Earth-Death and Universal-Life
Anthroposophical Life-Gifts
Essential Aspects of Consciousness for the Present and the Future
GA 181
16 April 1918, Berlin
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The Death of the Earth and Life in the Universe, tr. SOL
Anthroposophische Lebensgaben V
Anthroposophical Life-Gifts V
[ 1 ] Ich habe gestern in dem öffentlichen Vortrag «Menschenwelt und Tierwelt» unter mancherlei anderem auf eine Vorstellung hingewiesen, die man bekommen kann über das menschliche Seelenleben, auf eine Vorstellung, die selbstverständlich keine irgendwie hypothetische ist, sondern eine solche, die unmittelbar der Wirklichkeit des Seelenlebens selbst entspricht. Ich habe darauf aufmerksam gemacht, was in der tierischen Welt Anfang und Ende des Lebens bildet, was gewissermaßen zwei Augenblicke nur umfaßt: das Hereintreten ins physische Leben und das Herausgehen aus demselben, Empfängnis und Tod; sie stehen so zum tierischen Leben, daß man sagen könnte: Das tierische Leben stellt sich als eine Leiter dar, am Anfang die Empfängnis, am Ende der Tod. Ich habe darauf aufmerksam gemacht, daß diese beiden Erlebnisse durch das ganze Seelenleben des Menschen wirklich durchgehen, daß das Seelenleben des Menschen in jedem Augenblicke in ein Ganzes das zusammenfaßt, was im Tierischen erlebt wird, wenn die niemals eigentlich ganz auf den physischen Plan kommende Gattungsseele durch die Empfängnis ein Wechselverhältnis herstellt zu dem physischen Wesen. Und etwas wie ein Anflug eines Ich-Bewußtseins tritt in dem einzigen Augenblick des Sterbens beim Tier auf. Ich habe gestern darauf aufmerksam gemacht, daß der, welcher tierisches Sterben zu beobachten in der Lage ist, schon eine Vorstellung davon bekommen kann, wie im Grunde genommen das, was beim Menschen durch das ganze Leben läuft, das Ich-Bewußtsein, für das Tier nur in diesem Moment des Herausgehens aus dem Leben vorhanden ist. Aber das Wichtige ist eben dies: daß die zwei Augenblicke, die wirklich nur zwei Augenblicke im tierischen Leben sind, in eins zusammengefaßt sind wie in einer Synthese und durch das menschliche Leben so durchgehen, daß das menschliche Haupt, die eigentümliche Art der Organisation, wie ich es auseinandersetzte, eben ein fortwährendes Empfangenwerden und Sterben entwickeln kann, leise anklingend daran — aber so ist das menschliche Seelenleben, und dadurch entsteht der berechtigte Gedanke der menschlichen Unsterblichkeit —, daß dieses menschliche Seelenleben fortwährend verläuft aus dem Ineinander-Verwobensein von Konzeption oder Empfängnis und Tod.
[ 1 ] Yesterday, in the public lecture “The Human World and the Animal World,” I referred, among other things, to a conception one can form of human soul life—a conception that is, of course, by no means hypothetical, but one that corresponds directly to the reality of soul life itself. I drew attention to what constitutes the beginning and end of life in the animal world—events that, in a sense, encompass only two moments: the entry into physical life and the departure from it—conception and death. They relate to animal life in such a way that one could say: Animal life presents itself as a ladder, with conception at the beginning and death at the end. I have pointed out that these two experiences truly run through the entire soul life of the human being, that the human soul life, at every moment, synthesizes into a whole what is experienced in the animal realm when the species soul—which never actually enters the physical plane entirely—establishes an interrelationship with the physical being through conception. And something like a fleeting sense of self-consciousness arises in the single moment of death in an animal. I pointed out yesterday that anyone who is able to observe an animal’s death can already gain an idea of how, fundamentally, what runs through a human being’s entire life—self-consciousness—is present for the animal only in this moment of passing out of life. But the important point is precisely this: that the two moments—which are truly only two moments in an animal’s life—are fused into one, as in a synthesis, and run through human life in such a way that the human head, with its unique mode of organization as I have explained, can develop a continuous process of becoming and dying, gently resonating with it — but such is the life of the human soul, and this gives rise to the justified idea of human immortality — that this life of the human soul flows continuously from the interweaving of conception and death.
[ 2 ] Ich fügte dann noch hinzu: Jedesmal wenn wir einen Gedanken haben, wird der Gedanke herausgeboren aus dem Willen, und jedesmal wenn wir wollen, erstirbt: der Gedanke in den Willen hinein. Schopenhauer, sagte ich, habe sehr einseitig die Sache dargestellt, indem er nur den Willen als etwas Reales hingestellt hat. Er hat nicht eingesehen, daß «Wille» nur die eine Seite der Sache ist, gewissermaßen nur der sterbende Gedanke, während der «Gedanke» der geborenwerdende Wille ist. Wer so schildert wie Schopenhauer, der gleicht einem Menschen, der vom menschlichen Leben nur die Zeit etwa vom fünfunddreißigsten Jahre an bis zum Ende schildert. Aber jeder Mensch, der fünfunddreißig Jahre alt war, muß vorher noch etwas anders alt gewesen sein. Es gibt auch noch etwas für die Zeit von der Geburt bis zum fünfunddreißigsten Jahr. Schopenhauer schildert nur den Willen; und den Gedanken, beziehungsweise die Vorstellung betrachtet er wie einen Schein. Aber das ist nur die andere Form der Sache; der Gedanke vom Willen, der geboren werden will, während der Gedanke der sterbende Wille ist. Und indem wir in unserem Seelenleben fortwährend ineinander verwoben haben Gedanken und Willen, haben wir ebenso Geburt, die auf die Empfängnis zurückführt — denn die Wahrnehmung ist Empfängnis —, und Sterben.
[ 2 ] I then added: Every time we have a thought, that thought is born out of the will, and every time we will something, the thought dies back into the will. Schopenhauer, I said, had presented the matter in a very one-sided way by portraying only the will as something real. He failed to recognize that “will” is only one side of the matter—in a sense, merely the dying thought—while “thought” is the will being born. Anyone who describes things as Schopenhauer does is like a person who depicts human life only from about the age of thirty-five until the end. But every person who has been thirty-five years old must previously have been of a different age. There is also something that pertains to the period from birth to the age of thirty-five. Schopenhauer describes only the will; and he regards thought—or rather, the idea—as an illusion. But that is merely the other side of the matter; the thought of the will that seeks to be born, whereas the thought is the dying will. And since we have continually interwoven thought and will in our inner life, we have both birth, which traces back to conception—for perception is conception—and death.
[ 3 ] Diese Vorstellung ist eine solche, zu der man, auch wenn man sie anatomisch, physiologisch begründen will, nichts anderes braucht als die gegenwärtige Wissenschaft und den Willen, den guten Willen, seelische Erscheinungen wirklich zu beobachten. Wer die Erfahrungen, die man mit dem menschlichen Gehirn macht, nicht so darlegt, wie das gegenwärtig von seiten der offiziellen Wissenschaft geschieht, sondern wer vorurteilslos das, was Physiologie und Biologie des menschlichen Gehirns ergeben, wirklich prüft, der findet, daß das, was ich eben gesagt habe, gut wissenschaftlich fundiert ist. Und wenn sich die Menschen all die Firlefanzereien, die heute an den Universitäten getrieben werden, um in den psychologisch-physiologischen Laboratorien allerlei Zeug zu untersuchen, weil die Anatomen keine Gedanken haben, sondern sich statt dessen an die Apparate setzen, um das Seelenleben der Studierenden erst zu malträtieren und dann zu erforschen, wenn sich die Menschen dies nicht gefallen ließen, dann würde man auch wirklich zum Beobachten des Seelenlebens kommen können und würde dann auch einen Begriff bekommen von dem fortwährenden Geborenwerden und Sterben im menschlichen Seelenleben selbst, von jener Metamorphose, die nur eine Steigerung der Goetheschen Metamorphose ist. Aber die gegenwärtige Wissenschaft hat es heute, nach hundert Jahren, noch nicht einmal dahin gebracht, dieGoethesche Metamorphose zu verstehen, geschweige einen solchen Gedanken, der einmal der Menschheit übergeben worden ist, wirklich weiterzubringen.
[ 3 ] This concept is one for which—even if one wishes to ground it anatomically and physiologically—one needs nothing more than current science and the will, the good will, to truly observe mental phenomena. Anyone who does not present the findings regarding the human brain in the way that official science currently does, but who instead truly examines—without prejudice—what physiology and biology reveal about the human brain, will find that what I have just said is well-founded scientifically. And if people would not put up with all the frivolous nonsense going on in universities today—where all sorts of things are investigated in psychological-physiological laboratories because anatomists have no thoughts of their own but instead sit at their instruments to first torment and then study the students’ inner lives—if people would not tolerate this, then we would truly be able to observe the inner life and would also gain an understanding of the constant process of birth and death within the human inner life itself—of that metamorphosis which is merely an intensification of Goethe’s metamorphosis. But contemporary science, even after a hundred years, has not yet even managed to understand Goethe’s metamorphosis, let alone truly advance such an idea that was once entrusted to humanity.
