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Historical Symptomatology
GA 185

20 October 1918, Dornach

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Dritter Vortrag

Third Lecture

[ 1 ] Wir haben einige der symptomatischen Kräfte kennengelernt, welche in der Entwickelung der neuzeitlichen Geschichte spielen. Selbstverständlich nur einige; es würde sehr, sehr weit führen, wenn man alle Kräfte — denn das sind selbstverständlich unendlich viele, sobald man in Einzelheiten geht — besprechen wollte. Aber auch nur die wichtigsten, wenn man sie besprechen wollte, würde zu weit führen. Es scheint ein Wunsch vorhanden zu sein, daß noch besonders berücksichtigt werden sollten spezielle Impulse symptomatischer Art. Das kann ein nächstes Mal geschehen, so daß ich an einem der Tage der nächsten Woche gerne sprechen will über solche Symptome, die sich insbesondere auf die Schweiz beziehen. Da wollen wir also einmal versuchen, ein Tableau Schweizer Geschichte vor unsere Seele zu stellen, um dies auch zu haben.

[ 1 ] We have become acquainted with some of the driving forces at work in the development of modern history. Of course, only a few; it would take us very, very far afield if we were to discuss all of these forces—for there are, of course, an infinite number of them once we go into detail. But even discussing only the most important ones would take us too far afield. There seems to be a desire to give special consideration to specific impulses of a symptomatic nature. We can do that next time, so I would like to speak one of the days next week about such symptoms that relate specifically to Switzerland. So let us try to paint a picture of Swiss history in our minds’ eye, so that we may have that as well.

[ 2 ] Heute aber wollen wir versuchen, wenigstens ein Stück weiterzukommen von den Ausgangspunkten aus, auf die wir unsere Betrachtung erstreckt haben. Ich habe Ihnen gestern zuletzt ein Bild, wenn auch ein sehr dürfliges, davon gegeben, wie eines der bedeutsamsten Symptome neuerer Geschichtsentwickelung, der Sozialismus, sich hineinstellt in die Entwickelung der neueren Zeit. Nun hat für viele Menschen, welche bestrebt sind, wirklicheMotive der Entwickelung kennenzulernen, diese soziale, sagen wir besser, sozialistische Bewegung alles überstrahlt, und sie sind nicht recht dazugekommen, etwas anderes daneben gelten zu lassen. So daß auf den ganz bedeutenden Einfluß von etwas, was sich mehr den Blicken entzieht, die Aufmerksamkeit der neueren Zeit nicht intensiv genug gelenkt worden ist. Auch da, wo man wirklich suchte nach neueren Motiven. Es ist nicht die Aufmerksamkeit verwendet worden auf etwas, was geistiger Art ist. Nicht wahr, diejenigen Persönlichkeiten, welche im Sinne des gestern Besprochenen die neuere Entwickelung mehr verschliefen — namentlich im Laufe des 19. Jahrhunderts und als dieses zu Ende ging, und im 20. Jahrhundert ja erst recht —, die Persönlichkeiten, die den Kreisen angehörten, welche sich wenig bekümmerten um die in der Zeitentwickelung liegenden Impulse, die kommen ja von vornherein wenig in Betracht, wenn man frägt: Was ist den Menschen vor Augen getreten an symptomatischen Impulsen der neueren Entwickelung? — Die Historiker haben, insofern sie den alten Ständen angehörten, sich darauf beschränkt, weiter die Genealogie der Herrscherhäuser, die Geschichte der Kriege, höchstens noch einiges, was sich rund um diese Dinge heranreihen läßt, zu verzeichnen. Man hat wohl auch Kulturgeschichte geschrieben, aber diese Kulturgeschichten, ich möchte sagen, von Buckle bis Ratzel, sie halten sich ziemlich ferne von den wirklich treibenden Kräften. Neben all dem war allerdings im Proletariat außerordentlich viel neueres Bildungsstreben nach derjenigen Richtung hin, die ich gestern charakterisiert habe, ein sich immer weiter und weiter ausbreitendes Bildungsstreben, welches die drei Fragen stellte, von denen ich gestern gesprochen habe. Aber innerhalb dieses Proletariats war kein Wille, in die feineren Zusammenhänge des geschichtlichen Werdens hineinzublicken. Und so ist denn bis jetzt gar nicht stark genug hervorgetreten die geschichtliche, die historische Bedeutung der naturwissenschaftlichen Denkweise als geschichtliches Symptom.

[ 2 ] Today, however, let us try to move at least a little further beyond the starting points on which we have based our discussion. Yesterday, I concluded by giving you a picture—albeit a very meager one—of how socialism, one of the most significant phenomena of recent historical development, fits into the development of modern times. Now, for many people who strive to understand the true motives behind this development, this social—or rather, socialist—movement has overshadowed everything else, and they have not really been able to consider anything else alongside it. As a result, the attention of our time has not been directed intensely enough toward the very significant influence of something that is more hidden from view. This is true even where people were genuinely searching for modern driving forces. Attention has not been directed toward anything of a spiritual nature. Is it not true that those figures who, in the sense of what we discussed yesterday, largely slept through modern developments—particularly during the 19th century and as it drew to a close, and even more so in the 20th century— those figures who belonged to circles that paid little heed to the impulses inherent in the course of historical development—they are, after all, hardly taken into account from the outset when one asks: What symptomatic impulses of recent development have come to the fore for people? — Historians, insofar as they belonged to the old estates, limited themselves to recording the genealogy of the ruling houses, the history of wars, and at most a few other things that could be linked to these subjects. Cultural history has certainly been written as well, but these works of cultural history—I would say, from Buckle to Ratzel—remain quite distant from the truly driving forces. Alongside all this, however, there was an extraordinary amount of recent educational striving among the proletariat in the direction I characterized yesterday—an educational striving that spread farther and farther, posing the three questions I spoke of yesterday. But within this proletariat, there was no desire to delve into the finer interconnections of historical development. And so, until now, the historical significance of the scientific way of thinking as a historical symptom has not emerged strongly enough.

[ 3 ] Man kann natürlich über die naturwissenschaftliche Denkweise in ihrem Inhalte, man kann über sie mit Bezug auf die Umgestaltung des modernen Denkens sprechen. Aber es ist wichtig, daß man auch noch von dem Gesichtspunkte aus spricht, inwiefern diese naturwissenschaftliche Denkweise ein geschichtliches Symptom geworden ist wie die anderen, die ich aufgezählt habe, wie der nationale Impuls, wie das Auftürmen von unlösbaren politischen Problemen und so weiter. Denn in der Tat hat sich seit dem Beginne des Bewußtseinszeitalters die naturwissenschaftliche Denkweise in weitesten Kreisen immer mehr und mehr herausgebildet. Und es ist eben falsch, wenn man glaubt, daß nur diejenigen naturwissenschaftlich denken, welche etwas von Naturwissenschaft wissen. Das ist ganz falsch. Das Umgekehrte ist richtig. Die Leute, die Naturwissenschafter sind, denken so naturwissenschaftlich, wie man heute naturwissenschaftlich denkt, weil die große Masse der zivilisierten Menschheit heute nach dieser Richtung hinneigt, weil man so denkt auch im alleralltäglichsten Handeln, weil so der Bauer denkt, wenn er draußen arbeitet, der Arbeiter in der Fabrik, wenn er seine Arbeit verrichtet, der Finanzmann, wenn er seine Finanzunternehmungen macht. Da überall drinnen ist naturwissenschaftliches Denken, und deshalb hat auch die Naturwissenschaft selbst nach und nach dieses naturwissenschaftliche Denken angenommen. Also man muß eine Sache, die in der Einbildung der Menschen nach dieser Richtung auf dem Kopf gestanden ist, wiederum auf die Beine stellen. Man muß nicht hinsehen auf die Denkweise der Naturwissenschafter oder gar der monistischen Phantasten, sondern man muß heute hinsehen auf die Denkweise des großen Publikums. Denn die Naturwissenschaft bildet keinen hinreichenden Impuls zur Opposition gegen den römischkatholischen Universalimpuls, aber das allgemeine, nach der Natur hin, nach der Naturordnung hin geordnete Denken der zivilisierten Menschheit, das bildet den Oppositionsimpuls. Und diesen Impuls muß man als Symptom in Zusammenhang betrachten mit der ganzen übrigen Entwickelung des neuzeitlichen Menschen.

[ 3 ] Of course, one can discuss the scientific way of thinking in terms of its content; one can discuss it in relation to the transformation of modern thought. But it is important to also consider the extent to which this scientific way of thinking has become a historical symptom, just like the others I have listed—such as the nationalist impulse, the accumulation of intractable political problems, and so on. For in fact, since the beginning of the Age of Consciousness, the scientific way of thinking has become increasingly prevalent in the broadest circles. And it is simply wrong to believe that only those who know something about the natural sciences think scientifically. That is completely wrong. The opposite is true. People who are natural scientists think in the scientific way that people think today because the vast majority of civilized humanity today leans in this direction; because people think this way even in their most mundane daily activities; because this is how the farmer thinks when he’s working in the fields, the factory worker when he’s doing his job, and the financier when he’s conducting his financial ventures. Scientific thinking is present everywhere, and that is why science itself has gradually adopted this scientific way of thinking. So we must set right something that, in people’s minds, has been turned upside down in this regard. We must not look to the way of thinking of natural scientists or even of monistic fantasists, but rather we must look today to the way of thinking of the general public. For natural science does not provide a sufficient impetus for opposition to the Roman Catholic universal impulse; rather, it is the general way of thinking of civilized humanity—ordered according to nature and the natural order—that forms the impetus for opposition. And this impetus must be viewed as a symptom in connection with the entire remaining development of modern humanity.

