Historical Symptomatology
GA 185
25 October 1918, Dornach
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Historical Symptomatology, tr. SOL
Vierter Vortrag
Fourth Lecture
[ 1 ] Bevor ich zu anderem übergehe, muß ich noch sprechen von gewissen umfassenderen Gedanken, die sich ergeben aus dem, was wir über die neuzeitliche menschliche Geschichtsentwickelung betrachtet haben. Wir haben versucht, diese neuzeitliche menschliche Geschichtsentwickelung ins Auge zu fassen vom Gesichtspunkte einer Symptomatologie, das heißt, wir haben entschieden den Versuch unternommen, dasjenige, was man gewöhnlich historische Tatsachen nennt, nicht als das zu betrachten, was das Wesentliche in der geschichtlichen Wirklichkeit ist, sondern diese historischen Tatsachen so hinzustellen, daß sie bildhafte Offenbarungen desjenigen darstellen, was eigentlich hinter ihnen als die wahre Wirklichkeit liegt. Diese wahre Wirklichkeit ist damit wenigstens auf dem Gebiete des geschichtlichen Werdens der Menschheit herausgehoben aus dem, was bloß äußerlich in der sinnenfälligen Welt wahrgenommen werden kann. Denn das, was äußerlich in der sinnenfälligen Welt wahrgenommen werden kann, das sind eben die sogenannten historischen Tatsachen. Und erkennt man die sogenannten historischen Tatsachen nicht als die wahre Wirklichkeit an, sondern sucht in ihnen als in Symptomen von der wahren Wirklichkeit Offenbarungen eines hinter ihnen Stehenden, dann kommt man ganz selbstverständlich zu einem übersinnlichen Elemente.
[ 1 ] Before moving on to other topics, I must still address certain broader ideas that arise from what we have considered regarding modern human historical development. We have attempted to examine this modern human historical development from the perspective of symptomatology; that is to say, we have deliberately undertaken the attempt to regard what is commonly called historical facts not as the essence of historical reality, but to present these historical facts in such a way that they serve as pictorial revelations of what actually lies behind them as the true reality. This true reality is thus, at least in the realm of humanity’s historical development, distinguished from what can be perceived merely externally in the sensory world. For what can be perceived externally in the sensory world are precisely the so-called historical facts. And if one does not recognize the so-called historical facts as true reality, but instead seeks in them—as symptoms of true reality—revelations of what lies behind them, then one naturally arrives at a supersensible element.
[ 2 ] Es ist im ganzen gerade bei der Betrachtung der Geschichte vielleicht nicht so leicht, vom Übersinnlichen in seinem wahren Charakter zu sprechen, weil viele glauben, wenn sie irgendwelche Gedanken oder Ideen in der Geschichte finden, oder einfach wenn sie geschichtliche Ereignisse notifizieren, dann hätten sie schon etwas Übersinnliches. Wir müssen uns ganz klar sein darüber, daß wir zum Übersinnlichen überhaupt nicht rechnen können, was uns, sei es für die Sinne, sei es für den Verstand, sei es für das Empfindungsvermögen, innerhalb der sinnenfälligen Welt entgegentritt. Daher muß uns alles, was eigentlich im gewöhnlichen Sinne als Geschichte erzählt wird, zum Sinnenfälligen gehören. Man wird natürlich, wenn man so historisch Symptomatologie treibt, die Symptome nicht immer gleichwertig nehmen dürfen, sondern man wird aus der Betrachtung selbst erkennen, daß das eine Symptom von ganz besonderer Wichtigkeit ist, um hinter die Ereignisse auf die Wirklichkeit zu kommen; andere Symptome sind vielleicht ganz bedeutungslos, wenn man den Weg einschlagen will in die wahre übersinnliche Wirklichkeit.
[ 2 ] All in all, especially when considering history, it may not be so easy to speak of the supersensible in its true nature, because many believe that if they find any thoughts or ideas in history, or simply if they note historical events, then they have already encountered something supersensible. We must be absolutely clear that we cannot count as supernatural anything that confronts us within the sensory world—whether through the senses, the intellect, or the power of feeling. Therefore, everything that is actually recounted as history in the ordinary sense must belong to the realm of the sensory. Of course, when engaging in historical symptomatology in this way, one must not treat all symptoms as equally significant; rather, one will recognize from the analysis itself that one symptom is of particular importance for getting beyond the events to the reality; other symptoms may be entirely insignificant if one wishes to embark on the path toward true supersensible reality.
[ 3 ] Nun, ich möchte, nachdem ich Ihnen eine größere Anzahl von mehr oder weniger wichtigen Symptomen aus jenem Zeitraume aufgezählt habe, der seit dem Eintritt der Menschheit in die Bewußtseinsseelenkultur verflossen ist, jetzt versuchen, Ihnen nach und nach einiges zu charakterisieren von dem dahinterstehenden Übersinnlichen. Einiges haben wir ja schon charakterisiert. Denn natürlich, ein wesentlicher Grundzug, der im Übersinnlichen pulsiert, ist ja das Eintreten der Menschheit in die Bewußtseinsseelenkultur selbst, das heißt das Aneignen der Organe für die Entwickelung der Bewußtseinsseele. Das ist das Wesentliche. Aber wir haben schon neulich erkannt, daß gewissermaßen der andere Pol, die Ergänzung zu diesem innerlichen Erarbeiten der Bewußtseinsseele, sein muß die Hinneigung zu einer Offenbarung aus der geistig-übersinnlichen Welt heraus. Diese Gesinnung muß die Menschen durchdringen, daß sie fortan nicht werden weiterkommen können, ohne der neuen Art von Offenbarung der übersinnlichen Welt entgegenzugehen.
[ 3 ] Now, after I have listed for you a large number of more or less significant symptoms from the period that has elapsed since humanity entered the culture of the consciousness-soul, I would like to try, step by step, to describe some aspects of the supersensible reality underlying them. We have, of course, already characterized some of it. For naturally, an essential feature pulsating within the supersensible realm is humanity’s entry into the culture of the conscious soul itself—that is, the acquisition of the organs necessary for the development of the conscious soul. That is the essential point. But we have already recognized recently that, in a sense, the other pole—the complement to this inner development of the soul of consciousness—must be the inclination toward a revelation from the spiritual-supernatural world. This attitude must permeate people, so that from now on they will not be able to make any further progress without reaching out toward this new kind of revelation from the supernatural world.
[ 4 ] Diese zwei Pole der Menschheitsentwickelung müssen wir zunächst sehen. Sie sind bis zu einem gewissen Grade schon heraufgekommen in den Jahrhunderten seit 1413, seit die Menschheit in das Bewußtseinszeitalter eingetreten ist. Sie werden sich als zwei mächtige Impulse weiterentwickeln müssen, werden in den verschiedenen Epochen bis ins vierte Jahrtausend die verschiedensten Formen annehmen, werden über die Menschen die mannigfaltigsten Schicksale bringen. Das alles wird sich nach und nach für die einzelnen Menschenseelen eben enthüllen. Aber gerade mit dem Hinblick auf die beiden Impulse werden wir dann belehrt darüber, wie Wesentliches verlaufen ist seit diesem 15. Jahrhundert. Und wir können sagen: Man ist heute schon imstande, darauf aufmerksam zu machen, wie Wesentliches verlaufen ist. Sehen Sie, im 18. Jahrhundert zum Beispiel, auch im Beginne des 19. Jahrhunderts, wäre es noch nicht möglich gewesen, strikte aus äußeren Erscheinungen auf die Wirksamkeit der beiden genannten Impulse hinzudeuten. Sie waren noch nicht lange genug wirksam, um sich intensiv genug zu zeigen. Sie sind nun intensiv genug wirksam gewesen, um sich auch schon in den äußerlichen Erscheinungen zu zeigen.
[ 4 ] We must first recognize these two poles of human development. To a certain extent, they have already emerged over the centuries since 1413, when humanity entered the age of consciousness. They will have to continue developing as two powerful impulses; they will take on the most diverse forms throughout the various epochs up to the fourth millennium, and will bring about the most varied destinies for human beings. All of this will gradually be revealed to individual human souls. But it is precisely by considering these two impulses that we will then be taught how essential developments have unfolded since the 15th century. And we can say: We are already able today to draw attention to how these essential developments have unfolded. You see, in the 18th century, for example, and even at the beginning of the 19th century, it would not yet have been possible to point strictly to the effects of the two impulses mentioned based on external phenomena. They had not been active long enough to manifest themselves intensely enough. They have now been active intensely enough to manifest themselves even in external phenomena.
[ 5 ] Eine wesentliche Tatsache, die heute schon signifikant hervortritt, wollen wir zunächst einmal vor unsere Seele hinstellen. Man kann sagen: Wenn frühere Erscheinungen nur für den mehr oder weniger Eingeweihten das sichtbar machten, was ich jetzt meine — die russische Revolution in ihrer letzten Phase, namentlich vom Oktober 1917 bis zu den sogenannten Friedensverhandlungen von Brest-Litowsk, diese ungeheuer interessante Entwickelung, die ja übersichtlich ist, weil sie nur durch wenige Monate läuft, sie hat für denjenigen, der nun wirklich ernsthaftig aus den geschichtlichen Symptomen lernen will — denn auch diese Entwickelung ist selbstverständlich nur ein geschichtliches Symptom —, eine ungeheuer große Bedeutung. Alles das, was da geschehen ist, ist ja zuletzt zusammengeflossen aus den Impulsen, von denen wir als den tieferen Impulsen der neuzeitlichen Entwickelung gesprochen haben. Man kann sagen, es handelt sich gerade bei dieser Revolution um neue Ideen. Denn um neue Ideen kann es sich heute nur handeln, wo man von wirklicher Entwickelung der Menschheit spricht. Alles andere unterliegt, wie wir später noch hören werden und neulich schon andeuteten, gewissermaßen den 'Todessymptomen. Um das Wirksammachen neuer Ideen handelt es sich. Diese neuen Ideen — Sie werden das ja entnehmen können aus den mancherlei Ausführungen, die ich gerade über dieses Thema im Laufe von jetzt schon Jahrzehnten gemacht habe — müssen in die ganze breite Bevölkerung der osteuropäischen Bauernschaft einfließen können. Selbstverständlich hat man es da mit einem seelisch wesentlich passiven Elemente zu tun, aber mit einem Elemente, das aufnahmefähig ist gerade für Modernstes, aus dem einfachen Grunde, weil, wie Sie ja wissen, in diesem Volkselemente der Keim liegt zur Entwickelung des Geistselbstes. Während die andere Bevölkerung der Erde im wesentlichen den Impuls zur Entwickelung der Bewußstseinsseele in sich trägt, trägt die breite Masse der russischen Bevölkerung, mit einigen Anhängseln noch, den Keim in sich für die Entwickelung des Geistselbstes im sechsten nachatlantischen Kulturzeitraum. Das bedingt natürlich ganz besondere Verhältnisse. Aber für dasjenige, was wir jetzt betrachten wollen, ist es weiter nichts als eben signifikant.
