Historical Symptomatology
GA 185
19 October 1918, Dornach
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Historical Symptomatology, tr. SOL
Zweiter Vortrag
Second Lecture
[ 1 ] Gestern habe ich versucht, Ihnen in großen Zügen ein Bild der Symptome der neueren geschichtlichen Entwickelung der Menschheit zu geben und habe zuletzt wie hineingestellt in diesen Komplex von Symptomen — den wir zunächst nicht schon so verfolgten, daß wir überall auf dasjenige etwa geschaut hätten, was er offenbart, das werden wir auch noch tun, sondern den wir mehr im allgemeinen charakterisiert haben — die merkwürdige Erscheinung Jakob I. von England. Er steht da zu Beginn des 17. Jahrhunderts als sogenannter Herrscher in England eigentlich wie eine Art Rätselgestalt, ungefähr um die Mitte desjenigen Zeitraumes, der verflossen ist vom Beginne des fünften nachatlantischen Zeitraumes bis in das wichtige, Entscheidung bringende 19. Jahrhundert. Es wird hier noch nicht — das kann später geschehen — meine Aufgabe sein, über manches Geheimnis, das mit der Persönlichkeit Jakob I. verbunden ist, zu sprechen. Heute kann das noch nicht meine Aufgabe sein, aber ich muß schon heute darauf hinweisen, wie merkwürdig, wiederum symptomatisch merkwürdig dieser Jakob I. im Verlauf der neueren Geschichte drinnensteht. Man möchte sagen: Ein Mensch, der wirklich nach allen Seiten so widerspruchsvoll charakterisiert werden könnte, wie ich es gestern von zwei Seiten aus versucht habe. Man kann das Beste und man kann das Übelste, je nachdem man es färbt, über ihn sagen.
[ 1 ] Yesterday I attempted to give you a broad overview of the symptoms of humanity’s recent historical development, and finally, as if immersed in this complex of symptoms — which we did not initially examine in such detail that we would have looked everywhere for what it reveals (we will do that later), but which we have rather characterized in general terms — the remarkable figure of James I of England. He stands there at the beginning of the 17th century as a so-called ruler in England, actually as a sort of enigmatic figure, roughly in the middle of the period that has elapsed from the beginning of the fifth post-Atlantean epoch to the important, decisive 19th century. It is not yet my task here—though that may come later—to speak of the many mysteries associated with the personality of James I. That cannot be my task today, but I must point out even now how remarkable—and, again, symptomatically remarkable—this James I stands within the course of modern history. One might say: a man who could truly be characterized in such contradictory ways from all sides, as I attempted to do yesterday from two perspectives. Depending on how one frames it, one can say the very best or the very worst about him.
[ 2 ] Man kann vor allen Dingen aber von diesem Jakob I. sagen, daß er auf dem Boden, auf dem er steht, und der sich herausentwickelt hat aus all den Verhältnissen, die ich Ihnen geschildert habe und auf dem sich besonders entwickelt ein Staatsgedanke, der aus dem Nationalimpuls herausgewachsen ist, auf dem sich das entwickelt, was wir charakterisiert haben als liberalisierenden, wenigstens dem Liberalisieren zuneigenden, zustrebenden Parlamentarismus, daß auf diesem Boden Jakob I. erscheint wie eine entwurzelte Pflanze, wie ein Wesen, das nicht so recht zusammenhängt mit diesem Boden. Schauen wir aber etwas tiefer auf dasjenige, was diesen ganzen fünften nachatlantischen Zeitraum nach einer Seite hin charakterisiert, nach der Seite der Geburt der Bewußtseinsseele, dann wird es schon in einer gewissen Beziehung heller um diesen Jakob I. Dann sieht man, daß er die Persönlichkeit ist, welche jenen radikalen Widerspruch darlebt, der so leicht verbunden ist mit Persönlichkeiten aus der Zeit des Bewußtseinszeitalters. Nicht wahr, in dieser Zeit des Bewußtseinszeitalters, da verliert die Persönlichkeit denjenigen Wert, den sie früher kraft der Instinkte gerade dadurch gehabt hat, daß sie eigentlich als selbstbewußste Persönlichkeit nicht ausgebildet war. Die Persönlichkeit lebte sich dar in früheren Zeitaltern, man möchte sagen, mit elementarer Kraft, mit einer vermenschlichten, verseelten — man wird mich nicht mißverstehen, wenn ich das sage — tierischen Kraft. Instinktiv lebte sich die Persönlichkeit dar, noch nicht herausgeboren aus dem Gruppenseelentum, noch nicht ganz herausgeboren. Und jetzt sollte sie sich emanzipieren, sollte sich auf sich selbst stellen. Dadurch ergibt sich gerade für die Persönlichkeit ein ganz merkwürdiger Widerspruch. Auf der einen Seite wird alles das, was früher da war für das individuell-persönliche Ausleben, abgestreift, die Instinkte werden hinabgelähmt, und im Innern der Seele soll sich das Zentrum des Persönlichen allmählich gestalten. Die Seele soll vollinhaltliche Kraft gewinnen.
[ 2 ] Above all, however, one can say of this James I that, on the ground on which he stands—which has evolved from all the circumstances I have described to you and on which, in particular, a concept of the state has developed that has grown out of the national impulse, and on which that which we have characterized as a liberalizing, or at least one inclined toward and striving for liberalization—that on this ground James I appears like an uprooted plant, like a being that is not quite connected to this ground. But if we look a little more deeply at what characterizes this entire fifth post-Atlantean epoch from one perspective—namely, the birth of the consciousness soul—then the picture surrounding James I becomes somewhat clearer in a certain respect. Then we see that he is the personality who embodies that radical contradiction so easily associated with personalities from the Age of Consciousness. Isn’t it true that in this Age of Consciousness, the personality loses the very value it once possessed by virtue of instincts, precisely because it was not actually developed as a self-conscious personality? In earlier ages, the personality expressed itself—one might say—with elemental force, with a humanized, animated—and please do not misunderstand me when I say this—animal force. The personality expressed itself instinctively, not yet fully born out of the group soul, not yet fully emerged. And now it was to emancipate itself, to stand on its own two feet. This gives rise to a very peculiar contradiction, particularly for the personality. On the one hand, everything that previously existed for individual-personal expression is shed; the instincts are subdued; and within the soul, the center of the personal is to gradually take shape. The soul is to gain full, substantive strength.
[ 3 ] Daß ein Widerspruch vorhanden ist, Sie sehen es vor allen Dingen an dem, was ich schon gestern sagte. Während man früher, in den Zeitaltern, in denen die Persönlichkeit noch nicht geboren war als selbstbewußte Persönlichkeit, der Kulturentwickelung ganz produktive Kräfte einverleibt hat, hört das jetzt auf. Die Seele wird steril. Und dennoch stellt sie sich in den Mittelpunkt des Menschen, denn darinnen besteht das Persönliche, daß die Seele sich auf sich selbst, in den Mittelpunkt der Persönlichkeit der Menschenwesenheit stellt. So daß solche überragenden Persönlichkeiten, wie sie dem Altertum eigen waren, Augustus, Julius Cäsar, Perikles — wir könnten alle möglichen nennen — nicht mehr möglich werden. Gerade das Elementare der Persönlichkeit verliert an Wert, und es taucht auf das, was sich später demokratische Gesinnung nennt, die die Persönlichkeit nivelliert, die alles gleichmacht. Aber gerade in diesem Gleichmachen will die Persönlichkeit erscheinen. Ein radikaler Widerspruch!
[ 3 ] You can see that a contradiction exists, above all, in what I said yesterday. Whereas in earlier times—in the ages when the personality had not yet emerged as a self-aware entity—cultural development incorporated highly productive forces, this is now coming to an end. The soul becomes sterile. And yet it places itself at the center of the human being, for this is the essence of the personal: that the soul places itself at the center of the human being’s personality. As a result, such towering personalities as were characteristic of antiquity—Augustus, Julius Caesar, Pericles—we could name many others—are no longer possible. It is precisely the elemental aspect of personality that loses its value, and what emerges is what would later be called a democratic mindset—one that levels the personality, that makes everything the same. But it is precisely in this leveling that the personality seeks to emerge. A radical contradiction!
[ 4 ] Jeder steht durch sein Karma auf irgendeinem Posten. Nun, Jakob I. stand gerade auf dem Posten des Herrschers. Gewiß, in der Zeit der Perserkönige, in der Zeit der Mongolenkhane, selbst noch in dem Zeitalter, in dem der Papst dem magyarischen Istwan, Stephan I., die heilige Stephanskrone aufsetzte, bedeutete die Persönlichkeit etwas in einer bestimmten Stellung drinnen, konnte sich auffassen als hineingehörig in diese Stellung. Jakob I. war in seiner Stellung, auch in seiner Herrscherstellung drinnen wie ein Mensch, der in einem Gewande drinnensteckt, von dem ihm aber auch gar nichts paßt. Man kann sagen, Jakob I. war in jeder Beziehung in all dem, worinnen er drinnensteckte, eben wie ein Mensch in einem Gewande, das ganz und gar nicht paßte. Er war als Kind calvinisch erzogen worden, war dann später zur anglikanischen Kirche übergegangen, allein im Grunde genommen war ihm der Calvinismus ebenso gleichgültig wie die anglikanische Kirche. Im Innern seiner Seele war das alles Gewand, das ihm nicht paßte. Er war berufen, im herannahenden Zeitalter des parlamentarischen Liberalismus, der sogar schon eine Zeitlang geherrscht hatte, als Herrscher zu regieren. Er war sehr klug, sehr gescheit, wenn er mit den Leuten sprach, aber niemand verstand eigentlich, was er wollte, denn alle anderen wollten etwas anderes. Er war aus einer urkatholischen Familie heraus, der Familie der Stuarts. Aber als er auf den Thron kam in England, da sahen die Katholiken am allermeisten, wie sie eigentlich nichts von ihm zu erwarten hatten. Daraus entsprang ja jener sonderbare Plan, der so merkwürdig in der Welt dasteht, 1605, nicht wahr, wo sich eine ganze Anzahl von Leuten, die aus dem Katholizismus herausgewachsen waren, zusammentaten, möglichst viel Pulver unter dem Londoner Parlament ansammelten, und in einem geeigneten Augenblicke sollten sämtliche Parlamentsmitglieder in die Luft gesprengt werden. Es war die bekannte Pulververschwörung. Die Sache ist nur dadurch verhindert worden, daß ein Katholik, der davon wußte, die Sache verraten hatte, sonst würde sich über diesem Jakob I. das Schicksal abgespielt haben, daß er mit seinem ganzen Parlamente eines Tages in die Luft geflogen wäre. In nichts paßte er hinein, denn er war eine Persönlichkeit, und die Persönlichkeit hat etwas Singuläres, etwas, was in der Isolierung gedacht, was auf sich selbst gestellt ist.
[ 4 ] Everyone holds a certain position because of their karma. Now, James I happened to hold the position of ruler. Certainly, in the time of the Persian kings, in the time of the Mongol khans, and even in the era when the Pope placed the Holy Crown of St. Stephen upon the head of the Magyar István, Stephen I, a person’s individuality meant something within a particular position; one could regard oneself as belonging to that position. James I was in his position—even in his role as ruler—like a person wearing a garment that simply did not fit him at all. One could say that James I was, in every respect and in everything he was involved in, just like a person in a garment that did not fit at all. He had been raised as a Calvinist as a child, then later converted to the Anglican Church, yet deep down, he was just as indifferent to Calvinism as he was to the Anglican Church. Deep within his soul, all of that was a garment that did not fit him. He was called upon to reign as a monarch in the approaching age of parliamentary liberalism, which had in fact already prevailed for some time. He was very clever, very shrewd when he spoke to people, but no one really understood what he wanted, for everyone else wanted something different. He came from a deeply Catholic family, the House of Stuart. But when he ascended the throne in England, the Catholics, more than anyone else, realized they actually had nothing to expect from him. This gave rise to that strange plot, which stands out so oddly in world history—the one from 1605, didn’t it?—where a whole group of people who had grown out of Catholicism joined forces, stockpiled as much gunpowder as possible beneath the London Parliament, and planned to blow up all the members of Parliament at a suitable moment. It was the famous Gunpowder Plot. The only thing that prevented it was that a Catholic who knew about it had betrayed the plot; otherwise, the fate that would have befallen James I would have been that he, along with his entire Parliament, would one day have been blown to pieces. He did not fit in anywhere, for he was a personality, and a personality has something singular about it—something conceived in isolation, something that stands on its own.
