Donate books to help fund our work. Learn more→

The Rudolf Steiner Archive

a project of Steiner Online Library, a public charity

DONATE

Erdensterben und Weltenleben
Anthroposophische Lebensgaben
Bewußtseins-Notwendigkeiten für Gegenwart und Zukunft
GA 181

23 Juli 1918, Berlin

Bewußtseins-Notwendigkeiten für Gegenwart und Zukunft V

[ 1 ] Der Frage wollten wir uns nähern: warum der Mensch eigentlich nicht bemerkt, wie die verschiedenen Zeiträume, durch die er im Laufe seiner wiederholten Erdenleben, namentlich für unseren jetzigen Erdenzyklus geht, auch wirklich ihren Inhalten nach, ihren geistigen und sonstigen Kulturinhalten nach verschieden sind. Darüber möchten wir uns klarwerden, warum eigentlich so viele Menschen glauben, daß die Menschen sich wenig geändert haben seit Jahrtausenden, seit dem geschichtlichen Leben, während uns doch eigentlich die Geisteswissenschaft zeigt, wie sehr die Seelen in ihrem Wesenhaften sich geändert haben im Laufe des dritten, vierten und fünften nachatlantischen Kulturzeitraums; im fünften leben wir ja selbst. Wir müssen aus der geisteswissenschaftlichen Erkenntnis heraus eine solche Änderung der Menschenseele konstatieren. Wenn wir jedoch die äußere Geschichte uns vor Augen führen, wie sie gewöhnlich vorgetragen und geschrieben wird, so wird uns diese wenig von einer solchen Veränderung berichten.

[ 2 ] Um dieser Frage nahezukommen, habe ich gerade letzthin zu zeigen versucht, daß allerdings, wenn man ein wenig auf das Seelische im geschichtlichen Leben der Menschheit sieht, sich die Veränderungen schon zeigen. Ich versuchte begreiflich zu machen, wie anders die Menschenseelen zum Beispiel im 11., 12. Jahrhundert fühlten, und wie anders sie heute fühlen. Ich habe Ihnen das anschaulich gemacht, indem ich in eine solche Seele hineinzuleuchten versuchte, wie in die des Bernhard von Clairvaux im 12. Jahrhundert. Man könnte noch in mancherlei Seelen hineinleuchten. Aber wir wollen, bevor wir auf diesem Wege weitergehen, einmal mehr auf das Zentrale unserer Frage Rücksicht nehmen. Wir wollen direkt die Frage aufwerfen: Was hindert den Menschen, seine Veränderung durch die verschiedenen Erdenleben hindurch in der richtigen Weise anzuschauen?

[ 3 ] Daran hindert ihn hauptsächlich der Umstand, daß er, wie er im gegenwärtigen Erdenzyklus ist, recht wenig Anschauung hat von seinem wahren Ich, von seiner wirklichen Menschenwesenheit. Der Mensch würde sich ganz anders seine eigene Natur und Wesenheit vorstellen, wenn nicht gewisse Hindernisse vorhanden wären. Von diesen Hindernissen wollen wir später sprechen. Jetzt wollen wir einmal darauf hinweisen — Sie mögen das zunächst hypothetisch nehmen —, wie sich der Mensch, wenn er auf sein wahres Wesen hinschauen könnte, eigentlich in der Welt vorkommen würde.

[ 4 ] Könnte der Mensch auf sein wahres Wesen hinschauen, so würde er vor allen Dingen fortwährend eine große Veränderung in seinem persönlichen Leben zwischen Geburt und Tod erblicken. Er würde, wie alt er auch ist, ob zwanzig, dreißig oder fünfzig Jahre, zurückschauen auf seine früheren Jahre gegen die Geburt hin und würde sich in einer fortwährenden Metamorphose vorkommen. Er würde die Veränderungen, die er durchgemacht hat, genauer auffassen, und er würde sich hoffende Vorstellungen für die Zukunft machen, daß er dann wieder Veränderungen durchmachen wird. Ich habe von solchen hoffenden Vorstellungen für die Zukunft in früheren Vorträgen, die ich hier gehalten habe, gesprochen.

[ 5 ] Wie der Mensch heute einmal ist, macht er sich nicht viel Vorstellungen darüber, wie er sich einmal im Laufe der Zeit verändert hat, weil dieser Mensch sich viel zu wenig sich selbst seelisch vorstellt. So sonderbar das ist, aber es ist doch so, daß sich der Mensch eigentlich, indem er sich heute sich selbst vorstellt, immer in zwei Glieder spaltet. Er sieht auf der einen Seite sein Leibliches, welches er, ich möchte sagen, wie ein ziemlich Starres während seines ganzen Lebens zwischen Geburt und Tod ansieht. Er ist sich zwar dessen bewußt, daß er wächst, daß er klein war und dann größer wurde, aber das ist fast alles, was er über seine äußere physische Wesenheit in sein Bewußtsein aufnimmt. Nehmen Sie eine einfache Tatsache: Sie schneiden sich die Nägel. Warum? Weil sie wachsen. Es ist das ein Beispiel, an dem Sie merken, daß eigentlich ein fortwährendes Abstoßen der äußeren Leiblichkeit Ihres Organismus stattfindet. Sie drängen in der Tat die äußere Leiblichkeit Ihres Organismus nach außen, stoßen sie ab, so daß immer nach einer gewissen Zeit, die im äußersten Falle sechs bis sieben Jahre dauert, das nicht mehr stofflich, materiell in Ihnen ist, was vor sieben oder acht Jahren in Ihnen war. Sie stoßen fortwährend Ihre materielle Gliedlichkeit ab. Aber der Mensch nimmt das nicht in sein Bewußtsein auf, daß er eigentlich immer langsam nach außen abschmilzt und sich von innen wieder aufbaut. Denken Sie sich, wie anders wir uns wüßten, wenn wir uns dessen bewußt wären, daß wir äußerlich unseren physischen Leib gleichsam abstoßen, abschmelzen, und uns innerlich immer neu aufbauen: wir würden die Metamorphose unseres eigenen Wesens dann beobachten!

[ 6 ] Das aber wäre mit etwas anderem verbunden. Daß wir den Leib, den wir an uns tragen, höchstens sieben Jahre an uns haben, daß wir [dann] das Frühere abgeworfen haben: wenn wir das wirklich in unser Bewußtsein aufnähmen, würden wir uns viel geistiger vorkommen. Denn wir würden dann nicht die trügerische Vorstellung haben: Ich war erst ein kleiner Kerl und bin dann immer größer und anders geworden. Sondern man würde wissen: Was der kleine Kerl war an Stofflichkeit, das ist irgendwo; das aber, was geblieben ist, das ist durchaus nichts Stoffliches, das ist etwas sehr Überstoffliches. Wenn man diese Metamorphose in sein Bewußtsein aufnehmen würde, würde man auf etwas zurückblicken, was einem erhalten ist seit seiner Kindheit. Man würde sich als Geistiges an sich erinnern. Gerade wenn wir uns bewußt wären, was in uns vorgeht, würden wir viel geistigere Vorstellungen über uns in uns aufnehmen.