[ 5 ] Let us first bring to mind a fundamental fact that is already standing out significantly today. One could say: While earlier events revealed what I now mean only to those who were more or less initiated—the Russian Revolution in its final phase, specifically from October 1917 through the so-called peace negotiations at Brest-Litovsk, this immensely interesting development, which is, after all, easy to grasp because it spans only a few months, it holds immense significance for anyone who truly wishes to learn seriously from historical symptoms—for this development, too, is of course merely a historical symptom. Everything that happened there ultimately stemmed from the impulses we have referred to as the deeper impulses of modern development. One can say that this revolution, in particular, is about new ideas. For today, when we speak of the true development of humanity, it can only be about new ideas. Everything else, as we shall hear later and as we hinted at recently, is subject, so to speak, to ‘symptoms of death.’ What is at stake is the realization of new ideas. These new ideas—as you will be able to gather from the various remarks I have made on this very topic over the course of decades now—must be able to permeate the entire broad population of the Eastern European peasantry. Of course, we are dealing here with a group that is essentially passive in spiritual terms, but one that is receptive precisely to the most modern ideas, for the simple reason that, as you know, the seed for the development of the spiritual self lies within this segment of the population. While the rest of the world’s population essentially carries within itself the impulse for the development of the consciousness soul, the broad mass of the Russian population—along with a few remaining vestiges—carries within itself the seed for the development of the spiritual self in the sixth post-Atlantean cultural epoch. This naturally gives rise to very special circumstances. But for the purpose of what we now wish to consider, this is nothing more than significant.
[ 6 ] Nun, nicht wahr, die Idee, die mehr oder weniger richtig, oder mehr oder weniger unrichtig, oder ganz unrichtig, aber als moderne Idee, als Idee von noch nicht Dagewesenem einfließen sollte in diese breite Masse der Bevölkerung, konnte nur kommen von denjenigen, die Gelegenheit haben im Leben, Ideen aufzunehmen, von führenden Klassen.
[ 6 ] Well, wasn’t it true that the idea—whether more or less correct, more or less incorrect, or entirely incorrect—but as a modern idea, as an idea of something that had not yet existed, was to permeate this broad mass of the population; such an idea could only have come from those who have the opportunity in life to absorb ideas—from the ruling classes.
[ 7 ] Nachdem der Zarismus gestürzt war, sah man zuerst aufkommen ein Element, das im wesentlichen zusammenhängt mit einer völlig unfruchtbaren Klasse, mit der Großbourgeoisie — weiter westlich nennt man sieSchwerindustrie und so weiter —, mit einer völlig unfruchtbaren Klasse. Das konnte nur eine Episode sein. Das war ja selbstverständlich, daß das nur eine Episode sein konnte. Von der braucht man eigentlich im Grunde wirklich nicht zu reden, denn dasjenige, was aus dieser Klasse hervorgeht, das hat ja selbstverständlich, möchte ich sagen, keine Ideen, es kann keine haben, als Klasse selbstverständlich. Ich rede nie, wenn ich von diesen Dingen spreche, von den einzelnen menschlichen Persönlichkeiten oder Individuen.
[ 7 ] After Tsarism was overthrown, what first emerged was an element essentially linked to a completely unproductive class—the big bourgeoisie—which further west is referred to as “heavy industry” and so on—a completely unproductive class. That could only be an episode. It went without saying, of course, that this could only be an episode. There is really no need to talk about it at all, because what emerges from this class—I would say—naturally has no ideas; it cannot have any, as a class, of course. When I speak of these things, I am never referring to individual human personalities or individuals.
[ 8 ] Nun waren, nach links stehend, zunächst diejenigen Elemente, die aufgestiegen waren aus dem Bürgertum, mehr oder weniger vermischt mit arbeitenden Elementen. Es war die führende Bevölkerung der sogenannten Sozialrevolutionäre, zu denen sich auch die Menschewiki nach und nach geschlagen haben. Es sind diejenigen Menschen, die im wesentlichen, rein äußerlich nach ihrer Zahl gerechnet, sehr leicht eine führende Rolle hätten spielen können innerhalb der weiteren Entwickelung der russischen Revolution. Sie wissen, es ist nicht so gekommen. Es sind die radikalen, nach links stehenden Elemente an die Führung gekommen. Und als sie an die Führung gekommen waren, da waren die Sozialrevolutionäre, die Menschewiki und ihre Gesinnungsgenossen im Westen, selbstverständlich davon überzeugt, daß die ganze Herrlichkeit nur acht Tage dauern werde, dann werde alles kaputt gehen. Nun, es dauert jetzt schon länger als acht Tage, und Sie können ganz sicher überzeugt sein, meine lieben Freunde: Wenn manche Propheten schlechte Propheten sind — diejenigen Menschen, die heute historische Vorgänge prophezeien aus den alten Weltanschauungen gewisser Mittelklassen heraus, sind ganz gewiß die schlechtesten Propheten! — Nun, was liegt da eigentlich zugrunde? Physikalisch gesprochen möchte ich sagen: Dieses Problem der russischen Revolution vom Oktober, durch die nächsten Monate hindurch und bis heute, ist kein Druckproblem, physikalisch gesprochen, sondern ein Saugproblem. Und das ist wichtig, daß man das wirklich den historischen Symptomen entnehmen kann, daß es sich nicht um ein Druckproblem, sondern um ein Saugproblem handelt. Was meint man mit einem Saugproblem? Sie wissen ja (es wird gezeichnet), wenn man hier den Rezipienten einer Luftpumpe hat, die Luft herausgesaugt und im Rezipienten einen luftleeren Raum geschaffen hat und öffnet den Stöpsel, so strömt pfeifend die Luft ein. Sie strömt ein, nicht weil die Luft dort hineinwill durch sich selber, sondern weil ein leerer Raum geschaffen ist. In diesen luftleeren Raum strömt die Luft ein. Sie pfeift hinein, wo ein luftleerer Raum ist.
[ 8 ] Now, on the left were, first and foremost, those elements that had risen from the bourgeoisie, more or less mixed with working-class elements. This was the leading contingent of the so-called Social Revolutionaries, whom the Mensheviks gradually joined. These were the people who, essentially—and purely in terms of their numbers—could very easily have played a leading role in the further development of the Russian Revolution. As you know, that is not how things turned out. It was the radical, left-leaning elements who came to power. And once they had come to power, the Social Revolutionaries, the Mensheviks, and their like-minded allies in the West were, of course, convinced that all this glory would last only eight days, after which everything would fall apart. Well, it has now lasted longer than eight days, and you can be absolutely certain, my dear friends: If some prophets are bad prophets—those people who today prophesy historical events based on the old worldviews of certain middle classes are most certainly the worst prophets of all! — Well, what is actually underlying this? Physically speaking, I would say: This problem of the Russian October Revolution, throughout the following months and up to the present day, is not a pressure problem, physically speaking, but a suction problem. And it is important that one can truly deduce from the historical symptoms that this is not a pressure problem, but a suction problem. What is meant by a suction problem? You know (it’s being drawn), when you have the receiver of an air pump here, and air has been sucked out, creating a vacuum in the receiver, and you open the stopper, the air rushes in with a whistling sound. It rushes in, not because the air wants to go in there of its own accord, but because a vacuum has been created. The air flows into this vacuum. It whistles in where there is a vacuum.
[ 9 ] So war es auch mit Bezug auf diejenigen Elemente, die gewissermaßen in der Mitte standen zwischen der Bauernschaft und den Sozialrevolutionären, den Menschewiki, und eben den weiter nach links stehenden, den radikalen Elementen, den Bolschewiki. Was ist denn eigentlich da geschehen? Nun, was geschehen ist, war das, daß die sozialrevolutionären Menschewiki absolut ideenlos waren. Sie waren in der überwiegenden Mehrzahl, aber sie waren absolut ideenlos; sie hatten gar nichts zu sagen, was geschehen soll mit der Menschheit gegen die Zukunft hin. Sie hatten zwar allerlei ethische und sonstige Sentimentalitäten im Kopfe, aber mit ethischen Sentimentalitäten, wie ich Ihnen öfter auseinandergesetzt habe, kann man nicht die wirklichen Impulse, welche die Menschheit weiter treiben können, finden. So ist ein luftleerer Raum, das heißt ideenleerer Raum entstanden, und da pfiff selbstverständlich dasjenige, was weiter nach links radikal steht, hinein. Man darf nicht glauben, daß es gewissermaßen durch ihr eigenes Wesen den radikalsten sozialistischen Elementen in Rußland, die wenig mit Rußland selbst zu tun haben, vorgezeichnet war, da besonders Fuß zu fassen. Sie hätten es nie gekonnt, wenn die Sozialrevolutionäre und andere mit ihnen Verbundene — es gibt ja die verschiedensten Gruppen — irgendwelche Ideen gehabt hätten, um Führende zu werden. Allerdings können Sie fragen: Welche Ideen hätten sie denn haben sollen? — Und da kann nur derjenige eine fruchtbringende Antwort heute finden, der nicht mehr erschrickt und auch nicht mehr feige wird, wenn man ihm sagt: Es gibt für diese Schichten keine anderen fruchtbaren Ideen als diejenigen, welche aus den geisteswissenschaftlichen Ergebnissen kommen. Es gibt keine andere Hilfe.
[ 9 ] The same was true of those elements who, in a sense, stood in the middle between the peasantry and the Social Revolutionaries—the Mensheviks—and those further to the left—the radical elements, the Bolsheviks. What actually happened there? Well, what happened was that the Social Revolutionary Mensheviks were completely devoid of ideas. They were in the overwhelming majority, but they were completely devoid of ideas; they had absolutely nothing to say about what should happen to humanity in the future. They certainly had all sorts of ethical and other sentimental notions in their heads, but as I have often explained to you, ethical sentimentality cannot provide the real impulses that can drive humanity forward. Thus, a vacuum—that is, a space devoid of ideas—came into being, and naturally, the elements further to the left, the radicals, moved in to fill it. One must not believe that it was, as it were, predestined by their very nature for the most radical socialist elements in Russia—who have little to do with Russia itself—to gain a foothold there in particular. They would never have been able to do so if the Social Revolutionaries and others associated with them—there are, after all, a wide variety of groups—had had any ideas that would have enabled them to become leaders. Of course, you may ask: What ideas should they have had? — And today, only those who are no longer frightened or cowardly when told that there are no other fruitful ideas for these social strata other than those derived from the findings of the humanities can find a fruitful answer. There is no other help.
