Earth-Death and Universal-Life
Anthroposophical Life-Gifts
Essential Aspects of Consciousness for the Present and the Future
GA 181
16 July 1918, Berlin
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Bewußtseins-Notwendigkeiten für Gegenwart und Zukunft IV
Bewußtseins-Notwendigkeiten für Gegenwart und Zukunft IV
[ 1 ] Die Betrachtungen, die ich über den Gang der Menschenseele durch ihre verschiedenen Erdenleben für unseren Menschheitszyklus begonnen habe, möchte ich fortsetzen, so fortsetzen, daß die heranzuziehenden Erlebnisse uns nützen können bei der Beurteilung der Ereignisse unserer unmittelbaren Gegenwart. Zu diesem Ziele möchte ich heute eine gleichsam mehr auf das Äußere, heute über acht Tage eine mehr auf das Innere gehende Beobachtung vor Ihnen entwickeln.
[ 1 ] Die Betrachtungen, die ich über den Gang der Menschenseele durch ihre verschiedenen Erdenleben für unseren Menschheitszyklus begonnen habe, möchte ich fortsetzen, so fortsetzen, daß die heranzuziehenden Erlebnisse uns nützen können bei der Beurteilung der Ereignisse unserer unmittelbaren Gegenwart. Zu diesem Ziele möchte ich heute eine gleichsam mehr auf das Äußere, heute über acht Tage eine mehr auf das Innere gehende Beobachtung vor Ihnen entwickeln.
[ 2 ] Wir haben ausgeführt, wie die Menschenseele bei ihrem Durchgang durch die aufeinanderfolgenden Erdenleben, wenn wir auf die uns zunächst interessierenden drei Zeiträume blicken: die ägyptisch-chaldäische Zeit, die griechisch-lateinische Zeit und unsere Zeit, während welcher ja die Menschenseele durch verschiedene Inkarnationen durchgegangen ist, wie diese Menschenseele — als Seele, als Selbst betrachtet — jedesmal eigentlich etwas Neues, etwas anderes erlebt als in einer vorhergehenden Inkarnation. Wir brauchen uns nur noch einmal vor die Seele zu rufen, wie es mit den Seelen sein wird, die jetzt, in unserer Zeit, durch die Erdeninkarnation durchgehen und die dann nach einer verhältnismäßig normalen Zeit wiederkommen, wie sie zwar nicht alle Leute absolvieren, aber doch sehr viele.
[ 2 ] Wir haben ausgeführt, wie die Menschenseele bei ihrem Durchgang durch die aufeinanderfolgenden Erdenleben, wenn wir auf die uns zunächst interessierenden drei Zeiträume blicken: die ägyptisch-chaldäische Zeit, die griechisch-lateinische Zeit und unsere Zeit, während welcher ja die Menschenseele durch verschiedene Inkarnationen durchgegangen ist, wie diese Menschenseele — als Seele, als Selbst betrachtet — jedesmal eigentlich etwas Neues, etwas anderes erlebt als in einer vorhergehenden Inkarnation. Wir brauchen uns nur noch einmal vor die Seele zu rufen, wie es mit den Seelen sein wird, die jetzt, in unserer Zeit, durch die Erdeninkarnation durchgehen und die dann nach einer verhältnismäßig normalen Zeit wiederkommen, wie sie zwar nicht alle Leute absolvieren, aber doch sehr viele.
[ 3 ] Wir haben schon öfter darauf aufmerksam gemacht und haben es das letzte Mal wiederholt, daß die Seelen, die durch die jetzige Erdeninkarnation durchgehen, im wesentlichen so wiederkommen werden, daß sie in irgendeiner Form — und die genauere Form habe ich das letzte Mal entwickelt — durch eigenes inneres Erleben ganz sicher wissen können: Es gibt wiederholte Erdenleben. Dieses Wichtige wird sich im nächsten Zeitalter vollziehen, daß die Seelen übergehen werden von der jetzigen Ungewißheit über die wiederholten Erdenleben zu einem Wissen von ihnen. Wie gesagt, das Genauere haben wir das letzte Mal ins Auge gefaßt. Aber noch etwas möchte ich betonen. |
[ 3 ] Wir haben schon öfter darauf aufmerksam gemacht und haben es das letzte Mal wiederholt, daß die Seelen, die durch die jetzige Erdeninkarnation durchgehen, im wesentlichen so wiederkommen werden, daß sie in irgendeiner Form — und die genauere Form habe ich das letzte Mal entwickelt — durch eigenes inneres Erleben ganz sicher wissen können: Es gibt wiederholte Erdenleben. Dieses Wichtige wird sich im nächsten Zeitalter vollziehen, daß die Seelen übergehen werden von der jetzigen Ungewißheit über die wiederholten Erdenleben zu einem Wissen von ihnen. Wie gesagt, das Genauere haben wir das letzte Mal ins Auge gefaßt. Aber noch etwas möchte ich betonen. |
[ 4 ] Ich habe Sie darauf aufmerksam gemacht, daß ein wichtiger Zeitabschnitt der ist, welcher etwa mit dem 7. oder 8. Jahrhundert vor dem Mysterium von Golgatha beginnt. In den ersten Jahrhunderten dieses Zeitraumes haben durch die alten Hellsehergewohnheiten verhältnismäßig viele Seelen noch in ihre früheren Erdenleben zurückblicken können. Aber weil sie so zurückgeblickt haben, daß in dem damaligen Erdenleben die Empfindungsseele besonders ausgebildet war, haben die Seelen, indem sie zurückblickten, gesehen das Verhalten des Menschen in der äußeren Welt. Sie haben gewissermaßen ein anschauliches Bild davon bekommen, wie der Mensch in der äußeren Welt herumgegangen ist, was ihm in der äußeren Welt passiert ist. Dies allerdings werden die Seelen in der nächsten Zeit, von uns ab gerechnet, nicht haben können. Da wird der Rückblick mehr auf das Seelische gerichtet sein. Man wird weniger einen Einblick darin haben können, wie der Mensch im Raume herumgeht, was ihm im Raume geschieht und so weiter; man wird weniger einen bildhaft realen Inhalt im sinnlichen Sinne haben, sondern man wird mehr ein Zurückblicken auf ein Seelisches haben.
[ 4 ] Ich habe Sie darauf aufmerksam gemacht, daß ein wichtiger Zeitabschnitt der ist, welcher etwa mit dem 7. oder 8. Jahrhundert vor dem Mysterium von Golgatha beginnt. In den ersten Jahrhunderten dieses Zeitraumes haben durch die alten Hellsehergewohnheiten verhältnismäßig viele Seelen noch in ihre früheren Erdenleben zurückblicken können. Aber weil sie so zurückgeblickt haben, daß in dem damaligen Erdenleben die Empfindungsseele besonders ausgebildet war, haben die Seelen, indem sie zurückblickten, gesehen das Verhalten des Menschen in der äußeren Welt. Sie haben gewissermaßen ein anschauliches Bild davon bekommen, wie der Mensch in der äußeren Welt herumgegangen ist, was ihm in der äußeren Welt passiert ist. Dies allerdings werden die Seelen in der nächsten Zeit, von uns ab gerechnet, nicht haben können. Da wird der Rückblick mehr auf das Seelische gerichtet sein. Man wird weniger einen Einblick darin haben können, wie der Mensch im Raume herumgeht, was ihm im Raume geschieht und so weiter; man wird weniger einen bildhaft realen Inhalt im sinnlichen Sinne haben, sondern man wird mehr ein Zurückblicken auf ein Seelisches haben.
[ 5 ] Ich erwähne das noch einmal aus dem Grunde, weil Sie daraus sehen können, daß die Seelen in den aufeinanderfolgenden Erdenleben sehr, sehr verschieden erleben. Und da muß jedem eine Frage sich vor die Seele drängen, die Frage: Wie kommt es, daß die äußere Welt eigentlich die Meinung hat, wenn man so in frühere geschichtliche Zeiträume zurückblickt, so hat sich in bezug auf den Menschen eigentlich nichts so besonders geändert. — Nehmen wir die landläufigen Geschichtsdarstellungen — es sind ja auch einige von ihnen, nicht alle, gut gemeint —: Sie werden immer wieder und wieder finden, daß eigentlich zurückgegangen wird bis zu einem gewissen Zeitpunkt, bis zu dem die historischen Nachrichten und Dokumente gehen. Aber die Struktur der Menschenseele denkt man sich für alle diese Zeiten eigentlich gleich. Man denkt sich eine gewisse Entwickelung, aber die ist nicht so radikal gedacht, als sie gedacht werden muß im Sinne der Darstellung, die wir auf Grund der geisteswissenschaftlichen Ergebnisse machen können. Woher kommt das, daß man eigentlich kein rechtes Bewußtsein hat von der Umwandelung der Menschenseele? Diese Frage wird sich einem vor die Seele drängen.
[ 5 ] Ich erwähne das noch einmal aus dem Grunde, weil Sie daraus sehen können, daß die Seelen in den aufeinanderfolgenden Erdenleben sehr, sehr verschieden erleben. Und da muß jedem eine Frage sich vor die Seele drängen, die Frage: Wie kommt es, daß die äußere Welt eigentlich die Meinung hat, wenn man so in frühere geschichtliche Zeiträume zurückblickt, so hat sich in bezug auf den Menschen eigentlich nichts so besonders geändert. — Nehmen wir die landläufigen Geschichtsdarstellungen — es sind ja auch einige von ihnen, nicht alle, gut gemeint —: Sie werden immer wieder und wieder finden, daß eigentlich zurückgegangen wird bis zu einem gewissen Zeitpunkt, bis zu dem die historischen Nachrichten und Dokumente gehen. Aber die Struktur der Menschenseele denkt man sich für alle diese Zeiten eigentlich gleich. Man denkt sich eine gewisse Entwickelung, aber die ist nicht so radikal gedacht, als sie gedacht werden muß im Sinne der Darstellung, die wir auf Grund der geisteswissenschaftlichen Ergebnisse machen können. Woher kommt das, daß man eigentlich kein rechtes Bewußtsein hat von der Umwandelung der Menschenseele? Diese Frage wird sich einem vor die Seele drängen.
[ 6 ] Wenn man, aber jetzt mit geisteswissenschaftlichem Blick, die geschichtlichen Ereignisse betrachtet, so ist in der Tat, man möchte sagen, alles seit längerer Zeit so geschehen, daß im Grunde genommen der Mensch von der Selbsterkenntnis seiner Seele eher abgehalten worden ist, als daß er zu ihr hingeführt worden wäre. Wie die Menschenseele von Inkarnation zu Inkarnation sich verändert, man kann es eigentlich nur wirklich durchschauen, wenn Selbsterkenntnis, wirkliche Selbsterkenntnis Platz greift. Aber diese Selbsterkenntnis ist eigentlich durch die Ereignisse, die wir eben jetzt zu würdigen haben, gar sehr zurückgedrängt worden. Wir könnten signifikante Beispiele dafür aufzeigen, wie Selbsterkenntnis gerade in der neueren Geschichte der Menschheit zurückgedrängt worden ist. Eine gewisse Brüderschaft, die Sie alle kennen, die sich die Freimaurerbrüderschaft nennt, glaubt — und manche ihrer Mitbrüder wiederum gutmeinend — ganz gewiß, zur Selbsterkenntnis innerhalb ihrer Reihen die Menschen anzuhalten. Diese Brüderschaft hat verschiedene Symbole, denen man es ansieht, sobald man nur mit geisteswissenschaftlicher Erkenntnis an sie herantritt, daß sie tiefsinnige, bedeutsame Symbole sind, die eigentlich alle schon geeignet wären, zur menschlichen Selbsterkenntnis zu führen. Aber sie tun es nicht. Es ist sehr merkwürdig: Wenn man die offiziellen Geschichten, die aus freimaurerischen Kreisen, aus dem Freimaurertum hervorgegangen sind, liest, so wird von den Aufgeklärteren gemeint, daß man etwa nur bis ins 18., 17. Jahrhundert zurückzugehen habe, um das neuere Freimaurertum kennenzulernen. Aber was in den Symbolen der Freimaurerei liegt, das ist vom 17. Jahrhundert ab geradezu verhüllt worden, ist geradezu in etwas verwandelt worden, das man anschaut, das man mitmacht und demgegenüber man immer weniger Bedürfnis hat, es zu verstehen. Würde man sich dieser freimaurerischen Symbolik nähern mit Begabung für das Verständnis derselben, so würde dies schon einen Weg zur Selbsterkenntnis des Menschen geben. Denn alle diese Symbole sind dazu veranlagt. Aber die wirkliche Entwickelung des Freimaurertums hat einen andern Weg genommen: die Selbsterkenntnis zu verdecken, sie dadurch unmöglich zu machen, daß man sich bloß äußerlich auf die Symbolik einläßt. Und so könnte man eigentlich, vom Standpunkte der Wahrheit angesehen, sagen: Die Entwickelung des neueren Freimaurertums ist im Grunde genommen die Entwickelung einer Gemeinschaft zur Unverständlichmachung derjenigen Symbole, welche innerhalb dieser Gemeinschaft leben. — Es ist, wie wenn geradezu das Programm, unbewußt, herrschte, die Symbole unverständlich zu machen, weil gerade in dieser Zeit, über die man — bei den aufgeklärten, nicht bei den mystischen Freimaurern — die neuere Freimaurerei sich erstrecken läßt, die Angst vor der Selbsterkenntnis die Menschen im höchsten Maße ergriffen hat. Man redet viel von Selbsterkenntnis; man redet viel davon, daß der Mensch sein göttliches Selbst, sein höheres Selbst und so weiter suchen müsse. Aber das alles ist ja Gerede. Das alles ist eigentlich auch mehr dazu da, um den wirklichen Weg zur Selbsterkenntnis zu verrammeln, nicht ihn zu ebnen. Und wir müssen uns fragen: Woher kommt diese Abneigung, diese Angst vor einer ge‚wissen Selbsterkenntnis? Und da möchte ich heute zunächst einmal die Sache etwas äußerlicher betrachten.
