Earth-Death and Universal-Life
Anthroposophical Life-Gifts
Essential Aspects of Consciousness for the Present and the Future
GA 181
23 July 1918, Berlin
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A Sound Outlook for To-day, tr. Unknown
Bewußtseins-Notwendigkeiten für Gegenwart und Zukunft V
V. The Being and Evolution of Man
[ 1 ] Der Frage wollten wir uns nähern: warum der Mensch eigentlich nicht bemerkt, wie die verschiedenen Zeiträume, durch die er im Laufe seiner wiederholten Erdenleben, namentlich für unseren jetzigen Erdenzyklus geht, auch wirklich ihren Inhalten nach, ihren geistigen und sonstigen Kulturinhalten nach verschieden sind. Darüber möchten wir uns klarwerden, warum eigentlich so viele Menschen glauben, daß die Menschen sich wenig geändert haben seit Jahrtausenden, seit dem geschichtlichen Leben, während uns doch eigentlich die Geisteswissenschaft zeigt, wie sehr die Seelen in ihrem Wesenhaften sich geändert haben im Laufe des dritten, vierten und fünften nachatlantischen Kulturzeitraums; im fünften leben wir ja selbst. Wir müssen aus der geisteswissenschaftlichen Erkenntnis heraus eine solche Änderung der Menschenseele konstatieren. Wenn wir jedoch die äußere Geschichte uns vor Augen führen, wie sie gewöhnlich vorgetragen und geschrieben wird, so wird uns diese wenig von einer solchen Veränderung berichten.
[ 1 ] We have been trying to come to grips with the following question: Why does man not notice how different—different spiritually and in their culture—are the several periods in which, during our present earth-cycle, he has spent his repeated earth-lives. We need to understand clearly why it is so widely believed that Man has altered very little during thousands of years, since history began, whereas Spiritual Science shows how greatly souls changed in their essential character during the third; fourth and fifth Post-Atlantean epochs—the fifth being our present one. These changes are confirmed by Spiritual-Scientific knowledge, but we find very little trace of them if we scan outer history, as usually presented and written.
[ 2 ] Um dieser Frage nahezukommen, habe ich gerade letzthin zu zeigen versucht, daß allerdings, wenn man ein wenig auf das Seelische im geschichtlichen Leben der Menschheit sieht, sich die Veränderungen schon zeigen. Ich versuchte begreiflich zu machen, wie anders die Menschenseelen zum Beispiel im 11., 12. Jahrhundert fühlten, und wie anders sie heute fühlen. Ich habe Ihnen das anschaulich gemacht, indem ich in eine solche Seele hineinzuleuchten versuchte, wie in die des Bernhard von Clairvaux im 12. Jahrhundert. Man könnte noch in mancherlei Seelen hineinleuchten. Aber wir wollen, bevor wir auf diesem Wege weitergehen, einmal mehr auf das Zentrale unserer Frage Rücksicht nehmen. Wir wollen direkt die Frage aufwerfen: Was hindert den Menschen, seine Veränderung durch die verschiedenen Erdenleben hindurch in der richtigen Weise anzuschauen?
[ 2 ] I have already tried to show, in approaching this question, that, if one pays a little attention to the soul-element in history the changes spring to light. I have endeavoured to make comprehensible the difference between the feelings of the human soul, in, for instance, the eleventh or twelfth centuries, and those of the of the human soul of to-day. As an example I tried to illuminate for you the soul of Bernard of Clairvaux in the twelfth century. Such examples might be multiplied, but before we go further in this direction, we will revert once more to the kernel of our question: What is it that prevents man from observing rightly how his various earth-lives differ in this respect?
[ 3 ] Daran hindert ihn hauptsächlich der Umstand, daß er, wie er im gegenwärtigen Erdenzyklus ist, recht wenig Anschauung hat von seinem wahren Ich, von seiner wirklichen Menschenwesenheit. Der Mensch würde sich ganz anders seine eigene Natur und Wesenheit vorstellen, wenn nicht gewisse Hindernisse vorhanden wären. Von diesen Hindernissen wollen wir später sprechen. Jetzt wollen wir einmal darauf hinweisen — Sie mögen das zunächst hypothetisch nehmen —, wie sich der Mensch, wenn er auf sein wahres Wesen hinschauen könnte, eigentlich in der Welt vorkommen würde.
[ 3 ] He is chiefly prevented by the circumstance that, as constituted in the present earth-era, he has exceedingly little perception of his real ego, his true human self. But for certain hindrances, he would have quite a different idea of his nature and being, We will deal with these hindrances presently. For the moment I would like to point out,—you can take it, to begin with, simply as an hypothesis—how man would appear to himself if his real being were revealed to him.
[ 4 ] Könnte der Mensch auf sein wahres Wesen hinschauen, so würde er vor allen Dingen fortwährend eine große Veränderung in seinem persönlichen Leben zwischen Geburt und Tod erblicken. Er würde, wie alt er auch ist, ob zwanzig, dreißig oder fünfzig Jahre, zurückschauen auf seine früheren Jahre gegen die Geburt hin und würde sich in einer fortwährenden Metamorphose vorkommen. Er würde die Veränderungen, die er durchgemacht hat, genauer auffassen, und er würde sich hoffende Vorstellungen für die Zukunft machen, daß er dann wieder Veränderungen durchmachen wird. Ich habe von solchen hoffenden Vorstellungen für die Zukunft in früheren Vorträgen, die ich hier gehalten habe, gesprochen.
[ 4 ] If this were possible, he would above all notice a great and constant change in his personal life between birth and death. Looking back from whatever age—20, 30, or 50—towards his birth, he would see himself in perpetual metamorphosis. He would perceive by-gone changes morn clearly and realise hopefully that further changes are in store for him in the future. These I have mentioned in other lectures.
[ 5 ] Wie der Mensch heute einmal ist, macht er sich nicht viel Vorstellungen darüber, wie er sich einmal im Laufe der Zeit verändert hat, weil dieser Mensch sich viel zu wenig sich selbst seelisch vorstellt. So sonderbar das ist, aber es ist doch so, daß sich der Mensch eigentlich, indem er sich heute sich selbst vorstellt, immer in zwei Glieder spaltet. Er sieht auf der einen Seite sein Leibliches, welches er, ich möchte sagen, wie ein ziemlich Starres während seines ganzen Lebens zwischen Geburt und Tod ansieht. Er ist sich zwar dessen bewußt, daß er wächst, daß er klein war und dann größer wurde, aber das ist fast alles, was er über seine äußere physische Wesenheit in sein Bewußtsein aufnimmt. Nehmen Sie eine einfache Tatsache: Sie schneiden sich die Nägel. Warum? Weil sie wachsen. Es ist das ein Beispiel, an dem Sie merken, daß eigentlich ein fortwährendes Abstoßen der äußeren Leiblichkeit Ihres Organismus stattfindet. Sie drängen in der Tat die äußere Leiblichkeit Ihres Organismus nach außen, stoßen sie ab, so daß immer nach einer gewissen Zeit, die im äußersten Falle sechs bis sieben Jahre dauert, das nicht mehr stofflich, materiell in Ihnen ist, was vor sieben oder acht Jahren in Ihnen war. Sie stoßen fortwährend Ihre materielle Gliedlichkeit ab. Aber der Mensch nimmt das nicht in sein Bewußtsein auf, daß er eigentlich immer langsam nach außen abschmilzt und sich von innen wieder aufbaut. Denken Sie sich, wie anders wir uns wüßten, wenn wir uns dessen bewußt wären, daß wir äußerlich unseren physischen Leib gleichsam abstoßen, abschmelzen, und uns innerlich immer neu aufbauen: wir würden die Metamorphose unseres eigenen Wesens dann beobachten!
[ 5 ] Because present-day man is too little inclined to realise himself as a soul-being, he has not much idea of how he has altered in the course of time. Strangely, but truly, his idea of himself is divided into two parts. He sees his bodily part on the one hand, a more or less constant factor in his life between birth and death. He is conscious, of course, that he “grows”, that he was tiny and became bigger, but that is almost all he knows consciously about his outer physical being. Take a simple example. You cut your nails—why? Because they grow. That shows, if you think about it, that a continual process of shedding takes place in your organism as regards the outer bodily part of it. In fact you drive that part out, so that in a certain time, at most in six or seven years, the material of the body is completely changed. You continually get rid of your material outfit. Man, however, is not conscious of this outer dissolution and continual reconstruction from within. Just fancy, how differently we should know ourselves, if we were conscious of how, as it were, we shed the external part of our physical body, dissolve it, and rebuild ourselves anew from within—we should be observing the metamorphosis of our own being!
[ 6 ] Das aber wäre mit etwas anderem verbunden. Daß wir den Leib, den wir an uns tragen, höchstens sieben Jahre an uns haben, daß wir [dann] das Frühere abgeworfen haben: wenn wir das wirklich in unser Bewußtsein aufnähmen, würden wir uns viel geistiger vorkommen. Denn wir würden dann nicht die trügerische Vorstellung haben: Ich war erst ein kleiner Kerl und bin dann immer größer und anders geworden. Sondern man würde wissen: Was der kleine Kerl war an Stofflichkeit, das ist irgendwo; das aber, was geblieben ist, das ist durchaus nichts Stoffliches, das ist etwas sehr Überstoffliches. Wenn man diese Metamorphose in sein Bewußtsein aufnehmen würde, würde man auf etwas zurückblicken, was einem erhalten ist seit seiner Kindheit. Man würde sich als Geistiges an sich erinnern. Gerade wenn wir uns bewußt wären, was in uns vorgeht, würden wir viel geistigere Vorstellungen über uns in uns aufnehmen.
[ 6 ] Something else would be linked with this. If we really took into our consciousness that the body we bear is our possession for only seven years, that we have thrown off all we possessed of it before that, we should appear to ourselves much more spiritual. We should not have the deceptive notion, “I was a little child to begin with—then I grew bigger and different”—but we should know that though the material of the child-substance is somewhere, what has remained is not material, but absolutely super-substantial. If man could bring this metamorphosis into consciousness, he would be looking back at something retained ever since childhood. He would recollect himself as a spiritual being. If we knew what takes place in us, we should have much more spiritual conceptions of ourselves.