[ 4 ] Solche Gedanken, wie ich sie gestern versuchte zu skizzieren, sind nichts anderes als die weitergebildete Goethesche Metamorphosenlehre. Das alles sind Dinge, die festgestellt werden können, ohne daß irgendein hellsichtiges Bewußtsein dafür eintritt. Dazu gehört nur wirkliche Wissenschaft und Seelenbeobachtung. Würde man dagegen, statt zu all den vielfachen Torheiten, zu denen offizielle Wissenschaft die Leute führt, eine Anzahl von Studenten und Studentinnen dazu bringen, eine solche Sache zu begreifen, dann würde der Weg nicht mehr weit sein, um Geisteswissenschaft wirklich der Kultur der Menschheit einzuprägen. Denn gerade solche Gedanken, die wissenschaftlich heute festgestellt werden können, zu deren Fruchtbarmachung für das Seelenleben nichts anderes gehört als der gute Wille, wirklich zu beobachten, und Gedanken zu haben — solche Begriffe, solche Vorstellungen könnten die Brücke bilden von der äußeren sinnlichen Wissenschaft zu der Geisteswissenschaft, die nicht aus dem Grunde sich nicht verbreitet, weil sie nicht verständlich wäre für jene Menschen, die kein Hellsehen haben, sondern weil durch die Brutalität der gegenwärtigen wissenschaftlichen Gesinnung sich so etwas, das neu ins Dasein tritt, überhaupt nicht verbreiten kann. Es schadet nichts — das ist meine Überzeugung —, wenn manchmal diese Dinge auch wirklich bei ihrem wahren Namen genannt und so charakterisiert werden, wie sie eigentlich sind. Man kann schon sagen: Wichtiger noch, als daß ein solcher Gedanke sich als Gedanke verbreitet, ist die Wirkung eines Gedankens auf das menschliche Seelenleben. Es kommt nämlich viel weniger darauf an, was wir für Gedanken haben, als welche Kräfte wir anwenden müssen, um den einen oder andern Gedanken zu fassen. Die menschliche Seelenverfassung muß eine ganz andere sein, ob man irgendeinen völlig toten Gedanken der heutigen sogenannten Wissenschaft, oder ob man einen lebendigen Gedanken der Geisteswissenschaft faßt. Das eine Mal, beim lebendigen Gedanken der Geisteswissenschaft, wird der ganze Mensch innerlich in Anspruch genommen, wird innerlich belebt und hineingestellt in den Kosmos; bei dem dagegen, was vielfach die heutige Wissenschaft produziert, besonders wenn sie über ihr engstes Gebiet hinausgeht, wird der Mensch seelisch hinausgeschoben aus dem kosmischen Zusammenhang.
[ 4 ] Thoughts such as those I attempted to outline yesterday are nothing other than a further development of Goethe’s theory of metamorphosis. These are all things that can be established without the need for any clairvoyant awareness. All that is required is true science and observation of the soul. If, on the other hand, instead of all the manifold follies to which official science leads people, one were to encourage a number of male and female students to grasp such a concept, then the path would no longer be far from truly imprinting spiritual science upon human culture. For it is precisely such ideas—which can be scientifically established today—that require nothing more than the good will to truly observe and to have thoughts—such concepts, such ideas could form the bridge from external, sensory science to spiritual science, which does not spread not because it would be incomprehensible to those who lack clairvoyance, but because, due to the brutality of the current scientific mindset, something new entering existence cannot spread at all. It does no harm—this is my conviction—if these things are sometimes actually called by their true names and characterized as they really are. One can certainly say: Even more important than the spread of such a thought as a thought is the effect of a thought on the human soul life. For what matters far less is what thoughts we have than what powers we must employ to grasp one thought or another. The state of the human soul must be entirely different depending on whether one grasps some completely lifeless thought of today’s so-called science or a living thought of spiritual science. In the case of the living thought of spiritual science, the whole human being is inwardly engaged, inwardly enlivened, and placed within the cosmos; in contrast, with much of what modern science produces—especially when it goes beyond its narrowest field—the human being is spiritually pushed out of the cosmic context.
[ 5 ] Das muß man einsehen. Das ist aber auch das, was wirklich durch die Geisteswissenschaft der Menschheit zugeführt werden muß. Denn gerade da, wo die Dinge für das unmittelbare Leben anfangen wichtig zu werden, zum Beispiel in der Erziehung, im Unterricht und in allem, was damit zusammenhängt, ist es von grenzenloser Bedeutung, daß lebendige, ins Leben unmittelbar eingreifende Begriffe die menschlichen Seelen umfassen können. Dann wird sich für die Seele selbst, welche die Dinge so anzuschauen vermag, ergeben, was die Aufgaben, was das Wesentliche ist im Eingreifen der Geisteswissenschaft für die ganze Geisteskultur unserer Zeit. Das müßte in seiner ganzen Bedeutung eigentlich einmal eingesehen werden. Dann würde man erst sehen, wie notwendig wir es haben, auf das fast ganz verrenkte Denken, welches der gegenwärtigen Lebenspraxis zuweilen zugrunde liegt, mit unbefangenen Augen hinzuschauen. Die Symptome dieses verrenkten Denkens werden gar nicht so leicht gefaßt.
[ 5 ] One must recognize this. But that is also what spiritual science must truly bring to humanity. For precisely where things begin to take on importance for immediate life—for example, in education, in teaching, and in everything connected with them—it is of boundless significance that living concepts, which intervene directly in life, be able to encompass the human soul. Then it will become clear to the soul itself—which is capable of viewing things in this way—what the tasks are, and what is essential in the contribution of spiritual science to the entire spiritual culture of our time. The full significance of this really ought to be recognized at some point. Only then would we see how necessary it is for us to look with an unbiased eye at the almost completely distorted thinking that sometimes underlies contemporary life. The symptoms of this distorted thinking are not at all easy to grasp.
[ 6 ] Ich habe gestern auf eines aufmerksam gemacht. Es ist ja auch bei uns, in unserer Praxis, schon notwendig, daß gar nichts von dem entfaltet werde, was man nennen könnte: Lässigkeit des Denkens, Trägheit des Denkens. Denn denken Sie einmal, wenn Lässigkeit des Denkens bei uns entwickelt würde! Ich habe in den letzten Zeiten überall, wo ich nur vortragen konnte, nach allen Richtungen hin das Lob des Buches von Oscar Hertwig gesungen: «Das Werden der Organismen.» Ich habe es das beste Buch der letzten Zeiten in bezug auf wissenschaftliche Leistungen genannt. Ich bin nicht zurückhaltend gewesen, weil es einmal von einem Menschen, der auf der Höhe der wissenschaftlichen Methoden seiner Zeit steht, unternommen worden ist, den Darwinismus aufzudröseln, in seine Grenzen zurückzuweisen. Bis auf die letzten Seiten konnte man mit ihm gehen. Jetzt ist das letzte Buch von Oscar Hertwig erschienen: «Zur Abwehr des ethischen, des sozialen, des politischen Darwinismus.» Und wie ich schon angedeutet habe, möchte man gegen die Impotenz, gegen das Bornierte, Beschränkte, Triviale, Unsinnige dieses Buches wirklich Worte finden, die möglichst scharf sind. Da verläßt einmal der naturwissenschaftliche Forscher das engste Gebiet — und redet ganz gehöriges Blech, aber ausgewalztes Blech! Und ich habe ein Beispiel angeführt, habe erwähnt, daß der gute Mann über die naturwissenschaftlichen Methoden das Folgende sagt: Endlich mußte alle Naturwissenschaft nach dem Muster der Astronomie gebaut werden. — Natürlich ist auch das nicht original; Da Bois-Reymond hatte es schon im Jahre 1872 gesagt, als er über den Bau der Atomenwelt sprach. Aber bedenken Sie, man sollte die Tatsachen um uns herum beobachten; dann aber wird als Muster die astronomische Theorie aufgestellt, welcher der Mensch so fern wie möglich steht! Logisch ist das nicht mehr wert, als wenn man einer Familie, die irgendwo draußen auf dem Lande in Armut schwimmt, das innere Leben dieser Familie dadurch begreiflich machen will, daß man ihr sagt: Du darfst nicht begreifen, wie sich in deiner Familie Vater und Mutter, Sohn und Tochter verhalten, sondern wie es in einem Grafenhause ist; daraus kannst du entnehmen, wie sich die Familiengesetze gestalten sollen! — Über solche Sachen wird aber heute hinweggelesen, das wird gar nicht beachtet. Bei uns aber ist es nötig, daß derlei Dinge beachtet werden. Bei uns darf es nicht nur keinen Autoritätsglauben, sondern auch kein Faulbett geben. Wir sind uns klar, daß, wenn einmal ein Urteil über einen Menschen gefällt ist, man sich nicht darnach auf alles verlassen kann, was sonst von demselben Menschen kommen könnte. Hier handelt es sich um anderes, und das soll wirklich auch bis in die Einzelheiten des Gebarens praktisch durchgeführt werden. Deshalb darf sich niemand wundern, wenn die eine Tätigkeit Oscar Hertwigs das eine Mal bis in den Himmel hinaufgehoben wird, und das nächste Mal etwa bis in die Hölle versenkt wird; denn das muß geschehen; aber man muß sich üben, das Leben vorurteilslos anzuschauen. Denn wer sich darin nicht übt, der bemerkt auf der einen Seite gar nicht, wie die unmittelbaren Tatsachen des Lebens sind, und auf der andern Seite nicht, wo er den Eingang zur geistigen Welt nur finden kann. Ich möchte ein kleines Beispiel dafür anführen. Ich weiß nicht, wie viele Leute die Sache bemerkt haben, aber so bemerkt haben, daß man wirklich die Nutzanwendung daraus im Leben zieht.
