Erdensterben und Weltenleben
Anthroposophische Lebensgaben
Bewußtseins-Notwendigkeiten für Gegenwart und Zukunft
GA 181
30 Juli 1918, Berlin
Bewußtseins-Notwendigkeiten für Gegenwart und Zukunft VI
[ 1 ] Ich werde heute einiges weiter skizzieren aus dem Zusammenhange heraus, den wir im Laufe der letzten Betrachtungen schon zu verstehen versucht haben. Die Gegenwart mit ihren verschiedensten Strömungen, geistigen, materiellen Strömungen zu verstehen, ist ja außerordentlich schwierig, und man sollte gar nicht glauben, daß man sie verstehen könnte, diese verworrene Gegenwart, ohne den Willen, dasjenige zu erkennen, was sich für diese Gegenwart im Grunde genommen lange, lange im Schoße der Geschichte vorbereitet hat. Wir wollen heute in dem Sinne, wie wir das aus unserer Geisteswissenschaft heraus versuchen können, zurückschauen auf den sogenannten vierten nachatlantischen Zeitraum.
[ 2 ] Sie wissen, wir müssen diesen Zeitraum beginnen lassen ungefähr mit dem Jahre 747 vor dem Mysterium von Golgatha, und er schließt für uns mit dem Beginn des 15. Jahrhunderts, etwa mit dem Jahre 1413. Wir blicken also auf diesen Zeitraum — die Zahlen sind natürlich so aufzunehmen, wie überhaupt in bezug auf diese Dinge die Zahlen —, weil wir in diesem Zeitraum gewisse zusammengehörige, miteinander verwandte Kräfte sehen, die sich von all den Kräften, die im vorhergehenden und im nachfolgenden Zeitraum herrschen, ganz wesentlich unterscheiden. Dieser Zeitraum, den wir die Entwickelung der Verstandes- oder Gemütsseele in der Menschennatur nennen, kann uns wiederum in drei kleinere Epochen zerfallen: in einen Zeitraum, den wir etwa so begrenzen können, daß wir ihn beginnen lassen etwa 747 vor Christus — das ist ja auch die wahre Begründuneszahl von Rom und schließen etwa im Jahre 27 vor dem Mysterium von Golgatha. Der zweite kleinere Zeitraum würde sich dann erstrecken von diesem Jahre 27 bis etwa zum Ende des 7. Jahrhunderts, bis zum Jahre 693 nach Begründung des Christentums; und der letzte, der dritte kleinere Zeitraum in diesem größeren, umschließt die Zeit von 693 bis etwa 1413. Seit jenem Zeitpunkte, seit etwa 1413, stehen wir dann in derjenigen Zeit drinnen, die unserer Seelenentwickelung die uns ja in ihrer Eigenart bis zu einem gewissen Grade schon bekannten Seelenkräfte gibt. So wie man den vierten nachatlantischen Zeitraum in bezug auf die Seelenentwickelung der Menschheit scharf abgrenzen kann von den drei vorhergehenden, dem urindischen, dem urpersischen und dem ägyptisch-chaldäischen, und wie man ihn wieder scharf abgrenzen kann von dem, was darauf schon gefolgt ist und noch kommen muß, so kann man auch wieder innerhalb dieses Zeitraumes schon charakteristische Momente hervorheben für die Entwickelung der Kulturmenschheit, insofern sie im Prozeß der Fortentwickelung der Menschheit innerhalb dieser kleineren angegebenen Zeiträume in Betracht kommen.
[ 3 ] Für den Zeitraum von 747 bis 27 vor dem Mysterium von Golgatha kommen ja selbstverständlich vorzugsweise jene Völker in Betracht, die um das Mittelmeer herum wohnen. Bei diesen Völkern sehen wir eine ganz bestimmte Seelenverfassung sich ausbilden. Die Geschichte sagt wenig über diese Seelenverfassung, weil die Geschichte in diesem Falle sich die Ideen, die Begriffe nicht verschaffen will, um auf das eigentlich Charakteristische dabei einzugehen. Will man diesen Zeitraum, den ich eben begrenzt habe, charakterisieren, so kann man sagen: Die Menschenseelen entwickeln sich in dieser Zeit aus inneren Gründen der menschheitlichen Entwickelung heraus so, daß sie sich gewissermaßen als Seelen von dem Zusammenhange mit der allgeistigen Welt lösen. Wenn wir ins Ägyptertum, ins Chaldäertum zurückgehen — das ist ja der Zeitraum der Empfindungsseele —, so finden wir da für das menschliche Bewußtsein ein ausgesprochenes Gefühl der Zusammengehörigkeit dieser Menschenseele mit dem Kosmos vor. Die Empfindungsseele in der Menschennatur verspürte damals, daß der Mensch ein Glied des ganzen Kosmos ist. Man kommt nicht mit der Charakteristik dessen zurecht, was man als ägyptische, als chaldäische, babylonische Entwickelung kennt, wenn man nicht berücksichtigt, daß damals der Mensch gewissermaßen mit der Empfindung, mit der sinnlichen Empfindung aus der Weltenbeobachtung etwas hereinnahm, was in ihm dieses Zusammengehörigkeitsgefühl mit dem geistigen Kosmos ausdrückte. So wie unsere Finger an der Hand sich gleichsam als eins mit uns selber fühlen, so fühlte sich noch der ägyptische, der chaldäische Mensch als ein Glied des geistigen Kosmos. Mit Bezug auf dieses kosmische Gefühl war im 8. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung eine Krisis, eine richtige Katastrophe über die Menschheit hereingekommen. Die Menschenseelen hatten ja ihr früheres Zusammengehörigkeitsgefühl mit dem Kosmos ihrem alten atavistischen, mehr traumhaften Hellsehen verdankt. Die Menschen nahmen in jenen alten Zeiten nicht so wahr, wie wir heute wahrnehmen. Sie nahmen — die profane, aber in diesem Sinne nichts wissende Wissenschaft nennt es « Animismus» —, indem sie mit den Sinnen wahrnahmen, zugleich das Geistige, das Göttliche wahr. Dadurch fühlten sie sich im Zusammenhange mit dem Geiste des Kosmos.
[ 4 ] Dieser Zusammenhang schwand. Auf der einen Seite hatte dieses Schwinden viele Dekadenzerscheinungen zur Folge, auf der andern Seite hatte es aber auch die ganze wunderbare griechische Kultur zur Folge. Denn diese griechische Kultur, die vorzugsweise auf das begründet war, was der Mensch als Mensch, als isoliert im Weltenall dastehender Mensch erlebt, diese griechische Kultur ist dem Umstande zu verdanken, daß der Mensch sich nicht mehr als ein Glied des Kosmos fühlte, sondern als eine menschliche Totalität, als etwas in sich Abgeschlossenes als Mensch. Er hatte sich gewissermaßen herausgestellt im Kosmos, er hatte 'ein Totalleben in sich selbst begonnen. Wenn über das griechische Geistesleben dieselbe Seelenverfassung ausgegossen wäre, die aus alten Zeiten, zum Beispiel im Indertum, zurückgeblieben war, und die noch eine gewisse Zusammengehörigkeit mit dem Kosmischen hatte, so könnten Sie sich nicht denken, daß unter diesem Zusammengehörigkeitsgefühl mit dem Kosmos die schöne griechische Kultur hätte entstehen können. Alles, was in der griechischen Kultur als Glanz und Glorie zum Vorschein gekommen ist, was auf andern Gebieten in weniger erfreulicher Art sich herausgebildet hat, das alles hat sich herausgebildet in der Zeit vom 8. bis 1. vorchristlichen Jahrhundert. Die Menschheit hat sich in das Seelische, in das rein Menschliche zurückgezogen. In dieses Zeitalter hinein fiel dann die Hinbewegung der Menschheit zu dem Mysterium von Golgatha. Vergessen wir nicht, daß das Mysterium von Golgatha immer etwas haben muß, was gewissermaßen nicht ganz in das menschliche, auch nicht in das menschliche übersinnliche Verständnis aufgehen kann. Es wird immer ein ungelöster Rest bleiben. Was sich mit dem Eintritt des Christus in die Erdenentwickelung vollzogen hat, das kann, wie ich bei verschiedenen früheren Betrachtungen ausgeführt habe, nicht vollständig in menschliche Begriffe, auch nicht einmal in menschliche Gefühle und Empfindungen sich auflösen. Damit aber hängt es zusammen, daß dieses Mysterium von Golgatha sich gewissermaßen so entwickeln mußte, daß die Kulturmenschheit während dieses Ereignisses dazu vorbereitet war, dieses Mysterium von Golgatha nicht eigentlich so voll mitzuerleben, son‚dern es neben dem eigenen menschlichen Erleben für sich verfließen zu lassen. Denken Sie doch einmal, daß dieses neben dem eigentlichen menschlichen Erleben für sich Verfließenlassen historisch als ziemlich deutlich zutage tritt. Wieviel hat denn eigentlich die Kulturmenschheit um das Mittelmeer herum von dem berücksichtigt, was da in der entfernten Judenprovinz Palästina sich mit dem Christus Jesus abgespielt hat? Wie wenig ist das noch in das Bewußtsein der Kulturmenschheit eingeflossen, selbst für Tacitus, der ein Jahrhundert nach dem Mysterium von Golgatha geschrieben hat!