[ 4 ] Sehen Sie, die Schulgeschichte, die beginnt von ihrem Gesichtspunkte aus, der hauptsächlich ein gedankenloser ist, gewöhnlich die Neuzeit mit der Entdeckung Amerikas, mit der Erfindung des Schießpulvers, mit der Erfindung der Buchdruckerkunst und ähnlichen Dingen. Wer aber sich darauf einläßt, den Gang der neueren Geschichte zu betrachten, der kommt diesen Symptomen gegenüber — Entdeckung Amerikas, Erfindung der Buchdruckerkunst und so weiter — darauf, daß sie eigentlich zwar die Menschen hinausführen in die weite Welt auf die Entdeckungsreisen, daß sie das alte Wissen, welches die Menschheit gehabt hat, ungeheuer populär machen und verbreiten, daß sie aber im Grunde genommen das inhaltliche Bild der europäischen Zivilisation in den nächsten Jahrhunderten nach ihrem Auftreten gar nicht gleich besonders ändern. Man kommt darauf, daß die alten politischen Impulse, welche in den verschiedenen Ländern auch sich regeneriert haben, aber welche doch die alten politischen Impulse in dem Sinne geblieben sind, wie ich das gestern und vorgestern ausgeführt habe, gar nicht in der Lage waren, irgend etwas Erhebliches zum Beispiel mit den Entdekkungsfahrten zu machen. Sie haben höchstens die Möglichkeit gehabt; in diesen Ländern, die entdeckt worden sind, Eroberungen zu machen, so wie man früher in anderen Gegenden Eroberungen gemacht hat, sie haben die Möglichkeit gehabt, das Gold von dort herzuholen und dadurch einige Bereicherung zu erzielen. Sie haben die Möglichkeit gehabt, auf dem Gebiete der Buchdruckerkunst nach und nach immer mehr und mehr die Zensurverhältnisse anzuspannen. Aber irgend etwas, was man nennen kann einen durchgreifenden Impuls, haben die alten politischen Kräfte nicht herausziehen können aus dem, womit man gewöhnlich die neuere Geschichte beginnen läßt. Erst aus der Verbindung der naturwissenschaftlichen Denkweise — als diese naturwissenschaftliche Denkweise zu einigen Ergebnissen geführt hatte — mit dem, was als Erfindungen und Entdeckungen da aufgetreten ist, ohne daß die neuere Naturwissenschaft schon drinnen war, ist das gekommen, was nach dieser Richtung hin ein wirklich bedeutsamer, wichtiger Impuls der neueren Zeit ist. Man kann sich nämlich nicht denken, daß die Kolonisationsbestrebungen, insoferne sie von den verschiedensten Ländern in der neueren Zeit ausgegangen sind, ohne die modernen naturwissenschaftlichen Errungenschaften sich vollzogen hätten; und nur was Naturwissenschaft in Technik umgesetzt schaffen konnte, das führte zu den modernen Kolonisationsbestrebungen. Nur naturwissenschaftliche Ergebnisse konnten die Erde so erobern, wie sie erobert werden mußte im Verlauf der modernen Kolonisationsbestrebungen. Und daher sehen wir diese Kolonisationsbestrebungen im Grunde genommen erst im 18. Jahrhundert richtig einsetzen, als die Naturwissenschaft anfing, sich umzusetzen in technische Ergebnisse.

[ 4 ] You see, the history taught in schools—which, from its own perspective, is largely a thoughtless one—usually begins the modern era with the discovery of America, the invention of gunpowder, the invention of the printing press, and similar events. But anyone who takes the time to examine the course of modern history will encounter these phenomena — the discovery of America, the invention of the printing press, and so on — and realizes that, while they do indeed lead people out into the wider world on voyages of discovery, and while they make the ancient knowledge possessed by humanity immensely popular and widespread, they do not, in essence, significantly alter the fundamental character of European civilization in the centuries following their emergence. One comes to the conclusion that the old political impulses—which had indeed been revitalized in various countries but which nevertheless remained the old political impulses in the sense I explained yesterday and the day before—were not at all in a position to make any significant impact, for example, on the voyages of discovery. At most, they had the opportunity to make conquests in these newly discovered lands, just as conquests had been made in other regions in the past; they had the opportunity to bring gold back from there and thereby achieve some enrichment. They had the opportunity to gradually tighten censorship in the field of printing. But the old political forces were unable to draw from what is usually regarded as the beginning of modern history anything that could be called a decisive impetus. It was only through the combination of the scientific way of thinking—once this scientific way of thinking had led to certain results—with the inventions and discoveries that emerged, even before modern science had fully taken hold, that what has become a truly significant and important impetus of modern times in this direction came about. For it is impossible to imagine that the colonization efforts—insofar as they originated in a wide variety of countries in modern times—could have taken place without modern scientific achievements; and only what science was able to translate into technology led to these modern colonization efforts. Only scientific discoveries could conquer the Earth in the way it had to be conquered in the course of modern colonization efforts. And that is why we see these colonization efforts, in essence, only truly begin in the 18th century, when science began to translate into technical achievements.

[ 5 ] Damit beginnt aber auch das Maschinenzeitalter. Das Maschinenzeitalter beginnt, als die Naturwissenschaft sich umsetzt in technische Ergebnisse. Und damit beginnt ein neues Zeitalter des Kolonisierens, das allmählich seine Kräfte über die ganze Erde ausspannt. Damit beginnt ein außerordentlich wichtiger Impuls der neuzeitlichen Entwickelung in der Bewußtseinsseele. Denn derjenige, der die Verhältnisse, die hier in Betracht kommen, durchschaut, der weiß, daß gerade jene Impulse, die im Kolonisieren liegen, in dem Kolonisieren, das die ganze Erde umspannt, daß jene Bewegungen und Bestrebungen gerade dem Zeitalter der Bewußtseinsseele angehören. Und dieses Zeitalter der Bewußtseinsseele, von dem Sie ja wissen, daß es im vierten Jahrtausend sein Ende finden und in das Zeitalter des Geistselbstes eingehen wird, wird über die ganze Erde hin eine andere Konfiguration der Menschheit bringen. Diese Konfiguration wird hervorgehen aus den Kolonisationsbestrebungen. Nicht wahr, das Bewußtseinsseelenzeitalter hat gefunden sogenannte zivilisierte, höchst zivilisierte und ganz wilde Menschen — so wild, daß sich in ihre Wildheit der Rousseau verliebt hat und eine ganze Theorie von dem Ideal des wilden Menschen aufgestellt hat. Diese ganze Differenzierung der Menschen wird aufhören im Verlaufe des Zeitalters der Bewußtseinsseele. Wie sie aufhören wird, auf die Einzelheiten, darauf können wir natürlich heute nicht eingehen. Aber es gehört zu den Impulsen der Bewußtseinsseele, diese Differenzierung, die althergebracht ist, im wesentlichen aufzuheben.

[ 5 ] But this also marks the beginning of the Machine Age. The Machine Age begins when the natural sciences are translated into technical achievements. And with this begins a new era of colonization, which gradually extends its reach across the entire Earth. This marks the beginning of an extraordinarily important impulse in modern development within the soul of consciousness. For anyone who understands the circumstances at play here knows that precisely those impulses inherent in colonization—in the colonization that spans the entire Earth—and those movements and aspirations belong specifically to the age of the soul of consciousness. And this Age of the Consciousness Soul—which, as you know, will come to an end in the fourth millennium and give way to the Age of the Spiritual Self—will bring about a different configuration of humanity across the entire Earth. This configuration will emerge from the efforts of colonization. Isn’t it true that the Age of the Consciousness Soul has encountered so-called civilized, highly civilized, and utterly wild people—so wild that Rousseau fell in love with their wildness and devised an entire theory based on the ideal of the wild man? This entire differentiation among human beings will come to an end in the course of the Age of the Consciousness Soul. As for how it will come to an end—we cannot, of course, go into the details today. But it is one of the impulses of the soul of consciousness to essentially abolish this differentiation, which is rooted in tradition.

[ 6 ] Dann, wenn man das weiß, stellen sich in die neuzeitlichen Bestrebungen solche Kriege wie der zwischen den Nord- und Südstaaten Amerikas und so weiter erst in den rechten Zusammenhang hinein, und dann erst, wenn man die Dinge so ansieht, wenn man die Wichtigkeit der Kolonisationsbestrebungen für den Bewußtseinszeitraum ins Auge faßt, gewinnt man einen Einblick in die ganze Bedeutung von einzelnen Symptomen, die auf diesem Gebiete auftreten. Und diese Bestrebungen, die sind undenkbar, ohne daß die Menschheit naturwissenschaftlich denkt.

[ 6 ] Only when one knows this do wars such as the one between the Northern and Southern states of America, and so on, take on their proper context within modern endeavors, and only then, when one views things in this way—when one grasps the importance of colonization efforts for the period of consciousness—does one gain insight into the full significance of the individual symptoms that arise in this area. And these efforts are unthinkable without humanity thinking in scientific terms.

[ 7 ] Nun, naturwissenschaftlich denken, da liegt gerade dasjenige, was man so recht ins Auge fassen muß, wenn man gewissermaßen vom Gesichtspunkte des fünften nachatlantischen Zeitraums, des Bewußtseinsseelenzeitalters, einbrechen will in die wahre Wirklichkeit der menschlichen Entwickelung. Diese neuere naturwissenschaftliche Denkweise hat das Eigentümliche — ich habe es jetzt hinlänglich hier charakterisiert —, daß sie nur das Tote, das Gespenstische fassen kann von der Wirklichkeit, daß sie überall auf das Tote geht. Seien wir uns ganz klar über diese wichtige Tatsache. Die neuere naturwissenschaftliche Denkweise strebt von der Beobachtung zum Experiment. Auf allen Gebieten wird von der Beobachtung zum Experiment gestrebt. Es ist ein wichtiger Unterschied zwischen der Naturbeobachtung und jener Erkenntnis, die durch das Experiment erwiesen wird. Die Naturbeobachtung war, so oder so nuanciert, allen Zeiten eigen. Aber wenn der Mensch die Natur beobachtet, da ist er mit der Natur verbunden, da lebt er sich in die Natur ein, er lebt das Leben der Natur mit. Da tritt das Eigentümliche ein, daß ihn sein Zusammenleben mit der Natur in einer gewissen Weise betäubt. Man kann nicht mit der Natur leben und zu gleicher Zeit im neueren Sinne der Bewußtseinsseele erkennen. Man kann nicht beides, geradesowenig, wie man zugleich wachen und schlafen kann. Will man mit der Natur zusammenleben, so muß man sich von der Natur in einem gewissen Sinne betäuben lassen. Daher kann auch die Naturbeobachtung nicht eindringen in die Geheimnisse der Natur, denn indem der Mensch die Natur beobachtet, wird er ein bißchen eingeschläfert, wird er betäubt. Dadurch fällt aus seiner Erkenntnis das Geheimnis der Natur heraus. Er muß aufwachen auf dem Gebiete des Übersinnlichen, wenn er in die Geheimnisse der Natur eindringen will.

[ 7 ] Well, thinking in scientific terms—that is precisely what one must truly take into account if, so to speak, one wishes to penetrate the true reality of human development from the perspective of the fifth post-Atlantean epoch, the Age of the Conscious Soul. This newer scientific way of thinking has the peculiar characteristic—I have now sufficiently characterized it here—that it can grasp only the dead, the ghostly aspect of reality; that it focuses everywhere on the dead. Let us be perfectly clear about this important fact. The newer scientific way of thinking strives from observation toward experimentation. In all fields, the aim is to move from observation to experimentation. There is an important difference between the observation of nature and the knowledge proven through experimentation. The observation of nature, in one form or another, has been characteristic of all ages. But when a person observes nature, they are connected to nature; they immerse themselves in nature; they share in the life of nature. Herein lies the peculiarity: their coexistence with nature numbs them in a certain way. One cannot live with nature and at the same time gain knowledge in the modern sense of the conscious soul. One cannot do both, any more than one can be awake and asleep at the same time. If one wishes to live in harmony with nature, one must, in a certain sense, allow oneself to be numbed by nature. For this reason, even the observation of nature cannot penetrate the mysteries of nature, for as a person observes nature, they are lulled to sleep a little; they are numbed. As a result, the mystery of nature falls out of their understanding. They must awaken in the realm of the supersensible if they wish to penetrate the mysteries of nature.

