The Science of Human Development
GA 183
31 August 1918, Dornach
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Die Wissenschaft vom Werden des Menschen
Siebenter Vortrag
Siebenter Vortrag
[ 1 ] Ich habe in der letzten Zeit hier eine Reihe von wichtigen Tatsachen über den Menschen vorgebracht, die geisteswissenschaftlich erforscht werden können. Ich lege weniger Wert darauf, daß die Einzelheiten dieser Tatsachen aufgefaßt werden — denn ich habe mich ja über die Natur dieser Tatsachen öfter ausgesprochen —, als vielmehr darauf, daß ein gewisser Eindruck durch diese Tatsachen erweckt werde: der Eindruck über das Wesen desjenigen, was man die Täuschung der physischen Außenwelt nennen kann, auf daß Sie ein Gefühl davon erhalten, was eigentlich gemeint ist, wenn man davon spricht: Die Außenwelt, so wie wir sie um uns herum sehen — ich sage sehen, nicht haben —, ist Täuschung zunächst, und hinter ihr liegt die wahre, die wirkliche Welt. Und ich wollte ein gründlicheres Gefühl hervorrufen von dem, was gemeint ist, wenn man auf dem Boden der Geisteswissenschaft von der wirklichen Welt spricht. Also mehr um diese allgemeinen Gefühle handelt es sich. Und damit bin ich an demjenigen Punkte angelangt, wo wir gewissermaßen wiederum eine Möglichkeit haben, unsere geisteswissenschaftlichen Betrachtungen anzuknüpfen an wichtige, an bedeutsame Interessen im Geistesleben der Gegenwart, wobei ich natürlich an eine weitere Gegenwart denke, nicht bloß an die heutigen Tage, sondern an die Jahrhunderte, in denen wir leben.
[ 1 ] Ich habe in der letzten Zeit hier eine Reihe von wichtigen Tatsachen über den Menschen vorgebracht, die geisteswissenschaftlich erforscht werden können. Ich lege weniger Wert darauf, daß die Einzelheiten dieser Tatsachen aufgefaßt werden — denn ich habe mich ja über die Natur dieser Tatsachen öfter ausgesprochen —, als vielmehr darauf, daß ein gewisser Eindruck durch diese Tatsachen erweckt werde: der Eindruck über das Wesen desjenigen, was man die Täuschung der physischen Außenwelt nennen kann, auf daß Sie ein Gefühl davon erhalten, was eigentlich gemeint ist, wenn man davon spricht: Die Außenwelt, so wie wir sie um uns herum sehen — ich sage sehen, nicht haben —, ist Täuschung zunächst, und hinter ihr liegt die wahre, die wirkliche Welt. Und ich wollte ein gründlicheres Gefühl hervorrufen von dem, was gemeint ist, wenn man auf dem Boden der Geisteswissenschaft von der wirklichen Welt spricht. Also mehr um diese allgemeinen Gefühle handelt es sich. Und damit bin ich an demjenigen Punkte angelangt, wo wir gewissermaßen wiederum eine Möglichkeit haben, unsere geisteswissenschaftlichen Betrachtungen anzuknüpfen an wichtige, an bedeutsame Interessen im Geistesleben der Gegenwart, wobei ich natürlich an eine weitere Gegenwart denke, nicht bloß an die heutigen Tage, sondern an die Jahrhunderte, in denen wir leben.
[ 2 ] Unser Geistesleben ist in einem Zwiespalt begriffen, in einem Zwiespalt, den man in der verschiedensten Weise charakterisieren kann, den man so oder so definieren kann. Aber alle diese Definitionen müssen zuletzt wiederum zusammenlaufen in eine Art Empfindung für zwei Strömungen, die wir uns als Ideenströmungen bilden müssen aus der Geisteskultur der Gegenwart heraus, und die gewissermaßen sich nicht recht vereinigen lassen. Zwei Strömungen von Ideen sind vorhanden. Die eine, man kann sie im weitesten Sinne nennen die naturwissenschaftliche Strömung, wobei ich nicht etwa bloß das meine, was in den Kreisen der Naturforscher gedacht und behauptet wird, sondern jene naturwissenschaftliche Strömung, welche heute ja mehr oder weniger in der Empfindung der ganzen Menschheit lebt. Diese naturwissenschaftliche Strömung ist nach und nach eine populäre, eine weitverbreitete Anschauung geworden. Sie produziert Begriffe, die tief, tief sich eingewurzelt haben in das Seelenleben der Menschen der Gegenwart. Man kann am besten sehen, wie diese naturwissenschaftliche Weltanschauung sich eingewurzelt hat, wenn man bedenkt, daß sie da am tiefsten Wurzel gefaßt hat, wo man glaubt, an spirituelles Leben heranzudringen. Schließlich ist ja dasjenige, was man landläufig Spiritismus nennt und was von sehr vielen als theosophische Theorie vertreten wird, nichts anderes als ein Ausfluß materialistischer Weltanschauung. Dasjenige, was man zumeist an Begriffen hat über Ätherleib, Astralleib, dasjenige, was man experimentell produziert in spiritistischen Sitzungen, wird ganz und gar eingefangen in Begriffe, welche der naturwissenschaftlichen Weltanschauung entlehnt sind, was am besten solche Leute beweisen wie zum Beispiel du Prel, der glaubt, gerade auf die Geisteswelt loszugehen. Aber alles dasjenige, was er über die Geisteswelt sagt, denkt er in naturwissenschaftlichen Begriffen, das heißt in solchen Begriffen, in denen man bloß über die Natur denken sollte, nicht über den Geist, Ebenso ist es geradezu auffällig, wie materialistisch doch die Theorien der meisten Theosophen sind, wie sie sich geradezu bemühen, Vorstellungen wie Ätherleib oder selbst Astralleib an die naturwissenschaftlichen Begriffe, die man nur auf die Natur anwenden sollte, heranzurücken. Der Ätherleib wird sehr häufig vorgestellt als etwas ganz Materielles, als ein feiner Dunst oder dergleichen. Nun, ich habe mich ja über diese Dinge öfter ausgesprochen.
[ 2 ] Unser Geistesleben ist in einem Zwiespalt begriffen, in einem Zwiespalt, den man in der verschiedensten Weise charakterisieren kann, den man so oder so definieren kann. Aber alle diese Definitionen müssen zuletzt wiederum zusammenlaufen in eine Art Empfindung für zwei Strömungen, die wir uns als Ideenströmungen bilden müssen aus der Geisteskultur der Gegenwart heraus, und die gewissermaßen sich nicht recht vereinigen lassen. Zwei Strömungen von Ideen sind vorhanden. Die eine, man kann sie im weitesten Sinne nennen die naturwissenschaftliche Strömung, wobei ich nicht etwa bloß das meine, was in den Kreisen der Naturforscher gedacht und behauptet wird, sondern jene naturwissenschaftliche Strömung, welche heute ja mehr oder weniger in der Empfindung der ganzen Menschheit lebt. Diese naturwissenschaftliche Strömung ist nach und nach eine populäre, eine weitverbreitete Anschauung geworden. Sie produziert Begriffe, die tief, tief sich eingewurzelt haben in das Seelenleben der Menschen der Gegenwart. Man kann am besten sehen, wie diese naturwissenschaftliche Weltanschauung sich eingewurzelt hat, wenn man bedenkt, daß sie da am tiefsten Wurzel gefaßt hat, wo man glaubt, an spirituelles Leben heranzudringen. Schließlich ist ja dasjenige, was man landläufig Spiritismus nennt und was von sehr vielen als theosophische Theorie vertreten wird, nichts anderes als ein Ausfluß materialistischer Weltanschauung. Dasjenige, was man zumeist an Begriffen hat über Ätherleib, Astralleib, dasjenige, was man experimentell produziert in spiritistischen Sitzungen, wird ganz und gar eingefangen in Begriffe, welche der naturwissenschaftlichen Weltanschauung entlehnt sind, was am besten solche Leute beweisen wie zum Beispiel du Prel, der glaubt, gerade auf die Geisteswelt loszugehen. Aber alles dasjenige, was er über die Geisteswelt sagt, denkt er in naturwissenschaftlichen Begriffen, das heißt in solchen Begriffen, in denen man bloß über die Natur denken sollte, nicht über den Geist, Ebenso ist es geradezu auffällig, wie materialistisch doch die Theorien der meisten Theosophen sind, wie sie sich geradezu bemühen, Vorstellungen wie Ätherleib oder selbst Astralleib an die naturwissenschaftlichen Begriffe, die man nur auf die Natur anwenden sollte, heranzurücken. Der Ätherleib wird sehr häufig vorgestellt als etwas ganz Materielles, als ein feiner Dunst oder dergleichen. Nun, ich habe mich ja über diese Dinge öfter ausgesprochen.
[ 3 ] Dies ist die eine, ich möchte sagen Begriffsmasse, die wir haben: die naturwissenschaftlichen Begriffe. Und weniger Wert — ich betone das noch einmal, damit ich nicht mißverstanden werde — ist darauf zu legen, daß diese naturwissenschaftlichen Begriffe in den Naturwissenschaften selbst sich finden, wo sie ja zum großen Teil berechtigt sind, sondern das Wichtige ist, daß sie sich eben einschleichen in die allgemeine Weltanschauung, und daß sie verwendet werden, um Spirituelles begreifen zu wollen, ja, daß manche geradezu in dem Wahne leben, sie sagten etwas Besonderes, wenn sie die Ähnlichkeit der Begriffe, die sie im Spirituellen haben, mit den naturwissenschaftlichen Begriffen hervorheben.
[ 3 ] Dies ist die eine, ich möchte sagen Begriffsmasse, die wir haben: die naturwissenschaftlichen Begriffe. Und weniger Wert — ich betone das noch einmal, damit ich nicht mißverstanden werde — ist darauf zu legen, daß diese naturwissenschaftlichen Begriffe in den Naturwissenschaften selbst sich finden, wo sie ja zum großen Teil berechtigt sind, sondern das Wichtige ist, daß sie sich eben einschleichen in die allgemeine Weltanschauung, und daß sie verwendet werden, um Spirituelles begreifen zu wollen, ja, daß manche geradezu in dem Wahne leben, sie sagten etwas Besonderes, wenn sie die Ähnlichkeit der Begriffe, die sie im Spirituellen haben, mit den naturwissenschaftlichen Begriffen hervorheben.
[ 4 ] Die bedeutsame Tatsache, die wir da ins Auge fassen müssen, ist diese, daß diese naturwissenschaftlichen Begriffe nur eine gewisse Sphäre unserer Welt, eine gewisse Sphäre der Welt, in der wir leben, einfangen können in unser Verständnis, daß eine andere Welt außer unserem Verständnis bleiben muß, wenn wir nur naturwissenschaftliche Begriffe anwenden. Diese naturwissenschaftlichen Begriffe bilden also die eine Strömung.
[ 4 ] Die bedeutsame Tatsache, die wir da ins Auge fassen müssen, ist diese, daß diese naturwissenschaftlichen Begriffe nur eine gewisse Sphäre unserer Welt, eine gewisse Sphäre der Welt, in der wir leben, einfangen können in unser Verständnis, daß eine andere Welt außer unserem Verständnis bleiben muß, wenn wir nur naturwissenschaftliche Begriffe anwenden. Diese naturwissenschaftlichen Begriffe bilden also die eine Strömung.
[ 5 ] Die andere Strömung bilden gewisse Begriffe, die wir uns machen über Ideelles oder Ideales, und wohl auch heute, schon seit langer Zeit, über Moralisches. Nehmen Sie einen naturwissenschaftlichen Begriff wie den Begriff der Vererbung oder den Begriff der Entwickelung. Sie denken naturwissenschaftlich, wenn Sie diesen Begriff reinlich und sauber denken; Sie denken verworten, wenn Sie diese Begriffe von Vererbung und von Entwickelung, wie sie in der Naturwissenschaft üblich sind, auf Spirituelles ausdehnen. Nehmen Sie gewisse Begriffe, die man im Leben braucht, zum Beispiel den Begriff der inneren Freiheit unserer Seele, den Begriff des Wohlwollens, den Begriff der sittlichen Vollkommenheit, oder höhere Begriffe, den Begriff der Liebe und dergleichen, so haben Sie wiederum eine Strömung von Ideen, von Begriffen, die auch berechtigt sind, weil sie ja zum Leben gebraucht werden. Aber nur wenn man sich einer Selbsttäuschung hingibt, kann man sich von der Art, wie heute naturwissenschaftlich gedacht wird, zu der Art, wie heute ideal oder ideell oder moralisch gedacht wird, eine Brücke bauen. Denkt jemand rein naturwissenschaftlich, das heißt, sucht er sich ein naturwissenschaftliches Weltbild, so wie das heute das Ideal vieler Leute ist, so hat innerhalb einer Welt, welche diesem Weltbild entspricht, alles das keinen Platz, was unter Begriffe wie Wohlwollen, meinetwillen auch Glück, Liebe, innere Freiheit und so weiter gefaßt ist. Ein gewisses Ideal naturwissenschaftlicher Denkungsatt ist, alles, wie man sagt, unter den Kausalbegriff zu bringen, alles nach Ursachen und Wirkungen zusammenzudenken. Und eine sehr beliebte Verallgemeinerung ist ich habe das schon hier erwähnt — das Gesetz von der Erhaltung der Kraft und der Erhaltung des Stoffes. Bilden Sie sich eine Weltanschauung so, daß Sie dazu nur die Begriffe von Ursache und Wirkung im naturwissenschaftlichen Sinne verwenden oder von der Erhaltung der Kraft und des Stoffes, so können Sie nur entweder weltanschaulich unehrlich sein, oder Sie müssen sagen: Innerhalb einer solchen Weltenordnung, in welcher nur das Kausalitätsgesetz, nur das Ursachengesetz gilt, oder in welcher das Gesetz von der Erhaltung des Stoffes und der Kraft gilt, in einer solchen Welt ist alles, was Ideale sind, was Ideen sind, was moralische Begriffe sind, im Grunde genommen eigentlich nur Spaß. — Denn für eine Weltanschauung, welche etwa das Gesetz von der Erhaltung der Kraft und des Stoffes universell denkt, hat nichts anderes Sinn, als sich zu sagen: Nach diesem Gesetze von der Erhaltung der Kraft und des Stoffes entwickelt sich unsere Weltenordnung. — Aus gewissen Ursachen heraus ist innerhalb dieser Weltenordnung auch das Menschengeschlecht hervorgegangen. Dieses Menschengeschlecht träumt von Wohlwollen, von Liebe, von innerer Freiheit, aber all das sind Begriffe, die sich die Menschen machen, und wenn einmal jener Zustand eingetreten sein wird in unserem Weltensystem, der eintreten muß nach naturwissenschaftlichen Vorstellungen, dann ist eigentlich ein allgemeines Grab da für alle solche Vorstellungen von Wohlwollen, innerer Freiheit, von Liebe und so weiter. Das sind Träume, welche die Menschen träumen, während sie eben der reinen naturgesetzlichen Ordnung gemäß ihr Dasein innerhalb der Erdenentwickelung vollenden, und es hat gar keinen Sinn, von etwas anderem zu sprechen in bezug auf die Geltung der Ideale und Ideen, als davon, daß sie Träume der Menschen sind, denn innerhalb einer solchen naturwissenschaftlichen Weltanschauung haben Ideen und Ideale keine Kraft, sich zu realisieren. Was sollen denn, wenn die Welt wirklich entsprechen würde der naturwissenschaftlichen Weltanschauung, die Ideen und Ideale einmal machen, sobald der Zustand eingetreten ist, den man notwendig denken muß, wenn man nur mit naturwissenschaftlichen Begriffen denkt? Sie sind begraben, die Ideen und Ideale! Die Ideen und Ideale werden heute aber von den Menschen so gedacht — wenn sie das auch nicht zugeben —, daß sie keine innere Kraft haben, sich zu realisieren. Sie sind eben bloße Gedanken, die sich dadurch realisieren, daß die Menschen ihre Gefühle daran hängen, daß die Menschen sich gegeneinander so verhalten, wie es den Ideen entspricht. Aber sie haben keine innere Kraft, sich zu realisieren, diese Ideen, wie es der Magnetismus, wie es die Elektrizität oder die Wärme hat — die hat innere Kraft, sich zu realisieren! Die Ideen als solche — denken Sie also immer meinetwillen an die moralischen Ideen — haben nicht eine solche innere Kraft, sich zu realisieren innerhalb unserer Weltanschauung, wenn wir sie nur naturwissenschaftlich denken.