[ 5 ] Auf der einen Seite haben wir die Strömung der Kulturmenschheit und auf der andern Seite jene Strömung, innerhalb welcher das Mysterium von Golgatha spielt. Beide vollziehen sich gewissermaßen nebeneinander. Das konnte nur dadurch geschehen, daß, während sich das göttliche Ereignis vollzog, der Mensch, der Kulturmensch sich von dem Göttlichen abgeschnürt hatte, ein Leben lebte, das mit dem Geistigen keinen unmittelbaren Zusammenhang hatte. So geschah auf dem Erdenrund selbst ein geistiges Ereignis, das eigentlich neben der menschlichen Kultur einhergeht. Ein solches Verhältnis des Nebeneinanderlebens von äußerer Kultur und einem Mysterienereignis ist in allen früheren Kulturperioden der Menschheit ganz undenkbar. Niemals spielte sich dergleichen früher ab, weil die Menschheitskultur sich früher im Zusammenhang wußte mit dem, was göttlich-geistig vorgeht. Das ist sehr charakteristisch, sehr bedeutsam, daß eigentlich die profane Kultur, welche mit dem Mysterium von Golgatha parallel ablief, diesem Ereignisse fernstand, daß der Mensch sich abgeschnürt hatte.
[ 6 ] Und im zweiten Zeitraume, der also etwa 27 vor dem Mysterium von Golgatha beginnt und 693 nach ihm abschließt, ist eigentlich die ganze mitteleuropäische Kultur darauf angelegt, die profane Kultur in Wahrheit doch nicht an das Verständnis des Mysteriums von Golgatha herankommen zu lassen. Es könnte sehr sonderbar aussehen, was ich sage, wenn man doch bedenkt, daß das Christentum sich in diese europäische Profankultur eingelebt hat, daß es sich über die mitteleuropäische Kultur ausgebreitet hat. Aber die Ausbreitung ist in dem Sinne erfolgt, wie ich es schon neulich charakterisiert habe. Das Mysterium von Golgatha war einsam für sich. Gewiß, in äußerlich dogmatischer Weise nahm man in die profane Kultur allerlei herüber, was sich so ausdrückt: Der Christus war da, hat Apostel gehabt, hat dieses oder jenes für die Menschheit eingeholt, hat über die Beziehung des Menschen zum Göttlichen dieses und jenes gesagt. Man nahm in Form von äußeren Sätzen dies in die Profankultur recht sehr auf, aber neben diesem Aufnehmen in äußerlicher Weise war das andere doch durchaus geltend: daß eigentlich diese ganze Menschheit, welche gerade in diesen Jahrhunderten das Christentum aufnahm, sich von dem innerlichen Verständnis des Mysteriums von Golgatha gerade fernhielt. Mit Hilfe der Gnosis, mit Hilfe mancher Vorbereitung durch das, was aus dem alten Heidentum an Weisheitsschätzen überliefert war, hätte man sich gerade dem nähern können: Was ist da eigentlich mit dem Mysterium von Golgatha geschehen? Man hat es nicht getan. Man hat eigentlich alles für Ketzerei erklärt, was zum Verständnis des Mysteriums von Golgatha hätte führen können, und man versuchte mehr oder weniger in triviale Formeln hineinzugießen, was sich niemals in triviale Formeln hineingießen läßt, was in bezug auf das Mysterium von Golgatha nur mit den höchsten Inhalten des Weisheitsstrebens erfaßt werden kann.
[ 7 ] So waren die Einrichtungen, die in den ersten Jahrhunderten der christlichen Entwickelung gepflogen wurden, eigentlich nicht dazu da, sich mit dem Mysterium von Golgatha zu verbinden, sondern in der Menschenseele etwas leben zu lassen, was dem wirklichen inneren verständnisvollen Zusammengehörigkeitsgefühl mit dem Mysterium von Golgatha eigentlich recht ferne blieb. Die Kirche war eher eine Einrichtung zum Nichtverstehen des Mysteriums von Golgatha als zum Verstehen. Wer verfolgt, was die verschiedenen Konzilien, was überhaupt die kirchlichen Machinationen in diesen Zeiten zu bewirken sich bestrebt haben, der findet, daß all das, was so angestrebt worden ist, dahin ging, gewisse dogmatische Vorstellungen ins menschliche Leben hereinzunehmen, aber über diejenigen Dinge, die mit dem Mysterium von Golgatha zusammenhängen, doch so zu denken, daß diese sich eigentlich unabhängig vom menschlichen Seelenleben vollziehen. Es tendiert alles nach einem gewissen Punkte hin, nach jenem Punkt, den man etwa, wenn man etwas radikal charakterisiert, in der folgenden Weise schildern könnte. Man kann sagen: Die Menschen suchten sich hier auf der Erde mit gewissen Vorstellungen über das Mysterium von Golgatha und seine Wirkungen einzurichten. Aber das Wichtigste war ihnen nicht, was sie wissen konnten, was sie in ihre Seele aufnahmen, sondern das Wichtigste war ihnen, daß sie die Voraussetzung haben können: Was wir Menschen auch begreifen, das Mysterium von Golgatha hat sich für sich selbst vollzogen, und der Christus sorgt schon dafür, daß wir selig werden! — Und die Tendenz ging dahin, die Realität der geistigen Ereignisse immer mehr und mehr in ein Jenseits des Seelischen abzuschieben, nicht die eigentlichen — wenn ich den Ausdruck gebrauchen darf — geistig-heiligen Ereignisse im Zusammenhange mit dem zu denken, was sich in der Menschenbrust abspielt, sondern beide möglichst zu trennen. In dieser Tendenz lag ein selbstverständlich nicht ausgesprochenes, aber unbewußt wirkendes Ziel, ein Ziel, das dann beim achten Konzil in Konstantinopel im Jahre 869 erst recht herausgekommen ist. Das Ziel, es lag darinnen, den Menschengeist von seiner individuellen, seiner persönlichen Beschäftigung mit dem Geistigen, das man ja jetzt auf das Mysterium von Golgatha beschränken wollte, abzuhalten, also von der Hinneigung, von der individuellen und empfindungsgemäßen Hinneigung zum Verständnisse des Mysteriums von Golgatha. Unverstanden sollte es bleiben. Dadurch konnte sich die Kirche nach und nach dazu entwickeln, Menschen unter sich zu haben, die nur Profanverständnis haben, die immer mehr und mehr zu dem Glauben kommen: Über das Übersinnliche kann man überhaupt nicht nachdenken, denn das Übersinnliche entzieht sich den Kräften der eigenen Menschenseele. Das menschliche Nachdenken soll sich nur ‘ auf das beschränken, was hier in der physischen Welt lebt. — Aus den Menschenseelen heraus sollten sich keine Kräfte entwickeln, die für sich selbst geeignet sein könnten, Verständnis zu suchen für das Mysterium von Golgatha. In gewissen Beschlüssen gerade des achten Konzils von Konstantinopel liegt klar ausgesprochen, daß die Menschen Europas nicht nachdenken sollten — weil die menschlichen Seelenkräfte nicht heranreichen an das Gebiet —, nicht nachdenken sollten über das Gebiet, in welchem das Leben verflossen ist, dem das Mysterium von Golgatha angehört.