[ 8 ] Aber wenn man betäubt ist, kann man nicht zur Bewußtseinsseele kommen. Daher strebt die neuere Naturbetrachtung ganz instinktiv danach, die Beobachtung allmählich zu überwinden und durch das Experiment alles zu gewinnen. Man sucht ja auch auf dem Gebiete der Biologie, auf dem Gebiete der Anthropologie zu experimentieren. Aber wenn man experimentiert, ist die Hauptsache dabei, daß man das Experiment zusammenstellt, daß man die Ordnung bestimmt, in welcher man beobachtet. Wie die Dinge selbst angeordnet sind, wenn man zum Beispiel Embryologie experimentell treibt, das ist nicht durch die Natur bestimmt, sondern das ist durch den menschlichen Intellekt, durch den menschlichen Verstand bestimmt, das ist durch das bestimmt, von dem ich Ihnen gesagt habe, daß es sich von der Natur entfernt, um gerade in dem Menschen innerlich zu sein. Wir ertöten die Natur, um sie erkennen zu lernen im Experiment. Aber nur das, was wir durch das Experiment gewinnen, können wir technisch anwenden. Naturerkenntnis wird erst reif zur technischen Anwendung, wenn sie auf dem Umwege durch das Experiment sich reif dazu macht. Was vorher Einführung der Naturerkenntnis ist in das soziale Leben, ist noch nicht Technik. Es wäre sogar barbarisch, von Technik zu sprechen, wenn man es nicht zu tun hat mit der reinen Umsetzung eines Experimentes in die soziale Ordnung oder in diejenigen Dinge, die im Dienste der sozialen Ordnung stehen.

[ 8 ] But when one is numbed, one cannot reach the soul of consciousness. That is why modern natural science instinctively strives to gradually move beyond observation and to gain everything through experimentation. After all, people are also seeking to experiment in the fields of biology and anthropology. But when one experiments, the main thing is to design the experiment and to determine the order in which one observes. How things are actually arranged—for example, when conducting experimental embryology—is not determined by nature, but by the human intellect, by the human mind; it is determined by that which I have told you moves away from nature in order to be inwardly present within the human being. We set nature aside in order to learn to understand it through experimentation. But we can apply technically only what we gain through experimentation. Knowledge of nature only becomes ripe for technical application when it matures for that purpose through the detour of experimentation. What previously constitutes the introduction of knowledge of nature into social life is not yet technology. It would even be barbaric to speak of technology if one were not dealing with the pure implementation of an experiment into the social order or into those things that serve the social order.

[ 9 ] Dann aber schafft die moderne Menschheit in die soziale Ordnung hinein Ergebnisse der Experimentierkunde als Technik: Totes. Und das ist das Wesentliche: Totes schaffen wir hinein in die Kolonisationsbestrebungen, Totes schaffen wir hinein, wenn wir für die Industrie unsere Maschinen bauen. Aber nicht nur dann, sondern wenn wir unsere Arbeiter in einer gewissen sozialen Ordnung zu diesen Maschinen hinzubringen. Totes schaffen wir hinein in unsere neuere geschichtliche Ordnung, indem wir unsere Finanzwirtschaft über kleinere oder größere Territorien ausbilden. Totes schaffen wir hinein, wenn wir eine soziale Ordnung überhaupt nach dem Muster der modernen Naturwissenschaft aufbauen wollen, wie es instinktiv die moderne Menschheit getan hat. Totes schaffen wir überall hinein in das menschliche Zusammenleben, wenn wir Naturwissenschaft hineinschaffen in dieses menschliche Zusammenleben, Totes, sich selbst Ertötendes.

[ 9 ] But then modern humanity incorporates the results of experimental science—in the form of technology—into the social order: lifeless things. And that is the crux of the matter: we incorporate lifeless things into our efforts at colonization; we incorporate lifeless things when we build our machines for industry. But not only then—we also do so when we bring our workers to these machines within a certain social order. We introduce lifelessness into our more recent historical order by developing our financial system across smaller or larger territories. We introduce death when we seek to build a social order at all according to the model of modern natural science, as modern humanity has instinctively done. We introduce death everywhere into human coexistence when we bring natural science into this human coexistence—death that kills itself.

[ 10 ] Das ist eines der wichtigsten Symptome. Wir können sehr aufrichtige und ehrliche Deklamationen anstellen — ich meine jetzt nicht bloß rhetorische Deklamationen, sondern eben ehrlich gemeinte Deklamationen — über die großen Errungenschaften der neueren Zeit, über all dasjenige, was Naturwissenschaft ausgebildet hat, was sie der Technik einverleibt und dann dem sozialen Leben einverleibt hat. Aber wir sagen nur eine halbe Wahrheit, wenn wir von diesen Errungenschaften sprechen, denn alle diese Errungenschaften haben das Wesentliche in sich, daß sie ein unbedingt Totes, das durch sich selber nicht entwickelungsfähig ist, in das moderne Leben hineinstellen. Das Größte, was seit Jahrhunderten, seit dem 15. Jahrhundert hineingestellt worden ist in die Entwickelung der modernen zivilisierten Menschheit, ist ein solches, das, wenn es sich selbst überlassen wird, sich selber zum Tode führt. Und das mußte sein. Denn man kann die Frage aufwerfen: Wenn moderne Technik Keim des Todes nur ist, wie sie es auch ist und sein muß, warum trat diese moderne Technik in Erscheinung? — Wahrhaftig nicht trat die moderne Technik in Erscheinung im Laufe der Zeit, weil den Menschen das Schauspiel der Maschine und der Industrie gegeben werden sollte, sondern die moderne Technik trat in Erscheinung aus einem ganz anderen Grunde. Sie trat in Erscheinung gerade wegen ihres zum Tode führenden Charakters, weil nur dann, wenn der Mensch hineingestellt ist in eine tote, mechanische Kultur, er durch den Gegenschlag die Bewußtseinsseele entwickeln kann. Solange der Mensch hineingestellt war in ein Zusammenleben mit der Natur, ohne daß die Maschinen hineingestellt waren, solange wurde er geneigt gemacht zu einer gewissen suggestiven Behandlung, weil er bis zu einem gewissen Grade betäubt wurde. Man konnte nicht ganz auf sich selbst sich stellen, als man noch nicht in den Tod hineingestellt war. Auf sich selbst gestelltes Bewußtsein und Todbringendes ist innig miteinander verwandt. Das habe ich in den verschiedensten Formen schon versucht, den Menschen klarzumachen. Ich habe versucht, den Menschen klarzumachen: Wenn sie vorstellen und erkennen, so ist das nicht gebunden an die sprießenden, sprossenden Kräfte des Menschen, sondern gerade an den Abbau des Organismus. Ich habe versucht, den Menschen klarzumachen, daß es Rückbildung des Organismus ist, daß es die Abbau- und Sterbeprozesse sind, die uns befähigen, im selbstbewußten Sinne zu denken. Könnten wir nicht Gehirnhunger entwickeln, das heißt Abbauprozesse, Zersetzungsprozesse, Zerstörungsprozesse in uns, wir könnten keine gescheiten Menschen sein, sondern könnten nur hintaumelnde Menschen sein, schlafende, träumende Menschen. Gescheite Menschen sind wir durch die Abbauprozesse in unserem Gehirn. Und das Zeitalter der Bewußtseinsseele mußte dem Menschen die Gelegenheit geben, den Abbau in seiner Umgebung zu haben. Nicht dadurch wurde das moderne, selbstbewußte Denken groß, daß blühende Lebensprozesse hereingestellt wurden, sondern dadurch wurde gerade das Innerste im Menschen, das selbstbewußte Denken groß, daß Todesprozesse in der modernen Technik, in der modernen Industrie, im modernen finanziellen Zusammenhang in dieses Leben hereingestellt wurden. Denn das forderte dieses Leben in der Bewußstseinsseele.

[ 10 ] This is one of the most important symptoms. We can make very sincere and honest statements—and I don’t mean merely rhetorical statements, but genuinely sincere ones—about the great achievements of modern times, about everything that the natural sciences have developed, incorporated into technology, and then integrated into social life. But we are telling only half the truth when we speak of these achievements, for the essential nature of all these achievements is that they introduce into modern life something that is absolutely lifeless and incapable of developing on its own. The greatest thing that has been introduced into the development of modern civilized humanity over the centuries—since the 15th century—is something that, if left to its own devices, leads itself to death. And that was inevitable. For one might ask: If modern technology is merely the seed of death—as it is and must be—why did this modern technology come into being? — Modern technology certainly did not come into being over time simply so that people might be given the spectacle of machines and industry; rather, modern technology came into being for an entirely different reason. It came into being precisely because of its death-leading character, for only when human beings are placed within a dead, mechanical culture can they develop the soul of consciousness through the counter-reaction. As long as human beings lived in harmony with nature, without the intrusion of machines, they were predisposed to a certain form of suggestive influence, because they were, to a certain extent, numbed. One could not stand entirely on one’s own two feet when one had not yet been placed within death. Self-reliant consciousness and that which brings death are intimately related. I have already tried to make this clear to people in a wide variety of ways. I have tried to make it clear to people: When they imagine and perceive, this is not tied to the sprouting, burgeoning forces of the human being, but precisely to the breakdown of the organism. I have tried to make it clear to people that it is the regression of the organism—that it is the processes of breakdown and dying—that enable us to think in a self-conscious sense. If we were unable to develop a “hunger for the brain”—that is, processes of decay, decomposition, and destruction within us—we could not be intelligent human beings, but would merely be staggering, sleeping, dreaming people. We are intelligent human beings because of the processes of decay in our brains. And the age of the conscious soul had to give human beings the opportunity to experience decay in their environment. Modern, self-conscious thinking did not flourish because flourishing life processes were introduced; rather, the very core of the human being—self-conscious thinking—flourished precisely because processes of death were introduced into this life through modern technology, modern industry, and the modern financial system. For this is what life in the soul of consciousness demanded.

