Earth-Death and Universal-Life
Anthroposophical Life-Gifts
Essential Aspects of Consciousness for the Present and the Future
GA 181
14 May 1918, Berlin
Translate the original German text into any language:
Versions Available:
The Death of the Earth and Life in the Universe, tr. SOL
Anthroposophische Lebensgaben VI
Anthroposophical Life-Gifts VI
[ 1 ] Geisteswissenschaft sollte vor allen Dingen von denjenigen, die sie schon länger kennen, in dem Sinne aufgefaßt werden, daß auch das vor die Seele trete, wie die Geisteswissenschaft im intensivsten Sinne für das menschliche Leben tatkräftig sein kann. Das wurde zwar öfter betont, aber man kann gerade diese Seite der Wesenheit der Geisteswissenschaft und ihre Bedeutung für unsere Zeit nicht oft genug hervorheben. Geisteswissenschaft ist ja gewissermaßen eine Wissenschaft, und als solche ist sie, man kann sagen, in der Gegenwart noch fragmentarisch, nur zum Teil begründet. Was sie einmal werden kann, kann ja in der Gegenwart nur.in den allerersten Anfängen eigentlich da sein.
[ 1 ] Spiritual science should, above all, be understood by those who have known it for some time in the sense that it also reveals to the soul how spiritual science, in the most intense sense, can be a active force in human life. Although this has been emphasized frequently, one cannot stress this aspect of the essence of spiritual science and its significance for our time often enough. Spiritual science is, in a sense, a science, and as such, one might say, it is still fragmentary at present, only partially established. What it may one day become can, at present, truly be present only in its very earliest stages.
[ 2 ] Was ich damit meine, ist die Geisteswissenschaft ihrem Inhalte nach. Man kann durch sie etwas erfahren über das Wesen des Menschen, über die übersinnliche Persönlichkeit des Menschen, insofern diese ihr Leben hat auch jenseits der Tore des physischen Lebens, welche da sind: Geburt oder Empfängnis und Tod. Man kann auch durch diese Geisteswissenschaft etwas erfahren über die Entwickelung der Erde und der Welt, über die Zusammenhänge dieser Entwickelung von Erde und Welt wiederum mit dem Menschen und so weiter. Man kann also durch die Geisteswissenschaft in einer umfassenderen und allseitigeren Weise, als dies durch die äußere sinnliche Wissenschaft möglich ist, wenn man so sagen darf, die menschliche WiBbegierde befriedigen. Man kann sich Fragen beantworten, welche dem Menschen auf der Seele liegen und so weiter.
[ 2 ] What I mean by this is spiritual science in terms of its content. Through it, one can learn about the nature of the human being, about the supersensible personality of the human being, insofar as this personality continues to exist beyond the gates of physical life—namely, birth or conception and death. Through this spiritual science, one can also learn about the evolution of the Earth and the world, about the connections between this evolution of the Earth and the world and the human being, and so on. Thus, through spiritual science—in a more comprehensive and all-encompassing way than is possible through external, sensory science, if I may put it that way—one can satisfy the human thirst for knowledge. One can find answers to questions that weigh heavily on the human soul, and so on.
[ 3 ] Aber außer dieser inhaltlichen Bedeutung der Geisteswissenschaft gibt es eine wesentlich andere. Die ist dann zu beobachten, wenn man ins Auge faßt, was aus uns selber, aus unserem Seelenleben, unserer Seelenstimmung und Seelenverfassung werden kann, wenn wir uns mit den Gedanken, den Ideen beschäftigen, die uns aus der Geisteswissenschaft kommen. Es könnte ja sogar sein — bei welcher Wissenschaft war das im Laufe der Menschheit nicht der Fall! —, daß manches von dem, was heute mit voller Gewissenhaftigkeit aus den Quellen des geistigen Lebens heraus als Geisteswissenschaft verkündet werden kann und muß, später durch den weiteren Fortschritt der Geisteswissenschaft selbst korrigiert werden müßte, daß manches in anderer Form auftreten würde. Dann würde vielleicht in der einen oder andern Partie dieser Geisteswissenschaft ein anderer Inhalt sein. Was sie aber für die Stimmung, für die Verfassung unserer Seele durch ihre Ideen, durch ihre Gedanken werden kann, das wird dadurch nicht beeinträchtigt, und das hängt doch ganz wesentlich zusammen mit gewissen Grundeigenschaften gerade unserer gegenwärtigen Zeit. Gewisse Grundeigenschaften unserer Zeit, namentlich mit Bezug auf die Seelenverfassung der Menschen, wollen wir heute einmal ins Auge fassen. Wir wollen uns dabei an die vier wichtigsten Seelenbetätigungen halten, die wir aus unseren Betrachtungen gut kennen: an das Wahrnehmen des Menschen mit Bezug auf äußere sinnliche Vorgänge, an das Vorstellen, durch das wir diese äußeren Sinneseindrücke dann verarbeiten, an das Fühlen und an das Wollen. In Wahrnehmen, Vorstellen, Fühlen und Wollen verläuft ja unser Seelenleben vom Aufwachen bis zum Einschlafen.
[ 3 ] But apart from this substantive significance of spiritual science, there is another, fundamentally different one. This becomes apparent when we consider what can become of us—of our inner life, our mood, and our state of mind—when we engage with the thoughts and ideas that come to us from spiritual science. It could even be—and in the course of human history, what science has not been subject to this!—that some of what can and must be proclaimed today with the utmost conscientiousness as spiritual science, drawn from the sources of spiritual life, might later have to be corrected by the further progress of spiritual science itself, and that some things might take on a different form. Then perhaps one or another aspect of this spiritual science might take on a different content. But what it can become for the mood, for the state of our soul through its ideas and thoughts is not affected by this, and this is, after all, very much connected with certain fundamental characteristics of our present time in particular. Today, let us consider certain fundamental characteristics of our time, particularly with regard to the state of people’s souls. In doing so, let us focus on the four most important soul activities, which we know well from our reflections: human perception in relation to external sensory processes; imagination, through which we then process these external sensory impressions; feeling; and willing. After all, our soul life unfolds through perception, imagination, feeling, and willing from the moment we wake up until we fall asleep.
[ 4 ] Zunächst das Wahrnehmen. Wir können gerade mit dem durch die Geisteswissenschaft geschärften Seelenauge betrachten, was notwendigerweise — was ich sage, ist keine Kritik, sondern nur eine Charakteristik — im Laufe der letzten drei bis vier Jahrhunderte als Grundkultureigenschaft der Menschenseele in Ländern, die für uns in Betracht kommen, sich ausgebildet hat. Wir fragen uns, was das ist. Man braucht nur ein oberflächlicher Betrachter des Lebens zu sein und wird finden, daß die Menschen in bezug auf ihr Wahrnehmungsvermögen, also mit Bezug auf das unmittelbare Verhältnis der Seele zur Außenwelt durch die Sinne, auf den Standpunkt gekommen sind, daß sie immer lebhaftere, heftigere, immer faszinierendere Eindrücke brauchen, um in bezug auf das Wahrnehmungsvermögen der Sinne befriedigt zu werden. Es mögen nur einmal diejenigen unter Ihnen, die etwas älter geworden sind, in ihre Jugend zurückdenken. Vergleichen Sie manche Lebenserscheinungen in Ihrer Jugend nur — wenn man weiter zurückgeht, ist das viel auffälliger —, die Sie um sich herum wahrnehmen konnten, mit einer ähnlichen Lebenserscheinung jetzt, und fragen Sie sich, in wie hohem Grade das überhandgenommen hat, was man den Trieb, den Hang zum Sensationellen nennt. Was ist eigentlich dieses Sensationelle? Es beruht darauf, daß der Mensch heute stark wirkende und übertrieben abwechselnde, rein sinnliche Eindrücke braucht, damit er gepackt werde, hingenommen werde von der Außenwelt. Er will hingenommen werden von der Außenwelt, er will gefaßt, fasziniert werden. Das Sensationelle hat in ungemeinem Umfang überhand genommen. Aber damit ist etwas Bedeutsames verbunden. Durch das Überhandnehmen des Sensationellen wird auch die Kraft und Energie des menschlichen Ich modifiziert. Dies zu verstehen, was da in Betracht kommt, dazu kann im Grunde genommen nur die Geisteswissenschaft führen; denn sie zeigt, was eigentlich Wahrnehmen der Außenwelt ist.
[ 4 ] First, perception. It is precisely with the soul’s eye, sharpened by spiritual science, that we can observe what has necessarily—and what I am saying is not a criticism, but merely a characterization—developed over the course of the last three to four centuries as a fundamental cultural trait of the human soul in the countries that are of interest to us. We ask ourselves what this is. One need only be a superficial observer of life to find that, with regard to their powers of perception—that is, with regard to the soul’s immediate relationship to the external world through the senses—people have reached the point where they need ever more vivid, intense, and fascinating impressions in order to be satisfied in terms of their sensory perception. Let those of you who are a bit older just think back to your youth for a moment. Compare some of the aspects of life in your youth—though this is much more striking if you go further back—that you could perceive around you with a similar aspect of life today, and ask yourselves to what extent what is called the drive, the inclination toward the sensational, has gotten out of hand. What, exactly, is this “sensationalism”? It stems from the fact that people today need powerful and excessively varied, purely sensory impressions in order to be gripped and captivated by the outside world. They want to be captivated by the outside world; they want to be seized and fascinated. The sensational has run rampant on an extraordinary scale. But something significant is connected to this. Through the prevalence of the sensational, the strength and energy of the human “I” are also altered. Ultimately, only spiritual science can lead to an understanding of what is at stake here; for it reveals what the perception of the external world actually is.
[ 5 ] Wenn man die philosophische Literatur durchgeht, wird man über nichts mehr geredet finden als über das Wesen der äußeren Wahrnehmung oder Empfindung, wie man es auch nennt. Man hat alle möglichen Theorien aufgestellt, was eigentlich Empfindung, Wahrnehmung innerhalb des menschlichen leiblich-seelischen Lebens ist. Damit brauche ich Sie nicht zu behelligen. Aber auf das Geisteswissenschaftliche in dieser Beziehung soll hingewiesen werden.
[ 5 ] If one reviews the philosophical literature, one will find that nothing is discussed more than the nature of external perception or sensation, whatever one chooses to call it. All sorts of theories have been put forward regarding what sensation and perception actually are within human physical and psychological life. I need not burden you with these. But the spiritual-scientific aspect of this matter should be pointed out.
