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Erdensterben und Weltenleben
Anthroposophische Lebensgaben
Bewußtseins-Notwendigkeiten für Gegenwart und Zukunft
GA 181

14 Mai 1918, Berlin

Anthroposophische Lebensgaben VI

[ 1 ] Geisteswissenschaft sollte vor allen Dingen von denjenigen, die sie schon länger kennen, in dem Sinne aufgefaßt werden, daß auch das vor die Seele trete, wie die Geisteswissenschaft im intensivsten Sinne für das menschliche Leben tatkräftig sein kann. Das wurde zwar öfter betont, aber man kann gerade diese Seite der Wesenheit der Geisteswissenschaft und ihre Bedeutung für unsere Zeit nicht oft genug hervorheben. Geisteswissenschaft ist ja gewissermaßen eine Wissenschaft, und als solche ist sie, man kann sagen, in der Gegenwart noch fragmentarisch, nur zum Teil begründet. Was sie einmal werden kann, kann ja in der Gegenwart nur.in den allerersten Anfängen eigentlich da sein.

[ 2 ] Was ich damit meine, ist die Geisteswissenschaft ihrem Inhalte nach. Man kann durch sie etwas erfahren über das Wesen des Menschen, über die übersinnliche Persönlichkeit des Menschen, insofern diese ihr Leben hat auch jenseits der Tore des physischen Lebens, welche da sind: Geburt oder Empfängnis und Tod. Man kann auch durch diese Geisteswissenschaft etwas erfahren über die Entwickelung der Erde und der Welt, über die Zusammenhänge dieser Entwickelung von Erde und Welt wiederum mit dem Menschen und so weiter. Man kann also durch die Geisteswissenschaft in einer umfassenderen und allseitigeren Weise, als dies durch die äußere sinnliche Wissenschaft möglich ist, wenn man so sagen darf, die menschliche WiBbegierde befriedigen. Man kann sich Fragen beantworten, welche dem Menschen auf der Seele liegen und so weiter.

[ 3 ] Aber außer dieser inhaltlichen Bedeutung der Geisteswissenschaft gibt es eine wesentlich andere. Die ist dann zu beobachten, wenn man ins Auge faßt, was aus uns selber, aus unserem Seelenleben, unserer Seelenstimmung und Seelenverfassung werden kann, wenn wir uns mit den Gedanken, den Ideen beschäftigen, die uns aus der Geisteswissenschaft kommen. Es könnte ja sogar sein — bei welcher Wissenschaft war das im Laufe der Menschheit nicht der Fall! —, daß manches von dem, was heute mit voller Gewissenhaftigkeit aus den Quellen des geistigen Lebens heraus als Geisteswissenschaft verkündet werden kann und muß, später durch den weiteren Fortschritt der Geisteswissenschaft selbst korrigiert werden müßte, daß manches in anderer Form auftreten würde. Dann würde vielleicht in der einen oder andern Partie dieser Geisteswissenschaft ein anderer Inhalt sein. Was sie aber für die Stimmung, für die Verfassung unserer Seele durch ihre Ideen, durch ihre Gedanken werden kann, das wird dadurch nicht beeinträchtigt, und das hängt doch ganz wesentlich zusammen mit gewissen Grundeigenschaften gerade unserer gegenwärtigen Zeit. Gewisse Grundeigenschaften unserer Zeit, namentlich mit Bezug auf die Seelenverfassung der Menschen, wollen wir heute einmal ins Auge fassen. Wir wollen uns dabei an die vier wichtigsten Seelenbetätigungen halten, die wir aus unseren Betrachtungen gut kennen: an das Wahrnehmen des Menschen mit Bezug auf äußere sinnliche Vorgänge, an das Vorstellen, durch das wir diese äußeren Sinneseindrücke dann verarbeiten, an das Fühlen und an das Wollen. In Wahrnehmen, Vorstellen, Fühlen und Wollen verläuft ja unser Seelenleben vom Aufwachen bis zum Einschlafen.

[ 4 ] Zunächst das Wahrnehmen. Wir können gerade mit dem durch die Geisteswissenschaft geschärften Seelenauge betrachten, was notwendigerweise — was ich sage, ist keine Kritik, sondern nur eine Charakteristik — im Laufe der letzten drei bis vier Jahrhunderte als Grundkultureigenschaft der Menschenseele in Ländern, die für uns in Betracht kommen, sich ausgebildet hat. Wir fragen uns, was das ist. Man braucht nur ein oberflächlicher Betrachter des Lebens zu sein und wird finden, daß die Menschen in bezug auf ihr Wahrnehmungsvermögen, also mit Bezug auf das unmittelbare Verhältnis der Seele zur Außenwelt durch die Sinne, auf den Standpunkt gekommen sind, daß sie immer lebhaftere, heftigere, immer faszinierendere Eindrücke brauchen, um in bezug auf das Wahrnehmungsvermögen der Sinne befriedigt zu werden. Es mögen nur einmal diejenigen unter Ihnen, die etwas älter geworden sind, in ihre Jugend zurückdenken. Vergleichen Sie manche Lebenserscheinungen in Ihrer Jugend nur — wenn man weiter zurückgeht, ist das viel auffälliger —, die Sie um sich herum wahrnehmen konnten, mit einer ähnlichen Lebenserscheinung jetzt, und fragen Sie sich, in wie hohem Grade das überhandgenommen hat, was man den Trieb, den Hang zum Sensationellen nennt. Was ist eigentlich dieses Sensationelle? Es beruht darauf, daß der Mensch heute stark wirkende und übertrieben abwechselnde, rein sinnliche Eindrücke braucht, damit er gepackt werde, hingenommen werde von der Außenwelt. Er will hingenommen werden von der Außenwelt, er will gefaßt, fasziniert werden. Das Sensationelle hat in ungemeinem Umfang überhand genommen. Aber damit ist etwas Bedeutsames verbunden. Durch das Überhandnehmen des Sensationellen wird auch die Kraft und Energie des menschlichen Ich modifiziert. Dies zu verstehen, was da in Betracht kommt, dazu kann im Grunde genommen nur die Geisteswissenschaft führen; denn sie zeigt, was eigentlich Wahrnehmen der Außenwelt ist.

[ 5 ] Wenn man die philosophische Literatur durchgeht, wird man über nichts mehr geredet finden als über das Wesen der äußeren Wahrnehmung oder Empfindung, wie man es auch nennt. Man hat alle möglichen Theorien aufgestellt, was eigentlich Empfindung, Wahrnehmung innerhalb des menschlichen leiblich-seelischen Lebens ist. Damit brauche ich Sie nicht zu behelligen. Aber auf das Geisteswissenschaftliche in dieser Beziehung soll hingewiesen werden.

