Donate books to help fund our work. Learn more→

The Rudolf Steiner Archive

a project of Steiner Online Library, a public charity

DONATE

Earth-Death and Universal-Life
Anthroposophical Life-Gifts
Essential Aspects of Consciousness for the Present and the Future
GA 181

23 July 1918, Berlin

Translate the original German text into any language:

Versions Available:

Essential Aspects of Consciousness for the Present and the Future, tr. SOL
  1. A Sound Outlook for To-day, tr. Unknown
  2. Erdensterben und Weltenleben

Bewußtseins-Notwendigkeiten für Gegenwart und Zukunft V

Essential Aspects of Consciousness for the Present and the Future V

[ 1 ] Der Frage wollten wir uns nähern: warum der Mensch eigentlich nicht bemerkt, wie die verschiedenen Zeiträume, durch die er im Laufe seiner wiederholten Erdenleben, namentlich für unseren jetzigen Erdenzyklus geht, auch wirklich ihren Inhalten nach, ihren geistigen und sonstigen Kulturinhalten nach verschieden sind. Darüber möchten wir uns klarwerden, warum eigentlich so viele Menschen glauben, daß die Menschen sich wenig geändert haben seit Jahrtausenden, seit dem geschichtlichen Leben, während uns doch eigentlich die Geisteswissenschaft zeigt, wie sehr die Seelen in ihrem Wesenhaften sich geändert haben im Laufe des dritten, vierten und fünften nachatlantischen Kulturzeitraums; im fünften leben wir ja selbst. Wir müssen aus der geisteswissenschaftlichen Erkenntnis heraus eine solche Änderung der Menschenseele konstatieren. Wenn wir jedoch die äußere Geschichte uns vor Augen führen, wie sie gewöhnlich vorgetragen und geschrieben wird, so wird uns diese wenig von einer solchen Veränderung berichten.

[ 1 ] We wanted to explore the following question: Why do people not actually notice how the various periods they pass through in the course of their repeated earthly lives—particularly during our current earthly cycle—are in fact different in terms of their content, including their spiritual and other cultural aspects? We would like to gain clarity on why so many people believe that human beings have changed very little over the millennia, since the dawn of recorded history, even though spiritual science actually shows us how greatly souls have changed in their essential nature over the course of the third, fourth, and fifth post-Atlantean cultural epochs; we ourselves are living in the fifth. Based on spiritual scientific insight, we must acknowledge such a change in the human soul. However, when we consider external history as it is usually presented and written, it tells us very little about such a transformation.

[ 2 ] Um dieser Frage nahezukommen, habe ich gerade letzthin zu zeigen versucht, daß allerdings, wenn man ein wenig auf das Seelische im geschichtlichen Leben der Menschheit sieht, sich die Veränderungen schon zeigen. Ich versuchte begreiflich zu machen, wie anders die Menschenseelen zum Beispiel im 11., 12. Jahrhundert fühlten, und wie anders sie heute fühlen. Ich habe Ihnen das anschaulich gemacht, indem ich in eine solche Seele hineinzuleuchten versuchte, wie in die des Bernhard von Clairvaux im 12. Jahrhundert. Man könnte noch in mancherlei Seelen hineinleuchten. Aber wir wollen, bevor wir auf diesem Wege weitergehen, einmal mehr auf das Zentrale unserer Frage Rücksicht nehmen. Wir wollen direkt die Frage aufwerfen: Was hindert den Menschen, seine Veränderung durch die verschiedenen Erdenleben hindurch in der richtigen Weise anzuschauen?

[ 2 ] To get to the heart of this question, I have recently attempted to show that, indeed, if one looks a little more closely at the spiritual aspect of humanity’s historical life, these changes are already evident. I tried to explain how differently human souls felt, for example, in the 11th and 12th centuries, and how differently they feel today. I illustrated this by attempting to shed light on a soul such as that of Bernard of Clairvaux in the 12th century. One could shed light on many other souls as well. But before we continue down this path, let us once again turn our attention to the core of our question. Let us pose the question directly: What prevents human beings from viewing their own transformation through their various earthly lives in the proper way?

[ 3 ] Daran hindert ihn hauptsächlich der Umstand, daß er, wie er im gegenwärtigen Erdenzyklus ist, recht wenig Anschauung hat von seinem wahren Ich, von seiner wirklichen Menschenwesenheit. Der Mensch würde sich ganz anders seine eigene Natur und Wesenheit vorstellen, wenn nicht gewisse Hindernisse vorhanden wären. Von diesen Hindernissen wollen wir später sprechen. Jetzt wollen wir einmal darauf hinweisen — Sie mögen das zunächst hypothetisch nehmen —, wie sich der Mensch, wenn er auf sein wahres Wesen hinschauen könnte, eigentlich in der Welt vorkommen würde.

[ 3 ] What prevents him from doing so is mainly the fact that, as he is in the present earthly cycle, he has very little insight into his true self, into his actual human nature. Human beings would conceive of their own nature and essence quite differently if certain obstacles did not exist. We will speak of these obstacles later. For now, let us point out—you may take this as a hypothetical for the time being—how human beings would actually experience themselves in the world if they could look upon their true essence.

[ 4 ] Könnte der Mensch auf sein wahres Wesen hinschauen, so würde er vor allen Dingen fortwährend eine große Veränderung in seinem persönlichen Leben zwischen Geburt und Tod erblicken. Er würde, wie alt er auch ist, ob zwanzig, dreißig oder fünfzig Jahre, zurückschauen auf seine früheren Jahre gegen die Geburt hin und würde sich in einer fortwährenden Metamorphose vorkommen. Er würde die Veränderungen, die er durchgemacht hat, genauer auffassen, und er würde sich hoffende Vorstellungen für die Zukunft machen, daß er dann wieder Veränderungen durchmachen wird. Ich habe von solchen hoffenden Vorstellungen für die Zukunft in früheren Vorträgen, die ich hier gehalten habe, gesprochen.

[ 4 ] If a person could look at his true nature, he would, above all, constantly perceive a great transformation in his personal life between birth and death. No matter how old they are—whether twenty, thirty, or fifty—they would look back on their earlier years leading up to birth and feel as though they were undergoing a continuous metamorphosis. They would perceive the changes they have undergone more clearly, and they would entertain hopeful visions for the future, anticipating that they will undergo further changes. I have spoken of such hopeful visions for the future in earlier lectures I have given here.

[ 5 ] Wie der Mensch heute einmal ist, macht er sich nicht viel Vorstellungen darüber, wie er sich einmal im Laufe der Zeit verändert hat, weil dieser Mensch sich viel zu wenig sich selbst seelisch vorstellt. So sonderbar das ist, aber es ist doch so, daß sich der Mensch eigentlich, indem er sich heute sich selbst vorstellt, immer in zwei Glieder spaltet. Er sieht auf der einen Seite sein Leibliches, welches er, ich möchte sagen, wie ein ziemlich Starres während seines ganzen Lebens zwischen Geburt und Tod ansieht. Er ist sich zwar dessen bewußt, daß er wächst, daß er klein war und dann größer wurde, aber das ist fast alles, was er über seine äußere physische Wesenheit in sein Bewußtsein aufnimmt. Nehmen Sie eine einfache Tatsache: Sie schneiden sich die Nägel. Warum? Weil sie wachsen. Es ist das ein Beispiel, an dem Sie merken, daß eigentlich ein fortwährendes Abstoßen der äußeren Leiblichkeit Ihres Organismus stattfindet. Sie drängen in der Tat die äußere Leiblichkeit Ihres Organismus nach außen, stoßen sie ab, so daß immer nach einer gewissen Zeit, die im äußersten Falle sechs bis sieben Jahre dauert, das nicht mehr stofflich, materiell in Ihnen ist, was vor sieben oder acht Jahren in Ihnen war. Sie stoßen fortwährend Ihre materielle Gliedlichkeit ab. Aber der Mensch nimmt das nicht in sein Bewußtsein auf, daß er eigentlich immer langsam nach außen abschmilzt und sich von innen wieder aufbaut. Denken Sie sich, wie anders wir uns wüßten, wenn wir uns dessen bewußt wären, daß wir äußerlich unseren physischen Leib gleichsam abstoßen, abschmelzen, und uns innerlich immer neu aufbauen: wir würden die Metamorphose unseres eigenen Wesens dann beobachten!

[ 5 ] People today do not give much thought to how they have changed over time, because they have far too little spiritual awareness of themselves. Strange as it may seem, the fact is that when people imagine themselves today, they actually always split themselves into two parts. On the one hand, they see their physical body, which they regard—I would say—as something fairly rigid throughout their entire life between birth and death. They are certainly aware that they grow, that they were small and then became taller, but that is almost all they take into their consciousness regarding their outer physical being. Take a simple fact: you cut your nails. Why? Because they grow. This is an example that shows you that, in fact, a continuous shedding of the outer physicality of your organism is taking place. In fact, you are pushing the outer physicality of your organism outward, shedding it, so that after a certain period of time—which in the extreme case lasts six to seven years—what was within you seven or eight years ago is no longer present in you in a material, physical sense. You are constantly shedding your physical form. But human beings do not take into their consciousness the fact that they are actually always slowly shedding their outer physical form and rebuilding themselves from within. Imagine how differently we would perceive ourselves if we were aware that, outwardly, we are, as it were, shedding and dissolving our physical body, and inwardly constantly rebuilding ourselves anew: we would then be observing the metamorphosis of our own being!

[ 6 ] Das aber wäre mit etwas anderem verbunden. Daß wir den Leib, den wir an uns tragen, höchstens sieben Jahre an uns haben, daß wir [dann] das Frühere abgeworfen haben: wenn wir das wirklich in unser Bewußtsein aufnähmen, würden wir uns viel geistiger vorkommen. Denn wir würden dann nicht die trügerische Vorstellung haben: Ich war erst ein kleiner Kerl und bin dann immer größer und anders geworden. Sondern man würde wissen: Was der kleine Kerl war an Stofflichkeit, das ist irgendwo; das aber, was geblieben ist, das ist durchaus nichts Stoffliches, das ist etwas sehr Überstoffliches. Wenn man diese Metamorphose in sein Bewußtsein aufnehmen würde, würde man auf etwas zurückblicken, was einem erhalten ist seit seiner Kindheit. Man würde sich als Geistiges an sich erinnern. Gerade wenn wir uns bewußt wären, was in uns vorgeht, würden wir viel geistigere Vorstellungen über uns in uns aufnehmen.

[ 6 ] But that would involve something else. The fact that we have the body we carry with us for at most seven years, that we [then] cast off what came before: if we truly took that into our consciousness, we would feel much more spiritual. For then we would not have the deceptive notion: “I was once a little boy and then grew bigger and different.” Instead, we would know: What that little boy was in terms of materiality is somewhere; but what has remained is by no means material—it is something very transcendent. If we were to take this metamorphosis into our consciousness, we would look back on something that has been preserved within us since childhood. We would remember ourselves as spiritual beings. Precisely when we were conscious of what is going on within us, we would take in much more spiritual ideas about ourselves.