[ 6 ] Ich habe schon — sogar auch hier in Berlin in einem öffentlichen Vortrage — angedeutet, daß die naturwissenschaftliche Entwickelung im 19. Jahrhundert und bis in unsere Zeiten herein ja Großes geleistet hat, Großes in bezug auf das Verstehen gewisser sinnlicher Zusammenhänge der äußeren Tatsachenwelt. Aber sie stellt sich namentlich die Entwickelung des Menschen viel zu geradlinig, viel zu einfach vor. Sie stellt sich einfach vor: Es gab einmal nur niedere Tiere, dann gab es höhere Tiere, dann wieder höhere, und aus diesen entwickelte sich zuletzt gewissermaßen als höchstes Tier der Mensch heraus. So einfach ist jedoch die Entwickelung des Menschen nicht. Dieser Mensch — wir haben schon öfter darauf hingewiesen —, der uns in seiner äußeren Leibesgestalt als ein Abbild göttlicher Wesenhaftigkeit des Kosmos erscheinen muß, dieser Mensch kann in der verschiedensten Weise geschildert, gedacht werden. Er kann auch so geschildert, gedacht werden, jetzt mit Bezug auf gewisse naturwissenschafliche Anschauungen, daß wir ihn in drei Teile gliedern: in den Kopf- oder in den Sinnesmenschen — es ist nicht genau, aber da die hauptsächlichsten Sinne im Kopfe liegen, kann man sagen: Kopfmensch —, dann in den Rumpfmenschen und drittens in den Extremitätenmenschen. Von diesen drei Gliedern der menschlichen Natur ist eigentlich nur der Rumpfmensch, der Herzens- und Lungenmensch, so ausgebildet, wie ihn die Naturwissenschaft heute denkt. Der Kopfmensch ist eigentlich nicht in einer fortschreitenden Entwickelung begriffen, sondern er ist rückgebildet. Das Haupt des Menschen hält die fortschreitende Entwickelung auf einer gewissen Stufe auf und bildet sie wieder zurück. — Man hat mir wiederholt gesagt, daß eine solche Vorstellung schwierig ist und gefragt, wie man sie sich erleichtern kann. Ich habe an verschiedenen Orten darauf hingewiesen, wie auch die äußeren richtig verstandenen naturwissenschaftlichen Tatsachen — man muß dann nur wirklich Naturwissenschafter sein, nicht bloß nach dem Muster gewisser Gelehrter der Gegenwart — das belegen, was ich sage. Betrachten Sie das menschliche Auge und vergleichen Sie es mit dem . Auge von Tieren auf einer gewissen Entwickelungsstufe. Sie können nicht sagen, die menschlichen Augen sind ihrer äußeren Gestalt nach komplizierter als die Augen der Tiere auf einer gewissen Entwickelungsstufe. Denn das ist nicht wahr. Es gibt Tiere, die haben im Inneren ihres Auges da, wo wir äußerlich sinnlich gar nichts haben, den Fächerfortsatz zum Beispiel und den Schwertfortsatz. Das sind gewisse Organe im Inneren des Auges, die Fortsetzungen sind der Blutgefäße ins Innere des Auges hinein. Durch diese Fortsätze der Blutgefäße ist ein intimes Zusammenleben im ganzen Gefühlsleben des Tieres mit seinem Wahrnehmungsleben im Auge gegeben. Das Tier fühlt im Auge viel intensiver, als der Mensch im Auge fühlt. Beim Menschen sind Schwertfortsatz und Fächer fort. Das menschliche Auge ist vereinfacht. Es ist nicht bloß vorwärtsgebildet, es ist auch rückgebildet. Und so könnte man bis in die kleinsten Glieder der menschlichen Kopforganisation nachweisen, daß der Mensch eigentlich rückgebildet ist in bezug auf sein Haupt, namentlich in Hinsicht auf seine übrige menschliche Natur, die vorwärtsgebildet ist.
[ 6 ] I have already—even here in Berlin, in a public lecture—suggested that scientific development in the 19th century and up to the present day has indeed achieved great things, great things in terms of understanding certain sensory relationships within the external world of facts. But it conceives of human development, in particular, as far too linear, far too simple. It imagines it simply as follows: Once there were only lower animals, then there were higher animals, then even higher ones, and from these, human beings ultimately emerged, so to speak, as the highest animal. However, human evolution is not that simple. This human being—as we have often pointed out—who, in his outward physical form, must appear to us as a reflection of the divine essence of the cosmos, can be described and conceived in a wide variety of ways. He can also be described and conceived—now with reference to certain views of the natural sciences—in such a way that we divide him into three parts: the head or sensory human—this is not entirely accurate, but since the principal senses are located in the head, one can say “head human”—then the torso human, and thirdly, the limb human. Of these three aspects of human nature, only the torso-human—the heart- and lung-human—is actually developed in the way that natural science conceives of it today. The head-human is not, in fact, undergoing progressive development; rather, it is regressing. The human head halts progressive development at a certain stage and causes it to regress. — I have been told repeatedly that such a concept is difficult to grasp, and people have asked how it can be made easier to understand. I have pointed out in various places how even the external facts of natural science, when correctly understood—one must then truly be a natural scientist, not merely following the model of certain contemporary scholars—corroborate what I am saying. Consider the human eye and compare it to the eyes of animals at a certain stage of development. You cannot say that human eyes are, in their external form, more complex than the eyes of animals at a certain stage of development. For that is not true. There are animals that have, inside their eyes—in places where we perceive nothing externally—structures such as the fan-shaped process and the sword-shaped process. These are specific organs within the eye; they are extensions of the blood vessels into the interior of the eye. Through these extensions of the blood vessels, there is an intimate interplay between the animal’s entire emotional life and its sensory life in the eye. The animal feels much more intensely in the eye than humans do. In humans, the sword-shaped process and the fan-shaped process are absent. The human eye is simplified. It is not merely developed forward; it is also regressed. And so one could demonstrate, right down to the smallest parts of the human head’s organization, that the human being is actually regressed with regard to the head, particularly in relation to the rest of human nature, which is developed forward.
[ 7 ] Jemand, der auch meinte, daß diese Rückbildung des Hauptes eine schwierige Vorstellung sei, fragte mich, ob es denn nicht Anhaltspunkte gäbe, um das besser einzusehen. Ich sagte, man brauche nur an das Folgende zu denken: Im Entwickelungsprozeß der Tierreihe, die mit dem Menschen abschließt, bringt es der Mensch dahin, daß er zu einer gewissen Zeit seiner Behaarung, während der Embryonalzeit, wieder zurückgeht. Der Mensch ist unbehaart, aber das Haupt gehört zu den behaarten Teilen, im allgemeinen. Daß der Mensch in bezug auf seine Hauptesbildung wieder zur Tierreihe zurückkehrt, zeigt ebenfalls die Rückbildung des Hauptes. Das ist eine oberflächliche, äußere Kennzeichnung. Viel deutlicher sprechen die inneren Zeichen. Die ganze Tragweite dieser Tatsachen bitte ich ins Auge zu fassen.
[ 7 ] Someone who also thought that this regression of the head was a difficult concept to grasp asked me if there weren’t any clues that would help one understand it better. I said that one need only consider the following: In the evolutionary process of the animal kingdom, which culminates in the human being, the human being reaches a point where, at a certain stage of its development—during the embryonic period—its body hair regresses. Humans are hairless, but the head is generally one of the hairy parts of the body. The fact that humans revert to the animal kingdom in terms of the formation of their heads is also demonstrated by the regression of the head. This is a superficial, external characteristic. The internal signs speak much more clearly. I ask you to consider the full significance of these facts.
[ 8 ] Dadurch, daß das Haupt rückgebildet ist, daß die Entwickelung nicht geradlinig fortschreitet, sondern sich zurücknimmt im Haupt, sich zurückstaut, dadurch ist Platz geschaffen für die seelisch-geistige Entwickelung des Menschen. Diejenigen Naturforscher, welche die Ansicht vertreten, des Menschen seelisch-geistiges Leben sei nur ein Ergebnis seiner physischen Organisation, die verstehen ihre eigene Naturwissenschaft nämlich nicht richtig. Sie verstehen nicht, daß es für den Menschen notwendig ist, damit er sein Geistig-Seelisches zum Dasein bringen kann, daß die physische Organisation nicht sproßt und sprießt, sondern daß sie sich zurückzieht. Sie flaut ab, staut sich ab, macht Platz der geistig-seelischen Entwickelung. Wo der Mensch am meisten Geistig-Seelisches entwickelt, da zieht sich die physische Entwickelung zurück.
[ 8 ] Because the head is regressed—because development does not proceed in a straight line but rather recedes within the head, accumulating there—space is created for the soul-spiritual development of the human being. Those natural scientists who hold the view that the human soul-spiritual life is merely a result of the human physical organization do not, in fact, understand their own natural science correctly. They do not understand that, in order for the human being to bring his or her soul-spiritual life into existence, it is necessary for the physical organization not to sprout and flourish, but rather to withdraw. It subsides, recedes, making room for spiritual and psychological development. Where a person develops their spiritual and psychological aspects the most, physical development recedes.
[ 9 ] Innerlich nimmt man das wahr, wenn man eine geistig-seelische Entwickelung durchgemacht hat, daß man, einfach durch innere Beobachtung, eine Antwort bekommt auf die Frage: Was ist eigentlich das gewöhnliche Vorstellen und Wahrnehmen? Was ist das gewöhnliche Wachleben, in das sich Vorstellen und Wahrnehmen hineinmischen?
[ 9 ] Once one has undergone spiritual and psychological development, one comes to realize inwardly that, simply through inner observation, one receives an answer to the question: What, in fact, is ordinary imagination and perception? What is ordinary waking life, into which imagination and perception are interwoven?
[ 10 ] In bezug auf das Haupt des Menschen ist Wahrnehmen und Vorstellen, überhaupt das wache Leben, ein Hungern. So eigentümlich ist der Mensch organisiert, daß in seinem inneren Gleichgewicht vom Aufwachen bis zum Einschlafen das Haupt, das heißt seine innere Organisation, fortwährend gegenüber dem übrigen Leibe hungert. Gewisse Asketen, die eine Steigerung des geistig-seelischen Lebens suchen, haben sich das zunutze gemacht: sie lassen den ganzen Körper hungern, weil der Hungerprozeß, ausgedehnt auf den ganzen Körper, gewisse innere Erleuchtungen schaffen soll. Das ist falsch. Das Normale ist, daß unser Haupt im Wachprozeß schwächer genährt wird durch die inneren Vorgänge als der übrige Organismus, und nur dadurch können wir wach sein und vorstellen, daß das Haupt schwächer genährt wird als der übrige Organismus.