[ 6 ] Wenn man, aber jetzt mit geisteswissenschaftlichem Blick, die geschichtlichen Ereignisse betrachtet, so ist in der Tat, man möchte sagen, alles seit längerer Zeit so geschehen, daß im Grunde genommen der Mensch von der Selbsterkenntnis seiner Seele eher abgehalten worden ist, als daß er zu ihr hingeführt worden wäre. Wie die Menschenseele von Inkarnation zu Inkarnation sich verändert, man kann es eigentlich nur wirklich durchschauen, wenn Selbsterkenntnis, wirkliche Selbsterkenntnis Platz greift. Aber diese Selbsterkenntnis ist eigentlich durch die Ereignisse, die wir eben jetzt zu würdigen haben, gar sehr zurückgedrängt worden. Wir könnten signifikante Beispiele dafür aufzeigen, wie Selbsterkenntnis gerade in der neueren Geschichte der Menschheit zurückgedrängt worden ist. Eine gewisse Brüderschaft, die Sie alle kennen, die sich die Freimaurerbrüderschaft nennt, glaubt — und manche ihrer Mitbrüder wiederum gutmeinend — ganz gewiß, zur Selbsterkenntnis innerhalb ihrer Reihen die Menschen anzuhalten. Diese Brüderschaft hat verschiedene Symbole, denen man es ansieht, sobald man nur mit geisteswissenschaftlicher Erkenntnis an sie herantritt, daß sie tiefsinnige, bedeutsame Symbole sind, die eigentlich alle schon geeignet wären, zur menschlichen Selbsterkenntnis zu führen. Aber sie tun es nicht. Es ist sehr merkwürdig: Wenn man die offiziellen Geschichten, die aus freimaurerischen Kreisen, aus dem Freimaurertum hervorgegangen sind, liest, so wird von den Aufgeklärteren gemeint, daß man etwa nur bis ins 18., 17. Jahrhundert zurückzugehen habe, um das neuere Freimaurertum kennenzulernen. Aber was in den Symbolen der Freimaurerei liegt, das ist vom 17. Jahrhundert ab geradezu verhüllt worden, ist geradezu in etwas verwandelt worden, das man anschaut, das man mitmacht und demgegenüber man immer weniger Bedürfnis hat, es zu verstehen. Würde man sich dieser freimaurerischen Symbolik nähern mit Begabung für das Verständnis derselben, so würde dies schon einen Weg zur Selbsterkenntnis des Menschen geben. Denn alle diese Symbole sind dazu veranlagt. Aber die wirkliche Entwickelung des Freimaurertums hat einen andern Weg genommen: die Selbsterkenntnis zu verdecken, sie dadurch unmöglich zu machen, daß man sich bloß äußerlich auf die Symbolik einläßt. Und so könnte man eigentlich, vom Standpunkte der Wahrheit angesehen, sagen: Die Entwickelung des neueren Freimaurertums ist im Grunde genommen die Entwickelung einer Gemeinschaft zur Unverständlichmachung derjenigen Symbole, welche innerhalb dieser Gemeinschaft leben. — Es ist, wie wenn geradezu das Programm, unbewußt, herrschte, die Symbole unverständlich zu machen, weil gerade in dieser Zeit, über die man — bei den aufgeklärten, nicht bei den mystischen Freimaurern — die neuere Freimaurerei sich erstrecken läßt, die Angst vor der Selbsterkenntnis die Menschen im höchsten Maße ergriffen hat. Man redet viel von Selbsterkenntnis; man redet viel davon, daß der Mensch sein göttliches Selbst, sein höheres Selbst und so weiter suchen müsse. Aber das alles ist ja Gerede. Das alles ist eigentlich auch mehr dazu da, um den wirklichen Weg zur Selbsterkenntnis zu verrammeln, nicht ihn zu ebnen. Und wir müssen uns fragen: Woher kommt diese Abneigung, diese Angst vor einer ge‚wissen Selbsterkenntnis? Und da möchte ich heute zunächst einmal die Sache etwas äußerlicher betrachten.
[ 7 ] Wir sehen ja, daß es nicht bloß auf diesem einen Gebiete so ist, auf dem Gebiete der Freimaurerei, sondern wir sehen dieses auch in der ganzen Breite der neueren Kultur in einer ganz merkwürdigen Weise vorhanden. Wir sehen, wie diese neuere Kultur — namentlich in der Ausbreitung des Christentums — eigentlich den Weg des Verdeckens, des Vertuschens der Selbsterkenntnis geht. Und das ist ein außerordentlich interessanter, ein außerordentlich bedeutungsvoller Weg. Wenige Menschen nehmen sich heute die Mühe, einmal bessere Schilderungen, die aus weiter auseinanderliegenden Jahrhunderten genommen sind, wirklich zu vergleichen, und noch weniger Menschen denken darüber nach, wie eigentlich die Dinge sich verhalten, die da vor ihre Seele treten. Es ist ja ein noch nicht vielsagendes, aber immerhin nicht uninteressantes seelisches Experiment, das Sie machen können, wenn. Sie eine solche Schrift nehmen wie «Das Leben Michelangelos» von Herman Grimm. Es ist eine Schrift eigentlich mehr über das Zeitalter des Michelangelo, eine Schrift, die über die Zeit handelt, aus der er herausgewachsen ist. Versuchen Sie aber auf Grundlage dieser Schrift sich vorzustellen, wie die Welt um Sie herum sein würde, wenn Sie spazieren gingen in der Welt, welche Herman Grimm als diejenige Michelangelos schildert; und versuchen Sie, diese Welt zu vergleichen mit derjenigen, die Sie jetzt erleben: Der Unterschied ist ein ganz ungeheurer! Aber das will noch nicht viel besagen, denn die Jahrhunderte, auf die wir da den Blick richten, liegen nicht sehr weit auseinander. Etwas anderes aber kommt schon heraus, wenn man wirklich nun sinnig den Blick richtet auf das Zeitalter mit seinen Vorbereitungen und seinen Nachwirkungen, wo sich der große Umschwung in der neueren Zeit vollzogen hat. Wenn wir auf die drei großen Zeiträume zurückblicken, die sich uns aus der Geisteswissenschaft heraus zunächst für unseren jetzigen Erdenzyklus darstellen, so schließt der dritte Zeitraum etwa mit dem 7. oder 8. vorchristlichen Jahrhundert, und der vierte Zeitabschnitt schließt mit dem Beginn des 15. Jahrhunderts unserer Zeitrechnung. Da, mit dem Beginn des 15. Jahrhunderts, ist ein uns nicht sehr weit abliegender, wichtiger, bedeutungsvoller Umschwung im Seelenleben der Kulturmenschheit doch schon vorhanden. Man stellt ihn nur gewöhnlich geschichtlich kaum dar. Man fragt sich: Warum stellt man ihn nicht dar? Es ist eben im Grunde genommen auch darin die Angst vor einer Selbsterkenntnis und auch vor einer Erkenntnis des menschlichen Seelenlebens vorhanden. Sie würden zum Beispiel Interessantes erleben, wenn Sie Beschreibungen lesen würden über eine solche Persönlichkeit wie die des heiligen Bernhard von Clairvaux. Bernhard, die vielleicht bedeutsamste Persönlichkeit des 12. Jahrhunderts etwa, die bedeutsamste Persönlichkeit desjenigen Zeitalters, mit dem der vierte nachatlantische Kulturzeitraum seinem Ende zugeht, diese Persönlichkeit weist eine Seelenstruktur auf, wie sie später, nach dem 15. Jahrhundert, in Europa überhaupt nicht mehr möglich ist. Wie es in der Seele eines solchen Menschen ausgesehen hat, das ist sogar für die heutigen Menschen außerordentlich schwierig zu schildern, weil eigentlich alle Vorbedingungen dazu fehlen, um zu Vorstellungen zu kommen, wie es in einer solchen Seele ausgesehen hat. Aber ich rate Ihnen an, Lebensbeschreibungen des heiligen Bernhard zu lesen aus dem Grunde, weil Sie daraus ersehen können, was die andern Menschen für Eindrücke am Seelenleben des heiligen Bernhard gehabt haben. Wenn man diese Lebensbeschreibungen liest, sagt man sich: Was sind dagegen eigentlich die Wunderberichte der Evangelien? Die paar Kranken, nach den Evangelien gesprochen, die der Christus . Jesus selbst — immer nach den Evangelien gesprochen — geheilt hat, das ist eine Kleinigkeit gegen die ungeheuer breite Schilderung der Wundertätigkeit des heiligen Bernhard, fast zwölf Jahrhunderte darnach! Die Zahl derjenigen Menschen, von denen gesagt wird, daß er sie als Blinde sehend, als Lahme gehend gemacht hat, sie läßt sich gar nicht vergleichen mit den Zahlen, die man herausbekommt, wenn man die ähnlichen Berichte der Evangelien nachrechnet. Die Beschreibung der Eindrücke der Predigten des heiligen Bernhard ist eine solche, daß man fühlt: Wenn er irgendwo gesprochen hat, dann war das, was er gesprochen hat, wie die Ausbreitung einer weithin intensiv wirkenden geistigen Aura. Eine Realität lebte in den Worten dieses Mannes, von der man sich jetzt keine Vorstellung mehr macht. Wollte man alles schildern, was für den Eindruck bezeichnend ist, den diese Persönlichkeit auch dazumal noch gemacht hat, so würde man natürlich heute auf ungläubige Menschen stoßen müssen, weil gar keine Möglichkeit vorhanden ist, um aus dem, was heute geschieht, sich Vorstellungen über die Anschauung zu machen, die man damals von einer solchen Persönlichkeit gehabt hat, wie es der heilige Bernhard war. Nun, auf die innere Struktur seiner Seele einzugehen, das ist, wie gesagt, heute aus dem Grunde schwierig, weil — auch in diesem Kreise — die Vorbedingungen dazu fehlen. Aber auf eines darf ich doch hinweisen.
