Erdensterben und Weltenleben
Anthroposophische Lebensgaben
Bewußtseins-Notwendigkeiten für Gegenwart und Zukunft
GA 181
21 Mai 1918, Berlin
Anthroposophische Lebensgaben VII
[ 1 ] Zu der Zeit des Jahres, in der wir leben, haben wir in früheren Jahren Betrachtungen angestellt, die an das Pfingstfest anknüpften. Nun habe ich schon öfter gesagt, daß wir gegenwärtig in einer Zeit leben, in welcher die Ereignisse, die in den Gang der Menschheit eingreifen, so bedeutsame und von dem gewöhnlichen Lebensgang der menschlichen Geschichte abweichende sind, daß kaum die Möglichkeit vorliegt, zu solchen gewöhnlichen Festesbetrachtungen zu kommen, welche sogar in der Gegenwart nur allzuhäufig, wenn auch nicht zu dem Ziele, so doch aus dem Sinne heraus angestellt werden, dasjenige zu vergessen, was an so Katastrophalem für die Menschheit sich jetzt um uns herum ereignet. Aber es wird vielleicht doch hingewiesen werden dürfen auf den Sinn gerade der Pfingstverkündigung.
[ 2 ] Wir wissen aus früheren Pfingstbetrachtungen, daß das Allerwichtigste an dem Pfingstereignis dies ist, daß ein gemeinsames Leben derjenigen, die an dem großen Osterereignis der Menschheit teilgenommen haben, sich individualisierte. Die feurigen Zungen gingen auf das Haupt eines jeden hernieder, und ein jeder lernte in derjenigen Sprache, die keiner andern Sprache gleich und deshalb allen verständlich ist, dasjenige auffassen, was als Mysterium von Golgatha durch die Menschheitsentwickelung hindurchgeströmt ist. Die feurigen Zungen gingen auf das Haupt eines jeden hernieder. Es war schon früher so, daß die Seelen der einzelnen Jünger sich fühlten wie, man könnte sagen, in einer Gesamtaura des Mysteriums von Golgatha. Dann ging ihnen durch das Pfingstereignis dasjenige, was sie nur durch ihr Gemeinschaftsleben erkennend wußten, in die Einzelseele so über, daß jeder einzelne von sich aus die Erleuchtung hatte. Das ist das Wichtigste, natürlich in abstrakter Form ausgesprochen. Man muß diese Individualisierung der Osterbotschaft durch die Pfingstverkündigung in der Seele erfühlen, wenn man sie im richtigen Sinne verstehen will. Dann aber hat man gerade die Möglichkeit, das, was durch die Geisteswissenschaft gewollt wird, so recht im Sinne dieser Pfingstverkündigung aufzufassen. Denn als ein Hervorstechendstes wird ja in dieser Geisteswissenschaft gewollt, daß eine jede Menschenseele in sich selbst den Geisteskern ihres Wesens finde, der sie erleuchten kann über die anzustrebenden Weltenziele. Dadurch soll sich das Zukunftsleben der Menschheit entwickeln, daß die Menschen weniger darauf angewiesen sind, immer auf das hinzu[sehen], was ihnen an gemeinschaftlicher Struktur, an sozialer Struktur gegeben ist, sondern darauf wollen wir hoffen, daß die Menschen reif und fähig werden, jeder aus sich heraus ein solches Leben zu führen, daß der andere neben ihm ein gleiches Leben führen könne. Dann wird eine innere Toleranz die Seelen ergreifen, und in der sozialen Struktur wird die Freiheit verwirklicht werden können. Auf keine andere Weise ist die Freiheit in der Welt zu verwirklichen, als auf diese, das heißt auf keine andere, als indem die Pfingstbotschaft übergeht in die einzelnen Menschenseelen.
[ 3 ] Wie man mitarbeiten muß in der Seele, wie man mitergreifen muß das durch Geisteswissenschaft Gebotene, dafür ist die Pfingstbotschaft ein Vorbild. Daher möchte man sagen: Eine perennierende, eine immerwährende, dauernde Pfingstverkündigung ist die Geisteswissenschaft selbst von einem gewissen Gesichtspunkte.
[ 4 ] Was uns die Gegenwart vor allen Dingen lehren kann, wenn wit diese Lehre auf unserem eigenen Boden ziehen wollen, das ist, daß wir uns mit Geduld ausstatten müssen. Es sitzen Freunde hier, die ziemlich vom Anfange unserer Bestrebungen an innerlich mitgearbeitet haben an dem, was wir unsere geisteswissenschaftliche Bewegung nennen. Es sind jetzt reichlich fünfzehn bis sechzehn, auch wohl siebzehn Jahre her, und es sollte eigentlich vor unserer Seele unablässig der Gedanke stehen: wie wenig, wie unendlich wenig in diesen fünfzehn bis siebzehn Jahren eigentlich erreicht worden ist. Und daraus sollte sich der andere Gedanke ergeben, wie sehr wir uns mit Geduld wappnen müssen, wenn wir daran denken, daß das, was uns Geisteswissenschaft sein kann, was sie durch uns werden kann, wirklich zu einer Art Neubelebung des menschlichen Daseins führen kann.
[ 5 ] Was Geisteswissenschaft werden kann — wir sollten es doch immer vergleichen mit dem, was wir so herzlich weniges in den anderthalb Jahrzehnten erreicht haben. Gewiß, viele haben das aufgenommen, was durch die Geisteswissenschaft der Menschheit dargeboten wird. Aber das ist ja nur das Allergeringste, wie aus zahlreichen Betrachtungen, die wir angestellt haben, hervorgeht. Die Geisteswissenschaft hat schon noch die andere Aufgabe: wirklich hineinzufließen in die soziale Struktur, in das ganze Leben der Menschheit der Gegenwart. Aber wenn wir diesen Gedanken fassen wollen, müssen wir ihn doch mit einem andern noch verbinden, mit einem andern, der uns heute und zu jeder Stunde aus allen Weltereignissen heraustönt, der einen gewissen Konflikt darstellt, in den die Menschenseele hineingetrieben wird und der gerade in unserer gegenwärtigen Zeit, man möchte sagen, zu einem gewissen Höhepunkt getrieben ist.