[ 5 ] Die andere Strömung bilden gewisse Begriffe, die wir uns machen über Ideelles oder Ideales, und wohl auch heute, schon seit langer Zeit, über Moralisches. Nehmen Sie einen naturwissenschaftlichen Begriff wie den Begriff der Vererbung oder den Begriff der Entwickelung. Sie denken naturwissenschaftlich, wenn Sie diesen Begriff reinlich und sauber denken; Sie denken verworten, wenn Sie diese Begriffe von Vererbung und von Entwickelung, wie sie in der Naturwissenschaft üblich sind, auf Spirituelles ausdehnen. Nehmen Sie gewisse Begriffe, die man im Leben braucht, zum Beispiel den Begriff der inneren Freiheit unserer Seele, den Begriff des Wohlwollens, den Begriff der sittlichen Vollkommenheit, oder höhere Begriffe, den Begriff der Liebe und dergleichen, so haben Sie wiederum eine Strömung von Ideen, von Begriffen, die auch berechtigt sind, weil sie ja zum Leben gebraucht werden. Aber nur wenn man sich einer Selbsttäuschung hingibt, kann man sich von der Art, wie heute naturwissenschaftlich gedacht wird, zu der Art, wie heute ideal oder ideell oder moralisch gedacht wird, eine Brücke bauen. Denkt jemand rein naturwissenschaftlich, das heißt, sucht er sich ein naturwissenschaftliches Weltbild, so wie das heute das Ideal vieler Leute ist, so hat innerhalb einer Welt, welche diesem Weltbild entspricht, alles das keinen Platz, was unter Begriffe wie Wohlwollen, meinetwillen auch Glück, Liebe, innere Freiheit und so weiter gefaßt ist. Ein gewisses Ideal naturwissenschaftlicher Denkungsatt ist, alles, wie man sagt, unter den Kausalbegriff zu bringen, alles nach Ursachen und Wirkungen zusammenzudenken. Und eine sehr beliebte Verallgemeinerung ist ich habe das schon hier erwähnt — das Gesetz von der Erhaltung der Kraft und der Erhaltung des Stoffes. Bilden Sie sich eine Weltanschauung so, daß Sie dazu nur die Begriffe von Ursache und Wirkung im naturwissenschaftlichen Sinne verwenden oder von der Erhaltung der Kraft und des Stoffes, so können Sie nur entweder weltanschaulich unehrlich sein, oder Sie müssen sagen: Innerhalb einer solchen Weltenordnung, in welcher nur das Kausalitätsgesetz, nur das Ursachengesetz gilt, oder in welcher das Gesetz von der Erhaltung des Stoffes und der Kraft gilt, in einer solchen Welt ist alles, was Ideale sind, was Ideen sind, was moralische Begriffe sind, im Grunde genommen eigentlich nur Spaß. — Denn für eine Weltanschauung, welche etwa das Gesetz von der Erhaltung der Kraft und des Stoffes universell denkt, hat nichts anderes Sinn, als sich zu sagen: Nach diesem Gesetze von der Erhaltung der Kraft und des Stoffes entwickelt sich unsere Weltenordnung. — Aus gewissen Ursachen heraus ist innerhalb dieser Weltenordnung auch das Menschengeschlecht hervorgegangen. Dieses Menschengeschlecht träumt von Wohlwollen, von Liebe, von innerer Freiheit, aber all das sind Begriffe, die sich die Menschen machen, und wenn einmal jener Zustand eingetreten sein wird in unserem Weltensystem, der eintreten muß nach naturwissenschaftlichen Vorstellungen, dann ist eigentlich ein allgemeines Grab da für alle solche Vorstellungen von Wohlwollen, innerer Freiheit, von Liebe und so weiter. Das sind Träume, welche die Menschen träumen, während sie eben der reinen naturgesetzlichen Ordnung gemäß ihr Dasein innerhalb der Erdenentwickelung vollenden, und es hat gar keinen Sinn, von etwas anderem zu sprechen in bezug auf die Geltung der Ideale und Ideen, als davon, daß sie Träume der Menschen sind, denn innerhalb einer solchen naturwissenschaftlichen Weltanschauung haben Ideen und Ideale keine Kraft, sich zu realisieren. Was sollen denn, wenn die Welt wirklich entsprechen würde der naturwissenschaftlichen Weltanschauung, die Ideen und Ideale einmal machen, sobald der Zustand eingetreten ist, den man notwendig denken muß, wenn man nur mit naturwissenschaftlichen Begriffen denkt? Sie sind begraben, die Ideen und Ideale! Die Ideen und Ideale werden heute aber von den Menschen so gedacht — wenn sie das auch nicht zugeben —, daß sie keine innere Kraft haben, sich zu realisieren. Sie sind eben bloße Gedanken, die sich dadurch realisieren, daß die Menschen ihre Gefühle daran hängen, daß die Menschen sich gegeneinander so verhalten, wie es den Ideen entspricht. Aber sie haben keine innere Kraft, sich zu realisieren, diese Ideen, wie es der Magnetismus, wie es die Elektrizität oder die Wärme hat — die hat innere Kraft, sich zu realisieren! Die Ideen als solche — denken Sie also immer meinetwillen an die moralischen Ideen — haben nicht eine solche innere Kraft, sich zu realisieren innerhalb unserer Weltanschauung, wenn wir sie nur naturwissenschaftlich denken.
[ 6 ] Gewiß, die wenigsten Menschen machen sich den Zwiespalt klar, der zwischen diesen zwei Strömungen unserer Gegenwart besteht, aber er ist da, und es ist die Tatsache, daß er im Unterbewußtsein der Menschen sein Spiel treibt, viel wichtiger, als daß man sich theoretisch darüber klar ist. Theoretisch klar ist sich nur eine Schichte der Menschen über das, was ich eben gesagt habe, und diese eine Schichte der Menschen, auf die sollte man wohl ein Auge haben im Leben der Gegenwart. Klar ausgesprochen, daß die Sache so ist, daß die ganze Welt nur naturwissenschaftlich geordnet ist und daß Ideen und Ideale nur eine Bedeutung haben deshalb, weil die Menschen nun einmal das Gefühl haben, sie müßten sich geradezu danach richten in ihrem gegenseitigen Verhalten, findet man diese Anschauung nur innerhalb der sozialistischen Theorie der Gegenwart. Die sozialistische Theorie der Gegenwart lehnt daher jede Geisteswissenschaft ab, betrachtet sogar die Spuren alter Geisteswissenschaft, die sich noch in der Jurisprudenz, in der Moral und der Theologie finden, als Vorurteile, die den Kinderjahren der Menschheitsentwickelung angehören, und sie will alles, was man Geisteswissenschaft nennen könnte, als Gesellschaftswissenschaft aufgefaßt wissen: sie will die sozialistische Gesellschaftswissenschaft bilden als bloß gültig für das gegenseitige Verhalten der Menschen. Die Welt ist naturwissenschaftlich geordnet, und außer der naturwissenschaftlichen Erklärung der Welt gibt es nur noch eine Gesellschaftswissenschaft. Das ist Grundüberzeugung jedes seiner selbst bewußten Sozialisten.
[ 6 ] Gewiß, die wenigsten Menschen machen sich den Zwiespalt klar, der zwischen diesen zwei Strömungen unserer Gegenwart besteht, aber er ist da, und es ist die Tatsache, daß er im Unterbewußtsein der Menschen sein Spiel treibt, viel wichtiger, als daß man sich theoretisch darüber klar ist. Theoretisch klar ist sich nur eine Schichte der Menschen über das, was ich eben gesagt habe, und diese eine Schichte der Menschen, auf die sollte man wohl ein Auge haben im Leben der Gegenwart. Klar ausgesprochen, daß die Sache so ist, daß die ganze Welt nur naturwissenschaftlich geordnet ist und daß Ideen und Ideale nur eine Bedeutung haben deshalb, weil die Menschen nun einmal das Gefühl haben, sie müßten sich geradezu danach richten in ihrem gegenseitigen Verhalten, findet man diese Anschauung nur innerhalb der sozialistischen Theorie der Gegenwart. Die sozialistische Theorie der Gegenwart lehnt daher jede Geisteswissenschaft ab, betrachtet sogar die Spuren alter Geisteswissenschaft, die sich noch in der Jurisprudenz, in der Moral und der Theologie finden, als Vorurteile, die den Kinderjahren der Menschheitsentwickelung angehören, und sie will alles, was man Geisteswissenschaft nennen könnte, als Gesellschaftswissenschaft aufgefaßt wissen: sie will die sozialistische Gesellschaftswissenschaft bilden als bloß gültig für das gegenseitige Verhalten der Menschen. Die Welt ist naturwissenschaftlich geordnet, und außer der naturwissenschaftlichen Erklärung der Welt gibt es nur noch eine Gesellschaftswissenschaft. Das ist Grundüberzeugung jedes seiner selbst bewußten Sozialisten.
[ 7 ] Man darf, wenn man solchen Dingen auf den Grund gehen will, nicht konfusen Begriffen sich hingeben. Ich weiß selbstverständlich, daß man kommen kann und sagen: Ja, so denken doch nicht die Sozialisten! — Aber darauf kommt es nicht an — das habe ich ja gerade in den ersten Tagen, in denen ich hier wieder vorgetragen habe, ausgeführt —, was Ideen für einen Inhalt haben, sondern durch was Ideen sich betätigen, wie sie eindringen, sich einleben. Und die sozialistische Idee lebt sich dadurch ein, daß sie ablehnt jedes Reden über irgendeinen geistigen Weltinhalt, daß sie behauptet, der Weltinhalt sei nur naturwissenschaftlich geordnet und Geisteswissenschaft sei durch bloße Gesellschaftswissenschaft zu ersetzen.
[ 7 ] Man darf, wenn man solchen Dingen auf den Grund gehen will, nicht konfusen Begriffen sich hingeben. Ich weiß selbstverständlich, daß man kommen kann und sagen: Ja, so denken doch nicht die Sozialisten! — Aber darauf kommt es nicht an — das habe ich ja gerade in den ersten Tagen, in denen ich hier wieder vorgetragen habe, ausgeführt —, was Ideen für einen Inhalt haben, sondern durch was Ideen sich betätigen, wie sie eindringen, sich einleben. Und die sozialistische Idee lebt sich dadurch ein, daß sie ablehnt jedes Reden über irgendeinen geistigen Weltinhalt, daß sie behauptet, der Weltinhalt sei nur naturwissenschaftlich geordnet und Geisteswissenschaft sei durch bloße Gesellschaftswissenschaft zu ersetzen.
[ 8 ] Nun fühlt der Mensch, daß bloße Ideen und Ideale, wenn sie so gedacht werden, wie sie in der Gegenwart gedacht werden, eben wirklich nicht mehr Kraft haben, als sich in das menschliche Gemütsleben hineinzufinden und sich dadurch zu realisieren, zu realisieren als ein Traum, den die Menschheit innerhalb der Erdenentwickelung träumt. Keine Idee, und wäre sie die schönste, die idealste, hat die Kraft, irgend etwas wachsen zu lassen, irgendwo Wärme zu erzeugen, einen Magneten zu bewegen oder dergleichen. Damit ist sie schon verurteilt, bloßer Traum zu sein, weil sie ja — solange man die Weltenordnung nur denkt als die Summe von elektrischen, magnetischen Kräften, von Lichtkräften, Wärmekräften und so weiter — in das Gefüge dieser Kräfte nicht eingreifen kann, insbesondere wenn man das Gesetz von der Erhaltung der Kraft und des Stoffes aufstellt, wonach Kraft und Stoff eine ewige Geltung haben sollen. Denn dann sind sie immer da, und dann können Ideen nirgends eingreifen, denn Kraft und Stoff haben dann ihre eigenen, ewigen Gesetze.
