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Earth-Death and Universal-Life
Anthroposophical Life-Gifts
Essential Aspects of Consciousness for the Present and the Future
GA 181

16 July 1918, Berlin

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Essential Aspects of Consciousness for the Present and the Future, tr. SOL
  1. A Sound Outlook for To-day, tr. Unknown
  2. Erdensterben und Weltenleben

Bewußtseins-Notwendigkeiten für Gegenwart und Zukunft IV

Essential Aspects of Consciousness for the Present and the Future IV

[ 1 ] Die Betrachtungen, die ich über den Gang der Menschenseele durch ihre verschiedenen Erdenleben für unseren Menschheitszyklus begonnen habe, möchte ich fortsetzen, so fortsetzen, daß die heranzuziehenden Erlebnisse uns nützen können bei der Beurteilung der Ereignisse unserer unmittelbaren Gegenwart. Zu diesem Ziele möchte ich heute eine gleichsam mehr auf das Äußere, heute über acht Tage eine mehr auf das Innere gehende Beobachtung vor Ihnen entwickeln.

[ 1 ] I would like to continue the reflections I began for our Humanity Cycle on the journey of the human soul through its various earthly lives—to continue them in such a way that the experiences we draw upon may be of use to us in assessing the events of our immediate present. To this end, I would like to present to you today an observation that focuses more on the external aspects, so to speak, and over the next eight days, one that focuses more on the internal aspects.

[ 2 ] Wir haben ausgeführt, wie die Menschenseele bei ihrem Durchgang durch die aufeinanderfolgenden Erdenleben, wenn wir auf die uns zunächst interessierenden drei Zeiträume blicken: die ägyptisch-chaldäische Zeit, die griechisch-lateinische Zeit und unsere Zeit, während welcher ja die Menschenseele durch verschiedene Inkarnationen durchgegangen ist, wie diese Menschenseele — als Seele, als Selbst betrachtet — jedesmal eigentlich etwas Neues, etwas anderes erlebt als in einer vorhergehenden Inkarnation. Wir brauchen uns nur noch einmal vor die Seele zu rufen, wie es mit den Seelen sein wird, die jetzt, in unserer Zeit, durch die Erdeninkarnation durchgehen und die dann nach einer verhältnismäßig normalen Zeit wiederkommen, wie sie zwar nicht alle Leute absolvieren, aber doch sehr viele.

[ 2 ] We have explained how the human soul, as it passes through successive earthly lives—if we consider the three periods that are of immediate interest to us: the Egyptian-Chaldean period, the Greek-Latin period, and our own time—during which the human soul has indeed passed through various incarnations—how this human soul—regarded as a soul, as the Self—actually experiences something new, something different each time compared to a previous incarnation. We need only call to mind once more what it will be like for the souls who are now, in our time, passing through earthly incarnation and who will then return after a relatively normal period—a period that, while not everyone goes through, is experienced by a great many.

[ 3 ] Wir haben schon öfter darauf aufmerksam gemacht und haben es das letzte Mal wiederholt, daß die Seelen, die durch die jetzige Erdeninkarnation durchgehen, im wesentlichen so wiederkommen werden, daß sie in irgendeiner Form — und die genauere Form habe ich das letzte Mal entwickelt — durch eigenes inneres Erleben ganz sicher wissen können: Es gibt wiederholte Erdenleben. Dieses Wichtige wird sich im nächsten Zeitalter vollziehen, daß die Seelen übergehen werden von der jetzigen Ungewißheit über die wiederholten Erdenleben zu einem Wissen von ihnen. Wie gesagt, das Genauere haben wir das letzte Mal ins Auge gefaßt. Aber noch etwas möchte ich betonen. |

[ 3 ] We have pointed this out on several occasions and reiterated it last time: the souls passing through their current earthly incarnation will essentially return in such a way that, through their own inner experience—and I elaborated on the precise form of this last time—they will be able to know with absolute certainty: There are repeated earthly lives. This important development will take place in the next age: souls will transition from their current uncertainty about repeated earthly lives to a certainty of them. As I said, we considered the details last time. But there is one more thing I would like to emphasize. |

[ 4 ] Ich habe Sie darauf aufmerksam gemacht, daß ein wichtiger Zeitabschnitt der ist, welcher etwa mit dem 7. oder 8. Jahrhundert vor dem Mysterium von Golgatha beginnt. In den ersten Jahrhunderten dieses Zeitraumes haben durch die alten Hellsehergewohnheiten verhältnismäßig viele Seelen noch in ihre früheren Erdenleben zurückblicken können. Aber weil sie so zurückgeblickt haben, daß in dem damaligen Erdenleben die Empfindungsseele besonders ausgebildet war, haben die Seelen, indem sie zurückblickten, gesehen das Verhalten des Menschen in der äußeren Welt. Sie haben gewissermaßen ein anschauliches Bild davon bekommen, wie der Mensch in der äußeren Welt herumgegangen ist, was ihm in der äußeren Welt passiert ist. Dies allerdings werden die Seelen in der nächsten Zeit, von uns ab gerechnet, nicht haben können. Da wird der Rückblick mehr auf das Seelische gerichtet sein. Man wird weniger einen Einblick darin haben können, wie der Mensch im Raume herumgeht, was ihm im Raume geschieht und so weiter; man wird weniger einen bildhaft realen Inhalt im sinnlichen Sinne haben, sondern man wird mehr ein Zurückblicken auf ein Seelisches haben.

[ 4 ] I have pointed out to you that an important period of time is the one that begins around the 7th or 8th century before the Mystery of Golgotha. In the first centuries of this period, due to the ancient practices of clairvoyance, a relatively large number of souls were still able to look back on their earlier earthly lives. But because they looked back in such a way that the feeling soul was particularly developed in their earthly lives at that time, the souls, as they looked back, saw how human beings behaved in the outer world. They gained, so to speak, a vivid picture of how human beings went about in the outer world and what happened to them there. This, however, is something the souls will not be able to do in the near future, as far as we are concerned. Then the looking back will be directed more toward the soul. One will have less insight into how the human being moves about in space, what happens to him in space, and so on; one will have less of a vividly real content in the sensory sense, but rather one will look back more upon the soul.

[ 5 ] Ich erwähne das noch einmal aus dem Grunde, weil Sie daraus sehen können, daß die Seelen in den aufeinanderfolgenden Erdenleben sehr, sehr verschieden erleben. Und da muß jedem eine Frage sich vor die Seele drängen, die Frage: Wie kommt es, daß die äußere Welt eigentlich die Meinung hat, wenn man so in frühere geschichtliche Zeiträume zurückblickt, so hat sich in bezug auf den Menschen eigentlich nichts so besonders geändert. — Nehmen wir die landläufigen Geschichtsdarstellungen — es sind ja auch einige von ihnen, nicht alle, gut gemeint —: Sie werden immer wieder und wieder finden, daß eigentlich zurückgegangen wird bis zu einem gewissen Zeitpunkt, bis zu dem die historischen Nachrichten und Dokumente gehen. Aber die Struktur der Menschenseele denkt man sich für alle diese Zeiten eigentlich gleich. Man denkt sich eine gewisse Entwickelung, aber die ist nicht so radikal gedacht, als sie gedacht werden muß im Sinne der Darstellung, die wir auf Grund der geisteswissenschaftlichen Ergebnisse machen können. Woher kommt das, daß man eigentlich kein rechtes Bewußtsein hat von der Umwandelung der Menschenseele? Diese Frage wird sich einem vor die Seele drängen.

[ 5 ] I mention this again because it shows you that souls experience things very, very differently in their successive earthly lives. And this must inevitably raise a question in everyone’s mind: How is it that, when one looks back at earlier historical periods, the outside world actually seems to believe that, as far as human beings are concerned, nothing has really changed all that much? — Let’s take the conventional historical accounts—some of them, though not all, are well-intentioned—: You will find time and again that they actually go back only as far as a certain point in time, as far as historical records and documents extend. But the structure of the human soul is generally thought to have remained the same throughout all these periods. People imagine a certain development, but it is not conceived as radically as it must be in the sense of the portrayal we can make based on the findings of spiritual science. Why is it that people actually have no real awareness of the transformation of the human soul? This question will press itself upon one’s soul.

[ 6 ] Wenn man, aber jetzt mit geisteswissenschaftlichem Blick, die geschichtlichen Ereignisse betrachtet, so ist in der Tat, man möchte sagen, alles seit längerer Zeit so geschehen, daß im Grunde genommen der Mensch von der Selbsterkenntnis seiner Seele eher abgehalten worden ist, als daß er zu ihr hingeführt worden wäre. Wie die Menschenseele von Inkarnation zu Inkarnation sich verändert, man kann es eigentlich nur wirklich durchschauen, wenn Selbsterkenntnis, wirkliche Selbsterkenntnis Platz greift. Aber diese Selbsterkenntnis ist eigentlich durch die Ereignisse, die wir eben jetzt zu würdigen haben, gar sehr zurückgedrängt worden. Wir könnten signifikante Beispiele dafür aufzeigen, wie Selbsterkenntnis gerade in der neueren Geschichte der Menschheit zurückgedrängt worden ist. Eine gewisse Brüderschaft, die Sie alle kennen, die sich die Freimaurerbrüderschaft nennt, glaubt — und manche ihrer Mitbrüder wiederum gutmeinend — ganz gewiß, zur Selbsterkenntnis innerhalb ihrer Reihen die Menschen anzuhalten. Diese Brüderschaft hat verschiedene Symbole, denen man es ansieht, sobald man nur mit geisteswissenschaftlicher Erkenntnis an sie herantritt, daß sie tiefsinnige, bedeutsame Symbole sind, die eigentlich alle schon geeignet wären, zur menschlichen Selbsterkenntnis zu führen. Aber sie tun es nicht. Es ist sehr merkwürdig: Wenn man die offiziellen Geschichten, die aus freimaurerischen Kreisen, aus dem Freimaurertum hervorgegangen sind, liest, so wird von den Aufgeklärteren gemeint, daß man etwa nur bis ins 18., 17. Jahrhundert zurückzugehen habe, um das neuere Freimaurertum kennenzulernen. Aber was in den Symbolen der Freimaurerei liegt, das ist vom 17. Jahrhundert ab geradezu verhüllt worden, ist geradezu in etwas verwandelt worden, das man anschaut, das man mitmacht und demgegenüber man immer weniger Bedürfnis hat, es zu verstehen. Würde man sich dieser freimaurerischen Symbolik nähern mit Begabung für das Verständnis derselben, so würde dies schon einen Weg zur Selbsterkenntnis des Menschen geben. Denn alle diese Symbole sind dazu veranlagt. Aber die wirkliche Entwickelung des Freimaurertums hat einen andern Weg genommen: die Selbsterkenntnis zu verdecken, sie dadurch unmöglich zu machen, daß man sich bloß äußerlich auf die Symbolik einläßt. Und so könnte man eigentlich, vom Standpunkte der Wahrheit angesehen, sagen: Die Entwickelung des neueren Freimaurertums ist im Grunde genommen die Entwickelung einer Gemeinschaft zur Unverständlichmachung derjenigen Symbole, welche innerhalb dieser Gemeinschaft leben. — Es ist, wie wenn geradezu das Programm, unbewußt, herrschte, die Symbole unverständlich zu machen, weil gerade in dieser Zeit, über die man — bei den aufgeklärten, nicht bei den mystischen Freimaurern — die neuere Freimaurerei sich erstrecken läßt, die Angst vor der Selbsterkenntnis die Menschen im höchsten Maße ergriffen hat. Man redet viel von Selbsterkenntnis; man redet viel davon, daß der Mensch sein göttliches Selbst, sein höheres Selbst und so weiter suchen müsse. Aber das alles ist ja Gerede. Das alles ist eigentlich auch mehr dazu da, um den wirklichen Weg zur Selbsterkenntnis zu verrammeln, nicht ihn zu ebnen. Und wir müssen uns fragen: Woher kommt diese Abneigung, diese Angst vor einer ge‚wissen Selbsterkenntnis? Und da möchte ich heute zunächst einmal die Sache etwas äußerlicher betrachten.

