Historical Symptomatology
GA 185
18 October 1918, Dornach
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From Symptom to Reality in Modern History, tr. Parker
Erster Vortrag
Lecture One
[ 1 ] Ich werde versuchen, heute, morgen und übermorgen einiges Bedeutungsvolle anzuknüpfen an die Betrachtung, die ich in der vorigen Woche hier vor Ihnen angestellt habe. Was ich anknüpfen will an diese Dinge, die uns bis zu einer gewissen Tiefe hineingeführt haben in die Impulse, welche die neuere Menschheitsentwickelung beherrschen, das soll sich herausergeben aus allerlei Wendepunkten des neueren geschichtlichen Lebens. Wir wollen versuchen, dieses neuere geschichtliche Leben bis zu dem Punkte zu betrachten, an dem wir sehen können, wie die Menschenseele in der Gegenwart im Weltenzusammenhange drinnensteht, sowohl mit Bezug auf ihre Entwickelung im Kosmos, wie auf ihre seelische Entwickelung gegenüber dem Göttlichen und ihre Ich-Entwickelung gegenüber dem Geistigen. Aber ich möchte einmal diese Dinge an mehr oder weniger Alltägliches und Ihnen Bekanntes anknüpfen. Deshalb lege ich heute zunächst — Sie werden morgen und übermorgen sehen warum — jenen geschichtlichen Überblick über die neuere Menschheitsentwickelung zugrunde, der auch gestern zum Teil der Betrachtung über neuere Geschichte zugrunde gelegen hat, die ich versuchte in meinem öffentlichen Vortrage in Zürich zu geben.
[ 1 ] In the course of these lectures I propose to make some important additions to the enquiry which I undertook here last week. Our earlier investigation gave us a certain insight into the impulses which determine the recent evolution of mankind. What I now propose to add will emerge from a study of the various turning points in modern history. We will endeavour to study this recent history up to the moment when we shall see how the human soul at the present day is related to the universe, in respect of its evolution within the cosmos and of its inner development in relation to the divine and its ego development in relation to the Spirit. I should like to show the connection between these things and the more or less everyday occurrences which are familiar to you. Therefore I will first take as my point of departure today—and the reasons for this will be apparent tomorrow and the day after tomorrow—the historical survey of the recent evolution of mankind which was to some extent the background to the observations on modern history, observations which I suggested in my public lecture in Zürich yesterday.
[ 2 ] Wir wissen aus früheren Vorträgen, die ich über ähnliche Themata gehalten habe, daß ich vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft aus das, was man gewöhnlich Geschichte nennt, verwandelt sehen muß in eine Symptomatologie. Das heißt von dem Gesichtspunkte, den ich hier meine: Dasjenige, was man gewöhnlich empfängt als Geschichte, was verzeichnet wird in dem, was man schulmäßig Geschichte nennt, das sollte man nicht ansehen als das wirklich Bedeutungsvolle im Entwickelungsgange der Menschheit, sondern man sollte das nur ansehen als Symptome, die gewissermaßen an der Oberfläche ablaufen und durch die man durchblicken muß in weitere Tiefen des Geschehens, wodurch sich dann enthüllt, was eigentlich die Wirklichkeit ist im Werden der Menschheit. Während gewöhnlich die Geschichte die sogenannten historischen Ereignisse in ihrer Absolutheit betrachtet, soll hier das, was man historische Ereignisse nennt, nur als etwas angesehen werden, was gewissermaßen ein tiefer darunterliegendes, wahres Wirkliche erst verrät, und, wenn man es richtig betrachtet, offenbart.
[ 2 ] From my earlier lectures in which I discussed analogous themes you already know that from the standpoint of spiritual science what is usually called history must be seen as a complex of symptoms. From this point of view what is usually taught as history, the substance of what is called history in the scholastic world, does not touch upon the really vital questions in the evolutionary history of mankind; it deals only with superficial symptoms. We must penetrate beneath the surface phenomena and uncover the deeper layer of meaning in events and then the true reality behind the evolution of mankind will be revealed. Whilst history usually studies historical events in isolation, we shall here consider them as concealing a deeper underlying reality which is revealed when they are studied in their true light.
[ 3 ] Man braucht ja nicht sehr tief zu denken, so wird man sehr bald darauf kommen, wie unsinnig zum Beispiel eine sehr häufig gemachte Bemerkung ist: daß der Mensch der Gegenwart ein Ergebnis der Vergangenheit der Menschheit sei, und diese Bemerkung an die Betrachtung desjenigen knüpft, was dann die Geschichte von dieser Vergangenheit gibt. Lassen Sie diese geschichtlichen Ereignisse, die Sie in der Schule als Geschichte vorgeführt bekommen haben, einmal Revue passieren, und fragen Sie dann, wieviel davon Einfluß gewonnen haben kann, so wie es die Geschichte glaubt darstellen zu können, auf Ihr eigenes Gemüt, auf Ihre eigene seelische Struktur! — Aber die seelische Struktur zu betrachten, wie sie in der Gegenwart hineingestellt ist in die Entwickelung der Menschheit, das gehört ja zur wirklichen Selbsterkenntnis des Menschen. Diese Selbsterkenntnis wird nicht gefördert durch die gewöhnliche Geschichte. Manchmal wird allerdings ein Stück Selbsterkenntnis gefördert, herbeigeführt, aber auf einem Umwege, zum Beispiel wie mir gestern ein Herr erzählte, daß er einmal in der Schule nicht wußte, wann die Schlacht von Marathon geschlagen worden ist und deswegen drei Stunden Arrest bekommen hatte. Das ist allerdings dann etwas, was auf die Seele des Menschen wirkt und was dann auf einem Umwege etwas beitragen könnte zu Impulsen, die zur Selbsterkenntnis führen! Aber die Art und Weise, wie die Geschichte von der Schlacht von Marathon spricht, wird wenig beitragen zur wirklichen Selbsterkenntnis des Menschen. Dennoch muß auch eine symptomatologische Geschichte schon Rücksicht nehmen auf die äußeren Tatsachen, einfach aus dem Grunde, weil sich gerade durch die Betrachtung und Wertung der äußeren Tatsachen der Einblick gewinnen läßt in dasjenige, was wirklich geschieht.
[ 3 ] A little reflection will show how absurd, for example, is the oft repeated assertion that modern man is the product of the past, and this remark invites us to study the history of this past. Recall for a moment the events of history as presented to you at school and ask yourself what influence they may have had, as history claims to show, upon your own sentient life, upon the constitution of your soul! But the study of the constitution of the soul in its present state of development is essential to the knowledge of man, to the knowledge of oneself. But history as usually presented does not favour this self knowledge. A limited self knowledge however is sometimes brought about indirectly. Yesterday, for example, a gentleman told me that he had been given three hours detention because in class one day he had forgotten the date of the battle of Marathon. Clearly such an experience works upon the soul and so might contribute indirectly to a better understanding of the impulses which lead to self knowledge! But the way in which history treats of the battle of Marathon adds little to man's real understanding of himself. None the less, a symptomatology of history must take into account external facts, for the simple reason that by the study and evaluation of these external facts we can gain insight into what really takes place.
[ 4 ] Nun will ich zunächst nur gewissermaßen ein Bild der neueren menschlichen Geschichtsentwickelung aufrollen, jener, die gewöhnlich in der Schule dadurch betrachtet wird, daß man mit der Entdeckung Amerikas, mit der Erfindung des Schießpulvers — nun, Sie wissen ja das alles, nicht wahr — anfängt und sagt: Nun war das Mittelalter abgeschlossen, jetzt beginnt die neuere Zeit. — Aber es handelt sich, wenn man eine solche Betrachtung fruchtbar für den Menschen anstellen will, darum, daß man vor allen Dingen den Blick hinwendet auf die wirklichen Umschwünge in der Menschheitsentwickelung selbst, auf diejenigen großen Wendepunkte, in denen das Seelenleben des Menschen aus einer gewissen Artung in eine andere Artung übergegangen ist. Diese Übergänge bemerkt man sogar gewöhnlich nicht. Man bemerkt diese Übergänge eben nicht, weil man sie über dem Gestrüppe der Tatsachen übersieht. Wir wissen ja aus rein geisteswissenschaftlicher Betrachtung, daß der letzte große Wendepunkt in der menschlichen Kulturentwickelung in den Anfang des 15. Jahrhunderts fällt, wo der fünfte nachatlantische Zeitraum beginnt. Wir wissen, daß 747 vor dem Mysterium von Golgatha der griechisch-lateinische Zeitraum begonnen hat und bis dahin dauerte, wo dann der neuere, fünfte nachatlantische Zeitraum begann, bis in den Anfang des 15. Jahrhunderts. Nur darum, weil man die Dinge oberflächlich betrachtet, kommt für die gewöhnliche Anschauung nicht heraus, daß wirklich das ganze Seelenleben der Menschen sich geändert hat in dem betreffenden Zeitpunkt. Und es ist ein ganz gewöhnlicher Unsinn, wenn man zum Beispiel das 16. Jahrhundert so vorstellt in der Geschichte, als ob es einfach sukzessive aus dem 11. oder 12. Jahrhundert hervorgegangen wäre, und ausläßt jenen beträchtlichen Umschwung, der gegen das 15. Jahrhundert zu, dann auslaufend davon, sich zugetragen hat. Natürlich ist ein solcher Zeitpunkt approximativ, annähernd; aber was ist denn nicht annähernd im wirklichen Leben? Bei all dem, wo ein Entwickelungsvorgang, der in sich in einer gewissen Weise zusammenhängend ist, hinüberdringt in eine andere Zeit, da müssen wir immer von «approximativ» sprechen. Wenn der Mensch geschlechtsreif wird, so kann man auch nicht genau den Tag in seinem Leben bestimmen, sondern es bereitet sich vor und läuft dann ab. Und so ist es natürlich auch mit diesem Zeitpunkt 1413. Die Dinge bereiten sich langsam vor und nicht gleich tritt alles und überall in seiner vollen Stärke auf. Aber man bekommt gar keinen Einblick in die Dinge, wenn man nicht den Zeitpunkt des Umschwunges ganz sachgemäß ins Auge faßt.
[ 4 ] I will begin by tracing the main features of contemporary history. The history which we study at school usually begins with the discovery of America and the invention of gunpowder and opens, as you know, with the statement that the Middle Ages have drawn to a close and that we now stand on the threshold of the modern era. Now if such a study is to be fruitful, it is important to turn our attention especially to the real and fundamental changes in human evolution, to those decisive turning-points in history when the life of the soul passes from one stage of development to another stage. These moments of transition usually pass unnoticed because they are overlooked amid the tangled skein of events. Now we know from the purely anthroposophical point of view that the last great turning point in the history of civilization occurred in the early years of the fifteenth century, when the fifth post-Atlantean epoch began. The Greco-Latin epoch opened in 747 B.C. and lasted until the beginning of the fifteenth century which ushered in the fifth post-Atlantean epoch. Because people only take a superficial view of things they usually fail to recognize that, during this period, the whole of man's soul-life underwent modification. It is manifestly absurd to regard the sixteenth century simply as a continuation of the eleventh or twelfth centuries. People overlook the radical change that occurred towards the beginning of the fifteenth century and persisted in the subsequent years. This point in time is of course only approximate; but what is not approximate in life? Whenever one stage of evolution which is to some extent complete in itself passes over into another stage we must always speak of approximation. It is impossible to determine the precise moment when an individual arrives at puberty; the onset is gradual and then runs its course to full physical maturity. And the same applies, of course, to the year 1413 which marks the birth of the Consciousness Soul. The new consciousness develops gradually and does not immediately manifest itself everywhere in full maturity and with maximum vigour. We completely fail to understand historical change unless we give due consideration to the moment when events take on a new orientation.
[ 5 ] Nun kann man nicht anders — wenn man, zurückschauend hinter die Zeit des 15. Jahrhunderts, nach der wichtigsten Seelenverfassung der Menschheit rückblickend frägt und dann vergleichen will mit dem, was nach dem Beginne des 15. Jahrhunderts immer mehr und mehr in diese Seelenverfassung der Menschheit hineinkam — man kann nicht anders, als das Auge hinwenden zu jenem umfassenden Tatsächlichen, welches sich das ganze sogenannte Mittelalter hindurch über die europäische zivilisierte Menschheit ausbreitete, und das noch innig zusammenhing mit der ganzen Seelenkonstitution der griechisch-lateinischen Zeit: Es ist die Form, welche sich allmählich im Laufe der Jahrhunderte aus dem Römischen Reiche heraus in dem an das römische Papsttum gebundenen Katholizismus herausgebildet hatte. Der Katholizismus kann ja nicht anders betrachtet werden bis zum großen Wendepunkt der neueren Zeit, als daß man ins Auge faßt, wie er ein Universalimpuls war, wie er als Universalimpuls sich ausbreitete. Sehen Sie, die Menschen waren im Mittelalter gegliedert; sie waren gegliedert nach Ständen, sie waren gegliedert nach Familienzusammenhängen, sie waren gegliedert in den Zünften und so weiter. Aber durch all diese Gliederungen zog sich hindurch dasjenige, was der Katholizismus in die Seelen träufelte, und er zog sich hindurch in jener Gewandung, welche das Christentum angenommen hatte unter mancherlei Impulsen, die wir noch kennenlernen werden in diesen Tagen, und unter jenen Impulsen, die ich Ihnen in den vorigen Vorträgen angeführt habe. Es breitete sich der Katholizismus aus als jenes Christentum, das wesentliche Einflüsse in Rom von jenen Seiten empfangen hat, die ich eben charakterisiert habe.
