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Geschichtliche Symptomatologie
GA 185

19 Oktober 1918, Dornach

Zweiter Vortrag

[ 1 ] Gestern habe ich versucht, Ihnen in großen Zügen ein Bild der Symptome der neueren geschichtlichen Entwickelung der Menschheit zu geben und habe zuletzt wie hineingestellt in diesen Komplex von Symptomen — den wir zunächst nicht schon so verfolgten, daß wir überall auf dasjenige etwa geschaut hätten, was er offenbart, das werden wir auch noch tun, sondern den wir mehr im allgemeinen charakterisiert haben — die merkwürdige Erscheinung Jakob I. von England. Er steht da zu Beginn des 17. Jahrhunderts als sogenannter Herrscher in England eigentlich wie eine Art Rätselgestalt, ungefähr um die Mitte desjenigen Zeitraumes, der verflossen ist vom Beginne des fünften nachatlantischen Zeitraumes bis in das wichtige, Entscheidung bringende 19. Jahrhundert. Es wird hier noch nicht — das kann später geschehen — meine Aufgabe sein, über manches Geheimnis, das mit der Persönlichkeit Jakob I. verbunden ist, zu sprechen. Heute kann das noch nicht meine Aufgabe sein, aber ich muß schon heute darauf hinweisen, wie merkwürdig, wiederum symptomatisch merkwürdig dieser Jakob I. im Verlauf der neueren Geschichte drinnensteht. Man möchte sagen: Ein Mensch, der wirklich nach allen Seiten so widerspruchsvoll charakterisiert werden könnte, wie ich es gestern von zwei Seiten aus versucht habe. Man kann das Beste und man kann das Übelste, je nachdem man es färbt, über ihn sagen.

[ 2 ] Man kann vor allen Dingen aber von diesem Jakob I. sagen, daß er auf dem Boden, auf dem er steht, und der sich herausentwickelt hat aus all den Verhältnissen, die ich Ihnen geschildert habe und auf dem sich besonders entwickelt ein Staatsgedanke, der aus dem Nationalimpuls herausgewachsen ist, auf dem sich das entwickelt, was wir charakterisiert haben als liberalisierenden, wenigstens dem Liberalisieren zuneigenden, zustrebenden Parlamentarismus, daß auf diesem Boden Jakob I. erscheint wie eine entwurzelte Pflanze, wie ein Wesen, das nicht so recht zusammenhängt mit diesem Boden. Schauen wir aber etwas tiefer auf dasjenige, was diesen ganzen fünften nachatlantischen Zeitraum nach einer Seite hin charakterisiert, nach der Seite der Geburt der Bewußtseinsseele, dann wird es schon in einer gewissen Beziehung heller um diesen Jakob I. Dann sieht man, daß er die Persönlichkeit ist, welche jenen radikalen Widerspruch darlebt, der so leicht verbunden ist mit Persönlichkeiten aus der Zeit des Bewußtseinszeitalters. Nicht wahr, in dieser Zeit des Bewußtseinszeitalters, da verliert die Persönlichkeit denjenigen Wert, den sie früher kraft der Instinkte gerade dadurch gehabt hat, daß sie eigentlich als selbstbewußste Persönlichkeit nicht ausgebildet war. Die Persönlichkeit lebte sich dar in früheren Zeitaltern, man möchte sagen, mit elementarer Kraft, mit einer vermenschlichten, verseelten — man wird mich nicht mißverstehen, wenn ich das sage — tierischen Kraft. Instinktiv lebte sich die Persönlichkeit dar, noch nicht herausgeboren aus dem Gruppenseelentum, noch nicht ganz herausgeboren. Und jetzt sollte sie sich emanzipieren, sollte sich auf sich selbst stellen. Dadurch ergibt sich gerade für die Persönlichkeit ein ganz merkwürdiger Widerspruch. Auf der einen Seite wird alles das, was früher da war für das individuell-persönliche Ausleben, abgestreift, die Instinkte werden hinabgelähmt, und im Innern der Seele soll sich das Zentrum des Persönlichen allmählich gestalten. Die Seele soll vollinhaltliche Kraft gewinnen.

[ 3 ] Daß ein Widerspruch vorhanden ist, Sie sehen es vor allen Dingen an dem, was ich schon gestern sagte. Während man früher, in den Zeitaltern, in denen die Persönlichkeit noch nicht geboren war als selbstbewußte Persönlichkeit, der Kulturentwickelung ganz produktive Kräfte einverleibt hat, hört das jetzt auf. Die Seele wird steril. Und dennoch stellt sie sich in den Mittelpunkt des Menschen, denn darinnen besteht das Persönliche, daß die Seele sich auf sich selbst, in den Mittelpunkt der Persönlichkeit der Menschenwesenheit stellt. So daß solche überragenden Persönlichkeiten, wie sie dem Altertum eigen waren, Augustus, Julius Cäsar, Perikles — wir könnten alle möglichen nennen — nicht mehr möglich werden. Gerade das Elementare der Persönlichkeit verliert an Wert, und es taucht auf das, was sich später demokratische Gesinnung nennt, die die Persönlichkeit nivelliert, die alles gleichmacht. Aber gerade in diesem Gleichmachen will die Persönlichkeit erscheinen. Ein radikaler Widerspruch!

[ 4 ] Jeder steht durch sein Karma auf irgendeinem Posten. Nun, Jakob I. stand gerade auf dem Posten des Herrschers. Gewiß, in der Zeit der Perserkönige, in der Zeit der Mongolenkhane, selbst noch in dem Zeitalter, in dem der Papst dem magyarischen Istwan, Stephan I., die heilige Stephanskrone aufsetzte, bedeutete die Persönlichkeit etwas in einer bestimmten Stellung drinnen, konnte sich auffassen als hineingehörig in diese Stellung. Jakob I. war in seiner Stellung, auch in seiner Herrscherstellung drinnen wie ein Mensch, der in einem Gewande drinnensteckt, von dem ihm aber auch gar nichts paßt. Man kann sagen, Jakob I. war in jeder Beziehung in all dem, worinnen er drinnensteckte, eben wie ein Mensch in einem Gewande, das ganz und gar nicht paßte. Er war als Kind calvinisch erzogen worden, war dann später zur anglikanischen Kirche übergegangen, allein im Grunde genommen war ihm der Calvinismus ebenso gleichgültig wie die anglikanische Kirche. Im Innern seiner Seele war das alles Gewand, das ihm nicht paßte. Er war berufen, im herannahenden Zeitalter des parlamentarischen Liberalismus, der sogar schon eine Zeitlang geherrscht hatte, als Herrscher zu regieren. Er war sehr klug, sehr gescheit, wenn er mit den Leuten sprach, aber niemand verstand eigentlich, was er wollte, denn alle anderen wollten etwas anderes. Er war aus einer urkatholischen Familie heraus, der Familie der Stuarts. Aber als er auf den Thron kam in England, da sahen die Katholiken am allermeisten, wie sie eigentlich nichts von ihm zu erwarten hatten. Daraus entsprang ja jener sonderbare Plan, der so merkwürdig in der Welt dasteht, 1605, nicht wahr, wo sich eine ganze Anzahl von Leuten, die aus dem Katholizismus herausgewachsen waren, zusammentaten, möglichst viel Pulver unter dem Londoner Parlament ansammelten, und in einem geeigneten Augenblicke sollten sämtliche Parlamentsmitglieder in die Luft gesprengt werden. Es war die bekannte Pulververschwörung. Die Sache ist nur dadurch verhindert worden, daß ein Katholik, der davon wußte, die Sache verraten hatte, sonst würde sich über diesem Jakob I. das Schicksal abgespielt haben, daß er mit seinem ganzen Parlamente eines Tages in die Luft geflogen wäre. In nichts paßte er hinein, denn er war eine Persönlichkeit, und die Persönlichkeit hat etwas Singuläres, etwas, was in der Isolierung gedacht, was auf sich selbst gestellt ist.