[ 8 ] So vollzog sich gerade in diesem mittleren Zeitraum des vierten nachatlantischen Zeitabschnittes von etwa 27 vor dem Mysterium von Golgatha bis 693 nach demselben für die Menschheit das, daß man sagen kann: Diese Menschheit sollte zu dem Glauben bestimmt werden, daß alles menschliche Erkennen, alles menschliche Empfinden nur für das sinnenfällige Diesseits berechnet sei; das Nichtsinnenfällige, das Übersinnliche oder, wie man es nennen will, Jenseitige sollte dem menschlichen Empfinden und Erkennen, dem unmittelbaren erkenntnismäßigen Empfinden entzogen werden. Die ganze Geschichte dieser Jahrhunderte versteht man eigentlich nur, wenn man dieses eben Charakterisierte eigentlich ins Auge faßt. Alle Maßnahmen der katholischen Kirche in jenen Jahrhunderten waren darauf angelegt, den Menschen zu dem Glauben zu bringen: Dein seelisches Erkennen ist nur für das Diesseits berechnet; was das Übersinnliche betrifft, so mußt du es auf eine Weise an dich herankommen lassen, die nichts mit deinem Verständnis, mit deinem Eigenerkennen zu tun hat. — Das hat bewirkt, daß dann nach dem Ende dieses Zeitraumes, also im 8., 9. Jahrhundert, eine Art Verfinsterung der europäischen Menschheit eingetreten ist in bezug auf den Zusammenhang der Menschenseele mit dem Übersinnlichen. Und solche Erscheinungen, wie ich sie geschildert habe, unter denen eine solche wie später Bernhard von ClJairvaux typisch ist, die erklären sich gerade daraus, daß sie gewissermaßen jenseits bleiben von allem Physisch-Sinnlichen und demjenigen die Seele ganz hingeben, woran das natürliche menschliche Verständnis nicht heranreicht. Dieser Enthusiasmus für das, was doch jenseits alles menschlichen Verstehens liegt, muß hinzugedacht werden zu der ganzen Seelenverfassung eines Bernhard von Clairvaux, so wie man sie versteht. Man kann gerade in dieser Persönlichkeit manche Züge finden, die groß und gewaltig wirken, weil alles, was einen mehr oder weniger verzerrten Zug haben kann, auch einen schönen, einen großen, gloriosen Zug haben kann. Aber man wird bei Bernhard eben Züge finden, die in seinem Seelencharakter ganz deutlich anzeigen, daß er herausgeboren ist aus jener Seelenstimmung, die sich in der geschilderten Weise in den angegebenen Jahrhunderten innerhalb der abendländischen Kultur entwickelt hat. Man könnte außer Bernhard von Clairvaux manche andere Gestalt nennen, er ist nur eine typische Figur, so zum Beispiel, wenn er seinen Anhängern deren Kreis war ein großer — davon spricht, was alles mit dem von ihm beabsichtigten Kreuzzug der Menschheit beschert sein sollte. Dann kam das Mißlingen der ganzen Sache. Und wie spricht er, dieser gottinnige Mensch, gerade über dieses Mißlungene? Ungefähr so: Wenn alles, alles schlimm ausgeht, so möge das Urteil über den schlimmen Ausgang mich treffen, aber nicht das Göttliche, denn das muß immer recht haben. — Selbst da, wo sich der Mensch im Zusammenhange wissen konnte mit dem, was er als göttlich-geistige Kraft hinter den Erscheinungen denkt — das eine sondert er von den andern ab —, da sagt er: Die Sünde möge mich treffen; das Richtige ist etwas, was für sich verläuft, was gewissermaßen jenseits des Stromes verfließt, in welchen die Menschenseele eingespannt ist.
[ 9 ] So war mit dem Beginne dieses dritten Zeitabschnittes des vierten nachatlantischen Kulturzeitraumes etwas wie eine Verfinsterung über die Menschheit gekommen. Die drückt sich am besten darin aus, daß man hinblickt, wie die Menschheit in ihren Begriffen keinen Zusammenhang mehr mit den realen geistigen Strömungen und Impulsen zu erkennen vermochte. Man lerne nur die Philosophie der Jahrhunderte zwischen dem 8. und 15. Jahrhundert kennen, wie sie überall darauf hinzielt, nachzuweisen, daß man mit den menschlichen Ideen und Begriffen auf keinen Fall das zu erfassen versuchen sollte, was in der geistigen Wirklichkeit vor sich geht, wie das — man hatte es glücklich auf eine Formel gebracht — der Offenbarung überlassen werden muß, wie das dem Lehramt der Kirche überlassen werden muß.
[ 10 ] So hatte sich die Macht der Kirche herausgebildet. Diese Macht der Kirche ist nicht bloß aus theologischen Impulsen heraus entstanden, sondern sie hatte sich dadurch herausgebildet, daß die Menschen darauf verwiesen worden sind, ihre eigenen Erkenntniskräfte, ihre eigenen Seelenkräfte nur auf das physisch-sinnliche Leben zu beziehen und nicht an eine Erkenntnis des Übersinnlichen zu denken. Daraus entwickelte sich der spätere, in den ersten Jahrhunderten durchaus noch nicht vorhandene — man datiert ihn nur zurück — Glaubensbegriff. Dieser Glaubensbegriff besagt: Über das Geistig-Göttliche könne man nur einen Glauben haben — kein Wissen. Diese Trennung zwischen Glaubenswahrheit und Wissenswahrheit bildete sich tatsächlich aus gewissen geschichtlichen Hintergründen heraus, die bedeutsam sind, und die man in solchen Dingen suchen muß, wie wir sie angeführt haben.
[ 11 ] Nun leben wir seit dem 15. Jahrhundert, approximativ seit dem Jahre 1413, in einem Zeitraume — das wird erst das 3. Jahrtausend zeigen —, in dem wir es zu tun haben zum Teil mit der Erbschaft alles desjenigen, was unter solchen Einflüssen, die ich hier charakterisiert habe, geschehen ist. Mit Erbstücken aus der damaligen Zeit haben wir es auf der einen Seite zu tun, und auf der andern Seite haben wir es weiter mit etwas zu tun, was sich als ganz Neues in diesem fünften nachatlantischen Zeitraum bildet. In jenem vierten Zeitraume, wenn wir ihn überblicken, haben wir es zu tun mit einer Art Abschnürung der Menschenseele vom Geistig-Göttlichen, mit einem Verwiesenwerden auf die bloß äußeren physisch-sinnlichen Vorgänge. Das war damals für diesen vierten Zeitraum auch neu. Ich habe ja vorhin angedeutet, daß es im ägyptisch-chaldäischen Zeitalter nicht vorhanden war. Mit einem solchen ähnlichen Neuen haben wir es auch in unserem Zeitraume zu tun, und die Aufgabe der Menschheit — die Menschheit ist ja allmählich in ein Zeitalter eingetreten, in welchem die Bewußtheit eine immer größere Rolle spielen muß —, die Aufgabe der Menschheit wäre, dies alles eben einzusehen, einzusehen, was auf der einen Seite Erbschaft ist aus der eben charakterisierten vergangenen Zeit, und was auf der andern Seite neu aus unserem Zeitalter entsteht. Wollen wir einmal zuerst auf die Erbschaft hinblicken.