[ 7 ] Wir sehen ja, daß es nicht bloß auf diesem einen Gebiete so ist, auf dem Gebiete der Freimaurerei, sondern wir sehen dieses auch in der ganzen Breite der neueren Kultur in einer ganz merkwürdigen Weise vorhanden. Wir sehen, wie diese neuere Kultur — namentlich in der Ausbreitung des Christentums — eigentlich den Weg des Verdeckens, des Vertuschens der Selbsterkenntnis geht. Und das ist ein außerordentlich interessanter, ein außerordentlich bedeutungsvoller Weg. Wenige Menschen nehmen sich heute die Mühe, einmal bessere Schilderungen, die aus weiter auseinanderliegenden Jahrhunderten genommen sind, wirklich zu vergleichen, und noch weniger Menschen denken darüber nach, wie eigentlich die Dinge sich verhalten, die da vor ihre Seele treten. Es ist ja ein noch nicht vielsagendes, aber immerhin nicht uninteressantes seelisches Experiment, das Sie machen können, wenn. Sie eine solche Schrift nehmen wie «Das Leben Michelangelos» von Herman Grimm. Es ist eine Schrift eigentlich mehr über das Zeitalter des Michelangelo, eine Schrift, die über die Zeit handelt, aus der er herausgewachsen ist. Versuchen Sie aber auf Grundlage dieser Schrift sich vorzustellen, wie die Welt um Sie herum sein würde, wenn Sie spazieren gingen in der Welt, welche Herman Grimm als diejenige Michelangelos schildert; und versuchen Sie, diese Welt zu vergleichen mit derjenigen, die Sie jetzt erleben: Der Unterschied ist ein ganz ungeheurer! Aber das will noch nicht viel besagen, denn die Jahrhunderte, auf die wir da den Blick richten, liegen nicht sehr weit auseinander. Etwas anderes aber kommt schon heraus, wenn man wirklich nun sinnig den Blick richtet auf das Zeitalter mit seinen Vorbereitungen und seinen Nachwirkungen, wo sich der große Umschwung in der neueren Zeit vollzogen hat. Wenn wir auf die drei großen Zeiträume zurückblicken, die sich uns aus der Geisteswissenschaft heraus zunächst für unseren jetzigen Erdenzyklus darstellen, so schließt der dritte Zeitraum etwa mit dem 7. oder 8. vorchristlichen Jahrhundert, und der vierte Zeitabschnitt schließt mit dem Beginn des 15. Jahrhunderts unserer Zeitrechnung. Da, mit dem Beginn des 15. Jahrhunderts, ist ein uns nicht sehr weit abliegender, wichtiger, bedeutungsvoller Umschwung im Seelenleben der Kulturmenschheit doch schon vorhanden. Man stellt ihn nur gewöhnlich geschichtlich kaum dar. Man fragt sich: Warum stellt man ihn nicht dar? Es ist eben im Grunde genommen auch darin die Angst vor einer Selbsterkenntnis und auch vor einer Erkenntnis des menschlichen Seelenlebens vorhanden. Sie würden zum Beispiel Interessantes erleben, wenn Sie Beschreibungen lesen würden über eine solche Persönlichkeit wie die des heiligen Bernhard von Clairvaux. Bernhard, die vielleicht bedeutsamste Persönlichkeit des 12. Jahrhunderts etwa, die bedeutsamste Persönlichkeit desjenigen Zeitalters, mit dem der vierte nachatlantische Kulturzeitraum seinem Ende zugeht, diese Persönlichkeit weist eine Seelenstruktur auf, wie sie später, nach dem 15. Jahrhundert, in Europa überhaupt nicht mehr möglich ist. Wie es in der Seele eines solchen Menschen ausgesehen hat, das ist sogar für die heutigen Menschen außerordentlich schwierig zu schildern, weil eigentlich alle Vorbedingungen dazu fehlen, um zu Vorstellungen zu kommen, wie es in einer solchen Seele ausgesehen hat. Aber ich rate Ihnen an, Lebensbeschreibungen des heiligen Bernhard zu lesen aus dem Grunde, weil Sie daraus ersehen können, was die andern Menschen für Eindrücke am Seelenleben des heiligen Bernhard gehabt haben. Wenn man diese Lebensbeschreibungen liest, sagt man sich: Was sind dagegen eigentlich die Wunderberichte der Evangelien? Die paar Kranken, nach den Evangelien gesprochen, die der Christus . Jesus selbst — immer nach den Evangelien gesprochen — geheilt hat, das ist eine Kleinigkeit gegen die ungeheuer breite Schilderung der Wundertätigkeit des heiligen Bernhard, fast zwölf Jahrhunderte darnach! Die Zahl derjenigen Menschen, von denen gesagt wird, daß er sie als Blinde sehend, als Lahme gehend gemacht hat, sie läßt sich gar nicht vergleichen mit den Zahlen, die man herausbekommt, wenn man die ähnlichen Berichte der Evangelien nachrechnet. Die Beschreibung der Eindrücke der Predigten des heiligen Bernhard ist eine solche, daß man fühlt: Wenn er irgendwo gesprochen hat, dann war das, was er gesprochen hat, wie die Ausbreitung einer weithin intensiv wirkenden geistigen Aura. Eine Realität lebte in den Worten dieses Mannes, von der man sich jetzt keine Vorstellung mehr macht. Wollte man alles schildern, was für den Eindruck bezeichnend ist, den diese Persönlichkeit auch dazumal noch gemacht hat, so würde man natürlich heute auf ungläubige Menschen stoßen müssen, weil gar keine Möglichkeit vorhanden ist, um aus dem, was heute geschieht, sich Vorstellungen über die Anschauung zu machen, die man damals von einer solchen Persönlichkeit gehabt hat, wie es der heilige Bernhard war. Nun, auf die innere Struktur seiner Seele einzugehen, das ist, wie gesagt, heute aus dem Grunde schwierig, weil — auch in diesem Kreise — die Vorbedingungen dazu fehlen. Aber auf eines darf ich doch hinweisen.
[ 8 ] In dieser Persönlichkeit lebte eine ungeheure Hingabe an die geistige Welt, ein absolutes Aufgehen in der geistigen Welt. Heute erscheint es den Menschen ganz selbstverständlich, daß, wenn man sich irgend etwas vornimmt, es dann ausführen will — und es geht nicht, so wird einem zweifelhaft, ob das Vorgenommene richtig war. Eine solche Persönlichkeit, wie der heilige Bernhard, wird nie zweifelhaft; denn das, was er irgendwie sich vorgenommen oder andern geraten hat, das hat er immer zuvor mit seinem Gotte in den geistigen Welten beraten. Und selbst bei solchen Fehlschlägen wie die, welche er bei den Kreuzzügen erlebt hat, wo alles, was er geraten hat, fehlgeschlagen ist, wird er keinen Augenblick irre, daß doch seine Gedanken absolut richtig waren, und daß die Diskrepanz zwischen dem, was in der Wirklichkeit der äußeren Sinneswelt geschehen ist, und dem, was er gedacht hat unter dem Einfluß der geistigen Welt, sich schon auf eine, irgendeine Weise rechtfertigen lassen wird, sich schon aufklären wird. Aber indem man eine solche Persönlichkeit herausgreift, sagt man eigentlich über einen einzelnen — allerdings Hervorragenden — dies, was da gesagt werden kann. Aber es ist das keineswegs etwas, was auf den einzelnen beschränkt ist, es ist die Signatur des ganzen Zeitalters. Es ist die Signatur des Zeitalters in Europa, wie es etwa im 3., 4. nachchristlichen Jahrhundert beginnt und bis zum 13., 14., 15. Jahrhundert andauert. Natürlich bereitet sich innerhalb dieses Zeitalters auch etwas anderes vor. Aber was sich als anderes vorbereitet, das kommt doch als die Zeit tief beeinflussend, der Zeit das Gepräge aufdrückend, erst nach dem 14., 15. Jahrhundert zum Ausdruck. Es ist die Zeit vom 3. bis 15. Jahrhundert diejenige der sich immer weiter und weiter konsolidierenden Glaubenskraft, die Zeit, in der unter dem Eindruck dieser Glaubenskraft eben die Ereignisse der Zeit unternommen werden, — Bitte, auch gerade, indem ich dieses Kapitel bespreche, auf etwas Rücksicht zu nehmen, das ich eigentlich bei diesen Vorträgen immer fordere, aber das an solchen Stellen ganz besonders wichtig ist: Ich wähle die Worte so, daß sie nicht durch andere ersetzt werden können. In dem Augenblick, wo man die wohlgewählten Worte durch andere ersetzen wollte, schildert man nicht mehr geschichtlich richtig. Wer also das, was ich eben gesagt habe: Es war das Zeitalter der sich konsolidierenden Glaubenskraft —, ersetzen würde durch den Satz: Es war das Zeitalter der sich konsolidierenden Frömmigkeit —, der würde etwas ganz Falsches darstellen. Das meine ich durchaus nicht. Glaubenskraft war es, wie ich es bei Bernhard charakterisiert habe. Bernhard ist gewiß auch ein frommer Mann. Aber fromm kann man auch sein als persönlicher Charakter. Was aber damals in den Ereignissen gewirkt und gelebt hat in den Jahrhunderten, von denen ich gesprochen habe, das steht unter dem Einflusse der Glaubenskraft. Glaubenskraft ist ja in jedem Zeitalter vorhanden. Aber nicht für das Historische ist in jedem Zeitalter die Glaubenskraft maßgebend. Es wird auch unser jetziges Zeitalter wiederum von einem solchen ‚abgelöst werden, in dem die Glaubenskraft wieder, vorübergehend, sporadisch, eine bedeutende Rolle spielen wird. In der Gegenwart aber ist das noch nicht der Fall. Es wird zum Beispiel der Aberglaube in die materialistische Medizin in der Zukunft groteske Formen annehmen. Die Glaubenskraft wird da schon eine große Rolle noch spielen, aber gegenwärtig ist es noch nicht so weit. Gegenwärtig ist es mehr ein Dämmern, ein Schlafen der Menschheit, was für die historischen Ereignisse eine ganz bedeutsame, eine große Rolle spielt. Nun kann man die Frage aufwerfen: Wie kommt es eigentlich, daß diese Glaubenskraft in Europa ein so bedeutsamer geschichtlicher Impuls wird, der Impuls, der eigentlich am bedeutsamsten dasjenige einleitet, was dann im 15. Jahrhundert heraufkommt als der fünfte nachatlantische Kulturzeitraum, in dem wir jetzt leben?
[ 8 ] In dieser Persönlichkeit lebte eine ungeheure Hingabe an die geistige Welt, ein absolutes Aufgehen in der geistigen Welt. Heute erscheint es den Menschen ganz selbstverständlich, daß, wenn man sich irgend etwas vornimmt, es dann ausführen will — und es geht nicht, so wird einem zweifelhaft, ob das Vorgenommene richtig war. Eine solche Persönlichkeit, wie der heilige Bernhard, wird nie zweifelhaft; denn das, was er irgendwie sich vorgenommen oder andern geraten hat, das hat er immer zuvor mit seinem Gotte in den geistigen Welten beraten. Und selbst bei solchen Fehlschlägen wie die, welche er bei den Kreuzzügen erlebt hat, wo alles, was er geraten hat, fehlgeschlagen ist, wird er keinen Augenblick irre, daß doch seine Gedanken absolut richtig waren, und daß die Diskrepanz zwischen dem, was in der Wirklichkeit der äußeren Sinneswelt geschehen ist, und dem, was er gedacht hat unter dem Einfluß der geistigen Welt, sich schon auf eine, irgendeine Weise rechtfertigen lassen wird, sich schon aufklären wird. Aber indem man eine solche Persönlichkeit herausgreift, sagt man eigentlich über einen einzelnen — allerdings Hervorragenden — dies, was da gesagt werden kann. Aber es ist das keineswegs etwas, was auf den einzelnen beschränkt ist, es ist die Signatur des ganzen Zeitalters. Es ist die Signatur des Zeitalters in Europa, wie es etwa im 3., 4. nachchristlichen Jahrhundert beginnt und bis zum 13., 14., 15. Jahrhundert andauert. Natürlich bereitet sich innerhalb dieses Zeitalters auch etwas anderes vor. Aber was sich als anderes vorbereitet, das kommt doch als die Zeit tief beeinflussend, der Zeit das Gepräge aufdrückend, erst nach dem 14., 15. Jahrhundert zum Ausdruck. Es ist die Zeit vom 3. bis 15. Jahrhundert diejenige der sich immer weiter und weiter konsolidierenden Glaubenskraft, die Zeit, in der unter dem Eindruck dieser Glaubenskraft eben die Ereignisse der Zeit unternommen werden, — Bitte, auch gerade, indem ich dieses Kapitel bespreche, auf etwas Rücksicht zu nehmen, das ich eigentlich bei diesen Vorträgen immer fordere, aber das an solchen Stellen ganz besonders wichtig ist: Ich wähle die Worte so, daß sie nicht durch andere ersetzt werden können. In dem Augenblick, wo man die wohlgewählten Worte durch andere ersetzen wollte, schildert man nicht mehr geschichtlich richtig. Wer also das, was ich eben gesagt habe: Es war das Zeitalter der sich konsolidierenden Glaubenskraft —, ersetzen würde durch den Satz: Es war das Zeitalter der sich konsolidierenden Frömmigkeit —, der würde etwas ganz Falsches darstellen. Das meine ich durchaus nicht. Glaubenskraft war es, wie ich es bei Bernhard charakterisiert habe. Bernhard ist gewiß auch ein frommer Mann. Aber fromm kann man auch sein als persönlicher Charakter. Was aber damals in den Ereignissen gewirkt und gelebt hat in den Jahrhunderten, von denen ich gesprochen habe, das steht unter dem Einflusse der Glaubenskraft. Glaubenskraft ist ja in jedem Zeitalter vorhanden. Aber nicht für das Historische ist in jedem Zeitalter die Glaubenskraft maßgebend. Es wird auch unser jetziges Zeitalter wiederum von einem solchen ‚abgelöst werden, in dem die Glaubenskraft wieder, vorübergehend, sporadisch, eine bedeutende Rolle spielen wird. In der Gegenwart aber ist das noch nicht der Fall. Es wird zum Beispiel der Aberglaube in die materialistische Medizin in der Zukunft groteske Formen annehmen. Die Glaubenskraft wird da schon eine große Rolle noch spielen, aber gegenwärtig ist es noch nicht so weit. Gegenwärtig ist es mehr ein Dämmern, ein Schlafen der Menschheit, was für die historischen Ereignisse eine ganz bedeutsame, eine große Rolle spielt. Nun kann man die Frage aufwerfen: Wie kommt es eigentlich, daß diese Glaubenskraft in Europa ein so bedeutsamer geschichtlicher Impuls wird, der Impuls, der eigentlich am bedeutsamsten dasjenige einleitet, was dann im 15. Jahrhundert heraufkommt als der fünfte nachatlantische Kulturzeitraum, in dem wir jetzt leben?
