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Historical Symptomatology
GA 185

26 October 1918, Dornach

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Fünfter Vortrag

Fifth Lecture

[ 1 ] Selbst innerhalb der Grenzen, die gegenwärtig noch geboten sind, wenn man über solche Dinge spricht, kann man dasjenige, was von dem Mysterium des Bösen handelt in der fünften nachatlantischen Kulturperiode, der Periode der Bewußtseinsseele, in der wir leben, eigentlich nicht ohne tiefe Bewegung besprechen. Denn es wird damit etwas berührt, was zu den tiefsten Geheimnissen dieser fünften nachatlantischen Periode gehört, was, wenn es besprochen wird, heute noch auf sehr wenig entwickelte menschliche Fähigkeiten des Verständnisses gerade für solche Dinge stößt. Die Empfindungsmöglichkeiten, welche die heutige Menschheit für solche Dinge hat, sind noch wenig entwickelt. Dennoch muß man sagen, daß gewisse Hindeutungen auf das Mysterium des Bösen und das andere, das damit zusammenhängt, das Mysterium des Todes, in allen sogenannten Geheimgesellschaften der neueren Zeit immer wieder und wiederum bildhaft versucht worden sind. Aber diese bildhaften Darstellungen, zum Beispiel auch in den sogenannten maurerischen Gemeinschaften, sie wurden ja insbesondere in den letzten Jahrzehnten seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts in einer recht wenig ernsten Weise gepflogen, oder aber sie wurden in einer solchen Art gepflogen, wie ich es vor jetzt fast zwei Jahren hier mit Bezug auf gewichtige Ereignisse der Gegenwart angedeutet habe.

[ 1 ] Even within the limits that are currently still imposed when speaking of such things, one cannot really discuss what pertains to the mystery of evil in the fifth post-Atlantean cultural epoch—the epoch of the consciousness soul in which we live—without being deeply moved. For this touches upon something that belongs to the deepest mysteries of this fifth post-Atlantean period—something that, when discussed, still encounters very underdeveloped human capacities for understanding precisely such matters. The capacity for perception that modern humanity possesses regarding such matters is still underdeveloped. Nevertheless, it must be said that certain allusions to the mystery of evil and the other mystery connected with it—the mystery of death—have been repeatedly and consistently depicted in a symbolic manner in all so-called secret societies of recent times. But these symbolic representations—for example, even in the so-called Masonic communities—have, particularly in the last few decades since the last third of the 19th century, been practiced in a rather frivolous manner, or else they have been practiced in the kind of way I alluded to here nearly two years ago in connection with significant contemporary events.

[ 2 ] Die damaligen Andeutungen machte ich auch nicht ohne tiefergehenden Beweggrund, denn wer von diesen Dingen Kenntnis hat, der weiß, welche Untiefen menschlichen Wesens man mit diesen Dingen eigentlich berührt. Allein es hat ja vieles gezeigt, wie wenig im Grunde genommen heute schon Wille zum Verständnis solcher Dinge vorhanden ist. Der Wille zum Verständnis, er wird ja gewiß kommen, und es muß dafür gesorgt werden, daß er komme. Es muß auf jedem Wege, der möglich erscheint, dafür gesorgt werden, daß dieser Wille kommt. Man muß, wenn man über diese Dinge spricht, manchmal den Schein hervorrufen, als ob man eine Art Kritik der Gegenwart nach der einen oder nach der anderen Richtung hin geben wolle. Auch dasjenige, was ich gestern zum Beispiel vorgebracht habe über die Konfiguration der Weltanschauungsbestrebungen innerhalb des Bürgertums, seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts namentlich, aber im Grunde genommen schon seit langer Zeit, das kann ja auch, wenn man es trivial auffassen will, wie eine Kritik aufgefaßt werden. Aber alles das, was hier vorgebracht wird, ist nicht so gemeint, ist nicht wie eine Kritik gemeint, sondern ist gesagt zur Charakteristik, ist dazu gesagt, daß man einsieht, welche Kräfte und Impulse gewaltet haben. Von einem gewissen Gesichtspunkte aus betrachtet, haben ja diese Impulse notwendigerweise gewaltet. Man könnte auch beweisen, daß es notwendig war, daß das Bürgertum der zivilisierten Welt die Jahrzehnte von den vierziger Jahren bis zu dem Ende der siebziger Jahre verschlafen hat; man könnte diesen Schlaf als eine welthistorische Notwendigkeit dartun. Aber dessen ungeachtet müßte die Erkenntnis dieses Schlafes, dieses Kulturschlafes, dennoch in positiver Weise wirken, das heißt, heute gewisse Erkenntnis- und Willensimpulse auslösen, die wirken sollen gegen die Zukunft hin.

[ 2 ] I did not make those remarks at the time without a deeper motive, for anyone familiar with these matters knows what depths of human nature they actually touch upon. Yet much has shown just how little willingness there is today, when it comes down to it, to understand such things. The willingness to understand will certainly come, and we must ensure that it does. We must do everything possible to ensure that this willingness arises. When speaking about these matters, one must sometimes give the impression that one intends to offer a kind of critique of the present, in one direction or another. Even what I brought up yesterday, for example—regarding the configuration of worldview-related endeavors within the bourgeoisie, particularly since the last third of the 19th century, but in essence for a long time already—can, if one wishes to interpret it trivially, be taken as a form of criticism. But none of what is presented here is intended that way—it is not meant as a critique—but is stated for the sake of characterization, to help one understand which forces and impulses have been at work. Viewed from a certain perspective, these impulses have, after all, necessarily been at work. One could also prove that it was necessary for the bourgeoisie of the civilized world to have slept through the decades from the 1840s to the end of the 1870s; one could present this slumber as a necessity of world history. Nevertheless, the recognition of this slumber—this cultural slumber—must still have a positive effect; that is, it must trigger certain impulses of insight and will today that are intended to shape the future.

[ 3 ] Zwei Mysterien — wie gesagt, ich kann diese Dinge natürlich nur innerhalb gewisser Grenzen besprechen —, zwei Mysterien sind von ganz besonderer Bedeutung für die Entwickelung der Menschheit im Zeitraum der Bewußtseinsseele, in dem wir drinnenstehen seit dem Beginne des 15. Jahrhunderts. Es ist das Mysterium des Todes und das Mysterium des Bösen. Dieses Mysterium des Todes, das für die jetzige Zeit eben mit dem Mysterium des Bösen von einer gewissen Seite her zusammenhängt, das führt zunächst zum Aufwerfen der bedeutungsvollen Frage: Wie steht es überhaupt mit dem Tode in bezug auf die menschliche Entwickelung?

[ 3 ] Two mysteries—as I said, I can of course only discuss these things within certain limits—two mysteries are of very special significance for the development of humanity during the period of the conscious soul, in which we have been living since the beginning of the 15th century. These are the mystery of death and the mystery of evil. This mystery of death, which in the present age is connected in a certain way to the mystery of evil, leads us first to pose the significant question: What role does death actually play in human development?

[ 4 ] Ich habe neulich erst wiederum wiederholt: Das, was sich gegenwärtig Wissenschaft nennt, macht es sich bequem in solchen Dingen. Tod ist Aufhören eines Lebens für die meisten Wissenschafter. Von diesem Punkte aus ist der Tod anzuschauen bei der Pflanze, beim Tiere, beim Menschen. — Geisteswissenschaft hat es nicht so bequem, alles über einen Leisten zu schlagen. Denn sonst könnte man den Tod auch auffassen als Ende einer Taschenuhr, den Tod der Taschenuhr. Der Tod für den Menschen ist eben etwas ganz anderes als der sogenannte 'Tod anderer Wesen. Kennenlernen kann man nun dasjenige, was das Phänomen des Todes ist, nur dann, wenn man es gewissermaßen auf dem Hintergrunde jener Kräfte auffaßt, die im Weltenall tätig sind, und die über den Menschen, indem sie auch den Menschen ergreifen, den physischen Tod bringen. Es walten im Weltenall gewisse Kräfte, gewisse Impulse; wären sie nicht vorhanden, so könnte der Mensch nicht sterben. Diese Kräfte walten im Weltenall, der Mensch gehört zum Weltenall; sie durchwalten auch den Menschen, und indem sie im Menschen tätig sind, bringen sie ihm den Tod. Nun muß man sich fragen: Diese Kräfte, die im Weltenall tätig sind, was bewirken sie außer dem, daß sie den Menschen den Tod bringen? — Es wäre ganz falsch, wenn man etwa denken würde, diese Kräfte, die dem Menschen den Tod bringen, die seien im Weltenall dazu da, daß sie den Menschen sterben machen, daß sie ihm den Tod bringen. Das ist nicht der Fall. Daß diese Kräfte den Menschen den Tod bringen, ist gewissermaßen nur eine Nebenwirkung, wirklich nur eine Nebenwirkung. Nicht wahr, es wird keinem Menschen einfallen, zu sagen: Die Aufgabe der Lokomotive bei der Eisenbahn bestehe darin, nach und nach die Schienen kaputt zu machen. — Trotzdem tut das die Lokomotive, daß sie nach und nach die Schienen kaputt macht, und die Lokomotive kann nicht anders als die Schienen kaputt machen. Aber das ist jedenfalls nicht ihre Aufgabe; ihre Aufgabe ist etwas anderes. Und wenn einer definieren würde: Eine Lokomotive ist eine Maschine, welche die Aufgabe hat, die Schienen kaputt zu machen —, der würde natürlich einen Unsinn reden, trotzdem man nicht bestreiten kann, daß das Zerstören der Schienen durchaus mit dem Wesen der Lokomotive zusammenhängt. Ebensowenig denkt derjenige etwas Richtiges, der etwa sagen würde, die Kräfte im Weltenall, die den Menschen den Tod bringen, seien dazu da, um den Menschen den Tod zu bringen. Dieses ist nur eine Nebenwirkung, daß sie den Menschen den Tod bringen. Sie bewirken dies neben ihrer eigentlichen Aufgabe. Welches aber ist diese eigentliche Aufgabe der den Menschen den Tod bringenden Kräfte? Diese Aufgabe der den Menschen den Tod bringenden Kräfte ist gerade die, den Menschen zu begaben mit der vollen Fähigkeit der Bewußstseinsseele. Sie sehen, wie innig das Mysterium des Todes gerade mit der Entwickelung des fünften nachatlantischen Zeitraums zusammenhängt, wie bedeutsam es ist, daß in diesem fünften nachatlantischen Zeitraum allgemein das Mysterium des Todes enthüllt werde. Denn es sind eben die Kräfte, die in ihrer Nebenwirkung dem Menschen den Tod bringen, die eigentlich dazu bestimmt sind, dem Menschen einzupflanzen, einzuimpfen in seinen Werdegang gerade die Fähigkeit, ich sage die Fähigkeit, nicht die Bewußtseinsseele, sondern die Fähigkeit der Bewußtseinsseele.