[ 10 ] Aber das Wesentliche ist schließlich — gewiß, die Leute sind mehr oder weniger radikal geworden und werden es heute verleugnen, daß sie aus dem alten Bürgertum hervorgegangen sind, viele wenigstens, aber sie sind es doch —, das Wesentlichste ist, daß diejenige Schichte der Bevölkerung, aus welcher diese Leute, die den Raum luftleer, das heißt ideenleer gemacht haben, bis jetzt, im Zeitalter der Bewußtseinsseelenentwickelung, eben absolut nicht dazu zu bringen war, irgendwelche Ideen zu haben. Dies ist nun natürlich nicht bloß in Rußland der Fall, sondern diese russische Revolution in einer letzten, vorläufig letzten Phase kann es eben nur für den, der die Sache studieren will, mit ganz besonderer Deutlichkeit zeigen: Sie sehen Tag für 'Tag, wie diese Leute, die den Raum luftleer machen, zurückgedrängt werden, und wie die anderen hineinpfeifen, das heißt, sich an ihre Stelle setzen. Aber diese Erscheinung, sie ist heute über die ganze Welt verbreitet. Sie ist durchaus über die ganze Welt heute verbreitet. Denn das ist das Wesentliche, daß diejenige Schichte der Bevölkerung, die gewissermaßen heute zwischen rechts und links steht, sich seit langer Zeit ablehnend verhalten hat, wenn es sich darum handelte, eine fruchtbare Weltanschauung irgendwie anzustreben. Eine fruchtbare Weltanschauung kann in unserem Zeitalter der Bewußtseinsseelenentwickelung nicht anders sein als eine solche, die auch Impulse gibt für das Zusammenleben der Menschen.
[ 10 ] But the essential point is, after all—certainly, these people have become more or less radical and will deny today that they emerged from the old bourgeoisie, at least many of them, but they are indeed part of it—the most essential point is that the segment of the population from which these people, who have rendered space void of air, that is, devoid of ideas—has, up to now, in the age of the development of the soul of consciousness, simply been absolutely incapable of being persuaded to have any ideas at all. This is, of course, not merely the case in Russia; rather, this Russian Revolution, in its final—for the time being, final—phase, can demonstrate this with particular clarity to anyone who wishes to study the matter: Day after day, you see how these people, who have emptied space of all substance, are being pushed back, and how the others are rushing in—that is, taking their place. But this phenomenon is widespread throughout the entire world today. It is indeed widespread throughout the entire world today. For this is the essential point: that the segment of the population which, so to speak, stands today between the right and the left has for a long time adopted a dismissive attitude whenever it came to striving in any way for a fruitful worldview. In our age of the development of the conscious soul, a fruitful worldview cannot be anything other than one that also provides impetus for human coexistence.
[ 11 ] Ja, das war es, was von allem Anfange an unsere geisteswissenschaftliche Bewegung durchpulste: nicht sollte sie nur irgendeine sektiererische Bewegung sein, sondern angestrebt wurde, daß sie wirklich mit dem Impulse unserer Zeit, mit all dem, was der Menschheit in unserer Zeit nach allen Richtungen hin wichtig und wesentlich ist, rechnet. Das wurde immer mehr angestrebt. Das ist allerdings dasjenige, was man heute am schwersten den Menschen zum Verständnis bringen kann, aus dem einfachen Grunde, weil ja doch immer wieder und wiederum selbstverständlich nicht bei allen, sondern bei vielen — die Gesinnung durchschlägt, daß sie auch in dem, was sie Anthroposophie nennen, doch nichts anderes haben wollen als so ein bißchen bessere Sonntagnachmittagspredigt für dasjenige, was man so zu seiner privat-persönlichen Erbauung braucht, was man aber fernhält von all den ernsthaften Angelegenheiten, die man abmacht im Parlament, im Bundesrat oder in der oder jener Körperschaft, oder auch nur am Biertisch. Daß wirklich alles Leben durchdrungen werden muß mit Ideen, die nur aus dem Geisteswissenschaftlichen heraus geholt werden können, das ist es, was eben eingesehen werden muß.
[ 11 ] Yes, that was what had pulsed through our humanities movement from the very beginning: it was not meant to be just any sectarian movement, but the aim was for it to truly take into account the spirit of our time—everything that is important and essential to humanity in our time, in every respect. This became an ever-greater aspiration. That, however, is precisely what is most difficult for people to understand today, for the simple reason that—again and again, though of course not among everyone, but among many—the attitude prevails that even in what they call anthroposophy, they want nothing more than a slightly better Sunday afternoon sermon for their own private, personal edification—something they keep separate from all the serious matters decided in Parliament, the Federal Council, or this or that public body, or even just at the bar. The fact that all of life must truly be permeated by ideas that can only be drawn from spiritual science—that is precisely what must be recognized.
[ 12 ] Der Interesselosigkeit dieser Schichte der Bevölkerung stand und steht auch noch heute das rege Interesse des Proletariats entgegen. Dieses Proletariat hat natürlich, einfach durch die geschichtliche Entwickelung der neueren Zeit, nicht die Möglichkeit, über das bloß Sinnenfällige hinauszudringen. So kennt es nur sinnenfällige Impulse und will nur sinnenfällige Impulse in die Menschheitsentwickelung einführen. Aber während dasjenige, was die bürgerliche Bevölkerung, wenn wir so sagen dürfen, oftmals ihre Weltanschauung nennt, nur Worte, Phrasen oftmals sind — meistens sind, weil sie eigentlich nicht gehegt sind vom unmittelbaren Leben der Gegenwart, sondern weil sie heraufgebracht, überkommen sind aus älteren Zeiten, während die bürgerliche Bevölkerung in der Phrase lebt, lebt das Proletariat, weil es in einem wirklich neuen wirtschaftlichen Impuls drinnensteht, in Realitäten, aber nur in Realitäten sinnenfälliger Natur.
[ 12 ] The apathy of this segment of the population has been—and continues to be—countered by the lively interest of the proletariat. Naturally, simply due to the historical development of modern times, this proletariat does not have the ability to go beyond what is merely sensory. Thus, it knows only sensory impulses and seeks to introduce only sensory impulses into human development. But while what the bourgeois population—if we may put it that way—often calls its worldview is often merely words, phrases—most often because they are not actually rooted in the immediate life of the present, but because they have been handed down from earlier times—while the bourgeois population lives in phrases, the proletariat lives, because it is caught up in a truly new economic impulse, in realities, but only in realities of a sensory nature.
[ 13 ] Hier haben wir einen bedeutsamen Angelpunkt. Sehen Sie, das Leben der Menschheit hat sich schon seit wenigen Jahrhunderten ganz wesentlich geändert. Seit wenigen Jahrhunderten sind wir innerhalb dieses Zeitalters der Bewußtseinsseele ins Maschinenzeitalter eingetreten. Die bürgerliche Bevölkerung und was über ihr ist wurde wenig berührt in ihren Lebensverhältnissen von diesem Eintritt ins Maschinenzeitalter. Denn was die bürgerliche Bevölkerung an besonders großen neuen Impulsen in der letzten Zeit aufgenommen hat, das liegt ja schon vor dem eigentlichen Maschinenzeitalter — Einführung des Kaffees und so weiter für den Kaffeeklatsch —, und dasjenige, was die bürgerliche Bevölkerung an neuen Bankusancen und dergleichen gebracht hat, das ist so wenig angemessen den neuzeitlichen Impulsen wie nur irgend denkbar. Es ist eigentlich nichts anderes als eine Komplikation der ururältesten Usancen, die man im kaufmännischen Leben gehabt hat.
[ 13 ] This is a crucial turning point. You see, human life has already changed quite significantly over the past few centuries. In the past few centuries, we have entered the Machine Age within this era of the conscious soul. The living conditions of the middle class and those above it have been little affected by this entry into the Machine Age. For the particularly significant new influences that the middle class has absorbed in recent times predate the actual Machine Age—such as the introduction of coffee and so on for coffee-hour gatherings—and the new banking practices and the like that the middle class has adopted are as ill-suited to modern impulses as is conceivable. It is, in fact, nothing more than a complication of the most ancient customs that have existed in commercial life.
[ 14 ] Diejenige Kaste oder Klasse der Menschen dagegen, die wirklich von einem neuzeitlichen Impulse äußerlich im sinnenfälligen Leben unmittelbar ergriffen ist, die gewissermaßen durch die neuzeitlichen Impulse selber erst geschaffen ist, das ist das neuzeitliche Proletariat. Seit der Erfindung der Spinnmaschine und des mechanischen Webstuhls im 18. Jahrhundert ist die gesamte Volkswirtschaft der Menschheit umgewandelt, und es ist im wesentlichen erst durch diese Impulse des mechanischen Webstuhls und der Spinnmaschine das moderne Proletariat entstanden. Das ist also ein Geschöpf der neuen Zeit, und das ist das Wesentliche. Der Bürger ist kein Geschöpf der neuen Zeit, aber der Proletarier ist ein Geschöpf der neuen Zeit. Denn dasjenige, was früher vorhanden war und verglichen werden konnte mit dem Proletariat der neuen Zeit, es war nicht ein Proletariat, es war irgendein Mitglied der alten patriarchalischen Ordnung, und die ist grundverschieden von dem, was die Ordnung im Maschinenzeitalter ist. Aber damit war der Proletarier eben auch hineingestellt in dasjenige, was ganz von der lebendigen Natur herausgerissen ist: in das rein Mechanische. Er war ganz auf das sinnenfällige Tun gestellt, aber er durstete nach einer Weltanschauung, und er versuchte die ganze Welt sich so zu konstruieren, wie das konstruiert war, in dem er mit seinem Leib und mit seiner Seele drinnenstand. Denn die Menschen sehen schließlich im Weltengebäude dasjenige zuerst, in dem sie selber drinnenstehen. Nicht wahr, der Theologe und das Militär, sie gehören zusammen, wie ich Ihnen neulich angedeutet habe. Der Theologe und das Militär, sie sehen in vieler Beziehung im Weltengebäude Kampf, Kampf der guten und der bösen Mächte und so weiter, ohne weiter auf die Dinge einzugehen. Der Jurist und der Beamte — sie gehören wieder zusammen — und der Metaphysiker, sie sehen im Weltengebäude eine Realisierung abstrakter Ideen. Und kein Wunder, der moderne Proletarier sieht im Weltengebäude eine große Maschine, in die er selbst hineingestellt ist. Und so will er auch die soziale Ordnung gestalten als eine große Maschine.
[ 14 ] The caste or class of people, on the other hand, that is truly and directly affected by a modern impulse in its outward, sensory life—that which, in a sense, has been created by these modern impulses themselves—is the modern proletariat. Since the invention of the spinning machine and the mechanical loom in the 18th century, the entire economy of humanity has been transformed, and it is essentially only through these impulses of the mechanical loom and the spinning machine that the modern proletariat has come into being. It is, therefore, a creation of the modern era, and that is the essential point. The bourgeois is not a product of the modern era, but the proletarian is a product of the modern era. For what existed in the past and could be compared to the proletariat of the modern era was not a proletariat at all; it was merely a member of the old patriarchal order, which is fundamentally different from the order of the machine age. But this also placed the proletarian within that which is completely torn away from living nature: the purely mechanical. He was entirely focused on sensory activity, yet he thirsted for a worldview, and he tried to construct the entire world in the same way that the world in which he stood, body and soul, was constructed. For people ultimately see, first and foremost, that part of the structure of the world in which they themselves are situated. Isn’t it true that the theologian and the military belong together, as I hinted to you the other day? The theologian and the military—in many respects, they see the structure of the world as a struggle, a struggle between the forces of good and evil, and so on, without delving further into the matter. The lawyer and the civil servant—they, too, belong together—and the metaphysician; they see in the structure of the world a realization of abstract ideas. And no wonder: the modern proletarian sees in the structure of the world a great machine into which he himself is placed. And so he also wants to shape the social order as a great machine.