[ 6 ] Ich habe schon — sogar auch hier in Berlin in einem öffentlichen Vortrage — angedeutet, daß die naturwissenschaftliche Entwickelung im 19. Jahrhundert und bis in unsere Zeiten herein ja Großes geleistet hat, Großes in bezug auf das Verstehen gewisser sinnlicher Zusammenhänge der äußeren Tatsachenwelt. Aber sie stellt sich namentlich die Entwickelung des Menschen viel zu geradlinig, viel zu einfach vor. Sie stellt sich einfach vor: Es gab einmal nur niedere Tiere, dann gab es höhere Tiere, dann wieder höhere, und aus diesen entwickelte sich zuletzt gewissermaßen als höchstes Tier der Mensch heraus. So einfach ist jedoch die Entwickelung des Menschen nicht. Dieser Mensch — wir haben schon öfter darauf hingewiesen —, der uns in seiner äußeren Leibesgestalt als ein Abbild göttlicher Wesenhaftigkeit des Kosmos erscheinen muß, dieser Mensch kann in der verschiedensten Weise geschildert, gedacht werden. Er kann auch so geschildert, gedacht werden, jetzt mit Bezug auf gewisse naturwissenschafliche Anschauungen, daß wir ihn in drei Teile gliedern: in den Kopf- oder in den Sinnesmenschen — es ist nicht genau, aber da die hauptsächlichsten Sinne im Kopfe liegen, kann man sagen: Kopfmensch —, dann in den Rumpfmenschen und drittens in den Extremitätenmenschen. Von diesen drei Gliedern der menschlichen Natur ist eigentlich nur der Rumpfmensch, der Herzens- und Lungenmensch, so ausgebildet, wie ihn die Naturwissenschaft heute denkt. Der Kopfmensch ist eigentlich nicht in einer fortschreitenden Entwickelung begriffen, sondern er ist rückgebildet. Das Haupt des Menschen hält die fortschreitende Entwickelung auf einer gewissen Stufe auf und bildet sie wieder zurück. — Man hat mir wiederholt gesagt, daß eine solche Vorstellung schwierig ist und gefragt, wie man sie sich erleichtern kann. Ich habe an verschiedenen Orten darauf hingewiesen, wie auch die äußeren richtig verstandenen naturwissenschaftlichen Tatsachen — man muß dann nur wirklich Naturwissenschafter sein, nicht bloß nach dem Muster gewisser Gelehrter der Gegenwart — das belegen, was ich sage. Betrachten Sie das menschliche Auge und vergleichen Sie es mit dem . Auge von Tieren auf einer gewissen Entwickelungsstufe. Sie können nicht sagen, die menschlichen Augen sind ihrer äußeren Gestalt nach komplizierter als die Augen der Tiere auf einer gewissen Entwickelungsstufe. Denn das ist nicht wahr. Es gibt Tiere, die haben im Inneren ihres Auges da, wo wir äußerlich sinnlich gar nichts haben, den Fächerfortsatz zum Beispiel und den Schwertfortsatz. Das sind gewisse Organe im Inneren des Auges, die Fortsetzungen sind der Blutgefäße ins Innere des Auges hinein. Durch diese Fortsätze der Blutgefäße ist ein intimes Zusammenleben im ganzen Gefühlsleben des Tieres mit seinem Wahrnehmungsleben im Auge gegeben. Das Tier fühlt im Auge viel intensiver, als der Mensch im Auge fühlt. Beim Menschen sind Schwertfortsatz und Fächer fort. Das menschliche Auge ist vereinfacht. Es ist nicht bloß vorwärtsgebildet, es ist auch rückgebildet. Und so könnte man bis in die kleinsten Glieder der menschlichen Kopforganisation nachweisen, daß der Mensch eigentlich rückgebildet ist in bezug auf sein Haupt, namentlich in Hinsicht auf seine übrige menschliche Natur, die vorwärtsgebildet ist.

[ 7 ] Jemand, der auch meinte, daß diese Rückbildung des Hauptes eine schwierige Vorstellung sei, fragte mich, ob es denn nicht Anhaltspunkte gäbe, um das besser einzusehen. Ich sagte, man brauche nur an das Folgende zu denken: Im Entwickelungsprozeß der Tierreihe, die mit dem Menschen abschließt, bringt es der Mensch dahin, daß er zu einer gewissen Zeit seiner Behaarung, während der Embryonalzeit, wieder zurückgeht. Der Mensch ist unbehaart, aber das Haupt gehört zu den behaarten Teilen, im allgemeinen. Daß der Mensch in bezug auf seine Hauptesbildung wieder zur Tierreihe zurückkehrt, zeigt ebenfalls die Rückbildung des Hauptes. Das ist eine oberflächliche, äußere Kennzeichnung. Viel deutlicher sprechen die inneren Zeichen. Die ganze Tragweite dieser Tatsachen bitte ich ins Auge zu fassen.

[ 8 ] Dadurch, daß das Haupt rückgebildet ist, daß die Entwickelung nicht geradlinig fortschreitet, sondern sich zurücknimmt im Haupt, sich zurückstaut, dadurch ist Platz geschaffen für die seelisch-geistige Entwickelung des Menschen. Diejenigen Naturforscher, welche die Ansicht vertreten, des Menschen seelisch-geistiges Leben sei nur ein Ergebnis seiner physischen Organisation, die verstehen ihre eigene Naturwissenschaft nämlich nicht richtig. Sie verstehen nicht, daß es für den Menschen notwendig ist, damit er sein Geistig-Seelisches zum Dasein bringen kann, daß die physische Organisation nicht sproßt und sprießt, sondern daß sie sich zurückzieht. Sie flaut ab, staut sich ab, macht Platz der geistig-seelischen Entwickelung. Wo der Mensch am meisten Geistig-Seelisches entwickelt, da zieht sich die physische Entwickelung zurück.

[ 9 ] Innerlich nimmt man das wahr, wenn man eine geistig-seelische Entwickelung durchgemacht hat, daß man, einfach durch innere Beobachtung, eine Antwort bekommt auf die Frage: Was ist eigentlich das gewöhnliche Vorstellen und Wahrnehmen? Was ist das gewöhnliche Wachleben, in das sich Vorstellen und Wahrnehmen hineinmischen?