[ 4 ] I recently reiterated once again: What is currently called science takes the easy way out when it comes to such matters. For most scientists, death is the end of life. From this perspective, death must be viewed in plants, animals, and humans. — Spiritual science does not have the luxury of treating everything the same. Otherwise, one could also conceive of death as the end of a pocket watch—the death of the pocket watch. Death for human beings is, in fact, something entirely different from the so-called ‘death of other beings.’ One can only come to know what the phenomenon of death actually is if one understands it, so to speak, against the backdrop of those forces that are at work in the universe and that bring about physical death in human beings by also affecting them. Certain forces, certain impulses, are at work in the universe; if they did not exist, human beings could not die. These forces are at work in the universe—human beings are part of the universe—and they also permeate human beings; and by being active within them, they bring about their death. Now one must ask: What do these forces, which are active in the universe, accomplish besides bringing death to human beings? — It would be entirely wrong to think, for example, that these forces, which bring death to human beings, exist in the universe for the sole purpose of causing human beings to die, of bringing death to them. That is not the case. The fact that these forces bring death to human beings is, in a sense, merely a side effect—truly just a side effect. After all, it would never occur to anyone to say: The purpose of a locomotive on a railroad is to gradually destroy the tracks. — Nevertheless, that is what the locomotive does—it gradually destroys the tracks—and the locomotive cannot help but destroy the tracks. But that is certainly not its purpose; its purpose is something else. And if someone were to define a locomotive as a machine whose purpose is to destroy the tracks—that person would, of course, be talking nonsense, even though one cannot deny that the destruction of the tracks is indeed connected to the very nature of the locomotive. Nor is anyone thinking correctly who might say, for example, that the forces in the universe that bring death to human beings exist for the purpose of bringing death to human beings. That they bring death to human beings is merely a side effect; they do this alongside their actual task. But what, then, is this actual task of the forces that bring death to human beings? This task of the forces that bring death to human beings is precisely to endow human beings with the full capacity of the consciousness soul. You can see how intimately the mystery of death is connected precisely with the development of the fifth post-Atlantean epoch, and how significant it is that in this fifth post-Atlantean epoch the mystery of death be universally revealed. For it is precisely those forces which, as a side effect, bring death to human beings that are actually destined to implant in human beings, to instill in their development, precisely the capacity—I say the capacity, not the consciousness soul itself, but the capacity of the consciousness soul.

[ 5 ] Das führt Sie nicht nur zur Erfassung des Todesmysteriums, sondern es führt Sie auch dahin, in wichtigen Dingen exakt zu denken. Das heutige Denken ist in vieler Beziehung — das ist wieder keine Kritik, sondern eine Charakteristik —, wenn ich mich des Ausdrucks bedienen darf, aber er ist treffend, eben einfach schlampig. Das heutige Denken insbesondere in der landläufigen Wissenschaft ist fast durchweg so, wie wenn man sagen würde, die Lokomotive hat die Aufgabe, die Schienen kaputt zu machen. Denn, was in der heutigen Wissenschaft meistens gesagt wird über das eine oder das andere, das ist von dieser Qualität. Es ist von der Qualität, mit der man eben nicht auskommen wird, wenn man einen der Menschheit heilsamen Zustand für die Zukunft herbeiführen will. Und der kann ja im Zeitalter der Bewußtseinsseele nur in voller Bewußtheit herbeigeführt werden.

[ 5 ] This not only leads you to grasp the mystery of death, but it also leads you to think precisely about important matters. Contemporary thinking is, in many respects—and this is not a criticism, but rather a characterization—if I may use the expression, though it is apt, simply sloppy. Contemporary thinking, especially in mainstream science, is almost entirely like saying that the locomotive’s job is to destroy the tracks. For what is usually said in contemporary science about one thing or another is of this very quality. It is of a quality that simply will not suffice if one wishes to bring about a state beneficial to humanity for the future. And in the age of the consciousness soul, such a state can only be brought about through full consciousness.

[ 6 ] Man muß es immer wieder betonen, daß dies eine tiefe Zeitwahrheit ist. Man hört es ja immer wieder und wieder, daß da oder dort Leute auftauchen, welche aus einer scheinbar tiefbegründeten Weisheit heraus die einen oder die anderen sozialwirtschaftlichen Vorschläge machen, immer aus dem Bewußtsein heraus, daß man heute noch sozialwirtschaftliche Vorschläge machen kann ohne die Zuhilfenahme der Geisteswissenschaft. Nur derjenige denkt heute zeitgemäß, der da weiß, daß alles, was versucht wird zu sagen über irgendeine soziale Konfiguration der Menschheit gegen die Zukunft hin, ohne die Grundlage der Geisteswissenschaft Quacksalberei ist. Nur der, der dieses voll erfaßt, der denkt zeitgemäß. Wer heute noch hört auf allerlei Professorenweisheiten aus der Sozial-Ökonomie, die auf dem Boden einer geistlosen Wissenschaft stehen, der verschläft seine Zeit. Diese Kräfte, von denen man sprechen muß als den Kräften des Todes, sie haben das menschliche Leibeswesen schon früher erfaßt. Wie, das können Sie aus meiner «Geheimwissenschaft» entnehmen. In das seelische Wesen haben sie sich da erst hineingefunden. Der Mensch muß für den Rest der Erdenentwickelung diese Kräfte des Todes in sein eigenes Wesen aufnehmen, und sie werden im Verlauf des gegenwärtigen Zeitraumes in ihm so wirken, daß er die Fähigkeit der Bewußtseinsseele in sich zum vollen Ausdruck, zur vollen Offenbarung bringt.

[ 6 ] It cannot be emphasized enough that this is a profound truth of our time. One hears it time and time again that here and there people appear who, drawing on what seems to be deeply grounded wisdom, put forward one social-economic proposal or another—always based on the belief that it is still possible today to make social-economic proposals without the aid of spiritual science. Only those who realize that everything attempted to be said about any social configuration of humanity looking toward the future is quackery without the foundation of spiritual science are thinking in a way that is in step with the times. Only those who fully grasp this are thinking in a way that is in step with the times. Anyone who still listens today to all sorts of professorial wisdom from social economics, which is based on a spiritless science, is wasting their time. These forces—which must be spoken of as the forces of death—have already taken hold of the human physical being in the past. You can learn how this happened from my *Secret Science*. It was only then that they found their way into the soul. For the remainder of Earth’s evolution, human beings must take these forces of death into their own being, and in the course of the present era, they will work within them in such a way that they bring the capacity of the consciousness soul to full expression, to full revelation.

[ 7 ] Indem ich so gefragt habe und so gesprochen habe über das Mysterium des Todes, das heißt über die Kräfte, die im Weltenall wirksam sind als den Menschen den Tod bringende Kräfte, kann ich auch in einer gleichen methodischen Weise hindeuten auf die Kräfte des Bösen. Auch diese Kräfte des Bösen, sie sind nicht solche, von denen man sagen kann, sie bewirken innerhalb der menschlichen Ordnung die bösen Handlungen. Das ist wiederum nur eine Nebenwirkung. Wenn es die Kräfte des Todes nicht gäbe im Weltenall, so würde der Mensch die Bewußtseinsseele nicht entwickeln können, er würde nicht entgegennehmen können in seiner weiteren Erdenentwickelung, so wie er sie entgegennehmen soll, die Kräfte des Geistselbstes, des Lebensgeistes und des Geistesmenschen. Der Mensch muß durch die Bewußtseinsseele gehen, wenn er in seiner Art die Kräfte des Geistselbstes, des Lebensgeistes, des Geistesmenschen aufnehmen will. Dazu muß er die Kräfte des Todes im Laufe des fünften nachatlantischen Zeitraums, also bis in die Mitte des vierten Jahrtausends hinein, vollständig mit seinem eigenen Wesen verbinden. Das kann er. Aber er kann nicht in der gleichen Weise die Kräfte des Bösen mit seinem eigenen Wesen verbinden. Die Kräfte des Bösen sind im Weltenall, im Kosmos so geartet, daß der Mensch sie in seiner Entwickelung erst während der Jupiterperiode so aufnehmen kann, wie er jetzt die Kräfte des Todes aufnimmt. Man kann also sagen: Mit einer geringeren Intensität, bloß einen Teil seines Wesens ergreifend, wirken die Kräfte des Bösen auf den Menschen. Will man eindringen in das Wesen dieser Kräfte des Bösen, dann darf man nicht auf die äußeren Folgen dieser Kräfte sehen, sondern dann muß man das Wesen des Bösen da aufsuchen, wo es in seiner eigenen Wesenheit vorhanden ist, wo es so wirkt, wie es wirken muß, weil die Kräfte, die als das Böse im Weltenall figurieren, auch in den Menschen hereinspielen. Und da beginnt eben das, was man nur mit einer tiefen Bewegung sagen kann, was man nur sagen kann, wenn man zugleich die Voraussetzung erhebt, daß diese Dinge wirklich mit dem allertiefsten Ernste aufgenommen werden. Wenn man das Böse im Menschen suchen will, so muß man es suchen nicht in den bösen Handlungen, die innerhalb der menschlichen Gesellschaft vollzogen werden, sondern man muß es suchen in den bösen Neigungen, in den Neigungen zum Bösen. Man muß zunächst ganz abstrahieren, ganz absehen von den Folgen dieser Neigungen, die bei dem einen Menschen mehr oder weniger eintreten, man muß den Blick hinrichten auf die bösen Neigungen. Und dann kann man fragen: Bei welchen Menschen wirken die bösen Neigungen innerhalb der fünften nachatlantischen Periode, in der wir drinnen stehen, jene Neigungen, die, wenn sie in ihrer Nebenwirkung zum Ausdrucke kommen, eben in den bösen Handlungen so anschaulich sich darleben, bei welchen Menschen wirken die bösen Neigungen?