[ 6 ] If one considers historical events—but now from a humanities perspective—it is indeed true, one might say, that for quite some time now, things have unfolded in such a way that, fundamentally speaking, human beings have been held back from self-knowledge of their souls rather than being led toward it. How the human soul changes from incarnation to incarnation can only truly be understood when self-knowledge—true self-knowledge—takes hold. But this self-knowledge has, in fact, been greatly suppressed by the events we are now called upon to reflect upon. We could point to significant examples of how self-knowledge has been suppressed, particularly in the recent history of humanity. A certain brotherhood, which you all know, calling itself the Masonic Brotherhood, believes—and some of its members, in turn, with the best of intentions—that it is certainly encouraging people within its ranks to pursue self-knowledge. This brotherhood has various symbols which, as soon as one approaches them with spiritual-scientific insight, reveal themselves to be profound, significant symbols—all of which would actually be well-suited to leading to human self-knowledge. But they do not. It is very curious: when one reads the official histories that have emerged from Masonic circles, from Freemasonry itself, the more enlightened among them believe that one need only go back to the 18th or 17th century to become acquainted with modern Freemasonry. But what lies within the symbols of Freemasonry has, from the 17th century onward, been virtually veiled; it has been transformed into something one merely looks at, participates in, and feels less and less need to understand. If one were to approach this Masonic symbolism with a gift for understanding it, this would already provide a path to human self-knowledge. For all these symbols are intended for that purpose. But the actual development of Freemasonry has taken a different path: to obscure self-knowledge, to make it impossible by engaging with the symbolism merely on an external level. And so, viewed from the standpoint of truth, one could actually say: The development of modern Freemasonry is, in essence, the development of a community dedicated to rendering incomprehensible the very symbols that live within that community. — It is as if an unconscious agenda were at work to render the symbols incomprehensible, because it is precisely during this era—the era over which modern Freemasonry is said to extend, among the enlightened rather than the mystical Freemasons—that the fear of self-knowledge has gripped people to the highest degree. There is much talk of self-knowledge; there is much talk of how a person must seek his divine self, his higher self, and so on. But all of that is just talk. In fact, all of it serves more to block the true path to self-knowledge than to pave the way for it. And we must ask ourselves: Where does this aversion, this fear of true self-knowledge, come from? And today I would like to begin by looking at the matter from a somewhat more external perspective.

[ 7 ] Wir sehen ja, daß es nicht bloß auf diesem einen Gebiete so ist, auf dem Gebiete der Freimaurerei, sondern wir sehen dieses auch in der ganzen Breite der neueren Kultur in einer ganz merkwürdigen Weise vorhanden. Wir sehen, wie diese neuere Kultur — namentlich in der Ausbreitung des Christentums — eigentlich den Weg des Verdeckens, des Vertuschens der Selbsterkenntnis geht. Und das ist ein außerordentlich interessanter, ein außerordentlich bedeutungsvoller Weg. Wenige Menschen nehmen sich heute die Mühe, einmal bessere Schilderungen, die aus weiter auseinanderliegenden Jahrhunderten genommen sind, wirklich zu vergleichen, und noch weniger Menschen denken darüber nach, wie eigentlich die Dinge sich verhalten, die da vor ihre Seele treten. Es ist ja ein noch nicht vielsagendes, aber immerhin nicht uninteressantes seelisches Experiment, das Sie machen können, wenn. Sie eine solche Schrift nehmen wie «Das Leben Michelangelos» von Herman Grimm. Es ist eine Schrift eigentlich mehr über das Zeitalter des Michelangelo, eine Schrift, die über die Zeit handelt, aus der er herausgewachsen ist. Versuchen Sie aber auf Grundlage dieser Schrift sich vorzustellen, wie die Welt um Sie herum sein würde, wenn Sie spazieren gingen in der Welt, welche Herman Grimm als diejenige Michelangelos schildert; und versuchen Sie, diese Welt zu vergleichen mit derjenigen, die Sie jetzt erleben: Der Unterschied ist ein ganz ungeheurer! Aber das will noch nicht viel besagen, denn die Jahrhunderte, auf die wir da den Blick richten, liegen nicht sehr weit auseinander. Etwas anderes aber kommt schon heraus, wenn man wirklich nun sinnig den Blick richtet auf das Zeitalter mit seinen Vorbereitungen und seinen Nachwirkungen, wo sich der große Umschwung in der neueren Zeit vollzogen hat. Wenn wir auf die drei großen Zeiträume zurückblicken, die sich uns aus der Geisteswissenschaft heraus zunächst für unseren jetzigen Erdenzyklus darstellen, so schließt der dritte Zeitraum etwa mit dem 7. oder 8. vorchristlichen Jahrhundert, und der vierte Zeitabschnitt schließt mit dem Beginn des 15. Jahrhunderts unserer Zeitrechnung. Da, mit dem Beginn des 15. Jahrhunderts, ist ein uns nicht sehr weit abliegender, wichtiger, bedeutungsvoller Umschwung im Seelenleben der Kulturmenschheit doch schon vorhanden. Man stellt ihn nur gewöhnlich geschichtlich kaum dar. Man fragt sich: Warum stellt man ihn nicht dar? Es ist eben im Grunde genommen auch darin die Angst vor einer Selbsterkenntnis und auch vor einer Erkenntnis des menschlichen Seelenlebens vorhanden. Sie würden zum Beispiel Interessantes erleben, wenn Sie Beschreibungen lesen würden über eine solche Persönlichkeit wie die des heiligen Bernhard von Clairvaux. Bernhard, die vielleicht bedeutsamste Persönlichkeit des 12. Jahrhunderts etwa, die bedeutsamste Persönlichkeit desjenigen Zeitalters, mit dem der vierte nachatlantische Kulturzeitraum seinem Ende zugeht, diese Persönlichkeit weist eine Seelenstruktur auf, wie sie später, nach dem 15. Jahrhundert, in Europa überhaupt nicht mehr möglich ist. Wie es in der Seele eines solchen Menschen ausgesehen hat, das ist sogar für die heutigen Menschen außerordentlich schwierig zu schildern, weil eigentlich alle Vorbedingungen dazu fehlen, um zu Vorstellungen zu kommen, wie es in einer solchen Seele ausgesehen hat. Aber ich rate Ihnen an, Lebensbeschreibungen des heiligen Bernhard zu lesen aus dem Grunde, weil Sie daraus ersehen können, was die andern Menschen für Eindrücke am Seelenleben des heiligen Bernhard gehabt haben. Wenn man diese Lebensbeschreibungen liest, sagt man sich: Was sind dagegen eigentlich die Wunderberichte der Evangelien? Die paar Kranken, nach den Evangelien gesprochen, die der Christus . Jesus selbst — immer nach den Evangelien gesprochen — geheilt hat, das ist eine Kleinigkeit gegen die ungeheuer breite Schilderung der Wundertätigkeit des heiligen Bernhard, fast zwölf Jahrhunderte darnach! Die Zahl derjenigen Menschen, von denen gesagt wird, daß er sie als Blinde sehend, als Lahme gehend gemacht hat, sie läßt sich gar nicht vergleichen mit den Zahlen, die man herausbekommt, wenn man die ähnlichen Berichte der Evangelien nachrechnet. Die Beschreibung der Eindrücke der Predigten des heiligen Bernhard ist eine solche, daß man fühlt: Wenn er irgendwo gesprochen hat, dann war das, was er gesprochen hat, wie die Ausbreitung einer weithin intensiv wirkenden geistigen Aura. Eine Realität lebte in den Worten dieses Mannes, von der man sich jetzt keine Vorstellung mehr macht. Wollte man alles schildern, was für den Eindruck bezeichnend ist, den diese Persönlichkeit auch dazumal noch gemacht hat, so würde man natürlich heute auf ungläubige Menschen stoßen müssen, weil gar keine Möglichkeit vorhanden ist, um aus dem, was heute geschieht, sich Vorstellungen über die Anschauung zu machen, die man damals von einer solchen Persönlichkeit gehabt hat, wie es der heilige Bernhard war. Nun, auf die innere Struktur seiner Seele einzugehen, das ist, wie gesagt, heute aus dem Grunde schwierig, weil — auch in diesem Kreise — die Vorbedingungen dazu fehlen. Aber auf eines darf ich doch hinweisen.