[ 7 ] Aber noch etwas anderes wäre damit verbunden: daß wir uns viel weniger abstrakt vorkämen. Wir sprechen eigentlich zu uns, indem wir uns, ich möchte sagen, wie in einen geistigen Punkt verwandeln. Wir sprechen von unserem Ich und haben so die Vorstellung: Unser Ich war da in unserer Kindheit, dann war es weiter da — und ist jetzt da und so weiter. Aber wir stellen uns unter unserem Ich eigentlich nur eine Art geistigen Punkt vor. Wenn wir uns zu der andern Vorstellung aufschwingen könnten, daß wir immer nach außen abschmelzen und uns innerlich wieder aufbauen, dann würden wir gar nicht anders können, als dieses unser Ich als das Tätige, als das Aktive aufzufassen, als das, was bewirkt, daß wir fortwährend nach außen abschmelzen und uns innerlich wieder aufbauen. Wir würden uns als etwas sehr Reales, innerlich Tätiges anschauen. Kurz, wir würden, indem wir auf unser Ich hinblickten, nicht auf unser abstraktes Ich hinschauen, wie wir es jetzt tun, sondern wir würden überschauen, wie dieses Ich innerlich tätig an unserem Leib arbeitet, wie es unseren Leib von Metamorphose zu Metamorphose führt. Wir würden manche Vorstellung korrigieren, denn wir geben uns — zusammenhängend mit dem, was ich jetzt auseinandergesetzt habe — eigentlich über uns recht irrtümlichen Vorstellungen hin. In den Worten der Sprache schon liegen eigentlich recht irrtümliche Vorstellungen über uns selbst. Wir sagen: Wir wachsen —, indem wir uns dabei vorstellen, daß wir erst Kinder waren, daß wir größer geworden sind. Aber so einfach, daß wir erst klein sind und dann größer werden, liegt eigentlich die Sache nicht. Sondern die Wahrheit ist diese, daß wir, indem wir ein kleines Kind sind, die physisch-leibliche Tätigkeit und die geistig-seelische Tätigkeit mehr als eine Einheit erleben, und dadurch halten sich Kopforganismus und Reproduktionsorganismus, Sexualorganismus, in einer gewissen Nähe. Später differenzieren sich diese beiden Erlebnisse, die Kopferlebnisse und Leibeserlebnisse werden einander fremder. Der stoffliche Organismus, der wir als Kind waren, wird nicht größer; denn der wird abgeworfen, schmilzt ab. Aber wir differenzieren uns, die beiden Pole unseres Wesens entfernen sich voneinander. Dadurch wird später in einen gestalteten Leib, bei dem sich die beiden Pole auseinandergezogen haben, der Stoff hineingeordnet. Das kommt uns dann vor, als ob wir bloß wachsen würden. : Wir wachsen aber nicht bloß, sondern wir differenzieren uns innerlich, und dadurch kommen wir im späteren Lebensalter mit andern äußeren Dingen in Zusammenhang als im früheren Lebensalter. Wir müssen später mit unserer Kopforganisation den unmittelbaren Erdenkräften ferner stehen als vorher. Unser Kopf hebt sich. Damit ist das verbunden, daß wir wachsen. |

[ 8 ] Alle diese Vorstellungen werden anders, wenn wir das aufnehmen, was eigentlich die Wahrheit ist. Aber wir nehmen das nicht auf, was die Wahrheit ist. Wir verwischen sozusagen den fortwährend sich metamorphosierenden Leib, der sich fortwährend ändert, wir verwischen ihn und stellen ihn so vor, als wenn er aus sich herauswüchse, größer würde, und dadurch entgeht es uns, was für ein reiches Inneres, bewegtes Lebendiges unser Ich ist, das fortwährend zwischen Geburt und Tod an uns arbeitet. Dadurch würde unsere Vorstellung über uns selbst eine recht einheitliche, wenn wir uns so uns selbst vorstellen könnten. Aber der neuere Mensch — und zwar schon lange — kann sich nicht sich selbst so vorstellen. Das hängt gewissermaßen mit dem Menschenschicksal, mit der ganzen Entwickelung unseres Zeitalters zusammen. Der Mensch steht nicht so nahe vor seinem lebendigen, wirksamen Ich, das eigentlich den Organismus macht von Jahr zu Jahr, sondern er spaltet ihn: er schaut auf der einen Seite auf seinen Organismus hin, den er sich recht konsistent vorstellt, und auf der andern Seite auf sein Ich, das er abstrahiert, zum strohernen Begriff macht. Und dann sagt ein solcher Mensch: Wir sind auf der einen Seite ein Sinnesorganismus, ein körperlicher Organismus; dadurch kommen wir gar nicht an die Dinge heran, weil sie nur Eindrücke auf uns machen können; das Wesen der Dinge enthüllt sich uns gar nicht, das «Ding an sich» kommt gar nicht an uns heran, wir haben nur Erscheinungen. — Gewiß, wenn man auf den fleischlichen Leib als auf etwas Konsistentes sieht, so hat diese Schlußfolgerung eine gewisse Berechtigung. Dann sieht man auf dieses ganz stroherne Ich und sagt: Dadrinnen lebt etwas wie Pflichtgefühl. — Dann schaut man auf das, was man als kategorischen Imperativ zusammenfassen kann. Aber man spaltet dadurch das, was in der Einheit beschlossen ist. Man wird kantischer Philosoph, spaltet die einheitliche Menschennatur, indem man sie nach zwei Seiten hin orientiert. Es geht das sehr tief in das menschliche Denken, was ich jetzt ausgesprochen habe.

[ 9 ] Der Mensch ist also in der Gegenwart wenig geeignet, sich als vollwesentliche Natur in der Welt aufzufassen. Er spaltet sich in der Weise, wie ich es angedeutet habe. Das aber bewirkt, daß wir eigentlich niemals unser Seelisches wirklich vor dem geistigen Auge haben; denn dieses Seelische-wäre das am Körper fortwährend Arbeitende und ihn Metamorphosierende. Wir haben gar nicht unser Seelisches im Auge, wir haben unseren abstrakten Leib und unser abstraktes Ich gespaltet vor Augen und kümmern uns nicht um das, was der ganze einheitliche Mensch ist. Dieses Gewahrwerden des ganzen einheitlichen Menschen würde aber sogleich dahin führen, daß wir erkennen würden: Was wir so als einheitlichen Menschen erkennen, das ist von Inkarnation zu Inkarnation so verschieden, wie es bei uns geschildert wird; das wahre, wirkliche menschliche Ich, das sich kaschiert, sich verbirgt vor dem menschlichen Seelenblick in der Gegenwart, das ist das, was verschieden ist von Leben zu Leben. — Natürlich, wenn Sie nicht das konkrete menschliche Ich, sondern das Abstraktum «Ich» ins Auge fassen, dann können Sie nicht darauf kommen, daß das Ich so verschieden ist von Leben zu Leben; denn wenn Sie abstrahieren, dann ist schließlich alles gleich, was nur irgendwie einander ähnlich ist. Ähnlich sind natürlich die Seelen in den aufeinanderfolgenden Erdenleben; aber sie sind auf der andern Seite wieder so verschieden, wie wir es immer geschildert haben, indem der Mensch von Leben zu Leben durch die menschliche Entwickelung sich hindurchlebt. Weil der Mensch in Wahrheit nicht die ganze Beweglichkeit seines Leibes und nicht die ganze reale Tätigkeit seines Ich überschaut, deshalb sieht er nicht sein wahres Wesen. Das ist etwas, was wie eine goldene Regel in der wirklichen Menschenerkenntnis und Menscheneinsicht festzuhalten ist. Und warum ist das so?

[ 10 ] Warum es so ist, das können Sie sich beantworten aus Ihren Kenntnissen über das Ahrimanische und Luziferische. Wir spalten unser Wesen, spalten es so, daß wir auf der einen Seite auf unseren Leib hinsehen als auf etwas, was erst klein wäre und dann sich dehnt und wüchse, während er sich in Wahrheit fortwährend erneuert. Was sehen wir da, was erscheint uns da, wenn wir so auf unseren Leib hinsehen? Das Ahrimanische erscheint uns, dasjenige, was an uns selbst als Ahrimanisches tätig ist. Doch dieses Ahrimanische ist nicht unser wahres Menschenwesen; das ist das Gattungsmäßige, was in der Tat gleich bleibt durch alle Zeitalter hindurch. Wir schauen also eigentlich, indem wir auf unseren Leib blicken, auf unser Ahrimanisches, und die moderne wissenschaftliche Anthropologie schildert eigentlich nur das Ahrimanische am Menschen. Das ist das eine, was wir schauen: das von uns selbst verdichtet vorgestellte Leibliche. Das andere, das wir sehen, ist das abstrakte Ich, das eigentlich recht fluktuierend ist, recht sehr nur in der Zeit lebend ist, wenn wir uns selber dann uns zwischen Geburt und Tod vorstellen. Da haben wir unsre individuelle Erziehung darinnen, unser Nichtsnutzig- und Bravsein, da überschauen wir unser persönliches Leben zwischen Geburt und Tod. Aber wir schauen unser Ich nicht, wie es in Wahrheit ist, wie es an der Metamorphose unseres physischen Leibes arbeitet; sondern wir schauen es dünn, luziferisch verdünnt. Unsere physische Leiblichkeit schauen wir ahrimanisch vermaterialisiert, unser Geistig-Seelisches sehen wir luziferisch verdünnt.