[ 5 ] When, looking back to the period before the fifteenth century, we wish to enquire into and compare the predominant condition of the human soul at that time with the progressive transformation of this psychic condition after the beginning of the fifteenth century, we cannot help turning our attention to the real situation which existed in civilised Europe throughout the whole of the Middle Ages and which was still intimately related to the whole psychic condition of the Greco-Latin epoch. I am referring to the form which Catholicism that was subject to the Papacy had gradually developed over the centuries out of the Roman Empire. We cannot understand Catholicism before the great turning point which marks the birth of modern times unless we bear in mind that it was a universalist impulse and that, as such, it spread far and wide. Now mediaeval society was hierarchically ordered; men were grouped according to social status, family connections; they were organized in craft and merchant guilds, etcetera. But all these social stratifications were indoctrinated with Catholicism, and in the form that Christianity had assumed under the impact of various impulses of which we shall learn more in the following lectures (and under the impact of those impulses which I mentioned in earlier lectures). The expansion of Catholicism was characterized by the form of Christianity which was decisively influenced by Rome in the way I have indicated.
[ 6 ] Womit rechnete denn der von Rom ausgehende und sich in seiner Art durch die Jahrhunderte entwickelnde Katholizismus, der wirklich ein Universalimpuls war, der die tiefste Kraft war, welche in die Zivilisation Europas hineinpulsierte? Er rechnete mit einer gewissen Unbewußtheit der menschlichen Seele, mit einer gewissen Suggestivkraft, die man auf die menschliche Seele ausüben kann. Er rechnete mit jenen Kräften, welche die menschliche Seelenverfassung seit Jahrhunderten hatte, in welchen die menschliche Seele, die erst in unserem Zeitraume erwachte, noch nicht voll erwacht war. Er rechnete mit denen, die erst in der Gemüts- und Verstandesseele waren. Er rechnete damit, daß er ihnen in ihr Gemüt durch suggestives Wirken einträufelte dasjenige, was er für nützlich hielt, und er rechnete bei denen, welche die Gebildeten waren — und das war ja zumeist der Klerus —, mit dem scharfen Verstand, der aber in sich noch nicht die Bewußtseinsseele geboren hatte. Die Entwickelung der Theologie bis ins 13., 14., 15. Jahrhundert ist so, daß sie überall auf den denkbar schärfsten Verstand zählte. Aber wenn Sie Ihre Kenntnisse über das, was der menschliche Verstand ist, von dem Verstande heute nehmen, so können Sie niemals eine richtige Vorstellung gewinnen von dem, was der Verstand bis ins 15. Jahrhundert bei den Menschen war. Der Verstand bis ins 15. Jahrhundert hatte etwas Instinktives, er war noch nicht durchdrungen von der Bewußtseinsseele. Es war nicht ein selbständiges Nachdenken in der Menschheit, das nur von der Bewußtseinsseele kommen kann, sondern es war da und dort ein ungeheuer großer Scharfsinn, wie Sie ihn ganz gewiß in vielen Auseinandersetzungen bis ins 15. Jahrhundert finden, denn gescheiter sind viele dieser Auseinandersetzungen als die der späteren Theologie. Aber es war nicht jener Verstand, der aus der Bewußtseinsseele heraus wirkte, sondern es war jener Verstand, welcher, wenn man populär spricht, aus dem Göttlichen heraus wirkte, wenn man esoterisch spricht, aus dem Engel, aus dem Angelos heraus wirkte; also etwas, worüber der Mensch noch nicht verfügte. Das selbständige Denken wurde erst möglich, als der Mensch auf sich selber gestellt war durch die Bewußtseinsseele. Wenn man auf solche Weise mit suggestiver Kraft einen Universalimpuls so ausbreitet, wie das geschehen ist durch das römische Papsttum und alles, was damit in der Kirchenstruktur verbunden war, dann trifft man viel mehr das Gemeinsame, das Gruppenseelenhafte der Menschen. Und das traf auch der Katholizismus. Und es brachten es — wir werden die Dinge schon von einem anderen Gesichtspunkte noch besprechen — gewisse Impulse der neueren Geschichte dahin, daß dieser Universalimpuls des sich ausbreitenden Katholizismus gewissermaßen seinen Sturmbock fand an dem RömischGermanischen Imperium, und wir sehen, wie die Ausbreitung des universellen römischen Katholizismus eigentlich unter fortwährendem Zusammenprallen und Sich-Auseinandersetzen mit dem RömischDeutschen Imperium geschieht. Sie brauchen ja nur in den gebräuchlichen Geschichtsbüchern die Zeit der Karolinger, die Zeit der Hohenstaufen zu studieren, und Sie werden da überall sehen, daß es sich im wesentlichen darum handelt, daß in Europas Kultur einzieht der katholische Universalimpuls, wie er von Rom aus gedacht wird.
[ 6 ] The Catholicism which emanated from Rome and developed after its own fashion through the centuries was a universalist impulse, the most powerful force animating European civilization. But it counted upon a certain unconsciousness of the human soul, a susceptibility of the human soul to suggestionism. It counted upon those forces with which the human soul had been endowed for centuries when it was not yet fully conscious—(it has only become fully conscious in our present epoch). It counted upon those who were only at the stage of the Rational or Intellectual Soul and calculated that by its power of suggestion it could slowly implant into their affective life what it deemed to be useful. And amongst the educated classes—which consisted of the clergy for the most part—it counted upon a keen and critical intelligence which had not yet arrived at the stage of the Consciousness Soul. The development of theology as late as the thirteenth, fourteenth and fifteenth centuries showed that it relied upon a razor-sharp intelligence. But if you take the intelligence of today as the measure of man's intelligence you will never really understand what was meant by intelligence up to the fifteenth century. Up to that time intelligence was to some extent instinctive, it had not yet been impregnated with the Consciousness Soul. Mankind did not yet possess the capacity for independent reflection which came only with the development of the Consciousness Soul. None the less men displayed on occasions astonishing acumen to which many of the mediaeval disputations bear witness, for many of these disputations were debated with greater intelligence than the doctrinal disputes of later theology. But this was not the intelligence that was an expression of the Consciousness Soul, it was the intelligence which, in popular parlance, came from ‘on high’; esoterically speaking it was a manifestation of the Angelos, a faculty not yet under man's control. Independent thinking became possible only when he achieved self dependence through the Consciousness Soul. When a universalist impulse is diffused in this way through the power of suggestion, as was the case with the Roman Papacy and everything associated with it in the structure of the Church, then it is much more the community, the Group Soul element, everything that is related to the Group Soul that is affected. And this spirit of self-dependence also affected Catholicism, with the result that under the influence of certain impulses of contemporary history this universalist impulse of expanding Catholicism found in the Holy Roman Empire of the German nation its battering ram. We will discuss these matters from another standpoint later on. We see how the expansion of universal Roman Catholicism was prosecuted amid continuous conflict and contention with the Roman Empire. One need only refer to the period of the Carolingians and the Hohenstaufens1Carolingian and Hohenstaufen dynasties marked by the struggle between Empire and Papacy. in the standard history books to find that the fundamental issue was the incorporation of Europe into a universal Christian church of Roman Catholic persuasion.
[ 7 ] Wenn wir von dem Gesichtspunkt des Beginnes der Bewußtseinsseelenkultur die Sache recht ansehen wollen, so müssen wir auf einen großen Wendepunkt hinblicken, durch den äußerlich symptomatisch sich zeigt, wie das, was durch das Mittelalter wirklich herrschend war in dem eben charakterisierten Sinne, aufhört so herrschend zu sein, wie es früher war. Und dieser Wendepunkt in der neueren geschichtlichen Entwickelung ist der, daß 1309 von Frankreich aus der Papst einfach von Rom nach Avignon versetzt wird. Damit war etwas getan, was früher selbstverständlich nicht hätte geschehen können, worinnen sich zeigte: Jetzt beginnt das, wo die Menschheit anders wird als früher, da sie sich beherrscht wußte von einem Universalimpuls. Man kann sich nicht vorstellen, daß es früher einem König oder einem Kaiser einfach hätte einfallen können, den Papst von Rom irgendwo andershin zu versetzen. 1309 wurde kurzer Prozeß gemacht: der Papst wurde nach Avignon versetzt, und es beginnt jene Zänkerei mit Päpsten und Gegenpäpsten, die eben an die Versetzung des Papsttums gebunden war. Und damit in Verbindung sehen wir dann, wie etwas, was allerdings in einem ganz anderen Zusammenhange mit dem Christentum war, das in eine gewisse äußere Verbindung mit dem Papsttum gekommen war, mit betroffen wurde. Während 1309 der Papst nach Avignon versetzt wird, sehen wir, daß bald danach, 1312, der Tempelherren-Orden aufgehoben wird. Das ist solch ein Wendepunkt der neueren Geschichte. Man soll solch einen Wendepunkt nicht bloß hinsichtlich seines tatsächlichen Inhaltes betrachten, sondern als Symptom, um allmählich zu finden, was für eine Wirklichkeit dahinterliegt.
[ 7 ] If we wish to have a clear understanding of these matters from the point of view of the dawning Consciousness Soul we must consider an important turning point which, symptomatically, reveals the waning of Catholic power which had dominated the Middle Ages. And this turning point in modern history is the transference of the Pope to Avignon in 1309.2A French bishop, Clement V, is elected to the papal throne. The papal court transferred to Avignon 1309. Beginning of the ‘Babylonian Captivity’. Such a challenge to the papacy would formerly have been impossible and shows that mankind which formerly had been dominated by a universalist impulse now begins to undergo a transformation. That a king or an emperor could have entertained the idea of transferring the residence of the Pope from Rome to some other city would have been inconceivable in earlier times. In 1309 the matter was quickly dealt with—the Pope was transferred to Avignon and the next decades witnessed the endless quarrels between popes and anti-popes associated with this transference of the papal court. And a victim of this conflict within the Church was the Order of the Templars,3 Knights Templar. Founded 1118 by Hugues de Payen to protect pilgrims on their way to the Holy Sepulchre. After their defeat at Acre 1291 they took refuge in Cyprus. The order was denounced 1307 by the Inquisition; their property was sequestrated. The Templars were arrested and most, including the leader, Jacques Molay, tortured and burnt. Papal Bull 1312 suppressed the Order. which had been loosely associated with the Papacy, though of course its relationship to Christianity was totally different. The Order was suppressed in 1312 shortly after the removal of the Pope to Avignon. This is a turning point in modern history and we must consider this turning point not only in respect of its factual content, but as a symptom, if we wish gradually to discover the reality concealed behind it.
[ 8 ] Nun wollen wir andere solche Symptome vor unserem Seelenauge vorüberziehen lassen. Wir haben sie, wenn wir die Zeit, in welcher dieser Wendepunkt lag, einmal vor unserer Seele auftreten lassen. Da haben wir, über Europa hinschauend, die Tatsache auffällig, daß das europäische Leben mehr nach Osten hinüber doch radikal beeinflußt wird von jenen Ereignissen, die sich im geschichtlichen Leben, ich möchte sagen, wie Naturereignisse wirksam machen. Das sind die fortwährenden Wanderungen — mit den Mongolenwanderungen haben sie in der weiteren neueren Zeit begonnen —, die stattfinden von Asien nach Europa herüber, und die ein asiatisches Element nach Europa . hereinbrachten. Sie müssen nur bedenken, daß man, wenn man an ein solches Ereignis wie das von Avignon diese Tatsache anschließt, man sehr bedeutsame Anhaltspunkte gewinnt für eine historische Symptomatologie. Denn bedenken Sie das Folgende. Wenn Sie wissen wollen, welches die äußeren, nicht die inneren geistigen, sondern die äußeren menschlichen Veranlagungen und Wirkungen waren, welche sich an das Ereignis von Avignon knüpften und die zu ihm geführt haben, dann werden Sie bei einem zusammenhängenden Komplex von menschlichen Entschlüssen und Tatsachen stehenbleiben können. Das können Sie nicht, wenn Sie solche Ereignisse betrachten wie die herüberziehenden Mongolen, bis später dann zu den Türken. Sondern indem Sie solch ein historisches Ereignis, solch einen Tatsachenkomplex ins Auge fassen, müssen Sie folgende Erwägungen anstellen, wenn Sie wirklich zu einer geschichtlichen Symptomatologie kommen wollen.