[ 7 ] By asking this question and speaking in this way about the mystery of death—that is, about the forces at work in the universe that bring death to human beings—I can also point to the forces of evil in the same methodological way. Nor are these forces of evil the kind of which one can say that they cause evil deeds within the human order. That, too, is merely a side effect. If the forces of death did not exist in the universe, human beings would not be able to develop the consciousness soul; in their further earthly development, they would not be able to receive—as they are meant to—the forces of the spirit-self, the life spirit, and the spirit-human. Human beings must pass through the consciousness soul if they are to receive, in their own way, the forces of the spiritual self, the life spirit, and the spiritual human being. To do this, they must fully integrate the forces of death into their own being over the course of the fifth post-Atlantean epoch—that is, up to the middle of the fourth millennium. They are capable of doing so. But they cannot integrate the forces of evil into their own being in the same way. The forces of evil are of such a nature in the universe, in the cosmos, that human beings will only be able to assimilate them in their development during the Jupiter period, just as they now assimilate the forces of death. One can therefore say: The forces of evil act upon human beings with lesser intensity, affecting only a part of their being. If one wishes to penetrate the essence of these forces of evil, one must not look at the external consequences of these forces, but must seek out the essence of evil where it exists in its own being, where it acts as it must, because the forces that appear as evil in the universe also play a role within human beings. And this is precisely where what can only be expressed with deep emotion begins—what can only be said if one simultaneously assumes that these matters are truly taken with the deepest possible seriousness. If one wishes to seek evil within human beings, one must not seek it in the evil deeds committed within human society, but rather in the evil inclinations, in the inclinations toward evil. One must first abstract entirely, completely disregard the consequences of these inclinations—which manifest to a greater or lesser extent in each individual—and direct one’s gaze toward the evil inclinations themselves. And then one can ask: In which people do these evil inclinations operate within the fifth post-Atlantean period in which we now find ourselves—those inclinations which, when their side effects come to expression, manifest themselves so vividly in evil deeds? In which people do these evil inclinations operate?

[ 8 ] Ja, die Antwort darauf bekommt man, wenn man versucht, über die sogenannte Schwelle des Hüters zu gehen und das menschliche Wesen wirklich kennenzulernen. Da ergibt sich die Antwort auf diese Frage. Und die Antwort lautet: Bei allen Menschen liegen im Unterbewußtsein seit dem Beginne der fünften nachatlantischen Periode die bösen Neigungen, die Neigungen zum Bösen. — Ja, gerade darinnen besteht das Eintreten des Menschen in die fünfte nachatlantische Periode, in die neuzeitliche Kulturperiode, daß er in sich aufnimmt die Neigungen zum Bösen. Radikal, aber sehr richtig gesprochen, kann folgendes zum Ausdrucke gebracht werden: Derjenige, der die Schwelle zur geistigen Welt überschreitet, der macht die folgende Erfahrung: Es gibt kein Verbrechen in der Welt, zu dem nicht jeder Mensch in seinem Unterbewußtsein, insofern er ein Angehöriger der fünften nachatlantischen Periode ist, die Neigung hat. Die Neigung hat; ob in dem einen oder in dem anderen Fall die Neigung zum Bösen äußerlich zu einer bösen Handlung führt, das hängt von ganz anderen Verhältnissen ab als von dieser Neigung. Sie sehen, bequeme Wahrheiten hat man nicht zu sagen, wenn man heute eben ungeschminkt der Menschheit die Wahrheit sagen muß.

[ 8 ] Yes, you get the answer to that when you try to cross the so-called threshold of the Guardian and truly get to know the human being. That is when the answer to this question becomes clear. And the answer is: Since the beginning of the fifth post-Atlantean period, all human beings have harbored within their subconscious the evil inclinations, the inclinations toward evil. — Yes, it is precisely in this that humanity’s entry into the fifth post-Atlantean period—into the modern cultural period—consists: that it takes in within itself the inclinations toward evil. To put it radically, but very accurately, the following can be expressed: Anyone who crosses the threshold into the spiritual world has the following experience: There is no crime in the world toward which every human being, insofar as they belong to the fifth post-Atlantean period, does not have an inclination in their subconscious. They have this inclination; whether, in one case or another, the inclination toward evil leads outwardly to an evil act depends on circumstances entirely different from this inclination. You see, one cannot speak of convenient truths when one must tell humanity the unvarnished truth today.

[ 9 ] Um so mehr taucht dann die Frage auf: Ja, was wollen diese Kräfte, die im Menschen die bösen Neigungen bewirken, was wollen diese Kräfte denn eigentlich im Weltenall, indem sie zunächst in die menschliche Wesenheit hineinträufeln, indem sie in die menschliche Wesenheit hineinfließen? Was wollen diese Kräfte? — Sie sind wahrhaftig im Weltenall nicht dazu da, um böse Handlungen in der menschlichen Gesellschaft herbeizuführen. Diese führen jene Kräfte aus solchen Gründen herbei, die wir noch besprechen wollen. Sie sind, ebensowenig wie die Kräfte des Todes dazu da sind, den Menschen nur sterben zu machen, im Weltenall nicht vorhanden, diese Kräfte des Bösen, um den Menschen zu verbrecherischen Handlungen zu führen, sondern sie sind im Weltenall dazu vorhanden, um, wenn der Mensch aufgerufen ist zur Bewußtseinsseele, in ihm die Neigung hervorzurufen, das geistige Leben so zu empfangen, wie wir es gestern zum Beispiel und schon das vorige Mal charakterisiert haben.

[ 9 ] This raises the question all the more: Yes, what do these forces—which give rise to evil inclinations in human beings—actually want in the universe, as they first seep into the human being, as they flow into the human being? What do these forces want? — They are truly not present in the universe to bring about evil deeds in human society. These forces bring about such deeds for reasons we will yet discuss. Just as the forces of death are not present in the universe merely to cause human beings to die, these forces of evil to lead human beings to criminal acts; rather, they exist in the universe to evoke within the human being—when he is called to become a conscious soul—the inclination to receive spiritual life in the way we characterized it yesterday, for example, and already the time before.

[ 10 ] Im Weltenall walten diese Kräfte des Bösen. Der Mensch muß sie aufnehmen. Indem er sie aufnimmt, pflanzt er in sich den Keim, das spirituelle Leben überhaupt mit der Bewußtseinsseele zu erleben. Sie sind also wahrhaftig nicht da, diese Kräfte, die durch die menschliche soziale Ordnung verkehrt werden, sie sind wahrhaftig nicht da, um böse Handlungen hervorzurufen, sondern sie sind gerade dazu da, damit der Mensch auf der Stufe der Bewußtseinsseele zum geistigen Leben durchbrechen kann. Würde der Mensch nicht aufnehmen jene Neigungen zum Bösen, von denen ich eben gesprochen habe, so würde der Mensch nicht dazu kommen, aus seiner Bewußtseinsseele heraus den Impuls zu haben, den Geist, der von jetzt ab befruchten muß alles übrige Kulturelle, wenn es nicht tot sein will, den Geist aus dem Weltenall entgegenzunehmen. Und wir tun am besten, wenn wir zunächst einmal hinsehen auf das, was werden soll aus jenen Kräften, die uns in ihrer Karikatur entgegentreten in den bösen Handlungen der Menschen; wenn wir uns fragen, was unter dem Einfluß dieser Kräfte, die zu gleicher Zeit die Kräfte für die bösen Neigungen sind, in der Entwickelung der Menschheit geschehen soll.

[ 10 ] These forces of evil reign in the universe. Human beings must take them in. By taking them in, they plant within themselves the seed for experiencing spiritual life itself through the soul of consciousness. So these forces—which are perverted by the human social order—are truly not there to provoke evil deeds; rather, they are there precisely so that human beings can break through to spiritual life at the level of the consciousness soul. If human beings did not take in those inclinations toward evil of which I have just spoken, they would not come to have, from within their consciousness soul, the impulse to receive the Spirit—the Spirit that must henceforth fertilize all other cultural life if it is not to be dead—from the universe. And we do best to first look at what is to become of those forces that confront us in their caricatured form in the evil deeds of human beings; to ask ourselves what is to happen in the development of humanity under the influence of these forces, which are at the same time the forces behind these evil inclinations.

[ 11 ] Sehen Sie, wenn man von diesen Dingen spricht, dann muß man sehr nahe an den Nerv der Menschheitsentwickelung herangehen. Alle diese Dinge hängen ja zu gleicher Zeit mit den Verhängnissen zusammen, die in der Gegenwart die Menschheit getroffen haben. Denn die Verhängnisse, die in der Gegenwart die Menschheit getroffen haben und noch treffen werden, die sind ja nur ein Wetterleuchten für ganz andere Dinge, die über die Menschheit kommen sollen; ein Wetterleuchten, das heute oftmals das Gegenteil von dem zeigt, was da kommen soll. Nicht zum Pessimismus ist aus allen diesen Dingen heraus ein Anlaß, wohl aber zum tatkräftigen Impulse, zum Aufwachen. Nicht zum Pessimismus, sondern zum Aufwachen ist Anlaß vorhanden. Alle diese Dinge werden nicht gesagt, um Pessimismus zu erzeugen, sondern um Aufwachen zu bewirken.

[ 11 ] You see, when one speaks of these things, one must get very close to the very heart of human development. All these things are, after all, connected at the same time to the calamities that have befallen humanity in the present. For the calamities that have befallen humanity in the present and will continue to befall it are merely a flash of lightning foreshadowing entirely different things that are to come upon humanity—a flash of lightning that today often reveals the opposite of what is to come. All these things do not give cause for pessimism, but rather for an energetic impulse, for awakening. There is cause not for pessimism, but for awakening. All these things are not said to engender pessimism, but to bring about awakening.