[ 15 ] Aber es war doch eben ein gewaltiger Unterschied und ist heute noch ein gewaltiger Unterschied zum Beispiel zwischen dem modernen Proletarier und dem modernen Bürger, dem modernen BourgeoisLeben. Von dem versinkenden Stande braucht man ja nicht zu reden. Es ist doch ein beträchtlicher Unterschied, daß der moderne Bourgeois eben gar kein Interesse an irgendwelchen tiefergehenden Weltanschauungsfragen hat, während der Proletarier ein brennendes Interesse für Weltanschauungsfragen hat. Nicht wahr, der moderne Bourgeois diskutiert allerdings in zahlreichen Versammlungen, diskutiert mit Worten zumeist. Der Proletarier diskutiert über dasjenige, in dem er lebendig drinnensteht, über dasjenige, was täglich die Maschinenkultur erzeugt. Man hat sogleich, wenn man heute aus einer bürgerlichen Versammlung in eine proletarische Versammlung geht, folgendes Gefühl: In der bürgerlichen Versammlung, da wird diskutiert, wie schön es wäre, wenn die Menschen Frieden hielten, wenn sie alle Pazifisten wären zum Beispiel, oder wie schön irgend etwas anderes wäre. Aber das alles ist Dialektik von Worten zumeist, allerdings mit etwas Sentimentalität durchspickt, aber nicht ergriffen von dem Impuls, wirklich ins Weltengebäude hineinzuschauen, dasjenige, was man will, aus den Geheimnissen des Weltengebäudes heraus zu realisieren. Gehen Sie dann in die proletarische Versammlung, so merken Sie: Die Leute reden von Wirklichkeiten, wenn das auch die Wirklichkeiten des physischen Planes sind. Die Leute kennen Geschichte, das heißt, ihre Geschichte; sie kennen genau die Geschichte, an den Fingern können sie es herzählen, von der Erfindung des mechanischen Webstuhles und der Spinnmaschine an. Das wird jedem eingebläut, was da angefangen hat, was sich da entwickelt hat, wie das Proletariat zu dem geworden ist, was es heute ist. Wie das geworden ist, das weiß jeder am Schnürchen, der nur einigermaßen nicht stumpfsinnig ist, sondern teilnimmt am Leben — und das sind ja nur wenige, es ist wenig Stumpfsinn eigentlich gerade in dieser Klasse von Bevölkerung.
[ 15 ] But there was, after all, a tremendous difference—and there still is today—between, for example, the modern proletarian and the modern citizen, the modern bourgeois way of life. There’s no need to even mention the declining class. It is, after all, a considerable difference that the modern bourgeois has absolutely no interest in any deeper questions of worldview, whereas the proletarian has a burning interest in such questions. Isn’t that right? The modern bourgeois does, of course, engage in discussions at numerous gatherings—mostly with words. The proletarian, on the other hand, discusses what he is actively immersed in—what the culture of machinery produces on a daily basis. As soon as one moves from a bourgeois gathering to a proletarian one today, one immediately gets the following feeling: In the bourgeois gathering, people discuss how wonderful it would be if people lived in peace, if they were all pacifists, for example, or how wonderful some other thing might be. But all of this is mostly mere verbal dialectic, albeit laced with a bit of sentimentality, yet not driven by the impulse to truly look into the fabric of the world, to realize what one desires from within the mysteries of that fabric. Then, if you go to a proletarian assembly, you’ll notice: People talk about realities, even if these are the realities of the physical plane. People know history—that is, their own history; they know it precisely, they can recount it on their fingers, starting with the invention of the mechanical loom and the spinning machine. Everyone is drilled on what began there, what developed there, and how the proletariat became what it is today. Anyone who is not entirely obtuse but participates in life knows exactly how this came to be—and there are only a few such people; in fact, there is little obtuseness in this class of the population.
[ 16 ] Man könnte viele, viele charakteristische Momente aufzählen für die Stumpfheit gegenüber Weltanschauungsfragen bei der heutigen Mittelschichtsbevölkerung. Man braucht sich nur daran zu erinnern, wie sich die Leute verhalten, wenn einmal ein Dichter — derjenige, der nicht ein Dichter ist, darf es schon gar nicht tun, denn dann wird er ein Phantast genannt oder dergleichen —, wenn irgendein Dichter Gestalten aus der übersinnlichen Welt meinetwegen auf die Bühne bringt oder sonstwo hinbringt. Da lassen es sich die Leute so halb und halb gefallen, weil sie nicht daran zu glauben brauchen, weil sie kein Hauch der Wirklichkeit anweht, weil sie sich sagen können: Es ist bloß Dichtung! — Dieses ist so geworden im Lauf der Entwickelung des Bewußtseinsseelenzeitalters. So ist es, möchte ich sagen, die Sache räumlich betrachtet, daß sich herausgebildet hat eine Menschenklasse, die, wenn sie sich nicht besinnt, Gefahr läuft, immer mehr und mehr vollständig in die Phrase hineinzulaufen. Aber man kann dieselbe Sache auch zeitlich betrachten, und auf gewisse wichtige Zeitpunkte habe ich ja wiederholt hingewiesen von den verschiedensten Gesichtspunkten aus.
[ 16 ] One could list many, many telling examples of the indifference toward ideological issues among today’s middle class. One need only recall how people react when a poet—and certainly not someone who isn’t a poet, for then he’d be called a fantasist or something of the sort—when any poet brings figures from the supernatural world onto the stage, for example, or places them elsewhere. People tolerate this to a certain extent because they don’t have to believe in it, because there’s not a whiff of reality to it, because they can tell themselves: It’s just fiction! — This is how it has come to be in the course of the development of the Age of the Conscious Soul. So it is, I would say, when viewed spatially, that a class of people has emerged which, if it does not come to its senses, runs the risk of becoming more and more completely ensnared in empty rhetoric. But one can also view the same matter temporally, and I have repeatedly pointed out certain important points in time from a wide variety of perspectives.
[ 17 ] Sehen Sie, von diesem Zeitraum des Bewußtseinszeitalters, der 1413 approximativ begonnen hat, war in den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts, ungefähr um das Jahr 1840 oder 45 herum, das erste Fünftel abgelaufen. Das war ein wichtiger Zeitpunkt, diese vierziger Jahre, denn in diesem Zeitpunkte war gewissermaßen vorgesehen durch die die Weltenentwickelung impulsierenden Mächte eine Art von bedeutsamer Krisis. Außen, im äußeren Leben, kam diese Krisis im wesentlichen dadurch zum Vorschein, daß die sogenannten liberalen Ideen der Neuzeit gerade in diesen Jahren ihre Blüte entwickelten. In den vierziger Jahren hatte es den Anschein, als ob auch in die äußere politische Welt der zivilisierten Menschheit der Impuls des Bewußtseinszeitalters in Form von politischen Anschauungen hineinstürmen könnte. Zwei Dinge fielen zusammen in diesen vierziger Jahren. Das Proletariat war noch nicht vollständig seiner historischen Grundlage entbunden, es existierte noch nicht mit vollem Selbstbewußtsein. Das Proletariat war erst in den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts reif, bewußt einzutreten in die geschichtliche Entwickelung. Was vorher lag, ist nicht im modernen Sinne des Wortes proletarisches Bewußtsein. Die soziale Frage war natürlich früher da. Aber nicht einmal, daß die soziale Frage da ist, haben die Leute der Mittelschichte bemerkt. Ein österreichischer Minister, der eine große Berühmtheit erlangt hat, hat ja den berühmten Ausspruch noch Ende der sechziger Jahre getan: Die soziale Frage hört bei Bodenbach auf. — Bodenbach liegt, wie Sie vielleicht wissen, an der Grenze zwischen Sachsen und Böhmen. Das ist ein berühmter Ausspruch eines bürgerlichen Ministers!
[ 17 ] You see, of this period of the Age of Consciousness, which began approximately in 1413, the first fifth had elapsed by the 1840s, around the year 1840 or 1845. The 1840s were a significant period, for at that time the forces driving world development had, so to speak, foreseen a kind of momentous crisis. Externally, in public life, this crisis manifested itself primarily in the fact that the so-called liberal ideas of the modern era were reaching their peak precisely during those years. In the 1840s, it seemed as though the impulse of the Age of Consciousness might also burst into the outer political world of civilized humanity in the form of political views. Two things coincided in these 1840s. The proletariat had not yet been completely freed from its historical foundations; it did not yet exist with full self-awareness. It was not until the 1860s that the proletariat was mature enough to consciously enter into historical development. What preceded this cannot be called proletarian consciousness in the modern sense of the word. The social question, of course, existed earlier. But the middle class did not even notice that the social question existed. An Austrian minister who achieved great fame made the famous remark as late as the late 1860s: “The social question ends at Bodenbach.” — Bodenbach, as you may know, lies on the border between Saxony and Bohemia. That is a famous remark by a bourgeois minister!
[ 18 ] Das proletarische Bewußtsein war also in den vierziger Jahren noch nicht da. Träger der politischen Zivilisation der damaligen Zeit war im wesentlichen das Bürgertum, war im wesentlichen die Mittelschichte, von der ich eben gesprochen habe. Nun war das Eigentümliche der Ideen, die dazumal in den vierziger Jahren hätten politisch werden können, ihre ganz intensive Abstraktheit. Sie alle kennen ja, ich hoffe, wenigstens bis zu einem gewissen Grade, was alles an — man nennt es revolutionären Ideen, aber es war wirklich nur liberal —, was dazumal in den vierziger Jahren an liberalen Ideen in die Menschheit eingeströmt ist und sich 1848 entladen hat. Sie kennen das und wissen ja wohl auch, daß Träger dieser Ideen das Bürgertum war, das ich Ihnen eben charakterisiert habe. Aber alle diese Ideen, die dazumal lebten, die so eindringen wollten in die geschichtliche Entwickelung der Menschheit, waren restlos intensiv abstrakte Ideen. Sie waren die allerabstraktesten Ideen, manchmal bloße Worthülsen. Aber das schadete nichts, denn im Zeitalter der Bewußtseinsseele mußte man durch die Abstraktheit durch. Man mußte die leitenden Ideen der Menschheit einmal in dieser Abstraktheit fassen.