[ 12 ] Wir haben gesehen, daß diese Erbschaft darin besteht, daß der Mensch sich gewissermaßen gezwungen fühlt, sein Seelisches abseits von dem Übersinnlichen zu entwickeln. Und Erbschaft davon ist wieder etwas anderes, was Sie, wenn Sie die historischen Vorgänge immer genauer und genauer überblicken werden, auch gerade immer besser einsehen werden. Gerade durch genaues Überblicken wird die Sache nicht etwa irgendwie einem Zweifel unterworfen, sondern gerade in die Bewahrheitung hineingestellt. Sie werden nämlich sehen, wie das, was sich damals herausbildete, daß man die menschliche Seelenkraft im Sinnlichen erhalten, von dem Übersinnlichen abschließen will, dann im fünften nachatlantischen Kulturzeitraum seit dem 15. Jahrhundert — sich dahin entwickelte, dieses Übersinnliche überhaupt abzulehnen. Damals wollte man gewissermaßen das Übersinnliche vom Menschen fernhalten, und dadurch ist gerade das achte Konzil zu Konstantinopel vom Jahr 869 charakterisiert. Nun entwickelte sich aus diesem Fernhalten, das sich gerade die Kirche zur Aufgabe machte, die Ablehnung des Übersinnlichen. Es entwickelte sich der Glaube, daß das Übersinnliche überhaupt nur von Menschen ausgedacht sei, daß es keine Wirklichkeit habe. Will man historisch-psychologisch den Ursprung des neueren Materialismus wirklich verstehen, so muß man ihn bei der Kirche suchen. Natürlich ist die Kirche auch nur der äußere Ausdruck für tiefere, in der Menschheitsentwickelung wirkende Kräfte, aber man erwirbt sich eine Erkenntnis dieser Menschheitsentwickelung, wenn man genauer zusieht, wie das eine aus dem andern wirklich entsteht. Der Rechtgläubige im vierten nachatlantischen Zeitraum sagte: Das menschliche Erkenntnisvermögen ist nur dazu bestimmt, die sinnlichen Zusammenhänge zu verstehen; das Übersinnliche muß der Offenbarung überlassen sein, da darf nicht hineingeredet werden; denn alles was hineingeredet wird, ist Ketzerei und kann nur zu einem Irrwahn führen. — Der moderne Marxist, der moderne Sozialdemokrat, welcher der rechte Sohn dieser Anschauung ist, die nichts anderes ist als die Konsequenz des Katholizismus aus den früheren Jahrhunderten, der sagt: Alle Wissenschaft, die dieses Namens würdig ist, kann nur von sinnlich-physischen Ereignissen handeln; Geisteswissenschaft gibt es nicht, weil es keinen Geist gibt; Geisteswissenschaft ist höchstens Gesellschaftswissenschaft, Wissenschaft vom menschlichen Zusammenleben. — Natürlich hat sich in den verschiedensten Gebieten der Kulturländer diese eben charakterisierte Tendenz ausgelebt, aber das nur als Nuance.
[ 13 ] So ist es nötig geworden, daß vom 9. Jahrhunderte ab in den mittleren und westlichen Ländern Europas darauf Rücksicht genommen wurde, daß sich das menschliche Seelenleben in einer gewissen Weise doch mitbetätigt, indem es glaubt an das Übersinnliche und nichts von ihm weiß als durch Offenbarung, aber an das Übersinnliche glaubt. Die Rassen- und Volkseigenschaften Mitteleuropas waren so, daß man auf sie Rücksicht nehmen mußte, daß man sie nicht einfach so lassen konnte. Den Leuten sagen: Eure menschlichen Kräfte müssen sich beschränken auf Essen und Trinken, und was sonst in der Welt geschieht, das andere lebt über euch —, ganz so konnte man es in Westeuropa nicht machen; man tat das aber in Osteuropa, und das ist der Sinn der Kirchenspaltung zwischen Ost- und Westeuropa. In Osteuropa wurde der Mensch wirklich auf die Sinneswelt beschränkt, dort sollten sich seine Kräfte entwickeln. Und innerhalb der Mysterienhöhen, ganz unberührt vom Sinnlichen, sollte sich das entwickeln, was dann zur orthodoxen Religion führte. Da wurde wirklich streng getrennt das, was der Mensch über sein Menschentum herausbrachte, und das, was die wirkliche geistige Welt war, die einzig und allein schwebte und lebte in dem über den Menschen schwebenden Kultus.
[ 14 ] Was mußte sich da entwickeln? Es mußte sich, wiederum in verschiedenen Nuancen, die Anschauung, die Empfindung entwickeln: Bedeutung, Wirklichkeit hat eigentlich nur das Sinnlich-Physische. Man könnte sagen: Kräfte, die nicht geübt werden, sondern die man so behandelt, daß sich der Mensch ihnen gegenüber in der Weise verhält, sie in sich abzusperren, solche Kräfte entwickeln sich auch nicht, die verkümmern. Hatte man also den Menschen durch Jahrhunderte hindurch davon abgehalten, in seinem Geist das Übersinnliche zu erfassen, so wurden seine Kräfte auch immer ungeübter, um dieses Übersinnliche zu erfassen, und es entschwand ihm vollständig. Und dieses vollständige Verschwinden finden wir in den modernen sozialistischen Weltanschauungen, deren Unglück nicht in ihrem Sozialismus, sondern darin besteht, daß sie das Geistig-Übersinnliche vollständig ablehnen und sich daher beschränken müssen auf die bloße soziale Struktur des Animalischen im Menschen. Diese bloße soziale Struktur des Animalischen im Menschen ist vorbereitet worden durch das Lahmlegen der übersinnlichen Kräfte des Menschen. Sie hat sich dadurch ergeben, daß die Menschen gezwungen sind, sich zu sagen: Wir wollen gar nicht unsere Seele erkennend und erlebend mit dem verbinden, was den Strom seines Lebens für sich lebt, so daß unsere Seligkeit durch es bewirkt wird und worin das Mysterium von Golgatha eingespannt ist.
[ 15 ] Womit hängt das zusammen? Es hängt damit zusammen, daß gerade in diesem vierten nachatlantischen Zeitraum ganz besonders stark die luziferischen Kräfte wirkten. Sie lösten den Menschen los von dem Kosmos; denn diese Kräfte sind immer darauf aus, den Menschen egoistisch zu isolieren, ihn loszuschnüren vom ganzen geistigen Kosmos, auch in seinem Wissen vom Zusammenhang mit dem physischen Kosmos. Daher gab es keine Naturwissenschaften, als diese Loslösung in der höchsten Blüte stand. Luziferisches ist das. Daher muß man sagen: Was damals wirkte in der Trennung sinnlichen Wissens und übersinnlicher Dogmatik, das ist luziferische Art. Dem Luziferischen steht entgegen das Ahrimanische. Das sind die zwei Gegner der menschlichen Seele. Dieses Verkümmernlassen der übersinnlichen Menschenkräfte — was dann zur rein animalischen Form des Sozialismus geführt hat, der jetzt verheerend und zerstörend über die Menschheit hereinbrechen muß — ist auf luziferische Kräfte zurückzuführen. Das Neue, was sich in unserem Zeitalter entwickelt, ist anderer Natur; das ist mehr ahrimanischer Natur. Das Luziferische will den Menschen isolieren, abschnüren vom Geistig-Übersinnlichen, will ihn in sich selbst die Illusion einer Totalität erleben lassen. Das Ahrimanische dagegen jagt dem Menschen Furcht ein vor dem Geistigen, läßt ihn nicht an das Geistige herankommen, gibt ihm die Illusion, daß das Geistige doch nicht vom Menschen erreicht werden kann. Muß die luziferische Abhaltung des Menschen vom Übersinnlichen mehr erzieherischer, kulturerzieherischer Art sein, so ist die ahrimanische Abhaltung vom Übersinnlichen, die auf der Furcht vor dem Geistigen beruht, mehr eine natürliche, die in dem Zeitalter seit dem 15. Jahrhundert besonders hervorbricht. Und wie die luziferische Abschnürung vom Geistigen in dem Leben unter der Decke des orthodoxen Christentums des Ostens besonders zum Ausdruck kommen konnte, so die ahrimanische Furcht, die Zurückhaltung vor dem Geistigen besonders in dem Element der westlichen Kultur und besonders auch in dem Element der amerikanischen Kultur.