[ 8 ] Nun fühlt der Mensch, daß bloße Ideen und Ideale, wenn sie so gedacht werden, wie sie in der Gegenwart gedacht werden, eben wirklich nicht mehr Kraft haben, als sich in das menschliche Gemütsleben hineinzufinden und sich dadurch zu realisieren, zu realisieren als ein Traum, den die Menschheit innerhalb der Erdenentwickelung träumt. Keine Idee, und wäre sie die schönste, die idealste, hat die Kraft, irgend etwas wachsen zu lassen, irgendwo Wärme zu erzeugen, einen Magneten zu bewegen oder dergleichen. Damit ist sie schon verurteilt, bloßer Traum zu sein, weil sie ja — solange man die Weltenordnung nur denkt als die Summe von elektrischen, magnetischen Kräften, von Lichtkräften, Wärmekräften und so weiter — in das Gefüge dieser Kräfte nicht eingreifen kann, insbesondere wenn man das Gesetz von der Erhaltung der Kraft und des Stoffes aufstellt, wonach Kraft und Stoff eine ewige Geltung haben sollen. Denn dann sind sie immer da, und dann können Ideen nirgends eingreifen, denn Kraft und Stoff haben dann ihre eigenen, ewigen Gesetze.
[ 9 ] Mit diesem Gesetze — das sage ich nur in Parenthese — von der Erhaltung der Kraft und des Stoffes wird ja viel Unfug getrieben. So wie man in der Literatur heute von dem Gesetz der Erhaltung der Kraft und des Stoffes, namentlich von Kraft und Energie gesprochen findet, wird es auch häufig zurückgeführt auf Jz/ius Robert Mayer. Wer Julius Robert Mayers Schriften wirklich kennt, der weiß, daß es ebenso gescheit ist, das Gesetz von der Erhaltung der Kraft und des Stoffes auf Julius Robert Mayer zurückzuführen, so wie es heute in der Literatur geschieht, wie wenn man etwa die Schundliteratur auf die Erfindung der Buchdruckerkunst durch Gutenberg zurückführte. Denn das, was heute in Lehrbüchern und gebräuchlichen Handbüchern als Gesetz von der Erhaltung der Kraft und des Stoffes fungiert, das hat mit dem Gesetz von Julius Robert Mayer, den man für seine Tat ins Irrenhaus eingesperrt hat, nichts zu tun.
[ 9 ] Mit diesem Gesetze — das sage ich nur in Parenthese — von der Erhaltung der Kraft und des Stoffes wird ja viel Unfug getrieben. So wie man in der Literatur heute von dem Gesetz der Erhaltung der Kraft und des Stoffes, namentlich von Kraft und Energie gesprochen findet, wird es auch häufig zurückgeführt auf Jz/ius Robert Mayer. Wer Julius Robert Mayers Schriften wirklich kennt, der weiß, daß es ebenso gescheit ist, das Gesetz von der Erhaltung der Kraft und des Stoffes auf Julius Robert Mayer zurückzuführen, so wie es heute in der Literatur geschieht, wie wenn man etwa die Schundliteratur auf die Erfindung der Buchdruckerkunst durch Gutenberg zurückführte. Denn das, was heute in Lehrbüchern und gebräuchlichen Handbüchern als Gesetz von der Erhaltung der Kraft und des Stoffes fungiert, das hat mit dem Gesetz von Julius Robert Mayer, den man für seine Tat ins Irrenhaus eingesperrt hat, nichts zu tun.
[ 10 ] Nun entsteht eigentlich für den, der Geisteswissenschaft ernst nimmt, aus alledem, was ich dargestellt habe, eben die Frage: Welches Verhältnis, welcher Bezug besteht zwischen dem, was nimmer vereinigt werden kann innerhalb der gegenwärtigen Weltanschauung: moralischem Idealismus und naturalistischem Anschauen der Welt? Diese Frage läßt sich nicht so ohne weiteres theoretisch beantworten. Die Gegenwart wünscht vielfach theoretische Antworten, und auch diejenigen, die zur Theosophie oder Anthroposophie kommen, wünschen manchmal am allermeisten theoretisch-dogmatische Antworten. Aber die Antworten, die auf dem Boden der Geisteswissenschaft gegeben werden sollen, müssen Antworten der Anschauung sein. In dieser Beziehung geht es nicht, daß man gerade die Vorliebe der Gegenwart für Dogmatismen auch wiederum in die Geisteswissenschaft hineinträgt. Die Geisteswissenschaft verlangt anderes. Die Geisteswissenschafter verlangen freilich vielfach, daß andere Dogmen aufgestellt würden, aber die Geisteswissenschaft kann ganz und gar nicht der Ansicht sein, daß bloß andere Dogmen aufgestellt werden, als sie schon aufgestellt sind, sondern daß anders gedacht und anders angeschaut werde, daß überhaupt gewisse Dinge unter ganz andern Gesichtspunkten gedacht werden. Dasjenige, was vielfach heute auch als Geisteswissenschaft, namentlich auch als Theosophie getrieben wird, das kann einem oftmals den Eindruck machen einer etwas veränderten Scholastik des Mittelalters. Ich will mich gar nicht gegen Scholastik wenden, denn die Scholastik hat Dinge in sich, die viel bedeutsamer sind als dasjenige, was philosophisch in der Gegenwart hervorgebracht wird. Aber der Hang vieler Menschen in der Gegenwart ist dahingehend, nur wiederum andere Dogmen zu haben, über Gott und Unsterblichkeit und weiß Gott was, eben anders zu denken, aber eben doch nur zu denken, nicht zu Anschauungen zu kommen, die aus ganz anderem Fond heraus sind als frühere Vorstellungen. Steht man recht auf dem Boden der Geisteswissenschaft, so sagt man sich: Zur Zeit der Scholastik ist über die Dreieinigkeit, über das Wesen des Menschen, über seine Unsterblichkeit, über das Christus-Problem genug spintisiert worden, wenn ich den Ausdruck jetzt gar nicht mit irgendeinem üblen Beigeschmack anwende. Denn der eigentliche Wert dieser Scholastik liegt nicht in den Dogmen, die sie aufgestellt hat, sondern in der Technik des Denkens, wie ich es einmal dargestellt habe in meiner Schrift «Philosophie und Anthroposophie», die jetzt in einer neuen Auflage wesentlich erweitert wiederum erscheinen wird; er liegt in der Art, über die Dinge zu denken. Aber dieses Denken, das eignet man sich heute eigentlich besser an, wenn man zu den Scholastikern geht, als wenn man zu den vielfach konfusen Ideen, die man in der neueren Zeit theologische oder philosophische nennt, sich hinwendet. Da ist genug theoretisiert worden im Mittelalter über diese Dinge. Da hat man zum Beispiel so theoretisch mit dem ChristusProblem gerungen. Wer das Wesen dieses Ringens kennt, der kann nicht viel Geschmack abgewinnen einem etwas veränderten Scholastizieren, wie es zum Beispiel in der Theosophie vielfach getrieben worden ist, wo man halt, statt daß man früher, nicht wahr, Dreieinigkeit, Unsterblichkeit oder anderes hatte, nun wiederum physischen Leib, Ätherleib, Astralleib hat. Es ist ein anderes Theoretisieren, aber es ist im Grunde genommen qualitativ dieselbe Sache. Derjenige, der recht eingehen mag auf diese Schule des Mittelalters, der weiß, daß das gewissermaßen eine erledigte Angelegenheit ist, so vordringen zu wollen, sagen wir, zu dem Mysterium von Golgatha. Da ist heute viel wichtiger, zum Beispiel nach der Gestalt des Christus Jesus zu dringen, was versucht wird von uns hier in der Mittelpunktsgruppe des Baues, wo gesucht wird, die Gestalt des Christus Jesus wirklich wiederum zu finden. Derjenige, der sich richtig für frühere Dogmen interessiert, wird sich heute viel mehr dafür interessieren, die Gestaltung des Christus aus dem geistigen Leben herauszuholen, weil heute die Zeit dazu da ist, dies zu tun. Im Mittelalter war die Zeit, scharfsinnig nachzudenken und scholastische Begriffe auszuspintisieren; heute — das habe ich ja vielfach charakterisiert — ist ein solcher Punkt der fünften nachatlantischen Zeit, wo hingelenkt werden muß die Anschauung der Menschen nach den geistigen Formen. Dasjenige, was früher als Gestaltung des Christus gesucht wurde, sind ja phantastische Gestaltungen. Ich habe über die Entwickelung der Christusgestalt ja öfter hier gesprochen. Mit den Mitteln der geistigen Anschauung wird sich die Gestalt des Christus wiederum finden lassen. So hat jede Zeit ihre besondere Aufgabe. Denn nicht darauf kommt es an, daß irgend etwas festgelegt wird, sondern darauf, daß die Menschheit in ihrer Entwickelung sucht und dadurch sich zu immer weiteren und weiteren Stufen ihrer Entwickelung durchringt.
[ 10 ] Nun entsteht eigentlich für den, der Geisteswissenschaft ernst nimmt, aus alledem, was ich dargestellt habe, eben die Frage: Welches Verhältnis, welcher Bezug besteht zwischen dem, was nimmer vereinigt werden kann innerhalb der gegenwärtigen Weltanschauung: moralischem Idealismus und naturalistischem Anschauen der Welt? Diese Frage läßt sich nicht so ohne weiteres theoretisch beantworten. Die Gegenwart wünscht vielfach theoretische Antworten, und auch diejenigen, die zur Theosophie oder Anthroposophie kommen, wünschen manchmal am allermeisten theoretisch-dogmatische Antworten. Aber die Antworten, die auf dem Boden der Geisteswissenschaft gegeben werden sollen, müssen Antworten der Anschauung sein. In dieser Beziehung geht es nicht, daß man gerade die Vorliebe der Gegenwart für Dogmatismen auch wiederum in die Geisteswissenschaft hineinträgt. Die Geisteswissenschaft verlangt anderes. Die Geisteswissenschafter verlangen freilich vielfach, daß andere Dogmen aufgestellt würden, aber die Geisteswissenschaft kann ganz und gar nicht der Ansicht sein, daß bloß andere Dogmen aufgestellt werden, als sie schon aufgestellt sind, sondern daß anders gedacht und anders angeschaut werde, daß überhaupt gewisse Dinge unter ganz andern Gesichtspunkten gedacht werden. Dasjenige, was vielfach heute auch als Geisteswissenschaft, namentlich auch als Theosophie getrieben wird, das kann einem oftmals den Eindruck machen einer etwas veränderten Scholastik des Mittelalters. Ich will mich gar nicht gegen Scholastik wenden, denn die Scholastik hat Dinge in sich, die viel bedeutsamer sind als dasjenige, was philosophisch in der Gegenwart hervorgebracht wird. Aber der Hang vieler Menschen in der Gegenwart ist dahingehend, nur wiederum andere Dogmen zu haben, über Gott und Unsterblichkeit und weiß Gott was, eben anders zu denken, aber eben doch nur zu denken, nicht zu Anschauungen zu kommen, die aus ganz anderem Fond heraus sind als frühere Vorstellungen. Steht man recht auf dem Boden der Geisteswissenschaft, so sagt man sich: Zur Zeit der Scholastik ist über die Dreieinigkeit, über das Wesen des Menschen, über seine Unsterblichkeit, über das Christus-Problem genug spintisiert worden, wenn ich den Ausdruck jetzt gar nicht mit irgendeinem üblen Beigeschmack anwende. Denn der eigentliche Wert dieser Scholastik liegt nicht in den Dogmen, die sie aufgestellt hat, sondern in der Technik des Denkens, wie ich es einmal dargestellt habe in meiner Schrift «Philosophie und Anthroposophie», die jetzt in einer neuen Auflage wesentlich erweitert wiederum erscheinen wird; er liegt in der Art, über die Dinge zu denken. Aber dieses Denken, das eignet man sich heute eigentlich besser an, wenn man zu den Scholastikern geht, als wenn man zu den vielfach konfusen Ideen, die man in der neueren Zeit theologische oder philosophische nennt, sich hinwendet. Da ist genug theoretisiert worden im Mittelalter über diese Dinge. Da hat man zum Beispiel so theoretisch mit dem ChristusProblem gerungen. Wer das Wesen dieses Ringens kennt, der kann nicht viel Geschmack abgewinnen einem etwas veränderten Scholastizieren, wie es zum Beispiel in der Theosophie vielfach getrieben worden ist, wo man halt, statt daß man früher, nicht wahr, Dreieinigkeit, Unsterblichkeit oder anderes hatte, nun wiederum physischen Leib, Ätherleib, Astralleib hat. Es ist ein anderes Theoretisieren, aber es ist im Grunde genommen qualitativ dieselbe Sache. Derjenige, der recht eingehen mag auf diese Schule des Mittelalters, der weiß, daß das gewissermaßen eine erledigte Angelegenheit ist, so vordringen zu wollen, sagen wir, zu dem Mysterium von Golgatha. Da ist heute viel wichtiger, zum Beispiel nach der Gestalt des Christus Jesus zu dringen, was versucht wird von uns hier in der Mittelpunktsgruppe des Baues, wo gesucht wird, die Gestalt des Christus Jesus wirklich wiederum zu finden. Derjenige, der sich richtig für frühere Dogmen interessiert, wird sich heute viel mehr dafür interessieren, die Gestaltung des Christus aus dem geistigen Leben herauszuholen, weil heute die Zeit dazu da ist, dies zu tun. Im Mittelalter war die Zeit, scharfsinnig nachzudenken und scholastische Begriffe auszuspintisieren; heute — das habe ich ja vielfach charakterisiert — ist ein solcher Punkt der fünften nachatlantischen Zeit, wo hingelenkt werden muß die Anschauung der Menschen nach den geistigen Formen. Dasjenige, was früher als Gestaltung des Christus gesucht wurde, sind ja phantastische Gestaltungen. Ich habe über die Entwickelung der Christusgestalt ja öfter hier gesprochen. Mit den Mitteln der geistigen Anschauung wird sich die Gestalt des Christus wiederum finden lassen. So hat jede Zeit ihre besondere Aufgabe. Denn nicht darauf kommt es an, daß irgend etwas festgelegt wird, sondern darauf, daß die Menschheit in ihrer Entwickelung sucht und dadurch sich zu immer weiteren und weiteren Stufen ihrer Entwickelung durchringt.