[ 7 ] We can see, in fact, that this is not limited to this one area—the realm of Freemasonry—but that it is also present in a most remarkable way across the entire spectrum of modern culture. We see how this modern culture—particularly in the spread of Christianity—actually follows a path of concealing and obscuring self-knowledge. And this is an extraordinarily interesting and significant path. Few people today take the trouble to truly compare better descriptions drawn from centuries far apart, and even fewer people reflect on how things actually stand when they present themselves to their soul. It is, after all, a psychological experiment—not yet particularly revealing, but nonetheless not uninteresting—that you can conduct if you take a work such as *The Life of Michelangelo* by Herman Grimm. It is a work that is actually more about the age of Michelangelo, a work that deals with the era from which he emerged. But try, on the basis of this book, to imagine what the world around you would be like if you were walking through the world that Herman Grimm describes as Michelangelo’s; and try to compare this world with the one you are experiencing now: the difference is truly enormous! But that does not mean much in itself, for the centuries we are looking at here are not very far apart. Something else, however, becomes apparent when we truly turn our gaze meaningfully to the era—with its preparations and its aftermath—in which the great upheaval of modern times took place. When we look back at the three major periods that spiritual science first reveals to us for our current Earth cycle, the third period ends roughly with the 7th or 8th century B.C., and the fourth period ends with the beginning of the 15th century A.D. There, at the beginning of the 15th century, an important and significant turning point in the spiritual life of civilized humanity—one not very far removed from our own time—is already present. It is simply not usually depicted in historical accounts. One might ask: Why is it not depicted? Fundamentally, this stems from a fear of self-knowledge and also of gaining insight into the human soul life. You would, for example, find it fascinating to read descriptions of a figure such as Saint Bernard of Clairvaux. Bernard—perhaps the most significant figure of the 12th century, the most significant figure of the era in which the fourth post-Atlantean cultural epoch is drawing to a close—possesses a soul structure that would later, after the 15th century, be entirely impossible in Europe. What the inner life of such a person was like is extraordinarily difficult even for people today to describe, because virtually all the prerequisites for forming any conception of what such a soul was like are lacking. But I advise you to read the biographies of St. Bernard for the simple reason that from them you can discern what impressions other people had of St. Bernard’s inner life. When one reads these biographies, one asks oneself: What, in comparison, are the miracle accounts in the Gospels? The few sick people—according to the Gospels—whom Christ Jesus himself—again, according to the Gospels—healed are a mere trifle compared to the immensely extensive account of Saint Bernard’s miraculous deeds, nearly twelve centuries later! The number of people said to have been made to see when they were blind and to walk when they were lame cannot even be compared to the numbers one arrives at when tallying the similar accounts in the Gospels. The description of the impact of Saint Bernard’s sermons is such that one senses: Whenever he spoke somewhere, what he said was like the spread of a spiritual aura that had a profound and far-reaching effect. There was a reality in this man’s words that we can no longer even imagine today. If one were to describe everything that characterizes the impression this figure made even back then, one would naturally encounter disbelief today, because there is simply no way to form a conception—based on what happens today—of the view people held at that time of a personality such as St. Bernard. Now, delving into the inner structure of his soul is, as I said, difficult today for the simple reason that—even in this circle—the prerequisites for doing so are lacking. But there is one thing I must point out.

[ 8 ] In dieser Persönlichkeit lebte eine ungeheure Hingabe an die geistige Welt, ein absolutes Aufgehen in der geistigen Welt. Heute erscheint es den Menschen ganz selbstverständlich, daß, wenn man sich irgend etwas vornimmt, es dann ausführen will — und es geht nicht, so wird einem zweifelhaft, ob das Vorgenommene richtig war. Eine solche Persönlichkeit, wie der heilige Bernhard, wird nie zweifelhaft; denn das, was er irgendwie sich vorgenommen oder andern geraten hat, das hat er immer zuvor mit seinem Gotte in den geistigen Welten beraten. Und selbst bei solchen Fehlschlägen wie die, welche er bei den Kreuzzügen erlebt hat, wo alles, was er geraten hat, fehlgeschlagen ist, wird er keinen Augenblick irre, daß doch seine Gedanken absolut richtig waren, und daß die Diskrepanz zwischen dem, was in der Wirklichkeit der äußeren Sinneswelt geschehen ist, und dem, was er gedacht hat unter dem Einfluß der geistigen Welt, sich schon auf eine, irgendeine Weise rechtfertigen lassen wird, sich schon aufklären wird. Aber indem man eine solche Persönlichkeit herausgreift, sagt man eigentlich über einen einzelnen — allerdings Hervorragenden — dies, was da gesagt werden kann. Aber es ist das keineswegs etwas, was auf den einzelnen beschränkt ist, es ist die Signatur des ganzen Zeitalters. Es ist die Signatur des Zeitalters in Europa, wie es etwa im 3., 4. nachchristlichen Jahrhundert beginnt und bis zum 13., 14., 15. Jahrhundert andauert. Natürlich bereitet sich innerhalb dieses Zeitalters auch etwas anderes vor. Aber was sich als anderes vorbereitet, das kommt doch als die Zeit tief beeinflussend, der Zeit das Gepräge aufdrückend, erst nach dem 14., 15. Jahrhundert zum Ausdruck. Es ist die Zeit vom 3. bis 15. Jahrhundert diejenige der sich immer weiter und weiter konsolidierenden Glaubenskraft, die Zeit, in der unter dem Eindruck dieser Glaubenskraft eben die Ereignisse der Zeit unternommen werden, — Bitte, auch gerade, indem ich dieses Kapitel bespreche, auf etwas Rücksicht zu nehmen, das ich eigentlich bei diesen Vorträgen immer fordere, aber das an solchen Stellen ganz besonders wichtig ist: Ich wähle die Worte so, daß sie nicht durch andere ersetzt werden können. In dem Augenblick, wo man die wohlgewählten Worte durch andere ersetzen wollte, schildert man nicht mehr geschichtlich richtig. Wer also das, was ich eben gesagt habe: Es war das Zeitalter der sich konsolidierenden Glaubenskraft —, ersetzen würde durch den Satz: Es war das Zeitalter der sich konsolidierenden Frömmigkeit —, der würde etwas ganz Falsches darstellen. Das meine ich durchaus nicht. Glaubenskraft war es, wie ich es bei Bernhard charakterisiert habe. Bernhard ist gewiß auch ein frommer Mann. Aber fromm kann man auch sein als persönlicher Charakter. Was aber damals in den Ereignissen gewirkt und gelebt hat in den Jahrhunderten, von denen ich gesprochen habe, das steht unter dem Einflusse der Glaubenskraft. Glaubenskraft ist ja in jedem Zeitalter vorhanden. Aber nicht für das Historische ist in jedem Zeitalter die Glaubenskraft maßgebend. Es wird auch unser jetziges Zeitalter wiederum von einem solchen ‚abgelöst werden, in dem die Glaubenskraft wieder, vorübergehend, sporadisch, eine bedeutende Rolle spielen wird. In der Gegenwart aber ist das noch nicht der Fall. Es wird zum Beispiel der Aberglaube in die materialistische Medizin in der Zukunft groteske Formen annehmen. Die Glaubenskraft wird da schon eine große Rolle noch spielen, aber gegenwärtig ist es noch nicht so weit. Gegenwärtig ist es mehr ein Dämmern, ein Schlafen der Menschheit, was für die historischen Ereignisse eine ganz bedeutsame, eine große Rolle spielt. Nun kann man die Frage aufwerfen: Wie kommt es eigentlich, daß diese Glaubenskraft in Europa ein so bedeutsamer geschichtlicher Impuls wird, der Impuls, der eigentlich am bedeutsamsten dasjenige einleitet, was dann im 15. Jahrhundert heraufkommt als der fünfte nachatlantische Kulturzeitraum, in dem wir jetzt leben?

[ 8 ] This individual possessed an immense devotion to the spiritual world, an absolute immersion in it. Today, it seems entirely natural to people that when one sets out to do something, one wants to carry it out—and if it does not work out, one begins to doubt whether the original plan was the right one. A personality such as St. Bernard never wavers; for whatever he has set out to do or advised others to do, he has always first discussed with his God in the spiritual worlds. And even in the face of setbacks such as those he experienced during the Crusades, where everything he had advised failed, he never for a moment doubted that his thoughts were absolutely correct, and that the discrepancy between what actually happened in the outer sensory world and what he had conceived under the influence of the spiritual world will, in one way or another, be justified and clarified. But by singling out such a figure, one is actually saying—about an individual, albeit an outstanding one—what can be said in this context. But this is by no means something limited to the individual; it is the hallmark of the entire era. It is the hallmark of the era in Europe, beginning roughly in the 3rd and 4th centuries A.D. and continuing through the 13th, 14th, and 15th centuries. Of course, something else is also taking shape within this era. But what is taking shape as something else—something that will profoundly influence the era and leave its mark on it—only comes to expression after the 14th and 15th centuries. The period from the 3rd to the 15th century is one of the ever-increasing consolidation of the power of faith, the time in which, under the influence of this power of faith, the events of the era unfold, — Please, especially as I discuss this chapter, bear in mind something I always emphasize in these lectures, but which is particularly important in passages like this: I choose my words so that they cannot be replaced by others. The moment one attempts to replace these carefully chosen words with others, one is no longer describing history accurately. So anyone who were to replace what I just said—“It was the age of consolidating faith”—with the phrase “It was the age of consolidating piety” would be presenting something entirely false. That is certainly not what I mean. It was the power of faith, as I characterized it in Bernhard’s case. Bernhard is certainly a pious man as well. But one can also be pious as a personal trait. Yet what was at work in the events of that time and what was lived out over the centuries I have spoken of stands under the influence of the power of faith. The power of faith is, of course, present in every age. But it is not the historical reality of every age that is determined by the power of faith. Our present age, too, will in turn be “replaced” by one in which the power of faith will once again—temporarily, sporadically—play a significant role. At present, however, this is not yet the case. For example, superstition regarding materialistic medicine will take on grotesque forms in the future. The power of faith will still play a major role there, but we have not yet reached that point. At present, it is more a state of slumber, a sleeping of humanity, which plays a very significant, a major role in historical events. Now one might ask: How is it, in fact, that this power of faith in Europe becomes such a significant historical impulse—the impulse that most significantly ushers in what then emerges in the 15th century as the fifth post-Atlantean cultural epoch, in which we now live?