[ 6 ] I drew attention to one thing yesterday. Even here, in our practice, it is already necessary that nothing at all be allowed to develop of what one might call: carelessness of thought, sluggishness of thought. For just imagine if carelessness of thought were to develop among us! Lately, wherever I’ve had the opportunity to speak, I’ve sung the praises of Oscar Hertwig’s book, *The Development of Organisms*, in every direction. I’ve called it the best book of recent times in terms of scientific achievements. I have not held back, because it was undertaken by a person who stands at the pinnacle of the scientific methods of his time to unravel Darwinism and push it back within its limits. One could follow him right up to the very last pages. Now Oscar Hertwig’s latest book has been published: *In Defense Against Ethical, Social, and Political Darwinism*. And as I have already indicated, one would truly like to find words—as sharp as possible—to counter the impotence, the narrow-mindedness, the limited scope, the triviality, and the nonsense of this book. Here, for once, the natural scientist leaves his narrowest field—and spouts utter nonsense, and what a load of it! And I cited an example, mentioning that the good man says the following about scientific methods: Ultimately, all natural science had to be structured according to the model of astronomy. — Of course, that isn’t original either; Da Bois-Reymond had already said it in 1872 when he spoke about the structure of the atomic world. But consider this: one should observe the facts around us; yet then astronomical theory—which is as far removed from human experience as possible—is held up as the model! Logically, this is no more valid than trying to help a family living in poverty somewhere out in the countryside understand its own inner life by telling them: “You must not try to understand how the father, mother, son, and daughter behave in your own family, but rather how things are in a count’s household; from that you can deduce how family laws should be structured!” — But today, people skim over such matters; they are not taken into account at all. For us, however, it is necessary that such things be taken into account. For us, there must be not only no blind faith in authority, but also no complacency. We are well aware that once a judgment has been passed on a person, one cannot rely on everything else that might come from that same person. This is a different matter altogether, and it must truly be put into practice down to the finest details of behavior. Therefore, no one should be surprised if one of Oscar Hertwig’s actions is one moment lifted up to the heavens and the next moment plunged into hell, so to speak; for this must happen; but one must practice viewing life without prejudice. For whoever does not practice this fails, on the one hand, to perceive the immediate facts of life as they are, and on the other hand, to find the entrance to the spiritual world. I would like to give a small example of this. I do not know how many people have noticed this, but they have noticed it in such a way that they truly draw practical benefit from it in their lives.
[ 7 ] Da ist vor einiger Zeit im «Berliner Tageblatt» ein Artikel von Fritz Mauthner erschienen, worin sich dieser in den unglaublichsten trivialen, aber wirklich schon furchtbar trivialen Widerlegungen eines Mannes erging, der ein Buch geschrieben hat, in dem er neben anderem auch über Goethes Horoskop gesprochen hat. Ungemein selbstgefällig schrieb der Kritiker der Sprache, Fritz Mauthner, lange Spalten, versuchte zu zeigen, was dieser Mann an der Gegenwart für ein Unrecht dadurch begeht, daß er in einem Buche, das noch dazu in einer so populären Sammlung wie «Aus Natur und Geisteswelt» erschien, über das Goethesche Horoskop schreibt und dergleichen. Man bekam gegenüber diesem Artikel Fritz Mauthners das Gefühl: Es ist nun doch wirklich der Trivialität ein wenig zu viel. Aber davon abgesehen, der Verfasser dieses Buches in der Sammlung « Aus Natur und Geisteswelt» ist eigentlich ein ziemlicher Durchschnittsgelehrter der heutigen Zeit, und man konnte nicht recht begreifen, daß etwas vorliegen sollte, worüber man sich besonders aufregen müßte. Denn eigentlich wußte man gar nicht, warum Fritz Mauthner sich irgendwie aufregte. Man konnte es um so weniger begreifen, als der Verfasser dieses Büchelchens sich über alle die Leute lustig macht, die jene dort behandelten Dinge ernst nehmen, und Fritz Mauthner wendet sich gegen diesen Mann eigentlich nur aus dem Grunde, weil er über das Horoskop spricht. Nun hat derselbe Mann, der dieses Büchelchen verfaßt hat, sich im «Berliner Tageblatt» gerechtfertigt und klargelegt, daß ihm gar nicht eingefallen sei, für die Astrologie einzuspringen. Also der Mann hatte eigentlich alles erfüllt, was auch Fritz Mauthner nach seiner Funktion verlangen konnte. Die beiden sind ganz und gar einig, aber Fritz Mauthner ist dennoch über den Mann hergefallen, indem er es als etwas sozial höchst Gefährliches beträchtete, daß ein derartiges Buch in einer solchen Sammlung erschien. Und das «Berliner Tageblatt» macht dazu die Bemerkung, daß . es eigentlich nicht finden könne, daß Fritz Mauthner die Sache nicht richtig verstanden habe; es sei im Gegenteil ganz einverstanden mit dem, was Mauthner geschrieben hat.
[ 7 ] Some time ago, an article by Fritz Mauthner appeared in the *Berliner Tageblatt*, in which he indulged in the most unbelievable—and truly, terribly trivial—refutations of a man who had written a book in which, among other things, he discussed Goethe’s horoscope. With immense self-satisfaction, the literary critic Fritz Mauthner wrote lengthy columns, attempting to show what a disservice this man is doing to the present by writing about Goethe’s horoscope and the like in a book that, moreover, appeared in such a popular series as “Aus Natur und Geisteswelt.” Reading Fritz Mauthner’s article gave one the feeling: This really is a bit too much triviality. But apart from that, the author of this book in the “Aus Natur und Geisteswelt” series is actually a fairly average scholar of our time, and one could not quite understand why there should be anything here to get particularly worked up about. After all, one didn’t really know why Fritz Mauthner was getting worked up at all. It was all the more difficult to understand given that the author of this little book makes fun of all the people who take the topics discussed there seriously, and Fritz Mauthner actually takes issue with this man solely because he talks about horoscopes. Now, the very same man who wrote this little book has defended himself in the *Berliner Tageblatt* and made it clear that it never even occurred to him to advocate for astrology. So the man had actually fulfilled everything Fritz Mauthner could have demanded of him given his role. The two are in complete agreement, but Fritz Mauthner nevertheless lashed out at the man, considering it socially highly dangerous for such a book to appear in such a collection. And the *Berliner Tageblatt* comments on this, stating that it “could not really find fault with Fritz Mauthner’s understanding of the matter; on the contrary, it fully agrees with what Mauthner has written.”
[ 8 ] Das ist nur ein besonders eklatantes Beispiel für jenen Grad geistigen Schwachsinns, der auf dem Grunde eigentlich aller dieser Dinge schon ruht. Wenn man auf der andern Seite ins Auge faßt, wie sehr das Leben eigentlich verquickt ist mit dem, was in solcher Journalisten-, in solcher inferioren Geistestätigkeit zum Ausdruck kommt, dann kommt man schon auf die Gedanken, welche die gegenwärtige geistige Kultur charakterisieren. Und dieseGedanken muß man eigentlich haben. Das gehört notwendigerweise dazu, wenn man Verständnis gewinnen will für die Aufgaben, welche die geisteswissenschaftliche Richtung eigentlich haben kann. Was man vor allem wissen muß, das ist, daß solche Dinge, wie Verlogenheit, Lüge, reale Mächte sind, und man kann sich nichts ärger Verlogenes vorstellen, als wenn so etwas geschieht: Der eine schreibt ein Buch über Astrologie, der andere fällt über ihn her, weil er nicht will, daß überhaupt jemand darüber schreibt, und der erste rechtfertigt sich nun, indem er sagt: Du, ich mache damit aber nur einen Spaß. — Hätte er vorher gesagt: Ich mache damit nur einen Spaß, daß ich hier auch noch das Horoskop Goethes erzähle —, dann würde Mauthner befriedigt gewesen sein.