[ 16 ] Solche Wahrheiten mögen heute unbequem sein, aber sie sind eben Wahrheiten, und wir kommen heute nicht dadurch vorwärts, daß wir im Allgemeinen herumreden — wenn auch noch so mystisch oder theosophisch — von dem Zusammenhang des Menschen mit dem Göttlichen, oder wie sonst die Frage heißen möge. Sondern nur dadurch kommen wir vorwärts, daß wir die Wirklichkeit erkennen, wie sie ist. Nur dadurch können wir wieder eine Ordnung in unserem Chaos finden, daß wir die verschiedenen nebeneinander lebenden Strömungen in ihrer Eigenart erkennen. Denn ihrerseits entwickeln sich die verschiedenen Strömungen aus ihren Voraussetzungen, lokal, und verbreiten sich dann, und in dem modernen Kuddelmuddel, den man dann Kultur nennt, geht doch alles durcheinander. — Was ich jetzt nennen möchte «Amerikanismus», das Amerikanische als Kollektivbegriff — nicht auf die einzelnen Amerikaner bezüglich —, das ist die Furcht vor dem Geistigen, ist die Sehnsucht, nur mit dem physisch-sinnlichen Plan zu leben, höchstens noch mit dem, was von unten herauf in diesen physisch-sinnlichen Plan an Grobgeistigem, Spiritistischem und dergleichen hereinkommt, was nicht ein wirklich Geistiges ist. Furcht vor dem Geistigen ist es, was den Amerikanismus charakterisiert. Aber der Amerikanismus lebt nun nicht etwa bloß in Amerika — da lebt er ganz und gar im sozialen Pol willenhaft, nicht menschlich —, er lebt vor allem in aller Wissenschaft. Diese Wissenschaft hat nämlich in diesem Zeitraume seit dem 15. Jahrhundert immer mehr und mehr auch dasjenige herausgebildet, was man nennen könnte «Furcht vor dem Geistigen». Als objektive Wissenschaft wird ja nur dasjenige bezeichnet, was womöglichst nicht mit lebendigen, im Inneren der Seele erzeugten Begriffen sich befaßt. Was irgendwie eine Idee, ein Begriff ist, die im Inneren der Seele erzeugt werden, darf nicht in die Naturbeobachtung eingreifen. Es darf nur das Tote der Naturbeobachtung, nicht das durchgeistigte Lebendige in die Wissenschaft eingehen. Wenn man, ich will sagen, etwa in Hegelscher Weise, was eine richtige mitteleuropäische Weise ist — aber auch in Schellingscher Weise, in Goethescher Weise —, den Begriff in die Naturbetrachtung einführt, dann glaubt man sogleich, daß man dadurch ins Unsichere komme; denn man traut sich nicht zu, etwas objektiv Wirkliches im geistigen Erfassen, im geistigen Erleben zu erfahren. Man glaubt, da könne nur Willkür leben, da komme man gleich ins Nichtobjektive hinein, wenn man irgend etwas Subjektives in die Erfahrungen hineinträgt. Das ist ahrimanisch. Die Wissenschaft ist universalistisch-amerikanisch, insofern sie diesen Grundsatz hat, alles Subjektive aus der Naturbetrachtung herauszuwerfen. Das ist das, was sich elementar herausgebildet hat aus dieser früheren Abschnürung des Geistigen im vierten nachatlantischen Zeitraum.
[ 17 ] So haben wir zu jenem Erbstück das Neue hinzugefügt, jenes Neue, das sich in die Zukunft hinein neben dem, was sich als fruchttragend entwickeln muß, aber bewußt entwickeln muß, immer mehr und mehr als ein Zerstörendes geltend macht. Dieses Neue ist im wesentlichen ahrimanischer Natur, ist Furcht vor dem Geistigen und wirkt zerstörend, wirkt auflösend auf alle Menschheitskultur, die doch eben im Geistigen fußen muß.
[ 18 ] An der Wende des vierten zum fünften nachatlantischen Zeitraum, besonders im fünften, kamen gerade diese Impulse, die ich jetzt charakterisiert habe, immer mehr und mehr heraus. Mit der Entdeckung Amerikas und der Verpflanzung europäischen Wesens nach Amerika entwickelte sich drüben jene Furcht vor dem geistigen Leben. Aber auf der andern Seite entstand, ich möchte sagen, eine Spannung in den Menschenseelen; denn die Volkskräfte Europas waren nicht so, daß sie nicht aus sich heraus von dem Zusammenhange mit dem Geistigen des Kosmos doch etwas verspürt hätten. Es entstand eine Spannung gewissermaßen an der Wende zwischen dem vierten und dem fünften nachatlantischen Kulturzeitraum, in den Jahrhunderten, in denen sich das herausbildete, was man als neuere Geschichte bezeichnet. Da entstand diese Spannung des unterdrückten Geistigen in der Menschenbrust. Dem mußte ein Damm entgegengesetzt werden, teilweise, indem man gut verstand, was als altes Erbgut vorhanden war, und teilweise, indem man das neuherankommende Ahrimanische sehr sachgemäß ins Auge faßte. Da entstand dann jene Geistesströmung, die doch einen viel größeren Einfluß hat, als die meisten Menschen denken — ich habe schon das letzte Mal von einem andern Gesichtspunkte aus darauf hingewiesen —, jene Geistesströmung, die sich bemüht, dieses Zurückgehaltenwerden der Menschenseele von dem Übersinnlichen zu perpetuieren, fortzusetzen. Es entstand, mit andern Worten, der Jesuitismus. Sein inneres Prinzip besteht darin, alles das in der Menschheitsentwickelung zu tun, was den Menschen fernhalten kann von dem Zusammenhange mit dem Übersinnlichen, von dem wirklichen Zusammenhange mit dem Übersinnlichen. Selbstverständlich wird man um so mehr dieses Getrenntsein dadurch erreichen, daß man dieses Übersinnliche gerade von jesuitischer Seite strikte dogmatisch als etwas hinstellt, woran das menschliche Erkennen nicht rühren kann. Aber das jesuitische Vorgehen rechnet auf der andern Seite damit sehr gut, und es will keine innere Verwandtschaft als die zwischen der modernen Wissenschaft und dem Amerikanismus, zwischen moderner Wissenschaft und Jesuitismus. Darin ist der Jesuitismus ja groß: die physische Wissenschaft tief bedeutsam zu treiben. Die Jesuiten sind große Geister auf dem Felde der physisch-sinnlichen Wissenschaft, denn der Jesuitismus rechnet mit diesem elementaren Hang der Menschennatur — der eben überwunden werden muß durch die Hinlenkung der Menschennatur auf die geistige Welt —: Furcht zu haben vor dem Geistigen. Und er rechnet damit, daß man diese Furcht sozialisieren kann dadurch, daß man gewissermaßen dem Menschen sagt: Du kannst und sollst nicht an das Geistige heran; wir verwalten dir das Geistige, wir bringen es in der rechten Weise an dich heran.