[ 12 ] Wenn wir von einer konkreten Erscheinung ausgehen, dann kommen wir vielleicht am besten zu unserem Ziel. Sehen Sie, ich habe schon gestern gesagt: Ein wesentlicher Impuls in der Entwickelung der Menschheit im Zeitalter der Bewußtseinsseele muß das Wachsen des Interesses von Mensch zu Mensch in der gestern geschilderten Weise sein. Das Interesse, das der eine Mensch an dem andern nimmt, das muß immer größer und größer werden. Dieses Interesse muß wachsen für den Rest der Erdenentwickelung, und es muß wachsen namentlich auf vier Gebieten, kann man sagen. Das erste Gebiet ist, daß der Mensch, indem er sich gegen die Zukunft hin entwickelt, in einer immer anderen und anderen Weise seine Mitmenschen sehen wird. Heute ist der Mensch, trotzdem er schon etwas mehr als ein Fünftel des Zeitalters der Bewußtseinsseele durchgemacht hat, noch wenig geneigt, seinen Mitmenschen so zu sehen, wie er ihn sehen lernen muß im Laufe des Zeitalters der Bewußtseinsseele, bis in das vierte Jahrtausend herein. Die Menschen sehen einander heute noch so, daß sie über das Allerwichtigste hinwegschauen, daß sie eigentlich keinen Blick für den anderen Menschen haben. In dieser Beziehung haben die Menschen noch nicht voll ausgenützt, was in den Seelen bisher durch die verschiedenen Inkarnationen heranerzogen ist durch die Kunst. An der Entwickelung der Kunst kann ja viel gelernt werden, und ich habe da oder dort manche Andeutung gemacht über dieses Lernen von der Entwickelung der Kunst. Es ist ja nicht zu leugnen, wenn man einigermaßen Symptomatologie treibt, wie ich es gefordert habe gerade in diesen Vorträgen, daß das künstlerische Schaffen und Genießen fast auf allen Zweigen des Künstlerischen in einem Verfall ist. Und was alles versucht worden ist gerade in den letzten Jahrzehnten auf künstlerischem Gebiete, muß jedem Empfindenden klar und deutlich zeigen, daß das Künstlerische als solches in einer Verfallsperiode drinnen ist. Das Wichtigste, was von dem Künstlerischen sich weiter fortpflanzen soll in die Entwickelung der Menschheit hinein, das ist dasjenige, was die Menschen an Erziehung für gewisse Auffassungsweisen der Zukunft aus dem Künstlerischen haben können.

[ 12 ] If we start with a concrete example, we may best reach our goal. You see, I already said yesterday: A key driving force in the development of humanity in the Age of the Consciousness Soul must be the growth of interest from person to person in the way I described yesterday. The interest that one person takes in another must become greater and greater. This interest must grow for the remainder of Earth’s evolution, and it must grow particularly in four areas, one might say. The first area is that, as human beings develop toward the future, they will see their fellow human beings in ever-changing ways. Today, even though human beings have already passed through a little more than one-fifth of the Age of the Conscious Soul, they are still not very inclined to see their fellow human beings as they must learn to see them in the course of the Age of the Conscious Soul, extending into the fourth millennium. People still view one another today in such a way that they overlook what is most important—that they actually have no eye for the other person. In this regard, people have not yet fully utilized what has been cultivated in their souls through the various incarnations by means of art. Much can indeed be learned from the development of art, and I have made some remarks here and there about this learning from the development of art. It cannot be denied—if one engages in a certain degree of symptomatology, as I have called for specifically in these lectures—that artistic creation and appreciation are in decline across nearly all branches of the arts. And everything that has been attempted in the artistic realm, particularly in recent decades, must clearly and unambiguously show anyone with sensitivity that the arts as such are in a period of decline. The most important aspect of the arts that should continue to be passed on into the development of humanity is that which people can gain from the arts as an education for certain ways of perceiving the future.

[ 13 ] Sehen Sie, alle Kunst hat etwas in sich — natürlich verästelt sich jeder Kulturzweig in der verschiedensten Weise und er hat dann alle möglichen Nebenwirkungen —, aber alle Kunst hat etwas in sich, was geeignet ist, zu tieferer, konkreterer Menschenerkenntnis zu führen. Wer sich wirklich vertieft in die künstlerischen Formen, die zum Beispiel die Malerei, die Plastik schaffen, oder in das Wesen der inneren Bewegungen, die durch Musik und Dichtung pulsieren, wer sich da hinein vertieft, wer Kunst wirklich innerlich erlebt — das tun oftmals die Künstler selber nicht in der heutigen Zeit-, wer Kunst wirklich innerlich erlebt, der durchdringt sich mit etwas, was ihn befähigt, den Menschen nach einer gewissen Richtung, nach der Richtung der menschlichen Bildnatur aufzufassen. Denn das wird es sein, was in diesem Zeitalter der Bewußtseinsseele über die Menschheit kommen muß: den Menschen bildhaft auffassen zu können. Sie haben schon einiges gehört über die Elemente zu diesem bildhaften Auffassen. Sieht man hin auf den Menschen und sieht sein Haupt, so weist es einen zurück in die Vergangenheit. Wie der Traum aufgefaßt wird als eine Reminiszenz des äußeren sinnenfälligen Lebens und dadurch seine Signatur erhält, so wird für den, der die Dinge der Wirklichkeit durchschaut, alles äußere Sinnenfällige wiederum Bild eines Geistigen. Das geistige Urbild des Menschen müssen wir durchschauen lernen durch seine Bildnatur. Durchsichtig gewissermaßen wird gegen die Zukunft hin der Mensch dem Menschen werden. Wie das Haupt geformt ist, wie der Mensch geht, wird mit anderem innerem Anteil und mit anderem innerem Interesse geschaut werden, als es heute noch in den menschlichen Neigungen liegt. Denn man wird den Menschen nur dann seinem Ich nach glauben kennenzulernen, wenn man eine solche Auffassung von seiner Bildnatur hat, wenn man mit dem Grundgefühl vor den Menschen hintreten kann, daß sich dasjenige, was die äußeren physischen Augen vom Menschen sehen, zu des Menschen wahrer geistig-übersinnlicher Wirklichkeit verhält wie das Bild, das auf die Leinwand gemalt ist, zu der Wirklichkeit, die es wiedergibt. Dieses Grundgefühl muß sich ausbilden. Man muß dem Menschen nicht so entgegentreten — das muß man lernen —, daß man in ihm nur empfindet den Zusammenhang von Knochen, Muskeln, Blut und so weiter, sondern man muß den Menschen empfinden lernen als das Bild seines ewigen, geistig-übersinnlichen Wesens. Da geht der Mensch an uns vorüber, und wir würden nicht glauben ihn zu erkennen, wenn dasjenige, was an uns vorübergeht, in uns nicht den Hinblick auferweckte auf das, was er als ein ewiger, übersinnlich-geistiger Mensch ist. So wird man den Menschen sehen. Und man wird den Menschen so sehen können. Denn dasjenige, was man so sehen wird an dem Menschen, wenn man die menschlichen Formen und die menschlichen Bewegungen und alles, was damit zusammenhängt, als Bild des Ewigen erfassen wird, das wird einem warm oder kalt machen, das wird einem mit innerer Wärme oder mit innerer Kälte nach und nach erfüllen müssen, und man wird durch die Welt wandeln, indem man die Menschen sehr intim kennenlernt. Der eine wird einem warm, der andere wird einem kalt machen. Am schlimmsten werden die Leute daran sein, die einem weder warm noch kalt machen. Man wird ein innerliches Erlebnis haben im Wärmeäther, der einen durchdringt im Artherleib. Das wird der Reflex sein des gesteigerten Interesses, das von Mensch zu Mensch entwickelt werden muß.

[ 13 ] You see, all art has something within it—of course, every branch of culture branches out in the most diverse ways and thus has all sorts of side effects—but all art has something within it that is capable of leading to a deeper, more concrete understanding of humanity. Anyone who truly immerses themselves in the artistic forms created, for example, by painting and sculpture, or in the essence of the inner movements that pulse through music and poetry—anyone who immerses themselves in these, anyone who truly experiences art inwardly —something that artists themselves often fail to do in our time—who truly experiences art inwardly, imbibes something that enables them to perceive the human being in a certain way, in the direction of the human being’s pictorial nature. For this is what must come to humanity in this age of the conscious soul: the ability to perceive the human being pictorially. You have already heard quite a bit about the elements involved in this pictorial perception. When one looks at a human being and sees his head, it points one back into the past. Just as a dream is understood as a reminiscence of external, sensory life and thereby receives its signature, so too, for the one who sees through the things of reality, everything external and sensory becomes, in turn, an image of the spiritual. We must learn to see through the spiritual archetype of the human being by means of its pictorial nature. In a sense, the human being will become transparent to the human being as we look toward the future. The way the head is shaped, the way a person walks, will be viewed with a different inner attitude and a different inner interest than is still the case today in human inclinations. For one will only come to believe that one knows a human being in terms of his or her “I” if one has such a conception of the human being’s image-nature, if one can approach human beings with the fundamental feeling that what the outer physical eyes see in a human being relates to the human being’s true spiritual-super-sensory reality in the same way that a picture painted on a canvas relates to the reality it depicts. This fundamental feeling must develop. One must not approach a human being—and this is something one must learn—in such a way that one perceives in them merely the interconnection of bones, muscles, blood, and so on; rather, one must learn to perceive the human being as the image of their eternal, spiritual-supernatural being. There the human being passes by us, and we would not believe we recognized him if what passes by us did not awaken within us a sense of what he is as an eternal, supersensible-spiritual human being. This is how one will see the human being. And one will be able to see the human being in this way. For what one will see in the human being—when one perceives human forms, human movements, and everything connected with them as an image of the eternal—will make one feel warm or cold; it will gradually fill one with inner warmth or inner coldness, and one will walk through the world while getting to know people very intimately. One person will make you feel warm, another will make you feel cold. The worst will be those people who make you feel neither warm nor cold. You will have an inner experience in the warmth ether, which permeates you in the etheric body. This will be the reflection of the heightened interest that must develop from person to person.