[ 6 ] Erinnern wir uns an die Hauptpunkte unserer geisteswissenschaftlichen Forschung, so werden Sie überall finden, daß diese geisteswissenschaftliche Forschung gerade darauf beruht, daß übersinnliche, geistige Wirklichkeit in des Menschen Seele hereinfließt. Sie läßt uns erkennen, diese Geisteswissenschaft, daß im Laufe der Menschheitsentwickelung fortwährend geistiges Leben in die Menschen einströmt, daß jedoch das, was auf Erden geschieht, insofern nur ein Fortschritt ist, als die Menschen das, was aus der geistigen Welt in sie einströmt, zum äußeren Dasein zu erwecken verstehen. Aber ein solcher Gedanke müßte eigentlich unser ganzes Fühlen und Empfinden durchdringen können. Wir müssen ihn vor allen Dingen in Zusammenhang bringen können mit dem, was uns zum Beispiel als Geschichtswissenschaft bekannt ist, und wir müßten ihn dann von diesem Gesichtspunkte aus auf die Gegenwart anwenden können. Wir müßten uns zum Beispiel fragen können, aber mit Ernst fragen können — diese Dinge sind natürlich Hypothesen, aber sie führen auf Wirklichkeiten in einem realen Gedankenleben —: Was wäre geworden, wenn etwa Kolumbus oder irgend jemand anderer, der wesentlich mit der Entwickelung der neueren Menschheit verbunden ist, zum Beispiel Gutenberg, der Erfinder der Buchdruckerkunst, oder sagen wir selbst Luther, im 9. oder im 8. Jahrhundert, kurz, zu einer andern historischen Zeit geboren worden wären? Was wäre dann mit denjenigen Persönlichkeiten geworden, die diese Namen tragen? — Ganz gewiß wären sie, wenn sie in andere Zeiten geboren worden wären, dasjenige nicht geworden, als was sie uns heute in der Geschichte erscheinen, Natürlich kann das nicht sein, die Weltenentwickelung hat ihr Karma; aber die hypothetische Betrachtung einer solchen Sache führt auf Wirklichkeiten. Sie wären wahrscheinlich Persönlichkeiten geworden, von denen die äußere Geschichte nicht spricht. Aber dennoch können Sie sich auf der andern Seite nicht vorstellen, daß in solchem Falle im Herannahen der neueren Zeit zum Beispiel die Buchdruckerkunst nicht erfunden worden wäre, und daß im Heraufkommen dieser neueren Zeit die Reformation nicht gekommen wäre, können Sie sich auch nicht vorstellen. Daraus aber ersehen Sie, daß die Hauptsache das ist, daß wir auf das hinblicken, was aus der geistigen Welt heraus der Menschheit sich mitteilt, und daß wir lernen, in einem viel größeren Maße noch als es die Gegenwart überhaupt vermag, den Menschen als ein Instrument anzusehen, durch welches das Geistige aus der geistigen Welt in das Erdenleben hereintritt.
[ 7 ] Ich sagte, gerade in der Gegenwart ist der Mensch mit Bezug auf diese Dinge in einen scharfen Konflikt hineingestellt. Die Gegenwart erkennt nicht an, daß so etwas stattfindet wie ein Hinunterrinnen eines geistigen Entwickelungsstromes in die Erdenereignisse; sie erkennt nicht an, daß der Mensch ein bloßes Instrument ist, und sie will eine Gesellschaftsordnung aufbauen, welche dies nicht anerkennt. Sie will eine Gesellschaftsordnung aufbauen, die eigentlich nur mit dem ganz persönlichen Menschen, der hier auf der Erde steht, rechnet, und [nur] diesen ganz persönlichen Menschen ins Auge fassen. Die äußerste Karikatur, die nur den allerindividuellsten Menschen ins Auge faßt, ist der neulich schon erwähnte Leninismus oder Trotzkismus. Diese Gesellschaftsanschauung kennt nur den Menschen, der hier auf der Erde steht. Ich meine damit nicht allein das Theoretische — das wäre das wenigste —, sondern ich meine die Lebenskonsequenzen. Solch ein Lenin oder Troizki suchen — sogar auf einem Gebiete, wo es am wenigsten hinpaßt — die Gesellschaftsstruktur so einzurichten, als ob eben nichts anderes in Betracht käme, als der einzelne fleischliche Mensch. Das aber ist ein Ideal, das sich auf dem Gebiete des sogenannten Sozialismus seit Jahrzehnten herangebildet hat, und Leninismus und Trotzkismus sind ja nur die letzten fratzenhaften Wehen einer solchen Anschauung, die sich eben seit langem herangebildet hat.
[ 8 ] Sie sehen, worauf es ankommt: den Weg wieder zurückzufinden zu dem Sinn des Pfingstereignisses. Gewiß, bei den einzelnen Jüngern, auf deren Köpfe sich die Flammen gesenkt hatten, sollte individuelles geistiges Leben erleuchtend auferstehen. Aber es sollte geistiges Leben sein, durch das sich verteilt auf die einzelnen Glieder das größt denkbare Maß des Sachlichen, für das der Mensch nur ein Instrument ist.
[ 9 ] Der Sinn dieser Pfingstverkündigung ist aber zugleich noch etwas anderes, und das ist das Wichtigste: die Bekräftigung dessen, daß der Mensch seinen Wert dadurch nicht verliert, daß er für den fortwährend in die Menschheit hineinfließenden Geist ein Instrument bildet. Dann behält also der Mensch trotzdem seinen persönlichen Wert. Das ist etwas, was man heute nicht nur theoretisch einsehen kann, sondern demgegenüber es notwendig ist, die Lebenskonsequenzen zu ziehen und es überzuführen in die Art, wie man denkt über Staatenbildung, über Moral und gesellschaftliches Leben. Darauf kommt es an, daß ein Gedanke weckend ist, und ein Aufwecken war es ja, als sich die Flammen auf das Haupt eines jeden einzelnen der Jünger heruntersenkten. Und ein Verschlafen der Zeitereignisse, das heute nur zu furchtbar verbreitet ist, ist ein Sich-Versündigen gegen die Zeitereignisse. Man kann aber in dem Entwickelungszyklus, in dem wir jetzt angekommen sind, ganz unmöglich zu einem Aufwachen gegenüber den Ereignissen kommen, wenn man nicht mit einer gewissen inneren Beweglichkeit des Seelenlebens die Ereignisse betrachtet, wenn man nicht vermag, Wesentliches, Richtiges zu unterscheiden von Unwesentlichem und Unrichtigem. Was uns heute überflutet, besonders an Zeitungslektüre, das kann nicht so aufgenommen werden, daß alles gleich ist; sondern in tausend Buch- oder Zeitungsspalten können zwei Zeilen sein, die von ungeheurer, wesentlicher Bedeutung sind, die hindeuten urphänomenal bezeichnend — wenn ich den Goetheschen Ausdruck gebrauchen will — auf das, was eigentlich vorgeht. Und das andere kann alles verschwendete Druckerschwärze sein. Worauf es ankommt, das ist, daß man eine innere Empfindung in sich auferwecken muß gegenüber dem Wichtigen und Wesentlichen und gegenüber dem Unwichtigen und Unwesentlichen. Diese Empfindung ergibt sich in der Seele, wenn man unbewußt das gewinnt, was einem in der Gegenwart entgegentritt an großen Weltenperspektiven, welche die Geisteswissenschaft eröffnen kann. Er soll nur dies in sein Empfinden einfügen, soll nur versuchen, allmählich so zu fühlen, wie er fühlen wird, wenn die Geisteswissenschaft in ihm lebendig wird. Es ist dann allerdings notwendig, daß man sich das innere Vertrauen zu dem, was man gewissermaßen innerlich erfühlt, in einem viel größeren Maße verschafft, als es heute die Menschen gewohnt sind. Wer nämlich erwartet, daß sich das, was er heute bekommt, gleich morgen an weithin leuchtenden Ereignissen zeigt, der wird in der Regel nicht zurechtkommen mit einer wahren Beobachtung. Es kann etwas richtig sein, aber es können sich die Ereignisse kaschieren, daß dies vielleicht erst in einer fernen Zukunft zum Ausdruck kommt. Aber dafür ist es notwendig, daß wir uns in einer richtigen Weise in die Welt hineinstellen, dafür ist es wichtig, daß wir richtige Vorstellungen haben über das, was geschieht.