[ 11 ] Also darauf kommt es an, daß man gewissermaßen eine Brücke finden kann da, wo die moderne Weltanschauung eine Brücke eben nicht finden kann, sondern wo, wenn sie sich selbst richtig versteht, sie notwendigerweise zum Sozialismus, das heißt zur sozialistischen Theorie kommen muß — nicht zum Sozialismus in seiner Berechtigung; darüber habe ich ja auch schon öfter gesprochen. Diese Brücke kann man aber nur finden, wenn man den ehrlichen Willen hat, ebenso wie man in dasjenige eindringt, was zwischen der Geburt und dem Tode verläuft, auch in dasjenige einzudringen, was zwischen dem Tode und einer neuen Geburt verläuft, wenn man also nicht bloß den Willen hat, gewissermaßen die Welt hier zu analysieren, sondern wenn man den Willen hat, sich wirklich auf das Geistige einzulassen. Man redet von dem Menschen und sagt: Der Mensch besteht aus physischem Leib, Ätherleib, astralischem Leib, Ich und so weiter. — Das ist gewiß berechtigt; aber es ist für den Menschen berechtigt, der hier zwischen der Geburt und dem Tode lebt. Das, was ich das vorige Mal und das vorvorige Mal hier ausgeführt habe, das kann Sie aber schon darauf hinweisen, daß man in einer ähnlichen Weise nun reden kann über den Menschen nach dem Tode, über den Menschen zwischen dem Tode und einer neuen Geburt. Wenn Sie schon fragen wollen: Aus was besteht der Mensch? — so können Sie nicht bloß fragen: Aus was besteht der Mensch hier auf Erden? — und antworten: Da besteht er aus physischem, Ätherleib, Astralleib und Ich —, sondern wir müssen jetzt auch die Frage aufwerfen: Aus was besteht der Mensch, wenn er nicht auf Erden ist, sondern in einer geistigen Welt zwischen Tod und neuer Geburt? Wie kann man da von den Gliedern der menschlichen Natur reden? — Da muß man in ebenso realer Weise von den Gliedern der menschlichen Natur reden können. Und man muß sich, wenn man ganz ehrlich bei einer solchen Sache mit sich zu Rate geht, eben bewußt werden, daß jedes Zeitalter seine besondere Aufgabe hat.
[ 11 ] Also darauf kommt es an, daß man gewissermaßen eine Brücke finden kann da, wo die moderne Weltanschauung eine Brücke eben nicht finden kann, sondern wo, wenn sie sich selbst richtig versteht, sie notwendigerweise zum Sozialismus, das heißt zur sozialistischen Theorie kommen muß — nicht zum Sozialismus in seiner Berechtigung; darüber habe ich ja auch schon öfter gesprochen. Diese Brücke kann man aber nur finden, wenn man den ehrlichen Willen hat, ebenso wie man in dasjenige eindringt, was zwischen der Geburt und dem Tode verläuft, auch in dasjenige einzudringen, was zwischen dem Tode und einer neuen Geburt verläuft, wenn man also nicht bloß den Willen hat, gewissermaßen die Welt hier zu analysieren, sondern wenn man den Willen hat, sich wirklich auf das Geistige einzulassen. Man redet von dem Menschen und sagt: Der Mensch besteht aus physischem Leib, Ätherleib, astralischem Leib, Ich und so weiter. — Das ist gewiß berechtigt; aber es ist für den Menschen berechtigt, der hier zwischen der Geburt und dem Tode lebt. Das, was ich das vorige Mal und das vorvorige Mal hier ausgeführt habe, das kann Sie aber schon darauf hinweisen, daß man in einer ähnlichen Weise nun reden kann über den Menschen nach dem Tode, über den Menschen zwischen dem Tode und einer neuen Geburt. Wenn Sie schon fragen wollen: Aus was besteht der Mensch? — so können Sie nicht bloß fragen: Aus was besteht der Mensch hier auf Erden? — und antworten: Da besteht er aus physischem, Ätherleib, Astralleib und Ich —, sondern wir müssen jetzt auch die Frage aufwerfen: Aus was besteht der Mensch, wenn er nicht auf Erden ist, sondern in einer geistigen Welt zwischen Tod und neuer Geburt? Wie kann man da von den Gliedern der menschlichen Natur reden? — Da muß man in ebenso realer Weise von den Gliedern der menschlichen Natur reden können. Und man muß sich, wenn man ganz ehrlich bei einer solchen Sache mit sich zu Rate geht, eben bewußt werden, daß jedes Zeitalter seine besondere Aufgabe hat.
[ 12 ] Die Menschen werden sich nicht recht bewußt, daß eigentlich die Art, wie sie denken, vorstellen, selbst wie sie empfinden, ja, selbst wie sie die Außenwelt anschauen — erinnern Sie sich nur an gewisse Ausführungen, die ich in meinen «Rätseln der Philosophie» gemacht habe über den verhältnismäßig kurzen Zeitraum von sechshundert Jahren vor unserer Zeitrechnung bis zu uns —, eben nur jetzt so ist. Wir können nicht über das 8. Jahrhundert vor dem Mysterium von Golgatha zurückgehen mit dem Denken und dem Empfinden und dem Anschauen, das wir jetzt haben. Ich habe Ihnen das genaue Jahr angegeben: 747 vor dem Mysterium von Golgatha ist die wahre Gründungszahl der Stadt Rom. Wenn man hinter dieses 8. vorchristliche Jahrhundert zurückgeht, dann ist die ganze Art des menschlichen Lebens eine andere als diejenige, die man jetzt als Seelenleben eben kennt. Da werden alle Arten, die Welt anzuschauen, anders. Da ist allerdings eine Grenzscheide, die man schon besser beobachten kann als die andere, die eigentlich auch gut zu beobachten ist, aber noch nicht für den Menschen der Gegenwart: die Grenzscheide, die im 15. Jahrhundert liegt. Das 15. Jahrhundert liegt den Menschen der Gegenwart zu nahe; da können sie sich nicht so recht in den großen Umschwung hineinversetzen, der da eingetreten ist. Im ganzen stellen sich die Menschen vor: gedacht und gesonnen hat man immer so wie jetzt, auch wenn man immer weiter zurückgeht; aber wie wenig weit geht man zurück! Nun ja, die Sache ist eben diese, daß, sobald man hinter das 8. vorchristliche Jahrhundert zurückgeht, man eine ganz andere Art zu denken hat. Und nun können wir die Frage aufwerfen: Warum hatte man denn da eine andere Art zu denken? Über diese andere Art zu denken machen sich die Menschen jetzt, wenn sie sich Vorstellungen machen, ziemlich törichte Vorstellungen, könnte man sagen. Wenn die Menschen der Gegenwart jetzt hören, wie, sagen wir, in den ägyptischen Mysterien — es waren dazumal die gesuchtesten — gelehrt worden ist, wenn sie etwas hören von der Art, wie da die Wahrheiten erörtert worden sind, da meinen sie: Nun ja, das entspricht eben der phantastischen Zeit von dazumal, da waren die Menschen noch nicht so gescheit wie jetzt, da haben sie sich noch kindische Vorstellungen gemacht; das Richtige, das haben wir jetzt! Es liegt besonders dem Menschen der Gegenwart nahe, so zu denken, denn er kann sich, weil er so furchtbar eingerutscht ist in diese Denkweise der Gegenwart, nicht irgend etwas anderes dabei denken. Nehmen wir an, ein Grieche, Pythagoras zum Beispiel, sei nach Ägypten gekommen und hätte dort gelernt, so wie heute irgend jemand nach einer berühmten Universität geht, um zu lernen. Aber was hat er gelernt? Ich will Ihnen etwas sagen, was der Pythagoras wirklich dort hat lernen können: Er hat dort gelernt, daß in ÜUrzeiten der Merkur mit dem Monde einmal Schach gespielt hat, und bei diesem Schachspiel hat der Merkurius gewonnen. Er hat nämlich dem Monde für jeden Tag zwanzig Minuten abgewonnen, und diese zwanzig Minuten, die sind dann von den Eingeweihten zusammengezählt worden. Wieviel machen sie aus, diese zwanzig Minuten in dreihundertsechzig "Tagen? Die machen nämlich gerade fünf Tage aus. Daher hat man nicht dreihundertsechzig Tage als das Jahr gerechnet, sondern dreihundertfünfundsechzig Tage. Diese fünf Tage sind dasjenige, was der Merkur dem Monde im Spiel abgewonnen hat, und was er dann den übrigen Planeten und dem ganzen Menschengeschlecht zu dreihundertsechzig Tagen im Jahr hinzugeschenkt hat.
[ 12 ] Die Menschen werden sich nicht recht bewußt, daß eigentlich die Art, wie sie denken, vorstellen, selbst wie sie empfinden, ja, selbst wie sie die Außenwelt anschauen — erinnern Sie sich nur an gewisse Ausführungen, die ich in meinen «Rätseln der Philosophie» gemacht habe über den verhältnismäßig kurzen Zeitraum von sechshundert Jahren vor unserer Zeitrechnung bis zu uns —, eben nur jetzt so ist. Wir können nicht über das 8. Jahrhundert vor dem Mysterium von Golgatha zurückgehen mit dem Denken und dem Empfinden und dem Anschauen, das wir jetzt haben. Ich habe Ihnen das genaue Jahr angegeben: 747 vor dem Mysterium von Golgatha ist die wahre Gründungszahl der Stadt Rom. Wenn man hinter dieses 8. vorchristliche Jahrhundert zurückgeht, dann ist die ganze Art des menschlichen Lebens eine andere als diejenige, die man jetzt als Seelenleben eben kennt. Da werden alle Arten, die Welt anzuschauen, anders. Da ist allerdings eine Grenzscheide, die man schon besser beobachten kann als die andere, die eigentlich auch gut zu beobachten ist, aber noch nicht für den Menschen der Gegenwart: die Grenzscheide, die im 15. Jahrhundert liegt. Das 15. Jahrhundert liegt den Menschen der Gegenwart zu nahe; da können sie sich nicht so recht in den großen Umschwung hineinversetzen, der da eingetreten ist. Im ganzen stellen sich die Menschen vor: gedacht und gesonnen hat man immer so wie jetzt, auch wenn man immer weiter zurückgeht; aber wie wenig weit geht man zurück! Nun ja, die Sache ist eben diese, daß, sobald man hinter das 8. vorchristliche Jahrhundert zurückgeht, man eine ganz andere Art zu denken hat. Und nun können wir die Frage aufwerfen: Warum hatte man denn da eine andere Art zu denken? Über diese andere Art zu denken machen sich die Menschen jetzt, wenn sie sich Vorstellungen machen, ziemlich törichte Vorstellungen, könnte man sagen. Wenn die Menschen der Gegenwart jetzt hören, wie, sagen wir, in den ägyptischen Mysterien — es waren dazumal die gesuchtesten — gelehrt worden ist, wenn sie etwas hören von der Art, wie da die Wahrheiten erörtert worden sind, da meinen sie: Nun ja, das entspricht eben der phantastischen Zeit von dazumal, da waren die Menschen noch nicht so gescheit wie jetzt, da haben sie sich noch kindische Vorstellungen gemacht; das Richtige, das haben wir jetzt! Es liegt besonders dem Menschen der Gegenwart nahe, so zu denken, denn er kann sich, weil er so furchtbar eingerutscht ist in diese Denkweise der Gegenwart, nicht irgend etwas anderes dabei denken. Nehmen wir an, ein Grieche, Pythagoras zum Beispiel, sei nach Ägypten gekommen und hätte dort gelernt, so wie heute irgend jemand nach einer berühmten Universität geht, um zu lernen. Aber was hat er gelernt? Ich will Ihnen etwas sagen, was der Pythagoras wirklich dort hat lernen können: Er hat dort gelernt, daß in ÜUrzeiten der Merkur mit dem Monde einmal Schach gespielt hat, und bei diesem Schachspiel hat der Merkurius gewonnen. Er hat nämlich dem Monde für jeden Tag zwanzig Minuten abgewonnen, und diese zwanzig Minuten, die sind dann von den Eingeweihten zusammengezählt worden. Wieviel machen sie aus, diese zwanzig Minuten in dreihundertsechzig "Tagen? Die machen nämlich gerade fünf Tage aus. Daher hat man nicht dreihundertsechzig Tage als das Jahr gerechnet, sondern dreihundertfünfundsechzig Tage. Diese fünf Tage sind dasjenige, was der Merkur dem Monde im Spiel abgewonnen hat, und was er dann den übrigen Planeten und dem ganzen Menschengeschlecht zu dreihundertsechzig Tagen im Jahr hinzugeschenkt hat.
[ 13 ] Nun, nicht wahr, wenn man sagt, so etwas habe der Pythagoras bei den weisen Ägyptern lernen können, dann lacht jeder Mensch in der Gegenwart, ganz selbstverständlich. Dennoch ist es nur eine andere Einkleidung für eine tiefe geistige Wahrheit — wir werden davon in diesen Tagen noch sprechen —, die die Gegenwart noch gar nicht wieder entdeckt hat, die aber eine Wahrheit ist.
