentum stellen, da dieses Christentum doch eine lange Zeit in den Jahrhunderten gewirkt hat, aber diese Zustände heute dennoch hat zulassen können? Am kuriosesten sind jedenfalls diejenigen Menschen, die da verlangen, daß zu irgendwelchen, vor diesen Zuständen bestandenen Formen des Christentums wieder zurückgegangen werden soll, die also gar keine Empfindung dafür haben, daß, wenn man zu demselben zurückgeht, aus demselben wieder dasselbe herauskommen muß. Diese Menschen werden gewiß nicht leicht einsehen, daß ein durchgreifendes und intensives Neues in unser Geistesleben eintreten muß. Davon das nächste Mal weiter.