[ 10 ] So gehen eigentlich in der gegenwärtigen Strömung der Entwickelung außerordentlich wichtige Dinge vor sich, die schon an den äußerlichen Ereignissen zu beobachten sind, wenn man diese äußerlichen Ereignisse so ins Auge fassen wird, wie ich es eben angedeutet habe: daß man das Wesentliche von dem Unwesentlichen unterscheidet, daß man den Mut dazu hat, das Wesentliche von dem Unwesentlichen zu unterscheiden.
[ 11 ] Was heute geschieht — ich will nur eines herausheben —, das ist, daß sich in einer merkwürdigen Art vorbereitet die Bedeutungslosigkeit des äußeren britischen Reiches, die Lähmung desjenigen, was bisher die Welt eigentlich historisch als Britentum gekannt hat, indem das, was spezifisch britisch war, übergeht auf den Pan-Anglo-Amerikanismus. Das entwickelt sich in der unmittelbarsten Gegenwart. Es entwickelt sich etwas, was dahin tendiert, daß das Britentum verschwindet in den Pan-Anglo-Amerikanismus. Eine solche Sache liegt durchaus in jener Entwickelung, die wir auch schon in der verschiedensten Weise angedeutet haben, widerspricht ihr nicht. Aber auf der andern Seite ist es von einer ungeheuren Wichtigkeit, einen solchen tragenden Gedanken wirklich ins Auge zu fassen, denn es hängt etwas davon ab, ob man in sein Vorstellungsleben hinein richtige oder falsche Kräfte nimmt. Die Zeit kann uns in dieser Beziehung viel lehren, darauf muß man immer wieder und wieder hinweisen. Gewiß, die Menschen an den Fronten sind andere geworden. Das weiß jeder, der mit den Tatsachen bekannt ist. In welcher Weise sie sich umgewandelt haben, das zu erörtern, ist hier nicht der Ort. Aber unter denen, die innerhalb der Fronten gelebt haben, sind diejenigen doch noch außerordentlich zahlreich, die so denken wie im Juli 1914, die seitdem nichts gelernt haben, die genau dieselben Begriffe anwenden, die man im Juli 1914 angewendet hat. Wenn man mit den Menschen spricht, ist es so, daß sie einem dasselbe sagen, was sie auch im Juli 1914 hätten sagen können. Aber eigentlich kann der kein wacher Mensch heute sein, für den nicht jeder Begriff eine andere Prägung, eine andere Wertigkeit bekommen hat. Und aus diesem Grunde wird die Frage gestellt werden müssen — aber diese Frage sollte sich jeder als eine ganz ernste und, ich möchte sagen, christliche Gewissensfrage stellen —: Wo sind die Menschen heute zu finden, die vor dem Juli 1914 die Möglichkeit sich so recht vor Augen geführt haben, daß das kommen könnte, was nun bis zum heutigen Tage gekommen ist? Ich könnte — und Sie wissen, ich sage es nicht aus Albernheit — die Frage auch anders formulieren. In dem Vortragszyklus, den ich vor dem Kriege in Wien gehalten habe, findet sich neben anderem ein Ausdruck, der da lautet: Das gesellschaftliche menschliche Leben trägt jetzt etwas in sich, was man mit einem Karzinom vergleichen kann, was eine Krebskrankheit ist im Leben der Menschheit. Das mußte man damals ins Auge fassen. Aber viele Menschen sind es, die das bis heute noch nicht ins Auge gefaßt haben. Ich frage: Wie tief ist es verstanden worden, daß damals von dem Karzinom in der menschlichen Entwickelung gesprochen worden ist?
[ 12 ] Ich will damit nur hinweisen auf den Ernst, mit dem Geisteswissenschaft aufgenommen werden sollte, wenn sie auf die Ereignisse der Gegenwart angewendet werden soll. Es ist ja zum großen Teil die Ursache, warum Geisteswissenschaft so zurückgewiesen wird, darin zu suchen, daß den Menschen dieser Ernst, mit dem die Geisteswissenschaft gemeint ist, furchtbar unbequem ist. Die Theorien der Geisteswissenschaft gefallen ja manchen, aber der Ernst, der in ihr liegt gegenüber den Forderungen des Lebens, ist vielen, denen die Theorien gefallen, höchst, höchst unbequem. Das alles führt uns unmittelbar dahin, vielleicht etwas genauer zu verstehen, was ich jetzt in diese Betrachtungen auch einschalten muß, was wichtig ist ins Auge zu fassen, wenn man Geisteswissenschaft in den Fundamenten verstehen will.
