Earth-Death and Universal-Life
Anthroposophical Life-Gifts
Essential Aspects of Consciousness for the Present and the Future
GA 181
21 May 1918, Berlin
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The Death of the Earth and Life in the Universe, tr. SOL
Anthroposophische Lebensgaben VII
Anthroposophical Life-Gifts VII
[ 1 ] Zu der Zeit des Jahres, in der wir leben, haben wir in früheren Jahren Betrachtungen angestellt, die an das Pfingstfest anknüpften. Nun habe ich schon öfter gesagt, daß wir gegenwärtig in einer Zeit leben, in welcher die Ereignisse, die in den Gang der Menschheit eingreifen, so bedeutsame und von dem gewöhnlichen Lebensgang der menschlichen Geschichte abweichende sind, daß kaum die Möglichkeit vorliegt, zu solchen gewöhnlichen Festesbetrachtungen zu kommen, welche sogar in der Gegenwart nur allzuhäufig, wenn auch nicht zu dem Ziele, so doch aus dem Sinne heraus angestellt werden, dasjenige zu vergessen, was an so Katastrophalem für die Menschheit sich jetzt um uns herum ereignet. Aber es wird vielleicht doch hingewiesen werden dürfen auf den Sinn gerade der Pfingstverkündigung.
[ 1 ] At this time of year, in previous years we have offered reflections tied to the Feast of Pentecost. Now, as I have often said, we are currently living in a time in which the events that intervene in the course of human history are so significant and so different from the ordinary course of human history that there is hardly any possibility of engaging in the usual festive reflections—which, even in the present, are all too often offered, if not with the intention, then at least out of a mindset that leads to forgetting the catastrophic events now unfolding around us. But perhaps it is permissible to point out the very meaning of the Pentecost proclamation.
[ 2 ] Wir wissen aus früheren Pfingstbetrachtungen, daß das Allerwichtigste an dem Pfingstereignis dies ist, daß ein gemeinsames Leben derjenigen, die an dem großen Osterereignis der Menschheit teilgenommen haben, sich individualisierte. Die feurigen Zungen gingen auf das Haupt eines jeden hernieder, und ein jeder lernte in derjenigen Sprache, die keiner andern Sprache gleich und deshalb allen verständlich ist, dasjenige auffassen, was als Mysterium von Golgatha durch die Menschheitsentwickelung hindurchgeströmt ist. Die feurigen Zungen gingen auf das Haupt eines jeden hernieder. Es war schon früher so, daß die Seelen der einzelnen Jünger sich fühlten wie, man könnte sagen, in einer Gesamtaura des Mysteriums von Golgatha. Dann ging ihnen durch das Pfingstereignis dasjenige, was sie nur durch ihr Gemeinschaftsleben erkennend wußten, in die Einzelseele so über, daß jeder einzelne von sich aus die Erleuchtung hatte. Das ist das Wichtigste, natürlich in abstrakter Form ausgesprochen. Man muß diese Individualisierung der Osterbotschaft durch die Pfingstverkündigung in der Seele erfühlen, wenn man sie im richtigen Sinne verstehen will. Dann aber hat man gerade die Möglichkeit, das, was durch die Geisteswissenschaft gewollt wird, so recht im Sinne dieser Pfingstverkündigung aufzufassen. Denn als ein Hervorstechendstes wird ja in dieser Geisteswissenschaft gewollt, daß eine jede Menschenseele in sich selbst den Geisteskern ihres Wesens finde, der sie erleuchten kann über die anzustrebenden Weltenziele. Dadurch soll sich das Zukunftsleben der Menschheit entwickeln, daß die Menschen weniger darauf angewiesen sind, immer auf das hinzu[sehen], was ihnen an gemeinschaftlicher Struktur, an sozialer Struktur gegeben ist, sondern darauf wollen wir hoffen, daß die Menschen reif und fähig werden, jeder aus sich heraus ein solches Leben zu führen, daß der andere neben ihm ein gleiches Leben führen könne. Dann wird eine innere Toleranz die Seelen ergreifen, und in der sozialen Struktur wird die Freiheit verwirklicht werden können. Auf keine andere Weise ist die Freiheit in der Welt zu verwirklichen, als auf diese, das heißt auf keine andere, als indem die Pfingstbotschaft übergeht in die einzelnen Menschenseelen.
[ 2 ] We know from previous reflections on Pentecost that the most important aspect of the Pentecost event is that the communal life of those who participated in the great Easter event of humanity became individualized. The tongues of fire descended upon the head of each one, and each person learned, in that language which is unlike any other and is therefore understandable to all, to grasp what has flowed through the course of human development as the Mystery of Golgotha. The tongues of fire descended upon the head of each one. It had already been the case earlier that the souls of the individual disciples felt, one might say, as if they were within a collective aura of the Mystery of Golgotha. Then, through the event of Pentecost, what they had previously known only through their communal life was transferred into each individual soul in such a way that each person experienced enlightenment of their own accord. This is the most important point, expressed, of course, in abstract terms. One must feel this individualization of the Easter message through the Pentecost proclamation in one’s soul if one wishes to understand it in the proper sense. But then one has precisely the opportunity to grasp what spiritual science aims for in the true spirit of this Pentecost proclamation. For one of the most prominent aims of spiritual science is that every human soul may find within itself the spiritual core of its being, which can enlighten it regarding the worldly goals to be striven for. The future life of humanity is to develop in such a way that people are less dependent on always looking to what is given to them in terms of communal or social structures; rather, let us hope that people will become mature and capable, each leading a life from within themselves such that the person next to them can lead a similar life. Then an inner tolerance will take hold of souls, and freedom will be able to be realized within the social structure. There is no other way to realize freedom in the world than this—that is, no other way than by allowing the message of Pentecost to permeate the individual human souls.
[ 3 ] Wie man mitarbeiten muß in der Seele, wie man mitergreifen muß das durch Geisteswissenschaft Gebotene, dafür ist die Pfingstbotschaft ein Vorbild. Daher möchte man sagen: Eine perennierende, eine immerwährende, dauernde Pfingstverkündigung ist die Geisteswissenschaft selbst von einem gewissen Gesichtspunkte.
[ 3 ] The message of Pentecost serves as a model for how we must work within our souls and how we must grasp what spiritual science offers. Therefore, one might say: From a certain point of view, spiritual science itself is a perennial, everlasting, and enduring proclamation of Pentecost.
[ 4 ] Was uns die Gegenwart vor allen Dingen lehren kann, wenn wit diese Lehre auf unserem eigenen Boden ziehen wollen, das ist, daß wir uns mit Geduld ausstatten müssen. Es sitzen Freunde hier, die ziemlich vom Anfange unserer Bestrebungen an innerlich mitgearbeitet haben an dem, was wir unsere geisteswissenschaftliche Bewegung nennen. Es sind jetzt reichlich fünfzehn bis sechzehn, auch wohl siebzehn Jahre her, und es sollte eigentlich vor unserer Seele unablässig der Gedanke stehen: wie wenig, wie unendlich wenig in diesen fünfzehn bis siebzehn Jahren eigentlich erreicht worden ist. Und daraus sollte sich der andere Gedanke ergeben, wie sehr wir uns mit Geduld wappnen müssen, wenn wir daran denken, daß das, was uns Geisteswissenschaft sein kann, was sie durch uns werden kann, wirklich zu einer Art Neubelebung des menschlichen Daseins führen kann.
[ 4 ] What the present can teach us above all else—if we wish to apply this lesson to our own situation—is that we must arm ourselves with patience. There are friends here who, from quite the beginning of our endeavors, have worked from within on what we call our spiritual science movement. It has now been a good fifteen to sixteen, perhaps even seventeen years, and the thought should actually be constantly before our minds: how little, how infinitely little has actually been achieved in these fifteen to seventeen years. And from this should arise the other thought: how much we must arm ourselves with patience when we consider that what spiritual science can be for us—what it can become through us—can truly lead to a kind of revitalization of human existence.
[ 5 ] Was Geisteswissenschaft werden kann — wir sollten es doch immer vergleichen mit dem, was wir so herzlich weniges in den anderthalb Jahrzehnten erreicht haben. Gewiß, viele haben das aufgenommen, was durch die Geisteswissenschaft der Menschheit dargeboten wird. Aber das ist ja nur das Allergeringste, wie aus zahlreichen Betrachtungen, die wir angestellt haben, hervorgeht. Die Geisteswissenschaft hat schon noch die andere Aufgabe: wirklich hineinzufließen in die soziale Struktur, in das ganze Leben der Menschheit der Gegenwart. Aber wenn wir diesen Gedanken fassen wollen, müssen wir ihn doch mit einem andern noch verbinden, mit einem andern, der uns heute und zu jeder Stunde aus allen Weltereignissen heraustönt, der einen gewissen Konflikt darstellt, in den die Menschenseele hineingetrieben wird und der gerade in unserer gegenwärtigen Zeit, man möchte sagen, zu einem gewissen Höhepunkt getrieben ist.
[ 5 ] What spiritual science can become—we should always compare it with what we have achieved, so very little, in the past decade and a half. Certainly, many have taken to heart what spiritual science offers to humanity. But that is only the very least of it, as is evident from the numerous observations we have made. Spiritual science has yet another task: to truly flow into the social structure, into the entire life of present-day humanity. But if we want to grasp this idea, we must connect it with another—one that resounds to us today and at every moment from all world events, one that represents a certain conflict into which the human soul is driven, and which, especially in our present time, one might say, has been driven to a certain climax.