[ 11 ] Würde das nicht der Fall sein, würden wit uns nicht so spalten, daß der eine Pol unserer Wesenheit ahrimanisch, der andere luziferisch ist, so würden wir eine viel nähere Beziehung auch zu den Toten haben — die fortwährend unter uns bleiben —, weil wir eine viel nähere Beziehung auch zur geistigen Welt hätten. Wir würden die gesamte Wirklichkeit auffassen, zu der diejenige Welt gehört, in welcher der Mensch auch ist, wenn er durch die Pforte des Todes gegangen ist, und bevor er durch die Pforte der Empfängnis wieder in diese Welt eintritt.

[ 12 ] So also haben wir eigentlich nie unser wahres Wesen vor uns, sondern auf der einen Seite das physisch-leibliche ahrimanische Trugbild und auf der andern Seite das geistig-seelische luziferische Trugbild, zwei Trugbilder von uns, zwischen denen aber, für uns unwahrnehmbar, unser wahrer Mensch lebt, von dem wir aber doch, wenn wir vom Menschen reden, sprechen müssen; denn der ist unser wahrer Mensch, der von Leben zu Leben geht.

[ 13 ] Das müssen wir ganz tief nehmen, was jetzt eben als Menschenerkenntnis angeführt worden ist. Dadurch ist erklärlich, warum man glaubt, daß der Mensch durch die verschiedenen Zeitalter hindurch sich gleich bleibe. Die falschen Gedanken über den Menschen schaut man an, man schaut auf der einen Seite das, was gattungsmäßig durch lange Zeiträume gleich bleibt, und auf der andern Seite dehnt man das, was das wirklich geistig-seelische Wesen ist, nicht über das Leben zwischen Geburt und Tod aus. Würde man erkennen, wie das GeistigSeelische den Leib von Jahr zu Jahr verändert, dann würde man auch den gewaltigen Übergang begreifen, der eintritt, indem das GeistigSeelische durch die Empfängnis in das Physisch-Leibliche hineinschreitet, oder durch den Tod wieder heraustritt. Wir nehmen gar keine Rücksicht darauf, wie das Geistig-Seelische am Leibe arbeitet.

[ 14 ] Wir können das, was wir eben ausgesprochen haben, auch noch anders ausdrücken. Unser fertiger Organismus, wie wir ihn ahrimanisch vorstellen, ist eigentlich recht wenig das, was wir als Mensch sind. Wir wohnen nur in diesem Organismus. Was wir eigentlich für gewöhnlich an ihm anschauen, was richtig ahrimanisch verdichtet von uns angeschaut wird, das rührt eigentlich viel mehr aus unserer vorigen Inkarnation her, als aus dieser. Aus den verschiedenen Betrachtungen dieses Jahres und auch aus sonstigen werden Sie entnehmen können: Ihre Physiognomie, Ihre sonstige beständige Bildung ist eigentlich aus Ihrer vorigen Inkarnation, Ihrem vorigen Leben herrührend. Man kann aus der Physiognomie eines Menschen eigentlich sehr gut ersehen, was ihn zurück versetzt ins frühere Leben. Was mit dem physisch-leiblichen Organismus zusammenhängt, das hängt eigentlich viel mehr mit dem vergangenen Leben zusammen als mit dem gegenwärtigen. Der heutige Mensch aber läßt sich einfach berücken, zu sagen: Wir haben ja kein vorhergehendes Leben, also kann auch ein voriges Leben nicht unsere gegenwärtige Gestalt, ob wir groß oder klein sind, uns geben. — Aber das reden wir uns ein. Würden wir uns richtig verstehen, dann würden wir gar nicht anders können, als auf unser voriges Leben zurücksehen. Würden wir uns jetzt das ansehen, wie ich es auseinandergesetzt habe, als an unserem Organismus formend, so würde sich das schon aufhellen. Es würde uns auffallen, was wir nicht formen können, sondern was schon geformt ist aus den früheren Leben her. Wer wirklich hinschauen kann auf den Menschen, der weiß, wie sein Geistig-Seelisches an seinem Organismus formt. Das tritt gewissermaßen aus diesem Menschen heraus, und hinter diesem bleibt das stehen, was ahrimanisch anzuschauen ist als das Geformte aus der früheren Verkörperung.

[ 15 ] Für den, der sich gewöhnt, den Menschen als ein recht lebendiges Wesen anzusehen, für den ist es, wenn er einem andern Menschen entgegentritt, immer so, wie wenn aus diesem Menschen einer herauskommt. Der da herauskommt, ist der gegenwärtige Mensch; man sieht ihn nur gewöhnlich nicht. Der, der dagegen etwas zurückbleibt, das ist der, welcher aus der früheren Verkörperung geformt ist. Und in dem, der da heraustritt, tritt sehr bald etwas hinein. Der da heraustritt, der ist zuerst, ich möchte sagen, recht sehr durchsichtig; dann wird er sehr bald undurchsichtig. Weil das Geistig-Seelische tätig, als Tätiges erscheint, verdichtet es das, was da herausgetreten ist. Und dann tritt etwas heraus, was einem wie ein Keim für das folgende Erdenleben erscheint.

[ 16 ] Dreigliederig drückt sich der gegenwärtige Mensch aus für den, der die Verhältnisse durchschaut. Symbolisch haben mancherlei mythische Darstellungen dieses festgehalten. Versuchen Sie sich an zahlreiche Darstellungen zu erinnern, wo drei Generationen nur deshalb hintereinander dargestellt werden, weil dieses Heraustreten der menschlichen Dreiheit veranschaulicht werden soll. Erinnern Sie sich an manche Isis-Darstellungen, auch an manche Darstellungen der christlichen Zeit, wo hintereinander drei Gestalten dargestellt werden, die zusammengehören. In Wahrheit ist dabei gemeint, was ich jetzt ausgeführt habe. Natürlich kann man es dann umdeuten, wenn man es materialistisch deuten will: Großmutter, Mutter und Kind —, wenn man will. Aber man stellt eine solche Dreiheit deshalb dar, weil sie einer Realität des Anschauens entspricht. Sie stellen sich Bildliches aus der früheren Zeit überhaupt am richtigsten vor, wenn Sie nicht die phantastischen Vorstellungen der gegenwärtigen Wissenschaft ins Auge fassen, die immer nachdenkt, was jemand sich ausspintisiert hat über etwas bildlich Dargestelltes, sondern wenn Sie darauf Rücksicht nehmen, was die Menschen in einer gar nicht so fernen Vergangenheit geschaut haben, und wie sie das Geschaute dann künstlerisch dargestellt haben.