[ 13 ] Nun, nicht wahr, wenn man sagt, so etwas habe der Pythagoras bei den weisen Ägyptern lernen können, dann lacht jeder Mensch in der Gegenwart, ganz selbstverständlich. Dennoch ist es nur eine andere Einkleidung für eine tiefe geistige Wahrheit — wir werden davon in diesen Tagen noch sprechen —, die die Gegenwart noch gar nicht wieder entdeckt hat, die aber eine Wahrheit ist.
[ 14 ] Sie könnten fragen: Warum ist dazumal ganz anders gerechnet worden? — Vergleichen Sie den Vortrag eines solchen ägyptischen Weisen, der also dem krassen Fuchs Pythagoras vorträgt: Der Merkur hat im Schachspiel für jeden Tag dem Monde zwanzig Minuten abgewonnen — mit einem Vortrag über moderne Astronomie, der in einem Hörsaal gehalten wird, so werden Sie besser auf den Unterschied aufmerksam werden. Fragt man sich aber: Warum ist ein solcher Unterschied? — dann muß man etwas tiefer hineingehen in das ganze Wesen der menschlichen Entwickelung. Denn wenn man hinter das 8. vorchristliche Jahrhundert zurückgeht — Pythagoras gehört zwar nicht dieser frühen Zeit an, aber in Ägypten haben sich die Reste einer Weisheit, die eben weit vor dem 8. vorchristlichen Jahrhundert begründet worden ist, erhalten, da konnte man sie sich noch einprägen —, wenn in diesen alten Zeiten so gelehrt worden ist, so hat das schon seinen tiefen Grund. Es war das ganze Verhältnis des Menschen zur Welt anders angesehen worden, mußte anders in der damaligen Zeit angesehen werden.
[ 14 ] Sie könnten fragen: Warum ist dazumal ganz anders gerechnet worden? — Vergleichen Sie den Vortrag eines solchen ägyptischen Weisen, der also dem krassen Fuchs Pythagoras vorträgt: Der Merkur hat im Schachspiel für jeden Tag dem Monde zwanzig Minuten abgewonnen — mit einem Vortrag über moderne Astronomie, der in einem Hörsaal gehalten wird, so werden Sie besser auf den Unterschied aufmerksam werden. Fragt man sich aber: Warum ist ein solcher Unterschied? — dann muß man etwas tiefer hineingehen in das ganze Wesen der menschlichen Entwickelung. Denn wenn man hinter das 8. vorchristliche Jahrhundert zurückgeht — Pythagoras gehört zwar nicht dieser frühen Zeit an, aber in Ägypten haben sich die Reste einer Weisheit, die eben weit vor dem 8. vorchristlichen Jahrhundert begründet worden ist, erhalten, da konnte man sie sich noch einprägen —, wenn in diesen alten Zeiten so gelehrt worden ist, so hat das schon seinen tiefen Grund. Es war das ganze Verhältnis des Menschen zur Welt anders angesehen worden, mußte anders in der damaligen Zeit angesehen werden.
[ 15 ] Ich möchte darauf hinweisen, daß ja noch verschiedene Reste alter Anschauung immer wieder und wieder atavistisch erneuert worden sind, wobei ich unter dem Wort «atavistisch» nicht irgend etwas Abfälliges meine und verstehe. Wer zum Beispiel ein Werk liest, wie Jakob Böhmes «De signatura rerum», der wird, wenn er ehrlich ist, eigentlich auch heute sagen: er kann nichts damit anfangen. Denn da werden ganz merkwürdige Auseinandersetzungen gegeben, die entweder von einem höheren Gesichtspunkte aus beurteilt werden müssen — dann bekommen sie einen Sinn —, oder aber die vom Standpunkte des modern denkenden Menschen als unvernünftiges Zeug eines Laien, der ein bißchen spintisiert hat, eigentlich abgelehnt werden müßten. All das tolle Gerede, das vielfach getrieben wird von unreifen theosophischen Kreisen über Jakob Böhme, ist eigentlich von Übel. Dennoch erinnert dieser Jakob Böhme von einem höheren Standpunkte aus in seinem ganzen Geistesgefüge, in der Art, wie er sich namentlich zur Analyse von gewissen Worten verhält, wenn er zum Beispiel Worte wie Sulfur zerlegt und in den zerlegten Teilen etwas sucht — wir wollen nicht auf das Materielle dabei sehen, sondern auf die Art, wie er da etwa in seinem Werke «De signatura rerum» vorgeht —, er erinnert viel mehr als irgendeine von den abstrakten Wissenschaften, die es ja nur heute in der Öffentlichkeit gibt, an einen gewissen konkreten Zusammenhang des Menschen mit der gesamten geistigen Welt. Er steht, dieser Jakob Böhme, viel mehr in dieser geistigen Welt darinnen. Und dieses Darinnenstehen in der geistigen Welt, das ist das Charakteristische für solche Denker, die vor dem 8. vorchristlichen Jahrhundert, vor unserer Zeitrechnung eben Denker waren. Sie dachten nicht mit der individuellen Einzelvernunft, mit der wir heute denken. Wir denken ja alle mit derindividuellen Einzelvernunft; die dachten mehr noch mit der kosmischen Vernunft, mit der schöpferischen Vernunft, mit der Vernunft, die man, ich möchte sagen, in einzelnen ihrer Schöpfungen noch erlauschen muß, wenn man auf sie kommen will.
[ 15 ] Ich möchte darauf hinweisen, daß ja noch verschiedene Reste alter Anschauung immer wieder und wieder atavistisch erneuert worden sind, wobei ich unter dem Wort «atavistisch» nicht irgend etwas Abfälliges meine und verstehe. Wer zum Beispiel ein Werk liest, wie Jakob Böhmes «De signatura rerum», der wird, wenn er ehrlich ist, eigentlich auch heute sagen: er kann nichts damit anfangen. Denn da werden ganz merkwürdige Auseinandersetzungen gegeben, die entweder von einem höheren Gesichtspunkte aus beurteilt werden müssen — dann bekommen sie einen Sinn —, oder aber die vom Standpunkte des modern denkenden Menschen als unvernünftiges Zeug eines Laien, der ein bißchen spintisiert hat, eigentlich abgelehnt werden müßten. All das tolle Gerede, das vielfach getrieben wird von unreifen theosophischen Kreisen über Jakob Böhme, ist eigentlich von Übel. Dennoch erinnert dieser Jakob Böhme von einem höheren Standpunkte aus in seinem ganzen Geistesgefüge, in der Art, wie er sich namentlich zur Analyse von gewissen Worten verhält, wenn er zum Beispiel Worte wie Sulfur zerlegt und in den zerlegten Teilen etwas sucht — wir wollen nicht auf das Materielle dabei sehen, sondern auf die Art, wie er da etwa in seinem Werke «De signatura rerum» vorgeht —, er erinnert viel mehr als irgendeine von den abstrakten Wissenschaften, die es ja nur heute in der Öffentlichkeit gibt, an einen gewissen konkreten Zusammenhang des Menschen mit der gesamten geistigen Welt. Er steht, dieser Jakob Böhme, viel mehr in dieser geistigen Welt darinnen. Und dieses Darinnenstehen in der geistigen Welt, das ist das Charakteristische für solche Denker, die vor dem 8. vorchristlichen Jahrhundert, vor unserer Zeitrechnung eben Denker waren. Sie dachten nicht mit der individuellen Einzelvernunft, mit der wir heute denken. Wir denken ja alle mit derindividuellen Einzelvernunft; die dachten mehr noch mit der kosmischen Vernunft, mit der schöpferischen Vernunft, mit der Vernunft, die man, ich möchte sagen, in einzelnen ihrer Schöpfungen noch erlauschen muß, wenn man auf sie kommen will.
[ 16 ] Heute gibt es eigentlich nur noch ein Gebiet, in dem man ein klein wenig merken kann, wie ins Menschenleben noch so etwas wie die schöpferische Vernunft sich hereinergießt und hereinwirkt. Man kann noch auf einem Gebiet etwas bemerken von einem Sich-Realisieren von Ideellem; aber, ich möchte sagen, es ist nur noch ein Schatten davon da, und dieser Schatten wird zumeist auch nicht berücksichtigt. Es existieren heute eine ganze Anzahl von naturalistischen anthropologischen Theorien über die Entstehung der Sprache, wie sie sich entwickelt haben soll. Sie wissen, es gibt — ich habe das öfter erwähnt zwei hauptsächliche Theorien. Man nennt die eine die WauwauTheorie, die andere die Bimbam-Theorie. Die Wauwau-Theorie ist mehr von kontinentalen Gelehrten vertreten, die Bimbam-Theorie ist von Max Müller vertreten. Die Wauwau-Theorie beruht darauf, daß Menschen von primitivsten Zuständen ausgegangen sind und da ihre inneren organischen Erlebnisse so herausgebellt haben wie der Hund, wenn er «wauwau» macht, und durch eine entsprechende Entwickelung — alles entwickelt sich ja, nicht wahr, vom Primitiven bis zum Vollkommenen — ist das Wauwau des Hundes, das heute noch beim Menschen auf seiner primitiven Stufe zu bemerken ist, zur menschlichen Sprache geworden. Wenn man alles in der Entwickelung verfolgt vom Wauwau bis zum heutigen Sprechen, so ähnlich, nicht wahr, wie es die Deszendenztheorie macht, Darwin oder Haeckel, beginnend mit der einfachsten Monere, also von der einfachsten Weise, von der unartikuliertesten Weise bis zu der heutigen Sprache, dann ist das eben die Wauwau-Theorie. Eine andere Theorie besagt, daß man ein gewisses Gefühl entwickeln kann der Verwandtschaft mit den Tönen der Glocke: Bimbam; man hätte jedesmal einen bestimmten inneren Klang, den man imitiert. Danach würde man mit dem Wauwau mehr eine Evolutionstheorie verfolgen, mit der BimbamTheorie mehr eine Anpassungstheorie, eine Anpassung des Menschen an die innere Natur der materiellen Worte. Dann kann man ja auch geistreich die Dinge verbinden, die Bimbam-Theorie mit der WauwauTheorie, das ist dann etwas Vollkommeneres, dann hat man Entwickelung mit Anpassung verbunden. Nun ja, diese Dinge sind heute mehr oder weniger gang und gäbe. Es gibt auch solche, die über diese beiden Theorien lachen und die andere Theorien haben; aber im Prinzip sind sie eben auch nicht viel anders.
[ 16 ] Heute gibt es eigentlich nur noch ein Gebiet, in dem man ein klein wenig merken kann, wie ins Menschenleben noch so etwas wie die schöpferische Vernunft sich hereinergießt und hereinwirkt. Man kann noch auf einem Gebiet etwas bemerken von einem Sich-Realisieren von Ideellem; aber, ich möchte sagen, es ist nur noch ein Schatten davon da, und dieser Schatten wird zumeist auch nicht berücksichtigt. Es existieren heute eine ganze Anzahl von naturalistischen anthropologischen Theorien über die Entstehung der Sprache, wie sie sich entwickelt haben soll. Sie wissen, es gibt — ich habe das öfter erwähnt zwei hauptsächliche Theorien. Man nennt die eine die WauwauTheorie, die andere die Bimbam-Theorie. Die Wauwau-Theorie ist mehr von kontinentalen Gelehrten vertreten, die Bimbam-Theorie ist von Max Müller vertreten. Die Wauwau-Theorie beruht darauf, daß Menschen von primitivsten Zuständen ausgegangen sind und da ihre inneren organischen Erlebnisse so herausgebellt haben wie der Hund, wenn er «wauwau» macht, und durch eine entsprechende Entwickelung — alles entwickelt sich ja, nicht wahr, vom Primitiven bis zum Vollkommenen — ist das Wauwau des Hundes, das heute noch beim Menschen auf seiner primitiven Stufe zu bemerken ist, zur menschlichen Sprache geworden. Wenn man alles in der Entwickelung verfolgt vom Wauwau bis zum heutigen Sprechen, so ähnlich, nicht wahr, wie es die Deszendenztheorie macht, Darwin oder Haeckel, beginnend mit der einfachsten Monere, also von der einfachsten Weise, von der unartikuliertesten Weise bis zu der heutigen Sprache, dann ist das eben die Wauwau-Theorie. Eine andere Theorie besagt, daß man ein gewisses Gefühl entwickeln kann der Verwandtschaft mit den Tönen der Glocke: Bimbam; man hätte jedesmal einen bestimmten inneren Klang, den man imitiert. Danach würde man mit dem Wauwau mehr eine Evolutionstheorie verfolgen, mit der BimbamTheorie mehr eine Anpassungstheorie, eine Anpassung des Menschen an die innere Natur der materiellen Worte. Dann kann man ja auch geistreich die Dinge verbinden, die Bimbam-Theorie mit der WauwauTheorie, das ist dann etwas Vollkommeneres, dann hat man Entwickelung mit Anpassung verbunden. Nun ja, diese Dinge sind heute mehr oder weniger gang und gäbe. Es gibt auch solche, die über diese beiden Theorien lachen und die andere Theorien haben; aber im Prinzip sind sie eben auch nicht viel anders.