[ 7 ] Aber noch etwas anderes wäre damit verbunden: daß wir uns viel weniger abstrakt vorkämen. Wir sprechen eigentlich zu uns, indem wir uns, ich möchte sagen, wie in einen geistigen Punkt verwandeln. Wir sprechen von unserem Ich und haben so die Vorstellung: Unser Ich war da in unserer Kindheit, dann war es weiter da — und ist jetzt da und so weiter. Aber wir stellen uns unter unserem Ich eigentlich nur eine Art geistigen Punkt vor. Wenn wir uns zu der andern Vorstellung aufschwingen könnten, daß wir immer nach außen abschmelzen und uns innerlich wieder aufbauen, dann würden wir gar nicht anders können, als dieses unser Ich als das Tätige, als das Aktive aufzufassen, als das, was bewirkt, daß wir fortwährend nach außen abschmelzen und uns innerlich wieder aufbauen. Wir würden uns als etwas sehr Reales, innerlich Tätiges anschauen. Kurz, wir würden, indem wir auf unser Ich hinblickten, nicht auf unser abstraktes Ich hinschauen, wie wir es jetzt tun, sondern wir würden überschauen, wie dieses Ich innerlich tätig an unserem Leib arbeitet, wie es unseren Leib von Metamorphose zu Metamorphose führt. Wir würden manche Vorstellung korrigieren, denn wir geben uns — zusammenhängend mit dem, was ich jetzt auseinandergesetzt habe — eigentlich über uns recht irrtümlichen Vorstellungen hin. In den Worten der Sprache schon liegen eigentlich recht irrtümliche Vorstellungen über uns selbst. Wir sagen: Wir wachsen —, indem wir uns dabei vorstellen, daß wir erst Kinder waren, daß wir größer geworden sind. Aber so einfach, daß wir erst klein sind und dann größer werden, liegt eigentlich die Sache nicht. Sondern die Wahrheit ist diese, daß wir, indem wir ein kleines Kind sind, die physisch-leibliche Tätigkeit und die geistig-seelische Tätigkeit mehr als eine Einheit erleben, und dadurch halten sich Kopforganismus und Reproduktionsorganismus, Sexualorganismus, in einer gewissen Nähe. Später differenzieren sich diese beiden Erlebnisse, die Kopferlebnisse und Leibeserlebnisse werden einander fremder. Der stoffliche Organismus, der wir als Kind waren, wird nicht größer; denn der wird abgeworfen, schmilzt ab. Aber wir differenzieren uns, die beiden Pole unseres Wesens entfernen sich voneinander. Dadurch wird später in einen gestalteten Leib, bei dem sich die beiden Pole auseinandergezogen haben, der Stoff hineingeordnet. Das kommt uns dann vor, als ob wir bloß wachsen würden. : Wir wachsen aber nicht bloß, sondern wir differenzieren uns innerlich, und dadurch kommen wir im späteren Lebensalter mit andern äußeren Dingen in Zusammenhang als im früheren Lebensalter. Wir müssen später mit unserer Kopforganisation den unmittelbaren Erdenkräften ferner stehen als vorher. Unser Kopf hebt sich. Damit ist das verbunden, daß wir wachsen. |

[ 7 ] But there is something else involved here: that we would seem much less abstract to ourselves. We actually speak to ourselves by, I would say, transforming ourselves into a kind of mental point. We speak of our “I” and thus have the idea that our “I” was there in our childhood, then it continued to be there—and is there now, and so on. But what we actually imagine when we think of our “I” is merely a kind of mental point. If we could rise to the other conception—that we are constantly dissolving outwardly and rebuilding ourselves inwardly—then we would have no choice but to understand this “I” of ours as the active force, as that which causes us to continually dissolve outwardly and rebuild ourselves inwardly. We would see ourselves as something very real, inwardly active. In short, when we looked at our “I,” we would not be looking at our abstract “I,” as we do now, but we would observe how this “I” works inwardly on our body, how it guides our body from metamorphosis to metamorphosis. We would correct certain notions, for—in connection with what I have just explained—we actually harbor quite erroneous ideas about ourselves. Even in the very words of language lie quite erroneous notions about ourselves. We say, “We grow”—imagining that we were once children and have since become taller. But the matter is not actually as simple as us being small at first and then growing larger. Rather, the truth is this: when we are small children, we experience physical-bodily activity and mental-soul activity more as a unity, and through this, the head organism and the reproductive organism—the sexual organism—remain in a certain proximity to one another. Later, these two experiences become differentiated; the experiences of the head and those of the body grow more distant from one another. The physical organism that we were as children does not grow larger; for it is shed, it melts away. But we differentiate ourselves; the two poles of our being move away from one another. As a result, matter is later organized into a formed body in which the two poles have moved apart. This then seems to us as if we were merely growing. Yet we do not merely grow; rather, we differentiate ourselves internally, and as a result, in later life we come into connection with different external things than in earlier life. Later on, with our head organization, we must stand further removed from the immediate forces of the earth than before. Our head rises. This is connected to the fact that we grow. |

[ 8 ] Alle diese Vorstellungen werden anders, wenn wir das aufnehmen, was eigentlich die Wahrheit ist. Aber wir nehmen das nicht auf, was die Wahrheit ist. Wir verwischen sozusagen den fortwährend sich metamorphosierenden Leib, der sich fortwährend ändert, wir verwischen ihn und stellen ihn so vor, als wenn er aus sich herauswüchse, größer würde, und dadurch entgeht es uns, was für ein reiches Inneres, bewegtes Lebendiges unser Ich ist, das fortwährend zwischen Geburt und Tod an uns arbeitet. Dadurch würde unsere Vorstellung über uns selbst eine recht einheitliche, wenn wir uns so uns selbst vorstellen könnten. Aber der neuere Mensch — und zwar schon lange — kann sich nicht sich selbst so vorstellen. Das hängt gewissermaßen mit dem Menschenschicksal, mit der ganzen Entwickelung unseres Zeitalters zusammen. Der Mensch steht nicht so nahe vor seinem lebendigen, wirksamen Ich, das eigentlich den Organismus macht von Jahr zu Jahr, sondern er spaltet ihn: er schaut auf der einen Seite auf seinen Organismus hin, den er sich recht konsistent vorstellt, und auf der andern Seite auf sein Ich, das er abstrahiert, zum strohernen Begriff macht. Und dann sagt ein solcher Mensch: Wir sind auf der einen Seite ein Sinnesorganismus, ein körperlicher Organismus; dadurch kommen wir gar nicht an die Dinge heran, weil sie nur Eindrücke auf uns machen können; das Wesen der Dinge enthüllt sich uns gar nicht, das «Ding an sich» kommt gar nicht an uns heran, wir haben nur Erscheinungen. — Gewiß, wenn man auf den fleischlichen Leib als auf etwas Konsistentes sieht, so hat diese Schlußfolgerung eine gewisse Berechtigung. Dann sieht man auf dieses ganz stroherne Ich und sagt: Dadrinnen lebt etwas wie Pflichtgefühl. — Dann schaut man auf das, was man als kategorischen Imperativ zusammenfassen kann. Aber man spaltet dadurch das, was in der Einheit beschlossen ist. Man wird kantischer Philosoph, spaltet die einheitliche Menschennatur, indem man sie nach zwei Seiten hin orientiert. Es geht das sehr tief in das menschliche Denken, was ich jetzt ausgesprochen habe.

[ 8 ] All these ideas change when we take in what is actually the truth. But we do not take in what the truth is. We blur, so to speak, the constantly metamorphosing body that is continually changing; we blur it and imagine it as if it were growing out of itself, becoming larger, and as a result, we fail to grasp what a rich inner world, a vibrant and living being, our “I” is—one that is constantly at work within us between birth and death. As a result, our conception of ourselves would be quite unified, if we could imagine ourselves in this way. But modern man—and this has been the case for a long time—cannot conceive of himself in this way. This is connected, in a sense, with the human condition, with the entire development of our age. Human beings do not stand so close to their living, active “I”—which actually shapes the organism from year to year—but rather they split it: on the one hand, they look at their organism, which they conceive of quite consistently, and on the other hand, at their “I,” which they abstract, reducing it to a hollow concept. And then such a person says: On the one hand, we are a sensory organism, a physical organism; because of this, we cannot approach things at all, since they can only make an impression on us; the essence of things is not revealed to us at all, the “thing-in-itself” does not reach us at all—we have only appearances. — Certainly, if one regards the physical body as something substantial, this conclusion has a certain validity. Then one looks at this entirely hollow “I” and says: Inside it lives something like a sense of duty. — Then one looks at what can be summarized as the categorical imperative. But in doing so, one divides what is contained within unity. One becomes a Kantian philosopher, dividing the unified human nature by orienting it toward two sides. What I have just expressed penetrates very deeply into human thought.

[ 9 ] Der Mensch ist also in der Gegenwart wenig geeignet, sich als vollwesentliche Natur in der Welt aufzufassen. Er spaltet sich in der Weise, wie ich es angedeutet habe. Das aber bewirkt, daß wir eigentlich niemals unser Seelisches wirklich vor dem geistigen Auge haben; denn dieses Seelische-wäre das am Körper fortwährend Arbeitende und ihn Metamorphosierende. Wir haben gar nicht unser Seelisches im Auge, wir haben unseren abstrakten Leib und unser abstraktes Ich gespaltet vor Augen und kümmern uns nicht um das, was der ganze einheitliche Mensch ist. Dieses Gewahrwerden des ganzen einheitlichen Menschen würde aber sogleich dahin führen, daß wir erkennen würden: Was wir so als einheitlichen Menschen erkennen, das ist von Inkarnation zu Inkarnation so verschieden, wie es bei uns geschildert wird; das wahre, wirkliche menschliche Ich, das sich kaschiert, sich verbirgt vor dem menschlichen Seelenblick in der Gegenwart, das ist das, was verschieden ist von Leben zu Leben. — Natürlich, wenn Sie nicht das konkrete menschliche Ich, sondern das Abstraktum «Ich» ins Auge fassen, dann können Sie nicht darauf kommen, daß das Ich so verschieden ist von Leben zu Leben; denn wenn Sie abstrahieren, dann ist schließlich alles gleich, was nur irgendwie einander ähnlich ist. Ähnlich sind natürlich die Seelen in den aufeinanderfolgenden Erdenleben; aber sie sind auf der andern Seite wieder so verschieden, wie wir es immer geschildert haben, indem der Mensch von Leben zu Leben durch die menschliche Entwickelung sich hindurchlebt. Weil der Mensch in Wahrheit nicht die ganze Beweglichkeit seines Leibes und nicht die ganze reale Tätigkeit seines Ich überschaut, deshalb sieht er nicht sein wahres Wesen. Das ist etwas, was wie eine goldene Regel in der wirklichen Menschenerkenntnis und Menscheneinsicht festzuhalten ist. Und warum ist das so?

[ 9 ] Human beings today are therefore ill-suited to perceive themselves as a fully essential force of nature in the world. They are divided in the way I have indicated. But this means that we never truly have our soul before our inner eye; for this soul would be what is constantly at work on the body and transforming it. We do not have our soul before our eyes at all; instead, we see our abstract body and our abstract “I” as separate entities, and we pay no attention to what the whole, unified human being is. This awareness of the whole, unified human being, however, would immediately lead us to recognize that what we perceive as a unified human being is, from incarnation to incarnation, as different as is described here; the true, real human “I,” which conceals itself and hides from the human soul’s gaze in the present—that is what differs from life to life. — Of course, if you consider not the concrete human “I” but the abstract concept of the “I,” then you cannot conclude that the “I” is so different from one life to the next; for when you abstract, everything that is in any way similar ultimately becomes the same. Of course, the souls in successive earthly lives are similar; but on the other hand, they are also as different as we have always described, in that the human being lives through human development from one life to the next. Because the human being does not, in truth, have an overview of the full range of movement of his body or the full range of real activity of his “I,” he therefore does not see his true nature. This is something that must be upheld as a golden rule in the true knowledge and understanding of human beings. And why is that so?

[ 10 ] Warum es so ist, das können Sie sich beantworten aus Ihren Kenntnissen über das Ahrimanische und Luziferische. Wir spalten unser Wesen, spalten es so, daß wir auf der einen Seite auf unseren Leib hinsehen als auf etwas, was erst klein wäre und dann sich dehnt und wüchse, während er sich in Wahrheit fortwährend erneuert. Was sehen wir da, was erscheint uns da, wenn wir so auf unseren Leib hinsehen? Das Ahrimanische erscheint uns, dasjenige, was an uns selbst als Ahrimanisches tätig ist. Doch dieses Ahrimanische ist nicht unser wahres Menschenwesen; das ist das Gattungsmäßige, was in der Tat gleich bleibt durch alle Zeitalter hindurch. Wir schauen also eigentlich, indem wir auf unseren Leib blicken, auf unser Ahrimanisches, und die moderne wissenschaftliche Anthropologie schildert eigentlich nur das Ahrimanische am Menschen. Das ist das eine, was wir schauen: das von uns selbst verdichtet vorgestellte Leibliche. Das andere, das wir sehen, ist das abstrakte Ich, das eigentlich recht fluktuierend ist, recht sehr nur in der Zeit lebend ist, wenn wir uns selber dann uns zwischen Geburt und Tod vorstellen. Da haben wir unsre individuelle Erziehung darinnen, unser Nichtsnutzig- und Bravsein, da überschauen wir unser persönliches Leben zwischen Geburt und Tod. Aber wir schauen unser Ich nicht, wie es in Wahrheit ist, wie es an der Metamorphose unseres physischen Leibes arbeitet; sondern wir schauen es dünn, luziferisch verdünnt. Unsere physische Leiblichkeit schauen wir ahrimanisch vermaterialisiert, unser Geistig-Seelisches sehen wir luziferisch verdünnt.