[ 18 ] Proletarian consciousness, then, did not yet exist in the 1940s. The driving force behind the political civilization of that time was essentially the bourgeoisie—that is, the middle class I just mentioned. Now, the distinctive feature of the ideas that could have become political back in the 1840s was their intense abstractness. You are all familiar, I hope, at least to a certain extent, with all the—what are called revolutionary ideas, though they were really only liberal—with all the liberal ideas that flooded into humanity back in the 1840s and came to a head in 1848. You are familiar with this, and you surely also know that the bearers of these ideas were the bourgeoisie, whom I have just described to you. But all these ideas that were alive back then, which sought so earnestly to penetrate the historical development of humanity, were thoroughly and intensely abstract ideas. They were the most abstract of ideas, sometimes mere empty phrases. But that did no harm, for in the age of the conscious soul, one had to pass through this abstractness. One had to grasp humanity’s guiding ideas in this abstract form at least once.
[ 19 ] Nun, der einzelne Mensch lernt nicht an einem Tag schreiben, nicht an einem Tag lesen, das wissen Sie, nicht wahr, von sich und anderen. Die Menschheit braucht auch eine gewisse Zeit, wenn sie mit irgend etwas eine Entwickelung durchmachen soll, sie braucht immer eine gewisse Zeit. Es war — wir werden auf diese Dinge noch genauer eingehen — der Menschheit Zeit gelassen bis zum Ende der siebziger Jahre. Wenn Sie 1845 nehmen, 33 Jahre dazurechnen, dann bekommen Sie 1878; da erreichen sie ungefähr dasjenige Jahr, bis zu welchem der Menschheit Zeit gelassen war, sich hineinzufinden in die Realität der Ideen der vierziger Jahre. Das ist in der historischen Entwickelung der neuzeitlichen Menschheit etwas außerordentlich Wichtiges, daß man diese Jahrzehnte ins Auge zu fassen vermag, die da liegen zwischen den vierziger und den siebziger Jahren. Denn über diese Jahrzehnte muß sich der heutige Mensch völlig klarwerden. Er muß sich klarwerden darüber, daß in diesen Jahrzehnten, in den vierziger Jahren, begonnen hat, in abstrakter Form in die Menschenentwickelung einzufließen das, was man liberale Ideen nennt, und daß der Menschheit Zeit gelassen war bis zum Ende der siebziger Jahre, um diese Ideen zu begreifen, diese Ideen an die Wirklichkeiten anzuhängen.
[ 19 ] Well, an individual doesn’t learn to write in a single day, nor to read in a single day—you know that, don’t you, from your own experience and that of others. Humanity, too, needs a certain amount of time if it is to undergo any kind of development; it always needs a certain amount of time. —We will go into these matters in greater detail later—humanity was given time until the end of the 1870s. If you take 1845 and add 33 years, you get 1878; that is roughly the year by which humanity was given time to come to terms with the reality of the ideas of the 1840s. It is something extraordinarily important in the historical development of modern humanity to be able to take a close look at these decades that lie between the 1840s and the 1870s. For modern humanity must gain complete clarity about these decades. It must realize that during these decades—the 1840s—what are called liberal ideas began to flow into human development in abstract form, and that humanity was given time until the end of the 1870s to grasp these ideas and apply them to reality.
[ 20 ] Träger dieser Ideen war das Bourgeoistum. Aber das hat den Anschluß versäumt. Es liegt etwas ungeheuer Tragisches über der Entwickelung dieses 19, Jahrhunderts. Es ist wirklich für denjenigen, der in den vierziger Jahren manchen hervorragenden Menschen — über die ganze zivilisierte Welt waren solche ausgebreitet — aus dem Bürgerstande reden hörte über das, was der Menschheit gebracht werden sollte auf allen Gebieten, in diesen vierziger, noch Anfang der fünfziger Jahre manchmal etwas wie von einem kommenden Völkerfrühling. Aber aus den Eigenschaften heraus, die ich Ihnen charakterisiert habe für die Mittelschichte, wurde der Anschluß versäumt. Als die siebziger Jahre zu Ende gingen, hatte der Bürgerstand die liberalen Ideen nicht begriffen. Es wurde von dieser Klasse, von den vierziger bis in die siebziger Jahre, dieses Zeitalter verschlafen. Und die Folge davon ist etwas, auf das man schon hinschauen muß. Denn die Dinge müssen sich ja in auf- und absteigenden Wellen bewegen, und eine gedeihliche Entwickelung der Menschheit in die Zukunft kann nur stattfinden, wenn man rückhaltlos auf dasjenige sieht, was sich da in der Jüngsten Vergangenheit abgespielt hat. Man kann nur aufwachen im Zeitalter der Bewußtseinsseele, wenn man weiß, daß man vorher geschlafen hat. Wenn man nicht weiß, wann und wie lange und daß man geschlafen hat, so wird man eben nicht aufwachen, sondern wird weiterschlafen.
[ 20 ] The bourgeoisie was the bearer of these ideas. But it failed to keep pace. There is something immensely tragic about the development of the 19th century. Indeed, for those who, in the 1840s—and such people were scattered throughout the entire civilized world—heard outstanding individuals from the bourgeoisie speak about what was to be brought to humanity in all fields, there was sometimes, in the 1840s and even into the early 1850s, a sense of something like a coming “spring of the nations.” But because of the characteristics I have described to you regarding the middle class, the opportunity was missed. By the end of the 1870s, the middle class had failed to grasp liberal ideas. This class slept through that era, from the 1940s through the 1970s. And the consequence of this is something we must take a close look at. For things must, after all, move in rising and falling waves, and a fruitful development of humanity into the future can only take place if we look unreservedly at what has unfolded in the very recent past. One can only awaken in the age of the conscious soul if one knows that one was asleep before. If one does not know when and for how long one was asleep, then one will simply not awaken, but will continue to sleep.
[ 21 ] Als das Bürgertum beim Erscheinen des Erzengels Michael als Zeitgeist Ende der siebziger Jahre nicht begriffen hatte den Impuls der liberalen Ideen auf politischem Gebiete, da zeigte es sich, daß jene Mächte, die ich ja auch charakterisiert habe, die mit diesem Zeitraume in die Menschheit sich hineinmischten, zunächst Finsternis verbreiteten über diese Ideen. Und das können Sie wiederum sehr deutlich studieren, wenn Sie nur wirklich wollen. Wie anders haben sich die Menschen die Gestaltung des politischen Lebens in den vierziger Jahren gedacht, als es am Ende des 19. Jahrhunderts über die ganze zivilisierte Welt gekommen ist! Es gibt keinen größeren Gegensatz als die allerdings abstrakten, aber in ihrer Abstraktheit lichtvollen Ideen der Jahre von 1840 bis 1848, und das, was man im 19. Jahrhundert auf den verschiedensten Gebieten der Erde «hohe Menschheitsideale» genannt hat, was man hohe Menschheitsideale genannt hat noch bis in unsere Tage herein, bis alles in die Katastrophe hineingerutscht ist von diesen hohen Menschheitsidealen.
[ 21 ] When the bourgeoisie, with the appearance of the Archangel Michael as the spirit of the age in the late 1870s, failed to grasp the impetus of liberal ideas in the political sphere, it became apparent that those forces—which I have also characterized—that intervened in human affairs during this period initially cast a shadow over these ideas. And you can study this very clearly, if you are truly willing to do so. How differently did people envision the shaping of political life in the 1840s, when this wave swept across the entire civilized world at the end of the 19th century! There is no greater contrast than that between the admittedly abstract—yet, in their abstractness, luminous—ideas of the years 1840 to 1848, and what was called “lofty ideals of humanity” in the 19th century in the most diverse regions of the world—what has continued to be called lofty ideals of humanity right up to the present day, until everything has slid into catastrophe because of these lofty ideals of humanity.
[ 22 ] Also das ist es, was man als zeitliche Ergänzung zu dem Räumlichen hinzufügen muß, daß von den vierziger Jahren bis zu Ende der siebziger Jahre in den produktivsten und fruchtbarsten Zeiträumen für die bürgerliche Bevölkerung eine Art Schlafzustand vorhanden war. Nachher war es gewissermaßen zu spät. Denn nachher ist nichts mehr zu erreichen auf demjenigen Wege, auf dem das in dem genannten Zeitraume erreichbar gewesen wäre. Nachher ist nur durch völliges Erwachen im geisteswissenschaftlichen Erleben etwas zu erreichen. So hängen die Dinge historisch in der neueren Geschichte zusammen.
[ 22 ] So this is what must be added as a temporal complement to the spatial context: that from the 1940s through the end of the 1970s—the most productive and fruitful periods for the bourgeois population—a kind of dormant state prevailed. Afterward, it was, in a sense, too late. For afterward, nothing more can be achieved by the same means that would have been possible during the period mentioned. Afterward, something can only be achieved through a complete awakening in the experience of the spiritual sciences. This is how things are historically interconnected in recent history.
[ 23 ] In diesem Zeitraume, von den vierziger bis in die siebziger Jahre, da waren die Ideen, wenn auch abstrakt, in einer ganz bestimmten Weise so geartet, daß sie hintendierten nach dem aktiven Geltenlassen des einen Menschen neben dem anderen. Und wäre — als Hypothese sei das angenommen — dasjenige, was in diesen Ideen lag, zur Verwirklichung gekommen, dann würde man schon sehen, daß der Anfang — es wäre ja auch nur der Anfang, aber es wäre eben damit ein Anfang da zu diesem toleranten, aktiven toleranten Geltenlassen des einen Menschen neben dem anderen, was der heutigen Zeit insbesondere mit Bezug auf die Ideen und Empfindungen ganz und gar fehlt. Und so muß gerade im sozialen Leben aus dem Spirituellen heraus eine viel tiefer greifende, eine viel intensivere Idee den Menschen eigen werden. Ich will zunächst, ich möchte sagen, rein äußerlich historisch, zukunftshistorisch diese Idee vor Sie hinstellen, um sie Ihnen dann weiter zu begründen.
[ 23 ] During this period, from the 1940s through the 1970s, the ideas—though abstract—were, in a very specific way, such that they tended toward the active recognition of one person alongside another. And if—let us assume this as a hypothesis—what lay within these ideas had come to fruition, then one would already see that the beginning—it would, after all, be only the beginning, but it would nonetheless mark a start toward this tolerant, actively tolerant acceptance of one person alongside another, something that is entirely lacking in our time, particularly with regard to ideas and feelings. And so, especially in social life, a much more profound and intense idea must take root in people, one that springs from the spiritual realm. I would first like—I might say, from a purely external, historical, and future-oriented perspective—to present this idea to you, in order to then elaborate on its foundations.
[ 24 ] Dasjenige, was der Menschheit einzig und allein Heil bringen kann gegen die Zukunft hin — ich meine der Menschheit, also dem sozialen Zusammenleben —, muß sein ein ehrliches Interesse des einen Menschen an dem anderen. Dasjenige, was dem Bewußtseinszeitalter besonders eigen ist, ist Absonderung des einen Menschen vom andern. Das bedingt ja die Individualität, das bedingt die Persönlichkeit, daß sich auch innerlich ein Mensch von dem andern absondert. Aber diese Absonderung muß einen Gegenpol haben, und dieser Gegenpol muß in dem Heranzüchten eines regen Interesses von Mensch zu Mensch bestehen.