[ 7 ] Aber noch etwas anderes wäre damit verbunden: daß wir uns viel weniger abstrakt vorkämen. Wir sprechen eigentlich zu uns, indem wir uns, ich möchte sagen, wie in einen geistigen Punkt verwandeln. Wir sprechen von unserem Ich und haben so die Vorstellung: Unser Ich war da in unserer Kindheit, dann war es weiter da — und ist jetzt da und so weiter. Aber wir stellen uns unter unserem Ich eigentlich nur eine Art geistigen Punkt vor. Wenn wir uns zu der andern Vorstellung aufschwingen könnten, daß wir immer nach außen abschmelzen und uns innerlich wieder aufbauen, dann würden wir gar nicht anders können, als dieses unser Ich als das Tätige, als das Aktive aufzufassen, als das, was bewirkt, daß wir fortwährend nach außen abschmelzen und uns innerlich wieder aufbauen. Wir würden uns als etwas sehr Reales, innerlich Tätiges anschauen. Kurz, wir würden, indem wir auf unser Ich hinblickten, nicht auf unser abstraktes Ich hinschauen, wie wir es jetzt tun, sondern wir würden überschauen, wie dieses Ich innerlich tätig an unserem Leib arbeitet, wie es unseren Leib von Metamorphose zu Metamorphose führt. Wir würden manche Vorstellung korrigieren, denn wir geben uns — zusammenhängend mit dem, was ich jetzt auseinandergesetzt habe — eigentlich über uns recht irrtümlichen Vorstellungen hin. In den Worten der Sprache schon liegen eigentlich recht irrtümliche Vorstellungen über uns selbst. Wir sagen: Wir wachsen —, indem wir uns dabei vorstellen, daß wir erst Kinder waren, daß wir größer geworden sind. Aber so einfach, daß wir erst klein sind und dann größer werden, liegt eigentlich die Sache nicht. Sondern die Wahrheit ist diese, daß wir, indem wir ein kleines Kind sind, die physisch-leibliche Tätigkeit und die geistig-seelische Tätigkeit mehr als eine Einheit erleben, und dadurch halten sich Kopforganismus und Reproduktionsorganismus, Sexualorganismus, in einer gewissen Nähe. Später differenzieren sich diese beiden Erlebnisse, die Kopferlebnisse und Leibeserlebnisse werden einander fremder. Der stoffliche Organismus, der wir als Kind waren, wird nicht größer; denn der wird abgeworfen, schmilzt ab. Aber wir differenzieren uns, die beiden Pole unseres Wesens entfernen sich voneinander. Dadurch wird später in einen gestalteten Leib, bei dem sich die beiden Pole auseinandergezogen haben, der Stoff hineingeordnet. Das kommt uns dann vor, als ob wir bloß wachsen würden. : Wir wachsen aber nicht bloß, sondern wir differenzieren uns innerlich, und dadurch kommen wir im späteren Lebensalter mit andern äußeren Dingen in Zusammenhang als im früheren Lebensalter. Wir müssen später mit unserer Kopforganisation den unmittelbaren Erdenkräften ferner stehen als vorher. Unser Kopf hebt sich. Damit ist das verbunden, daß wir wachsen. |
[ 7 ] Yet again—suppose we looked at ourselves much less abstractly, we talk about ourselves as though we had a “Spiritual centre.” We speak of our Ego and we have the idea: “Our Ego was there in our childhood, and accompanied us further,” and so on; but we really picture it simply as a kind of spiritual centre. If only we could rise to the other conception—that of outer dissolution and inner reconstruction—we could not help regarding the Ego as the efficacious, active cause of it. We should see ourselves as something very real and inwardly active. In short, we would look upon our Ego not as something abstract, but would survey its inwardly active work on our body, leading this from one metamorphosis to another. We should correct any erroneous conceptions which we cherish on the subject at present. They are even embodied in the expression of speech. We say “we grow,” because we have the notion that we were to begin with, children, and have grown taller; but the matter is not as simple as that. The truth is that in a tiny child the bodily and the soul-spiritual activities are experienced more as a unity wherein the head-organism and the reproduction-organism (sex-organism) are closely associated. The two experiences of head and body separate later, becoming alien to one another. The material organism of childhood does not increase, for it is thrown off, dissolved; but the two poles of our own being grow wider apart. By this means, later on, in a fully formed body, in which the poles have separated from one another, our substance is organised from within. It seems to us as mere growth, but that is not so; we are organised inwardly, therefore we are connected with different outward things in earlier and later periods of life. As time goes on, the head-organism needs to move itself further away from the immediate earth-forces. The head rises; consequently, we “grow.”
[ 8 ] Alle diese Vorstellungen werden anders, wenn wir das aufnehmen, was eigentlich die Wahrheit ist. Aber wir nehmen das nicht auf, was die Wahrheit ist. Wir verwischen sozusagen den fortwährend sich metamorphosierenden Leib, der sich fortwährend ändert, wir verwischen ihn und stellen ihn so vor, als wenn er aus sich herauswüchse, größer würde, und dadurch entgeht es uns, was für ein reiches Inneres, bewegtes Lebendiges unser Ich ist, das fortwährend zwischen Geburt und Tod an uns arbeitet. Dadurch würde unsere Vorstellung über uns selbst eine recht einheitliche, wenn wir uns so uns selbst vorstellen könnten. Aber der neuere Mensch — und zwar schon lange — kann sich nicht sich selbst so vorstellen. Das hängt gewissermaßen mit dem Menschenschicksal, mit der ganzen Entwickelung unseres Zeitalters zusammen. Der Mensch steht nicht so nahe vor seinem lebendigen, wirksamen Ich, das eigentlich den Organismus macht von Jahr zu Jahr, sondern er spaltet ihn: er schaut auf der einen Seite auf seinen Organismus hin, den er sich recht konsistent vorstellt, und auf der andern Seite auf sein Ich, das er abstrahiert, zum strohernen Begriff macht. Und dann sagt ein solcher Mensch: Wir sind auf der einen Seite ein Sinnesorganismus, ein körperlicher Organismus; dadurch kommen wir gar nicht an die Dinge heran, weil sie nur Eindrücke auf uns machen können; das Wesen der Dinge enthüllt sich uns gar nicht, das «Ding an sich» kommt gar nicht an uns heran, wir haben nur Erscheinungen. — Gewiß, wenn man auf den fleischlichen Leib als auf etwas Konsistentes sieht, so hat diese Schlußfolgerung eine gewisse Berechtigung. Dann sieht man auf dieses ganz stroherne Ich und sagt: Dadrinnen lebt etwas wie Pflichtgefühl. — Dann schaut man auf das, was man als kategorischen Imperativ zusammenfassen kann. Aber man spaltet dadurch das, was in der Einheit beschlossen ist. Man wird kantischer Philosoph, spaltet die einheitliche Menschennatur, indem man sie nach zwei Seiten hin orientiert. Es geht das sehr tief in das menschliche Denken, was ich jetzt ausgesprochen habe.
[ 8 ] All these conceptions would change if we accepted the actual truth—which we do not do. We leave out of account the constantly changing body, the body that is always becoming different we ignore it and imagine that it grows of itself and becomes larger; and so we fail to notice what a rich, mobile, living, inward entity is the ego, which works on us unceasingly between birth and death. Such a conception would give us a really coherent idea of ourselves if we could but grasp it, but modern man is not capable of that. This is to some extent connected with the destiny of the human race, with the whole development of our epoch. Man does not really identify himself with his living, active, ego, which actually builds his organism from year to year, but he divides it; on the one side he looks at his organism, which he imagines to be solid and enduring, and on the other at his ego, which he makes into an abstraction, a figure of straw. Such a man says: We have on the one side a sense-organism, a bodily one, through which we cannot approach things because they can only make “impressions” on us: the essential nature of the thing does not reveal itself to us at all; the “thing-in-itself!” cannot be apprehended, we have only phenomena. Certainly, to look on the body as enduring substance gives this argument some justification. Then he looks at this insubstantial ego and says: There, within, there is something like a “feeling of duty,” and he sums it up as the “categorical imperative.” The unity is split up. If we thus divide the unity in human nature, criticising it from two sides, we become followers of Kant. What I am now saying goes into the very depths of present-day human thought.
[ 9 ] Der Mensch ist also in der Gegenwart wenig geeignet, sich als vollwesentliche Natur in der Welt aufzufassen. Er spaltet sich in der Weise, wie ich es angedeutet habe. Das aber bewirkt, daß wir eigentlich niemals unser Seelisches wirklich vor dem geistigen Auge haben; denn dieses Seelische-wäre das am Körper fortwährend Arbeitende und ihn Metamorphosierende. Wir haben gar nicht unser Seelisches im Auge, wir haben unseren abstrakten Leib und unser abstraktes Ich gespaltet vor Augen und kümmern uns nicht um das, was der ganze einheitliche Mensch ist. Dieses Gewahrwerden des ganzen einheitlichen Menschen würde aber sogleich dahin führen, daß wir erkennen würden: Was wir so als einheitlichen Menschen erkennen, das ist von Inkarnation zu Inkarnation so verschieden, wie es bei uns geschildert wird; das wahre, wirkliche menschliche Ich, das sich kaschiert, sich verbirgt vor dem menschlichen Seelenblick in der Gegenwart, das ist das, was verschieden ist von Leben zu Leben. — Natürlich, wenn Sie nicht das konkrete menschliche Ich, sondern das Abstraktum «Ich» ins Auge fassen, dann können Sie nicht darauf kommen, daß das Ich so verschieden ist von Leben zu Leben; denn wenn Sie abstrahieren, dann ist schließlich alles gleich, was nur irgendwie einander ähnlich ist. Ähnlich sind natürlich die Seelen in den aufeinanderfolgenden Erdenleben; aber sie sind auf der andern Seite wieder so verschieden, wie wir es immer geschildert haben, indem der Mensch von Leben zu Leben durch die menschliche Entwickelung sich hindurchlebt. Weil der Mensch in Wahrheit nicht die ganze Beweglichkeit seines Leibes und nicht die ganze reale Tätigkeit seines Ich überschaut, deshalb sieht er nicht sein wahres Wesen. Das ist etwas, was wie eine goldene Regel in der wirklichen Menschenerkenntnis und Menscheneinsicht festzuhalten ist. Und warum ist das so?
[ 9 ] Man of this age is little fitted to comprehend himself as a complete being in the word. He divides himself in the way I have described. The result is that we never contemplate our real soul-being with the eye of the spirit, or we would see that this part of ourselves is what continually works upon and changes the body. We look merely at the abstract body and the abstract ego and do not trouble about what the whole undivided human being may be. To become aware of that would at once lead us to recognise that this undivided being is different from incarnation to incarnation. The true, genuine human ego, concealed as it is, hidden at present from the soul's gaze, differs from life to life. Of course, if we are thinking of the abstraction, “ego,” not of the concrete human ego, we cannot arrive at the idea of the ego being so different from life to life. The result of thinking abstractly in this way is that things which are in any way similar are ultimately reduced to a featureless uniformity. Souls of course are similar in successive earth-lives; but on the other hand, they also differ, because from life to life a man passes through the course of human development. Because man does not in truth behold either the mutability of his body, or the real, whole activity of his ego, he does not see his true being. This is, as it were, a golden rule for gaining real knowledge of man and insight into his nature. And why?
[ 10 ] Warum es so ist, das können Sie sich beantworten aus Ihren Kenntnissen über das Ahrimanische und Luziferische. Wir spalten unser Wesen, spalten es so, daß wir auf der einen Seite auf unseren Leib hinsehen als auf etwas, was erst klein wäre und dann sich dehnt und wüchse, während er sich in Wahrheit fortwährend erneuert. Was sehen wir da, was erscheint uns da, wenn wir so auf unseren Leib hinsehen? Das Ahrimanische erscheint uns, dasjenige, was an uns selbst als Ahrimanisches tätig ist. Doch dieses Ahrimanische ist nicht unser wahres Menschenwesen; das ist das Gattungsmäßige, was in der Tat gleich bleibt durch alle Zeitalter hindurch. Wir schauen also eigentlich, indem wir auf unseren Leib blicken, auf unser Ahrimanisches, und die moderne wissenschaftliche Anthropologie schildert eigentlich nur das Ahrimanische am Menschen. Das ist das eine, was wir schauen: das von uns selbst verdichtet vorgestellte Leibliche. Das andere, das wir sehen, ist das abstrakte Ich, das eigentlich recht fluktuierend ist, recht sehr nur in der Zeit lebend ist, wenn wir uns selber dann uns zwischen Geburt und Tod vorstellen. Da haben wir unsre individuelle Erziehung darinnen, unser Nichtsnutzig- und Bravsein, da überschauen wir unser persönliches Leben zwischen Geburt und Tod. Aber wir schauen unser Ich nicht, wie es in Wahrheit ist, wie es an der Metamorphose unseres physischen Leibes arbeitet; sondern wir schauen es dünn, luziferisch verdünnt. Unsere physische Leiblichkeit schauen wir ahrimanisch vermaterialisiert, unser Geistig-Seelisches sehen wir luziferisch verdünnt.
[ 10 ] The answer to this question lies in what you know of the Ahrimanic and Luciferic elements. We divide our being in such a way that on the one side we place our body, which we regard as having been small once and having expanded and grown, whereas it has in reality continually renewed itself. What is it that appears to us if we look at the body in this way? The Ahrimanic element, active within ourselves. But this Ahrimanic element is not our real human being; it belongs to the species and indeed remains the same though all ages. Therefore in looking at the body, we are really looking at our Ahrimanic part, and this is all that modern scientific anthropology describes in man. That is one thing we see—the corporeal part of ourselves, which we hare conceived of as being dense. The other is the abstract ego, which is in reality fluctuating, living strongly within us only; while we form a conception of ourselves, between birth and death. There we have our individual education, our uselessness and also our value,—there we survey our own personal life between birth and death; but we do not see our ego as it is in reality, as it works upon the metamorphoses of our physical body; we see it as Lucifer shows it to as, rarified. We see our physical part materialised, densified by Ahriman; our soul-spiritual part rarified by Lucifer.