[ 9 ] Zunächst ist es etwas scheinbar recht Äußerliches, was die Grundlage geliefert hat für das Heraufkommen der Glaubenskraft, das ist das, was im wesentlichen bedingt hat den Untergang des Römischen Reiches. Was vom 3.,4. nachchristlichen Jahrhundert bis zum 15. Jahrhundert herrschende geschichtliche Impulse sind, setzt sich an die Stelle desjenigen, was die Impulse des Römischen Reiches waren. Es gibt natürlich eine ganze Anzahl von Impulsen, die den Untergang des Römischen Reiches herbeigeführt haben, aber ein ganz wesentlicher ist der, daß durch den Gang der römischen Geschichte allmählich das Geld abgeflossen war nach dem Orient. Mit der Ausbreitung des Römischen Reiches mußten die Legionen immer mehr und mehr an den Rand des großen Reiches geschoben werden; man mußte den Sold den Leuten immer mehr und mehr in Geld auszahlen, nicht in Naturalien, wie es möglich war, solange das Römische Reich enger war. Dadurch aber hat sich mit dem sich ausbreitenden Reiche der Geldreichtum nach und nach wirklich nach dem Orient verschoben, und ein wesentliches Kennzeichen Europas in den Jahrhunderten, namentlich in der ersten Zeit dieser Jahrhunderte, vom 3., 4. an, ist seine Geldarmut, namentlich seine Armut an Metallgeld. Damit hängen manche andere Dinge zusammen, und es ist wichtig, daß man sich über diese Dinge nicht in mystische Schwärmereien ergeht, sondern daß man sich den gesunden Blick für die Wirklichkeit schon bewahrt. Die «Goldmacherkunst», die Alchimie, ist zum Teil in Europa dadurch bedingt, daß das Gold nach dem Orient abgeflossen war, und man dachte, man könnte es machen, könnte es schaffen, man könnte sich wieder reich machen. Hinter der Alchimie, wie sie sich in den ersten Jahrhunderten des Mittelalters herausbildet, steckt vielfach als Grund die Verarmung an Geld, die durch die Ausbreitung des Römischen Reiches gekommen ist. — Damit hängt wieder zusammen, daß in diesen Jahrhunderten in das verarmte Römische Reich die Völkerschaften hereinrückten, die vom Norden kamen, die heidnische Anschauungen, heidnische Kultur, heidnische Empfindungen hatten, die wenig verstanden von jener sozialen Struktur, die im Römischen Reich allmählich immer mächtiger geworden war gerade unter dem Einfluß des Geldes. Die Römer haben das als recht unbehaglich empfunden, nachdem ihnen das Geld nach dem Orient abgeflossen war. Die nachrückenden germanischen Völker haben sich dabei recht wohl befunden.

[ 9 ] At first, it is something seemingly quite external that provided the basis for the rise of religious fervor—and this is essentially what led to the downfall of the Roman Empire. The historical forces that prevailed from the 3rd and 4th centuries CE through the 15th century took the place of the forces that had driven the Roman Empire. There are, of course, a number of factors that led to the downfall of the Roman Empire, but a very significant one is that, as Roman history unfolded, wealth gradually flowed out to the East. As the Roman Empire expanded, the legions had to be pushed further and further to the periphery of the vast empire; soldiers’ pay had to be paid increasingly in money rather than in kind, as had been possible when the Roman Empire was smaller. As a result, however, as the empire expanded, monetary wealth did indeed gradually shift toward the East, and a defining characteristic of Europe during those centuries—particularly in the early part of that period, beginning in the 3rd and 4th centuries—was its scarcity of money, specifically its scarcity of metallic currency. Many other factors are connected to this, and it is important not to indulge in mystical ramblings about these matters, but rather to maintain a sound perspective on reality. The “art of making gold”—alchemy—arose in Europe in part because gold had flowed out to the East, and people thought they could create it, produce it, and become rich again. Behind alchemy, as it took shape in the early centuries of the Middle Ages, the underlying cause was often the depletion of monetary resources resulting from the expansion of the Roman Empire. — This is again connected to the fact that during these centuries, peoples from the north—who held pagan beliefs, pagan culture, and pagan sensibilities, and who understood little of the social structure that had gradually become ever more powerful in the Roman Empire precisely under the influence of money—moved into the impoverished Roman Empire. The Romans found this quite unsettling, especially after their money had flowed out to the East. The advancing Germanic peoples, however, were quite content with the situation.

[ 10 ] In diese Stimmung des Römischen Reiches hinein fällt die Ausbreitung des Christentums. Man stellt es heute nicht mehr dar, aber es ist so, daß auf den Wellen des sich ausbreitenden Christentums in den ersten Zeiten durchaus eine tiefsinnige Geistesanschauung lebte. Es ist ja heute geradezu eine heillose Angst, besonders in theologischen Kreisen, vor der sogenannten Gnosis vorhanden. Vielfach, wenn man frägt, warum denn die Menschen unsere Geisteswissenschaft, namentlich in theologischen Kreisen, nicht mögen, sie sogar fürchten, so bekommt man vielfach die Antwort, diese Geisteswissenschaft könnte zu einer Erneuerung der Gnosis führen. Und das ist schon ein Grund, die Sache abzulehnen. Gnosis ist ja nichts anderes — natürlich muß sie in unserem heutigen Zeitalter anders auftreten, als sie in den ersten Jahrhunderten des Christentums aufgetreten ist — als ein positives Wissen über die geistige Welt, die Fähigkeit des Menschen, Einblicke in die geistigen Welten zu gewinnen, so wie man durch die Sinne Einblicke gewinnt in die physischen Welten. Man kann heute Leuten begegnen, die sich lustig machen über die Streitigkeiten, die es einmal darüber gegeben hat, ob der Geist vom Vater oder vom Sohne ausgeht oder irgendwie anders zusammenhängt mit Vater und Sohn. Mit solchen Begriffen verbinden die Leute heute gar keine Vorstellung mehr. Dazumal hatte man schon Vorstellungen damit verknüpft. Wer mit wirklicher Kenntnis die Geschichte der ersten christlichen Jahrhunderte schreiben würde, der würde sehen, daß in dieser Dogmenentstehung schon Geist steckt, nur findet man ihn heute nicht mehr. Es war auf den Wellen des sich ausbreitenden Christentums schon eine tief bedeutsame Geistesanschauung vorhanden, und man kann verfolgen, wie diese Geistesanschauung in dem sich ausbreitenden Christentum bis ins 9. Jahrhundert hineinragt. Studiert man in den Einzelheiten dieses sich ausbreitende Christentum, so findet man, daß die spätere Ansicht, wonach die religiöse Anschauung sich darauf beschränken solle, von Glaubenskraft sich zu durchdringen und möglichst wenig auf Einzelheiten der geistigen Welt sich einzulassen, dadurch entstanden ist, daß man mit einem gewissen richtigen Blick die Völkerschaften angeschaut hat, aus denen sich das neue Europa herausbilden sollte. Es waren heidnische Völkerschaften, Völkerschaften aber auch, die im Denken, in der Verbindung und in der Ausbildung von Begriffen, die in die geistige Welt hineinführen, es nicht sehr weit gebracht haben;.es waren starke, kräftige, elementarisch gesunde Menschen, aber nicht gerade Menschen, deren geistige Veranlagung dahin ging, sich sehr konkrete Vorstellungen über irgend etwas Geistiges zu machen.

[ 10 ] The spread of Christianity took place against this backdrop of the Roman Empire. Although this is no longer emphasized today, the fact remains that in the early days, a profound spiritual worldview was very much alive within the waves of spreading Christianity. Indeed, there is today a veritable, hopeless fear—especially in theological circles—of so-called Gnosticism. Often, when one asks why people, particularly in theological circles, dislike our spiritual science—or even fear it—one frequently receives the answer that this spiritual science could lead to a revival of Gnosticism. And that in itself is a reason to reject the whole thing. Gnosticism is, after all, nothing other than—though of course it must manifest differently in our present age than it did in the early centuries of Christianity—a positive knowledge of the spiritual world, the human capacity to gain insights into the spiritual worlds, just as one gains insights into the physical worlds through the senses. Today one can encounter people who make fun of the disputes that once existed over whether the Spirit proceeds from the Father or the Son, or is somehow else connected to the Father and the Son. People today no longer associate any concept with such terms. Back then, people had already linked ideas to them. Anyone who were to write the history of the first Christian centuries with true knowledge would see that there was already a spiritual element in the development of these dogmas; it is just that we no longer find it today. A profoundly significant spiritual worldview was already present on the waves of spreading Christianity, and one can trace how this spiritual worldview extended into the 9th century within the expanding Christian world. If one studies the details of this spreading Christianity, one finds that the later view—according to which religious outlook should be limited to being imbued with the power of faith and engaging as little as possible with the details of the spiritual world—arose from observing, with a certain correct perspective, the peoples from whom the new Europe was to emerge. These were pagan peoples, but they were also peoples who had not progressed very far in their thinking, in the connection and formation of concepts leading into the spiritual world; they were strong, vigorous, and physically robust people, but not exactly people whose spiritual disposition led them to form very concrete ideas about anything spiritual.

[ 11 ] So hat man denn, um das Christentum zur Ausbreitung zu bringen, sich diesen Völkerschaften angepaßt. Man wandte sich mehr, weil diese Leute weniger denken konnten, an das Gemüt, wie man sagt, an die Glaubenskraft. So sieht man, wie im 10. Jahrhundert eigentlich schon alles Geistesschauerische aus dem Christentum mehr oder weniger verschwunden ist, aber alles hat sich zusammengedrängt in die Glaubenskraft. Und das, was man anschaute in der Glaubenskraft, was man neben sich zu haben meinte in der Glaubenskraft, das war Seeleninhalt für die Menschen allmählich geworden. Die Seelen lebten schon anders, als sie jetzt leben. Man muß sich vorstellen, was eine solche Seele damals bei einer Legende erlebte. Ich will nur eine einfache Legende erzählen, die aber überall damals verbreitet wurde, die sinnig ist. Sie lautet so: Der heilige Bernhard ritt einmal auf einem Esel. Er hatte einen Mönch bei sich. Dieser Mönch litt, wie man heute sagen würde, an Epilepsie. Er fiel immer um. Das sah gerade der heilige Bernhard, als dieser Mönch ihn begleitete und ihm den Esel führte. Da wandte er sich an seinen Gott, daß dieser Mönch fortan niemals den epileptischen Anfall erhalten solle, ohne daß er es vorher wisse. Und die Legende erzählt weiter, der Mönch lebte noch zwanzig Jahre, und jedesmal, wenn er wieder einen Anfall bekam, wußte er es vorher; er konnte sich ins Bett legen und zerschlug sich nicht die Glieder, wenn er wieder umfallen wollte.