[ 8 ] This is just a particularly glaring example of the degree of intellectual absurdity that actually underlies all of these things. On the other hand, when one considers how deeply life is actually intertwined with what is expressed in such journalistic—such inferior—intellectual activity, one inevitably arrives at the ideas that characterize contemporary spiritual culture. And these are the very ideas one must have. This is an essential part of gaining an understanding of the tasks that the spiritual-scientific approach can actually fulfill. What one must know above all is that things such as insincerity and lies are real forces, and one cannot imagine anything more insincere than when something like this happens: One person writes a book about astrology, another attacks him because he does not want anyone to write about it at all, and the first person justifies himself by saying, “Hey, I’m just joking around.” — If he had said beforehand, “I’m just joking by including Goethe’s horoscope here too,” then Mauthner would have been satisfied.
[ 9 ] Die Dinge sind durchaus ernst und hängen mit den ernstesten Strömungen der Gegenwart zusammen, vor allem mit dem, was man auch durchschauen muß: daß es die Geisteswissenschaft notwendig in unserer Gegenwart schwierig haben muß, um durchzudringen, um irgendwie etwas von dem zu erreichen, was ihr zu erreichen eigentlich obliegt. Sie fordert wirklich ein starkes und mutiges Denken, und neben all ihrem Inhalt ist dies notwendig, daß man sich eben etwas vertraut macht mit dem Gedanken, daß die Geisteswissenschaft ein starkes und mutiges Denken fordert. Diesem starken und mutigen Denken ist vielfach der Boden abgegraben worden. Wie ihm der Boden abgegraben worden ist, das allerdings führt wieder dazu, etwas einzusehen: daß bei diesem Abgraben des Bodens nicht allein bloß irdische, menschliche Wesenheiten tätig waren, sondern daß seit Jahrhunderten die großen ahrimanischen Mächte der Menschheit dabei am Werke sind. Zu all den Dingen, die von den ahrimanischen Wesenheiten unternommen worden sind, um die Menschheit in ein solches Wirrsal hineinzubringen, aus dem heraus das Licht wieder gefunden werden muß, zählt vor allem auch das, daß man die Menschen dazu gebracht hat, nicht mehr einzusehen, daß alles Materielle im Geistigen wurzelt, und daß alles Geistige sich materiell offenbaren will. Man hat die Welt zerrissen, das Zusammengehörige auseinandergebracht. Vor allen Dingen, wenn man das äußere Historische der fortlaufenden christlichen Strömung — nicht des Christentums — ins Auge faßt, da findet man ahrimanische Mächte, die durch die Menschheit wirken, in dieser christlichen Entwickelung gar sehr am Werke. Eines schon unter vielem andern sollte man beachten: das Auseinanderreißen desjenigen, was Sonne und Sonnenkraft einerseits, und was Christus und Christus-Kraft andererseits ist. Wenn nicht der Zusammenhang zwischen Sonne und Sonnenkraft und Christus und Christus-Kraft wieder erkannt wird, dann wird die Welt nicht immer leicht an das Geistige angeknüpft werden können. Darin liegt aber gerade eine der Hauptaufgaben geistiger Wissenschaft, daß man in einer andern Weise — in der Weise, wie es dem Durchgeistigtsein der Menschheit mit dem Christus-Mysterium entspricht — wiederum das große Sonnengeheimnis auffinden kann, das durch die Zeiten vor dem Mysterium von Golgatha noch nicht das Christus-Geheimnis sein konnte, das nachdem aber zugleich das Christus-Geheimnis geworden ist. Julian der Abtrünnige, der Apostat, kannte das Sonnenmysterium nur noch in der alten Form, er verstand noch nicht, daß es das Christus-Mysterium war. Das ist sein tragisches Geschick, das tragische Geschick, daß er von dem welthistorischen Wahn befallen war, der Menschheit das Geheimnis von der geistigen Kraft der Sonne mitzuteilen. Das führte dann auch dazu, daß er auf seinem persischen Zuge ermordet worden ist.
[ 9 ] The situation is quite serious and is connected to the most serious trends of our time, above all to what one must also recognize: that spiritual science necessarily faces difficulties in our time in breaking through and in achieving, in any way, what it is actually called upon to achieve. It truly demands strong and courageous thinking, and in addition to all its content, it is necessary to familiarize oneself with the very idea that spiritual science demands strong and courageous thinking. The ground has been pulled out from under this strong and courageous thinking in many ways. How this foundation has been undermined, however, leads us once again to realize something: that in this undermining of the foundation, it was not merely earthly, human beings who were at work, but that for centuries the great Ahrimanic forces have been at work in this regard. Among all the things that the Ahrimanic beings have undertaken to plunge humanity into such a state of confusion—from which the light must be rediscovered—is, above all, the fact that they have led people to no longer recognize that everything material is rooted in the spiritual, and that everything spiritual seeks to manifest itself materially. The world has been torn apart; what belongs together has been separated. Above all, when one considers the external historical course of the ongoing Christian movement—not Christianity itself—one finds Ahrimanic forces working through humanity very much at work in this Christian development. One thing, among many others, should be noted: the tearing apart of what is the Sun and solar power on the one hand, and what is Christ and Christ power on the other. Unless the connection between the Sun and solar power and Christ and Christ power is recognized once more, the world will not always be easily linked to the spiritual. Yet this is precisely one of the main tasks of spiritual science: to rediscover, in a different way—in a way that corresponds to humanity’s spiritualization through the Christ Mystery—the great mystery of the sun, which, in the times before the Mystery of Golgotha, could not yet be the Christ Mystery, but which, thereafter, simultaneously became the Christ Mystery. Julian the Apostate knew the mystery of the sun only in its ancient form; he did not yet understand that it was the mystery of Christ. This is his tragic fate—the tragic fate of having been seized by the delusion, in the context of world history, of imparting to humanity the secret of the sun’s spiritual power. This ultimately led to his assassination during his campaign in Persia.
[ 10 ] Wir haben aber im 19. Jahrhundert noch eine geistige Unternehmung zu verzeichnen, die von ahrimanischen Mächten aufgerichtet worden ist, um das, was ich jetzt sage: das Sonnenmysterium in Verbindung mit andern Mysterien —, die Menschheit nicht wissen zu lassen. Auch diesen Dingen muß man gehörig ins Auge schauen. Ich erwähne jetzt etwas, was man, wenn ich es nicht vor vorbereiteten Menschen, sondern in irgendeinem wissenschaftlichen Verein oder dergleichen erwähnen würde, selbstverständlich für Wahnsinn halten würde. Aber darauf kommt es nicht an. Es handelt sich darum, die Wahrheit zu sagen; denn die Entscheidung darüber, ob man selbst oder die andern wahnsinnig sind, ist ja eine Frage, die dabei nicht zum Austrag gebracht werden muß. — Im 19. Jahrhundert ist im wesentlichen erst eine Vorstellung entstanden, welche heute die ganze Wissenschaft beherrscht, und die, wenn sie im stärkern Grade noch als gegenwärtig schon herrschen wird, niemals gesunde Vorstellungen über das geistige Leben wird Platz greifen lassen. Zu den Vorstellungen, die heute über die Grundprinzipien von Physik und Chemie verbreitet sind, gehört die Grundvorstellung von der Erhaltung der Kraft, von der Erhaltung der Energie, wie sie heute vertreten wird. Sie können heute überall nachforschen und werden hören, daß gesagt wird, Kräfte verwandeln sich nur. Die vorgebrachten Beispiele sind natürlich im einzelnen überall berechtigt. Wenn ich mit der Hand über den Tisch streiche, wende ich Druck auf, aber die aufgewendete Kraft ist dadurch nicht verbraucht, der Druck verwandelt sich in Wärme. So verwandeln sich alle Kräfte. Eine Umwandelung der Kraft, der Energie findet statt. «Erhaltung des Stoffes und der Kraft» ist ja ein Schlagwort, das im eminentesten Sinne alles, was heute wissenschaftlich denkt, ergriffen hat. Daß nichts entsteht und vergeht in bezug auf das Stoffliche und in bezug auf die Energien, die Kräfte, das gilt als ein Axiom. Führt man es in seinen Grenzen an, so kann man gar nichts dagegen haben. Aber man führt es ja in den Wissenschaften nicht innerhalb der Grenzen an, sondern so, daß man es zu einem Dogma, zu einem wissenschaftlichen Dogma macht.