[ 17 ] Wichtig, ganz besonders wichtig wird eine solche Betrachtung, wie wir sie jetzt eben angestellt haben, wenn wir uns vergegenwärtigen, daß der Christus, der durch das Mysterium von Golgatha gegangen ist, seine Beziehung — von der wir immer sprechen — zu dem wahren menschlichen Ich hat. Wenn Sie also sich das Paulinische Wort vor Augen halten: «Nicht ich, sondern der Christus in mir», so ist dieses «in mir» bezüglich auf das wahre, für die heutige Anschauung verdeckte, kaschierte Ich. Der Mensch muß gewissermaßen auf dieses als ein Geistiges hinschauen, wenn er das rechte Verhältnis zum Christus finden will. Man möchte einmal wissen, wie gewisse Worte der Evangelien aufgefaßt werden können, wenn man das nicht berücksichtigt. Denken Sie nur einmal an jenes Wort des Johannes-Evangeliums, das gleich im Anfange steht, wo Johannes davon spricht, wie der Christus zu dem Menschen kommt als an diejenige Stätte, wohin er gehört. Die Evangelienübersetzer übertragen es gewöhnlich so, daß sie sagen: «Er kam in sein Eigentum, und die Seinigen nahmen ihn nicht auf.» Aber dann heißt es weiter: «Wie viele ihn aber aufnahmen, denen gab er Macht, Gottes Kinder zu werden, die an seinen Namen glauben, welche nicht von dem Geblüt, noch von dem Willen des Fleisches, noch von dem Willen eines Mannes, sondern von Gott geboren sind.» Und es wird wohl bemerkbar gemacht, daß er eigentlich zu allen Menschen, die solchen Bewußtseins sind, kommen wollte. Aber die äußeren Menschen, also alle Menschen, die es gewöhnlich gibt, sind doch ganz gewiß «vom Geblüt und vom Willen eines Mannes». Der Mensch aber, den ich als den wahren bezeichnet habe, der nicht vom Geblüt und Willen eines Mannes geboren ist, der kommt allerdings aus der geistigen Welt und umkleidet sich mit dem, was aus der physischen Vererbung kommt. Das Evangelium spricht von dem Menschen, von dem ich heute gesprochen habe, und deshalb ist es so schwer zu verstehen und wird so falsch ausgelegt, weil man es in Vorstellungen hineinzwängt, wie man sie sich heute machen will. Aber ohne die Vorstellungen, welche die Geisteswissenschaft vermitteln kann, sind die in den Evangelien niedergelegten Dinge nicht zu verstehen. Hat man diese Vorstellungen, dann geht einem in Beziehung auf die Evangelien plötzlich ein Licht auf.

[ 18 ] Mit Bezug auf alle diese Verhältnisse ist eigentlich etwas Großes in der Menschheitsentwickelung mit dem Mysterium von Golgatha vorgegangen. Sie wissen — aus Büchern wie aus Vorträgen —, daß bis dahin dieses ganze menschliche Ich in anderer Weise im Leibe gelebt hat als nachher. Der Zeitpunkt des Mysteriums von Golgatha war zugleich ein solcher, in welchem das ganze Bewußtsein des Menschen sich geändert hat. Das alles ist natürlich dadurch bewirkt, daß die Christus-Wesenheit sich mit der Erdenentwickelung vereinigt hat, wie ich es oft dargestellt habe. Aber die Zeit ist herangekommen, in welcher immer mehr begriffen werden muß, was es eigentlich mit diesem Mysterium von Golgatha und seinem Verhältnis zum Menschen auf sich hat. Ein besonderes Kreuz für viele Erklärer des Evangeliums ist zum Beispiel ein Wort des Christentums, .das in der einen oder andern Weise ausgesprochen oder übersetzt wird, das aber doch eigentlich so lautet, daß «das Himmelreich herabgekommen» sei. Unter denjenigen Menschen, welche diesen Ausspruch gründlich mißverstanden haben, ist ja auch Helena Petrowna Blavatsky, die an dieses Wort, wenn ich sagen darf, eingehakt hat, indem sie meinte: es würde doch von den Christen behauptet, daß mit dem Mysterium von Golgatha eine Art Himmelreich auf die Erde herabgekommen sei, aber es sei gar nichts anders geworden; die Ähren seien nicht zwölfmal so groß geworden, die Kirschen seien nicht größer geworden — und so weiter. Sie will damit andeuten, wie auf der physischen Erde die Sachen nicht anders geworden sind. Dieses «Herabkommen des Himmelteichs», des geistigen Reiches, macht ja sehr vielen Erklärern der Evangelien deshalb große Schwierigkeiten, weil man es nicht gut versteht. Was gemeint ist, das ist, daß die Menschen bis dahin an dem PhysischIrdischen das, was sie als Geistiges überhaupt erleben konnten, im atavistischen Hellsehen erlebten. Nachher mußten sie sich zu dem Geistigen erheben und in dem Geistigen, das wirklich gekommen ist, die Dinge erkennen. Man braucht nicht alle die Spintisierereien zu nehmen, die von den verschiedensten Seiten vorgebracht werden, sondern man nehme die Wirklichkeit, wie sie gemeint ist. Diese Wirklichkeit liegt in Folgendem.

[ 19 ] Es ist wirklich mit dem. Christus, der durch das Mysterium von Golgatha gegangen ist, die Sache für die Menschen so geworden, daß sie nicht mehr mit dem bloß physischen Dasein ihr geistiges Dasein empfangen können, sondern leben müssen in der geistigen Welt. Wer nur in der physischen Welt lebt, der lebt nicht mehr auf der Erde, der lebt unter der Erde; denn vom Mysterium von Golgatha ab ist die Möglichkeit gegeben, im Geiste zu leben. Das geistige Reich ist wirklich herbeigekommen. Der Ausdruck wird sofort verstanden, wenn man ihn so nimmt, wie ich ihn erklärt habe. Zu diesem aber steht der Christus in wirklicher Beziehung. Das sollte aber zunächst, vorläufig, verborgen bleiben. Es sollte sich der Menschheit erst nach und nach mitteilen, indem die Menschen es sich erringen. Und erst indem man das einsieht, versteht man den wirklichen Verlauf der neueren Geschichte nach dem Mysterium von Golgatha. In den ersten Jahrhunderten pflanzte sich das Christentum, wie es in die Welt gekommen war durch das Mysterium von Golgatha, in die Gnosis ein, die mehr oder weniger noch vorhanden war. Man hatte sehr geistige Vorstellungen, um sich klarzumachen, was der Christus Jesus eigentlich ist. Dann nahm die Kirche eine bestimmte Form an. Diese Form können Sie ja geschichtlich verfolgen, aber Sie müssen die Aufgabe dieser Kirchenform vom 3., 4., 5. Jahrhundert ab richtig ins Auge fassen.