[ 24 ] The only thing that can bring salvation to humanity in the future—and by that I mean humanity, that is, social coexistence—must be a sincere interest of one person in another. What is particularly characteristic of the age of consciousness is the separation of one person from another. Individuality and personality, after all, require that people also separate themselves from one another internally. But this separation must have a counterbalance, and this counterbalance must consist in fostering a lively interest from person to person.
[ 25 ] Dieses, was ich jetzt meine als Hinzufügung eines regen Interesses von Mensch zu Mensch, das muß immer bewußter und bewußter im Zeitalter der Bewußtseinsseele an die Hand genommen werden. Alles Eigen-Interesse von Mensch zu Mensch muß immer mehr und mehr ins Bewußtsein heraufgehoben werden. Sie finden unter den, ich möchte sagen, elementarsten Impulsen, die angegeben werden in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?», den Impuls verzeichnet, der, wenn er für das soziale Leben praktisch wird, gerade nach Erhöhung des Interesses für den Menschen hinzielt. Sie finden ja überall angegeben die sogenannte Positivität, die Entwickelung einer Gesinnung der Positivität. Die meisten Menschen der Gegenwart werden geradezu mit ihrer Seele umkehren müssen von ihren Wegen, wenn sie diese Positivität entwickeln wollen, denn die meisten Menschen der Gegenwart haben heute noch nicht einmal einen Begriff von dieser Positivität. Sie stehen von Mensch zu Mensch so, daß sie, wenn sie an dem anderen Menschen etwas bemerken, das ihnen nur nicht paßt — ich will gar nicht sagen, das sie tiefer betrachten, sondern das ihnen von obenher betrachtet, ganz äußerlich betrachtet, nicht paßt —, so fangen sie an abzuurteilen, aber ohne Interesse dafür zu entwickeln, abzuurteilen. Es ist im höchsten Grade antisozial — vielleicht klingt es paradox, aber richtig ist es doch — für die zukünftige Menschheitsentwickelung, solche Eigenschaften an sich zu haben, in unmittelbarer Sympathie und Antipathie an den anderen Menschen heranzugehen. Dagegen wird es die schönste, bedeutendste soziale Eigenschaft für die Zukunftsentwickelung sein, wenn man gerade ein naturwissenschaftliches, objektives Interesse für Fehler anderer Menschen entwickelt, wenn einen die Fehler anderer Menschen viel mehr interessieren, als daß man sie versucht zu kritisieren. Denn nach und nach, in diesen drei letzten Epochen, die noch folgen, der fünften, sechsten und siebenten Kulturepoche, da wird sich der eine Mensch ganz besonders immer mehr und mehr mit den Fehlern des andern Menschen liebevoll zu befassen haben. Im griechischen Zeitalter stand über dem berühmten Apollotempel das «Erkenne dich selbst». Das war dazumal im eminentesten Sinne noch zu erreichen, die Selbsterkenntnis, durch Hineinbrüten in die eigene Seele. Das wird immer unmöglicher und unmöglicher. Man lernt sich heute kaum noch irgendwie erheblich kennen durch das Hineinbrüten in sich selbst. Weil die Menschen nur in sich selbst hineinbrüten, deshalb kennen sie sich im Grunde genommen so wenig, und weil sie so wenig hinschauen auf andere Menschen, namentlich auf das, was sie Fehler der anderen Menschen nennen.
[ 25 ] This—what I now mean by the addition of a lively interest from person to person—must be taken up with ever greater and greater awareness in the age of the consciousness soul. All self-interest between human beings must be brought more and more into consciousness. Among the—I would say—most elementary impulses described in my book *How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds?*, you will find the impulse that, when put into practice in social life, aims precisely at increasing interest in fellow human beings. You will find, indeed, references everywhere to what is called “positivity”—the development of a positive attitude. Most people today will have to make a complete about-face in their souls if they wish to develop this positivity, for most people today do not even have a concept of this positivity. Their attitude toward one another is such that, if they notice something in another person that simply doesn’t suit them—I don’t even mean that they look at it more deeply, but rather that, viewed from above, viewed entirely superficially, it doesn’t suit them—they begin to pass judgment, but without developing any interest in the matter. It is, to the highest degree, antisocial—perhaps it sounds paradoxical, but it is nonetheless true—for the future development of humanity to possess such traits, to approach other people with immediate sympathy or antipathy. In contrast, the most beautiful and significant social quality for future development will be to cultivate a scientific, objective interest in the faults of others—to be far more interested in the faults of others than in attempting to criticize them. For little by little, in these last three epochs that are yet to come—the fifth, sixth, and seventh cultural epochs—each person will have to concern themselves more and more lovingly with the mistakes of others. In the Greek era, the inscription “Know thyself” stood above the famous Temple of Apollo. At that time, self-knowledge could still be attained in the most profound sense by delving deeply into one’s own soul. This is becoming increasingly impossible. Today, people hardly get to know themselves in any meaningful way by turning inward. Because people only turn inward, they actually know so little about themselves, and because they pay so little attention to other people—namely, to what they call the faults of others.
[ 26 ] Eine rein naturwissenschaftliche Tatsache kann uns aufmerksam machen, ich möchte sagen, beweisend aufmerksam machen, daß diese Sache so ist. Sehen Sie, der Naturforscher tut heute zweierlei — ich habe das vielleicht schon erwähnt, aber es ist außerordentlich wichtig —, wenn er auf die Geheimnisse der menschlichen, der tierischen, der pflanzlichen Natur kommen will. Das erste ist, er experimentiert, so wie er in der unorganischen, in der leblosen Natur experimentiert, so auch in der organischen Natur. Nun, durch das Experiment entfernt man sich von der lebendigen Natur, und derjenige, der mit wahrem Erkenntnissinn verfolgen kann, was das Experiment der Welt gibt, der weiß, daß es den Tod allein gibt. Das Experiment gibt nur den Tod, und dasjenige, was einem die heutige Wissenschaft aus der Experimentierkunst, selbst aus einer so feinen Experimentierkunst bieten kann, wie sie zum Beispiel Oscar Hertwig entwickelt, das ist nur der Tod der Sache. Sie können durch das Experimentieren nicht erklären, wie irgendein Lebewesen empfangen und geboren wird, sondern Sie können nur den Tod erklären durch das Experimentieren, und so werden Sie nie etwas erfahren über die Geheimnisse des Lebens durch Experimentierkunst. Das ist die eine Seite.
[ 26 ] A purely scientific fact can draw our attention—I would say, conclusively draw our attention—to the fact that this is how things are. You see, the natural scientist today does two things—I may have already mentioned this, but it is extremely important—when he seeks to uncover the mysteries of human, animal, and plant nature. The first is that he experiments; just as he experiments in inorganic, lifeless nature, so too does he experiment in organic nature. Now, through experimentation, one distances oneself from living nature, and anyone who can observe with a true sense of insight what experimentation offers the world knows that it offers nothing but death. Experimentation yields only death, and what modern science can offer through the art of experimentation—even through such a refined art of experimentation as that developed, for example, by Oscar Hertwig—is nothing but the death of the matter. Through experimentation, you cannot explain how any living being is conceived and born; rather, you can only explain death through experimentation, and thus you will never learn anything about the mysteries of life through the art of experimentation. That is one side of the matter.
[ 27 ] Aber es gibt heute etwas, was allerdings mit sehr unzulänglichen Mitteln arbeitet, was erst ganz, ganz im Anfange ist, was aber geeignet ist, sehr große Aufschlüsse über die menschliche Natur zu geben: das ist die Betrachtung des pathologischen Menschen. Die Betrachtung eines nach irgendeiner Richtung hin nicht ganz, wie man im Philiströsen sagt, normalen Menschen, die bringt in uns das Gefühl hervor: Mit diesem Menschen kannst du eins werden, in diesen Menschen kannst du dich erkennend vertiefen; du kommst weiter, wenn du dich in ihn vertiefst. — Also durch das Experimentieren wird man von der Wirklichkeit weggetrieben; durch das Betrachten desjenigen, was man heute pathologisch nennt, was Goethe so schön die Mißbildungen nannte, wird man gerade hingebracht in die Wirklichkeit. Aber man muß sich einen Sinn aneignen für diese Betrachtung. Man darf nicht abgestoßen werden von solcher Betrachtung. Man muß wirklich sich sagen: Gerade das Tragische kann zuweilen, ohne daß man es je wünschen darf, unendlich aufklärend sein für die tiefsten Geheimnisse des Lebens. — Was das Gehirn bedeutet für das Seelenleben, wird man nur dadurch erfahren, daß man immer mehr und mehr bekannt werden wird mit kranken Gehirnen. Das ist die Schule des Interesses für den anderen Menschen. Ich möchte sagen: Es kommt die Welt mit den groben Mitteln des Krankseins, um unser Interesse zu fesseln. Aber das Interesse am anderen Menschen ist es überhaupt, was die Menschheit sozial vorwärts bringen kann in der nächsten Zeit, während die Menschheit sozial zurückgebracht wird durch das Gegenteil der Positivität, durch das von obenherein Enthusiasmiert- oder Abgestoßensein von dem anderen Menschen. Diese Dinge hängen aber alle mit dem ganzen Geheimnis des Bewußtseinszeitalters zusammen.
[ 27 ] But there is something today—which, admittedly, operates with very inadequate means, which is still only in its very, very early stages, but which is capable of providing very profound insights into human nature—and that is the study of the pathological human being. The observation of a person who, in some respect, is not quite—as the philistines would say—“normal” evokes in us the feeling: You can become one with this person; you can immerse yourself in this person with self-awareness; you will make progress if you immerse yourself in them. — Thus, experimentation drives one away from reality; contemplating what is today called “pathological”—what Goethe so beautifully termed “malformations”—brings one directly into reality. But one must cultivate a sense for this kind of contemplation. One must not be repelled by such observation. One must truly tell oneself: It is precisely the tragic that can sometimes—without one ever wishing it—be infinitely enlightening regarding the deepest mysteries of life. — One can only come to understand what the brain means for the life of the soul by becoming more and more familiar with diseased brains. This is the school of interest in other human beings. I would like to say: The world comes to us with the crude means of illness to capture our interest. But it is precisely this interest in other people that can move humanity forward socially in the near future, whereas humanity is held back socially by the opposite of positivity—by being either overly enthusiastic about or repelled by other people from a position of superiority. Yet all these things are connected to the entire mystery of the Age of Consciousness.