[ 8 ] Let us now turn our attention to other symptoms of a similar kind at the time of this turning point in history. As we survey the continent of Europe we are struck by the fact that its life, largely in the Eastern areas, is profoundly influenced by those events which operate in the course of history after the fashion of natural phenomena. I am referring to the continuous migrations, beginning with the Mongol invasions4 Mongol invasions. After destroying the power of China and Islam in Central Asia, the armies of Chingis Khan (1167–1227) advanced through Georgia, overran the Ukraine and the Crimea and destroyed three Russian armies (1222–3). A renewed invasion of Russia began in 1237 under Ögödei. The Mongols captured Moscow, Rostov, Yaroslavl and destroyed the army of the Grand Duke. In 1240 they advanced towards Poland and Hungary and reached Pesth. Another army overran Lithuania and East Prussia. Archduke Henry of Silesia was defeated at Liegnitz by a force under Kaidu and in 1241 all Hungary fell to the Mongols. The death of Ögödei in 1241 saved Western Europe from further invasion. A full account will be found in The Mongols by E. D. Phillips, Thames & Hudson, 1969. Also, The Mongols and Russia by G. Vernadsky, Yale, 1959. in the not far distant past, which poured in from Asia and introduced an Asiatic element into Europe. When we link an event such as the transference of the Papacy to Avignon with these invasions from the East we establish important criteria for a symptomatology of history. Consider the following: in order to understand not the inward and spiritual, but the external and human tendencies and influences which were connected with the event of Avignon and prepare the ground for it, you need not look beyond a coherent complex of human acts and decisions. But you will find no such coherent pattern of events when you consider the time between the Mongol invasions and the later penetration of the Turks into Europe. But when studying any historical event, a complex of facts of this kind, you must consider the following if you really wish to arrive at a symptomatology of history.
[ 9 ] Nehmen Sie einmal an: Da ist Europa, da ist Asien (s. Zeiehng. S.16), die Züge gehen herüber. Nun nehmen wir an, solch ein Zug sei bis zu dieser Grenze vorgedrungen, dahinter seien meinetwillen die Mongolen, später die Türken, wer immer, davor seien die Europäer. Wenn Sie die Ereignisse von Avignon nehmen, so finden Sie einen Tatsachenkomplex von menschlichen Entschlüssen, menschlichen Taten vor. Das haben Sie dort nicht. Dort müssen Sie zwei Seiten betrachten, die eine, die hier liegt, und die andere, die hier liegt (auf die Zeichnung deutend). Für die Europäer ist dieser Sturm, der da herüberkommt, einfach wie ein Naturereignis: man sieht nur die Außenseite. Die kommen herüber und stören einfach, sie dringen ein. Dahinter aber liegt all diejenige Kultur, all die Seelenkultur, die sie selbst in sich tragen. Ihr eigenes seelisches Leben liegt dahinter. Das mag man wie immer beurteilen, aber es liegt dieses seelische Leben dahinter. Das wirkt gar nicht über die Grenze hinüber. Die Grenze wird gewissermaßen wie ein Sieb, durch das nur etwas wie elementarische Wirkungen durchgeht. Solche zwei Seiten — ein Inneres, das bei den Menschen bleibt, die hinter einer solchen Grenze stehen, und dasjenige, was nur zugewendet wird dem anderen — finden Sie in dem Ereignis von Avignon natürlich nicht; da ist alles in einem Komplex drinnen. Solche Ereignisse wie diese Wanderungen von Asien herüber, die haben eine große Ähnlichkeit mit der Naturanschauung selber. Denken Sie sich, Sie schauen die Natur an, Sie sehen die Farben, Sie hören die Töne: Das ist ja alles Teppich, das ist ja alles Hülle. Dahinter liegt Geist, dahinter liegen die Elementarwesen, bis heran zu dem hier. Da haben Sie auch die Grenze. Sie sehen mit Ihren Augen, Sie hören mit Ihren Ohren, fühlen mit Ihren Händen. Dahinter liegt der Geist, der kommt hier nicht durch. Das ist in der Natur so. Das ist ja da nicht ganz gleich, aber etwas Ähnliches. Was dahinter als Seelisches liegt, das dringt da nicht durch, das wendet nur die Außenseite nach der anderen Gegend hin.
[ 9 ] Let us assume for the moment that here is Europe and here is Asia. The columns of the invading armies are advancing towards Europe. One of these columns, let us assume, has penetrated as far as this frontier. On the one side are the Mongols and later the Turks; on the other side the Europeans. When considering the event of Avignon you find a complex of acts and decisions taken by men. There is no such complex across the frontier. You have to consider two aspects, the one on this side of the frontier, the other on the other side. For the Europeans the Mongolian wave that sweeps across the frontier resembles a natural phenomenon of which one sees only the external effects. The invaders pour across the frontier, invade the neighbouring territory and harass the inhabitants; behind them lies a whole culture of the soul of which they are the vehicle. Their own inner life lies behind the frontier. But this psychic life does not reach beyond the frontier which acts as a kind of sieve through which passes only energies akin to the elemental forces of nature. These two aspects—the inner aspect which is found amongst those who live behind this frontier and the aspect which shows only its external face to the Europeans—these are not to be found, of course, in the episode of Avignon, where everything forms a single complex, a composite whole. Now an occurrence such as these Asiatic invasions closely resembles what one sees in nature. Imagine you are looking at the world of nature ... You see the colours, you hear the sounds—but these are external trappings. Behind lies the spirit, behind are the elemental beings which are active up to the point where the frontier begins. (See diagram.) You see with your eyes, hear with your ears, you experience by touch—and behind lies the spirit which does not cross the frontier, does not manifest itself. Such is the situation in nature, but in history it is not quite the same, though somewhat similar. The psychic element behind history does not manifest itself, we see only its external appearance.


[ 10 ] Es ist außerordentlich bedeutsam, daß man dieses merkwürdige Mittelgebilde ins Auge faßt, wo Völker oder Rassen aufeinanderprallen, die sich gewissermaßen nur ihre Außenseite zukehren, dieses merkwürdige Mittelgebilde — welches auch unter den Symptomen auftritt- zwischen eigentlichem menschlich-seelischen Universalerleben, wie es also angeschaut werden muß, wenn man so etwas erblickt wie das Ereignis von Avignon, und zwischen richtigen Natureindrücken. All das historische Gerede, das in der neueren Zeit heraufgekommen ist, und das keine Ahnung hat von dem Eingreifen eines solchen Mitteldings, all das kommt zu keiner wirklichen Kulturgeschichte. Weder Buckle noch Ratzel konnten daher zu einer wirklichen Kulturgeschichte kommen. Ich nenne zwei weit auseinanderliegende kulturgeschichtliche Betrachter, weil sie von den Vorurteilen ausgingen: Nun, man muß halt dasjenige, was von zwei Ereignissen aufeinanderfolgt, so betrachten, daß das spätere die Wirkung, das frühere die Ursache ist, und die Menschen so darinnen gestanden haben.
[ 10 ] It is most important to bear in mind this strange intermediate zone, this no man's land, where peoples or races clash, revealing to each other only their external aspects—this strange intermediate zone (which must also be reckoned among the symptoms) between actual universal experience of the human soul such as we see in the event of Avignon and the genuine impressions of nature. All the historical twaddle which has come to the fore recently, and which has no idea of the operation of this intermediate zone, cannot arrive at a true history of civilization. For this reason, neither Buckle nor Ratzel5 H. T. Buckle (1822–62) English historian. His chief work was the History of Civilisation in England (1857–61). He saw in the law of causality the determining factor in history. Freidrich Ratzel (1844–1904). Geographer and professor in Munich and Leipzig. (I mention two historians of widely divergent outlook), could arrive at a true history of civilization because they started from the preconceived idea: of two events, if one follows from the other, then the later event must be considered as the effect and the earlier event the cause—the common sense view that is generally accepted.
[ 11 ] Das ist also wiederum solch ein Ereignis. Wenn man es als Symptom betrachtet im neueren Werden der Menschheit, dann wird es, wie wir in diesen Tagen sehen werden, eine Brücke von den Symptomen hinüber zur Wirklichkeit.
[ 11 ] When we consider this event as a symptomatic event in the recent evolution of mankind, then, as we shall see in later lectures, it will provide a bridge from the symptoms to reality.
[ 12 ] Nun sehen wir etwas auftauchen aus dem Komplex von Tatsachen heraus, was wir wiederum mehr symptomatisch betrachten wollen. Wir sehen im Westen von Europa, anfangs noch wie ein mehr oder weniger einheitliches Gebilde, dasjenige auftauchen, was später zu Frankreich und England wird. Denn zunächst können wir es — wie wir auftauchen sehen in der Zeit, was später zu diesen zwei Gebilden wird, wenn wir nicht die äußerlichen Unterscheidungen wie den Kanal ins Auge fassen, der aber doch nur etwas Geographisches ist — eigentlich nicht unterscheiden. In England drüben ist in den Zeiten, als die neuere geschichtliche Entwickelung beginnt, überall im Grunde französische Kultur. Englische Herrschaft greift herüber nach Frankreich; die Mitglieder der einen Dynastie machen Anspruch auf den Thron im anderen Lande und so weiter. Aber eines sehen wir, was da auftaucht, was das ganze Mittelalter hindurch ebenfalls zu dem gehört hat, das gewissermaßen in die Unterordnung getrieben wurde durch den katholisch-römischen Universalimpuls. Ich sagte schon, die Menschen hatten Gemeinschaften, sie hatten Blutsverwandtschaften in Familien, an denen sie zäh festhielten, sie hatten zünftliche Gemeinschaften, alles mögliche. Aber durch das alles geht etwas durch, was mächtiger, herrschender war, wodurch das andere in Unterordnung getrieben wird, wodurch dem anderen das Gepräge aufgedrückt wurde: Das war eben der römisch geformte, der katholischeTJniversalimpuls. Und dieser römisch-katholische Universalimpuls machte, wie er die Zünfte oder die anderen Gemeinschaften zu etwas Untergeordnetem machte, ebenso die nationale Zusammengehörigkeit zu etwas Untergeordnetem. Die nationale Zusammengehörigkeit wurde in der Zeit, als der römische Universal-Katholizismus wirklich seine größte impulsive Stärke entwikkelte, nicht für das Wichtigste in der seelischen Struktur der Menschen angesehen. Aber das ging jetzt auf, das Nationale als etwas zu betrachten, was wesentlich wird für den Menschen, in unendlichem Grade viel wesentlicher als es früher sein konnte, da der katholische Universalimpuls allherrschend war. Und bedeutsam sehen wir es gerade in dem Gebiete auftreten, das ich Ihnen eben bezeichnet habe. Aber wir sehen zu gleicher Zeit, während dort die allgemeine Idee, sich als Nation zu fühlen, auftaucht — wir werden noch über die Sache zu sprechen haben —, wie gestrebt wird, eine ganz wichtige, bedeutsame Differenzierung zu vollziehen. Während wir sehen, wie durch die Jahrhunderte hindurch ein gewisser einheitlicher Impuls über Frankreich und England sich ausbreitet, sehen wir, wie im 15. Jahrhundert Differenzierungen eintreten, für die der wichtigste Wendepunkt das Auftreten der Jungfrau von Orleans 1429 ist, womit der Anstoß gegeben wird — und wenn Sie in der Geschichte nachsehen, so werden Sie sehen, daß dieser Anstoß ein wichtiger, ein mächtiger ist, der fortwirkte — der Differenzierung zwischen dem Französischen einerseits, dem Englischen anderseits.