[ 10 ] You can answer the question of why this is so based on your knowledge of the Ahrimanic and Luciferic principles. We split our being, splitting it in such a way that, on the one hand, we look at our body as something that is initially small and then expands and grows, whereas in truth it is constantly renewing itself. What do we see there, what appears to us when we look at our body in this way? The Ahrimanic appears to us—that which is active within us as the Ahrimanic. Yet this Ahrimanic aspect is not our true human being; that is the generic aspect, which in fact remains the same throughout all ages. So when we look at our body, we are actually looking at our Ahrimanic aspect, and modern scientific anthropology actually describes only the Ahrimanic aspect of the human being. That is one thing we see: the physical aspect as we have condensed it in our imagination. The other thing we see is the abstract “I,” which is actually quite fluctuating, existing very much only in time, when we then imagine ourselves between birth and death. There we have our individual upbringing within it—our uselessness and our good behavior—and there we survey our personal life between birth and death. But we do not see our “I” as it truly is, as it works on the metamorphosis of our physical body; rather, we see it in a thin, Luciferic-diluted form. We see our physical body materialized in an Ahrimanic way, and we see our spiritual-soul aspect diluted in a Luciferic way.

[ 11 ] Würde das nicht der Fall sein, würden wit uns nicht so spalten, daß der eine Pol unserer Wesenheit ahrimanisch, der andere luziferisch ist, so würden wir eine viel nähere Beziehung auch zu den Toten haben — die fortwährend unter uns bleiben —, weil wir eine viel nähere Beziehung auch zur geistigen Welt hätten. Wir würden die gesamte Wirklichkeit auffassen, zu der diejenige Welt gehört, in welcher der Mensch auch ist, wenn er durch die Pforte des Todes gegangen ist, und bevor er durch die Pforte der Empfängnis wieder in diese Welt eintritt.

[ 11 ] If that were not the case—if we were not so divided that one pole of our being is Ahrimanic and the other Luciferic—we would have a much closer relationship with the dead as well—who remain among us constantly—because we would also have a much closer relationship with the spiritual world. We would perceive the entirety of reality, which includes the world in which a human being also exists after passing through the gate of death and before re-entering this world through the gate of conception.

[ 12 ] So also haben wir eigentlich nie unser wahres Wesen vor uns, sondern auf der einen Seite das physisch-leibliche ahrimanische Trugbild und auf der andern Seite das geistig-seelische luziferische Trugbild, zwei Trugbilder von uns, zwischen denen aber, für uns unwahrnehmbar, unser wahrer Mensch lebt, von dem wir aber doch, wenn wir vom Menschen reden, sprechen müssen; denn der ist unser wahrer Mensch, der von Leben zu Leben geht.

[ 12 ] Thus, we never actually have our true being before us, but rather, on the one hand, the physical, corporeal Ahrimanic illusion and, on the other hand, the spiritual, soul-related Luciferic illusion—two illusions of ourselves—between which, however, imperceptible to us, our true human being lives, yet of whom we must speak when we speak of the human being; for it is this being who is our true human being, passing from life to life.

[ 13 ] Das müssen wir ganz tief nehmen, was jetzt eben als Menschenerkenntnis angeführt worden ist. Dadurch ist erklärlich, warum man glaubt, daß der Mensch durch die verschiedenen Zeitalter hindurch sich gleich bleibe. Die falschen Gedanken über den Menschen schaut man an, man schaut auf der einen Seite das, was gattungsmäßig durch lange Zeiträume gleich bleibt, und auf der andern Seite dehnt man das, was das wirklich geistig-seelische Wesen ist, nicht über das Leben zwischen Geburt und Tod aus. Würde man erkennen, wie das GeistigSeelische den Leib von Jahr zu Jahr verändert, dann würde man auch den gewaltigen Übergang begreifen, der eintritt, indem das GeistigSeelische durch die Empfängnis in das Physisch-Leibliche hineinschreitet, oder durch den Tod wieder heraustritt. Wir nehmen gar keine Rücksicht darauf, wie das Geistig-Seelische am Leibe arbeitet.

[ 13 ] We must take what has just been presented as an insight into human nature very deeply to heart. This explains why people believe that human beings remain the same throughout the various ages. When we examine these misconceptions about human beings, on the one hand we see what remains the same in terms of the human species over long periods of time, and on the other hand, we fail to extend the concept of what the true spiritual-soul being is beyond the life between birth and death. If one were to recognize how the spiritual-soul aspect transforms the body from year to year, one would also comprehend the tremendous transition that occurs when the spiritual-soul aspect enters the physical body through conception, or departs from it again through death. We take no account whatsoever of how the spiritual-soul aspect works upon the body.

[ 14 ] Wir können das, was wir eben ausgesprochen haben, auch noch anders ausdrücken. Unser fertiger Organismus, wie wir ihn ahrimanisch vorstellen, ist eigentlich recht wenig das, was wir als Mensch sind. Wir wohnen nur in diesem Organismus. Was wir eigentlich für gewöhnlich an ihm anschauen, was richtig ahrimanisch verdichtet von uns angeschaut wird, das rührt eigentlich viel mehr aus unserer vorigen Inkarnation her, als aus dieser. Aus den verschiedenen Betrachtungen dieses Jahres und auch aus sonstigen werden Sie entnehmen können: Ihre Physiognomie, Ihre sonstige beständige Bildung ist eigentlich aus Ihrer vorigen Inkarnation, Ihrem vorigen Leben herrührend. Man kann aus der Physiognomie eines Menschen eigentlich sehr gut ersehen, was ihn zurück versetzt ins frühere Leben. Was mit dem physisch-leiblichen Organismus zusammenhängt, das hängt eigentlich viel mehr mit dem vergangenen Leben zusammen als mit dem gegenwärtigen. Der heutige Mensch aber läßt sich einfach berücken, zu sagen: Wir haben ja kein vorhergehendes Leben, also kann auch ein voriges Leben nicht unsere gegenwärtige Gestalt, ob wir groß oder klein sind, uns geben. — Aber das reden wir uns ein. Würden wir uns richtig verstehen, dann würden wir gar nicht anders können, als auf unser voriges Leben zurücksehen. Würden wir uns jetzt das ansehen, wie ich es auseinandergesetzt habe, als an unserem Organismus formend, so würde sich das schon aufhellen. Es würde uns auffallen, was wir nicht formen können, sondern was schon geformt ist aus den früheren Leben her. Wer wirklich hinschauen kann auf den Menschen, der weiß, wie sein Geistig-Seelisches an seinem Organismus formt. Das tritt gewissermaßen aus diesem Menschen heraus, und hinter diesem bleibt das stehen, was ahrimanisch anzuschauen ist als das Geformte aus der früheren Verkörperung.

[ 14 ] We can also express what we just said in a different way. Our finished organism, as we conceive it from an Ahrimanic perspective, is actually very little of what we are as human beings. We merely dwell within this organism. What we actually usually perceive in it—what we perceive in a truly Ahrimanically condensed form—actually stems much more from our previous incarnation than from this one. From the various reflections of this year, as well as from others, you will be able to gather that your physiognomy and your other enduring characteristics actually stem from your previous incarnation, your past life. One can actually see very clearly from a person’s physiognomy what takes them back to their past life. What pertains to the physical body is actually much more closely connected to the past life than to the present one. But people today are simply led to believe that: “We have no previous life, so a past life cannot possibly determine our present form—whether we are tall or short.” — But we are merely convincing ourselves of that. If we truly understood ourselves, we would have no choice but to look back on our past lives. If we were to examine this now—as I have explained it—in terms of what shapes our physical organism, things would become much clearer. We would notice what we cannot shape ourselves, but rather what has already been shaped by our past lives. Anyone who can truly look at a human being knows how their spiritual-soul aspect shapes their physical body. This, so to speak, emerges from within that person, and behind it remains what, from an Ahrimanic perspective, can be seen as the form shaped by the previous incarnation.

[ 15 ] Für den, der sich gewöhnt, den Menschen als ein recht lebendiges Wesen anzusehen, für den ist es, wenn er einem andern Menschen entgegentritt, immer so, wie wenn aus diesem Menschen einer herauskommt. Der da herauskommt, ist der gegenwärtige Mensch; man sieht ihn nur gewöhnlich nicht. Der, der dagegen etwas zurückbleibt, das ist der, welcher aus der früheren Verkörperung geformt ist. Und in dem, der da heraustritt, tritt sehr bald etwas hinein. Der da heraustritt, der ist zuerst, ich möchte sagen, recht sehr durchsichtig; dann wird er sehr bald undurchsichtig. Weil das Geistig-Seelische tätig, als Tätiges erscheint, verdichtet es das, was da herausgetreten ist. Und dann tritt etwas heraus, was einem wie ein Keim für das folgende Erdenleben erscheint.

[ 15 ] For those who have grown accustomed to viewing human beings as truly living beings, when they encounter another person, it is always as if someone were emerging from that person. The one who steps out is the present human being; one usually just does not see him. The one who, on the other hand, remains somewhat behind is the one formed from the previous incarnation. And into the one who steps out, something very soon steps in. The one who steps out is, at first, I would say, quite transparent; then very soon he becomes opaque. Because the spiritual-soul aspect is active and appears as such, it densifies what has stepped out. And then something emerges that appears to one as a seed for the next earthly life.

[ 16 ] Dreigliederig drückt sich der gegenwärtige Mensch aus für den, der die Verhältnisse durchschaut. Symbolisch haben mancherlei mythische Darstellungen dieses festgehalten. Versuchen Sie sich an zahlreiche Darstellungen zu erinnern, wo drei Generationen nur deshalb hintereinander dargestellt werden, weil dieses Heraustreten der menschlichen Dreiheit veranschaulicht werden soll. Erinnern Sie sich an manche Isis-Darstellungen, auch an manche Darstellungen der christlichen Zeit, wo hintereinander drei Gestalten dargestellt werden, die zusammengehören. In Wahrheit ist dabei gemeint, was ich jetzt ausgeführt habe. Natürlich kann man es dann umdeuten, wenn man es materialistisch deuten will: Großmutter, Mutter und Kind —, wenn man will. Aber man stellt eine solche Dreiheit deshalb dar, weil sie einer Realität des Anschauens entspricht. Sie stellen sich Bildliches aus der früheren Zeit überhaupt am richtigsten vor, wenn Sie nicht die phantastischen Vorstellungen der gegenwärtigen Wissenschaft ins Auge fassen, die immer nachdenkt, was jemand sich ausspintisiert hat über etwas bildlich Dargestelltes, sondern wenn Sie darauf Rücksicht nehmen, was die Menschen in einer gar nicht so fernen Vergangenheit geschaut haben, und wie sie das Geschaute dann künstlerisch dargestellt haben.

[ 16 ] To those who see through the circumstances, modern humanity expresses itself in threefold form. Various mythical representations have symbolically captured this. Try to recall numerous depictions in which three generations are shown one after the other simply to illustrate this manifestation of the human trinity. Recall certain depictions of Isis, as well as some from the Christian era, in which three figures that belong together are shown in succession. In truth, what is meant here is precisely what I have just explained. Of course, one can reinterpret it if one wishes to interpret it materialistically: grandmother, mother, and child—if one so desires. But such a trinity is depicted precisely because it corresponds to a reality of perception. You can best imagine imagery from earlier times if you do not focus on the fanciful notions of contemporary science—which is always pondering what someone has conjured up about a pictorial representation—but rather if you take into account what people saw in a not-so-distant past and how they then artistically depicted what they had seen.

[ 17 ] Wichtig, ganz besonders wichtig wird eine solche Betrachtung, wie wir sie jetzt eben angestellt haben, wenn wir uns vergegenwärtigen, daß der Christus, der durch das Mysterium von Golgatha gegangen ist, seine Beziehung — von der wir immer sprechen — zu dem wahren menschlichen Ich hat. Wenn Sie also sich das Paulinische Wort vor Augen halten: «Nicht ich, sondern der Christus in mir», so ist dieses «in mir» bezüglich auf das wahre, für die heutige Anschauung verdeckte, kaschierte Ich. Der Mensch muß gewissermaßen auf dieses als ein Geistiges hinschauen, wenn er das rechte Verhältnis zum Christus finden will. Man möchte einmal wissen, wie gewisse Worte der Evangelien aufgefaßt werden können, wenn man das nicht berücksichtigt. Denken Sie nur einmal an jenes Wort des Johannes-Evangeliums, das gleich im Anfange steht, wo Johannes davon spricht, wie der Christus zu dem Menschen kommt als an diejenige Stätte, wohin er gehört. Die Evangelienübersetzer übertragen es gewöhnlich so, daß sie sagen: «Er kam in sein Eigentum, und die Seinigen nahmen ihn nicht auf.» Aber dann heißt es weiter: «Wie viele ihn aber aufnahmen, denen gab er Macht, Gottes Kinder zu werden, die an seinen Namen glauben, welche nicht von dem Geblüt, noch von dem Willen des Fleisches, noch von dem Willen eines Mannes, sondern von Gott geboren sind.» Und es wird wohl bemerkbar gemacht, daß er eigentlich zu allen Menschen, die solchen Bewußtseins sind, kommen wollte. Aber die äußeren Menschen, also alle Menschen, die es gewöhnlich gibt, sind doch ganz gewiß «vom Geblüt und vom Willen eines Mannes». Der Mensch aber, den ich als den wahren bezeichnet habe, der nicht vom Geblüt und Willen eines Mannes geboren ist, der kommt allerdings aus der geistigen Welt und umkleidet sich mit dem, was aus der physischen Vererbung kommt. Das Evangelium spricht von dem Menschen, von dem ich heute gesprochen habe, und deshalb ist es so schwer zu verstehen und wird so falsch ausgelegt, weil man es in Vorstellungen hineinzwängt, wie man sie sich heute machen will. Aber ohne die Vorstellungen, welche die Geisteswissenschaft vermitteln kann, sind die in den Evangelien niedergelegten Dinge nicht zu verstehen. Hat man diese Vorstellungen, dann geht einem in Beziehung auf die Evangelien plötzlich ein Licht auf.