[ 11 ] Das zeigt sich auch auf anderen Gebieten. Nehmen Sie die Impulse selbst, die wir ins Auge gefaßt haben. Fangen wir einmal an bei England, wo wir gesehen haben, wie der Parlamentarismus sich bildet durch die Jahrhunderte als eine gewisse Nuance, wie die auf sich selbst gestellte Persönlichkeit sich realisieren will. Nicht wahr, die Persönlichkeit will sich emanzipieren, sie will sich auf sich selbst stellen. Das heißt aber, indem sie zu gleicher Zeit soziale Persönlichkeit sein will, will sie sich geltend machen als Persönlichkeit. Der Parlamentarismus ist nur ein Weg, sich geltend zu machen als Persönlichkeit. Aber indem derjenige, der teilnimmt am Parlamentarismus, sich geltend macht, vernichtet er seine Persönlichkeit in dem Augenblicke, wo aus seinem Wollen die Abstimmung wird. Die Persönlichkeit hört auf in dem Augenblicke, wo aus dem Wollen die Abstimmung wird. Und richtig studiert bedeutet das Heranreifen des Parlamentarismus in der englischen Geschichte in den Jahrhunderten, seit dem Bürgerkriege im 15. Jahrhundert, nichts anderes als dieses. Wir erblicken beim Ausgangspunkt dieses parlamentarischen Lebens, dieses nach dem Parlamentarismus hintendierenden Lebens Stände, verschiedenste Stände. Diese Stände wollen sich nicht als Stände bloß geltend machen, sondern als Votum; sie wollen reden, indem sie sich geltend machen als Stände. Nun, reden konnten sie. Aber die Leute sind nicht zufrieden mit dem Reden und Sich-Verständigen, sondern sie wollen dann abstimmen. Indem man abstimmt, indem man die Rede ausfließen läßt in die Abstimmung, ertötet man dasjenige, was in der Seele lebt, auch noch so lange man redet. Und so redet sich jede Parlamentarisierung hinein in das absolute Menschheitsnivellement. Sie geht hervor aus der Geltendmachung der Persönlichkeit und endet mit der Auslöschung der Persönlichkeit. Es gibt keine andere Möglichkeit auf diesem Gebiete, als daß die Tendenz hervorsprießt aus der Geltendmachung der Persönlichkeit und endet mit der Auslöschung der Persönlichkeit. Es ist ein vollständiger Kreislaufprozeß, wie das Menschenleben selbst. Es beginnt mit der Geburt und endet mit dem Tode. Nur ist beim Menschen das auf zwei Zeitpunkte verteilt; im historischen Leben greift das eine unmittelbar in das andere ein, ist Geburt und Tod miteinander vermischt. Das ist es, was man ins Auge fassen muß.

[ 11 ] This is also evident in other areas. Take, for example, the initiatives we have been considering. Let’s start with England, where we have seen how parliamentarism has developed over the centuries as a certain nuance of how the self-reliant individual seeks to realize itself. After all, the individual wants to emancipate itself; it wants to stand on its own two feet. But this means that, while at the same time wanting to be a social individual, it also wants to assert itself as an individual. Parliamentarism is merely one way of asserting oneself as a personality. But as the individual participating in parliamentarism asserts himself, he destroys his personality the moment his will is transformed into a vote. The personality ceases to exist the moment the will becomes a vote. And when properly studied, the maturation of parliamentarism in English history over the centuries—since the Civil War in the 15th century—means nothing other than this. At the starting point of this parliamentary life—this life oriented toward parliamentarism—we see estates, the most diverse estates. These estates do not merely wish to assert themselves as estates, but as votes; they want to speak by asserting themselves as estates. Well, they could speak. But people are not satisfied with speaking and reaching an understanding; rather, they then want to vote. By voting—by allowing speech to flow into a vote—one kills what lives in the soul, no matter how long one speaks. And so every form of parliamentarization speaks its way into the absolute leveling of humanity. It arises from the assertion of the personality and ends with the eradication of the personality. There is no other possibility in this realm than that the tendency springs from the assertion of the personality and ends with the eradication of the personality. It is a complete cyclical process, like human life itself. It begins with birth and ends with death. Only in the case of human beings is this spread over two points in time; in historical life, one intervenes directly into the other—birth and death are intertwined. This is what one must bear in mind.

[ 12 ] Fassen Sie ja das, was ich gesagt habe, nicht etwa auf wie eine Kritik des Parlamentarismus. Denn wenn Sie es auffassen würden wie eine Kritik des Parlamentarismus, dann würden Sie mir insinuieren, daß ich sagte: Der Mensch wird geboren — das ist ein Unsinn, denn er stirbt wieder, also, da er wieder stirbt, so sollte er nicht geboren werden. Man sollte der Welt diese Torheit nicht zumuten, daß sie den Menschen geboren werden läßt, wenn sie den Menschen wieder sterben läßt. — Ich bitte, insinuieren Sie mir nicht, daß ich sage: Der Parlamentarismus ist ein Unsinn, weil die Persönlichkeit ihn gebiert und ihn, aus deren Impuls er hervorgeht, selbst wieder vernichtet. — Ich stelle den Parlamentarismus ja nur aus der Rhetorik ins unmittelbare Leben hinein. Ich stelle ihn hinein in dasjenige, was allem Leben eigen ist: in Geburt und Tod, und zeige ihn daher gerade als etwas der Wirklichkeit Angehöriges, zeige Ihnen damit aber auch das Charakteristikon aller äußeren Erscheinungen solcher Art im Zeitalter der Bewußtseinsseele, denn sie alle stehen in diesem Zeichen von Geburt und Tod, das ich eben jetzt angeführt habe.

[ 12 ] Please do not interpret what I have said as a criticism of parliamentarism. For if you were to take it as a criticism of parliamentarism, you would be insinuating that I said: A person is born—that is nonsense, because he dies again; therefore, since he dies again, he should not be born. One should not impose this folly on the world—that it allows human beings to be born if it then allows them to die again. — Please do not insinuate that I am saying: Parliamentarism is nonsense because the individual gives birth to it and, through the very impulse from which it arises, destroys it again. — I am merely bringing parliamentarism out of rhetoric and into immediate life. I place it within what is inherent in all life: birth and death; and thus I show it precisely as something belonging to reality, but in doing so I also show you the characteristic feature of all external phenomena of this kind in the age of the conscious soul, for they all bear the mark of birth and death that I have just mentioned.

[ 13 ] Nun, unendlich oft ist es ausgesprochen worden in kleinen Kreisen der okkulten Logen der englischsprechenden Welt, wenn man unter sich war: Klären wir die Welt ja nicht auf über das Geheimnis von Geburt und Tod! Denn wenn wir sie aufklären über das Geheimnis von Geburt und Tod, klären wir sie über das jetzige Zeitalter auf. Wir überliefern ihnen ein Wissen, das wir nicht aus der Hand geben wollen. — Daher wurde es als erste Regel geltend gemacht, ja nicht zu sprechen im äußeren Leben über das Geheimnis von Geburt und Tod, daß das in allem, und zwar zunächst in den historischen Erscheinungen, drinnensteckt. Denn dadurch wird dem modernen Leben der tragische Stempel aufgedrückt und dieses moderne Leben nach und nach zu etwas gezwungen, zu dem es sich gar nicht leicht zwingen lassen will. Es wird dieses moderne Leben gezwungen, von dem Ergebnis der Arbeit die Blicke hinwegzulenken und zur Arbeit selbst hinzuschauen. Man muß Freude haben am Arbeiten, indem man sich sagt: Was man in diesem Zeitalter an Äußerem erarbeiten kann, das erarbeitet man für den Tod und nicht für das Geborenwerden. — Und will man nicht für den Tod arbeiten, so kann man nicht im modernen Sinne arbeiten, denn man muß im modernen Zeitalter maschinenmäßig arbeiten. Und wer das nicht will, will einfach zurückführen in frühere Zeitalter.

[ 13 ] Well, it has been said countless times in the small circles of the occult lodges of the English-speaking world, when we were among ourselves: Let us not enlighten the world about the mystery of birth and death! For if we enlighten them about the mystery of birth and death, we enlighten them about the present age. We are passing on to them a body of knowledge that we do not wish to relinquish. — That is why it was established as the first rule: under no circumstances to speak in public life about the mystery of birth and death—that which is inherent in everything, and first and foremost in historical phenomena. For this imprints a tragic stamp on modern life and gradually compels this modern life toward something it does not readily allow itself to be compelled toward. This modern life is compelled to turn its gaze away from the results of work and toward the work itself. One must take joy in working by telling oneself: Whatever one can achieve in this age in the external world, one achieves for death and not for birth. — And if one does not wish to work for death, one cannot work in the modern sense, for in the modern age one must work like a machine. And whoever does not want that simply wants to return to earlier ages.

[ 14 ] Sie können dann die französische Geschichte studieren, wie versucht wird, die Emanzipation der Persönlichkeit nach innen zu treiben. Es führt zu jener furchtbaren Aufhebung der Persönlichkeit, die die Schlußepisode der Revolution und das Aufkommen des Napoleonismus zeigt. Und betrachten Sie die Sache gar in Italien. Woraus schöpfte das neuere Italien jene impulsive Kraft, mit der dort das nationale Element bis zum sogenannten «sacro egoismo», bis zum heiligen Egoismus sich geltend machte, woraus schöpfte dieses neue Italien diese Kraft? Die Dinge, die den Erscheinungen der Welt zugrunde liegen, muß man oft in Tiefen suchen. Gehen Sie zurück bis zu jenem wichtigen Zeitpunkt, der vor dem Aufkommen des Bewußtseinszeitalters liegt: Diese Kraft ist in allen ihren Seiten geschöpft aus dem, was das römische Papsttum dem italienischen Wesen eingepflanzt hat. Dieses römische Papsttum hat sich für Italien gerade dadurch in seiner Bedeutung gezeigt, daß es sein Wesen in die italienische Seele hineingeträufelt hat; und daraus ist entsprungen, wie es oftmals dem Zauberlehrling so geht, dasjenige, was nicht gewollt worden ist: die Abkehr von dem Papsttum selber mit aller Intensität im modernen Italien. Da sehen Sie am besten zusammenstoßen dasjenige, was angestrebt wird und was sich zu gleicher Zeit selber aufhebt. Nicht die Gedanken, wohl aber die Empfindungskräfte und die Begeisterungskräfte, auch diejenigen, die in Garibaldi gesteckt haben, sie sind die Reste der alten katholischen Begeisterung; aber indem sie sich umgekehrt haben, haben sie sich gegen den Katholizismus gewendet.

[ 14 ] You can then study French history to see how attempts were made to drive the emancipation of the individual inward. This leads to that terrible suspension of the individual, as demonstrated by the final episode of the Revolution and the rise of Napoleonic rule. And consider the matter in Italy as well. From what did modern Italy draw that impulsive force with which the national element asserted itself there to the point of so-called “sacro egoismo”—holy egoism? From what did this new Italy draw this force? The things that underlie the phenomena of the world must often be sought in the depths. Go back to that pivotal moment that precedes the dawn of the Age of Consciousness: this force, in all its aspects, is drawn from what the Roman Papacy implanted in the Italian spirit. The Roman Papacy proved its significance for Italy precisely by instilling its essence into the Italian soul; and from this sprang—as so often happens to the sorcerer’s apprentice—that which was not intended: the intense rejection of the Papacy itself in modern Italy. Here you can best see the clash between what is strived for and what simultaneously negates itself. Not the thoughts, but the powers of feeling and enthusiasm—including those that were present in Garibaldi—are the remnants of the old Catholic enthusiasm; but by turning themselves around, they have turned against Catholicism.