[ 9 ] Zunächst ist es etwas scheinbar recht Äußerliches, was die Grundlage geliefert hat für das Heraufkommen der Glaubenskraft, das ist das, was im wesentlichen bedingt hat den Untergang des Römischen Reiches. Was vom 3.,4. nachchristlichen Jahrhundert bis zum 15. Jahrhundert herrschende geschichtliche Impulse sind, setzt sich an die Stelle desjenigen, was die Impulse des Römischen Reiches waren. Es gibt natürlich eine ganze Anzahl von Impulsen, die den Untergang des Römischen Reiches herbeigeführt haben, aber ein ganz wesentlicher ist der, daß durch den Gang der römischen Geschichte allmählich das Geld abgeflossen war nach dem Orient. Mit der Ausbreitung des Römischen Reiches mußten die Legionen immer mehr und mehr an den Rand des großen Reiches geschoben werden; man mußte den Sold den Leuten immer mehr und mehr in Geld auszahlen, nicht in Naturalien, wie es möglich war, solange das Römische Reich enger war. Dadurch aber hat sich mit dem sich ausbreitenden Reiche der Geldreichtum nach und nach wirklich nach dem Orient verschoben, und ein wesentliches Kennzeichen Europas in den Jahrhunderten, namentlich in der ersten Zeit dieser Jahrhunderte, vom 3., 4. an, ist seine Geldarmut, namentlich seine Armut an Metallgeld. Damit hängen manche andere Dinge zusammen, und es ist wichtig, daß man sich über diese Dinge nicht in mystische Schwärmereien ergeht, sondern daß man sich den gesunden Blick für die Wirklichkeit schon bewahrt. Die «Goldmacherkunst», die Alchimie, ist zum Teil in Europa dadurch bedingt, daß das Gold nach dem Orient abgeflossen war, und man dachte, man könnte es machen, könnte es schaffen, man könnte sich wieder reich machen. Hinter der Alchimie, wie sie sich in den ersten Jahrhunderten des Mittelalters herausbildet, steckt vielfach als Grund die Verarmung an Geld, die durch die Ausbreitung des Römischen Reiches gekommen ist. — Damit hängt wieder zusammen, daß in diesen Jahrhunderten in das verarmte Römische Reich die Völkerschaften hereinrückten, die vom Norden kamen, die heidnische Anschauungen, heidnische Kultur, heidnische Empfindungen hatten, die wenig verstanden von jener sozialen Struktur, die im Römischen Reich allmählich immer mächtiger geworden war gerade unter dem Einfluß des Geldes. Die Römer haben das als recht unbehaglich empfunden, nachdem ihnen das Geld nach dem Orient abgeflossen war. Die nachrückenden germanischen Völker haben sich dabei recht wohl befunden.
[ 9 ] Zunächst ist es etwas scheinbar recht Äußerliches, was die Grundlage geliefert hat für das Heraufkommen der Glaubenskraft, das ist das, was im wesentlichen bedingt hat den Untergang des Römischen Reiches. Was vom 3.,4. nachchristlichen Jahrhundert bis zum 15. Jahrhundert herrschende geschichtliche Impulse sind, setzt sich an die Stelle desjenigen, was die Impulse des Römischen Reiches waren. Es gibt natürlich eine ganze Anzahl von Impulsen, die den Untergang des Römischen Reiches herbeigeführt haben, aber ein ganz wesentlicher ist der, daß durch den Gang der römischen Geschichte allmählich das Geld abgeflossen war nach dem Orient. Mit der Ausbreitung des Römischen Reiches mußten die Legionen immer mehr und mehr an den Rand des großen Reiches geschoben werden; man mußte den Sold den Leuten immer mehr und mehr in Geld auszahlen, nicht in Naturalien, wie es möglich war, solange das Römische Reich enger war. Dadurch aber hat sich mit dem sich ausbreitenden Reiche der Geldreichtum nach und nach wirklich nach dem Orient verschoben, und ein wesentliches Kennzeichen Europas in den Jahrhunderten, namentlich in der ersten Zeit dieser Jahrhunderte, vom 3., 4. an, ist seine Geldarmut, namentlich seine Armut an Metallgeld. Damit hängen manche andere Dinge zusammen, und es ist wichtig, daß man sich über diese Dinge nicht in mystische Schwärmereien ergeht, sondern daß man sich den gesunden Blick für die Wirklichkeit schon bewahrt. Die «Goldmacherkunst», die Alchimie, ist zum Teil in Europa dadurch bedingt, daß das Gold nach dem Orient abgeflossen war, und man dachte, man könnte es machen, könnte es schaffen, man könnte sich wieder reich machen. Hinter der Alchimie, wie sie sich in den ersten Jahrhunderten des Mittelalters herausbildet, steckt vielfach als Grund die Verarmung an Geld, die durch die Ausbreitung des Römischen Reiches gekommen ist. — Damit hängt wieder zusammen, daß in diesen Jahrhunderten in das verarmte Römische Reich die Völkerschaften hereinrückten, die vom Norden kamen, die heidnische Anschauungen, heidnische Kultur, heidnische Empfindungen hatten, die wenig verstanden von jener sozialen Struktur, die im Römischen Reich allmählich immer mächtiger geworden war gerade unter dem Einfluß des Geldes. Die Römer haben das als recht unbehaglich empfunden, nachdem ihnen das Geld nach dem Orient abgeflossen war. Die nachrückenden germanischen Völker haben sich dabei recht wohl befunden.
[ 10 ] In diese Stimmung des Römischen Reiches hinein fällt die Ausbreitung des Christentums. Man stellt es heute nicht mehr dar, aber es ist so, daß auf den Wellen des sich ausbreitenden Christentums in den ersten Zeiten durchaus eine tiefsinnige Geistesanschauung lebte. Es ist ja heute geradezu eine heillose Angst, besonders in theologischen Kreisen, vor der sogenannten Gnosis vorhanden. Vielfach, wenn man frägt, warum denn die Menschen unsere Geisteswissenschaft, namentlich in theologischen Kreisen, nicht mögen, sie sogar fürchten, so bekommt man vielfach die Antwort, diese Geisteswissenschaft könnte zu einer Erneuerung der Gnosis führen. Und das ist schon ein Grund, die Sache abzulehnen. Gnosis ist ja nichts anderes — natürlich muß sie in unserem heutigen Zeitalter anders auftreten, als sie in den ersten Jahrhunderten des Christentums aufgetreten ist — als ein positives Wissen über die geistige Welt, die Fähigkeit des Menschen, Einblicke in die geistigen Welten zu gewinnen, so wie man durch die Sinne Einblicke gewinnt in die physischen Welten. Man kann heute Leuten begegnen, die sich lustig machen über die Streitigkeiten, die es einmal darüber gegeben hat, ob der Geist vom Vater oder vom Sohne ausgeht oder irgendwie anders zusammenhängt mit Vater und Sohn. Mit solchen Begriffen verbinden die Leute heute gar keine Vorstellung mehr. Dazumal hatte man schon Vorstellungen damit verknüpft. Wer mit wirklicher Kenntnis die Geschichte der ersten christlichen Jahrhunderte schreiben würde, der würde sehen, daß in dieser Dogmenentstehung schon Geist steckt, nur findet man ihn heute nicht mehr. Es war auf den Wellen des sich ausbreitenden Christentums schon eine tief bedeutsame Geistesanschauung vorhanden, und man kann verfolgen, wie diese Geistesanschauung in dem sich ausbreitenden Christentum bis ins 9. Jahrhundert hineinragt. Studiert man in den Einzelheiten dieses sich ausbreitende Christentum, so findet man, daß die spätere Ansicht, wonach die religiöse Anschauung sich darauf beschränken solle, von Glaubenskraft sich zu durchdringen und möglichst wenig auf Einzelheiten der geistigen Welt sich einzulassen, dadurch entstanden ist, daß man mit einem gewissen richtigen Blick die Völkerschaften angeschaut hat, aus denen sich das neue Europa herausbilden sollte. Es waren heidnische Völkerschaften, Völkerschaften aber auch, die im Denken, in der Verbindung und in der Ausbildung von Begriffen, die in die geistige Welt hineinführen, es nicht sehr weit gebracht haben;.es waren starke, kräftige, elementarisch gesunde Menschen, aber nicht gerade Menschen, deren geistige Veranlagung dahin ging, sich sehr konkrete Vorstellungen über irgend etwas Geistiges zu machen.
[ 10 ] In diese Stimmung des Römischen Reiches hinein fällt die Ausbreitung des Christentums. Man stellt es heute nicht mehr dar, aber es ist so, daß auf den Wellen des sich ausbreitenden Christentums in den ersten Zeiten durchaus eine tiefsinnige Geistesanschauung lebte. Es ist ja heute geradezu eine heillose Angst, besonders in theologischen Kreisen, vor der sogenannten Gnosis vorhanden. Vielfach, wenn man frägt, warum denn die Menschen unsere Geisteswissenschaft, namentlich in theologischen Kreisen, nicht mögen, sie sogar fürchten, so bekommt man vielfach die Antwort, diese Geisteswissenschaft könnte zu einer Erneuerung der Gnosis führen. Und das ist schon ein Grund, die Sache abzulehnen. Gnosis ist ja nichts anderes — natürlich muß sie in unserem heutigen Zeitalter anders auftreten, als sie in den ersten Jahrhunderten des Christentums aufgetreten ist — als ein positives Wissen über die geistige Welt, die Fähigkeit des Menschen, Einblicke in die geistigen Welten zu gewinnen, so wie man durch die Sinne Einblicke gewinnt in die physischen Welten. Man kann heute Leuten begegnen, die sich lustig machen über die Streitigkeiten, die es einmal darüber gegeben hat, ob der Geist vom Vater oder vom Sohne ausgeht oder irgendwie anders zusammenhängt mit Vater und Sohn. Mit solchen Begriffen verbinden die Leute heute gar keine Vorstellung mehr. Dazumal hatte man schon Vorstellungen damit verknüpft. Wer mit wirklicher Kenntnis die Geschichte der ersten christlichen Jahrhunderte schreiben würde, der würde sehen, daß in dieser Dogmenentstehung schon Geist steckt, nur findet man ihn heute nicht mehr. Es war auf den Wellen des sich ausbreitenden Christentums schon eine tief bedeutsame Geistesanschauung vorhanden, und man kann verfolgen, wie diese Geistesanschauung in dem sich ausbreitenden Christentum bis ins 9. Jahrhundert hineinragt. Studiert man in den Einzelheiten dieses sich ausbreitende Christentum, so findet man, daß die spätere Ansicht, wonach die religiöse Anschauung sich darauf beschränken solle, von Glaubenskraft sich zu durchdringen und möglichst wenig auf Einzelheiten der geistigen Welt sich einzulassen, dadurch entstanden ist, daß man mit einem gewissen richtigen Blick die Völkerschaften angeschaut hat, aus denen sich das neue Europa herausbilden sollte. Es waren heidnische Völkerschaften, Völkerschaften aber auch, die im Denken, in der Verbindung und in der Ausbildung von Begriffen, die in die geistige Welt hineinführen, es nicht sehr weit gebracht haben;.es waren starke, kräftige, elementarisch gesunde Menschen, aber nicht gerade Menschen, deren geistige Veranlagung dahin ging, sich sehr konkrete Vorstellungen über irgend etwas Geistiges zu machen.
[ 11 ] So hat man denn, um das Christentum zur Ausbreitung zu bringen, sich diesen Völkerschaften angepaßt. Man wandte sich mehr, weil diese Leute weniger denken konnten, an das Gemüt, wie man sagt, an die Glaubenskraft. So sieht man, wie im 10. Jahrhundert eigentlich schon alles Geistesschauerische aus dem Christentum mehr oder weniger verschwunden ist, aber alles hat sich zusammengedrängt in die Glaubenskraft. Und das, was man anschaute in der Glaubenskraft, was man neben sich zu haben meinte in der Glaubenskraft, das war Seeleninhalt für die Menschen allmählich geworden. Die Seelen lebten schon anders, als sie jetzt leben. Man muß sich vorstellen, was eine solche Seele damals bei einer Legende erlebte. Ich will nur eine einfache Legende erzählen, die aber überall damals verbreitet wurde, die sinnig ist. Sie lautet so: Der heilige Bernhard ritt einmal auf einem Esel. Er hatte einen Mönch bei sich. Dieser Mönch litt, wie man heute sagen würde, an Epilepsie. Er fiel immer um. Das sah gerade der heilige Bernhard, als dieser Mönch ihn begleitete und ihm den Esel führte. Da wandte er sich an seinen Gott, daß dieser Mönch fortan niemals den epileptischen Anfall erhalten solle, ohne daß er es vorher wisse. Und die Legende erzählt weiter, der Mönch lebte noch zwanzig Jahre, und jedesmal, wenn er wieder einen Anfall bekam, wußte er es vorher; er konnte sich ins Bett legen und zerschlug sich nicht die Glieder, wenn er wieder umfallen wollte.