[ 11 ] Thus, in order to spread Christianity, one adapted to these peoples. Since these people were less capable of thinking, one turned more to the heart—as they say—to the power of faith. Thus we see how, by the 10th century, everything of a spiritual nature had already more or less disappeared from Christianity, but everything had coalesced into the power of faith. And what people perceived in the power of faith—what they felt they had beside them in the power of faith—had gradually become the substance of their souls. Souls already lived differently than they do now. One must imagine what such a soul experienced back then when encountering a legend. I want to tell just one simple legend, one that was widespread everywhere back then and that is meaningful. It goes like this: Saint Bernard was once riding a donkey. He had a monk with him. This monk suffered, as we would say today, from epilepsy. He kept falling down. Saint Bernard happened to see this just as the monk was accompanying him and leading his donkey. So he turned to God, asking that from then on, this monk would never suffer an epileptic seizure without him knowing about it beforehand. And the legend goes on to say that the monk lived another twenty years, and every time he was about to have another seizure, he knew it in advance; he could lie down in bed and avoid breaking his limbs when he was about to fall over again.

[ 12 ] Es ist eine einfache, harmlose Sache, aber eine Sache, die tief wirkte, die damals überall erzählt wurde. Denn man fühlte seine Seele stark, wenn man die Tragkraft der Glaubenswirklichkeit empfinden konnte, und die Menschen lebten in der Aura dieser Empfindung.

[ 12 ] It was a simple, harmless thing, but one that had a profound effect and was talked about everywhere at the time. For one felt one’s soul grow strong when one could sense the sustaining power of the reality of faith, and people lived within the aura of that feeling.

[ 13 ] Nun wäre es nicht möglich gewesen, daß die Glaubenskraft sich so konsolidieren konnte, wenn Europa nicht gewissermaßen durch die Jahrhunderte, die ich angeführt habe, sich isoliert hätte. Das Geld war nach dem Orient abgeflossen; damit hatte der Handel allmählich aufgehört. Europa war eine Zeitlang im wesentlichen beschränkt auf seinen Ackerbau. Aber das ist ein geradezu tief bedeutsames Symptom für die Entwickelung Europas in diesen Jahrhunderten, daß ein Drittel des europäischen Bodens an diejenigen übergeht, die die Träger dieser Glaubenskraft sind: In den kirchlichen Besitz geht ein Drittel des Bodens in dieser Zeit über. Es ist, wie wenn das, was gelebt hat, nur durch das römische Element unterbrochen, im ganzen vierten nachatlantischen Zeitraum sich in diese Glaubenskraft zusammengedrängt hätte. Aber eines ging verloren gerade unter dieser Erstarkung der Glaubenskraft, verloren ging der Fortschritt im eigentlichen Christus-Bewußtsein. Man darf nicht vergessen, daß im höchsten Stile von Christus gewußt worden ist in der Zeit der ersten christlichen Jahrhunderte bei denen, welche die Christus-Gestalt, die ChristusWesenheit hineinstellen konnten in den ganzen Zusammenhang der Kräfte der geistigen Welt. Für diejenigen, die zuerst ergriffen waren von der Christus-Gestalt, war der Grund ihres Ergriffenseins ja der, daß sie hinaufschauten in die geistige Welt und gewissermaßen die Annäherung der Christus-Gestalt durch die geistigen Welten durch Äonen hindurch zur Erde her erblickten, und diese ganzen Ereignisse von Golgatha anschließen konnten an alles Geschehen im Kosmos. Das war das Ergreifende des Ereignisses von Golgatha, daß die, die es zuerst auslegten, es sich so zurechtlegten, daß das, was auf der Erde geschah, das Herabfließen eines Ereignisses aus den Welten des großen kosmischen Geschehens war.

[ 13 ] It would not have been possible for the power of faith to consolidate itself in this way if Europe had not, in a sense, isolated itself throughout the centuries I have mentioned. Money had flowed out to the East; as a result, trade had gradually ceased. For a time, Europe was essentially limited to agriculture. But it is a profoundly significant symptom of Europe’s development during these centuries that one-third of European land passed into the hands of those who were the bearers of this spiritual power: one-third of the land became church property during this period. It is as if everything that had been lived—interrupted only by the Roman element—had coalesced into this religious force throughout the entire fourth post-Atlantean epoch. But one thing was lost precisely amid this strengthening of religious force: progress in the true Christ-consciousness was lost. One must not forget that Christ was known in the highest sense during the first Christian centuries by those who were able to place the Christ-figure, the Christ-essence, within the entire context of the forces of the spiritual world. For those who were first moved by the Christ-figure, the reason for their being moved was, after all, that they looked up into the spiritual world and, in a sense, beheld the approach of the Christ-figure through the spiritual worlds, across the eons, toward the Earth, and were able to connect all these events of Golgotha to everything happening in the cosmos. That was what was so moving about the event at Golgotha: that those who first interpreted it understood it in such a way that what happened on Earth was the downward flow of an event from the worlds of the great cosmic process.

[ 14 ] Daß man das heute anders darstellt, das weiß ich sehr wohl. Aber wenn man sagt, man müsse zurückgehen auf die schlichten, einfachen Vorstellungen, die man in den ersten Jahrhunderten von dem Christus Jesus hatte, so redet man eben nur von seinen eigenen Liebhabereien, weil man verdecken will die Größe der Christus-Idee und den tiefen Einblick, den die ersten Jahrhunderte in das Mysterium von Golgatha hatten. Deshalb brachte man die Lieblingsidee auf: Alles war schlicht, alles war so, daß der Christus Jesus womöglich nichts weiter war als, wie mancher heute sagt, «der schlichte Mann aus Nazareth». Man wundert sich bei solchen Dingen vielleicht weniger, wenn man diese Anschauung bei jüngeren Leuten findet. Ältere Leute müßten allerdings wissen, daß wir selbst in unserer Zeit mit Bezug auf diese Dinge einen bedeutungsvollen Umschwung erlebt haben. Ich habe es oft gehört, daß gesagt wird: Solche Dinge, wie sie in der Geisteswissenschaft dargestellt werden, kann man ja nicht verstehen; die sind sehr schwer verständlich. — Ja, wenn es keine Hindernisse, keine äußeren Hindernisse gäbe! Vor noch dreißig Jahren würden gerade die schlichten Leute auf dem Lande draußen diese Dinge voll verstanden haben. Im Laufe der letzten Jahrzehnte aber ist es anders geworden. Die älteren Leute könnten noch etwas davon wissen, wie Schriften, wie zum Beispiel die des Jakob Böhme oder des Eckartshausen, Schriften, die sehr, sehr versuchen, in die Konktretheit der geistigen Welt einzuführen, gerade von einfachen Bauerngemütern vor Jahrzehnten noch aufgenommen worden sind. Oberflächlich ist unser Geistesleben lediglich durch das Bourgeoistum geworden. Das hat seine Lieblingsidee immer mehr und mehr zum Ausdruck gebracht, daß das Wahre, wie man sagt, «einfach» sein müsse, wobei man nichts anderes meint, als, es müsse auf bequeme Weise, ohne viel Nachdenken, von jedem erfaßt werden können. Heute sind allerdings nicht mehr viel Belege, auch in den schlichten Gemütern nicht, dafür zu finden, daß in den ersten Jahrhunderten des Christentums schon geredet werden konnte, gerade diesen schlichten Gemütern gegenüber, von hohen geistigen Dingen, wenn man von dem Christus Jesus sprach. Das heißt aber: Was dann in den folgenden Jahrhunderten geschehen ist, das ist eigentlich geschehen, um gewissermaßen zunächst auch die Christus-Erkenntnis für die Menschheit wiederum etwas zu verdecken, die Christus-Erkenntnis nicht sehr nahe an die Menschen herankommen zu lassen.

[ 14 ] I am well aware that this is portrayed differently today. But when people say we must return to the simple, unadorned conceptions of Jesus Christ held in the first centuries, they are merely speaking of their own personal preferences, because they wish to obscure the grandeur of the Christ idea and the profound insight the early centuries had into the Mystery of Golgotha. That is why they put forward their favorite idea: Everything was simple; everything was such that Christ Jesus was, as some say today, nothing more than “the simple man from Nazareth.” One is perhaps less surprised by such views when they are held by younger people. Older people, however, ought to know that even in our own time we have experienced a significant shift in our understanding of these matters. I have often heard people say: “You can’t really understand things like these, as they are presented in spiritual science; they are very difficult to grasp.” — Yes, if only there were no obstacles, no external obstacles! Thirty years ago, it was precisely the simple people out in the countryside who would have fully understood these things. Over the course of the last few decades, however, things have changed. Older people might still recall how writings—such as those by Jakob Böhme or Eckartshausen, for example—writings that strive very, very hard to introduce readers to the concreteness of the spiritual world—were still readily absorbed by simple peasant minds just decades ago. On the surface, our spiritual life has become purely bourgeois. This mindset has increasingly emphasized its favorite idea—that the truth, as they say, must be “simple”—by which they mean nothing other than that it must be accessible to everyone in a convenient way, without much thought. Today, however, there is little evidence left—not even among simple minds—that in the early centuries of Christianity it was already possible to speak of lofty spiritual matters, especially to these simple minds, when speaking of Jesus Christ. This means, however, that what then happened in the following centuries actually occurred, in a sense, to once again obscure the knowledge of Christ for humanity—to prevent that knowledge from coming too close to people.