[ 10 ] However, in the 19th century there was another spiritual undertaking that was established by Ahrimanic forces to prevent humanity from learning what I am about to say: the mystery of the Sun in connection with other mysteries. We must also look these things squarely in the face. I am now going to mention something that, if I were to say it not to a prepared audience but in some scientific society or the like, would naturally be considered madness. But that is not the point. The point is to speak the truth; for the question of whether one is mad oneself or whether others are mad is, after all, a matter that need not be settled here. — It was essentially only in the 19th century that a concept emerged which today dominates the entire scientific world, and which, if it comes to dominate even more strongly than it already does, will never allow healthy conceptions of spiritual life to take root. Among the ideas that are widespread today regarding the fundamental principles of physics and chemistry is the basic concept of the conservation of force and the conservation of energy, as it is understood today. You can inquire anywhere today and will hear it said that forces merely transform. The examples given are, of course, valid in each specific instance. When I run my hand across the table, I exert pressure, but the force expended is not thereby consumed; the pressure is transformed into heat. In this way, all forces are transformed. A transformation of force and energy takes place. “Conservation of matter and force” is, after all, a catchphrase that has, in the most profound sense, taken hold of all scientific thought today. The fact that nothing comes into being or ceases to exist—whether in terms of matter or in terms of energies and forces—is regarded as an axiom. If one applies it within its proper limits, there is nothing to object to. But in the sciences, it is not applied within those limits; rather, it is treated in such a way as to turn it into a dogma, a scientific dogma.
[ 11 ] Es hat sich ja gerade im 19. Jahrhundert eine merkwürdige ahrimanische Praxis der Vergröberung der Vorstellungen herausgebildet. Da ist eine wunderbar glänzend schöne Abhandlung von Julius Robert Mayer über die Erhaltung der Energie erschienen. Diese Abhandlung, die im Jahre 1842 erschienen ist, wurde damals von den meisten tonangebenden Geistern Deutschlands zurückgewiesen; sie galt als dilettantisch. Julius Robert Mayer ist später sogar ins Irrenhaus gesperrt worden. Heute weiß man, daß er eine grundlegende wissenschaftliche Entdeckung gemacht hat. Aber das hat nicht gewirkt. Denn man kann leicht nachweisen, daß die, welche ihn bei diesem wissenschaftlichen Gesetz erwähnen, ihn selbst nicht gelesen haben. Es gibt eine Geschichte der Philosophie von Ueberweg, worin Mayer auch erwähnt wird; in ein paar Zeilen wird darin von ihm gesprochen. Wer sich aber diese paar Zeilen durchliest, der weiß sofort: Dieser klassische Geschichtsschreiber der Philosophie, den alle Studenten durchochsen müssen, hat nichts von ihm gelesen; sonst könnte er nicht einen solchen Stiefel geschrieben haben wie das, was die Studenten zu ochsen haben. Aber es ist ja die Sache auch nicht in der feingeistigen Art, wie sie bei Mayer behandelt wird, in die Menschenseelen übergegangen, sondern in einer viel gröberen Weise. Und das kommt vor allem daher, weil nicht die Gedanken von Julius Robert Mayer, sondern die des englischen Bierbrauers Joule und des Physikers Helmholtz unter völligem Verlassen der Gedanken Julius Robert Mayers in die Wissenschaft übergegangen sind. Aber man findet es heute nicht nötig, diese Dinge ins Auge zu fassen. Diese Verhältnisse müßte man an unseren höheren Unterrichtsanstalten auch kennenlernen. Man müßte doch auch erfahren, weshalb der Darwinismus eine so rasche Ausbreitung gefunden hat. Denn glauben Sie mir, wenn Darwins Buch «Über die Entstehung der Arten durch natürliche Zuchtwahl» einfach so erschienen wäre, als ein Buch ins Publikum geworfen, es hätte nicht so alle populären Kreise ergriffen, und wären diese Ansichten auf den Wolken herangetragen worden. Nein, was dem Darwinismus eigentlich zugrunde liegt, dem war schon vorgearbeitet. Es ist nämlich 1844, also lange Zeit vor Darwin, ein zusammengestoppeltes Buch herausgekommen, das in der trivialsten Weise alle die Dinge nennt, welche ZLamarck und andere gesagt haben. Es war ein rein buchhändlerisch spekulatives Unternehmen, das Robert Chambers in Edinburgh hat erscheinen lassen, weil man wußte, man kann auf die Instinkte des 19. Jahrhunderts rechnen und dringt mit so etwas durch. Und in diese so geschwängerte Atmosphäre hat Darwin seine Sachen hineingeworfen. Er hat nur die Dinge von Lamarck mit der Selektionstheorie durchsetzt; denn den englischen Praktikern waren diese Sachen schon längst bekannt. Denn vorher war ein Buch erschienen: «Schiffsbauholz und Baumcultur» von Patrick Matthew, darin ist die Selektionstheorie offen ausgesprochen. — Die Wege, auf denen diese Dinge in die Kultur des 19. Jahrhunderts hineingegangen sind, müßten einmal aufgedeckt werden. Geschichte, so wie sie dargestellt wird, ist ein Mythos, eine große Verlogenheit auf den meisten Gebieten. Es handelt sich darum, daß man wirklich ins Auge faßt, was tatsächlich geschehen ist. Denn es ist etwas anderes, ob der junge Mensch weiß, daß man es mit einer wissenschaftlichen Tatsache zu tun hat, oder ob es sich um die Gedanken des englischen Bierbrauers Joule handelt. Es ist etwas anderes für ihn, zu wissen, ob etwas durch alle wissenschaftlichen Betrachtungen des 19. Jahrhunderts festgestellt wurde, oder ob man es mit einem Unternehmen des Edinburgher Verlagsbuchhändlers Robert Chambers zu tun hat. Das führt in der richtigen Weise in die Wahrheit hinein. Auf Wahrheit vor allem muß sich die Menschheit einstellen.
[ 11 ] It was precisely in the 19th century that a peculiar Ahrimanic practice of coarsening ideas took shape. A wonderfully brilliant and beautiful treatise by Julius Robert Mayer on the conservation of energy was published. This treatise, which appeared in 1842, was rejected at the time by most of Germany’s leading intellectuals; it was considered amateurish. Julius Robert Mayer was later even confined to an insane asylum. Today we know that he made a fundamental scientific discovery. But that had no impact. For it is easy to prove that those who mention him in connection with this scientific law have not read him themselves. There is a history of philosophy by Ueberweg in which Mayer is also mentioned; he is discussed in just a few lines. But anyone who reads through these few lines will immediately realize: This classic historian of philosophy, whom all students are required to plow through, has read nothing by him; otherwise, he could not have written such a piece of drivel as what the students are forced to wade through. But the matter has not entered people’s minds in the refined manner in which it is treated by Mayer, but in a much cruder way. And this is primarily because it was not the ideas of Julius Robert Mayer, but those of the English brewer Joule and the physicist Helmholtz—who completely disregarded the ideas of Julius Robert Mayer—that have entered the realm of science. But today, people do not find it necessary to take these matters into account. These circumstances should also be taught at our institutions of higher education. One should also learn why Darwinism has spread so rapidly. For believe me, if Darwin’s book *On the Origin of Species by Means of Natural Selection* had simply appeared out of the blue, as a book thrown to the public, it would not have taken all popular circles by storm, even if these views had been carried on the wings of the clouds. No, the groundwork for what actually underlies Darwinism had already been laid. Namely, in 1844—long before Darwin—a cobbled-together book was published that listed, in the most trivial manner, all the things that Lamarck and others had said. It was a purely speculative commercial venture that Robert Chambers had published in Edinburgh, because they knew they could count on the sensibilities of the 19th century and make a success of such a thing. And it was into this atmosphere, already so saturated with such ideas, that Darwin threw his ideas. He merely interwove Lamarck’s ideas with the theory of natural selection; for these concepts had long been familiar to English practitioners. A book had been published earlier: *Shipbuilding Timber and Tree Cultivation* by Patrick Matthew, in which the theory of natural selection is explicitly stated. — The paths by which these ideas entered 19th-century culture would have to be uncovered one day. History, as it is presented, is a myth, a great deception in most areas. The point is to truly take stock of what actually happened. For it is one thing for a young person to know that they are dealing with a scientific fact, and quite another if it concerns the ideas of the English brewer Joule. It makes a difference for them to know whether something has been established through all the scientific investigations of the 19th century, or whether it is the result of an endeavor by the Edinburgh publisher and bookseller Robert Chambers. This is the proper path to the truth. Above all, humanity must attune itself to the truth.