[ 20 ] Was ich jetzt sage, darf durchaus nicht mißverstanden werden. Geisteswissenschaft, wie sie hier vertreten wird, steht wirklich auf dem Boden wahrhaftiger, aktiver Toleranz gegenüber allen bestehenden religiösen Offenbarungen. Geisteswissenschaft muß daher die relative Wahrheit der verschiedenen religiösen Bekenntnisse auch durchschauen können. Nicht als ob die Geisteswissenschaft sich mehr oder weniger sympathisch diesem oder jenem Bekenntnisse zuneigt, sondern sie will den Wahrheitsgehalt der verschiedenen Religionsbekenntnisse zutage fördern; sie wird daher sorgfältig abwägen, wird nicht einseitig sein. Es darf also von der Geisteswissenschaft nicht ausgesagt werden, daß sie zu diesem oder jenem Bekenntnisse hinneige; sie will Wissenschaft vom Geistigen sein. Geisteswissenschaft kann zum Beispiel sehr gut würdigen, daß es schade ist, daß für viele Menschen verlorengegangen ist, was im katholischen Kultus liegt. Die Vorzüge des katholischen Kultus in bezug auf die Kultur weiß die Geisteswissenschaft sehr wohl zu würdigen. Sie weiß auch, wie eine gewisse künstlerische Produktion sehr verwandt ist mit dem katholischen Kultus, der ja nur eine Fortsetzung verschiedener anderer Religionsbekenntnisse ist, viel mehr, als man gewöhnlich glaubt. In diesem Kultus ist tiefes Mysteriumwesen drinnenliegend. Das aber, was ich zu sagen habe, bezieht sich auf wesentlich anderes, jedenfalls nicht auf den katholischen Kultus, der seine innere volle Berechtigung hat, der ein ungeheuer Anregendes für das Produktive des Menschen ist. Aber, was ich auseinandersetzen muß, ist dies: daß die kirchlichen Formen gewisse Aufgaben erhalten haben, Aufgaben, die sie damals noch im höchsten Maße gehabt haben, auch heute übrigens noch haben, als so inbrünstige Naturen wie Bernhard von Clairvaux aus der Kirche herauswuchsen ihres Gottes wegen.. Man muß immer unterscheiden: die Kirche — und solche Persönlichkeiten wie Bernhard von Clairvaux und zahlreiche andere. Was aber hatte die Kirche für eine Aufgabe? Sie hat die Aufgabe, die Seelen möglichst fernzuhalten von der Christus-Erkenntnis, möglichst zu bewirken, daß die Seelen dem Christus nicht sehr nahetreten. Und die Geschichte des kirchlichen Lebens vom 3., 4. Jahrhunderte an und dann weiterhin ist im wesentlichen eigentlich die Geschichte des Entfernens des menschlichen Gemütes von dem Verständnis des Mysteriums von Golgatha. Es liegt eine gewisse Gegnerschaft gegen das Christus-Verständnis in der kirchlichen Entwickelung. Diese negative Aufgabe der Kirche hat schon auch ihre Berechtigung. Sie hat die Berechtigung dadurch, daß die Menschen immer wieder von neuem darnach streben mußten, durch die Kraft ihres eigenen Gemütes, durch die Kraft ihrer eigenen Seele zu dem Christus hinzukommen. Und im Grunde genommen ist das Kommen der Menschen zu dem Christus durch alle diese Jahrhunderte ein fortwährendes Sich-Aufbäumen gegen das Kirchliche. Auch solche Leute wie Bernhard von Clairvaux bäumen sich eigentlich gegen das Kirchliche auf. Studieren Sie selbst Thomas von Aguino: er gilt denen, die kirchlich rechtgläubig waren, als ein Ketzer; er wurde verpönt, und die Kirche hat seine Lehre erst später aufgenommen. Der Weg zum Christus war eigentlich immer ein Wehren gegen die Kirche, und nur langsam und allmählich konnten sich die Menschen zu dem Christus hinarbeiten. Bedenken wir einmal, daß solche Menschen wie zum Beispiel Petrus Waldus, der Begründer der sogenannten «Waldenser-Sekte», im 12. Jahrhundert mit seinen Genossen zusammen ist, und sie alle haben in der damaligen Zeit noch keine Kenntnis vom Evangelium. Die Ausbreitung des kirchlichen Lebens war ja ohne die Evangelien geschehen. Bedenken Sie das doch! Man suchte aus der Umgebung des Petrus Waldus einige zusammen, die etwas aus den Evangelien übersetzen konnten; man lernte so die Evangelien kennen, und als man sie kennengelernt hatte, floß einem ein heiliges, ein erhöhtes christliches Leben aus den Evangelien. Das hatte aber zur Folge, daß Petrus Waldus gegen den Willen seiner Genossen vom Papst als Ketzer erklärt wurde. Bis in diese Zeiten herein haben sich ja auch in Europa noch gewisse gnostische Kenntnisse ausgebreitet, wie zum Beispiel bei den Katharern, übersetzt: die Reinen. Aber diese gnostischen Kenntnisse waren darauf gerichtet, sich Vorstellungen, konkrete Vorstellungen über den Christus und das Mysterium von Golgatha zu machen. Das durfte vom Standpunkte der offiziellen Kirche aus nicht sein. Deshalb wurden die Katharer zu Ketzern. Der Name «Ketzer» ist nur der umgeänderte Name «Katharer», .es ist dasselbe Wort. |

[ 21 ] Es ist sehr notwendig, daß man dies, wovon ich jetzt spreche, in seiner vollen Schärfe einsieht, damit man den Weg des Christentums von dem Wege der Kirche unterscheide, und damit man durch unsere Zeit begreifen lernt, durch geisteswissenschaftliche Grundlage sich einen Weg zu dem wahren Christus, zu der wahren Christus-Vorstellung ebnen zu müssen. Unendlich vieles gerade aus der heutigen Zeit wird einem klar, wenn man weiß, daß ja nicht bloß alles, was sich auf den Christen-Namen taufte, dazu da war, das Verständnis des Mysteriums von Golgatha zu vermitteln, sondern daß vieles dazu da war, gerade dieses Verständnis zu verhindern, eine Barriere gegenüber diesem Verständnis aufzurichten. Und gibt es denn heute eigentlich nicht auch noch diese Barriere? Gerade heute gibt es sie! Dafür möchte ich Ihnen einiges Charakteristisches vorbringen.

[ 22 ] Einschließlich des Protestantismus waren ja die Bestrebungen, die vielerorts auftraten, immer deshalb in Opposition mit der Kirche, weil die Kirche vielfach die Aufgabe hatte, gerade eine Barriere gegenüber dem Christus-Verständnis zu errichten, und weil man sich hinarbeiten mußte zum Christus-Verständnisse. Petrus Waldus mußte es tun, indem er die Evangelien gesucht hat. Bis dahin hatte man nur die Kirche, nicht die Evangelien. Aber auch heute haben noch manche Menschen sonderbare Ansichten über dieses Verhältnis der Kirche zu den Evangelien. Aus einer neueren Schrift, die für solche Dinge sehr charakteristisch ist, möchte ich Ihnen eine Stelle vorlesen, aus der Sie erkennen werden, daß diese Ansicht, die damals den Petrus Waldus in den Bann getan hat, weil er in den Evangelien den Weg zum Christus suchte, auch noch in der unmittelbaren Gegenwart ihre Wurzeln hat. Also nehmen Sie eine solche Sache, wie sie auch heute gesprochen wird. In der Schrift, die ich meine, heißt es: «Die Evangelien und die Briefe der Apostel sind uns die an Werth unvergleichlichen schriftlichen Urkunden der Offenbarung; aber sie sind uns weder die Grundlage, auf der sich erst unser Glaube aufzubauen hätte, noch die einzige Quelle, aus der wir den Inhalt dieses letztern selbstthätig schöpften. Nach unserer Auffassung ist die Kirche älter wie die heiligen Schriften, aus ihrer Hand entnehmen wir diese letztern, sie verbürgt ihre Glaubwürdigkeit, und gegenüber den Gefahren der handschriftlichen Überlieferung, gegenüber den Umgestaltungen des Wortlautes bei dem Übergange in alle Sprachen der Erde ist uns die Kirche die allein zuverlässige Auslegerin des Sinnes und der Tragweite aller einzelnen Aussprüche.»

[ 23 ] Das heißt, nicht darauf kommt es an, was in den Evangelien wirklich steht, sondern was die Kirche sagt, was man in den Evangelien zu suchen habe. Ich muß dies sagen aus dem einfachen Grunde, weil auch in unseren Kreisen viel Naivität über die Sache herrscht. Immer wieder und wieder will sich ja auch in unseren Kreisen die Ansicht geltend machen, daß es uns der katholischen Kirche gegenüber mehr nützen könnte, wenn von uns gesagt werden könnte, wir vertreten ‚ eine Christus-freundliche Auffassung. Aber das wird uns der katholischen Kirche gegenüber gar nichts helfen, sondern uns nur anschwärzen, weil in der katholischen Kirche nichts vertreten werden darf über den Christus oder in bezug auf irgend etwas, was über die bloße Naturwissenschaft hinausgeht, was nicht von der Kirche selber als Lehrgut anerkannt ist. Wer also unter uns eine Christus-Vorstellung vertritt und nun glaubt, sich dadurch vor der katholischen Kirche rechtfertigen zu können, der klagt sich ja gerade an, beziehungsweise man hält dafür, daß er sich anklagt, weil er kein Recht hat, aus andern Quellen etwas über den Christus zu sagen als nur aus dem Lehrgut der Kirche.