[ 28 ] In jedem solchen Zeitalter wird historisch innerhalb der Menschheit, ich möchte sagen, etwas ganz Bestimmtes entwickelt, und was da entwickelt wird, das spielt dann in der wahren geschichtlichen Entwickelung eine große Rolle. Erinnern Sie sich an die Worte, die ich am Ende der letzten Betrachtungsstunde hier ausgesprochen habe. Ich sagte: Die Menschen müssen sich entschließen, immer mehr und mehr auch in der äußeren geschichtlichen Wirklichkeit Geburt und Tod sehen zu können, — Geburt durch die Befruchtung mit der neuen geistigen Offenbarung, Tod durch alles dasjenige, was man schafft. Tod durch alles dasjenige, was man schafft! Denn das ist das Wesentliche im Bewußtseinszeitalter, daß man auf dem physischen Plane nicht anders schaffen kann als mit dem Bewußtsein: Was man schafft, geht zugrunde. Der Tod ist beigemischt demjenigen, was man schafft. Gerade die wichtigsten Dinge der neueren Zeit in bezug auf den physischen Plan sind todbringende Institutionen. Und der Fehler liegt nicht darinnen, daß man das Todbringende schafft, sondern daß man sich nicht zum Bewußstsein bringen will, daß es todbringend ist.
[ 28 ] In every such age, historically speaking, something quite specific develops within humanity—and what develops there then plays a major role in true historical development. Recall the words I spoke here at the end of our last lecture. I said: People must resolve to be able to see birth and death more and more even in external historical reality—birth through fertilization by the new spiritual revelation, death through everything one creates. Death through everything one creates! For this is the essence of the Age of Consciousness: on the physical plane, one cannot create otherwise than with the awareness that what one creates perishes. Death is inherent in what one creates. Precisely the most important things of recent times with regard to the physical plane are death-dealing institutions. And the mistake lies not in the fact that one creates what is death-dealing, but in the fact that one does not want to bring oneself to the awareness that it is death-dealing.
[ 29 ] Heute noch, nach dem ersten Fünftel des Bewußtseinszeitalters, da sagen die Menschen, der Mensch wird geboren und stirbt; und nicht wahr, sie vermeiden es, weil sie es als unsinnig ansehen, zu sagen: Ja, wozu wird der Mensch geboren, wenn er nun doch stirbt? Es ist ja ganz unsinnig, wenn er geboren wird! Man braucht ihn ja nicht zu gebären, da man doch weiß, daß er stirbt! — Nun, das sagen die Menschen nicht, nicht wahr, weil sie auf diesem Gebiete der äußeren Natur unter dem Zwang der belehrenden Natur Geburt und Tod gelten lassen. Auf dem Gebiete des geschichtlichen Lebens sind die Menschen noch nicht so sehr weit, auch da Geburt und Tod gelten zu lassen, sondern da soll alles, was geboren ist, absolut gut sein und fortbestehen können in alle Ewigkeit. Der Sinn muß sich im Bewußtseinszeitalter ausbilden, daß im äußeren historischen Geschehen Geburt und Tod lebt, und daß, wenn man irgend etwas gebiert, sei es ein Kinderspielzeug oder sei es ein Weltreich, man es gebiert mit dem Bewußtsein, daß es auch einmal tot werden muß. Und wenn man es nicht mit dem Bewußtsein gebiert, daß es einmal tot werden muß, so macht man etwas Unsinniges; man macht dasselbe, als was man machen würde, wenn man glaubt, man würde einen kleinen Sprößling gebären können, der auf eine irdische Ewigkeit Anspruch hätte.
[ 29 ] Even today, after the first fifth of the Age of Consciousness, people say that a human being is born and dies; and don’t they avoid saying—because they consider it nonsensical—‘Yes, why is a human being born if he is going to die anyway?’ It is, after all, completely nonsensical for them to be born! There is no need to give birth to them, since we know they will die! — Well, people do not say that, do they, because in this realm of external nature, under the compulsion of nature’s instructive forces, they accept birth and death as a given. In the realm of historical life, people have not yet progressed far enough to accept birth and death there as well; rather, everything that is born is supposed to be absolutely good and able to endure for all eternity. In the Age of Consciousness, we must develop the understanding that birth and death are inherent in external historical events, and that whenever we bring something into being—be it a child’s toy or a world empire—we do so with the awareness that it, too, must one day come to an end. And if one does not bring it into being with the awareness that it must one day die, then one is doing something senseless; one is doing the same thing as one would do if one believed one could give birth to a little offspring who would have a claim to an earthly eternity.
[ 30 ] Dies muß aber in den Inhalt der menschlichen Seele hineinziehen im Zeitalter der Bewußtseinsseele. Im griechisch-lateinischen Zeitraum brauchte man das noch nicht in der Seele zu haben, denn da machte sich das geschichtliche Leben von selbst in Geburt und Tod. Es entstanden die Dinge und sie vergingen von selbst. Im Zeitalter der Bewußtseinsseele muß der Mensch es sein, der Geburt und Tod hineinwebt in sein soziales Leben. Das ist es, was hineinverwoben werden muß in das soziale Leben: Geburt und Tod. Und der Mensch kann in diesem Zeitalter der Bewußtseinsseele den Sinn dafür erwerben, Geburt und Tod ins soziale Wesen hineinzuweben, aus dem Grunde, weil unter ganz bestimmten Verhältnissen in der griechisch-lateinischen Kulturepoche dieses in seine menschliche Wesenheit hineinversetzt worden ist.
[ 30 ] But this must be woven into the very fabric of the human soul in the Age of the Consciousness Soul. In the Greco-Latin period, it was not yet necessary to have this within the soul, for in those days, historical life unfolded of its own accord through birth and death. Things came into being and passed away of their own accord. In the age of the consciousness soul, it must be the human being who weaves birth and death into his or her social life. This is what must be woven into social life: birth and death. And in this age of the consciousness soul, human beings can acquire the sense of how to weave birth and death into the social fabric, precisely because, under very specific circumstances during the Greco-Latin cultural epoch, this was incorporated into their human nature.
[ 31 ] Der wichtigste Zeitpunkt der persönlichen Entwickelung eines Menschen der mittleren griechisch-lateinischen Zeit war ja etwa der Anfang seiner Dreißigerjahre. Da war der Zeitpunkt, wo gewissermaßen zwei Kräfte, die in jedem Menschen wirksam sind, sich trafen. Nicht wahr, der Mensch wird geboren und stirbt. Aber die Kräfte, die in den Symptomen der Geburt wirken, die wirken die ganze Zeit von der Geburt bis zum Tode im Menschen; sie treten nur besonders charakteristisch durch die Geburt hervor. Die Geburt ist nur ein bedeutendes Symptom, und die andern Symptome, wo dieselben Kräfte wirken durch das ganze physische Leben hindurch, die sind weniger bedeutend. Ebenso beginnen die Kräfte des Todes gleich bei der Geburt zu wirken; wenn der Mensch stirbt, treten sie nur besonders anschaulich hervor. Immer sind diese zwei Arten von Kräften vorhanden in einer Art von Gleichgewicht, können wir sagen: Geburt-Kräfte und Todes-Kräfte, Und am meisten hielten sie sich das Gleichgewicht im griechisch-lateinischen Zeitalter so im Anfang der Dreißigerjahre; so daß der Mensch bis zum Anfang der Dreißigerjahre das Gemüt entwickelte und hinterher durch sich selbst den Verstand, denn vorher konnte er den Verstand nur dadurch bekommen, daß er erweckt wurde im Unterricht, durch Erziehung und so weiter. Und daher sprechen wir im griechisch-lateinischen Zeitalter von der Gemüts- und Verstandesseele, weil das so zusammenstieß; bis in die Dreißigerjahre Gemüt, nachher Verstand. Aber jetzt, im Zeitalter der Bewußtseinsseele, ist es nicht so. Jetzt reißt die Geschichte ab vor der Mitte des menschlichen Lebens. Die meisten Menschen, die Ihnen jetzt entgegentreten, namentlich in der Mittelschichte der Menschheit, werden nicht älter als kaum 27 Jahre; dann trotten sie fort mit dem, was sie gelernt haben und so weiter. Sie können es an einem äußerlichen Elemente sehr leicht sehen, was ich jetzt meine. Denken Sie nur, wie wenige Menschen es gibt, die heute nach dem 27. Jahre auf irgendeinem Gebiete noch wesentlich anders werden, als höchstens, daß sie physisch älter werden, daß sie grau werden, daß sie tatterig werden — nein, das darf man nicht sagen — und ähnliches, nicht wahr; aber der Mensch will bis zum 27. Jahre im wesentlichen heute abgeschlossen sein. Denken Sie einmal: Wenn heute ein Mensch bis zum 27. Jahre etwas Ordentliches gelernt hat — nehmen wir jetzt einen Menschen der sogenannten intelligenten oder intellektuellen Bevölkerung —, dann will er doch auch etwas werden; denn hat er etwas gelernt, dann will er das sein übriges Leben anwenden. Denken Sie, wenn Sie heute einem intelligenten Durchschnittsmenschen zumuten würden, so ein Faust zu werden, das heißt, nicht nur eine Fakultät, sondern vier Fakultäten wirklich hintereinander zu studieren bis zum 50. Jahre! Ich meine ja nicht, daß er gerade an die Universität gehen soll, vielleicht gibt es bessere Mittel als die vier Fakultäten. Weiter studieren heute, nicht wahr, fortlernen, ein verwandlungsfähiger Mensch bleiben, das findet man außerordentlich selten. Bei den Griechen war es noch viel häufiger — wenigstens in dem Teil der Bevölkerung, den man den intellektuellen nennt — aus dem Grunde, weil der Faden nicht abriß im Anfang der Dreifigerjahre; da waren die Kräfte, die von der Geburt herkamen, sehr regsam. Und dann fingen die Kräfte, die nach dem Tode hingingen, an, sich mit jenen zu begegnen; da war ein Gleichgewicht da in der Mitte. Jetzt reißt die Geschichte ab; mit siebenundzwanzig wollen die meisten Menschen «gemachte Menschen» sein, wie man sagt! Und am Ende der Dreißigerjahre würde man anknüpfen können an die Jugend und weiterlernen von der Jugend aus, wenn man nur wollte! Nun möchte ich aber wissen, wie viele Menschen heute wollen, wie viele Menschen das Notwendigste ergreifen wollen, was für die Zukunft der Erdenmenschheit dastehen wird: das immerwährende Lernen, das immerwährende InBewegung-Bleiben. Und das wird nicht zu erreichen sein ohne das eben geschilderte Interesse von Mensch zu Mensch. Liebevoll hinblicken können auf die Menschen, sich interessieren für die Eigenart der Menschen, das ist dasjenige, was die Menschheit ergreifen muß. Und gerade weil es die Menschheit ergreifen muß, deshalb ist es im Rückschlag so wenig in der heutigen Gegenwart schon vorhanden. Es beleuchtet dieses, was ich jetzt gesagt habe, eine wichtige Tatsache der inneren Seelenentwickelung. Gewissermaßen reißt der Faden, der Geburt und Tod verbindet, so zwischen dem 26., 27. Jahre und dem 37. oder 38. Jahre. Da ist ein Jahrzehnt in der Menschenentwickelung, wo die Kräfte von Geburt und Tod nicht recht zusammenwollen. Die Verfassung, die der Mensch braucht, und die er dadurch, daß diese Kräftezusammenkamen, im griechisch-lateinischen Zeitalter noch haben konnte, die muß er sich im Zeitalter der Bewußtseinsseele dadurch entwickeln, daß er im äußeren historischen Leben Geburt und Tod betrachten kann. Kurz, unsere Betrachtung des äußerlichen Lebens muß eine solche werden, daß wir kühn, ohne Feigheit auf unsere Umgebung hinschauen können so, daß wir uns sagen: Wachsen und Welken, das ist dasjenige, was in allem Leben bewußt bewirkt werden muß. Soziales kann nicht absolut für ein Ewiges gebaut werden. Wer für das Soziale baut, muß den Mut haben, immer weiter und weiter Neues zu bauen, nicht stehen zu bleiben, weil dasjenige, was gebaut ist, alt wird, welk wird, absterben muß; weil Neues gebaut werden muß.