[ 15 ] Die Menschen werden ihr eigenes heutiges Zeitalter nur verstehen, wenn sie diese Dinge im rechten Zusammenhange fassen. Ich habe Ihnen gesagt: In Europa tragen sich jene verschiedenen symptomatischen Ereignisse zu, die ich vor Ihre Seele hingestellt habe. Wie im Hintergrunde ist im Osten das russische Gebilde, zusammengeschweißt aus den Resten byzantinisch-religiöser Struktur, aus normannischslawischem Blutimpuls, aus dem Asiatismus, wie er sich in der verschiedensten Weise über den Osten von Europa ergossen hat. Das alles aber ist unproduktiv, diese Dreiheit ist ja nichts, was aus der russischen Seele selbst hervorgeht. Diese Dreiheit ist auch dasjenige, was nicht bezeichnend ist für das, was in der russischen Seele lebt. — Welches ist der größte, der allergrößte denkbare Gegensatz zu der Emanzipation der Persönlichkeit? Das byzantinische Element. Es gibt eine große Persönlichkeit in der neueren Zeit, die unterschätzt wird, es ist Pobjedonoszew, der ein bedeutender Mensch war, aber ein Mensch, welcher ganz das byzantinische Element in sich trug. Er war ein Mensch, der das Gegenteil von dem nur wollen konnte, was das Zeitalter des Bewußtseins will und auf naturgemäße Weise aus dem Menschen hervorbringt. Man könnte sich denken, daß selbst noch intensiver das byzantinische Element in der russischen Orthodoxie sich weiter ausgebreitet hätte, daß dieser Tod alles Individuell-Persönlichen noch viel intensiver gewirtschaftet hätte, es würde doch nichts anderes hervorgegangen sein als der stärkste Drang nach Emanzipation der Persönlichkeit. Sie können die neuere russische Geschichte durchlesen: Wenn Sie nicht das in dieser neueren russischen Geschichte lesen, was sich abspielt so, daß dessen Verzeichnung immer verboten worden ist, dann haben Sie nicht dasjenige, was eigentlich russische Geschichte ist, das heißt das wirklich bewegende Element. Wenn Sie aber dasjenige in der russischen Geschichte lesen, was die herrschenden Mächte bisher erlaubt haben als Geschichte zu verzeichnen, dann haben Sie alles dasjenige, was als todbringendes Element über das russische Leben sich ausbreitet. Da tritt es am allercharakteristischesten hervor, weil im russischen Leben am meisten Zukunft liegt. Weil geradezu die Keime zur Entwickelung des Geistselbstes im russischen Leben liegen, deshalb ist dasjenige, was äußerlich aufgetreten ist im Zeitalter der Bewußtseinsseele bis jetzt, lauter Todbringendes, lauter Verwesungsduftendes, aber etwas, was da sein mußte, gerade weil dasjenige, was sich herausbilden will als Geistleben, den Untergrund des Todes braucht.

[ 15 ] People will only understand their own age today if they view these things in their proper context. I have told you: In Europe, those various symptomatic events are unfolding that I have set before your soul. As if in the background, in the East stands the Russian entity, forged from the remnants of the Byzantine-religious structure, from the Norman-Slavic blood impulse, and from Asianism, as it has poured over the East of Europe in the most diverse ways. But all of this is unproductive; this triad is not something that springs from the Russian soul itself. This triad is also what is not characteristic of what lives in the Russian soul. — What is the greatest, the very greatest conceivable antithesis to the emancipation of the personality? The Byzantine element. There is a great figure in modern times who is underestimated: Pobiedonoshev, who was a significant man, but one who embodied the Byzantine element entirely. He was a man who could only desire the opposite of what the age of consciousness desires and brings forth naturally from the human being. One might imagine that the Byzantine element in Russian Orthodoxy would have spread even more intensely, that this suppression of all that is individual and personal would have been carried out even more rigorously—yet nothing else would have emerged but the strongest urge toward the emancipation of the individual. You can read through recent Russian history: If you do not read in this recent Russian history what has taken place in such a way that its recording has always been forbidden, then you do not have what Russian history actually is—that is, the truly driving force. But if you read in Russian history what the ruling powers have so far permitted to be recorded as history, then you have everything that spreads over Russian life as a deadly element. There it stands out most characteristically, because Russian life holds the greatest promise for the future. Precisely because the seeds for the development of the spiritual self lie in Russian life, what has manifested externally in the age of the consciousness soul up to now is nothing but death, nothing but the stench of decay—yet it is something that had to be there, precisely because that which seeks to emerge as spiritual life requires the subsoil of death.

[ 16 ] Das muß man einsehen für die Entwickelurig des Zeitalters der Bewußtseinsseele, sonst wird man niemals eindringen in die wirklichen Bedürfnisse der Gegenwart. Man wird auch kein Bild sich machen können von dem, was so zerstörerisch heraufgezogen ist über die Menschheit, wenn man nicht wissen wird, daß in diesen vier letzten Jahren sich nur wie in einem großen Resumé zusammenfaßt dasjenige, was verbreitet war über das menschliche Leben als Tod seit dem Beginne des Bewußtseinszeitalters.

[ 16 ] One must recognize this in order to understand the development of the Age of the Consciousness Soul; otherwise, one will never gain insight into the true needs of the present. Nor will one be able to form a picture of what has so destructively descended upon humanity unless one realizes that these last four years merely summarize, as in a grand recapitulation, what has been spreading over human life like death since the beginning of the Age of Consciousness.

[ 17 ] Es ist charakteristisch, daß gerade die Todnatur der naturwissenschaftlichen Denkungsweise in einer merkwürdigen Weise gewirkt hat für eine der prophetischesten Persönlichkeiten der neueren Zeit, Ganz denkwürdig wird das folgende kleine symptomatische Ereignis immer dastehen in der neueren Geschichtsentwickelung: 1830, in Weimar, kommt Soret zu Goethe. Goethe empfängt ihn mit einer gewissen Aufregung, ich meine Aufregung in der Façon des Benehmens, nicht etwa in leidenschaftlicher Aufregung. Er sagt: Nun ist sie endlich hereingebrochen, die Bewegung, alles steht in Flammen! — Und einige andere Sätze sagte Goethe noch, so daß Soret glaubte, Goethe rede von der 1830 in Paris ausgebrochenen Revolution und antwortete auch in diesem Sinne. Aber Goethe redete gar nicht von dieser Revolution. Er sagte: Ach, das meine ich gar nicht, das ist für mich nicht so besonders wichtig. Dagegen wichtig ist, was in der Akademie in Paris verhandelt wird zwischen Cuvier und Geoffroy de Saint-Hilaire. — Da ist Cuvier, der Vertreter der alten Naturanschauung, derjenigen Naturanschauung, die nur dieLebewesen nebeneinanderstellt, eben derjenigen Naturanschauung, die vor allem in die Technik hineingeht, müssen wir sagen, und Geoffroy de Saint-Hilaire, derjenige, der Leben hineinbringt in diesen ganzen Verlauf des Lebens selbst. In Geoffroy de Saint-Hilaire sah Goethe den Anführer eines naturwissenschaftlichen Denkens der neueren Zeit, das nicht mehr in dem Sinne der bloßen Kopernikus, Kepler, Galilei naturwissenschaftlich sein will. Der Vertreter dieses Zeitalters ist Cuvier; dagegen ist Geoffroy de Saint-Hilaire der Vertreter desjenigen naturwissenschaftlichen Anschauens, das die Beweglichkeit des Lebens selbst hineinträgt in die Naturanschauung. Darum sah Goethe den Aufgang eines ganz neuen Zeitalters, indem sich Geoffroy de Saint-Hilaire in seinen Gedanken ein naturwissenschaftliches Denken zurechtlegte, welches übergehen muß, wenn es sich wirklich entwickelt, in übersinnliche Aufklärung über die Natur, welches gar nicht anders kann, als endlich in übersinnliche Erkenntnisse, in hellseherische Erkenntnisse überzugehen. Darin sah Goethe die Revolution von 1830, nicht in dem, was politisch in Paris vorgeht. Darin bewies Goethe sich als einer der intensivsten prophetischen Geister seiner Zeit. Er bewies, daß er fühlte und empfand, um was es sich in dieser neueren Zeit handelt.

[ 17 ] It is characteristic that the very lifeless nature of the scientific way of thinking had a peculiar effect on one of the most prophetic figures of modern times. The following small, symptomatic event will always stand out as particularly memorable in the recent course of history: In 1830, in Weimar, Soret visited Goethe. Goethe received him with a certain agitation—I mean agitation in the manner of his demeanor, not passionate agitation. He said: “Now it has finally broken out, the movement; everything is ablaze!” — And Goethe said a few other things as well, so that Soret believed Goethe was speaking of the revolution that had broken out in Paris in 1830 and replied accordingly. But Goethe was not speaking of that revolution at all. He said: “Oh, that’s not what I mean at all; that’s not particularly important to me. What is important, however, is what is being debated at the Academy in Paris between Cuvier and Geoffroy de Saint-Hilaire.” — There is Cuvier, the representative of the old view of nature—the view that merely juxtaposes living beings, the very view that, we must say, is primarily directed toward technology—and Geoffroy de Saint-Hilaire, the one who brings life into this entire course of life itself. In Geoffroy de Saint-Hilaire, Goethe saw the leader of a modern scientific way of thinking that no longer seeks to be scientific in the sense of mere Copernicus, Kepler, and Galileo. The representative of this era is Cuvier; in contrast, Geoffroy de Saint-Hilaire is the representative of that scientific perspective that brings the dynamism of life itself into the view of nature. That is why Goethe saw the dawn of an entirely new era in the way Geoffroy de Saint-Hilaire was developing a scientific mode of thinking in his mind—one that, if it truly develops, must transition into a supersensible understanding of nature, which cannot help but ultimately lead to supersensible insights, to clairvoyant insights. It was in this that Goethe saw the Revolution of 1830, not in the political events unfolding in Paris. In this, Goethe proved himself to be one of the most intensely prophetic minds of his time. He demonstrated that he sensed and perceived what was at stake in this new era.

[ 18 ] Man muß in dieser neueren Zeit Mut haben, wirklich hineinzuschauen in die Verhältnisse. Diesen Mut brauchten alte Zeitalter noch nicht. In die Verhältnisse des Geschehens muß man den Mut haben hineinzuschauen, denn es wird wichtig, daß die Bewußtseinsseele entwickelt werden kann. Ja, in früheren Zeitaltern war die Entwickelung dieser Bewußtseinsseele noch nicht wichtig. Dadurch, daß die Bewußtseinsseele gerade das Bedeutungsvolle in diesem Zeitalter wird, dadurch muß alles im Wachen vor sich gehen, was der Mensch für das soziale Leben entwickelt; dadurch kann er nicht die alten Instinkte in das soziale Leben hereintragen. Und er kann nicht allein hereintragen in das soziale Leben das, was Ergebnis der Naturwissenschaft ist, denn das ist das Tote und kann das Leben nicht beleben, kann das Leben nur mit toten Produkten durchsetzen und in solche zerstörenden Dinge hineinführen, wie sie die letzten vier Jahre gebracht haben. Denn in diesem Zeitalter wird folgendes wichtig.

[ 18 ] In these modern times, one must have the courage to truly look into the circumstances. In earlier ages, such courage was not yet necessary. One must have the courage to look into the circumstances of what is happening, for it is important that the consciousness soul be able to develop. Yes, in earlier ages the development of this soul of consciousness was not yet important. Precisely because the soul of consciousness is becoming the defining feature of this age, everything that human beings develop for social life must take place in the waking state; consequently, they cannot carry the old instincts into social life. Nor can he bring into social life solely the results of natural science, for these are lifeless and cannot enliven life; they can only permeate life with lifeless products and lead it into such destructive circumstances as the last four years have brought. For in this age, the following becomes important.