[ 13 ] Wenn heute der Mensch etwas in der Welt verstehen will, hat er eigentlich immer das Gefühl: Die Mittel zu diesem Verständnis müssen irgendwie in dem Gegenwärtigen gesucht werden. Aber das Geistige kann nicht allein in dem Gegenwärtigen gesucht werden. Wenn man sich zum Beispiel in bezug auf das Geistige mit dem Menschen bekanntmachen will, so kann nicht einmal das Wesen des Menschen zwischen Geburt und Tod nur durch die Erkenntnis des gegenwärtigen Menschen erreicht werden. Warum? Nehmen Sie an, Sie seien fünfzig Jahre alt geworden — es kann selbstverständlich auch ein anderes Jahr sein — und Sie entwickeln in Ihrer Seele irgendein Leben, das zusammenhängt mit den Kräften der Empfindungsseele. Da werden Sie unwillkürlich aus dem Vorstellen der Gegenwart heraus die Anschauung haben: Das ist meine Empfindungskeele, die ich dadrinnen habe; die äußert sich, wenn sich das Empfindungsleben der Seele äußert. Das ist aber ganz und gar nicht wahr. Sondern Ihre Empfindungsseele kam zur Entwickelung in der Zeit von Ihrem einundzwanzigsten bis achtundzwanzigsten Lebensjahr, und was damals in der Seele war und mit dem achtundzwanzigsten Jahre für die Gegenwart aufhörte, in der Seele zu sein, das wirkt nach; das gebrauchen Sie heute, wenn Sie die Kräfte der Empfindungsseele ins Auge fassen. Nicht die jetzigen Kräfte der Empfindungsseele, sondern die Kräfte von damals gebrauchen Sie. Das Vergangene wirkt. Es ist nicht wahr, daß alles in der Gegenwart sich erschöpft, was wirkt; sondern das Vergangene wirkt nach. Die geistige Welt muß aufgefaßt werden wie eine Musik, aber noch wie eine reale Musik. Sie könnten unmöglich eine Melodie auffassen, wenn Sie beim dritten Tone den ersten verloren hätten; im dritten Ton wirkt der erste weiter fort, er wirkt darinnen. Im geistigen Wirken ist es so, daß etwas nicht nur nachwirkt durch das Behalten im Gedächtnis, sondern daß es in der Realität nachwirkt. Die Wirkungen vergangener Kräfte des geistigen Lebens in den einzelnen Seelenteilen sind wie die Teile des GeistigSeelischen fortwährend da, aber in noch anderem Sinne. Unser einundzwanzigstes, zweiundzwanzigstes Jahr wirkt in uns noch später, es ist da; und es ist da, insofern es in der Vergangenheit da war, nicht insofern es in der Gegenwart da ist. Neue Vorstellungen sich zu bilden — und was ich Ihnen eben jetzt entwickelt habe, ist eine neue Vorstellung, sie findet sich nirgends unter den Vorstellungen der Gegenwart —, neue Vorstellungen sich zu bilden, ist den Menschen unbequem. Sie wollen sich zum Beispiel nicht sagen: Wenn ich ein Greis bin und graue Haare und eine Glatze bekommen habe, so rede und denke ich dennoch immer mit den Kräften meiner Jugend, meiner Kindheit. — Und einfach wahr ist es: Was die Schule in Ihnen veranlaßt hat, wie Sie Ihre Zeit vom achtzehnten bis achtundzwanzigsten Jahr zubringen, das wirkt durch das ganze Leben hindurch. Sie können es später nicht durch andere Kräfte ersetzen, sondern nur, indem Sie sich zu denjenigen Quellen wenden, welche die Geisteswissenschaft eröffnet. Das ist das einzige Mittel, wodurch manches im Leben ersetzt werden kann. Sie werden es nicht unbegreiflich finden, daß eigentlich jetzt viele Menschen im Grunde genommen unfruchtbar bleiben. Das hängt mit dem Erziehungssystem zusammen. Wir können ja nicht irgend etwas entwickeln, was nicht während unserer Kindheit in uns gelegt ist, wenn es eben nicht durch die gewöhnlichen Kräfte, durch die wir uns an den Menschen selbst wenden, in uns hineingelegt ist.
[ 14 ] Um solche Vorstellungen richtig zu fassen, dazu gehört gar vieles. Dazu gehört vor allen Dingen — ich muß das von den verschiedensten Gesichtspunkten aus immer wieder und wieder betonen —, daß die Menschen wiederum lernen, in einem viel höheren Sinne, als sie es heute wollen, an das Leben zu glauben, an die Geistigkeit des Lebens zu glauben. Es wird heute dem Menschen verhältnismäßig einleuchten, vielleicht an seine geistige Herkunft zu glauben. Er wird verhältnismäßig leicht dazu zu bringen sein, daran zu glauben, daß sich mit dem, was sich in der Vererbung durch die Generationen als Materielles entwickelt hat, ein Geistiges verbunden hat, das aus einer geistigen Welt herkommt. Aber das genügt nicht. Was notwendig ist, das ist, daß wir nicht nur an die geistige Herkunft eines Stückes von unserem Leben glauben, sondern an die geistige Herkunft unseres ganzen Lebens. Wie das?
[ 15 ] Heute glauben wir ja aus den Entwickelungstendenzen der Menschheit heraus, die ich öfter angeführt habe, daß wir mit dem zwanzigsten Lebensjahre im allgemeinen unser Leben bis zur Vollendung getrieben haben. Wir glauben, daß wir in den Zwanzigerjahren reif sind, in eine Stadtverordnetenversammlung, in die Parlamente und dergleichen gewählt zu werden, weil wir da eben über alles entscheiden können. Jene Zeiten glauben ja die Menschen längst überwunden zu haben — die aber, wie wir wissen, vorhanden waren —, wo man auf ein höheres Alter gewartet hat, in der Voraussetzung, daß jedes neue Jahr des Lebens auch neue Offenbarungen bringt. Für das Kind erwarten wir heute, wenn die Geschlechtsreife eintritt, daß auch die Seelenfähigkeit sich umändert. Wenn auch nicht in so radikaler Weise, so tun wir das doch für die andern Jahre der Kindheit. Wir schauen der Entwickelung zu und sind überzeugt: Bis in die Zwanzigerjahre entwickelt sich das Menschenleben. Aber dann hören wir auf, weiter an ein Entwickeln zu glauben. Wir denken, wir seien fertig; wir erwarten von den späteren Jahren des Lebens nicht, daß in jedem neuen Jahre uns neue Offenbarungen kommen. Wir können es auch nicht, wenn wir bei den gewöhnlichen Anschauungen bleiben. Aber wir wissen, daß die Menschheit im Laufe der Entwickelung immer jünger wird, und heute wird sie nicht älter als siebenundzwanzig Jahre. Dann gibt die leiblich-körperhafte Entwickelung nichts mehr her. So muß das, was zur Weiterentwickelung beitragen soll, aus dem Geiste geholt werden. Aber wenn es aus dem Geiste geholt wird, verbindet es sich mit unserer Seele. Fragen Sie nur einmal, wie wenige Menschen dies heute zugeben werden, daß wenn Sie heute ein zweiundzwanzigjähriger junger Dachs sind, und dann fünfundvierzig Jahre alt werden, sich einfach dadurch, daß man im höheren Alter eben anderes durchmacht als in der Jugend, mit fünfundvierzig Jahren durch innere Offenbarung etwas ergeben kann, was sich früher nicht hätte ergeben können. Wer glaubt denn an die Produktivität, an die Fruchtbarkeit des Alters? Und weil man daran nicht glaubt, deshalb ist sie auch nicht da; denn man ist nicht darauf aufmerksam, wie jedes neue Jahr auch neue Offenbarungen bringt. Aber bedenken Sie, wieviel sich im Menschenleben dadurch ändern würde, wenn dieser Glaube wirklich allgemein würde, wenn alle Menschen glauben würden: Ich muß warten auf das Älterwerden, dann werde ich durch mich selbst Dinge erfahren, die ich früher nicht habe erfahren können. Erwartungsvolles Leben, hoffnungsvolles Leben — wo ist es denn heute? Aber solch ein Gedanke, solch eine Empfindung, übergegangen gedacht in das menschliche Gemeinschaftsleben: Denken Sie einmal, was für eine ungeheure Bedeutung dieses hätte! Welche ungeheure Bedeutung es hätte, wenn zu all den verschiedenen «Gleichheitsdemolierungen» — möchte ich es nennen —, die in der heutigen Zeit spielen, im Zusammenleben der Menschen das Bewußtsein hinzukäme: Einfach dadurch, daß man vierzig Jahre alt geworden ist, kann man etwas erfahren haben, was man mit siebenundzwanzig Jahren noch nicht erfahren kann. Denken Sie, wie dann ein Siebenundzwanzigjähriger zu einem Vierzigjährigen stehen könnte, wenn das eine naturgemäße Empfindung wäre! Natürlich kann es heute nicht sein, weil heute oft die Siebzigjährigen nicht älter sind als siebenundzwanzig, und oft gerade die Repräsentativsten nicht älter sind — und es nicht bemerken. Also man kann es heute nicht als eine reale Forderung verlangen.