[ 12 ] Now from the complex of facts we see emerging in the West of Europe a more or less homogeneous configuration at first, which later gives birth to France and England. Leaving aside for the moment the external elements such as the channel, which is simply a geographical factor separating the two countries, it is difficult at first to distinguish between them. In the period when modern history begins French culture was widespread in England. English kings extended their dominion to French territory, and members of the respective dynasties each laid claim to the throne of the other country. But at the same time we see emerging one thing, which throughout the Middle Ages was also associated with what the universalist impulse of Catholicism had to some extent relegated to the background. I mentioned a moment ago that at this time communities were already in existence; families were cemented by the blood-tie to which they clung tenaciously; men were organized in craft guilds or corporations, etcetera. All these organizations were permeated by the powerful and authoritative universalist Catholic impulse moulded by Rome which dominated them and set its seal upon them. And just as this Roman Catholic impulse had relegated the guilds and other corporate bodies to a subordinate role, so too national identity suffered the same fate. At the time when Roman Catholicism exercised its greatest dynamic power national identity was not regarded as the most important factor in the structure of the human soul. Consciousness of nationality now began to be looked upon as something vastly more important than it had been when Catholicism was all powerful. And significantly it manifested itself in those countries I have just mentioned. But whilst the general idea of nationhood was emerging in France and England an extremely significant differentiation was taking place at the same time. Whilst for centuries these countries had shared a common purpose, differences began to emerge in the fifteenth century. The first indications are seen in the appearance of Joan of Arc in 1429, a most important turning point in modern history. It was this appearance of Joan of Arc which gave the impetus and if you consult the manuals of history you will see how important, powerful and continuous this impetus was—which led to the differentiation between the French and the English character.
[ 13 ] So sehen wir das Auftauchen des Nationalen als Gemeinsamkeit Bildendem, und zu gleicher Zeit diese für die Entwickelung der neueren Menschheit symptomatisch bedeutsame Differenzierung, die ihren Wendepunkt 1429 in dem Auftreten der Jungfrau von Orleans hat. Ich möchte sagen: In dem Augenblicke, in dem der Impuls des Papsttums die westliche europäische Bevölkerung aus seinen Fängen entlassen muß, taucht die Kraft des Nationalen gerade im Westen auf und ist dort bildend. — Sie dürfen sich nicht täuschen lassen in einer solchen Sache. So wie Ihnen die Geschichte heute dargestellt wird, können Sie selbstverständlich bei jedem Volk rückwärtige Betrachtungen anstellen und können sagen: Nun ja, da ist auch schon das Nationale gewesen! — Da legen Sie keinen Wert darauf, wie die Dinge wirksam sind. Sie können ja bei den Slawenvölkern nachsehen; die werden selbstverständlich unter dem Eindruck der heutigen Ideen und Impulse ihre nationalen Gefühle und Kräfte möglichst weit zurückführen. Aber die nationalen Impulse waren zum Beispiel gerade in der Zeit, von der wir heute sprechen, in besonderer Art wirksam, so daß Sie eine Epoche umwandelndster Impulse gegeben haben in den Gebieten, von denen wir eben gesprochen haben. Das ist es, worauf es ankommt. Man muß sich zur Objektivität durchringen, damit man die Wirklichkeit erfassen kann. Und eine solche symptomatische Tatsache, die ebenso das Heraufkommen der Bewußtseinsseele ausdrückt, äußerlich offenbart, wie die angeführte, ist auch dieses eigentümliche Sich-Herausorganisieren eines italienischen Nationalbewußtseins aus dem nivellierenden, das Nationale zu einem Untergeordneten machenden päpstlichen Elemente, wie es über Italien bis dahin ausgegossen war. In Italien wird es gerade in dieser Zeit im wesentlichen der nationale Impuls, der die Leute auf der italienischen Halbinsel vom Papsttum emanzipiert. Das alles sind Symptome, die in der Zeit da sind, als sich innerhalb Europas die Bewußtseinsseelenkultur aus der Verstandes- und Gemütsseelenkultur heraus entwickeln will.
[ 13 ] Thus we see the emergence of nationalism as the architect of the community and at the same time this differentiation which is so significant for the evolution of modern mankind. This turning point is marked by the appearance of Joan of Arc in 1429. At the moment when the impulse of the Papacy is compelled to release from its clutches the population of Western Europe, at that moment the consciousness of nationality gathers momentum in the West and shapes its future. Do not allow yourselves to be misled in this matter. As history is presented today you can, of course, find in the past of every people or nation a consciousness of nationality. But you do not attach any importance to the potent influence of this force. Take, for example, the Slav peoples: under the influence of modern ideas and currents of thought they will of course trace back as far as possible the origin of their national sentiments and forces. But in the period of which we are speaking the national impulses were particularly active so that, in the territories I have just mentioned, there was an epoch when these impulses underwent a profound modification. And this is what matters. If we wish to apprehend reality we must make strenuous efforts to achieve objectivity. Another symptomatic fact which also reveals the emergence of the Consciousness Soul—like the one I have just mentioned—is the strange fashion in which the Italian national consciousness developed out of the levelling influence of the Papacy which, as we have seen, relegated the national impulse to a subordinate role, an influence which had hitherto pervaded the whole of Italy. Fundamentally it was the national impulse which emancipated the people of Italy from papal sovereignty at this time. All these facts are symptoms which are inherent in the epoch when, in Europe, the civilization of the Consciousness Soul seeks to emerge from the civilization of the Rational and Intellectual Soul.
[ 14 ] In derselben Zeit — natürlich sehen wir da auf Jahrhunderte hin sehen wir dann die Auseinandersetzung, die da beginnt zwischen Mittel- und Osteuropa. Was sich herausentwickelt hat aus demjenigen, was ich als Sturmbock bezeichnet habe für das Papsttum, aus dem Römisch-Germanischen Imperium, das gerät in eine Auseinandersetzung mit den heranstürmenden Slawen. Und wir sehen, wie durch die mannigfaltigsten historischen Symptome dieses Ineinanderspielen Mittel- und Osteuropas stattfindet. Man muß den fürstlichen Herrschaften in der Geschichte nicht so weit die Türe aufmachen, als es heute die Lehrer der Geschichte tun. Schließlich muß man schon der Wildenbruch sein, wenn man den Leuten als große historische Ereignisse jenen Hokuspokus vormacht, der sich abgespielt hat zwischen Ludwig dem Frommen und seinen Söhnen und so weiter auf einem bestimmten Gebiete von Europa; man muß der Wildenbruch sein, wenn man diejenigen Ereignisse als historisch bedeutsame aufzählt, die er in seinen Dramen, die gerade von diesen Ereignissen handeln, als historisch bedeutsam hinstellt. Diese historischen Familienereignisse haben nicht mehr Bedeutung als sonstiger Familientratsch; diese Familienereignisse haben mit der Entwickelung der Menschheit nichts zu tun. Davon bekommt man erst ein Gefühl, wenn man Symptomatologie in der Geschichte treibt. Denn dann bekommt man einen Sinn für das, was sich wirklich heraushebt, und für das, was für den Entwickelungsgang der Menschheit ziemlich bedeutungslos ist. Bedeutungsvoll in der neueren Zeit ist die allgemeine Auseinandersetzung zwischen der europäischen Mitte und dem europäischen Osten. Aber im Grunde genommen ist es nur wie eine Gebärde, was sich da abgespielt hat mit Ottokar und so weiter. Das weist eigentlich nur hin auf dasjenige, was in Wirklichkeit geschieht. Dagegen ist von großer Bedeutung, daß man nicht einseitig dieses Ereignis betrachtet, sondern so, daß man sieht, wie, während jene Auseinandersetzung fortwährend stattgefunden hat, eine kolonisatorische Tätigkeit von Mittel- nach Osteuropa hinüber die Bauernbewegungen brachte, die später Menschen vom Rhein bis hinunter nach Siebenbürgen brachte, welche dann dort — und durch eine Mischung von Mittel- und Osteuropa trat das ein — das ganze Leben, wie es sich später in diesen Gebieten entwickelte, im allertiefsten Sinne beeinflußten. So daß wir auf der einen Seite die herankommenden Slawen durcheinandergeraten sehen in ihrem Tun mit dem, was sich in Mitteleuropa herausgebildet hat aus dem römisch-germanischen Imperium, fortwährend durchzogen von mitteleuropäischen Kolonisatoren, die nach dem Osten hinübergingen. Und aus diesem merkwürdigen Geschehen steigt dasjenige auf, was dann in der Geschichte die Habsburgische Macht wird. Aber ein anderes, das da aus diesem Getriebe überall in Europa aufsteigt, wie ich es Ihnen charakterisiert habe, das ist die Bildung gewisser Zentren mit einer zentralen, eigenen Gesinnung, die sich innerhalb kleiner Gemeinschaften der Städte ausbildet. Vom 13. bis 15. Jahrhundert ist die Hauptzeit, wo die Städte über ganz Europa hin mit ihrer eigenen Stadtgesinnvng heraufkommen. Dasjenige, was ich vorher charakterisiert habe, spielt so durch diese Städte hindurch. Aber Individualitäten bilden sich in diesen Städten herauf.
[ 14 ] At the same time—we are anticipating of course—we see the beginning of the conflict between Central and Eastern Europe. What emerged from what I described as the ‘battering ram’ of the Papacy, from the Holy Roman Empire of the German nation, came into conflict with Slav expansionism. The most diverse historical symptoms bear witness to this interaction between Central and Eastern Europe. In history one must not attach so much importance to princely families or personages as modern historians are wont to do. After all only a Wildenbruch6 Ernst von Wildenbruch (1845–1909). Author of historical dramas Die Karolinger 1881, Die Quitzows 1888, etcetera. Filled with a sense of priestly mission. His plays are patriotic, rhetorical and rely upon stage effects. ‘He was capable of raising a storm to put out a night light!’ could throw dust in people's eyes by pretending that the farce played out between Louis the Pious and his sons had historical significance. Only a Wildenbruch could present these family feuds in his dramas as historically important. They have no more significance than any other domestic gossip; they have nothing to do with the evolution of mankind. It is only when we study the symptomatology of history that we develop a feeling for what is really important and what is relatively unimportant in the evolution of mankind. In modern times the conflict between Central and Eastern Europe has important implications. But in reality Ottokar's conflict with Rudolf7 Ottokar II (1253–78), King of Bohemia, was compelled to surrender Austria, Styria and Carinthia to Rudolf of Hapsburg. He refused to recognize the validity of Rudolf's election as emperor and was defeated and mortally wounded at the battle of Marchfeld 1278. is only an indication; it is a pointer to what actually happened. On the other hand it is most important not to take a narrow view of this conflict. We must realize that, during this continuous confrontation, a colonizing activity began which carried the peasants from Central to Eastern Europe and in later years from the Rhine to Siebenbürgen. These peasant migrations, through the mingling of Central and Eastern European elements, had a profound influence upon the later development of life in these areas. Thus the Slavs whose expansionist policy came into conflict with what had developed in Central Europe out of the Holy Roman Empire were continuously infiltrated by Central European colonists moving eastwards. And from this strange process emerged that which later became the Hapsburg power. But another consequence of this ferment in Europe was the formation of certain centres which developed a particular cast of mind within the urban communities. The main period when the towns throughout Europe developed their specifically urban outlook lies between the thirteenth and the fifteenth centuries. What I have described in a previous lectureT3Die Geschichte des Mittelalters bis zu den grossen Erfindungen und Entdeckungen, Berlin, October—December, 1904. penetrated into these towns; in these towns men were able to develop their individual characteristics.
[ 15 ] Nun ist es immerhin für diese Zeit bemerkenswert und bedeutsam, wie nach der Differenzierung von Frankreich und England, zunächst in England, sich langsam aber gründlich vorbereitet dasjenige, was dann später in Europa zum Parlamentarismus wird. Aus langdauernden Bürgerkriegen — Sie können das in der Geschichte nachlesen —, die von 1452 bis 1485 dauern, entwickelt sich unter mannigfaltigen äußeren Symptomen das historische Symptom des aufkeimenden Parlamentarismus. Die Menschen wollen, als im 15. Jahrhundert das Zeitalter der Bewußtseinsseele beginnt, ihre Angelegenheiten selbst in die Hand nehmen. Sie wollen mitreden, sie wollen parlamentarisieren, sich unterhalten über dasjenige, was geschehen soll, und wollen dann aus dem, worüber sie sich unterhalten, die äußeren Geschehnisse formen, oder wollen sich wenigstens manchmal einbilden, daß sie die äußeren Geschehnisse formen. Und das entwickelt sich, aus ihren schweren Bürgerkriegen im 15. Jahrhundert, innerhalb Englands aus jener Konfiguration heraus, die in deutlicher Differenzierung, in deutlichem Unterschiede ist von dem, was in Frankreich sich auch unter dem Einfluß des nationalen Impulses gebildet hatte. Dieser Parlamentarismus in England bildet sich aus dem nationalen Impuls heraus. So daß man sich klar sein muß darüber: Durch ein solches Symptom wie die Herausbildung des Parlamentarismus aus dem englischen Bürgerkrieg im 15. Jahrhundert sehen wir durcheinanderspielen, oder meinetwillen auch durcheinanderspülen, auf der einen Seite die heraufkommende nationale Idee, und einen Impuls, der uns schon sehr deutlich hinführt zu dem, was die Bewußtseinsseele will, die im Menschen rumort. Und aus Gründen, die sich schon noch ergeben werden, bricht sich der Impuls der Bewußtseinsseele just durch diese Ereignisse in England durch, nimmt aber den Charakter jenes nationalen Impulses an, den er eben gerade nur dort bekommen konnte; daher bekommt er diese Färbung, diese Nuance. Damit haben wir vieles von dem betrachtet, was Europa gerade im Anfange des BewußtseinskulturZeitalters die Konfiguration gegeben hat.