[ 5 ] Aber im Zeitalter der Persönlichkeit will jeder eine Persönlichkeit sein. Das ist der radikale Widerspruch, der sich ergibt im Zeitalter der Persönlichkeit, das müssen wir nicht vergessen. Im Zeitalter der Persönlichkeit ist es nicht so, daß man zum Beispiel die Königs-Idee oder die Papst-Idee ablehnt. Es ist ja nicht darum zu tun, daß kein Papst oder kein König da sei. Nur möchte, wenn schon ein Papst oder ein König da ist, jeder ein Papst und jeder König sein, dann wären gleichzeitig Papsttum, Königtum und Demokratie erfüllt. Alle diese Dinge fallen einem bei, wenn man diese merkwürdige Persönlichkeit Jakob I. eben symptomatisch ins Auge faßt, denn er war durch und durch ein Mensch des neuen Zeitalters, aber damit auch mit allen Widersprüchen der Persönlichkeit in das neue Zeitalter hineingestellt. Und Unrecht hatten diejenigen, die ihn von der einen Seite charakterisierten, wie ich gestern mitteilte, und Unrecht hatten diejenigen, die ihn von der anderen Seite charakterisierten, und Unrecht hatten seine eigenen Bücher, die ihn charakterisierten, denn auch was er selber schrieb, führt uns durchaus nicht in irgendeiner direkten Weise in seine Seele hinein. So steht er, wenn man ihn nicht esoterisch betrachtet, wie ein großes Rätsel im Beginne des 17. Jahrhunderts gerade auf einem Posten, der von einer gewissen Seite her am allerradikalsten das Heraufkommen des neuzeitlichen Impulses zeigte.

[ 6 ] Erinnern wir uns noch einmal an das gestern Gesagte: wie die Dinge eigentlich im Westen Europas zustande gekommen sind. Ich habe gesprochen von der Differenzierung des englischen, des französischen Wesens. Wir sehen diese Differenzierung seit dem 15. Jahrhundert. Der Wendepunkt kommt mit dem Auftreten der Jungfrau von Orleans, 1429. Wir sehen, wie die Dinge sich entwickeln. Wir sehen, wie in England die Emanzipation der Persönlichkeit Platz greift mit der Aspiration, die Persönlichkeit in die Welt hinauszutragen, wie in Frankreich die Emanzipation der Persönlichkeit Platz greift — auf beiden Böden aus der nationalen Idee heraus entspringend — mit der Aspiration, möglichst das Innere des Menschen zu ergreifen und es auf sich selbst zu stellen. Da drinnen steht zunächst, also im Beginne des 17. Jahrhunderts, eine Persönlichkeit, die wie der Repräsentant aller Widersprüche des Persönlichen dasteht, Jakob I. Wenn man Symptome charakterisiert, muß man niemals pedantisch fertig werden wollen, sondern immer einen unaufgelösten Rest lassen, sonst kommt man nicht weiter. So charakterisiere ich Ihnen Jakob I. keineswegs so, daß Sie ein schönes geschlossenes Bildchen haben, sondern so, daß Sie etwas daran zu denken, vielleicht auch zu rätseln haben.

[ 7 ] Es ist immer mehr und mehr hervortretend ein radikaler Unterschied zwischen dem englischen Wesen und dem französischen Wesen. Gerade im französischen Wesen entwickelt sich aus den Wirren des Dreißigjährigen Krieges heraus auf nationalem Grunde dasjenige, was man nennen kann die Erstarkung des Staatsgedankens. Man kann, wenn man die Erstarkung des Staatsgedankens studieren will, dieses nur an dem Beispiele — aber das Beispiel ist ziemlich singulär — der Entstehung, des Hinaufkommens zu hohem Glanze und des Herabsteigens wiederum des französischen Nationalstaates tun, an Ludwig XIV. und so weiter. Wir sehen, wie dann im Schoße dieses Nationalstaates die Keime sich entwickeln zu jener weitergehenden Emanzipation der Persönlichkeit, die mit der Französischen Revolution gegeben ist.

[ 8 ] Diese Französische Revolution, sie bringt herauf drei, man kann sagen, allerberechtigtste Impulse des menschlichen Lebens: das Brüderliche, das Freiheitliche, das Gleiche. Aber ich habe es schon einmal bei einer anderen Gelegenheit charakterisiert, wie widersprechend der eigentlichen Menschheitsentwickelung innerhalb der Französischen Revolution diese Dreiheit auftrat: Brüderlichkeit, Freiheit, Gleichheit. Man kann, wenn man mit der menschlichen Entwickelung rechnet, von diesen dreien, von Brüderlichkeit, Freiheit und Gleichheit, nicht sprechen, ohne daß man in irgendeiner Beziehung von den drei Gliedern der Menschennatur spricht. In bezug auf das leibliche Zusammenleben der Menschen muß die Menschheit allmählich gerade im Zeitalter der Bewußtseinsseele aufsteigen zu einem brüderlichen Element. Es würde einfach ein unsagbares Unglück und eine Zurückwerfung sein in der Entwickelung, wenn am Ende des fünften nachatlantischen Zeitraumes, des Zeitalters der Bewußtseinsseele, nicht wenigstens bis zu einem hohen Grade unter den Menschen die Brüderlichkeit ausgebildet wäre. Aber die Brüderlichkeit kann man nur richtig verstehen, wenn man sie angewendet denkt auf das Zusammenleben von Menschenleib zu Menschenleib im physischen Sein. Steigt man aber herauf zum Seelischen, dann kann die Rede sein von der Freiheit. Man wird immer im Irrtum drinnen leben, wenn man glaubt, daß sich Freiheit irgendwie realisieren läßt im äußeren leiblichen Zusammenleben; aber von Seele zu Seele läßt sich Freiheit realisieren. Man darf nicht chaotisch den Menschen als eine Mischmasch-Einheit auffassen und dann von Brüderlichkeit, Freiheit und Gleichheit sprechen, sondern man muß wissen, daß der Mensch gegliedert ist in Leib, Seele und Geist, und muß wissen: Zur Freiheit kommen die Menschen nur, wenn sie in der Seele frei werden wollen. Und gleich sein können die Menschen nur in bezug auf den Geist. Der Geist, der uns spirituell ergreift, der ist für jeden derselbe. Er wird angestrebt dadurch, daß der fünfte Zeitraum, die Bewußtseinsseele, nach dem Geistselbst strebt. Und mit Bezug auf diesen Geist, nach dem da gestrebt wird, sind die Menschen gleich, geradeso wie, eigentlich zusammenhängend mit dieser Gleichheit des Geistes, das Volkssprichwort sagt: Im Tode sind alle Menschen gleich. — Aber wenn man nicht verteilt auf diese drei differenzierten Seelenglieder Brüderlichkeit, Freiheit und Gleichheit, sondern sie mischmaschartig durcheinanderwirft und einfach sagt: Der Mensch soll brüderlich leben auf der Erde, frei sein und gleich sein—, dann führt das nur zur Verwirrung.

[ 9 ] Wie tritt uns daher, symptomatisch betrachtet, die Französische Revolution entgegen? Gerade symptomatisch betrachtet ist die Französische Revolution außerordentlich interessant. Sie stellt dar, gewissermaßen in Schlagworten zusammengedrängt und mischmaschartig auf den ganzen Menschen undifferenziert angewendet, dasjenige, was mit allen Mitteln geistiger Menschheitsentwickelung im Laufe des Zeitalters der Bewußtseinsseele, von 1413, also 2160 Jahre mehr, bis zum Jahre 3573, allmählich entwickelt werden muß. Das ist die Aufgabe dieses Zeitraumes, daß für die Leiber die Brüderlichkeit, für die Seelen die Freiheit, für die Geister die Gleichheit erworben werden während dieses Zeitraumes. Aber ohne diese Einsicht, tumultuarisch alles durcheinanderwerfend, tritt dieses innerste Seelische des fünften nachatlantischen Zeitraumes schlagwortartig in der Französischen Revolution auf. Es steht unverstanden da die Seele des fünften nachatlantischen Zeitraumes in diesen drei Worten und kann daher zunächst keinen äußeren sozialen Leib gewinnen, führt im Grunde genommen zu Verwirrung über Verwirrung. Es kann keinen äußeren sozialen Leib gewinnen, steht aber da wie die fordernde Seele, außerordentlich bedeutsam. Man möchte sagen: Alles Innere, was dieser fünfte nachatlantische Zeitraum haben soll, steht unverstanden da und hat kein Äußeres. Aber gerade da tritt etwas symptomatisch ungeheuer Bedeutsames auf.