[ 11 ] So hat man denn, um das Christentum zur Ausbreitung zu bringen, sich diesen Völkerschaften angepaßt. Man wandte sich mehr, weil diese Leute weniger denken konnten, an das Gemüt, wie man sagt, an die Glaubenskraft. So sieht man, wie im 10. Jahrhundert eigentlich schon alles Geistesschauerische aus dem Christentum mehr oder weniger verschwunden ist, aber alles hat sich zusammengedrängt in die Glaubenskraft. Und das, was man anschaute in der Glaubenskraft, was man neben sich zu haben meinte in der Glaubenskraft, das war Seeleninhalt für die Menschen allmählich geworden. Die Seelen lebten schon anders, als sie jetzt leben. Man muß sich vorstellen, was eine solche Seele damals bei einer Legende erlebte. Ich will nur eine einfache Legende erzählen, die aber überall damals verbreitet wurde, die sinnig ist. Sie lautet so: Der heilige Bernhard ritt einmal auf einem Esel. Er hatte einen Mönch bei sich. Dieser Mönch litt, wie man heute sagen würde, an Epilepsie. Er fiel immer um. Das sah gerade der heilige Bernhard, als dieser Mönch ihn begleitete und ihm den Esel führte. Da wandte er sich an seinen Gott, daß dieser Mönch fortan niemals den epileptischen Anfall erhalten solle, ohne daß er es vorher wisse. Und die Legende erzählt weiter, der Mönch lebte noch zwanzig Jahre, und jedesmal, wenn er wieder einen Anfall bekam, wußte er es vorher; er konnte sich ins Bett legen und zerschlug sich nicht die Glieder, wenn er wieder umfallen wollte.
[ 12 ] Es ist eine einfache, harmlose Sache, aber eine Sache, die tief wirkte, die damals überall erzählt wurde. Denn man fühlte seine Seele stark, wenn man die Tragkraft der Glaubenswirklichkeit empfinden konnte, und die Menschen lebten in der Aura dieser Empfindung.
[ 12 ] Es ist eine einfache, harmlose Sache, aber eine Sache, die tief wirkte, die damals überall erzählt wurde. Denn man fühlte seine Seele stark, wenn man die Tragkraft der Glaubenswirklichkeit empfinden konnte, und die Menschen lebten in der Aura dieser Empfindung.
[ 13 ] Nun wäre es nicht möglich gewesen, daß die Glaubenskraft sich so konsolidieren konnte, wenn Europa nicht gewissermaßen durch die Jahrhunderte, die ich angeführt habe, sich isoliert hätte. Das Geld war nach dem Orient abgeflossen; damit hatte der Handel allmählich aufgehört. Europa war eine Zeitlang im wesentlichen beschränkt auf seinen Ackerbau. Aber das ist ein geradezu tief bedeutsames Symptom für die Entwickelung Europas in diesen Jahrhunderten, daß ein Drittel des europäischen Bodens an diejenigen übergeht, die die Träger dieser Glaubenskraft sind: In den kirchlichen Besitz geht ein Drittel des Bodens in dieser Zeit über. Es ist, wie wenn das, was gelebt hat, nur durch das römische Element unterbrochen, im ganzen vierten nachatlantischen Zeitraum sich in diese Glaubenskraft zusammengedrängt hätte. Aber eines ging verloren gerade unter dieser Erstarkung der Glaubenskraft, verloren ging der Fortschritt im eigentlichen Christus-Bewußtsein. Man darf nicht vergessen, daß im höchsten Stile von Christus gewußt worden ist in der Zeit der ersten christlichen Jahrhunderte bei denen, welche die Christus-Gestalt, die ChristusWesenheit hineinstellen konnten in den ganzen Zusammenhang der Kräfte der geistigen Welt. Für diejenigen, die zuerst ergriffen waren von der Christus-Gestalt, war der Grund ihres Ergriffenseins ja der, daß sie hinaufschauten in die geistige Welt und gewissermaßen die Annäherung der Christus-Gestalt durch die geistigen Welten durch Äonen hindurch zur Erde her erblickten, und diese ganzen Ereignisse von Golgatha anschließen konnten an alles Geschehen im Kosmos. Das war das Ergreifende des Ereignisses von Golgatha, daß die, die es zuerst auslegten, es sich so zurechtlegten, daß das, was auf der Erde geschah, das Herabfließen eines Ereignisses aus den Welten des großen kosmischen Geschehens war.
[ 13 ] Nun wäre es nicht möglich gewesen, daß die Glaubenskraft sich so konsolidieren konnte, wenn Europa nicht gewissermaßen durch die Jahrhunderte, die ich angeführt habe, sich isoliert hätte. Das Geld war nach dem Orient abgeflossen; damit hatte der Handel allmählich aufgehört. Europa war eine Zeitlang im wesentlichen beschränkt auf seinen Ackerbau. Aber das ist ein geradezu tief bedeutsames Symptom für die Entwickelung Europas in diesen Jahrhunderten, daß ein Drittel des europäischen Bodens an diejenigen übergeht, die die Träger dieser Glaubenskraft sind: In den kirchlichen Besitz geht ein Drittel des Bodens in dieser Zeit über. Es ist, wie wenn das, was gelebt hat, nur durch das römische Element unterbrochen, im ganzen vierten nachatlantischen Zeitraum sich in diese Glaubenskraft zusammengedrängt hätte. Aber eines ging verloren gerade unter dieser Erstarkung der Glaubenskraft, verloren ging der Fortschritt im eigentlichen Christus-Bewußtsein. Man darf nicht vergessen, daß im höchsten Stile von Christus gewußt worden ist in der Zeit der ersten christlichen Jahrhunderte bei denen, welche die Christus-Gestalt, die ChristusWesenheit hineinstellen konnten in den ganzen Zusammenhang der Kräfte der geistigen Welt. Für diejenigen, die zuerst ergriffen waren von der Christus-Gestalt, war der Grund ihres Ergriffenseins ja der, daß sie hinaufschauten in die geistige Welt und gewissermaßen die Annäherung der Christus-Gestalt durch die geistigen Welten durch Äonen hindurch zur Erde her erblickten, und diese ganzen Ereignisse von Golgatha anschließen konnten an alles Geschehen im Kosmos. Das war das Ergreifende des Ereignisses von Golgatha, daß die, die es zuerst auslegten, es sich so zurechtlegten, daß das, was auf der Erde geschah, das Herabfließen eines Ereignisses aus den Welten des großen kosmischen Geschehens war.
[ 14 ] Daß man das heute anders darstellt, das weiß ich sehr wohl. Aber wenn man sagt, man müsse zurückgehen auf die schlichten, einfachen Vorstellungen, die man in den ersten Jahrhunderten von dem Christus Jesus hatte, so redet man eben nur von seinen eigenen Liebhabereien, weil man verdecken will die Größe der Christus-Idee und den tiefen Einblick, den die ersten Jahrhunderte in das Mysterium von Golgatha hatten. Deshalb brachte man die Lieblingsidee auf: Alles war schlicht, alles war so, daß der Christus Jesus womöglich nichts weiter war als, wie mancher heute sagt, «der schlichte Mann aus Nazareth». Man wundert sich bei solchen Dingen vielleicht weniger, wenn man diese Anschauung bei jüngeren Leuten findet. Ältere Leute müßten allerdings wissen, daß wir selbst in unserer Zeit mit Bezug auf diese Dinge einen bedeutungsvollen Umschwung erlebt haben. Ich habe es oft gehört, daß gesagt wird: Solche Dinge, wie sie in der Geisteswissenschaft dargestellt werden, kann man ja nicht verstehen; die sind sehr schwer verständlich. — Ja, wenn es keine Hindernisse, keine äußeren Hindernisse gäbe! Vor noch dreißig Jahren würden gerade die schlichten Leute auf dem Lande draußen diese Dinge voll verstanden haben. Im Laufe der letzten Jahrzehnte aber ist es anders geworden. Die älteren Leute könnten noch etwas davon wissen, wie Schriften, wie zum Beispiel die des Jakob Böhme oder des Eckartshausen, Schriften, die sehr, sehr versuchen, in die Konktretheit der geistigen Welt einzuführen, gerade von einfachen Bauerngemütern vor Jahrzehnten noch aufgenommen worden sind. Oberflächlich ist unser Geistesleben lediglich durch das Bourgeoistum geworden. Das hat seine Lieblingsidee immer mehr und mehr zum Ausdruck gebracht, daß das Wahre, wie man sagt, «einfach» sein müsse, wobei man nichts anderes meint, als, es müsse auf bequeme Weise, ohne viel Nachdenken, von jedem erfaßt werden können. Heute sind allerdings nicht mehr viel Belege, auch in den schlichten Gemütern nicht, dafür zu finden, daß in den ersten Jahrhunderten des Christentums schon geredet werden konnte, gerade diesen schlichten Gemütern gegenüber, von hohen geistigen Dingen, wenn man von dem Christus Jesus sprach. Das heißt aber: Was dann in den folgenden Jahrhunderten geschehen ist, das ist eigentlich geschehen, um gewissermaßen zunächst auch die Christus-Erkenntnis für die Menschheit wiederum etwas zu verdecken, die Christus-Erkenntnis nicht sehr nahe an die Menschen herankommen zu lassen.
[ 14 ] Daß man das heute anders darstellt, das weiß ich sehr wohl. Aber wenn man sagt, man müsse zurückgehen auf die schlichten, einfachen Vorstellungen, die man in den ersten Jahrhunderten von dem Christus Jesus hatte, so redet man eben nur von seinen eigenen Liebhabereien, weil man verdecken will die Größe der Christus-Idee und den tiefen Einblick, den die ersten Jahrhunderte in das Mysterium von Golgatha hatten. Deshalb brachte man die Lieblingsidee auf: Alles war schlicht, alles war so, daß der Christus Jesus womöglich nichts weiter war als, wie mancher heute sagt, «der schlichte Mann aus Nazareth». Man wundert sich bei solchen Dingen vielleicht weniger, wenn man diese Anschauung bei jüngeren Leuten findet. Ältere Leute müßten allerdings wissen, daß wir selbst in unserer Zeit mit Bezug auf diese Dinge einen bedeutungsvollen Umschwung erlebt haben. Ich habe es oft gehört, daß gesagt wird: Solche Dinge, wie sie in der Geisteswissenschaft dargestellt werden, kann man ja nicht verstehen; die sind sehr schwer verständlich. — Ja, wenn es keine Hindernisse, keine äußeren Hindernisse gäbe! Vor noch dreißig Jahren würden gerade die schlichten Leute auf dem Lande draußen diese Dinge voll verstanden haben. Im Laufe der letzten Jahrzehnte aber ist es anders geworden. Die älteren Leute könnten noch etwas davon wissen, wie Schriften, wie zum Beispiel die des Jakob Böhme oder des Eckartshausen, Schriften, die sehr, sehr versuchen, in die Konktretheit der geistigen Welt einzuführen, gerade von einfachen Bauerngemütern vor Jahrzehnten noch aufgenommen worden sind. Oberflächlich ist unser Geistesleben lediglich durch das Bourgeoistum geworden. Das hat seine Lieblingsidee immer mehr und mehr zum Ausdruck gebracht, daß das Wahre, wie man sagt, «einfach» sein müsse, wobei man nichts anderes meint, als, es müsse auf bequeme Weise, ohne viel Nachdenken, von jedem erfaßt werden können. Heute sind allerdings nicht mehr viel Belege, auch in den schlichten Gemütern nicht, dafür zu finden, daß in den ersten Jahrhunderten des Christentums schon geredet werden konnte, gerade diesen schlichten Gemütern gegenüber, von hohen geistigen Dingen, wenn man von dem Christus Jesus sprach. Das heißt aber: Was dann in den folgenden Jahrhunderten geschehen ist, das ist eigentlich geschehen, um gewissermaßen zunächst auch die Christus-Erkenntnis für die Menschheit wiederum etwas zu verdecken, die Christus-Erkenntnis nicht sehr nahe an die Menschen herankommen zu lassen.