[ 14 ] Ein zweites muß noch paradoxere Empfindungen in dem Menschen der Gegenwart hervorrufen, der ganz und gar keine Neigung hat, solche Dinge schon aufzunehmen, aber vielleicht wird sich gerade aus dieser Antipathie in nicht gar zu ferner Zeit die Sympathie für das Richtige stark entwickeln. Ein zweites ist: Die Menschen werden sich ganz anders verstehen. Vor allen Dingen werden die beiden Jahrtausende, die noch verfließen werden bis zum Ende dieses fünften nachatlantischen Zeitraums, dazu dienen. Allerdings werden die beiden Jahrtausende nicht ausreichen, es wird das, was ich jetzt sage, etwas länger dauern, es wird sich noch hineinerstrecken in den sechsten nachatlantischen Zeitraum; aber es wird sich dann zu jener Ich-Erkenntnis, von der ich eben gesprochen habe, noch eine besondere Fähigkeit entwickeln: am Menschen zu spüren, zu erfassen, indem wir ihm entgegentreten, seine Beziehung zu der dritten Hierarchie, seine Beziehung zu den Angeloi, Archangeloi und Archai. Und dies wird sich dadurch entwickeln, daß man immer mehr und mehr erkennen wird, wie die Menschheit in einer anderen Weise, als das gegenwärtig der Fall ist, sich zur Sprache verhalten wird. Die Sprachentwickelung hat ja ihren Höhepunkt bereits überschritten. Das konnten Sie aus dem entnehmen, was ich gerade in den Vorträgen dieses Herbstes Ihnen vorgebracht habe. Die Sprachentwickelung hat ihren Höhepunkt überschritten. Die Sprache ist in Wirklichkeit schon etwas Abstraktes geworden. Und es geht gegenwärtig nur eine Welle tiefster Unwahrhafligkeit über die ganze Erde hin, indem Ordnungen in der Menschheit angestrebt werden, die irgend etwas zu tun haben sollen mit den Sprachen der Völker, denn die Menschen haben nicht mehr das Verhältnis zur Sprache, das durch die Sprache hindurch auf den Menschen sieht, das durch die Sprache hindurchsieht auf das Wesen des Menschen.

[ 14 ] A second factor must evoke even more paradoxical feelings in people today, who have absolutely no inclination to accept such things yet; but perhaps it is precisely from this antipathy that a strong sympathy for what is right will develop in the not-too-distant future. A second point is this: People will come to understand one another in an entirely different way. Above all, the two millennia that will still pass before the end of this fifth post-Atlantean epoch will serve this purpose. However, these two millennia will not be sufficient; what I am now saying will take somewhat longer—it will extend into the sixth post-Atlantean epoch; but in addition to that self-knowledge I have just spoken of, a special ability will then develop: to sense and grasp, as we encounter a person, their relationship to the third hierarchy, their relationship to the Angeloi, Archangeloi, and Archai. And this will develop as people come to recognize more and more how humanity will relate to language in a different way than is currently the case. The development of language has, after all, already passed its peak. You could gather this from what I have just presented to you in this fall’s lectures. The development of language has passed its peak. Language has, in reality, already become something abstract. And at present, a wave of profound untruthfulness is sweeping across the entire Earth, as people strive for social orders that are supposed to have something to do with the languages of the peoples—for people no longer have the relationship to language that looks at the human being through language, that sees through language into the essence of the human being.

[ 15 ] Ich habe dasjenige, was so ein Ansatz sein kann, um zum Verständnis dieser Sache zu kommen, bei verschiedenen Anlässen aus einem Beispiel heraus angeführt. Ich habe es auch neulich im öffentlichen Vortrag in Zürich wiederum angeführt, weil es gut ist, diese Dinge heute auch schon vor ein öffentliches Publikum zu bringen. Aber hier habe ich ja schon darauf aufmerksam gemacht, wie überraschend es ist, wenn man Aufsätze über Geschichtsmethode von Herman Grimm, der so ganz in deutsch-mitteleuropäischer Bildung im 19. Jahrhundert drinnenstand, vergleicht mit Aufsätzen über Geschichtsmethode von Woodrow Wilson. Ich habe darauf aufmerksam gemacht, daß ich dieses Experiment sehr gewissenhaft durchgeführt habe, und daß die Möglichkeit vorhanden ist, daß man gewisse Sätze von Woodrow Wilson einfach herübernimmt und in Aufsätze von Herman Grimm hineinstellt, denn sie sind fast gleichlautend mit Sätzen in Aufsätzen von Herman Grimm. Und wiederum könnte man ganze Sätze über Geschichtsmethodologie von Herman Grimm hinübersetzen in dasjenige, was über Geschichtsmethodologie Woodrow Wilson gesprochen und dann hat drucken lassen. Und dennoch, es ist ein radikaler Unterschied zwischen beiden. Das merkt man, wenn man liest nicht dem Inhalte nach, denn der Inhalt als solcher, wortwörtlich genommen, wird immer weniger bedeutend sein für die Menschheit, insofern sie sich der Zukunft entgegenentwickelt. Bei Herman Grimm ist alles, selbst dasjenige, mit dem man nicht einverstanden sein kann, unmittelbar von ihm erkämpft, Satz für Satz, Stufe für Stufe erkämpft, bei Woodrow Wilson wie von seinem eigenen inneren Dämon, von dem er in seinem Unterbewußtsein besessen ist, herauf eingegeben in sein Bewußtsein. Auf diesen Ursprung kommt es an, auf die Entstehung unmittelbar an der Oberfläche des Bewußtseins in dem einen Fall, und auf die Eingebungen eines Dämons aus dem Unterbewußtsein herauf in dasBewußtsein in dem anderen Fall. So daß man sagen muß: Dasjenige, was von Wilsons Seite kommt, ist aus einer gewissen Besessenheit heraus.

[ 15 ] On various occasions, I have cited an example to illustrate what such an approach might look like in order to gain an understanding of this matter. I also cited it again recently in a public lecture in Zurich, because it is good to bring these matters to the attention of a public audience even today. But I have already pointed out here how surprising it is to compare essays on historical method by Herman Grimm—who was so deeply immersed in 19th-century German-Central European scholarship—with essays on historical method by Woodrow Wilson. I pointed out that I conducted this experiment very conscientiously, and that it is possible to simply take certain sentences from Woodrow Wilson and insert them into Herman Grimm’s essays, since they are almost identical to sentences in Herman Grimm’s essays. And conversely, one could translate entire sentences on historical methodology from Herman Grimm into what Woodrow Wilson spoke about regarding historical methodology and then had published. And yet, there is a radical difference between the two. One notices this not by reading the content, for the content as such, taken literally, will become less and less significant for humanity as it evolves toward the future. In Herman Grimm’s work, everything—even that with which one might disagree—is directly fought for by him, sentence by sentence, step by step; in Woodrow Wilson’s work, it is as if dictated into his consciousness by his own inner demon, by which he is possessed in his subconscious. What matters is this origin: in one case, the emergence directly at the surface of consciousness; in the other, the inspirations of a demon rising from the subconscious into consciousness. So one must say: what comes from Wilson stems from a certain obsession.

[ 16 ] Diese Erkenntnis, ich führe sie als Beispiel an, um Ihnen zu zeigen, daß es heute nicht mehr ankommt auf das wortwörtliche Übereinstimmen. Ich empfinde es immer mit ungeheurer Wehmut, wenn mir Freunde unserer Sache von diesem oder jenem Pastor oder diesem oder jenem Professor Dinge bringen und sagen: Das klingt ja ganz anthroposophisch. — Sehen Sie einmal nach, wie anthroposophisch das klingt! In dem Kulturzeitalter, in dem wir heute stehen, kann selbst ein Professor, der politisiert, auch an einer wichtigen Stelle Dinge schreiben, die natürlich wortwörtlich übereinstimmen mit dem, was der Wirklichkeitserkenntnis der Zeit gemäß ist. Aber auf das Wortwörtliche kommt es nicht an, sondern darauf kommt es an, in welcher Region der Menschenseele die Dinge entspringen. Es kommt darauf an, durch die Sprache hindurchzusehen auf die Region, in der die Dinge entspringen. Alles, was hier gesagt wird, wird nicht bloß gesagt, um bestimmte Sätze zu formulieren, sondern auf das Wie kommt es an; darauf kommt es an, daß es durchströmt ist von jener Kraft, die unmittelbar aus dem Geiste heraus genommen ist. Und wer ein wortwörtliches Übereinstimmen nimmt, ohne zu fühlen, wie die Dinge aus dem Geistquell heraus sind und wie sie durchdrungen sind von diesem Geistquell dadurch, daß sie in den ganzen Zusammenhang der anthroposophischen Weltanschauung hineingestellt sind, wer auf dieses Wie nicht achten kann, der verkennt, was hier gemeint ist, wenn er die wortwörtliche Angabe mit jeder beliebigen äußeren Weisheit heute irgendwie identifizieren will.

[ 16 ] I cite this insight as an example to show you that today, literal agreement is no longer what matters. I always feel a tremendous sense of melancholy when friends of our cause bring me things said by this or that pastor or this or that professor and say: “That sounds quite anthroposophical.” — Just take a look at how anthroposophical that sounds! In the cultural age in which we now find ourselves, even a professor who is politically active can, in an important passage, write things that naturally correspond word for word to what is in keeping with the contemporary understanding of reality. But it is not the literal wording that matters; what matters is the region of the human soul from which these things spring. What matters is to look beyond the language to the region from which these things spring. Everything said here is not merely said to formulate certain sentences; rather, what matters is the “how”—it matters that it is permeated by that force drawn directly from the Spirit. And anyone who focuses on a literal correspondence, without sensing how things spring from the source of the spirit and how they are permeated by this source of the spirit through their placement within the entire context of the anthroposophical worldview—whoever cannot pay attention to this “how” misunderstands what is meant here if they attempt to identify the literal statement with any arbitrary external wisdom of today.