[ 10 ] With regard to the human head, perception and imagination—indeed, waking life in general—are a form of hunger. Human beings are organized in such a peculiar way that, in their inner equilibrium from the moment they wake until they fall asleep, the head—that is, their inner organization—is constantly hungry in relation to the rest of the body. Certain ascetics who seek to elevate their spiritual and mental life have taken advantage of this: they starve the entire body, believing that the process of starvation, extended to the whole body, is supposed to bring about certain inner illuminations. This is wrong. The normal state is that, during the waking process, our head is nourished less by internal processes than the rest of the organism, and it is only through this that we can be awake and imagine that the head is nourished less than the rest of the organism.
[ 11 ] Nun entsteht die Frage: Wenn wir so im Kopfe hungern, während wir uns diesem Rückbildungsprozeß des Hauptes hingeben — im Schlafe wird ja versucht, die Stauung aufzuheben —, was nehmen wir überhaupt dann wahr? — Da lernen wir durch die Geisteswissenschaft zwischen zwei Dingen unterscheiden, die in der Praxis immer verknüpft sind, die aber zwei ganz verschiedene Dinge sind: erstens das bloße Wachleben und sodann die äußeren Wahrnehmungen und die gewöhnlichen Erinnerungsvorstellungen. Was geht nun vor, wenn wir im wachenden Bewußtsein im Kopfe hungern?
[ 11 ] This raises the question: If we are starving in our minds in this way while we surrender to this process of regression in the head—after all, during sleep the body attempts to relieve this congestion—what do we actually perceive then? — Through spiritual science, we learn to distinguish between two things that are always linked in practice but are in fact two entirely different things: first, mere waking life, and second, external perceptions and ordinary memories. What happens, then, when we experience mental hunger in our waking consciousness?
[ 12 ] Zunächst nehmen wir auf der einen Seite wahr unser Ich aus der vorigen Inkarnation. Was wir aus der geistigen Welt mitgebracht haben, womit wir durch Geburt oder Empfängnis ins Dasein getreten sind, das nehmen wir wahr, wenn wir bloß wachen, Das erfüllt dasjenige, wo unser Organismus Platz macht. Und wenn wir äußere sinnliche Gegenstände wahrnehmen, treten diese äußeren Gegenstände an die Stelle des Ich, das wir sonst wahrnehmen, wenn wit keine äußeren Eindrücke haben, sondern bloß wachen. Im gewöhnlichen Leben sind diese zwei Dinge durcheinandergemischt, wir nehmen fortwährend äußere Gegenstände wahr und sind sehr selten in einer solchen Seelenverfassung, daß wir bloß wachen. Aber in unsere Seelenverfassung, die auf äußere Dinge gerichtet ist, mischt sich immer die Hinneigung, unser voriges Ich wahrzunehmen, und es durch etwas zu verdrängen, durch äußere Farben oder Töne, dann wieder das vorige Ich wahrzunehmen, und dann wieder das andere. Sobald wir äußerlich wahrnehmen, sobald ein äußerer Gegenstand auf uns wirkt, verdrängt er unsere "Tendenz, unsere Kraft, das Ich aus unserer vorigen Inkarnation wahrzunehmen. Es bleibt unbewußt, wir wissen von ihm nicht. Aber in dieser Sinneswahrnehmung ist eigentlich ein Kampf des gegenwärtigen Gegenstandes, der vor uns steht, und des Ich aus unserer vorigen Inkarnation.
[ 12 ] First, on the one hand, we perceive our “I” from our previous incarnation. What we have brought with us from the spiritual world—that with which we entered into existence through birth or conception—we perceive when we are merely awake. This fills the space where our organism makes room. And when we perceive external sensory objects, these external objects take the place of the “I” that we would otherwise perceive when we have no external impressions but are merely awake. In ordinary life, these two things are intermingled; we are constantly perceiving external objects and are very rarely in a state of mind where we are merely awake. But our state of mind, which is directed toward external things, is always intertwined with the tendency to perceive our previous “I,” and to displace it with something—such as external colors or sounds—then to perceive the previous “I” again, and then the other once more. As soon as we perceive something externally—as soon as an external object acts upon us—it suppresses our “tendency, our power, to perceive the ‘I’ from our previous incarnation.” It remains unconscious; we are unaware of it. But within this sensory perception there is actually a struggle between the present object standing before us and the ‘I’ from our previous incarnation.
[ 13 ] Nun können Sie sich denken, was es zu bedeuten hat, wenn man das Streben nach dem Sensationellen entwickelt, wenn man an die Außenwelt hingegeben sein will. Das macht einen niemals stärker im Leben, immer nur schwächer; denn da tut man das, was unser Ich aus der vorigen Inkarnation, das in gewissem Sinne doch unsere Stärke ausmacht, abschwächt. Daher können Sie ganz deutlich wahrnehmen, daß mit der Hinneigung des Menschen zum Sensationellen eine gewisse Schwäche der menschlichen Natur auftritt, daß das Ich schwächer wird.
[ 13 ] Now you can imagine what it means to develop a craving for the sensational, to want to be devoted to the external world. This never makes one stronger in life, only weaker; for in doing so, one weakens the “I” from one’s previous incarnation, which, in a certain sense, is what constitutes our strength. Therefore, you can clearly perceive that a certain weakness in human nature arises with a person’s inclination toward the sensational, and that the “I” becomes weaker.
[ 14 ] Und wenn wir nun nicht wahrnehmen, sondern denken, vorstellen, was geht dann vor? Unsere Gedanken schweigen entweder — aber seltener beim gegenwärtigen Menschen — oder aber sie knüpfen an irgendwelche äußeren Wahrnehmungen an. Wenn sie schweigen im Wachleben, dann wirkt in uns — in dem, was da wirken kann, wo Platz geschaffen ist durch unseren Organismus — alles das, was wir durchgemacht haben zwischen der vorigen Inkarnation und der gegenwärtigen. Also an der Stelle, wo Wahrnehmungen auftreten, wirkt die vorige Inkarnation, und an der Stelle, wo Vorstellungen auftreten, da wirkt das Leben, das wir zwischen dem Tode und der jetzigen Geburt durchgemacht haben. Entwickeln wir aus uns selbst machtvolle Gedanken, so bedeutet das: Wir versuchen aus dem, was wir mitgebracht haben aus der Zeit vor unserer letzten Geburt, worauf wir uns selbst stellen müssen, machtvolle Gedanken zu entwickeln. Entwickeln wir nur Gedanken, zu denen wir uns von außen anregen lassen, die sich nur dadurch in unsere Seele wälzen wollen, daß wir sie von außen aufnehmen, so schwächen wir immer das, was wir aus der Zeit zwischen Tod und Geburt mitgebracht haben, das heißt aber das, was unser Ich ausmacht. Sensationssucht schwächt unser gegenwärtiges Leben. Die Sucht, recht viele Klubabende mit Dämmerschoppen anzuregen, um möglichst wenig aus uns selbst zu holen, oder die Aufregungen, die das Skatklopfen verursacht, kurz, alles dieses Anregungsuchen von außen ist nicht ein Stärken, sondern ein Schwächen unseres Ich, und es beruht im Grunde genommen auch darauf, daß man sich nicht stark genug fühlt, um sich aus dem seelischen Leben heraus mit etwas zu beschäftigen. Durch Geisteswissenschaft können wir uns klarmachen, worauf es in der gegenwärtigen Zeit beruht, daß die Menschen sensationssüchtig und anregungsbedürftig sind.
[ 14 ] And when we are not perceiving, but rather thinking or imagining, what is going on? Our thoughts are either silent—though this is rare in modern people—or they are linked to some external perceptions. When they are silent in waking life, then everything we have experienced between our previous incarnation and the present one is at work within us—in that part of us where space has been created by our organism. Thus, where perceptions arise, the previous incarnation is at work, and where imaginings arise, the life we experienced between death and our present birth is at work. When we develop powerful thoughts from within ourselves, this means: We are attempting to develop powerful thoughts based on what we have brought with us from the time before our last birth—the very things we must face on our own. If we develop only thoughts to which we allow ourselves to be stimulated from the outside—thoughts that seek to flood into our soul solely by our absorbing them from the outside—then we are constantly weakening what we have brought with us from the time between death and birth; and that is precisely what constitutes our “I.” A thirst for sensation weakens our present life. The craving to organize numerous club evenings with after-dinner drinks in order to draw as little as possible from within ourselves, or the excitement caused by playing skat—in short, all this seeking of stimulation from the outside—does not strengthen but rather weakens our “I,” and it is fundamentally based on the fact that one does not feel strong enough to engage with something arising from one’s own soul life. Through spiritual science, we can understand the underlying reasons why, in the present age, people are addicted to sensation and in need of stimulation.
[ 15 ] Was von dieser Seite her in unsere gegenwärtige Kultur eintritt, kann man mit einem allgemeinen Namen bezeichnen. Stoßen Sie sich nicht an diesem Namen, er bezeichnet einen Grundzug vieler Strömungen im gegenwärtigen Leben: Beschränktheit, Borniertheit. Und niemand wird leugnen — auch dann nicht, wenn man die gegenwärtige Wissenschaft oder sonstige Betriebe ins Auge faßt —, daß ein Hauptkennzeichen des gegenwärtigen Menschen die Beschränktheit ist, jene Beschränktheit, die den gegenwärtigen Menschen nicht dazu kommen läßt, das reiche Material in der eigenen Seele zu suchen, das aus dem vorigen Leben und aus der Zeit vor der Geburt kommt. Er glaubt ja nicht, und vor allem müßte man zuerst daran glauben, daß man sich darüber durch die Geisteswissenschaft anregen lassen kann.
[ 15 ] What enters our contemporary culture from this perspective can be described by a general term. Do not take offense at this term; it denotes a fundamental trait of many currents in contemporary life: narrow-mindedness, limited-mindedness. And no one will deny—not even when considering contemporary science or other fields of endeavor—that a defining characteristic of modern humanity is narrowness, that very narrowness which prevents modern people from seeking out the rich material within their own souls that comes from past lives and from the time before birth. After all, they do not believe—and above all, one would first have to believe—that one can be inspired by spiritual science in this regard.