[ 15 ] In diesen Dingen hat man nötig, die Wirklichkeit anzuschauen, nicht das, was man sich einbildet. Es gehört zu den tiefsten Anforderungen unseres Zeitalters, daß man wiederum lerne, die Wirklichkeiten anzuschauen. Ich muß dabei immer an ein Beispiel erinnern, weil es recht anschaulich ist. Ich habe einmal in Kolmar einen Vortrag gehalten über Christentum und Weisheit. Bei diesem Vortrage waren auch zwei katholische Geistliche anwesend. Die hatten natürlich nie von so etwas gehört, selbstverständlich; aber weil sie jedenfalls noch nichts darüber gehört hatten — das wirkte ja dazu mit —, kamen sie nach dem Vortrage an mich heran, denn das, was ich gesagt hatte, kam ihnen gar nicht so schlimm vor. Es wäre ihnen wahrscheinlich nur schlimm vorgekommen, wenn sie schon etwas von ihren entsprechenden Oberen gehört hätten, und dann hätten sie wahrscheinlich eben Unsinn gehört. Nur das eine wendeten sie ein. Sie sagten: Was Sie da sagen, ist ja alles schön; so über die geistige Welt zu reden, ist schön. Aber das versteht ja die Menschheit gar nicht. Wir reden so, wie es die Menschheit verstehen kann. — Ich sagte: Wissen Sie, Hochwürden, wie man zur Menschheit zu sprechen hat, das dürfen nicht Sie und nicht ich nach unseren Lieblingsmaximen auslegen. Auf diese Lieblingsmaximen kommt es nicht an; denn selbstverständlich, wenn wir nach unseren Lieblingsmaximen urteilen wollten, so würde Ihnen die Art gefallen, wie Sie reden, und mir würde die Art gefallen, wie ich rede. Aber darauf kommt es nicht an. Sondern es kommt darauf an, wozu uns unser Zeitalter verpflichtet: ja nicht solche Fragen, wie Sie sie eben aufwerfen, nach unseren Lieblingsmaximen zu beantworten, sondern sie uns von der Wirklichkeit beantworten zu lassen. Und da gibt es eine naheliegende Antwort. Ich frage Sie: Gehen heute alle Leute zu Ihnen in die Kirche, da Sie glauben, Sie sprechen zu allen Leuten? Da könnten Sie wahrheitsgetreu nur sagen: Es bleiben auch manche draußen. Darauf könnte ich sagen: Das ist die Antwort der Wirklichkeit! Für die, welche bei Ihnen draußen bleiben, spreche ich, und die haben auch ein Recht, den Weg zum Christus Jesus zu finden. — Man frage nicht sich, sondern man frage die Realität, man frage das Zeitalter. Denn was man durch sich selbst als Antwort bekommen kann, das weiß man ja. Es scheint so sehr einfach zu sein; aber lernen, die Verpflichtung zu fassen, die einem das Zeitalter gibt, das ist nicht so einfach. Und nur, wenn man mit sich recht sehr zu Rate geht, wird man erkennen, was eigentlich hinter dem liegt, was ich jetzt eben gesagt habe.
[ 15 ] In diesen Dingen hat man nötig, die Wirklichkeit anzuschauen, nicht das, was man sich einbildet. Es gehört zu den tiefsten Anforderungen unseres Zeitalters, daß man wiederum lerne, die Wirklichkeiten anzuschauen. Ich muß dabei immer an ein Beispiel erinnern, weil es recht anschaulich ist. Ich habe einmal in Kolmar einen Vortrag gehalten über Christentum und Weisheit. Bei diesem Vortrage waren auch zwei katholische Geistliche anwesend. Die hatten natürlich nie von so etwas gehört, selbstverständlich; aber weil sie jedenfalls noch nichts darüber gehört hatten — das wirkte ja dazu mit —, kamen sie nach dem Vortrage an mich heran, denn das, was ich gesagt hatte, kam ihnen gar nicht so schlimm vor. Es wäre ihnen wahrscheinlich nur schlimm vorgekommen, wenn sie schon etwas von ihren entsprechenden Oberen gehört hätten, und dann hätten sie wahrscheinlich eben Unsinn gehört. Nur das eine wendeten sie ein. Sie sagten: Was Sie da sagen, ist ja alles schön; so über die geistige Welt zu reden, ist schön. Aber das versteht ja die Menschheit gar nicht. Wir reden so, wie es die Menschheit verstehen kann. — Ich sagte: Wissen Sie, Hochwürden, wie man zur Menschheit zu sprechen hat, das dürfen nicht Sie und nicht ich nach unseren Lieblingsmaximen auslegen. Auf diese Lieblingsmaximen kommt es nicht an; denn selbstverständlich, wenn wir nach unseren Lieblingsmaximen urteilen wollten, so würde Ihnen die Art gefallen, wie Sie reden, und mir würde die Art gefallen, wie ich rede. Aber darauf kommt es nicht an. Sondern es kommt darauf an, wozu uns unser Zeitalter verpflichtet: ja nicht solche Fragen, wie Sie sie eben aufwerfen, nach unseren Lieblingsmaximen zu beantworten, sondern sie uns von der Wirklichkeit beantworten zu lassen. Und da gibt es eine naheliegende Antwort. Ich frage Sie: Gehen heute alle Leute zu Ihnen in die Kirche, da Sie glauben, Sie sprechen zu allen Leuten? Da könnten Sie wahrheitsgetreu nur sagen: Es bleiben auch manche draußen. Darauf könnte ich sagen: Das ist die Antwort der Wirklichkeit! Für die, welche bei Ihnen draußen bleiben, spreche ich, und die haben auch ein Recht, den Weg zum Christus Jesus zu finden. — Man frage nicht sich, sondern man frage die Realität, man frage das Zeitalter. Denn was man durch sich selbst als Antwort bekommen kann, das weiß man ja. Es scheint so sehr einfach zu sein; aber lernen, die Verpflichtung zu fassen, die einem das Zeitalter gibt, das ist nicht so einfach. Und nur, wenn man mit sich recht sehr zu Rate geht, wird man erkennen, was eigentlich hinter dem liegt, was ich jetzt eben gesagt habe.
[ 16 ] Was der Menschheit heute nottut, das ist eben grade: objektiv werden, mit der Umgebung leben lernen. Wenn wir verstehen, den Impuls zu fassen, der hier gemeint ist, dann werden wir uns auch mit der Wahrheit abfinden können, wie allmählich unter dem Einfluß der Zeitereignisse in den Jahrhunderten, von denen ich gesprochen habe, die höhere Erkenntnis, das Hinaufblicken zu dem geistigen Zusammenhang zwischen dem Mysterium von Golgatha und dem kosmischen Geschehen allmählich in Europa dahingeschwunden ist. Der Christus ist den europäischen Gemütern ferngerückt worden; er hat sich zusammengezogen auf dasjenige, was man fassen wollte, was man sich vorstellen wollte. Aber es kommt darauf an, daß man die Wirklichkeit faßt, nicht das, was man fassen will. Heute hört man sehr häufig, der Mensch soll seinen Gott suchen, im Inneren werde er diesen Gott finden; er soll sich in seinem Inneren mit seinem göttlichen Selbst vereinigen, dann wird er den Gott finden. Insbesondere nehmen die Leute daran Anstoß, daß die Geisteswissenschaft betonen muß: Wenn wir aus der Welt, in der wir leben, hinauskommen in den Geist, dann finden wir Hierarchien, dann finden wir, wie wir hier eine reich gegliederte physische Welt finden, dort ebenso eine reich gegliederte, abgestufte geistige Welt. Aber dann ist es den Leuten einfacher und bequemer zu sagen: Man wende sich direkt, unmittelbar an den einigen Christus; den findet jeder einzelne Mensch. Es kommt nicht darauf an, daß man es sich einbildet, sondern es kommt darauf an, daß man erkennt, was man im Geistigen wirklich findet. Was finden diejenigen Menschen, die heute oftmals davon sprechen: Ich habe ein innerliches Verhältnis zu meinem Gott gefunden? — Das nämlich, was da Gott genannt wird, ist oftmals nichts anderes als das allernächste geistige Wesen aus der Hierarchie der Angeloi, der unmittelbar schützende Engel, der als das höchste Wesen verehrt wird. Daß wir glauben, wir haben den Gott, darauf kommt es ja nicht an, sondern daß wir die Realität dieses inneren Erlebnisses verstehen, das der Mensch hat. Wenn mancher glaubt, er ist innerlich durchsetzt von einem Göttlichen, so ist er meistens nur durchsetzt von einem Wesen aus der Hierarchie der Angeloi, oder aber er ist durchsetzt von seinem eigenen Ich, wie es war zwischen dem letzten Tode und dieser Geburt, wie es in der geistigen Welt gelebt hat, bevor es sich mit diesem physischen Leib vereinigte. Ist es denn nicht interessant, daß es ein Wort gibt, dessen Ursprung man nicht kennt? Wenn Sie die Wörterbücher aufschlagen, so finden Sie mancherlei recht Schönes über mancherlei Wörter. Doch ein Wort gibt es — die gelehrtesten philologischen Wörterbuchschreiber können seinen Ursprung nicht finden, sie wissen nicht, was damit gemeint ist, auch philologisch nicht: das ist das Wort Gott! Lesen Sie nach im Deutschen Wörterbuch. Es ist das Wort, dessen Bedeutung man nicht kennt. Sehr bedeutsam, sehr bezeichnend! Denn das, wovon man in Wirklichkeit redet, wenn man heute vielfach von seinem Gott spricht, das ist der einzelne Engel oder gar das eigene Selbst in der Zeit zwischen dem letzten Tode und der jetzigen Geburt. Was man da wirklich erlebt — ich denke jetzt nur an wirklich auftichtige, ehrliche Selbsterleber —, das ist Wirklichkeit. Darauf kommt es an und nicht darauf, daß man sich selbst der Täuschung hingibt: Die Leute beten einen einheitlichen Gott an. Sie haben nur ein Wort für das Erlebnis ihres Engels oder gar für das eigene Selbst, wenn es noch nicht verkörpert ist oder schon verkörpert ist, gewissermaßen.
[ 16 ] Was der Menschheit heute nottut, das ist eben grade: objektiv werden, mit der Umgebung leben lernen. Wenn wir verstehen, den Impuls zu fassen, der hier gemeint ist, dann werden wir uns auch mit der Wahrheit abfinden können, wie allmählich unter dem Einfluß der Zeitereignisse in den Jahrhunderten, von denen ich gesprochen habe, die höhere Erkenntnis, das Hinaufblicken zu dem geistigen Zusammenhang zwischen dem Mysterium von Golgatha und dem kosmischen Geschehen allmählich in Europa dahingeschwunden ist. Der Christus ist den europäischen Gemütern ferngerückt worden; er hat sich zusammengezogen auf dasjenige, was man fassen wollte, was man sich vorstellen wollte. Aber es kommt darauf an, daß man die Wirklichkeit faßt, nicht das, was man fassen will. Heute hört man sehr häufig, der Mensch soll seinen Gott suchen, im Inneren werde er diesen Gott finden; er soll sich in seinem Inneren mit seinem göttlichen Selbst vereinigen, dann wird er den Gott finden. Insbesondere nehmen die Leute daran Anstoß, daß die Geisteswissenschaft betonen muß: Wenn wir aus der Welt, in der wir leben, hinauskommen in den Geist, dann finden wir Hierarchien, dann finden wir, wie wir hier eine reich gegliederte physische Welt finden, dort ebenso eine reich gegliederte, abgestufte geistige Welt. Aber dann ist es den Leuten einfacher und bequemer zu sagen: Man wende sich direkt, unmittelbar an den einigen Christus; den findet jeder einzelne Mensch. Es kommt nicht darauf an, daß man es sich einbildet, sondern es kommt darauf an, daß man erkennt, was man im Geistigen wirklich findet. Was finden diejenigen Menschen, die heute oftmals davon sprechen: Ich habe ein innerliches Verhältnis zu meinem Gott gefunden? — Das nämlich, was da Gott genannt wird, ist oftmals nichts anderes als das allernächste geistige Wesen aus der Hierarchie der Angeloi, der unmittelbar schützende Engel, der als das höchste Wesen verehrt wird. Daß wir glauben, wir haben den Gott, darauf kommt es ja nicht an, sondern daß wir die Realität dieses inneren Erlebnisses verstehen, das der Mensch hat. Wenn mancher glaubt, er ist innerlich durchsetzt von einem Göttlichen, so ist er meistens nur durchsetzt von einem Wesen aus der Hierarchie der Angeloi, oder aber er ist durchsetzt von seinem eigenen Ich, wie es war zwischen dem letzten Tode und dieser Geburt, wie es in der geistigen Welt gelebt hat, bevor es sich mit diesem physischen Leib vereinigte. Ist es denn nicht interessant, daß es ein Wort gibt, dessen Ursprung man nicht kennt? Wenn Sie die Wörterbücher aufschlagen, so finden Sie mancherlei recht Schönes über mancherlei Wörter. Doch ein Wort gibt es — die gelehrtesten philologischen Wörterbuchschreiber können seinen Ursprung nicht finden, sie wissen nicht, was damit gemeint ist, auch philologisch nicht: das ist das Wort Gott! Lesen Sie nach im Deutschen Wörterbuch. Es ist das Wort, dessen Bedeutung man nicht kennt. Sehr bedeutsam, sehr bezeichnend! Denn das, wovon man in Wirklichkeit redet, wenn man heute vielfach von seinem Gott spricht, das ist der einzelne Engel oder gar das eigene Selbst in der Zeit zwischen dem letzten Tode und der jetzigen Geburt. Was man da wirklich erlebt — ich denke jetzt nur an wirklich auftichtige, ehrliche Selbsterleber —, das ist Wirklichkeit. Darauf kommt es an und nicht darauf, daß man sich selbst der Täuschung hingibt: Die Leute beten einen einheitlichen Gott an. Sie haben nur ein Wort für das Erlebnis ihres Engels oder gar für das eigene Selbst, wenn es noch nicht verkörpert ist oder schon verkörpert ist, gewissermaßen.