[ 15 ] Now it is a remarkable and significant phenomenon that after the separate development of France and England, there emerged in England at this time, after slow and careful preparation, that which later became the system of parliamentary government in Europe. As a result of the long civil wars which lasted from 1452–1480, we see developing, amongst manifold external symptoms, the historical symptom of embryonic parliamentary government. When the era of the Consciousness Soul opened in the early fifteenth century people wanted to take their affairs into their own hands. They wanted to debate, to discuss, to have a say in future policies and to shape external events accordingly—or at least liked to imagine that they shaped events. This spirit of independence—as a result of the disastrous civil wars in the fifteenth century—developed in England out of that configuration which was markedly different from what had also arisen in France under the influence of the national impulse. Parliamentary Government in England developed out of the national impulse. We must clearly recognize that, through the birth of parliamentary government as a consequence of the English civil wars in the fifteenth century, we see the interplay, or, if you like, the interpenetration, the interfusion of the emergent national idea on the one hand, and on the other hand an impulse clearly orientated towards that which the Consciousness Soul seeks to realize. And for reasons that we shall see later, it is precisely because of these events that the impulse of the Consciousness Soul breaks through in England and assumes the character of that national impulse; hence its peculiarly English flavour or nuance. We have now considered many of the factors which shaped Europe at the beginning of the age of the Consciousness Soul.
[ 16 ] Hinter all dem, gleichsam im Hintergrunde wie ein halbes Rätsel für Europa dastehend, entwickelt sich das, was später zum russischen Gebilde wird, mit Recht als etwas Unbekanntes angesehen. Wir wissen, warum: weil es dasjenige, was es in sich trägt, als Keime für die Zukunft in sich trägt. Aber es gebiert sich zunächst aus lauter Altem heraus, oder wenigstens aus solchem heraus, das nicht eigentlich aus der Bewußtseinsseele entspringt, überhaupt nicht aus der menschlichen Seele. Natürlich ist es einmal entsprungen, aber hier entsprang es nicht aus der menschlichen Seele heraus. Keines von den drei Elementen, das konfigurierend eingriff in das russische Gebilde, entsprang aus der russischen Seele heraus. Das eine der Elemente war dasjenige, was von Byzanz kam, aus byzantinischem Katholizismus, das zweite dasjenige, was eingeflossen war durch die normannisch-slawische Blutmischung, das dritte dasjenige, was von Asien herüberkam. Alle drei sind nicht etwas, was produziert wurde aus dem Inneren der russischen Seele heraus, es hat aber die Konfiguration gegeben dem, was sich da als ein rätselhaftes Gebilde hinter dem europäischen Geschehen im Osten ausbildete.
[ 16 ] Behind all this, concealed as it were in the background, a virtual enigma to Europe, we see developing the later configuration of Russia, rightly regarded as an unknown quantity because it bears within it the seeds of the future. But first of all it is born of tradition, or, at least, of that which does not come from the Consciousness Soul and certainly not from the human soul. ... None of the three elements which helped to fashion the configuration of Russia originated in the Russian soul. The first was the heritage of Byzantium, of Byzantine Catholicism; the second was that which had streamed in through the mingling of Nordic and Slav blood; the third was that which was transmitted by Asia. None of these three elements was the creation of the Russian soul; but it was these elements which moulded that strange, enigmatic structure which developed in the East and was concealed from the happenings in Europe.
[ 17 ] Und nun suchen wir uns ein gemeinschaftliches Merkmal für all die Dinge, die uns da als Symptome entgegengetreten sind. Ein solches gemeinschaftliches Merkmal gibt es, das sehr auffällig ist. Wir brauchen nur das, was ja die eigentlich treibenden Kräfte sind, mit dem zu vergleichen, was früher die eigentlich treibenden Kräfte in der Menschheitsentwickelung waren, und wir finden einen bedeutsamen Unterschied, der uns charakteristisch hinweisen wird auf das, was das Wesenhafte in der Bewußtseinsseelenkultur ist, und auf das, was das Wesenhafte in der Verstandes- und Gemütsseelenkultur ist.
[ 17 ] Let us now try to find the common characteristic of all these things, of all these symptoms. They have one common characteristic which is very striking. We need only compare the real driving forces in human evolution today with those of former times and we perceive a significant difference which will indicate to us the quintessential character of the culture of the Consciousness Soul and that of the Rational and Intellectual Soul.
[ 18 ] Wir können es ja, um uns die Sache recht deutlich zu machen, zunächst mit einem solchen Impuls vergleichen, wie es das Christentum ist: etwas, was bei jedem Menschen ganz aus dem ureigensten Innern heraus produziert werden muß, ein Impuls, der wirklich ins geschichtliche Geschehen übergeht, aber der aus dem Innern des Menschen heraus produziert wird. Nun ist das Christentum der größte Impuls von dieser Art in der Erdenentwickelung. Aber wir können ja kleinere Impulse nehmen. Wir brauchen nur dasjenige, was durch das Augusteische Zeitalter in das Römertum hineingekommen ist, zu nehmen, wir brauchen nur auf die zahlreich aus der Menschenseele hervorsprudelnden Impulse im griechischen Leben zu blicken. Da sehen wir, wie überall wirklich aus der Menschenseele heraus produziertes Neues in die Menschheitsentwickelung eintritt. Diese Zeit der Bewußtseinsseelenkultur bringt es in bezug auf so etwas zu keiner Naissance, sondern höchstens zur Renaissance, zu einer Wiedergeburt. In bezug auf das, was aus der menschlichen Seele herauskommt, kommt es höchstens zu einer Renaissance, zu einer Wiederauferstehung des Alten. Denn das alles, was da als Impulse eingreift, das ist ja nichts, was aus der menschlichen Seele herauspulsiert. Das erste, was uns aufgefallen ist, ist ja die nationale Idee, wie man es oftmals nennt, man müßte sagen, der nationale Impuls. Der wird nicht aus der Menschenseele produktiv herausgeboren, sondern der liegt in dem, was wir vererbt erhalten haben, der liegt in dem, was wir vorfinden. Es ist etwas ganz anderes, was, sagen wir, durch die zahlreichen geistigen Impulse im Griechentum auftritt. Dieser nationale Impuls, der ist ein Pochen auf etwas, was da ist wie ein Naturprodukt. Da produziert der Mensch nichts aus seinem Innern heraus, wenn er sich als Angehöriger einer Nationalität betrachtet, sondern er weist nur darauf hin, daß er in einer gewissen Weise gewachsen ist, wie eine Pflanze wächst, wie ein Naturwesen wächst. Und ich habe Sie mit Absicht darauf hingewiesen, daß, was da aus Asien herüberkommt, indem es nur die eine Seite der europäischen Kultur zuwendet, etwas Naturhaftes hat. Wiederum geschieht in Europa nichts, was aus der menschlichen Seele heraus produziert wird, dadurch daß die Mongolen, später die Osmanen einbrechen in die europäischen Ereignisse, obwohl vieles unter diesem Impuls geschieht. Auch in Rußland geschieht nichts, was aus der menschlichen Seele herauskommt, was dadurch besonders charakteristisch ist; das hat nur Byzantinismus und Asiatismus ausgebreitet, diese normannisch-slawische Blutmischung. Es sind gegebene Tatsachen, Naturtatsachen, die hereinkommen ins Menschenleben, aber es wird nichts wirklich aus der menschlichen Seele heraus produziert. Halten wir das einmal fest als Ausgangspunkt für später. Der Charakter dessen, worauf der Mensch pocht, wird ein ganz anderer vom 15. Jahrhundert ab.
[ 18 ] In order to see this situation in clearer perspective we can compare it with the impulse of Christianity which in every man must spring from the inmost depths of his being, an impulse which passes over into the events of history, but which springs from man's inner life. In the evolution of the earth Christianity is the most powerful impulse of this nature. We can, of course, consider impulses of lesser import, for example, those which influenced Roman civilization throughout the Augustan age, or we need only glance at the rich efflorescence of the Greek soul. We see everywhere new creative impulses entering into the evolution of mankind. In this respect, however, our present epoch brings to birth nothing new; at best we can speak of a rebirth, a revival of the past, for all the impulses which are operative here no longer spring from the human soul. The first thing that strikes us is the national idea, as it is often called—more correctly one should speak of the national impulse. It is not a creation of the individual soul, but is rooted in what we have received from inheritance, in what is already established. What emerges from the manifold spiritual impulses of Hellenism is something totally different. This national impulse is a rightful claim to something which is already present like a product of nature. As member of a national group man creates nothing of himself; he merely underlines the fact that, in a certain sense, he has developed naturally like a plant, like a member of the natural order. I intentionally called your attention earlier on to the fact that Asia's contribution to Europe (and only its external aspect was perceptible to European culture) was something natural and spontaneous. The irruption of the Mongols, and later of the Osmanlis8 Osmanlis or Ottomans, a western Turkish race named after their leader Osman I or Ottoman (d. 1326) who founded the Turkish empire by conquering western Asia Minor. A nomadic people. into Europe, though their influence was considerable, did not lead to any creative impulse in Europe. Russia too produced no creative impulse, nothing that was particularly characteristic of the Russian soul. This was the work solely of the Byzantine and Asiatic element, this mixture of Nordic and Slav blood. In these peoples it is given facts, facts of nature which determine the lives of men—nothing in reality is created by the human soul. Let us bear this in mind, for it will serve as a point of departure for what is to follow. From the fifteenth century on the demands of mankind are of a totally different character.
[ 19 ] Betrachten wir mehr innerliche Ereignisse. Wir haben jetzt mehr so die äußerlichen geschichtlichen Tatsachen ins Auge gefaßt; betrachten wir mehr innerliche Ereignisse, die schon mehr im Zusammenhang stehen mit dem die Rinde der menschlichen Seele durchbrechenden Bewußtseinsseelenimpuls. Da sehen wir, wenn wir den Blick zum Beispiel auf das Konstanzer Konzil hin richten, 1415, die Hinrichtung des Aus. In Hus sehen wir eine Persönlichkeit, die, ich möchte sagen, heraufkommt wie einem Menschenvulkan ähnlich, in dieser bestimmten Art. 1414 beginnt das Konstanzer Konzil, das über ihn richtet, mit Beginn des 15. Jahrhunderts, gerade mit dem Beginn der Bewußtseinsseelenkultur. Wie steht dieser Hus drinnen im modernen Leben? Als ein mächtiger Protest gegen die ganze suggestive Kultur des katholischen Universalimpulses. Es bäumt sich in Hus die Bewußtseinsseele selbst auf gegen dasjenige, was die Verstandes- oder Gemütsseele angenommen hat durch den römischen Universalimpuls. Aber im Zusammenhange damit sehen wir — wir könnten auch hinweisen, wie sich das schon vorbereitet hat in den Albigenserkämpfen und so weiter —, wie im Grunde genommen das nicht eine vereinzelte Erscheinung ist. Wir sehen ja, wie in Italien Savonarola auftritt, wir sehen, wie andere auftreten: das Aufbäumen der auf sich selbst gestellten menschlichen Persönlichkeit ist es, die durch das Auf-sich-selbst-gestellt-Sein auch zu ihrem religiösen Bekenntnis kommen will. Sie wendet sich gegen den suggestiven Universalimpuls des päpstlichen Katholizismus. Und das findet seine Fortsetzung in Luther, das findet seine Fortsetzung in der Emanzipation der englischen Kirche von Rom, die so außerordentlich interessant und bedeutsam ist, das finder seine Fortsetzung in dem Calvinischen Einfluß in gewissen Gegenden Europas. Das ist etwas, was wie eine Strömung durch die ganze zivilisierte europäische Welt geht, was mehr innerlich ist als die anderen Einflüsse, was mehr mit der Seele des Menschen schon zusammenhängt.