[ 24 ] Derselbe Verfasser, der das gesagt hat, was ich eben vorgelesen habe, spricht sich darüber in einer sehr klaren Weise aus: «Für den Gläubigen verhält es sich damit freilich nicht anders, wie für den Naturforscher mit den Thatsachen der Erfahrung» — also er meint, der Gläubige müsse das, was ihm die Kirche über die geistige Welt vorschreibt, so nehmen, wie die Augen die Naturtatsachen nehmen —, «er muß sie nehmen, wie sie sind, er kann nichts davon abthun oder hinzuthun, gerade die von jedem subjectiven Beiwerke möglichst gereinigte Aufnahme des wirklichen Sachverhaltes ist es, die vor allen Dingen von ihm verlangt wird... Auch die Offenbarungswahrheiten sind ein Gegebenes — für den, der sie im Glauben ergreift. Sie sind zudem ein Abgeschlossenes und Vollendetes. Sie können seit Christus keine Bereicherung erfahren, und es kann ihr Bestand nicht verringert werden, ihrem Inhalte nach ist jede Veränderung ausgeschlossen. » Dies sagt jemand, der vollständig drinnensteht in dem, was der richtige Katholik, der richtige Kirchenkatholik sagen muß. Dieser richtige Kirchenkatholik muß sich zum Beispiel abwenden, mit einem gewissen Widerwillen abwenden von so etwas, wie es durch Lessing eingeleitet worden ist, was ja darauf hinausgegangen ist, das SeelischGeistige wieder zu suchen. Bis zu den wiederholten Erdenleben kam es durch Lessing. Aus dem neueren Geistesleben heraus ist dies geflossen. Das aber, was auf dem Boden der katholischen Kirche steht, muß sich in den ärgsten Widerspruch gerade zu dem deutschen Geistesleben stellen, wie es durch Lessing, Herder, Goethe, Schiller geflossen ist. Derselbe Mann, der das geschrieben hat, was ich Ihnen vorgelesen habe, schreibt daher auch: «Das kirchliche Lehrgebände, wie es heute vor den Theologen hintritt und von ihm zur Darstellung gebracht wird, war allerdings nicht von Anfang an fertig und abgeschlossen. Was Christus den Aposteln mittheilte, was diese der Welt verkündeten, war kein methodisch voranschreitendes, allseitig entwickeltes System; es war eine Fülle von Wahrheiten, die sich alle in der einen Thatsache, der Heilsgeschichte, der Menschwerdung des göttlichen Logos, wie in einem Brennpunkte vereinigen. Aber die Unterweisung der Gläubigen und die Abwehr gegen die Angriffe der Heiden wie gegen die Mißdeutungen der Häretiker machten es nöthig, diese Wahrheiten miteinander systematisch zu verbinden, ihren vollen Inhalt zu entwickeln, ihren genauen Sinn zu fixiren. Dies geschah durch die unausgesetzte Lehrverkündigung von seiten der dazu berufenen Organe, es geschah nach katholischer Auffassung unter Leitung des Heiligen Geistes, aber zugleich unter Mitwirkung der frühe beginnenden kirchlichen Wissenschaft.

[ 25 ] Die Offenbarung schuf keine neue Sprache, sondern sie bediente sich der im Umlauf befindlichen, indem sie den Sinn und die Bedeutung einzelner Worte umprägte und erhöhte. Auch die Theologie, welche es unternahm, den Inhalt der Offenbarung ordnungsgemäß und lehrhaft auseinanderzusetzen und speculativ zu durchdringen, hatte hierzu gewisse Werkzeuge und Hilfsmittel nöthig, scharf umgrenzte Begriffe zur Gliederung des Stoffes, besondere Ausdrücke, um in verständlicher Weise Beziehungen anzudeuten, welche über die Erfahrungen des täglichen Lebens weit hinausgehen. Damit war der griechischen Philosophie ihre neue welthistorische Aufgabe zugefallen. Sie hatte die Gefäße bereiten helfen, in welche nun ein aus höherer Quelle stammender, unendlich reicherer Inhalt gegossen wurde. Zunächst war es der Platonismus, aus dem man schöpfte. Die Richtung seiner Speculation auf das Übersinnliche forderte direct dazu auf. Viel später, nachdem schon mehr als ein Jahrtausend durchmessen war und die wichtigsten Bestandtheile der Offenbarung längst ihre dogmatische Formulirung gefunden hatten, vollzog sich die enge Verbindung der theologischen Wissenschaft mit der Aristotelischen Philosophie, welche bis zum heutigen Tage fortbesteht.» — Weil also die Aristotelische Philosophie schon im Mittelalter mit der Kirche vereinigt worden ist, darf sie auch heute in der Kirche gelten! — «Mit ihrer Hilfe hat der hl. Thomas von Aquin, der größte Systematiker, den die Geschichte kennt, das große Lehrgebäude aufgerichtet, welches, nur in Einzelheiten hie und da modificirt, für die folgenden Jahrhunderte die katholische Theologie nach Form, Ausdruck und Lehrweise bestimmt hat.»

[ 26 ] Nun sieht der betreffende Herr, von dem diese Schrift herrührt, ja ein, daß das, was er kirchliches Lehrgut nennt, zustande gekommen ist aus einer gewissen Verbindung desjenigen, was christliche Weisheitssubstanz ist, mit der griechisch-aristotelischen Philosophie. Er stellt sich sogar etwas vor wie eine Möglichkeit, daß in einer Zukunft, die er aber recht ferne sich denkt — er sagt ausdrücklich «in einer heute noch keineswegs nahen Zukunft» —, man mit ganz andern Vorstellungen dem Christentum sich nähern könnte. Er sagt: Wie wäre es denn, wenn das Christentum sich nicht durch die griechische Philosophie ausgebreitet hätte, sondern, wie es ja auch möglich gewesen wäre, durch die indische Philosophie: Es würde alles eine andere Gestalt bekommen haben. Dennoch aber muß bei der Gestalt geblieben werden, die es bekommen hat; man darf es nicht mit einer andern Anschauung verändern, die aus der neueren Zeit kommt. Allerdings verspürt er, daß es Punkte gibt, wo die Sache brenzlig wird: «Ich wende mich nur gegen eine Geistesverfassung, welche auf Gebieten, auf denen der wissenschaftlichen Forschung volle Freiheit zusteht, gegen alle noch so begründeten Einwürfe taub ist und an der Überlieferung festhält.» Aber er hält recht streng an der Überlieferung fest!

[ 27 ] «Und schließlich muß man dann doch nachgeben, wie man bei dem Kopernikanischen Weltsystem nachgegeben hat.» Das war ja erst im Jahre 1827! Aber er wendet sich ab von dem Versuche, der ja auch in berechtigter Weise gemacht worden ist: das Christentum neu zu verstehen, indem man es zu verstehen sucht vom neuzeitlichen Bewußtsein aus. Das behagt ihm ganz besonders wenig. Er sagt: «So könnte ich mir denken, daß eine beute noch keineswegs nahe Zukunft die Verbindung der Theologie mit der Aristotelischen Philosophie lockerte und die nicht mehr verständlichen und noch weniger befriedigenden Begriffe durch andere ersetzte, welche ihrem vielfältig verbesserten Wissen entsprächen.» Er «könnte es sich denken», daß das, was ohnedies niemand mehr versteht, durch etwas ersetzt werden könnte, was auch keiner versteht. «Der Warnung des Evangeliums wäre damit nicht zuwider gehandelt, denn es würde ja nicht neuer Wein in alte Schläuche gegossen, sondern gerade umgekehrt neue Gefäße würden hergestellt werden, um den unerschöpflichen und seiner Wesensbeschaffenheit nach unveränderlichen Wein der Heilslehre darin aufzubewahren und den Gläubigen darzureichen.»