[ 16 ] Betrachten wir von diesem Gesichtspunkte aus einmal, was die geisteswissenschaftlichen Gedanken und Ideen für die Seelenstimmung und Seelenverfassung sein können. Anregungen von außen, Sensationelles sind sie ja gewiß nicht, und das streben sie auch bestimmt nicht an. Sie nehmen nicht durch äußere Sensationen die Sinne gefangen. Das vermissen viele. Die Menschen müssen bei den geisteswissenschaftlichen Dingen selbst nachdenken, und wenn sie nichts aus dem eigenen Fonds ihrer Seele herausbringen, schlafen sie bei der Geisteswissenschaft auch wohl ein. Gerade Beweglichmachung, Aufrütteln des seelischen Lebens, so daß man die Möglichkeit gewinnt, aus seinem eigenen Inneren Gedanken zu entwickeln, das ist es, was uns die Geisteswissenschaft gibt. Sie wirkt dem Sensationellen entgegen. Das tut sie besonders dadurch, weil sie uns die Möglichkeit gibt, über wenige Sinneseindrücke viel zu denken. Wir brauchen nicht von Sensation zu Sensation zu eilen. Viel können wir bei allen möglichen Sinneseindrücken denken. Alles Einfache, was uns persönlich entgegentritt, wird uns zum Rätsel. Jede Einzelheit läßt uns viel denken. Und die Gedanken, die viele so kompliziert finden, die Gedanken über Saturn, Sonne, Mond, über die verschiedenen Erdenperioden und so weiter, sie machen den Geist beweglich, lassen Beschränktheit gewissermaßen nicht aufkommen. So arbeitet unsere Geisteswissenschaft gegen eine gewisse Kultureigenschaft, sie ist eine Kämpferin gegen Beschränktheit und Borniertheit auf dem Gebiete des Wahrnehmens und des Vorstellens. Das ist noch etwas anderes als der Inhalt, den man von dieser Geisteswissenschaft haben kann; das ist etwas, was sie aus unserer Seele machen kann, und darauf sollte man auch achten.
[ 16 ] Let us consider, from this perspective, what the thoughts and ideas of the spiritual sciences can mean for the soul’s mood and state of being. They are certainly not external stimuli or sensationalism, nor do they aim to be. They do not captivate the senses through external sensations. Many people miss this. When it comes to spiritual science, people must think for themselves, and if they cannot draw anything from the depths of their own souls, they are likely to fall asleep while engaging with spiritual science. It is precisely the stirring and awakening of the soul’s life—so that one gains the ability to develop thoughts from within oneself—that spiritual science offers us. It counteracts sensationalism. It does so especially by giving us the ability to think deeply about a few sensory impressions. We do not need to rush from one sensation to the next. We can think deeply about all manner of sensory impressions. Everything simple that we personally encounter becomes a mystery to us. Every detail gives us much to think about. And the thoughts that many find so complicated—the thoughts about Saturn, the Sun, the Moon, the various Earth periods, and so on—they make the mind agile and, in a sense, prevent narrow-mindedness from taking hold. In this way, our spiritual science works against a certain cultural trait; it is a fighter against narrow-mindedness and narrow-mindedness in the realm of perception and imagination. This is something different from the content one can derive from this spiritual science; it is something it can do to our soul, and one should also pay attention to that.
[ 17 ] Nun, in bezug auf das Gefühlsleben: Was ist das Hervorstechende bei einem Menschen, der überhaupt an die Geisteswissenschaft herankommt? Und was ist das Hervorstechende bei den meisten Menschen, die nichts von ihr wissen wollen und sie von vornherein ablehnen? Interesselosigkeit gegenüber den großen Angelegenheiten der Welt ist es bei den letzteren. Seine Interessen über das Allernächstliegende erweitern, das muß man ja zunächst, wenn man sich für Geisteswissenschaft interessieren soll. Denn was kümmert es die meisten Menschen in unserer Zeit, was die Erde war, bevor sie Erde geworden ist? Was kümmert es die meisten Menschen der Gegenwart, was unsere Kultur war, bevor sie in unsere Zeit eingetreten ist? Dazu muß man weitergehende Interessen entwickeln. Es handelt sich darum, daß man seine Interessen über das Nächstliegende erweitere. Unsere Zeit tendiert ja gerade darauf hin, unser Interessengebiet möglichst einzuschränken.
[ 17 ] Now, with regard to emotional life: What is the most striking characteristic of a person who is even remotely open to spiritual science? And what is the most striking feature of most people who want nothing to do with it and reject it out of hand? For the latter, it is a lack of interest in the great affairs of the world. Expanding one’s interests beyond the most immediate concerns—that is what one must do first if one is to take an interest in spiritual science. For what do most people in our time care about what the Earth was before it became the Earth? What do most people today care about what our culture was like before it entered our era? To do this, one must develop broader interests. The point is to expand one’s interests beyond the immediate. Our era, after all, tends precisely toward limiting our sphere of interest as much as possible.
[ 18 ] Wohin tendiert unsere Zeit eigentlich? Gestatten Sie, den folgenden Ausdruck zu gebrauchen, er ist ja nicht anerkennend, aber ich will keine Kritik, sondern eine Charakteristik geben: ‚Unsere Zeit strebt mit allen Mitteln zur Engherzigkeit, zur Philistrosität, und wenn diese die Mehrzahl der Menschen ergreifen wird, so wird die Folge sein, daß die Philistrosität allmählich auch in die öffentlichsten Gebiete eingeführt wird. Ein merkwürdiges Beispiel haben wir in dieser Beziehung, das für den, der die Dinge durchschaut, geradezu herz-, alpdrückend wirken kann in bezug auf die Dinge der Gegenwart.
[ 18 ] Where is our era actually headed? Allow me to use the following expression—it is not meant as a compliment, but I do not wish to offer criticism, only a characterization: “Our age is striving by every means toward narrow-mindedness and philistinism, and if these come to grip with the majority of people, the consequence will be that philistinism will gradually make its way even into the most public spheres.” We have a curious example in this regard, which, for those who see through things, can have a truly heart-wrenching, soul-crushing effect with regard to the affairs of the present.
[ 19 ] Wir haben im Osten ein Volkstum, das mit Bezug auf die Grundkräfte seiner Seele heute allerdings noch in der Kindheit ist, das aber solche Grundkräfte hat, die sich in der Zukunft, im sechsten nachatlantischen Kulturzeitraum, zu besonderer Höhe entwickeln sollen, Grundkräfte des Volkes, die spirituell wirken, spirituellen Charakter haben und die man als solche erkennen und pflegen sollte. Was aber hat sich merkwürdigerweise heute als öffentliches Leben über einen großen Teil dieser Volkskraft ausgebreitet? Leninismus! Man kann nichts Groteskeres denken als das Zusammenkoppeln dieses — ich meine jetzt nicht den Mann, sondern die Sache — Kulturaffen des Westens und dieser Kulturprophetie des Ostens. Es kann nicht zwei Dinge geben, die mehr auseinanderliegen und die hier zusammengekoppelt sind. Es ist der groteskeste Ausdruck des materialistischen Strebens; denn aus der Volkskraft des Ostens will sich etwas durchaus Antiphiliströses herausbilden, der Leninismus aber ist die absoluteste Grundkraft der Philistrosität, die Ablehnung aller ins Weite gehenden Kulturinteressen und die Erörterung der Kulturinteressen im allerengsten Philisterium. Das muß man sich klarmachen. Und es ist nichts besser dazu geeignet, diese Dinge zu durchschauen, als allein die Erkenntnisse der Geisteswissenschaft. Geisteswissenschaft arbeitet auch der Philistrosität entgegen, indem sie an die weiten, großzügigen Interessen des Menschen appelliert. Denn ohne Interesse für das, was den Menschen an den Kosmos bindet, was über das Engste hinausgeht und ins Große hineinpulsiert, ohne solches Interesse kann man ja nicht Geisteswissenschafter werden. — So ist Geisteswissenschaft auf dem Gebiete des Gefühlslebens auch die Kämpferin gegen Philistrosität und Engherzigkeit, die unweigerlich aus dem Materialismus hervorgehen müssen, wie sie auf dem Gebiete des Wahrnehmungs- und Vorstellungslebens die Kämpferin ist gegen Borniertheit und Beschränktheit.
[ 19 ] In the East, we have a people who, in terms of the fundamental forces of their soul, are still in their infancy today, but who possess such fundamental forces that they are destined to develop to extraordinary heights in the future, in the sixth post-Atlantean cultural epoch—fundamental forces of the people that have a spiritual effect, possess a spiritual character, and should be recognized and nurtured as such. But what, strangely enough, has spread today as public life over a large part of this national force? Leninism! One cannot imagine anything more grotesque than the coupling of this—I am not referring to the man, but to the cause—cultural mimicry of the West and this cultural prophecy of the East. There cannot be two things that are further apart and yet are coupled together here. It is the most grotesque expression of materialistic striving; for something thoroughly anti-philistine is seeking to emerge from the folk power of the East, whereas Leninism is the most absolute fundamental force of philistinism—the rejection of all far-reaching cultural interests and the discussion of cultural interests within the narrowest confines of philistinism. One must make this clear to oneself. And nothing is better suited to seeing through these things than the insights of spiritual science alone. Spiritual science also works against philistinism by appealing to the broad, generous interests of human beings. For without an interest in what binds human beings to the cosmos—what transcends the narrowest confines and pulsates into the vast—without such an interest, one cannot become a spiritual scientist. — Thus, in the realm of emotional life, spiritual science is also the champion against philistinism and narrow-mindedness, which inevitably arise from materialism, just as it is the champion against narrow-mindedness and limitedness in the realm of perception and imagination.