[ 10 ] In bezug auf das Haupt des Menschen ist Wahrnehmen und Vorstellen, überhaupt das wache Leben, ein Hungern. So eigentümlich ist der Mensch organisiert, daß in seinem inneren Gleichgewicht vom Aufwachen bis zum Einschlafen das Haupt, das heißt seine innere Organisation, fortwährend gegenüber dem übrigen Leibe hungert. Gewisse Asketen, die eine Steigerung des geistig-seelischen Lebens suchen, haben sich das zunutze gemacht: sie lassen den ganzen Körper hungern, weil der Hungerprozeß, ausgedehnt auf den ganzen Körper, gewisse innere Erleuchtungen schaffen soll. Das ist falsch. Das Normale ist, daß unser Haupt im Wachprozeß schwächer genährt wird durch die inneren Vorgänge als der übrige Organismus, und nur dadurch können wir wach sein und vorstellen, daß das Haupt schwächer genährt wird als der übrige Organismus.

[ 11 ] Nun entsteht die Frage: Wenn wir so im Kopfe hungern, während wir uns diesem Rückbildungsprozeß des Hauptes hingeben — im Schlafe wird ja versucht, die Stauung aufzuheben —, was nehmen wir überhaupt dann wahr? — Da lernen wir durch die Geisteswissenschaft zwischen zwei Dingen unterscheiden, die in der Praxis immer verknüpft sind, die aber zwei ganz verschiedene Dinge sind: erstens das bloße Wachleben und sodann die äußeren Wahrnehmungen und die gewöhnlichen Erinnerungsvorstellungen. Was geht nun vor, wenn wir im wachenden Bewußtsein im Kopfe hungern?

[ 12 ] Zunächst nehmen wir auf der einen Seite wahr unser Ich aus der vorigen Inkarnation. Was wir aus der geistigen Welt mitgebracht haben, womit wir durch Geburt oder Empfängnis ins Dasein getreten sind, das nehmen wir wahr, wenn wir bloß wachen, Das erfüllt dasjenige, wo unser Organismus Platz macht. Und wenn wir äußere sinnliche Gegenstände wahrnehmen, treten diese äußeren Gegenstände an die Stelle des Ich, das wir sonst wahrnehmen, wenn wit keine äußeren Eindrücke haben, sondern bloß wachen. Im gewöhnlichen Leben sind diese zwei Dinge durcheinandergemischt, wir nehmen fortwährend äußere Gegenstände wahr und sind sehr selten in einer solchen Seelenverfassung, daß wir bloß wachen. Aber in unsere Seelenverfassung, die auf äußere Dinge gerichtet ist, mischt sich immer die Hinneigung, unser voriges Ich wahrzunehmen, und es durch etwas zu verdrängen, durch äußere Farben oder Töne, dann wieder das vorige Ich wahrzunehmen, und dann wieder das andere. Sobald wir äußerlich wahrnehmen, sobald ein äußerer Gegenstand auf uns wirkt, verdrängt er unsere "Tendenz, unsere Kraft, das Ich aus unserer vorigen Inkarnation wahrzunehmen. Es bleibt unbewußt, wir wissen von ihm nicht. Aber in dieser Sinneswahrnehmung ist eigentlich ein Kampf des gegenwärtigen Gegenstandes, der vor uns steht, und des Ich aus unserer vorigen Inkarnation.

[ 13 ] Nun können Sie sich denken, was es zu bedeuten hat, wenn man das Streben nach dem Sensationellen entwickelt, wenn man an die Außenwelt hingegeben sein will. Das macht einen niemals stärker im Leben, immer nur schwächer; denn da tut man das, was unser Ich aus der vorigen Inkarnation, das in gewissem Sinne doch unsere Stärke ausmacht, abschwächt. Daher können Sie ganz deutlich wahrnehmen, daß mit der Hinneigung des Menschen zum Sensationellen eine gewisse Schwäche der menschlichen Natur auftritt, daß das Ich schwächer wird.

[ 14 ] Und wenn wir nun nicht wahrnehmen, sondern denken, vorstellen, was geht dann vor? Unsere Gedanken schweigen entweder — aber seltener beim gegenwärtigen Menschen — oder aber sie knüpfen an irgendwelche äußeren Wahrnehmungen an. Wenn sie schweigen im Wachleben, dann wirkt in uns — in dem, was da wirken kann, wo Platz geschaffen ist durch unseren Organismus — alles das, was wir durchgemacht haben zwischen der vorigen Inkarnation und der gegenwärtigen. Also an der Stelle, wo Wahrnehmungen auftreten, wirkt die vorige Inkarnation, und an der Stelle, wo Vorstellungen auftreten, da wirkt das Leben, das wir zwischen dem Tode und der jetzigen Geburt durchgemacht haben. Entwickeln wir aus uns selbst machtvolle Gedanken, so bedeutet das: Wir versuchen aus dem, was wir mitgebracht haben aus der Zeit vor unserer letzten Geburt, worauf wir uns selbst stellen müssen, machtvolle Gedanken zu entwickeln. Entwickeln wir nur Gedanken, zu denen wir uns von außen anregen lassen, die sich nur dadurch in unsere Seele wälzen wollen, daß wir sie von außen aufnehmen, so schwächen wir immer das, was wir aus der Zeit zwischen Tod und Geburt mitgebracht haben, das heißt aber das, was unser Ich ausmacht. Sensationssucht schwächt unser gegenwärtiges Leben. Die Sucht, recht viele Klubabende mit Dämmerschoppen anzuregen, um möglichst wenig aus uns selbst zu holen, oder die Aufregungen, die das Skatklopfen verursacht, kurz, alles dieses Anregungsuchen von außen ist nicht ein Stärken, sondern ein Schwächen unseres Ich, und es beruht im Grunde genommen auch darauf, daß man sich nicht stark genug fühlt, um sich aus dem seelischen Leben heraus mit etwas zu beschäftigen. Durch Geisteswissenschaft können wir uns klarmachen, worauf es in der gegenwärtigen Zeit beruht, daß die Menschen sensationssüchtig und anregungsbedürftig sind.

[ 15 ] Was von dieser Seite her in unsere gegenwärtige Kultur eintritt, kann man mit einem allgemeinen Namen bezeichnen. Stoßen Sie sich nicht an diesem Namen, er bezeichnet einen Grundzug vieler Strömungen im gegenwärtigen Leben: Beschränktheit, Borniertheit. Und niemand wird leugnen — auch dann nicht, wenn man die gegenwärtige Wissenschaft oder sonstige Betriebe ins Auge faßt —, daß ein Hauptkennzeichen des gegenwärtigen Menschen die Beschränktheit ist, jene Beschränktheit, die den gegenwärtigen Menschen nicht dazu kommen läßt, das reiche Material in der eigenen Seele zu suchen, das aus dem vorigen Leben und aus der Zeit vor der Geburt kommt. Er glaubt ja nicht, und vor allem müßte man zuerst daran glauben, daß man sich darüber durch die Geisteswissenschaft anregen lassen kann.