[ 17 ] Geistig betrachtet, geistig angeschaut kann gar keine Rede davon sein, daß die Sprachentwickelung eine solche ist, wie sie eben charakterisiert worden ist, sondern schon rein äußerlich zeigt das Gefüge der Sprache, daß im Sprachbilden, im Entstehen der Sprache wirkliche Vernunft waltet. Und zwar ist es interessant, gerade an der Sprache das Walten der Vernunft festzuhalten, aus dem einfachen Grunde, weil am anschaulichsten noch in der Sprache ein ideelles Moment lebt, also dasjenige, was in der einen Strömung heute angeschaut wird, und weil die Sprache nicht bloß an das Gemüt des Menschen sich wendet, sondern ihre eigene Gesetzmäßigkeit hat, also das Ideelle in einer gewissen Weise sich in ihr schon realisiert, wenn auch gegenüber natürlichen Gesetzen schattenhaft. Nehmen Sie zum Beispiel ein Wort — ich will Sie nur auf ein paar sehr elementare Fälle aufmerksam machen —, wo Sie sehen können, wie innere Vernunft im Sprachentstehen waltet; nehmen Sie ein Wort wie: Oratio, die Rede. Es ist nun merkwürdig, wenn man solch ein Wort nimmt wie Oratio, die Rede, und dann beobachtet, was aus diesem Worte wird im Leben des Menschen nach dem Tode, so stellt sich eine merkwürdige Ähnlichkeit ein mit dem, was als werdende Vernunft in der Entwickelung der Sprache gewirkt hat. Das gibt gewisse Sicherheiten, die man heute auf einem andern Weg kaum gewinnen kann. Auf einem andern Wege kann man höchstens Hypothesen gewinnen. Der Tote wird selten, wenigstens nachdem eine bestimmte Zeit seit dem Tode verflossen ist, das Wort Oratio noch verstehen; er wird es nicht mehr verstehen, er verliert das Verständnis dafür. Dagegen wird er immer noch verstehen eine Anschauung, eine Imagination, welche zurückführt auf das, was man ausdrücken kann durch die Worte: Os, Oris, Mund, und: Ratio, Vernunft. Der Tote löst das Wort Oratio auf in Os und Ratio. Und in der Entwickelung hat sich der umgekehrte Vorgang wirklich abgespielt: Das Wort Oratio ist wirklich entstanden durch eine Synthesis ursprünglicher Wörter, Os und Ratio. Oratio ist kein so ursprüngliches Wort wie Os, Oris und Ratio, sondern Oratio ist aus Os und Ratio gebildet.
[ 17 ] Geistig betrachtet, geistig angeschaut kann gar keine Rede davon sein, daß die Sprachentwickelung eine solche ist, wie sie eben charakterisiert worden ist, sondern schon rein äußerlich zeigt das Gefüge der Sprache, daß im Sprachbilden, im Entstehen der Sprache wirkliche Vernunft waltet. Und zwar ist es interessant, gerade an der Sprache das Walten der Vernunft festzuhalten, aus dem einfachen Grunde, weil am anschaulichsten noch in der Sprache ein ideelles Moment lebt, also dasjenige, was in der einen Strömung heute angeschaut wird, und weil die Sprache nicht bloß an das Gemüt des Menschen sich wendet, sondern ihre eigene Gesetzmäßigkeit hat, also das Ideelle in einer gewissen Weise sich in ihr schon realisiert, wenn auch gegenüber natürlichen Gesetzen schattenhaft. Nehmen Sie zum Beispiel ein Wort — ich will Sie nur auf ein paar sehr elementare Fälle aufmerksam machen —, wo Sie sehen können, wie innere Vernunft im Sprachentstehen waltet; nehmen Sie ein Wort wie: Oratio, die Rede. Es ist nun merkwürdig, wenn man solch ein Wort nimmt wie Oratio, die Rede, und dann beobachtet, was aus diesem Worte wird im Leben des Menschen nach dem Tode, so stellt sich eine merkwürdige Ähnlichkeit ein mit dem, was als werdende Vernunft in der Entwickelung der Sprache gewirkt hat. Das gibt gewisse Sicherheiten, die man heute auf einem andern Weg kaum gewinnen kann. Auf einem andern Wege kann man höchstens Hypothesen gewinnen. Der Tote wird selten, wenigstens nachdem eine bestimmte Zeit seit dem Tode verflossen ist, das Wort Oratio noch verstehen; er wird es nicht mehr verstehen, er verliert das Verständnis dafür. Dagegen wird er immer noch verstehen eine Anschauung, eine Imagination, welche zurückführt auf das, was man ausdrücken kann durch die Worte: Os, Oris, Mund, und: Ratio, Vernunft. Der Tote löst das Wort Oratio auf in Os und Ratio. Und in der Entwickelung hat sich der umgekehrte Vorgang wirklich abgespielt: Das Wort Oratio ist wirklich entstanden durch eine Synthesis ursprünglicher Wörter, Os und Ratio. Oratio ist kein so ursprüngliches Wort wie Os, Oris und Ratio, sondern Oratio ist aus Os und Ratio gebildet.
[ 18 ] Ein paar solcher elementarer Dinge möchte ich Ihnen anführen. Diese Dinge können am anschaulichsten noch an der lateinischen Sprache studiert werden, weil sie da am deutlichsten noch zutage treten, es sind aber die Gesetze, die dabei gefunden werden können, auch für andere Sprachen von Bedeutung. Nehmen Sie zum Beispiel drei ursprüngliche Worte: Ne ego otior; das würde heißen, wenn man es als Wort nimmt: Ich bin nicht müßig. Ego otior: Ich bin müßig; ne ego otior: Ich bin nicht müßig. Diese drei Worte setzen sich durch die waltende kosmische Vernunft zusammen in Negotior, das heißt: Handel treiben. Da haben Sie drei Worte in eins zusammengefügt, und Sie sehen vernunftmäßig den Aufbau der Worte. Sie sehen Vernunft walten in der Entwickelung der Sprache.
[ 18 ] Ein paar solcher elementarer Dinge möchte ich Ihnen anführen. Diese Dinge können am anschaulichsten noch an der lateinischen Sprache studiert werden, weil sie da am deutlichsten noch zutage treten, es sind aber die Gesetze, die dabei gefunden werden können, auch für andere Sprachen von Bedeutung. Nehmen Sie zum Beispiel drei ursprüngliche Worte: Ne ego otior; das würde heißen, wenn man es als Wort nimmt: Ich bin nicht müßig. Ego otior: Ich bin müßig; ne ego otior: Ich bin nicht müßig. Diese drei Worte setzen sich durch die waltende kosmische Vernunft zusammen in Negotior, das heißt: Handel treiben. Da haben Sie drei Worte in eins zusammengefügt, und Sie sehen vernunftmäßig den Aufbau der Worte. Sie sehen Vernunft walten in der Entwickelung der Sprache.
[ 19 ] Ich würde, wie gesagt, dieses nicht so strikte behaupten, wenn nicht die merkwürdige Tatsache eintreten würde, daß der Tote das, was hier in der Welt zusammengefügt worden ist, wiederum auflöst. Der Tote löst wiederum so etwas wie das Negotior auf in: Ne ego otior, und er versteht nur diese drei Worte beziehungsweise Anschauungen, die er sich aus dieser Trinität zusammenfügt, und er vergißt dasjenige, was dutch die Zusammenfügung entstanden ist.
[ 19 ] Ich würde, wie gesagt, dieses nicht so strikte behaupten, wenn nicht die merkwürdige Tatsache eintreten würde, daß der Tote das, was hier in der Welt zusammengefügt worden ist, wiederum auflöst. Der Tote löst wiederum so etwas wie das Negotior auf in: Ne ego otior, und er versteht nur diese drei Worte beziehungsweise Anschauungen, die er sich aus dieser Trinität zusammenfügt, und er vergißt dasjenige, was dutch die Zusammenfügung entstanden ist.
[ 20 ] Ein anderes naheliegendes Beispiel ist: Unus, der eine, und Alterque, der andere; das ist zusammengezogen in das lateinische Wort Uterque, jeder von beiden. Wir könnten recht froh sein, wenn wir in den modernen Sprachen ein solches Wort hätten wie Uterque, das jenen Begriff gibt; der Franzose kann es höchstens ausdrücken, indem er bei dem oberen bleibt: I’un ct l’autre; er hat nicht einen einzigen Begriff, um das auszudrücken. Aber Uterque drückt das viel präziser aus.
[ 20 ] Ein anderes naheliegendes Beispiel ist: Unus, der eine, und Alterque, der andere; das ist zusammengezogen in das lateinische Wort Uterque, jeder von beiden. Wir könnten recht froh sein, wenn wir in den modernen Sprachen ein solches Wort hätten wie Uterque, das jenen Begriff gibt; der Franzose kann es höchstens ausdrücken, indem er bei dem oberen bleibt: I’un ct l’autre; er hat nicht einen einzigen Begriff, um das auszudrücken. Aber Uterque drückt das viel präziser aus.
[ 21 ] Nehmen Sie einen Fall, damit Sie sehen, welches Prinzip ich eigentlich meine. Sie alle kennen selbstverständlich das Wort «se», das französische Wort «se»: sich. Sie kennen das Wort «hors»: außer sich, heraus, könnte man auch sagen, und «tirer» — ich behalte davon nur das «tir» bei —, «tir»: ziehen, sich wegziehen. Wenn Sie diese drei Dinge dann nach demselben Prinzip zusammensetzen, so bekommen Sie hier das «sortir», weggehen, was nichts anderes ist als eine Zusammenfügung von «se hors tir»; «tir» ist der Rest des Wortes «tirer». Da sehen Sie noch in einer modernen Sprache diese selbe waltende Vernunft darinnen. Oder nehmen Sie ein Beispiel, wo die Sache etwas dadurch kaschiert ist, daß verschiedene Sprachstufen wirken: «coeur, das Herz; «rage», das ist das Lebendige, das sich Belebende, der Enthusiasmus, der vom Herzen ausgeht; zusammengesetzt: «courage». Das sind nicht irgendwelche Erfindungen, sondern das sind reale Geschehnisse, die wirklich da waren. So sind die Worte gebildet.
[ 21 ] Nehmen Sie einen Fall, damit Sie sehen, welches Prinzip ich eigentlich meine. Sie alle kennen selbstverständlich das Wort «se», das französische Wort «se»: sich. Sie kennen das Wort «hors»: außer sich, heraus, könnte man auch sagen, und «tirer» — ich behalte davon nur das «tir» bei —, «tir»: ziehen, sich wegziehen. Wenn Sie diese drei Dinge dann nach demselben Prinzip zusammensetzen, so bekommen Sie hier das «sortir», weggehen, was nichts anderes ist als eine Zusammenfügung von «se hors tir»; «tir» ist der Rest des Wortes «tirer». Da sehen Sie noch in einer modernen Sprache diese selbe waltende Vernunft darinnen. Oder nehmen Sie ein Beispiel, wo die Sache etwas dadurch kaschiert ist, daß verschiedene Sprachstufen wirken: «coeur, das Herz; «rage», das ist das Lebendige, das sich Belebende, der Enthusiasmus, der vom Herzen ausgeht; zusammengesetzt: «courage». Das sind nicht irgendwelche Erfindungen, sondern das sind reale Geschehnisse, die wirklich da waren. So sind die Worte gebildet.
[ 22 ] Aber die Möglichkeit, so Worte zu bilden, sie ist heute nicht mehr da. Heute hat sich der Mensch herausgestellt aus dem lebendigen Zusammenhang mit der kosmischen Vernunft, und daher kann höchstens noch in ganz sporadischen Fällen eine Möglichkeit vorhanden sein, sich heranzuwagen an die Sprache, um irgendwelche Worte aus der Sprache herauszuholen, die, wie man sagt, im Geiste der Sprache sind. Aber je weiter man zurückgeht, und namentlich je weiter man zurückgeht hinter das 8. vorchristliche Jahrhundert, auch bei der griechischen, bei der lateinischen Sprache, desto mehr ist im lebendigen Leben das Prinzip tätig, daß in dieser Weise gerade Sprachentwickelung wirkt. Und dabei bleibt immer das Bedeutsame, daß man wie auf ein Eurythmisches auf dieses hinzuweisen hat dadurch, daß man beim Toten entdeckt: Er zieht die Worte wieder auseinander, er zerlegt sie wieder in ihre Teile. Er hat mehr Empfindung, der Tote, für diese Teile der Worte, als für die ganzen Worte. Denken Sie sich konsequent die Sache durchentwickelt, so würden Sie die Worte überhaupt auseinanderkriegen in die Laute, und wenn Sie die Laute wiederum umsetzen, jetzt nicht in Luftbewegungen, sondern in Bewegungen des ganzen Menschen, dann haben Sie die Eurythmie. Die Eurythmie ist daher etwas, was der Tote in der Tat sehr gut verstehen kann, wenn sie vollkommen betrieben wird. Und Sie sehen, daß sich solche Dinge, wie auch die Eurythmie, nicht äußerlich beurteilen lassen, sondern daß man ihre ganze Stellung im Gesamtgefüge der menschlichen Entwickelung nur einsehen kann, wenn man auch einzugehen vermag auf diese Gesamtentwickelung des Menschen.
[ 22 ] Aber die Möglichkeit, so Worte zu bilden, sie ist heute nicht mehr da. Heute hat sich der Mensch herausgestellt aus dem lebendigen Zusammenhang mit der kosmischen Vernunft, und daher kann höchstens noch in ganz sporadischen Fällen eine Möglichkeit vorhanden sein, sich heranzuwagen an die Sprache, um irgendwelche Worte aus der Sprache herauszuholen, die, wie man sagt, im Geiste der Sprache sind. Aber je weiter man zurückgeht, und namentlich je weiter man zurückgeht hinter das 8. vorchristliche Jahrhundert, auch bei der griechischen, bei der lateinischen Sprache, desto mehr ist im lebendigen Leben das Prinzip tätig, daß in dieser Weise gerade Sprachentwickelung wirkt. Und dabei bleibt immer das Bedeutsame, daß man wie auf ein Eurythmisches auf dieses hinzuweisen hat dadurch, daß man beim Toten entdeckt: Er zieht die Worte wieder auseinander, er zerlegt sie wieder in ihre Teile. Er hat mehr Empfindung, der Tote, für diese Teile der Worte, als für die ganzen Worte. Denken Sie sich konsequent die Sache durchentwickelt, so würden Sie die Worte überhaupt auseinanderkriegen in die Laute, und wenn Sie die Laute wiederum umsetzen, jetzt nicht in Luftbewegungen, sondern in Bewegungen des ganzen Menschen, dann haben Sie die Eurythmie. Die Eurythmie ist daher etwas, was der Tote in der Tat sehr gut verstehen kann, wenn sie vollkommen betrieben wird. Und Sie sehen, daß sich solche Dinge, wie auch die Eurythmie, nicht äußerlich beurteilen lassen, sondern daß man ihre ganze Stellung im Gesamtgefüge der menschlichen Entwickelung nur einsehen kann, wenn man auch einzugehen vermag auf diese Gesamtentwickelung des Menschen.