[ 6 ] Erinnern wir uns an die Hauptpunkte unserer geisteswissenschaftlichen Forschung, so werden Sie überall finden, daß diese geisteswissenschaftliche Forschung gerade darauf beruht, daß übersinnliche, geistige Wirklichkeit in des Menschen Seele hereinfließt. Sie läßt uns erkennen, diese Geisteswissenschaft, daß im Laufe der Menschheitsentwickelung fortwährend geistiges Leben in die Menschen einströmt, daß jedoch das, was auf Erden geschieht, insofern nur ein Fortschritt ist, als die Menschen das, was aus der geistigen Welt in sie einströmt, zum äußeren Dasein zu erwecken verstehen. Aber ein solcher Gedanke müßte eigentlich unser ganzes Fühlen und Empfinden durchdringen können. Wir müssen ihn vor allen Dingen in Zusammenhang bringen können mit dem, was uns zum Beispiel als Geschichtswissenschaft bekannt ist, und wir müßten ihn dann von diesem Gesichtspunkte aus auf die Gegenwart anwenden können. Wir müßten uns zum Beispiel fragen können, aber mit Ernst fragen können — diese Dinge sind natürlich Hypothesen, aber sie führen auf Wirklichkeiten in einem realen Gedankenleben —: Was wäre geworden, wenn etwa Kolumbus oder irgend jemand anderer, der wesentlich mit der Entwickelung der neueren Menschheit verbunden ist, zum Beispiel Gutenberg, der Erfinder der Buchdruckerkunst, oder sagen wir selbst Luther, im 9. oder im 8. Jahrhundert, kurz, zu einer andern historischen Zeit geboren worden wären? Was wäre dann mit denjenigen Persönlichkeiten geworden, die diese Namen tragen? — Ganz gewiß wären sie, wenn sie in andere Zeiten geboren worden wären, dasjenige nicht geworden, als was sie uns heute in der Geschichte erscheinen, Natürlich kann das nicht sein, die Weltenentwickelung hat ihr Karma; aber die hypothetische Betrachtung einer solchen Sache führt auf Wirklichkeiten. Sie wären wahrscheinlich Persönlichkeiten geworden, von denen die äußere Geschichte nicht spricht. Aber dennoch können Sie sich auf der andern Seite nicht vorstellen, daß in solchem Falle im Herannahen der neueren Zeit zum Beispiel die Buchdruckerkunst nicht erfunden worden wäre, und daß im Heraufkommen dieser neueren Zeit die Reformation nicht gekommen wäre, können Sie sich auch nicht vorstellen. Daraus aber ersehen Sie, daß die Hauptsache das ist, daß wir auf das hinblicken, was aus der geistigen Welt heraus der Menschheit sich mitteilt, und daß wir lernen, in einem viel größeren Maße noch als es die Gegenwart überhaupt vermag, den Menschen als ein Instrument anzusehen, durch welches das Geistige aus der geistigen Welt in das Erdenleben hereintritt.
[ 6 ] If we recall the main points of our spiritual scientific research, you will find everywhere that this research is based precisely on the fact that supersensible, spiritual reality flows into the human soul. This spiritual science enables us to recognize that, in the course of human evolution, spiritual life continually flows into human beings; yet what happens on Earth is progress only to the extent that human beings are able to awaken to outward existence that which flows into them from the spiritual world. But such a thought should actually be able to permeate our entire feeling and perception. Above all, we must be able to relate it to what we know, for example, as the science of history, and we should then be able to apply it to the present from this perspective. We should, for example, be able to ask ourselves—but ask in earnest—these things are, of course, hypotheses, but they point to realities in a genuine life of thought: What would have become of Columbus, for example, or anyone else closely associated with the development of modern humanity—such as Gutenberg, the inventor of the printing press, or even Luther himself—if they had been born in the 9th or 8th century, in short, in a different historical era? What would then have become of the individuals who bear these names? — Certainly, had they been born in other times, they would not have become what they appear to us today in history. Of course, this cannot be; the development of the world has its own karma; but the hypothetical consideration of such a matter points to realities. They would probably have become figures of whom external history makes no mention. Yet, on the other hand, you cannot imagine that, in such a case, the art of printing, for example, would not have been invented as modern times approached, nor can you imagine that the Reformation would not have come about with the advent of these modern times. From this, however, you can see that the main point is that we look to what is communicated to humanity from the spiritual world, and that we learn—to a much greater extent than is currently possible at all—to regard human beings as instruments through which the spiritual enters earthly life from the spiritual world.
[ 7 ] Ich sagte, gerade in der Gegenwart ist der Mensch mit Bezug auf diese Dinge in einen scharfen Konflikt hineingestellt. Die Gegenwart erkennt nicht an, daß so etwas stattfindet wie ein Hinunterrinnen eines geistigen Entwickelungsstromes in die Erdenereignisse; sie erkennt nicht an, daß der Mensch ein bloßes Instrument ist, und sie will eine Gesellschaftsordnung aufbauen, welche dies nicht anerkennt. Sie will eine Gesellschaftsordnung aufbauen, die eigentlich nur mit dem ganz persönlichen Menschen, der hier auf der Erde steht, rechnet, und [nur] diesen ganz persönlichen Menschen ins Auge fassen. Die äußerste Karikatur, die nur den allerindividuellsten Menschen ins Auge faßt, ist der neulich schon erwähnte Leninismus oder Trotzkismus. Diese Gesellschaftsanschauung kennt nur den Menschen, der hier auf der Erde steht. Ich meine damit nicht allein das Theoretische — das wäre das wenigste —, sondern ich meine die Lebenskonsequenzen. Solch ein Lenin oder Troizki suchen — sogar auf einem Gebiete, wo es am wenigsten hinpaßt — die Gesellschaftsstruktur so einzurichten, als ob eben nichts anderes in Betracht käme, als der einzelne fleischliche Mensch. Das aber ist ein Ideal, das sich auf dem Gebiete des sogenannten Sozialismus seit Jahrzehnten herangebildet hat, und Leninismus und Trotzkismus sind ja nur die letzten fratzenhaften Wehen einer solchen Anschauung, die sich eben seit langem herangebildet hat.
[ 7 ] I said that, especially in the present, human beings are placed in a sharp conflict with regard to these matters. The present age does not acknowledge that something like a spiritual current of development is flowing down into earthly events; it does not acknowledge that human beings are mere instruments, and it seeks to establish a social order that does not recognize this. It seeks to establish a social order that actually takes into account only the entirely individual human being standing here on Earth, and [only] focuses on this entirely individual human being. The most extreme caricature, which focuses solely on the most individual of human beings, is the Leninism or Trotskyism mentioned earlier. This view of society recognizes only the human being standing here on Earth. By this I do not mean merely the theoretical aspect—that would be the least of it—but rather the practical consequences for life. Such a Lenin or Trotsky seeks—even in a realm where it is least appropriate—to organize the social structure as if nothing else were to be considered but the individual, flesh-and-blood human being. But this is an ideal that has been taking shape for decades in the realm of so-called socialism, and Leninism and Trotskyism are, after all, merely the final grotesque convulsions of such a worldview, one that has been developing for a long time.
[ 8 ] Sie sehen, worauf es ankommt: den Weg wieder zurückzufinden zu dem Sinn des Pfingstereignisses. Gewiß, bei den einzelnen Jüngern, auf deren Köpfe sich die Flammen gesenkt hatten, sollte individuelles geistiges Leben erleuchtend auferstehen. Aber es sollte geistiges Leben sein, durch das sich verteilt auf die einzelnen Glieder das größt denkbare Maß des Sachlichen, für das der Mensch nur ein Instrument ist.
[ 8 ] You see what matters: finding our way back to the meaning of the Pentecost event. Certainly, in the individual disciples upon whose heads the flames had descended, an individual spiritual life was to arise and enlighten them. But it was to be a spiritual life through which the greatest conceivable measure of the objective—for which human beings are merely instruments—would be distributed among the individual members.
[ 9 ] Der Sinn dieser Pfingstverkündigung ist aber zugleich noch etwas anderes, und das ist das Wichtigste: die Bekräftigung dessen, daß der Mensch seinen Wert dadurch nicht verliert, daß er für den fortwährend in die Menschheit hineinfließenden Geist ein Instrument bildet. Dann behält also der Mensch trotzdem seinen persönlichen Wert. Das ist etwas, was man heute nicht nur theoretisch einsehen kann, sondern demgegenüber es notwendig ist, die Lebenskonsequenzen zu ziehen und es überzuführen in die Art, wie man denkt über Staatenbildung, über Moral und gesellschaftliches Leben. Darauf kommt es an, daß ein Gedanke weckend ist, und ein Aufwecken war es ja, als sich die Flammen auf das Haupt eines jeden einzelnen der Jünger heruntersenkten. Und ein Verschlafen der Zeitereignisse, das heute nur zu furchtbar verbreitet ist, ist ein Sich-Versündigen gegen die Zeitereignisse. Man kann aber in dem Entwickelungszyklus, in dem wir jetzt angekommen sind, ganz unmöglich zu einem Aufwachen gegenüber den Ereignissen kommen, wenn man nicht mit einer gewissen inneren Beweglichkeit des Seelenlebens die Ereignisse betrachtet, wenn man nicht vermag, Wesentliches, Richtiges zu unterscheiden von Unwesentlichem und Unrichtigem. Was uns heute überflutet, besonders an Zeitungslektüre, das kann nicht so aufgenommen werden, daß alles gleich ist; sondern in tausend Buch- oder Zeitungsspalten können zwei Zeilen sein, die von ungeheurer, wesentlicher Bedeutung sind, die hindeuten urphänomenal bezeichnend — wenn ich den Goetheschen Ausdruck gebrauchen will — auf das, was eigentlich vorgeht. Und das andere kann alles verschwendete Druckerschwärze sein. Worauf es ankommt, das ist, daß man eine innere Empfindung in sich auferwecken muß gegenüber dem Wichtigen und Wesentlichen und gegenüber dem Unwichtigen und Unwesentlichen. Diese Empfindung ergibt sich in der Seele, wenn man unbewußt das gewinnt, was einem in der Gegenwart entgegentritt an großen Weltenperspektiven, welche die Geisteswissenschaft eröffnen kann. Er soll nur dies in sein Empfinden einfügen, soll nur versuchen, allmählich so zu fühlen, wie er fühlen wird, wenn die Geisteswissenschaft in ihm lebendig wird. Es ist dann allerdings notwendig, daß man sich das innere Vertrauen zu dem, was man gewissermaßen innerlich erfühlt, in einem viel größeren Maße verschafft, als es heute die Menschen gewohnt sind. Wer nämlich erwartet, daß sich das, was er heute bekommt, gleich morgen an weithin leuchtenden Ereignissen zeigt, der wird in der Regel nicht zurechtkommen mit einer wahren Beobachtung. Es kann etwas richtig sein, aber es können sich die Ereignisse kaschieren, daß dies vielleicht erst in einer fernen Zukunft zum Ausdruck kommt. Aber dafür ist es notwendig, daß wir uns in einer richtigen Weise in die Welt hineinstellen, dafür ist es wichtig, daß wir richtige Vorstellungen haben über das, was geschieht.