[ 17 ] Such a consideration as the one we have just made becomes important—especially important—when we realize that Christ, who passed through the Mystery of Golgotha, has this relationship—of which we always speak—to the true human “I.” So if you keep Paul’s words in mind: “Not I, but Christ in me,” this “in me” refers to the true “I,” which is hidden and veiled from today’s perspective. To a certain extent, a person must regard this as a spiritual reality if they wish to find the right relationship to Christ. One might well wonder how certain words in the Gospels can be understood if this is not taken into account. Just think of that passage in the Gospel of John right at the beginning, where John speaks of how Christ comes to humanity as the place where he belongs. Translators of the Gospels usually render it as follows: “He came to his own, and his own did not receive him.” But then it continues: “Yet to all who did receive him, he gave the right to become children of God—to those who believe in his name, who were born not of blood, nor of the will of the flesh, nor of the will of a man, but of God.” And it is clearly indicated that he actually wanted to come to all people who possess such awareness. But the “outer” human beings—that is, all people as they usually exist—are most certainly “of the blood and of the will of a man.” The human being, however, whom I have described as the true one—who is not born of the blood and will of a man—does indeed come from the spiritual world and clothes himself in what comes from physical heredity. The Gospel speaks of the human being I have spoken of today, and that is why it is so difficult to understand and is so often misinterpreted—because people force it into concepts that they wish to impose on it today. But without the concepts that spiritual science can convey, the things recorded in the Gospels cannot be understood. Once one has these concepts, a light suddenly dawns regarding the Gospels.

[ 18 ] Mit Bezug auf alle diese Verhältnisse ist eigentlich etwas Großes in der Menschheitsentwickelung mit dem Mysterium von Golgatha vorgegangen. Sie wissen — aus Büchern wie aus Vorträgen —, daß bis dahin dieses ganze menschliche Ich in anderer Weise im Leibe gelebt hat als nachher. Der Zeitpunkt des Mysteriums von Golgatha war zugleich ein solcher, in welchem das ganze Bewußtsein des Menschen sich geändert hat. Das alles ist natürlich dadurch bewirkt, daß die Christus-Wesenheit sich mit der Erdenentwickelung vereinigt hat, wie ich es oft dargestellt habe. Aber die Zeit ist herangekommen, in welcher immer mehr begriffen werden muß, was es eigentlich mit diesem Mysterium von Golgatha und seinem Verhältnis zum Menschen auf sich hat. Ein besonderes Kreuz für viele Erklärer des Evangeliums ist zum Beispiel ein Wort des Christentums, .das in der einen oder andern Weise ausgesprochen oder übersetzt wird, das aber doch eigentlich so lautet, daß «das Himmelreich herabgekommen» sei. Unter denjenigen Menschen, welche diesen Ausspruch gründlich mißverstanden haben, ist ja auch Helena Petrowna Blavatsky, die an dieses Wort, wenn ich sagen darf, eingehakt hat, indem sie meinte: es würde doch von den Christen behauptet, daß mit dem Mysterium von Golgatha eine Art Himmelreich auf die Erde herabgekommen sei, aber es sei gar nichts anders geworden; die Ähren seien nicht zwölfmal so groß geworden, die Kirschen seien nicht größer geworden — und so weiter. Sie will damit andeuten, wie auf der physischen Erde die Sachen nicht anders geworden sind. Dieses «Herabkommen des Himmelteichs», des geistigen Reiches, macht ja sehr vielen Erklärern der Evangelien deshalb große Schwierigkeiten, weil man es nicht gut versteht. Was gemeint ist, das ist, daß die Menschen bis dahin an dem PhysischIrdischen das, was sie als Geistiges überhaupt erleben konnten, im atavistischen Hellsehen erlebten. Nachher mußten sie sich zu dem Geistigen erheben und in dem Geistigen, das wirklich gekommen ist, die Dinge erkennen. Man braucht nicht alle die Spintisierereien zu nehmen, die von den verschiedensten Seiten vorgebracht werden, sondern man nehme die Wirklichkeit, wie sie gemeint ist. Diese Wirklichkeit liegt in Folgendem.

[ 18 ] In light of all these circumstances, something truly momentous in human evolution actually took place with the Mystery of Golgotha. You know—from books as well as from lectures—that up until then, the entire human “I” had lived within the body in a different way than it did afterward. The time of the Mystery of Golgotha was also a time when the entire consciousness of humanity underwent a transformation. All of this, of course, was brought about by the Christ Being uniting with the evolution of the Earth, as I have often described. But the time has come when we must increasingly understand what this Mystery of Golgotha and its relationship to humanity are actually all about. A particular stumbling block for many interpreters of the Gospel, for example, is a saying in Christianity that is expressed or translated in one way or another, but which actually states that “the Kingdom of Heaven has come down.” Among those who have thoroughly misunderstood this statement is Helena Petrovna Blavatsky, who, if I may say so, latched onto this phrase by claiming that Christians assert that with the Mystery of Golgotha a kind of Kingdom of Heaven came down to Earth, yet nothing at all had changed; the ears of grain had not grown twelve times larger, the cherries had not grown larger—and so on. By this she intends to suggest that things on the physical earth have not changed. This “descent of the Kingdom of Heaven,” of the spiritual realm, poses great difficulties for many interpreters of the Gospels precisely because it is not well understood. What is meant is that, up until then, whatever people could experience as spiritual in the physical world, they experienced through atavistic clairvoyance. Afterward, they had to rise to the spiritual realm and recognize things in the spiritual realm that has truly come. There is no need to accept all the speculations put forward from various quarters; rather, one should take reality as it is intended. This reality lies in the following:

[ 19 ] Es ist wirklich mit dem. Christus, der durch das Mysterium von Golgatha gegangen ist, die Sache für die Menschen so geworden, daß sie nicht mehr mit dem bloß physischen Dasein ihr geistiges Dasein empfangen können, sondern leben müssen in der geistigen Welt. Wer nur in der physischen Welt lebt, der lebt nicht mehr auf der Erde, der lebt unter der Erde; denn vom Mysterium von Golgatha ab ist die Möglichkeit gegeben, im Geiste zu leben. Das geistige Reich ist wirklich herbeigekommen. Der Ausdruck wird sofort verstanden, wenn man ihn so nimmt, wie ich ihn erklärt habe. Zu diesem aber steht der Christus in wirklicher Beziehung. Das sollte aber zunächst, vorläufig, verborgen bleiben. Es sollte sich der Menschheit erst nach und nach mitteilen, indem die Menschen es sich erringen. Und erst indem man das einsieht, versteht man den wirklichen Verlauf der neueren Geschichte nach dem Mysterium von Golgatha. In den ersten Jahrhunderten pflanzte sich das Christentum, wie es in die Welt gekommen war durch das Mysterium von Golgatha, in die Gnosis ein, die mehr oder weniger noch vorhanden war. Man hatte sehr geistige Vorstellungen, um sich klarzumachen, was der Christus Jesus eigentlich ist. Dann nahm die Kirche eine bestimmte Form an. Diese Form können Sie ja geschichtlich verfolgen, aber Sie müssen die Aufgabe dieser Kirchenform vom 3., 4., 5. Jahrhundert ab richtig ins Auge fassen.

[ 19 ] It is truly the case that, through Christ’s passage through the Mystery of Golgotha, things have come to be such for human beings that they can no longer receive their spiritual existence through mere physical existence alone, but must live in the spiritual world. Whoever lives only in the physical world no longer lives on earth but lives beneath the earth; for since the Mystery of Golgotha, the possibility of living in the spirit has been given. The spiritual realm has truly come into being. The expression is immediately understood when taken as I have explained it. But Christ stands in a real relationship to this. This, however, was to remain hidden for the time being. It was to be revealed to humanity only gradually, as people earned it for themselves. And only by recognizing this can one understand the true course of recent history following the Mystery of Golgotha. In the first centuries, Christianity—as it had come into the world through the Mystery of Golgotha—took root in Gnosticism, which was still more or less present. People had very spiritual conceptions to clarify for themselves what Christ Jesus actually is. Then the Church took on a specific form. You can, of course, trace this form historically, but you must properly grasp the purpose of this form of the Church from the 3rd, 4th, and 5th centuries onward.

[ 20 ] Was ich jetzt sage, darf durchaus nicht mißverstanden werden. Geisteswissenschaft, wie sie hier vertreten wird, steht wirklich auf dem Boden wahrhaftiger, aktiver Toleranz gegenüber allen bestehenden religiösen Offenbarungen. Geisteswissenschaft muß daher die relative Wahrheit der verschiedenen religiösen Bekenntnisse auch durchschauen können. Nicht als ob die Geisteswissenschaft sich mehr oder weniger sympathisch diesem oder jenem Bekenntnisse zuneigt, sondern sie will den Wahrheitsgehalt der verschiedenen Religionsbekenntnisse zutage fördern; sie wird daher sorgfältig abwägen, wird nicht einseitig sein. Es darf also von der Geisteswissenschaft nicht ausgesagt werden, daß sie zu diesem oder jenem Bekenntnisse hinneige; sie will Wissenschaft vom Geistigen sein. Geisteswissenschaft kann zum Beispiel sehr gut würdigen, daß es schade ist, daß für viele Menschen verlorengegangen ist, was im katholischen Kultus liegt. Die Vorzüge des katholischen Kultus in bezug auf die Kultur weiß die Geisteswissenschaft sehr wohl zu würdigen. Sie weiß auch, wie eine gewisse künstlerische Produktion sehr verwandt ist mit dem katholischen Kultus, der ja nur eine Fortsetzung verschiedener anderer Religionsbekenntnisse ist, viel mehr, als man gewöhnlich glaubt. In diesem Kultus ist tiefes Mysteriumwesen drinnenliegend. Das aber, was ich zu sagen habe, bezieht sich auf wesentlich anderes, jedenfalls nicht auf den katholischen Kultus, der seine innere volle Berechtigung hat, der ein ungeheuer Anregendes für das Produktive des Menschen ist. Aber, was ich auseinandersetzen muß, ist dies: daß die kirchlichen Formen gewisse Aufgaben erhalten haben, Aufgaben, die sie damals noch im höchsten Maße gehabt haben, auch heute übrigens noch haben, als so inbrünstige Naturen wie Bernhard von Clairvaux aus der Kirche herauswuchsen ihres Gottes wegen.. Man muß immer unterscheiden: die Kirche — und solche Persönlichkeiten wie Bernhard von Clairvaux und zahlreiche andere. Was aber hatte die Kirche für eine Aufgabe? Sie hat die Aufgabe, die Seelen möglichst fernzuhalten von der Christus-Erkenntnis, möglichst zu bewirken, daß die Seelen dem Christus nicht sehr nahetreten. Und die Geschichte des kirchlichen Lebens vom 3., 4. Jahrhunderte an und dann weiterhin ist im wesentlichen eigentlich die Geschichte des Entfernens des menschlichen Gemütes von dem Verständnis des Mysteriums von Golgatha. Es liegt eine gewisse Gegnerschaft gegen das Christus-Verständnis in der kirchlichen Entwickelung. Diese negative Aufgabe der Kirche hat schon auch ihre Berechtigung. Sie hat die Berechtigung dadurch, daß die Menschen immer wieder von neuem darnach streben mußten, durch die Kraft ihres eigenen Gemütes, durch die Kraft ihrer eigenen Seele zu dem Christus hinzukommen. Und im Grunde genommen ist das Kommen der Menschen zu dem Christus durch alle diese Jahrhunderte ein fortwährendes Sich-Aufbäumen gegen das Kirchliche. Auch solche Leute wie Bernhard von Clairvaux bäumen sich eigentlich gegen das Kirchliche auf. Studieren Sie selbst Thomas von Aguino: er gilt denen, die kirchlich rechtgläubig waren, als ein Ketzer; er wurde verpönt, und die Kirche hat seine Lehre erst später aufgenommen. Der Weg zum Christus war eigentlich immer ein Wehren gegen die Kirche, und nur langsam und allmählich konnten sich die Menschen zu dem Christus hinarbeiten. Bedenken wir einmal, daß solche Menschen wie zum Beispiel Petrus Waldus, der Begründer der sogenannten «Waldenser-Sekte», im 12. Jahrhundert mit seinen Genossen zusammen ist, und sie alle haben in der damaligen Zeit noch keine Kenntnis vom Evangelium. Die Ausbreitung des kirchlichen Lebens war ja ohne die Evangelien geschehen. Bedenken Sie das doch! Man suchte aus der Umgebung des Petrus Waldus einige zusammen, die etwas aus den Evangelien übersetzen konnten; man lernte so die Evangelien kennen, und als man sie kennengelernt hatte, floß einem ein heiliges, ein erhöhtes christliches Leben aus den Evangelien. Das hatte aber zur Folge, daß Petrus Waldus gegen den Willen seiner Genossen vom Papst als Ketzer erklärt wurde. Bis in diese Zeiten herein haben sich ja auch in Europa noch gewisse gnostische Kenntnisse ausgebreitet, wie zum Beispiel bei den Katharern, übersetzt: die Reinen. Aber diese gnostischen Kenntnisse waren darauf gerichtet, sich Vorstellungen, konkrete Vorstellungen über den Christus und das Mysterium von Golgatha zu machen. Das durfte vom Standpunkte der offiziellen Kirche aus nicht sein. Deshalb wurden die Katharer zu Ketzern. Der Name «Ketzer» ist nur der umgeänderte Name «Katharer», .es ist dasselbe Wort. |