[ 19 ] Hitherto we have considered the external facts of history; let us now turn to the more inward happenings which are related more to the impulse of the Consciousness Soul which is breaking through the shell of the human soul. Let us consider, for example, the Council of Constance9 Council of Constance (1414–18). John Hus was summoned to defend himself before the Church authorities against the charge of heresy. Refused to recant and was convicted and burnt. and the burning of Hus. In Hus we see a personality who stands out, so to speak, like a human volcano. The Council of Constance which passed sentence on him opened in 1414, in the early years of the fifteenth century which marked the birth of the Consciousness Soul. Now in the annals of modern history Hus stands out as a symbol of protest against the suggestionism of the universalist impulse of Catholicism. In Jan Hus the Consciousness Soul itself rebels against all that the Rational or Intellectual soul had received from this universalist Catholic impulse. And this was not an isolated phenomenon—we could show how this ground had already been prepared by the struggle of the Albigenses against Catholic domination. In Savanarola in Italy and in others we see the revolt of the autonomous personality who wishes to arrive at his religious faith by relying upon his own judgement and rejects the suggestionism of papal Catholicism. And this same spirit of independence persists in Luther, in the emancipation of the Anglican Church from Rome (an extremely interesting and significant phenomenon), and in the Calvinist influence in certain regions of Europe. It is like a wave that sweeps over the whole of civilized Europe; it is an expression of the inner life, something more inward than the other influences, something which is already more closely linked with the soul of man, but in a different way from before.
[ 20 ] Aber wie? Auch anders, als das früher der Fall war. Im Grunde genommen, was bewundern wir an Calvin, an Luther, wenn wir sie eben als historische Erscheinungen nehmen? Was bewundern wir an denen, die das englische Kirchentum von Rom frei gemacht haben? Nicht neue produktive Ideen, nicht Neues, das aus der Seele heraus produziert wird, sondern die Kraft, mit der sie das Alte in eine neue Form gießen wollten, so daß, während es früher hingenommen wurde von der mehr unbewußt instinktiven Verstandes- oder Gemütsseele, es jetzt hingenommen werden soll von der auf sich selbst gestellten Bewußtseinsseele des Menschen. Aber nicht neues Bekenntnis wird produziert, nicht neue Ideen werden produziert. Es wird über alte Ideen gestritten, es wird nicht ein neues Symbolum gefunden. Denken Sie nur, wie reich die Menschheit in der Produktion von Symbolen war, je weiter wir zurückgehen. Wahrhaftig solch ein Symbolum wie das Altarsakrament-Symbol, es mußte einmal aus der menschlichen Seele heraus produziert werden. Im Zeitalter Luthers und Calvins konnte man nur darüber streiten, ob so oder so. Aber solch ein Impuls, der aus sich heraus, der ein für sich Individuelles ist, der produziert werden muß aus der menschlichen Seele heraus, war nicht da, im ganzen weiten Umfange war er nicht da. Ein neues Verhältnis zu diesen Dingen bedeutet das Herankommen der Bewußtseinsseelenkultur, aber nicht neue Impulse.
[ 20 ] After all, what do we admire in Calvin, in Luther when we consider them as historical figures? What do we admire in those who liberated the Anglican Church from Roman Catholic tutelage?—Not new creative ideas, not fresh spiritual insights, but the energy with which they endeavoured to pour traditional ideas into a new mould. Whereas these traditional ideas had formerly been accepted by the Rational or Intellectual Soul which was more instinctive or less conscious, they had now to be accepted by the Consciousness Soul which is autonomous. But this did not lead to the birth of new ideas, a new confession of faith. Time-honoured ideas are called in question, but no new symbol is found to replace them. The further we look back into the past—just think of the wealth of symbols created by man! Truly, a symbol such as the symbol of the Eucharist had to be created one day by the soul of man. In the age of Luther and Calvin there were endless disputes over the Eucharist as to whether it should be administered in both kinds or in one kind! But an autonomous impulse, an individual creation of the human soul was nowhere to be found. The dawning of the Consciousness Soul signifies a new relationship to these problems but does not herald the birth of new impulses.
[ 21 ] So daß wir sagen können: Indem diese neue Zeit anbricht, wirkt in ihr die heraufkommende Bewußtseinsseele. Sie wirkt sich in geschichtlichen Symptomen aus. Und wir sehen, wie auf der einen Seite die nationalen Impulse wirken, wie auf der anderen Seite selbst bis in die Tiefen des religiösen Bekenntnisses hinein das Aufbäumen der Persönlichkeit wirkt, die auf sich selbst gestellt sein will, weil eben die Bewußtseinsseele herausbrechen will aus ihren Hüllen. Und diese Kräfte, diese zwei Kräfte, die ich eben charakterisiert habe, die muß man in ihren Wirkungen studieren, wenn man jetzt die weitere Fortentwickelung der repräsentativen Nationalstaaten, Frankreich und England, ins Auge faßt. Die erstarken, aber so, daß sie in deutlicher Differenzierung zeigen, wie die zwei Impulse, der nationale und der Persönlichkeitsimpuls, auf verschiedene Weise in Frankreich und in England miteinander in Wechselwirkung treten, und nichts menschlich produziertes Neues, aber Althergebrachtes in Umgestaltung als Grundlage für die geschichtliche Struktur Europas offenbaren. Man kann sagen: Dieses Erstarken des nationalen Elementes, es zeigt sich auf besondere Weise in England, wo das Persönliche, das zum Beispiel in Hus nur als religiöses Pathos wirkte, sich verbindet mit dem Nationalen und sich verbindet mit dem Persönlichkeitsimpuls der Bewußtseinsseele und zum Parlamentarismus immer mehr und mehr wird, den Parlamentarismus immer mehr und mehr ausbildet, so daß dort alles nach der politischen Seite hinschlägt. — Wir sehen, wie in Frankreich‘ überwiegt — trotz des nationalen Elementes, das eben stark durch Temperament und durch sonstige Dinge wirkt — das Auf-sich-gestellt-Sein der Persönlichkeit, und die andere Nuance gibt. Während in England mehr die nationale Nuance die stärkere Färbung gibt, gibt in Frankreich mehr das Persönlichkeitselement die nach außen sichtbare und wirksame Nuance. Man muß diese Dinge wirklich intim studieren.
[ 21 ] When this new epoch dawns the budding Consciousness Soul is operative in it and manifests itself in historical symptoms. On the one hand we see the national impulses at work, on the other hand we see, striking at the very roots of religious faith, the revolt of the personality that strives for autonomy because the Consciousness Soul seeks to burst its bonds. And we must study the effects of these two forces when we consider the further development of the two representative national states, France and England. These forces gather strength, but are clearly differentiated and show how the two impulses, that of nationalism and that of personality, react upon each other differently in France and England. They create nothing new, but show the traditional past under new forms as the basis for the historical structure of Europe. This reinforcement of the national impulse is particularly evident in England where the personal element that in Hus, for example, assumed the form of religious pathos, unites with the national element, and the impulse of personality, of the Consciousness Soul, increasingly paves the way for parliamentary government, so that in England everything takes on a political aspect. In France—by contrast—despite the national element that exercises a powerful influence by reason of the native temperament and other things—the independence, the autonomy of the personality predominates and gives another nuance. Whilst England lays greater emphasis upon the national element, in France the active tendency is visibly more towards the element of personality. One must make a close study of these things.
[ 22 ] Daß diese Dinge wirken, objektiv wirken, nicht aus der menschlichen Willkür heraus, das sehen Sie ja da, wo der eine Impuls wirkt, aber nicht fruchtbar wird, steril bleibt, weil er äußerlich keine Förderung findet und weil der Gegenimpuls noch stark genug ist, um ihn zu verkümmern. In Frankreich wirkt der nationale Impuls so stark, daß er das französische Volk emanzipiert vom Papsttum. Daher war es auch Frankreich, das den Papst nach Avignon gezwungen hat. Daher wird da der Mutterboden bereitet für die Emanzipation der Persönlichkeit. In England wirkt stark der nationale Impuls, aber zu gleicher Zeit, wie angeboren, stark der Persönlichkeitsimpuls: die Kultur wird bis zu einem hohen Grade von Rom emanzipiert durch die ganze Nation hindurch, die sich auch ihre eigene Bekenntnisstruktur gibt. In Spanien sehen wir, wie der Impuls zwar wirkt, aber weder durch die Natur des Nationalen durchwirken kann, noch wie die Persönlichkeit aufkommen kann gegen das Suggestive. Da bleibt alles, ich möchte sagen, in den Eierschalen drinnen und kommt früher in die Dekadenz hinein, als es sich entwickeln kann.
[ 22 ] That these forces act objectively—they are in no way connected with the arbitrary actions of man—can be seen in the case where the one impulse is operative, but bears no fruit; it remains sterile because it finds no external support and because the counter-impulse is still sufficiently powerful to neutralize it. In France the national impulse had such a powerful impact that it was able to liberate the French people from the authority of the Pope and this explains why it was France that compelled the Pope to reside at Avignon and why in France the ground was prepared for the emancipation of the personality. In England too the national impulse exercised a powerful influence, but at the same time, as a natural inheritance, the impulse of personality was equally strong. In the field of culture the whole nation was to a large extent free from Roman influence and developed its own doctrinal structure. In Spain the same impulse was at work but could neither penetrate the existing national element, nor, like the personality, overcome the power of suggestionism. Here everything remained in an embryonic state and became decadent before it had time to develop.
[ 23 ] Die äußeren Dinge sind wirklich nur Symptome für dasjenige, was wir durch die äußeren Symptome hindurch suchen. Und ich möchte sagen: Es ist handgreiflich, wenn man nur schauen will, wie das, was man gewöhnlich historische Tatsachen nennt, nur Symptome sind. 1476 war auf dem heutigen Schweizerboden eine bedeutungsvolle Schlacht. Das, was dazumal in den Menschenseelen gelebt hat, als Karl der Kühne bei Murten besiegt worden ist, das tritt uns symptomatisch am bedeutsamsten entgegen in dieser Schlacht bei Murten 1476: die Austilgung beginnt des mit dem römischen Papsttum innig verbundenen Rittertums, des Ritterwesens. Aber es ist wieder ein Zug, der durch die ganze damals zivilisierte Welt geht, der sich gewissermaßen da nur in einer ganz repräsentativen Erscheinung an die Oberfläche bringt.
[ 23 ] External events, what are usually called historical facts, are in reality only symptoms. This is obvious after a moment's reflection. In 1476 an important battle was fought on Swiss soil. The defeat of Charles the Bold in the battle of Murten was an extremely significant symptom, for it gave the death blow to chivalry that was closely associated with the Papacy. In the battle of Murten we see a trend that was already spreading through the whole of civilized Europe at that time, a trend that to some extent only came to light in a typically representative phenomenon (i.e. the battle of Murten).
[ 24 ] Natürlich ist, indem sich so etwas an die Oberfläche bringen will, der Gegendruck des Alten da. Neben dem normalen Fortgang, wissen Sie ja, ist immer alles mögliche Luziferische und Ahrimanische da, das von zurückgebliebenen Impulsen herrührt. Das sucht sich zur Geltung zu bringen. Dasjenige, was als normaler Impuls in die Menschheit eintritt, das muß kämpfen gegen das, was in der luziferisch-ahrimanischen Weise hereinkommt. Und so sehen wir, daß gerade der Impuls, der anschaulich in Wiclif, Hus, Luther, Calvin hervortritt, zu kämpfen hat. Ein Symptom für diesen Kampf sehen wir in dem Aufstand der Vereinigten Niederlande gegen die luziferisch-ahrimanische spanische Persönlichkeit des Philipp. Und wir sehen einen der bedeutendsten Wendepunkte der neueren Zeit — aber nur als Symptom können wir ihn auffassen — 1588, als die spanische Armada besiegt wird, und damit alles dasjenige zurückgeschlagen wird, was von Spanien her als der stärkste Widerstand gegen das Aufkommen der emanzipierten Persönlichkeit sich entwickelt hat. In den niederländischen Freiheitskämpfen und der Besiegung der Armada sind äußere Symptome gegeben. Es sind nur äußere Symptome, denn die Wirklichkeit erreichen wir nur, wenn wir langsam den Weg zum Inneren gehen wollen. Aber indem so die Wellen aufgeworfen werden, zeigt sich immer mehr das Innere. Diese Welle 1588, als die Armada geschlagen wurde, die zeigt eben, wie die sich emanzipierende Persönlichkeit, welche die Bewußtseinsseele in sich entwickeln will, sich aufbäumte gegen dasjenige, was in starrster Form geblieben war aus der Verstandes- oder Gemütsseele.
[ 24 ] When a phenomenon of this nature emerges on the surface it meets with counter-pressure from the past. The normal course of evolution, as you know, is always accompanied by Luciferic and Ahrimanic forces which derive from backward impulses and seek to assert themselves. Every normal impulse entering into mankind must fight against the subtle invasion of Luciferic and Ahrimanic forces. Thus the impulse that was clearly manifest in Hus, Luther, Calvin and Wyclif had to battle with these forces. A symptom of this struggle is seen in the revolt of the United Netherlands and in the Luciferic-Ahrimanic personality of Philip of Spain. And one of the most significant turning points of modern times was the defeat of the Spanish Armada in 1588. With this defeat those forces which, emanating from Spain, had offered the strongest resistance to the emancipation of the personality were finally eliminated. The Dutch wars of independence and the defeat of the Armada are external symptoms and nothing more. In order to arrive at the underlying reality we must be prepared to probe beneath the surface, for when these ‘waves’ are thrown up we are the better able to see the inner reality of events. The wave of 1588, when the Armada was defeated, illustrates how the personality which, in the process of emancipation, seeks to develop within itself the Consciousness Soul, rose in revolt against the petrified forms inherited from the Rational or Intellectual soul.