[ 9 ] But the meaning of this Pentecost proclamation is also something else, and that is the most important point: the affirmation that human beings do not lose their value by serving as instruments for the Spirit that continually flows into humanity. Thus, human beings nevertheless retain their personal value. This is something that today cannot be merely understood in theory; rather, it is necessary to draw the practical consequences and apply them to the way we think about the formation of states, morality, and social life. What matters is that a thought has the power to awaken—and it was indeed an awakening when the flames descended upon the head of each and every one of the disciples. And failing to take notice of current events—a failure that is all too widespread today—is a sin against those very events. However, in the cycle of development we have now reached, it is quite impossible to awaken to current events unless one observes them with a certain inner flexibility of the soul, unless one is able to distinguish what is essential and true from what is unessential and false. What floods us today—especially in newspaper reading—cannot be taken in such a way that everything is treated as equal; rather, among a thousand columns in books or newspapers, there may be two lines of immense, essential significance that point—in a “primordial-phenomenal” sense, to use Goethe’s expression—to what is actually taking place. And the rest may all be wasted ink. What matters is that one must awaken within oneself an inner sensibility toward what is important and essential, and toward what is unimportant and insignificant. This feeling arises in the soul when one unconsciously gains access to the great worldviews that spiritual science can open up to us in the present. One need only incorporate this into one’s sensibility, need only try to gradually feel as one will feel when spiritual science comes alive within oneself. It is, however, necessary to cultivate a much greater degree of inner trust in what one, so to speak, senses inwardly than people are accustomed to today. For whoever expects that what they receive today will immediately manifest itself tomorrow in events that shine far and wide will, as a rule, not be able to cope with true observation. Something may be true, but events may conceal it so that it is perhaps only expressed in the distant future. But for this, it is necessary that we position ourselves correctly in the world; for this, it is important that we have correct conceptions of what is happening.
[ 10 ] So gehen eigentlich in der gegenwärtigen Strömung der Entwickelung außerordentlich wichtige Dinge vor sich, die schon an den äußerlichen Ereignissen zu beobachten sind, wenn man diese äußerlichen Ereignisse so ins Auge fassen wird, wie ich es eben angedeutet habe: daß man das Wesentliche von dem Unwesentlichen unterscheidet, daß man den Mut dazu hat, das Wesentliche von dem Unwesentlichen zu unterscheiden.
[ 10 ] Thus, in the current course of development, extraordinarily important things are actually taking place, which can already be observed in external events—if one views these external events in the way I have just indicated: that one distinguishes the essential from the non-essential, that one has the courage to distinguish the essential from the non-essential.
[ 11 ] Was heute geschieht — ich will nur eines herausheben —, das ist, daß sich in einer merkwürdigen Art vorbereitet die Bedeutungslosigkeit des äußeren britischen Reiches, die Lähmung desjenigen, was bisher die Welt eigentlich historisch als Britentum gekannt hat, indem das, was spezifisch britisch war, übergeht auf den Pan-Anglo-Amerikanismus. Das entwickelt sich in der unmittelbarsten Gegenwart. Es entwickelt sich etwas, was dahin tendiert, daß das Britentum verschwindet in den Pan-Anglo-Amerikanismus. Eine solche Sache liegt durchaus in jener Entwickelung, die wir auch schon in der verschiedensten Weise angedeutet haben, widerspricht ihr nicht. Aber auf der andern Seite ist es von einer ungeheuren Wichtigkeit, einen solchen tragenden Gedanken wirklich ins Auge zu fassen, denn es hängt etwas davon ab, ob man in sein Vorstellungsleben hinein richtige oder falsche Kräfte nimmt. Die Zeit kann uns in dieser Beziehung viel lehren, darauf muß man immer wieder und wieder hinweisen. Gewiß, die Menschen an den Fronten sind andere geworden. Das weiß jeder, der mit den Tatsachen bekannt ist. In welcher Weise sie sich umgewandelt haben, das zu erörtern, ist hier nicht der Ort. Aber unter denen, die innerhalb der Fronten gelebt haben, sind diejenigen doch noch außerordentlich zahlreich, die so denken wie im Juli 1914, die seitdem nichts gelernt haben, die genau dieselben Begriffe anwenden, die man im Juli 1914 angewendet hat. Wenn man mit den Menschen spricht, ist es so, daß sie einem dasselbe sagen, was sie auch im Juli 1914 hätten sagen können. Aber eigentlich kann der kein wacher Mensch heute sein, für den nicht jeder Begriff eine andere Prägung, eine andere Wertigkeit bekommen hat. Und aus diesem Grunde wird die Frage gestellt werden müssen — aber diese Frage sollte sich jeder als eine ganz ernste und, ich möchte sagen, christliche Gewissensfrage stellen —: Wo sind die Menschen heute zu finden, die vor dem Juli 1914 die Möglichkeit sich so recht vor Augen geführt haben, daß das kommen könnte, was nun bis zum heutigen Tage gekommen ist? Ich könnte — und Sie wissen, ich sage es nicht aus Albernheit — die Frage auch anders formulieren. In dem Vortragszyklus, den ich vor dem Kriege in Wien gehalten habe, findet sich neben anderem ein Ausdruck, der da lautet: Das gesellschaftliche menschliche Leben trägt jetzt etwas in sich, was man mit einem Karzinom vergleichen kann, was eine Krebskrankheit ist im Leben der Menschheit. Das mußte man damals ins Auge fassen. Aber viele Menschen sind es, die das bis heute noch nicht ins Auge gefaßt haben. Ich frage: Wie tief ist es verstanden worden, daß damals von dem Karzinom in der menschlichen Entwickelung gesprochen worden ist?
[ 11 ] What is happening today—and I want to highlight just one thing—is that, in a remarkable way, the insignificance of the external British Empire is taking shape, along with the paralysis of what the world has historically known as “Britishness,” as that which was specifically British is giving way to Pan-Anglo-Americanism. This is unfolding in the very present moment. Something is developing that tends toward the disappearance of “Britishness” into Pan-Anglo-Americanism. Such a development is entirely consistent with the trend we have already indicated in various ways; it does not contradict it. But on the other hand, it is of immense importance to truly take such a fundamental idea into account, for much depends on whether one incorporates the right or the wrong forces into one’s imaginative life. History can teach us a great deal in this regard; this must be pointed out again and again. Certainly, the people at the front have changed. Everyone familiar with the facts knows this. This is not the place to discuss exactly how they have changed. But among those who have lived behind the front lines, there are still an extraordinarily large number who think just as they did in July 1914, who have learned nothing since then, and who use exactly the same concepts that were used in July 1914. When you speak with people, they tell you the very same things they could have said back in July 1914. But in truth, no alert person today can fail to recognize that every concept has taken on a different character, a different significance. And for this reason, the question will have to be asked—but this is a question everyone should ask themselves as a very serious and, I would say, Christian matter of conscience—: Where can we find people today who, before July 1914, truly realized that what has now come to pass could actually happen? I could—and you know I am not saying this out of frivolity—also phrase the question differently. In the series of lectures I gave in Vienna before the war, there is, among other things, a statement that reads: “Social human life now carries within it something that can be compared to a carcinoma, which is a form of cancer in the life of humanity.” One had to face this reality back then. But there are many people who have still not faced this reality to this day. I ask: To what extent has it been understood that, back then, people were speaking of a carcinoma in human development?
[ 12 ] Ich will damit nur hinweisen auf den Ernst, mit dem Geisteswissenschaft aufgenommen werden sollte, wenn sie auf die Ereignisse der Gegenwart angewendet werden soll. Es ist ja zum großen Teil die Ursache, warum Geisteswissenschaft so zurückgewiesen wird, darin zu suchen, daß den Menschen dieser Ernst, mit dem die Geisteswissenschaft gemeint ist, furchtbar unbequem ist. Die Theorien der Geisteswissenschaft gefallen ja manchen, aber der Ernst, der in ihr liegt gegenüber den Forderungen des Lebens, ist vielen, denen die Theorien gefallen, höchst, höchst unbequem. Das alles führt uns unmittelbar dahin, vielleicht etwas genauer zu verstehen, was ich jetzt in diese Betrachtungen auch einschalten muß, was wichtig ist ins Auge zu fassen, wenn man Geisteswissenschaft in den Fundamenten verstehen will.
[ 12 ] I merely wish to point out the seriousness with which spiritual science should be taken if it is to be applied to contemporary events. Indeed, the reason why spiritual science is so widely rejected is largely to be found in the fact that the seriousness with which it is intended is terribly uncomfortable for people. While some people do like the theories of spiritual science, the seriousness with which it confronts the demands of life is, for many of those who like the theories, extremely, extremely uncomfortable. All of this leads us directly to perhaps understanding a little more precisely what I must now include in these reflections—something that is important to bear in mind if one wishes to understand spiritual science at its very foundations.
[ 13 ] Wenn heute der Mensch etwas in der Welt verstehen will, hat er eigentlich immer das Gefühl: Die Mittel zu diesem Verständnis müssen irgendwie in dem Gegenwärtigen gesucht werden. Aber das Geistige kann nicht allein in dem Gegenwärtigen gesucht werden. Wenn man sich zum Beispiel in bezug auf das Geistige mit dem Menschen bekanntmachen will, so kann nicht einmal das Wesen des Menschen zwischen Geburt und Tod nur durch die Erkenntnis des gegenwärtigen Menschen erreicht werden. Warum? Nehmen Sie an, Sie seien fünfzig Jahre alt geworden — es kann selbstverständlich auch ein anderes Jahr sein — und Sie entwickeln in Ihrer Seele irgendein Leben, das zusammenhängt mit den Kräften der Empfindungsseele. Da werden Sie unwillkürlich aus dem Vorstellen der Gegenwart heraus die Anschauung haben: Das ist meine Empfindungskeele, die ich dadrinnen habe; die äußert sich, wenn sich das Empfindungsleben der Seele äußert. Das ist aber ganz und gar nicht wahr. Sondern Ihre Empfindungsseele kam zur Entwickelung in der Zeit von Ihrem einundzwanzigsten bis achtundzwanzigsten Lebensjahr, und was damals in der Seele war und mit dem achtundzwanzigsten Jahre für die Gegenwart aufhörte, in der Seele zu sein, das wirkt nach; das gebrauchen Sie heute, wenn Sie die Kräfte der Empfindungsseele ins Auge fassen. Nicht die jetzigen Kräfte der Empfindungsseele, sondern die Kräfte von damals gebrauchen Sie. Das Vergangene wirkt. Es ist nicht wahr, daß alles in der Gegenwart sich erschöpft, was wirkt; sondern das Vergangene wirkt nach. Die geistige Welt muß aufgefaßt werden wie eine Musik, aber noch wie eine reale Musik. Sie könnten unmöglich eine Melodie auffassen, wenn Sie beim dritten Tone den ersten verloren hätten; im dritten Ton wirkt der erste weiter fort, er wirkt darinnen. Im geistigen Wirken ist es so, daß etwas nicht nur nachwirkt durch das Behalten im Gedächtnis, sondern daß es in der Realität nachwirkt. Die Wirkungen vergangener Kräfte des geistigen Lebens in den einzelnen Seelenteilen sind wie die Teile des GeistigSeelischen fortwährend da, aber in noch anderem Sinne. Unser einundzwanzigstes, zweiundzwanzigstes Jahr wirkt in uns noch später, es ist da; und es ist da, insofern es in der Vergangenheit da war, nicht insofern es in der Gegenwart da ist. Neue Vorstellungen sich zu bilden — und was ich Ihnen eben jetzt entwickelt habe, ist eine neue Vorstellung, sie findet sich nirgends unter den Vorstellungen der Gegenwart —, neue Vorstellungen sich zu bilden, ist den Menschen unbequem. Sie wollen sich zum Beispiel nicht sagen: Wenn ich ein Greis bin und graue Haare und eine Glatze bekommen habe, so rede und denke ich dennoch immer mit den Kräften meiner Jugend, meiner Kindheit. — Und einfach wahr ist es: Was die Schule in Ihnen veranlaßt hat, wie Sie Ihre Zeit vom achtzehnten bis achtundzwanzigsten Jahr zubringen, das wirkt durch das ganze Leben hindurch. Sie können es später nicht durch andere Kräfte ersetzen, sondern nur, indem Sie sich zu denjenigen Quellen wenden, welche die Geisteswissenschaft eröffnet. Das ist das einzige Mittel, wodurch manches im Leben ersetzt werden kann. Sie werden es nicht unbegreiflich finden, daß eigentlich jetzt viele Menschen im Grunde genommen unfruchtbar bleiben. Das hängt mit dem Erziehungssystem zusammen. Wir können ja nicht irgend etwas entwickeln, was nicht während unserer Kindheit in uns gelegt ist, wenn es eben nicht durch die gewöhnlichen Kräfte, durch die wir uns an den Menschen selbst wenden, in uns hineingelegt ist.