[ 20 ] What I am about to say must by no means be misunderstood. Spiritual Science, as represented here, is truly grounded in genuine, active tolerance toward all existing religious revelations. Spiritual Science must therefore also be able to discern the relative truth of the various religious creeds. This is not to say that spiritual science leans more or less favorably toward this or that creed, but rather that it seeks to bring to light the truth contained in the various religious creeds; it will therefore weigh matters carefully and will not be one-sided. It cannot, therefore, be said of spiritual science that it leans toward this or that creed; it seeks to be a science of the spiritual. Spiritual science can, for example, fully appreciate that it is a pity that what lies within the Catholic liturgy has been lost to many people. Spiritual science is well able to appreciate the merits of the Catholic liturgy in relation to culture. It also recognizes how certain artistic productions are closely related to the Catholic liturgy, which is, after all, merely a continuation of various other religious creeds—far more so than is generally believed. A profound mystery lies at the heart of this liturgy. But what I have to say relates to something fundamentally different—certainly not to the Catholic cult, which has its own full inner justification and is an immensely stimulating force for human creativity. But what I must elucidate is this: that ecclesiastical forms have been entrusted with certain tasks—tasks that they once fulfilled to the highest degree, and indeed still fulfill today, even as fervent souls like Bernard of Clairvaux grew out of the Church for the sake of their God. One must always distinguish between the Church—and figures such as Bernard of Clairvaux and numerous others. But what was the Church’s task? Its task was to keep souls as far away as possible from the knowledge of Christ, to ensure as much as possible that souls did not come too close to Christ. And the history of church life from the 3rd and 4th centuries onward is, in essence, the history of distancing the human mind from an understanding of the Mystery of Golgotha. There is a certain opposition to the understanding of Christ in the development of the Church. This negative role of the Church does, in fact, have its justification. It is justified by the fact that people have had to strive anew time and again to come to Christ through the power of their own minds, through the power of their own souls. And, fundamentally speaking, people’s coming to Christ throughout all these centuries has been a continuous rebellion against the Church. Even people like Bernard of Clairvaux were, in fact, rebelling against the institutional church. Study Thomas Aquinas for yourself: he was regarded as a heretic by those who were orthodox within the church; he was frowned upon, and the church did not adopt his teachings until later. The path to Christ was, in fact, always a struggle against the church, and only slowly and gradually were people able to work their way toward Christ. Let us consider, for example, that people like Peter Waldo, the founder of the so-called “Waldensian sect,” lived in the 12th century with his companions, and none of them had any knowledge of the Gospels at that time. The spread of church life had, after all, taken place without the Gospels. Just think about that! Some people were gathered from Peter Waldo’s circle who were able to translate parts of the Gospels; in this way, they came to know the Gospels, and once they had come to know them, a holy, exalted Christian life flowed from the Gospels. However, this resulted in Peter Waldus being declared a heretic by the Pope, against the will of his companions. Even up to that time, certain Gnostic teachings had spread throughout Europe, as was the case, for example, with the Cathars—which translates as “the Pure Ones.” But this Gnostic knowledge was aimed at forming concrete ideas about Christ and the Mystery of Golgotha. From the official Church’s standpoint, this was not to be tolerated. That is why the Cathars were labeled heretics. The name “heretic” is simply a variant of “Cathar”—it is the same word. |

[ 21 ] Es ist sehr notwendig, daß man dies, wovon ich jetzt spreche, in seiner vollen Schärfe einsieht, damit man den Weg des Christentums von dem Wege der Kirche unterscheide, und damit man durch unsere Zeit begreifen lernt, durch geisteswissenschaftliche Grundlage sich einen Weg zu dem wahren Christus, zu der wahren Christus-Vorstellung ebnen zu müssen. Unendlich vieles gerade aus der heutigen Zeit wird einem klar, wenn man weiß, daß ja nicht bloß alles, was sich auf den Christen-Namen taufte, dazu da war, das Verständnis des Mysteriums von Golgatha zu vermitteln, sondern daß vieles dazu da war, gerade dieses Verständnis zu verhindern, eine Barriere gegenüber diesem Verständnis aufzurichten. Und gibt es denn heute eigentlich nicht auch noch diese Barriere? Gerade heute gibt es sie! Dafür möchte ich Ihnen einiges Charakteristisches vorbringen.

[ 21 ] It is absolutely essential to grasp the full significance of what I am now speaking about, so that one may distinguish the path of Christianity from the path of the Church, and so that, in our time, one may come to understand the need to pave a path to the true Christ—to the true concept of Christ—through the foundation of spiritual science. So much about our present time becomes clear when one realizes that not everything that has been baptized in the Christian name was intended to convey an understanding of the Mystery of Golgotha, but that much of it was intended precisely to prevent this understanding, to erect a barrier against it. And does this barrier not still exist today? It certainly exists today! I would like to present some characteristic examples of this to you.

[ 22 ] Einschließlich des Protestantismus waren ja die Bestrebungen, die vielerorts auftraten, immer deshalb in Opposition mit der Kirche, weil die Kirche vielfach die Aufgabe hatte, gerade eine Barriere gegenüber dem Christus-Verständnis zu errichten, und weil man sich hinarbeiten mußte zum Christus-Verständnisse. Petrus Waldus mußte es tun, indem er die Evangelien gesucht hat. Bis dahin hatte man nur die Kirche, nicht die Evangelien. Aber auch heute haben noch manche Menschen sonderbare Ansichten über dieses Verhältnis der Kirche zu den Evangelien. Aus einer neueren Schrift, die für solche Dinge sehr charakteristisch ist, möchte ich Ihnen eine Stelle vorlesen, aus der Sie erkennen werden, daß diese Ansicht, die damals den Petrus Waldus in den Bann getan hat, weil er in den Evangelien den Weg zum Christus suchte, auch noch in der unmittelbaren Gegenwart ihre Wurzeln hat. Also nehmen Sie eine solche Sache, wie sie auch heute gesprochen wird. In der Schrift, die ich meine, heißt es: «Die Evangelien und die Briefe der Apostel sind uns die an Werth unvergleichlichen schriftlichen Urkunden der Offenbarung; aber sie sind uns weder die Grundlage, auf der sich erst unser Glaube aufzubauen hätte, noch die einzige Quelle, aus der wir den Inhalt dieses letztern selbstthätig schöpften. Nach unserer Auffassung ist die Kirche älter wie die heiligen Schriften, aus ihrer Hand entnehmen wir diese letztern, sie verbürgt ihre Glaubwürdigkeit, und gegenüber den Gefahren der handschriftlichen Überlieferung, gegenüber den Umgestaltungen des Wortlautes bei dem Übergange in alle Sprachen der Erde ist uns die Kirche die allein zuverlässige Auslegerin des Sinnes und der Tragweite aller einzelnen Aussprüche.»

[ 22 ] Including Protestantism, the movements that arose in many places were always in opposition to the Church because the Church often served to erect a barrier to the understanding of Christ, and because people had to work their way toward that understanding. Petrus Waldus had to do this by seeking out the Gospels. Until then, people had only the Church, not the Gospels. But even today, some people still hold strange views about this relationship between the Church and the Gospels. From a more recent work that is very characteristic of such views, I would like to read you a passage from which you will see that this view—which led to Peter Waldus being excommunicated back then because he sought the way to Christ in the Gospels—still has its roots in the present day. So take a statement like this, as it is spoken even today. The text I am referring to states: “The Gospels and the Epistles of the Apostles are for us the written records of revelation, incomparable in value; but they are neither the foundation upon which our faith must first be built, nor the sole source from which we independently draw the content of the latter. In our view, the Church is older than the Holy Scriptures; we derive the latter from her; she vouches for their authenticity; and in the face of the dangers of manuscript transmission and the alterations in wording that occur during translation into all the languages of the earth, the Church is for us the sole reliable interpreter of the meaning and scope of all individual statements.”

[ 23 ] Das heißt, nicht darauf kommt es an, was in den Evangelien wirklich steht, sondern was die Kirche sagt, was man in den Evangelien zu suchen habe. Ich muß dies sagen aus dem einfachen Grunde, weil auch in unseren Kreisen viel Naivität über die Sache herrscht. Immer wieder und wieder will sich ja auch in unseren Kreisen die Ansicht geltend machen, daß es uns der katholischen Kirche gegenüber mehr nützen könnte, wenn von uns gesagt werden könnte, wir vertreten ‚ eine Christus-freundliche Auffassung. Aber das wird uns der katholischen Kirche gegenüber gar nichts helfen, sondern uns nur anschwärzen, weil in der katholischen Kirche nichts vertreten werden darf über den Christus oder in bezug auf irgend etwas, was über die bloße Naturwissenschaft hinausgeht, was nicht von der Kirche selber als Lehrgut anerkannt ist. Wer also unter uns eine Christus-Vorstellung vertritt und nun glaubt, sich dadurch vor der katholischen Kirche rechtfertigen zu können, der klagt sich ja gerade an, beziehungsweise man hält dafür, daß er sich anklagt, weil er kein Recht hat, aus andern Quellen etwas über den Christus zu sagen als nur aus dem Lehrgut der Kirche.

[ 23 ] In other words, what really matters is not what the Gospels actually say, but what the Church says we are supposed to look for in the Gospels. I must say this for the simple reason that there is a great deal of naivety about this matter even in our circles. Time and again, even in our circles, the view seeks to gain ground that it might be more beneficial to us in our dealings with the Catholic Church if it could be said of us that we hold a “Christ-friendly” view. But that will not help us at all in our dealings with the Catholic Church; rather, it will only discredit us, because in the Catholic Church nothing may be advocated concerning Christ or in relation to anything that goes beyond mere natural science—anything that is not recognized by the Church itself as doctrine. So whoever among us holds a conception of Christ and now believes that this will enable him to justify himself before the Catholic Church is, in fact, incriminating himself—or rather, is considered to be incriminating himself—because he has no right to say anything about Christ from sources other than the Church’s doctrine.