[ 16 ] Das ist es aber, was das Leben bringen muß, und was die Zukunft fordert: daß die Menschen anfangen, das Geistige wieder als eine Realität anzusehen. Was ist heute dem Menschen als Geist einzig und allein bekannt? Im großen und ganzen nichts anderes als eine Summe von abstrakten Begriffen. Zu einer Summe von abstrakten Begriffen kommt der Mensch, von solchen abstrakten Begriffen, die eben gerade dadurch charakteristisch sind, daß sie bis zum siebenundzwanzigsten Jahre ganz gut aufgenommen werden können. Aber mit dem, daß wir hier auf der Erde leben zwischen Geburt und Tod, zuerst sprieBendes, sprossendes Leben haben, dann mit dem achtundzwanzigsten Jahre stehenbleiben in dieser Entwickelung, und dann vom fünfunddreißigsten Jahre ab unser absteigendes Leben beginnen: mit dem ist ja eine reale, konkrete Geistigkeit verbunden, die sich ebenso verändert, wie sich der äußere Mensch verändert; und diese konkrete geistige Realität macht so ziemlich einen entgegengesetzten Gang durch als der äußere Mensch. Der äußere Mensch wird alt, wird runzelig, aber sein Ätherleib, sein Bildekräfteleib wird immer jünger; nur kümmert sich der Mensch heute nicht um diesen im Alter jüngerwerdenden Bildekräfteleib. Die Menschen gehen herum, haben Glatzen und graue Haare, und sie wissen nicht, daß sie einen Bildekräfteleib haben, der sprießendes, sprossendes Leben gerade dann hat, wenn sie anfangen, graue Haare zu bekommen, der ihnen gerade dann Dinge geben kann, die ihnen früher nicht gegeben werden konnten. Das ist allerdings durch den Zeitcharakter bedingt. Aber die Zeit braucht in dieser Beziehung Umkehr. Die Zeit braucht Wandelung der Begriffe. Eines, was in dieser Wandelung der Gedanken besonders gegeben sein muß, ist das, daß die Gedanken wieder ein bißchen kräftig und gesund werden, daß sie nicht haften an dem, was sich nur von außen darbietet; sonst kommen wir auf allen Gebieten auf die furchtbarsten Einseitigkeiten hinaus. Mit dem Gedanken die Wirklichkeit durchdringen auf irgendeinem Gebiete, das ist es, worauf es ankommt. Wir können auch das geschichtliche Leben der Menschen nicht verstehen, wenn wir nicht imstande sind, demjenigen, was äußerlich an Weisheit läuft, die innere Weisheit entgegenzubringen. Wir haben ja durch verschiedene Gründe, die mit dem Riß, mit dem Sprung, der in der Menschheitsentwickelung ist, zusammenhängen, aufgehört, manches Große zu verstehen, was noch in atavistischer Weise gefunden worden ist. Auf manchen Gebieten glauben die Menschen heute, originell zu sein.
[ 17 ] Ich habe vor längerer Zeit einmal in Dornach in einem Vortrage die Frage aufgeworfen, was ein Publikum sagen würde, wenn ein Theaterregisseur es bei einer «Faust»-Aufführung unternehmen würde, nachdem Faust dem Erdgeist gegenüber zusammengestürzt ist, den Wagner ein klein wenig verändert, aber sonst in der äußeren Erscheinung genau ebenso wieFaust auftreten zu lassen. Und dennoch, so etwas müßte man einmal machen. Ich will Ihnen den Grund sagen, weshalb man es machen müßte.
[ 18 ] Was liest man heute in den «Faust»-Erklärungen, was haben die Leute im Bewußtsein, wenn sie auch von dieser Sache, die ich da meine zwischen Wagner und Faust, sprechen? Sie brauchen sich nur an die wahnwitzigen Deklamationen mancher «Fäuste» zu erinnern und an die abgeschmackten Töne, die von den «Wagners» kommen, dann werden Sie eine Vorstellung bekommen von dem, was hier vorliegt, wenn man noch dazu immer nur denkt an den großen, in die Wolkenhöhen hinaufragenden Faust und an den pedantischen Wagner, der auf der Bühne auch noch immer so dargestellt wird, daß er ein bißchen humpelt und so weiter. Aber was liegt denn eigentlich vor? Faust verzweifelt an den verschiedenen Wissenschaften. Das betrachtet man ja zumeist schon als etwas Allertiefstes, obwohl es eigentlich im Grunde genommen für viele Menschen, die gar nicht sehr tief sind, heute schon eine Trivialität ist. Aber was betrachtet man nicht alles als Tiefstes? Wie oft hört man gegenüber mancherlei andern Forderungen an ein Begreifen der Geisteswelt die aufstellen, man solle sich doch an die tiefsten Faust-Gedanken halten, zum Beispiel von dem Allerhalter, der mich und dich und sich selbst faßt und erhält, in dem Gespräch Fausts mit Gretchen. Man bedenkt nicht, daß doch Faust diese Worte dem sechzehnjährigen Gretchen sagt und sie auf deren Verstand und Empfindungsweise münzt. Die ganze Menschheit läßt sich gerne katechisieren, indem sie sich auf den Standpunkt des sechzehnjährigen Gretchens herunterschraubt. Auch Philosophieprofessoren habe ich schon kennengelernt, die diese Gretchen-Katechismen als die höchste Weisheit hinstellen. — Aber auch das ist es nicht am Anfange der Dichtung, daß Faust an allen Wissenschaften verzweifelt. Sondern der springende Punkt liegt darin, daß Faust sich abwendet von dem, was sich ihm offenbart von dem Zeichen des Makrokosmos, der ganzen Welt. Er will zunächst nichts wissen von den Beziehungen des Menschen zu dem ganzen umfassenden großen All. Er wendet sich zum Erdgeist, zu dem, was ihm offenbaren will, was der Mensch nur aus den Kräften der Erde hat. Was sich ihm aus dem Makrokosmos offenbart, das ist ihm ein Schauspiel, «aber ach, ein Schauspiel nur!» Da wendet er sich ab. Aber der Erdgeist weist ihn von sich. Faust glaubte durch den Erdgeist irgend etwas ergreifen zu können, was mit seinem tiefsten Wesen zusammenhängt. Der Erdgeist bringt ihn zum Niederstürzen. Und dann die Worte: «Du gleichst dem Geist, den du begreifst, nicht mir!»