[ 12 ] Diese Vorstellung von der absoluten, nicht relativen, Unvergänglichkeit des Stoffes und der Kraft verhindert — man könnte es heute physiologisch feststellen, und nur das Dogma von der Erhaltung der Energie hindert die Menschen daran —, daß der Ort erkannt werde, wo wirklich Stoff ins Nichts verschwindet und neuer Stoff beginnt. Und dieser einzige Ort in der Welt — es sind viele Orte — ist der menschliche Organismus. Durch den menschlichen Organismus geht der Stoff nicht bloß durch, sondern während des Prozesses, der sich seelisch erlebt in der Synthesis von Konzipiertwerden und Sterben, spielt sich körperlich das ab, daß gewisser Stoff, der von uns aufgenommen wird, tatsächlich verschwindet, daß Kräfte vergehen und neu erzeugt werden. Diejenigen Dinge, die dabei in Betracht kommen, sind eigentlich älter beobachtet, als man meint. Aber auf diese Beobachtungen wird kein Wert gelegt. Man studiere nur einmal sorgfältig die Blutzirkulation im Inneren des Auges: Mit den Instrumenten, die heute schon vollkommen genug sind, um auch äußerlich so etwas sehen zu können, wird man an der Blutzirkulation rein äußerlich, physikalisch, nachweisen können, was ich eben ausgesprochen habe. Denn man wird zeigen können, daß Blut nach einem Organ peripherisch hingeht, in das Organ hinein verschwindet und aus ihm wiederum erzeugt wird, um zurückzufließen, so daß man es nicht mit einem Blutkreislauf zu tun hat, sondern mit einem Entstehen und Vergehen. Diese Dinge gibt es, doch die dogmatischen Vorstellungen der heutigen Wissenschaft hindern das, worauf es in bezug auf sie ankommt. Deshalb werden die Menschen heute auch gehindert, gewisse Prozesse und Vorgänge, die einfach real sind, in ihrer Realität zu betrachten.
[ 12 ] This notion of the absolute—not relative—immortality of matter and force prevents—as could be established physiologically today, and only the dogma of the conservation of energy prevents people from doing so—the recognition of the point where matter truly vanishes into nothingness and new matter begins. And this one place in the world—though there are many such places—is the human organism. Matter does not merely pass through the human organism; rather, during the process that is experienced psychologically as the synthesis of conception and death, the physical reality unfolds in which certain matter that we take in actually disappears, and forces are consumed and regenerated. The phenomena involved here have actually been observed for longer than one might think. But no importance is attached to these observations. One need only carefully study the blood circulation inside the eye: Using instruments that are already sufficiently advanced today to observe such phenomena externally as well, one will be able to demonstrate—purely externally, physically—through the blood circulation what I have just described. For one will be able to show that blood flows peripherally toward an organ, disappears into the organ, and is generated anew within it in order to flow back out, so that one is not dealing with a blood circulation but with a process of generation and decay. These phenomena exist, yet the dogmatic notions of modern science stand in the way of what is essential regarding them. That is why people today are also prevented from viewing certain processes and phenomena—which are simply real—in their true reality.
[ 13 ] Was ist es für die heutige Wissenschaft, wenn Menschen sterben, rein als physische Wesen sterben? Man nimmt davon in der Wissenschaft keine Notiz. Sonst beschäftigt man sich ja genügend mit den Toten, weil man an die Lebenden nicht herankommen kann, aber man nimmt in der Wissenschaft nicht von der Tatsache des Sterbens Notiz. Daß man sich sonst mit den Toten beschäftigt, dafür wurde mir erst gestern ein Beispiel erzählt. Im Jahre 1889 wurde Hamerling in Graz provisorisch beigesetzt. Später sollte er in eine andere Gruft überführt werden. Während der Überführung — der Herr, der die Sache aufdeckte, hat es mir erst gestern erzählt — von der provisorischen Gruft in die spätere, verschwand der Schädel. Der Schädel war nicht da. Der betreffende Herr ist der Sache nachgegangen, und da hat sich denn herausgestellt, daß im Universitätsmuseum ein Gipsabguß von dem Schädel genommen worden war. Der Schädel hat, eingepackt in Zeitungspapier, an einer Stelle dort gestanden, und nur dadurch ist er wieder in sein Grab zum übrigen Organismus gekommen, daß damals die Sache aufgedeckt worden ist. — Man beschäftigt sich also schon mit den Toten, aber nicht mit der Tatsache des Todes. Denn diese Tatsache des Todes führt ebenfalls dazu, Wichtigstes einzusehen. Der Menschenstaub nämlich — ich habe schon in einer der letzten Betrachtungen darauf hingewiesen — macht ganz besondere Wege durch. Ich habe darauf hingewiesen, daß er eigentlich den Weg nach oben anzutreten versucht. Es würde tatsächlich der Staub, der vom Menschen kommt, anders als anderer Staub, in den ganzen Kosmos hinein zerstäuben, ganz gleichgültig, ob der Leichnam verbrannt wird oder verwest, wenn er nicht ergriffen würde von der Sonnenkraft, von der Kraft, die in der Sonne ist. In der Tat, diejenige Kraft, die uns an der Oberfläche des glitzernden Steines erglänzt, oder wenn wir die Pflanzenfarben sehen, das ist nur eine Kraft der Sonne, das ist diejenige Kraft, die Julian, der Apostat, die sichtbare Sonne genannt hat. Dann haben wir die unsichtbare Sonne, welche der sichtbaren zugrunde liegt, wie die Seele dem äußeren physischen Menschenorganismus. Diese Kraft, die natürlich nicht mit den physischen Ätherstrahlen herunterkommt, sondern die darin erst wieder lebt, diese Kraft belebt in einer ganz besonderen Weise den Menschenstaub, so wie sie sonst nichts, nicht den mineralischen, nicht den pflanzlichen und nicht den tierischen Staub belebt. Eine fortwährende Wechselwirkung findet statt post mortem zwischen dem, was rein äußerlich, leiblich, vom Menschen übrigbleibt, und den Kräften, die von der Sonne herunterstrahlen. Beides begegnet sich. Die Kräfte, die da herunterströmen, um den Menschenstaub zu bewegen, sind allerdings diejenigen Kräfte, die der Tote selber — jetzt als geistig-seelische Individualität — nach dem Tode entdeckt. Während wir, indem wir in den physischen Leib hinein inkarniert sind, die physische Sonne sehen, entdeckt der Tote, wenn er durch die Pforte des Todes gegangen ist, die Sonne zuerst als das Weltenwesen, welches da unten auf der Erde Menschenstaub belebt. Das ist eine Entdeckung, die der Tote unter den allgemeinen Entdeckungen, die er nach dem Tode macht, auch macht. Er lernt kennen das Ineinander-Verwobenwerden von Sonnenkraft, von seelischer Sonnenkraft mit Menschenstaub. Und indem er dieses Gewebe kennenlernt zwischen Menschenstaub und Sonnenktaft, lernt er erstens überhaupt das Geheimnis der Wiederverkörperung kennen, von der andern Seite gesehen, vorbereitend die nächste Inkarnation, aus dem Kosmos heraus webend die nächste Inkarnation. Und außerdem lernt er von der andern Seite gewisse Tatsachen erkennen, auf denen das Geheimnis der Wiederverkörperung beruht, wovon wir in > der nächsten Zeit auch sprechen werden.
[ 13 ] What does it mean for modern science when people die—die purely as physical beings? Science takes no notice of this. Otherwise, scientists do indeed concern themselves sufficiently with the dead, because they cannot reach the living, but in science, they take no notice of the fact of dying. As for the fact that science otherwise deals with the dead, I was told an example of this just yesterday. In 1889, Hamerling was provisionally buried in Graz. Later, he was to be transferred to another crypt. During the transfer—the gentleman who uncovered the matter told me this just yesterday—from the provisional crypt to the permanent one, the skull disappeared. The skull was not there. The gentleman in question investigated the matter, and it turned out that a plaster cast of the skull had been taken at the University Museum. The skull, wrapped in newspaper, had been sitting there in one spot, and it was only because the matter was uncovered at that time that it was returned to its grave to rejoin the rest of the body. — So people are already concerned with the dead, but not with the fact of death itself. For this fact of death also leads us to recognize something of the utmost importance. Namely, human dust—as I have already pointed out in one of my recent reflections—takes very special paths. I have pointed out that it actually attempts to make its way upward. In fact, the dust that comes from human beings—unlike other dust—would disperse throughout the entire cosmos, regardless of whether the corpse is cremated or decays, if it were not seized by the power of the sun, by the power that is in the sun. In fact, the force that shines upon the surface of a glittering stone, or when we see the colors of plants, is nothing but a force of the sun; it is the very force that Julian the Apostate called the visible sun. Then we have the invisible sun, which underlies the visible one, just as the soul underlies the outer physical human organism. This force—which, of course, does not descend with the physical etheric rays but rather comes to life anew within them—animates human dust in a very special way, just as it animates nothing else: neither mineral, nor plant, nor animal dust. A continuous interaction takes place after death between what remains of the human being in a purely external, physical sense and the forces that radiate down from the Sun. The two meet. The forces that stream down to move human dust are, in fact, the very forces that the deceased—now as a spiritual-soul individuality—discovers after death. While we, being incarnated in the physical body, see the physical sun, the deceased, once they have passed through the gate of death, first discovers the sun as the cosmic being that animates human dust down here on Earth. This is one of the many discoveries the deceased makes after death. They come to know the interweaving of solar power—of soul-sun power—with human dust. And as they come to know this interweaving between human dust and solar power, they first come to know the mystery of reincarnation itself, viewed from the other side, preparing for the next incarnation, weaving the next incarnation out of the cosmos. Furthermore, he learns to recognize, from the other side, certain facts upon which the mystery of reincarnation is based—facts that we will also discuss >in the near future.