[ 25 ] Es ist ein Unsinn, die geschichtliche Entwickelung der Menschheit so zu betrachten: Das Spätere ist eine Folge des Früheren; Ursache — Wirkung, Ursache — Wirkung und so weiter. Das ist ja riesig bequem. Besonders ist es dann bequem, professorale Geschichtsbetrachtung anzustellen. Es ist ja riesig bequem, so — nun, so fortzuhumpeln von Schritt zu Schritt von einer historischen Tatsache zu der anderen historischen Tatsache. Aber wenn man nicht blind ist und nicht schläft, sondern offenen Auges die Dinge ansieht, so zeigen die historischen Symptome selbst, wie unsinnig solch eine Betrachtung ist.
[ 25 ] It is absurd to regard historical evolution as a temporal series of causes and effects, the present as the consequence of the past, cause—effect, cause—effect, etcetera. That is extremely convenient, especially when one takes the academic approach to historical research. It is so very convenient—simply to stagger along step by step from one historical fact to the next. But if one is not blind or asleep, if one looks at things with an open mind, the historical symptoms themselves show how absurd such an approach is.
[ 26 ] Nehmen Sie ein historisches Symptom, das nun wirklich außerordentlich einleuchtend ist von einem gewissen Gesichtspunkte aus. All das, was da heraufkam seit dem 15. Jahrhundert und was diese Impulse hatte, von denen ich schon Andeutungen gemacht habe: nationaler Impuls, Persönlichkeitsimpuls und so weiter, all das brachte Gegensätze hervor, die dann zum Dreißigjährigen Krieg führten. Die Betrachtung des Dreißigjährigen Krieges, wie er so geschichtlich dargestellt wird, die ist ja besonders wenig vom Standpunkte der Symptomatologie angestellt. Man kann ihn nicht gut nach der Methode des Kaffeeklatsches betrachten, denn schließlich hat es für die europäischen Geschicke doch keine große Bedeutung gehabt, ob gerade der Martinitz und Slawata und der Fabricius aus dem historischen Fenster zu Prag herausgeschmissen worden sind, und wenn nicht just ein Misthaufen darunter gewesen wäre, wären sie tot gewesen; da sie aber auf einen Misthaufen — er soll nur aus Papierschnitzeln bestanden haben, welche die Bedienten vom Hradschin hingeworfen und nicht weggeschafft haben, bis sie endlich zu einem Papiermisthaufen geworden sind — gefallen waren, sind sie am Leben geblieben. Das ist ja eine ganz niedliche Anekdote für den Kaffeeklatsch, aber daß sie in irgendeiner inneren Beziehung zusammenhängt mit der Entwickelung der Menschheit, das wird man doch nicht behaupten können.
[ 26 ] Let us take an historical symptom which is most illuminating from a certain point of view. All the new developments from the fifteenth century onwards which are characterized by the impulses I have already indicated—the rise of nationalism, the awakening of personality—all this evoked conflicts and antagonisms which led to the Thirty Years' War. The account of this war as presented by history is seldom dealt with from the standpoint of symptomatology. It can hardly be treated after the fashion of café chatter. After all it was of little importance for the destiny of Europe that Martinitz, Slavata and Fabricius10Defenestration of Prague 1618. Protestant meetings prohibited by Imperial decree. Calvinists invaded the Hradschin Palace in Prague and threw the Imperial regents, Martinitz and Slavata, together with their secretary, Fabricius, out of the window on to the courtyard fifty feet below. A Bohemian rebellion now became inevitable. were thrown out of the window of the royal palace in Prague and would have been killed had there not been a dungheap beneath the window which saved the lives of the emperor's emissaries. In reality the dungheap is supposed to have consisted of scraps of paper that the servants of the Hradschin had thrown out of the window and had left lying there until they finally formed a pile of rubbish. This anecdote provides a pleasant topic for cafe chatter, but one cannot pretend that it has any bearing on the evolution of mankind!
[ 27 ] Wichtig ist jedenfalls, daß, wenn man beginnt den Dreißigjährigen Krieg zu studieren — ich brauche Ihnen nicht zu sagen, daß er 1618 begonnen hat —, er entspringt aus reinen Bekenntnisgegensätzen, aus dem, was sich gegen den alten Katholizismus, gegen den alten katholischen Impuls herausentwickelt hat. Wir sehen überall, wie sich die schweren Kämpfe aus diesen Gegensätzen der neueren Persönlichkeit zum alten suggestiven Katholizismus herausgebildet hatten. Aber wenn wir dann bis zum Ende studieren und bis zum Jahre 1648 kommen, wo bekanntlich der Westfälische Friede dem Treiben ein Ende gemacht hat, dann können wir uns folgende Frage vorlegen: Was ist denn eigentlich geschehen? — Wenn wir uns nämlich fragen: Wie stand es 1648 mit den protestantischen und katholischen Gegensätzen? Was war aus ihnen geworden im Lauf der dreißig Jahre? Wie hat sich das entwickelt? — Nun, es gibt nichts, was einem bedeutsamer ins Auge fallen kann, als daß es mit Bezug auf die Gegensätze zwischen Protestantismus und Katholizismus und allem, was damit zusammenhing, 1648 genau so stand wie 1618, und zwar ganz genau so. Wenn auch zwischendurch das eine oder andere ein bißchen verändert hatte dasjenige, um das man angefangen hatte sich herumzuzanken, war, wenigstens in ganz Mitteleuropa, es dann noch genau so wie beim Ausbruch. Bloß was sich da hineingemischt hat, was gar nicht in den Ursachen von 1618 lag, all dasjenige, was, nachdem da ein gewisses Feld geschaffen war, sich hineingemischt hat, das hat dann den politischen Kräften in Europa eine ganz andere Struktur gegeben. Der politische Horizont derjenigen, die sich hineingemischt haben, der ist ein ganz anderer geworden. Aber was da beim Westfälischen Frieden herausgekommen ist, was sich wirklich verändert hat gegenüber dem Früheren, das hat nicht das Geringste mit den Ursachen von 1618 zu tun.
[ 27 ] When we begin to study the Thirty Years' War—I need hardly remind you that it began in 1618—it is important to bear in mind that the cause of the war lies solely in confessional differences, in what had developed in opposition to the old Catholicism, to the old Catholic impulses. Everywhere serious conflicts had arisen through this antagonism between the recent development of personality and the suggestionism of the old Catholicism. When the conflict was brought to an end by the Peace of Westphalia in 164811Peace of Westphalia 1648. Religious clauses a return to the Peace of Augsburg 1565—‘cujus regio, ejus religio’. Territorial and political implications of the treaty of great significance in European history. we ask ourselves the question: how did matters stand in 1648 in respect of this conflict between Protestantism and Catholicism? What had come of it? What changes had taken place in the course of thirty years? Nothing strikes us more forcibly than the fact that in this conflict between Catholicism and Protestantism and in everything connected with it the situation in 1648 was exactly the same as it had been in 1618. Though, meanwhile, certain issues which had been the source of discord had been modified somewhat, the situation in Central Europe had remained unchanged since the outbreak of hostilities. But the intervention of foreign powers which was in no way connected with the causes of the conflict of 1618, this intervention, after the powers had found scope for their activity, gave a totally different complexion to the political forces in Europe. The political horizon of those who had been involved in the war was completely transformed. But the results of the peace of Westphalia, the changed situation in relation to the past, this had nothing whatsoever to do with the causes of the conflict in 1618.
[ 28 ] Gerade beim Dreißigjährigen Krieg ist diese Tatsache von außerordentlicher Wichtigkeit und bezeugt uns, wie unsinnig es ist, die Geschichte nach dem Gesichtspunkte von Wirkung und Ursache zu betrachten, wie man es gewöhnlich tut. Jedenfalls hat sich aus dem, was sich da entwickelt hatte, gerade das ergeben, daß die führende Stellung von England und Frankreich, wie sie sie in Europa erlangt haben, mehr oder weniger aus diesem Kriege hervorgegangen ist, mit dieser Entwickelung des Krieges zusammenhängt. Aber sie hängt wahrhaftig nicht mit den Ursachen, die zu ihm geführt haben, irgendwie zusammen. Und gerade das ist nun das Wichtigste im Gang der neueren Zeitgeschichte, daß sich anschließend an den Dreißigjährigen Krieg die nationalen Impulse im Verein mit den anderen Impulsen, die ich charakterisiert habe, dazu entwickeln, daß Frankreich und England die repräsentativen Nationalstaaten werden. Wenn vom nationalen Prinzip im Osten heute so viel geredet wird, so darf man dabei nicht vergessen, daß das nationale Prinzip hinübergezogen ist vom Westen nach dem Osten. Das ist wie die Passatströmung auf der Erde: so ist die Strömung des nationalen Impulses vom Westen nach dem Osten gegangen. Das muß man sich nur vollständig klar vor Augen halten.
[ 28 ] This fact is extremely important, especially in the case of the Thirty Years' War, and illustrates how absurd it is to consider history, as is the usual practice, in terms of cause and effect. However, the consequence of these developments was that England and France owed their leading position in Europe to the outcome of this war. But their supremacy was in no way connected with the causes which provoked the war. And a most important factor in the march of modern history is this: following upon the Thirty Years' War the national impulses, in conjunction with the other impulses which I have described elsewhere, develop in such a way that France and England become the representative national states. There is much talk at the present time of the national principle in the East; but we must not forget that this principle passed from the West to the East. Like the trade winds, the national impulse flowed from West to East and we must bear this clearly in mind.
[ 29 ] Nun ist es interessant, wie dasselbe, nationaler Impuls im Verein mit der Emanzipation der Persönlichkeit, in den zwei differenzierten Gebilden, wo sie, wie wir gesehen haben, 1429 deutlich anfingen sich zu differenzieren, sich ganz verschieden ausnimmt. In Frankreich nimmt sich die Nuance der Emanzipation der Persönlichkeit innerhalb des Nationalen so aus, daß sie vor allem nach innen umschlägt. Ich möchte sagen: Wenn das Nationale (siehe Zeichnung, rot) diese Linie ist und auf der einen Seite vom Nationalen der Mensch liegt, auf der anderen Seite vom Nationalen die Menschheit, die Welt, liegt, so nimmt in Frankreich die Entwickelung vom Nationalen die Richtung zum Menschen hin, in England die Richtung zur Menschheit hin. Frankreich verändert das Nationale innerhalb des Nationalstaates so, daß es hintendiert zur Umänderung des Menschen in sich, daß es darauf hintendiert, den Menschen zu etwas anderem zu machen. In England nimmt aus dem Nationalen heraus das Persönliche den Charakter an, daß es sich hineintragen will in alle Welt, daß es die ganze Welt so machen will, daß überall die Persönlichkeit aufwächst. Der Franzose will mehr zum Erzieher des Persönlichen in der Seele werden, der Engländer will zum Kolonisator der ganzen Menschheit werden mit Bezug auf die Einpflanzung der Persönlichkeit. Zwei ganz verschiedene Richtungen; der Mutterboden ist das Nationale. Einmal schlägt es nach der Seele, nach innen, das andere Mal schlägt es nach außen, nach der Seele der Menschheit. So daß wir zwei parallelgehende Strömungen haben in Frankreich und in England mit zwei sehr stark sich unterscheidenden Nuancen. Daher konnte auch nur in Frankreich, wo das Innere der Persönlichkeit ergriffen wurde, das Gebilde, das sich da jetzt, so wie ich es charakterisiert habe, entwickelte, über Ludwig XIV. und so weiter dann nur zur Revolution hinführen. In England führte es zum ruhigen Liberalismus, weil es sich nach außen entlud, in Frankreich nach innen, nach dem Innern des Menschen.