[ 17 ] Daß man dies ahnt, daß man ahnt: Durch Geisteswissenschaft muß dahintergekommen werden, was sehr häufig mit dem sogenannten Gotteserlebnis der Menschen gemeint ist, das bewirkt, daß man diese Geisteswissenschaft so wenig gern sich ausbreiten sieht; denn sie ist geeignet, hinter diese ungeheuer bedeutungsvolle Tatsache zu kommen, die ich eben hervorgehoben habe. Die ganze geschichtliche Entwickelung vom 3. bis zum 10., ja noch bis zum 15. Jahrhundert geht dahin, die Mysterien des Christus Jesus eigentlich mehr zu verdecken, mehr zu kaschieren, als sie offenbar werden zu lassen. Dies, was ich sage, ist nicht eine Kritik, sondern eine bloße Charakteristik. Denn ; wenn man nicht imstande ist, diese Charakteristik objektiv hinzunehmen, so wird man nie verstehen, unter welchen Gewalten das Zeitalter heraufkommt, das mit dem 15. Jahrhundert beginnt, das Zeitalter der eigentlichen Bewußtseinsseele. Ich möchte sagen, dieses Zeitalter donnert herein, und alles in der geistigen Welt tendiert so, daß diese Bewußtseinsseele mit ihren zwei Polen, mit ihrem materialistischen und ihrem spirituellen Pol, herauskommen muß. Aber von diesem Gesichtspunkte aus muß man erst das geschichtliche Werden ansehen. Bilder muß man sich vor die Seele hinstellen, wie etwa dieses: Aus solchen Stimmungen wie diese, die uns auf einer höchsten Stufe in dem heiligen Bernhard erscheint, geht aus verstärkter, konsolidierter Glaubenskraft die europäische Tendenz hervor, Jerusalem an die Stelle von Rom zu setzen, das Christentum mit dem Mittelpunkte in Jerusalem als antirömisches Christentum zu begründen. — Denn das liegt eigentlich den Kreuzzügen zugrunde. Gottfried von Bouillon ist nicht ein Sendling der römischen Päpste, sondern er ist derjenige, der die Kreuzzüge aufgreift, um ein Bollwerk in Jerusalem gegen Rom zu errichten, um das Christentum unabhängig zu machen von Rom. Es war eine Idee, die im Grunde viele Jahrhunderte beherrschte. ‚Heinrich I., der Heilige, hat sie dann in die Form geprägt einer Ecclesia catholica non romana.
[ 17 ] Daß man dies ahnt, daß man ahnt: Durch Geisteswissenschaft muß dahintergekommen werden, was sehr häufig mit dem sogenannten Gotteserlebnis der Menschen gemeint ist, das bewirkt, daß man diese Geisteswissenschaft so wenig gern sich ausbreiten sieht; denn sie ist geeignet, hinter diese ungeheuer bedeutungsvolle Tatsache zu kommen, die ich eben hervorgehoben habe. Die ganze geschichtliche Entwickelung vom 3. bis zum 10., ja noch bis zum 15. Jahrhundert geht dahin, die Mysterien des Christus Jesus eigentlich mehr zu verdecken, mehr zu kaschieren, als sie offenbar werden zu lassen. Dies, was ich sage, ist nicht eine Kritik, sondern eine bloße Charakteristik. Denn ; wenn man nicht imstande ist, diese Charakteristik objektiv hinzunehmen, so wird man nie verstehen, unter welchen Gewalten das Zeitalter heraufkommt, das mit dem 15. Jahrhundert beginnt, das Zeitalter der eigentlichen Bewußtseinsseele. Ich möchte sagen, dieses Zeitalter donnert herein, und alles in der geistigen Welt tendiert so, daß diese Bewußtseinsseele mit ihren zwei Polen, mit ihrem materialistischen und ihrem spirituellen Pol, herauskommen muß. Aber von diesem Gesichtspunkte aus muß man erst das geschichtliche Werden ansehen. Bilder muß man sich vor die Seele hinstellen, wie etwa dieses: Aus solchen Stimmungen wie diese, die uns auf einer höchsten Stufe in dem heiligen Bernhard erscheint, geht aus verstärkter, konsolidierter Glaubenskraft die europäische Tendenz hervor, Jerusalem an die Stelle von Rom zu setzen, das Christentum mit dem Mittelpunkte in Jerusalem als antirömisches Christentum zu begründen. — Denn das liegt eigentlich den Kreuzzügen zugrunde. Gottfried von Bouillon ist nicht ein Sendling der römischen Päpste, sondern er ist derjenige, der die Kreuzzüge aufgreift, um ein Bollwerk in Jerusalem gegen Rom zu errichten, um das Christentum unabhängig zu machen von Rom. Es war eine Idee, die im Grunde viele Jahrhunderte beherrschte. ‚Heinrich I., der Heilige, hat sie dann in die Form geprägt einer Ecclesia catholica non romana.
[ 18 ] Wir sehen, wie die europäische Glaubenskraft in diejenigen Gefilde hinein ihre Aura sendet, in welche die Römer ihr Gold gesandt haben! Mit dem Golde und seinen Folgen im Orient stoßen die Kreuzfahrer zusammen, mit dem römischen Golde auf der einen Seite, mit der orientalischen Gnosis auf der andern Seite. Diese Aura muß man in Betracht ziehen, unter der die Kreuzzüge entstanden sind. Sie ist ganz die Aura der europäischen Glaubenskraft. Das ist der eine Ton, der eine Farbenton des Bildes. Doch stellen wir hinein in diesen Farbenton — man könnte es, wenn man es malen wollte, nur als einen Farbenton malen —, stellen wir hinein ein anderes Bild des aufgehenden Zeitalters der Bewußtseinsseele. Wie müßte man es etwa hineinstellen?
[ 18 ] Wir sehen, wie die europäische Glaubenskraft in diejenigen Gefilde hinein ihre Aura sendet, in welche die Römer ihr Gold gesandt haben! Mit dem Golde und seinen Folgen im Orient stoßen die Kreuzfahrer zusammen, mit dem römischen Golde auf der einen Seite, mit der orientalischen Gnosis auf der andern Seite. Diese Aura muß man in Betracht ziehen, unter der die Kreuzzüge entstanden sind. Sie ist ganz die Aura der europäischen Glaubenskraft. Das ist der eine Ton, der eine Farbenton des Bildes. Doch stellen wir hinein in diesen Farbenton — man könnte es, wenn man es malen wollte, nur als einen Farbenton malen —, stellen wir hinein ein anderes Bild des aufgehenden Zeitalters der Bewußtseinsseele. Wie müßte man es etwa hineinstellen?
[ 19 ] So, daß man den im Jahre 1108 geborenen Dandolo von Venedig, den Dogen, hinstellt, jenen Dogen, der in Konstantinopel war, dort von den Byzantinern geblendet worden ist, der aber die Inkarnation des ahrimanischen Geistes war, und der, trotzdem er nicht sehen konnte, Herr von Venedig war, jenes Venedig, das den ahrimanischen Geist in den Geist hineingestellt hat, den ich jetzt eben gekennzeichnet habe. Das ist ein bedeutungsvoller Augenblick der Weltgeschichte, als dieser Doge Dandolo Konstantinopel eroberte, und als er den ursprünglichen Geist der Kreuzzüge überführte in den späteren Geist der Kreuzzüge. Wie war das?
[ 19 ] So, daß man den im Jahre 1108 geborenen Dandolo von Venedig, den Dogen, hinstellt, jenen Dogen, der in Konstantinopel war, dort von den Byzantinern geblendet worden ist, der aber die Inkarnation des ahrimanischen Geistes war, und der, trotzdem er nicht sehen konnte, Herr von Venedig war, jenes Venedig, das den ahrimanischen Geist in den Geist hineingestellt hat, den ich jetzt eben gekennzeichnet habe. Das ist ein bedeutungsvoller Augenblick der Weltgeschichte, als dieser Doge Dandolo Konstantinopel eroberte, und als er den ursprünglichen Geist der Kreuzzüge überführte in den späteren Geist der Kreuzzüge. Wie war das?
[ 20 ] So war es, daß zuerst die Kreuzfahrer nach dem Orient zogen, um dort zu finden, was an Heiligtümern, an Reliquien zurückgeblieben war, auf daß sich die Glaubenskraft daranknüpfen könnte. Das haben sie gesucht, das haben sie in ihrer Ehrerbietung nach Europa bringen wollen. Ein reales Band haben sie herstellen wollen zwischen ihrer Glaubenskraft und den tatsächlichen Ereignissen des Mysteriums von Golgatha. Als Venedig eingegriffen hat — was wurden da die Reliquien? Alles wurde gesammelt, aber alles wurde zur Grundlage von Kapitalbildung gemacht! Die Reliquien wurden unter dem Einflusse von Venedig nach und nach behandelt wie Börsenpapiere; sie stiegen und stiegen. Die kapitalistische Ära breitete sich aus: Dandolo, die Inkarnation des ahrimanischen Geistes!
[ 20 ] So war es, daß zuerst die Kreuzfahrer nach dem Orient zogen, um dort zu finden, was an Heiligtümern, an Reliquien zurückgeblieben war, auf daß sich die Glaubenskraft daranknüpfen könnte. Das haben sie gesucht, das haben sie in ihrer Ehrerbietung nach Europa bringen wollen. Ein reales Band haben sie herstellen wollen zwischen ihrer Glaubenskraft und den tatsächlichen Ereignissen des Mysteriums von Golgatha. Als Venedig eingegriffen hat — was wurden da die Reliquien? Alles wurde gesammelt, aber alles wurde zur Grundlage von Kapitalbildung gemacht! Die Reliquien wurden unter dem Einflusse von Venedig nach und nach behandelt wie Börsenpapiere; sie stiegen und stiegen. Die kapitalistische Ära breitete sich aus: Dandolo, die Inkarnation des ahrimanischen Geistes!
[ 21 ] Wir fragen uns: Wie ist es Venedig gelungen, das, was war, wiederum rückgängig zu machen? Es hat den Handel wiederum vom Orient nach Europa geleitet; es hat gewissermaßen das, was früher nicht sein konnte — das kommerzielle Leben — wiederum entfacht. Eine Frage muß entstehen: Wie konnte Venedig so mächtig werden gerade auf dem Handelsgebiete, da doch Europa im Grunde genommen verarmt war?
[ 21 ] Wir fragen uns: Wie ist es Venedig gelungen, das, was war, wiederum rückgängig zu machen? Es hat den Handel wiederum vom Orient nach Europa geleitet; es hat gewissermaßen das, was früher nicht sein konnte — das kommerzielle Leben — wiederum entfacht. Eine Frage muß entstehen: Wie konnte Venedig so mächtig werden gerade auf dem Handelsgebiete, da doch Europa im Grunde genommen verarmt war?
[ 22 ] Der Handel war ein Tausch. Im Grunde genommen war namentlich während der ersten Zeit jenes Zeitraumes, von dem ich heute _ gesprochen habe, Europa vom Orient, dem es zuerst sein Metallgeld gegeben hatte, abgeschlossen. Das hatte man nicht, das tauschte man. Es müßte immer wieder und wieder betont werden, was eine historische Tatsache ist, wie Venedig auf diesem Gebiete vorangegangen ist. Wir können einen großen Verkauf nachweisen, den Venedig nach Alexandrien und Damiette besorgt hat, um die orientalischen Waren dafür wieder einzutauschen. Was wurde denn von Venedig aus verkauft? Das eine kann leicht dokumentarisch nachgewiesen werden, vieles andere könnte damit verbunden werden; dann würde man, nach dieser Richtung forschend, schon weiter kommen. Das, was verkauft wurde, waren tausend Menschen! Mit Menschen hat man den neuen Handel nach dem Orient begonnen. Menschen wurden nach dem Orient verkauft. Und wer dem nachgeht, was aus diesen Menschen im Orient geworden ist, der kommt zu einem merkwürdigen Resultat, auf das allerdings die äußere Geschichte noch wenig weist: daß von diesen verkauften Menschen die wichtigsten derjenigen Krieger abstammten, mit denen dann von Asien aus die großen Heereszüge nach Europa erfolgreich unternommen worden sind. Die Kerntruppen der asiatischen Völkerschaften, die später in Europa einfielen, bestanden aus den Nachkommen der von Venedig und andern italienischen Städten nach dem Oriente verkauften Menschen.
[ 22 ] Der Handel war ein Tausch. Im Grunde genommen war namentlich während der ersten Zeit jenes Zeitraumes, von dem ich heute _ gesprochen habe, Europa vom Orient, dem es zuerst sein Metallgeld gegeben hatte, abgeschlossen. Das hatte man nicht, das tauschte man. Es müßte immer wieder und wieder betont werden, was eine historische Tatsache ist, wie Venedig auf diesem Gebiete vorangegangen ist. Wir können einen großen Verkauf nachweisen, den Venedig nach Alexandrien und Damiette besorgt hat, um die orientalischen Waren dafür wieder einzutauschen. Was wurde denn von Venedig aus verkauft? Das eine kann leicht dokumentarisch nachgewiesen werden, vieles andere könnte damit verbunden werden; dann würde man, nach dieser Richtung forschend, schon weiter kommen. Das, was verkauft wurde, waren tausend Menschen! Mit Menschen hat man den neuen Handel nach dem Orient begonnen. Menschen wurden nach dem Orient verkauft. Und wer dem nachgeht, was aus diesen Menschen im Orient geworden ist, der kommt zu einem merkwürdigen Resultat, auf das allerdings die äußere Geschichte noch wenig weist: daß von diesen verkauften Menschen die wichtigsten derjenigen Krieger abstammten, mit denen dann von Asien aus die großen Heereszüge nach Europa erfolgreich unternommen worden sind. Die Kerntruppen der asiatischen Völkerschaften, die später in Europa einfielen, bestanden aus den Nachkommen der von Venedig und andern italienischen Städten nach dem Oriente verkauften Menschen.