[ 15 ] In diesen Dingen hat man nötig, die Wirklichkeit anzuschauen, nicht das, was man sich einbildet. Es gehört zu den tiefsten Anforderungen unseres Zeitalters, daß man wiederum lerne, die Wirklichkeiten anzuschauen. Ich muß dabei immer an ein Beispiel erinnern, weil es recht anschaulich ist. Ich habe einmal in Kolmar einen Vortrag gehalten über Christentum und Weisheit. Bei diesem Vortrage waren auch zwei katholische Geistliche anwesend. Die hatten natürlich nie von so etwas gehört, selbstverständlich; aber weil sie jedenfalls noch nichts darüber gehört hatten — das wirkte ja dazu mit —, kamen sie nach dem Vortrage an mich heran, denn das, was ich gesagt hatte, kam ihnen gar nicht so schlimm vor. Es wäre ihnen wahrscheinlich nur schlimm vorgekommen, wenn sie schon etwas von ihren entsprechenden Oberen gehört hätten, und dann hätten sie wahrscheinlich eben Unsinn gehört. Nur das eine wendeten sie ein. Sie sagten: Was Sie da sagen, ist ja alles schön; so über die geistige Welt zu reden, ist schön. Aber das versteht ja die Menschheit gar nicht. Wir reden so, wie es die Menschheit verstehen kann. — Ich sagte: Wissen Sie, Hochwürden, wie man zur Menschheit zu sprechen hat, das dürfen nicht Sie und nicht ich nach unseren Lieblingsmaximen auslegen. Auf diese Lieblingsmaximen kommt es nicht an; denn selbstverständlich, wenn wir nach unseren Lieblingsmaximen urteilen wollten, so würde Ihnen die Art gefallen, wie Sie reden, und mir würde die Art gefallen, wie ich rede. Aber darauf kommt es nicht an. Sondern es kommt darauf an, wozu uns unser Zeitalter verpflichtet: ja nicht solche Fragen, wie Sie sie eben aufwerfen, nach unseren Lieblingsmaximen zu beantworten, sondern sie uns von der Wirklichkeit beantworten zu lassen. Und da gibt es eine naheliegende Antwort. Ich frage Sie: Gehen heute alle Leute zu Ihnen in die Kirche, da Sie glauben, Sie sprechen zu allen Leuten? Da könnten Sie wahrheitsgetreu nur sagen: Es bleiben auch manche draußen. Darauf könnte ich sagen: Das ist die Antwort der Wirklichkeit! Für die, welche bei Ihnen draußen bleiben, spreche ich, und die haben auch ein Recht, den Weg zum Christus Jesus zu finden. — Man frage nicht sich, sondern man frage die Realität, man frage das Zeitalter. Denn was man durch sich selbst als Antwort bekommen kann, das weiß man ja. Es scheint so sehr einfach zu sein; aber lernen, die Verpflichtung zu fassen, die einem das Zeitalter gibt, das ist nicht so einfach. Und nur, wenn man mit sich recht sehr zu Rate geht, wird man erkennen, was eigentlich hinter dem liegt, was ich jetzt eben gesagt habe.

[ 15 ] In these matters, one must look at reality, not at what one imagines. One of the most profound demands of our age is that we learn once again to look at reality. I am always reminded of an example in this regard, because it is quite vivid. I once gave a lecture in Colmar on Christianity and wisdom. Two Catholic clergymen were also present at this lecture. Of course, they had never heard of such a thing—that goes without saying—but precisely because they hadn’t heard anything about it yet—which certainly played a role—they approached me after the lecture, because what I had said didn’t strike them as all that bad. It probably would have seemed bad to them only if they had already heard something from their superiors on the matter, and then they probably would have heard nothing but nonsense. That was their only objection. They said: “What you’re saying is all well and good; talking about the spiritual world like that is fine. But humanity doesn’t understand any of it.” We speak in a way that humanity can understand.” — I said: “Do you know, Reverend, how one is to speak to humanity? Neither you nor I should interpret that according to our favorite maxims. Those favorite maxims are irrelevant; for, of course, if we were to judge according to our favorite maxims, you would like the way you speak, and I would like the way I speak.” But that’s not what matters. What matters is what our age obliges us to do: not to answer questions like the ones you just raised according to our favorite maxims, but to let reality answer them for us. And there is an obvious answer. I ask you: Do all people go to your church today, since you believe you’re speaking to everyone? To that, you could truthfully only say: Some do remain outside. To that I might say: That is reality’s answer! I speak for those who remain outside your church, and they, too, have a right to find the way to Christ Jesus. — Do not ask yourself, but ask reality; ask the age. For whatever answer one can obtain from within oneself, one already knows. It seems so very simple; but learning to embrace the obligation that the age places upon you—that is not so simple. And only when you truly consult within yourself will you recognize what actually lies behind what I have just said.

[ 16 ] Was der Menschheit heute nottut, das ist eben grade: objektiv werden, mit der Umgebung leben lernen. Wenn wir verstehen, den Impuls zu fassen, der hier gemeint ist, dann werden wir uns auch mit der Wahrheit abfinden können, wie allmählich unter dem Einfluß der Zeitereignisse in den Jahrhunderten, von denen ich gesprochen habe, die höhere Erkenntnis, das Hinaufblicken zu dem geistigen Zusammenhang zwischen dem Mysterium von Golgatha und dem kosmischen Geschehen allmählich in Europa dahingeschwunden ist. Der Christus ist den europäischen Gemütern ferngerückt worden; er hat sich zusammengezogen auf dasjenige, was man fassen wollte, was man sich vorstellen wollte. Aber es kommt darauf an, daß man die Wirklichkeit faßt, nicht das, was man fassen will. Heute hört man sehr häufig, der Mensch soll seinen Gott suchen, im Inneren werde er diesen Gott finden; er soll sich in seinem Inneren mit seinem göttlichen Selbst vereinigen, dann wird er den Gott finden. Insbesondere nehmen die Leute daran Anstoß, daß die Geisteswissenschaft betonen muß: Wenn wir aus der Welt, in der wir leben, hinauskommen in den Geist, dann finden wir Hierarchien, dann finden wir, wie wir hier eine reich gegliederte physische Welt finden, dort ebenso eine reich gegliederte, abgestufte geistige Welt. Aber dann ist es den Leuten einfacher und bequemer zu sagen: Man wende sich direkt, unmittelbar an den einigen Christus; den findet jeder einzelne Mensch. Es kommt nicht darauf an, daß man es sich einbildet, sondern es kommt darauf an, daß man erkennt, was man im Geistigen wirklich findet. Was finden diejenigen Menschen, die heute oftmals davon sprechen: Ich habe ein innerliches Verhältnis zu meinem Gott gefunden? — Das nämlich, was da Gott genannt wird, ist oftmals nichts anderes als das allernächste geistige Wesen aus der Hierarchie der Angeloi, der unmittelbar schützende Engel, der als das höchste Wesen verehrt wird. Daß wir glauben, wir haben den Gott, darauf kommt es ja nicht an, sondern daß wir die Realität dieses inneren Erlebnisses verstehen, das der Mensch hat. Wenn mancher glaubt, er ist innerlich durchsetzt von einem Göttlichen, so ist er meistens nur durchsetzt von einem Wesen aus der Hierarchie der Angeloi, oder aber er ist durchsetzt von seinem eigenen Ich, wie es war zwischen dem letzten Tode und dieser Geburt, wie es in der geistigen Welt gelebt hat, bevor es sich mit diesem physischen Leib vereinigte. Ist es denn nicht interessant, daß es ein Wort gibt, dessen Ursprung man nicht kennt? Wenn Sie die Wörterbücher aufschlagen, so finden Sie mancherlei recht Schönes über mancherlei Wörter. Doch ein Wort gibt es — die gelehrtesten philologischen Wörterbuchschreiber können seinen Ursprung nicht finden, sie wissen nicht, was damit gemeint ist, auch philologisch nicht: das ist das Wort Gott! Lesen Sie nach im Deutschen Wörterbuch. Es ist das Wort, dessen Bedeutung man nicht kennt. Sehr bedeutsam, sehr bezeichnend! Denn das, wovon man in Wirklichkeit redet, wenn man heute vielfach von seinem Gott spricht, das ist der einzelne Engel oder gar das eigene Selbst in der Zeit zwischen dem letzten Tode und der jetzigen Geburt. Was man da wirklich erlebt — ich denke jetzt nur an wirklich auftichtige, ehrliche Selbsterleber —, das ist Wirklichkeit. Darauf kommt es an und nicht darauf, daß man sich selbst der Täuschung hingibt: Die Leute beten einen einheitlichen Gott an. Sie haben nur ein Wort für das Erlebnis ihres Engels oder gar für das eigene Selbst, wenn es noch nicht verkörpert ist oder schon verkörpert ist, gewissermaßen.

[ 16 ] What humanity needs today is precisely this: to become objective, to learn to live in harmony with our surroundings. If we can grasp the impulse referred to here, then we will also be able to come to terms with the truth of how, under the influence of the historical events over the centuries of which I have spoken, higher insight—the ability to look upward toward the spiritual connection between the Mystery of Golgotha and cosmic events—has gradually faded away in Europe. Christ has been distanced from the European mind; He has been reduced to what people wanted to grasp, what they wanted to imagine. But what matters is that one grasps reality, not what one wants to grasp. Today one very often hears that a person should seek his God, and that he will find this God within himself; that one should unite with one’s divine self within, and then one will find God. People take particular offense at the fact that spiritual science must emphasize: When we step out of the world in which we live and into the spiritual realm, we find hierarchies; just as we find a richly structured physical world here, we find there a similarly richly structured, graded spiritual world. But then it is easier and more convenient for people to say: Let us turn directly, immediately, to the one Christ; every single person can find him. It does not matter whether one imagines it, but rather that one recognizes what one truly finds in the spiritual realm. What do those people find who today often say: “I have found an inner relationship with my God”? — For what is called “God” there is often nothing other than the closest spiritual being from the hierarchy of the Angeloi, the immediate guardian angel, who is revered as the highest being. Whether we believe we have found God is not what matters; what matters is that we understand the reality of this inner experience that a person has. When someone believes they are inwardly permeated by something divine, they are usually permeated only by a being from the hierarchy of the Angeloi, or else they are permeated by their own “I,” as it was between their last death and this birth, as it lived in the spiritual world before uniting with this physical body. Isn’t it interesting that there is a word whose origin is unknown? If you look up dictionaries, you will find all sorts of beautiful things about all sorts of words. Yet there is one word—even the most learned philological lexicographers cannot trace its origin; they do not know what it means, not even from a philological standpoint: that word is “God”! Look it up in the German dictionary. It is the word whose meaning is unknown. Very significant, very telling! For what people are actually talking about when they frequently speak of their “God” today is the individual angel—or even one’s own self—in the period between the last death and the present birth. What one truly experiences there—and I am thinking here only of truly sincere, honest individuals who have experienced this for themselves—is reality. That is what matters, and not the fact that one surrenders oneself to delusion: People worship a single God. They have only one word for the experience of their angel or even for their own self, whether it is not yet incarnated or is already incarnated, so to speak.