[ 13 ] When people today want to understand something in the world, they almost always have the feeling that the means to this understanding must somehow be sought in the present. But the spiritual cannot be sought solely in the present. For example, if one wishes to become acquainted with the human being in relation to the spiritual realm, even the essence of the human being between birth and death cannot be grasped solely through knowledge of the present human being. Why? Suppose you have reached the age of fifty—it could, of course, be any other age—and you develop within your soul a certain life connected with the forces of the feeling soul. Then, quite involuntarily, based on your perception of the present, you will have the view: “This is my feeling soul that I have within me; it expresses itself when the soul’s life of feeling expresses itself.” But that is not true at all. Rather, your feeling soul developed between the ages of twenty-one and twenty-eight, and what was in your soul at that time—and ceased to be there for the present at the age of twenty-eight—continues to have an effect; that is what you draw upon today when you contemplate the powers of the feeling soul. It is not the present powers of the feeling soul that you draw upon, but the powers from that time. The past continues to have an effect. It is not true that everything that has an effect is exhausted in the present; rather, the past continues to have an effect. The spiritual world must be understood like music, but as real music. You could not possibly perceive a melody if you had lost the first note by the third note; in the third note, the first continues to have an effect—it is at work within it. In spiritual activity, it is the case that something does not merely continue to have an effect through being retained in memory, but that it continues to have an effect in reality. The effects of past forces of spiritual life in the individual parts of the soul are, like the parts of the spiritual-soul, constantly present, but in yet another sense. Our twenty-first and twenty-second years continue to have an effect within us even later; they are there—and they are there insofar as they were present in the past, not insofar as they are present in the present. Forming new concepts—and what I have just explained to you is a new concept; it is not to be found anywhere among the concepts of the present—forming new concepts is uncomfortable for people. They do not want to admit to themselves, for example: When I am an old man and have gray hair and a bald spot, I still speak and think with the powers of my youth, of my childhood. — And it is simply true: what school has led you to do—how you spend your time from the age of eighteen to twenty-eight—has an effect throughout your entire life. You cannot replace it later with other forces, but only by turning to those sources that spiritual science opens up. This is the only means by which certain things in life can be replaced. You will not find it incomprehensible that, in fact, many people today remain fundamentally unproductive. This is connected to the educational system. After all, we cannot develop anything that was not planted within us during our childhood—unless, of course, it was planted within us through the ordinary forces by which we turn to human beings themselves.
[ 14 ] Um solche Vorstellungen richtig zu fassen, dazu gehört gar vieles. Dazu gehört vor allen Dingen — ich muß das von den verschiedensten Gesichtspunkten aus immer wieder und wieder betonen —, daß die Menschen wiederum lernen, in einem viel höheren Sinne, als sie es heute wollen, an das Leben zu glauben, an die Geistigkeit des Lebens zu glauben. Es wird heute dem Menschen verhältnismäßig einleuchten, vielleicht an seine geistige Herkunft zu glauben. Er wird verhältnismäßig leicht dazu zu bringen sein, daran zu glauben, daß sich mit dem, was sich in der Vererbung durch die Generationen als Materielles entwickelt hat, ein Geistiges verbunden hat, das aus einer geistigen Welt herkommt. Aber das genügt nicht. Was notwendig ist, das ist, daß wir nicht nur an die geistige Herkunft eines Stückes von unserem Leben glauben, sondern an die geistige Herkunft unseres ganzen Lebens. Wie das?
[ 14 ] There is much involved in properly grasping such ideas. Above all—and I must emphasize this again and again from a wide variety of perspectives—people must learn once more to believe in life, to believe in the spiritual nature of life, in a much higher sense than they are willing to today. Today, it will be relatively easy for people to believe in their spiritual origin. It will be relatively easy to persuade them to believe that what has developed as material substance through heredity across generations is connected to a spiritual element that comes from a spiritual world. But that is not enough. What is necessary is that we believe not only in the spiritual origin of a part of our life, but in the spiritual origin of our entire life. How so?
[ 15 ] Heute glauben wir ja aus den Entwickelungstendenzen der Menschheit heraus, die ich öfter angeführt habe, daß wir mit dem zwanzigsten Lebensjahre im allgemeinen unser Leben bis zur Vollendung getrieben haben. Wir glauben, daß wir in den Zwanzigerjahren reif sind, in eine Stadtverordnetenversammlung, in die Parlamente und dergleichen gewählt zu werden, weil wir da eben über alles entscheiden können. Jene Zeiten glauben ja die Menschen längst überwunden zu haben — die aber, wie wir wissen, vorhanden waren —, wo man auf ein höheres Alter gewartet hat, in der Voraussetzung, daß jedes neue Jahr des Lebens auch neue Offenbarungen bringt. Für das Kind erwarten wir heute, wenn die Geschlechtsreife eintritt, daß auch die Seelenfähigkeit sich umändert. Wenn auch nicht in so radikaler Weise, so tun wir das doch für die andern Jahre der Kindheit. Wir schauen der Entwickelung zu und sind überzeugt: Bis in die Zwanzigerjahre entwickelt sich das Menschenleben. Aber dann hören wir auf, weiter an ein Entwickeln zu glauben. Wir denken, wir seien fertig; wir erwarten von den späteren Jahren des Lebens nicht, daß in jedem neuen Jahre uns neue Offenbarungen kommen. Wir können es auch nicht, wenn wir bei den gewöhnlichen Anschauungen bleiben. Aber wir wissen, daß die Menschheit im Laufe der Entwickelung immer jünger wird, und heute wird sie nicht älter als siebenundzwanzig Jahre. Dann gibt die leiblich-körperhafte Entwickelung nichts mehr her. So muß das, was zur Weiterentwickelung beitragen soll, aus dem Geiste geholt werden. Aber wenn es aus dem Geiste geholt wird, verbindet es sich mit unserer Seele. Fragen Sie nur einmal, wie wenige Menschen dies heute zugeben werden, daß wenn Sie heute ein zweiundzwanzigjähriger junger Dachs sind, und dann fünfundvierzig Jahre alt werden, sich einfach dadurch, daß man im höheren Alter eben anderes durchmacht als in der Jugend, mit fünfundvierzig Jahren durch innere Offenbarung etwas ergeben kann, was sich früher nicht hätte ergeben können. Wer glaubt denn an die Produktivität, an die Fruchtbarkeit des Alters? Und weil man daran nicht glaubt, deshalb ist sie auch nicht da; denn man ist nicht darauf aufmerksam, wie jedes neue Jahr auch neue Offenbarungen bringt. Aber bedenken Sie, wieviel sich im Menschenleben dadurch ändern würde, wenn dieser Glaube wirklich allgemein würde, wenn alle Menschen glauben würden: Ich muß warten auf das Älterwerden, dann werde ich durch mich selbst Dinge erfahren, die ich früher nicht habe erfahren können. Erwartungsvolles Leben, hoffnungsvolles Leben — wo ist es denn heute? Aber solch ein Gedanke, solch eine Empfindung, übergegangen gedacht in das menschliche Gemeinschaftsleben: Denken Sie einmal, was für eine ungeheure Bedeutung dieses hätte! Welche ungeheure Bedeutung es hätte, wenn zu all den verschiedenen «Gleichheitsdemolierungen» — möchte ich es nennen —, die in der heutigen Zeit spielen, im Zusammenleben der Menschen das Bewußtsein hinzukäme: Einfach dadurch, daß man vierzig Jahre alt geworden ist, kann man etwas erfahren haben, was man mit siebenundzwanzig Jahren noch nicht erfahren kann. Denken Sie, wie dann ein Siebenundzwanzigjähriger zu einem Vierzigjährigen stehen könnte, wenn das eine naturgemäße Empfindung wäre! Natürlich kann es heute nicht sein, weil heute oft die Siebzigjährigen nicht älter sind als siebenundzwanzig, und oft gerade die Repräsentativsten nicht älter sind — und es nicht bemerken. Also man kann es heute nicht als eine reale Forderung verlangen.
[ 15 ] Today, based on the trends in human development that I have often cited, we believe that by the age of twenty we have generally brought our lives to full maturity. We believe that by our twenties we are mature enough to be elected to city councils, parliaments, and the like, because that is where we can make decisions about everything. People believe they have long since left behind those times—which, as we know, did exist—when one waited until a more advanced age, on the assumption that each new year of life would bring new revelations. For a child today, when sexual maturity sets in, we expect that the soul’s capacity will also change. Even if not in such a radical way, we still expect this for the other years of childhood. We observe this development and are convinced: human life continues to develop until one’s twenties. But then we stop believing in further development. We think we are finished; we do not expect the later years of life to bring us new revelations with each passing year. Nor can we, if we stick to conventional views. But we know that humanity grows ever younger in the course of its development, and today it does not grow older than twenty-seven years. At that point, physical development has nothing more to offer. Thus, whatever is to contribute to further development must be drawn from the spirit. But when it is drawn from the spirit, it connects with our soul. Just ask yourself how few people today would admit that if you are a twenty-two-year-old young badger today and then reach the age of forty-five, simply because one experiences different things in old age than in youth, at forty-five you can, through inner revelation, achieve something that could not have been achieved earlier. Who believes in the productivity, in the fruitfulness of old age? And because people do not believe in it, that is why it is not there; for they do not pay attention to how each new year also brings new revelations. But consider how much would change in human life if this belief were truly widespread, if all people believed: “I must wait until I grow older; then I will experience things through myself that I could not have experienced before.” A life full of anticipation, a life full of hope—where is that today? But such a thought, such a feeling, carried over into human community life: Just think what immense significance this would have! What immense significance it would have if, alongside all the various “demolitions of equality”—as I’d like to call them—that are at play in our time, the following awareness were to be added to human coexistence: simply by having reached the age of forty, one may have experienced something that one could not yet experience at the age of twenty-seven. Just imagine how a twenty-seven-year-old might relate to a forty-year-old if that were a natural sentiment! Of course, this cannot be the case today, because today even seventy-year-olds are often no older than twenty-seven, and often it is precisely the most prominent figures who are no older—and who do not even realize it. So one cannot demand this as a realistic expectation today.
