Historical Symptomatology
GA 185
27 October 1918, Dornach
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Historical Symptomatology, tr. SOL
Sechster Vortrag
Sixth Lecture
[ 1 ] Ich habe Ihnen aus den verschiedensten Gesichtspunkten heraus über dasjenige gesprochen, was Impuls ist oder Impulse sind innerhalb des fünften nachatlantischen Kulturzeitraums. Sie ahnen — denn selbstverständlich konnte ich bisher nur einiges von diesen Impulsen Ihnen hier vor das Seelenauge führen —, daß es viele solche Impulse gibt, die man versuchen kann aufzugreifen, um gewissermaßen die Entwickelungsströmung der Menschheit in unserem Zeitalter zu erfassen. Ich habe dann vor, von den Impulsen, die seit dem 15. Jahrhundert innerhalb der zivilisierten Welt wirkten, in den nächsten drei Vorträgen noch insbesondere herauszugreifen die religiösen Impulse, so daß ich versuchen werde, eine Art Religionsgeschichte hier vor Ihnen zu entwickeln.
[ 1 ] I have spoken to you from a wide variety of perspectives about what an impulse—or what impulses—are within the fifth post-Atlantean cultural epoch. You can surmise—for of course I have so far been able to present only a few of these impulses before your inner eye—that there are many such impulses that one can attempt to grasp in order, so to speak, to comprehend the current of human development in our age. In the next three lectures, I then intend to focus in particular on the religious impulses among those that have been at work within the civilized world since the 15th century, so that I will attempt to unfold a kind of history of religion here before you.
[ 2 ] Heute möchte ich episodisch etwas besprechen, was vielleicht der eine oder der andere unnötig finden könnte, das mir aber doch naheliegt zu besprechen aus dem Grunde, weil es für das persönliche Dabeisein bei den Impulsen des gegenwärtigen Entwickelungszeitraumes der Menschheit doch auch von der einen oder anderen Seite her eine Wichtigkeit haben könnte, Ich möchte ausgehen von der Tatsache, daß sich mir persönlich in einem gewissen Zeitpunkte die Notwendigkeit ergab, die Impulse der Gegenwart zu ergreifen in den Ausführungen, die ich gegeben habe in meiner «Philosophie der Freiheit».
[ 2 ] Today I would like to discuss, in a somewhat episodic manner, something that some might find unnecessary, but which I nevertheless feel compelled to address because it could be important—from one perspective or another—for personally engaging with the impulses of the current phase of human development, I would like to begin with the fact that, at a certain point in time, I personally felt the need to address the impulses of the present in the explanations I provided in my *Philosophy of Freedom*.
[ 3 ] Sie wissen vielleicht, daß diese «Philosophie der Freiheit» vor fünfundzwanzig Jahren, also vor einem Vierteljahrhundert, erschienen ist, und daß sie jetzt eben ihre zweite Auflage erfahren hat. Die «Philosophie der Freiheit» schrieb ich, im Vollbewußtsein, aus der Zeit heraus zu schreiben, im Beginne der neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts. Wer damals die Art Vorrede gelesen hat, die ich geschrieben habe, wird fühlen, wie dieses Bestreben, aus dem Impulse der Zeit heraus zu schreiben, dazumal durch meine Seele zog. Ich habe diese Vorrede als zweiten Anhang diesmal ganz an den Schluß gesetzt. Selbstverständlich, wenn ein Buch nach einem Vierteljahrhundert wiedererscheint, so sind mancherlei andere Bedingungen eingetreten; aber ich wollte aus gewissen Gründen auch gar nichts unterdrücken von dem, was in der ersten Auflage dieses Buches gestanden hat.
[ 3 ] You may know that this *Philosophy of Freedom* was published twenty-five years ago—that is, a quarter of a century ago—and that it has just been reprinted in its second edition. I wrote *The Philosophy of Freedom*—fully aware that I was writing from within the spirit of the times—at the beginning of the 1890s. Anyone who read the preface I wrote back then will sense how this aspiration to write in response to the impulses of the time coursed through my soul at that time. This time, I have placed this preface at the very end as a second appendix. Of course, when a book is republished a quarter of a century later, various other circumstances have arisen; but for certain reasons, I did not wish to omit anything at all from what appeared in the first edition of this book.
[ 4 ] Ich schrieb dazumal gewissermaßen als Devise meiner «Philosophie der Freiheit»: «Nur die Wahrheit kann uns Sicherheit bringen im Entwickeln unserer individuellen Kräfte. Wer von Zweifeln gequält ist, dessen Kräfte sind gelähmt. In einer Welt, die ihm rätselhaft ist, kann er kein Ziel seines Schaffens finden.» Diese Schrift «soll nicht «den einzig möglichen» Weg zur Wahrheit führen, aber sie soll von demjenigen erzählen, den einer eingeschlagen hat, dem es um Wahrheit zu tun ist.»
[ 4 ] At the time, I wrote—as a sort of motto for my *Philosophy of Freedom*—: “Only the truth can bring us security in the development of our individual powers. Those tormented by doubt have their powers paralyzed. In a world that is a mystery to them, they cannot find a goal for their creative work.” This work “is not intended to point to ‘the only possible’ path to truth, but it is intended to tell the story of the path taken by someone who is concerned with truth.”