[ 24 ] Derselbe Verfasser, der das gesagt hat, was ich eben vorgelesen habe, spricht sich darüber in einer sehr klaren Weise aus: «Für den Gläubigen verhält es sich damit freilich nicht anders, wie für den Naturforscher mit den Thatsachen der Erfahrung» — also er meint, der Gläubige müsse das, was ihm die Kirche über die geistige Welt vorschreibt, so nehmen, wie die Augen die Naturtatsachen nehmen —, «er muß sie nehmen, wie sie sind, er kann nichts davon abthun oder hinzuthun, gerade die von jedem subjectiven Beiwerke möglichst gereinigte Aufnahme des wirklichen Sachverhaltes ist es, die vor allen Dingen von ihm verlangt wird... Auch die Offenbarungswahrheiten sind ein Gegebenes — für den, der sie im Glauben ergreift. Sie sind zudem ein Abgeschlossenes und Vollendetes. Sie können seit Christus keine Bereicherung erfahren, und es kann ihr Bestand nicht verringert werden, ihrem Inhalte nach ist jede Veränderung ausgeschlossen. » Dies sagt jemand, der vollständig drinnensteht in dem, was der richtige Katholik, der richtige Kirchenkatholik sagen muß. Dieser richtige Kirchenkatholik muß sich zum Beispiel abwenden, mit einem gewissen Widerwillen abwenden von so etwas, wie es durch Lessing eingeleitet worden ist, was ja darauf hinausgegangen ist, das SeelischGeistige wieder zu suchen. Bis zu den wiederholten Erdenleben kam es durch Lessing. Aus dem neueren Geistesleben heraus ist dies geflossen. Das aber, was auf dem Boden der katholischen Kirche steht, muß sich in den ärgsten Widerspruch gerade zu dem deutschen Geistesleben stellen, wie es durch Lessing, Herder, Goethe, Schiller geflossen ist. Derselbe Mann, der das geschrieben hat, was ich Ihnen vorgelesen habe, schreibt daher auch: «Das kirchliche Lehrgebände, wie es heute vor den Theologen hintritt und von ihm zur Darstellung gebracht wird, war allerdings nicht von Anfang an fertig und abgeschlossen. Was Christus den Aposteln mittheilte, was diese der Welt verkündeten, war kein methodisch voranschreitendes, allseitig entwickeltes System; es war eine Fülle von Wahrheiten, die sich alle in der einen Thatsache, der Heilsgeschichte, der Menschwerdung des göttlichen Logos, wie in einem Brennpunkte vereinigen. Aber die Unterweisung der Gläubigen und die Abwehr gegen die Angriffe der Heiden wie gegen die Mißdeutungen der Häretiker machten es nöthig, diese Wahrheiten miteinander systematisch zu verbinden, ihren vollen Inhalt zu entwickeln, ihren genauen Sinn zu fixiren. Dies geschah durch die unausgesetzte Lehrverkündigung von seiten der dazu berufenen Organe, es geschah nach katholischer Auffassung unter Leitung des Heiligen Geistes, aber zugleich unter Mitwirkung der frühe beginnenden kirchlichen Wissenschaft.

[ 24 ] The same author who wrote what I just read aloud expresses himself very clearly on this point: “For the believer, of course, the situation is no different than it is for the natural scientist with the facts of experience” — in other words, he believes that the believer must accept what the Church prescribes regarding the spiritual world just as the eyes perceive the facts of nature —, “he must accept them as they are; he can neither subtract from nor add to them; it is precisely this perception of the actual state of affairs, purified as much as possible of all subjective embellishments, that is required of him above all else.. . The truths of revelation, too, are a given—for those who embrace them in faith. Moreover, they are a closed and complete whole. Since the time of Christ, they cannot be enriched, nor can their substance be diminished; any change in their content is ruled out. “This is said by someone who is fully immersed in what the true Catholic, the true member of the Catholic Church, must say. This true member of the Catholic Church must, for example, turn away—with a certain reluctance—from such things as were introduced by Lessing, which ultimately amounted to a search for the spiritual and psychological once again. Lessing’s work led all the way to the idea of repeated earthly lives. This flowed out of the newer spiritual life. But that which stands on the ground of the Catholic Church must place itself in the sharpest contradiction to German spiritual life as it flowed through Lessing, Herder, Goethe, and Schiller. The same man who wrote what I have read to you therefore also writes: “The body of church doctrine, as it stands before theologians today and is presented by them, was certainly not complete and finalized from the very beginning. What Christ imparted to the apostles, and what they proclaimed to the world, was not a methodically progressive, comprehensively developed system; it was a wealth of truths, all of which converge—as if at a focal point—in the single fact of salvation history: the Incarnation of the divine Logos. But the instruction of the faithful and the defense against the attacks of the pagans as well as against the misinterpretations of the heretics made it necessary to systematically connect these truths with one another, to develop their full content, and to establish their precise meaning. This was accomplished through the unceasing proclamation of doctrine by the authorities called to this task; according to Catholic understanding, it took place under the guidance of the Holy Spirit, but at the same time with the collaboration of early ecclesiastical scholarship.

[ 25 ] Die Offenbarung schuf keine neue Sprache, sondern sie bediente sich der im Umlauf befindlichen, indem sie den Sinn und die Bedeutung einzelner Worte umprägte und erhöhte. Auch die Theologie, welche es unternahm, den Inhalt der Offenbarung ordnungsgemäß und lehrhaft auseinanderzusetzen und speculativ zu durchdringen, hatte hierzu gewisse Werkzeuge und Hilfsmittel nöthig, scharf umgrenzte Begriffe zur Gliederung des Stoffes, besondere Ausdrücke, um in verständlicher Weise Beziehungen anzudeuten, welche über die Erfahrungen des täglichen Lebens weit hinausgehen. Damit war der griechischen Philosophie ihre neue welthistorische Aufgabe zugefallen. Sie hatte die Gefäße bereiten helfen, in welche nun ein aus höherer Quelle stammender, unendlich reicherer Inhalt gegossen wurde. Zunächst war es der Platonismus, aus dem man schöpfte. Die Richtung seiner Speculation auf das Übersinnliche forderte direct dazu auf. Viel später, nachdem schon mehr als ein Jahrtausend durchmessen war und die wichtigsten Bestandtheile der Offenbarung längst ihre dogmatische Formulirung gefunden hatten, vollzog sich die enge Verbindung der theologischen Wissenschaft mit der Aristotelischen Philosophie, welche bis zum heutigen Tage fortbesteht.» — Weil also die Aristotelische Philosophie schon im Mittelalter mit der Kirche vereinigt worden ist, darf sie auch heute in der Kirche gelten! — «Mit ihrer Hilfe hat der hl. Thomas von Aquin, der größte Systematiker, den die Geschichte kennt, das große Lehrgebäude aufgerichtet, welches, nur in Einzelheiten hie und da modificirt, für die folgenden Jahrhunderte die katholische Theologie nach Form, Ausdruck und Lehrweise bestimmt hat.»

[ 25 ] Revelation did not create a new language, but rather made use of the language already in circulation, redefining and elevating the meaning and significance of individual words. Theology, too, which undertook to systematically and doctrinally analyze the content of Revelation and to penetrate it speculatively, required certain tools and aids for this purpose: sharply defined concepts for structuring the material, and specific expressions to indicate, in an understandable way, relationships that extend far beyond the experiences of daily life. Thus, Greek philosophy was entrusted with its new task in world history. It had helped prepare the vessels into which an infinitely richer content, originating from a higher source, was now poured. Initially, it was Platonism from which one drew. The direction of its speculation toward the supernatural directly called for this. Much later, after more than a millennium had passed and the most important elements of revelation had long since found their dogmatic formulation, the close union of theological science with Aristotelian philosophy took place, a union that continues to this day.” — Since Aristotelian philosophy was already united with the Church in the Middle Ages, it may also be accepted in the Church today! — “With its help, St. Thomas Aquinas, the greatest systematist in history, erected the great edifice of doctrine which, modified only in details here and there, determined the form, expression, and method of teaching of Catholic theology for the centuries that followed.”

[ 26 ] Nun sieht der betreffende Herr, von dem diese Schrift herrührt, ja ein, daß das, was er kirchliches Lehrgut nennt, zustande gekommen ist aus einer gewissen Verbindung desjenigen, was christliche Weisheitssubstanz ist, mit der griechisch-aristotelischen Philosophie. Er stellt sich sogar etwas vor wie eine Möglichkeit, daß in einer Zukunft, die er aber recht ferne sich denkt — er sagt ausdrücklich «in einer heute noch keineswegs nahen Zukunft» —, man mit ganz andern Vorstellungen dem Christentum sich nähern könnte. Er sagt: Wie wäre es denn, wenn das Christentum sich nicht durch die griechische Philosophie ausgebreitet hätte, sondern, wie es ja auch möglich gewesen wäre, durch die indische Philosophie: Es würde alles eine andere Gestalt bekommen haben. Dennoch aber muß bei der Gestalt geblieben werden, die es bekommen hat; man darf es nicht mit einer andern Anschauung verändern, die aus der neueren Zeit kommt. Allerdings verspürt er, daß es Punkte gibt, wo die Sache brenzlig wird: «Ich wende mich nur gegen eine Geistesverfassung, welche auf Gebieten, auf denen der wissenschaftlichen Forschung volle Freiheit zusteht, gegen alle noch so begründeten Einwürfe taub ist und an der Überlieferung festhält.» Aber er hält recht streng an der Überlieferung fest!

[ 26 ] Now, the gentleman in question, from whom this text originates, does indeed acknowledge that what he calls “church doctrine” has come about through a certain synthesis of the substance of Christian wisdom with Greek-Aristotelian philosophy. He even envisions the possibility that in a future—which he, however, imagines to be quite distant—he explicitly says “in a future that is by no means near today”—one might approach Christianity with entirely different ideas. He says: What if Christianity had not spread through Greek philosophy, but—as would indeed have been possible—through Indian philosophy? Everything would have taken on a different form. Nevertheless, we must stick to the form it has taken; we must not alter it with a different perspective that comes from more recent times. Admittedly, he senses that there are points where the matter becomes precarious: “I am opposed only to a mindset that, in fields where scientific research is entitled to full freedom, remains deaf to all objections—no matter how well-founded—and clings to tradition.” Yet he himself adheres quite strictly to tradition!

[ 27 ] «Und schließlich muß man dann doch nachgeben, wie man bei dem Kopernikanischen Weltsystem nachgegeben hat.» Das war ja erst im Jahre 1827! Aber er wendet sich ab von dem Versuche, der ja auch in berechtigter Weise gemacht worden ist: das Christentum neu zu verstehen, indem man es zu verstehen sucht vom neuzeitlichen Bewußtsein aus. Das behagt ihm ganz besonders wenig. Er sagt: «So könnte ich mir denken, daß eine beute noch keineswegs nahe Zukunft die Verbindung der Theologie mit der Aristotelischen Philosophie lockerte und die nicht mehr verständlichen und noch weniger befriedigenden Begriffe durch andere ersetzte, welche ihrem vielfältig verbesserten Wissen entsprächen.» Er «könnte es sich denken», daß das, was ohnedies niemand mehr versteht, durch etwas ersetzt werden könnte, was auch keiner versteht. «Der Warnung des Evangeliums wäre damit nicht zuwider gehandelt, denn es würde ja nicht neuer Wein in alte Schläuche gegossen, sondern gerade umgekehrt neue Gefäße würden hergestellt werden, um den unerschöpflichen und seiner Wesensbeschaffenheit nach unveränderlichen Wein der Heilslehre darin aufzubewahren und den Gläubigen darzureichen.»

[ 27 ] “And in the end, one must give in, just as one gave in regarding the Copernican system of the world.” That was as recently as 1827! But he turns away from the attempt—which was, after all, made for good reason—to understand Christianity anew by seeking to grasp it from the perspective of modern consciousness. This displeases him particularly. He says: “I could imagine that, in the not-too-distant future, the connection between theology and Aristotelian philosophy might be loosened, and the concepts that are no longer comprehensible—and even less satisfying—might be replaced by others that correspond to their vastly improved knowledge.” He “could imagine” that what no one understands anymore could be replaced by something that no one understands either. “This would not contravene the Gospel’s warning, for it would not be a matter of pouring new wine into old wineskins; rather, the opposite would be true: new vessels would be crafted to preserve within them the inexhaustible and, by its very nature, unchanging wine of the doctrine of salvation and to serve it to the faithful.”

[ 28 ] Aber es darf nicht geschehen. Denn: «Aber die Gefäße müßten freilich dazu geeignet sein. Die Versuche, welche im 17. Jahrhundert mit der Cartesianischen, im 19. Jahrhundert mit der Kantischen und Hegelschen Philosophie gemacht worden sind, mahnen zur Vorsicht. Ein Begriffssystem, welches das Aristotelische ersetzen sollte, müßte ebenso wie dieses aus der Fülle des Wissens und des Zeitbewußtseins hervorgegangen [sein] » —, dann würden diese Menschen kommen und sich dagegen wenden, weil sie jedenfalls nicht aus der «Fülle des Wissens und des Zeitbewußtseins» hervorgegangen sind — «es [das Begriffssystem] müßte ebenso wie dieses zu dauernder Herrschaft über weite Kreise der denkenden Menschheit gelangt sein. Auch dann aber würde seine Verwendung in der kirchlichen Theologie sich schwerlich ohne allerhand Irrungen und Wirrungen vollziehen.» Man müßte «arbeiten», um die Verständigung zu bewirken. «War es doch im 13. Jahrhundert nicht anders, als durch Vermittlung der Araber die vollständige Aristotelische Philosophie zur Kenntnis des christlichen Abendlandes kam. Ihre Aufnahme stieß zum Theil auf heftigen Widerstand. Auch einem Thomas von Aquin blieben die Anfeindungen nicht erspart. Er galt damals vielen als ein Neuerer, gegen den die Verfechter des bewährten Alten ihre Angriffe zu richten hätten.»