[ 28 ] Aber es darf nicht geschehen. Denn: «Aber die Gefäße müßten freilich dazu geeignet sein. Die Versuche, welche im 17. Jahrhundert mit der Cartesianischen, im 19. Jahrhundert mit der Kantischen und Hegelschen Philosophie gemacht worden sind, mahnen zur Vorsicht. Ein Begriffssystem, welches das Aristotelische ersetzen sollte, müßte ebenso wie dieses aus der Fülle des Wissens und des Zeitbewußtseins hervorgegangen [sein] » —, dann würden diese Menschen kommen und sich dagegen wenden, weil sie jedenfalls nicht aus der «Fülle des Wissens und des Zeitbewußtseins» hervorgegangen sind — «es [das Begriffssystem] müßte ebenso wie dieses zu dauernder Herrschaft über weite Kreise der denkenden Menschheit gelangt sein. Auch dann aber würde seine Verwendung in der kirchlichen Theologie sich schwerlich ohne allerhand Irrungen und Wirrungen vollziehen.» Man müßte «arbeiten», um die Verständigung zu bewirken. «War es doch im 13. Jahrhundert nicht anders, als durch Vermittlung der Araber die vollständige Aristotelische Philosophie zur Kenntnis des christlichen Abendlandes kam. Ihre Aufnahme stieß zum Theil auf heftigen Widerstand. Auch einem Thomas von Aquin blieben die Anfeindungen nicht erspart. Er galt damals vielen als ein Neuerer, gegen den die Verfechter des bewährten Alten ihre Angriffe zu richten hätten.»

[ 29 ] Es ist merkwürdig, wie die Menschen sind, wie sie das, was sie sich ganz gut denken können, absolut nicht aufkommen lassen, wenn es eben aus dem Prinzip ist, das alte Verständnis des Christentums gerade zurückzudrängen, wenn sie aus dieser Zeit selbst sind. Und man kann nicht sagen, daß eine solche Sache nicht schlau gemacht ist. Es ist sehr gelehrt, denn das Büchelchen schließt mit einem wirklich bedeutsamen Hinweis, mit dem Hinweis auf eine Ordensgemeinschaft, welche es von jeher mit der Klugheit gehalten hat, mit dem Hinweis auf eine Ordensgemeinschaft, welche anders sich eingerichtet hat als Bernhard von Clairvaux oder als Franz von Assisi, die auf eine gewisse mystische Hinneigung zur Frömmigkeit sich eingerichtet haben. Jene andere Ordensgemeinschaft hat weniger Wert gelegt auf mystische Frömmigkeit oder dergleichen, wohl aber auf eine gewisse Klugheit und auf eine Verständigung den Dingen des Lebens gegenüber. Daher sagt auch das Büchelchen zum Schluß: «Ich schließe mit einem Ausspruche des hl. Ignatius von Loyola, welcher Aufnahme in die Constitutionen des Jesuitenordens gefunden hat, und auf den neuerdings von verschiedenen Seiten hingewiesen worden ist: ‹Die Beschäftigung mit der Wissenschaft, wenn sie mit dem reinen Streben eines Gottesdienstes getrieben wird, ist gerade darum, weil sie den ganzen Menschen erfaßt, nicht weniger, sondern noch mehr Gott wohlgefällig als Übungen der Buße.› »

[ 30 ] In unserer Zeit ist es geschehen, daß man versucht hat, klares Verständnis nach allen Seiten zu erwecken. Das will ich Ihnen an einem Beispiele beweisen. Ich habe Ihnen heute aus einer Schrift vorgelesen, aus der Sie sehen können, wie man sich auf einer gewissen Seite verhält im Sinne einer Strömung, die ich charakterisierte. Daß man sich so verhält, das sieht zum Beispiel ein Herr ein, der über den Mann, der dieses Schriftchen geschrieben hat, vor kurzem — es ist wichtig, daß es vor kurzem gewesen ist — einen Aufsatz geschrieben hat. Aus diesem Aufsatze also will ich Ihnen jetzt eine Stelle vorlesen: «In der 1893 gehaltenen Rede «Über die Aufgabe der katholischen Wissenschaft und die Stellung der katholischen Gelehrten in der Gegenwart» legt er das Bekenntnis ab: «Auch wir katholische Gelehrte des neunzehnten Jahrhunderts sind überzeugt, daß zwischen Wissen und Glauben kein Gegensatz besteht, sondern beide dazu bestimmt sind, einander in inniger Harmonie zu durchdringen. Wir sind überzeugt, daß es keine zweifache Wahrheit gibt und geben kann. Gott ist die Quelle aller Wahrheit; er hat zu uns gesprochen durch die Propheten und den fleischgewordenen Logos; er spricht zu uns in dem Lehramte der Kirche, aber nicht minder auch in den Gesetzen der Logik, an die wir uns zu halten haben, wo wir nach der Erkenntnis der natürlichen Wahrheiten streben. Und weil Gott sich nicht widersprechen kann, darum kann es keinen Gegensatz geben zwischen übernatürlichen und natürlichen Wahrheiten, zwischen den Lehren der Offenbarung und dem, was ernste, aufrichtige, den Gesetzen der Logik und den Regeln der Methodologie folgende Wissenschaft zutage fördert.» Damit ist aber die Philosophie mundtot gemacht. Ihre Freiheit mutet uns genau so an, wie die der Herde innerhalb der Umzäunung oder der Gefangenen innerhalb der umschließenden Mauern. So wenig diese frei sind, weil sie die eigenen Füße zur Bewegung und ihre eigenen Hände zur Tätigkeit gebrauchen dürfen und sich auf dem umschlossenen Gebiete | beliebig bewegen können, so wenig, ist die Philosophie mit ihren eigenen Prinzipien unter der bestimmenden, begrenzenden Herrschaft des Glaubens frei. Eine katholische Philosophie enthält unmittelbar einen Widerspruch in sich selbst, denn sie ist nicht voraussetzungslos frei, auf sich selbst gestellt.» Wenn unsere Geisteswissenschaft nicht auf sich selbst gestellt wäre, so wäre sie nicht das, was sie sein soll. «Sie [die katholische Philosophie] hat eine gebundene Marschroute. Eine Philosophie, die Anspruch auf Wissenschaftlichkeit erhebt, darf nur das mit rücksichtsloser Konsequenz festhalten, was dem eigenen Forschen und Denken entstammt, an die strengen Regeln der Forschung und Beweisführung gebunden ist; sie darf nicht innerhalb einer bestimmten Religion, auf einem bestimmten kirchlich-dogmatischen Standpunkt stehen. Andernfalls ist sie nicht Wissenschaft, sondern unwissenschaftlicher Dogmatismus; sie wird nicht von Wissensprinzipien, sondern von dem Glauben und Glaubenssätzen bestimmt. Sie geht nicht unbehindert und unbeeinflußt ihren Weg, sie folgt nicht unbefangen ihren eigenen Gesetzen, sondern erkennt von vornherein eine zu Recht bestehende Wahrheit an und begibt sich ihr gegenüber der Selbständigkeit. »

[ 31 ] Das aber ist gerade die Aufgabe unserer heutigen Zeit, daß wir den Weg finden, wo sich jede Menschenseele auf sich selbst stellen kann. Im herbsten Widerspruch mit der eigentlichen Aufgabe unserer Zeit steht daher ein Mensch, welcher so etwas behauptet wie das, was ich Ihnen aus jener Schrift vorgelesen habe. Sie sehen, es gibt auch Menschen, die das einsehen: daß jedenfalls eine Weltanschauung, eine wissenschaftliche Weltanschauung nicht möglich ist, wenn man solche Ansichten hat. Aber es scheint doch recht schwer zu sein, in der Gegenwart sich die Unbefangenheit seiner Urteile zu bewahren, trotzdem es so notwendig wäre. Denn davon, daß die Menschen dahin kommen werden, ihren seelischen Zusammenhang zu finden, wie sie mit der geistigen Welt zusammenhängen, davon wird der Weitergang der Kultur abhängen; und wer dies nicht einsieht, verhindert das Allerwichtigste, was die Gegenwart als Aufgabe hat. Diese Konsequenz müßte man in jedem Falle ziehen. Heute ist das Merkwürdige, daß die Leute etwas einsehen können, aber dann sonderbarerweise andere Konsequenzen daraus ziehen. Denn der Verfasser jenes Aufsatzes schreibt dann über den Mann, von dem ich Ihnen das vorgelesen habe, was dann in dem Bekenntnis zum Jesuitentum gipfelt und der Mann, der diese Schrift geschrieben hat, war, als er sie verfaßt hat, Georg Freiherr von FHertling, heute bekanntlich Graf von Hertling —, der Verfasser jenes Aufsatzes schließt aber, nachdem er vorher gesagt hat, «das alles schließt die Wissenschaft aus», seinen Artikel mit den Worten: «Graf Hertling ist eine entschieden ausgeprägte Individualität. Individualität heißt wörtlich Unteilbarkeit, aber eben diese bedingt zugleich Einteilbarkeit, innere Abstufung, durchgängige Organisation. Einzelseele, Stammesseele, Volksseele treffen sich und steigern sich gegenseitig in diesem Manne; Seelendreieinigkeit ist es, welche ihn so stark macht und ihm den Stempel des auserwählten Kanzlers des deutschen Reiches aufdrückt.»