[ 5 ] Ich war, als ich daranging, diese «Philosophie der Freiheit» zu schreiben, die in ihren Grundzügen aber schon seit einigen Jahren in meinem Kopfe fertig war, kurze Zeit in Weimar, das heißt, die Zeit zwischen meiner Ankunft in Weimar und dem Niederschreiben der «Philosophie der Freiheit» war noch eine kurze, im ganzen war ich ja sieben Jahre in Weimar. Ich war eigentlich schon mit den Ideen dieser «Philosophie der Freiheit» nach Weimar hingegangen. Wer da will, kann, ich möchte sagen, das ganze Programm dieser «Philosophie der Freiheit» in dem letzten Kapitel meiner kleinen Schrift «Wahrheit und Wissenschaft» finden, die ja auch meine Dissertation war. Aber in der Dissertation fehlte — selbstverständlich ließ ich es da für die Dissertation weg — dieses letzte Kapitel, welches das Programm der «Philosophie der Freiheit» enthält.
[ 5 ] When I set out to write this *Philosophy of Freedom*—the basic outline of which had already been fully formed in my mind for several years—I spent a short time in Weimar; that is to say, the period between my arrival in Weimar and the writing of the *Philosophy of Freedom* was brief; all in all, I spent seven years in Weimar. I had actually already gone to Weimar with the ideas for this *Philosophy of Freedom*. Anyone who wishes to can, I would say, find the entire program of this *Philosophy of Freedom* in the last chapter of my short treatise *Truth and Science*, which was, after all, also my dissertation. But this last chapter—which, of course, I omitted from the dissertation—was missing from the dissertation; it contains the program of the *Philosophy of Freedom*.
[ 6 ] Im Grunde genommen hatte sich mir die Idee zur «Philosophie der Freiheit» gebildet beim Durchgehen, das ich ja seit langen Jahren zu pflegen hatte, durch die Goethesche Weltanschauung. Dieses Durchgehen der Goetheschen Weltanschauung und meine Publikationen auf dem Gebiete der Goetheschen Weltanschauung führten ja auch dazu, daß ich dann nach Weimar gerufen wurde zur Herausgabe und Mitarbeit an der großen Goethe-Ausgabe, die vom Ende der achtziger Jahre an inauguriert worden war durch das Goethe-Archiv in Weimar, das die Großherzogin Sophie von Sachsen-Weimar eingerichtet hatte.
[ 6 ] Essentially, the idea for *The Philosophy of Freedom* had taken shape in my mind through my long-standing engagement with Goethe’s worldview. This exploration of Goethe’s worldview and my publications in the field of Goethe’s worldview also led to my being invited to Weimar to edit and contribute to the major Goethe edition, which had been launched in the late 1880s by the Goethe Archive in Weimar, established by Grand Duchess Sophie of Saxe-Weimar.
[ 7 ] Dasjenige, was man in Weimar dazumal erleben konnte — verzeihen Sie, wenn ich einige Nuancen persönlicher Art heute gebe, denn ich möchte eben, wie gesagt, die persönliche Anteilnahme an den Impulsen des fünften nachatlantischen Zeitraums charakterisieren —, war so, daß eigentlich gerade dazumal in den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts in Weimar wie durcheinanderzogen die guten Traditionen einer reifen, bedeutungsvollen, inhaltsvollen Kultur, die sich anschloß an dasjenige, was ich Goetheanismus nennen möchte, und in dieses traditionelle Goetheanische hinein spielte dazumal in Weimar dasjenige, was übernommen worden war aus der Liszt-Zeit. Es war dazumal auch schon hineinspielend — da Weimar ja immer durch seine Kunstakademie Kunststadt geblieben ist — dasjenige, was geeignet gewesen wäre, wenn es nicht überströmt worden wäre von etwas anderem, wichtige Anregungen weitgehendster Art zu geben. Denn das Alte kann ja nur dann in gedeihlicher Weise sich fortentwickeln, wenn das Neue hineinströmt und es befruchtet. So daß neben dem Goetheanismus, der ja allerdings ein wenig mumienhaft im Goethe-Archiv sich verkörperte, das schadete aber nichts, man konnte ihn beleben, und ich habe ihn nur immer lebendig aufgefaßt, ein modernes Leben auf künstlerischem Gebiete sich entwickelte. Die Maler, die dort lebten, sie hatten alle gewisse Impulse neuester Art. Denjenigen, denen ich nahetrat, war allen anzumerken, welch tiefgehenden Einfluß ein neuer künstlerischer Impuls hatte, wie er zum Beispiel in dem Grafen Leopold von Kalckreuth lebte, der dazumal eine allerdings allzu kurze Zeit gerade das künstlerische Leben von Weimar in einer außerordentlichen Weise befruchtet hat. Es war im Weimarischen Theater auch noch dasjenige vorhanden, was ausgezeichnete, gute alte Traditionen waren. Wenn auch da oder dort das Philistertum hineinmurkste, es waren doch gute alte Traditionen da. Es war dasjenige, was man schon nennen kann eine Art Milieu, in dem gewissermaßen ein Zusammenströmen von allem Möglichen sich abspielte.