[ 23 ] Es ließe sich noch viel mehr sagen über das, was Eurythmie eigentlich will, aber dazu wird sich später noch Gelegenheit bieten. Ich wollte damit zunächst einmal Sie auf ein wenn auch schattenhaftes Gebiet hinweisen, wo noch in den älteren Zeiten im lebendigen Wirken der Menschen selber ein Hereinspielen des Idealen in das Reale war. Ich sagte heute im Eingange: In der heutigen Weltanschauung finden wir nicht mehr die Möglichkeit, eine Brücke zu bauen zwischen dem Ideellen, Idealen, Moralischen und zwischen dem, was inder Natur lebt. Es fehlt die Brücke. Das ist auch dem heutigen Entwickelungszyklus des Menschen ganz natürlich, daß diese Brücke fehlt. Das Ideelle schafft nicht mehr. Ich wollte Ihnen im menschlichen Gebiet selbst ein Beispiel zeigen, wenn auch, wie gesagt, ein schattenhaftes, wo in dem Menschen selbst noch ein Ideelles schafft. Denn in dem Zusammensetzen solcher Worte, da wirkte nicht Verabredung der Menschen oder die Überlegung einer einzelnen menschlichen Individualität oder Persönlichkeit, sondern da wirkte Vernunft, ohne daß der Mensch so richtig dabei war. Heute wollen die Menschen ja bei allem dabei sein, was sie machen: Nun, wenn so etwas Schönes, Großes, Bedeutsames gemacht werden sollte wie das hier — da sollten Sie sehen, was mit der heutigen Weisheit der Menschen herauskäme, wenn heute Sprache gebildet werden sollte! Aber gerade in den Zeiten, in denen der Mensch noch nicht so bei sich war, sind diese großartigen, weisen, bedeutsamen Dinge in der Menschheit geschehen, und sie sind so geschehen, daß in diesem Geschehen noch ein nahes Zusammensein von Ideellem und von Realem ineinanderwirkte, nämlich ideellem, also vernünftigem Werden, und realem Bewegen der Luft durch die menschlichen Atmungsorgane. Heute können wir nicht zwischen der moralischen Idee und meinetwillen der elektrischen Kraft eine Brücke bauen; aber hier ist eine Brücke gebaut zwischen etwas Geschehendem und etwas Vernünftigem. Das führt uns natürlich nicht dazu — ich werde das morgen weiter ausführen —, dieselbe Brücke zu bauen; sie muß heute in ganz anderer Weise gebaut werden. Aber Sie können daraus sehen, daß die Menschheit zu dem heutigen Zustande vorgeschritten ist von einem andern Zustande: von einem Drinnenstehen in einem lebendigen Weben, das nahe war dem, was in einer gewissen Weise umgekehrt post mortem, also nach dem Tode der Menschen sich vollzieht. Der Mensch muß heute nach dem Tode, um sein Fortkommen zu finden zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, das wieder auseinandernehmen, was durch Kräfte — wir werden morgen noch davon sprechen — so zusammengefügt worden ist, daß man dieses Zusammenfügen noch deutlich sehen kann, wenn man in die älteren Stufen des Sprachbildens zurückgeht.
[ 23 ] Es ließe sich noch viel mehr sagen über das, was Eurythmie eigentlich will, aber dazu wird sich später noch Gelegenheit bieten. Ich wollte damit zunächst einmal Sie auf ein wenn auch schattenhaftes Gebiet hinweisen, wo noch in den älteren Zeiten im lebendigen Wirken der Menschen selber ein Hereinspielen des Idealen in das Reale war. Ich sagte heute im Eingange: In der heutigen Weltanschauung finden wir nicht mehr die Möglichkeit, eine Brücke zu bauen zwischen dem Ideellen, Idealen, Moralischen und zwischen dem, was inder Natur lebt. Es fehlt die Brücke. Das ist auch dem heutigen Entwickelungszyklus des Menschen ganz natürlich, daß diese Brücke fehlt. Das Ideelle schafft nicht mehr. Ich wollte Ihnen im menschlichen Gebiet selbst ein Beispiel zeigen, wenn auch, wie gesagt, ein schattenhaftes, wo in dem Menschen selbst noch ein Ideelles schafft. Denn in dem Zusammensetzen solcher Worte, da wirkte nicht Verabredung der Menschen oder die Überlegung einer einzelnen menschlichen Individualität oder Persönlichkeit, sondern da wirkte Vernunft, ohne daß der Mensch so richtig dabei war. Heute wollen die Menschen ja bei allem dabei sein, was sie machen: Nun, wenn so etwas Schönes, Großes, Bedeutsames gemacht werden sollte wie das hier — da sollten Sie sehen, was mit der heutigen Weisheit der Menschen herauskäme, wenn heute Sprache gebildet werden sollte! Aber gerade in den Zeiten, in denen der Mensch noch nicht so bei sich war, sind diese großartigen, weisen, bedeutsamen Dinge in der Menschheit geschehen, und sie sind so geschehen, daß in diesem Geschehen noch ein nahes Zusammensein von Ideellem und von Realem ineinanderwirkte, nämlich ideellem, also vernünftigem Werden, und realem Bewegen der Luft durch die menschlichen Atmungsorgane. Heute können wir nicht zwischen der moralischen Idee und meinetwillen der elektrischen Kraft eine Brücke bauen; aber hier ist eine Brücke gebaut zwischen etwas Geschehendem und etwas Vernünftigem. Das führt uns natürlich nicht dazu — ich werde das morgen weiter ausführen —, dieselbe Brücke zu bauen; sie muß heute in ganz anderer Weise gebaut werden. Aber Sie können daraus sehen, daß die Menschheit zu dem heutigen Zustande vorgeschritten ist von einem andern Zustande: von einem Drinnenstehen in einem lebendigen Weben, das nahe war dem, was in einer gewissen Weise umgekehrt post mortem, also nach dem Tode der Menschen sich vollzieht. Der Mensch muß heute nach dem Tode, um sein Fortkommen zu finden zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, das wieder auseinandernehmen, was durch Kräfte — wir werden morgen noch davon sprechen — so zusammengefügt worden ist, daß man dieses Zusammenfügen noch deutlich sehen kann, wenn man in die älteren Stufen des Sprachbildens zurückgeht.
[ 24 ] Das sind wichtige Dinge, Dinge, die man wirklich ins Auge fassen muß, wenn man den Blick darauf wendet: Wie soll sich — wir haben ja darüber oft gesprochen, daß dies von uns ins Auge gefaßt werden muß — in das ganze Gefüge des gegenwärtigen Geisteslebens hineinstellen dasjenige, was auf dem Boden der Geisteswissenschaft gefunden werden kann? — Und wenn man immer wieder spricht von der Wichtigkeit dieses Hineinstellens der Geisteswissenschaft in die ganze Entwickelung, so muß man schon auch auf diesem Gebiete konkret denken. In diesen Vorträgen möchte ich jetzt einiges beitragen zu diesem konkreten Denken. Wenn es einmal sein könnte, daß Geisteswissenschaft getragen würde von einer gewissen Bewegung in der Gegenwart, von einer Menschenbewegung, dann würde auf allen Gebieten diese Geisteswissenschaft befruchtend wirken können. Aber es müßte natürlich vor allen Dingen der Wille vorhanden sein, auf solche Subtilitäten auch einzugehen, wie sie hier oftmals betont werden. Denn auf diese Subtilitäten, die sich immer beziehen auf das Verhältnis unserer Geisteswissenschaft zur gegenwärtigen Geisteskultur, müssen wir das begründen, was wir nennen können unser eigenes UnsHineinstellen in die Geistesbewegung der Gegenwart mit der Geisteswissenschaft. Es ist wirklich so, daß die traurigen, katastrophalen Ereignisse der Gegenwart den Menschen aufmerksam machen sollten, daß alte Weltanschauungen Bankrott gemacht haben. An der Geisteswissenschaft allein nicht, aber an ihrer Beziehung zu diesen alten Weltanschauungen könnte man sehen, was zu geschehen hat, damit wir aus dem Bankrott der gegenwärtigen Zeit hinauskommen.
[ 24 ] Das sind wichtige Dinge, Dinge, die man wirklich ins Auge fassen muß, wenn man den Blick darauf wendet: Wie soll sich — wir haben ja darüber oft gesprochen, daß dies von uns ins Auge gefaßt werden muß — in das ganze Gefüge des gegenwärtigen Geisteslebens hineinstellen dasjenige, was auf dem Boden der Geisteswissenschaft gefunden werden kann? — Und wenn man immer wieder spricht von der Wichtigkeit dieses Hineinstellens der Geisteswissenschaft in die ganze Entwickelung, so muß man schon auch auf diesem Gebiete konkret denken. In diesen Vorträgen möchte ich jetzt einiges beitragen zu diesem konkreten Denken. Wenn es einmal sein könnte, daß Geisteswissenschaft getragen würde von einer gewissen Bewegung in der Gegenwart, von einer Menschenbewegung, dann würde auf allen Gebieten diese Geisteswissenschaft befruchtend wirken können. Aber es müßte natürlich vor allen Dingen der Wille vorhanden sein, auf solche Subtilitäten auch einzugehen, wie sie hier oftmals betont werden. Denn auf diese Subtilitäten, die sich immer beziehen auf das Verhältnis unserer Geisteswissenschaft zur gegenwärtigen Geisteskultur, müssen wir das begründen, was wir nennen können unser eigenes UnsHineinstellen in die Geistesbewegung der Gegenwart mit der Geisteswissenschaft. Es ist wirklich so, daß die traurigen, katastrophalen Ereignisse der Gegenwart den Menschen aufmerksam machen sollten, daß alte Weltanschauungen Bankrott gemacht haben. An der Geisteswissenschaft allein nicht, aber an ihrer Beziehung zu diesen alten Weltanschauungen könnte man sehen, was zu geschehen hat, damit wir aus dem Bankrott der gegenwärtigen Zeit hinauskommen.
[ 25 ] Dazu wäre freilich notwendig, daß man endlich einginge auf die Intentionen, welche ich ja oftmals gerade als diejenigen der geisteswissenschaftlichen Bewegung ausgesprochen habe. Es wäre wirklich notwendig, einzusehen, welches die Gründe sind, warum zum Beispiel auf der einen Seite es innerhalb gewisser Kreise so fruchtbar geworden ist, hier am Bau zu wirken, und warum andere Bestrebungen der Anthroposophischen Gesellschaft gewissermaßen ebenso unfruchtbar geblieben sind; warum, wenn man absieht von dem, was sie wirklich geleistet hat, nämlich daß sie den Dornacher Bau in die Welt setzt, die Gesellschaft doch vielfach versagt. Ein solches Leisten auf der einen Seite bedingt immer, wenn es nicht oftmals das Gegenteil wachrufen soll, daß manches andere geschieht. Es wäre notwendig, daß auch auf andern Gebieten die Anthroposophische Gesellschaft nicht versagte, wie sie vollständig versagt hat in den Jahren, in denen sie besteht. Dieses Versagen, das brauchte man nicht immer wieder und wiederum zu betonen, wenn viel stärker die Meinung verbreitet wäre, daß man nachdenken muß, warum die Anthroposophische Gesellschaft in bezug auf so vieles andere versagt. Wenn man gründlicher nachdenken würde, so würde man erkennen, worauf es zum Beispiel beruht, daß draußen in der Welt immer wieder und wiederum die Meinung sich verbreitet, ich führte die Anthroposophische Gesellschaft nur so am Gängelbande und gäbe alles an; während es kaum eine Gesellschaft in der Welt gibt, wo weniger dasjenige geschieht, was ein sogenannter Führer will, als in der Anthroposophischen Gesellschaft! Es geschieht ja in der Regel das Gegenteil von dem, was ich eigentlich beabsichtige. Also, nicht wahr, gerade an der Anthroposophischen Gesellschaft kann es sich zeigen, wie im Praktischen eine Wirklichkeit weit ab ist auch von ihren sogenannten Idealen. Aber man muß dann auch den Willen haben, sich auf den Boden der Wirklichkeit zu stellen. In einer Gesellschaft gibt es selbstverständlich Persönliches; aber man muß dieses Persönliche auch als Persönliches auffassen. Wenn irgendwo in einem Zweige sich die Leute streiten aus rein persönlichen Gründen, so soll man da nicht aus Weiß Schwarz machen, oder aus Schwarz Weiß machen, sondern man soll ruhig zugestehen: Wir haben persönliche Gründe, wir mögen den und den nicht aus persönlichen Gründen. — Dann ist man bei der Wahrheit; man braucht ja nicht die Wirklichkeit in Ideale zu verkehren. So wäre es notwendig, daß, während auf der einen Seite mein Bestreben dahin geht, alles Geisteswissenschaftliche aus dem Sektiererischen herauszuheben, alles Sektiererische abzustreifen, die Anthroposophische Gesellschaft immer mehr und mehr in das Sektiererische hineinplumpst und eine gewisse Liebe gerade für das Sektiererische hat. Wenn irgendwo das Bestreben besteht, aus dem Sektiererischen herauszukommen, so haßt man gerade hier dieses Herauskommenwollen aus dem Sektiererischen.