[ 19 ] Diese beiden Strömungen — Amerikanismus und Jesuitismus arbeiten gewissermaßen ineinander; nur dürfen Sie es nicht leicht nehmen, sondern müssen bei alledem die tiefer wirksamen Impulse in der Menschheitsentwickelung suchen. Wer nach den Kräften suchen wird, welche die jetzige Katastrophe herbeigeführt haben, der wird ein merkwürdiges Zusammenarbeiten finden von Amerikanismus in dem hier gemeinten Sinne — und Jesuitismus. Wenn man dies alles überblickt, dann findet man, wie auf der einen Seite Erbschaft aus früheren Zeiten in unserem Kulturleben wirkt, und wie auf der andern Seite Neues dazutritt. Indem man dies bezeichnet als das Luziferische auf der einen Seite, als das Ahrimanische auf der andern Seite, bezeichnet man gerade das Gegnerische gegenüber dem, was als richtiges Geistesleben zur Rettung der Menschheit in die Entwickelung der Menschheit hineingegossen werden muß. Wer mit innigem Anteil nun an eine solche Gestalt herangeht, wie es Bernhard von Clairvaux ist, der gewissermaßen nach der einen Seite hintendiert, der rechnet damit: Das menschliche Erkennen ist doch nur auf das PhysischSinnliche gerichtet, also richten wir die Seele auf das Geistig-Göttliche in Inbrunst, in elementarem Erleben. Dadurch kommt etwas Enthusiastisches in diese Natur hinein. — Man könnte sagen: Was da nach der einen Seite, nach dem Geistigen in den Menschenseelen lebt, das lebt nach der andern Seite auch in unserer Zeit, aber nach der dunkeln, nach der finstern Seite. Das 12. Jahrhundert hatte seinen Bernhard von Clairvaux, und unser Jahrhundert hat solche Gestalten wie Lenin und Trotzki. Wie dort die Hinneigung zum Übersinnlichen wirkte, so lebt in diesen Gestalten der Haß gegen das Übersinnliche, wenn das auch in andern Worten, in andern Inhalten zum Ausdruck kommt. Das ist die finstere Kehrseite jener Zeiten: dort das Eingießen der Menschenseele in das Göttliche, hier das Eingießen des Menschenwesens in das Animalische, das allein eine soziale Struktur erhalten soll.
[ 20 ] Diese Dinge versteht man allerdings nur, wenn man sich über eines ganz klar ist, was allerdings dem Verständnis der Gegenwart recht fern liegt. Diese unsere Gegenwart ist theoriengläubig, denn sie glaubt an den Inhalt dessen, was Ideen und Programme sind. Ich habe das des öfteren besprochen. Aber nie kommt es auf den Inhalt von Theorien und Programmen an, sondern auf die Wirksamkeit kommt es an. Der moderne Marxist würde vor diesem Weltkrieg, um die Wende des 19. zum 20. Jahrhundert, natürlich gesprochen haben: So lehrt Marx, so lehrt Eingels, so Lassalle; das ist noch alles, was man erstreben muß. Denn er weiß, daß man dies erstreben muß zum Heile der Menschheit und so weiter. Man nahm eben den Inhalt von Programmen und Ideen. Darauf aber kommt es in Wirklichkeit nie an, denn Ideen führen sich nie im Leben ihrem Inhalte nach aus, sondern durch Kräfte, die abgesehen von ihrem Inhalte in ihnen sind. Und nur der kennt die Wirklichkeit, der weiß, daß die Ideen mit der Wirklichkeit oft so wenig zu tun haben, daß sie entstehen neben dem, was die Ideen an Inhalt haben. Man kann ein sehr schönes Programm entwerfen, kann es wissenschaftlich sehr gut fundieren, dann kann man glühen für sein Programm, wie es die Marxisten für das ihrige getan haben. Aber darauf kommt es nicht an; das ist für eine Zeit, die so ungeistig ist wie die unserige, das Spielen mit dem Feuer. Die Menschen glauben dann, für den Inhalt der Ideen zu wirken. Wer aber weiß, wie es im Leben zugeht, der weiß auch, daß die Wirksamkeiten ganz andere sind. Ideen werden sogar Mißgeburten im Kulturleben, wenn sie nicht vom geistigen Verständnis aufgenommen werden. Aber die Ideen des Marxismus können nicht vom geistigen Verständnis aufgenommen werden, da sie den Geist austreiben wollen. Sie müssen, wenn sie noch so schön sind, Mißgeburten werden. Nur wenn man von der Idee absieht und am Morgen nicht fragt: Warum ist es hell geworden durch das, was auf der Erde geschehen ist? — sondern wenn man sich sagt: Es ist hell geworden, weil die Sonne scheint —, wenn man also aus der Erde hinausgeht, kann man sich erklären, warum es hell geworden ist. So muß man von dem, was in der unmittelbaren Gegenwart geschieht, zu demjenigen hingehen, was in einer fernen Vergangenheit vor sich gegangen ist, um sich das erklären zu können, was heute geschieht. Sie verstehen den Bolschewismus nicht, wenn Sie nicht wissen, wie er als eine Nachwirkung des achten ökumenischen Konzils vom Jahre 869 geworden ist. Sie verstehen ihn nicht, wenn Sie ihn nicht verstehen als ein Erzeugnis der Verkümmerung der geistigen Kräfte für die übersinnliche Welt. Das ist der innere Zusammenhang, den man haben muß, wenn man das, was in der äußeren Welt geschieht, wirklich so verstehen will, daß man sich ihm gegenüberstellen kann. Für den, der die Zusammenhänge in der Geschichte durchschaut, ist es das Fürchterlichste, wenn er so etwas sieht wie Bewegungen, die sich anmaßen, die Welt reformieren zu wollen, und die nur mit den Inhalten von Ideen rechnen, die nicht eingehen wollen auf die Wirksamkeit der Ideen, ganz abgesehen von dem schönen oder unschönen Inhalt der Ideen. — Ein Kind wird geboren. Es ist ein schönes Kind. Die Mutter kann entzückt sein von ihm. Mütter sind manchmal sogar entzückt, wenn die Kinder nicht schön sind. Es wird ein Taugenichts, wird ein Tunichtgut, wird vielleicht ein Verbrecher. Ist es deshalb vielleicht nicht doch wahr, daß das Kind schön war? Hat man nicht ein Recht, es schön zu nennen? Steht dieser Schönheit vielleicht entgegen, daß Dinge eintreten im Leben, die man sich nicht vorgestellt hat? So leben in gewissen Kreisen von Menschen Ideeninhalte, die sie bewunderten, durch die sie die Welt reformieren wollten. Diese Ideen wurden zu Mißgeburten! Denn Ideen sind an sich etwas Totes; sie müssen erst belebt werden, indem sie einfließen in das lebendige Geistesleben.
[ 21 ] Wer moderne sozialistische Schriften liest, der wird, wenn er von gewissen Differenzen absieht, eine große Ähnlichkeit finden zwischen ihnen und — wenn es auch auf andere Weise ausgedrückt ist, und namentlich über andere Gebiete gesprochen wird — zwischen den Schriften derjenigen, die aus dem Kirchenprinzip des Katholizismus heraus schreiben. Ich habe Ihnen zum Beispiel letzthin aus einer Broschüre vorgelesen. Nehmen Sie die Gedankenformen dieser Broschüre, die Art des Denkens; vergleichen Sie das, was da ausgesprochen ist, mit wütenden, allmählich zum Bolschewismus hingehenden Kulturtendenzen oder Unkulturtendenzen; vergleichen Sie es mit dem, was Anfang ist, sagen wir einer Kautskyschen Schrift oder einer Leninschen Schrift: Sie werden dieselben Gedanken finden. Das eine ist ein Entwickelungsprodukt aus dem andern. Man fühlt sich nirgends «katholischer» angesprochen, als wenn man gewisse dogmatische sozialistische Schriften liest. Nur ist das, was beim Katholizismus verboten ist, über gewisse Dinge zu philosophieren, zur Leidenschaft, zum Prinzip geworden, zum Prinzip: alle Wissenschaft nur aus dem Bourgeoistum heraus zu erklären und alle geistige Entwickelung nur aus dem Klassenkampf. Dieses Prinzip ist Wirkung des katholischen Prinzipes. Der Bolschewismus wird in der Form, wie er aufgetreten ist, vielleicht nur ein kurzes Dasein haben; aber mit dem, was hinter ihm steckt, wird die ganze Menschheit sehr lange zu tun haben, und für den, der die Zusammenhänge kennt, ist es kein Wunder, daß der Bolschewismus seine erste Morgenröte an der Stätte gezeigt hat, wo dieses menschliche Denken, wie es animalisch verläuft, unter der Decke des Kultusministers der orthodoxen Religion gelebt hat, so daß die eine Strömung ganz abgesondert war von der andern.