[ 16 ] Das ist es aber, was das Leben bringen muß, und was die Zukunft fordert: daß die Menschen anfangen, das Geistige wieder als eine Realität anzusehen. Was ist heute dem Menschen als Geist einzig und allein bekannt? Im großen und ganzen nichts anderes als eine Summe von abstrakten Begriffen. Zu einer Summe von abstrakten Begriffen kommt der Mensch, von solchen abstrakten Begriffen, die eben gerade dadurch charakteristisch sind, daß sie bis zum siebenundzwanzigsten Jahre ganz gut aufgenommen werden können. Aber mit dem, daß wir hier auf der Erde leben zwischen Geburt und Tod, zuerst sprieBendes, sprossendes Leben haben, dann mit dem achtundzwanzigsten Jahre stehenbleiben in dieser Entwickelung, und dann vom fünfunddreißigsten Jahre ab unser absteigendes Leben beginnen: mit dem ist ja eine reale, konkrete Geistigkeit verbunden, die sich ebenso verändert, wie sich der äußere Mensch verändert; und diese konkrete geistige Realität macht so ziemlich einen entgegengesetzten Gang durch als der äußere Mensch. Der äußere Mensch wird alt, wird runzelig, aber sein Ätherleib, sein Bildekräfteleib wird immer jünger; nur kümmert sich der Mensch heute nicht um diesen im Alter jüngerwerdenden Bildekräfteleib. Die Menschen gehen herum, haben Glatzen und graue Haare, und sie wissen nicht, daß sie einen Bildekräfteleib haben, der sprießendes, sprossendes Leben gerade dann hat, wenn sie anfangen, graue Haare zu bekommen, der ihnen gerade dann Dinge geben kann, die ihnen früher nicht gegeben werden konnten. Das ist allerdings durch den Zeitcharakter bedingt. Aber die Zeit braucht in dieser Beziehung Umkehr. Die Zeit braucht Wandelung der Begriffe. Eines, was in dieser Wandelung der Gedanken besonders gegeben sein muß, ist das, daß die Gedanken wieder ein bißchen kräftig und gesund werden, daß sie nicht haften an dem, was sich nur von außen darbietet; sonst kommen wir auf allen Gebieten auf die furchtbarsten Einseitigkeiten hinaus. Mit dem Gedanken die Wirklichkeit durchdringen auf irgendeinem Gebiete, das ist es, worauf es ankommt. Wir können auch das geschichtliche Leben der Menschen nicht verstehen, wenn wir nicht imstande sind, demjenigen, was äußerlich an Weisheit läuft, die innere Weisheit entgegenzubringen. Wir haben ja durch verschiedene Gründe, die mit dem Riß, mit dem Sprung, der in der Menschheitsentwickelung ist, zusammenhängen, aufgehört, manches Große zu verstehen, was noch in atavistischer Weise gefunden worden ist. Auf manchen Gebieten glauben die Menschen heute, originell zu sein.
[ 16 ] But that is precisely what life must bring, and what the future demands: that people begin to regard the spiritual as a reality once again. What is the only thing known to people today as “spirit”? By and large, nothing other than a sum of abstract concepts. People arrive at this collection of abstract concepts through precisely those abstract concepts that are characterized by the fact that they can be quite easily absorbed up to the age of twenty-seven. But the fact that we live here on Earth between birth and death—first experiencing a life that sprouts and blossoms, then coming to a standstill in this development at the age of twenty-eight, and then, from the age of thirty-five onward, beginning our descending life—this is connected to a real, concrete spirituality that changes just as the outer human being changes; and this concrete spiritual reality follows a course that is more or less the opposite of that of the outer human being. The outer human being grows old, becomes wrinkled, but his etheric body, his body of formative forces, grows ever younger; only, people today pay no attention to this body of formative forces that grows younger with age. People walk around with bald spots and gray hair, and they do not know that they have a body of formative forces that is full of sprouting, burgeoning life precisely when they begin to get gray hair—a body that can give them things at that very moment that could not be given to them before. This is, of course, a product of the spirit of the times. But in this regard, the times need a reversal. The times need a transformation of concepts. One thing that must be particularly present in this transformation of thought is that thoughts must once again become a little stronger and healthier, that they must not cling to what is merely presented from the outside; otherwise, we will end up with the most terrible one-sidedness in all areas. Penetrating reality with thought in any given area—that is what matters. Nor can we understand the historical life of human beings if we are unable to counter what appears outwardly as wisdom with inner wisdom. After all, for various reasons connected with the rift, the rupture in human development, we have ceased to understand many great things that were once discovered in an atavistic manner. In some areas, people today believe themselves to be original.
[ 17 ] Ich habe vor längerer Zeit einmal in Dornach in einem Vortrage die Frage aufgeworfen, was ein Publikum sagen würde, wenn ein Theaterregisseur es bei einer «Faust»-Aufführung unternehmen würde, nachdem Faust dem Erdgeist gegenüber zusammengestürzt ist, den Wagner ein klein wenig verändert, aber sonst in der äußeren Erscheinung genau ebenso wieFaust auftreten zu lassen. Und dennoch, so etwas müßte man einmal machen. Ich will Ihnen den Grund sagen, weshalb man es machen müßte.
[ 17 ] Some time ago, during a lecture in Dornach, I raised the question of what an audience would say if, in a production of Faust, a theater director were to have Faust—after he has collapsed before the Earth Spirit—appear in a form that Wagner had altered just a little, but otherwise looked exactly like Faust. And yet, something like that really ought to be done. I’ll tell you the reason why it should be done.
[ 18 ] Was liest man heute in den «Faust»-Erklärungen, was haben die Leute im Bewußtsein, wenn sie auch von dieser Sache, die ich da meine zwischen Wagner und Faust, sprechen? Sie brauchen sich nur an die wahnwitzigen Deklamationen mancher «Fäuste» zu erinnern und an die abgeschmackten Töne, die von den «Wagners» kommen, dann werden Sie eine Vorstellung bekommen von dem, was hier vorliegt, wenn man noch dazu immer nur denkt an den großen, in die Wolkenhöhen hinaufragenden Faust und an den pedantischen Wagner, der auf der Bühne auch noch immer so dargestellt wird, daß er ein bißchen humpelt und so weiter. Aber was liegt denn eigentlich vor? Faust verzweifelt an den verschiedenen Wissenschaften. Das betrachtet man ja zumeist schon als etwas Allertiefstes, obwohl es eigentlich im Grunde genommen für viele Menschen, die gar nicht sehr tief sind, heute schon eine Trivialität ist. Aber was betrachtet man nicht alles als Tiefstes? Wie oft hört man gegenüber mancherlei andern Forderungen an ein Begreifen der Geisteswelt die aufstellen, man solle sich doch an die tiefsten Faust-Gedanken halten, zum Beispiel von dem Allerhalter, der mich und dich und sich selbst faßt und erhält, in dem Gespräch Fausts mit Gretchen. Man bedenkt nicht, daß doch Faust diese Worte dem sechzehnjährigen Gretchen sagt und sie auf deren Verstand und Empfindungsweise münzt. Die ganze Menschheit läßt sich gerne katechisieren, indem sie sich auf den Standpunkt des sechzehnjährigen Gretchens herunterschraubt. Auch Philosophieprofessoren habe ich schon kennengelernt, die diese Gretchen-Katechismen als die höchste Weisheit hinstellen. — Aber auch das ist es nicht am Anfange der Dichtung, daß Faust an allen Wissenschaften verzweifelt. Sondern der springende Punkt liegt darin, daß Faust sich abwendet von dem, was sich ihm offenbart von dem Zeichen des Makrokosmos, der ganzen Welt. Er will zunächst nichts wissen von den Beziehungen des Menschen zu dem ganzen umfassenden großen All. Er wendet sich zum Erdgeist, zu dem, was ihm offenbaren will, was der Mensch nur aus den Kräften der Erde hat. Was sich ihm aus dem Makrokosmos offenbart, das ist ihm ein Schauspiel, «aber ach, ein Schauspiel nur!» Da wendet er sich ab. Aber der Erdgeist weist ihn von sich. Faust glaubte durch den Erdgeist irgend etwas ergreifen zu können, was mit seinem tiefsten Wesen zusammenhängt. Der Erdgeist bringt ihn zum Niederstürzen. Und dann die Worte: «Du gleichst dem Geist, den du begreifst, nicht mir!»
[ 18 ] What do people read today in the “Faust” commentaries, and what do they have in mind when they, too, speak of this matter—the one I’m referring to—between Wagner and Faust? You need only recall the delirious declamations of some “Fausts” and the insipid tones coming from the “Wagners,” and then you’ll get an idea of what we’re dealing with here—especially when people still think only of the great Faust soaring up into the clouds and of the pedantic Wagner, who is still portrayed on stage as limping a bit and so on. But what is actually at hand? Faust despairs of the various sciences. This is usually regarded as something of the utmost profundity, although, strictly speaking, for many people who are not very deep-thinking, it is already a triviality today. But what isn’t considered profound? How often do we hear, in response to various other demands for an understanding of the spiritual world, that one should stick to the deepest thoughts in Faust—for example, the idea of the “All-Sustainer” who embraces and sustains me, you, and himself, as expressed in Faust’s conversation with Gretchen. People fail to consider that Faust speaks these words to the sixteen-year-old Gretchen and tailors them to her level of understanding and sensibility. All of humanity is happy to be catechized by lowering itself to the level of the sixteen-year-old Gretchen. I have even met philosophy professors who present these “Gretchen catechisms” as the highest wisdom. — But that, too, is not the point at the beginning of the poem: that Faust despairs of all sciences. Rather, the crux of the matter lies in the fact that Faust turns away from what is revealed to him by the sign of the macrocosm, the entire world. At first, he wants nothing to do with humanity’s relationship to the vast, all-encompassing universe. He turns to the Earth Spirit, to that which seeks to reveal to him what humanity derives solely from the forces of the earth. What is revealed to him from the macrocosm is a spectacle to him, “but alas, only a spectacle!” And so he turns away. But the Earth Spirit rejects him. Faust believed he could grasp through the Earth Spirit something connected to his deepest being. The Earth Spirit causes him to fall. And then the words: “You resemble the spirit you comprehend, not me!”