[ 14 ] Dies führt uns nun wieder dahin, einen Begriff zu erhalten, wie ganz anders die Vorstellungen des inneren Lebens der Menschenseele sind, wenn die Seele durch die Pforte des Todes gegangen ist, gegenüber den Erlebnissen, welche die Seele hier hat. Diese Erlebnisse nach dem Tode sind schon in der ganzen Konfiguration der Seele anders. So wie wir hier zwischen Schlafen und Wachen abwechseln, so wechselt der Tote auch zwischen Bewußtseinszuständen ab. Ich habe hier in diesen Vorträgen schon darauf aufmerksam gemacht, will es aber von einem andern Gesichtspunkte aus noch einmal kurz charakterisieren.
[ 14 ] This brings us back to the realization of just how different the experiences of the inner life of the human soul are once the soul has passed through the gate of death, compared to the experiences the soul has here. These experiences after death are different even in the very structure of the soul. Just as we alternate here between sleeping and waking, so too does the deceased alternate between states of consciousness. I have already drawn attention to this in these lectures, but I would like to briefly characterize it once more from a different perspective.
[ 15 ] Wir leben hier, neben anderem, in Gedanken, innerlich seelisch. Der Tote tritt in eine Realität ein. Was für uns bloß Gedanken sind, ist diese Realität. Während wir im physischen Leben die äußerliche mineralische, pflanzliche, tierische Welt wahrnehmen und dazu unsere eigene physische Welt haben, ist das, wovon wir nur den Schatten erleben im Gedanken, für den Toten gleich da, wenn er durch die Pforte des Todes geschritten ist. Und diese Welt, in die er da eintritt, verhält sich zur physischen wirklich so, wie hier die Gegenstände zu den Schatten. Wir haben im Gedanken nur die Schatten dessen, was der Tote erlebt. Aber der Tote erlebt das anders, als wir Gedanken erleben. Er erfährt über die Gedanken etwas anderes, als der Mensch hier, wenigstens in unserem heutigen Zeitalter. Für gewöhnlich träumt der Mensch in bezug auf die Gedanken. Der Tote aber erfährt: Indem er denkt, also in Gedanken als in Realitäten lebt, wird er, wächst er, gedeiht er; in demselben Maße, als er die Gedanken verläßt, nicht in ihnen lebt, entwird er, wird magerer, spärlicher. Entstehen und Vergehen selber hängt post mortem zusammen mit In-Gedanken-Leben und Außer-den-Gedanken-Leben. Wenn es hier so wäre, daß die Menschen magerer würden, die nicht denken wollen, so könnte sich eine merkwürdige Welt zeigen. Aber wir erleben eben nur die unwirksamen Schatten der Gedanken, die keine realen Wirkungen haben. Der Tote erlebt die Gedanken als Wirklichkeiten; sie nähren ihn, oder zehren ihn ab in seinem seelisch-geistigen Dasein. Und diese Zeit, in der die Gedanken ihn nähren oder abzehren, ist zugleich die Zeit, in welcher er sein übersinnliches Wahrnehmungsleben entwickelt. Er sieht, wie die Gedanken in ihn einströmen, und wie sie wieder weggehen. Es ist nicht ein solches Wahrnehmen, wie sonst in unserem gewöhnlichen Bewußtsein, wo wir nur die fertigen Wahrnehmungen haben, sondern es ist ein durchgehender Strom des Gedankenlebens, der sich immer mit dem eigenen Wesen verbindet. Wenn der physische Mensch auf der Erde noch so viele Dinge sieht, so ist er doch hinterher, wenn er alles gesehen hat, genau ebenso beschaffen, nur daß er nachher meistens etwas davon weiß, was er vorher gewesen ist, aber es hat an seiner Organisation wenigstens nicht erheblich viel geändert. Beim Toten ist das anders; er sieht sich selber in fortwährender Veränderung mit dem, was er wahrnimmt. Das ist der eine Zustand: dieses Wahrnehmen des Hereinfließens und des Fortfließens eines lebendigen Gedankenstromes. Der andere Zustand ist, daß dies aufhört, und daß ein ruhiges Sich-zum-Bewußtsein-Bringen dessen besteht, was so durch ihn durchgeflossen ist: eine intensivere Erinnerung, eine Erinnerung, die nicht unsere abstrakte Erinnerung ist, sondern die wieder mit dem ganzen Werden zusammenhängt. Diese beiden Zustände wechseln ab. Deshalb sind die Toten auch eigentlich nur empfänglich für solche Gedanken, die aus der geisteswissenschaftlichen oder aus der spirituellen Gesinnung heraus zu ihnen hingetragen werden. Das Gedankenwesen, das die heutigen Menschen gewöhnlich haben, dringt eigentlich kaum zu den Toten, und das Gedankenwesen, das zu den Toten dringt, lieben die heutigen Menschen nicht sehr. Die heutigen Menschen lieben solche Gedanken, die sie irgendwie aus der Außenwelt hernehmen können. Gedanken aber, die man nur dadurch hat, daß man sie innerlich erarbeiten muß, die also innerlich seelisch schon eine Spur von dem haben, was die Gedanken nach dem Tode haben, diese Beweglichkeit, dieses Leben liebt man nicht. Das ist dem heutigen Menschen viel zu schwer. Deshalb können die Menschen auch, wenn sie hübsch im Laboratorium sitzen, das Mikroskop haben und unter dem Mikroskop die Zellen, können mit dem Messer den entsprechenden Schnitt machen, den Schnitt beobachten oder in irgendeiner Weise andere Beobachtungen verarbeiten. Dann können sie so ausgezeichnete Bücher schreiben wie Oscar Hertwig: «Das Werden der Organismen.» In dem Augenblick aber, wo sie anfangen zu denken, können sie so unsinnige Bücher schreiben, wie der jetzige Oscar Hertwig. Der Unterschied ist nur der, daß für ein Buch wie sein zweites, nicht Gedankenleichname notwendig gewesen wären. Für die naturwissenschaftlichen Bücher sind nur Gedankenleichname notwendig; für Bücher von der Art des zweiten wären lebendige Gedanken notwendig gewesen. Die hat er nicht! Das ist aber nötig, solche Gedanken wirklich zu lieben, in ihnen leben zu können. Denn in dem Augenblick, wo man als hier Zurückgebliebener wirklich eine Brücke schlagen will zu dem, der durch die Pforte des Todes gegangen ist, und mit dem man karmisch verbunden war, in diesem Augenblick braucht man wenigstens eine Gesinnung, die zum Leben in Gedanken hinneigt. Hat man diese Gesinnung, so sind die Gedanken der Zurückgebliebenen für den Toten wirklich eine ganz besondere Zugabe zum Leben und ändern viel, unendlich viel an dem Dasein derjenigen Menschen, die zwischen Tod und neuer Geburt stehen. Aber, wenn allerdings in den Menschenseelen ein unbestimmtes Gefühl von allem leben würde, wovon die Toten die Meinung haben, es sollte auf der Erde anders sein, als es ist, dann würden die Lebenden an diesem Gedanken wenig Beseligung haben. Ein solches unbestimmtes Gefühl ist vorhanden. Die Menschen fürchten, es könnte die Meinung der Toten über manches herauskommen, was die Menschen im physischen Leben denken und empfinden, tun und meinen. Nur wird diese Furcht nicht bewußt, aber sie hält die Menschen im Materialismus befangen. Denn das Unbewußte, wenn es auch nicht bewußt wird, ist doch wirksam. Man muß mit dem Denkermut nicht nur das durchseelen, was bewußtes Vorstellungsleben ist, sondern auch die tiefsten Tiefen des menschlichen Wesens. Das muß immer wieder und wieder gesagt werden, wenn Geisteswissenschaft in vollem Ernst aufgefaßt werden soll. Denn nicht darauf kommt es an, daß man den einen oder andern Satz auffaßt, das eine oder andere interessant oder für sich wichtig findet, sondern darauf, daß alle die Einzelheiten, so wie ein Organismus sich aus vielen Einzelheiten zusammenfügt, für den Menschen sich zusammenbilden zu einer Gesamtverfassung der Seele, die man für unsere Zeit doch nur immer so charakterisieren kann, wie ich es von den verschiedensten Gesichtspunkten aus versucht habe. Es ist durchaus notwendig, daß sich einige Menschen in unserer Gegenwart finden, welche die Geisteswissenschaft von diesem Gesichtspunkte aus ernst zu nehmen wissen: daß sie unserer Zeit ein bewegliches, lebendiges Gedankenleben gibt, daß nicht einer über den andern herfällt, obwohl sie ganz einverstanden sind, also auch gar kein Grund vorhanden ist, zu bellen, wenn jemand etwas vom Horoskop sagt. Man schaut dann die Sache gar nicht ordentlich an.