[ 19 ] Nun frage man: Wer ist es, den der Faust begreift? Er selbst sagt: «Nicht dir! — Wem denn?» — und herein tritt Wagner. Alles, was du bisher entwickelt hast, ist bloßes Gefühlsstreben; was du schon in dir trägst, schaue es an — in Wagner! Das ist die andere Natur des Faust. Das ist die dramatische, wirkliche Antwort! Im Drama wird die Entwickelung durch die Tatsachen gegeben. Faust soll es begreiflich gemacht werden, daß er im Grunde genommen in allem Konktreten, das er bis dahin entwickelt hat, noch nicht mehr ist als sein Famulus, und gerade durch diese Etappe der Selbsterkenntnis soll er ein Stück weitergeführt werden. Man könnte gerade die Realität darstellen, wenn man die zwei ganz gleich auf die Bühne nebeneinandertreten ließe. Aber dazu müßte man den Mut haben, solche Worte wie die: «Du gleichst dem Geist, den du begreifst, nicht mir!» — «Nicht dir! Wem denn?» — viel ernster zu nehmen als bisher. Dann müßte man sich mit seinen Gedanken ganz hineinfinden in die Situation. Und so ist sie im Drama dargestellt.
[ 20 ] Und wiederum — betrachten wir etwas anderes. Faust hat sich von dem Zeichen des Makrokosmos abgewendet. Er will nicht die Kräfte erleben, die den Menschen an den Makrokosmos, an das ganze All binden. So lebte es im Grunde genommen in Goethes Seele selbst, als er die ersten Teile seines «Faust» geschrieben hatte. Und als Faust das nachgeholt hat, was er in seiner Jugend versäumt hat, wenigstens in der Rückschau durch den Osterspaziergang und durch die Osternacht überhaupt, da kommt er über die Etappe der Selbsterkenntnis, die ihm in Wagner entgegengetreten ist, hinaus und kommt dazu, das, was er hatte vorübergehen lassen, was ihm die Osterbotschaft sein kann, nachzuholen. Lesen Sie die Sätze; Wagner will es nicht. Die einzelnen Worte sind außerordentlich prägnant, zum Beispiel:
Wie nur dem Kopf nicht alle Hoffnung schwindet,
Der immerfort an schalem Zeuge klebt,
Mit gierger Hand nach Schätzen gräbt,
Und froh ist, wenn er Regenwürmer findet!
[ 21 ] Es kann gar nicht anders sein, als daß diesem Kopf «alle Hoffnung schwindet». Das ist das Motiv der Selbstbeobachtung. Faust zieht nur alle Konsequenzen, aber er holt nach, was er in seiner Jugend versäumt hat. Er holt es nach und kann es nachholen. Dadurch wird er eine Stufe höher geführt. Dadurch rechtfertigt es sich, daß jetzt noch einmal die Frage aufgestellt wird: «Wem denn?» Dem, der ihm im «Pudel» entgegenkommt: Mephistopheles. Aber was ist dies? Dies ist diejenige Gegenkraft der menschlich strebenden Kräfte, die sich dem Menschen so entgegenwirft, wie Faust sich dem Erdgeist entgegenwirft, da er mit dem Makrokosmos nichts zu tun haben will. Das sind die luziferischen Kräfte, die aus des Menschen Innerem herauskommen. Daher ist Mephistopheles zunächst mit luziferischen Zügen ausgestaltet, und das ist im wesentlichen der Mephistopheles des ersten Teiles der Faust-Dichtung: ein luziferisches Wesen.
[ 22 ] Aber schon am Ende der neunziger Jahre war Goethe daran, über das, was aus seiner Jugend stammte, hinauszuwachsen. Denn lesen Sie den «Prolog im Himmel»: Was darin entwickelt wird, ist nicht mehr an die Offenbarungen des Erdgeistes gebunden; da beschäftigt sich Goethe schon mit dem Impuls, der aus dem Makrokosmos ‚ hereinkommt. Goethe ist über seinen eigenen Anfang hinausgewachsen. Und jetzt tritt etwas in seine Seele, was ungeheuer bedeutungsvoll und wichtig ist, und was uns, wenn man es erkennt, tief hineinschauen läßt in die Goethe-Seele.
[ 23 ] Goethe hatte die Tradition der Faust-Sage, die Tradition der nordischen, deutschen Mythe. Da war der Mephistopheles da. Aber in dem Augenblick, da er, gedrängt durch Schiller, den «Faust» weiterführt, da wird Mephistopheles — Goethe bringt es sich nicht recht zum Bewußtsein — eine Figur, die ihn innerlich wurmt, mit der er nicht recht zu Rande kommt. — Jakob Minor, der auch ein «Faust»-Erklärer ist und manches Geistreiche gesagt hat, hatte eine merkwürdige Erklärung dafür gefunden, daß Goethe gar nicht vorwärtskam, als er den «Faust» wieder aufnahm. Er meint nämlich, daß Goethe, als er gegen die Fünfzigerjahre stand, alt geworden wäre. Ich möchte nur wissen, wie es sein sollte, daß man überhaupt einen «Faust» schreiben könnte, wenn die Dichterkraft mit den Fünfzigern versiegen würde und man doch die Kräfte der Jahre nach fünfzig auch in die Dichtung hineinbringen müßte, wenn nicht dem Menschen Jugendkraft erblühen könnte aus einem Leben, wie es Goethe zu führen verstand. Aber Mephistopheles wurmte in seiner Seele, instinktiv wurmte er ihn. Und der ließ ihn nicht weiterkommen, weil der Konflikt FaustMephistopheles nicht recht ging. Goethe hatte einmal den Faust an die größten Menschheitsfragen herangeführt, und das ging jetzt nicht mit dem Mephistopheles. Dieser hatte einen luziferischen Charakter angenommen. Da hat man es nur mit den Kräften zu tun, die aus dem Gefühls- und Empfindungsleben herauskommen. In dem Augenblick aber, wo Goethe den «Prolog im Himmel» entwickelt, da steht Faust dem Makrokosmos gegenüber. Da geht es nicht mehr, daß man Faust bloß mit denjenigen Mächten kämpfen läßt, die im Inneren des Menschen leben; da geht es nicht mehr, dem Mephistopheles bloß den luziferischen Charakter zu lassen. Das spürte Goethe. Und wirklich nicht, um pedantisch zu werden, sondern um auf Wichtiges hinzuweisen, möchte ich auf einige Kleinigkeiten aufmerksam machen. Denken Sie, daß der Herr im «Prolog im Himmel» sagt:
Von allen Geistern, die verneinen,
Ist mir der Schalk am wenigsten zur Last.