[ 19 ] Nun frage man: Wer ist es, den der Faust begreift? Er selbst sagt: «Nicht dir! — Wem denn?» — und herein tritt Wagner. Alles, was du bisher entwickelt hast, ist bloßes Gefühlsstreben; was du schon in dir trägst, schaue es an — in Wagner! Das ist die andere Natur des Faust. Das ist die dramatische, wirkliche Antwort! Im Drama wird die Entwickelung durch die Tatsachen gegeben. Faust soll es begreiflich gemacht werden, daß er im Grunde genommen in allem Konktreten, das er bis dahin entwickelt hat, noch nicht mehr ist als sein Famulus, und gerade durch diese Etappe der Selbsterkenntnis soll er ein Stück weitergeführt werden. Man könnte gerade die Realität darstellen, wenn man die zwei ganz gleich auf die Bühne nebeneinandertreten ließe. Aber dazu müßte man den Mut haben, solche Worte wie die: «Du gleichst dem Geist, den du begreifst, nicht mir!» — «Nicht dir! Wem denn?» — viel ernster zu nehmen als bisher. Dann müßte man sich mit seinen Gedanken ganz hineinfinden in die Situation. Und so ist sie im Drama dargestellt.
[ 19 ] Now ask yourself: Who is it that Faust understands? He himself says: “Not you! — Then who?” — and Wagner enters. Everything you have developed so far is mere emotional striving; look at what you already carry within you—in Wagner! That is the other nature of Faust. That is the dramatic, true answer! In the drama, the development is driven by the facts. Faust must be made to understand that, fundamentally, in all the concrete forms he has developed up to that point, he is still no more than his Famulus, and it is precisely through this stage of self-knowledge that he is to be led a step further. One could portray reality precisely by having the two of them appear side by side on stage. But to do so, one would have to have the courage to take words such as these: “You resemble the spirit you comprehend, not me!” — “Not you! Then who?” — much more seriously than before. Then one would have to immerse oneself completely in the situation with one’s thoughts. And that is how it is portrayed in the drama.
[ 20 ] Und wiederum — betrachten wir etwas anderes. Faust hat sich von dem Zeichen des Makrokosmos abgewendet. Er will nicht die Kräfte erleben, die den Menschen an den Makrokosmos, an das ganze All binden. So lebte es im Grunde genommen in Goethes Seele selbst, als er die ersten Teile seines «Faust» geschrieben hatte. Und als Faust das nachgeholt hat, was er in seiner Jugend versäumt hat, wenigstens in der Rückschau durch den Osterspaziergang und durch die Osternacht überhaupt, da kommt er über die Etappe der Selbsterkenntnis, die ihm in Wagner entgegengetreten ist, hinaus und kommt dazu, das, was er hatte vorübergehen lassen, was ihm die Osterbotschaft sein kann, nachzuholen. Lesen Sie die Sätze; Wagner will es nicht. Die einzelnen Worte sind außerordentlich prägnant, zum Beispiel:
[ 20 ] And again—let us consider something else. Faust has turned away from the sign of the macrocosm. He does not want to experience the forces that bind human beings to the macrocosm, to the entire universe. This is essentially how it lived in Goethe’s own soul when he wrote the first parts of his Faust. And when Faust made up for what he had missed in his youth—at least in retrospect, through the Easter Walk and the Easter Vigil as a whole—he moved beyond the stage of self-knowledge that had confronted him in Wagner and came to make up for what he had let pass him by, for what the Easter message could mean to him. Read the passages; Wagner does not want this. The individual words are extraordinarily concise, for example:
Wie nur dem Kopf nicht alle Hoffnung schwindet,
Der immerfort an schalem Zeuge klebt,
Mit gierger Hand nach Schätzen gräbt,
Und froh ist, wenn er Regenwürmer findet!
How is it that all hope does not fade from the mind,
Which clings ceaselessly to worthless evidence,
Digging for treasures with a greedy hand,
And is happy when it finds earthworms!
[ 21 ] Es kann gar nicht anders sein, als daß diesem Kopf «alle Hoffnung schwindet». Das ist das Motiv der Selbstbeobachtung. Faust zieht nur alle Konsequenzen, aber er holt nach, was er in seiner Jugend versäumt hat. Er holt es nach und kann es nachholen. Dadurch wird er eine Stufe höher geführt. Dadurch rechtfertigt es sich, daß jetzt noch einmal die Frage aufgestellt wird: «Wem denn?» Dem, der ihm im «Pudel» entgegenkommt: Mephistopheles. Aber was ist dies? Dies ist diejenige Gegenkraft der menschlich strebenden Kräfte, die sich dem Menschen so entgegenwirft, wie Faust sich dem Erdgeist entgegenwirft, da er mit dem Makrokosmos nichts zu tun haben will. Das sind die luziferischen Kräfte, die aus des Menschen Innerem herauskommen. Daher ist Mephistopheles zunächst mit luziferischen Zügen ausgestaltet, und das ist im wesentlichen der Mephistopheles des ersten Teiles der Faust-Dichtung: ein luziferisches Wesen.
[ 21 ] It cannot be otherwise than that “all hope fades” from this mind. This is the motif of self-reflection. Faust is merely drawing all the consequences, but he is making up for what he neglected in his youth. He is making up for it and is able to do so. Through this, he is raised to a higher level. This justifies the question being posed once again: “To whom, then?” To the one who comes toward him in the “Pudel”: Mephistopheles. But what is this? This is the counterforce to the human striving forces, which opposes man just as Faust opposes the Earth Spirit, since he wants nothing to do with the macrocosm. These are the Luciferic forces that emerge from within the human being. Therefore, Mephistopheles is initially endowed with Luciferic traits, and this is essentially the Mephistopheles of the first part of the Faust cycle: a Luciferic being.
[ 22 ] Aber schon am Ende der neunziger Jahre war Goethe daran, über das, was aus seiner Jugend stammte, hinauszuwachsen. Denn lesen Sie den «Prolog im Himmel»: Was darin entwickelt wird, ist nicht mehr an die Offenbarungen des Erdgeistes gebunden; da beschäftigt sich Goethe schon mit dem Impuls, der aus dem Makrokosmos ‚ hereinkommt. Goethe ist über seinen eigenen Anfang hinausgewachsen. Und jetzt tritt etwas in seine Seele, was ungeheuer bedeutungsvoll und wichtig ist, und was uns, wenn man es erkennt, tief hineinschauen läßt in die Goethe-Seele.
[ 22 ] But by the end of the 1890s, Goethe was already beginning to outgrow what had originated in his youth. For read the “Prologue in Heaven”: What is developed there is no longer bound to the revelations of the Earth Spirit; there, Goethe is already engaged with the impulse that comes from the macrocosm . Goethe has outgrown his own beginnings. And now something enters his soul that is immensely significant and important, and which, once recognized, allows us to look deeply into Goethe’s soul.
[ 23 ] Goethe hatte die Tradition der Faust-Sage, die Tradition der nordischen, deutschen Mythe. Da war der Mephistopheles da. Aber in dem Augenblick, da er, gedrängt durch Schiller, den «Faust» weiterführt, da wird Mephistopheles — Goethe bringt es sich nicht recht zum Bewußtsein — eine Figur, die ihn innerlich wurmt, mit der er nicht recht zu Rande kommt. — Jakob Minor, der auch ein «Faust»-Erklärer ist und manches Geistreiche gesagt hat, hatte eine merkwürdige Erklärung dafür gefunden, daß Goethe gar nicht vorwärtskam, als er den «Faust» wieder aufnahm. Er meint nämlich, daß Goethe, als er gegen die Fünfzigerjahre stand, alt geworden wäre. Ich möchte nur wissen, wie es sein sollte, daß man überhaupt einen «Faust» schreiben könnte, wenn die Dichterkraft mit den Fünfzigern versiegen würde und man doch die Kräfte der Jahre nach fünfzig auch in die Dichtung hineinbringen müßte, wenn nicht dem Menschen Jugendkraft erblühen könnte aus einem Leben, wie es Goethe zu führen verstand. Aber Mephistopheles wurmte in seiner Seele, instinktiv wurmte er ihn. Und der ließ ihn nicht weiterkommen, weil der Konflikt FaustMephistopheles nicht recht ging. Goethe hatte einmal den Faust an die größten Menschheitsfragen herangeführt, und das ging jetzt nicht mit dem Mephistopheles. Dieser hatte einen luziferischen Charakter angenommen. Da hat man es nur mit den Kräften zu tun, die aus dem Gefühls- und Empfindungsleben herauskommen. In dem Augenblick aber, wo Goethe den «Prolog im Himmel» entwickelt, da steht Faust dem Makrokosmos gegenüber. Da geht es nicht mehr, daß man Faust bloß mit denjenigen Mächten kämpfen läßt, die im Inneren des Menschen leben; da geht es nicht mehr, dem Mephistopheles bloß den luziferischen Charakter zu lassen. Das spürte Goethe. Und wirklich nicht, um pedantisch zu werden, sondern um auf Wichtiges hinzuweisen, möchte ich auf einige Kleinigkeiten aufmerksam machen. Denken Sie, daß der Herr im «Prolog im Himmel» sagt:
[ 23 ] Goethe drew on the tradition of the Faust legend, the tradition of Norse and German mythology. Mephistopheles was already there. But at the very moment when, urged on by Schiller, he continued work on Faust, Mephistopheles—though Goethe did not fully realize it—became a character who gnawed at him inwardly, one he could not quite come to terms with. — Jakob Minor, who is also an interpreter of Faust and has said many witty things, had come up with a curious explanation for why Goethe made no progress at all when he resumed work on Faust. He believes, in fact, that Goethe had grown old by the time he was approaching his fifties. I would just like to know how it could be possible to write Faust at all if poetic power were to dry up by one’s fifties, and yet one would have to channel the energy of the years after fifty into one’s poetry as well—unless the vitality of youth could blossom within a person from a life such as Goethe knew how to lead. But Mephistopheles gnawed at his soul; instinctively, he gnawed at him. And he wouldn’t let him move forward, because the Faust-Mephistopheles conflict didn’t quite work. Goethe had once led Faust toward the greatest questions of humanity, and that was no longer possible with Mephistopheles. The latter had taken on a Luciferian character. There, one is dealing only with the forces that arise from the life of feelings and sensations. But at the very moment when Goethe develops the “Prologue in Heaven,” Faust stands face to face with the macrocosm. It is no longer possible to have Faust struggle merely with those powers that dwell within the human being; it is no longer possible to allow Mephistopheles to retain only his Luciferic character. Goethe sensed this. And truly, not to be pedantic, but to point out something important, I would like to draw your attention to a few minor details. Consider that in the “Prologue in Heaven,” the Lord says:
Von allen Geistern, die verneinen,
Ist mir der Schalk am wenigsten zur Last.