[ 10 ] Sehen Sie, so etwas, wo das, was über den ganzen nächsten Zeitraum ausgedehnt werden soll, am Anfange fast tumultuarisch zutage tritt, so etwas entfernt sich sehr weit von der Gleichgewichtslage, in welcher sich die Menschheit entwickeln soll, von den Kräften, die den Menschen eingeboren sind dadurch, daß sie mit ihren ureigenen Hierarchien zusammenhängen. Der Waagebalken schlägt sehr stark einseitig aus. Luziferisch-ahrimanisch schlug durch die Französische Revolution der Waagebalken sehr stark nach der einen Seite aus, namentlich nach der luziferischen Seite. Das erzeugt einen Gegenschlag. Man spricht so, ich möchte sagen, schon mehr als bildlich, man spricht imaginativ, aber Sie müssen dabei die Worte nicht allzusehr pressen und müssen vor allen Dingen nicht die Sache wortwörtlich nehmen: In dem, was in der Französischen Revolution auftrat, ist gewissermaßen die Seele des fünften nachatlantischen Zeitraums ohne den sozialen Körper, ohne die Leiblichkeit. Es ist abstrakt, bloß seelenhaft, strebt nach Leiblichkeit; aber das soll erst geschehen im Verlauf von Jahrtausenden selbst, vielen Jahrhunderten wenigstens. Doch weil die Waagschale der Entwickelung so ausschlägt, ruft es einen Gegensatz hervor. Und was erscheint? Ein Extrem nach der anderen Seite. In der Französischen Revolution geht alles tumultuarisch zu, alles widerspricht dem Rhythmus der menschlichen Entwickelung. Indem es nach der anderen Seite ausschlägt, tritt etwas ein, wo alles nun wiederum ganz — und zwar jetzt nicht in der mittleren Gleichgewichtslage, sondern streng ahrimanisch-luziferisch — dem menschlichen Rhythmus entspricht, dem unpersönlichen Fordern der Persönlichkeit. In Napoleon stellt sich hinterher der Leib entgegen, der ganz nach dem Rhythmus der menschlichen Persönlichkeit, aber jetzt mit dem Ausschlag nach der anderen Seite, gebaut ist: sieben Jahre Vorbereitung — ich habe es schon einmal aufgezählt — für sein eigentliches Herrschertum, vierzehn Jahre Glanz, Beunruhigung von Europa, Aufstieg, sieben Jahre Abstieg, wovon er nur das erste Jahr dazu verwendet, Europa noch einmal zu beunruhigen, aber streng ablaufend im Rhythmus: einmal sieben plus zweimal sieben plus einmal sieben, streng im Rhythmus von sieben zu sieben Jahren ablaufend, viermal sieben Jahre im Rhythmus ablaufend.

[ 11 ] Ich habe mir wirklich viel Mühe gegeben — manche wissen, wie ich da oder dort darüber eine Andeutung gegeben habe —, die Seele Napoleons zu finden. Sie wissen, solche Seelenstudien können in der mannigfaltigsten Weise mit den Mitteln der Geistesforschung gemacht werden. Sie erinnern sich, wie Novalis’ Seele in früheren Verkörperungen gesucht worden ist. Ich habe mir redlich Mühe gegeben, Napoleons Seele, zum Beispiel bei ihrer Weiterwanderung nach Napoleons Tod, irgendwie zu suchen — ich kann sie nicht finden, und ich glaube auch nicht, daß ich sie je finden werde, denn sie ist wohl nicht da. Und das wird wohl das Rätsel dieses Napoleon-Lebens sein, das abläuft wie eine Uhr, sogar nach dem siebenjährigen Rhythmus, das auch am besten verstanden werden kann, wenn man es als das volle Gegenteil eines solchen Lebens wie Jakobs I. betrachtet, oder auch als das Gegenteil der Abstraktion der Französischen Revolution: die Revolution ganz Seele ohne Leib, Napoleon ganz Leib ohne Seele, aber ein Leib, der wie zusammengebraut ist aus allen Widersprüchen des Zeitalters. Es verbirgt sich eines der größten Rätsel der neuzeitlichen Entwickelungssymptome, sagen wir, in dieser merkwürdigen Zusammenstellung Revolution und Napoleon. Es ist, als ob eine Seele sich verkörpern wollte auf der Welt und körperlos erschien, und unter den Revolutionären des 18. Jahrhunderts herumrumorte, aber keinen Körper finden konnte, und nur äußerlich ihr ein Körper sich genähert hätte, der wiederum keine Seele finden konnte: Napoleon. In solchen Dingen liegen mehr als etwa bloß geistreich sein sollende Anspielungen oder Charakterisierungen, in solchen Dingen liegen bedeutsame Impulse des historischen Werdens. Allerdings müssen die Dinge symptomatisch betrachtet werden. Hier unter Ihnen rede ich in den Formen der geisteswissenschaftlichen Forschung. Aber selbstverständlich, das, was ich jetzt zu Ihnen gesprochen habe, kann man, indem man die Worte ein bißchen anders wählt, überall sonst sagen.

[ 12 ] Und dann, wenn wir versuchen die Symptomgeschichte der neueren Zeit weiter zu verfolgen, sehen wir, verhältnismäßig ruhig, wirklich wie Glieder aufeinander folgend, das englische Wesen sich fortentwikkeln. Im 19. Jahrhundert entwickelt sich das englische Wesen bis zum Ende des 19. Jahrhunderts ziemlich gleichmäßig, ich möchte sagen, in einer gewissen Ruhe das Ideal des Liberalismus geradezu ausprägend. Es entwickelt sich das französische Wesen etwas tumultuarischer, so daß man eigentlich, wenn man die Ereignisse der französischen Geschichte im 19. Jahrhundert verfolgt, nie recht weiß: wie kam eigentlich das Folgende dazu, sich an das Vorangehende anzureihen? — unmotiviert, möchte man sagen. Das ist der hauptsächlichste Grundzug der Entwickelungsgeschichte Frankreichs im 19. Jahrhundert: unmotiviert. Es ist kein Tadel — ich spreche ganz ohne Sympathie und Antipathie —, sondern nur eine Charakteristik.

[ 13 ] Nun wird man niemals hineinsehen können in dieses ganze Symptomgewebe der neueren Geschichte, wenn man nicht den Blick darauf wirft, wie eigentlich sich in all dem, was so mehr äußerlich — oder auch seelisch innerlich, aber doch in einem gewissen Sinne äußerlich, wie ich gestern erwähnt habe — sich abspielt, wiederum etwas anderes wirkt. Das möchte ich Ihnen so charakterisieren. Man empfindet schon in einer gewissen Weise, sogar bevor dieses fünfte nachatlantische Zeitalter beginnt, das Herannahen dieses Zeitalters der Bewußtseinsseele. Wie in einem Vorausahnen empfinden es gewisse Naturen. Und sie empfinden es eigentlich mit seinem Charakter, sie empfinden: Es kommt das Zeitalter, in dem die Persönlichkeit sich emanzipieren soll, das aber in einer gewissen Beziehung zunächst unproduktiv sein wird, nichts selbst wird hervorbringen können, das mit Bezug gerade auf die geistige Produktion, die ins soziale und geschichtliche Leben übergehen soll, vom Althergebrachten wird leben müssen.