[ 11 ] Würde das nicht der Fall sein, würden wit uns nicht so spalten, daß der eine Pol unserer Wesenheit ahrimanisch, der andere luziferisch ist, so würden wir eine viel nähere Beziehung auch zu den Toten haben — die fortwährend unter uns bleiben —, weil wir eine viel nähere Beziehung auch zur geistigen Welt hätten. Wir würden die gesamte Wirklichkeit auffassen, zu der diejenige Welt gehört, in welcher der Mensch auch ist, wenn er durch die Pforte des Todes gegangen ist, und bevor er durch die Pforte der Empfängnis wieder in diese Welt eintritt.
[ 11 ] If this was not so, if we did not divide ourselves so that one pole of our being is Ahrimanic and the other Luciferic, we should have a much more intimate connection with the dead who are always among us, because we should be more closely related to the spirituel world. We should comprehend the complete reality, to which belongs also the world in which man is after he passes through the gate of death, and before he returns to this world through the gate of conception.
[ 12 ] So also haben wir eigentlich nie unser wahres Wesen vor uns, sondern auf der einen Seite das physisch-leibliche ahrimanische Trugbild und auf der andern Seite das geistig-seelische luziferische Trugbild, zwei Trugbilder von uns, zwischen denen aber, für uns unwahrnehmbar, unser wahrer Mensch lebt, von dem wir aber doch, wenn wir vom Menschen reden, sprechen müssen; denn der ist unser wahrer Mensch, der von Leben zu Leben geht.
[ 12 ] Thus we never have our real being before us, but on the one side the physical-corporeal Ahrimanic phantom, on the other the soul-spiritual Luciferic phantom; two phantoms, two delusive images of ourselves, yet between that, imperceptible to us, lives the real man, that being to which we must refer when we say “man,” because this is the true man, progressing from life to life.
[ 13 ] Das müssen wir ganz tief nehmen, was jetzt eben als Menschenerkenntnis angeführt worden ist. Dadurch ist erklärlich, warum man glaubt, daß der Mensch durch die verschiedenen Zeitalter hindurch sich gleich bleibe. Die falschen Gedanken über den Menschen schaut man an, man schaut auf der einen Seite das, was gattungsmäßig durch lange Zeiträume gleich bleibt, und auf der andern Seite dehnt man das, was das wirklich geistig-seelische Wesen ist, nicht über das Leben zwischen Geburt und Tod aus. Würde man erkennen, wie das GeistigSeelische den Leib von Jahr zu Jahr verändert, dann würde man auch den gewaltigen Übergang begreifen, der eintritt, indem das GeistigSeelische durch die Empfängnis in das Physisch-Leibliche hineinschreitet, oder durch den Tod wieder heraustritt. Wir nehmen gar keine Rücksicht darauf, wie das Geistig-Seelische am Leibe arbeitet.
[ 13 ] We must in all seriousness consider what this means for human knowledge. In this way we shall come to understand why it could be imagined that throughout the various epochs man remains the same. What we see are the incorrect thoughts about man; on the one side the idea of what does remain true to the species through long ages, and on the other, the real soul-spiritual psychic being, which is supposed not to extend beyond the life between birth and death. An understanding of how the soul-spiritual element alters the body from year to year would lead to a grasp of the mighty transition which occurs when it envelopes itself in the physical-corporeal through conception or leaves it again through death. We pay no heed to the work performed by the soul-Spiritual element on the body.
[ 14 ] Wir können das, was wir eben ausgesprochen haben, auch noch anders ausdrücken. Unser fertiger Organismus, wie wir ihn ahrimanisch vorstellen, ist eigentlich recht wenig das, was wir als Mensch sind. Wir wohnen nur in diesem Organismus. Was wir eigentlich für gewöhnlich an ihm anschauen, was richtig ahrimanisch verdichtet von uns angeschaut wird, das rührt eigentlich viel mehr aus unserer vorigen Inkarnation her, als aus dieser. Aus den verschiedenen Betrachtungen dieses Jahres und auch aus sonstigen werden Sie entnehmen können: Ihre Physiognomie, Ihre sonstige beständige Bildung ist eigentlich aus Ihrer vorigen Inkarnation, Ihrem vorigen Leben herrührend. Man kann aus der Physiognomie eines Menschen eigentlich sehr gut ersehen, was ihn zurück versetzt ins frühere Leben. Was mit dem physisch-leiblichen Organismus zusammenhängt, das hängt eigentlich viel mehr mit dem vergangenen Leben zusammen als mit dem gegenwärtigen. Der heutige Mensch aber läßt sich einfach berücken, zu sagen: Wir haben ja kein vorhergehendes Leben, also kann auch ein voriges Leben nicht unsere gegenwärtige Gestalt, ob wir groß oder klein sind, uns geben. — Aber das reden wir uns ein. Würden wir uns richtig verstehen, dann würden wir gar nicht anders können, als auf unser voriges Leben zurücksehen. Würden wir uns jetzt das ansehen, wie ich es auseinandergesetzt habe, als an unserem Organismus formend, so würde sich das schon aufhellen. Es würde uns auffallen, was wir nicht formen können, sondern was schon geformt ist aus den früheren Leben her. Wer wirklich hinschauen kann auf den Menschen, der weiß, wie sein Geistig-Seelisches an seinem Organismus formt. Das tritt gewissermaßen aus diesem Menschen heraus, und hinter diesem bleibt das stehen, was ahrimanisch anzuschauen ist als das Geformte aus der früheren Verkörperung.
[ 14 ] All this can be expressed in a different way. What we conceive of as our complete organism is but a small part of what we are as human beings. We only “dwell” in this organism. What we are accustomed to look upon as our organism, densified through Ahriman as we see it, has its real origin much more in our last incarnation than in this one. From the various studies of this year and former years you will gather that your physiognomy, in its present form, results from your preceding incarnation, your last earth-life. In a person's physiognomy we can really see a connection with his former life. Everything belonging to the physical corporeal organism is much more deeply connected with the last life than with the present one. Man of to-day is easily beguiled into saying: inasmuch as we have had no previous life, it cannot give us our present form, whether great or small. That is only self-persuasion. If we were to understand ourselves correctly, we should be obliged to look back to a former life. Paying attention to what forms our organism, in the way I have set forth, would bring enlightenment. A sudden light would be thrown on what we ourselves cannot form, and we would see how it has been formed by an earlier life. We can really have insight into someone if we know how his soul-spiritual part has fashioned his organism. This comes forth, as it were, out of his personality, and behind it remains what Ahriman makes visible as the result of th earlier embodiment.
[ 15 ] Für den, der sich gewöhnt, den Menschen als ein recht lebendiges Wesen anzusehen, für den ist es, wenn er einem andern Menschen entgegentritt, immer so, wie wenn aus diesem Menschen einer herauskommt. Der da herauskommt, ist der gegenwärtige Mensch; man sieht ihn nur gewöhnlich nicht. Der, der dagegen etwas zurückbleibt, das ist der, welcher aus der früheren Verkörperung geformt ist. Und in dem, der da heraustritt, tritt sehr bald etwas hinein. Der da heraustritt, der ist zuerst, ich möchte sagen, recht sehr durchsichtig; dann wird er sehr bald undurchsichtig. Weil das Geistig-Seelische tätig, als Tätiges erscheint, verdichtet es das, was da herausgetreten ist. Und dann tritt etwas heraus, was einem wie ein Keim für das folgende Erdenleben erscheint.
[ 15 ] For anyone who is accustomed to look upon man as a real living being, it is, when meeting a fellow-man, as though an entity emerged from him. Ths entity is his present self: only as a rule it is invisible. The other entity remains a little behind the first, and this it is which was formed from the past life. In the emerging entity something soon presents itself. At first, this entity is, I might say, perfectly transparent, but it rapidly becomes opaque, because the soul-spiritual element, appearing as an active power, densifies the entity which has just emerged. And then appears something else, which seems to be a seed for the ensuing earth-life.
[ 16 ] Dreigliederig drückt sich der gegenwärtige Mensch aus für den, der die Verhältnisse durchschaut. Symbolisch haben mancherlei mythische Darstellungen dieses festgehalten. Versuchen Sie sich an zahlreiche Darstellungen zu erinnern, wo drei Generationen nur deshalb hintereinander dargestellt werden, weil dieses Heraustreten der menschlichen Dreiheit veranschaulicht werden soll. Erinnern Sie sich an manche Isis-Darstellungen, auch an manche Darstellungen der christlichen Zeit, wo hintereinander drei Gestalten dargestellt werden, die zusammengehören. In Wahrheit ist dabei gemeint, was ich jetzt ausgeführt habe. Natürlich kann man es dann umdeuten, wenn man es materialistisch deuten will: Großmutter, Mutter und Kind —, wenn man will. Aber man stellt eine solche Dreiheit deshalb dar, weil sie einer Realität des Anschauens entspricht. Sie stellen sich Bildliches aus der früheren Zeit überhaupt am richtigsten vor, wenn Sie nicht die phantastischen Vorstellungen der gegenwärtigen Wissenschaft ins Auge fassen, die immer nachdenkt, was jemand sich ausspintisiert hat über etwas bildlich Dargestelltes, sondern wenn Sie darauf Rücksicht nehmen, was die Menschen in einer gar nicht so fernen Vergangenheit geschaut haben, und wie sie das Geschaute dann künstlerisch dargestellt haben.
[ 16 ] For him who can perceive the connections, present-day man is seen as threefold. All sorts of myths convey this in their symbols. Call to mind numerous descriptions in which three consecutive generations are set forth, obviously to illustrate the threefold nature of man. Remember many of the renderings of Isis, also various Christian portrayals in which three figures are described as belonging together. Man's threefold nature is what is really meant. Of course a materialistic interpretation is possible—“Grandmother, Mother and Child,” if you like; but the threefold character is put there because it corresponds to a reality which can be perceived. We can most truly picture earlier times if we divest ourselves of the fantastic ideas of modern learning (which always tries to spin a meaning round pictorial representations), and take notice of what humanity's perceptions were in a past not so very far behind us, and how these were expressed artistically.
[ 17 ] Wichtig, ganz besonders wichtig wird eine solche Betrachtung, wie wir sie jetzt eben angestellt haben, wenn wir uns vergegenwärtigen, daß der Christus, der durch das Mysterium von Golgatha gegangen ist, seine Beziehung — von der wir immer sprechen — zu dem wahren menschlichen Ich hat. Wenn Sie also sich das Paulinische Wort vor Augen halten: «Nicht ich, sondern der Christus in mir», so ist dieses «in mir» bezüglich auf das wahre, für die heutige Anschauung verdeckte, kaschierte Ich. Der Mensch muß gewissermaßen auf dieses als ein Geistiges hinschauen, wenn er das rechte Verhältnis zum Christus finden will. Man möchte einmal wissen, wie gewisse Worte der Evangelien aufgefaßt werden können, wenn man das nicht berücksichtigt. Denken Sie nur einmal an jenes Wort des Johannes-Evangeliums, das gleich im Anfange steht, wo Johannes davon spricht, wie der Christus zu dem Menschen kommt als an diejenige Stätte, wohin er gehört. Die Evangelienübersetzer übertragen es gewöhnlich so, daß sie sagen: «Er kam in sein Eigentum, und die Seinigen nahmen ihn nicht auf.» Aber dann heißt es weiter: «Wie viele ihn aber aufnahmen, denen gab er Macht, Gottes Kinder zu werden, die an seinen Namen glauben, welche nicht von dem Geblüt, noch von dem Willen des Fleisches, noch von dem Willen eines Mannes, sondern von Gott geboren sind.» Und es wird wohl bemerkbar gemacht, daß er eigentlich zu allen Menschen, die solchen Bewußtseins sind, kommen wollte. Aber die äußeren Menschen, also alle Menschen, die es gewöhnlich gibt, sind doch ganz gewiß «vom Geblüt und vom Willen eines Mannes». Der Mensch aber, den ich als den wahren bezeichnet habe, der nicht vom Geblüt und Willen eines Mannes geboren ist, der kommt allerdings aus der geistigen Welt und umkleidet sich mit dem, was aus der physischen Vererbung kommt. Das Evangelium spricht von dem Menschen, von dem ich heute gesprochen habe, und deshalb ist es so schwer zu verstehen und wird so falsch ausgelegt, weil man es in Vorstellungen hineinzwängt, wie man sie sich heute machen will. Aber ohne die Vorstellungen, welche die Geisteswissenschaft vermitteln kann, sind die in den Evangelien niedergelegten Dinge nicht zu verstehen. Hat man diese Vorstellungen, dann geht einem in Beziehung auf die Evangelien plötzlich ein Licht auf.