[ 20 ] Nun, das Gebiet des Willenslebens. Auch da kann der, welcher nur ein wenig Lebensbeobachter ist, bemerkenswerte Beobachtungen in unserem Leben machen. In bezug auf die Willensäußerungen bringt uns nicht der Materialismus selbst, wohl aber was er im Gefolge hat, zur Ausbildung von etwas Merkwürdigem im menschlichen Gesamtleben. Der Wille muß sich ja immer mit Hilfe der Leiblichkeit äußern, wenn er in bezug auf die Außenwelt wirken soll. Mit Bezug auf den Willen bringt die heutige materialistische Zeit den Menschen in die Ungeschicklichkeit hinein. Dadurch, daß der Mensch in der allerfrühesten Jugend nur dazukommt, seine Leibeskräfte in ganz bestimmte Bahnen hinzulenken, nur nach einigen Richtungen hinzuarbeiten und hinzuhantieren, wird er in weitesten Kreisen ungeschickt. Es gibt heute schon Männer, die, wenn sie in eine solche Lage kommen, sich nicht einmal selbst einen Hosenknopf annähen können, geschweige etwas anderes, so sonderbar es klingt. Wer Geisteswissenschaft nicht als Theorie oder Lehre betrachtet, sondern das, was in ihr mit Wärme wirkt, in seine ganze Persönlichkeit aufnimmt, bei dem geht es über in die Muskeln, in die Blutpulsation, und es macht ihn geschickt. Und würden wir gar geisteswissenschaftliche Art des Vorstellens schon in unsere Kinder hineinbringen können, wir würden den Erfolg sehen, würden sehen, daß die Kinder anstellig werden, daß sie dieses oder jenes leichter können; die Finger würden beweglicher. Die Möglichkeit, die Vorstellungen beweglicher zu machen, bewirkt auch, daß der Wille in seinen Ausdrucksmitteln beweglicher wird. So ist auf dem Gebiete des Willenslebens die Geisteswissenschaft eine Kämpferin gegen das, was der Menschheit droht: die Ungeschicklichkeit. Diese Ungeschicklichkeit ist, mehr als man eigentlich glaubt, ein Charakteristikon unserer Zeit. Sehen Sie sich einmal an, wie wenig heute die Menschen imstande sind, außerhalb der engsten Hantierungen ihres Berufes überhaupt noch etwas zu tun. Sie können es gar nicht mehr; und in ihren Berufen wirken sie auch mehr oder weniger deshalb, weil ihre Seelenbahnen eingefahren sind. Stellen Sie einen Menschen, der so recht in seinen Beruf einmechanisiert ist, vor etwas anderes hin, dann werden Sie sehen, wie stark einseitig unsere heutige Kultur ist. Das kann aber nicht durch äußere Mittel behoben werden; denn die Volkswirtschaft tendiert dahin, alles zu spezialisieren. Dagegen ankämpfen zu wollen, wäre ein Unsinn. Aber die Seelen so zu durchkraften, daß der Mensch vom Zentrum seines Wesens heraus die Impulse der Geschicklichkeit bekommt, das kann gemacht werden. Dazu aber ist notwendig, daß man sich ganz durchdringt, recht durchdringt mit dem Wissen von der übersinnlichen Welt, hauptsächlich von der übersinnlichen Natur des Menschen. Man kann Wahrnehmen und Vorstellen nicht verstehen, auch naturwissenschaftlich nicht, wenn man nicht weiß, was ich vorhin gesagt habe: daß die menschliche Organisation Platz macht in dem Zurückstauen der Organisation des Hauptes, damit das vorige Leben und auch das Leben zwischen Tod und neuer Geburt hereinflutet. Aber auch das Leben nach dem Tode flutet in unsere Organisation herein.
[ 20 ] Now, the realm of volitional life. Here, too, anyone who observes life even a little can make remarkable observations in our lives. With regard to expressions of the will, it is not materialism itself, but rather what it brings in its wake, that leads to the development of something peculiar in human life as a whole. After all, the will must always express itself through the body if it is to act in relation to the external world. With regard to the will, today’s materialistic age is leading people into clumsiness. Because people, in their very earliest youth, are only able to direct their physical powers along very specific paths—working and maneuvering only in certain directions—they become clumsy in the broadest sense. There are already people today who, when they find themselves in such a situation, cannot even sew a button on their own pants, let alone do anything else—as strange as that may sound. For those who do not regard spiritual science as a theory or a doctrine, but who take in with their whole personality what works within it with warmth, it flows into their muscles, into the pulsation of their blood, and it makes them dexterous. And if we could instill this spiritual-scientific way of imagining in our children from the very beginning, we would see the results; we would see that the children become more capable, that they can do this or that more easily; their fingers would become more agile. The ability to make our mental images more agile also causes the will to become more agile in its means of expression. Thus, in the realm of the will, spiritual science is a champion against what threatens humanity: clumsiness. This clumsiness is, more than one might actually believe, a hallmark of our time. Just look at how little people today are capable of doing anything at all outside the narrowest confines of their profession. They are no longer capable of it at all; and in their professions, they function more or less because their soul paths have become set in their tracks. Place a person who is so thoroughly mechanized into their profession in front of something else, and you will see just how one-sided our culture is today. But this cannot be remedied by external means; for the national economy tends toward the specialization of everything. It would be nonsense to try to fight against this. But it is possible to strengthen the soul in such a way that a person receives the impulses of dexterity from the center of their being. For this, however, it is necessary to be thoroughly, truly imbued with knowledge of the supersensible world—primarily of the supersensible nature of the human being. One cannot understand perception and imagination—not even from a scientific standpoint—unless one knows what I said earlier: that the human organism makes room by holding back the activity of the head, so that the previous life and also the life between death and rebirth can flow in. But life after death, too, flows into our organism.
[ 21 ] Die naturwissenschaftlichen Anschauungen über die menschliche Organisation sind, wie ich schon sagte, gar zu einseitig. Nur der Rumpfmensch könnte so einseitig betrachtet werden, wie es die Naturwissenschaft macht, der Extremitätenmensch schon nicht mehr. Wenn man die Extremitäten betrachtet, Arme, Hände, Füße, Beine — die Organisation setzt sich nach innen hin fort —, so ist diese Extremitätenorganisation umgekehrt als die Kopforganisation: es ist eine Überentwickelung vorhanden. Es schießt die Entwickelung über das Normalmaß hinaus. Wird man einmal die Entwickelung genau studieren in bezug auf diese Verhältnisse, so wird man sehen, daß sie über dasjenige hinausschießt, was der Mensch zwischen Geburt und Tod braucht. Nehmen wir nur das Äußere: die Armorganisation in Verbindung mit den Brüsten, mit den sekundären Organen, die der Fortpflanzung dienen, die Beine in Verbindung mit den primären Sexualorganen, die Extremitäten physisch in Verbindung mit demjenigen, wodurch der Mensch schon physisch über sich hinausschaut. In ihrem Zentrum dient die Extremitätenorganisation nicht bloß dem, was über das menschliche individuelle Leben ausgegossen ist, sondern dem, wo er über sich hinausschaut, also dem Geistig-Seelischen. Was den Extremitäten geistig-seelisch zugrunde liegt, geht hinaus über das, was dem menschlichen Leben zwischen Geburt und Tod dient. Es ‚ liegt darin schon das, was über den Tod hinaus wirkt. So wie der Mensch physisch aus seiner eigenen Organisation in die des Kindes hinüberspielt durch das Zentrum seiner Extremitätenorganisation, so ist in ihm geistig als Imagination das vorhanden, was er dadurch, daß er Arm- und Beinmensch ist, durch die Pforte des Todes trägt. Mit der imaginativen Wahrnehmung nimmt man das ganz deutlich wahr: Der Mensch trägt seine nach dem Tode eintretende Zukunft ganz deutlich, auch anatomisch, geistig-seelisch in seiner Extremitätenorganisation. Man wird, wenn man nur ordentlich die Naturwissenschaft studieren wird, nach und nach aufhören zu sagen: Geisteswissenschaft ist etwas, was man nicht erreichen kann. Wenn man nur wirklich nicht so geradlinig, wie sie nicht ist, sondern so, wie sie tatsächlich ist, die menschliche Organisation betrachten wird, dann wird sich einem durch die Naturwissenschaft selbst die Notwendigkeit ergeben, zur Geisteswissenschaft hinzukommen. Etwas allerdings wird die Menschheit überwinden müssen: den Glauben an das Gleichgeartete aller äußeren Sinneseindrücke. Das Gleichgeartetsein aller äußeren Sinneseindrücke glaubt heute nicht nur der Laie, sondern auch der Naturforscher, der den Menschen in der Klinik vor sich hat und ihn anatomisch untersucht. Ihm ist das Herz eine gleichgeartete Organisation wie der Kopf. Aber wahr ist das nicht. Der Kopf steht gegenüber dem Herzen auf einer zurückgearteten Stufe in all seiner Organisation. Man kann nur nicht beobachten; daran liegt es. Wenn man richtig beobachten lernen wird, dann wird man aus der Naturwissenschaft selbst die grundlegende Überzeugung des Geistigen im Menschen gewinnen, dessen, was durch Geburten und Tode geht. Kommt man aber dazu, dann wird man diesem Geistig-Seelischen auch in der ganzen Kulturbewegung Rechnung tragen, und dann wird man die Wichtigkeit des Kampfes gegen Borniertheit, Philistrosität und Ungeschicklichkeit einsehen. Und manches andere wird man noch einsehen. Man wird vor allen Dingen im praktischen Leben lernen, mit dem Geiste zu rechnen. Dem Physiker gestattet man heute ungehindert, daß er von positiver und negativer Elektrizität, von positivem und negativem Magnetismus spricht. Dem Geisteswissenschafter nimmt man es auf seinem Gebiete übel, wenn er von zwei Kraftströmungen in der menschlichen Seele, dem Luziferischen und dem Ahrimanischen spricht. Aber diese zwei Kraftströmungen sind für die Menschenseele genauso eine Polarität wie positiver und negativer Magnetismus beziehungsweise positive und negative Elektrizität im Physischen. Und will man die Menschheit in ihrer Entwickelung verstehen, so muß man sich darauf einlassen, das Wirksame in bezug auf das Luziferische und Ahrimanische im Leben zu beobachten. Ein Beispiel: Unsere soziale Struktur war durch lange Zeit hindurch in einseitiger Weise von luziferischem Wesen beeinflußt. Nicht daß man das Luziferische einfach aus dem Leben tilgen könnte. Wer immer nur sagt: Ich will mich vor dem Luziferischen hüten —, der verfällt ihm erst recht. Es kann sich nur darum handeln, daß man ihm im Leben die richtige Stelle einräumt und weiß: Da ist Luziferisches, und da ist Ahrimanisches — dann wird man sie in ihren Wirkungen nicht übertreiben und nicht in ein falsches Licht bringen. Durch Jahrhunderte ist unsere soziale Struktur in Europa und auch in andern Gebieten der Welt beherrscht gewesen von starken einseitig luziferischen Impulsen. Diese starken luziferischen Impulse ergreifen die Triebe, die Instinkte des Menschen, das von innen heraus Wirksame der Instinkte und Triebe. Das ist alles keine Kritik, nur eine Charakteristik dieser Zeiten. Wie wirkte dieses Luziferische? Bisher wurde viel Rücksicht darauf genommen, die gesellschaftliche Kultur, den Platz eines Menschen, auf den er im Leben gestellt wurde, dadurch zu bestimmen, daß man auf seine Eitelkeit, auf seinen Ehrgeiz großen Wert legte. Das sind luziferische Impulse. Eitelkeit und Ehrgeiz des Menschen wurden angestachelt. Ich erinnere nur, wie in der Schule auf Eitelkeit und Ehrgeiz bis in unsere Tage gerechnet wurde. Und Eitelkeit und Ehrgeiz waren es in vieler Beziehung, was den Menschen dazu brachte, sich dieses oder jenes anzueignen, um einen wichtigen Platz im Leben zu bekommen.