[ 22 ] Alle diese Dinge muß man durchschauen, damit man ein Bewußtsein bekommt von der Notwendigkeit, sich in der richtigen Art dem geistigen Leben zu nähern. Alles mystische Herumreden ist heute nicht am Platze. Heute ist am Platze, die geistige Erkenntnis dazu zu verwenden, um in die Wirklichkeit hineinzuschauen und diejenigen Zusammenhänge zu entdecken, die da bestehen; denn nur aus der Erkenntnis der Zusammenhänge kann ein richtiges Eingreifen ins Weltengeschehen hervorgehen, nicht aus den Erbstücken und nicht aus jenem Furchthaben und aus dem elementaren Neuen, das ich dargestellt habe, das nur weit in das Chaos führen muß. In dem animalisch gearteten Sozialismus hat man zu sehen die eine Ausgestaltung desjenigen, was sich im vierten nachatlantischen Zeitraum gebildet hat. Darin ist etwas Luziferisches enthalten: die luziferische Erbsünde ist darinnen. Aber was sich jetzt entwickelt, das ist schon wie die Strafe für diese Erbsünde, das ist schon die Strafe in der Weise, daß jene Fähigkeiten, denen man gebot, sich nicht auf das Übersinnliche anwenden zu lassen, wirklich unfähig geworden sind, auf das Übersinnliche angewendet zu werden und einen Haß und Abscheu vor dem Übersinnlichen haben. Das ist nicht mehr bloß Haß und Erbsünde, das ist schon Strafe für das Sich-Abwenden vom Übersinnlichen. Das gilt für vieles, was jetzt geschieht.
[ 23 ] In verschiedenen Nuancen, sagte ich, lebt sich das aus, was so als Impulse durch die Menschheitsentwickelung geht. Nur indem man diese Nuancen versteht, kann man heute das verstehen, was geschieht.
[ 24 ] Die Völker der italienischen, der spanischen Halbinsel sind ergriffen worden von dem sich ausbreitenden Christentum, ebenso die Völker des heutigen Frankreich und die Völker der heutigen britischen Inseln. Wir wissen schon einiges von dem, was sich dort ausgebreitet hat. Wir wissen, daß auf der spanischen, auf der italienischen Halbinsel vorzugsweise die Empfindungsseele sich erhalten habe, in französischen Gegenden die Verstandes- oder Gemütsseele, in den britischen Gegenden die Bewußtseinsseele, hier in Mitteleuropa das Ich, und in Osteuropa kommt in ähnlicher Weise eine Kultur des Geistselbst in Betracht, das aber erst in der Zukunft wirksam sein kann und jetzt erst ganz verborgene Keime hat. Würde man doch einmal diesen Westen Europas anschauen, um ihn zu verstehen, so wie ihn die Geisteswissenschaft enträtseln kann! Die Charaktere zum Beispiel des italienischen Gebietes — nicht als Charakter des einzelnen Menschen, der natürlich überall über das Volksmäßige hinauswächst —, diese Charaktere entwickeln sich anders als die der französischen oder der britischen Menschheit. Die britische Menschheit ist so geartet, daß das Volksmäßige seinen Zusammenhang mit der Bewußtseinsseele hat. Von gewissen Gesichtspunkten aus habe ich das längst charakterisiert. Durch das Leben in der Bewußtseinsseele aber wird der Mensch gerade herausgetrieben auf den physischen Plan, auf den britischen Inseln nicht so stark wie in Amerika, er wird aber doch auf den physischen Plan herausgetrieben. Die Folge ist, daß der Mensch, den die kirchliche Entwickelung erst von dem Übersinnlichen abschnürte, nun wieder zusammengeführt wird mit dem Kosmischen. Aber er wird nur mit dem äußerlich Kosmischen zusammengeführt, wenn es sich um die Bewußtseinsseele handelt. Die Folge davon ist, daß eigentlich der britische Mensch, als Brite, mit dem Kosmos nur zusammenwächst durch ökonomische Prinzipien. Das britische Denken ist im wesentlichen das ökonomische, das Denken in ökonomischen Kategorien. Wer den inneren Zusammenhang der Bewußtseinsseele mit der physischen Welt erkennt, begreift dies als Notwendigkeit; er begreift auch als eine Notwendigkeit, daß der französische Volkscharakter — nicht der des einzelnen Franzosen —, der an die Verstandes- oder Gemütsseele herankommt, vorzugsweise das politische Denken, das politische Empfinden entwickelt, Italiener und Spanier in ähnlicher Weise das Animalische, weil dort die Empfindungsseele unmittelbar von dem Volksmäßigen ergriffen wird. Ich kann dies nur skizzieren, aber es drückt das aus, was in den Volkscharakteren selber lebt.
[ 25 ] Blicken wir auf das deutsche, auf dieses in so tragischer Entwickelung drinnen stehende deutsche Wesen, so ergreift dort das Volksmäßige das Ich. Die ganze deutsche Geschichte wird hell, wenn man diese Tatsache ins Auge faßt, die aus der übersinnlichen Welt sich enthüllt. Dieses Ich des Menschen ist ja das, was am wenigsten nach außen heute entwickelt ist, was am geistigsten geblieben ist. Daher hängt der Deutsche, indem er durch das Ich mit der geistigen Welt zusammenhängt, am geistigsten mit ihr zusammen. Er kann nicht durch seine Wesenheit ökonomisch und politisch und animalisch mit dem Kosmos zusammenhängen. Er kann nur so mit dem Kosmischen zusammenhängen, wie’ es sich im geistigen Leben, im Seelenleben einzelner Individualitäten — das Ich lebt ja immer in den Individualitäten — offenbart und dann über das Volk sich ergießt. Da ist die deutsche Entwickelung doch am charakteristischsten zum Ausdruck kommend in dem, was als Substantialität im Goetheanismus, im Herderianismus, im Lessingianismus sich zeigt, etwas, was eine Stufe höher abgemacht wird, als das Physisch-Sinnliche. Daher auch eine gewisse Fremdheit gegenüber dem Physisch-Sinnlichen, ein Gefühl, daß man dieses Substantielle nicht recht dazugehörig hält, wenn es sich bloß um das Physisch-Sinnliche handelt, und daher die letzten Jahrzehnte so viel Amerikanismus und auf der andern Seite so viel von dem, was ich nicht näher bezeichnen will, über Deutschland ergossen haben und es seinem ursprünglichen volksmäßigen Wirken entfremdet haben.
[ 26 ] Auf eine noch höhere Weise wird der Osten Europas in seinem Volkstum mit dem Geistigen zusammenhängen und eine noch höhere Kultur in geistiger Beziehung entwickeln — ein Gegenschlag gegenüber dem, was sich eben jetzt aus den angegebenen Gründen ausbildet. Aber das ist Sache der Zukunft, ist heute noch nicht vorhanden, ist noch im Animalischen beschlossen, aus dem es sich erst herausentwickeln muß.
[ 27 ] Durchaus wie in rechter Erbschaft aus dem Alten hängen die westlichen Länder Europas mit dem vierten nachatlantischen Zeitraume zusammen. Etwas, was neuer ist, aber was entgegengesetzt ist dem Amerikanismus, liegt schon im deutschen Wesen: eine’ gewisse Beziehung zur geistigen Welt, die innerhalb des Geistigen selbst gesucht wird. Der deutsche Mensch hat, wenn er seiner ureigenen Natur folgt, nicht Furcht vor dem Geistigen, sondern jene Hinneigung zum Geistigen, die wir zum Beispiel im Goetheanismus typisch, wenn auch auf höherer Stufe, ausgeprägt finden.