[ 29 ] Now it is interesting to see how the same impulse—the national impulse in conjunction with the emancipation of the personality—assumes a totally different form in the two countries, where, as we saw, they began to be clearly differentiated in 1429. In France the emancipation of the personality within the national group develops in such a way that it turns inward. That is to say, if the national element is represented by the red line in the diagram below and on the one side of the line is the individual human being, and on the other side mankind, then in France the development of the national impulse is orientated towards man, towards the individual, in England towards mankind. France modifies the national element within the nation state in such a way that the national element tends to transform the inner being of man, to make him other than he is. In England the personal element transcends nationalism and seeks to embrace the whole world and to promote everywhere the development of the personality. The Frenchman wishes rather to develop the personal element in the soul, the Englishman to extend the principle of personality to the whole of mankind. Here we see two entirely different trends—in both cases the basis is the national element. In the one case the national impulse turns inwards, towards the individual soul; in the other it is directed outwards, towards the soul of mankind. In England and France therefore we have two parallel streams with two sharply contrasting tendencies. Only in France therefore, where the inner life of the personality was deeply influenced, could the political and social configuration which developed as I have described lead to the Revolution—via Louis XIV, etcetera. In England the national impulse led to a sober liberalism, because here it expressed itself externally, whilst in France it expressed itself inwardly, in the inner life of man.

[ 30 ] Dies tritt merkwürdigerweise auch geographisch zutage, und es zeigt sich ganz besonders, wenn wir wiederum einen Wendepunkt in der neueren Geschichte als Symptom betrachten, an dem Wendepunkt, wo der aus der Revolution herausgeborene Napoleon 1805 die Schlacht von Trafalgar an die Engländer verliert. Denn was offenbart sich da? Napoleon, als allerdings eigenartige, aber immerhin als Repräsentanz des französischen Wesens, bedeutet die Wendung nach dem Innern auch geographisch, nach dem Kontinente von Europa hinein. Wenn Sie Europa sich als dieses Gebilde vorstellen (siehe Zeichnung), so wird Napoleon gerade durch die Schlacht von Trafalgar nach Europa hereingedrängt (Pfeil), England nach der ganzen Welt hinaus, in entgegengesetzter Richtung. Dabei müssen wir nicht vergessen, wie diese Differenzierung natürlich auch ihre Auseinandersetzung braucht. Sie braucht ihre Auseinandersetzung, es muß sich gewissermaßen das eine an dem andern abreiben. Das geschieht in dem Kampfe um die Herrschaft in Amerika, Es geht das schon etwas hervor aus diesem Wendepunkt von 1805. Aber wir sehen, indem wir den Blick auf ein paar Jahrzehnte vorher wenden, wie das, was gerade die Nuance im Franzosentum bewirkt hat, der Romanismus, für die Welt zurückgeschlagen wird vom Angelsachsentum in Nordamerika.
[ 30 ] This phenomenon, strangely enough, manifests itself also geographically, especially when we consider another turning point in modern history as symptom—the defeat of Napoleon, who was a product of the French Revolution, by the English at the battle of Trafalgar in 1805. What is revealed to us here? Napoleon, a strange representative it is true, but nonetheless a representative of the French makeup, signifies the withdrawal inwards—and geographically too, the withdrawal to the continent of Europe. If the following diagram represents Europe—Napoleon, precisely as a consequence of the battle of Trafalgar, is thrust back towards Europe (see arrow) and England is thrust outwards towards the whole world in the opposite direction. At the same time let us not forget that these two tendencies have need of conflict, they must try conclusions with each other. And this is what happened in the struggle for supremacy in North America, which in some respects is a consequence of this turning point in 1805. Looking back a few decades before this date we see how the specifically French nuance, Romanism, is ousted in the interests of the world by the Anglo-Saxon element in North America.

[ 31 ] So spüren Sie, wenn Sie nur wollen, was da waltet und wirkt. So sehen Sie, wie dieser Bewußtseinsimpuls durch seine Kraft gewissermaßen wie der Zauberlehrling nationale Impulse heraufruft, die sich in der verschiedensten Weise in die Menschheit hineinverpflanzen und hineinnuancieren. Man kann an diese Dinge nur herankommen, wenn man in allem den Bewußtseinsimpuls studiert, aber es vermeidet, pedantisch zu werden, sondern sich den Blick frei hält für Bedeutsames und Unbedeutsames, für Charakteristisches und Uncharakteristisches, mehr oder weniger Charakteristisches auch, so daß man dann dadurch aus den äußeren Symptomen zum inneren Gang der Wirklichkeit vordringen kann. Denn das Äußere widerspricht eben oftmals sogar ganz dem, was eigentlich als Impuls in der Persönlichkeit drinnenliegt. Und besonders in einer Zeit, in welcher die Persönlichkeit auf sich selber gestellt wird, da widerspricht das Äußere gar sehr dem, was eigentlich in der Persönlichkeit als ein Impuls drinnenliegt.
[ 31 ] Thus you can sense, if you really wish to, the forces which are at work here; like the magician's apprentice the impulse of the Consciousness Soul conjures up national impulses which implant themselves in mankind in divers forms and with different nuances. We can only understand these things if we study the impulse of the Consciousness Soul in all its aspects, avoiding all prejudice and keeping our eyes open for what is important and what is unimportant and also for what is more or less characteristic so that from our observation of external symptoms we can then penetrate to the inner pattern of reality. For external appearances often belie the inner impulse of the personality, especially in an epoch when the personality is self-dependent. And this, too, becomes apparent when we study symptomatically the development of modern history. What is taught as history in our schools is quite unreal. The real facts are as follows: here is the surface movement of the water, here is the current (shaded red in the diagram.)

[ 32 ] Auch das zeigt sich, wenn man symptomatisch diese Entwickelung der neueren Geschichte der Menschheit verfolgt. Es ist überall so: Da geht die Strömung (rot schraffiert), da geht die Oberfläche — und die Schullehrer erzählen als Geschichte die Unwirklichkeit. Aber es gibt Punkte, da kommt in die geschichtlichen Ereignisse hinein so wie Wogen, die da heraufspülen, manchmal ganz vulkanisch, das durch, was da drunter ist. Wiederum an anderen Punkten, da guckt es, ich möchte sagen, heraus, und einzelne historische Ereignisse verraten das, was drunter ist. Die sind dann als Symptome besonders charakteristisch. Aber manchmal sind es gerade Symptome, wo man, indem man hinschaut auf die symptomatische Tatsache, über das Äußere sehr stark hinwegsehen muß.
[ 32 ] Now there are times when there breaks through into historical events—like the waves thrown up here, sometimes with the violence of a volcanic eruption—what lies beneath the surface. At other times, events emerge on the surface, and isolated historical events betray what lies beneath the surface. As symptoms they are especially characteristic. But sometimes there are symptoms where one must totally ignore external appearances when looking at the symptomatic fact.
[ 33 ] Nun, besonders charakteristisch für das Aufkeimen des Bewußtseinsseelenimpulses im Westen Europas ist eine Persönlichkeit sowohl durch ihre persönliche Entwickelung, wie durch ihr ganzes Hineingestelltsein in das neuere geschichtliche Leben. Sie stellte sich im Beginne des 17. Jahrhunderts gerade hinein in dieses Differenzieren des französischen und englischen Impulses mit seiner ganzen Wirkung, die es damals schon entfacht hat auf das übrige Europa. Im 17. Jahrhundert, da hatte es schon eine längere Zeit gewirkt, hatte sich schon ausgebreitet. Es war die Persönlichkeit, die sich da hineinstellte, eine merkwürdige Persönlichkeit, die man in der folgenden Weise schildern kann. Man kann sagen: Diese Persönlichkeit war außerordentlich freigebig, erfüllt von einem wirklichen, tiefen Dankbarkeitsgefühl für alles dasjenige, was sie empfangen hat, erkenntlich im höchsten Grade, in mustergültiger Weise für alles dasjenige, was ihr als Güte von der Menschheit entgegenschlug, eine Persönlichkeit, sehr gelehrt, fast die Gelehrsamkeit der ganzen Zeit in sich vereinigend, eine Persönlichkeit, außerordentlich friedliebend, abgeneigt den Weltenhändeln als Herrscher, nur von dem Ideal erfüllt, daß in der Welt Friede sein soll, geradezu weise mit Bezug auf Entschlüsse und Willensimpulse, von einer außerordentlich tiefen Neigung zu freundschaftlichem Verhalten zu den Menschen erfüllt. — So könnte man diese Persönlichkeit schildern. Man braucht nur ein bißchen einseitig zu sein, so kann man sie so schildern, wenn man sie äußerlich, wie sie sich darstellt in der Geschichte, ansieht.
[ 33 ] Now there is a personality who is especially characteristic of the emergence of the impulse of the Consciousness Soul in Western Europe, both on account of his personal development and on account of the place he occupies in contemporary history. At the beginning of the seventeenth century he was involved in this differentiation between the French impulse and the English impulse, a differentiation that had exercised a widespread influence upon the rest of Europe. In the seventeenth century this differentiation had been effective for some time and had become more pronounced. The personality who appeared on the stage of history at this time was a strange individual, whom we can depict in the following way: one could say that he was extremely generous, filled with deep and genuine gratitude for the knowledge imparted to him, infinitely grateful, in fact a model of gratitude for the kindness men showed towards him. He was a scholar who combined in his person almost the entire erudition of his day, a personality who was extremely peace-loving, a sovereign indifferent to the intrigues of the world, wholly devoted to the ideal of universal peace, extremely prudent in decisions and resolutions, and most kindly disposed towards his fellow men. Such is the portrait that one could sketch of this personality. If one takes a partial view, it is possible to portray him in this way and this is the external view that history presents.
[ 34 ] Man kann sie auch in der folgenden Weise schildern, wenn man nur wieder ein bißchen einseitig wird. Man kann sagen: Das war ein furchtbarer Verschwender, der gar keine Ahnung davon hatte, was er ausgeben konnte oder nicht, das war ein Pedant, so ein richtiger Professorengeist, der überall ins Abstrakte und Pedantische seine Gelehrsamkeit hineintrug. Man kann schildern: Das war ein kleinmütiger Mensch, ein kleinmütiger Charakter, der überall, wo es galt, irgend etwas wacker, tapfer zu verteidigen, kleinmütig sich zurückzog und den Frieden vorzog aus Kleinmut. Man kann sagen: Das war ein verschlagener Mensch, der sich durch das Leben so durchschlängelte, indem er überall klugerweise dasjenige wählte, wodurch er in allem durchkam, und so weiter, Man kann sagen: Das war ein Mensch, der Beziehungen zu anderen Menschen suchte, wie Kinder zu anderen Menschen ihre Beziehungen suchen. Er hatte in seinen Freundschaften ein Element, das geradezu kindisch war, und das ins Phantastisch-Romantische umschlug im Verehren von anderen Menschen und Sich-verehrenLassen von anderen Menschen. — Man braucht nur ein bißchen einseitig zu sein, dann kann man das eine oder das andere sagen. Und tatsächlich gab es Menschen, die das eine sagten, die das andere sagten; manche sagten beides. Und mit alledem hatte man die äußere historische Persönlichkeit von Jakob I. betrachtet, wie sie sich darlebte, als er von 1603 bis 1625 regierte. Man könnte so reden, wie ich zuerst geredet habe, man könnte so reden, wie ich dann geredet habe, und es wird beides gut für Jakob I. passen. Man kennt gar nicht, weder was in seinem Innern in Wirklichkeit lebte, noch was in ihm lebte als Angehöriger der Menschheitsentwickelung der neueren Zeit, wenn man das eine oder das andere schildert. Und doch schlägt gerade in der Zeitperiode, da Jakob I. in England regierte, so etwas wie von unten herauf, und es werden dazumal die Symptome stark charakteristisch für dasjenige, was als Wirklichkeit vorgeht.
[ 34 ] It is also possible to portray him from another angle which is equally partial. One could say that he was an outrageous spendthrift without the slightest notion of his financial resources, a pedant, a typical professor whose erudition was shot through with abstractions and pedantry. Or one could say that he was timid and irresolute, and whenever called upon to defend some principle he would evade the issue out of pusillanimity, preferring peace at any price. It could also be said of him that he was shrewd or crafty and wormed his way through life by artfully choosing the path that always guaranteed success. Or that he endeavoured to establish relationships with others as children are wont to do. His friendships betrayed a frankly childish element which, in his veneration for others and in the adulation others accorded him, was transformed into romantic infatuation. One can adopt either of these points of view. And in fact there were some who described him from the one angle, others from the other angle, and many from both angles. Such was the historical personality of James I12James I of England or James VI of Scotland aptly described by Henry IV of Navarre and Sully as the ‘wisest fool in Christendom.’ who reigned from 1603 to 1625. Whichever point of view we take, in both cases the cap fits perfectly. In neither case do we know what he really felt or thought as a typical representative of contemporary evolution. And yet, precisely in the epoch when James I was King of England a hidden current rises to the surface and the symptoms manifested at that time are characteristic of the underlying reality.
[ 35 ] Nun, von diesen Dingen wollen wir dann morgen weitersprechen.
[ 35 ] We will speak more of this tomorrow.