[ 21 ] As I have already said, the scientific views on human organization are far too one-sided. Only the “trunk human” could be viewed as one-sidedly as the natural sciences do; the “limb human” certainly cannot. When one considers the limbs—arms, hands, feet, legs—the organization continues inward—this limb organization is the inverse of the head organization: there is an overdevelopment. Development shoots far beyond the normal measure. If one were to study this development closely in relation to these conditions, one would see that it goes far beyond what a human being needs between birth and death. Let us consider just the external aspects: the organization of the arms in connection with the breasts, with the secondary sexual organs that serve reproduction; the legs in connection with the primary sexual organs; the extremities physically connected to that through which the human being already looks beyond themselves physically. At its core, the organization of the extremities serves not merely that which extends beyond the individual human life, but that where the human being looks beyond themselves—that is, the spiritual-soul aspect. What underlies the extremities in a spiritual-soul sense extends beyond what serves human life between birth and death. It already contains that which continues to work beyond death. Just as the human being physically extends from his own organization into that of the child through the center of his limb organization, so too is present within him, spiritually as imagination, that which he carries through the gateway of death by virtue of being a being with arms and legs. Through imaginative perception, one perceives this quite clearly: Human beings carry their future—which begins after death—quite clearly, even anatomically, in a spiritual-psychic sense, within the organization of their extremities. If one simply studies natural science properly, one will gradually cease to say: “Spiritual science is something that cannot be attained.” If one will only truly observe the human organism not in the simplistic way it is often portrayed, but as it actually is, then the necessity of turning to spiritual science will become apparent through natural science itself. There is, however, one thing humanity will have to overcome: the belief that all external sensory impressions are of the same nature. Today, it is not only the layperson who believes in the homogeneity of all external sensory impressions, but also the natural scientist who has a human being before him in the clinic and examines him anatomically. To him, the heart is an organization of the same nature as the head. But that is not true. The head stands at a more primitive stage of development than the heart in all its organization. It is simply that people cannot observe this; that is the reason. When we learn to observe correctly, we will gain from the natural sciences themselves the fundamental conviction of the spiritual in human beings—that which passes through births and deaths. But once we reach this point, we will also take this spiritual-soul aspect into account throughout the entire cultural movement, and then we will recognize the importance of the struggle against narrow-mindedness, philistinism, and clumsiness. And one will come to understand many other things as well. Above all, one will learn in practical life to take the spirit into account. Today, physicists are freely permitted to speak of positive and negative electricity, of positive and negative magnetism. Yet in his field, the scholar of the spiritual sciences is criticized when he speaks of two currents of force in the human soul: the Luciferic and the Ahrimanic. But these two currents of force constitute just as much a polarity for the human soul as positive and negative magnetism or positive and negative electricity do in the physical realm. And if one wishes to understand humanity in its development, one must be willing to observe the effects of the Luciferic and the Ahrimanic in life. An example: For a long time, our social structure was influenced in a one-sided way by the Luciferic principle. Not that one could simply eradicate the Luciferic from life. Whoever merely says, “I want to guard against the Luciferic,” falls prey to it all the more. The only thing that matters is that one assigns it its proper place in life and knows: Here is the Luciferic, and here is the Ahrimanic—then one will not exaggerate their effects or misrepresent them. For centuries, our social structure in Europe and also in other parts of the world has been dominated by strong, one-sided Luciferic impulses. These strong Luciferic impulses take hold of human drives and instincts—the inner workings of these instincts and drives. This is not a criticism, but merely a characterization of these times. How did this Luciferic influence work? Until now, great consideration has been given to determining social culture—the place a person was assigned in life—by placing great value on their vanity and ambition. These are Luciferic impulses. Human vanity and ambition were stoked. I need only recall how, even to this day, schools have relied on vanity and ambition. And in many respects, it was vanity and ambition that led people to acquire this or that in order to secure an important place in life.
[ 22 ] Jetzt sind wir an einem wichtigen Punkt im Leben. Es kann ja kaum einem richtigen Beobachter entgehen, daß diese luziferischen Impulse im Abnehmen sind. Wenn man sich trivial ausdrücken will: Sie ziehen nicht mehr. Aber anderes soll jetzt heraufgeholt werden, im wesentlichen Ahrimanisches. Und ein ahrimanischer Zug schleicht sich ins Getriebe der Gegenwart ein. Unsere liebe Bevölkerung, diese autoritätsfreie Bevölkerung, die ja niemals an Autoritäten glauben will, daher auf alle Autorität selbstverständlich hereinfällt, sie wird wieder ahnungslos über sich ergehen lassen, was nun als einseitig ahrimanische Macht mit Bezug auf die Gestaltung der gesellschaftlichen Struktur Platz greifen soll. Etwas ganz Merkwürdiges macht sich geltend: die sogenannten Begabtenprüfungen. Die experimentelle Psychologie, die an den Universitäten zweifellos eine gewisse eingeschränkte Berechtigung hat, kann in bezug auf die Art, wie der Menschenleib wirkt, wie er manches zum Ausdruck bringt, mancherlei erfahren. Aber sie möchte eine gewisse Beschäftigung haben; sie ist nämlich leichter als jede andere Seelenprüfung. Man hat nun einen gewissen Apparat, der auf elektrischem Wege Aufzeichnungen macht. Man setzt Studenten an gewisse Stellen und notiert, wie lange es dauert, bis ein Eindruck aufgenommen, zum Bewußtsein gebracht wird. Kurz, man arbeitet dabei äußerlich, klinisch-kabinettmäßig. Das ist leichter, als innerlich zu forschen. Für gewisse Dinge soll gewiß der Wert dieser experimentellen Psychologie nicht bezweifelt werden, aber sie möchte ein weiteres Feld haben. Nun will sie die Begabtenprüfungen in die Hand nehmen. Dazu werden aus einer Reihe von Schulklassen eine Anzahl Kinder genommen, und die prüft man in bezug auf ihre Begabung hin, auf Gedächtnis, Aufmerksamkeit und so weiter, aber die Art, wie dabei mit der Methode der experimentellen Psychologie geprüft wird, ist sehr merkwürdig. Das Gedächtnis wird zum Beispiel auf folgende Weise geprüft. Man schreibt zwei Reihen Wörter auf die Tafel, die unter sich keinen Zusammenhang haben; zum Beispiel «Kopf» und «Kristall», dann zwei andere nicht zusammengehörige Wörter und so weiter. Und nachdem man das Ganze wieder weggelöscht hat, schreibt man immer nur das erste Wort auf; das Kind hat dann rasch aus dem Gedächtnis das zweite hinzuzufügen. Die, welche sich besser gemerkt haben, welches unzusammenhängende Wort bei einem andern gestanden hat, haben dann ein besseres Gedächtnis, und die andern, die entweder gar nichts finden oder längere Zeit brauchen, haben ein schlechteres. So prüft man das Gedächtnis. — Oder man will die Intelligenz prüfen. Dafür will ich Ihnen ein Musterbeispiel vorlesen:
[ 22 ] We are now at a crucial point in life. It can hardly escape the notice of any true observer that these Luciferic impulses are on the wane. To put it simply: They no longer hold sway. But something else is now set to emerge—essentially Ahrimanic. And an Ahrimanic current is creeping into the workings of the present. Our dear people—this authority-free population that never wants to believe in authorities, and therefore, of course, falls prey to every form of authority—will once again, without a clue, allow themselves to be subjected to what is now set to take hold as a one-sided Ahrimanic power with regard to the shaping of social structure. Something quite peculiar is making itself felt: the so-called aptitude tests. Experimental psychology, which undoubtedly has a certain limited justification at universities, can learn a great deal about the way the human body functions and how it expresses certain things. But it seeks a specific line of inquiry; for it is easier than any other test of the soul. One now has a certain apparatus that makes recordings by electrical means. Students are placed at certain stations, and researchers note how long it takes for an impression to be registered and brought to consciousness. In short, the work is conducted externally, in a clinical, laboratory-like manner. This is easier than conducting internal research. While the value of this experimental psychology for certain matters should certainly not be doubted, it seeks to expand into a new field. Now it aims to take charge of aptitude tests. To this end, a number of children are selected from a number of school classes and tested for their aptitude—memory, attention, and so on—but the way in which these tests are conducted using the methods of experimental psychology is quite peculiar. Memory, for example, is tested in the following way. Two rows of words that are unrelated to one another are written on the blackboard; for example, “head” and “crystal,” then two other unrelated words, and so on. And after the entire text has been erased, only the first word is written down; the child must then quickly add the second word from memory. Those who have better remembered which unrelated word was paired with another are said to have a better memory, while the others—who either cannot recall anything at all or take a long time to do so—are said to have a poorer memory. This is how memory is tested. — Or suppose one wishes to test intelligence. For this, I’d like to read you a prime example:
[ 23 ] «Wenn man z.B. die Begriffe: «Spiegel —, Mörder —, Rettung» gibt, so lassen sich zwischen dem Spiegel und der Rettung eine ganze Reihe verschiedenartiger Zusammenhänge herstellen, zu deren Auffinden keinerlei spezielle Kenntnisse, sondern nur scharfes Kombinieren gehört. Die nächstliegende Verbindung» — diese wird also der weniger Intelligente machen — «ist selbstverständlich die, daß der Bedrohte im Spiegel den heranschleichenden Mörder erblickt. Doch sind auch noch ganz andere Motive möglich: Ein heranschleichender Mörder kann beispielsweise an einen Spiegel stoßen und dieser durch sein Klirren den bedrohten Schläfer wecken, so daß jener sich retten kann. Oder der zielende Mörder wird durch einen reflektierenden Spiegel geblendet.» — Denken Sie, wie intelligent ein Knabe oder ein Mädchen sein muß, wenn sie darauf kommen sollen!
[ 23 ] “If, for example, one is given the terms ‘mirror,’ ‘murderer,’ and ‘rescue,’ a whole series of different connections can be established between the mirror and the rescue; discovering these requires no special knowledge, but only keen deductive reasoning. The most obvious connection”—which is the one the less intelligent person would make—“is, of course, that the person in danger sees the creeping murderer in the mirror. But entirely different scenarios are also possible: For example, a creeping murderer might bump into a mirror, and the clatter it makes could wake the threatened sleeper, allowing him to save himself. Or the murderer, taking aim, might be blinded by a reflective mirror.” — Just think how intelligent a boy or girl must be to come up with that!