[ 19 ] Nicht wahr, die Menschen müssen auch schlafen. Wenn sie wachen, haben sie ihren gewöhnlichen freien Willen — nun, den können sie zu noch allerlei, das ihnen auf ahrimanisch-luziferischem Wege zukommt, verwenden, um Richtkräfte zu entwickeln. Aber wenn sie einschlafen, dann hört dieser freie, sogenannte freie Wille auf; dann denken die Menschen, ohne daß sie es wissen. Aber es ist nicht minder wirksam. Dann denken die Menschen durchaus auch. Man hört nicht auf zu denken, indem man einschläft; man denkt, bis man aufwacht. Man vergißt dies nur in dem Moment, wo man aufwacht. Daher weiß man nicht, welche Gewalt diejenigen Gedanken haben, die in die menschliche Seele hineinspielen vom Einschlafen bis zum Aufwachen. Aber bedenken wir, daß für das Zeitalter der Bewußtseinsseele die Götter verlassen haben die menschliche Seele während des Schlafens. In früheren Zeitaltern haben die Götter vom Einschlafen bis zum Aufwachen hineingeträufelt in die Seele das, was sie wollten. Der Mensch wäre nicht frei geworden, wenn sie es weiter hineinträufelten. Dadurch aber ist der Mensch zugänglich allen möglichen anderen Einflüssen vom Einschlafen bis zum Aufwachen. Ja, wir können zur Not wachen und zur Not leben, aber wir können nicht schlafen und sterben mit der Naturwissenschaft und mit dem, was aus der Naturwissenschaft folgt. Denn naturwissenschaftlich denken kann man nur vom Aufwachen bis zum Einschlafen. In dem Augenblicke, wo Sie einschlafen, wo Sie im Schlafe sind, hat das naturwissenschaftliche Denken ungefähr so viel Sinn, wie wenn Sie in einem Lande, wo kein Mensch Französisch versteht, überall Französisch sprechen würden. Da hat nur die Sprache Bedeutung, die man durch die übersinnliche Erkenntnis sich aneignet, die aus dem Übersinnlichen kommt. Die übersinnliche Erkenntnis muß an die Stelle desjenigen treten, was die Götter früher in die Instinkte hineinverpflanzt haben. Das ist der Sinn des Bewußtseinszeitalters, daß der Mensch aufsteigen muß zu übersinnlichen Impulsen und durchdringen muß zur Erkenntnis. Wenn man glaubt, alles das, was das Zeitalter hervorgebracht hat und noch hervorbringt ohne übersinnliche Impulse, sei etwas Lebendiges und nicht etwas Todbringendes, gibt man sich der gleichen Illusion hin, wie wenn man glauben würde, ein Weib der modernen Zeit könnte gebären ohne zu empfangen. Ein Weib der modernen Zeit bleibt unfruchtbar und stirbt ohne Nachkommenschaft, wenn sie nicht empfängt. Die moderne Kultur, wie sie sich im Zeitalter der Naturwissenschaft seit dem Beginne des 15. Jahrhunderts entwickelt hat gerade in den größten modernen Errungenschaften, bleibt steril und unfruchtbar, wenn sie nicht befruchtet wird von jetzt ab durch Impulse aus der übersinnlichen Welt. Tod muß werden alles dasjenige, was nicht befruchtet wird von der übersinnlichen Welt. Führen Sie ein in diesem Zeitalter der Bewußtseinsseele Demokratie, Parlamentarismus, Technik, modernes Finanzwesen, modernes Industriewesen, führen Sie ein das nationale Prinzip über die ganze Welt, führen Sie ein all diejenigen Gesichtspunkte, die die Menschen jetzt zugrunde legen dem, was sie Neuordnung der Welt nennen und mit dem sie reden wie Trunkene, die nicht wissen, wovon sie reden — Sie fördern dann den Tod, wenn Sie nicht all das befruchten wollen durch die Impulse der übersinnlichen Welt. Dann allein hat dasjenige, was wir schaffen müssen, das Todbringende auf allen Gebieten, einen Wert, wenn wir es zu befruchten wissen durch die Errungenschaften des Übersinnlichen. Es bringt nur Tod über die Menschheit, wenn wir es nicht zu befruchten wissen durch die Impulse des Übersinnlichen.

[ 19 ] Isn’t it true that people also need to sleep? When they are awake, they have their usual free will—and they can use that to develop guiding forces in response to all sorts of things that come to them through Ahrimanic-Luciferic channels. But when they fall asleep, this free—so-called free—will ceases; then people think without realizing it. Yet it is no less effective. People certainly continue to think. One does not stop thinking simply by falling asleep; one thinks until one wakes up. One simply forgets this at the moment one wakes up. That is why one does not realize the power of those thoughts that flow into the human soul from the moment of falling asleep until waking up. But let us consider that, in the age of the conscious soul, the gods have left the human soul during sleep. In earlier ages, the gods instilled whatever they wished into the soul from the moment of falling asleep until waking. Human beings would not have become free if the gods had continued to instill these influences. As a result, however, human beings are open to all manner of other influences from the moment of falling asleep until waking. Yes, we can stay awake and live if we must, but we cannot sleep and die with natural science and with what follows from it. For one can think scientifically only from waking until falling asleep. The moment you fall asleep, while you are asleep, scientific thinking makes about as much sense as if you were to speak French everywhere in a country where no one understands French. Only the language acquired through supersensible knowledge—which comes from the supersensible—has meaning there. Supersensible knowledge must take the place of what the gods once implanted in our instincts. This is the meaning of the Age of Consciousness: that human beings must rise to supersensible impulses and penetrate to knowledge. If one believes that everything this age has produced and continues to produce without supersensible impulses is something living rather than something deadly, one is succumbing to the same illusion as if one were to believe that a woman of the modern age could give birth without conceiving. A woman of the modern age remains barren and dies without offspring if she does not conceive. Modern culture, as it has developed in the age of natural science since the beginning of the 15th century—precisely in its greatest modern achievements—remains sterile and barren unless it is fertilized from now on by impulses from the supersensible world. Everything that is not fertilized by the supersensible world must become death. Introduce democracy, parliamentarianism, technology, modern finance, and modern industry in this age of the conscious soul; introduce the national principle throughout the entire world; introduce all those perspectives that people now take as the basis for what they call the “reorganization of the world”—and about which they speak like drunks who do not know what they are talking about — you are then promoting death if you do not wish to infuse all of this with the impulses of the supersensible world. Only then does what we must create—which is deadly in all areas—have any value, if we know how to infuse it with the achievements of the supersensible. It brings only death upon humanity if we do not know how to infuse it with the impulses of the supersensible.

[ 20 ] Fassen wir das nur im vollen Ernste auf, erheben wir uns, gerade aus einer symptomatologischen Geschichtsbetrachtung der neueren Zeit, zu dem Gedanken: Da stellen sich herein in die menschliche Entwickelung seit dem 15. Jahrhundert diejenigen Dinge, welche die Menschheit verzeichnet als die größte Errungenschaft: die moderne Naturwissenschaft, die moderne Soziologie, das moderne technische Leben, das moderne industrielle Leben, das moderne finanzielle Leben. Die stellen sich herein. Sie sind todbringend, wenn sie nicht befruchter werden durch Übersinnliches. Sie sind allein befähigt, die Menschheit weiterzubringen dahin, wohin sie gehen muß, wenn sie befruchtet werden durch Impulse des Übersinnlichen. Dann sind sie gut. Sie sind nicht an sich gut. Nichts ist an sich gut von dem, was die moderne Menschheit heute in einem gewissen Übermut und Hochmut als ihre größten Errungenschaften hinstellt. Erst dann wird es gut, wenn es durchgeistigt wird.

[ 20 ] If we take this in all seriousness, we rise—precisely from a symptomatological view of modern history—to the following thought: Since the 15th century, those things that humanity records as its greatest achievements have entered into human development: modern natural science, modern sociology, modern technological life, modern industrial life, and modern financial life. They have entered into it. They are deadly unless they are fertilized by the supersensible. They are capable of advancing humanity toward where it must go only if they are imbued with impulses from the supersensible. Then they are good. They are not good in and of themselves. Nothing is good in and of itself among what modern humanity today, with a certain arrogance and hubris, presents as its greatest achievements. It becomes good only when it is imbued with the spiritual.

[ 21 ] Das ist nicht eine Lehre, welche in willkürlicher Weise vor Sie hingestellt wird, das ist eine Lehre, die dann, wenn man die moderne Geschichtsentwickelung symptomatologisch betrachtet, sich aus dieser modernen Geschichtsentwickelung selber ergibt. Und die Zeit ist da, wo wir das Bewußtsein entwickeln müssen. Aber wir müssen auch wissen, was wir diesem Bewußtsein zumuten dürfen. In dem Augenblicke, wo wir auch nur innerlich unbewußt Dogmatiker sein wollen, können wir das Bewußtsein nicht mehr entwickeln. Daher muß ich immer wiederum, wie ich es erst vor kurzem vor Ihre Seele hingestellt habe, erinnern an solche Dinge wie das Folgende: Ich habe einmal in einer Stadt Vorträge gehalten über Bibel und Weisheit. Da waren auch zwei katholische Geistliche drinnen — die meisten von Ihnen wissen das kleine Faktum schon —, die kamen, da ich nichts Sonderliches gesagt habe, was anfechtbar war für einen katholischen Geistlichen, und da es nicht gerade Jesuiten waren, die sorgfältig alles studieren und die Aufgabe haben, in alles ihre Nase hineinzustecken, sondern katholische Durchschnittspfarrer, die kamen heran: Ja, wir haben das Purgatorium. Sie sprechen auch von einer solchen Prüfungszeit nach dem Tode. Wir haben das Paradies. Sie sprechen von dem Geist-Erleben, und man kann eigentlich gegen die Sache inhaltlich nicht viel haben. Sie würden schon genügend dagegen haben, wenn sie weiter eingedrungen wären, aber in einem Vortrage fanden sie das natürlich nicht! — Dann sagten sie weiter: Wissen Sie, der Unterschied ist der: Wie Sie reden, so reden Sie nur zu einer gewissen Schicht der Bevölkerung, welche die Vorbedingungen sich dazu geschaffen hat, eine gewisse Bildung sich angeeignet hat, gewisse Vorstellungen sich angeeignet hat, und wir sprechen zu allen Menschen. Daher finden wir eben die Worte für alle Menschen, und das ist daher das Richtige, für alle Menschen zu sprechen. — Darauf sagte ich zu ihnen: «Hochwürden» — selbstverständlich, einen katholischen Geistlichen spricht man mit Hochwürden an, ich bin immer für Beibehaltung der äußeren Titulatur — «Hochwürden, sehen Sie, darauf kommt es nicht an, was Sie jetzt sagen. Ich will gar nicht daran zweifeln, daß Sie glauben, Sie sprechen für alle Menschen, daß Sie meinen, Ihr Reden so einrichten zu können, als ob Sie für alle Menschen sprechen. Aber das ist eine subjektive Meinung, nicht wahr, sie ist dasjenige, was man in der Regel hat, um überhaupt sein Reden vor sich selber zu rechtfertigen. Aber es kommt nicht darauf an, ob wir diesen Glauben haben oder nicht haben, daß wir für alle Menschen sprechen, sondern auf die Tatsachen, auf die Wirklichkeit kommt es an. Und da frage ich Sie jetzt nicht theoretisch-logisch: Welches sind die Gründe, warum ich nicht für alle Leute reden sollte, während Sie für alle Leute reden — da würden wir natürlich unendlich viel finden, was für Sie sprechen würde. Aber ich frage Sie nach den Tatsachen: Gehen alle Leute heute noch zu Ihnen in die Kirche herein, für die Sie glauben, zu ihnen sprechen zu können? Sehen Sie, das ist die Tatsache.» Da konnten sie natürlich nicht sagen, daß alle Leute heute noch zu ihnen in die Kirche gehen! «Sehen Sie», sagte ich ihnen, «und ich rechne mit den Tatsachen, ich rede für diejenigen, die heraus bleiben, die aber auch ein Recht haben, zu dem Christus geführt zu werden, Für die rede ich. Ich sehe, daß da Menschen sind, die die Sache so und so hören wollen. Das ist eine Tatsache, und auf die Tatsache kommt es an, auf die subjektiven Meinungen kommt es gar nicht an.»