[ 17 ] Es ist ja natürlich nicht gerade bequem, auf solche Beispiele hinzuweisen, weil eben die menschlichen Neigungen heute vielfach nach dem Gegenteil gehen. Allein es ist ja schon einmal eine Verpflichtung, da, wo man im Ernste spricht, wo man durch das Sprechen nicht nur eine Art Beruhigungsmittel, eine Art gutes Kulturschlafmittel hervorrufen will, da ist es schon notwendig, daß man nicht zurückschreckt, auch solche Beispiele zu wählen, die heute so vielen Menschen unangenehm sind. Denn die Menschen, die im Ernste sprechen, sollten sich heute auch anhören können, was es im Grunde genommen für die Welt bedeutet, wenn sie nicht darauf achten, daß die Welt das Schicksal treffen soll, von einem schwachsinnigen amerikanischen Professor ihre Ordnung herrichten zu lassen! Bequem ist es ja heute nicht, über die Dinge der Wirklichkeit zu sprechen, weil manchen Leuten oftmals eben das Gegenteil bequem und angenehm ist. Man spricht ja ohnedies nur über die Dinge der Wirklichkeit auf denjenigen Gebieten, auf denen es unbedingt notwendig ist und auf denen es den Menschen schon recht naheliegt, wenigstens naheliegen sollte, die Dinge zu hören.

[ 17 ] Of course, it’s not exactly easy to point out such examples, precisely because human inclinations today often run in the opposite direction. But it is, after all, an obligation: when one speaks in earnest—when one does not merely seek to use speech as a kind of sedative, a kind of cultural sleeping pill—it is necessary not to shy away from choosing examples that are so unpleasant to so many people today. For people who speak seriously today should also be able to hear what it fundamentally means for the world if they do not take care to prevent the world from facing the fate of having its order rearranged by a feeble-minded American professor! It is certainly not comfortable today to speak about the realities of life, because for some people, the opposite is often what is comfortable and pleasant. After all, people only talk about the realities of life in those areas where it is absolutely necessary and where it is already quite obvious to people—or at least should be obvious—to hear such things.

[ 18 ] Durch die Sprache durchsehen, sage ich, das ist es, was über die Menschheit kommen muß. Da werden sich die Menschen aneignen müssen, in der Sprache die Gebärde zu erfassen. Und dieses Zeitalter wird nicht zu Ende gehen — das letzte wird ja allerdings in den nächsten Zeitraum hinüber dauern —, aber das dritte Jahrtausend wird nicht vorübergehen können, ohne daß die Menschen darauf kommen werden, nicht so dem Menschen zuzuhören, wenn einer zum andern spricht, wie sie jetzt zuhören; sondern sie werden in der Sprache den Ausdruck dargestellt finden für die Abhängigkeit des Menschen von der dritten Hierarchie, von Angeloi, Archangeloi und Archai, für dasjenige, durch das der Mensch ins Übersinnlich-Geistige hineinragt.

[ 18 ] Seeing through language, I say—that is what must come upon humanity. Then people will have to learn to grasp the gesture within language. And this age will not come to an end—the last age will, of course, extend into the next period—but the third millennium cannot pass without people coming to realize that they should not listen to one another when people speak, as they do now; rather, they will find expressed in language the dependence of human beings on the third hierarchy, on the Angeloi, Archangeloi, and Archai—that is, for the very thing through which human beings reach into the supersensible-spiritual realm.

[ 19 ] Das wird dazu führen, daß durch die Sprache hindurch die Seele des Menschen gehört wird. Das gibt natürlich ein ganz anderes soziales Zusammenleben, wenn durch die Sprache hindurch die Seele des Menschen gehört wird. Und gerade von dem, was die Kräfte des Bösen, des sogenannten Bösen sind, muß viel so umgewandelt werden, daß hingehorcht werden kann auf das, was der Mensch spricht und daß durch die Sprache seine Seele gehört wird. Dann wird den Menschen überkommen, wenn aus der Sprache die Seele gehört wird, ein eigentümliches Farbengefühl, und in diesem Farbengefühl der Sprache werden sich die Menschen international verstehen lernen. Der eine Laut wird ganz selbstverständlich dieselbe Empfindung hervorrufen wie der Anblick der blauen Farbe oder einer blauen Fläche, der andere Laut wird dieselbe Empfindung hervorrufen wie der Anblick einer roten Farbe. Dasjenige, was man sonst nur als Wärme empfindet, wenn man den Menschen anschaut, wird gewissermaßen Farbe, wenn man dem Menschen zuhört. Und man wird intim miterleben müssen, was auf den Flügeln der Laute von Menschenmund zu Menschenohr tönt. Das kommt an die Menschheit heran.

[ 19 ] This will lead to the human soul being heard through language. Naturally, this creates an entirely different kind of social coexistence when the human soul is heard through language. And it is precisely the forces of evil—the so-called evil—that must be transformed to such an extent that people can listen to what others say and that, through language, their souls can be heard. Then, when the soul is heard through language, a unique sense of color will come over people, and through this sense of color in language, people will learn to understand one another internationally. One sound will quite naturally evoke the same sensation as the sight of the color blue or a blue surface; another sound will evoke the same sensation as the sight of the color red. What one otherwise perceives only as warmth when looking at a person becomes, in a sense, color when listening to that person. And one will have to intimately experience what resounds on the wings of sounds from human mouth to human ear. This is what reaches humanity.

[ 20 ] Das dritte ist, daß dieMenschen die Gefühlsäußerungen, die Gefühlskonfigurationen der anderen Menschen auch intim in sich erleben werden. Es wird viel durch das Sprechen dabei bewirkt werden. Aber nicht allein durch das Sprechen, sondern wenn ein Mensch dem andern entgegentreten wird, wird er in sich erleben die Gefühlskonfiguration des andern in seinem eigenen Atem. Das Atmen wird sich gegen die Zukunft der Erdenentwickelung hin in der Zeit, von der ich spreche, nach dem Gefühlsleben des anderen Menschen richten, dem wir gegenüberstehen. Der eine wird uns zu schnellerem, der andere zu langsamerem Atmen veranlassen, und wir werden fühlen, je nachdem wir schneller oder langsamer atmen, mit einem wie gearteten Menschen wir es zu tun haben. Denken Sie, wie sich die soziale Gemeinschaft zusammengliedern will, wie intim das menschliche Zusammenleben werden will! Diese Dinge werden allerdings noch länger dauern; daß dieses Atmen sich eingliedern wird in die Menschenseele, wird über den ganzen sechsten Zeitraum hinübergehen, noch in den siebenten hinein. Und im siebenten Zeitraum wird ein Stückchen von dem erreicht werden, was nun das vierte ist. Das ist: Die Menschen werden, indem sie wollend einer Menschheitsgemeinschaft angehören, einander — verzeihen Sie das harte Wort — verdauen müssen. Indem wir mit dem einen oder mit dem anderen Menschen das eine oder das andere werden wollen müssen oder wollen wollen, werden wir ähnliche innere Erlebnisse haben, wie wir sie heute erst primitiv haben, wenn wir die eine oder die andere Speise essen. Die Menschen werden einander verdauen müssen auf dem Gebiete des Wollens. Die Menschen werden einander atmen müssen auf dem Gebiete des Fühlens. Die Menschen werden einander farbig empfinden müssen auf dem Gebiete des Verstehens durch die Sprache. Die Menschen werden einander als Ich kennenlernen, indem sie sich wirklich anschauen lernen.

[ 20 ] The third point is that people will also experience the emotional expressions and emotional configurations of others intimately within themselves. Much will be brought about through speech in this process. But not through speech alone; rather, when one person faces another, they will experience the other’s emotional configuration within their own breath. As we move toward the future of Earth’s evolution in the time I am speaking of, our breathing will be attuned to the emotional life of the other person standing before us. One person will cause us to breathe faster, another to breathe more slowly, and we will sense, depending on whether we breathe faster or slower, what kind of person we are dealing with. Just think how the social community will seek to organize itself, how intimate human coexistence will become! These things will, of course, take even longer; the integration of this breathing into the human soul will extend throughout the entire sixth epoch and into the seventh. And in the seventh epoch, a small part of what is now the fourth will be achieved. That is: By willingly belonging to a human community, people will have to—forgive the harsh word—digest one another. As we must or wish to become one thing or another with one person or another, we will have inner experiences similar to those we have today only in a primitive way when we eat one food or another. People will have to digest one another in the realm of volition. People will have to breathe one another in the realm of feeling. People will have to perceive one another in color in the realm of understanding through language. People will come to know one another as “I” by learning to truly look at one another.

[ 21 ] Aber alle diese Kräfte werden mehr innerlich-seelisch sein. Denn daß sie sich voll ausbilden, diese Kräfte, dazu wird die Jupiter-, Venus- und Vulkanperiode da sein. Andeutungen von all dem, seelisch-geistige Andeutungen von all dem fordert aber schon die Erdenentwickelung von den Menschen. Und die gegenwärtige Zeit mit ihrer merkwürdigen katastrophalen Entwickelung ist ein Sträuben der Menschheit gegen dasjenige, was mit solchen Dingen kommen soll, wie ich sie jetzt besprochen habe. Die Menschheit bäumt sich auf, indem in der Zukunft überwunden werden soll alles soziale Sonderbestreben, bäumt sich heute dagegen auf, gerade indem der billige Grundsatz über die ganze Welt hin geschleudert wird, die Menschen sollen sich nach Nationen gruppieren. Was heute geschieht, das ist ein Aufbäumen gegen den gottgewollten Gang der Menschheitsentwickelung, das ist ein SichZerren zum Gegenteil desjenigen, was doch kommen muß. In diese Dinge muß man hineinschauen, wenn man eine Grundlage gewinnen will für das sogenannte Mysterium des Bösen. Denn das Böse ist vielfach eine Nebenwirkung desjenigen, was in die Entwickelung der Menschheit hineingreifen muß. Eine Lokomotive, welche, wenn sie ziemlich weithin fahren soll, auf schlechte Schienen kommt, zerstört die Schienen, kommt selber zunächst nicht weiter. Die Menschheit ist in ihrer Entwickelung zu solchen Zielen hin, wie ich es Ihnen geschildert habe, und die Aufgabe des Bewußstseinszeitalters ist es, so etwas zu erkennen, daß die Menschheit bewußt solchen Zielen entgegenstreben muß. Allein es sind vorläufig recht schlechte Schienen gelegt, und es wird auch noch ziemlich lange dauern, bis bessere Schienen da sein werden, denn man schickt sich vielfach an, die schlechten Schienen durch keineswegs bessere zu ersetzen.