[ 16 ] Betrachten wir von diesem Gesichtspunkte aus einmal, was die geisteswissenschaftlichen Gedanken und Ideen für die Seelenstimmung und Seelenverfassung sein können. Anregungen von außen, Sensationelles sind sie ja gewiß nicht, und das streben sie auch bestimmt nicht an. Sie nehmen nicht durch äußere Sensationen die Sinne gefangen. Das vermissen viele. Die Menschen müssen bei den geisteswissenschaftlichen Dingen selbst nachdenken, und wenn sie nichts aus dem eigenen Fonds ihrer Seele herausbringen, schlafen sie bei der Geisteswissenschaft auch wohl ein. Gerade Beweglichmachung, Aufrütteln des seelischen Lebens, so daß man die Möglichkeit gewinnt, aus seinem eigenen Inneren Gedanken zu entwickeln, das ist es, was uns die Geisteswissenschaft gibt. Sie wirkt dem Sensationellen entgegen. Das tut sie besonders dadurch, weil sie uns die Möglichkeit gibt, über wenige Sinneseindrücke viel zu denken. Wir brauchen nicht von Sensation zu Sensation zu eilen. Viel können wir bei allen möglichen Sinneseindrücken denken. Alles Einfache, was uns persönlich entgegentritt, wird uns zum Rätsel. Jede Einzelheit läßt uns viel denken. Und die Gedanken, die viele so kompliziert finden, die Gedanken über Saturn, Sonne, Mond, über die verschiedenen Erdenperioden und so weiter, sie machen den Geist beweglich, lassen Beschränktheit gewissermaßen nicht aufkommen. So arbeitet unsere Geisteswissenschaft gegen eine gewisse Kultureigenschaft, sie ist eine Kämpferin gegen Beschränktheit und Borniertheit auf dem Gebiete des Wahrnehmens und des Vorstellens. Das ist noch etwas anderes als der Inhalt, den man von dieser Geisteswissenschaft haben kann; das ist etwas, was sie aus unserer Seele machen kann, und darauf sollte man auch achten.

[ 17 ] Nun, in bezug auf das Gefühlsleben: Was ist das Hervorstechende bei einem Menschen, der überhaupt an die Geisteswissenschaft herankommt? Und was ist das Hervorstechende bei den meisten Menschen, die nichts von ihr wissen wollen und sie von vornherein ablehnen? Interesselosigkeit gegenüber den großen Angelegenheiten der Welt ist es bei den letzteren. Seine Interessen über das Allernächstliegende erweitern, das muß man ja zunächst, wenn man sich für Geisteswissenschaft interessieren soll. Denn was kümmert es die meisten Menschen in unserer Zeit, was die Erde war, bevor sie Erde geworden ist? Was kümmert es die meisten Menschen der Gegenwart, was unsere Kultur war, bevor sie in unsere Zeit eingetreten ist? Dazu muß man weitergehende Interessen entwickeln. Es handelt sich darum, daß man seine Interessen über das Nächstliegende erweitere. Unsere Zeit tendiert ja gerade darauf hin, unser Interessengebiet möglichst einzuschränken.

[ 18 ] Wohin tendiert unsere Zeit eigentlich? Gestatten Sie, den folgenden Ausdruck zu gebrauchen, er ist ja nicht anerkennend, aber ich will keine Kritik, sondern eine Charakteristik geben: ‚Unsere Zeit strebt mit allen Mitteln zur Engherzigkeit, zur Philistrosität, und wenn diese die Mehrzahl der Menschen ergreifen wird, so wird die Folge sein, daß die Philistrosität allmählich auch in die öffentlichsten Gebiete eingeführt wird. Ein merkwürdiges Beispiel haben wir in dieser Beziehung, das für den, der die Dinge durchschaut, geradezu herz-, alpdrückend wirken kann in bezug auf die Dinge der Gegenwart.

[ 19 ] Wir haben im Osten ein Volkstum, das mit Bezug auf die Grundkräfte seiner Seele heute allerdings noch in der Kindheit ist, das aber solche Grundkräfte hat, die sich in der Zukunft, im sechsten nachatlantischen Kulturzeitraum, zu besonderer Höhe entwickeln sollen, Grundkräfte des Volkes, die spirituell wirken, spirituellen Charakter haben und die man als solche erkennen und pflegen sollte. Was aber hat sich merkwürdigerweise heute als öffentliches Leben über einen großen Teil dieser Volkskraft ausgebreitet? Leninismus! Man kann nichts Groteskeres denken als das Zusammenkoppeln dieses — ich meine jetzt nicht den Mann, sondern die Sache — Kulturaffen des Westens und dieser Kulturprophetie des Ostens. Es kann nicht zwei Dinge geben, die mehr auseinanderliegen und die hier zusammengekoppelt sind. Es ist der groteskeste Ausdruck des materialistischen Strebens; denn aus der Volkskraft des Ostens will sich etwas durchaus Antiphiliströses herausbilden, der Leninismus aber ist die absoluteste Grundkraft der Philistrosität, die Ablehnung aller ins Weite gehenden Kulturinteressen und die Erörterung der Kulturinteressen im allerengsten Philisterium. Das muß man sich klarmachen. Und es ist nichts besser dazu geeignet, diese Dinge zu durchschauen, als allein die Erkenntnisse der Geisteswissenschaft. Geisteswissenschaft arbeitet auch der Philistrosität entgegen, indem sie an die weiten, großzügigen Interessen des Menschen appelliert. Denn ohne Interesse für das, was den Menschen an den Kosmos bindet, was über das Engste hinausgeht und ins Große hineinpulsiert, ohne solches Interesse kann man ja nicht Geisteswissenschafter werden. — So ist Geisteswissenschaft auf dem Gebiete des Gefühlslebens auch die Kämpferin gegen Philistrosität und Engherzigkeit, die unweigerlich aus dem Materialismus hervorgehen müssen, wie sie auf dem Gebiete des Wahrnehmungs- und Vorstellungslebens die Kämpferin ist gegen Borniertheit und Beschränktheit.