[ 23 ] Es ist schon notwendig, daß man etwas hinter die Kulissen der Weltgeschichte sieht, daß man sich nicht an jene Legende hält, die so oft als Weltgeschichte den Menschen vorgemacht wird. Diese Legende muß endlich dem Schicksal verfallen, daß man sagt: Sie ist eine Pensionsmädelgeschichte, selbst wenn sie Ranke geschrieben hat. Unsere Zeit ist viel zu ernst, als daß nicht betont werden muß, daß gelernt werden muß. Und das Wichtigste wird sein, was man aus diesen Dingen gewinnt: daß man sich ein Urteil aneignen wird, um die Gegenwart nicht mit schlafendem Bewußtsein, sondern mit wachendem Bewußtsein zu verfolgen. Ein Ungeheures geschieht in der Gegenwart, aber die Menschen sehen es nicht und wollen es nicht sehen, wollen alle Dinge nur verstellt und verworren sehen. Schlägt man nur da oder dort einen Ton an, der aus den Tiefen des Menschenwerdens heraus ist, so wird man zurückgewiesen mit den Phrasen, die heute an der Oberfläche der Journal- oder Zeitungslektüre gewonnen werden, und die so weit wie nur möglich von der Wahrheit, von der fruchtbaren Wahrheit entfernt sind.
[ 23 ] Es ist schon notwendig, daß man etwas hinter die Kulissen der Weltgeschichte sieht, daß man sich nicht an jene Legende hält, die so oft als Weltgeschichte den Menschen vorgemacht wird. Diese Legende muß endlich dem Schicksal verfallen, daß man sagt: Sie ist eine Pensionsmädelgeschichte, selbst wenn sie Ranke geschrieben hat. Unsere Zeit ist viel zu ernst, als daß nicht betont werden muß, daß gelernt werden muß. Und das Wichtigste wird sein, was man aus diesen Dingen gewinnt: daß man sich ein Urteil aneignen wird, um die Gegenwart nicht mit schlafendem Bewußtsein, sondern mit wachendem Bewußtsein zu verfolgen. Ein Ungeheures geschieht in der Gegenwart, aber die Menschen sehen es nicht und wollen es nicht sehen, wollen alle Dinge nur verstellt und verworren sehen. Schlägt man nur da oder dort einen Ton an, der aus den Tiefen des Menschenwerdens heraus ist, so wird man zurückgewiesen mit den Phrasen, die heute an der Oberfläche der Journal- oder Zeitungslektüre gewonnen werden, und die so weit wie nur möglich von der Wahrheit, von der fruchtbaren Wahrheit entfernt sind.
[ 24 ] Ich mußte Sie heute in äußerlicher Weise auf etwas aufmerksam machen, was mit jenem Zeitalter zusammenhängt, in dem sich im 15. Jahrhundert der Umschwung vollzogen hat von der Gemütsseele in die Bewußtseinsseele hinein. Denn man möchte es so gerne haben, daß solche Dinge sich in die Gemüter der Menschen hineinsenken. Man braucht es heute, braucht es auf allen Gebieten. Die Menschen reden heute viel von der Art, wie sich die soziale, die gesellschaftliche Struktur in der Zukunft entwickeln soll. Ich las heute morgen wiederum einmal einen Satz von einem Menschen, der sich ungeheuer gescheit dünkt, der zum mindesten glaubt, die volkswirtschaftliche Wahrheit in ihren Fundamenten erfaßt zu haben. Und siehe da, das Tiefsinnige, was er inmitten seines Aufsatzes sagt, ist, daß man die Gesellschaft, das gesellschaftliche Zusammenleben der Menschen als Organismus erfassen soll. Es glauben die Menschen schon etwas Bedeutsames zu haben, wenn sie sagen, man solle das gesellschaftliche Zusammenleben nicht als einen Mechanismus, sondern als einen Organismus erfassen. Das ist der schlimmste Wilsonianismus mitten unter uns! Ich habe schon öfter gesagt, daß gerade das Wesen des Wilsonianismus darin besteht, daß er keine andern Begriffe für das gesellschaftliche Zusammenleben aufbringen kann als den des Organismus. Darauf kommt es aber an, daß man begreifen lernt, daß die Menschen: zu höheren Begriffen noch kommen müssen, als der des Organismus ist, wenn sie die soziale Struktur begreifen wollen. Diese soziale Struktur kann niemals als Organismus begriffen werden; sie muß als Psychismus, als Pneumatismus begriffen werden, denn Geist wirkt in jedem gesellschaftlichen Zusammenleben der Menschen. Arm ist unsere Zeit an Begriffen geworden. Wir können nicht eine Volkswirtschaft begründen, ohne daß wir hineintauchen in die Geist-Erkenntnis, denn nur da finden wir den Metaorganismus; da finden wir das, was über den bloßen Organismus hinausgeht.
[ 24 ] Ich mußte Sie heute in äußerlicher Weise auf etwas aufmerksam machen, was mit jenem Zeitalter zusammenhängt, in dem sich im 15. Jahrhundert der Umschwung vollzogen hat von der Gemütsseele in die Bewußtseinsseele hinein. Denn man möchte es so gerne haben, daß solche Dinge sich in die Gemüter der Menschen hineinsenken. Man braucht es heute, braucht es auf allen Gebieten. Die Menschen reden heute viel von der Art, wie sich die soziale, die gesellschaftliche Struktur in der Zukunft entwickeln soll. Ich las heute morgen wiederum einmal einen Satz von einem Menschen, der sich ungeheuer gescheit dünkt, der zum mindesten glaubt, die volkswirtschaftliche Wahrheit in ihren Fundamenten erfaßt zu haben. Und siehe da, das Tiefsinnige, was er inmitten seines Aufsatzes sagt, ist, daß man die Gesellschaft, das gesellschaftliche Zusammenleben der Menschen als Organismus erfassen soll. Es glauben die Menschen schon etwas Bedeutsames zu haben, wenn sie sagen, man solle das gesellschaftliche Zusammenleben nicht als einen Mechanismus, sondern als einen Organismus erfassen. Das ist der schlimmste Wilsonianismus mitten unter uns! Ich habe schon öfter gesagt, daß gerade das Wesen des Wilsonianismus darin besteht, daß er keine andern Begriffe für das gesellschaftliche Zusammenleben aufbringen kann als den des Organismus. Darauf kommt es aber an, daß man begreifen lernt, daß die Menschen: zu höheren Begriffen noch kommen müssen, als der des Organismus ist, wenn sie die soziale Struktur begreifen wollen. Diese soziale Struktur kann niemals als Organismus begriffen werden; sie muß als Psychismus, als Pneumatismus begriffen werden, denn Geist wirkt in jedem gesellschaftlichen Zusammenleben der Menschen. Arm ist unsere Zeit an Begriffen geworden. Wir können nicht eine Volkswirtschaft begründen, ohne daß wir hineintauchen in die Geist-Erkenntnis, denn nur da finden wir den Metaorganismus; da finden wir das, was über den bloßen Organismus hinausgeht.
[ 25 ] So findet man überall, daß es heute den Menschen fehlt an gutem Willen, in den Geist unmittelbar einzudringen. Aber das muß geschehen. Denn unabsehbar wären die Folgen, wenn es nicht geschähe. Sie wissen, ich habe darauf hingedeutet, wie im 17. Jahrhundert — ich habe es schon im letzten Heft der Zeitschrift «Das Reich» erwähnt Johann Valentin Andreae die Geschichte der «Chymischen Hochzeit des Christian Rosenkreutz» geschrieben hat. In dieser «Chymischen Hochzeit» ist wirklich vieles von den Impulsen enthalten, die mit dem Umschwung im 15. Jahrhundert zusammenhängen. Es wird ja die Geschichte der «Chymischen Hochzeit» auch in das 15. Jahrhundert verlegt. Es ist eine sehr interessante Sache, wenn man sieht: Johann Valentin Andreae hat diese Geschichte der «Chymischen Hochzeit des Christian Rosenkreutz» hingeschrieben als siebzehnjähriger Junge. Siebzehn Jahre war er, unreif mit seiner Außenintelligenz; und später hat er sie bekämpft. Denn der pietistische Theologe Andreae, der später geschrieben hat, schreibt eigentlich alles mögliche andere, womit man das, was in der «Chymischen Hochzeit» steht, bekämpfen kann. Es ist sehr interessant: Das Leben des Andreae zeigt, daß er keine Spur von Verständnis hat für das, was er in der «Chymischen Hochzeit» hingeschrieben hat. Die geistigen Welten wollten der Menschheit eben etwas offenbaren, was allerdings mit dem ganzen Empfinden der damaligen Zeit zusammenhängt. — Ich war neulich in einem Schlosse Mitteleuropas, in dem eine Kapelle ist, worin zu finden sind symbolisiert die Gedanken gerade von dem Umschwunge dieses neuen Zeitalters. Im Treppenhause sind ziemlich primitive Malereien; aber durch das ganze Treppenhaus hindurch — was ist gemalt, wenn auch die Malereien primitiv sind? Die «Chymische Hochzeit des Christian Rosenkreutz»! Man geht durch diese «Chymische Hochzeit», indem man in eine Gralskapelle nachher kommt. — Dann trat der Dreißigjährige Krieg ein, nachdem die «Chymische Hochzeit» niedergeschrieben war, und mit den Wogen des Dreißigjährigen Krieges ging dann unter, was gemeint war. Das muß eine Lehre sein, denn dasselbe darf nicht ein zweites Mal geschehen. Was von der Menschheit seit dem 15. Jahrhundert gefordert wird: geistige Entwickelung, das muß nach und nach eintreten. Davon wollen wir das nächste Mal von einem mehr innerlichen Standpunkte sprechen.
[ 25 ] So findet man überall, daß es heute den Menschen fehlt an gutem Willen, in den Geist unmittelbar einzudringen. Aber das muß geschehen. Denn unabsehbar wären die Folgen, wenn es nicht geschähe. Sie wissen, ich habe darauf hingedeutet, wie im 17. Jahrhundert — ich habe es schon im letzten Heft der Zeitschrift «Das Reich» erwähnt Johann Valentin Andreae die Geschichte der «Chymischen Hochzeit des Christian Rosenkreutz» geschrieben hat. In dieser «Chymischen Hochzeit» ist wirklich vieles von den Impulsen enthalten, die mit dem Umschwung im 15. Jahrhundert zusammenhängen. Es wird ja die Geschichte der «Chymischen Hochzeit» auch in das 15. Jahrhundert verlegt. Es ist eine sehr interessante Sache, wenn man sieht: Johann Valentin Andreae hat diese Geschichte der «Chymischen Hochzeit des Christian Rosenkreutz» hingeschrieben als siebzehnjähriger Junge. Siebzehn Jahre war er, unreif mit seiner Außenintelligenz; und später hat er sie bekämpft. Denn der pietistische Theologe Andreae, der später geschrieben hat, schreibt eigentlich alles mögliche andere, womit man das, was in der «Chymischen Hochzeit» steht, bekämpfen kann. Es ist sehr interessant: Das Leben des Andreae zeigt, daß er keine Spur von Verständnis hat für das, was er in der «Chymischen Hochzeit» hingeschrieben hat. Die geistigen Welten wollten der Menschheit eben etwas offenbaren, was allerdings mit dem ganzen Empfinden der damaligen Zeit zusammenhängt. — Ich war neulich in einem Schlosse Mitteleuropas, in dem eine Kapelle ist, worin zu finden sind symbolisiert die Gedanken gerade von dem Umschwunge dieses neuen Zeitalters. Im Treppenhause sind ziemlich primitive Malereien; aber durch das ganze Treppenhaus hindurch — was ist gemalt, wenn auch die Malereien primitiv sind? Die «Chymische Hochzeit des Christian Rosenkreutz»! Man geht durch diese «Chymische Hochzeit», indem man in eine Gralskapelle nachher kommt. — Dann trat der Dreißigjährige Krieg ein, nachdem die «Chymische Hochzeit» niedergeschrieben war, und mit den Wogen des Dreißigjährigen Krieges ging dann unter, was gemeint war. Das muß eine Lehre sein, denn dasselbe darf nicht ein zweites Mal geschehen. Was von der Menschheit seit dem 15. Jahrhundert gefordert wird: geistige Entwickelung, das muß nach und nach eintreten. Davon wollen wir das nächste Mal von einem mehr innerlichen Standpunkte sprechen.