[ 28 ] But this must not happen. For: “The vessels would, of course, have to be suitable for this purpose. The attempts made in the 17th century with Cartesian philosophy and in the 19th century with Kantian and Hegelian philosophy serve as a warning to exercise caution. A conceptual system intended to replace the Aristotelian one would have to, just like the latter, have emerged from the abundance of knowledge and a sense of time [itself] ”—then these people would come and oppose it, because they certainly did not emerge from the “abundance of knowledge and a sense of the times”—“it [the conceptual system] would have to have attained, just like the Aristotelian one, lasting dominance over broad circles of thinking humanity. Even then, however, its application in ecclesiastical theology would hardly take place without all manner of errors and confusion.” One would have to “work” to bring about mutual understanding. “After all, it was no different in the 13th century, when the complete body of Aristotelian philosophy came to the attention of the Christian West through the mediation of the Arabs. Its reception met with fierce resistance in some quarters. Even Thomas Aquinas was not spared such hostility. At the time, many regarded him as an innovator against whom the defenders of the tried-and-true old ways had to direct their attacks.”

[ 29 ] Es ist merkwürdig, wie die Menschen sind, wie sie das, was sie sich ganz gut denken können, absolut nicht aufkommen lassen, wenn es eben aus dem Prinzip ist, das alte Verständnis des Christentums gerade zurückzudrängen, wenn sie aus dieser Zeit selbst sind. Und man kann nicht sagen, daß eine solche Sache nicht schlau gemacht ist. Es ist sehr gelehrt, denn das Büchelchen schließt mit einem wirklich bedeutsamen Hinweis, mit dem Hinweis auf eine Ordensgemeinschaft, welche es von jeher mit der Klugheit gehalten hat, mit dem Hinweis auf eine Ordensgemeinschaft, welche anders sich eingerichtet hat als Bernhard von Clairvaux oder als Franz von Assisi, die auf eine gewisse mystische Hinneigung zur Frömmigkeit sich eingerichtet haben. Jene andere Ordensgemeinschaft hat weniger Wert gelegt auf mystische Frömmigkeit oder dergleichen, wohl aber auf eine gewisse Klugheit und auf eine Verständigung den Dingen des Lebens gegenüber. Daher sagt auch das Büchelchen zum Schluß: «Ich schließe mit einem Ausspruche des hl. Ignatius von Loyola, welcher Aufnahme in die Constitutionen des Jesuitenordens gefunden hat, und auf den neuerdings von verschiedenen Seiten hingewiesen worden ist: ‹Die Beschäftigung mit der Wissenschaft, wenn sie mit dem reinen Streben eines Gottesdienstes getrieben wird, ist gerade darum, weil sie den ganzen Menschen erfaßt, nicht weniger, sondern noch mehr Gott wohlgefällig als Übungen der Buße.› »

[ 29 ] It is strange how people are—how they absolutely refuse to entertain ideas they can quite easily conceive of, simply out of a principled desire to suppress the traditional understanding of Christianity, especially when they themselves are products of that very era. And one cannot say that such a thing is not cleverly done. It is very erudite, for the little book concludes with a truly significant reference—a reference to a religious order that has always valued prudence, a reference to a religious order that has organized itself differently from Bernard of Clairvaux or Francis of Assisi, who oriented themselves toward a certain mystical inclination toward piety. That other religious order placed less emphasis on mystical piety or the like, but rather on a certain wisdom and an understanding of the affairs of life. That is why the little book concludes: “I close with a saying of St. Ignatius of Loyola, which has been included in the Constitutions of the Society of Jesus and to which attention has recently been drawn from various quarters: ‘em’ ‘The pursuit of learning, when driven by the pure desire to serve God, is—precisely because it engages the whole person—not less, but even more pleasing to God than exercises of penance.’”

[ 30 ] In unserer Zeit ist es geschehen, daß man versucht hat, klares Verständnis nach allen Seiten zu erwecken. Das will ich Ihnen an einem Beispiele beweisen. Ich habe Ihnen heute aus einer Schrift vorgelesen, aus der Sie sehen können, wie man sich auf einer gewissen Seite verhält im Sinne einer Strömung, die ich charakterisierte. Daß man sich so verhält, das sieht zum Beispiel ein Herr ein, der über den Mann, der dieses Schriftchen geschrieben hat, vor kurzem — es ist wichtig, daß es vor kurzem gewesen ist — einen Aufsatz geschrieben hat. Aus diesem Aufsatze also will ich Ihnen jetzt eine Stelle vorlesen: «In der 1893 gehaltenen Rede «Über die Aufgabe der katholischen Wissenschaft und die Stellung der katholischen Gelehrten in der Gegenwart» legt er das Bekenntnis ab: «Auch wir katholische Gelehrte des neunzehnten Jahrhunderts sind überzeugt, daß zwischen Wissen und Glauben kein Gegensatz besteht, sondern beide dazu bestimmt sind, einander in inniger Harmonie zu durchdringen. Wir sind überzeugt, daß es keine zweifache Wahrheit gibt und geben kann. Gott ist die Quelle aller Wahrheit; er hat zu uns gesprochen durch die Propheten und den fleischgewordenen Logos; er spricht zu uns in dem Lehramte der Kirche, aber nicht minder auch in den Gesetzen der Logik, an die wir uns zu halten haben, wo wir nach der Erkenntnis der natürlichen Wahrheiten streben. Und weil Gott sich nicht widersprechen kann, darum kann es keinen Gegensatz geben zwischen übernatürlichen und natürlichen Wahrheiten, zwischen den Lehren der Offenbarung und dem, was ernste, aufrichtige, den Gesetzen der Logik und den Regeln der Methodologie folgende Wissenschaft zutage fördert.» Damit ist aber die Philosophie mundtot gemacht. Ihre Freiheit mutet uns genau so an, wie die der Herde innerhalb der Umzäunung oder der Gefangenen innerhalb der umschließenden Mauern. So wenig diese frei sind, weil sie die eigenen Füße zur Bewegung und ihre eigenen Hände zur Tätigkeit gebrauchen dürfen und sich auf dem umschlossenen Gebiete | beliebig bewegen können, so wenig, ist die Philosophie mit ihren eigenen Prinzipien unter der bestimmenden, begrenzenden Herrschaft des Glaubens frei. Eine katholische Philosophie enthält unmittelbar einen Widerspruch in sich selbst, denn sie ist nicht voraussetzungslos frei, auf sich selbst gestellt.» Wenn unsere Geisteswissenschaft nicht auf sich selbst gestellt wäre, so wäre sie nicht das, was sie sein soll. «Sie [die katholische Philosophie] hat eine gebundene Marschroute. Eine Philosophie, die Anspruch auf Wissenschaftlichkeit erhebt, darf nur das mit rücksichtsloser Konsequenz festhalten, was dem eigenen Forschen und Denken entstammt, an die strengen Regeln der Forschung und Beweisführung gebunden ist; sie darf nicht innerhalb einer bestimmten Religion, auf einem bestimmten kirchlich-dogmatischen Standpunkt stehen. Andernfalls ist sie nicht Wissenschaft, sondern unwissenschaftlicher Dogmatismus; sie wird nicht von Wissensprinzipien, sondern von dem Glauben und Glaubenssätzen bestimmt. Sie geht nicht unbehindert und unbeeinflußt ihren Weg, sie folgt nicht unbefangen ihren eigenen Gesetzen, sondern erkennt von vornherein eine zu Recht bestehende Wahrheit an und begibt sich ihr gegenüber der Selbständigkeit. »

[ 30 ] In our time, attempts have been made to foster a clear understanding on all sides. I would like to illustrate this with an example. Today I read to you from a text from which you can see how people on a certain side behave in accordance with a trend that I described. That people behave this way is recognized, for example, by a gentleman who recently—and it is important that it was recently—wrote an essay about the man who authored this little treatise. So I would now like to read a passage from this essay to you: “In the 1893 speech ‘On the Task of Catholic Scholarship and the Position of Catholic Scholars in the Present,’ he makes the following declaration: ‘We, too, as Catholic scholars of the nineteenth century, are convinced that there is no contradiction between knowledge and faith, but that both are destined to permeate one another in intimate harmony. We are convinced that there is not, and cannot be, a dual truth. God is the source of all truth; He has spoken to us through the prophets and the Logos made flesh; He speaks to us through the Magisterium of the Church, but no less so through the laws of logic, to which we must adhere as we strive for the knowledge of natural truths. And because God cannot contradict Himself, there can be no contradiction between supernatural and natural truths, between the teachings of revelation and what serious, sincere science—following the laws of logic and the rules of methodology—brings to light.” But this silences philosophy. Its freedom strikes us as being exactly like that of a herd within a fence or of prisoners within enclosing walls. Just as these are not free—even though they may use their own feet to move and their own hands to act, and can move about at will within the enclosed area—so, too, philosophy, with its own principles, is not free under the determining, limiting dominion of faith. “Catholic philosophy contains an inherent contradiction within itself, for it is not unconditionally free, left to its own devices.” If our philosophy were not left to its own devices, it would not be what it is meant to be. “It [Catholic philosophy] has a predetermined course.” A philosophy that claims to be scientific may only, with uncompromising consistency, uphold what stems from its own research and thought, bound by the strict rules of research and reasoning; it must not stand within a specific religion or adopt a specific ecclesiastical-dogmatic standpoint. Otherwise, it is not science, but unscientific dogmatism; it is determined not by principles of knowledge, but by faith and dogmas. It does not follow its own path unhindered and uninfluenced; it does not follow its own laws impartially, but recognizes from the outset a truth that rightly exists and relinquishes its independence in the face of it.”

[ 31 ] Das aber ist gerade die Aufgabe unserer heutigen Zeit, daß wir den Weg finden, wo sich jede Menschenseele auf sich selbst stellen kann. Im herbsten Widerspruch mit der eigentlichen Aufgabe unserer Zeit steht daher ein Mensch, welcher so etwas behauptet wie das, was ich Ihnen aus jener Schrift vorgelesen habe. Sie sehen, es gibt auch Menschen, die das einsehen: daß jedenfalls eine Weltanschauung, eine wissenschaftliche Weltanschauung nicht möglich ist, wenn man solche Ansichten hat. Aber es scheint doch recht schwer zu sein, in der Gegenwart sich die Unbefangenheit seiner Urteile zu bewahren, trotzdem es so notwendig wäre. Denn davon, daß die Menschen dahin kommen werden, ihren seelischen Zusammenhang zu finden, wie sie mit der geistigen Welt zusammenhängen, davon wird der Weitergang der Kultur abhängen; und wer dies nicht einsieht, verhindert das Allerwichtigste, was die Gegenwart als Aufgabe hat. Diese Konsequenz müßte man in jedem Falle ziehen. Heute ist das Merkwürdige, daß die Leute etwas einsehen können, aber dann sonderbarerweise andere Konsequenzen daraus ziehen. Denn der Verfasser jenes Aufsatzes schreibt dann über den Mann, von dem ich Ihnen das vorgelesen habe, was dann in dem Bekenntnis zum Jesuitentum gipfelt und der Mann, der diese Schrift geschrieben hat, war, als er sie verfaßt hat, Georg Freiherr von FHertling, heute bekanntlich Graf von Hertling —, der Verfasser jenes Aufsatzes schließt aber, nachdem er vorher gesagt hat, «das alles schließt die Wissenschaft aus», seinen Artikel mit den Worten: «Graf Hertling ist eine entschieden ausgeprägte Individualität. Individualität heißt wörtlich Unteilbarkeit, aber eben diese bedingt zugleich Einteilbarkeit, innere Abstufung, durchgängige Organisation. Einzelseele, Stammesseele, Volksseele treffen sich und steigern sich gegenseitig in diesem Manne; Seelendreieinigkeit ist es, welche ihn so stark macht und ihm den Stempel des auserwählten Kanzlers des deutschen Reiches aufdrückt.»