[ 17 ] This kind of consideration is of the utmost importance. if we are to bring home to ourselves that the Christ, Who went through the Mystery of Golgotha, has His relation (of which we speak so often), to the true human ego. If we consider St. Paul's words, “Not I, but Christ in me,” this “in me” refers to the true, hidden ego, invisible to view as yet. Man must in a sense look on it as a Spiritual being if he would find the right connection with the Christ. One would like to know how certain passages in the Gospels can possibly be understood, if this is not taken into account. For instance, the passage at the very beginning of the Gospel of St. John, where John speaks as go the Christ came to man as to the abode where He belongs. The (German) translators usually construe it “He came unto His own estate, and his own people received Him not,” yet the Gospel goes on to say: “But to as many as received Him, to them gave He power to become the children of God, even to them that believe on His Name, which were born, not of blood, nor of the will of man, but of God” (John I. 12,13.). And it is made quite clear that He desired to come to all men who had this consciousness; yet those without, indeed all men, are certainly born “of blood” and “of the will of man”. The being I have been describing as the “true man”, not born of blood nor of the will of man, comes indeed from the spiritual world, and clothes himself in physical heredity. The Gospel is speaking of the man of whom I have told you to-day, and that is why it is so difficult to understand and is so erroneously expounded, fettered as it is by the conceptions current, to-day. Without the conceptions conveyed by Spiritual Science, the underlying, aspects of the Gospels cannot be understood; with them, a sudden light breaks in.
[ 18 ] Mit Bezug auf alle diese Verhältnisse ist eigentlich etwas Großes in der Menschheitsentwickelung mit dem Mysterium von Golgatha vorgegangen. Sie wissen — aus Büchern wie aus Vorträgen —, daß bis dahin dieses ganze menschliche Ich in anderer Weise im Leibe gelebt hat als nachher. Der Zeitpunkt des Mysteriums von Golgatha war zugleich ein solcher, in welchem das ganze Bewußtsein des Menschen sich geändert hat. Das alles ist natürlich dadurch bewirkt, daß die Christus-Wesenheit sich mit der Erdenentwickelung vereinigt hat, wie ich es oft dargestellt habe. Aber die Zeit ist herangekommen, in welcher immer mehr begriffen werden muß, was es eigentlich mit diesem Mysterium von Golgatha und seinem Verhältnis zum Menschen auf sich hat. Ein besonderes Kreuz für viele Erklärer des Evangeliums ist zum Beispiel ein Wort des Christentums, .das in der einen oder andern Weise ausgesprochen oder übersetzt wird, das aber doch eigentlich so lautet, daß «das Himmelreich herabgekommen» sei. Unter denjenigen Menschen, welche diesen Ausspruch gründlich mißverstanden haben, ist ja auch Helena Petrowna Blavatsky, die an dieses Wort, wenn ich sagen darf, eingehakt hat, indem sie meinte: es würde doch von den Christen behauptet, daß mit dem Mysterium von Golgatha eine Art Himmelreich auf die Erde herabgekommen sei, aber es sei gar nichts anders geworden; die Ähren seien nicht zwölfmal so groß geworden, die Kirschen seien nicht größer geworden — und so weiter. Sie will damit andeuten, wie auf der physischen Erde die Sachen nicht anders geworden sind. Dieses «Herabkommen des Himmelteichs», des geistigen Reiches, macht ja sehr vielen Erklärern der Evangelien deshalb große Schwierigkeiten, weil man es nicht gut versteht. Was gemeint ist, das ist, daß die Menschen bis dahin an dem PhysischIrdischen das, was sie als Geistiges überhaupt erleben konnten, im atavistischen Hellsehen erlebten. Nachher mußten sie sich zu dem Geistigen erheben und in dem Geistigen, das wirklich gekommen ist, die Dinge erkennen. Man braucht nicht alle die Spintisierereien zu nehmen, die von den verschiedensten Seiten vorgebracht werden, sondern man nehme die Wirklichkeit, wie sie gemeint ist. Diese Wirklichkeit liegt in Folgendem.
[ 18 ] In respect of all these relationships, something tremendous happened at the Mystery of Golgotha for the evolution of humanity. Before then, as you know, the complete human ego lived differently in the body. The Mystery of Golgotha marked a point of time in which the whole consciousness of man was changed, as the result of the Union of the Christ-Being with earthly evolution. Now the time has , for an increasing comprehension of the Mystery of Golgotha and its connection with mankind. A knotty point for the many expositors of the Gospels, for instance, is the saying which, however expressed or translated., always has the same ring—the saying that “The Kingdom of Heaven has descended.” Amongst those who have entirely misconceived this expression is H.P. Blavatsky, who seized upon it and asserted that Christians therefore maintained that with the Mystery of Golgotha a sort of heavenly kingdom had come down to earth, and yet nothing different has happened—the ears of corn and the cherries have not become twelve times is large, etc.; intimating that on the physical earth nothing is altered. This “descent of the Kingdom of Heaven,” of the spiritual kingdom, crates great difficulties for many commentators of the Gospels, because they do not clearly understand it. The meaning really is that until the Mystery of Golgotha, men had to experience what they could of the spiritual on the physical plane by means of atavistic clairvoyance. After that, they had to lift themselves up to the spiritual, and discern things in the Spirit, which really has drawn near to them. There is no need for the word-spinning arguments which are brought forward from all quarters; the' truth must be recognised, and this truth is as follows:—
[ 19 ] Es ist wirklich mit dem. Christus, der durch das Mysterium von Golgatha gegangen ist, die Sache für die Menschen so geworden, daß sie nicht mehr mit dem bloß physischen Dasein ihr geistiges Dasein empfangen können, sondern leben müssen in der geistigen Welt. Wer nur in der physischen Welt lebt, der lebt nicht mehr auf der Erde, der lebt unter der Erde; denn vom Mysterium von Golgatha ab ist die Möglichkeit gegeben, im Geiste zu leben. Das geistige Reich ist wirklich herbeigekommen. Der Ausdruck wird sofort verstanden, wenn man ihn so nimmt, wie ich ihn erklärt habe. Zu diesem aber steht der Christus in wirklicher Beziehung. Das sollte aber zunächst, vorläufig, verborgen bleiben. Es sollte sich der Menschheit erst nach und nach mitteilen, indem die Menschen es sich erringen. Und erst indem man das einsieht, versteht man den wirklichen Verlauf der neueren Geschichte nach dem Mysterium von Golgatha. In den ersten Jahrhunderten pflanzte sich das Christentum, wie es in die Welt gekommen war durch das Mysterium von Golgatha, in die Gnosis ein, die mehr oder weniger noch vorhanden war. Man hatte sehr geistige Vorstellungen, um sich klarzumachen, was der Christus Jesus eigentlich ist. Dann nahm die Kirche eine bestimmte Form an. Diese Form können Sie ja geschichtlich verfolgen, aber Sie müssen die Aufgabe dieser Kirchenform vom 3., 4., 5. Jahrhundert ab richtig ins Auge fassen.
[ 19 ] The effect for men of Christ having passed through the Mystery of Golgotha is that they can no longer receive spiritual life merely through the fact of their physical existence, but only by living in the spiritual world. Anyone who now lives only in the physical world, is no longer living on the earth, but below the earth; because from the Mystery of Golgotha onwards, the possibility is given us of living in the spirit. The spiritual kingdom has in truth come among us. Taken in this sense; the expression is at once understood, but only in connection with the Christ. This, however, was to be temporarily hidden. As man made the effort to acquire it, it would be gradually communicated to him; and only by gaining insight into it can the real course of, modern history since the Mystery of Golgotha be understood. Christianity, as it had come into the world through the Mystery of Golgotha, was in its early centuries implanted in the Gnosis, which was then more or less still in existence. It embodied very spiritual views of the real nature of Christ Jesus. Then the Church took on a defined form. This form can be traced historically, but you must bear in mind what its task was from the third, fourth, fifth century onwards.
[ 20 ] Was ich jetzt sage, darf durchaus nicht mißverstanden werden. Geisteswissenschaft, wie sie hier vertreten wird, steht wirklich auf dem Boden wahrhaftiger, aktiver Toleranz gegenüber allen bestehenden religiösen Offenbarungen. Geisteswissenschaft muß daher die relative Wahrheit der verschiedenen religiösen Bekenntnisse auch durchschauen können. Nicht als ob die Geisteswissenschaft sich mehr oder weniger sympathisch diesem oder jenem Bekenntnisse zuneigt, sondern sie will den Wahrheitsgehalt der verschiedenen Religionsbekenntnisse zutage fördern; sie wird daher sorgfältig abwägen, wird nicht einseitig sein. Es darf also von der Geisteswissenschaft nicht ausgesagt werden, daß sie zu diesem oder jenem Bekenntnisse hinneige; sie will Wissenschaft vom Geistigen sein. Geisteswissenschaft kann zum Beispiel sehr gut würdigen, daß es schade ist, daß für viele Menschen verlorengegangen ist, was im katholischen Kultus liegt. Die Vorzüge des katholischen Kultus in bezug auf die Kultur weiß die Geisteswissenschaft sehr wohl zu würdigen. Sie weiß auch, wie eine gewisse künstlerische Produktion sehr verwandt ist mit dem katholischen Kultus, der ja nur eine Fortsetzung verschiedener anderer Religionsbekenntnisse ist, viel mehr, als man gewöhnlich glaubt. In diesem Kultus ist tiefes Mysteriumwesen drinnenliegend. Das aber, was ich zu sagen habe, bezieht sich auf wesentlich anderes, jedenfalls nicht auf den katholischen Kultus, der seine innere volle Berechtigung hat, der ein ungeheuer Anregendes für das Produktive des Menschen ist. Aber, was ich auseinandersetzen muß, ist dies: daß die kirchlichen Formen gewisse Aufgaben erhalten haben, Aufgaben, die sie damals noch im höchsten Maße gehabt haben, auch heute übrigens noch haben, als so inbrünstige Naturen wie Bernhard von Clairvaux aus der Kirche herauswuchsen ihres Gottes wegen.. Man muß immer unterscheiden: die Kirche — und solche Persönlichkeiten wie Bernhard von Clairvaux und zahlreiche andere. Was aber hatte die Kirche für eine Aufgabe? Sie hat die Aufgabe, die Seelen möglichst fernzuhalten von der Christus-Erkenntnis, möglichst zu bewirken, daß die Seelen dem Christus nicht sehr nahetreten. Und die Geschichte des kirchlichen Lebens vom 3., 4. Jahrhunderte an und dann weiterhin ist im wesentlichen eigentlich die Geschichte des Entfernens des menschlichen Gemütes von dem Verständnis des Mysteriums von Golgatha. Es liegt eine gewisse Gegnerschaft gegen das Christus-Verständnis in der kirchlichen Entwickelung. Diese negative Aufgabe der Kirche hat schon auch ihre Berechtigung. Sie hat die Berechtigung dadurch, daß die Menschen immer wieder von neuem darnach streben mußten, durch die Kraft ihres eigenen Gemütes, durch die Kraft ihrer eigenen Seele zu dem Christus hinzukommen. Und im Grunde genommen ist das Kommen der Menschen zu dem Christus durch alle diese Jahrhunderte ein fortwährendes Sich-Aufbäumen gegen das Kirchliche. Auch solche Leute wie Bernhard von Clairvaux bäumen sich eigentlich gegen das Kirchliche auf. Studieren Sie selbst Thomas von Aguino: er gilt denen, die kirchlich rechtgläubig waren, als ein Ketzer; er wurde verpönt, und die Kirche hat seine Lehre erst später aufgenommen. Der Weg zum Christus war eigentlich immer ein Wehren gegen die Kirche, und nur langsam und allmählich konnten sich die Menschen zu dem Christus hinarbeiten. Bedenken wir einmal, daß solche Menschen wie zum Beispiel Petrus Waldus, der Begründer der sogenannten «Waldenser-Sekte», im 12. Jahrhundert mit seinen Genossen zusammen ist, und sie alle haben in der damaligen Zeit noch keine Kenntnis vom Evangelium. Die Ausbreitung des kirchlichen Lebens war ja ohne die Evangelien geschehen. Bedenken Sie das doch! Man suchte aus der Umgebung des Petrus Waldus einige zusammen, die etwas aus den Evangelien übersetzen konnten; man lernte so die Evangelien kennen, und als man sie kennengelernt hatte, floß einem ein heiliges, ein erhöhtes christliches Leben aus den Evangelien. Das hatte aber zur Folge, daß Petrus Waldus gegen den Willen seiner Genossen vom Papst als Ketzer erklärt wurde. Bis in diese Zeiten herein haben sich ja auch in Europa noch gewisse gnostische Kenntnisse ausgebreitet, wie zum Beispiel bei den Katharern, übersetzt: die Reinen. Aber diese gnostischen Kenntnisse waren darauf gerichtet, sich Vorstellungen, konkrete Vorstellungen über den Christus und das Mysterium von Golgatha zu machen. Das durfte vom Standpunkte der offiziellen Kirche aus nicht sein. Deshalb wurden die Katharer zu Ketzern. Der Name «Ketzer» ist nur der umgeänderte Name «Katharer», .es ist dasselbe Wort. |