[ 24 ] «Aber auch gefühlsmäßige Motive können verwandt werden. So kann beispielsweise der Mörder vor seinem eigenen, im Halbdunkel im Spiegel nur undeutlich sichtbaren Bilde derart erschrecken, daß er von der Ausübung der Tat absteht, sei es, daß ihn Schauder oder Gewissensbisse bei seinem eigenen Anblick im Spiegel packen, sei es, daß er im Dämmerlichte sein eigenes Spiegelbild für das eines andern hält.» — Da ist man also ganz besonders intelligent, wenn man daran denkt, daß sich der Mörder in dem Spiegel sehen könnte, und das eigene Antlitz für das eines anderen hält. — «Auch an die Entdeckung des heranschleichenden Mörders im klaren Wasserspiegel des ruhig daliegenden Waldsees durch den Bedrohten kann man denken usw.»
[ 24 ] “But emotional motives can also be invoked. For example, the murderer might be so terrified by his own image—which is only vaguely visible in the dim light of the mirror—that he refrains from committing the crime, whether because a shudder or pangs of conscience seize him at the sight of himself in the mirror, or because, in the dim light, he mistakes his own reflection for that of another.” — So one is particularly clever to consider the possibility that the murderer might see himself in the mirror and mistake his own face for that of another. — “One can also imagine the victim spotting the creeping murderer in the clear, still waters of a forest lake, etc.”
[ 25 ] Je nachdem man nun das eine Nächstliegende oder das andere einschaltet, ist man mehr oder weniger intelligent, und wer sich auf diese Weise als intelligenter herausstellt, soll durch Stipendien unterstützt werden, oder indem man ihn sonstwie hochbringt; und dem, der auf nichts anderes kommt, als daß man einen Mörder auch im Spiegel sehen könnte, dem gibt man keine Stipendien. Auf solche Weise soll also heute die Intelligenz geprüft werden, und man ist in dieser Beziehung voll Enthusiasmus für die Begabtenprüfungen. Dadurch soll die soziale Ordnung, wenn auch nicht eingerichtet, so doch beeinflußt werden. Das liebe Publikum aber wird solche Dinge als Ausfluß echter, wahrer Wissenschaft der Gegenwart mit vollem Herzen hinnehmen, denn diese Sachen bilden heute den Gegenstand einer großen Agitation. Auf diese Weise versucht man es, die Mittel und Wege zu finden, um methodisch «den rechten Mann auf den rechten Platz zu stellen», und man schreibt Aufsätze, die folgendermaßen beginnen: «Wie kaum eine andere Wissenschaft ist die angewandte Psychologie während des Krieges aufgeblüht. Das ist nicht Zufalls-Erscheinung: Hat doch der Krieg mit seinem Menschenverbrauch und seinen differenzierten Anforderungen erst die Wichtigkeit dargetan, mit Menschenkräften nicht verschwenderisch und planlos umzugehen, sondern sie möglichst zweckmäßig auszunutzen. Bisher befaßte sich nur die Pädagogik praktisch mit der exakten Psychologie; jetzt kommen drei neue Fragen hinzu: für welchen Beruf eignet sich ein Mensch am besten? (Berufs-Eignungsproblem); wie ist für die viele vernichtete Intelligenz Ersatz zu finden? (Begabtenauswahl); welche Heilungsmöglichkeit gibt es für Kopfverletzte und sonstige Nervenbeschädigte? (Psychische Übungs-Therapie).»
[ 25 ] Depending on whether one activates one option or the other, one is considered more or less intelligent, and those who prove themselves to be more intelligent in this way are to be supported through scholarships or by being promoted in some other way; and those who can think of nothing else but that one could also see a murderer in the mirror are not given scholarships. This, then, is how intelligence is to be tested today, and there is great enthusiasm for aptitude tests in this regard. This is intended to influence, if not establish, the social order. The dear public, however, will wholeheartedly accept such things as the outgrowth of genuine, true contemporary science, for these matters are today the subject of a great campaign. In this way, attempts are being made to find the means and methods to methodically “put the right man in the right place,” and essays are being written that begin as follows: “Like hardly any other science, applied psychology flourished during the war. This is no coincidence: after all, it was the war—with its consumption of human resources and its varied demands—that first demonstrated the importance of not treating human resources wastefully and haphazardly, but rather of utilizing them as effectively as possible. Until now, only pedagogy had dealt practically with exact psychology; now three new questions have been added: for which profession is a person best suited? (The problem of vocational aptitude); how can we replace the vast amount of intellectual capacity that has been lost? (Selection of gifted individuals); what treatment options are available for those with head injuries and other neurological damage? (Psychological exercise therapy).»
[ 26 ] In diesem Stile geht es weiter. Mit einem bedeutsamen Satz wird eine Zeitverirrung zusammengekoppelt, und die Sache wird um so weniger bemerkt werden, als es selbstverständlich Berufe gibt, wo nach dieser Methode vorgegangen werden muß. Es ist ganz selbstverständlich, daß man nach einer ähnlichen Methode mit einem gewissen Recht zum Beispiel Flieger prüfen wird. Aber es darf nicht generalisiert werden. Denn es würde dadurch in der allereinseitigsten Ausbildung ein Ahrimanisches in unsere soziale Struktur hineingebracht werden. Es würde damit aus den menschlichen Aspirationen, aus dem menschlichen Streben alles ausgeschaltet werden, was aus dem Seelischen, aus dem elementarischen, impulsiven Seelischen herauskommt. Man kann sich sogar die Sache grob denken: Glauben Sie, wenn solche Begabtenprüfungen wirklich ausschlaggebend sein könnten, daß dann noch ein Wort Bedeutung haben könnte wie das: «Lust und Liebe sind die Fittiche zu großen Taten»? Und wenn die Leute einmal über die eigenen großen Menschen nachdenken würden — Sie können ganz sicher sein: Wenn ein solcher Prüfer den Helmholtz zu prüfen gehabt hätte, er hätte ihn ganz sicher als einen unbegabten Buben hingestellt. Lesen Sie die Biographie von Helmholtz! _
[ 26 ] It continues in this vein. A significant statement is linked to a temporal aberration, and the matter will go even more unnoticed given that there are, of course, professions where this method must be followed. It goes without saying that one would, with a certain degree of justification, use a similar method to test pilots, for example. But this must not be generalized. For this would introduce an Ahrimanic element into our social structure through an education that is one-sided in the extreme. It would thereby eliminate from human aspirations, from human striving, everything that springs from the soul, from the elemental, impulsive soul. One can even imagine the matter in broad terms: Do you believe that, if such aptitude tests were truly decisive, a phrase like “Desire and love are the wings of great deeds” could still have any meaning? And if people were to reflect on their own great figures—you can be absolutely certain: if such an examiner had had to evaluate Helmholtz, he would certainly have portrayed him as an untalented boy. Read Helmholtz’s biography! _
[ 27 ] Das ist ein ahrimanischer Zug. Die Sachen treten noch dazu maskiert auf. Man merkt nicht, wenn man nicht die Dinge durch die Geisteswissenschaft zu beobachten vermag, wo die Schädlichkeiten liegen. Es genügt nicht, daß man sich in unserer Zeit in allerlei wollüstige Gefühle hineinschwelgen will, sondern es ist notwendig, daß man aufwacht in bezug auf die Beurteilung des Lebens. Und es wäre schon viel, wenn es mit Bezug auf diesen BegabtenprüfungUnfug wenigstens einige Menschen geben würde, die sich ein objektives Urteil demgegenüber aneigneten. Denn er wird blühen und gedeihen — dessen können Sie ganz sicher sein! Er wird das sein, wozu es die «vorurteilslose Seelenprüfung endlich gebracht hat», und er wird glorifiziert werden als einer der schönsten Ausflüsse jener philosophischen Richtung, die endlich die alten idealistischen Vorurteile und Methoden abgestreift hat und auf das «Wirkliche» losgeht. Die Geisteswissenschaft muß in diesem Sinne praktisch wirken.
[ 27 ] This is an Ahrimanic trait. Moreover, these things appear in disguise. Unless one is able to observe them through spiritual science, one does not realize where the harm lies. It is not enough in our time to simply revel in all manner of sensual pleasures; rather, it is necessary to awaken to a proper assessment of life. And it would already be a great deal if, with regard to this nonsense of aptitude testing, there were at least a few people who formed an objective judgment about it. For it will flourish and thrive—of that you can be absolutely certain! It will be what the “unbiased examination of the soul has finally brought about,” and it will be glorified as one of the most beautiful manifestations of that philosophical movement which has finally shed the old idealistic prejudices and methods and set out to explore the “real.” Spiritual science must have a practical effect in this sense.
[ 28 ] Nun hängt mit diesen Dingen manches zusammen, vor allem das, daß Weite des Interesses und Wahrhaftigkeit endlich Grundeigenschaften der menschlichen Seele werden müssen. Ich möchte Ihnen für die Art, wie in unserer Zeit Wahrhaftigkeit wirkt und wie ein gewisses Interesse nicht vorhanden ist, zwei niedliche Beispiele anführen. Wenn ich persönliche Beispiele wähle, so nehme ich als das Nächstliegende an, daß Sie es mir hier nicht übelnehmen werden, weil Sie ja wissen, daß ich es nicht aus einer persönlichen Albernheit heraus tue. — Ich habe neulich in München einen Vortrag gehalten über die Erfahrungen, die der Seher mit der Kunst macht. Ich habe nie vorausgesetzt, daß irgendein Zeitungsreporter imstande wäre, die Sache der Geisteswissenschaft zu verstehen oder etwas Löbliches darüber zu schreiben. Im Gegenteil, wo ein Zeitungsreporter anfangen würde, über Geisteswissenschaft in einer löblichen Weise zu schreiben, da würde ich glauben, daß etwas daran nicht in Ordnung sei. Aber Exempel kann man doch daran studieren. In dem erwähnten Vortrage sprach ich auch über die musikalische Kunst und davon, daß das musikalische Erleben in einer bedeutsamen Weise den ganzen Menschen in Anspruch nimmt, daß, wo eigentlich musikalisches Erleben ist, überall ein Rhythmus im Inneren des Menschen sich abspielt. Ich sprach dann auf der einen Seite mit Bezug auf das Geistig-Seelische, aber auch auf der andern Seite mit Bezug auf das Physiologische, indem ich ein Auf- und Abwogen des Gehirnwassers durch den Arachnoidealraum auseinandersetzte und des weiteren darstellte, wie die Rückenmarkröhre verschieden dehnbar, mehr und weniger dehnbar ist, und wie dadurch in der Tat eine wunderbare innere Rhythmik bewirkt wird. Es geht durch das musikalische Erleben etwas großartig Rhythmisches im Leben vor. Ich erwähnte diese rhythmischen Bewegungen des Gehirnwassers, die mit dem Ein- und Ausatmen verknüpft sind. Und da ich in diesem Vortrage auch von symbolischen Vorstellungen sprach, so schrieb der Zeitungsreporter, ich gebrauchte selbst symbolische Vorstellungen, die unstatthaft wären: die Vorstellung des Gehirnwassers! — Man braucht sich dazu nur vorzustellen: Ohne das Gehirnwasser würde das Gehirn, da es nach dem archimedischen Prinzip leichter wird durch das Gehirnwasser, auf die unter ihm liegenden Blutgefäße drücken und sie zerdrücken. Also das Gehirnwasser ist etwas recht Reales. Aber so steht es mit den Interessen, welche die Menschen haben, und aus solchem Unsinn heraus wird geschrieben.