[ 7 ] What one could experience in Weimar back then—please forgive me if I offer a few personal nuances today, for, as I said, I would like to characterize my personal engagement with the impulses of the fifth post-Atlantic period— was such that, precisely back then in the 1890s, the fine traditions of a mature, meaningful, and substantive culture—one that was rooted in what I would like to call “Goetheanism”—seemed to intertwine in Weimar, and into this traditional Goethean context, what had been carried over from the Liszt era also played a role. At that time, too—since Weimar has always remained a city of art thanks to its Academy of Art—there was already at work an element that, had it not been overwhelmed by something else, would have been capable of providing important inspiration of the most far-reaching kind. For the old can only continue to develop in a fruitful way when the new flows into it and fertilizes it. So that alongside “Goetheanism”—which, admittedly, was embodied somewhat mummified in the Goethe Archive, though that did no harm; it could be revitalized, and I have always understood it as alive—a modern life in the artistic realm was developing. The painters who lived there all possessed certain impulses of the newest kind. It was evident in all those with whom I became close just how profound an influence a new artistic impulse had—as was the case, for example, with Count Leopold von Kalckreuth, who, for a time—albeit far too brief—enriched Weimar’s artistic life in an extraordinary way. The Weimar Theater also still possessed what could be called excellent, time-honored traditions. Even if philistinism crept in here and there, those time-honored traditions were still present. It was what one might call a kind of milieu in which, so to speak, a convergence of all manner of things took place.
[ 8 ] Dazu kam dann eben gerade das Leben durch das Goethe-Archiv, das später erweitert wurde zu dem Goethe- und Schiller- Archiv. Dieses Leben im Goethe-Archiv war ein solches, daß trotz aller philologischen Unterlagen, die ja dem Geiste der Zeit nach, und namentlich dem Schererschen Geiste nach, der Arbeit im Goethe-Archiv zugrunde lag, daß trotz dieser philologischen Grundlage sich doch ein gewisses reges Hineinleben in bessere Impulse der neueren Zeit geltend machen ließ, vor allen Dingen dadurch, daß gewissermaßen durch das GoetheArchiv alles strömte an internationaler Gelehrsamkeit. Und wenn auch unter den internationalen Gelehrten, die da kamen von Rußland, von Norwegen, von Holland, von Italien, von England, von Frankreich, von Amerika, manches war, was ihnen gewissermaßen schon als das Üble des gegenwärtigen Zeitalters an den Rockschößen anhaftete, so war doch auch immer die Möglichkeit vorhanden, das Abfärben des Besseren gerade an diesem internationalen Gelehrtenpublikum innerhalb Weimars namentlich in jener Zeit, den neunziger Jahren, zu erleben. Man konnte alles mögliche erleben, von jenem amerikanischen Professor, der eine eingehende, sehr interessante Studie über den «Faust» bei uns machte, an den ich mich noch lebhaft erinnere, wie er da saß auf dem Fußboden, die beiden Beine übereinander verschränkt, auf dem Fußboden, weil er das bequemer fand, so neben dem Bücherregal zu sitzen und alles gleich herausfischen zu können, ohne erst zum Stuhl gehen zu müssen, von diesem Professor bis zum Beispiel zu dem "polternden Treitschke, den ich einmal bei einem Mittagsmahl traf und der — man mußte ihm ja alles auf Zettel schreiben, weil er nicht hörte — von mir zu wissen verlangte, woher ich käme. Und als ich ihm antwortete, daß ich aus Österreich käme, sagte er darauf gleich, in seiner Art charakterisierend — man weiß, wie man Treitschkes Art zu nehmen hat —: Nun, aus Österreich kommen entweder sehr gescheite Leute oder Schufte! — Man hatte nun die Wahl, entweder zu dem einen oder zu dem andern sich zu rechnen. Aber ich könnte Ihnen unendliche Variationen dieses Themas des Hereinspielens des Internationalen in das Weimarische Getriebe hier vorerzählen.
[ 8 ] Added to this was the very life of the Goethe Archive, which was later expanded to become the Goethe and Schiller Archive. This life within the Goethe Archive was such that, despite all the philological documentation—which, in keeping with the spirit of the times, and specifically the Schererian spirit, which formed the basis of the work at the Goethe Archive—that despite this philological foundation, a certain lively engagement with the better impulses of the modern era was able to assert itself, above all because, in a sense, a stream of international scholarship flowed through the Goethe Archive. And even if, among the international scholars who came from Russia, Norway, the Netherlands, Italy, England, France, and America, there were many things that, in a sense, already clung to their coattails as the evils of the present age, there was nevertheless always the possibility of witnessing the influence of the better aspects taking hold precisely among this international scholarly audience within Weimar, particularly during that period, the 1890s. One could experience all sorts of things, from that American professor who conducted an in-depth, very interesting study of *Faust* here—I still vividly remember him sitting there on the floor, his legs crossed, on the floor because he found it more comfortable, sitting right next to the bookshelf so he could pull anything out right away without having to go to a chair first—from that professor to, for example, the “boisterous Treitschke,” whom I once met at a luncheon and who—you had to write everything down on a slip of paper for him because he couldn’t hear—demanded to know where I was from. And when I replied that I was from Austria, he immediately said, in his characteristic way—one knows how to take Treitschke’s manner—‘Well, either very clever people or scoundrels come from Austria!’—One now had the choice of counting oneself among one group or the other. But I could recount to you endless variations on this theme of how international elements were woven into the workings of Weimar society here.