[ 20 ] The explanation now given must not on any account be misunderstood. Spiritual Science, as here advocated, stands on the ground of genuine, active tolerance for all existing religious revelations. Spiritual Science must therefore be able to discover the relative truth of the different religious creeds. It is not that Spiritual Science leans more or less sympathetically towards this or that creed; its aim is to distinguish the truth contained in the different religious denominations; it weighs them all with care, and refuses to be one-sided. Spiritual Science must not be proclaimed as leaning towards this or that Creed: it is the Science of the Spirit. It can for instance, fully appreciate that it is a pity that for many people the inner content of Catholic ritual is lost. It knows how to appreciate the special virtues of Catholic ritual in relation to the course of civilisation, and also that a certain artistic output is closely related to Catholic ritual, which indeed is only a continuation of certain other religious creeds, much more so than is commonly thought. In this ritual there resides a deep element of the Mysteries. However, what I have to say essentially concerns something else, at all events not the Catholic ritual, which has its full inner justification as an extraordinary impulse for human creative achievement. What I now have to set forth is this: that ecclesiastical forms were given certain tasks—which are indeed still theirs to a certain extent, but were given for the most part at the time when such ardent souls as Bernard of Clairvaux found their way to their God through the Church. We must always discriminate between the Churches and such personalities as Bernard of Clairvaux and multitudes of others. What then, was the task of the Church? Its task was to keep souls as far away as possible from an understanding of Christ, to bring it about that souls should not approach too near to Him: The history of Church-life in the third or fourth century, and later on, is substantially the story of the estrangement of the human mind from a comprehension of the Mystery of Golgotha; in the development of the Church there is a certain antagonism towards an understanding of Christ. This negative task of the Church has its justification in the fact that men must always strive anew through the force of their own minds and souls to reach the Christ, and fundamentally through all these centuries man;s approach to the Christ has been a continual struggle of the individual against ecclesiasticism. Even with such men as Bernard of Clairvaux, it was so. Study even Thomas Aquinas. He was reckoned a heretic by the orthodox; he was interdicted, and only later did the Church adopt his teaching. The path to Christ was really always a “defensive action” against the Church, and only slowly and gradually could men win their way to Christ. We have but to think, for instance, of Petrus Waldus, the founder of the so-called sect of the “Waldenses,” and his associates in the twelfth century, none of whom at that time had any knowledge of the Gospel. The spreading of Church-life had come on without the Gospels. Just think of it! From those around Petrus Waldus a few persons were chosen who could translate something of the Gospels; thus they learnt to know the Gospels, and as they learnt, a holy, lofty Christian life flowed to them from the Gospels. The outcome was that Petrus Waldus was declared a heretic by the Pope, against the will of his contemporaries. Up to this time a certain amount of gnostic knowledge had spread even in Europe, as for instance among the “Catharists” translated as “Purified Ones;” it was directed to acquiring concepts, concrete concepts, about the Christ and the Mystery of Golgotha. From the standpoint of the official Church this was not allowed, therefore the Catharists were heretics: “hetzer” (German for “heretic”) is only an alteration of their name—it is the same word.
[ 21 ] Es ist sehr notwendig, daß man dies, wovon ich jetzt spreche, in seiner vollen Schärfe einsieht, damit man den Weg des Christentums von dem Wege der Kirche unterscheide, und damit man durch unsere Zeit begreifen lernt, durch geisteswissenschaftliche Grundlage sich einen Weg zu dem wahren Christus, zu der wahren Christus-Vorstellung ebnen zu müssen. Unendlich vieles gerade aus der heutigen Zeit wird einem klar, wenn man weiß, daß ja nicht bloß alles, was sich auf den Christen-Namen taufte, dazu da war, das Verständnis des Mysteriums von Golgatha zu vermitteln, sondern daß vieles dazu da war, gerade dieses Verständnis zu verhindern, eine Barriere gegenüber diesem Verständnis aufzurichten. Und gibt es denn heute eigentlich nicht auch noch diese Barriere? Gerade heute gibt es sie! Dafür möchte ich Ihnen einiges Charakteristisches vorbringen.
[ 21 ] It is very necessary to take that of which I am now speaking in its full strictness, in order to distinguish the path of Christianity from that of the Church, and thus to grasp how, in our age, through the principles of Spiritual Science, a way must be paved tothe true Christ, to the real Christ-concept. Very many features of the present day become clear when we realise that not all that called itself Christian was intended to communicate the understanding of the Mystery of Golgotha, but that much was even intended to hinder that understanding, to raise a barrier against it. Does this barrier exist to this day? Indeed it does! I would like to give you a case in point.
[ 22 ] Einschließlich des Protestantismus waren ja die Bestrebungen, die vielerorts auftraten, immer deshalb in Opposition mit der Kirche, weil die Kirche vielfach die Aufgabe hatte, gerade eine Barriere gegenüber dem Christus-Verständnis zu errichten, und weil man sich hinarbeiten mußte zum Christus-Verständnisse. Petrus Waldus mußte es tun, indem er die Evangelien gesucht hat. Bis dahin hatte man nur die Kirche, nicht die Evangelien. Aber auch heute haben noch manche Menschen sonderbare Ansichten über dieses Verhältnis der Kirche zu den Evangelien. Aus einer neueren Schrift, die für solche Dinge sehr charakteristisch ist, möchte ich Ihnen eine Stelle vorlesen, aus der Sie erkennen werden, daß diese Ansicht, die damals den Petrus Waldus in den Bann getan hat, weil er in den Evangelien den Weg zum Christus suchte, auch noch in der unmittelbaren Gegenwart ihre Wurzeln hat. Also nehmen Sie eine solche Sache, wie sie auch heute gesprochen wird. In der Schrift, die ich meine, heißt es: «Die Evangelien und die Briefe der Apostel sind uns die an Werth unvergleichlichen schriftlichen Urkunden der Offenbarung; aber sie sind uns weder die Grundlage, auf der sich erst unser Glaube aufzubauen hätte, noch die einzige Quelle, aus der wir den Inhalt dieses letztern selbstthätig schöpften. Nach unserer Auffassung ist die Kirche älter wie die heiligen Schriften, aus ihrer Hand entnehmen wir diese letztern, sie verbürgt ihre Glaubwürdigkeit, und gegenüber den Gefahren der handschriftlichen Überlieferung, gegenüber den Umgestaltungen des Wortlautes bei dem Übergange in alle Sprachen der Erde ist uns die Kirche die allein zuverlässige Auslegerin des Sinnes und der Tragweite aller einzelnen Aussprüche.»
[ 22 ] Manifold endeavours, including that of Protestantism, were always in opposition to the Church, because the Church in many ways had the task of erecting a barrier against the understanding of Christ, and men could do no other than strive for that understanding. Petrus Waldus felt that need when he had recourse to the Gospels. Until then, there was only the Church—not the Gospels. Even now, many strange opinions are held about this relation of the Church to the Gospels. I want to read you a passage from a modern writer, very characteristic of this state of things, from which you will recognise that the opinion which condemnned Petrus Waldus to excommunication is deeply rooted even now. Take it as an example of what is being said even to-day: “The Gospels and Epistles are for us incomparable written records of revelation but they are neither the foundation on which our Faith was built, nor the unique source from which the content of the latter is spontaneously created. In our view the Church is older than the sacred writings; from her hand we receive them, she guarantees their trustworthiness, and as regards the dangers of hand-written transcriptions, and of the changing of the text in translation into all languages of the earth, the Church is the only authoritative interpreter of the sense and import of every particular utterance.” (“The Principles of Catholicism and Science”, by George von Hertling, Freiburg 1899.)
[ 23 ] Das heißt, nicht darauf kommt es an, was in den Evangelien wirklich steht, sondern was die Kirche sagt, was man in den Evangelien zu suchen habe. Ich muß dies sagen aus dem einfachen Grunde, weil auch in unseren Kreisen viel Naivität über die Sache herrscht. Immer wieder und wieder will sich ja auch in unseren Kreisen die Ansicht geltend machen, daß es uns der katholischen Kirche gegenüber mehr nützen könnte, wenn von uns gesagt werden könnte, wir vertreten ‚ eine Christus-freundliche Auffassung. Aber das wird uns der katholischen Kirche gegenüber gar nichts helfen, sondern uns nur anschwärzen, weil in der katholischen Kirche nichts vertreten werden darf über den Christus oder in bezug auf irgend etwas, was über die bloße Naturwissenschaft hinausgeht, was nicht von der Kirche selber als Lehrgut anerkannt ist. Wer also unter uns eine Christus-Vorstellung vertritt und nun glaubt, sich dadurch vor der katholischen Kirche rechtfertigen zu können, der klagt sich ja gerade an, beziehungsweise man hält dafür, daß er sich anklagt, weil er kein Recht hat, aus andern Quellen etwas über den Christus zu sagen als nur aus dem Lehrgut der Kirche.
[ 23 ] This means that the actual content of the Gospels is irrelevant; all that matters is what the Church declares is to be found in them. I have to say this, for the simple reason that even in our own circles there is much simple mindedness on the subject. Again and again one hears the view that it would be useful if we could approach the Catholic Church, saying that our interpretation is entirely favourable to the Christ. But that would not help us at all, it would only blacken us in the eyes of the Church, because she allows nothing to be upheld about the Christ, or about any conclusions beyond those of Natural Science, unless the Church herself recognises it as in agreement with her doctrine. Whoever among us upholds a conception of Christ, and believes thereby to vindicate himself in the eyes of the Church, really accuses himself—is indeed regarded as having done so, because he has no right to declare anything about the Christ from any other source than the Church's own doctrine .