[ 5 ] Aber im Zeitalter der Persönlichkeit will jeder eine Persönlichkeit sein. Das ist der radikale Widerspruch, der sich ergibt im Zeitalter der Persönlichkeit, das müssen wir nicht vergessen. Im Zeitalter der Persönlichkeit ist es nicht so, daß man zum Beispiel die Königs-Idee oder die Papst-Idee ablehnt. Es ist ja nicht darum zu tun, daß kein Papst oder kein König da sei. Nur möchte, wenn schon ein Papst oder ein König da ist, jeder ein Papst und jeder König sein, dann wären gleichzeitig Papsttum, Königtum und Demokratie erfüllt. Alle diese Dinge fallen einem bei, wenn man diese merkwürdige Persönlichkeit Jakob I. eben symptomatisch ins Auge faßt, denn er war durch und durch ein Mensch des neuen Zeitalters, aber damit auch mit allen Widersprüchen der Persönlichkeit in das neue Zeitalter hineingestellt. Und Unrecht hatten diejenigen, die ihn von der einen Seite charakterisierten, wie ich gestern mitteilte, und Unrecht hatten diejenigen, die ihn von der anderen Seite charakterisierten, und Unrecht hatten seine eigenen Bücher, die ihn charakterisierten, denn auch was er selber schrieb, führt uns durchaus nicht in irgendeiner direkten Weise in seine Seele hinein. So steht er, wenn man ihn nicht esoterisch betrachtet, wie ein großes Rätsel im Beginne des 17. Jahrhunderts gerade auf einem Posten, der von einer gewissen Seite her am allerradikalsten das Heraufkommen des neuzeitlichen Impulses zeigte.
[ 5 ] But in the age of the individual, everyone wants to be an individual. That is the radical contradiction that arises in the age of the individual—we must not forget that. In the age of the individual, it is not the case that one rejects, for example, the idea of the king or the idea of the pope. After all, the point is not that there is no pope or no king. It is simply that, if there is already a pope or a king, everyone wants to be a pope and everyone wants to be a king—then the papacy, kingship, and democracy would all be fulfilled at the same time. All these things come to mind when one takes a symptomatic look at the remarkable personality of Jacob I, for he was through and through a man of the new age, but at the same time placed within that new age with all the contradictions of the individual. And those who characterized him from one side, as I mentioned yesterday, were wrong, and those who characterized him from the other side were wrong, and his own books, which characterized him, were wrong, for even what he himself wrote does not in any direct way lead us into his soul. Thus, if one does not view him from an esoteric perspective, he stands—at the beginning of the 17th century—as a great enigma, precisely in a position that, from a certain perspective, most radically signaled the emergence of the modern impulse.
[ 6 ] Erinnern wir uns noch einmal an das gestern Gesagte: wie die Dinge eigentlich im Westen Europas zustande gekommen sind. Ich habe gesprochen von der Differenzierung des englischen, des französischen Wesens. Wir sehen diese Differenzierung seit dem 15. Jahrhundert. Der Wendepunkt kommt mit dem Auftreten der Jungfrau von Orleans, 1429. Wir sehen, wie die Dinge sich entwickeln. Wir sehen, wie in England die Emanzipation der Persönlichkeit Platz greift mit der Aspiration, die Persönlichkeit in die Welt hinauszutragen, wie in Frankreich die Emanzipation der Persönlichkeit Platz greift — auf beiden Böden aus der nationalen Idee heraus entspringend — mit der Aspiration, möglichst das Innere des Menschen zu ergreifen und es auf sich selbst zu stellen. Da drinnen steht zunächst, also im Beginne des 17. Jahrhunderts, eine Persönlichkeit, die wie der Repräsentant aller Widersprüche des Persönlichen dasteht, Jakob I. Wenn man Symptome charakterisiert, muß man niemals pedantisch fertig werden wollen, sondern immer einen unaufgelösten Rest lassen, sonst kommt man nicht weiter. So charakterisiere ich Ihnen Jakob I. keineswegs so, daß Sie ein schönes geschlossenes Bildchen haben, sondern so, daß Sie etwas daran zu denken, vielleicht auch zu rätseln haben.
[ 6 ] Let us recall once more what was said yesterday: how things actually came about in Western Europe. I spoke of the differentiation between the English and French characters. We have seen this differentiation since the 15th century. The turning point came with the appearance of the Maid of Orleans in 1429. We see how things develop. We see how, in England, the emancipation of the individual takes hold with the aspiration to carry the individual out into the world, and how, in France, the emancipation of the individual takes hold—in both cases springing from the national idea—with the aspiration to grasp the innermost essence of the human being as much as possible and to make it stand on its own. There, at the beginning of the 17th century, stands a personality who appears as the embodiment of all the contradictions of the personal: James I. When characterizing symptoms, one must never seek to arrive at a pedantic conclusion, but must always leave an unresolved remnant; otherwise, one cannot proceed further. Thus, I am by no means characterizing James I for you in such a way that you are left with a neat, self-contained little picture, but rather in such a way that you have something to think about—and perhaps even to puzzle over.
[ 7 ] Es ist immer mehr und mehr hervortretend ein radikaler Unterschied zwischen dem englischen Wesen und dem französischen Wesen. Gerade im französischen Wesen entwickelt sich aus den Wirren des Dreißigjährigen Krieges heraus auf nationalem Grunde dasjenige, was man nennen kann die Erstarkung des Staatsgedankens. Man kann, wenn man die Erstarkung des Staatsgedankens studieren will, dieses nur an dem Beispiele — aber das Beispiel ist ziemlich singulär — der Entstehung, des Hinaufkommens zu hohem Glanze und des Herabsteigens wiederum des französischen Nationalstaates tun, an Ludwig XIV. und so weiter. Wir sehen, wie dann im Schoße dieses Nationalstaates die Keime sich entwickeln zu jener weitergehenden Emanzipation der Persönlichkeit, die mit der Französischen Revolution gegeben ist.
[ 7 ] A radical difference between the English and French characters is becoming increasingly apparent. It was precisely within the French character, emerging from the turmoil of the Thirty Years’ War and rooted in national sentiment, that what might be called the strengthening of the concept of the state began to develop. If one wishes to study the strengthening of the concept of the state, one can do so only by examining the example—though it is a rather unique one—of the emergence, rise to great splendor, and subsequent decline of the French nation-state, as exemplified by Louis XIV and so on. We see how, within the bosom of this nation-state, the seeds then develop into that further emancipation of the individual that came about with the French Revolution.
[ 8 ] Diese Französische Revolution, sie bringt herauf drei, man kann sagen, allerberechtigtste Impulse des menschlichen Lebens: das Brüderliche, das Freiheitliche, das Gleiche. Aber ich habe es schon einmal bei einer anderen Gelegenheit charakterisiert, wie widersprechend der eigentlichen Menschheitsentwickelung innerhalb der Französischen Revolution diese Dreiheit auftrat: Brüderlichkeit, Freiheit, Gleichheit. Man kann, wenn man mit der menschlichen Entwickelung rechnet, von diesen dreien, von Brüderlichkeit, Freiheit und Gleichheit, nicht sprechen, ohne daß man in irgendeiner Beziehung von den drei Gliedern der Menschennatur spricht. In bezug auf das leibliche Zusammenleben der Menschen muß die Menschheit allmählich gerade im Zeitalter der Bewußtseinsseele aufsteigen zu einem brüderlichen Element. Es würde einfach ein unsagbares Unglück und eine Zurückwerfung sein in der Entwickelung, wenn am Ende des fünften nachatlantischen Zeitraumes, des Zeitalters der Bewußtseinsseele, nicht wenigstens bis zu einem hohen Grade unter den Menschen die Brüderlichkeit ausgebildet wäre. Aber die Brüderlichkeit kann man nur richtig verstehen, wenn man sie angewendet denkt auf das Zusammenleben von Menschenleib zu Menschenleib im physischen Sein. Steigt man aber herauf zum Seelischen, dann kann die Rede sein von der Freiheit. Man wird immer im Irrtum drinnen leben, wenn man glaubt, daß sich Freiheit irgendwie realisieren läßt im äußeren leiblichen Zusammenleben; aber von Seele zu Seele läßt sich Freiheit realisieren. Man darf nicht chaotisch den Menschen als eine Mischmasch-Einheit auffassen und dann von Brüderlichkeit, Freiheit und Gleichheit sprechen, sondern man muß wissen, daß der Mensch gegliedert ist in Leib, Seele und Geist, und muß wissen: Zur Freiheit kommen die Menschen nur, wenn sie in der Seele frei werden wollen. Und gleich sein können die Menschen nur in bezug auf den Geist. Der Geist, der uns spirituell ergreift, der ist für jeden derselbe. Er wird angestrebt dadurch, daß der fünfte Zeitraum, die Bewußtseinsseele, nach dem Geistselbst strebt. Und mit Bezug auf diesen Geist, nach dem da gestrebt wird, sind die Menschen gleich, geradeso wie, eigentlich zusammenhängend mit dieser Gleichheit des Geistes, das Volkssprichwort sagt: Im Tode sind alle Menschen gleich. — Aber wenn man nicht verteilt auf diese drei differenzierten Seelenglieder Brüderlichkeit, Freiheit und Gleichheit, sondern sie mischmaschartig durcheinanderwirft und einfach sagt: Der Mensch soll brüderlich leben auf der Erde, frei sein und gleich sein—, dann führt das nur zur Verwirrung.
[ 8 ] This French Revolution gave rise to three—one might say—most legitimate impulses of human life: brotherhood, liberty, and equality. But I have already characterized on another occasion how this triad—brotherhood, liberty, and equality—appeared to contradict the actual development of humanity within the French Revolution. When considering human development, one cannot speak of these three—brotherhood, freedom, and equality—without also speaking, in some respect, of the three aspects of human nature. With regard to the physical coexistence of human beings, humanity must gradually ascend to a brotherly element, precisely in the age of the consciousness soul. It would simply be an unspeakable misfortune and a setback in evolution if, by the end of the fifth post-Atlantean epoch—the Age of the Consciousness Soul—brotherhood had not been developed among human beings, at least to a high degree. But brotherhood can only be properly understood when one conceives of it as applied to the coexistence of human being to human being in physical existence. When one ascends, however, to the soul level, then one can speak of freedom. One will always be living in error if one believes that freedom can somehow be realized in external, physical coexistence; but from soul to soul, freedom can be realized. One must not haphazardly view human beings as a hodgepodge of elements and then speak of brotherhood, freedom, and equality; rather, one must recognize that the human being is composed of body, soul, and spirit, and must understand: People attain freedom only when they seek to become free in their souls. And people can be equal only in relation to the spirit. The spirit that moves us spiritually is the same for everyone. It is sought through the fifth life stage, the consciousness soul, which strives toward the spiritual self. And with regard to this spirit that is sought, human beings are equal—just as, in fact, in connection with this equality of the spirit, the folk proverb says: In death, all people are equal. — But if one does not distribute brotherhood, freedom, and equality across these three distinct soul elements, but instead mixes them all up haphazardly and simply says: “People should live in brotherhood on earth, be free, and be equal”—then this leads only to confusion.
[ 9 ] Wie tritt uns daher, symptomatisch betrachtet, die Französische Revolution entgegen? Gerade symptomatisch betrachtet ist die Französische Revolution außerordentlich interessant. Sie stellt dar, gewissermaßen in Schlagworten zusammengedrängt und mischmaschartig auf den ganzen Menschen undifferenziert angewendet, dasjenige, was mit allen Mitteln geistiger Menschheitsentwickelung im Laufe des Zeitalters der Bewußtseinsseele, von 1413, also 2160 Jahre mehr, bis zum Jahre 3573, allmählich entwickelt werden muß. Das ist die Aufgabe dieses Zeitraumes, daß für die Leiber die Brüderlichkeit, für die Seelen die Freiheit, für die Geister die Gleichheit erworben werden während dieses Zeitraumes. Aber ohne diese Einsicht, tumultuarisch alles durcheinanderwerfend, tritt dieses innerste Seelische des fünften nachatlantischen Zeitraumes schlagwortartig in der Französischen Revolution auf. Es steht unverstanden da die Seele des fünften nachatlantischen Zeitraumes in diesen drei Worten und kann daher zunächst keinen äußeren sozialen Leib gewinnen, führt im Grunde genommen zu Verwirrung über Verwirrung. Es kann keinen äußeren sozialen Leib gewinnen, steht aber da wie die fordernde Seele, außerordentlich bedeutsam. Man möchte sagen: Alles Innere, was dieser fünfte nachatlantische Zeitraum haben soll, steht unverstanden da und hat kein Äußeres. Aber gerade da tritt etwas symptomatisch ungeheuer Bedeutsames auf.
[ 9 ] How, from a symptomatic perspective, does the French Revolution present itself to us? Viewed precisely from this symptomatic perspective, the French Revolution is extraordinarily interesting. It represents—condensed, as it were, into catchphrases and applied in a haphazard, undifferentiated manner to the whole human being—that which must be gradually developed through all the means of humanity’s spiritual evolution over the course of the Age of the Conscious Soul, from 1413—that is, 2,160 years ago—until the year 3573. This is the task of this period: that brotherhood be attained for the bodies, freedom for the souls, and equality for the spirits during this period. But without this insight—tumbling everything into chaos—the innermost spiritual essence of the fifth post-Atlantean period appears in the form of slogans during the French Revolution. The soul of the fifth post-Atlantean epoch stands there, misunderstood, in these three words, and can therefore initially gain no outer social body; in essence, it leads to confusion upon confusion. It cannot gain an outer social body, yet it stands there like a demanding soul, extraordinarily significant. One might say: Everything inner that this fifth post-Atlantean epoch is supposed to possess stands there misunderstood and has no outer form. But it is precisely there that something symptomatically and immensely significant emerges.