[ 9 ] Manches lernte man auch dadurch recht genau kennen, daß ja auch Leute kamen, die bloß mehr oder weniger eben anschauen wollten, was sich erhalten hat, was geblieben war aus der Goethe-Zeit. Es kamen auch andere Leute, bei denen man ein reges Interesse hatte namentlich für die Art und Weise, wie sie dem Goetheanismus nähertreten wollten und so weiter. Man braucht nur zu erwähnen, daß in Weimar ja auch Richard Strauß seine Anfänge durchgemacht hat, die er dann so sehr verschlimmbessert hat. Aber dazumal gehörte er tatsächlich zu denjenigen Elementen, bei denen man das musikalische Streben der neueren Zeit in der, ich möchte sagen, anmutigsten Weise kennenlernen konnte. Denn Richard Strauß war in seiner Jugend ein reger Geist, und ich gedenke noch mit vieler Liebe an jene Zeit, als Richard Strauß immer wieder und wieder kam und einen der anregenden Sätze aufgefangen hatte, die in den Gesprächen Goethes mit seinen Zeitgenossen zu finden sind. Die Gespräche Goethes mit seinen Zeitgenossen sind von Woldemar Freiherr von Biedermann herausgegeben. Da sind wirklich Goldkörner von Weisheit zu finden. Das alles, um Ihnen das Milieu des damaligen Weimar, insofern ich Anteil nehmen konnte, zu charakterisieren.
[ 9 ] One also came to know certain things quite well because people would come who simply wanted, more or less, to see what had been preserved, what remained from the Goethe era. Other people also came who showed a keen interest, particularly in the way they wanted to approach Goetheanism and so on. It suffices to mention that Richard Strauss, too, made his beginnings in Weimar—beginnings that he later so thoroughly botched. But back then, he was indeed one of those figures through whom one could come to know the musical aspirations of the modern era in what I would call the most graceful way. For Richard Strauss was a lively spirit in his youth, and I still recall with great fondness that time when Richard Strauss would come again and again, having picked up one of the inspiring ideas found in Goethe’s conversations with his contemporaries. Goethe’s Conversations with His Contemporaries were edited by Woldemar Freiherr von Biedermann. There are truly nuggets of wisdom to be found there. All of this is to give you a sense of the atmosphere in Weimar at that time, as far as I was able to experience it.
[ 10 ] Immerzu kam wiederum eine vornehme Gestalt, bewahrend die Tradition der allerbesten Zeit, ganz abgesehen von allem Fürstlichen, in das Goethe- und Schiller-Archiv, der damalige Großherzog von Weimar, Karl Alexander, der nur als Mensch genommen zu werden brauchte, um ihn lieb zu haben, um ihn zu schätzen. Er war ja auch etwas von einer lebendigen Tradition, denn er war 1818 geboren, hatte also noch vierzehn Jahre hindurch in Weimar die Jugend-, die Knabenzeiten gemeinschaftlich mit Goethe verlebt. Es war etwas von einem außerordentlichen inneren Charme gerade in dieser Persönlichkeit. Und außerdem konnte man einen wirklich unbegrenzten Respekt gewinnen vor der Art und Weise, wie diese Oranierin, die Großherzogin Sophie von Sachsen, den Goethe-Nachlaß pflegte, wie sie sich widmete allen Einzelheiten, die eingerichtet wurden, um den Goethe-Nachlaß wirklich zu pflegen. Daß später an die Spitze der Goethe-Gesellschaft ein gewesener Finanzminister gerufen worden ist, das lag ganz gewiß nicht in den Intentionen, die dazumal in Weimar walteten, und ich glaube, daß eine ganz große Anzahl von Nichtphilistern, die schon dazumal auch mit dem verbunden waren, was man Goetheanismus nennt, es ebenso, im Spaße selbstverständlich, ganz freudig begrüßen würden, daß vielleicht doch etwas Symptomatisches in dem Vornamen jenes gewesenen Finanzministers liegt, der jetzt Präsident der Goethe-Gesellschaft wurde. Er heißt nämlich mit seinem Vornamen Kreuzwendedich.
[ 10 ] Time and again, a distinguished figure—upholding the traditions of a bygone era, quite apart from any princely trappings—would visit the Goethe and Schiller Archive: the then Grand Duke of Weimar, Karl Alexander, who needed only to be regarded as a human being to be loved and appreciated. He was, after all, something of a living tradition himself, for he was born in 1818 and had thus spent fourteen years in Weimar, sharing his youth and boyhood with Goethe. There was something of an extraordinary inner charm about this particular personality. And besides, one could not help but feel truly boundless respect for the way in which this member of the House of Orange—Grand Duchess Sophie of Saxony—cared for Goethe’s estate, and for how she devoted herself to every detail that was put in place to truly preserve it. The fact that a former finance minister was later appointed to head the Goethe Society was certainly not in line with the intentions that prevailed in Weimar at the time, and I believe that a very large number of non-philistines, who were already associated back then with what is called “Goetheanism,” would also—in jest, of course—gladly welcome the fact that there may, after all, be something symbolic in the first name of that former finance minister who has now become president of the Goethe Society. His first name, in fact, is Kreuzwendedich.