[ 21 ] But all these forces will be more of an inner, spiritual nature. For the Jupiter, Venus, and Vulcan periods will be there to allow these forces to fully develop. Yet the development of the Earth already demands that people grasp hints of all this—psychic and spiritual hints of all this. And the present age, with its strange, catastrophic developments, represents humanity’s resistance to what is to come with the very things I have just discussed. Humanity is rebelling—precisely because all special social aspirations are to be overcome in the future—by resisting this today, precisely as the shallow principle is being hurled across the entire world that people should group themselves into nations. What is happening today is a rebellion against the divinely ordained course of human development; it is a struggle toward the opposite of what must inevitably come. One must look deeply into these matters if one wishes to gain a foundation for the so-called mystery of evil. For evil is often a side effect of that which must intervene in the development of humanity. A locomotive that, when it has to travel a considerable distance, encounters poor tracks will destroy the tracks and, at first, be unable to proceed. Humanity is developing toward such goals as I have described to you, and the task of the Age of Consciousness is to recognize that humanity must consciously strive toward such goals. However, for the time being, the tracks laid are quite poor, and it will still take quite a long time before better tracks are in place, for in many cases people are setting out to replace the poor tracks with ones that are by no means any better.

[ 22 ] Aber wie Sie sehen, Geisteswissenschaft geht auf etwas ganz anderes hin als auf einen Pessimismus. Geisteswissenschaft geht dahin, für den Menschen wirklich erkennbar zu machen, auf welchem Entwickelungswege er eigentlich ist. Aber Geisteswissenschaft erfordert schon einmal, daß man gewisse, heute landläufige Neigungen wenigstens für gewisse Feieraugenblicke des Lebens auch ablegen könne. Daß es so schwierig ist für die Menschen, diese Dinge abzulegen, daß jeder doch gleich wiederum in den Trödel zurückfällt, das macht es außerordentlich schwierig heute, ohne Zurückhaltung über diese Dinge zu reden. Denn man berührt da, und es liegt das in der Natur der Gegenwart, lauter Dinge, mit Bezug auf welche die Menschheit sich heute in Abgründe stürzen will, und man muß fortwährend zum Aufwachen gemahnen.

[ 22 ] But as you can see, spiritual science is aimed at something entirely different from pessimism. Spiritual science aims to make it truly clear to people which path of development they are actually on. But spiritual science requires, first of all, that one be able to set aside certain tendencies—which are commonplace today—at least for certain solemn moments in life. The fact that it is so difficult for people to set these things aside—that everyone immediately falls back into the same old rut—makes it extraordinarily difficult today to speak about these matters without reservation. For one touches upon—and this is in the nature of the present age—a host of matters in connection with which humanity today is intent on plunging into the abyss, and one must constantly urge people to wake up.

[ 23 ] Ja, mancherlei kann eben nur innerhalb gewisser Grenzen besprochen werden. Das bedingt natürlich, daß manches ganz unterlassen wird, oder vielleicht vertagt wird, selbstverständlich. Denn nehmen Sie das Allernächstliegende, und nehmen Sie mir es nicht übel, wenn ich es in der folgenden Weise ausspreche. Es ist mir nahegelegt worden vor acht Tagen, auch etwas über die Symptomatologie der Schweizer Geschichte zu sagen. Ich habe mir während dieser acht Tage die Sache ganz reiflich überlegt, habe sie nach allen Seiten erwogen. Aber würde ich vom 15. Jahrhundert bis jetzt schweizerische Geschichtssymptomatologie als Nichtschweizer hier vor Schweizern entwickeln, ich käme doch heute noch in eine ganz sonderbare Lage. Lassen Sie mich das von einer anderen Seite einmal erläutern. Denken Sie bloß, nun, ich will sagen, im Juli dieses Jahres hätte irgendein Mensch in Deutschland oder gar in Österreich die Ereignisse und Persönlichkeiten und Impulse so dargestellt, wie es die Menschen jetzt machen, denken Sie, wie ihm das bekommen wäre, und wie es ihm erst bekommen wäre, wenn er, sagen wir, vor fünf Jahren oder gar fünfzehn oder dreißig Jahren zum Beispiel in Österreich die Verhältnisse von heute hingestellt hätte! So weiß ich, daß ich recht sehr anstoßen würde, wenn ich hier über die Schweiz so sprechen würde, wie man in der Schweiz nach zwanzig Jahren über schweizerische Geschichte sprechen wird. Denn heute würde man auch hier verlangen — man kann ja das nicht anders, deshalb sage ich: Nehmen Sie mir das nicht übel, daß ich das so ausspreche —, man kann ja nicht anders, dem nach, was heute so tief in den Seelen sitzt, als nicht hören wollen auf dasjenige, was vom Standpunkt der Zukunft gesagt werden muß. Es ist für vieles doch gültig, daß die Leute wir gehören ja schließlich alle zu den Leuten, nicht wahr — auf vielen Gebieten, besonders auf ihnen recht naheliegenden Gebieten, nicht die Wahrheit hören wollen, sondern Schlafpulver empfangen wollen. Und ich kann Ihnen die Versicherung geben, daß ich schon anstoßen würde, wenn ich nicht ein Schlafpulver geben würde auf dem Gebiete, das man mir nahegelegt hat. Nach mancherlei, was ich gerade eben mit zuziehen mußte zu meinen Erwägungen, finde ich es als mir recht sehr nahegelegt, diese Dinge vorläufig auf sich beruhen zu lassen. Denn Urteile, die jetzt gefällt werden, und mit denen man einigermaßen differieren würde, die legen es einem schon nahe, wenn man heute gewisse Dinge darstellen will, es so zu machen, wie ich es gestern gemacht habe. Hier in der Schweiz ist es verhältnismäßig harmlos, es kann schon meinetwillen sogar noch als eine bessere Sonntagnachmittagspredigt aufgefaßt werden, wenn man auf die russische Revolution exemplifiziert, und wenn man da darstellt das Verhältnis des mittleren Bürgertums zur breiten Masse und der weiter links stehenden, radikalen Elemente. Wenn man darauf exemplifiziert, nun, so wird es hier verhältnismäßig wie eine etwas bessere Sonntagnachmittagspredigt aufgefaßt werden. Das geht also. Und man kann sich dann der, ich will nicht sagen Illusion, sondern der angenehmen Erwartung hingeben, daß es doch in einige Seelen wirklich hineingeht und mehr bewirkt, als was sonst Sonntagnachmittagspredigten bewirken; obwohl ja vielfach die Erfahrung im Laufe der letzten Jahre auch das Gegenteil in bezug auf wichtige Sachen gezeigt hat. Aber auf das unmittelbar Naheliegende zu exemplifizieren, das ist etwas, was eben nicht gerade die Aufgabe sein kann desjenigen, der als Nichtschweizer zu Schweizern sprechen und eine Geschichtsbetrachtung geben würde. Auch als ich eine allgemeine Geschichtsbetrachtung der neueren Zeit gab — ich habe sie ja auch in einem öffentlichen Vortrage in Zürich gegeben —, habe ich mich natürlich, obwohl ich nicht zurückgehalten habe, die radikalsten Konsequenzen, die zu ziehen notwendig sind, wirklich auch anzugeben, doch innerhalb gewisser Grenzen halten müssen. Denn nicht wahr, es ist ja heute für die meisten Menschen einmal außerordentlich bequem, Woodrow Wilson für einen großen Mann, für einen Weltbeglücker zu halten. Und wenn man demgegenüber die Wahrheit sagen muß, so wirkt diese Wahrheit als etwas Unbequemes, und derjenige, der sie ausspricht, wird als ein Störenfried empfunden. Das ist aber immer so gegangen mit jenen Wahrheiten, die aus dem Quell des übersinnlichen Lebens heraus geschöpft werden mußten. Nur leben wir eben im Zeitalter der Bewußtseinsseele, und da ist es notwendig, daß gewisse Wahrheiten an die Menschen herangebracht werden sollen.

[ 23 ] Yes, certain matters can only be discussed within certain limits. This naturally means that some things must be omitted entirely, or perhaps postponed—that goes without saying. Take the most obvious example—and please don’t hold it against me if I put it this way. Eight days ago, it was suggested to me that I also say something about the symptomatology of Swiss history. Over the course of these eight days, I have thought the matter over very carefully and considered it from every angle. But if, as a non-Swiss speaking here before a Swiss audience, I were to expound on the symptomatology of Swiss history from the 15th century to the present, I would still find myself in a very peculiar situation today. Let me explain this from another angle. Just imagine—well, let’s say that in July of this year, some person in Germany or even in Austria had portrayed the events, personalities, and trends in the way people are doing now—think about how that would have gone over, and how it would have gone over even more if, say, five years ago, or even fifteen or thirty years ago, he had presented today’s circumstances in Austria, for example! I know, for example, that I would cause quite a stir if I were to speak here about Switzerland the way people in Switzerland will speak about Swiss history twenty years from now. For today, people here would also demand—one simply cannot do otherwise, which is why I say: Please don’t hold it against me that I put it this way—one simply cannot do otherwise, given what lies so deeply in people’s souls today, than to refuse to listen to what must be said from the perspective of the future. It is true of many things—after all, we are all people, aren’t we?—that in many areas, especially those quite close to home, people do not want to hear the truth but prefer to be given sleeping pills. And I can assure you that I would already be taking a stand if I were not, in fact, administering a sleeping pill in the area that has been suggested to me. In light of various things I’ve just had to bring into my considerations, I feel strongly urged to leave these matters alone for the time being. For judgments passed now—with which one might to some extent disagree—already suggest that if one wishes to present certain things today, one should do so as I did yesterday. Here in Switzerland, it’s relatively harmless; for my part, it might even be viewed as a somewhat better Sunday afternoon sermon if one uses the Russian Revolution as an example and illustrates the relationship between the middle class and the masses, as well as the more radical elements further to the left. If one uses that as an example, well, then here it will be viewed as something like a slightly better Sunday afternoon sermon. So that works. And one can then indulge in—I won’t say an illusion, but rather a pleasant expectation—that it will truly resonate with some souls and have a greater impact than Sunday afternoon sermons usually do; although, of course, experience over the past few years has often shown the opposite to be true when it comes to important matters. But to illustrate the most immediately obvious point—that is something that simply cannot be the task of someone who, as a non-Swiss, is speaking to Swiss people and offering a historical analysis. Even when I presented a general historical overview of modern times—which I also did in a public lecture in Zurich—I naturally had to keep within certain limits, although I did not hold back from actually stating the most radical conclusions that must be drawn. For isn’t it true that today it is, after all, extraordinarily convenient for most people to regard Woodrow Wilson as a great man, as a benefactor of the world? And when one must speak the truth in contrast to this, that truth comes across as something uncomfortable, and the one who utters it is perceived as a troublemaker. But this has always been the case with those truths that had to be drawn from the source of the supersensible life. It is simply that we now live in the age of the conscious soul, and in this age it is necessary that certain truths be brought to people.