[ 10 ] Sehen Sie, so etwas, wo das, was über den ganzen nächsten Zeitraum ausgedehnt werden soll, am Anfange fast tumultuarisch zutage tritt, so etwas entfernt sich sehr weit von der Gleichgewichtslage, in welcher sich die Menschheit entwickeln soll, von den Kräften, die den Menschen eingeboren sind dadurch, daß sie mit ihren ureigenen Hierarchien zusammenhängen. Der Waagebalken schlägt sehr stark einseitig aus. Luziferisch-ahrimanisch schlug durch die Französische Revolution der Waagebalken sehr stark nach der einen Seite aus, namentlich nach der luziferischen Seite. Das erzeugt einen Gegenschlag. Man spricht so, ich möchte sagen, schon mehr als bildlich, man spricht imaginativ, aber Sie müssen dabei die Worte nicht allzusehr pressen und müssen vor allen Dingen nicht die Sache wortwörtlich nehmen: In dem, was in der Französischen Revolution auftrat, ist gewissermaßen die Seele des fünften nachatlantischen Zeitraums ohne den sozialen Körper, ohne die Leiblichkeit. Es ist abstrakt, bloß seelenhaft, strebt nach Leiblichkeit; aber das soll erst geschehen im Verlauf von Jahrtausenden selbst, vielen Jahrhunderten wenigstens. Doch weil die Waagschale der Entwickelung so ausschlägt, ruft es einen Gegensatz hervor. Und was erscheint? Ein Extrem nach der anderen Seite. In der Französischen Revolution geht alles tumultuarisch zu, alles widerspricht dem Rhythmus der menschlichen Entwickelung. Indem es nach der anderen Seite ausschlägt, tritt etwas ein, wo alles nun wiederum ganz — und zwar jetzt nicht in der mittleren Gleichgewichtslage, sondern streng ahrimanisch-luziferisch — dem menschlichen Rhythmus entspricht, dem unpersönlichen Fordern der Persönlichkeit. In Napoleon stellt sich hinterher der Leib entgegen, der ganz nach dem Rhythmus der menschlichen Persönlichkeit, aber jetzt mit dem Ausschlag nach der anderen Seite, gebaut ist: sieben Jahre Vorbereitung — ich habe es schon einmal aufgezählt — für sein eigentliches Herrschertum, vierzehn Jahre Glanz, Beunruhigung von Europa, Aufstieg, sieben Jahre Abstieg, wovon er nur das erste Jahr dazu verwendet, Europa noch einmal zu beunruhigen, aber streng ablaufend im Rhythmus: einmal sieben plus zweimal sieben plus einmal sieben, streng im Rhythmus von sieben zu sieben Jahren ablaufend, viermal sieben Jahre im Rhythmus ablaufend.
[ 10 ] You see, when something—which is to be extended over the entire coming period—manifests itself almost tumultuously at the outset, it strays very far from the state of equilibrium in which humanity is meant to develop, and from the forces that are innate to human beings by virtue of their connection to their very own hierarchies. The scales tip very strongly to one side. Through the French Revolution, the scales swung very strongly toward one side—namely, the Luciferic side—in a Luciferic-Ahrimanic manner. This generates a counter-reaction. One speaks—I would say—in more than just a figurative sense; one speaks imaginatively. But you must not take the words too literally, and above all, you must not take the matter literally: In what occurred during the French Revolution lies, so to speak, the soul of the fifth post-Atlantean epoch—without the social body, without physicality. It is abstract, purely soul-like, striving for physicality; but this is only to come about in the course of millennia themselves—or at least many centuries. Yet because the scales of evolution tip in this way, it gives rise to an opposition. And what appears? An extreme on the other side. In the French Revolution, everything proceeds tumultuously; everything contradicts the rhythm of human development. As it swings to the other side, something emerges in which everything now once again corresponds entirely—and this time not in a state of middle equilibrium, but strictly in an Ahrimanic-Luciferic sense—to the human rhythm, to the impersonal demands of the personality. In Napoleon, the physical form subsequently emerges, built entirely according to the rhythm of the human personality, but now with the swing to the other extreme: seven years of preparation—as I have already enumerated—for his actual reign, fourteen years of splendor, unsettling Europe, rise, seven years of decline, of which he uses only the first year to unsettle Europe once more, but strictly unfolding in rhythm: once seven plus twice seven plus once seven, strictly unfolding in the rhythm of seven to seven years, unfolding in the rhythm of four times seven years.
[ 11 ] Ich habe mir wirklich viel Mühe gegeben — manche wissen, wie ich da oder dort darüber eine Andeutung gegeben habe —, die Seele Napoleons zu finden. Sie wissen, solche Seelenstudien können in der mannigfaltigsten Weise mit den Mitteln der Geistesforschung gemacht werden. Sie erinnern sich, wie Novalis’ Seele in früheren Verkörperungen gesucht worden ist. Ich habe mir redlich Mühe gegeben, Napoleons Seele, zum Beispiel bei ihrer Weiterwanderung nach Napoleons Tod, irgendwie zu suchen — ich kann sie nicht finden, und ich glaube auch nicht, daß ich sie je finden werde, denn sie ist wohl nicht da. Und das wird wohl das Rätsel dieses Napoleon-Lebens sein, das abläuft wie eine Uhr, sogar nach dem siebenjährigen Rhythmus, das auch am besten verstanden werden kann, wenn man es als das volle Gegenteil eines solchen Lebens wie Jakobs I. betrachtet, oder auch als das Gegenteil der Abstraktion der Französischen Revolution: die Revolution ganz Seele ohne Leib, Napoleon ganz Leib ohne Seele, aber ein Leib, der wie zusammengebraut ist aus allen Widersprüchen des Zeitalters. Es verbirgt sich eines der größten Rätsel der neuzeitlichen Entwickelungssymptome, sagen wir, in dieser merkwürdigen Zusammenstellung Revolution und Napoleon. Es ist, als ob eine Seele sich verkörpern wollte auf der Welt und körperlos erschien, und unter den Revolutionären des 18. Jahrhunderts herumrumorte, aber keinen Körper finden konnte, und nur äußerlich ihr ein Körper sich genähert hätte, der wiederum keine Seele finden konnte: Napoleon. In solchen Dingen liegen mehr als etwa bloß geistreich sein sollende Anspielungen oder Charakterisierungen, in solchen Dingen liegen bedeutsame Impulse des historischen Werdens. Allerdings müssen die Dinge symptomatisch betrachtet werden. Hier unter Ihnen rede ich in den Formen der geisteswissenschaftlichen Forschung. Aber selbstverständlich, das, was ich jetzt zu Ihnen gesprochen habe, kann man, indem man die Worte ein bißchen anders wählt, überall sonst sagen.
[ 11 ] I have really gone to great lengths—some of you know that I have hinted at this here and there—to find Napoleon’s soul. You know that such studies of the soul can be conducted in the most varied ways using the methods of spiritual research. You may recall how Novalis’s soul was sought in earlier incarnations. I have made a sincere effort to search for Napoleon’s soul in some way—for example, in its onward journey after Napoleon’s death—but I cannot find it, nor do I believe I ever will, for it is likely not there. And that is likely to be the mystery of this life of Napoleon’s, which runs like clockwork, even following a seven-year rhythm—a rhythm that can best be understood when viewed as the complete opposite of a life such as that of James I, or as the opposite of the abstraction of the French Revolution: the Revolution—a soul entirely without a body, Napoleon—all body without a soul—but a body that seems to have been brewed together from all the contradictions of the age. One of the greatest mysteries of modern historical developments lies, so to speak, in this strange combination of the Revolution and Napoleon. It is as if a soul had wanted to incarnate itself in the world and appeared bodiless, and stirred among the revolutionaries of the 18th century but could find no body, and only outwardly had a body approached it, which in turn could find no soul: Napoleon. In such things lie more than mere allusions or characterizations intended to be witty; in such things lie significant impulses of historical becoming. However, these things must be viewed symptomatically. Here among you, I am speaking in the language of spiritual scientific research. But of course, what I have just said to you can be said anywhere else by choosing the words a little differently.
[ 12 ] Und dann, wenn wir versuchen die Symptomgeschichte der neueren Zeit weiter zu verfolgen, sehen wir, verhältnismäßig ruhig, wirklich wie Glieder aufeinander folgend, das englische Wesen sich fortentwikkeln. Im 19. Jahrhundert entwickelt sich das englische Wesen bis zum Ende des 19. Jahrhunderts ziemlich gleichmäßig, ich möchte sagen, in einer gewissen Ruhe das Ideal des Liberalismus geradezu ausprägend. Es entwickelt sich das französische Wesen etwas tumultuarischer, so daß man eigentlich, wenn man die Ereignisse der französischen Geschichte im 19. Jahrhundert verfolgt, nie recht weiß: wie kam eigentlich das Folgende dazu, sich an das Vorangehende anzureihen? — unmotiviert, möchte man sagen. Das ist der hauptsächlichste Grundzug der Entwickelungsgeschichte Frankreichs im 19. Jahrhundert: unmotiviert. Es ist kein Tadel — ich spreche ganz ohne Sympathie und Antipathie —, sondern nur eine Charakteristik.
[ 12 ] And then, when we try to trace the history of its characteristics in more recent times, we see—in a relatively calm manner, truly as one link following another—the English character continuing to develop. In the 19th century, the English character developed quite steadily until the end of the century; I would say it shaped the ideal of liberalism with a certain calmness. The French character developed in a somewhat more tumultuous manner, so that when one follows the events of 19th-century French history, one never really knows: how did what followed actually come to be linked to what preceded it? — Unmotivated, one might say. That is the most fundamental characteristic of France’s history in the 19th century: unmotivated. This is not a criticism—I speak entirely without sympathy or antipathy—but merely a description.
[ 13 ] Nun wird man niemals hineinsehen können in dieses ganze Symptomgewebe der neueren Geschichte, wenn man nicht den Blick darauf wirft, wie eigentlich sich in all dem, was so mehr äußerlich — oder auch seelisch innerlich, aber doch in einem gewissen Sinne äußerlich, wie ich gestern erwähnt habe — sich abspielt, wiederum etwas anderes wirkt. Das möchte ich Ihnen so charakterisieren. Man empfindet schon in einer gewissen Weise, sogar bevor dieses fünfte nachatlantische Zeitalter beginnt, das Herannahen dieses Zeitalters der Bewußtseinsseele. Wie in einem Vorausahnen empfinden es gewisse Naturen. Und sie empfinden es eigentlich mit seinem Charakter, sie empfinden: Es kommt das Zeitalter, in dem die Persönlichkeit sich emanzipieren soll, das aber in einer gewissen Beziehung zunächst unproduktiv sein wird, nichts selbst wird hervorbringen können, das mit Bezug gerade auf die geistige Produktion, die ins soziale und geschichtliche Leben übergehen soll, vom Althergebrachten wird leben müssen.
[ 13 ] Now, one will never be able to gain insight into this entire tapestry of symptoms in recent history unless one considers how, within everything that unfolds—whether more outwardly, or even inwardly on a psychological level, yet still outward in a certain sense, as I mentioned yesterday—something else is at work. I would like to describe it to you in this way. Even before this fifth post-Atlantean epoch begins, one already senses, in a certain way, the approach of this epoch of the consciousness soul. Certain individuals sense it as if in a premonition. And they actually sense it in its true character; they sense: The age is coming in which the personality is to emancipate itself, but which, in a certain respect, will initially be unproductive, unable to produce anything on its own, and—specifically with regard to spiritual production that is to flow into social and historical life—will have to draw upon what has been handed down from the past.
[ 14 ] Das ist ja der tiefere Impuls für die Kreuzzüge, die dem Zeitalter des Bewußtseinsmenschen vorangegangen sind. Warum streben die Leute hinüber nach dem Oriente? Warum streben sie hinüber nach dem heiligen Grabe? Weil sie nicht streben können und nicht streben wollen nach einer neuen Mission, nach einer neuen ursprünglichen speziellen Idee im Bewußtseinszeitalter. Sie streben danach, das Althergebrachte in seiner wahren Gestalt, in seiner wahren Substanz sogar, zu finden: Hin nach Jerusalem, um das Alte zu finden und es auf eine andere Weise in die Entwickelung hereinzustellen, als es Rom hereingestellt hat. — Mit den Kreuzzügen ahnt man, daß heraufkommt das Zeitalter der Bewußtseinsseele mit seiner Unproduktivität, die es zunächst entfaltet. Und im Zusammenhang mit den Kreuzzügen entsteht der Tempelherrenorden, von dem ich Ihnen gestern gesprochen habe, dem der König Philipp der Schöne den Garaus gemacht hat. Und mit dem Tempelherrenorden kommen nach Europa die Geheimnisse des orientalischen Wesens, und sie werden eingeimpft der europäischen Geisteskultur. Der König von Frankreich, Philipp — ich habe das im Laufe der Zeit ja von einer anderen Seite her charakterisiert —, konnte zwar die Tempelritter hinrichten lassen, konnte ihr Geld konfiszieren, aber die Impulse der Tempelritter waren durch zahlreiche Kanäle in das europäische Leben hineingeflossen und wirkten weiter fort, wirkten fort durch zahlreiche okkulte Logen, die dann wiederum ins Exoterische hinausgingen, und die im wesentlichen so charakterisiert werden können, daß man sagen kann, sie bildeten nach und nach die Opposition gegenüber Rom. Rom war auf der einen Seite, erst allein, dann mit dem Jesuitismus verbunden, und dann stellte sich auf die andere Seite alles dasjenige, was, mit dem christlichen Elemente tief zusammenhängend, Rom radikal fremd, in Opposition gegen Rom sich stellen mußte, und auch von Rom als eine Opposition empfunden wurde und empfunden wird.