[ 24 ] Dann muß es noch andere Geister geben, die verneinen. Aber im «Faust» ist nur der eine: Mephistopheles. Und denken Sie, daß Mephistopheles im «Prolog» sagt:
Am meisten lieb’ ich mir die vollen frischen Wangen,
Für einen Leichnam bin ich nicht zu Haus.
[ 25 ] Und erinnern Sie sich an den Schluß, wo er sich um den Leichnam wahrhaftig ernst genug bemüht. Was liegt da vor? Das, daß Goethe spürte: was er von der Mythe, von der Faust-Sage empfangen hatte als die einheitliche Mephistophelesfigur, das spaltet sich, wenn man hinausgeht in den Makrokosmos, in zwei. In Goethe lebte es, zwiespältig zu empfinden: luziferisch und ahrimanisch. Er ist dann darin nicht weitergekommen, weil es Geisteswissenschaft zu seiner Zeit noch nicht gab. Aber das brachte ihn zum Stocken. Als er jedoch später makrokosmisches Geschehen und Menschheitsgeschehen zu verbinden hatte in. der «Klassischen Walpurgisnacht», und am Schlusse, wo sich makrokosmisches Allgeschehen und Menschheitserleben in eins verweben, da mußte sein Mephistopheles einen ahrimanischen Charakter annehmen. Das ist ihm bis zu einem hohen Grade gelungen. Aber alles eigentlich, was Goethe selbst über sein persönliches Verhältnis zu seinem «Faust» gesagt hat, steht unter dem Eindruck: Es geht nicht weiter. Wenn man von dem mittelalterlichen, pedantischen, aber trotzdem volkstümlichen Drama den Faust auf die große Weltenbühne hinausstellt, so hat man nötig, den Mephistopheles zu spalten in ein luziferisches und ein ahrimanisches Wesen. Deshalb wollte es bei Goethe nicht weitergehen. Es ist ihm dann gelungen — selbstverständlich will ich Goethe nicht korrigieren —, indem er sich immer mehr dem zweiten Teile der Dichtung näherte, seinem Mephistopheles ahrimanische Züge zu geben. Ein luziferisches Wesen liebt die «vollen frischen Wangen»; ein ahrimanisches hat es mit dem «Leichnam» zu tun, weil es mit dem, was wir in unserem Wahrnehmungsvermögen erleben, auch unser Bewußtsein zwischen Geburt und Tod durchdringt. Gerade wenn man eine Persönlichkeit ansieht wie die Goethesche, so erkennt man, wie eine solche Persönlichkeit die Jugendkräfte beibehält, aber mit diesen Jugendkräften immer neue und neue Lebenserfahrungen macht. Nicht weil er alt geworden war, ist das eingetreten, was in einer so merkwürdigen Weise für das Ende der Neunzigerjahre des 18. Jahrhunderts aus Goethes Lebensgeschichte hervorgeht, sondern weil er eine Krisis durchmachte, die gewisse Kräfte seiner Jugend zu neuer Auferstehung brachte, sie auferstehen ließ, sie ihn recht als Pfingstwunder erleben ließ. Was ich jetzt über «Faust» gesagt habe, ist weiter ausgeführt in der Schrift, die jetzt wieder erscheinen soll: «Goethes «Faust» als Bild seiner esoterischen Weltanschauung». Diese soll den ersten Teil eines demnächst erscheinenden Büchelchens bilden: «Goethes Geistesart»; der zweite sollen Goethes Gedanken über seinen «Faust» sein, und der dritte Teil einige Gedankenausführungen über das «Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie».
[ 26 ] Ich habe dies eben angeführt aus dem Grunde, weil ich darauf aufmerksam machen will, daß es wirklich nötig ist, dasjenige — aber auch das Vergangene —, was die Geistessubstanz der Menschheit enthält, mit eindringlichen Gedanken einmal zu erfassen, daß wir ernst nehmen, was da ist. Denn wir haben seit vier bis fünf Jahrzehnten vollständig verlernt, gerade das Größte in der Menschheitsvergangenheit mit vollem Ernste aufzunehmen. Furchtbar viel ist in den letzten vierzig bis fünfzig Jahren versäumt worden, und notwendig ist es, daß das, was geistig da wat, in einer allerdings erneuerten Gestalt auftrete; denn es war in manchen Teilen atavistisch, und da konnte es in vieler Beziehung eine gewisse Kruste nicht durchbrechen.
[ 27 ] Goethe konnte nicht zur Spaltung der Mephistophelesfigur in eine luziferische und eine ahrimanische kommen, dazu war die Zeit noch nicht reif. Aber es lebte diese Zwiespältigkeit in Goethes Natur. Kurz, lernen müssen wir, an das ganze Menschenleben zu glauben, nicht bloß an die Kindheit. Lernen müssen wir, ein erwartungsvolles Leben führen zu können. Denken Sie sich, wenn man darauf neugierig wäre: Was wird mit mir sein, wenn ich nun einmal fünfzig Jahre alt sein werde? Wie viele Menschen hegen heute solche Gedanken? Wie viele führen ein Leben, daß sie daran glauben, daß immer neuer Inhalt in die Menschenseele hineinströmt? Welche Veränderungen würden auch im sozialen Leben der Menschheit vor sich gehen, wenn dieser Glaube an das ganze Leben die Menschen ergriffe! Und welcher einfache Gedanke könnte es sein, der zu diesem Glauben an das ganze Menschenleben hinführt? Der Gedanke, der in der Frage besteht: Hätte es denn einen Sinn, daß wir im Durchschnitt siebzig Jahre alt werden, wenn wir mit achtundzwanzig Jahren mit unserer Entwickelung fertig wären? Warum sollten wir dann älter werden? Aber dazu sind allerdings einige naturwissenschaftliche Hilfen nötig, damit das, was als Geisteswissenschaft auftritt, mit dem verbunden werden kann, was man heute wissenschaftlich ernst nimmt.