[ 20 ] Nun, das Gebiet des Willenslebens. Auch da kann der, welcher nur ein wenig Lebensbeobachter ist, bemerkenswerte Beobachtungen in unserem Leben machen. In bezug auf die Willensäußerungen bringt uns nicht der Materialismus selbst, wohl aber was er im Gefolge hat, zur Ausbildung von etwas Merkwürdigem im menschlichen Gesamtleben. Der Wille muß sich ja immer mit Hilfe der Leiblichkeit äußern, wenn er in bezug auf die Außenwelt wirken soll. Mit Bezug auf den Willen bringt die heutige materialistische Zeit den Menschen in die Ungeschicklichkeit hinein. Dadurch, daß der Mensch in der allerfrühesten Jugend nur dazukommt, seine Leibeskräfte in ganz bestimmte Bahnen hinzulenken, nur nach einigen Richtungen hinzuarbeiten und hinzuhantieren, wird er in weitesten Kreisen ungeschickt. Es gibt heute schon Männer, die, wenn sie in eine solche Lage kommen, sich nicht einmal selbst einen Hosenknopf annähen können, geschweige etwas anderes, so sonderbar es klingt. Wer Geisteswissenschaft nicht als Theorie oder Lehre betrachtet, sondern das, was in ihr mit Wärme wirkt, in seine ganze Persönlichkeit aufnimmt, bei dem geht es über in die Muskeln, in die Blutpulsation, und es macht ihn geschickt. Und würden wir gar geisteswissenschaftliche Art des Vorstellens schon in unsere Kinder hineinbringen können, wir würden den Erfolg sehen, würden sehen, daß die Kinder anstellig werden, daß sie dieses oder jenes leichter können; die Finger würden beweglicher. Die Möglichkeit, die Vorstellungen beweglicher zu machen, bewirkt auch, daß der Wille in seinen Ausdrucksmitteln beweglicher wird. So ist auf dem Gebiete des Willenslebens die Geisteswissenschaft eine Kämpferin gegen das, was der Menschheit droht: die Ungeschicklichkeit. Diese Ungeschicklichkeit ist, mehr als man eigentlich glaubt, ein Charakteristikon unserer Zeit. Sehen Sie sich einmal an, wie wenig heute die Menschen imstande sind, außerhalb der engsten Hantierungen ihres Berufes überhaupt noch etwas zu tun. Sie können es gar nicht mehr; und in ihren Berufen wirken sie auch mehr oder weniger deshalb, weil ihre Seelenbahnen eingefahren sind. Stellen Sie einen Menschen, der so recht in seinen Beruf einmechanisiert ist, vor etwas anderes hin, dann werden Sie sehen, wie stark einseitig unsere heutige Kultur ist. Das kann aber nicht durch äußere Mittel behoben werden; denn die Volkswirtschaft tendiert dahin, alles zu spezialisieren. Dagegen ankämpfen zu wollen, wäre ein Unsinn. Aber die Seelen so zu durchkraften, daß der Mensch vom Zentrum seines Wesens heraus die Impulse der Geschicklichkeit bekommt, das kann gemacht werden. Dazu aber ist notwendig, daß man sich ganz durchdringt, recht durchdringt mit dem Wissen von der übersinnlichen Welt, hauptsächlich von der übersinnlichen Natur des Menschen. Man kann Wahrnehmen und Vorstellen nicht verstehen, auch naturwissenschaftlich nicht, wenn man nicht weiß, was ich vorhin gesagt habe: daß die menschliche Organisation Platz macht in dem Zurückstauen der Organisation des Hauptes, damit das vorige Leben und auch das Leben zwischen Tod und neuer Geburt hereinflutet. Aber auch das Leben nach dem Tode flutet in unsere Organisation herein.

[ 21 ] Die naturwissenschaftlichen Anschauungen über die menschliche Organisation sind, wie ich schon sagte, gar zu einseitig. Nur der Rumpfmensch könnte so einseitig betrachtet werden, wie es die Naturwissenschaft macht, der Extremitätenmensch schon nicht mehr. Wenn man die Extremitäten betrachtet, Arme, Hände, Füße, Beine — die Organisation setzt sich nach innen hin fort —, so ist diese Extremitätenorganisation umgekehrt als die Kopforganisation: es ist eine Überentwickelung vorhanden. Es schießt die Entwickelung über das Normalmaß hinaus. Wird man einmal die Entwickelung genau studieren in bezug auf diese Verhältnisse, so wird man sehen, daß sie über dasjenige hinausschießt, was der Mensch zwischen Geburt und Tod braucht. Nehmen wir nur das Äußere: die Armorganisation in Verbindung mit den Brüsten, mit den sekundären Organen, die der Fortpflanzung dienen, die Beine in Verbindung mit den primären Sexualorganen, die Extremitäten physisch in Verbindung mit demjenigen, wodurch der Mensch schon physisch über sich hinausschaut. In ihrem Zentrum dient die Extremitätenorganisation nicht bloß dem, was über das menschliche individuelle Leben ausgegossen ist, sondern dem, wo er über sich hinausschaut, also dem Geistig-Seelischen. Was den Extremitäten geistig-seelisch zugrunde liegt, geht hinaus über das, was dem menschlichen Leben zwischen Geburt und Tod dient. Es ‚ liegt darin schon das, was über den Tod hinaus wirkt. So wie der Mensch physisch aus seiner eigenen Organisation in die des Kindes hinüberspielt durch das Zentrum seiner Extremitätenorganisation, so ist in ihm geistig als Imagination das vorhanden, was er dadurch, daß er Arm- und Beinmensch ist, durch die Pforte des Todes trägt. Mit der imaginativen Wahrnehmung nimmt man das ganz deutlich wahr: Der Mensch trägt seine nach dem Tode eintretende Zukunft ganz deutlich, auch anatomisch, geistig-seelisch in seiner Extremitätenorganisation. Man wird, wenn man nur ordentlich die Naturwissenschaft studieren wird, nach und nach aufhören zu sagen: Geisteswissenschaft ist etwas, was man nicht erreichen kann. Wenn man nur wirklich nicht so geradlinig, wie sie nicht ist, sondern so, wie sie tatsächlich ist, die menschliche Organisation betrachten wird, dann wird sich einem durch die Naturwissenschaft selbst die Notwendigkeit ergeben, zur Geisteswissenschaft hinzukommen. Etwas allerdings wird die Menschheit überwinden müssen: den Glauben an das Gleichgeartete aller äußeren Sinneseindrücke. Das Gleichgeartetsein aller äußeren Sinneseindrücke glaubt heute nicht nur der Laie, sondern auch der Naturforscher, der den Menschen in der Klinik vor sich hat und ihn anatomisch untersucht. Ihm ist das Herz eine gleichgeartete Organisation wie der Kopf. Aber wahr ist das nicht. Der Kopf steht gegenüber dem Herzen auf einer zurückgearteten Stufe in all seiner Organisation. Man kann nur nicht beobachten; daran liegt es. Wenn man richtig beobachten lernen wird, dann wird man aus der Naturwissenschaft selbst die grundlegende Überzeugung des Geistigen im Menschen gewinnen, dessen, was durch Geburten und Tode geht. Kommt man aber dazu, dann wird man diesem Geistig-Seelischen auch in der ganzen Kulturbewegung Rechnung tragen, und dann wird man die Wichtigkeit des Kampfes gegen Borniertheit, Philistrosität und Ungeschicklichkeit einsehen. Und manches andere wird man noch einsehen. Man wird vor allen Dingen im praktischen Leben lernen, mit dem Geiste zu rechnen. Dem Physiker gestattet man heute ungehindert, daß er von positiver und negativer Elektrizität, von positivem und negativem Magnetismus spricht. Dem Geisteswissenschafter nimmt man es auf seinem Gebiete übel, wenn er von zwei Kraftströmungen in der menschlichen Seele, dem Luziferischen und dem Ahrimanischen spricht. Aber diese zwei Kraftströmungen sind für die Menschenseele genauso eine Polarität wie positiver und negativer Magnetismus beziehungsweise positive und negative Elektrizität im Physischen. Und will man die Menschheit in ihrer Entwickelung verstehen, so muß man sich darauf einlassen, das Wirksame in bezug auf das Luziferische und Ahrimanische im Leben zu beobachten. Ein Beispiel: Unsere soziale Struktur war durch lange Zeit hindurch in einseitiger Weise von luziferischem Wesen beeinflußt. Nicht daß man das Luziferische einfach aus dem Leben tilgen könnte. Wer immer nur sagt: Ich will mich vor dem Luziferischen hüten —, der verfällt ihm erst recht. Es kann sich nur darum handeln, daß man ihm im Leben die richtige Stelle einräumt und weiß: Da ist Luziferisches, und da ist Ahrimanisches — dann wird man sie in ihren Wirkungen nicht übertreiben und nicht in ein falsches Licht bringen. Durch Jahrhunderte ist unsere soziale Struktur in Europa und auch in andern Gebieten der Welt beherrscht gewesen von starken einseitig luziferischen Impulsen. Diese starken luziferischen Impulse ergreifen die Triebe, die Instinkte des Menschen, das von innen heraus Wirksame der Instinkte und Triebe. Das ist alles keine Kritik, nur eine Charakteristik dieser Zeiten. Wie wirkte dieses Luziferische? Bisher wurde viel Rücksicht darauf genommen, die gesellschaftliche Kultur, den Platz eines Menschen, auf den er im Leben gestellt wurde, dadurch zu bestimmen, daß man auf seine Eitelkeit, auf seinen Ehrgeiz großen Wert legte. Das sind luziferische Impulse. Eitelkeit und Ehrgeiz des Menschen wurden angestachelt. Ich erinnere nur, wie in der Schule auf Eitelkeit und Ehrgeiz bis in unsere Tage gerechnet wurde. Und Eitelkeit und Ehrgeiz waren es in vieler Beziehung, was den Menschen dazu brachte, sich dieses oder jenes anzueignen, um einen wichtigen Platz im Leben zu bekommen.