[ 14 ] That, after all, is the deeper impulse behind the Crusades that preceded the Age of Consciousness. Why do people yearn to go to the East? Why do they yearn to go to the Holy Sepulcher? Because they cannot and do not want to strive for a new mission, for a new, original, specific idea in the age of the conscious human being. They strive to find what has been handed down from antiquity in its true form, indeed in its very substance: to Jerusalem, to find the old and to introduce it into the course of development in a different way than Rome did. — With the Crusades, one senses that the age of the consciousness soul is dawning, with the unproductivity that it initially manifests. And in connection with the Crusades, the Order of the Knights Templar arises—the one I spoke to you about yesterday—which King Philip the Fair put to an end. And with the Order of the Knights Templar, the mysteries of the Eastern essence came to Europe, and they were instilled into European spiritual culture. The King of France, Philip—I have, over time, characterized this from another perspective—was indeed able to have the Knights Templar executed and their money confiscated, but the impulses of the Knights Templar had flowed into European life through numerous channels and continued to exert their influence; they continued to work through numerous occult lodges, which in turn extended into the exoteric realm, and which can essentially be characterized in such a way that one can say they gradually formed the opposition to Rome. Rome stood on one side—at first alone, then allied with Jesuitism—and on the other side stood everything that, while deeply connected to Christian elements, was radically alien to Rome, was compelled to oppose Rome, and was and is perceived by Rome as opposition.
[ 15 ] Was war denn nun eigentlich der tiefere Impuls dieser Tatsache, daß man gegenüber dem, was von Rom ausströmte, gegenüber diesem suggestiven Universalimpuls, wie ich ihn gestern charakterisiert habe, orientalisch-gnostische Lehren und Anschauungen, Symbole und Kulte nahm, die man einimpfte dem europäischen Wesen? Betrachten wir einmal, was es ist, dann wird es uns auch auf den eigentlichen Impuls führen können.
[ 15 ] What, then, was the deeper impulse behind the fact that, in response to what emanated from Rome—to this evocative universal impulse, as I characterized it yesterday—Oriental-Gnostic teachings and views, symbols, and cults were adopted and instilled into the European spirit? If we consider what this actually is, it will lead us to the true impulse behind it.
[ 16 ] Die Bewußtseinsseele sollte herankommen. Rom wollte bewahren gegenüber der Bewußtseinsseele — und bewahrt es bis heute — die suggestive Kultur, jene suggestive Kultur, welche geeignet ist, die Menschen zurückzuhalten vom Übergehen zum Bewußtseinsseelenzustand, welche geeignet sein soll, die Menschen auf dem Standpunkte der Verstandes- oder Gemütsseele zu halten. Das ist ja der eigentliche Kampf, den Rom gegen den Fortgang der Welt führt, daß es beharren will, dieses Rom, bei etwas, was für die Verstandes- oder Gemütsseele taugt, während die Menschheit in ihrer Entwickelung fortschreiten will zur Bewußtseinsseele.
[ 16 ] The consciousness soul was to come into being. Rome sought to preserve—and continues to preserve to this day—the suggestive culture, that suggestive culture which is capable of holding people back from transitioning to the state of the consciousness soul, which is intended to keep people at the level of the intellectual or emotional soul. This, after all, is the very struggle that Rome wages against the progress of the world: that Rome insists on clinging to something suitable for the intellectual or emotional soul, while humanity, in its development, seeks to advance toward the soul of consciousness.
[ 17 ] Aber auf der anderen Seite bringt sich die Menschheit mit dem Fortschritt in die Bewußtseinsseele wahrhaftig in eine recht unbehagliche Lage, die für weitaus die meisten Menschen zunächst in den ersten Jahrhunderten des Bewußtseinszeitalters und bis heute unbequem empfunden wurde. Nicht wahr, der Mensch soll sich auf sich selbst stellen, der Mensch soll als Persönlichkeit sich emanzipieren. Das verlangt von ihm das Zeitalter der Bewußtseinsseele. Er muß heraus aus all den alten Stützen. Er kann sich nicht mehr bloß suggerieren lassen dasjenige, an was er glauben soll, er soll selbsttätig teilnehmen an der Erarbeitung dessen, was er glauben soll. Das empfand man, insbesondere als dieses Zeitalter der Bewußtseinsseele heraufstieg, als eine Gefahr für den Menschen. Instinktiv fühlte man: Der Mensch verliert seinen alten Schwerpunkt; er soll einen neuen suchen. — Aber auf der anderen Seite sagte man sich auch: Wenn man gar nichts tut, was sind dann die Möglichkeiten des Geschehens? — Die eine Möglichkeit besteht darinnen, daß man einfach den Menschen hinausfahren läßt auf das offene Meer des Suchens nach der Bewußtseinsseele, ihn gewissermaßen freigibt dem, was in den freien Impulsen des Fortschrittes liegt. Die andere Möglichkeit, wenn der Mensch so hinaussegelt, ist die, daß Rom dann eine große Bedeutung gewinnt, eine große Wirkung üben kann, wenn es ihm gelingt, abzudämpfen das Streben nach der Bewußtseinsseele, um den Menschen zu erhalten beim Stehen in der Verstandes- oder Gemütsseele. Dann würde das erreicht werden, daß der Mensch nicht aufsteigt zu der Bewußtseinsseele, daß der Mensch nicht zum Geistselbst kommt, daß der Mensch seine zukünftige Entwickelung verliert. Es wäre das nur eine von den Nuancen, durch welche die zukünftige Entwickelung verloren werden könnte.
[ 17 ] But on the other hand, with its progress into the soul of consciousness, humanity is truly placing itself in a rather uncomfortable situation—one that the vast majority of people found uncomfortable, initially during the first centuries of the Age of Consciousness and right up to the present day. Isn’t it true that human beings are supposed to stand on their own two feet, that they are supposed to emancipate themselves as individuals? That is what the Age of the Consciousness Soul demands of them. They must break free from all the old crutches. They can no longer simply allow themselves to be told what to believe; they must actively participate in working out for themselves what they are to believe. This was perceived, especially as this age of the conscious soul dawned, as a danger to humanity. Instinctively, people sensed: Humanity is losing its old center of gravity; it must seek a new one. — But on the other hand, people also asked themselves: If we do nothing at all, what are the possible outcomes? — One possibility is simply to let humanity sail out onto the open sea of the search for the soul of consciousness, to release them, as it were, to the free impulses of progress. The other possibility, if humanity sails out in this way, is that Rome would then gain great significance and exert a powerful influence if it succeeds in dampening the striving for the soul of consciousness, in order to keep humanity rooted in the soul of understanding or the soul of feeling. This would result in human beings not ascending to the soul of consciousness, not reaching the spiritual self, and thus losing their future development. This would be just one of the nuances through which future development could be lost.
[ 18 ] Die dritte Möglichkeit ist die folgende: Man geht noch radikaler vor, man versucht sein Streben ganz abzutöten, damit der Mensch nicht in diese pendelnde Schwingung kommt zwischen dem Streben nach der Bewußtseinsseele und dem Streben, das ihm Rom auferlegt. Damit der Mensch nicht in diese pendelnden Schwingungen kommt, untergräbt man sein Streben vollständig, noch radikaler als Rom. Das tut man dann, wenn man die fortschreitenden Impulse eben gerade der Kraft des Fortschrittes entkleidet und das Alte wirken läßt. Vom Oriente hatte man es mitgebracht, allerdings ursprünglich bei den esoterisch eingeweihten Templern in einer anderen Absicht. Aber nachdem diesem Streben die Spitze abgebrochen war, nachdem der Tempelherrenorden zunächst so behandelt worden war, wie er eben von Philipp dem Schönen, dem König von Frankreich, behandelt worden ist, da war geblieben, was man so herübergebracht hatte aus Asien an Kultur. Aber es war ihm zunächst die Spitze abgebrochen, in der Historik, nicht bei einzelnen Persönlichkeiten, aber in der historischen Welt. Durch zahlreiche Kanäle, wie ich gesagt habe, war eingeträufelt das, was die Templer herübergebracht haben, aber der eigentliche spirituelle Gehalt war ihm vielfach genommen worden. Und was war es denn? Es war im wesentlichen der Inhalt der dritten nachatlantischen Zeit. Die Katholizität brachte den Inhalt der vierten. Und dasjenige, woraus der Geist ausgepreßt war wie der Saft aus einer Zitrone, was sich fortpflanzte als exoterisches Freimaurertum, als schottische oder Yorklogen oder wie immer, was namentlich ergriff der falsche Esoterismus der englischsprechenden Bevölkerung, das ist die ausgepreßte Zitrone, die daher, nachdem sie ausgepreßt ist, die Geheimnisse des dritten nachatlantischen, des ägyptisch-chaldäischen Zeitraumes enthält, und was nun angewendet wird, um Impulse hineinzusenden in das Leben der Bewußtseinsseele.
[ 18 ] The third possibility is as follows: One takes an even more radical approach, attempting to completely extinguish one’s striving so that the individual does not fall into this oscillating vibration between the striving for the soul of consciousness and the striving imposed upon him by Rome. To prevent the individual from falling into this oscillating state, one completely undermines their striving—even more radically than Rome does. This is achieved by stripping the progressive impulses of the very force of progress itself and allowing the old to take effect. This had been brought over from the East, though originally by the esoterically initiated Templars for a different purpose. But after the edge had been taken off this striving, after the Order of the Knights Templar had initially been treated as it was by Philip the Fair, King of France, what remained was the culture that had been brought over from Asia. But its momentum had initially been cut short—in history, not in the lives of individual personalities, but in the historical world. As I have said, what the Templars had brought over had trickled in through numerous channels, but its actual spiritual content had been stripped away in many respects. And what was it, then? It was essentially the content of the third post-Atlantean epoch. Catholicism brought the content of the fourth. And that from which the spirit had been squeezed out like juice from a lemon—which propagated as exoteric Freemasonry, as Scottish or York Rites or whatever—and which, in particular, was seized upon by the false esotericism of the English-speaking population—that is the squeezed lemon, which, having been squeezed, contains the mysteries of the third post-Atlantean, the Egyptian-Chaldean period, and which is now being used to send impulses into the life of the consciousness soul.
[ 19 ] Da entsteht sogar etwas, was wirklich wie im bösesten Sinne ähnlich sieht dem Entwickelungsgange, der stattfinden soll. Denn erinnern Sie sich nur an folgendes, das ich Ihnen einmal dargestellt habe. Ich habe Ihnen gesprochen von der Entwickelung in den sieben Zeiträumen (siehe Zeichnung). Hier zu Beginn haben wir die atlantische Katastrophe, dann den ersten nachatlantischen Zeitraum, den zweiten, dritten, vierten, fünften, sechsten, siebenten. Die Entwickelung geschieht so, daß der vierte für sich allein dasteht, gewissermaßen die Mitte bildet. Dasjenige, was charakteristisch war im dritten, erscheint wiederum, nur auf einer höheren Stufe, im fünften. Was im zweiten charakteristisch war, tritt wiederum auf einer höheren Stufe auf im sechsten. Was im ersten, im urindischen Zeitraum charakteristisch war, erscheint wiederum im siebenten. Solche Übergreifungen finden statt. Erinnern Sie sich, wie ich gesagt habe, daß es einzelne Geister gibt, die sich bewußt sind dieses Übergreifens, wie in Kepler — als er versuchte, in seiner Art im fünften nachatlantischen Zeitraum die Harmonien im Kosmos durch seine drei Keplerschen Gesetze zu erklären, indem er sagte: Ich bringe herbei die goldenen Gefäße der Ägypter und so weiter — das Bewußtsein auftaucht, daß wiederersteht im Menschen des fünften nachatlantischen Zeitraumes dasjenige, was Inhalt des dritten nachatlantischen Zeitraumes war. In gewissem Sinne schafft man also etwas Ähnliches, wie es sich vollziehen will in der Welt, wenn man den Esoterismus, die Kulte des ägyptisch-chaldäischen Zeitalters, herübernimmt. Aber man kann das, was man da herübernimmt, dazu benützen, um jetzt nicht nur durch Suggestion der Bewußtseinsseele die Selbständigkeit zu nehmen, sondern um die eigentlich treibende Kraft der Bewußtseinsseele abzudämpfen, zu lähmen. Und das ist von dieser Seite aus vielfach gelungen: einzuschläfern die Bewußtseinsseele, die heraufkommen soll. Das ist von dieser Seite aus vielfach gelungen.