[ 28 ] Now, there are many things connected with these matters, above all the fact that breadth of interest and sincerity must ultimately become fundamental characteristics of the human soul. I would like to give you two charming examples to illustrate the way sincerity operates in our time and how a certain kind of interest is lacking. When I choose personal examples, I assume—since you know I am not doing so out of personal frivolity—that you will not hold it against me. — I recently gave a lecture in Munich on the experiences the seer has with art. I never assumed that any newspaper reporter would be capable of understanding the subject of spiritual science or writing anything praiseworthy about it. On the contrary, if a newspaper reporter were to start writing about spiritual science in a praiseworthy manner, I would believe that something was amiss. But one can still study examples from this. In the lecture I mentioned, I also spoke about musical art and how the musical experience engages the whole human being in a significant way; that wherever there is genuine musical experience, a rhythm unfolds within the human being. I spoke, on the one hand, in relation to the spiritual-soul aspects, but also, on the other hand, in relation to the physiological aspects, by explaining the ebb and flow of cerebrospinal fluid through the arachnoid space and further illustrating how the spinal canal is variably expandable, more or less elastic, and how this in fact gives rise to a marvelous inner rhythm. Through musical experience, something magnificently rhythmic takes place in life. I mentioned these rhythmic movements of the cerebrospinal fluid, which are linked to inhalation and exhalation. And since I also spoke of symbolic concepts in this lecture, the newspaper reporter wrote that I myself used symbolic concepts that were inappropriate: the concept of cerebrospinal fluid! — One need only imagine: Without cerebrospinal fluid, the brain—since, according to Archimedes’ principle, it becomes lighter due to the cerebrospinal fluid—would press down on the blood vessels beneath it and crush them. So cerebrospinal fluid is something quite real. But such is the nature of people’s interests, and articles are written based on such nonsense.
[ 29 ] Dann ein Beispiel, eigentlich nur ein Beispielchen von Wahrhaftigkeit und Unwahrhaftigkeit. Ich habe schon öfter erwähnt, daß der merkwürdige Gelehrte Max Dessoir in seinem Buche «Vom Jenseits der Seele» auch über « Anthroposophie» ein Kapitel geschrieben hat. Ich versuchte schon, ihm die verschiedensten Entstellungen und so weiter nachzuweisen. Auch im Äußerlichen ist seine Erzählungsmethode etwas im Grunde genommen Urkomisches durch seine absoluteste Oberflächlichkeit. So hat er zum Beispiel meine «Philosophie der Freiheit» angeführt und von ihr gesagt, das sei mein literarischer Erstling. Ich konnte nicht anders, obwohl es eine entstellte Sache ist, als erwidern, daß ich ja zehn Jahre vorher schon geschrieben habe und Bücher habe erscheinen lassen. Aber dieses « Jenseits der Seele» von Max Dessoir hat Aufsehen erregt; es wurde überall von den Journalisten — die das Gehirnwasser für eine symbolische Vorstellung halten — besprochen. Es hat gewirkt, und jetzt ist eine zweite Auflage dieses Buches erschienen. In der Vorrede dazu sucht sich Max Dessoir nun zu rechtfertigen, und das wieder ganz nach demselben Schnitt. Er kann nicht aus noch ein und meint, der Zusammenhang ergebe doch ganz klar, daß ich nicht erkenne, was er will; er habe doch gemeint, daß die «Philosophie der Freiheit» mein erstes «theosophisches» Buch sei. Also abgesehen davon, daß jeder lachen muß, wenn er meint, daß mit seiner Äußerung nicht mein überhaupt erstes literarisches Werk gemeint sei, wird nun wieder jeder lachen müssen, wenn man die «Philosophie der Freiheit» als mein erstes «theosophisches» Buch bezeichnen wird. Denn es besteht ja eine weitgehende Diskussion, daß ich mit meinen theosophischen Werken die philosophische Schriftstellerei verlassen habe. — So steht es mit der Wahrhaftigkeit, und es ist schon notwendig, die Leute daran zu fassen. Ohne Wahrhaftigkeit kommen wir aber nicht weiter, und man darf solche Dinge nicht einfach so hingehen lassen. Für jemanden, der die einschlägigen Dinge kennt, ist das ganze Buch Max Dessoirs so abgefaßt, wie das Kapitel über Anthroposophie. Und dennoch, was könnte geschehen? Eine Zeitschrift, die sich sonst als etwas ungemein Ernstes gibt — ich erwähne es, weil in dieser Zeitschrift nun nicht auf die Anthroposophie losgeschlagen wird —, die «Kantstudien», die sich so furchtbar viel auf ihre rein gelehrte wissenschaftliche Richtung einbilden, sie besprechen dieses Produkt Dessoirs als ein ernsthaftes wissenschaftliches Buch nach verschiedenen Seiten hin. Es ist eine der traurigsten Erfahrungen, die man machen muß, daß ein Buch, welches von der größten Oberflächlichkeit zeugt, heute für eine philosophische Zeitschrift als ein «ernsthaftes wissenschaftliches Buch» gilt, wie es da besprochen wird. — Nun frage ich: Was soll denn heute das Publikum, das nicht autoritätsgläubige Publikum, machen? Es nimmt aus den Bibliotheken selbstverständlich diese Werke, wie die «Kantstudien» und so weiter — aber dem liegen solche Dinge zugrunde!
[ 29 ] Here is an example—actually, just a small example—of truthfulness and untruthfulness. I have mentioned on several occasions that the peculiar scholar Max Dessoir also wrote a chapter on “Anthroposophy” in his book On the Afterlife of the Soul. I have already tried to point out to him the various distortions and so on. Even on the surface, his narrative method is, at its core, somewhat hilarious due to its utter superficiality. For example, he cited my Philosophy of Freedom and claimed it was my literary debut. Although this is a distortion, I had no choice but to reply that I had, in fact, been writing and publishing books for ten years prior. But this Beyond the Soul by Max Dessoir has caused a stir; it was discussed everywhere by journalists—who regard brain fluid as a symbolic concept. It had an impact, and now a second edition of this book has been published. In the preface to it, Max Dessoir now seeks to justify himself, and again in exactly the same vein. He is at a loss and thinks that the context makes it quite clear that I do not understand what he means; he claims he meant that The Philosophy of Freedom was my first “theosophical” book. So aside from the fact that anyone would have to laugh at the idea that his statement did not refer to my very first literary work, everyone will now have to laugh again if The Philosophy of Freedom is described as my first “theosophical” book. For there is, after all, a widespread debate that with my theosophical works I have abandoned philosophical writing. — Such is the state of truthfulness, and it is indeed necessary to hold people to account for it. But without truthfulness we will get nowhere, and one must not simply let such things slide. For anyone familiar with the relevant topics, Max Dessoir’s entire book is written in the same vein as the chapter on anthroposophy. And yet, what could happen? A journal that otherwise presents itself as something immensely serious—I mention this because this journal does not, in fact, attack anthroposophy—the Kantstudien, which prides itself so terribly on its purely scholarly, scientific orientation, reviews this work by Dessoir from various angles as a serious scholarly book. It is one of the saddest experiences one can have—that a book which betrays the utmost superficiality is today regarded by a philosophical journal as a “serious scholarly book,” as it is discussed there. — Now I ask: What is the public—the public that does not blindly trust authority—supposed to do today? It naturally takes these works, such as the “Kant Studies” and so on, from the libraries—but such things underlie them!
[ 30 ] Da ist es nur möglich, vom Geist — wenn der Wille vorhanden ist — auf das Grundlegende in der menschlichen Natur einmal zurückzugehen. Und dieses Grundlegende wird heute nur von den geisteswissenschaftlichen Bestrebungen berührt. Da kann man nicht anders, als auf Wahrhaftigkeit, Weite des Interesses, auf Unphilistrosität und Beweglichkeit dem Leben gegenüber hinzuarbeiten.
[ 30 ] There, it is only possible—if the will is present—to return from the spirit to what is fundamental in human nature. And today, this fundamental aspect is touched upon only by the endeavors of spiritual science. One cannot help but strive for truthfulness, breadth of interest, freedom from philistinism, and flexibility in the face of life.
[ 31 ] Davon wollte ich Ihnen wieder einmal sprechen, damit uns ja das Bewußtsein nicht schwindet: In der Geisteswissenschaft kommt es nicht bloß auf den Inhalt an, sondern auf das, was die besondere Art der geisteswissenschaftlichen Vorstellungen, Ideen und Gedanken in unserer Seele bewirkt, daß unsere Seele aus der Borniertheit, aus der Philistrosität und Ungeschicklichkeit herausgehoben wird. Das ist etwas, was der, der die besonderen Impulse beachtet, die in der Geisteswissenschaft liegen, immer mehr und mehr sehen muß. Den praktischen Wert der Geisteswissenschaft müssen wir ins Auge fassen. Von solchen Dingen wollen wir das nächste Mal weitersprechen.
[ 31 ] I wanted to speak to you about this once again, so that we do not lose sight of the following: In spiritual science, it is not merely the content that matters, but rather what the unique nature of spiritual scientific concepts, ideas, and thoughts brings about in our soul—that our soul is lifted out of narrow-mindedness, philistinism, and clumsiness. This is something that anyone who pays attention to the unique impulses inherent in spiritual science must come to see more and more clearly. We must consider the practical value of spiritual science. We will continue discussing such matters next time.