[ 24 ] Derselbe Verfasser, der das gesagt hat, was ich eben vorgelesen habe, spricht sich darüber in einer sehr klaren Weise aus: «Für den Gläubigen verhält es sich damit freilich nicht anders, wie für den Naturforscher mit den Thatsachen der Erfahrung» — also er meint, der Gläubige müsse das, was ihm die Kirche über die geistige Welt vorschreibt, so nehmen, wie die Augen die Naturtatsachen nehmen —, «er muß sie nehmen, wie sie sind, er kann nichts davon abthun oder hinzuthun, gerade die von jedem subjectiven Beiwerke möglichst gereinigte Aufnahme des wirklichen Sachverhaltes ist es, die vor allen Dingen von ihm verlangt wird... Auch die Offenbarungswahrheiten sind ein Gegebenes — für den, der sie im Glauben ergreift. Sie sind zudem ein Abgeschlossenes und Vollendetes. Sie können seit Christus keine Bereicherung erfahren, und es kann ihr Bestand nicht verringert werden, ihrem Inhalte nach ist jede Veränderung ausgeschlossen. » Dies sagt jemand, der vollständig drinnensteht in dem, was der richtige Katholik, der richtige Kirchenkatholik sagen muß. Dieser richtige Kirchenkatholik muß sich zum Beispiel abwenden, mit einem gewissen Widerwillen abwenden von so etwas, wie es durch Lessing eingeleitet worden ist, was ja darauf hinausgegangen ist, das SeelischGeistige wieder zu suchen. Bis zu den wiederholten Erdenleben kam es durch Lessing. Aus dem neueren Geistesleben heraus ist dies geflossen. Das aber, was auf dem Boden der katholischen Kirche steht, muß sich in den ärgsten Widerspruch gerade zu dem deutschen Geistesleben stellen, wie es durch Lessing, Herder, Goethe, Schiller geflossen ist. Derselbe Mann, der das geschrieben hat, was ich Ihnen vorgelesen habe, schreibt daher auch: «Das kirchliche Lehrgebände, wie es heute vor den Theologen hintritt und von ihm zur Darstellung gebracht wird, war allerdings nicht von Anfang an fertig und abgeschlossen. Was Christus den Aposteln mittheilte, was diese der Welt verkündeten, war kein methodisch voranschreitendes, allseitig entwickeltes System; es war eine Fülle von Wahrheiten, die sich alle in der einen Thatsache, der Heilsgeschichte, der Menschwerdung des göttlichen Logos, wie in einem Brennpunkte vereinigen. Aber die Unterweisung der Gläubigen und die Abwehr gegen die Angriffe der Heiden wie gegen die Mißdeutungen der Häretiker machten es nöthig, diese Wahrheiten miteinander systematisch zu verbinden, ihren vollen Inhalt zu entwickeln, ihren genauen Sinn zu fixiren. Dies geschah durch die unausgesetzte Lehrverkündigung von seiten der dazu berufenen Organe, es geschah nach katholischer Auffassung unter Leitung des Heiligen Geistes, aber zugleich unter Mitwirkung der frühe beginnenden kirchlichen Wissenschaft.
[ 24 ] The same author from whose work I have just read, speaks very clearly on the subject: “Believers are in just the same position as is the investigator of nature with the facts of experience.” He means that the believer must receive what the Church dictates to him about the spiritual world, just as the eyes take in the facts of nature. “He must neither take anything away nor add anything, he must take it as it stands; above all the very purest reception of the true content of the matter is expected of him. The truths of revelation are something given, for him who grasps them in faith. For him, they are conclusive and complete. No enrichment of them has been possible since Christ: their volume cannot to decreased, and any change in their content is out of the question”. So speaks one who subscribes fully to the genuine orthodox Catholic view—a view which must dissociate itself, for instance, with a certain aversion from any train of thought such as Lessing's, which leads-towards a renewed search for the Spiritual. Lessing's views went as far as to embrace repeated earth-lives; they are a product of modern spiritual life. The bitterest opposition is bound to exist between the Catholic Church and such German spiritual life as flowed through Lessing, Herder, Goethe and Schiller. This same person (von Hertling) writes further: “The edifice of Church doctrine, as it appears to the Theologian of to-day and is presented by him, was not complete and ready-made from the beginning. What Christ imparted to the Apostles, what they proclaimed to the world, was not a methodical, fully prepared system, developed at all points: it was a rich store of truths, all united as in a focus in one event of sacred history: the story of the Redemption, of the Incarnation of the Divine Logos; but the instruction of the believers, and the necessary defence against heathen assaults, as well as against the misrepresentations of heretics, made it necessary tc unite these truths in a system, to develop their full content, to determine their purport.—This was done by the unwearying proclamation of the doctrine by those specially chosen as instruments, according to the Catholic interpretation under the guidance of the Holy Spirit, but at the same time with the co-operation of the learning of the early Church.
[ 25 ] Die Offenbarung schuf keine neue Sprache, sondern sie bediente sich der im Umlauf befindlichen, indem sie den Sinn und die Bedeutung einzelner Worte umprägte und erhöhte. Auch die Theologie, welche es unternahm, den Inhalt der Offenbarung ordnungsgemäß und lehrhaft auseinanderzusetzen und speculativ zu durchdringen, hatte hierzu gewisse Werkzeuge und Hilfsmittel nöthig, scharf umgrenzte Begriffe zur Gliederung des Stoffes, besondere Ausdrücke, um in verständlicher Weise Beziehungen anzudeuten, welche über die Erfahrungen des täglichen Lebens weit hinausgehen. Damit war der griechischen Philosophie ihre neue welthistorische Aufgabe zugefallen. Sie hatte die Gefäße bereiten helfen, in welche nun ein aus höherer Quelle stammender, unendlich reicherer Inhalt gegossen wurde. Zunächst war es der Platonismus, aus dem man schöpfte. Die Richtung seiner Speculation auf das Übersinnliche forderte direct dazu auf. Viel später, nachdem schon mehr als ein Jahrtausend durchmessen war und die wichtigsten Bestandtheile der Offenbarung längst ihre dogmatische Formulirung gefunden hatten, vollzog sich die enge Verbindung der theologischen Wissenschaft mit der Aristotelischen Philosophie, welche bis zum heutigen Tage fortbesteht.» — Weil also die Aristotelische Philosophie schon im Mittelalter mit der Kirche vereinigt worden ist, darf sie auch heute in der Kirche gelten! — «Mit ihrer Hilfe hat der hl. Thomas von Aquin, der größte Systematiker, den die Geschichte kennt, das große Lehrgebäude aufgerichtet, welches, nur in Einzelheiten hie und da modificirt, für die folgenden Jahrhunderte die katholische Theologie nach Form, Ausdruck und Lehrweise bestimmt hat.»
[ 25 ] “No new language was created by this revelation, but what was already current was used; the sense and meaning of individual words being recoined and heightened. Theology, which undertook to think out the content of Revelation while setting it in order for expository purposes, needed for the task certain tools and resources: sharply circumscribed ideas for organising the subject-matter; special expression for making comprehensible relationships which far exceeded the experience of everyday life. A new task in the history of the world thereby devolved upon Greek philosophy. It had the vessels ready Prepared, into which an infinitely richer content, springing from a higher source, was to be poured. Platonism was the first source of this creative work. The drift of its speculation on the super-sensible distinctly singled it out for the task. Much later, after the lapse of more than a thousand years, when the most important essentials of revelation had at last been formulated in dogma, the close union of theological science with Aristotelian philosophy was completed and exists to this day”. (Because, therefore, the philosophy of Aristotle was united with the Church as long ago as the Middle Ages, its value for the Church today is beyond question!) “With its help, the sainted Thomas Aquinas, the greatest master of system known in history, raised the great edifice of doctrine, which, only modified here and there in detail, has determined Catholic theology as to form, expression and method of teaching ever since.”
[ 26 ] Nun sieht der betreffende Herr, von dem diese Schrift herrührt, ja ein, daß das, was er kirchliches Lehrgut nennt, zustande gekommen ist aus einer gewissen Verbindung desjenigen, was christliche Weisheitssubstanz ist, mit der griechisch-aristotelischen Philosophie. Er stellt sich sogar etwas vor wie eine Möglichkeit, daß in einer Zukunft, die er aber recht ferne sich denkt — er sagt ausdrücklich «in einer heute noch keineswegs nahen Zukunft» —, man mit ganz andern Vorstellungen dem Christentum sich nähern könnte. Er sagt: Wie wäre es denn, wenn das Christentum sich nicht durch die griechische Philosophie ausgebreitet hätte, sondern, wie es ja auch möglich gewesen wäre, durch die indische Philosophie: Es würde alles eine andere Gestalt bekommen haben. Dennoch aber muß bei der Gestalt geblieben werden, die es bekommen hat; man darf es nicht mit einer andern Anschauung verändern, die aus der neueren Zeit kommt. Allerdings verspürt er, daß es Punkte gibt, wo die Sache brenzlig wird: «Ich wende mich nur gegen eine Geistesverfassung, welche auf Gebieten, auf denen der wissenschaftlichen Forschung volle Freiheit zusteht, gegen alle noch so begründeten Einwürfe taub ist und an der Überlieferung festhält.» Aber er hält recht streng an der Überlieferung fest!
[ 26 ] The author in question regards what he calls Church doctrine as having come about by means of a certain union between the Christian wisdom-element and Greek Aristotelian Philosophy. He does recognise the possibility that in a very distant future, (he says expressly “in a future by no means near as yet”), Christianity might be approached through quite different ideas He says: Supposing that Christianity had not been spread abroad through Greek philosophy, but as it might have been, through the Indian, it would have come forth in an entirely different form. However, it must remain in the form it has received: it must not, be changed by any novel view, arising in modern times. But he in certainly aware that there are points where he is treading on thin ice:— “I am only against a spiritual disposition which, in realms where full freedom is accorded to Scientific investigation, is deaf to all the fundamental objections, and holds fast to tradition.” Yet he holds strongly enough to tradition!
[ 27 ] «Und schließlich muß man dann doch nachgeben, wie man bei dem Kopernikanischen Weltsystem nachgegeben hat.» Das war ja erst im Jahre 1827! Aber er wendet sich ab von dem Versuche, der ja auch in berechtigter Weise gemacht worden ist: das Christentum neu zu verstehen, indem man es zu verstehen sucht vom neuzeitlichen Bewußtsein aus. Das behagt ihm ganz besonders wenig. Er sagt: «So könnte ich mir denken, daß eine beute noch keineswegs nahe Zukunft die Verbindung der Theologie mit der Aristotelischen Philosophie lockerte und die nicht mehr verständlichen und noch weniger befriedigenden Begriffe durch andere ersetzte, welche ihrem vielfältig verbesserten Wissen entsprächen.» Er «könnte es sich denken», daß das, was ohnedies niemand mehr versteht, durch etwas ersetzt werden könnte, was auch keiner versteht. «Der Warnung des Evangeliums wäre damit nicht zuwider gehandelt, denn es würde ja nicht neuer Wein in alte Schläuche gegossen, sondern gerade umgekehrt neue Gefäße würden hergestellt werden, um den unerschöpflichen und seiner Wesensbeschaffenheit nach unveränderlichen Wein der Heilslehre darin aufzubewahren und den Gläubigen darzureichen.»
[ 27 ] And finally, it is then necessary to give way, as was done in the case of the Copernican system." That was only in 1827! He turns away from legitimate endeavours to understand Christianity afresh, with a modern consciousness. That is remarkably little to his taste. He says: “I could conceive that a far-distant future might loosen the union of Theology and Aristotelian philosophy, replacing it's no longer comprehensible or satisfying concepts with others, which would correspond to a knowledge improved in many ways.” He “could conceive”—that what nobody in any case understands to-day might be replaced by something equally incomprehensible. “It would not be offending against the warning of the Gospel, because it would not be pouring new wine into old skins, for on the contrary new vessels would be produced, to preserve therein the never-failing wine of the doctrine of salvation, in its essential character, and to purvey it to the faithful.”
[ 28 ] Aber es darf nicht geschehen. Denn: «Aber die Gefäße müßten freilich dazu geeignet sein. Die Versuche, welche im 17. Jahrhundert mit der Cartesianischen, im 19. Jahrhundert mit der Kantischen und Hegelschen Philosophie gemacht worden sind, mahnen zur Vorsicht. Ein Begriffssystem, welches das Aristotelische ersetzen sollte, müßte ebenso wie dieses aus der Fülle des Wissens und des Zeitbewußtseins hervorgegangen [sein] » —, dann würden diese Menschen kommen und sich dagegen wenden, weil sie jedenfalls nicht aus der «Fülle des Wissens und des Zeitbewußtseins» hervorgegangen sind — «es [das Begriffssystem] müßte ebenso wie dieses zu dauernder Herrschaft über weite Kreise der denkenden Menschheit gelangt sein. Auch dann aber würde seine Verwendung in der kirchlichen Theologie sich schwerlich ohne allerhand Irrungen und Wirrungen vollziehen.» Man müßte «arbeiten», um die Verständigung zu bewirken. «War es doch im 13. Jahrhundert nicht anders, als durch Vermittlung der Araber die vollständige Aristotelische Philosophie zur Kenntnis des christlichen Abendlandes kam. Ihre Aufnahme stieß zum Theil auf heftigen Widerstand. Auch einem Thomas von Aquin blieben die Anfeindungen nicht erspart. Er galt damals vielen als ein Neuerer, gegen den die Verfechter des bewährten Alten ihre Angriffe zu richten hätten.»