[ 19 ] In fact, something is emerging that, in the worst possible sense, resembles the course of development that is supposed to take place. Just recall the following, which I once explained to you. I spoke to you about evolution in the seven epochs (see diagram). Here, at the beginning, we have the Atlantean catastrophe, then the first post-Atlantean epoch, the second, third, fourth, fifth, sixth, and seventh. The development proceeds in such a way that the fourth period stands alone, forming, so to speak, the center. What was characteristic of the third period reappears, but on a higher level, in the fifth. What was characteristic of the second period reappears, again on a higher level, in the sixth. What was characteristic of the first, the primordial Indian period, reappears in the seventh. Such overlaps take place. Remember how I said that there are individual spirits who are aware of this overlap, as in Kepler—when he attempted, in his own way during the fifth post-Atlantean epoch, to explain the harmonies of the cosmos through his three Keplerian laws, saying: “I bring forth the golden vessels of the Egyptians,” and so on—the awareness arises that what was the essence of the third post-Atlantean epoch is being revived in the human being of the fifth post-Atlantean epoch. In a certain sense, then, one creates something similar to what is about to unfold in the world when one adopts the esotericism and cults of the Egyptian-Chaldean era. But one can use what is adopted in this way not only to deprive the soul of consciousness of its independence through suggestion, but also to dampen and paralyze the very driving force of the soul of consciousness. And from this perspective, they have succeeded in many ways: in lulling to sleep the consciousness soul that is meant to emerge. From this perspective, they have succeeded in many ways.


[ 20 ] Rom — ich spreche jetzt bildlich — braucht den Weihrauch und schläfert die Leute halb ein, indem es ihnen Träume verursacht. Diejenige Bewegung, die ich jetzt meine, die schläfert die Leute, das heißt die Bewußtseinsseele, vollständig ein. Das sickerte auch in die Entwickelung der neueren Menschheit geschichtlich hinein. Und so haben Sie auf der einen Seite dasjenige, was sich bildet, indem tumultuarisch Brüderlichkeit, Freiheit, Gleichheit auftreten, indem auf der anderen Seite aber der Impuls da ist, der die Menschen im Laufe des fünften nachatlantischen Zeitalters verhindert, das klar einzusehen, wie Brüderlichkeit, Freiheit und Gleichheit die Menschen ergreifen sollen. Denn das können sie nur klar einsehen, wenn sie die Bewußtseinsseele zur rechten Selbsterkenntnis verwenden können, wenn sie aufwachen in der Bewußtseinsseele. Wachen die Menschen auf in der Bewußtseinsseele, so fühlen sie sich zunächst im Leibe, in der Seele und im Geiste. Das aber soll gerade eingeschläfert werden. So daß wir diese zwei Strömungen in der neueren Geschichte drinnen haben: Auf der einen Seite will man, nun der Impuls nach der Bewußtseinsseele da ist, chaotisch Brüderlichkeit, Freiheit, Gleichheit. Auf der anderen Seite ist das Bestreben der verschiedensten Orden, auszulöschen das Aufwachen in der Bewußtseinsseele, damit einzelne Individualitäten dieses Aufwachen in der Bewußtseinsseele für sich benützen können. Diese zwei Strömungen gehen ineinander im ganzen Verlauf des geschichtlichen Lebens der Neuzeit.
[ 20 ] Rome—I am speaking figuratively here—needs incense and lulls people half to sleep by inducing dreams in them. The movement I am referring to here lulls people—that is, the conscious soul—completely to sleep. This also seeped into the historical development of modern humanity. And so, on the one hand, you have what takes shape through the tumultuous emergence of brotherhood, freedom, and equality; while on the other hand, there is the impulse that, in the course of the fifth post-Atlantean epoch, prevents people from clearly seeing how brotherhood, freedom, and equality should take hold of them. For they can only clearly perceive this if they can use the soul of consciousness for true self-knowledge, if they awaken within the soul of consciousness. When people awaken within the soul of consciousness, they first feel themselves in body, soul, and spirit. But this is precisely what is meant to be lulled to sleep. So we have these two currents at work in recent history: On the one hand, now that the impulse toward the soul of consciousness is present, there is a chaotic demand for brotherhood, freedom, and equality. On the other hand, various orders strive to extinguish this awakening in the soul of consciousness so that individual personalities cannot use this awakening for their own purposes. These two currents intertwine throughout the entire course of modern history.
[ 21 ] Und nun bereitet sich etwas vor. Indem die neuere Zeit ins 18. Jahrhundert hineinstürmt und in den Anfang des 19. Jahrhunderts, bis ungefähr in die Mitte des 19. Jahrhunderts, ist zunächst stark ein Anhub nach der Emanzipation der Persönlichkeit da, weil, wenn so viele Strömungen da sind, wie ich Ihnen charakterisiert habe, sich die Sache nicht sukzessiv bequem, sondern in Flut und Ebbe vollzieht. Und wir sehen auf nationalem Grunde und aus den anderen Impulsen heraus, die ich Ihnen für den Westen von Europa charakterisiert habe, wie sich entwickelt das, was hin will zu der Emanzipation der Persönlichkeit, was aus der Nationalität heraus und ins Allgemein-Menschliche hinein will. Nur kann es sich nicht ordentlich selbständig entwickeln, weil immer die Gegenströmung ist von jenen Orden, die, insbesondere in England, furchtbar das ganze öffentliche Leben infizieren, viel mehr als die äußere Welt irgend meint. Es kann sich nicht entwickeln. Und so sehen wir, wie so merkwürdige Persönlichkeiten auftreten wie Richard Cobden, wie John Bright, die auf der einen Seite wirklich erfaßt sind von dem Impuls nach der Emanzipation der Persönlichkeit, nach der Überwindung des Nationalen durch die Persönlichkeit über die ganze Erde hin, die so weit kamen, daß sie an etwas tippten, was politisch von größter Bedeutung sein könnte, wenn es sich einmal hineinwagen würde in die neuere geschichtliche Entwickelung, aber differenziert je nach den verschiedenen Gegenden, denn natürlich haben es die Leute nur für ihre Gegend charakterisiert: das Prinzip der Nichtintervention in andere Angelegenheiten von seiten des Inselreiches als Grundprinzip eines Liberalismus. Es war etwas sehr Bedeutsames, aber es wurde, kaum entstanden, ganz abgestumpft durch das andere Bestreben, das aus dem Impuls des dritten nachatlantischen Zeitraumes heraus war. Und so sehen wir, wie bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts von Westen her dasjenige entsteht, was man gewöhnlich Liberalismus nennt, liberale Gesinnung — bald nennt man es freisinnig —, nun, so wie es einem gerade gefällt. Sie wissen aber, ich meine diejenige Anschauung, die sich am deutlichsten auf politischem Gebiete ausgeprägt hat im 18. Jahrhundert als politische Aufklärung, im 19. Jahrhundert als ein gewisses politisches Streben, das man das liberale politische Streben nannte, und das so allmählich versickerte und ausstarb im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts.
[ 21 ] And now something is taking shape. As modern times surge into the 18th century and into the early 19th century—up to about the middle of the 19th century—there is initially a strong surge toward the emancipation of the individual, because when there are so many currents, as I have described to you, the process does not unfold gradually and smoothly, but rather in ebbs and flows. And we see, on a national basis and arising from the other impulses I have described to you for Western Europe, how that which strives toward the emancipation of the individual—that which seeks to move from nationality toward the universal human—develops. But it cannot develop properly on its own, because there is always the countercurrent from those orders which, especially in England, terribly infect the whole of public life, far more than the outside world realizes. It cannot develop. And so we see the emergence of such remarkable figures as Richard Cobden and John Bright, who, on the one hand, are truly gripped by the impulse toward the emancipation of the individual—toward the overcoming of the national by the individual across the entire globe—and who went so far as to touch upon something that could be of the greatest political significance, if it were ever to venture into more recent historical developments—though differentiated according to the various regions, for naturally people characterized it only in terms of their own region: the principle of non-intervention in the affairs of others on the part of the island kingdom as the fundamental principle of liberalism. It was something very significant, but no sooner had it emerged than it was completely blunted by the other aspiration that arose from the impulse of the third post-Atlantic period. And so we see how, from the West, what is commonly called liberalism—a liberal mindset—began to emerge by the middle of the 19th century; soon it was called “liberal-minded”—well, whatever name one prefers. But as you know, I am referring to the worldview that manifested itself most clearly in the political sphere in the 18th century as the political Enlightenment, and in the 19th century as a certain political movement known as the liberal political movement, which gradually faded away and died out in the last third of the 19th century.
[ 22 ] Das, was gerade in den sechziger Jahren zum Beispiel überall noch als liberales Element auftrat, trat ja allmählich im wirklichen Leben ganz zurück. Dafür trat etwas anderes ein. Da nähern wir uns bedeutsamen Symptomen des neueren geschichtlichen Lebens. Was mußte nun geschehen? Nicht wahr, eine Zeitlang war der Stoß der Bewußtseinsseele so, daß er eine Flut nach oben getrieben hat: die liberalisierende Flut (s. Zeichung. S.50, rot). Aber was so ausschlägt nach der einen Seite, schlägt dann wiederum nach der anderen Seite aus (blau), so daß wir auch ein Ausschlagen nach der anderen Seite haben. Das wird der Gegenschlag des Liberalismus sein (Pfeil abwärts). Stellen wir uns nur die Sache gut vor. Der Liberalismus entstand dadurch, daß sich die Menschen, die ihn vertraten, innerlich, ich möchte sagen, so recht faßten, so recht in die Hand nahmen und anstürmten gegen die Fangarme der Erde, wie ich es Ihnen charakterisiert habe. Sie machten sich los, ließen sich nicht kapern, wenn ich den trivialen Ausdruck gebrauchen darf, waren einfach von allgemeinen menschlichen Ideen erfaßt. Aber das andere war doch da, wirkte im Werden der neueren Zeit und brachte allmählich diese sehr dünn vertretenen sogenannten liberalen Ideen zu sich hinüber. Und schon um die Mitte des 19. Jahrhunderts waren an dem politischen Himmel eigentlich die liberalen Ideen aussichtslos, denn diejenigen, die später noch liberale Ideen vertraten, machen doch eigentlich mehr oder weniger den Eindruck von Invaliden des politischen Denkens. Die liberalen Parteien der späteren Zeit waren so mehr die Nachhumpler nur, denn seit der Mitte des 19. Jahrhunderts machte sich immer mehr und mehr geltend die Frucht desjenigen, was aus jenen Orden und Geheimgesellschaften des Westens heraus kam: die Einschläferung, Einlullung der Bewußtseinsseele als solcher. Dann wirkt das Seelische und Geistige gar nicht mehr, dann wirkt zunächst nur dasjenige, was in der äußeren sinnlich-physischen Welt da ist. Und das trat auf in der neueren Zeit seit der Mitte des 19. Jahrhunderts als der seiner selbst bewußte Sozialismus in allen möglichen Formen.
[ 22 ] What, for example, was still widely regarded as a liberal element in the 1960s gradually receded entirely from real life. Something else took its place. Here we are approaching significant symptoms of recent historical life. What was bound to happen? For a time, the impulse of the conscious soul was such that it drove a flood upward: the liberalizing flood (see diagram, p. 50, red). But what swings so far in one direction inevitably swings back in the opposite direction (blue), so that we also have a swing in the other direction. This will be the counter-swing of liberalism (downward arrow). Let us just picture the situation clearly. Liberalism arose because the people who advocated it, inwardly—I would say—really came into their own, really took control, and stormed against the earth’s tentacles, as I have described to you. They broke free, did not allow themselves to be captured—if I may use that trivial expression—and were simply gripped by universal human ideas. But the other force was there all along, shaping the course of modern times and gradually drawing these very sparsely represented so-called liberal ideas over to its side. And by the middle of the 19th century, liberal ideas were already essentially hopeless in the political arena, for those who continued to advocate liberal ideas later on actually gave the impression, to a greater or lesser extent, of being invalids of political thought. The liberal parties of later times were thus merely laggards, for since the mid-19th century, the fruit of what emerged from those Western orders and secret societies had become increasingly prevalent: the lulling to sleep, the soothing of the conscious soul as such. Then the soul and the spirit cease to have any effect at all; at first, only that which exists in the outer, sensory-physical world has an effect. And this has manifested in modern times, since the mid-19th century, as self-conscious socialism in all its various forms.


[ 23 ] Dieser Sozialismus, der da auftrat, kann nur geistig durchdrungen werden: mit Pseudogeist, mit der Maske des Geistes, mit der bloßen Verstandeskultur, die das Tote nur erfassen kann, nicht. Und mit einer solchen toten Wissenschaft hat zunächst Lassalle gerungen, aber Marx und Engels haben sie ausgebildet, diese tote Wissenschaft. Und so bildete sich im Sozialismus, der als Theorie sich bestrebte, praktisch zu werden und in der Praxis nichts Rechtes zusammenbrachte, weil er auf dem Standpunkt der Theorie immer stehenblieb, eines der bedeutendsten Symptome der neueren geschichtlichen Entwickelung der Menschheit heraus. Wir müssen schon einige charakteristische Dinge dieses Sozialismus vor unsere Seele hinstellen.