[ 22 ] Jetzt sind wir an einem wichtigen Punkt im Leben. Es kann ja kaum einem richtigen Beobachter entgehen, daß diese luziferischen Impulse im Abnehmen sind. Wenn man sich trivial ausdrücken will: Sie ziehen nicht mehr. Aber anderes soll jetzt heraufgeholt werden, im wesentlichen Ahrimanisches. Und ein ahrimanischer Zug schleicht sich ins Getriebe der Gegenwart ein. Unsere liebe Bevölkerung, diese autoritätsfreie Bevölkerung, die ja niemals an Autoritäten glauben will, daher auf alle Autorität selbstverständlich hereinfällt, sie wird wieder ahnungslos über sich ergehen lassen, was nun als einseitig ahrimanische Macht mit Bezug auf die Gestaltung der gesellschaftlichen Struktur Platz greifen soll. Etwas ganz Merkwürdiges macht sich geltend: die sogenannten Begabtenprüfungen. Die experimentelle Psychologie, die an den Universitäten zweifellos eine gewisse eingeschränkte Berechtigung hat, kann in bezug auf die Art, wie der Menschenleib wirkt, wie er manches zum Ausdruck bringt, mancherlei erfahren. Aber sie möchte eine gewisse Beschäftigung haben; sie ist nämlich leichter als jede andere Seelenprüfung. Man hat nun einen gewissen Apparat, der auf elektrischem Wege Aufzeichnungen macht. Man setzt Studenten an gewisse Stellen und notiert, wie lange es dauert, bis ein Eindruck aufgenommen, zum Bewußtsein gebracht wird. Kurz, man arbeitet dabei äußerlich, klinisch-kabinettmäßig. Das ist leichter, als innerlich zu forschen. Für gewisse Dinge soll gewiß der Wert dieser experimentellen Psychologie nicht bezweifelt werden, aber sie möchte ein weiteres Feld haben. Nun will sie die Begabtenprüfungen in die Hand nehmen. Dazu werden aus einer Reihe von Schulklassen eine Anzahl Kinder genommen, und die prüft man in bezug auf ihre Begabung hin, auf Gedächtnis, Aufmerksamkeit und so weiter, aber die Art, wie dabei mit der Methode der experimentellen Psychologie geprüft wird, ist sehr merkwürdig. Das Gedächtnis wird zum Beispiel auf folgende Weise geprüft. Man schreibt zwei Reihen Wörter auf die Tafel, die unter sich keinen Zusammenhang haben; zum Beispiel «Kopf» und «Kristall», dann zwei andere nicht zusammengehörige Wörter und so weiter. Und nachdem man das Ganze wieder weggelöscht hat, schreibt man immer nur das erste Wort auf; das Kind hat dann rasch aus dem Gedächtnis das zweite hinzuzufügen. Die, welche sich besser gemerkt haben, welches unzusammenhängende Wort bei einem andern gestanden hat, haben dann ein besseres Gedächtnis, und die andern, die entweder gar nichts finden oder längere Zeit brauchen, haben ein schlechteres. So prüft man das Gedächtnis. — Oder man will die Intelligenz prüfen. Dafür will ich Ihnen ein Musterbeispiel vorlesen:

[ 23 ] «Wenn man z.B. die Begriffe: «Spiegel —, Mörder —, Rettung» gibt, so lassen sich zwischen dem Spiegel und der Rettung eine ganze Reihe verschiedenartiger Zusammenhänge herstellen, zu deren Auffinden keinerlei spezielle Kenntnisse, sondern nur scharfes Kombinieren gehört. Die nächstliegende Verbindung» — diese wird also der weniger Intelligente machen — «ist selbstverständlich die, daß der Bedrohte im Spiegel den heranschleichenden Mörder erblickt. Doch sind auch noch ganz andere Motive möglich: Ein heranschleichender Mörder kann beispielsweise an einen Spiegel stoßen und dieser durch sein Klirren den bedrohten Schläfer wecken, so daß jener sich retten kann. Oder der zielende Mörder wird durch einen reflektierenden Spiegel geblendet.» — Denken Sie, wie intelligent ein Knabe oder ein Mädchen sein muß, wenn sie darauf kommen sollen!