Of all the spirits that deny,
The mischievous one is the least of a burden to me.
[ 24 ] Dann muß es noch andere Geister geben, die verneinen. Aber im «Faust» ist nur der eine: Mephistopheles. Und denken Sie, daß Mephistopheles im «Prolog» sagt:
[ 24 ] Then there must be other spirits who say no. But in Faust there is only one: Mephistopheles. And do you recall that Mephistopheles says in the “Prologue”:
Am meisten lieb’ ich mir die vollen frischen Wangen,
Für einen Leichnam bin ich nicht zu Haus.
What I love most are those full, fresh cheeks,
I’m not at home for a corpse.
[ 25 ] Und erinnern Sie sich an den Schluß, wo er sich um den Leichnam wahrhaftig ernst genug bemüht. Was liegt da vor? Das, daß Goethe spürte: was er von der Mythe, von der Faust-Sage empfangen hatte als die einheitliche Mephistophelesfigur, das spaltet sich, wenn man hinausgeht in den Makrokosmos, in zwei. In Goethe lebte es, zwiespältig zu empfinden: luziferisch und ahrimanisch. Er ist dann darin nicht weitergekommen, weil es Geisteswissenschaft zu seiner Zeit noch nicht gab. Aber das brachte ihn zum Stocken. Als er jedoch später makrokosmisches Geschehen und Menschheitsgeschehen zu verbinden hatte in. der «Klassischen Walpurgisnacht», und am Schlusse, wo sich makrokosmisches Allgeschehen und Menschheitserleben in eins verweben, da mußte sein Mephistopheles einen ahrimanischen Charakter annehmen. Das ist ihm bis zu einem hohen Grade gelungen. Aber alles eigentlich, was Goethe selbst über sein persönliches Verhältnis zu seinem «Faust» gesagt hat, steht unter dem Eindruck: Es geht nicht weiter. Wenn man von dem mittelalterlichen, pedantischen, aber trotzdem volkstümlichen Drama den Faust auf die große Weltenbühne hinausstellt, so hat man nötig, den Mephistopheles zu spalten in ein luziferisches und ein ahrimanisches Wesen. Deshalb wollte es bei Goethe nicht weitergehen. Es ist ihm dann gelungen — selbstverständlich will ich Goethe nicht korrigieren —, indem er sich immer mehr dem zweiten Teile der Dichtung näherte, seinem Mephistopheles ahrimanische Züge zu geben. Ein luziferisches Wesen liebt die «vollen frischen Wangen»; ein ahrimanisches hat es mit dem «Leichnam» zu tun, weil es mit dem, was wir in unserem Wahrnehmungsvermögen erleben, auch unser Bewußtsein zwischen Geburt und Tod durchdringt. Gerade wenn man eine Persönlichkeit ansieht wie die Goethesche, so erkennt man, wie eine solche Persönlichkeit die Jugendkräfte beibehält, aber mit diesen Jugendkräften immer neue und neue Lebenserfahrungen macht. Nicht weil er alt geworden war, ist das eingetreten, was in einer so merkwürdigen Weise für das Ende der Neunzigerjahre des 18. Jahrhunderts aus Goethes Lebensgeschichte hervorgeht, sondern weil er eine Krisis durchmachte, die gewisse Kräfte seiner Jugend zu neuer Auferstehung brachte, sie auferstehen ließ, sie ihn recht als Pfingstwunder erleben ließ. Was ich jetzt über «Faust» gesagt habe, ist weiter ausgeführt in der Schrift, die jetzt wieder erscheinen soll: «Goethes «Faust» als Bild seiner esoterischen Weltanschauung». Diese soll den ersten Teil eines demnächst erscheinenden Büchelchens bilden: «Goethes Geistesart»; der zweite sollen Goethes Gedanken über seinen «Faust» sein, und der dritte Teil einige Gedankenausführungen über das «Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie».
[ 25 ] And remember the ending, where he truly takes the corpse seriously enough. What is going on here? It is this: Goethe sensed that what he had received from the myth, from the Faust legend—namely, the unified figure of Mephistopheles—splits into two when one steps out into the macrocosm. Within Goethe, this lived on as a dual feeling: Luciferic and Ahrimanic. He was unable to make further progress on this because spiritual science did not yet exist in his time. But this brought him to a standstill. However, when he later had to connect macrocosmic events with the history of humanity in The Classical Walpurgis Night, and at the end, where macrocosmic universal events and human experience are woven into one, his Mephistopheles had to take on an Ahrimanic character. He succeeded in this to a high degree. But everything Goethe himself said about his personal relationship to his Faust is marked by the impression: It cannot go any further. If one takes the Faust from the medieval, pedantic, yet nonetheless folk-oriented drama and places him on the great world stage, one must split Mephistopheles into a Luciferic and an Ahrimanic being. That is why Goethe could not proceed any further. He then succeeded—of course, I do not mean to correct Goethe—in giving his Mephistopheles Ahrimanic traits as he drew ever closer to the second part of the poem. A Luciferic being loves “full, fresh cheeks”; an Ahrimanic being is concerned with the “corpse,” because what we experience through our powers of perception also permeates our consciousness between birth and death. Precisely when one looks at a personality like Goethe’s, one recognizes how such a personality retains the forces of youth, yet uses these youthful forces to gain ever new life experiences. It was not because he had grown old that what emerges in such a remarkable way from Goethe’s life story toward the end of the 1790s came to pass, but because he underwent a crisis that brought certain forces of his youth to a new resurrection, causing them to rise again and allowing him to experience them truly as a Pentecost miracle. What I have just said about Faust is elaborated upon in the work that is now to be republished: Goethe’s Faust as a Reflection of His Esoteric Worldview. This is intended to form the first part of a small book to be published shortly: “Goethe’s Spirit”; the second part will consist of Goethe’s thoughts on his “Faust,” and the third part will contain some reflections on the “Tale of the Green Snake and the Beautiful Lily.”
[ 26 ] Ich habe dies eben angeführt aus dem Grunde, weil ich darauf aufmerksam machen will, daß es wirklich nötig ist, dasjenige — aber auch das Vergangene —, was die Geistessubstanz der Menschheit enthält, mit eindringlichen Gedanken einmal zu erfassen, daß wir ernst nehmen, was da ist. Denn wir haben seit vier bis fünf Jahrzehnten vollständig verlernt, gerade das Größte in der Menschheitsvergangenheit mit vollem Ernste aufzunehmen. Furchtbar viel ist in den letzten vierzig bis fünfzig Jahren versäumt worden, und notwendig ist es, daß das, was geistig da wat, in einer allerdings erneuerten Gestalt auftrete; denn es war in manchen Teilen atavistisch, und da konnte es in vieler Beziehung eine gewisse Kruste nicht durchbrechen.
[ 26 ] I have just cited this because I want to draw attention to the fact that it is truly necessary to grasp, through profound reflection, that which constitutes the spiritual substance of humanity—including the past—so that we may take what is there seriously. For over the past four to five decades, we have completely forgotten how to take the very greatest aspects of humanity’s past with full seriousness. An awful lot has been neglected over the past forty to fifty years, and it is necessary for what was spiritually present to reappear in a renewed form; for in some respects it was atavistic, and in many ways it was unable to break through a certain crust.
[ 27 ] Goethe konnte nicht zur Spaltung der Mephistophelesfigur in eine luziferische und eine ahrimanische kommen, dazu war die Zeit noch nicht reif. Aber es lebte diese Zwiespältigkeit in Goethes Natur. Kurz, lernen müssen wir, an das ganze Menschenleben zu glauben, nicht bloß an die Kindheit. Lernen müssen wir, ein erwartungsvolles Leben führen zu können. Denken Sie sich, wenn man darauf neugierig wäre: Was wird mit mir sein, wenn ich nun einmal fünfzig Jahre alt sein werde? Wie viele Menschen hegen heute solche Gedanken? Wie viele führen ein Leben, daß sie daran glauben, daß immer neuer Inhalt in die Menschenseele hineinströmt? Welche Veränderungen würden auch im sozialen Leben der Menschheit vor sich gehen, wenn dieser Glaube an das ganze Leben die Menschen ergriffe! Und welcher einfache Gedanke könnte es sein, der zu diesem Glauben an das ganze Menschenleben hinführt? Der Gedanke, der in der Frage besteht: Hätte es denn einen Sinn, daß wir im Durchschnitt siebzig Jahre alt werden, wenn wir mit achtundzwanzig Jahren mit unserer Entwickelung fertig wären? Warum sollten wir dann älter werden? Aber dazu sind allerdings einige naturwissenschaftliche Hilfen nötig, damit das, was als Geisteswissenschaft auftritt, mit dem verbunden werden kann, was man heute wissenschaftlich ernst nimmt.
[ 27 ] Goethe was unable to divide the figure of Mephistopheles into a Luciferic and an Ahrimanic aspect; the time was not yet ripe for that. But this ambivalence was alive in Goethe’s nature. In short, we must learn to believe in the whole of human life, not merely in childhood. We must learn to lead a life full of anticipation. Just imagine, if one were curious about this: What will become of me when I am fifty years old? How many people today harbor such thoughts? How many lead a life in which they believe that ever-new content flows into the human soul? What changes would take place in the social life of humanity if this belief in the whole of life were to take hold of people! And what simple thought could it be that leads to this belief in the whole of human life? The thought expressed in the question: Would it make any sense for us to live to an average age of seventy if our development were complete by the age of twenty-eight? Why, then, should we grow older? But this does, of course, require some support from the natural sciences so that what appears as spiritual science can be connected with what is taken seriously as science today.