[ 11 ] Nun, recht stark hineingestellt in dieses Milieu, verfaßte ich meine «Philosophie der Freiheit», diese «Philosophie der Freiheit», von der ich allerdings glaube, daß sie einen notwendigen Impuls der Gegenwart erfaßte. Ich rede das nicht aus persönlicher Albernheit, sondern um zu charakterisieren, was ich eigentlich wollte, und was ich auch heute noch wollen muß mit dieser «Philosophie der Freiheit». Ich schrieb diese «Philosophie der Freiheit», um auf der einen Seite die Idee der Freiheit, den Impuls der Freiheit, der im wesentlichen der Impuls des fünften nachatlantischen Zeitalters sein muß — er muß sich herausentwickeln aus den mancherlei anderen versplitterten Impulsen —, rein vor die Menschheit hinzustellen. Dazu war ein Doppeltes notwendig. Erstens war notwendig, den Impuls der Freiheit stark zu verankern in dem, was man wissenschaftliche Begründung einer solchen Sache nennen kann. Daher ist der erste Teil meiner «Philosophie der Freiheit» derjenige, welchen ich überschrieben habe «Wissenschaft der Freiheit». Selbstverständlich war dieser Teil «Wissenschaft der Freiheit» für viele etwas Abstoßendes, etwas Unbequemes, denn nun sollte man sich zu dem Impuls der Freiheit hinbequemen in der Art, daß man ihn solid verankert fühlen soll in streng wissenschaftlichen Betrachtungen, die allerdings auf der Freiheit des Gedankens fußten, die nicht verankert waren in demjenigen, was oftmals heute als naturwissenschaftlicher Monismus sich geltend macht. Es hat vielleicht dieser Abschnitt «Wissenschaft der Freiheit» einen kampfartigen Charakter. Der ist zu erklären aus der ganzen Geistesstimmung der damaligen Zeit heraus. Auseinanderzusetzen hatte ich mich mit der Philosophie des 19. Jahrhunderts, mit dem, was die Philosophie des 19. Jahrhunderts über die Welt gedacht hatte. Denn ich wollte den Freiheitsbegriff als Weltbegriff entwickeln, wollte zeigen, daß nur derjenige die Freiheit verstehen kann und sie auch nur in der richtigen Weise erfühlen kann, der einen Sinn dafür hat, daß im menschlichen Inneren sich nicht etwas abspielt, was nur irdisch ist, sondern daß der große kosmische Weltprozeß hindurchflutet durch das menschliche Innere und aufgefaßt werden kann im menschlichen Inneren. Und nur, wenn dieser große kosmische Weltprozeß im menschlichen Inneren aufgefangen wird, wenn er im menschlichen Inneren durchlebt wird, dann ist es möglich, durch eine Erfassung des menschlichen Innersten als etwas Kosmischem zu einer Philosophie der Freiheit zu kommen. Zu einer Philosophie der Freiheit kann derjenige nicht kommen, welcher nach der Anleitung der modernen naturwissenschaftlichen Erziehung sein Denken bloß am Gängelbande der äußeren Sinnenfälligkeit hinführen will. Das ist gerade das Tragische in unserer Zeit, daß die Menschen überall auf unsern Hochschulen dazu erzogen werden, ihr Denken am Gängelbande der äußeren Sinnlichkeit zu führen. Dadurch sind wir in ein Zeitalter hineingeraten, welches mehr oder weniger hilflos ist in allen ethischen, sozialen und politischen Fragen. Denn nimmermehr wird dasjenige Denken, das sich nur am Gängelbande der äußeren Sinnlichkeit führen läßt, in der Lage sein, sich innerlich so zu befreien, daß es zu den Intuitionen aufsteigt, zu denen es aufsteigen muß, wenn dieses Denken sich betätigen will innerhalb der Sphäre des menschlichen Handelns. Daher ist der Impuls der Freiheit geradezu ausgeschaltet worden durch dieses am Gängelbande geführte Denken.