[ 31 ] The most important stage in a person’s personal development during the Middle Greek-Latin period was, in fact, around the beginning of their thirties. That was the point at which, so to speak, two forces at work within every human being came together. Isn’t it true that a person is born and dies? But the forces at work in the symptoms of birth continue to act within the person from birth until death; they simply manifest themselves in a particularly characteristic way at birth. Birth is merely a significant symptom, and the other symptoms—in which the same forces are at work throughout the entire physical life—are less significant. Likewise, the forces of death begin to operate right at birth; when a person dies, they simply become particularly evident. These two kinds of forces are always present in a kind of balance, we might say: the forces of birth and the forces of death. And they were most in balance during the Greco-Roman era, specifically in the early thirties; so that until the early thirties, a person developed the soul of feeling, and thereafter developed the intellect through their own efforts, for previously they could acquire the intellect only by having it awakened through instruction, education, and so on. And that is why, in the Greco-Latin era, we speak of the soul of feeling and the soul of intellect, because these two aspects came together; the soul of feeling until the age of thirty, then the soul of reason. But now, in the age of the conscious soul, it is not like that. Now the process comes to an abrupt halt before the middle of human life. Most people you encounter today, especially in the middle class, hardly live past the age of 27; then they trudge on with what they have learned and so on. You can see very easily from an external sign what I mean. Just think how few people there are today who, after the age of 27, still change significantly in any area—other than, at most, growing physically older, going gray, becoming frail—no, one shouldn’t say that—and the like, isn’t that so; but by the age of 27, a person is essentially set in their ways today. Just think: If a person has learned something substantial by the age of 27—let’s take someone from the so-called intelligent or intellectual class—then they naturally want to become something; for if they have learned something, they want to apply it for the rest of their life. Just imagine if you were to expect an average intelligent person today to become someone like Faust—that is, to study not just one field of study, but four in succession, all the way up to the age of 50! I don’t mean that they should necessarily go to university; perhaps there are better ways than studying four fields of study. To continue studying today—to keep learning, to remain a person capable of transformation—is something you find extremely rarely. Among the Greeks, it was much more common—at least among the segment of the population known as the intellectuals—for the simple reason that the thread of learning did not break in one’s early thirties; the energies inherited at birth were still very active then. And then the forces tending toward death began to meet those from birth; there was a balance in the middle. Now the story breaks off; by the age of twenty-seven, most people want to be “made men,” as they say! And at the end of one’s thirties, one could pick up where one left off in youth and continue learning from that foundation, if only one were willing! But now I would like to know how many people today are willing—how many people are willing to grasp what is most essential for the future of humanity on Earth: perpetual learning, the perpetual state of being in motion. And this cannot be achieved without the interest from person to person that I have just described. Being able to look upon people with love, taking an interest in their individuality—that is what humanity must embrace. And precisely because humanity must embrace it, that is why it is so scarce in today’s world. What I have just said sheds light on an important fact of inner soul development. In a sense, the thread connecting birth and death breaks between the ages of 26 or 27 and 37 or 38. There is a decade in human development when the forces of birth and death do not quite align. The constitution that human beings need—and which they were still able to possess in the Greco-Roman era because these forces came together—must be developed in the age of the conscious soul by contemplating birth and death in external historical life. In short, our view of external life must become such that we can look at our surroundings boldly, without cowardice, so that we say to ourselves: Growth and withering—that is what must be consciously brought about in all life. The social order cannot be built to last forever. Anyone who builds for society must have the courage to keep building something new, over and over again, and not to stand still—because what has been built grows old, withers, and must die; because something new must be built.
[ 32 ] Nun, so könnte man sagen: In charakteristischer Weise lebte Geburt und Tod gerade im vierten nachatlantischen Zeitalter, im Zeitalter der Gemüts- und Verstandesseele in dem Menschen drinnen. Er brauchte es noch nicht äußerlich zu sehen. Jetzt, im Zeitalter der Bewußtseinsseele, muß er es äußerlich sehen. Dafür muß er in seinem Innern wiederum ein anderes entwickeln. Das ist sehr wichtig, daß er ein anderes wiederum entwickelt.
[ 32 ] Well, one could say this: In a characteristic way, birth and death lived within the human being precisely during the fourth post-Atlantean epoch, the epoch of the soul of feeling and the soul of reason. He did not yet need to see them externally. Now, in the age of the consciousness soul, they must see it externally. To do so, they must in turn develop something else within themselves. It is very important that they develop something else in turn.
[ 33 ] Sehen Sie, man kann sagen, wenn man den Menschen schematisch so betrachtet (siehe Zeichnung): Viertes griechisch-lateinisches Zeitalter, fünftes Zeitalter — Geburt und Tod erblickte der Mensch bewußt in diesem vierten Zeitalter, wenn er ins Innere seines Menschen hineinschaute; jetzt muß er Geburt und Tod äußerlich im geschichtlichen Leben erblicken und von da aus es auch im Innern suchen. Daher ist es so unendlich wichtig, daß in diesem Zeitalter der Bewußtseinsseele der Mensch sich über Geburt und Tod im wahren Sinne, das heißt im Sinne der wiederholten Erdenleben, aufklärt, sonst wird er nie dazu kommen, im historischen Werden Verständnis für Geburt und Tod zu erwerben.
[ 33 ] You see, one can say that if one views human beings schematically in this way (see diagram): Fourth Greek-Latin Age, Fifth Age — In this fourth age, human beings consciously perceived birth and death when they looked into their inner selves; now they must perceive birth and death externally in historical life and, from there, seek them within as well. That is why it is so infinitely important that in this age of the conscious soul, human beings educate themselves about birth and death in the true sense—that is, in the sense of repeated earthly lives—otherwise they will never come to gain an understanding of birth and death within the course of historical development.
[ 34 ] Aber geradeso, wie Geburt und Tod von innen nach außen gegangen sind im menschlichen Anschauen, so muß der Mensch wiederum etwas entwickeln in seinem Innern im fünften nachatlantischen Zeitraum, was im sechsten Zeitalter, das also im vierten Jahrtausend beginnt, wiederum nach außen gehen wird. Und das ist das Böse. Das Böse wird im Innern des Menschen entwickelt im fünften nachatlantischen Zeitraum, muß nach außen strahlen und im Äußeren erlebt werden im sechsten Zeitraume so wie Geburt und Tod im fünften Zeitraume. Das Böse soll innerlich in den Menschen sich entwickeln.
[ 34 ] But just as birth and death have moved from the inside out in the human perspective, so too must human beings develop something within themselves during the fifth post-Atlantean epoch, which will in turn move outward in the sixth epoch—that is, beginning in the fourth millennium. And that is evil. Evil is developed within the human being during the fifth post-Atlantean epoch; it must radiate outward and be experienced externally in the sixth epoch, just as birth and death were experienced in the fifth epoch. Evil is to develop inwardly within the human being.


[ 35 ] Denken Sie einmal, was das für eine unangenehme Wahrheit ist! Man wird vielleicht sagen: Man kann es ja noch hinnehmen, was im vierten nachatlantischen Zeitraum das Wichtige ist, daß der Mensch ganz bekannt wird innerlich mit Geburt und Tod, dann aber kosmisch Geburt und Tod erfaßt, so wie ich es Ihnen dargestellt habe in der Conceptio immaculata und in der Auferstehung, im Mysterium von Golgatha. Deshalb steht vor der Menschheit des vierten nachatlantischen Zeitraums Geburt und Tod des Christus Jesus, weil Geburt und Tod das ganz besonders Wichtige war im vierten nachatlantischen Zeitraum.
[ 35 ] Just think what an unpleasant truth that is! One might say: It is still acceptable that what is important in the fourth post-Atlantean epoch is for the human being to become thoroughly acquainted inwardly with birth and death, and then to grasp birth and death in a cosmic sense, just as I have described to you in the Conceptio immaculata and in the Resurrection, in the Mystery of Golgotha. That is why the birth and death of Christ Jesus stand before humanity in the fourth post-Atlantean epoch, because birth and death were what was particularly important in the fourth post-Atlantean epoch.
[ 36 ] Jetzt, wo der Christus wiederum im Ärherischen erscheinen soll, wo wiederum eine Art Mysterium von Golgatha erlebt werden soll, jetzt wird das Böse eine ähnliche Bedeutung haben wie Geburt und Tod für den vierten nachatlantischen Zeitraum. Im vierten nachatlantischen Zeitraum entwickelte der Christus Jesus seinen Impuls für die Erdenmenschheit aus dem Tode heraus. Und man darf sagen: Aus dem erfolgten Tode heraus wurde das, was in die Menschheit einfloß. — So wird aus dem Bösen heraus auf eine sonderbare, paradoxe Art die Menschheit des fünften nachatlantischen Zeitraums zu der Erneuerung des Mysteriums von Golgatha geführt. Durch das Erleben des Bösen wird zustandegebracht, daß der Christus wieder erscheinen kann, wie er durch den Tod im vierten nachatlantischen Zeitraum erschienen ist.
[ 36 ] Now that the Christ is to appear once more in the Earthly realm, now that a kind of Mystery of Golgotha is to be experienced once more, evil will take on a significance similar to that of birth and death for the fourth post-Atlantean epoch. In the fourth post-Atlantean epoch, Christ Jesus developed his impulse for humanity on Earth out of death. And one may say: Out of that death came what flowed into humanity. — Thus, in a strange, paradoxical way, the humanity of the fifth post-Atlantean epoch is led, through the experience of evil, toward the renewal of the Mystery of Golgotha. Through the experience of evil, the conditions are created for the Christ to appear again, just as he appeared through death in the fourth post-Atlantean epoch.
[ 37 ] Dazu, um dies einzusehen, müssen wir — wir haben ja da und dort schon einiges aufflackern lassen von dem Mysterium des Bösen —, müssen wir nun über das Mysterium des Bösen im Zusammenhange mit dem Mysterium von Golgatha ein wenig sprechen. Das wird nun das nächste Historische sein, daß wir über den Zusammenhang des Mysteriums des Bösen mit dem Mysterium von Golgatha sprechen.
[ 37 ] To understand this—since we have already touched on the mystery of evil here and there—we must now speak a little about the mystery of evil in connection with the mystery of Golgotha. The next historical topic will be our discussion of the connection between the mystery of evil and the mystery of Golgotha.