[ 23 ] This form of socialism that emerged can only be understood intellectually: not with a pseudo-spirit, with the mask of the spirit, or with mere intellectual culture, which can grasp only what is dead. And it was Lassalle who first grappled with such a dead science, but Marx and Engels were the ones who developed it—this dead science. And so, within socialism—which, as a theory, strove to become practical but achieved nothing of substance in practice because it always remained stuck at the theoretical level—one of the most significant symptoms of humanity’s recent historical development emerged. We must bring certain characteristic aspects of this socialism to the forefront of our minds.
[ 24 ] Es sind ja drei Überzeugungen oder Überzeugungsteile, besser gesagt, die den neuzeitlichen Sozialismus charakterisieren. Er fußt erstens auf der materialistischen Geschichtsauffassung, zweitens auf der Anschauung von dem Mehrwert im Wirtschaftlichen, im volkswirtschaftlichen Zusammenhange, und drittens auf der Theorie der Klassenkämpfe. Das ist im wesentlichen dasjenige, was Millionen von Menschen heute als Überzeugung erfüllt über die Erde hin, was sich in diesen drei Dingen zusammenfassen läßt: Theorie der Klassenkämpfe, volkswirtschaftliche Anschauung von der Entstehung des Mehrwertes, materialistische Geschichtstheorie.
[ 24 ] There are, in fact, three beliefs—or rather, aspects of belief—that characterize modern socialism. It is based, first, on the materialist conception of history; second, on the concept of surplus value in an economic and macroeconomic context; and third, on the theory of class struggle. This is essentially what fills millions of people across the globe with conviction today, and it can be summarized in these three points: the theory of class struggle, the economic view of the origin of surplus value, and the materialist theory of history.
[ 25 ] Versuchen wir uns ganz klar zu machen, damit wir die Symptome, die ich hier meine, gut verstehen als Unterbau für das, was wir eben morgen darauf bauen wollen, erstens: Was ist materialistische Geschichtsauffassung? — Materialistische Geschichtsauffassung meint: Alles was geschieht im Laufe der Menschheitsentwickelung, geschieht nur aus äußeren, rein materiellen Impulsen. Die Menschen müssen essen, müssen trinken, die Menschen müssen das, was sie zu essen und zu trinken brauchen, von da- und dorther holen. Sie müssen also miteinander handeln, sie müssen das erzeugen, was die Natur nicht selbst erzeugt. Aber das ist dasjenige, was überhaupt menschliche Entwickelung erzeugt. Wenn in irgendeinem Zeitalter, sagen wir, ein Lessing auftritt — ich will einen bekannten Namen wählen —, warum tritt Lessing auf, wie er im 18. Jahrhundert aufgetreten ist? Nun, seit dem 16. Jahrhundert, aber insbesondere auch im 18. Jahrhundert ist durch die Einführung des mechanischen Webstuhls, der Spinnmaschine und so weiter eine starke Scheidung entstanden — sie war im Entstehen —, die sich da vorbereitet hat zwischen Bürgertum und dem nachrückenden Proletariat. Das Proletariat war noch kaum da, aber es war gewissermaßen schon glimmend unter der Oberfläche des sozialen Daseins. Aber gegenüber den früheren Ständen war im Verlauf des wirtschaftlichen Lebens der Neuzeit der Bürgerstand erstarkt. Durch die Art und Weise, wie man als Bürger lebt, so daß man den Arbeiter unter sich hat, daß man nicht mehr recht anerkennt die früheren Stände, daß man es dazu gebracht hat, die Gütererzeugung, die Güterverarbeitung, die Güterverteilung so zu machen, wie es eben der Bürger macht, dadurch wird eine gewisse Denkweise allgemein, die nichts anderes ist also ein ideologischer Oberbau für die Art, wie das Bürgertum Güter produziert, verarbeitet und verhandelt. Das bedingt, daß man in einer gewissen Weise denkt. Derjenige, der nicht ein Bürger ist, der noch ein Bauer ist, der von der Natur umgeben ist, mit der Natur zusammenlebt, der denkt anders. Aber es ist nur eine Ideologie, wie er denkt, denn das, worauf es ankommt, das ist die Art, wie er Güter erzeugt, verarbeitet und verhandelt. Der Bürger denkt dadurch, daß er in Städten zusammengepfropft ist, anders als der Bauer. Er löst sich los von der Scholle, sieht nicht die Natur, daher ist der Zusammenhang für ihn abstrakt. Er wird ein Aufgeklärter, der so im Allgemeinen, im Abstrakten von Gott denkt. Aber das ist alles die Folge davon, daß er Güter erzeugt. — Ich spreche die Sache etwas kraß aus, aber in einer gewissen Weise ist es so. — Dadurch, daß man in einer gewissen Weise seit dem 16. Jahrhundert Güter verarbeitet und verhandelt, hat sich ein Denken herausgebildet, das in einer besonderen Art bei Lessing zum Vorschein kommt. Lessing ist der Repräsentant des auf seiner Höhe stehenden Bürgertums, hinter dem das Proletariat nachhinkt in seiner Entwickelung. — So ähnlich ist Herder, Goethe und so weiter zu erklären. All das ist ein Oberbau; wirklich ist für die elementare materialistische Auffassung nur dasjenige, was aus der Gütererzeugung, Güterverarbeitung, aus dem Güterverhandeln kommt.
[ 25 ] Let’s try to be very clear about this so that we can fully understand the symptoms I’m referring to here as a foundation for what we plan to build upon tomorrow. First: What is the materialist conception of history? — The materialist conception of history holds that everything that happens in the course of human development occurs solely as a result of external, purely material impulses. People must eat, must drink; they must obtain from here and there what they need to eat and drink. They must therefore interact with one another; they must produce what nature does not produce on its own. But that is precisely what drives human development in the first place. If, in any given era, let’s say a Lessing appears—I’ll choose a well-known name—why does Lessing appear, as he did in the 18th century? Well, since the 16th century, but especially in the 18th century, the introduction of the mechanical loom, the spinning machine, and so on had brought about a sharp division—it was in the making—that was taking shape between the bourgeoisie and the emerging proletariat. The proletariat was barely there yet, but it was, so to speak, already smoldering beneath the surface of social existence. But compared to the earlier estates, the bourgeoisie had grown stronger in the course of modern economic life. Through the very way one lives as a bourgeois—having workers beneath one, no longer truly recognizing the earlier estates, and having brought about a system where the production, processing, and distribution of goods are carried out exactly as the bourgeois does— a certain way of thinking becomes widespread, which is nothing other than an ideological superstructure for the way the bourgeoisie produces, processes, and trades goods. This necessitates thinking in a certain way. Those who are not bourgeois—who are still peasants, surrounded by nature and living in harmony with it—think differently. But the way they think is merely an ideology, for what really matters is the way they produce, process, and trade goods. Because the bourgeois is crammed together in cities, he thinks differently from the peasant. He breaks away from the soil, does not see nature, and therefore the connection is abstract to him. He becomes an Enlightened person who thinks of God in general, abstract terms. But all of this is a consequence of the fact that he produces goods. — I’m putting it rather bluntly, but in a certain sense, that’s how it is. — Because goods have been processed and traded in a certain way since the 16th century, a mode of thought has emerged that manifests itself in a particular way in Lessing. Lessing is the representative of the bourgeoisie at the height of its development, behind which the proletariat lags in its own development. — Herder, Goethe, and so on can be explained in a similar way. All of this is a superstructure; for the elementary materialist conception, the only reality is that which arises from the production, processing, and trading of goods.
[ 26 ] Das ist materialistische Geschichtsauffassung. Will man das Christentum erklären, so hat man zu erklären, wie in der Zeit, als unsere Zeitrechnung begonnen hat, die Handelsverhältnisse zwischen dem Orient und dem Okzident andere geworden sind, man hat zu erklären, wie die Ausbeutung der Sklaven, die Verhältnisse der Herren zu den Sklaven sich verwandelt haben, und dann daraus zu erklären, wie sich über all diesem wirtschaftlichen Spiel ein ideologischer Oberbau entwickelt: das ist das Christentum. Weil die Menschen zu einer anderen Notwendigkeit gekommen sind, das zu erzeugen, was sie essen und was sie zum Essen verhandeln sollen, als das früher der Fall war, deshalb haben sie anders gedacht. Und weil ein radikalster wirtschaftlicher Umschwung im Beginne unserer Zeitrechnung war, so trat auch jener radikale Umschwung im ideologischen Oberbau ein, der sich als Christentum charakterisiert. — Das ist der erste Teil jener Überzeugungen, die sich seit der Mitte des 19. Jahrhunderts durch Millionen und Millionen Herzen Bahn gebrochen haben.
[ 26 ] This is a materialist view of history. If one wishes to explain Christianity, one must explain how, at the time our calendar began, trade relations between the East and the West had changed; one must explain how the exploitation of slaves and the relationship between masters and slaves had transformed; and then, based on that, explain how an ideological superstructure developed over all this economic interplay: that is Christianity. Because people came to face a different necessity—that of producing what they eat and what they trade for food—than had been the case in the past, they began to think differently. And because a most radical economic upheaval took place at the beginning of our era, that same radical upheaval also occurred in the ideological superstructure, which is characterized as Christianity. — This is the first part of those convictions that have made their way into millions and millions of hearts since the mid-19th century.
[ 27 ] Diejenigen, die im Bourgeoistum geblieben sind, haben eigentlich keine Ahnung, wie tief, tief eingefressen in weitesten Kreisen diese Anschauung ist. Gewiß, die Professoren, die von den Ideen der Geschichte sprechen, die von allerlei historischen Schatten sprechen, die haben ein Publikum. Aber selbst unter den Professoren haben sich einzelne in der letzten Zeit zum Marxismus schon leise hingezogen gefühlt. Aber unter den breiten Menschenmassen haben sie kein Publikum. Das ist aber im Zeitalter der Bewußtseinsseele, und der Impuls der Bewußtseinsseele wirkt fort. Die Leute wachen auf, sofern man sie aufwachen läßt. Man versucht, von der einen Seite sie einzuschläfern; von der anderen Seite verlangen sie aber, ich möchte sagen, mitten im Schlafe, wieder aufzuwachen. Da sie nichts anderes haben als die Hinlenkung des Sinnes auf die rein materielle Welt, bilden sie sich die materialistische Geschichtswissenschaft aus. Und so entstanden jene eigentümlichen Symptome: Einer der edelsten, liberalsten Geister, Schiller, wurde lange gefeiert, wurde äußerlich ungemein bewundert. 1859 wurden zur Jubelfeier seiner Geburt überall Denkmäler errichtet. In meiner Jugend lebte in Wien ein Mann, Heinrich Deinhardt hieß er, der bemühte sich, in einer sehr schönen Schrift die Menschen einzuführen in wirkliche Ideengänge Schillers, in seine Ideengänge, die er niedergelegt hat in den Briefen über die ästhetische Erziehung des Menschen. Die ganze Auflage dieses Werkes ist eingestampft worden! Der Verfasser, dieser Heinrich Deinhardt, hatte einmal das Malheur, daß er berührt wurde, glaube ich, von einem vorüberfahrenden Wagen — kurz, er fiel um auf der Straße, brach sich das Bein, und konnte nicht kuriert werden — obwohl es ein leichter Beinbruch war —, weil er so unterernährt war, daß man ihn nicht gesundmachen konnte. Er konnte das nicht überstehen. Das ist nur ein Symptom für die Art und Weise, wie das 19. Jahrhundert jene behandelt hat, die nun wirklich Schiller haben verständlich machen wollen, die die großen Ideen Schillers haben einführen wollen in das allgemeine Zeitbewußtsein. Gewiß werden Sie sagen, oder werden andere sagen: Gibt es denn nicht schöne Bestrebungen auf allen Gebieten? — Die gibt es schon, wir werden auch davon noch im Laufe der Zeit sprechen, aber sie führen alle zum großen Teile in Sackgassen hinein.
[ 27 ] Those who have remained within the bourgeoisie actually have no idea how deeply, deeply ingrained this view is in the broadest circles. Certainly, the professors who speak of the ideas of history, who speak of all manner of historical shadows—they have an audience. But even among the professors, a few have recently felt a quiet attraction to Marxism. Yet they have no audience among the broad masses of people. This, however, is the age of the soul of consciousness, and the impulse of the soul of consciousness continues to take effect. People are waking up, insofar as they are allowed to wake up. On the one hand, attempts are made to lull them to sleep; on the other hand, however—I might say, even in the midst of sleep—they demand to wake up again. Since they have nothing else but the directing of their senses toward the purely material world, they develop a materialistic view of history. And so these peculiar phenomena arose: one of the noblest, most liberal minds, Schiller, was long celebrated and outwardly admired to an extraordinary degree. In 1859, monuments were erected everywhere to mark the jubilee of his birth. In my youth, there lived a man in Vienna named Heinrich Deinhardt who endeavored, in a very beautiful treatise, to introduce people to Schiller’s true trains of thought—the very ideas he had set forth in his Letters on the Aesthetic Education of Man. The entire print run of this work was pulped! The author, this Heinrich Deinhardt, once had the misfortune of being struck—I believe—by a passing carriage; in short, he fell over on the street, broke his leg, and could not be cured—even though it was a minor fracture—because he was so malnourished that it was impossible to restore him to health. He did not survive. This is merely one symptom of the way the 19th century treated those who truly sought to make Schiller understandable, those who wanted to introduce Schiller’s great ideas into the general consciousness of the age. Certainly you will say, or others will say: Are there not noble endeavors in all fields? — There certainly are, and we will speak of them as well in due course, but for the most part they all lead to dead ends.