[ 11 ] Well, deeply immersed in this milieu, I wrote my *Philosophy of Freedom*—this *Philosophy of Freedom*—which I do believe, however, captured a necessary impulse of the present. I am not saying this out of personal frivolity, but to characterize what I actually wanted—and what I must still want today—with this *Philosophy of Freedom*. I wrote this *Philosophy of Freedom* in order, on the one hand, to present the idea of freedom—the impulse of freedom, which must essentially be the impulse of the fifth post-Atlantean epoch (it must develop out of the various other fragmented impulses)—in its pure form before humanity. To do this, two things were necessary. First, it was necessary to firmly anchor the impulse of freedom in what might be called the scientific foundation of such a matter. That is why the first part of my *Philosophy of Freedom* is the one I have titled *The Science of Freedom*. Of course, this section, “The Science of Freedom,” was, for many, something repulsive, something uncomfortable, for now one was expected to come to terms with the impulse of freedom in such a way that one would feel it was solidly anchored in strictly scientific considerations—considerations that were, however, grounded in the freedom of thought and were not anchored in what is often asserted today as scientific monism. Perhaps this section, “The Science of Freedom,” has a combative character. This can be explained by the overall intellectual climate of that time. I had to grapple with nineteenth-century philosophy—with what nineteenth-century philosophy had thought about the world. For I wanted to develop the concept of freedom as a concept of the world; I wanted to show that only those who have a sense that what takes place within the human being is not merely earthly, but that the great cosmic world process flows through the human inner being and can be perceived there, can understand freedom and feel it in the right way. And only when this great cosmic world process is received within the human inner being, when it is lived through within the human inner being, is it possible to arrive at a philosophy of freedom by perceiving the innermost essence of the human being as something cosmic. One cannot arrive at a philosophy of freedom if, following the guidance of modern scientific education, one seeks to direct one’s thinking solely by the leash of external sensory perception. This is precisely the tragedy of our time: that people everywhere in our universities are educated to lead their thinking on a leash tied to external sensory perception. As a result, we have entered an age that is more or less helpless in all ethical, social, and political matters. For thinking that allows itself to be led solely by the reins of external sensory perception will never be able to free itself internally to the point of rising to the intuitions to which it must rise if it is to be active within the sphere of human action. Thus, the impulse toward freedom has been virtually eliminated by this thinking that is led by the reins.
[ 12 ] Das war das erste, was natürlich den Zeitgenossen unbequem war an meiner «Philosophie der Freiheit», daß sie sich hätten bequemen müssen, nun wirklich zunächst sich durchzuringen in einem sich selbst in Zucht nehmenden Denken zu einer Wissenschaft von der Freiheit.
[ 12 ] The first thing that naturally made my *Philosophy of Freedom* uncomfortable for my contemporaries was that they would have had to force themselves—at the very least initially—to engage in a disciplined line of thought leading to a science of freedom.
[ 13 ] Der zweite größere Abschnitt handelt dann von der Wirklichkeit der Freiheit. Da kam es mir darauf an zu zeigen, wie die Freiheit im äußeren Leben sich ausgestalten muß, wie die Freiheit wirklicher Impuls des menschlichen Handelns, des sozialen Lebens werden kann. Da handelte es sich mir darum zu zeigen, wie der Mensch aufsteigen kann dazu, sich in seinem Handeln wirklich als freier Geist zu fühlen. Und diejenigen Dinge, die ich dazumal schrieb, sie sind, wie ich meine, etwas, was gerade heute, fünfundzwanzig Jahre hinterher, sehr wohl von den Seelen aufgefaßt werden könnte gegenüber dem, was in der äußeren Welt uns entgegentritt.
[ 13 ] The second major section then deals with the reality of freedom. My aim there was to show how freedom must take shape in external life, how freedom can become a genuine driving force behind human action and social life. My aim there was to show how a person can rise to the point of truly feeling like a free spirit in their actions. And the things I wrote back then are, I believe, something that today—twenty-five years later—could very well be grasped by people’s souls in light of what we are facing in the outer world.
[ 14 ] Das, was ich niedergeschrieben hatte, war zunächst ein ethischer Individualismus. Das heißt, ich hatte zu zeigen, daß der Mensch nimmermehr frei werden könne, wenn nicht sein Handeln entspringe aus jenen Ideen, die in den Intuitionen der einzelnen menschlichen Individualität wurzeln. So daß dieser ethische Individualismus als letztes ethisches Entwickelungsziel des Menschen nur anerkannte den sogenannten freien Geist, der sich herausarbeitet sowohl aus dem Zwang der Naturgesetze wie auch aus dem Zwang von allen konventionellen sogenannten Sittengesetzen, der auf dem Vertrauen fußt, daß der Mensch im Zeitalter, in dem das Böse so anrückt in seinen Neigungen, wie ich das gestern charakterisiert habe, in der Lage ist, wenn er sich zu Intuitionen erhebt, umzuwandeln die bösen Neigungen in dasjenige, was gerade für die Bewußtseinsseele das Gute, das wirklich Menschenwürdige werden soll. So schrieb ich dazumal:
[ 14 ] What I had written down was, at first, a form of ethical individualism. That is to say, I had to show that human beings could never become free unless their actions sprang from those ideas rooted in the intuitions of each individual human being. Thus, this ethical individualism, as the ultimate ethical goal of human development, recognized only the so-called free spirit—which emerges both from the constraints of the laws of nature and from the constraints of all conventional so-called moral laws—and which is based on the confidence that human beings, in an age in which evil so strongly influences their inclinations, as I characterized it yesterday, is capable—when he rises to the level of intuition—of transforming these evil inclinations into that which is to become, precisely for the conscious soul, the good, the truly human. This is what I wrote at the time:
[ 15 ] «Erst die hierdurch gewonnenen Gesetze verhalten sich zum menschlichen Handeln so wie die Naturgesetze zu einer besonderen Erscheinung. Sie sind aber durchaus nicht identisch mit den Antrieben, die wir unserem Handeln zugrunde legen. Will man erfassen, wodurch eine Handlung des Menschen dessen sittlichem Wollen entspringt, so muß man zunächst auf das Verhältnis dieses Wollens zu der Handlung sehen.»