[ 15 ] We live here, among other things, in our thoughts, inwardly and spiritually. The dead enter into a reality. What for us are merely thoughts is this reality. While in physical life we perceive the external mineral, plant, and animal worlds—and have our own physical world in addition—that which we experience only as a shadow in thought is immediately present to the deceased once they have passed through the gate of death. And this world into which they enter truly relates to the physical world just as objects here relate to shadows. In our thoughts, we have only the shadows of what the deceased experiences. But the deceased experiences this differently than we experience thoughts. Through thoughts, they experience something different than people here do—at least in our present age. Ordinarily, people dream in relation to their thoughts. The deceased, however, experiences that by thinking—that is, by living in thoughts as in realities—they become, grow, and flourish; to the same extent that they leave thoughts behind—that is, do not live within them—they wither away, becoming thinner and more emaciated. After death, coming into being and passing away are themselves connected to living within thoughts and living outside of thoughts. If it were the case here that people who do not wish to think would grow thinner, a strange world might unfold. But we experience only the ineffective shadows of thoughts, which have no real effects. The dead person experiences thoughts as realities; they nourish him or consume him in his soul-spiritual existence. And this time, during which thoughts nourish or consume him, is at the same time the time in which he develops his supersensible life of perception. He sees how thoughts flow into him and how they flow away again. It is not a perception like that which normally occurs in our ordinary consciousness, where we have only finished perceptions, but rather a continuous stream of thought life that is always connected to one’s own being. No matter how many things the physical human being sees on earth, once he has seen everything, he remains exactly the same—except that afterward he is usually aware of what he was before, though this has not significantly altered his constitution. With the dead, it is different; they see themselves in constant transformation through what they perceive. That is one state: this perception of the inflow and outflow of a living stream of thought. The other state is that this ceases, and a calm bringing to consciousness of what has flowed through them takes place: a more intense recollection, a recollection that is not our abstract memory, but one that is once again connected to the whole process of becoming. These two states alternate. That is why the dead are, in fact, receptive only to those thoughts that are conveyed to them from a spiritual scientific or spiritual perspective. The kind of thinking that people today usually engage in hardly reaches the dead at all, and the kind of thinking that does reach the dead is not particularly cherished by people today. People today love thoughts that they can somehow draw from the outside world. But they do not love thoughts that can only be attained by working them out inwardly—thoughts that thus already contain, in the soul, a trace of what thoughts possess after death: that flexibility, that life. This is far too difficult for people today. That is why people, even when they sit comfortably in the laboratory with a microscope, examining cells under it, making the appropriate incision with a scalpel, observing the incision, or processing other observations in whatever way, can write such excellent books as Oscar Hertwig’s *The Development of Organisms*. But the moment they start to think, they can write books as nonsensical as those by the current Oscar Hertwig. The only difference is that a book like his second one would not have required “thought corpses.” For scientific books, only “thought corpses” are necessary; for books of the kind of the second one, living thoughts would have been necessary. He doesn’t have them! Yet it is necessary to truly love such thoughts, to be able to live within them. For at the very moment when one, as one left behind here, truly wishes to build a bridge to the one who has passed through the gate of death—and with whom one was karmically connected—at that very moment, one needs at least a disposition that inclines toward life in thought. If one has this disposition, then the thoughts of those left behind are truly a very special addition to the life of the deceased and change much—infinitely much—in the existence of those who stand between death and new birth. However, if there were to dwell in human souls a vague sense of everything that the dead believe should be different on Earth than it actually is, then the living would find little solace in this thought. Such a vague sense does exist. People fear that the dead’s views on many things—what people think and feel, do and believe in their physical lives—might come to light. Yet this fear remains unconscious; nevertheless, it keeps people trapped in materialism. For the unconscious, even if it does not become conscious, is nonetheless effective. One must use the courage of thought not only to permeate what constitutes conscious imagination, but also the deepest depths of the human being. This must be said again and again if spiritual science is to be taken in all seriousness. For what matters is not that one grasps this or that statement, or finds this or that interesting or important in itself, but rather that all the details—just as an organism is composed of many details—coalesce within the human being into an overall constitution of the soul, which, for our time, can only ever be characterized as I have attempted to do from the most diverse points of view. It is absolutely necessary that there be some people in our time who know how to take spiritual science seriously from this perspective: that it gives our time a dynamic, living intellectual life, so that no one attacks another, even though they are in complete agreement—and thus there is absolutely no reason to bark when someone says something about a horoscope. In such cases, one is not looking at the matter properly at all.
[ 16 ] Eine Zeit, in der solche Seelenverfassung herrscht, erzeugt noch vieles andere auf ihrem Grund. Leider kann man nur leise darauf hindeuten, aber es müßte auch die Möglichkeit geschaffen werden, das, was auf dem Grunde der Zeit ruht und was genug in so katastrophaler Weise zum Ausdruck kommt, wirklich ins Auge zu fassen. Einige Menschen beginnen ja heute, ernsthaftige Gedanken zu haben. Aber man sieht, wie schwer es für die Menschen ist, über die unwahrhaftige Stellung zur Welt und zur Menschheit, von der heute die Seelen befangen sind, hinauszukommen. An wie vielen Punkten tritt denn diese Frage zutage, die ich heute leise berührt habe, und die ich in der nächsten Zeit weiter ausführen werde, die Frage: Welche Stellung hat denn überhaupt das Christentum im Laufe der Jahrhunderte und Jahrtausende gehabt, daß es nun Jahrhunderte, Jahrtausende bald gewirkt hat und dennoch die heutigen Zustände hat möglich werden lassen? — Die Frage wurde an verschiedenen Punkten gestellt. Aber man sieht, die Materialien zu ihrer Beantwortung sind noch nicht unter dem, was heute die Menschheit wissenschaftliche oder religiöse oder sonstwie geartete Betrachtungen nennt. Diese Materialien wird erst die Geisteswissenschaft herbeibringen können. Denn eine ernste Frage ist es doch: Wie soll sich der Mensch in der Gegenwart zum Christentum stellen, da dieses Christentum doch eine lange Zeit in den Jahrhunderten gewirkt hat, aber diese Zustände heute dennoch hat zulassen können? Am kuriosesten sind jedenfalls diejenigen Menschen, die da verlangen, daß zu irgendwelchen, vor diesen Zuständen bestandenen Formen des Christentums wieder zurückgegangen werden soll, die also gar keine Empfindung dafür haben, daß, wenn man zu demselben zurückgeht, aus demselben wieder dasselbe herauskommen muß. Diese Menschen werden gewiß nicht leicht einsehen, daß ein durchgreifendes und intensives Neues in unser Geistesleben eintreten muß. Davon das nächste Mal weiter.
[ 16 ] A time in which such a state of mind prevails gives rise to many other things at its core. Unfortunately, one can only hint at this quietly, but the opportunity must also be created to truly confront what lies at the core of our times—and what is already manifesting itself in such a catastrophic manner. Some people are indeed beginning to engage in serious reflection today. But one can see how difficult it is for people to move beyond the untruthful attitude toward the world and toward humanity that currently holds their souls captive. In how many respects does this question come to light—the one I have touched upon briefly today and which I will elaborate on in the near future—the question: What position has Christianity actually held over the course of the centuries and millennia, such that, having been active for centuries and millennia, it has nevertheless allowed today’s conditions to come about? — The question has been raised in various contexts. But one can see that the materials needed to answer it are not yet to be found among what humanity today calls scientific, religious, or other forms of reflection. Only spiritual science will be able to provide this material. For it is indeed a serious question: How should people today relate to Christianity, given that this Christianity has been active for such a long time throughout the centuries, yet has nevertheless allowed these conditions to arise today? The most curious, in any case, are those people who demand a return to some form of Christianity that existed before these conditions arose—people who thus have no sense that, if one returns to the same source, the same result must inevitably follow. These people will certainly not easily grasp that something radically new and profound must enter our spiritual life. More on this next time.