[ 17 ] Daß man dies ahnt, daß man ahnt: Durch Geisteswissenschaft muß dahintergekommen werden, was sehr häufig mit dem sogenannten Gotteserlebnis der Menschen gemeint ist, das bewirkt, daß man diese Geisteswissenschaft so wenig gern sich ausbreiten sieht; denn sie ist geeignet, hinter diese ungeheuer bedeutungsvolle Tatsache zu kommen, die ich eben hervorgehoben habe. Die ganze geschichtliche Entwickelung vom 3. bis zum 10., ja noch bis zum 15. Jahrhundert geht dahin, die Mysterien des Christus Jesus eigentlich mehr zu verdecken, mehr zu kaschieren, als sie offenbar werden zu lassen. Dies, was ich sage, ist nicht eine Kritik, sondern eine bloße Charakteristik. Denn ; wenn man nicht imstande ist, diese Charakteristik objektiv hinzunehmen, so wird man nie verstehen, unter welchen Gewalten das Zeitalter heraufkommt, das mit dem 15. Jahrhundert beginnt, das Zeitalter der eigentlichen Bewußtseinsseele. Ich möchte sagen, dieses Zeitalter donnert herein, und alles in der geistigen Welt tendiert so, daß diese Bewußtseinsseele mit ihren zwei Polen, mit ihrem materialistischen und ihrem spirituellen Pol, herauskommen muß. Aber von diesem Gesichtspunkte aus muß man erst das geschichtliche Werden ansehen. Bilder muß man sich vor die Seele hinstellen, wie etwa dieses: Aus solchen Stimmungen wie diese, die uns auf einer höchsten Stufe in dem heiligen Bernhard erscheint, geht aus verstärkter, konsolidierter Glaubenskraft die europäische Tendenz hervor, Jerusalem an die Stelle von Rom zu setzen, das Christentum mit dem Mittelpunkte in Jerusalem als antirömisches Christentum zu begründen. — Denn das liegt eigentlich den Kreuzzügen zugrunde. Gottfried von Bouillon ist nicht ein Sendling der römischen Päpste, sondern er ist derjenige, der die Kreuzzüge aufgreift, um ein Bollwerk in Jerusalem gegen Rom zu errichten, um das Christentum unabhängig zu machen von Rom. Es war eine Idee, die im Grunde viele Jahrhunderte beherrschte. ‚Heinrich I., der Heilige, hat sie dann in die Form geprägt einer Ecclesia catholica non romana.

[ 17 ] That one senses this, that one senses it: Spiritual science must uncover what is very often meant by people’s so-called “experience of God”—which is why people are so reluctant to see this spiritual science spread; for it is capable of getting to the bottom of this immensely significant fact that I have just highlighted. The entire historical development from the 3rd to the 10th, and indeed even up to the 15th century, has tended to conceal and obscure the mysteries of Christ Jesus rather than to reveal them. What I am saying is not a criticism, but merely a description. For if one is unable to accept this characterization objectively, one will never understand the forces under which the age beginning with the 15th century—the age of the true consciousness soul—is emerging. I would say that this age is thundering in, and everything in the spiritual world is tending toward the emergence of this conscious soul with its two poles—its materialistic and its spiritual pole. But from this perspective, one must first consider the course of history. One must conjure up images in one’s mind, such as this one: From moods such as these, which appear to us at the highest level in St. Bernard, the European tendency emerges—out of a strengthened, consolidated power of faith—to replace Rome with Jerusalem, to establish Christianity with its center in Jerusalem as anti-Roman Christianity. — For this is actually the foundation of the Crusades. Godfrey of Bouillon was not an emissary of the Roman popes, but rather the one who undertook the Crusades to erect a bulwark in Jerusalem against Rome, to make Christianity independent of Rome. It was an idea that, in essence, dominated for many centuries. ‘Henry I, the Saint,’ then gave it shape in the form of an *Ecclesia catholica non romana*

[ 18 ] Wir sehen, wie die europäische Glaubenskraft in diejenigen Gefilde hinein ihre Aura sendet, in welche die Römer ihr Gold gesandt haben! Mit dem Golde und seinen Folgen im Orient stoßen die Kreuzfahrer zusammen, mit dem römischen Golde auf der einen Seite, mit der orientalischen Gnosis auf der andern Seite. Diese Aura muß man in Betracht ziehen, unter der die Kreuzzüge entstanden sind. Sie ist ganz die Aura der europäischen Glaubenskraft. Das ist der eine Ton, der eine Farbenton des Bildes. Doch stellen wir hinein in diesen Farbenton — man könnte es, wenn man es malen wollte, nur als einen Farbenton malen —, stellen wir hinein ein anderes Bild des aufgehenden Zeitalters der Bewußtseinsseele. Wie müßte man es etwa hineinstellen?

[ 18 ] We see how the power of European faith projects its aura into those regions where the Romans once sent their gold! With the gold and its consequences in the Orient, the Crusaders come into conflict—with Roman gold on one side and Eastern gnosis on the other. One must take into account this aura under which the Crusades arose. It is entirely the aura of European religious vitality. That is the one tone, the one hue of the picture. But let us place within this hue—one could, if one were to paint it, depict it only as a single hue—let us place within it another image of the dawning age of the conscious soul. How might one place it there?

[ 19 ] So, daß man den im Jahre 1108 geborenen Dandolo von Venedig, den Dogen, hinstellt, jenen Dogen, der in Konstantinopel war, dort von den Byzantinern geblendet worden ist, der aber die Inkarnation des ahrimanischen Geistes war, und der, trotzdem er nicht sehen konnte, Herr von Venedig war, jenes Venedig, das den ahrimanischen Geist in den Geist hineingestellt hat, den ich jetzt eben gekennzeichnet habe. Das ist ein bedeutungsvoller Augenblick der Weltgeschichte, als dieser Doge Dandolo Konstantinopel eroberte, und als er den ursprünglichen Geist der Kreuzzüge überführte in den späteren Geist der Kreuzzüge. Wie war das?

[ 19 ] So that one might consider Dandolo of Venice, the Doge born in 1108—that Doge who was in Constantinople, where he was blinded by the Byzantines, but who was the incarnation of the Ahrimanic spirit, and who, even though he could not see, was Lord of Venice—that Venice which imbued the spirit I have just described with the Ahrimanic spirit. This was a momentous moment in world history: when this Doge Dandolo conquered Constantinople and transformed the original spirit of the Crusades into the later spirit of the Crusades. How did that happen?

[ 20 ] So war es, daß zuerst die Kreuzfahrer nach dem Orient zogen, um dort zu finden, was an Heiligtümern, an Reliquien zurückgeblieben war, auf daß sich die Glaubenskraft daranknüpfen könnte. Das haben sie gesucht, das haben sie in ihrer Ehrerbietung nach Europa bringen wollen. Ein reales Band haben sie herstellen wollen zwischen ihrer Glaubenskraft und den tatsächlichen Ereignissen des Mysteriums von Golgatha. Als Venedig eingegriffen hat — was wurden da die Reliquien? Alles wurde gesammelt, aber alles wurde zur Grundlage von Kapitalbildung gemacht! Die Reliquien wurden unter dem Einflusse von Venedig nach und nach behandelt wie Börsenpapiere; sie stiegen und stiegen. Die kapitalistische Ära breitete sich aus: Dandolo, die Inkarnation des ahrimanischen Geistes!

[ 20 ] And so it was that the Crusaders first set out for the East to find what remained there of shrines and relics, so that their faith might be anchored to them. That is what they sought, and that is what they wished to bring back to Europe as a sign of their reverence. They wanted to establish a real connection between their faith and the actual events of the Mystery of Golgotha. When Venice intervened—what became of the relics? Everything was collected, but everything was turned into the basis for the accumulation of capital! Under Venice’s influence, the relics were gradually treated like securities; their value rose and rose. The capitalist era spread: Dandolo, the incarnation of the Ahrimanic spirit!

[ 21 ] Wir fragen uns: Wie ist es Venedig gelungen, das, was war, wiederum rückgängig zu machen? Es hat den Handel wiederum vom Orient nach Europa geleitet; es hat gewissermaßen das, was früher nicht sein konnte — das kommerzielle Leben — wiederum entfacht. Eine Frage muß entstehen: Wie konnte Venedig so mächtig werden gerade auf dem Handelsgebiete, da doch Europa im Grunde genommen verarmt war?

[ 21 ] We ask ourselves: How did Venice manage to reverse what had been? It redirected trade from the Orient back to Europe; it reignited, so to speak, what had previously been impossible—commercial life. A question must arise: How could Venice become so powerful, particularly in the realm of trade, when Europe was, in essence, impoverished?

[ 22 ] Der Handel war ein Tausch. Im Grunde genommen war namentlich während der ersten Zeit jenes Zeitraumes, von dem ich heute _ gesprochen habe, Europa vom Orient, dem es zuerst sein Metallgeld gegeben hatte, abgeschlossen. Das hatte man nicht, das tauschte man. Es müßte immer wieder und wieder betont werden, was eine historische Tatsache ist, wie Venedig auf diesem Gebiete vorangegangen ist. Wir können einen großen Verkauf nachweisen, den Venedig nach Alexandrien und Damiette besorgt hat, um die orientalischen Waren dafür wieder einzutauschen. Was wurde denn von Venedig aus verkauft? Das eine kann leicht dokumentarisch nachgewiesen werden, vieles andere könnte damit verbunden werden; dann würde man, nach dieser Richtung forschend, schon weiter kommen. Das, was verkauft wurde, waren tausend Menschen! Mit Menschen hat man den neuen Handel nach dem Orient begonnen. Menschen wurden nach dem Orient verkauft. Und wer dem nachgeht, was aus diesen Menschen im Orient geworden ist, der kommt zu einem merkwürdigen Resultat, auf das allerdings die äußere Geschichte noch wenig weist: daß von diesen verkauften Menschen die wichtigsten derjenigen Krieger abstammten, mit denen dann von Asien aus die großen Heereszüge nach Europa erfolgreich unternommen worden sind. Die Kerntruppen der asiatischen Völkerschaften, die später in Europa einfielen, bestanden aus den Nachkommen der von Venedig und andern italienischen Städten nach dem Oriente verkauften Menschen.