[ 15 ] “Only the laws derived in this way relate to human action in the same way that the laws of nature relate to a particular phenomenon. However, they are by no means identical to the motives that underlie our actions. If one wishes to understand how a human action arises from one’s moral will, one must first examine the relationship between this will and the action.”
[ 16 ] In mir entsprang eine Idee des freien menschlichen Zusammenlebens, wie ich es Ihnen von einem anderen Gesichtspunkte aus gerade in diesen Tagen hier charakterisiert habe, des freien menschlichen Zusammenlebens, wo nicht nur der einzelne für sich auf seine Freiheit pocht, sondern wo durch das gegenseitige Verständnis der Menschen im sozialen Leben die Freiheit als Impuls dieses Lebens auch realisiert werden könnte. So schrieb ich dazumal rückhaltlos:
[ 16 ] An idea took root within me of free human coexistence—as I have just described to you here in recent days from a different perspective—of free human coexistence, where not only does the individual insist on his or her own freedom, but where, through mutual understanding among people in social life, freedom could also be realized as the driving force of that life. So I wrote unreservedly at the time:
[ 17 ] «Leben in der Liebe zum Handeln und Lebenlassen im Verständnisse des fremden Wollens ist die Grundmaxime der freien Menschen. Sie kennen kein anderes Sollen als dasjenige, mit dem sich ihr Wollen in intuitiven Einklang versetzt; wie sie in einem besonderen Falle wollen werden, das wird ihnen ihr Ideenvermögen sagen.»
[ 17 ] “To live in love of action and to let others live in understanding of their will is the fundamental maxim of free people. They know of no other duty than that with which their will comes into intuitive harmony; their capacity for ideas will tell them how they will will in a particular case.”
[ 18 ] Ich hatte selbstverständlich mit diesem ethischen Individualismus den ganzen Kantianismus dazumal wider mich, denn meine kleine Schrift «Wahrheit und Wissenschaft» beginnt in der Vorrede mit dem Satze: Wir müssen über Kant hinaus. — Ich wollte dazumal den Goetheanismus, der aber der Goetheanismus vom Ende des 19. Jahrhunderts war, durch die sogenannten Intellektuellen, durch diejenigen, die sich die Intellektuellsten nennen, an das Zeitalter heranbringen. Daß ich damit nicht besondere Erfahrungen gemacht habe, das kann Ihnen ja mein Aufsatz, den ich jüngst im «Reich» geschrieben habe, besonders meine Beziehungen zu Eduard von Hartmann, zeigen. Aber wie mußten auch diese Zeitgenossen, die nach und nach in das volle Philisterium hineinzusegeln die Absicht hatten, sich abgestoßen fühlen von einem Satze, der jetzt auf Seite 176 der «Philosophie der Freiheit» steht: «Wenn Kant von der Pflicht sagt: «Pflicht! du erhabener, großer Name, der du nichts Beliebtes, was Einschmeichelung bei sich führt, in dir fassest, sondern Unterwerfung verlangst, der du «ein Gesetz aufstellst... ., vor dem alle Neigungen verstummen, wenn sie gleich im geheimen ihm entgegenwirken», so erwidert der Mensch aus dem Bewußtsein des freien Geistes: «Freiheit! du freundlicher, menschlicher Name, der du alles sittlich Beliebte, was mein Menschentum am meisten würdigt, in dir fassest, und mich zu niemandes Diener machst, der du nicht bloß ein Gesetz aufstellst, sondern abwartest, was meine sittliche Liebe selbst als Gesetz erkennen wird, weil sie jedem nur aufgezwungenen Gesetze gegenüber sich unfrei fühlt.»»
[ 18 ] Naturally, with this ethical individualism, I had the entire Kantian tradition of that time against me, for my short treatise *Truth and Science* begins in the preface with the sentence: “We must go beyond Kant.” — At that time, I wanted to bring Goetheanism—which was, however, the Goetheanism of the late 19th century—into the modern age through the so-called intellectuals, through those who call themselves the most intellectual. That I did not have particularly positive experiences with this is evident from my essay, which I recently wrote in *Reich*, especially regarding my relationship with Eduard von Hartmann. But how must even these contemporaries—who intended to gradually sail into the very heart of philistinism—have felt repelled by a sentence that now appears on page 176 of *The Philosophy of Freedom*: “When Kant speaks of duty: ‘Duty! You sublime, great name, which encompasses nothing pleasing that carries flattery within it, but demands submission; you who “establish a law… before which all inclinations fall silent, even if they secretly work against it,”’ then man replies from the consciousness of the free spirit: ‘Freedom! You friendly, human name, which embodies all that is morally desirable—that which my humanity most values—and makes me no one’s servant; you who not only establish a law but await what my moral love itself will recognize as law, because it feels unfree in the face of any law that is merely imposed.’”