[ 28 ] Geisteswissenschaft, sagte ich — und damit knüpfe ich an den Anfang der heutigen Betrachtung wieder an —, hat eigentlich innerhalb unserer Bewegung herzlich wenig erreicht. Und doch ist sie nicht aussichtslos. Das merkt man bei vielen Gelegenheiten. Man merkt es am besten dann, wenn der Fall eintritt — und der ist in den letzten Jahren nicht selten eingetreten —, daß jüngere Menschen, die gerade in den Universitätsstudien stehen, herankommen, um irgend etwas ‚zu finden, was ihre besonderen Studien an die Geisteswissenschaft anknüpfen kann. Die jungen Leute, die heute Lebensanfänger sind, fühlen aus ihren Wissenschaften heraus, daß jede Wissenschaft übergeleitet werden kann in Geisteswissenschaft. Das werden vielleicht die fruchtbarsten Keime, die sich da ergeben könnten; denn man müßte die Dinge ernst nehmen. Aber die Schwierigkeiten ergeben sich sogleich, wenn nun diese jungen Leute mit dem, was sie von der Geisteswissenschaft in ihre Studien hineintragen wollen und was durchaus sachlich hineingetragen werden könnte, zum Beispiel eine Doktordissertation schreiben wollen. Die bringen sie nicht durch; sie können nicht realisieren, was sie wollen. Geisteswissenschaft.ist im Grunde genommen sachlich etwas sehr Aussichtsvolles, aber man hält die Leute ab, zwingt sie weg davon. Auch das muß man im vollsten Sinne des Wortes einsehen. Ich weiß einen Fall — es ist schon lange her, so daß ich es erzählen kann; die allerletzten Fälle der Gegenwart würden sich dazu nicht schicken —, wo hier in Berlin eine Doktordissertation eingereicht worden ist, in der keine andere Sünde zu finden war, als daß mein Buch «Das Christentum als mystische Tatsache» erwähnt war. Es war eine philosophische, nicht eine theologische Dissertation. Der Betreffende sagte: Was soll ich nun tun? Paulsen nimmt es nicht, er erklärte: Das können Sie nicht machen, daß Sie hier Steiner anführen. — Ich konnte dem Betreffenden nur antworten: Gehen Sie nach Münster, machen Sie Ihr Rigorosum bei Gideon Spicker,; da geht es vielleicht. — Es ging auch. Man muß die Dinge in ihrer Wirklichkeit betrachten, muß ins einzelne hineinschauen. Die Gesichtspunkte, die heute entwickelt werden, wenn einer seinen Lebensweg auf einem akademischen Untergrund aufzubauen sucht, sind ja zuweilen höchst merkwürdige. So erzählte mir einmal ein angehender Privatdozent — der allerdings auf eine Weise über diese Klippe hinweggekommen ist, die Sie gleich hören werden —, daß er es durch das geworden ist, was er mir selbst in folgender Weise erzählte: Er hatte eine ästhetische Abhandlung geschrieben über die Werke eines Dichters — ich will ihn nicht nennen, sonst könnte man die Sache durch irgendwelche Hilfsmittel erraten —; dann hatte er eine Abhandlung über Schopenhauer geschrieben und außerdem eine Doktordissertation selbstverständlich. Nun wollte er Privatdozent werden. Er ging an der entsprechenden Universität zu dem betreffenden Professor, der ihn gut leiden mochte und ihn für einen sehr befähigten Menschen hielt, und er glaubte, daß dieser Professor es auf eine leichte Weise bewirken könnte, daß er Privatdozent würde. Da sagte dieser Professor: Wissen Sie, das geht nicht; Sie haben jetzt eine Abhandlung geschrieben über einen Dichter, über eine ästhetische Frage. Aber dieser Dichter hat im 19. Jahrhundert gelebt. Das ist zu neu. Dann haben Sie über Schopenhauer geschrieben. Das kann von uns nicht als wissenschaftlich angesehen werden. — Der Betreffende sagte darauf: Was soll ich denn aber tun? — Und der Professor antwortete ihm: Nehmen Sie sich einmal irgendein älteres Bücherverzeichnis aus einem älteren Jahrhundert, und schlagen Sie sich einen möglichst unbekannten Ästhetiker auf, den kein Mensch kennt, und schreiben Sie das wird Ihnen sehr leicht werden, denn es gibt darüber keine Literatur, Sie brauchen nicht viel zu studieren —, schreiben Sie, was leicht zu schreiben ist, weil Sie ihn aus einem Bücherverzeichnis einfach auffinden. — Nun, dieser angehende Privatdozent nahm ein altes Bücherverzeichnis, schlug einen alten italienischen Ästhetiker auf, über den noch nichts geschrieben war, und verfaßte eine Abhandlung, die er als höchst ungenügend hielt, und die auch der als höchst ungenügend hielt, der sie zu beurteilen hatte. Aber sie war die genügende Unterlage, um Privatdozent zu werden!
[ 29 ] Ich will dies nicht erwähnen, um die eine oder andere Persönlichkeit anzuschwärzen. Es handelt sich auch nicht um Persönlichkeiten, denn ich erzähle ein Beispiel, das mit Persönlichkeiten nichts zu tun hat. Denn der Mann, der die betreffende Dissertation zu beurteilen hatte, lachte über das, was er dem andern aus den Vorurteilen der Zeit heraus aufzuerlegen hatte. Und der andere, der Privatdozent werden wollte, lachte auch. Zwei außerordentlich nette Menschen, ein älterer und ein jüngerer. An den Menschen braucht es nicht zu liegen. Es liegt an der geistigen Substanz, in der unser Zeitalter steckt, und der gegenüber man nur aufkommen kann mit starken und kräftigen Gedanken. Und starke und kräftige Gedanken sind heute nur möglich, wenn die Menschheit aus dem Geiste heraus befruchtet wird, wenn wirklich nur auf dem gebaut wird, was Geisteswissenschaft geben kann. Also, ob man den Blick auf Goethe, ob man ihn auf die unmittelbare Gegenwart richtet, das ist es, was uns immer wieder aus den unmittelbaren Zeitverhältnissen entgegentönt: Erneuerung unserer Vorstellungswelt, Erneuerung unserer Empfindungswelt, Erneuerung unserer Gedanken, die sich in starker Weise der Gegenwart entgegenstellen. Davon hängt es ab, daß sich am einzelnen das Pfingstwunder erfüllt in der Seele, und daß sich dieses Pfingstwunder an der ganzen Menschheit, in unserer katastrophalen Gegenwart, als Lebenserneuerung erzeigt, indem die Menschen, erleuchtet durch den Geist, sich als individuelle Wesen so gegenüberstehen, daß durch das Zusammenwollen, durch das Zusammensinnen und Zusammenwachsen sich eine geistige Struktur der Menschheit bilden kann. Aus dem Menschen, aus dem Individuellen muß kommen, was für die Zukunft notwendig ist. Nicht dürfen wir warten auf eine allgemeine Botschaft, der die Menschheit zu folgen hätte. Solche Botschaft wird es nicht geben. Aber die Möglichkeit wird es geben, daß in jeder einzelnen Menschenseele das aufleuchtet, was aus der geistigen Welt kommen kann. Dann aber wird durch das Zusammenleben der Menschen das entstehen, was entstehen soll und was entstehen muß.