[ 28 ] Geisteswissenschaft, sagte ich — und damit knüpfe ich an den Anfang der heutigen Betrachtung wieder an —, hat eigentlich innerhalb unserer Bewegung herzlich wenig erreicht. Und doch ist sie nicht aussichtslos. Das merkt man bei vielen Gelegenheiten. Man merkt es am besten dann, wenn der Fall eintritt — und der ist in den letzten Jahren nicht selten eingetreten —, daß jüngere Menschen, die gerade in den Universitätsstudien stehen, herankommen, um irgend etwas ‚zu finden, was ihre besonderen Studien an die Geisteswissenschaft anknüpfen kann. Die jungen Leute, die heute Lebensanfänger sind, fühlen aus ihren Wissenschaften heraus, daß jede Wissenschaft übergeleitet werden kann in Geisteswissenschaft. Das werden vielleicht die fruchtbarsten Keime, die sich da ergeben könnten; denn man müßte die Dinge ernst nehmen. Aber die Schwierigkeiten ergeben sich sogleich, wenn nun diese jungen Leute mit dem, was sie von der Geisteswissenschaft in ihre Studien hineintragen wollen und was durchaus sachlich hineingetragen werden könnte, zum Beispiel eine Doktordissertation schreiben wollen. Die bringen sie nicht durch; sie können nicht realisieren, was sie wollen. Geisteswissenschaft.ist im Grunde genommen sachlich etwas sehr Aussichtsvolles, aber man hält die Leute ab, zwingt sie weg davon. Auch das muß man im vollsten Sinne des Wortes einsehen. Ich weiß einen Fall — es ist schon lange her, so daß ich es erzählen kann; die allerletzten Fälle der Gegenwart würden sich dazu nicht schicken —, wo hier in Berlin eine Doktordissertation eingereicht worden ist, in der keine andere Sünde zu finden war, als daß mein Buch «Das Christentum als mystische Tatsache» erwähnt war. Es war eine philosophische, nicht eine theologische Dissertation. Der Betreffende sagte: Was soll ich nun tun? Paulsen nimmt es nicht, er erklärte: Das können Sie nicht machen, daß Sie hier Steiner anführen. — Ich konnte dem Betreffenden nur antworten: Gehen Sie nach Münster, machen Sie Ihr Rigorosum bei Gideon Spicker,; da geht es vielleicht. — Es ging auch. Man muß die Dinge in ihrer Wirklichkeit betrachten, muß ins einzelne hineinschauen. Die Gesichtspunkte, die heute entwickelt werden, wenn einer seinen Lebensweg auf einem akademischen Untergrund aufzubauen sucht, sind ja zuweilen höchst merkwürdige. So erzählte mir einmal ein angehender Privatdozent — der allerdings auf eine Weise über diese Klippe hinweggekommen ist, die Sie gleich hören werden —, daß er es durch das geworden ist, was er mir selbst in folgender Weise erzählte: Er hatte eine ästhetische Abhandlung geschrieben über die Werke eines Dichters — ich will ihn nicht nennen, sonst könnte man die Sache durch irgendwelche Hilfsmittel erraten —; dann hatte er eine Abhandlung über Schopenhauer geschrieben und außerdem eine Doktordissertation selbstverständlich. Nun wollte er Privatdozent werden. Er ging an der entsprechenden Universität zu dem betreffenden Professor, der ihn gut leiden mochte und ihn für einen sehr befähigten Menschen hielt, und er glaubte, daß dieser Professor es auf eine leichte Weise bewirken könnte, daß er Privatdozent würde. Da sagte dieser Professor: Wissen Sie, das geht nicht; Sie haben jetzt eine Abhandlung geschrieben über einen Dichter, über eine ästhetische Frage. Aber dieser Dichter hat im 19. Jahrhundert gelebt. Das ist zu neu. Dann haben Sie über Schopenhauer geschrieben. Das kann von uns nicht als wissenschaftlich angesehen werden. — Der Betreffende sagte darauf: Was soll ich denn aber tun? — Und der Professor antwortete ihm: Nehmen Sie sich einmal irgendein älteres Bücherverzeichnis aus einem älteren Jahrhundert, und schlagen Sie sich einen möglichst unbekannten Ästhetiker auf, den kein Mensch kennt, und schreiben Sie das wird Ihnen sehr leicht werden, denn es gibt darüber keine Literatur, Sie brauchen nicht viel zu studieren —, schreiben Sie, was leicht zu schreiben ist, weil Sie ihn aus einem Bücherverzeichnis einfach auffinden. — Nun, dieser angehende Privatdozent nahm ein altes Bücherverzeichnis, schlug einen alten italienischen Ästhetiker auf, über den noch nichts geschrieben war, und verfaßte eine Abhandlung, die er als höchst ungenügend hielt, und die auch der als höchst ungenügend hielt, der sie zu beurteilen hatte. Aber sie war die genügende Unterlage, um Privatdozent zu werden!
[ 28 ] The humanities, I said—and with this I return to the beginning of today’s reflection—have actually achieved very little within our movement. And yet they are not without hope. One notices this on many occasions. One notices it most clearly when the situation arises—and this has happened quite often in recent years—that younger people, who are currently pursuing university studies, come forward seeking to “find” something that can link their specific fields of study to spiritual science. The young people who are just beginning their lives today sense, from within their own academic disciplines, that every field of study can be bridged to the science of the spirit. These may well be the most fruitful seeds that could emerge from this; for one would have to take these matters seriously. But difficulties arise immediately when these young people, with what they wish to incorporate from spiritual science into their studies—and which could certainly be incorporated in a substantive way—attempt, for example, to write a doctoral dissertation. They cannot pull it off; they cannot realize what they want. Spiritual science is, at its core, something very promising in an objective sense, but people are held back, forced away from it. This, too, must be recognized in the fullest sense of the word. I know of a case—it was a long time ago, so I can tell the story; the most recent cases would not be suitable for this—where a doctoral dissertation was submitted here in Berlin in which the only “sin” was that my book Christianity as a Mystical Fact was mentioned. It was a philosophical dissertation, not a theological one. The person in question said: “What am I supposed to do now? Paulsen won’t accept it; he said, ‘You can’t do that—you can’t cite Steiner here.’”—I could only reply to him: “Go to Münster; take your oral examination with Gideon Spicker; it might work there.”—And it did work. One must view things as they really are; one must look into the details. The perspectives that are developed today, when someone seeks to build their career on an academic foundation, are indeed sometimes highly peculiar. For example, a prospective private lecturer once told me—though he did manage to navigate this obstacle in a way you’ll hear about shortly—that he achieved it through what he himself described to me as follows: He had written an aesthetic treatise on the works of a poet—I won’t name him, lest the matter be guessed through some means or other—; then he had written a treatise on Schopenhauer and, of course, a doctoral dissertation as well. Now he wanted to become a private lecturer. He went to the relevant university to see the professor in question, who liked him and considered him a very capable person, and he believed that this professor could easily arrange for him to become a private lecturer. Then this professor said: “You know, that won’t work; you’ve now written a treatise on a poet, on an aesthetic question.” But this poet lived in the 19th century. That’s too recent. Then you wrote about Schopenhauer. We cannot regard that as scholarly.” — The man replied, “But what am I supposed to do, then?” — And the professor replied: “Take any old book catalog from an earlier century, look up an aesthetician who’s as obscure as possible—one nobody knows—and write about him. It’ll be very easy for you, because there’s no literature on the subject; you won’t need to study much—just write what’s easy to write, since you can simply find him in a book catalog.” — Well, this aspiring private lecturer took an old bibliography, looked up an obscure Italian aesthetician about whom nothing had yet been written, and composed a treatise that he considered highly inadequate—and which the person tasked with evaluating it also deemed highly inadequate. But it was sufficient to qualify him as a private lecturer!
[ 29 ] Ich will dies nicht erwähnen, um die eine oder andere Persönlichkeit anzuschwärzen. Es handelt sich auch nicht um Persönlichkeiten, denn ich erzähle ein Beispiel, das mit Persönlichkeiten nichts zu tun hat. Denn der Mann, der die betreffende Dissertation zu beurteilen hatte, lachte über das, was er dem andern aus den Vorurteilen der Zeit heraus aufzuerlegen hatte. Und der andere, der Privatdozent werden wollte, lachte auch. Zwei außerordentlich nette Menschen, ein älterer und ein jüngerer. An den Menschen braucht es nicht zu liegen. Es liegt an der geistigen Substanz, in der unser Zeitalter steckt, und der gegenüber man nur aufkommen kann mit starken und kräftigen Gedanken. Und starke und kräftige Gedanken sind heute nur möglich, wenn die Menschheit aus dem Geiste heraus befruchtet wird, wenn wirklich nur auf dem gebaut wird, was Geisteswissenschaft geben kann. Also, ob man den Blick auf Goethe, ob man ihn auf die unmittelbare Gegenwart richtet, das ist es, was uns immer wieder aus den unmittelbaren Zeitverhältnissen entgegentönt: Erneuerung unserer Vorstellungswelt, Erneuerung unserer Empfindungswelt, Erneuerung unserer Gedanken, die sich in starker Weise der Gegenwart entgegenstellen. Davon hängt es ab, daß sich am einzelnen das Pfingstwunder erfüllt in der Seele, und daß sich dieses Pfingstwunder an der ganzen Menschheit, in unserer katastrophalen Gegenwart, als Lebenserneuerung erzeigt, indem die Menschen, erleuchtet durch den Geist, sich als individuelle Wesen so gegenüberstehen, daß durch das Zusammenwollen, durch das Zusammensinnen und Zusammenwachsen sich eine geistige Struktur der Menschheit bilden kann. Aus dem Menschen, aus dem Individuellen muß kommen, was für die Zukunft notwendig ist. Nicht dürfen wir warten auf eine allgemeine Botschaft, der die Menschheit zu folgen hätte. Solche Botschaft wird es nicht geben. Aber die Möglichkeit wird es geben, daß in jeder einzelnen Menschenseele das aufleuchtet, was aus der geistigen Welt kommen kann. Dann aber wird durch das Zusammenleben der Menschen das entstehen, was entstehen soll und was entstehen muß.
[ 29 ] I do not wish to mention this in order to slander any particular individual. Nor is this about specific individuals, for I am recounting an example that has nothing to do with them. The man who was tasked with evaluating the dissertation in question laughed at what he had to impose on the other man out of the prejudices of the time. And the other man, who wanted to become a private lecturer, laughed as well. Two exceptionally kind people, one older and one younger. It is not a matter of the people themselves. It lies in the spiritual substance that characterizes our age, and which can only be met with strong and powerful thoughts. And strong and powerful thoughts are possible today only if humanity is inspired by the spirit, if we truly build only upon what spiritual science can provide. So, whether one turns one’s gaze to Goethe or to the immediate present, this is what resounds to us time and again from the immediate circumstances of our time: the renewal of our world of ideas, the renewal of our world of feelings, the renewal of our thoughts, which stand in strong opposition to the present. It depends on this that the miracle of Pentecost is fulfilled in the soul of each individual, and that this miracle of Pentecost manifests itself to all of humanity—in our catastrophic present—as a renewal of life, in that human beings, enlightened by the Spirit, face one another as individual beings in such a way that, through a shared will, shared intention, and growing together, a spiritual structure of humanity can take shape. What is necessary for the future must come from the human being, from the individual. We must not wait for a universal message that humanity would have to follow. No such message will come. But there will be the possibility that what can come from the spiritual world will shine forth in every single human soul. Then, through the coexistence of human beings, what is meant to arise—and what must arise—will come into being.