[ 28 ] Wenn man solche Dinge sagt, muß man sie freilich radikal aussprechen. Aber Sie wissen, nicht aus Chauvinismus, sondern aus der Erkenntnis heraus werden solche Sachen hier angeführt. Es ist wahrhaftig nicht gesagt, um irgend jemand heute zuliebe zu reden. Sie haben das letzte Mal gesehen, daß ich auch verstehe, nicht zuliebe zu reden. Aber das eine muß doch gesagt werden: Innerhalb dessen, was in Mitteleuropa vielfach vergessen ist, was aber doch deutsches Wesen ist, liegt eine Beziehung des Menschengeistes zur übersinnlichen Welt veranlagt, die ausgebildet werden muß, die das volle Gegenteil ist von allem übrigen, was sich auf der Erde heute zeigt. Oh, würden wir das anerkennen, würden nicht die letzten Jahrzehnte leider eher den Amerikanismus auf diesem Gebiete gebracht haben und das Russentum, so würde sich der Betrieb der Wissenschaft in Mitteleuropa in anderer Weise entwickelt haben. Sie wissen aus meinen andern Ausführungen, eine wie geistige, wie spirituelle Wissenschaft aus dem Goetheanismus hätte werden können. Aber der Goetheanismus blieb auch eine jenseitige Strömung. Ist er eigentlich erfaßt worden? Bis jetzt nicht. Aber er ist das richtige deutsche Wesen in allem, was ihm zugrunde liegt. Dieses Wesen ist, wie Sie aus der heutigen Charakteristik sehen können, fremd den andern. Die andern sind sehr, sehr verquickt mit den Erbstücken und mit dem Neuen. Nur in diesem Mitteleuropa hat sich etwas entwickelt, was mehr oder weniger sich herausgeschält hat aus den Erbstücken und aus dem Neuen.
[ 29 ] Wie der Goetheanismus unberührt bleibt von der materialistischen Wissenschaft — man lobt selbstverständlich Goethe, aber man macht, wie ich gesagt habe, den ehemaligen Finanzminister Kreuzwendedich mit Vornamen, zum Präsidenten der Goethe-Gesellschaft —, das kann man an mancherlei Dingen sehen. Man wird gerade das, was in diesem eigentlichen inneren Element des Deutschtums vorhanden ist, auf den andern Gebieten wie einen fortwährenden Vorwurf empfinden müssen; denn man rettet sich am besten gegen dasjenige, was man durch seine Natur nicht anerkennen kann, indem man es verlästert. Dem muß man rückhaltlos ins Auge schauen. Was als ein lebendiger Vorwurf da ist, demgegenüber ist es am besten, man stellt es als Verbrechertum hin. Dadurch rettet man sich subjektiv vor der Tatsache, daß es wie ein Vorwurf da ist. Man berührt damit eine wichtige psychologische Tatsache. Die Verlästerung wird immer weiter und weiter gehen, aber sie wird ihre Gründe darin haben, daß es unbehaglich ist, daß diese sonderbare Stellung dieses Ich zum Geistigen vorhanden ist. Aber die Notwendigkeit ist da, auf diesen Gebieten klar zu sehen, das klare Sehen nicht zu fliehen, wie es gemacht wird. Würden wir nicht selbst so viel Philistertum, so viel Amerikanismus in uns haben, so würden wir es einsehen, daß dies zwei Gegenpole sind: deutscher Goetheanismus und Amerikanismus, und wir würden dann wissen, daß wir uns zu den Strömungen der Gegenwart nur dann in der richtigen Weise verhalten können, wenn wir eben in diese Strömungen ganz vorurteilsfrei hineinschauen. Wir sollten uns eigentlich gerade jeden Chauvinismus abgewöhnen, wir sollten völlig nur auf das Objektive sehen.
[ 30 ] Aber gerade dann würden wir von jeder Verhimmelung des Amerikanismus, dem wir uns ja auch hinlänglich hingegeben haben, zurückkommen und würden gerade deshalb, weil die Furcht vor dem Geistigen das charakteristische Element im Amerikanismus ist, einsehen, daß in den gegenwärtigen katastrophalen Ereignissen das amerikanische Element als das eigentlich radikale Böse immer mehr und mehr wirken wird. Kurzsichtige sind es, die anderes über die Dinge sagen, weil sie nicht aus den Zusammenhängen heraus urteilen. Alles, was aus der politischen Lage der Franzosen, alles, was aus der rein ökonomischen Starrheit, die dem Britischen naturgemäß ist, alles, was aus dem animalischen Furor, diesem «heiligen Egoismus», des italienischen Volkes fließt, das ist im Hinblick auf die großen Angelegenheiten, die sich abspielen, eine Kleinigkeit gegenüber dem eigentlich bösen Element, das aus dem Amerikanismus aufgeht. Denn es gibt drei Strömungen, die durch ihre innere Verwandtschaft das Zerstörerische für die Menschheitsentwickelung haben. Dadurch, daß sie in ‚verschiedener Weise die Erbstücke und dasNeue aufgenommen haben, wie ich es heute skizzenhaft zu charakterisieren versuchte, dadurch sind sie das Zerstörerische. Vorzugsweise in drei Strömungen liegt dieses Zerstörerische: Erstens in alledem, was man Amerikanismus nennt, denn das tendiert immer mehr und mehr dahin, die Furcht vor dem Geiste auszubilden, die Welt nur zu einer Gelegenheit zu machen, in ihr physisch leben zu können. Es ist doch etwas ganz anderes, wenn das Britentum die Welt zu einer Art Handelshaus machen will. Der Amerikanismus will sie eigentlich zu einer möglichst mit Komfort ausgestatteten physischen Wohnung machen, in der man bequem und reich leben kann. Und in der Welt bequem und reich leben zu können, das ist das politische Element des Amerikanismus. Wer das nicht durchschaut, sieht die Dinge nicht, sondern will sich selbst betäuben. Unter dem Einfluß dieser Strömung muß aber der Zusammenhang des Menschen mit der geistigen Welt ersterben. In diesen amerikanischen Kräften liegt das, was wesentlich die Erde zum Ende führen muß, liegt das Zerstörerische, was zuletzt die Erde zum Tode bringen muß, weil der Geist davon abgehalten werden soll. Das zweite Zerstörerische ist nicht bloß der katholische, sondern aller Jesuitismus, denn der ist im wesentlichen mit dem Amerikanismus verwandt. Ist der Amerikanismus die Pflege der amerikanischen Strömung, welche die Furcht vor dem Geist ausbilden will, so sucht der Jesuitismus den Glauben zu erwecken: nicht tasten an den Geist, an den wir nicht heran können, und die geistigen Güter von denen verwalten lassen, die dazu durch das Lehramt der katholischen Kirche berufen sind. Und diese Strömung will die Kräfte in der Menschennatur verkümmern lassen, die nach dem Übersinnlichen gehen. Und das Dritte ist das, was heute in einzelnen Symptomen im Osten so furchtbar heraufzieht, was aber doch seinen Grund hat in dem rein das Animalische sozialisierenden Sozialismus; es ist das — das Wort soll damit nicht gleich irgendwie dogmatisiert werden —, was man als Bolschewismus bezeichnet, den die Menschheit nicht leicht überwinden wird.
[ 31 ] Das sind die drei zerstörerischen Elemente der modernen Menschheitsentwickelung. Ihnen Erkenntnis entgegenzubringen, damit man in der richtigen Weise sich den Ereignissen der Gegenwart gegenüberstellt, das ist doch nur auf geisteswissenschaftlichem Boden möglich. Darüber möchte ich heute über acht Tage sprechen.