[ 21 ] This is not a doctrine that is arbitrarily presented to you; it is a doctrine that, when one considers modern historical development from a symptomatic perspective, emerges from that modern historical development itself. And the time has come for us to develop this consciousness. But we must also know what we can reasonably expect of this consciousness. The moment we even unconsciously wish to be dogmatists—even if only inwardly—we can no longer develop this consciousness. Therefore, as I have recently set before your souls, I must repeatedly remind you of things such as the following: I once gave lectures in a city on the Bible and wisdom. There were also two Catholic clergymen in the audience—most of you already know this little fact—who approached me because I hadn’t said anything in particular that could be contested by a Catholic clergyman, and since they weren’t exactly Jesuits—who study everything carefully and have the task of sticking their noses into everything—but rather average Catholic parish priests, they came up to me and said: “Yes, we have Purgatory. You also speak of such a time of trial after death. We have Paradise. You speak of the spiritual experience, and one can’t really object much to the substance of the matter. You would have had enough to object to if they had probed deeper, but of course they didn’t find that in a single lecture!” — Then they went on to say: “You see, the difference is this: the way you speak, you’re only addressing a certain segment of the population—one that has created the necessary conditions for itself, acquired a certain level of education, and adopted certain ideas—whereas we speak to all people. That’s why we find the right words for everyone, and that’s why it’s right to speak to all people.” — To which I replied: “Reverend”—of course, one addresses a Catholic clergyman as ‘Reverend’; I’m always in favor of retaining formal titles—“Reverend, you see, what you’re saying now isn’t the point. I don’t doubt for a moment that you believe you’re speaking for everyone, that you think you can structure your speech as if you were speaking for everyone. But that is a subjective opinion, isn’t it? It is what one usually holds in order to justify one’s own speech to oneself. But what matters is not whether we hold this belief—that we speak for all people—but rather the facts; reality is what matters. And so I’m not asking you now in a theoretical-logical sense: What are the reasons why I shouldn’t speak for everyone, while you speak for everyone—in that case, we would of course find an endless number of arguments in your favor. But I’m asking you about the facts: Do all the people you believe you can speak to still come into your church today? You see, that is the fact.” Of course, they couldn’t say that all people still go to church with them today! “You see,” I told them, “I rely on the facts; I speak for those who stay away but who also have a right to be led to Christ. It is for them that I speak. I see that there are people who want to hear things this way or that way. That is a fact, and it is the fact that matters; subjective opinions don’t matter at all.”

[ 22 ] Das ist vor allen Dingen gesund, daß man lernt, von der Wirklichkeit sich die Ansicht zu bilden, nicht aus seinem Subjektiven heraus, denn nichts ist gefährlicher, als gerade im Zeitalter der Bewußtseinsseele sich Subjektivitäten hinzugeben, mit Vorliebe hinzugeben. Damit wir die Bewußtseinsseele entwickeln, dürfen wir nicht im Unbewußten Dogmatiker werden, sondern wir müssen alles das, was wir zu Triebfedern unseres Handelns und Denkens machen, uns von der Tatsachenwelt diktieren lassen. Darauf kommt es gerade an. Und darin besteht ein wesentlicher Kampf in der neueren Zeit unter der Oberfläche des geschichtlichen Werdens, ein wesentlicher Kampf zwischen dem Annehmen dessen, was man für richtig hält, und dem Diktat der Tatsachen. Und bei der Geschichtsbetrachtung wird das ganz besonders wichtig. Denn man wird niemals die Geschichte richtig betrachten, wenn man sie nicht zu gleicher Zeit als die große wirkliche Lehrmeisterin kennenlernt. Dann darf man aber nicht die Tatsachen, so wie man sie will, hineintragen in die Geschichte, sondern dann muß man wirklich die Geschichte sprechen lassen können. In den letzten vier Jahren wurde über die ganze Welt hin gerade mit Bezug auf dieses Sprechenlassen der Geschichte unendlich viel verlernt. Es spricht sozusagen kaum leicht noch die Tatsache irgendwie, sondern dasjenige, was man für die Tatsache hält, Nun, es wird noch lange so sein, daß man nicht lernen wird, die Tatsachen sprechen zu lassen, aber ebenso lange wird man auch noch nicht bei derjenigen Kraft angelangt sein, die die Menschheit wirklich hinausführt zu einem unbefangenen Auffassen der Wirklichkeit. Und auf ein unbefangenes Auffassen der Wirklichkeit und auf das Erringen einer unbefangenen Stellung zur Wirklichkeit kommt es auf allen Gebieten des Lebens gerade im Zeitalter der Bewußtseinsseele an.

[ 22 ] Above all, it is healthy to learn to form one’s view of reality not from one’s own subjectivity, for nothing is more dangerous than indulging in subjectivity—and doing so with a particular fondness—especially in the age of the consciousness soul. In order to develop the soul of consciousness, we must not become dogmatists in the unconscious; rather, we must allow the world of facts to dictate everything we make the driving forces of our actions and thoughts. That is precisely what matters. And therein lies a fundamental struggle in recent times beneath the surface of historical development—a fundamental struggle between accepting what one considers to be right and the dictates of facts. And this becomes particularly important when considering history. For one will never view history correctly unless one simultaneously comes to know it as the great, true teacher. But then one must not impose the facts onto history as one sees fit; rather, one must truly be able to let history speak for itself. Over the past four years, people all over the world have forgotten an immense amount precisely with regard to this principle of letting history speak for itself. It is, so to speak, hardly the fact itself that speaks anymore, but rather what one takes to be the fact. Well, it will be a long time yet before we learn to let the facts speak for themselves, but for just as long, we will not yet have attained the power that truly leads humanity toward an unbiased perception of reality. And an unbiased perception of reality and the attainment of an unbiased attitude toward reality are what matter most in all areas of life, especially in the age of the conscious soul.

[ 23 ] Was wird erfordert — wenn ich das noch anfügen darf —, wenn wir so aus den Symptomen der Geschichte allmählich vordringen wollen wir werden in den nächsten Vorträgen weiter davon sprechen — zur Wirklichkeit? Es wird erfordert, daß man gerade in diesem Zeitalter auf das hinschauen kann, was von der übersinnlichen Welt her dem Menschen wieder Produktivität gibt. Denn das Ersterben der Produktivität haben wir als das Charakteristischeste in allen Erscheinungen hereinkommen sehen. Der Mensch muß seine Sinne der übersinnlichen Welt eröffnen, damit in sein Ich hereingeht dasjenige, was sein Geistselbst vorbereitet, sonst würde er sich die Wege zum Geistselbst vollständig abschneiden. Das bedeutet, daß der Mensch Bekanntschaft machen muß mit dem reinen Geistigen, mit dem, was gewissermaßen nur in das Zentrum seines Seelischen hinein kann. Wird er einmal geneigt sein, in dieses Zentrum seines Seelischen durch eine vernünftige symptomatologische Geschichtsbetrachtung hineinzuschauen, dann wird er auch geneigt werden, dasjenige, was jetzt nicht Mittelpunkt, sondern Peripherie ist, unbefangener zu betrachten.

[ 23 ] What is required—if I may add this—if we wish to gradually advance from the symptoms of history—we will discuss this further in the next lectures—toward reality? What is required is that, especially in this age, we be able to look toward that which, coming from the supersensible world, restores productivity to the human being. For we have seen the withering away of productivity emerge as the most characteristic feature of all phenomena. Human beings must open their senses to the supersensible world so that what prepares their spiritual self may enter into their “I”; otherwise, they would completely cut off the paths to their spiritual self. This means that human beings must become acquainted with the purely spiritual—with that which, so to speak, can enter only into the center of their soul. Once they are inclined to look into this center of their soul through a rational, symptomatological view of history, they will also be inclined to regard that which is now not the center but the periphery with greater impartiality.

[ 24 ] Der Mensch hat schon einmal diesen Gegensatz: Seelisches Zentrum und äußere Peripherie. Indem er immer mehr seelisch-geistig in sich selbst eindringt, kommt er zum Zentrum. In diesem Zentrum muß er aufnehmen diejenigen Impulse, die ich Ihnen als historische charakterisiert habe. Da wird er nach Geistigerem und immer Geistigerem streben, wenn er die geschichtliche Wirklichkeit kennenlernen will. Dafür wird er aber auch einen Sinn bekommen, an der Peripherie nach dem entgegengesetzten Pol zu streben. Er wird einen Sinn bekommen für dasjenige, was nach der Peripherie dringt, sein Leibliches. Muß die Geschichte den Weg finden, den ich vorgezeichnet habe durch die Symptomatologie nach dem Inneren zu, so muß die Medizin zum Beispiel und die Hygiene und das Sanitätswesen den Weg finden zur Symptomatologie nach außen. Geradesowenig, wie die neuere Geschichte an die Wirklichkeiten dringt, so wenig dringt die neuere Medizin, das neuere Sanitätswesen, die neuere Hygiene zu den Symptomen nach außen durch. Und ich habe es immer wieder betont: Der einzelne kann dem einzelnen nicht helfen, und wenn er noch so gründlich die Dinge durchschaute, weil es sich darum handelt, daß heute gerade diese Dinge in den Händen derjenigen sind, die nach der falschen Richtung hin ziehen. Es muß wirklich in die Verantwortung derjenigen gegeben werden, die nach der richtigen Richtung hin ziehen. Gewiß, die äußeren Tatsachen sind ebenso wahr, wie wahr ist, nun ja, daß schließlich Jakob I. so oder so ausgesehen hat, wie ich Ihnen das charakterisiert habe; so sind natürlich auch die äußeren Tatsachen wahr, daß die oder jene Bazillenart etwas zu tun hat, sagen wir, mit der Grippe, die jetzt so verbreitet ist. Aber wenn es wahr ist, daß zum Beispiel für die Verbreitung einer gewissen epidemischen Krankheit die Ratten Krankheitsträger sind — ich will jetzt nur den Gedanken nehmen —, so kann man doch nicht sagen, daß von den Ratten diese Krankheit kommt, sondern man hat sich immer vorgestellt, daß die Ratten diese Krankheit verbreiten. An sich haben natürlich die Bazillen mit alledem, was die Krankheit ist, in Wirklichkeit nichts zu tun. Dasjenige, um was es sich bei solchen Dingen handelt, das ist, daß geradeso, wie wir es hinter den Symptomen der Geschichte mit geistig-seelischen Ereignissen zu tun haben, so haben wir es hinter den Symptomen der äußeren Körperlichkeit mit kosmologischen Ereignissen zu tun bei einer solchen Erscheinung. Bei anderen natürlich ist wieder anderes der Fall, nicht wahr. Was besonders wichtig ist in einem solchen Falle, ist der rhythmische Gang der kosmischen Ereignisse. Der muß studiert werden. Es muß gefragt werden: In welcher kosmischen Konstellation lebten wir, als in den achtziger Jahren die heutige Grippe in der milderen Form der Influenza auftrat? In welcher Konstellation kosmischer Natur leben wir jetzt? Wie vollzieht sich der kosmische Rhythmus, da die damalige Influenza in der etwas härteren Form der Grippe auftritt? — So wie Rhythmus gesucht werden muß hinter der historischen Symptomenreihe, so muß ein gewisser Rhythmus gesucht werden hinter dem Auftreten gewisser epidemischer Krankheiten.