[ 24 ] «Aber auch gefühlsmäßige Motive können verwandt werden. So kann beispielsweise der Mörder vor seinem eigenen, im Halbdunkel im Spiegel nur undeutlich sichtbaren Bilde derart erschrecken, daß er von der Ausübung der Tat absteht, sei es, daß ihn Schauder oder Gewissensbisse bei seinem eigenen Anblick im Spiegel packen, sei es, daß er im Dämmerlichte sein eigenes Spiegelbild für das eines andern hält.» — Da ist man also ganz besonders intelligent, wenn man daran denkt, daß sich der Mörder in dem Spiegel sehen könnte, und das eigene Antlitz für das eines anderen hält. — «Auch an die Entdeckung des heranschleichenden Mörders im klaren Wasserspiegel des ruhig daliegenden Waldsees durch den Bedrohten kann man denken usw.»

[ 25 ] Je nachdem man nun das eine Nächstliegende oder das andere einschaltet, ist man mehr oder weniger intelligent, und wer sich auf diese Weise als intelligenter herausstellt, soll durch Stipendien unterstützt werden, oder indem man ihn sonstwie hochbringt; und dem, der auf nichts anderes kommt, als daß man einen Mörder auch im Spiegel sehen könnte, dem gibt man keine Stipendien. Auf solche Weise soll also heute die Intelligenz geprüft werden, und man ist in dieser Beziehung voll Enthusiasmus für die Begabtenprüfungen. Dadurch soll die soziale Ordnung, wenn auch nicht eingerichtet, so doch beeinflußt werden. Das liebe Publikum aber wird solche Dinge als Ausfluß echter, wahrer Wissenschaft der Gegenwart mit vollem Herzen hinnehmen, denn diese Sachen bilden heute den Gegenstand einer großen Agitation. Auf diese Weise versucht man es, die Mittel und Wege zu finden, um methodisch «den rechten Mann auf den rechten Platz zu stellen», und man schreibt Aufsätze, die folgendermaßen beginnen: «Wie kaum eine andere Wissenschaft ist die angewandte Psychologie während des Krieges aufgeblüht. Das ist nicht Zufalls-Erscheinung: Hat doch der Krieg mit seinem Menschenverbrauch und seinen differenzierten Anforderungen erst die Wichtigkeit dargetan, mit Menschenkräften nicht verschwenderisch und planlos umzugehen, sondern sie möglichst zweckmäßig auszunutzen. Bisher befaßte sich nur die Pädagogik praktisch mit der exakten Psychologie; jetzt kommen drei neue Fragen hinzu: für welchen Beruf eignet sich ein Mensch am besten? (Berufs-Eignungsproblem); wie ist für die viele vernichtete Intelligenz Ersatz zu finden? (Begabtenauswahl); welche Heilungsmöglichkeit gibt es für Kopfverletzte und sonstige Nervenbeschädigte? (Psychische Übungs-Therapie).»

[ 26 ] In diesem Stile geht es weiter. Mit einem bedeutsamen Satz wird eine Zeitverirrung zusammengekoppelt, und die Sache wird um so weniger bemerkt werden, als es selbstverständlich Berufe gibt, wo nach dieser Methode vorgegangen werden muß. Es ist ganz selbstverständlich, daß man nach einer ähnlichen Methode mit einem gewissen Recht zum Beispiel Flieger prüfen wird. Aber es darf nicht generalisiert werden. Denn es würde dadurch in der allereinseitigsten Ausbildung ein Ahrimanisches in unsere soziale Struktur hineingebracht werden. Es würde damit aus den menschlichen Aspirationen, aus dem menschlichen Streben alles ausgeschaltet werden, was aus dem Seelischen, aus dem elementarischen, impulsiven Seelischen herauskommt. Man kann sich sogar die Sache grob denken: Glauben Sie, wenn solche Begabtenprüfungen wirklich ausschlaggebend sein könnten, daß dann noch ein Wort Bedeutung haben könnte wie das: «Lust und Liebe sind die Fittiche zu großen Taten»? Und wenn die Leute einmal über die eigenen großen Menschen nachdenken würden — Sie können ganz sicher sein: Wenn ein solcher Prüfer den Helmholtz zu prüfen gehabt hätte, er hätte ihn ganz sicher als einen unbegabten Buben hingestellt. Lesen Sie die Biographie von Helmholtz! _

[ 27 ] Das ist ein ahrimanischer Zug. Die Sachen treten noch dazu maskiert auf. Man merkt nicht, wenn man nicht die Dinge durch die Geisteswissenschaft zu beobachten vermag, wo die Schädlichkeiten liegen. Es genügt nicht, daß man sich in unserer Zeit in allerlei wollüstige Gefühle hineinschwelgen will, sondern es ist notwendig, daß man aufwacht in bezug auf die Beurteilung des Lebens. Und es wäre schon viel, wenn es mit Bezug auf diesen BegabtenprüfungUnfug wenigstens einige Menschen geben würde, die sich ein objektives Urteil demgegenüber aneigneten. Denn er wird blühen und gedeihen — dessen können Sie ganz sicher sein! Er wird das sein, wozu es die «vorurteilslose Seelenprüfung endlich gebracht hat», und er wird glorifiziert werden als einer der schönsten Ausflüsse jener philosophischen Richtung, die endlich die alten idealistischen Vorurteile und Methoden abgestreift hat und auf das «Wirkliche» losgeht. Die Geisteswissenschaft muß in diesem Sinne praktisch wirken.