[ 28 ] Das ist das eine Glied der sozialistischen Überzeugung. Das zweite ist die Theorie des Mehrwertes. Man kann sie kurz etwa in folgendem charakterisieren, daß man sagt: Die neuere Produktionsweise hat es dahin gebracht, daß derjenige, welcher verwendet werden muß, um Güter zu erzeugen, um Güter zu verarbeiten, seine eigene Lebenskraft zur Arbeitskraft machen muß, die dann ebenso eine Marktware wird wie andere Marktwaren. Denn es entstehen zwei Klassen von Menschen: die Unternehmer und die Arbeiter. Die Unternehmer sind die Kapitalisten, und die haben daher die Produktionsmittel. Sie haben die Fabrik, sie haben die Werkzeuge, sie haben alles, was zu den Produktionsmitteln gehört. Das ist die eine Sorte von Menschen, die Arbeitgeber; sie haben die Produktionsmittel. Dann sind die Arbeiter da; die haben keine Produktionsmittel, sondern nur das einzige auf den Markt zu bringen: ihre Arbeitskraft. Dadurch, daß dieser Gegensatz besteht zwischen dem Unternehmer und dem Arbeiter, daß dem Unternehmer, welcher der Besitzer der Produktionsmittel ist, der besitzlose Arbeiter gegenübersteht, der nur seine Arbeitskraft auf den Markt bringen kann, dadurch ist es möglich, die Entschädigungen für die Ware Arbeit — Ware Arbeit! — auf ein Minimum herabzudrücken, und alles übrige fließt dem Besitzer der Produktionsmittel, das heißt dem Unternehmer, als Mehrwert zu. Dadurch verteilt sich dasjenige, was produziert wird für den Markt und für die Menschheit, also für den Konsum, im ganzen so, daß der Arbeiter nur Entschädigungen bekommt, ein Minimum; das andere fließt als Mehrwert dem Unternehmertum zu. — Das ist marxistische Theorie. Und das ist die Überzeugung wiederum von Millionen Menschen. — Und dies ist lediglich durch die ganz bestimmte wirtschaftliche Struktur herbeigeführt, welche das soziale Leben der neueren Zeit angenommen hat. Das führt zuletzt dazu, daß es Ausbeuter und Ausgebeutete gibt.
[ 28 ] That is one aspect of socialist conviction. The second is the theory of surplus value. It can be briefly characterized as follows: The modern mode of production has led to a situation in which those who must be employed to produce and process goods must transform their own life force into labor power, which then becomes a market commodity just like any other. For two classes of people emerge: the entrepreneurs and the workers. The entrepreneurs are the capitalists, and they therefore own the means of production. They own the factory, they own the tools, they own everything that constitutes the means of production. This is one group of people, the employers; they own the means of production. Then there are the workers; they own no means of production, but have only one thing to offer on the market: their labor power. Because of this contrast between the entrepreneur and the worker—because the entrepreneur, who owns the means of production, is opposed by the propertyless worker, who can offer only his labor power on the market—it is possible to drive down the compensation for the commodity “labor”—commodity “labor”!—to a minimum, and everything else flows to the owner of the means of production, that is, the entrepreneur, as surplus value. As a result, what is produced for the market and for humanity—that is, for consumption—is distributed in such a way that the worker receives only a minimum in compensation; the rest flows to the capitalist class as surplus value. — That is Marxist theory. And that, in turn, is the conviction of millions of people. — And this is brought about solely by the very specific economic structure that modern social life has taken on. Ultimately, this leads to the existence of exploiters and the exploited.
[ 29 ] Es sind im wesentlichen diese Kategorien, mit denen, seit der Mitte des 19. Jahrhunderts zunehmend, erst in kleinen Zirkeln, dann in Sekten, nun aber unter Millionen und Millionen Menschen, die Herzen gewonnen werden für die Anschauung einer rein wirtschaftlichen Struktur im sozialen Zusammenleben. Denn man kann sehr leicht zu der Überzeugung sich aufschwingen, wenn man diese Anschauungen, die ich Ihnen nur skizziere, weiterentwickelt, daß man sagt: Also ist der Besitz der Produktionsmittel durch den einzelnen der Verderb der sich entwickelnden Menschheit. Produktionsmittel müssen Gemeingut werden. Alle, die arbeiten, müssen die Produktionsmittel zusammen verwalten können. — Expropriation der Produktionsmittel ist das Ideal des Arbeiterstandes geworden.
[ 29 ] It is essentially these categories that, since the mid-19th century—first in small circles, then in sects, and now among millions and millions of people—have won hearts over to the view of a purely economic structure in social life. For if one takes these views—which I am merely outlining for you—and develops them further, it is very easy to arrive at the conviction that the individual’s ownership of the means of production is the ruin of evolving humanity. The means of production must become common property. All who work must be able to manage the means of production collectively. — The expropriation of the means of production has become the ideal of the working class.
[ 30 ] Dies ist sehr wichtig, daß man erstens nicht bei den eingerosteten, eben keine Wirklichkeit treffenden Vorstellungen stehenbleibt, welche viele Menschen noch haben, die dem Bürgertum angehörig geblieben sind und sich so durchgeschlafen haben über die neuzeitliche Entwickelung. Denn, nicht wahr, sehr viele so im Bourgeoistum eingerostete Menschen, die sich so durchgeschlafen haben durch das, was eigentlich geschehen ist in den letzten Jahrzehnten, haben heute noch die Vorstellung: Ja, es gibt Sozialdemokraten und Kommunisten, die wollen teilen, die wollen, daß alles gemeinschaftlich wird und so weiter. — Diese Leute müßten eigentlich nun erstaunt sein, wenn sie hören, daß eine sorgfältig ausgebaute, scharfsinnige Anschauung, wie es werden soll und werden muß, unter Millionen und Millionen von Menschen ist: die Theorie vom Mehrwert, der nur dadurch überwunden werden kann, daß die Produktionsmittel Allgemeingut werden. Jeder, der heute sozialistischer Agitator ist, oder auch nur einer, der nachläuft dem sozialistischen Agitator, lacht natürlich den Angehörigen der Bourgeoisie aus, der ihm redet von Kommunismus und was alles die Sozialdemokraten wollen, denn der versteht, daß es sich um die Sozialisierung, das heißt um die gemeinsame Verwaltung der Produktionsmittel handelt. Denn den Verderb sieht der heutige Arbeiter in dem Besitz der Produktionsmittel durch einzelne menschliche Individuen, weil derjenige, der keine Produktionsmittel hat, ausgeliefert ist dem, der die Produktionsmittel hat.
[ 30 ] It is very important, first of all, not to get stuck in the outdated notions—which bear no relation to reality—that many people still hold, people who have remained part of the bourgeoisie and have thus slept right through modern developments. After all, isn’t it true that a great many people who are so entrenched in bourgeois thinking—who have simply slept through what has actually happened in recent decades—still hold the view today that, yes, there are Social Democrats and Communists who want to redistribute wealth, who want everything to be communal, and so on. — These people should actually be astonished now when they hear that a carefully developed, incisive view of how things should and must be is held by millions upon millions of people: the theory of surplus value, which can only be overcome by making the means of production the common property of all. Anyone who is a socialist agitator today—or even just someone who follows in the footsteps of a socialist agitator—naturally scoffs at members of the bourgeoisie who talk to him about communism and everything the Social Democrats want, because he understands that this is about socialization, that is, the collective management of the means of production. For today’s worker sees the root of all evil in the ownership of the means of production by individual human beings, because those who have no means of production are at the mercy of those who do.
[ 31 ] So ist im wesentlichen der soziale Kampf der neueren Zeit ein Kampf um die Produktionsmittel, und Kampf muß sein, denn das ist die dritte Überzeugung der Sozialdemokratie, daß sich alles, was sich entwickelt hat, durch den Kampf entwickelt. Die Bourgeoisie ist heraufgekommen, indem sie den Adelsstand überwunden hat. Das Proletariat wird heraufkommen und wird sich die Verwaltung über die Produktionsmittel erringen, indem es mit der Bourgeoisie es so macht, wie es die Bourgeoisie mit dem alten Adelsstande gemacht hat. Alles ist Kampf der Klassen. In der Überwindung der einen Klasse durch die andere liegt der Fortschritt der Menschheit.
[ 31 ] Thus, in essence, the social struggle of modern times is a struggle for the means of production, and it must be a struggle, for this is the third conviction of social democracy: that everything that has developed has done so through struggle. The bourgeoisie rose to power by overcoming the nobility. The proletariat will rise and will win control over the means of production by doing to the bourgeoisie what the bourgeoisie did to the old nobility. Everything is a class struggle. The progress of humanity lies in the overcoming of one class by another.
[ 32 ] Diese dreifache Anschauung: erstens, daß dasjenige, was die Menschheit vorwärts bringt von Epoche zu Epoche, nur materielle Impulse sind, alles andere nur ideologischer Oberbau ist, zweitens, daß der eigentliche Verderb der Mehrwert ist, der nur überwunden werden kann durch die gemeinsame Verwaltung der Produktionsmittel, und drittens, daß eine Möglichkeit, die Produktionsmittel gemeinschaftlich zu machen, nur die ist, die Bourgeoisie ebenso zu überwinden, wie die Bourgeoisie den alten Adel überwunden hat — das ist es, was sich allmählich als die sogenannte sozialistische Bewegung über die zivilisierte Welt verbreitet hat. Und man hatte dann als ein bedeutsames geschichtliches Symptom der allerjüngsten Jahre auch dieses, daß sowohl die Mitglieder des gebliebenen Adels wie auch die Mitglieder der gebliebenen Bourgeoisie sich auf ihre Ruhebetten legten, höchstens Schlagworte aufnahmen wie vom Teilen und vom Kommunismus, nun, diejenigen Schlagworte, über die manchmal ganz hinten in den Geschichtsbüchern so lange Anmerkungen stehen. Aber sehr selten steht überhaupt etwas drinnen darüber! Das also wurde verschlafen, was wirklich geschah. Und das entwickelte sich dann dahin, daß, außerordentlich schwierig, aber unter dem Zwang der Verhältnisse, unter dem Einflusse dieser letzten vier Jahre, einige Leute angefangen haben, auf manches hinzuschauen. Es ist gar nicht auszudenken, wie unbekümmert die Leute weitergeschlafen hätten, wenn die letzten vier Jahre nicht eingetreten wären, wie unbekümmert darum, daß mit jedem Jahre neue Tausende und Tausende gewonnen wurden für diese sozialistischen Anschauungen, die ich Ihnen eben charakterisiert habe, und daß endlich die Leute auf dem Vulkan tanzen. Aber es ist unbequem, sich zu gestehen, daß man auf einem Vulkan tanzt, und die Leute vermeiden es, sich klar zu machen, daß sie auf einem Vulkan tanzen. Aber der Vulkan vermeidet es nicht, auszubrechen und diejenigen, die auf ihm tanzen, zu verschütten.
[ 32 ] This threefold view: first, that what drives humanity forward from one epoch to the next are only material impulses, while everything else is merely an ideological superstructure; second, that the real source of corruption is surplus value, which can only be overcome through the collective management of the means of production; and third, that the only way to make the means of production collective is to overcome the bourgeoisie just as the bourgeoisie overcame the old nobility—this is what has gradually spread throughout the civilized world as the so-called socialist movement. And then there was also this, as a significant historical symptom of the very recent years: that both the members of the remaining nobility and the members of the remaining bourgeoisie retired to their beds of rest, at most adopting slogans such as “sharing” and “communism”—well, those very slogans about which there are sometimes lengthy notes at the very back of history books. But very rarely is there anything written about it at all! So what actually happened was overlooked. And this then developed to the point where—with great difficulty, but under the pressure of circumstances and the influence of these last four years—some people began to take notice of certain things. It’s impossible to imagine how carefree people would have continued to sleep if the last four years hadn’t happened—how unconcerned they would have been that, with each passing year, thousands upon thousands were being won over to these socialist views I’ve just described to you, and that, ultimately, people are dancing on a volcano. But it is uncomfortable to admit that one is dancing on a volcano, and people avoid realizing that they are dancing on a volcano. Yet the volcano does not avoid erupting and burying those who dance upon it.