[ 22 ] Trade was a form of barter. Essentially, especially during the early part of the period I have been discussing today, Europe was cut off from the East, which had initially provided it with its metallic currency. People did not possess it; they exchanged it. It must be emphasized again and again—as a historical fact—how Venice led the way in this area. We can document a large-scale sale that Venice carried out to Alexandria and Damietta in order to exchange it for Oriental goods. What, then, was sold from Venice? One aspect can be easily proven through documents; much else could be linked to it; then, by investigating in this direction, one would make further progress. What was sold were a thousand people! The new trade with the Orient began with people. People were sold to the East. And anyone who investigates what became of these people in the East arrives at a remarkable conclusion—one to which, admittedly, external history offers little evidence—namely, that the most important of these sold people were the ancestors of the warriors with whom the great military campaigns from Asia into Europe were subsequently successfully undertaken. The core forces of the Asian peoples who later invaded Europe consisted of the descendants of the people sold to the Orient by Venice and other Italian cities.

[ 23 ] Es ist schon notwendig, daß man etwas hinter die Kulissen der Weltgeschichte sieht, daß man sich nicht an jene Legende hält, die so oft als Weltgeschichte den Menschen vorgemacht wird. Diese Legende muß endlich dem Schicksal verfallen, daß man sagt: Sie ist eine Pensionsmädelgeschichte, selbst wenn sie Ranke geschrieben hat. Unsere Zeit ist viel zu ernst, als daß nicht betont werden muß, daß gelernt werden muß. Und das Wichtigste wird sein, was man aus diesen Dingen gewinnt: daß man sich ein Urteil aneignen wird, um die Gegenwart nicht mit schlafendem Bewußtsein, sondern mit wachendem Bewußtsein zu verfolgen. Ein Ungeheures geschieht in der Gegenwart, aber die Menschen sehen es nicht und wollen es nicht sehen, wollen alle Dinge nur verstellt und verworren sehen. Schlägt man nur da oder dort einen Ton an, der aus den Tiefen des Menschenwerdens heraus ist, so wird man zurückgewiesen mit den Phrasen, die heute an der Oberfläche der Journal- oder Zeitungslektüre gewonnen werden, und die so weit wie nur möglich von der Wahrheit, von der fruchtbaren Wahrheit entfernt sind.

[ 23 ] It is indeed necessary to see beyond the surface of world history, to not cling to that legend that is so often presented to people as world history. This legend must finally be consigned to oblivion, so that people say: It is nothing more than a boarding-school girl’s tale, even if Ranke wrote it. Our times are far too serious for us not to emphasize the need to learn. And the most important thing will be what we gain from these matters: that we will develop the ability to judge, so that we may follow the present not with a dormant consciousness, but with a vigilant one. Something monstrous is happening in the present, but people do not see it and do not want to see it; they want to see everything only as distorted and confused. If one strikes a note here or there that comes from the depths of human becoming, one is rebuffed with the clichés found today on the surface of journal or newspaper reading—clichés that are as far removed as possible from the truth, from fruitful truth.

[ 24 ] Ich mußte Sie heute in äußerlicher Weise auf etwas aufmerksam machen, was mit jenem Zeitalter zusammenhängt, in dem sich im 15. Jahrhundert der Umschwung vollzogen hat von der Gemütsseele in die Bewußtseinsseele hinein. Denn man möchte es so gerne haben, daß solche Dinge sich in die Gemüter der Menschen hineinsenken. Man braucht es heute, braucht es auf allen Gebieten. Die Menschen reden heute viel von der Art, wie sich die soziale, die gesellschaftliche Struktur in der Zukunft entwickeln soll. Ich las heute morgen wiederum einmal einen Satz von einem Menschen, der sich ungeheuer gescheit dünkt, der zum mindesten glaubt, die volkswirtschaftliche Wahrheit in ihren Fundamenten erfaßt zu haben. Und siehe da, das Tiefsinnige, was er inmitten seines Aufsatzes sagt, ist, daß man die Gesellschaft, das gesellschaftliche Zusammenleben der Menschen als Organismus erfassen soll. Es glauben die Menschen schon etwas Bedeutsames zu haben, wenn sie sagen, man solle das gesellschaftliche Zusammenleben nicht als einen Mechanismus, sondern als einen Organismus erfassen. Das ist der schlimmste Wilsonianismus mitten unter uns! Ich habe schon öfter gesagt, daß gerade das Wesen des Wilsonianismus darin besteht, daß er keine andern Begriffe für das gesellschaftliche Zusammenleben aufbringen kann als den des Organismus. Darauf kommt es aber an, daß man begreifen lernt, daß die Menschen: zu höheren Begriffen noch kommen müssen, als der des Organismus ist, wenn sie die soziale Struktur begreifen wollen. Diese soziale Struktur kann niemals als Organismus begriffen werden; sie muß als Psychismus, als Pneumatismus begriffen werden, denn Geist wirkt in jedem gesellschaftlichen Zusammenleben der Menschen. Arm ist unsere Zeit an Begriffen geworden. Wir können nicht eine Volkswirtschaft begründen, ohne daß wir hineintauchen in die Geist-Erkenntnis, denn nur da finden wir den Metaorganismus; da finden wir das, was über den bloßen Organismus hinausgeht.

[ 24 ] Today I had to draw your attention, in a very concrete way, to something connected with that era in the 15th century when the transition took place from the soul of feeling to the soul of consciousness. For we would so much like such things to sink into people’s minds. We need this today—we need it in all areas. People today talk a great deal about how the social structure should develop in the future. This morning I read yet again a sentence by someone who considers himself immensely clever—who, at the very least, believes he has grasped the fundamental truths of economics. And lo and behold, the profound insight he offers in the middle of his essay is that one should view society—the social coexistence of human beings—as an organism. People seem to think they’ve said something significant when they claim that social coexistence should be understood not as a mechanism but as an organism. This is the worst kind of Wilsonianism right here among us! I have said many times before that the very essence of Wilsonianism lies in its inability to come up with any concepts for social coexistence other than that of the organism. But what matters is that we learn to understand that people must yet arrive at higher concepts than that of the organism if they wish to comprehend the social structure. This social structure can never be understood as an organism; it must be understood as psychism, as pneumatism, for the spirit is at work in every form of human social coexistence. Our age has become impoverished in concepts. We cannot establish a national economy without delving into spiritual knowledge, for only there do we find the meta-organism; there we find that which transcends the mere organism.

[ 25 ] So findet man überall, daß es heute den Menschen fehlt an gutem Willen, in den Geist unmittelbar einzudringen. Aber das muß geschehen. Denn unabsehbar wären die Folgen, wenn es nicht geschähe. Sie wissen, ich habe darauf hingedeutet, wie im 17. Jahrhundert — ich habe es schon im letzten Heft der Zeitschrift «Das Reich» erwähnt Johann Valentin Andreae die Geschichte der «Chymischen Hochzeit des Christian Rosenkreutz» geschrieben hat. In dieser «Chymischen Hochzeit» ist wirklich vieles von den Impulsen enthalten, die mit dem Umschwung im 15. Jahrhundert zusammenhängen. Es wird ja die Geschichte der «Chymischen Hochzeit» auch in das 15. Jahrhundert verlegt. Es ist eine sehr interessante Sache, wenn man sieht: Johann Valentin Andreae hat diese Geschichte der «Chymischen Hochzeit des Christian Rosenkreutz» hingeschrieben als siebzehnjähriger Junge. Siebzehn Jahre war er, unreif mit seiner Außenintelligenz; und später hat er sie bekämpft. Denn der pietistische Theologe Andreae, der später geschrieben hat, schreibt eigentlich alles mögliche andere, womit man das, was in der «Chymischen Hochzeit» steht, bekämpfen kann. Es ist sehr interessant: Das Leben des Andreae zeigt, daß er keine Spur von Verständnis hat für das, was er in der «Chymischen Hochzeit» hingeschrieben hat. Die geistigen Welten wollten der Menschheit eben etwas offenbaren, was allerdings mit dem ganzen Empfinden der damaligen Zeit zusammenhängt. — Ich war neulich in einem Schlosse Mitteleuropas, in dem eine Kapelle ist, worin zu finden sind symbolisiert die Gedanken gerade von dem Umschwunge dieses neuen Zeitalters. Im Treppenhause sind ziemlich primitive Malereien; aber durch das ganze Treppenhaus hindurch — was ist gemalt, wenn auch die Malereien primitiv sind? Die «Chymische Hochzeit des Christian Rosenkreutz»! Man geht durch diese «Chymische Hochzeit», indem man in eine Gralskapelle nachher kommt. — Dann trat der Dreißigjährige Krieg ein, nachdem die «Chymische Hochzeit» niedergeschrieben war, und mit den Wogen des Dreißigjährigen Krieges ging dann unter, was gemeint war. Das muß eine Lehre sein, denn dasselbe darf nicht ein zweites Mal geschehen. Was von der Menschheit seit dem 15. Jahrhundert gefordert wird: geistige Entwickelung, das muß nach und nach eintreten. Davon wollen wir das nächste Mal von einem mehr innerlichen Standpunkte sprechen.

[ 25 ] Thus, one finds everywhere that people today lack the good will to penetrate directly into the spirit. But this must happen. For the consequences would be incalculable if it did not. As you know, I have pointed out how, in the 17th century—as I already mentioned in the last issue of the journal *Das Reich*—Johann Valentin Andreae wrote the story of *The Chemical Wedding of Christian Rosenkreutz*. This *Chemical Wedding* truly contains many of the impulses associated with the upheaval of the 15th century. Indeed, the story of the “Alchemical Wedding” is also set in the 15th century. It is very interesting to note that Johann Valentin Andreae wrote this story, *The Alchemical Wedding of Christian Rosenkreutz*, as a seventeen-year-old boy. He was seventeen, immature in his intellectual development; and later he came to oppose it. For the Pietist theologian Andreae, who wrote later in life, actually wrote all sorts of other things with which one can refute what is contained in the “Chemical Wedding.” It is very interesting: Andreae’s life shows that he had not the slightest understanding of what he had written in the “Chemical Wedding.” The spiritual worlds simply wanted to reveal something to humanity, though this is, of course, connected to the entire sensibility of that time. — I was recently in a castle in Central Europe that has a chapel containing symbols representing precisely the ideas of the dawn of this new age. In the stairwell there are rather primitive paintings; but throughout the entire stairwell—what is depicted, even if the paintings are primitive? The *Chemical Wedding of Christian Rosenkreutz*! One passes through this *Chemical Wedding* before arriving at a Grail chapel. — Then the Thirty Years’ War broke out after the “Chemical Wedding” had been written down, and with the turmoil of the Thirty Years’ War, what was intended was lost. This must serve as a lesson, for the same thing must not happen a second time. What has been demanded of humanity since the 15th century—spiritual development—must come about gradually. Next time, we will speak of this from a more inner perspective.