[ 14 ] Das ist ja der tiefere Impuls für die Kreuzzüge, die dem Zeitalter des Bewußtseinsmenschen vorangegangen sind. Warum streben die Leute hinüber nach dem Oriente? Warum streben sie hinüber nach dem heiligen Grabe? Weil sie nicht streben können und nicht streben wollen nach einer neuen Mission, nach einer neuen ursprünglichen speziellen Idee im Bewußtseinszeitalter. Sie streben danach, das Althergebrachte in seiner wahren Gestalt, in seiner wahren Substanz sogar, zu finden: Hin nach Jerusalem, um das Alte zu finden und es auf eine andere Weise in die Entwickelung hereinzustellen, als es Rom hereingestellt hat. — Mit den Kreuzzügen ahnt man, daß heraufkommt das Zeitalter der Bewußtseinsseele mit seiner Unproduktivität, die es zunächst entfaltet. Und im Zusammenhang mit den Kreuzzügen entsteht der Tempelherrenorden, von dem ich Ihnen gestern gesprochen habe, dem der König Philipp der Schöne den Garaus gemacht hat. Und mit dem Tempelherrenorden kommen nach Europa die Geheimnisse des orientalischen Wesens, und sie werden eingeimpft der europäischen Geisteskultur. Der König von Frankreich, Philipp — ich habe das im Laufe der Zeit ja von einer anderen Seite her charakterisiert —, konnte zwar die Tempelritter hinrichten lassen, konnte ihr Geld konfiszieren, aber die Impulse der Tempelritter waren durch zahlreiche Kanäle in das europäische Leben hineingeflossen und wirkten weiter fort, wirkten fort durch zahlreiche okkulte Logen, die dann wiederum ins Exoterische hinausgingen, und die im wesentlichen so charakterisiert werden können, daß man sagen kann, sie bildeten nach und nach die Opposition gegenüber Rom. Rom war auf der einen Seite, erst allein, dann mit dem Jesuitismus verbunden, und dann stellte sich auf die andere Seite alles dasjenige, was, mit dem christlichen Elemente tief zusammenhängend, Rom radikal fremd, in Opposition gegen Rom sich stellen mußte, und auch von Rom als eine Opposition empfunden wurde und empfunden wird.

[ 15 ] Was war denn nun eigentlich der tiefere Impuls dieser Tatsache, daß man gegenüber dem, was von Rom ausströmte, gegenüber diesem suggestiven Universalimpuls, wie ich ihn gestern charakterisiert habe, orientalisch-gnostische Lehren und Anschauungen, Symbole und Kulte nahm, die man einimpfte dem europäischen Wesen? Betrachten wir einmal, was es ist, dann wird es uns auch auf den eigentlichen Impuls führen können.

[ 16 ] Die Bewußtseinsseele sollte herankommen. Rom wollte bewahren gegenüber der Bewußtseinsseele — und bewahrt es bis heute — die suggestive Kultur, jene suggestive Kultur, welche geeignet ist, die Menschen zurückzuhalten vom Übergehen zum Bewußtseinsseelenzustand, welche geeignet sein soll, die Menschen auf dem Standpunkte der Verstandes- oder Gemütsseele zu halten. Das ist ja der eigentliche Kampf, den Rom gegen den Fortgang der Welt führt, daß es beharren will, dieses Rom, bei etwas, was für die Verstandes- oder Gemütsseele taugt, während die Menschheit in ihrer Entwickelung fortschreiten will zur Bewußtseinsseele.

[ 17 ] Aber auf der anderen Seite bringt sich die Menschheit mit dem Fortschritt in die Bewußtseinsseele wahrhaftig in eine recht unbehagliche Lage, die für weitaus die meisten Menschen zunächst in den ersten Jahrhunderten des Bewußtseinszeitalters und bis heute unbequem empfunden wurde. Nicht wahr, der Mensch soll sich auf sich selbst stellen, der Mensch soll als Persönlichkeit sich emanzipieren. Das verlangt von ihm das Zeitalter der Bewußtseinsseele. Er muß heraus aus all den alten Stützen. Er kann sich nicht mehr bloß suggerieren lassen dasjenige, an was er glauben soll, er soll selbsttätig teilnehmen an der Erarbeitung dessen, was er glauben soll. Das empfand man, insbesondere als dieses Zeitalter der Bewußtseinsseele heraufstieg, als eine Gefahr für den Menschen. Instinktiv fühlte man: Der Mensch verliert seinen alten Schwerpunkt; er soll einen neuen suchen. — Aber auf der anderen Seite sagte man sich auch: Wenn man gar nichts tut, was sind dann die Möglichkeiten des Geschehens? — Die eine Möglichkeit besteht darinnen, daß man einfach den Menschen hinausfahren läßt auf das offene Meer des Suchens nach der Bewußtseinsseele, ihn gewissermaßen freigibt dem, was in den freien Impulsen des Fortschrittes liegt. Die andere Möglichkeit, wenn der Mensch so hinaussegelt, ist die, daß Rom dann eine große Bedeutung gewinnt, eine große Wirkung üben kann, wenn es ihm gelingt, abzudämpfen das Streben nach der Bewußtseinsseele, um den Menschen zu erhalten beim Stehen in der Verstandes- oder Gemütsseele. Dann würde das erreicht werden, daß der Mensch nicht aufsteigt zu der Bewußtseinsseele, daß der Mensch nicht zum Geistselbst kommt, daß der Mensch seine zukünftige Entwickelung verliert. Es wäre das nur eine von den Nuancen, durch welche die zukünftige Entwickelung verloren werden könnte.

[ 18 ] Die dritte Möglichkeit ist die folgende: Man geht noch radikaler vor, man versucht sein Streben ganz abzutöten, damit der Mensch nicht in diese pendelnde Schwingung kommt zwischen dem Streben nach der Bewußtseinsseele und dem Streben, das ihm Rom auferlegt. Damit der Mensch nicht in diese pendelnden Schwingungen kommt, untergräbt man sein Streben vollständig, noch radikaler als Rom. Das tut man dann, wenn man die fortschreitenden Impulse eben gerade der Kraft des Fortschrittes entkleidet und das Alte wirken läßt. Vom Oriente hatte man es mitgebracht, allerdings ursprünglich bei den esoterisch eingeweihten Templern in einer anderen Absicht. Aber nachdem diesem Streben die Spitze abgebrochen war, nachdem der Tempelherrenorden zunächst so behandelt worden war, wie er eben von Philipp dem Schönen, dem König von Frankreich, behandelt worden ist, da war geblieben, was man so herübergebracht hatte aus Asien an Kultur. Aber es war ihm zunächst die Spitze abgebrochen, in der Historik, nicht bei einzelnen Persönlichkeiten, aber in der historischen Welt. Durch zahlreiche Kanäle, wie ich gesagt habe, war eingeträufelt das, was die Templer herübergebracht haben, aber der eigentliche spirituelle Gehalt war ihm vielfach genommen worden. Und was war es denn? Es war im wesentlichen der Inhalt der dritten nachatlantischen Zeit. Die Katholizität brachte den Inhalt der vierten. Und dasjenige, woraus der Geist ausgepreßt war wie der Saft aus einer Zitrone, was sich fortpflanzte als exoterisches Freimaurertum, als schottische oder Yorklogen oder wie immer, was namentlich ergriff der falsche Esoterismus der englischsprechenden Bevölkerung, das ist die ausgepreßte Zitrone, die daher, nachdem sie ausgepreßt ist, die Geheimnisse des dritten nachatlantischen, des ägyptisch-chaldäischen Zeitraumes enthält, und was nun angewendet wird, um Impulse hineinzusenden in das Leben der Bewußtseinsseele.

[ 19 ] Da entsteht sogar etwas, was wirklich wie im bösesten Sinne ähnlich sieht dem Entwickelungsgange, der stattfinden soll. Denn erinnern Sie sich nur an folgendes, das ich Ihnen einmal dargestellt habe. Ich habe Ihnen gesprochen von der Entwickelung in den sieben Zeiträumen (siehe Zeichnung). Hier zu Beginn haben wir die atlantische Katastrophe, dann den ersten nachatlantischen Zeitraum, den zweiten, dritten, vierten, fünften, sechsten, siebenten. Die Entwickelung geschieht so, daß der vierte für sich allein dasteht, gewissermaßen die Mitte bildet. Dasjenige, was charakteristisch war im dritten, erscheint wiederum, nur auf einer höheren Stufe, im fünften. Was im zweiten charakteristisch war, tritt wiederum auf einer höheren Stufe auf im sechsten. Was im ersten, im urindischen Zeitraum charakteristisch war, erscheint wiederum im siebenten. Solche Übergreifungen finden statt. Erinnern Sie sich, wie ich gesagt habe, daß es einzelne Geister gibt, die sich bewußt sind dieses Übergreifens, wie in Kepler — als er versuchte, in seiner Art im fünften nachatlantischen Zeitraum die Harmonien im Kosmos durch seine drei Keplerschen Gesetze zu erklären, indem er sagte: Ich bringe herbei die goldenen Gefäße der Ägypter und so weiter — das Bewußtsein auftaucht, daß wiederersteht im Menschen des fünften nachatlantischen Zeitraumes dasjenige, was Inhalt des dritten nachatlantischen Zeitraumes war. In gewissem Sinne schafft man also etwas Ähnliches, wie es sich vollziehen will in der Welt, wenn man den Esoterismus, die Kulte des ägyptisch-chaldäischen Zeitalters, herübernimmt. Aber man kann das, was man da herübernimmt, dazu benützen, um jetzt nicht nur durch Suggestion der Bewußtseinsseele die Selbständigkeit zu nehmen, sondern um die eigentlich treibende Kraft der Bewußtseinsseele abzudämpfen, zu lähmen. Und das ist von dieser Seite aus vielfach gelungen: einzuschläfern die Bewußtseinsseele, die heraufkommen soll. Das ist von dieser Seite aus vielfach gelungen.