[ 24 ] Es handelt sich wahrhaftig nicht darum, daß man heute immer wieder und wiederum das außerordentlich Billige wiederholt, die Leute seien nicht zugänglich. Das ist gar keine Frage, die wir uns stellen sollen, ob die Leute zugänglich seien oder nicht, sondern ob wir das Nötige tun, um wirklich die entsprechenden Wahrheiten, wenn wir dazu Gelegenheit haben, an die Menschen heranzubringen. Und das Nächste ist, daß wir uns über die Aufnahmefähigkeit der Menschheit gegenüber den Wahrheiten keinen Illusionen hingeben, daß wir uns wahrhaftig klar sind darüber, daß die Menschen gerade heute wenig aufnahmefähig sind für dasjenige, was ihnen am allernötigsten ist; geradeso wie sie sich heute versteifen, die Welt so zu ordnen, wie sie gar nicht geordnet werden kann, wenn die Menschheit ihrem entsprechenden, in unserem Zeitalter liegenden Entwickelungsimpuls nachgeht. Man muß ja auf diesem Gebiete allerdings die herbsten Erfahrungen machen. Aber man macht sie und nimmt sie auf, nicht mit Grollen, sondern man nimmt sie so auf, daß man von ihnen lernt, wie man es für das eine oder für das andere eben machen soll.

[ 24 ] It is truly not a matter of repeating over and over again the extremely trite claim that people are not receptive. That is not the question we should be asking ourselves—whether people are receptive or not—but rather whether we are doing what is necessary to truly convey the relevant truths to people when we have the opportunity. And the next point is that we must not harbor any illusions about humanity’s receptiveness to these truths; we must be truly clear that people today are particularly unreceptive to what is most essential for them; just as they are currently insisting on organizing the world in a way that is simply impossible if humanity follows its appropriate impulse for development in our age. One certainly has to go through the harshest of experiences in this area. But one goes through them and takes them in—not with resentment—but in such a way that one learns from them how to proceed in one situation or another.

[ 25 ] Ich werde auf diese Dinge noch genauer zu sprechen kommen. Sehen Sie, es wäre zum Beispiel außerordentlich schön gewesen, wenn man in Mitteleuropa nur einige Menschen gefunden hätte, die aus gewissen maurerischen Impulsen heraus erkannt hätten, welche Tragweite so etwas hat wie dasjenige, was ich ja auch Ihnen hier entwickelt habe vor zwei Jahren in bezug auf gewisse Geheimgesellschaften, die in der Welt existieren. Da aber traf man, selbstverständlich, möchte ich sagen, nur taube Ohren. Denn nichts Unfruchtbareres gab es, als die Stellung der Maurerei innerhalb Mitteleuropas in den letzten Jahrzehnten. Das zeigte sich schon daran, daß immer wieder und wieder betont wurde, daß man auf Widerstand stößt, wenn man sich dagegen wehrt, daß dasjenige, was anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft gibt, irgendwie amalgamiert werde mit mitteleuropäischem Maurertum. Dagegen trat ein Oberschwätzer auf, der allerlei törichtes, dummes Zeug zusammenschwätzte über Symbolik und dergleichen, der sogenannte Nietzsche-Forscher auch, Horneffer; das wurde in weitesten Kreisen mit einem großen Ernste aufgenommen. Der tiefere Grund von alledem liegt ja allerdings darinnen, daß gewisse Anforderungen an die Menschen gestellt werden, wenn sie sich in anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft hineinfinden wollen, und daß dies nicht so leicht geht. Sehen Sie, es gibt heute Agitatoren für eine Erneuerung des Geistes, die den Menschen begreiflich machen, sie brauchten sich nur so hinzulegen auf einen Diwan und sich sich selbst zu überlassen; dann wird das höhere Ich und der Gott, und was weiß ich noch alles, im Menschen lebendig, und man braucht nicht so furchtbare Begriffe zu entwickeln, wie diese anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft. Man braucht nur auf sich selber hinzuhorchen und dann sich selber gehenzulassen, dann tritt dieses höhere mystische Ich auf und man fühlt und erfährt den Gott in sich selber.

[ 25 ] I will discuss these matters in greater detail later. You see, it would have been extraordinarily wonderful, for example, if one could have found just a few people in Central Europe who, driven by certain Masonic impulses, would have recognized the far-reaching significance of something like what I explained to you here two years ago regarding certain secret societies that exist in the world. But there, of course—I might add—one encountered only deaf ears. For nothing has been more barren than the position of Freemasonry within Central Europe in recent decades. This was already evident from the fact that it was emphasized time and again that one encounters resistance when one opposes the amalgamation of anthroposophically oriented spiritual science with Central European Freemasonry. In response, a windbag appeared who spouted all sorts of foolish, senseless nonsense about symbolism and the like—including the so-called Nietzsche scholar, Horneffer; this was received with great seriousness in the widest circles. The deeper reason for all this, of course, lies in the fact that certain demands are placed on people if they wish to find their way into anthroposophically oriented spiritual science, and that this is not so easy. You see, there are agitators today calling for a renewal of the spirit who make people believe that all they need to do is lie down on a divan and leave themselves to their own devices; then the higher Self and God—and who knows what else—will come alive within the person, and there’s no need to develop such daunting concepts as those of this anthroposophically oriented spiritual science. One need only listen to oneself and then let oneself go; then this higher mystical Self emerges, and one feels and experiences God within oneself.

[ 26 ] Ich habe Staatsmänner kennengelernt, die allerdings lieber auf solche Gott-Männer hören, die ihnen also empfehlen, das Ich zu suchen auf bequemere Weise, als auf anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft hören zu wollen. Ein Freund sagte mir jüngst, einer von diesen Gott-Bringern hätte ihm, als er noch sein Anhänger war, gesagt: Ach, Sie glauben gar nicht, wie dumm ich bin! — Dennoch, derselbe Mann, der dieses Bekenntnis: Sie glauben gar nicht, wie dumm ich bin —, abgelegt hat, um dadurch anzuzeigen, daß man keine Gescheitheit braucht, um heute den Menschen die Urquellen der Weisheit zu bringen, derselbe Mann findet ein breites Publikum oben und unten, allüberall. Denn man hört solche Menschen lieber als diejenigen, die unbequemerweise von allem Möglichen reden, wenn sie den Menschen zum Erfassen der Aufgabe der Bewußtseinsseele bringen wollen, die von einem vierfachen Entwickelungsgang reden, oder gar, daß die Menschen einander erwärmen sollen, einander färben sollen, einander atmen sollen, einander ganz verdauen sollen. Und um zu so etwas vorzudringen, ist es nötig, eine ganze Reihe von Büchern in sich aufzunehmen — unbequeme Sache, höchst unbequeme Sache! Aber daß man es als eine unbequeme Sache empfindet, das ist eben zusammenhängend mit dem Impulse unserer katastrophalen Zeit, mit dem Unglück unserer Zeit. Aber auch das ruft nicht zu einem Pessimismus auf, sondern ruft auf zur Kraft, zur Umsetzung der Erkenntnis in Tat. Und das ist es, was nicht oft genug wiederholt werden kann.

[ 26 ] I have met statesmen who, admittedly, would rather listen to such “men of God”—who advise them to seek the “I” in a more convenient way—than to listen to anthroposophically oriented spiritual science. A friend recently told me that one of these “bringers of God” had said to him, when he was still a follower: “Oh, you have no idea how stupid I am!” — Yet the very same man who made this confession—“You have no idea how stupid I am”—to demonstrate that one does not need cleverness to bring people the original sources of wisdom today, that very same man finds a wide audience everywhere, high and low. For people would rather listen to such individuals than to those who, inconveniently, talk about all sorts of things when they want to help people grasp the task of the conscious soul—those who speak of a fourfold path of development, or even that people should warm one another, color one another, breathe one another, and digest one another completely. And to penetrate to such things, it is necessary to take in a whole series of books—an uncomfortable task, a highly uncomfortable task! But the fact that one perceives it as an uncomfortable task is precisely connected with the impulse of our catastrophic age, with the misfortune of our time. Yet even this does not call for pessimism, but rather calls for strength, for the translation of insight into action. And that is something that cannot be repeated often enough.

[ 27 ] Ich überlasse es jedem, nachdem ich gestern die harmlose Exemplifizierung von dem Saug- und Druckproblem gegeben habe, ein wenig nachzudenken, ob dieses Saug- und Druckproblem nicht doch vielleicht sehr wichtig ist sich zu überlegen. Es könnte sonst sein, daß die Leute sagen: Nun ja, in Rußland hat das Bürgertum den Anschluß an das Bauerntum nicht gefunden, aber wir haben es gut, bei uns werden sich Bürger und Bauern zusammentun, dann wird es schon gehen mit dem Sozialismus. — Man bedenkt gar nicht, daß das natürlich zahlreiche Leute auch in Rußland gesagt haben, und daß es daran gerade liegt, daß sie es dort gesagt haben.

[ 27 ] Having given a simple example of the suction and pressure problem yesterday, I’ll leave it up to everyone to think a little about whether this suction and pressure problem might, after all, be very important to consider. Otherwise, people might say: Well, in Russia the bourgeoisie failed to establish a connection with the peasantry, but we’re in a good position—here, the bourgeoisie and the peasants will join forces, and then socialism will work out just fine. — They don’t even consider that, of course, many people said the same thing in Russia, and that this is precisely why they said it there.

[ 28 ] Nun, wir werden morgen weiter davon sprechen.

[ 28 ] Well, we'll talk more about that tomorrow.