[ 32 ] Es ist notwendig in unserer heutigen Zeit, daß wir die Möglichkeit finden, den Nerv zu ergreifen, durch den das Fluidum der Geisteswissenschaft fließen muß. Und dieser Nerv kann kein anderer sein als der, welcher dadurch dasjenige durch sich fließen läßt, wodurch die Menschenseele ihren eigenen Weg zu dem geistigen Leben findet. Das muß man gründlich verstehen, denn das hängt mit den tiefsten Bedürfnissen, mit den notwendigsten Impulsen unseres heutigen Zeitalters zusammen. Denn unsere Zeit fordert von dem Menschen, daß dieser Mensch in die Lage kommen könne, wenn er etwas durchschaut, sich auch dazu zu bekennen, auch wirklich die Konsequenzen daraus zu ziehen. Unsere Geisteswissenschaft wird wahrhaftig nur bei solchen Menschen, die den Mut zur Wahrheit haben, sich halten können, sonst wird man immer mehr und mehr solche Dinge erleben können. Auch das muß ich sagen, weil sich ja bei uns naive Gemüter immer mehr und mehr finden, die ihre helle Freude haben, wenn es einmal vorkommt, daß da oder dort etwas Geisteswissenschaftliches oder geisteswissenschaftlich Scheinendes gelobt wird. Gerade in diesem Punkte muß man Unterscheidungsvermögen haben. Loben kann uns viel schädlicher sein und viel mehr unseren Bestrebungen widersprechen als irgendein Tadel, wenn er ehrlich gemeint ist.

[ 33 ] Da hat Hermann Heisler, ein protestantischer Theologe, in Konstanz Vorträge gehalten, die er dann gesammelt hat unter dem Titel «Lebensfragen, 17 Predigten von Hermann Heisler». Hier ist mir zufällig eine Kritik dieses Buches von Hermann Heisler zugekommen, die sehr charakteristisch ist, und unsere naiven Freunde werden vielleicht diese Kritik zu dem zählen, worüber sie sich zu freuen hätten, weil eigentlich alles gelobt wird. Aber charakteristisch ist diese Kritik: «Diese Predigten verdienen besondere Beachtung, schon um des Predigers willen. Er war zehn Jahre evangelischer Pfarrer in Steiermark und Böhmen, hat dann, erschreckt von der Gefahr, in der Routine des Amtes zu erstarten, vorläufig auf sein Amt verzichtet, um sich jahrelang gründlichen naturwissenschaftlichen und philosophischen Studien hinzugeben, bis er schließlich, von innerem Ruf getrieben, mit neuer Freudigkeit und Liebe zum geistlichen Amt zurückkehrte. Da er nämlich dem Vaterlande nicht mit der Waffe dienen konnte, hat er seiner heimatlichen badischen Landeskirche seine geistlichen Dienste angeboten und ist mit einem Pfarramt in Konstanz betraut. Dort sind im Laufe des Jahres 1917 die vorliegenden 17 Predigten gehalten. Sie ragen auch inhaltlich hervor. Sie beruhen alle auf gründlicher Geistesarbeit und muten ihren Hörern und Lesern ernste Mitarbeit zu. Sie wollen nicht schöne Gefühle entflammen, sondern durch ernsthaftes Denken eine zum Wissen werdende Überzeugung bilden. So vermeiden sie den Predigtton und lesen sich fast wie wissenschaftliche Abhandlungen gediegen volkstümlicher Art über religiöse Probleme. Ich nenne als Beispiel die Predigt über den vieldeutigen Begriff Freiheit. Sie kommt zu dem wahren Ergebnis: ‹Freilich bleibt es immer ein Müssen, das uns leitet. Wir folgen auch als befreite Menschen dem Ziel, das uns am stärksten lockt. Aber das ist das Gottesgeschenk der Freiheit, das uns Christus bringt, daß die niederen Lockungen der Sinneswelt ihre zwingende Macht über unsere Seele verlieren, und daß die Herrlichkeit der Geisteswelt innere Gewalt über uns gewinnt.› Aber das Eigentümliche der Heislerschen Predigt liegt nicht allgemein in der starken Anspannung des Denkens, es liegt im bestimmten Inhalt seiner Gedanken: Heisler ist überzeugter begeisterter Theosoph. Er selber würde wohl lieber sagen: Anhänger der Geisteswissenschaft. Sie darf aber nicht mit spiritistischem Glauben an Materialisation von Geistern verwechselt werden, sondern behauptet eine rein geistige, an kein materielles Mittel gebundene Wirkung des Geistes. Unsere Gedanken sind Kräfte, die unsichtbar, aber machtvoll von uns ausstrahlen und der ganzen Natur fördernd oder schädigend den Stempel unseres Wesens einprägen. Dieser Glaube an die unzerstörbare Macht des Geistes soll sich tröstend auswirken in der Predigt: «Unsere Toten leben»; er gewinnt überraschende Form in der Predigt «Schicksal». Auf Grund von Joh. 9 (der Blindgeborene) wird hier die alte indische und orphische Lehre von der Seelenwanderung, der Wiederverkörperung der Seele in einem irdischen Leibe, gelehrt: mit ihr will der Prediger die Rätsel des scheinbar oft so ungerechten Schicksals lösen, und ähnlich wie Lessing in seiner Erziehung des Menschengeschlechts, den Glauben an eine planvolle göttliche Erziehung wecken. Wenn ich noch sage, daß Heisler diese Lehre wie seine ganze Geisteswissenschaft als Rückkehr zum Neuen Testament empfindet, und daß er sie als Wissenschaft vorträgt, also die Kantische Grenze zwischen Wissen und Glauben bewußt überschreitet, so habe ich seine Gedanken wohl in den Hauptzügen skizziert.»

[ 34 ] Man könnte nun sagen: Was will man denn mehr? Man kann ja eigentlich nichts Besseres schreiben! — Aber der Mann, der dies schreibt, schließt seine Betrachtung: «Ich persönlich lehne diese Geisteswissenschaft ab und bleibe bei Kant stehen. Aber die Predigten enthalten im übrigen so viel Gutes, und die Theosophie bewegt augenblicklich die Theologie in so bedeutsamer Weise (vgl. z.B. Rittelmeyers Aufsätze in der «Christlichen Welt»), daß ich glaube, vielen Theologen und Laien einen Dienst zu tun, wenn ich sie nachdrücklich auf diese Predigten von Heisler hinweise.»

[ 35 ] Das ist die Art, wie vielfach in unserer Zeit gedacht wird, wie in unserer Zeit dem Denken die innere Kraft und der innere Mut fehlen. Der Mann hat «nur Gutes» zu sagen; man merkt, er sieht das Gute auch ein, denn er kann es ganz hübsch formulieren. Dann jedoch: «Ich persönlich lehne diese Geisteswissenschaft ab»! Da haben Sie die Früchte dessen, was ich vorhin charakterisierte, und viele Dinge in der Gegenwart hängen mit diesen Früchten zusammen.

[ 36 ] Dies will ich heute über acht Tage noch weiter auseinandersetzen: jene Strömung, die ich heute charakterisierte, und die dann hinüberführt bis in die Sozialdemokratie und den Bolschewismus.