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[ 20 ] Rom — ich spreche jetzt bildlich — braucht den Weihrauch und schläfert die Leute halb ein, indem es ihnen Träume verursacht. Diejenige Bewegung, die ich jetzt meine, die schläfert die Leute, das heißt die Bewußtseinsseele, vollständig ein. Das sickerte auch in die Entwickelung der neueren Menschheit geschichtlich hinein. Und so haben Sie auf der einen Seite dasjenige, was sich bildet, indem tumultuarisch Brüderlichkeit, Freiheit, Gleichheit auftreten, indem auf der anderen Seite aber der Impuls da ist, der die Menschen im Laufe des fünften nachatlantischen Zeitalters verhindert, das klar einzusehen, wie Brüderlichkeit, Freiheit und Gleichheit die Menschen ergreifen sollen. Denn das können sie nur klar einsehen, wenn sie die Bewußtseinsseele zur rechten Selbsterkenntnis verwenden können, wenn sie aufwachen in der Bewußtseinsseele. Wachen die Menschen auf in der Bewußtseinsseele, so fühlen sie sich zunächst im Leibe, in der Seele und im Geiste. Das aber soll gerade eingeschläfert werden. So daß wir diese zwei Strömungen in der neueren Geschichte drinnen haben: Auf der einen Seite will man, nun der Impuls nach der Bewußtseinsseele da ist, chaotisch Brüderlichkeit, Freiheit, Gleichheit. Auf der anderen Seite ist das Bestreben der verschiedensten Orden, auszulöschen das Aufwachen in der Bewußtseinsseele, damit einzelne Individualitäten dieses Aufwachen in der Bewußtseinsseele für sich benützen können. Diese zwei Strömungen gehen ineinander im ganzen Verlauf des geschichtlichen Lebens der Neuzeit.

[ 21 ] Und nun bereitet sich etwas vor. Indem die neuere Zeit ins 18. Jahrhundert hineinstürmt und in den Anfang des 19. Jahrhunderts, bis ungefähr in die Mitte des 19. Jahrhunderts, ist zunächst stark ein Anhub nach der Emanzipation der Persönlichkeit da, weil, wenn so viele Strömungen da sind, wie ich Ihnen charakterisiert habe, sich die Sache nicht sukzessiv bequem, sondern in Flut und Ebbe vollzieht. Und wir sehen auf nationalem Grunde und aus den anderen Impulsen heraus, die ich Ihnen für den Westen von Europa charakterisiert habe, wie sich entwickelt das, was hin will zu der Emanzipation der Persönlichkeit, was aus der Nationalität heraus und ins Allgemein-Menschliche hinein will. Nur kann es sich nicht ordentlich selbständig entwickeln, weil immer die Gegenströmung ist von jenen Orden, die, insbesondere in England, furchtbar das ganze öffentliche Leben infizieren, viel mehr als die äußere Welt irgend meint. Es kann sich nicht entwickeln. Und so sehen wir, wie so merkwürdige Persönlichkeiten auftreten wie Richard Cobden, wie John Bright, die auf der einen Seite wirklich erfaßt sind von dem Impuls nach der Emanzipation der Persönlichkeit, nach der Überwindung des Nationalen durch die Persönlichkeit über die ganze Erde hin, die so weit kamen, daß sie an etwas tippten, was politisch von größter Bedeutung sein könnte, wenn es sich einmal hineinwagen würde in die neuere geschichtliche Entwickelung, aber differenziert je nach den verschiedenen Gegenden, denn natürlich haben es die Leute nur für ihre Gegend charakterisiert: das Prinzip der Nichtintervention in andere Angelegenheiten von seiten des Inselreiches als Grundprinzip eines Liberalismus. Es war etwas sehr Bedeutsames, aber es wurde, kaum entstanden, ganz abgestumpft durch das andere Bestreben, das aus dem Impuls des dritten nachatlantischen Zeitraumes heraus war. Und so sehen wir, wie bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts von Westen her dasjenige entsteht, was man gewöhnlich Liberalismus nennt, liberale Gesinnung — bald nennt man es freisinnig —, nun, so wie es einem gerade gefällt. Sie wissen aber, ich meine diejenige Anschauung, die sich am deutlichsten auf politischem Gebiete ausgeprägt hat im 18. Jahrhundert als politische Aufklärung, im 19. Jahrhundert als ein gewisses politisches Streben, das man das liberale politische Streben nannte, und das so allmählich versickerte und ausstarb im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts.

[ 22 ] Das, was gerade in den sechziger Jahren zum Beispiel überall noch als liberales Element auftrat, trat ja allmählich im wirklichen Leben ganz zurück. Dafür trat etwas anderes ein. Da nähern wir uns bedeutsamen Symptomen des neueren geschichtlichen Lebens. Was mußte nun geschehen? Nicht wahr, eine Zeitlang war der Stoß der Bewußtseinsseele so, daß er eine Flut nach oben getrieben hat: die liberalisierende Flut (s. Zeichung. S.50, rot). Aber was so ausschlägt nach der einen Seite, schlägt dann wiederum nach der anderen Seite aus (blau), so daß wir auch ein Ausschlagen nach der anderen Seite haben. Das wird der Gegenschlag des Liberalismus sein (Pfeil abwärts). Stellen wir uns nur die Sache gut vor. Der Liberalismus entstand dadurch, daß sich die Menschen, die ihn vertraten, innerlich, ich möchte sagen, so recht faßten, so recht in die Hand nahmen und anstürmten gegen die Fangarme der Erde, wie ich es Ihnen charakterisiert habe. Sie machten sich los, ließen sich nicht kapern, wenn ich den trivialen Ausdruck gebrauchen darf, waren einfach von allgemeinen menschlichen Ideen erfaßt. Aber das andere war doch da, wirkte im Werden der neueren Zeit und brachte allmählich diese sehr dünn vertretenen sogenannten liberalen Ideen zu sich hinüber. Und schon um die Mitte des 19. Jahrhunderts waren an dem politischen Himmel eigentlich die liberalen Ideen aussichtslos, denn diejenigen, die später noch liberale Ideen vertraten, machen doch eigentlich mehr oder weniger den Eindruck von Invaliden des politischen Denkens. Die liberalen Parteien der späteren Zeit waren so mehr die Nachhumpler nur, denn seit der Mitte des 19. Jahrhunderts machte sich immer mehr und mehr geltend die Frucht desjenigen, was aus jenen Orden und Geheimgesellschaften des Westens heraus kam: die Einschläferung, Einlullung der Bewußtseinsseele als solcher. Dann wirkt das Seelische und Geistige gar nicht mehr, dann wirkt zunächst nur dasjenige, was in der äußeren sinnlich-physischen Welt da ist. Und das trat auf in der neueren Zeit seit der Mitte des 19. Jahrhunderts als der seiner selbst bewußte Sozialismus in allen möglichen Formen.

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[ 23 ] Dieser Sozialismus, der da auftrat, kann nur geistig durchdrungen werden: mit Pseudogeist, mit der Maske des Geistes, mit der bloßen Verstandeskultur, die das Tote nur erfassen kann, nicht. Und mit einer solchen toten Wissenschaft hat zunächst Lassalle gerungen, aber Marx und Engels haben sie ausgebildet, diese tote Wissenschaft. Und so bildete sich im Sozialismus, der als Theorie sich bestrebte, praktisch zu werden und in der Praxis nichts Rechtes zusammenbrachte, weil er auf dem Standpunkt der Theorie immer stehenblieb, eines der bedeutendsten Symptome der neueren geschichtlichen Entwickelung der Menschheit heraus. Wir müssen schon einige charakteristische Dinge dieses Sozialismus vor unsere Seele hinstellen.