[ 28 ] Nun hängt mit diesen Dingen manches zusammen, vor allem das, daß Weite des Interesses und Wahrhaftigkeit endlich Grundeigenschaften der menschlichen Seele werden müssen. Ich möchte Ihnen für die Art, wie in unserer Zeit Wahrhaftigkeit wirkt und wie ein gewisses Interesse nicht vorhanden ist, zwei niedliche Beispiele anführen. Wenn ich persönliche Beispiele wähle, so nehme ich als das Nächstliegende an, daß Sie es mir hier nicht übelnehmen werden, weil Sie ja wissen, daß ich es nicht aus einer persönlichen Albernheit heraus tue. — Ich habe neulich in München einen Vortrag gehalten über die Erfahrungen, die der Seher mit der Kunst macht. Ich habe nie vorausgesetzt, daß irgendein Zeitungsreporter imstande wäre, die Sache der Geisteswissenschaft zu verstehen oder etwas Löbliches darüber zu schreiben. Im Gegenteil, wo ein Zeitungsreporter anfangen würde, über Geisteswissenschaft in einer löblichen Weise zu schreiben, da würde ich glauben, daß etwas daran nicht in Ordnung sei. Aber Exempel kann man doch daran studieren. In dem erwähnten Vortrage sprach ich auch über die musikalische Kunst und davon, daß das musikalische Erleben in einer bedeutsamen Weise den ganzen Menschen in Anspruch nimmt, daß, wo eigentlich musikalisches Erleben ist, überall ein Rhythmus im Inneren des Menschen sich abspielt. Ich sprach dann auf der einen Seite mit Bezug auf das Geistig-Seelische, aber auch auf der andern Seite mit Bezug auf das Physiologische, indem ich ein Auf- und Abwogen des Gehirnwassers durch den Arachnoidealraum auseinandersetzte und des weiteren darstellte, wie die Rückenmarkröhre verschieden dehnbar, mehr und weniger dehnbar ist, und wie dadurch in der Tat eine wunderbare innere Rhythmik bewirkt wird. Es geht durch das musikalische Erleben etwas großartig Rhythmisches im Leben vor. Ich erwähnte diese rhythmischen Bewegungen des Gehirnwassers, die mit dem Ein- und Ausatmen verknüpft sind. Und da ich in diesem Vortrage auch von symbolischen Vorstellungen sprach, so schrieb der Zeitungsreporter, ich gebrauchte selbst symbolische Vorstellungen, die unstatthaft wären: die Vorstellung des Gehirnwassers! — Man braucht sich dazu nur vorzustellen: Ohne das Gehirnwasser würde das Gehirn, da es nach dem archimedischen Prinzip leichter wird durch das Gehirnwasser, auf die unter ihm liegenden Blutgefäße drücken und sie zerdrücken. Also das Gehirnwasser ist etwas recht Reales. Aber so steht es mit den Interessen, welche die Menschen haben, und aus solchem Unsinn heraus wird geschrieben.

[ 29 ] Dann ein Beispiel, eigentlich nur ein Beispielchen von Wahrhaftigkeit und Unwahrhaftigkeit. Ich habe schon öfter erwähnt, daß der merkwürdige Gelehrte Max Dessoir in seinem Buche «Vom Jenseits der Seele» auch über « Anthroposophie» ein Kapitel geschrieben hat. Ich versuchte schon, ihm die verschiedensten Entstellungen und so weiter nachzuweisen. Auch im Äußerlichen ist seine Erzählungsmethode etwas im Grunde genommen Urkomisches durch seine absoluteste Oberflächlichkeit. So hat er zum Beispiel meine «Philosophie der Freiheit» angeführt und von ihr gesagt, das sei mein literarischer Erstling. Ich konnte nicht anders, obwohl es eine entstellte Sache ist, als erwidern, daß ich ja zehn Jahre vorher schon geschrieben habe und Bücher habe erscheinen lassen. Aber dieses « Jenseits der Seele» von Max Dessoir hat Aufsehen erregt; es wurde überall von den Journalisten — die das Gehirnwasser für eine symbolische Vorstellung halten — besprochen. Es hat gewirkt, und jetzt ist eine zweite Auflage dieses Buches erschienen. In der Vorrede dazu sucht sich Max Dessoir nun zu rechtfertigen, und das wieder ganz nach demselben Schnitt. Er kann nicht aus noch ein und meint, der Zusammenhang ergebe doch ganz klar, daß ich nicht erkenne, was er will; er habe doch gemeint, daß die «Philosophie der Freiheit» mein erstes «theosophisches» Buch sei. Also abgesehen davon, daß jeder lachen muß, wenn er meint, daß mit seiner Äußerung nicht mein überhaupt erstes literarisches Werk gemeint sei, wird nun wieder jeder lachen müssen, wenn man die «Philosophie der Freiheit» als mein erstes «theosophisches» Buch bezeichnen wird. Denn es besteht ja eine weitgehende Diskussion, daß ich mit meinen theosophischen Werken die philosophische Schriftstellerei verlassen habe. — So steht es mit der Wahrhaftigkeit, und es ist schon notwendig, die Leute daran zu fassen. Ohne Wahrhaftigkeit kommen wir aber nicht weiter, und man darf solche Dinge nicht einfach so hingehen lassen. Für jemanden, der die einschlägigen Dinge kennt, ist das ganze Buch Max Dessoirs so abgefaßt, wie das Kapitel über Anthroposophie. Und dennoch, was könnte geschehen? Eine Zeitschrift, die sich sonst als etwas ungemein Ernstes gibt — ich erwähne es, weil in dieser Zeitschrift nun nicht auf die Anthroposophie losgeschlagen wird —, die «Kantstudien», die sich so furchtbar viel auf ihre rein gelehrte wissenschaftliche Richtung einbilden, sie besprechen dieses Produkt Dessoirs als ein ernsthaftes wissenschaftliches Buch nach verschiedenen Seiten hin. Es ist eine der traurigsten Erfahrungen, die man machen muß, daß ein Buch, welches von der größten Oberflächlichkeit zeugt, heute für eine philosophische Zeitschrift als ein «ernsthaftes wissenschaftliches Buch» gilt, wie es da besprochen wird. — Nun frage ich: Was soll denn heute das Publikum, das nicht autoritätsgläubige Publikum, machen? Es nimmt aus den Bibliotheken selbstverständlich diese Werke, wie die «Kantstudien» und so weiter — aber dem liegen solche Dinge zugrunde!

[ 30 ] Da ist es nur möglich, vom Geist — wenn der Wille vorhanden ist — auf das Grundlegende in der menschlichen Natur einmal zurückzugehen. Und dieses Grundlegende wird heute nur von den geisteswissenschaftlichen Bestrebungen berührt. Da kann man nicht anders, als auf Wahrhaftigkeit, Weite des Interesses, auf Unphilistrosität und Beweglichkeit dem Leben gegenüber hinzuarbeiten.

[ 31 ] Davon wollte ich Ihnen wieder einmal sprechen, damit uns ja das Bewußtsein nicht schwindet: In der Geisteswissenschaft kommt es nicht bloß auf den Inhalt an, sondern auf das, was die besondere Art der geisteswissenschaftlichen Vorstellungen, Ideen und Gedanken in unserer Seele bewirkt, daß unsere Seele aus der Borniertheit, aus der Philistrosität und Ungeschicklichkeit herausgehoben wird. Das ist etwas, was der, der die besonderen Impulse beachtet, die in der Geisteswissenschaft liegen, immer mehr und mehr sehen muß. Den praktischen Wert der Geisteswissenschaft müssen wir ins Auge fassen. Von solchen Dingen wollen wir das nächste Mal weitersprechen.