[ 31 ] But that is precisely the task of our time: to find the path where every human soul can stand on its own. A person who asserts something like what I read to you from that text is therefore in the sharpest contradiction to the true task of our time. You see, there are also people who recognize this: that, in any case, a worldview—a scientific worldview—is not possible if one holds such views. But it seems quite difficult in the present day to maintain the impartiality of one’s judgments, even though it is so necessary. For the future course of culture will depend on people coming to find their spiritual connection—how they are connected to the spiritual world; and whoever fails to recognize this hinders the most important task of our time. This conclusion must be drawn in any case. What is strange today is that people can understand something, but then, oddly enough, draw different conclusions from it. For the author of that essay goes on to write about the man from whom I read to you—a man whose journey culminates in a profession of Jesuitism—and the man who wrote this essay was, at the time of its composition, Georg Freiherr von FHertling—now known, as you know, as Count von Hertling—but the author of that essay, after having previously stated, “All of this precludes science,” concludes his article with the words: “Count Hertling is a decidedly pronounced individuality. Individuality literally means indivisibility, but it is precisely this that simultaneously implies divisibility, internal gradation, and consistent organization. The individual soul, the tribal soul, and the national soul converge and mutually enhance one another in this man; it is this trinity of souls that makes him so strong and imprints upon him the mark of the chosen Chancellor of the German Empire.”

[ 32 ] Es ist notwendig in unserer heutigen Zeit, daß wir die Möglichkeit finden, den Nerv zu ergreifen, durch den das Fluidum der Geisteswissenschaft fließen muß. Und dieser Nerv kann kein anderer sein als der, welcher dadurch dasjenige durch sich fließen läßt, wodurch die Menschenseele ihren eigenen Weg zu dem geistigen Leben findet. Das muß man gründlich verstehen, denn das hängt mit den tiefsten Bedürfnissen, mit den notwendigsten Impulsen unseres heutigen Zeitalters zusammen. Denn unsere Zeit fordert von dem Menschen, daß dieser Mensch in die Lage kommen könne, wenn er etwas durchschaut, sich auch dazu zu bekennen, auch wirklich die Konsequenzen daraus zu ziehen. Unsere Geisteswissenschaft wird wahrhaftig nur bei solchen Menschen, die den Mut zur Wahrheit haben, sich halten können, sonst wird man immer mehr und mehr solche Dinge erleben können. Auch das muß ich sagen, weil sich ja bei uns naive Gemüter immer mehr und mehr finden, die ihre helle Freude haben, wenn es einmal vorkommt, daß da oder dort etwas Geisteswissenschaftliches oder geisteswissenschaftlich Scheinendes gelobt wird. Gerade in diesem Punkte muß man Unterscheidungsvermögen haben. Loben kann uns viel schädlicher sein und viel mehr unseren Bestrebungen widersprechen als irgendein Tadel, wenn er ehrlich gemeint ist.

[ 32 ] In our present age, it is essential that we find a way to tap into the nerve through which the vital force of spiritual science must flow. And this nerve can be none other than the one that allows that which enables the human soul to find its own path to spiritual life to flow through it. This must be thoroughly understood, for it is connected to the deepest needs and the most essential impulses of our present age. For our time demands that a person, when he or she sees through something, be able to acknowledge it and truly draw the necessary conclusions from it. Our spiritual science can truly take root only among those who have the courage to face the truth; otherwise, we will increasingly witness such phenomena. I must also say this because there are more and more naive minds among us who take great delight whenever something related to spiritual science—or something that merely appears to be so—is praised here or there. It is precisely on this point that one must exercise discernment. Praise can be far more harmful to us and far more contrary to our aspirations than any criticism, provided it is sincerely meant.

[ 33 ] Da hat Hermann Heisler, ein protestantischer Theologe, in Konstanz Vorträge gehalten, die er dann gesammelt hat unter dem Titel «Lebensfragen, 17 Predigten von Hermann Heisler». Hier ist mir zufällig eine Kritik dieses Buches von Hermann Heisler zugekommen, die sehr charakteristisch ist, und unsere naiven Freunde werden vielleicht diese Kritik zu dem zählen, worüber sie sich zu freuen hätten, weil eigentlich alles gelobt wird. Aber charakteristisch ist diese Kritik: «Diese Predigten verdienen besondere Beachtung, schon um des Predigers willen. Er war zehn Jahre evangelischer Pfarrer in Steiermark und Böhmen, hat dann, erschreckt von der Gefahr, in der Routine des Amtes zu erstarten, vorläufig auf sein Amt verzichtet, um sich jahrelang gründlichen naturwissenschaftlichen und philosophischen Studien hinzugeben, bis er schließlich, von innerem Ruf getrieben, mit neuer Freudigkeit und Liebe zum geistlichen Amt zurückkehrte. Da er nämlich dem Vaterlande nicht mit der Waffe dienen konnte, hat er seiner heimatlichen badischen Landeskirche seine geistlichen Dienste angeboten und ist mit einem Pfarramt in Konstanz betraut. Dort sind im Laufe des Jahres 1917 die vorliegenden 17 Predigten gehalten. Sie ragen auch inhaltlich hervor. Sie beruhen alle auf gründlicher Geistesarbeit und muten ihren Hörern und Lesern ernste Mitarbeit zu. Sie wollen nicht schöne Gefühle entflammen, sondern durch ernsthaftes Denken eine zum Wissen werdende Überzeugung bilden. So vermeiden sie den Predigtton und lesen sich fast wie wissenschaftliche Abhandlungen gediegen volkstümlicher Art über religiöse Probleme. Ich nenne als Beispiel die Predigt über den vieldeutigen Begriff Freiheit. Sie kommt zu dem wahren Ergebnis: ‹Freilich bleibt es immer ein Müssen, das uns leitet. Wir folgen auch als befreite Menschen dem Ziel, das uns am stärksten lockt. Aber das ist das Gottesgeschenk der Freiheit, das uns Christus bringt, daß die niederen Lockungen der Sinneswelt ihre zwingende Macht über unsere Seele verlieren, und daß die Herrlichkeit der Geisteswelt innere Gewalt über uns gewinnt.› Aber das Eigentümliche der Heislerschen Predigt liegt nicht allgemein in der starken Anspannung des Denkens, es liegt im bestimmten Inhalt seiner Gedanken: Heisler ist überzeugter begeisterter Theosoph. Er selber würde wohl lieber sagen: Anhänger der Geisteswissenschaft. Sie darf aber nicht mit spiritistischem Glauben an Materialisation von Geistern verwechselt werden, sondern behauptet eine rein geistige, an kein materielles Mittel gebundene Wirkung des Geistes. Unsere Gedanken sind Kräfte, die unsichtbar, aber machtvoll von uns ausstrahlen und der ganzen Natur fördernd oder schädigend den Stempel unseres Wesens einprägen. Dieser Glaube an die unzerstörbare Macht des Geistes soll sich tröstend auswirken in der Predigt: «Unsere Toten leben»; er gewinnt überraschende Form in der Predigt «Schicksal». Auf Grund von Joh. 9 (der Blindgeborene) wird hier die alte indische und orphische Lehre von der Seelenwanderung, der Wiederverkörperung der Seele in einem irdischen Leibe, gelehrt: mit ihr will der Prediger die Rätsel des scheinbar oft so ungerechten Schicksals lösen, und ähnlich wie Lessing in seiner Erziehung des Menschengeschlechts, den Glauben an eine planvolle göttliche Erziehung wecken. Wenn ich noch sage, daß Heisler diese Lehre wie seine ganze Geisteswissenschaft als Rückkehr zum Neuen Testament empfindet, und daß er sie als Wissenschaft vorträgt, also die Kantische Grenze zwischen Wissen und Glauben bewußt überschreitet, so habe ich seine Gedanken wohl in den Hauptzügen skizziert.»

[ 33 ] Hermann Heisler, a Protestant theologian, gave a series of lectures in Konstanz, which he later compiled under the title Lebensfragen: 17 Sermons by Hermann Heisler. I happened to come across a review of this book by Hermann Heisler that is very characteristic, and our naive friends might count this review among the things they should be pleased about, since it actually praises everything. But this review is characteristic: “These sermons deserve special attention, if only for the sake of the preacher. He served as a Protestant pastor in Styria and Bohemia for ten years; then, alarmed by the danger of becoming stuck in the routine of his ministry, he temporarily resigned from his post to devote himself for years to thorough studies in the natural sciences and philosophy, until he finally, driven by an inner calling, returned to the ministry with renewed joy and love. Since he could not serve his homeland with arms, he offered his spiritual services to his native Baden regional church and was entrusted with a parish in Constance. It was there, in the course of the year 1917, that the 17 sermons presented here were delivered. They also stand out in terms of content. They are all based on thorough intellectual work and require serious engagement from their listeners and readers. They do not seek to stir up pleasant emotions, but rather to form a conviction that becomes knowledge through serious reflection. Thus, they avoid the typical tone of a sermon and read almost like scholarly treatises—solid yet accessible—on religious issues. I cite as an example the sermon on the ambiguous concept of freedom. It arrives at the true conclusion: “Of course, it is always a duty that guides us. Even as liberated human beings, we follow the goal that beckons to us most strongly. But that is the divine gift of freedom that Christ brings us—that the base temptations of the sensory world lose their compelling power over our soul, and that the glory of the spiritual world gains inner power over us.’ But what is distinctive about Heisler’s sermon does not lie generally in the intense strain of thought; it lies in the specific content of his ideas: Heisler is a convinced and enthusiastic theosophist. He himself would probably prefer to say: a follower of spiritual science. This, however, must not be confused with a spiritualist belief in the materialization of spirits, but rather asserts a purely spiritual effect of the spirit, unbound to any material means. Our thoughts are forces that radiate from us invisibly yet powerfully, imprinting the stamp of our being on all of nature—either for its benefit or to its detriment. This belief in the indestructible power of the spirit is meant to have a comforting effect in the sermon “Our Dead Live On”; it takes on a surprising form in the sermon “Fate.” Based on John 9 (the man born blind), the ancient Indian and Orphic doctrine of the transmigration of souls—the reincarnation of the soul in an earthly body—is taught here: with it, the preacher seeks to solve the riddles of fate, which often seems so unjust, and, much like Lessing in his Education of the Human Race, to awaken faith in a purposeful divine education. If I add that Heisler regards this doctrine—like his entire spiritual science—as a return to the New Testament, and that he presents it as a science, thereby consciously crossing the Kantian boundary between knowledge and faith, then I have probably outlined the main features of his ideas.”

[ 34 ] Man könnte nun sagen: Was will man denn mehr? Man kann ja eigentlich nichts Besseres schreiben! — Aber der Mann, der dies schreibt, schließt seine Betrachtung: «Ich persönlich lehne diese Geisteswissenschaft ab und bleibe bei Kant stehen. Aber die Predigten enthalten im übrigen so viel Gutes, und die Theosophie bewegt augenblicklich die Theologie in so bedeutsamer Weise (vgl. z.B. Rittelmeyers Aufsätze in der «Christlichen Welt»), daß ich glaube, vielen Theologen und Laien einen Dienst zu tun, wenn ich sie nachdrücklich auf diese Predigten von Heisler hinweise.»

[ 34 ] One might say: What more could one want? After all, one couldn’t really write anything better! — But the man who writes this concludes his reflection: “I personally reject this spiritual science and stick with Kant.” But the sermons contain so much that is good, and theosophy is currently influencing theology in such a significant way (see, for example, Rittelmeyer’s essays in Christliche Welt) that I believe I am doing many theologians and laypeople a service by emphatically drawing their attention to these sermons by Heisler.”

[ 35 ] Das ist die Art, wie vielfach in unserer Zeit gedacht wird, wie in unserer Zeit dem Denken die innere Kraft und der innere Mut fehlen. Der Mann hat «nur Gutes» zu sagen; man merkt, er sieht das Gute auch ein, denn er kann es ganz hübsch formulieren. Dann jedoch: «Ich persönlich lehne diese Geisteswissenschaft ab»! Da haben Sie die Früchte dessen, was ich vorhin charakterisierte, und viele Dinge in der Gegenwart hängen mit diesen Früchten zusammen.

[ 35 ] This is the way people often think in our time—how our thinking lacks inner strength and inner courage. The man has “only good things” to say; you can tell he recognizes the good, too, because he can express it quite nicely. But then: “Personally, I reject this spiritual science”! There you have the fruits of what I described earlier, and many things in the present are connected to these fruits.

[ 36 ] Dies will ich heute über acht Tage noch weiter auseinandersetzen: jene Strömung, die ich heute charakterisierte, und die dann hinüberführt bis in die Sozialdemokratie und den Bolschewismus.

[ 36 ] Today, I would like to explore this further over the next eight days: the current that I described today, which then leads all the way to social democracy and Bolshevism.