[ 24 ] Es sind ja drei Überzeugungen oder Überzeugungsteile, besser gesagt, die den neuzeitlichen Sozialismus charakterisieren. Er fußt erstens auf der materialistischen Geschichtsauffassung, zweitens auf der Anschauung von dem Mehrwert im Wirtschaftlichen, im volkswirtschaftlichen Zusammenhange, und drittens auf der Theorie der Klassenkämpfe. Das ist im wesentlichen dasjenige, was Millionen von Menschen heute als Überzeugung erfüllt über die Erde hin, was sich in diesen drei Dingen zusammenfassen läßt: Theorie der Klassenkämpfe, volkswirtschaftliche Anschauung von der Entstehung des Mehrwertes, materialistische Geschichtstheorie.

[ 25 ] Versuchen wir uns ganz klar zu machen, damit wir die Symptome, die ich hier meine, gut verstehen als Unterbau für das, was wir eben morgen darauf bauen wollen, erstens: Was ist materialistische Geschichtsauffassung? — Materialistische Geschichtsauffassung meint: Alles was geschieht im Laufe der Menschheitsentwickelung, geschieht nur aus äußeren, rein materiellen Impulsen. Die Menschen müssen essen, müssen trinken, die Menschen müssen das, was sie zu essen und zu trinken brauchen, von da- und dorther holen. Sie müssen also miteinander handeln, sie müssen das erzeugen, was die Natur nicht selbst erzeugt. Aber das ist dasjenige, was überhaupt menschliche Entwickelung erzeugt. Wenn in irgendeinem Zeitalter, sagen wir, ein Lessing auftritt — ich will einen bekannten Namen wählen —, warum tritt Lessing auf, wie er im 18. Jahrhundert aufgetreten ist? Nun, seit dem 16. Jahrhundert, aber insbesondere auch im 18. Jahrhundert ist durch die Einführung des mechanischen Webstuhls, der Spinnmaschine und so weiter eine starke Scheidung entstanden — sie war im Entstehen —, die sich da vorbereitet hat zwischen Bürgertum und dem nachrückenden Proletariat. Das Proletariat war noch kaum da, aber es war gewissermaßen schon glimmend unter der Oberfläche des sozialen Daseins. Aber gegenüber den früheren Ständen war im Verlauf des wirtschaftlichen Lebens der Neuzeit der Bürgerstand erstarkt. Durch die Art und Weise, wie man als Bürger lebt, so daß man den Arbeiter unter sich hat, daß man nicht mehr recht anerkennt die früheren Stände, daß man es dazu gebracht hat, die Gütererzeugung, die Güterverarbeitung, die Güterverteilung so zu machen, wie es eben der Bürger macht, dadurch wird eine gewisse Denkweise allgemein, die nichts anderes ist also ein ideologischer Oberbau für die Art, wie das Bürgertum Güter produziert, verarbeitet und verhandelt. Das bedingt, daß man in einer gewissen Weise denkt. Derjenige, der nicht ein Bürger ist, der noch ein Bauer ist, der von der Natur umgeben ist, mit der Natur zusammenlebt, der denkt anders. Aber es ist nur eine Ideologie, wie er denkt, denn das, worauf es ankommt, das ist die Art, wie er Güter erzeugt, verarbeitet und verhandelt. Der Bürger denkt dadurch, daß er in Städten zusammengepfropft ist, anders als der Bauer. Er löst sich los von der Scholle, sieht nicht die Natur, daher ist der Zusammenhang für ihn abstrakt. Er wird ein Aufgeklärter, der so im Allgemeinen, im Abstrakten von Gott denkt. Aber das ist alles die Folge davon, daß er Güter erzeugt. — Ich spreche die Sache etwas kraß aus, aber in einer gewissen Weise ist es so. — Dadurch, daß man in einer gewissen Weise seit dem 16. Jahrhundert Güter verarbeitet und verhandelt, hat sich ein Denken herausgebildet, das in einer besonderen Art bei Lessing zum Vorschein kommt. Lessing ist der Repräsentant des auf seiner Höhe stehenden Bürgertums, hinter dem das Proletariat nachhinkt in seiner Entwickelung. — So ähnlich ist Herder, Goethe und so weiter zu erklären. All das ist ein Oberbau; wirklich ist für die elementare materialistische Auffassung nur dasjenige, was aus der Gütererzeugung, Güterverarbeitung, aus dem Güterverhandeln kommt.

[ 26 ] Das ist materialistische Geschichtsauffassung. Will man das Christentum erklären, so hat man zu erklären, wie in der Zeit, als unsere Zeitrechnung begonnen hat, die Handelsverhältnisse zwischen dem Orient und dem Okzident andere geworden sind, man hat zu erklären, wie die Ausbeutung der Sklaven, die Verhältnisse der Herren zu den Sklaven sich verwandelt haben, und dann daraus zu erklären, wie sich über all diesem wirtschaftlichen Spiel ein ideologischer Oberbau entwickelt: das ist das Christentum. Weil die Menschen zu einer anderen Notwendigkeit gekommen sind, das zu erzeugen, was sie essen und was sie zum Essen verhandeln sollen, als das früher der Fall war, deshalb haben sie anders gedacht. Und weil ein radikalster wirtschaftlicher Umschwung im Beginne unserer Zeitrechnung war, so trat auch jener radikale Umschwung im ideologischen Oberbau ein, der sich als Christentum charakterisiert. — Das ist der erste Teil jener Überzeugungen, die sich seit der Mitte des 19. Jahrhunderts durch Millionen und Millionen Herzen Bahn gebrochen haben.

[ 27 ] Diejenigen, die im Bourgeoistum geblieben sind, haben eigentlich keine Ahnung, wie tief, tief eingefressen in weitesten Kreisen diese Anschauung ist. Gewiß, die Professoren, die von den Ideen der Geschichte sprechen, die von allerlei historischen Schatten sprechen, die haben ein Publikum. Aber selbst unter den Professoren haben sich einzelne in der letzten Zeit zum Marxismus schon leise hingezogen gefühlt. Aber unter den breiten Menschenmassen haben sie kein Publikum. Das ist aber im Zeitalter der Bewußtseinsseele, und der Impuls der Bewußtseinsseele wirkt fort. Die Leute wachen auf, sofern man sie aufwachen läßt. Man versucht, von der einen Seite sie einzuschläfern; von der anderen Seite verlangen sie aber, ich möchte sagen, mitten im Schlafe, wieder aufzuwachen. Da sie nichts anderes haben als die Hinlenkung des Sinnes auf die rein materielle Welt, bilden sie sich die materialistische Geschichtswissenschaft aus. Und so entstanden jene eigentümlichen Symptome: Einer der edelsten, liberalsten Geister, Schiller, wurde lange gefeiert, wurde äußerlich ungemein bewundert. 1859 wurden zur Jubelfeier seiner Geburt überall Denkmäler errichtet. In meiner Jugend lebte in Wien ein Mann, Heinrich Deinhardt hieß er, der bemühte sich, in einer sehr schönen Schrift die Menschen einzuführen in wirkliche Ideengänge Schillers, in seine Ideengänge, die er niedergelegt hat in den Briefen über die ästhetische Erziehung des Menschen. Die ganze Auflage dieses Werkes ist eingestampft worden! Der Verfasser, dieser Heinrich Deinhardt, hatte einmal das Malheur, daß er berührt wurde, glaube ich, von einem vorüberfahrenden Wagen — kurz, er fiel um auf der Straße, brach sich das Bein, und konnte nicht kuriert werden — obwohl es ein leichter Beinbruch war —, weil er so unterernährt war, daß man ihn nicht gesundmachen konnte. Er konnte das nicht überstehen. Das ist nur ein Symptom für die Art und Weise, wie das 19. Jahrhundert jene behandelt hat, die nun wirklich Schiller haben verständlich machen wollen, die die großen Ideen Schillers haben einführen wollen in das allgemeine Zeitbewußtsein. Gewiß werden Sie sagen, oder werden andere sagen: Gibt es denn nicht schöne Bestrebungen auf allen Gebieten? — Die gibt es schon, wir werden auch davon noch im Laufe der Zeit sprechen, aber sie führen alle zum großen Teile in Sackgassen hinein.