[ 24 ] Human beings already face this contrast: the spiritual center and the outer periphery. As they delve ever deeper into themselves spiritually and mentally, they reach the center. In this center, they must take in the impulses that I have characterized for you as “historical.” There, they will strive for the spiritual and ever more spiritual if they wish to come to know historical reality. In return, however, they will also develop a sense of striving toward the opposite pole at the periphery. They will develop a sense for that which pushes toward the periphery: their physical nature. If history is to find the path I have outlined—through symptomatology toward the inner realm—then medicine, for example, as well as public health and the healthcare system, must find the path toward symptomatology directed outward. Just as modern history fails to penetrate to the realities, so too do modern medicine, the modern healthcare system, and modern public health fail to penetrate to the outward symptoms. And I have emphasized this time and again: The individual cannot help the individual, no matter how thoroughly he may see through things, because the point is that today these very things are in the hands of those who are pulling in the wrong direction. Responsibility must truly be placed in the hands of those who are moving in the right direction. Certainly, the external facts are just as true as it is true—well, that James I ultimately looked the way I have described him to you; so, of course, the external facts are also true that this or that type of bacillus has something to do with, say, the flu that is now so widespread. But if it is true, for example, that rats are carriers of a certain epidemic disease—I’m just using this as an illustration—then one cannot say that the disease comes from the rats; rather, it has always been assumed that the rats spread this disease. In and of themselves, of course, the germs actually have nothing to do with what the disease is. What such things are really about is this: just as we are dealing with spiritual-soul events behind the symptoms of history, so too are we dealing with cosmological events behind the symptoms of external physicality in such a phenomenon. With other phenomena, of course, the situation is different, isn’t it? What is particularly important in such a case is the rhythmic course of cosmic events. This must be studied. We must ask: In what cosmic constellation were we living when, in the 1880s, today’s flu appeared in the milder form of influenza? In what constellation of a cosmic nature are we living now? How is the cosmic rhythm unfolding, given that the influenza of that time is now appearing in the somewhat more severe form of the flu? — Just as a rhythm must be sought behind the historical sequence of symptoms, so too must a certain rhythm be sought behind the occurrence of certain epidemic diseases.

[ 25 ] Es gibt Gegenden der Erde, Sie brauchen nur einen Papierfetzen anzuzünden und von der Erde kommen alle möglichen Dämpfe herauf; es sind die Solfatare-Gegenden in Italien. Das beweist Ihnen, daß Sie etwas über der Erde vollziehen können, und die Erde sendet Ihnen im Zusammenhang der Naturwirkungen diese Dinge herauf. Ja, halten Sie es für unmöglich, daß an der Sonne etwas geschieht — da doch die Sonnenstrahlen jeden Tag zur Erde fallen —, was eine Bedeutung hat für dasjenige, was aus der Erde aufsteigt und mit dem Leben des Menschen im Zusammenhange steht, und daß das wiederum sich verschieden konfiguriert, je nach den verschiedenen Gegenden der Erde? Glauben Sie denn, daß man wirklich über diese Dinge etwas erkennen wird, bevor man sich herbeiläßt, durch eine geistig-seelische Erkenntnis zu einer richtigen Kosmologie überzugehen? Gewiß, man hat es als eine Narrheit aufgefaßt — in dieser Weise ist es eine Narrheit —, daß die Leute gesagt haben: Mit den Sonnenfleckenperioden hängt die Neigung der Menschen zu Kriegen zusammen. — Aber es gibt einen Punkt, wo selbst das nicht mehr eine reine Narrheit ist, wo das Auftreten gewisser pathologischer Impulse im Temperamentenleben selbst zusammenhängt mit solchen kosmologischen Erscheinungen wie den rhythmisch auftretenden Sonnenfleckenperioden. Und wenn dann diese kleine Gesellschaft, diese winzigen Herrschaften — Bazillen, Ratten —, dasjenige, was einen kosmologischen Zusammenhang hat, wirklich von einem Menschen zum anderen tragen, dann ist das nur etwas Sekundäres, das leicht bewiesen werden kann, das selbstverständlich dadurch ein großes Publikum findet; aber die Hauptsache ist es nicht. Und vor allen Dingen, hinter die Hauptsache kommt man nicht, wenn man nicht den Willen hat, wirklich auch die Peripheriesymptome zu studieren.

[ 25 ] There are places on Earth where all you have to do is light a scrap of paper, and all kinds of vapors rise up from the ground; these are the solfatara regions in Italy. This proves to you that you can perform an action above the Earth, and the Earth sends these things up to you as part of natural processes. Yes, do you consider it impossible that something is happening on the Sun—since the sun’s rays fall upon the Earth every day—that has significance for what rises from the Earth and is connected to human life, and that this, in turn, takes on different forms depending on the various regions of the Earth? Do you really believe that we will gain any insight into these matters before we are willing to move toward a true cosmology through spiritual and psychological insight? Certainly, it has been regarded as folly—and in this sense it is folly—that people have said: Human tendencies toward war are linked to the cycles of sunspots. — But there is a point where even that is no longer pure folly, where the occurrence of certain pathological impulses in the life of the temperament is itself connected to such cosmological phenomena as the rhythmically recurring sunspot cycles. And if this small community, these tiny creatures—germs, rats—truly carry from one person to another that which has a cosmological connection, then that is merely a secondary matter, one that can be easily proven and which, of course, finds a wide audience; but it is not the main point. And above all, one cannot get to the heart of the matter unless one has the will to truly study the peripheral symptoms as well.

[ 26 ] Daher glaube ich nicht, daß die Menschen vernünfligere Anschauungen über die Geschichte bekommen werden, wenn sie nicht geschichtliche Symptomatologie mit dem Hintergrunde der übersinnlichen Erkenntnis, wie es so notwendig ist für die moderne Menschheit, treiben, sondern ich muß sagen: Die Menschen werden auch dadurch erst auf dem Gebiete des Sanitätswesens, der Hygiene, der Medizin zu etwas kommen, wenn sie auf diesem Gebiete nunmehr eine kosmologische, nicht eine historische, aber eine kosmologische Symptomatologie treiben. Denn dasjenige, was auf der Erde als Krankheiten lebt, das wird uns vom Himmel heruntergeschickt. — Nur muß man natürlich dann nicht in dem Vorurteil leben, in dem die moderne Menschheit lebt. Diese moderne Menschheit hat es sich sehr bequem gemacht: Ein Gott lebt überall. — Nun ja, dann ist sie nur nicht in der Lage, diese moderne Menschheit, indem sie den Gott in der Geschichte anerkennt, auch alle möglichen retardierenden und schädlichen Vorgänge in der Geschichte zu erklären. Und wenn solche Jahre eintreten wie die letzten vier, dann wird diese Sache mit dem Gott in der Geschichte, mit dem Einheitsgott in der Geschichte, wirklich recht, recht stark sengerig, denn dann bekommt dieser Gott in der Geschichte einen sonderbaren Trieb nach Vermehrung, und ein jeder verteidigt dann auf seinem Terrain seinen Gott in der Geschichte, ärgert den anderen damit. Und erst, wenn man zur Kosmologie übergehen soll und zugleich bei dem bequemen Einheitsgotte bleibt, dann schickt dieser Gott die Krankheiten! Aber wenn man zu der Trinität aufzusteigen weiß: Gott, Luzifer, Ahriman, wenn man diese Trinität weiß in dem Übersinnlichen hinter den historischen Betrachtungen, hinter den historischen Symptomen, wenn man diese Trinität weiß draußen im kosmischen Weltall, dann hat man nicht nötig, auf den guten Gott sich zu berufen, wenn man sagt: Die Krankheiten sendet uns der Himmel, indem er mit der Erde zusammenwirkt, — so wie ich nur durch ein Blatt Papier auf einem Schwefelboden Schwefeldämpfe in die Höhe bringe. Erst dann aber kann mit der Wahrheit geholfen werden, wenn die Menschen die Wahrheit anerkennen im Zeitalter der Bewußtseinsseele. Daher kommt alles doch auf das eine an: die Wahrheit zu suchen.

[ 26 ] Therefore, I do not believe that people will arrive at more reasonable views of history unless they engage in historical symptomatology grounded in supersensible knowledge—as is so necessary for modern humanity—but I must say: People will also only make progress in the fields of public health, hygiene, and medicine if they now pursue a cosmological—not a historical, but a cosmological—symptomatology in these areas. For what exists on Earth as disease is sent down to us from heaven. — Of course, one must not then live under the prejudice in which modern humanity lives. Modern humanity has made things very comfortable for itself: God is everywhere. — Well, then modern humanity, by acknowledging God in history, is simply not in a position to explain all the various retarding and harmful processes in history. And when years like the last four come along, this whole idea of God in history—of the one God in history—becomes truly, truly quite troublesome, because then this God in history develops a strange urge to multiply, and everyone then defends their own God in history on their own turf, thereby annoying the others. And only when one is supposed to move on to cosmology while at the same time clinging to the convenient God of Unity does this God send the diseases! But if one knows how to ascend to the Trinity—God, Lucifer, Ahriman—if one recognizes this Trinity in the supersensible realm beyond historical observations, beyond historical symptoms, if one recognizes this Trinity out there in the cosmic universe, then one has no need to invoke the good God when one says: “Heaven sends us illnesses by interacting with the Earth—just as I can cause sulfur fumes to rise simply by placing a sheet of paper on a sulfur-covered ground.” But truth can only bring help when people recognize the truth in the Age of the Conscious Soul. Therefore, everything ultimately comes down to one thing: seeking the truth.