[ 25 ] Dazu wäre freilich notwendig, daß man endlich einginge auf die Intentionen, welche ich ja oftmals gerade als diejenigen der geisteswissenschaftlichen Bewegung ausgesprochen habe. Es wäre wirklich notwendig, einzusehen, welches die Gründe sind, warum zum Beispiel auf der einen Seite es innerhalb gewisser Kreise so fruchtbar geworden ist, hier am Bau zu wirken, und warum andere Bestrebungen der Anthroposophischen Gesellschaft gewissermaßen ebenso unfruchtbar geblieben sind; warum, wenn man absieht von dem, was sie wirklich geleistet hat, nämlich daß sie den Dornacher Bau in die Welt setzt, die Gesellschaft doch vielfach versagt. Ein solches Leisten auf der einen Seite bedingt immer, wenn es nicht oftmals das Gegenteil wachrufen soll, daß manches andere geschieht. Es wäre notwendig, daß auch auf andern Gebieten die Anthroposophische Gesellschaft nicht versagte, wie sie vollständig versagt hat in den Jahren, in denen sie besteht. Dieses Versagen, das brauchte man nicht immer wieder und wiederum zu betonen, wenn viel stärker die Meinung verbreitet wäre, daß man nachdenken muß, warum die Anthroposophische Gesellschaft in bezug auf so vieles andere versagt. Wenn man gründlicher nachdenken würde, so würde man erkennen, worauf es zum Beispiel beruht, daß draußen in der Welt immer wieder und wiederum die Meinung sich verbreitet, ich führte die Anthroposophische Gesellschaft nur so am Gängelbande und gäbe alles an; während es kaum eine Gesellschaft in der Welt gibt, wo weniger dasjenige geschieht, was ein sogenannter Führer will, als in der Anthroposophischen Gesellschaft! Es geschieht ja in der Regel das Gegenteil von dem, was ich eigentlich beabsichtige. Also, nicht wahr, gerade an der Anthroposophischen Gesellschaft kann es sich zeigen, wie im Praktischen eine Wirklichkeit weit ab ist auch von ihren sogenannten Idealen. Aber man muß dann auch den Willen haben, sich auf den Boden der Wirklichkeit zu stellen. In einer Gesellschaft gibt es selbstverständlich Persönliches; aber man muß dieses Persönliche auch als Persönliches auffassen. Wenn irgendwo in einem Zweige sich die Leute streiten aus rein persönlichen Gründen, so soll man da nicht aus Weiß Schwarz machen, oder aus Schwarz Weiß machen, sondern man soll ruhig zugestehen: Wir haben persönliche Gründe, wir mögen den und den nicht aus persönlichen Gründen. — Dann ist man bei der Wahrheit; man braucht ja nicht die Wirklichkeit in Ideale zu verkehren. So wäre es notwendig, daß, während auf der einen Seite mein Bestreben dahin geht, alles Geisteswissenschaftliche aus dem Sektiererischen herauszuheben, alles Sektiererische abzustreifen, die Anthroposophische Gesellschaft immer mehr und mehr in das Sektiererische hineinplumpst und eine gewisse Liebe gerade für das Sektiererische hat. Wenn irgendwo das Bestreben besteht, aus dem Sektiererischen herauszukommen, so haßt man gerade hier dieses Herauskommenwollen aus dem Sektiererischen.
[ 26 ] Ich möchte natürlich nicht irgend jemanden tadeln, möchte auch nicht undankbar sein gegen die schönen Bestrebungen, die da und dort überall sind, ich erkenne alles voll an, aber es ist notwendig, daß man über manche Dinge ein wenig nachdenkt, sonst werden sich immer wieder und wiederum die Dinge finden, von denen mir auch in diesen Tagen wiederum erzählt worden ist. Nicht wahr, es ist auch da das Persönliche mit der Sache schon innig verquickt. Wenn jetzt in einem Lande wiederum irgendein Unheil auftaucht, so ist wiederum die Konstitution gerade der Anthroposophischen Gesellschaft so, daß, ich möchte sagen, die Gesellschaft die Sensation hat, sich wiederum ein bißchen zu zanken, und aus diesem ganzen Zank kommt ja das heraus, daß ich selbst persönlich in der wüstesten Weise beschimpft werde. Ja, wenn sich das immer wieder und wieder wiederholt, so kommen wir nicht weiter. Wenn ich immer in der wüstesten Weise beschimpft werde, weil die andern zanken und ich ausgespielt werde, wenn es immer wiederum darauf hinauskommt, daß ich ausgespielt werde, so kann ich natürlich nicht mehr die anthroposophische Bewegung in der Welt halten. Es wäre möglich, in positiver Weise bloß zu wirken, wenn man sich mehr auf das Positive verlegen wollte, das ich ja genügend immer wieder andeute. Es wäre möglich, solche Dinge hintanzuhalten, die zumeist auf furchtbar inferioren Dingen beruhen. Aber man hat in vielen Kreisen viel mehr Lust, zu zanken, viel mehr Lust, namentlich auch zum Dogmenstreit, aus dem sich dann oftmals persönliche Zänkereien herausentwickeln. Und dann wird es so, daß das Schimpfen sich gewöhnlich auf mich ablenkt — was mich ja persönlich höchst kühl läßt, aber die Bewegung kann nicht weiterbestehen, wenn es so weitergehen soll. Es ist nicht so, daß ich in diesem Fall tadle, was die Freunde in einem solchen Falle getan haben, aber ich mache darauf aufmerksam, daß sie etwas anderes nicht getan haben, was mir nicht zukommt, gerade in plumper Weise anzudeuten, wodurch aber in viel sicherer Weise verhindert würde dasjenige, was fortwährend geschieht, als auf die Weise, wie es fortwährend versucht wird. Heute steht es schon so, daß man sagen kann: Wir haben Zyklen nur abgegeben an Mitglieder der Gesellschaft, und ich weiß, wie ich selber oftmals sonderbar von dem oder jenem aus der Gesellschaft angesprochen werde, wenn ich viel liberaler bin, als fernerstehende Mitglieder oftmals in der Abgabe von Zyklen sein wollen. Ja, schlimmer hätte es dem, was durch die Zyklen in die Welt gesetzt worden ist, durch Außenstehende niemals ergehen können, als es durch Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft geschehen ist! Das muß man auch in Betracht ziehen. Wir sind heute schon durchaus so weit, daß die Zyklen in einer Weise mißbraucht werden durch Mitglieder, durch abgefallene Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft, daß es eigentlich sehr bald nahe daran sein kann, daß man sagt: Wir machen gar keine Grenze mehr, wir verkaufen die Zyklen an jeden, der sie haben will. — Es kann nicht viel schlechter werden.
[ 26 ] Ich möchte natürlich nicht irgend jemanden tadeln, möchte auch nicht undankbar sein gegen die schönen Bestrebungen, die da und dort überall sind, ich erkenne alles voll an, aber es ist notwendig, daß man über manche Dinge ein wenig nachdenkt, sonst werden sich immer wieder und wiederum die Dinge finden, von denen mir auch in diesen Tagen wiederum erzählt worden ist. Nicht wahr, es ist auch da das Persönliche mit der Sache schon innig verquickt. Wenn jetzt in einem Lande wiederum irgendein Unheil auftaucht, so ist wiederum die Konstitution gerade der Anthroposophischen Gesellschaft so, daß, ich möchte sagen, die Gesellschaft die Sensation hat, sich wiederum ein bißchen zu zanken, und aus diesem ganzen Zank kommt ja das heraus, daß ich selbst persönlich in der wüstesten Weise beschimpft werde. Ja, wenn sich das immer wieder und wieder wiederholt, so kommen wir nicht weiter. Wenn ich immer in der wüstesten Weise beschimpft werde, weil die andern zanken und ich ausgespielt werde, wenn es immer wiederum darauf hinauskommt, daß ich ausgespielt werde, so kann ich natürlich nicht mehr die anthroposophische Bewegung in der Welt halten. Es wäre möglich, in positiver Weise bloß zu wirken, wenn man sich mehr auf das Positive verlegen wollte, das ich ja genügend immer wieder andeute. Es wäre möglich, solche Dinge hintanzuhalten, die zumeist auf furchtbar inferioren Dingen beruhen. Aber man hat in vielen Kreisen viel mehr Lust, zu zanken, viel mehr Lust, namentlich auch zum Dogmenstreit, aus dem sich dann oftmals persönliche Zänkereien herausentwickeln. Und dann wird es so, daß das Schimpfen sich gewöhnlich auf mich ablenkt — was mich ja persönlich höchst kühl läßt, aber die Bewegung kann nicht weiterbestehen, wenn es so weitergehen soll. Es ist nicht so, daß ich in diesem Fall tadle, was die Freunde in einem solchen Falle getan haben, aber ich mache darauf aufmerksam, daß sie etwas anderes nicht getan haben, was mir nicht zukommt, gerade in plumper Weise anzudeuten, wodurch aber in viel sicherer Weise verhindert würde dasjenige, was fortwährend geschieht, als auf die Weise, wie es fortwährend versucht wird. Heute steht es schon so, daß man sagen kann: Wir haben Zyklen nur abgegeben an Mitglieder der Gesellschaft, und ich weiß, wie ich selber oftmals sonderbar von dem oder jenem aus der Gesellschaft angesprochen werde, wenn ich viel liberaler bin, als fernerstehende Mitglieder oftmals in der Abgabe von Zyklen sein wollen. Ja, schlimmer hätte es dem, was durch die Zyklen in die Welt gesetzt worden ist, durch Außenstehende niemals ergehen können, als es durch Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft geschehen ist! Das muß man auch in Betracht ziehen. Wir sind heute schon durchaus so weit, daß die Zyklen in einer Weise mißbraucht werden durch Mitglieder, durch abgefallene Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft, daß es eigentlich sehr bald nahe daran sein kann, daß man sagt: Wir machen gar keine Grenze mehr, wir verkaufen die Zyklen an jeden, der sie haben will. — Es kann nicht viel schlechter werden.
[ 27 ] Ich sage nicht, daß es morgen schon geschehen soll, aber ich deute nur an, daß die Gesellschaft so gar nicht als Gesellschaft wirkt — immer außer dem Bau und außer einzelnen Kreisen —, daß sie gar nicht eigentlich das macht, was sonst eine Gesellschaft macht. Damit ist die Gesellschaft gar keine Hilfe; sie ist gar nicht dasjenige, was eine Bewegung ergeben würde.
[ 27 ] Ich sage nicht, daß es morgen schon geschehen soll, aber ich deute nur an, daß die Gesellschaft so gar nicht als Gesellschaft wirkt — immer außer dem Bau und außer einzelnen Kreisen —, daß sie gar nicht eigentlich das macht, was sonst eine Gesellschaft macht. Damit ist die Gesellschaft gar keine Hilfe; sie ist gar nicht dasjenige, was eine Bewegung ergeben würde.
[ 28 ] Hier ist es so klar, daß ich niemanden persönlich meinen kann, daß ich ganz unbefangen dieses hier besprechen kann, aus dem einfachen Grunde, weil hier ja gerade die Stätte ist, wo eben fruchtbar aus der Gesellschaft heraus geschafft wird, nämlich am Bau. Der ist schon eine wirkliche Sache, die aus der Gesellschaft heraus entstanden ist. Und würden andere Dinge, die viel billiger sein könnten als der Bau, aus einem solchen Gesellschaftsgeiste heraus arbeiten, wie die Arbeiter an unserem Bau, dann würde aus der Anthroposophischen Gesellschaft ungeheuer Segensreiches ersprießen können. Aber man muß dann das Weiße weiß und das Schwarze schwarz nennen. Man muß wirklich auch sagen, da wo persönliche Dinge vorliegen: das sind persönliche Dinge — und sie nicht in einen hohen Idealismus heraufschrauben; sonst wird man eben nachdenken müssen, was an die Stelle der Anthroposophischen Gesellschaft gesetzt werden muß. Eine Gesellschaft würde dann ja nicht an die Stelle gesetzt werden können, denn es würde ja wiederum dieselbe Misere sein! Nicht wahr, es kann nicht die Gesellschaft bloß ein Mittel sein, daß man sich herumbalgen sollte mit allen möglichen inferioren Persönlichkeiten. Aber sie ist ein Mittel geworden, das einen zwingt, immer wieder Rücksicht zu nehmen auf alles mögliche inferiore Zeug.
[ 28 ] Hier ist es so klar, daß ich niemanden persönlich meinen kann, daß ich ganz unbefangen dieses hier besprechen kann, aus dem einfachen Grunde, weil hier ja gerade die Stätte ist, wo eben fruchtbar aus der Gesellschaft heraus geschafft wird, nämlich am Bau. Der ist schon eine wirkliche Sache, die aus der Gesellschaft heraus entstanden ist. Und würden andere Dinge, die viel billiger sein könnten als der Bau, aus einem solchen Gesellschaftsgeiste heraus arbeiten, wie die Arbeiter an unserem Bau, dann würde aus der Anthroposophischen Gesellschaft ungeheuer Segensreiches ersprießen können. Aber man muß dann das Weiße weiß und das Schwarze schwarz nennen. Man muß wirklich auch sagen, da wo persönliche Dinge vorliegen: das sind persönliche Dinge — und sie nicht in einen hohen Idealismus heraufschrauben; sonst wird man eben nachdenken müssen, was an die Stelle der Anthroposophischen Gesellschaft gesetzt werden muß. Eine Gesellschaft würde dann ja nicht an die Stelle gesetzt werden können, denn es würde ja wiederum dieselbe Misere sein! Nicht wahr, es kann nicht die Gesellschaft bloß ein Mittel sein, daß man sich herumbalgen sollte mit allen möglichen inferioren Persönlichkeiten. Aber sie ist ein Mittel geworden, das einen zwingt, immer wieder Rücksicht zu nehmen auf alles mögliche inferiore Zeug.
[ 29 ] Nun, ich will Sie heute nicht länger langweilen mit der Sache, sondern ich wollte sie nur, nachdem die Zeit abgelaufen war, noch anfügen. Ich habe den Vortrag vorher zu Ende geführt; solche Sachen sage ich nur, wenn die Vortragszeit abgelaufen ist, hinterher als Ansatz.
[ 29 ] Nun, ich will Sie heute nicht länger langweilen mit der Sache, sondern ich wollte sie nur, nachdem die Zeit abgelaufen war, noch anfügen. Ich habe den Vortrag vorher zu Ende geführt; solche Sachen sage ich nur, wenn die Vortragszeit abgelaufen ist, hinterher als Ansatz.