[ 28 ] Das ist das eine Glied der sozialistischen Überzeugung. Das zweite ist die Theorie des Mehrwertes. Man kann sie kurz etwa in folgendem charakterisieren, daß man sagt: Die neuere Produktionsweise hat es dahin gebracht, daß derjenige, welcher verwendet werden muß, um Güter zu erzeugen, um Güter zu verarbeiten, seine eigene Lebenskraft zur Arbeitskraft machen muß, die dann ebenso eine Marktware wird wie andere Marktwaren. Denn es entstehen zwei Klassen von Menschen: die Unternehmer und die Arbeiter. Die Unternehmer sind die Kapitalisten, und die haben daher die Produktionsmittel. Sie haben die Fabrik, sie haben die Werkzeuge, sie haben alles, was zu den Produktionsmitteln gehört. Das ist die eine Sorte von Menschen, die Arbeitgeber; sie haben die Produktionsmittel. Dann sind die Arbeiter da; die haben keine Produktionsmittel, sondern nur das einzige auf den Markt zu bringen: ihre Arbeitskraft. Dadurch, daß dieser Gegensatz besteht zwischen dem Unternehmer und dem Arbeiter, daß dem Unternehmer, welcher der Besitzer der Produktionsmittel ist, der besitzlose Arbeiter gegenübersteht, der nur seine Arbeitskraft auf den Markt bringen kann, dadurch ist es möglich, die Entschädigungen für die Ware Arbeit — Ware Arbeit! — auf ein Minimum herabzudrücken, und alles übrige fließt dem Besitzer der Produktionsmittel, das heißt dem Unternehmer, als Mehrwert zu. Dadurch verteilt sich dasjenige, was produziert wird für den Markt und für die Menschheit, also für den Konsum, im ganzen so, daß der Arbeiter nur Entschädigungen bekommt, ein Minimum; das andere fließt als Mehrwert dem Unternehmertum zu. — Das ist marxistische Theorie. Und das ist die Überzeugung wiederum von Millionen Menschen. — Und dies ist lediglich durch die ganz bestimmte wirtschaftliche Struktur herbeigeführt, welche das soziale Leben der neueren Zeit angenommen hat. Das führt zuletzt dazu, daß es Ausbeuter und Ausgebeutete gibt.

[ 29 ] Es sind im wesentlichen diese Kategorien, mit denen, seit der Mitte des 19. Jahrhunderts zunehmend, erst in kleinen Zirkeln, dann in Sekten, nun aber unter Millionen und Millionen Menschen, die Herzen gewonnen werden für die Anschauung einer rein wirtschaftlichen Struktur im sozialen Zusammenleben. Denn man kann sehr leicht zu der Überzeugung sich aufschwingen, wenn man diese Anschauungen, die ich Ihnen nur skizziere, weiterentwickelt, daß man sagt: Also ist der Besitz der Produktionsmittel durch den einzelnen der Verderb der sich entwickelnden Menschheit. Produktionsmittel müssen Gemeingut werden. Alle, die arbeiten, müssen die Produktionsmittel zusammen verwalten können. — Expropriation der Produktionsmittel ist das Ideal des Arbeiterstandes geworden.

[ 30 ] Dies ist sehr wichtig, daß man erstens nicht bei den eingerosteten, eben keine Wirklichkeit treffenden Vorstellungen stehenbleibt, welche viele Menschen noch haben, die dem Bürgertum angehörig geblieben sind und sich so durchgeschlafen haben über die neuzeitliche Entwickelung. Denn, nicht wahr, sehr viele so im Bourgeoistum eingerostete Menschen, die sich so durchgeschlafen haben durch das, was eigentlich geschehen ist in den letzten Jahrzehnten, haben heute noch die Vorstellung: Ja, es gibt Sozialdemokraten und Kommunisten, die wollen teilen, die wollen, daß alles gemeinschaftlich wird und so weiter. — Diese Leute müßten eigentlich nun erstaunt sein, wenn sie hören, daß eine sorgfältig ausgebaute, scharfsinnige Anschauung, wie es werden soll und werden muß, unter Millionen und Millionen von Menschen ist: die Theorie vom Mehrwert, der nur dadurch überwunden werden kann, daß die Produktionsmittel Allgemeingut werden. Jeder, der heute sozialistischer Agitator ist, oder auch nur einer, der nachläuft dem sozialistischen Agitator, lacht natürlich den Angehörigen der Bourgeoisie aus, der ihm redet von Kommunismus und was alles die Sozialdemokraten wollen, denn der versteht, daß es sich um die Sozialisierung, das heißt um die gemeinsame Verwaltung der Produktionsmittel handelt. Denn den Verderb sieht der heutige Arbeiter in dem Besitz der Produktionsmittel durch einzelne menschliche Individuen, weil derjenige, der keine Produktionsmittel hat, ausgeliefert ist dem, der die Produktionsmittel hat.

[ 31 ] So ist im wesentlichen der soziale Kampf der neueren Zeit ein Kampf um die Produktionsmittel, und Kampf muß sein, denn das ist die dritte Überzeugung der Sozialdemokratie, daß sich alles, was sich entwickelt hat, durch den Kampf entwickelt. Die Bourgeoisie ist heraufgekommen, indem sie den Adelsstand überwunden hat. Das Proletariat wird heraufkommen und wird sich die Verwaltung über die Produktionsmittel erringen, indem es mit der Bourgeoisie es so macht, wie es die Bourgeoisie mit dem alten Adelsstande gemacht hat. Alles ist Kampf der Klassen. In der Überwindung der einen Klasse durch die andere liegt der Fortschritt der Menschheit.

[ 32 ] Diese dreifache Anschauung: erstens, daß dasjenige, was die Menschheit vorwärts bringt von Epoche zu Epoche, nur materielle Impulse sind, alles andere nur ideologischer Oberbau ist, zweitens, daß der eigentliche Verderb der Mehrwert ist, der nur überwunden werden kann durch die gemeinsame Verwaltung der Produktionsmittel, und drittens, daß eine Möglichkeit, die Produktionsmittel gemeinschaftlich zu machen, nur die ist, die Bourgeoisie ebenso zu überwinden, wie die Bourgeoisie den alten Adel überwunden hat — das ist es, was sich allmählich als die sogenannte sozialistische Bewegung über die zivilisierte Welt verbreitet hat. Und man hatte dann als ein bedeutsames geschichtliches Symptom der allerjüngsten Jahre auch dieses, daß sowohl die Mitglieder des gebliebenen Adels wie auch die Mitglieder der gebliebenen Bourgeoisie sich auf ihre Ruhebetten legten, höchstens Schlagworte aufnahmen wie vom Teilen und vom Kommunismus, nun, diejenigen Schlagworte, über die manchmal ganz hinten in den Geschichtsbüchern so lange Anmerkungen stehen. Aber sehr selten steht überhaupt etwas drinnen darüber! Das also wurde verschlafen, was wirklich geschah. Und das entwickelte sich dann dahin, daß, außerordentlich schwierig, aber unter dem Zwang der Verhältnisse, unter dem Einflusse dieser letzten vier Jahre, einige Leute angefangen haben, auf manches hinzuschauen. Es ist gar nicht auszudenken, wie unbekümmert die Leute weitergeschlafen hätten, wenn die letzten vier Jahre nicht eingetreten wären, wie unbekümmert darum, daß mit jedem Jahre neue Tausende und Tausende gewonnen wurden für diese sozialistischen Anschauungen, die ich Ihnen eben charakterisiert habe, und daß endlich die Leute auf dem Vulkan tanzen. Aber es ist unbequem, sich zu gestehen, daß man auf einem Vulkan tanzt, und die Leute vermeiden es, sich klar zu machen, daß sie auf einem Vulkan tanzen. Aber der Vulkan vermeidet es nicht, auszubrechen und diejenigen, die auf ihm tanzen, zu verschütten.