[ 28 ] But that must not happen. He goes on: “But the vessels must be chosen ones. The attempts made by Cartesianism in the seventeenth century, and by the philosnphy of Kant and Hegel in the nineteenth, exhort us to prudence. A school of ideas which would replace Aristotelianism would have to arise, just as that did, From fulness of knowledge and contemporary consciousness.” Then these same men would oppose it, because they at any rate are not the offspring of “fulness of knowledge and contemporary consciousness”. “It would have to acquire equal authority over wide circles of thinking humanity, and even then its transformation into ecclesiastical theology would hardly be attained without errors and perplexities on all hands.” It would be necessary to “labour” to bring about understanding. “As, for instance, in the thirteenth century, when through the Arabs the complete philosophy of Aristotle was brought to the Christian West. Its reception aroused severe opposition. Even a Thomas Aquinas was not spared hostility. He was held by many to be an innovator, against whom the champions of the well-tried old order had to marshal their forces.”
[ 29 ] Es ist merkwürdig, wie die Menschen sind, wie sie das, was sie sich ganz gut denken können, absolut nicht aufkommen lassen, wenn es eben aus dem Prinzip ist, das alte Verständnis des Christentums gerade zurückzudrängen, wenn sie aus dieser Zeit selbst sind. Und man kann nicht sagen, daß eine solche Sache nicht schlau gemacht ist. Es ist sehr gelehrt, denn das Büchelchen schließt mit einem wirklich bedeutsamen Hinweis, mit dem Hinweis auf eine Ordensgemeinschaft, welche es von jeher mit der Klugheit gehalten hat, mit dem Hinweis auf eine Ordensgemeinschaft, welche anders sich eingerichtet hat als Bernhard von Clairvaux oder als Franz von Assisi, die auf eine gewisse mystische Hinneigung zur Frömmigkeit sich eingerichtet haben. Jene andere Ordensgemeinschaft hat weniger Wert gelegt auf mystische Frömmigkeit oder dergleichen, wohl aber auf eine gewisse Klugheit und auf eine Verständigung den Dingen des Lebens gegenüber. Daher sagt auch das Büchelchen zum Schluß: «Ich schließe mit einem Ausspruche des hl. Ignatius von Loyola, welcher Aufnahme in die Constitutionen des Jesuitenordens gefunden hat, und auf den neuerdings von verschiedenen Seiten hingewiesen worden ist: ‹Die Beschäftigung mit der Wissenschaft, wenn sie mit dem reinen Streben eines Gottesdienstes getrieben wird, ist gerade darum, weil sie den ganzen Menschen erfaßt, nicht weniger, sondern noch mehr Gott wohlgefällig als Übungen der Buße.› »
[ 29 ] It is remarkable how it is with this principle of over coming an old way of understanding. “Christianity—men may think it quite a good principle, but they absolutely will not admit its validity in their own epoch. It cannot be said that such a thing is done in simplicity. It is very learned, for the pamphlet concludes with a really significant reference—a reference to an Order which has at all times had reputation for shrewdness—a brotherhood which has a different standing from that of Bernard of Clairvaix or Francis ef Assisi, whose reputation rested or a certain mystical tendency. This other Order reckoned mystical piety and such-like of less value than a certain shrewdness and understanding of worldly affairs. Hence the pamphlet says in conclusion: “I end with an utterance of St. Ignatius of Loyola, which has been incorporated into the constitution of the Jesuit Order, and has ben referred to of late in different quarters: “Scientific pursuits, if they are undertaken with pure striving in the service of God, are on that account, because they comprehend the whole of humanity, not less, but more pleasing to God than pennance.”
[ 30 ] In unserer Zeit ist es geschehen, daß man versucht hat, klares Verständnis nach allen Seiten zu erwecken. Das will ich Ihnen an einem Beispiele beweisen. Ich habe Ihnen heute aus einer Schrift vorgelesen, aus der Sie sehen können, wie man sich auf einer gewissen Seite verhält im Sinne einer Strömung, die ich charakterisierte. Daß man sich so verhält, das sieht zum Beispiel ein Herr ein, der über den Mann, der dieses Schriftchen geschrieben hat, vor kurzem — es ist wichtig, daß es vor kurzem gewesen ist — einen Aufsatz geschrieben hat. Aus diesem Aufsatze also will ich Ihnen jetzt eine Stelle vorlesen: «In der 1893 gehaltenen Rede «Über die Aufgabe der katholischen Wissenschaft und die Stellung der katholischen Gelehrten in der Gegenwart» legt er das Bekenntnis ab: «Auch wir katholische Gelehrte des neunzehnten Jahrhunderts sind überzeugt, daß zwischen Wissen und Glauben kein Gegensatz besteht, sondern beide dazu bestimmt sind, einander in inniger Harmonie zu durchdringen. Wir sind überzeugt, daß es keine zweifache Wahrheit gibt und geben kann. Gott ist die Quelle aller Wahrheit; er hat zu uns gesprochen durch die Propheten und den fleischgewordenen Logos; er spricht zu uns in dem Lehramte der Kirche, aber nicht minder auch in den Gesetzen der Logik, an die wir uns zu halten haben, wo wir nach der Erkenntnis der natürlichen Wahrheiten streben. Und weil Gott sich nicht widersprechen kann, darum kann es keinen Gegensatz geben zwischen übernatürlichen und natürlichen Wahrheiten, zwischen den Lehren der Offenbarung und dem, was ernste, aufrichtige, den Gesetzen der Logik und den Regeln der Methodologie folgende Wissenschaft zutage fördert.» Damit ist aber die Philosophie mundtot gemacht. Ihre Freiheit mutet uns genau so an, wie die der Herde innerhalb der Umzäunung oder der Gefangenen innerhalb der umschließenden Mauern. So wenig diese frei sind, weil sie die eigenen Füße zur Bewegung und ihre eigenen Hände zur Tätigkeit gebrauchen dürfen und sich auf dem umschlossenen Gebiete | beliebig bewegen können, so wenig, ist die Philosophie mit ihren eigenen Prinzipien unter der bestimmenden, begrenzenden Herrschaft des Glaubens frei. Eine katholische Philosophie enthält unmittelbar einen Widerspruch in sich selbst, denn sie ist nicht voraussetzungslos frei, auf sich selbst gestellt.» Wenn unsere Geisteswissenschaft nicht auf sich selbst gestellt wäre, so wäre sie nicht das, was sie sein soll. «Sie [die katholische Philosophie] hat eine gebundene Marschroute. Eine Philosophie, die Anspruch auf Wissenschaftlichkeit erhebt, darf nur das mit rücksichtsloser Konsequenz festhalten, was dem eigenen Forschen und Denken entstammt, an die strengen Regeln der Forschung und Beweisführung gebunden ist; sie darf nicht innerhalb einer bestimmten Religion, auf einem bestimmten kirchlich-dogmatischen Standpunkt stehen. Andernfalls ist sie nicht Wissenschaft, sondern unwissenschaftlicher Dogmatismus; sie wird nicht von Wissensprinzipien, sondern von dem Glauben und Glaubenssätzen bestimmt. Sie geht nicht unbehindert und unbeeinflußt ihren Weg, sie folgt nicht unbefangen ihren eigenen Gesetzen, sondern erkennt von vornherein eine zu Recht bestehende Wahrheit an und begibt sich ihr gegenüber der Selbständigkeit. »
[ 30 ] The endeavour has been made in our own time to awaken clear understanding on all sides. I will prove this to you by an example. I have been reading to you from this author so that you may see the position taken up by those who hold certain views, as regards a movement I was describing. This attitude of theirs was perceived by a writer who published a short time ago, (it is important to note that it is of recent date) an article on the author of this pamphlet. I will read an extract from it: “At the Conference in 1893, on the subject of Catholic Science and the position of Catholic savants at the present day this declaration was made: “We Catholic-Scientists of the nineteenth century are convinced that there is no antagonism between Science and Faith, but that they are ordained to combine in inner harmony. We are convinced that no two sides of truth exist, or can exist. God is the source of all truth; He has spoken to us through the Prophets and the incarnated Logos; He speaks to us through the ordained ministry of the Church, and no less in the laws of logic, which we must hold to when we strive for knowledge of the truths of Nature. eBcause God cannot contradict Himself, therefore no antagonism can exist between supernatural and natural truths; between the teachings of revelation and a science which earnestly, honestly brings to light the laws and the rules of method.” “This really means, however, that philosophy is reduced to silence. Its freedom is just the same for us as that of a flock of sheep in its enclosure, or the prisoners within walls. Philosophy, as regards its own principles, is just as little free under the determining, limiting rule of faith as they—who are allowed to walk about on their own feet, to use their own-hands and to move as they like, but in a strictly—enclosed space. The phrase “Catholic philosophy” embodies a direct contradiction, for by its own account of itself it is not unconditionally free.” If our Spiritual Science were not independent, it would not be what it ought to be. “Catholic philosophy has to follow a prescribed line of march. A philosophy claiming to be based. on scientific method must hold firm, regardless of consequences, to nothing outside the results of its own researches and its own thinking. It is bound by strict rules of investigation and verification, and is forbidden to take its stand within any particular religion or on any point of ecclesiastical dogma. Otherwise it is not science but unscientific dogmatism, governed not by principles of knowledge, but by faith and the power of faith. In that case it does not go its way unhindered and uninfluenced, nor does it follow impartially its own laws, but it acknowledges as a matter of course an ordained truth, and, in relation to that, resigns its independence.” (Dr. Bernhard Münz. “The German Imperial Chancellor as Philosopher” in the “Austrian Review”, 15th April 1918.)
[ 31 ] Das aber ist gerade die Aufgabe unserer heutigen Zeit, daß wir den Weg finden, wo sich jede Menschenseele auf sich selbst stellen kann. Im herbsten Widerspruch mit der eigentlichen Aufgabe unserer Zeit steht daher ein Mensch, welcher so etwas behauptet wie das, was ich Ihnen aus jener Schrift vorgelesen habe. Sie sehen, es gibt auch Menschen, die das einsehen: daß jedenfalls eine Weltanschauung, eine wissenschaftliche Weltanschauung nicht möglich ist, wenn man solche Ansichten hat. Aber es scheint doch recht schwer zu sein, in der Gegenwart sich die Unbefangenheit seiner Urteile zu bewahren, trotzdem es so notwendig wäre. Denn davon, daß die Menschen dahin kommen werden, ihren seelischen Zusammenhang zu finden, wie sie mit der geistigen Welt zusammenhängen, davon wird der Weitergang der Kultur abhängen; und wer dies nicht einsieht, verhindert das Allerwichtigste, was die Gegenwart als Aufgabe hat. Diese Konsequenz müßte man in jedem Falle ziehen. Heute ist das Merkwürdige, daß die Leute etwas einsehen können, aber dann sonderbarerweise andere Konsequenzen daraus ziehen. Denn der Verfasser jenes Aufsatzes schreibt dann über den Mann, von dem ich Ihnen das vorgelesen habe, was dann in dem Bekenntnis zum Jesuitentum gipfelt und der Mann, der diese Schrift geschrieben hat, war, als er sie verfaßt hat, Georg Freiherr von FHertling, heute bekanntlich Graf von Hertling —, der Verfasser jenes Aufsatzes schließt aber, nachdem er vorher gesagt hat, «das alles schließt die Wissenschaft aus», seinen Artikel mit den Worten: «Graf Hertling ist eine entschieden ausgeprägte Individualität. Individualität heißt wörtlich Unteilbarkeit, aber eben diese bedingt zugleich Einteilbarkeit, innere Abstufung, durchgängige Organisation. Einzelseele, Stammesseele, Volksseele treffen sich und steigern sich gegenseitig in diesem Manne; Seelendreieinigkeit ist es, welche ihn so stark macht und ihm den Stempel des auserwählten Kanzlers des deutschen Reiches aufdrückt.»