[ 33 ] Damit habe ich Ihnen wieder ein Symptom der neueren Geschichte charakterisiert. Denn sie gehört zu den Symptomen der neueren Geschichte, diese sozialistische Überzeugung. Sie ist eine Tatsache, sie ist nicht bloß irgendeine Theorie. Sie wirkt. Ich lege keinen Wert auf das Feste der Lassalleschen oder der Marxistischen Theorie, aber natürlich einen großen Wert auf das Vorhandensein von Millionen von Menschen, die zu ihrem Ideal erkoren haben, das zu tun, was sie doch erkennen können aus den drei Punkten, die ich angeführt habe. Das aber ist etwas, was radikal entgegengesetzt ist dem Nationalen, das ich Ihnen als eine gewisse Grundlage beim Ausgang der neueren Geschichte gezeigt habe. Da hat sich aus dem Nationalen allerlei herausentwickelt. Nun, was das Proletariat anstrebt, so wurde ja schon, als 1848 Karl Marx zunächst das Programm dieses Proletariats veröffentlichte, das im wesentlichen die Punkte enthielt, die ich jetzt angeführt habe, es wurde da geschlossen mit dem Ruf: «Proletarier aller Länder, vereinigt euch!» Und fast keine Versammlung über die ganze Erde hin unter diesen Leuten wurde geschlossen, ohne daß sie geschlossen wurde mit einem Hoch auf die internationale revolutionäre Sozialdemokratie, auf die republikanische Sozialdemokratie. Das war ein internationales Prinzip. Und so tritt neben die römische Internationale mit ihrer Universalidee die Internationale des Sozialismus. Das ist eine Tatsache, denn diese so und so vielen Menschen sind eine Tatsache. Es ist wichtig, daß man das ins Auge faßt.
[ 33 ] With this, I have once again described a symptom of recent history. For this socialist conviction is one of the symptoms of recent history. It is a fact; it is not merely some theory. It has an impact. I do not attach any importance to the rigidity of Lassallean or Marxist theory, but of course I attach great importance to the existence of millions of people who have chosen as their ideal to do what they can recognize from the three points I have cited. But this is something that is radically opposed to the national, which I have shown you as a certain foundation at the outset of recent history. All sorts of things have developed from this nationalist mindset. Now, as for what the proletariat strives for—as was already evident in 1848 when Karl Marx first published the program of this proletariat, which essentially contained the points I have just mentioned—it concluded with the call: “Workers of the world, unite!” And hardly any gathering of these people anywhere on earth concluded without ending with a toast to international revolutionary social democracy, to republican social democracy. That was an international principle. And so, alongside the Roman International with its universal ideal, stands the International of Socialism. That is a fact, for these so-and-so many people are a fact. It is important to bear this in mind.
[ 34 ] Um morgen wenigstens vorläufig diese Symptomatologie der neueren Zeit zu krönen, müssen wir schon scharf den Weg ins Auge fassen, der uns gestatten wird, die Symptome zu verfolgen, bis sie uns einigermaßen zeigen: da können wir durchbrechen und in die Wirklichkeit hineinschauen. Zu all diesem schufen andere Menschen daneben geradezu unlösbare Probleme — Sie müssen empfinden, wie die Dinge verlaufen, wie die Dinge sich zuspitzen — unlösbare Probleme. Wir sehen, wie sich im 19. Jahrhundert verhältnismäßig ruhig die liberalisierende parlamentarische Richtung in England entwickelt; tumultuarisch, besser gesagt, unmotiviert in Frankreich. Je weiter wir nach Osten gehen, desto mehr müssen wir sagen: Das Nationale wird hinübergetragen, hinübergeleitet, so wie ich das gestern schon erwähnt habe. Aber dabei entstehen unlösbare historische Probleme. Und das ist auch ein solches Symptom. Freilich, diejenigen Menschen, die nicht nachdenken, die halten alles für lösbar, die glauben, man kann alles lösen.
[ 34 ] To bring this symptomatology of modern times to a close—at least for the time being—we must clearly set our sights on the path that will allow us to trace the symptoms until they reveal to us, to some extent, where we can break through and glimpse reality. On top of all this, other people have created virtually insoluble problems—you must sense how things are unfolding, how they are coming to a head—insoluble problems. We see how, in the 19th century, the liberalizing parliamentary movement developed relatively calmly in England; tumultuously—or rather, without clear motivation—in France. The further east we go, the more we must say: the national is being carried over, transferred, just as I mentioned yesterday. But in the process, insoluble historical problems arise. And that, too, is one such symptom. Of course, those people who do not think for themselves consider everything solvable; they believe that everything can be solved.
[ 35 ] Ein solches unlösbares Problem — ich meine jetzt nicht für den abstrakten Verstand, da ist es selbstverständlich lösbar, aber ich meine Wirklichkeiten — wird geschaffen 1870/71 zwischen West-, Mittel- und Osteuropa. Das ist das sogenannte Elsässische Problem. Selbstverständlich, die gescheiten Menschen, die können es lösen. Entweder erobert der eine Staat oder der andere, besiegt den andern, dann hat er die Sache gelöst, nicht wahr. Das hat man ja mit Bezug auf das Elsaß von der einen oder von der anderen Seite lange versucht. Oder wenn man das nicht will, stimmt man ab unter der Bevölkerung. Das geht sehr leicht, die Majorität entscheidet. Nicht wahr, auf diese Weise geht es, so sagen die gescheiten Menschen. Aber diejenigen, die in der Wirklichkeit stehen, die nicht bloß einen einzelnen Zeitpunkt sehen, sondern die da sehen, wie die Zeit überhaupt ein realer Faktor ist, und wie man nicht, was im Laufe der Zeit sich entwickeln muß, in einem kurzen Zeitraum zur Entwickelung kommen lassen kann — kurz, die Menschen, die in der Wirklichkeit stehen, die wußten schon, daß dies ein unlösbares Problem ist. Man lese nur, was die Menschen, die hineinzuschauen versuchten in den Gang der europäischen Entwickelung, über dieses Problem in den siebziger Jahren dachten und schrieben und sagten. Vor ihren Augen, vor ihren Seelenaugen stand, wie durch das, was da geschah, der Zukunft Europas sonderbare Vorbedingungen geschaffen wurden, wie der Drang entstehen wird im Westen, den ganzen Osten aufzurufen. Dazumal gab es schon Leute, welche wußten: Das slawische Problem wird in die Welt gesetzt dadurch, daß man im Westen die Sache anders wird lösen wollen als in Mitteleuropa. — Ich will nur hindeuten darauf, wie die Sache ist. Ich will hindeuten darauf, daß es ein solches handgreifliches Symptom ist, wie ich Ihnen gestern den Dreißigjährigen Krieg vorgeführt habe, um Ihnen zu zeigen, daß man in der Geschichte nicht das Folgende als eine Wirkung des Vorhergehenden zeigen kann. Gerade der Dreißigjährige Krieg zeigt: Das, womit es angefangen hat, was vor dem Ausbruch des Krieges war, das ist genauso wie nach dessen Ende; aber mit dem, was dann entstanden ist, hat es nicht angefangen. Von Ursache und Wirkung ist nicht die Rede. Sie sehen da etwas Charakteristisches an diesem Symptom, ebenso an dem Elsässischen Problem. Für viele Fragen der neueren Zeit könnte ich Ihnen das gleiche zeigen. Die Dinge werden aufgeworfen, führen aber nicht zu einer Lösbarkeit, sondern zu einer Unlösbarkeit, zu immer neuen Konflikten, führen in Sackgassen des Lebens. Das ist wichtig, daß man das ins Auge faßt. Sie führen so in Sackgassen des Lebens, daß man nicht einerlei Meinung sein kann in der Welt, daß der eine eine andere Meinung haben muß als der andere, einfach wenn er an einem anderen Orte von Europa steht. Und wiederum gehört das zu charakteristischen Seiten neuzeitlicher Geschichtssymptome, daß die Menschen es dazu bringen, sich Tatsachen zu schaffen, die unlösbare Probleme sind.
[ 35 ] Such an unsolvable problem—and I don’t mean for the abstract mind, where it is of course solvable, but I mean in reality—arose in 1870–71 between Western, Central, and Eastern Europe. This is the so-called Alsace Problem. Of course, intelligent people can solve it. Either one state conquers the other, defeats it, and then the matter is resolved, isn’t it? That’s what both sides have long attempted with regard to Alsace. Or, if that’s not desired, a referendum is held among the population. That’s very simple: the majority decides. Isn’t that right? That’s how it works, say the intelligent people. But those who stand in reality—who do not merely see a single moment in time, but who see how time itself is a real factor, and how what must develop over the course of time cannot be brought to fruition in a short period—in short, the people who stand in reality—they already knew that this is an unsolvable problem. One need only read what the people who tried to look into the course of European development thought, wrote, and said about this problem in the 1870s. Before their eyes, before the eyes of their souls, they saw how the events unfolding there were creating strange preconditions for Europe’s future, and how a drive would arise in the West to challenge the entire East. Even back then, there were people who knew: The Slavic problem will arise because the West will want to solve the matter differently than in Central Europe. — I merely wish to point out how things stand. I want to point out that this is a tangible symptom, just as I presented the Thirty Years’ War to you yesterday to show that in history, one cannot present what follows as an effect of what preceded it. The Thirty Years’ War itself demonstrates: what it began with—what existed before the outbreak of the war—is exactly the same as after its end; but it did not begin with what subsequently arose. There is no question of cause and effect. You can see something characteristic in this symptom, just as in the Alsace issue. I could show you the same thing for many issues of modern times. Problems are raised, but they do not lead to a solution; rather, they lead to insolubility, to ever-new conflicts, and into dead ends in life. It is important to bear this in mind. They lead to such dead ends in life that it is impossible for everyone in the world to share the same opinion; one person must hold a different opinion from another simply because he is in a different part of Europe. And again, it is a characteristic feature of modern historical symptoms that people bring about circumstances that are insoluble problems.
[ 36 ] Jetzt haben wir schon eine ganze Reihe von charakteristischen Dingen der neuzeitlichen Menschheitsentwickelung: das Unproduktive, das Heraufdämmern insbesondere solcher Gemeinschaftsideen, die kein Produktives beanspruchen, wie die des nationalen Impulses und so weiter. Dazwischen doch das fortwährende Anstürmen der Bewußtseinsseele. Und jetzt das Charakteristische des Hineingehens in Sackgassen, überall das Hineingehen in Sackgassen. Denn ein großer Teil dessen, was heute verhandelt wird, was heute die Menschen unternehmen, ist ein Sich-Bewegen in Sackgassen. Und ein weiteres Charakteristisches: die Bestrebung, sich abzudämpfen das Bewußtsein für dasjenige, was gerade als Bewußtsein entwickelt werden soll. Denn es gibt nichts Charakteristischeres als das Abdämpfen des Bewußtseins bei der heutigen sogenannten gebildeten Schichte der Bevölkerung über die wahren Zustände in dem sogenannten Proletariat. Alles schläft nämlich gegenüber den wahren Zuständen im Proletariat. Man sieht höchstens das Äußerliche. Die Hausfrauen schimpfen über die Dienstmädchen, daß sie nicht mehr dies und das tun wollen, haben keine Neigung, sich darum zu bekümmern, daß heute nun nicht bloß die Fabrikarbeiter, sondern auch schon die Dienstmädchen von marxistischer Theorie erfüllt sind. Man redet allmählich von allem möglichen Allgemein-Menschlichen. Das ist aber eine reine Rhetorik, wenn man sich nicht wirklich für den einzelnen Menschen interessiert und um den einzelnen Menschen kümmert. Dann muß man aber wissen, was Wichtiges vorgeht in der Menschheitsentwickelung, dann muß man sich wirklich einlassen auf die Dinge.
[ 36 ] We now have a whole series of characteristic features of modern human development: the unproductive, the emergence—in particular—of such ideas of community that make no claim to productivity, such as those of the national impulse and so on. Amid all this, however, is the ceaseless surge of the conscious soul. And now the characteristic feature of straying into dead ends—everywhere, straying into dead ends. For a large part of what is being discussed today, of what people are undertaking today, is a movement into dead ends. And another characteristic: the effort to dampen awareness of precisely what is supposed to be developed as consciousness. For there is nothing more characteristic than the dampening of awareness among today’s so-called educated segment of the population regarding the true conditions within the so-called proletariat. In fact, everyone remains oblivious to the true conditions in the proletariat. At most, they see only the outward appearance. Housewives complain about the maids, saying they no longer want to do this or that, and show no inclination to concern themselves with the fact that today it is not just factory workers, but even the maids who are imbued with Marxist theory. People are gradually talking about all sorts of universal human themes. But that is pure rhetoric if one is not genuinely interested in and concerned for the individual human being. To do that, however, one must know what is truly important in the development of humanity; one must truly engage with these matters.
[ 37 ] Wahrhaftig nicht, um irgendeine soziale "Theorie vorzutragen, sondern um Ihnen Symptome der neueren Geschichtsentwickelung darzustellen, habe ich neuerlich auch dieses eine Symptom des Sozialismus vor Ihre Seele hinstellen müssen. Wir wollen morgen dann mit unseren Betrachtungen weiterfahren, um das zu krönen und an einzelnen Stellen, ich möchte sagen, zur Wirklichkeit durchzubrechen.
[ 37 ] Truly, not to present any social “theory,” but rather to illustrate to you the symptoms of recent historical developments, I have once again had to present this one symptom of socialism before your minds. We will continue our reflections tomorrow to bring this to a conclusion and, in certain places, I would say, to break through to reality.