[ 33 ] Damit habe ich Ihnen wieder ein Symptom der neueren Geschichte charakterisiert. Denn sie gehört zu den Symptomen der neueren Geschichte, diese sozialistische Überzeugung. Sie ist eine Tatsache, sie ist nicht bloß irgendeine Theorie. Sie wirkt. Ich lege keinen Wert auf das Feste der Lassalleschen oder der Marxistischen Theorie, aber natürlich einen großen Wert auf das Vorhandensein von Millionen von Menschen, die zu ihrem Ideal erkoren haben, das zu tun, was sie doch erkennen können aus den drei Punkten, die ich angeführt habe. Das aber ist etwas, was radikal entgegengesetzt ist dem Nationalen, das ich Ihnen als eine gewisse Grundlage beim Ausgang der neueren Geschichte gezeigt habe. Da hat sich aus dem Nationalen allerlei herausentwickelt. Nun, was das Proletariat anstrebt, so wurde ja schon, als 1848 Karl Marx zunächst das Programm dieses Proletariats veröffentlichte, das im wesentlichen die Punkte enthielt, die ich jetzt angeführt habe, es wurde da geschlossen mit dem Ruf: «Proletarier aller Länder, vereinigt euch!» Und fast keine Versammlung über die ganze Erde hin unter diesen Leuten wurde geschlossen, ohne daß sie geschlossen wurde mit einem Hoch auf die internationale revolutionäre Sozialdemokratie, auf die republikanische Sozialdemokratie. Das war ein internationales Prinzip. Und so tritt neben die römische Internationale mit ihrer Universalidee die Internationale des Sozialismus. Das ist eine Tatsache, denn diese so und so vielen Menschen sind eine Tatsache. Es ist wichtig, daß man das ins Auge faßt.

[ 34 ] Um morgen wenigstens vorläufig diese Symptomatologie der neueren Zeit zu krönen, müssen wir schon scharf den Weg ins Auge fassen, der uns gestatten wird, die Symptome zu verfolgen, bis sie uns einigermaßen zeigen: da können wir durchbrechen und in die Wirklichkeit hineinschauen. Zu all diesem schufen andere Menschen daneben geradezu unlösbare Probleme — Sie müssen empfinden, wie die Dinge verlaufen, wie die Dinge sich zuspitzen — unlösbare Probleme. Wir sehen, wie sich im 19. Jahrhundert verhältnismäßig ruhig die liberalisierende parlamentarische Richtung in England entwickelt; tumultuarisch, besser gesagt, unmotiviert in Frankreich. Je weiter wir nach Osten gehen, desto mehr müssen wir sagen: Das Nationale wird hinübergetragen, hinübergeleitet, so wie ich das gestern schon erwähnt habe. Aber dabei entstehen unlösbare historische Probleme. Und das ist auch ein solches Symptom. Freilich, diejenigen Menschen, die nicht nachdenken, die halten alles für lösbar, die glauben, man kann alles lösen.

[ 35 ] Ein solches unlösbares Problem — ich meine jetzt nicht für den abstrakten Verstand, da ist es selbstverständlich lösbar, aber ich meine Wirklichkeiten — wird geschaffen 1870/71 zwischen West-, Mittel- und Osteuropa. Das ist das sogenannte Elsässische Problem. Selbstverständlich, die gescheiten Menschen, die können es lösen. Entweder erobert der eine Staat oder der andere, besiegt den andern, dann hat er die Sache gelöst, nicht wahr. Das hat man ja mit Bezug auf das Elsaß von der einen oder von der anderen Seite lange versucht. Oder wenn man das nicht will, stimmt man ab unter der Bevölkerung. Das geht sehr leicht, die Majorität entscheidet. Nicht wahr, auf diese Weise geht es, so sagen die gescheiten Menschen. Aber diejenigen, die in der Wirklichkeit stehen, die nicht bloß einen einzelnen Zeitpunkt sehen, sondern die da sehen, wie die Zeit überhaupt ein realer Faktor ist, und wie man nicht, was im Laufe der Zeit sich entwickeln muß, in einem kurzen Zeitraum zur Entwickelung kommen lassen kann — kurz, die Menschen, die in der Wirklichkeit stehen, die wußten schon, daß dies ein unlösbares Problem ist. Man lese nur, was die Menschen, die hineinzuschauen versuchten in den Gang der europäischen Entwickelung, über dieses Problem in den siebziger Jahren dachten und schrieben und sagten. Vor ihren Augen, vor ihren Seelenaugen stand, wie durch das, was da geschah, der Zukunft Europas sonderbare Vorbedingungen geschaffen wurden, wie der Drang entstehen wird im Westen, den ganzen Osten aufzurufen. Dazumal gab es schon Leute, welche wußten: Das slawische Problem wird in die Welt gesetzt dadurch, daß man im Westen die Sache anders wird lösen wollen als in Mitteleuropa. — Ich will nur hindeuten darauf, wie die Sache ist. Ich will hindeuten darauf, daß es ein solches handgreifliches Symptom ist, wie ich Ihnen gestern den Dreißigjährigen Krieg vorgeführt habe, um Ihnen zu zeigen, daß man in der Geschichte nicht das Folgende als eine Wirkung des Vorhergehenden zeigen kann. Gerade der Dreißigjährige Krieg zeigt: Das, womit es angefangen hat, was vor dem Ausbruch des Krieges war, das ist genauso wie nach dessen Ende; aber mit dem, was dann entstanden ist, hat es nicht angefangen. Von Ursache und Wirkung ist nicht die Rede. Sie sehen da etwas Charakteristisches an diesem Symptom, ebenso an dem Elsässischen Problem. Für viele Fragen der neueren Zeit könnte ich Ihnen das gleiche zeigen. Die Dinge werden aufgeworfen, führen aber nicht zu einer Lösbarkeit, sondern zu einer Unlösbarkeit, zu immer neuen Konflikten, führen in Sackgassen des Lebens. Das ist wichtig, daß man das ins Auge faßt. Sie führen so in Sackgassen des Lebens, daß man nicht einerlei Meinung sein kann in der Welt, daß der eine eine andere Meinung haben muß als der andere, einfach wenn er an einem anderen Orte von Europa steht. Und wiederum gehört das zu charakteristischen Seiten neuzeitlicher Geschichtssymptome, daß die Menschen es dazu bringen, sich Tatsachen zu schaffen, die unlösbare Probleme sind.

[ 36 ] Jetzt haben wir schon eine ganze Reihe von charakteristischen Dingen der neuzeitlichen Menschheitsentwickelung: das Unproduktive, das Heraufdämmern insbesondere solcher Gemeinschaftsideen, die kein Produktives beanspruchen, wie die des nationalen Impulses und so weiter. Dazwischen doch das fortwährende Anstürmen der Bewußtseinsseele. Und jetzt das Charakteristische des Hineingehens in Sackgassen, überall das Hineingehen in Sackgassen. Denn ein großer Teil dessen, was heute verhandelt wird, was heute die Menschen unternehmen, ist ein Sich-Bewegen in Sackgassen. Und ein weiteres Charakteristisches: die Bestrebung, sich abzudämpfen das Bewußtsein für dasjenige, was gerade als Bewußtsein entwickelt werden soll. Denn es gibt nichts Charakteristischeres als das Abdämpfen des Bewußtseins bei der heutigen sogenannten gebildeten Schichte der Bevölkerung über die wahren Zustände in dem sogenannten Proletariat. Alles schläft nämlich gegenüber den wahren Zuständen im Proletariat. Man sieht höchstens das Äußerliche. Die Hausfrauen schimpfen über die Dienstmädchen, daß sie nicht mehr dies und das tun wollen, haben keine Neigung, sich darum zu bekümmern, daß heute nun nicht bloß die Fabrikarbeiter, sondern auch schon die Dienstmädchen von marxistischer Theorie erfüllt sind. Man redet allmählich von allem möglichen Allgemein-Menschlichen. Das ist aber eine reine Rhetorik, wenn man sich nicht wirklich für den einzelnen Menschen interessiert und um den einzelnen Menschen kümmert. Dann muß man aber wissen, was Wichtiges vorgeht in der Menschheitsentwickelung, dann muß man sich wirklich einlassen auf die Dinge.

[ 37 ] Wahrhaftig nicht, um irgendeine soziale "Theorie vorzutragen, sondern um Ihnen Symptome der neueren Geschichtsentwickelung darzustellen, habe ich neuerlich auch dieses eine Symptom des Sozialismus vor Ihre Seele hinstellen müssen. Wir wollen morgen dann mit unseren Betrachtungen weiterfahren, um das zu krönen und an einzelnen Stellen, ich möchte sagen, zur Wirklichkeit durchzubrechen.