[ 31 ] That is precisely the task of the present time, to find the way for every human being to stand on his own feet. A man who maintains such things as you have just heard quoted stands in sharpest contradiction to this task. There are people who see that such opinions preclude any possibility of a scientific view of the universe; but it seems very difficult at the present time to prove the impartiality of one's judgment, however necessary it may be. The further progress of civilisation will depend on men comin to learn how in their soul-being they are connected with the Spiritual world; whoever shuts his eyes to this, hinders the most important task of his own day. There is no escape from this conclusion. The remarkable thing to-day is that people can look at the matter, and in a marvellous way draw other conclusions from it. The author of this article writes of the man from whose pamphlet I have read to you, which culminated in the confession of Jesuitism. The “subject” of the article is Georg von Hertling, now “Count” Hertling.—The author of the article, however, in spite of having said that the outlook he is criticising “excludes all science”, adds in conclusion: “Count Hertling is a decided, strongly-marked individuality. Individuality literally means indivisibility, but in this case it implies divisibility, inner blending, universal organisation. Individual soul, family soul, and nation-soul meet and are accentuated side by side in this man: this trinity-of soul it is that makes him so strong and stamps him as the predestined Chancellor of the German Empire.”
[ 32 ] Es ist notwendig in unserer heutigen Zeit, daß wir die Möglichkeit finden, den Nerv zu ergreifen, durch den das Fluidum der Geisteswissenschaft fließen muß. Und dieser Nerv kann kein anderer sein als der, welcher dadurch dasjenige durch sich fließen läßt, wodurch die Menschenseele ihren eigenen Weg zu dem geistigen Leben findet. Das muß man gründlich verstehen, denn das hängt mit den tiefsten Bedürfnissen, mit den notwendigsten Impulsen unseres heutigen Zeitalters zusammen. Denn unsere Zeit fordert von dem Menschen, daß dieser Mensch in die Lage kommen könne, wenn er etwas durchschaut, sich auch dazu zu bekennen, auch wirklich die Konsequenzen daraus zu ziehen. Unsere Geisteswissenschaft wird wahrhaftig nur bei solchen Menschen, die den Mut zur Wahrheit haben, sich halten können, sonst wird man immer mehr und mehr solche Dinge erleben können. Auch das muß ich sagen, weil sich ja bei uns naive Gemüter immer mehr und mehr finden, die ihre helle Freude haben, wenn es einmal vorkommt, daß da oder dort etwas Geisteswissenschaftliches oder geisteswissenschaftlich Scheinendes gelobt wird. Gerade in diesem Punkte muß man Unterscheidungsvermögen haben. Loben kann uns viel schädlicher sein und viel mehr unseren Bestrebungen widersprechen als irgendein Tadel, wenn er ehrlich gemeint ist.
[ 32 ] A need of our time is to find a way of touching the nerve through which the current of Spiritual Science must flow, and this can be none other than the one which enables the soul to find its onn way to the spiritual world. This must be thoroughly understood, for it is bound up with the deepest needs, the most indispensable impulses, our age. Our time demands of man that he should be able, in noticing a thing, to admit it, and to draw the real conclusions from it. Spiritual Science can be genuine only in those who have the courage to face truth and to maintain it; otherwise such experiences as I have described will become more frequent. I must add this, because more and more simple minds are to be found amongst us who hear with joy any praise of Spiritual Science, or what appears like it. Discrimination precisely in these very points is necessary. “Praise” can be far more hurtful and run far more counter to our efforts, than adverse criticism, when honestly meant.
[ 33 ] Da hat Hermann Heisler, ein protestantischer Theologe, in Konstanz Vorträge gehalten, die er dann gesammelt hat unter dem Titel «Lebensfragen, 17 Predigten von Hermann Heisler». Hier ist mir zufällig eine Kritik dieses Buches von Hermann Heisler zugekommen, die sehr charakteristisch ist, und unsere naiven Freunde werden vielleicht diese Kritik zu dem zählen, worüber sie sich zu freuen hätten, weil eigentlich alles gelobt wird. Aber charakteristisch ist diese Kritik: «Diese Predigten verdienen besondere Beachtung, schon um des Predigers willen. Er war zehn Jahre evangelischer Pfarrer in Steiermark und Böhmen, hat dann, erschreckt von der Gefahr, in der Routine des Amtes zu erstarten, vorläufig auf sein Amt verzichtet, um sich jahrelang gründlichen naturwissenschaftlichen und philosophischen Studien hinzugeben, bis er schließlich, von innerem Ruf getrieben, mit neuer Freudigkeit und Liebe zum geistlichen Amt zurückkehrte. Da er nämlich dem Vaterlande nicht mit der Waffe dienen konnte, hat er seiner heimatlichen badischen Landeskirche seine geistlichen Dienste angeboten und ist mit einem Pfarramt in Konstanz betraut. Dort sind im Laufe des Jahres 1917 die vorliegenden 17 Predigten gehalten. Sie ragen auch inhaltlich hervor. Sie beruhen alle auf gründlicher Geistesarbeit und muten ihren Hörern und Lesern ernste Mitarbeit zu. Sie wollen nicht schöne Gefühle entflammen, sondern durch ernsthaftes Denken eine zum Wissen werdende Überzeugung bilden. So vermeiden sie den Predigtton und lesen sich fast wie wissenschaftliche Abhandlungen gediegen volkstümlicher Art über religiöse Probleme. Ich nenne als Beispiel die Predigt über den vieldeutigen Begriff Freiheit. Sie kommt zu dem wahren Ergebnis: ‹Freilich bleibt es immer ein Müssen, das uns leitet. Wir folgen auch als befreite Menschen dem Ziel, das uns am stärksten lockt. Aber das ist das Gottesgeschenk der Freiheit, das uns Christus bringt, daß die niederen Lockungen der Sinneswelt ihre zwingende Macht über unsere Seele verlieren, und daß die Herrlichkeit der Geisteswelt innere Gewalt über uns gewinnt.› Aber das Eigentümliche der Heislerschen Predigt liegt nicht allgemein in der starken Anspannung des Denkens, es liegt im bestimmten Inhalt seiner Gedanken: Heisler ist überzeugter begeisterter Theosoph. Er selber würde wohl lieber sagen: Anhänger der Geisteswissenschaft. Sie darf aber nicht mit spiritistischem Glauben an Materialisation von Geistern verwechselt werden, sondern behauptet eine rein geistige, an kein materielles Mittel gebundene Wirkung des Geistes. Unsere Gedanken sind Kräfte, die unsichtbar, aber machtvoll von uns ausstrahlen und der ganzen Natur fördernd oder schädigend den Stempel unseres Wesens einprägen. Dieser Glaube an die unzerstörbare Macht des Geistes soll sich tröstend auswirken in der Predigt: «Unsere Toten leben»; er gewinnt überraschende Form in der Predigt «Schicksal». Auf Grund von Joh. 9 (der Blindgeborene) wird hier die alte indische und orphische Lehre von der Seelenwanderung, der Wiederverkörperung der Seele in einem irdischen Leibe, gelehrt: mit ihr will der Prediger die Rätsel des scheinbar oft so ungerechten Schicksals lösen, und ähnlich wie Lessing in seiner Erziehung des Menschengeschlechts, den Glauben an eine planvolle göttliche Erziehung wecken. Wenn ich noch sage, daß Heisler diese Lehre wie seine ganze Geisteswissenschaft als Rückkehr zum Neuen Testament empfindet, und daß er sie als Wissenschaft vorträgt, also die Kantische Grenze zwischen Wissen und Glauben bewußt überschreitet, so habe ich seine Gedanken wohl in den Hauptzügen skizziert.»
[ 33 ] Hermann Heisler, a protestant theologian, gave seventeen sermons in Constance and published them afterwards under the title of “Vital questions of the Day”. By chance a characteristic review of his book fell into my hands, and our unsophisticated friends would perhaps count it as something to be pleased with, inasmuch as it is unadulterated praise: “These sermons deserve particular attention, on account of their authorship. Heisler was for ten years an evangelical Pastor in Styria and Bohemia, then, alarmed at the danger of becoming numbed by the routine of his office, resigned it for the time being, in order to devote himself for a year to studying the fundamentals of natural science and philosophy. Finally, urged by an inner call, he returned to his spiritual sphere with new joyfulness and love. As he could not serve his country with the colours, he offered his spiritual services to the Church of his native Baden, and was entrusted with a cure of souls at Constance, where these seventeen addresses were given in 1917. They are remarkable as regards their substance. They are all based on deep spiritual effort, and expect hearers and readers alike to share in it. They are not, designed to arouse beautiful feelings but to lead through earnest thinking to convinced knowledge. They avoid the sermonising tone, and read almost like scientific treatises developed in a popular way about religious problems. I would instance the sermon on that many-sided conception, freedom. It arrives at the true conclusion: ‘Of course there always remains as absolute necessity which directs us. Even as free human beings, we still follow the aim which most attracts us; but the divine gift of freedom which Christ brings us is that the lower attractions of the sense-world lose their constraining power over our souls, and the majesty of the spiritual world gains inner sovereignty over us.’ ” The peculiar feature of Heisler's preaching, however, does not lie in the powerful grasp of his thinking, but in its special content: Heisler is a convinced, inspired Theosophist. He himself would rather use the term, “follower of Spiritual Science”. That must not be confused with the spiritualistic belief in the materialisation of spirits. It calls for a purely spiritual activity, bound to no material means. Our thoughts are forces, which, invisible yet powerful, stream out from us and impress the seal of our being on the whole of Nature, beneficially or the reverse. This belief in the imperishable power of the spirit is set forth for our comfort in the address, ‘Our Dead are Alive;’ it takes an amazing form in the one on ‘Destiny.’ Based on the account in St. John's Gospel of the man born blind, the old Indian and Orphic doctrines of the soul's pilgrimage, its reincarnation in an earthly body, is taught; the preacher would thereby solve the riddle of how fate so often seems unjust, and, like Lessing in his “Education of the Human Race,” would arouse a belief in a carefully planned divine education of humanity. When I add that Heisler looks upon this teaching, indeed on all his Spiritual Science, as a return to the New Testament, lecturing upon it as science, and consciously overstepping the Kantian boundary between knowledre and faith, I have sketched his scheme of thought it its main features.”
[ 34 ] Man könnte nun sagen: Was will man denn mehr? Man kann ja eigentlich nichts Besseres schreiben! — Aber der Mann, der dies schreibt, schließt seine Betrachtung: «Ich persönlich lehne diese Geisteswissenschaft ab und bleibe bei Kant stehen. Aber die Predigten enthalten im übrigen so viel Gutes, und die Theosophie bewegt augenblicklich die Theologie in so bedeutsamer Weise (vgl. z.B. Rittelmeyers Aufsätze in der «Christlichen Welt»), daß ich glaube, vielen Theologen und Laien einen Dienst zu tun, wenn ich sie nachdrücklich auf diese Predigten von Heisler hinweise.»
[ 34 ] “Well, we might say, what more is wanted! Really nothing better could be written! But the author of the review concludes his considerations thus: “I myself reject this Spiritual Science and abide by Kant; but after all, the sermons contain so much that is good, and Theosophy is for the moment agitating theology in so significant a way, (cf. for example, Rittlemeyer's writings in the Christliche Welt), that I believe I do many theologians and laity a service by drawing attention emphatically to these addresses.” (D. Schuster in “The Hanover Courier”, 18th July, 1913.)
[ 35 ] Das ist die Art, wie vielfach in unserer Zeit gedacht wird, wie in unserer Zeit dem Denken die innere Kraft und der innere Mut fehlen. Der Mann hat «nur Gutes» zu sagen; man merkt, er sieht das Gute auch ein, denn er kann es ganz hübsch formulieren. Dann jedoch: «Ich persönlich lehne diese Geisteswissenschaft ab»! Da haben Sie die Früchte dessen, was ich vorhin charakterisierte, und viele Dinge in der Gegenwart hängen mit diesen Früchten zusammen.
[ 35 ] That is often the way of thought in our age: inner force and courage are lacking in it. The man has “nothing but good” to say; one notices that he has insight into the good, because he can define it in charming words; but then—“I personally reject this Spiritual Science”! There you have the fruits of what I began by describing, and much in the present time is connected with these “fruits”.
[ 36 ] Dies will ich heute über acht Tage noch weiter auseinandersetzen: jene Strömung, die ich heute charakterisierte, und die dann hinüberführt bis in die Sozialdemokratie und den Bolschewismus.
[ 36 ] In the next lecture I will deal further with the tendency I have been discussing, and its effects in social demorcacy and Bolshevism.