[ 19 ] So im Empirischen die Freiheit zu suchen, die zugleich auf einer solid wissenschaftlichen Grundlage auferbaut sein sollte, das war eigentlich das Bestreben, welches der «Philosophie der Freiheit» zugrunde lag. Freiheit ist dasjenige, was als Wort einzig und allein einen unmittelbaren Wahrheitsklang in unserer Zeit haben kann. Wenn man Freiheit so verstehen würde, wie es dazumal gemeint war, so würde ein ganz anderer Ton hineinkommen in all das, was heute über die Weltordnung über den Erdball hin gesprochen wird. Heute redet man von allen möglichen anderen Sachen. Wir reden von Rechtsfrieden, von Gewaltfrieden und so weiter. Alle diese Dinge sind Schlagworte, weil weder Recht noch Gewalt mit ihren ursprünglichen Bedeutungen noch zusammenhängen. Recht ist heute ein vollständig verworrener Begriff. Freiheit allein wäre dasjenige, welches, wenn es die Zeitgenossen angenommen hätten, diese Zeitgenossen zu elementaren Impulsen, zur Auffassung der Wirklichkeit hätte bringen können. Würde man statt von den Schlagworten Rechtsfriede, Gewaltfriede, einigermaßen auch reden können von Freiheitsfriede, dann würde das Wort durch die Welt rollen, welches in diesem Zeitalter der Bewußtseinsseele einige Sicherheit in die Seelen hineinbringen könnte. Selbstverständlich ist auch dieses zweite größere Kapitel in gewisser Beziehung ein KampfKapitel geworden, denn es mußte alles abgewehrt werden, was aus der philiströsen Welt heraus, aus dem billigen Schablonentum heraus, aus der Anbeterei aller möglichen Autoritäten sich gegen diese Auffassung des freien Geistes wenden konnte.
[ 19 ] Seeking freedom in the empirical realm—a freedom that should at the same time be built upon a solid scientific foundation—was, in fact, the aspiration that underlay the *Philosophy of Freedom*. Freedom is the one word that, in our time, can still carry an immediate resonance of truth. If freedom were understood as it was intended back then, a completely different tone would emerge in all the discussions taking place today across the globe about the world order. Today, people talk about all sorts of other things. We speak of “peace through law,” “peace through force,” and so on. All these are mere buzzwords, because neither “law” nor “force” bears any relation to their original meanings anymore. “Law” is today a completely confused concept. Freedom alone would be the concept that, had our contemporaries embraced it, could have led them to elemental impulses and to a true grasp of reality. If, instead of the buzzwords “peace through law” and “peace through force,” we could also speak to some extent of “peace through freedom,” then that word would roll across the world, bringing a measure of certainty into people’s souls in this age of the conscious soul. Of course, this second major chapter, too, has in a certain sense become a chapter of struggle, for it was necessary to fend off everything that, from the philistine world, from cheap stereotyping, and from the worship of all manner of authorities, could be turned against this conception of the free spirit.
[ 20 ] Trotzdem sich nun einzelne Menschen fanden, die gespürt haben, welcher Wind eigentlich durch die «Philosophie der Freiheit» weht, ist es außerordentlich schwierig gewesen und eigentlich gar nicht gegangen, irgendwie die Zeitgenossen für das gestimmt zu finden, was in der «Philosophie der Freiheit» geschrieben war. Zwar schrieb dazumal, aber das sind eben vereinzelte Vögel geblieben, ein Mann in der «Frankfurter Zeitung» von diesem Buche: Klar und wahr, das sei die Devise, die man diesem Buche auf die erste Seite schreiben könnte. Aber die Zeitgenossen verstanden wenig von dieser Klarheit und Wahrheit.
[ 20 ] Although there were now a few individuals who sensed the spirit that actually permeated *The Philosophy of Freedom*, it was extremely difficult—and in fact impossible—to win over contemporaries to the ideas set forth in *The Philosophy of Freedom*. True, at the time—though these were merely isolated voices—a man in the *Frankfurter Zeitung* wrote of this book: “Clear and true”—that is the motto one could write on the first page of this book. But his contemporaries understood little of this clarity and truth.
[ 21 ] Nun fiel dieses Buch — und das hat gar nicht auf seinen Inhalt, wohl aber auf die Tendenz gewirkt, daß der Glaube hätte bestehen können, doch bei einigen Zeitgenossen Verständnis zu finden — hinein in die Zeit, als gerade, man kann schon sagen, durch die ganze zivilisierte Welt dazumal die Nietzsche-Welle ging. Und zwar war dies, was ich jetzt meine, die erste Nietzsche-Welle, jene erste Nietzsche-Welle, wo man verstand, wie durch Nietzsches oftmals gewiß krank wirkenden Geist große, bedeutsame Zeitimpulse hindurch wallten. Und man konnte hoffen, bevor es Leuten wie dem Grafen Keßler oder ähnlichen, auch Nietzsches Schwester im Verein mit solchen Menschen wie etwa dem Berliner Kurt Breysig oder dem schwätzenden Horneffer gelungen ist, das Bild zu verzerren, daß durch die Vorbereitung, welche ein gewisses Publikum durch Nietzsche gefunden hatte, auch solche Freiheitsideen einigermaßen sich einleben könnten. Allerdings konnte man das nur so lange hoffen, bis durch die angeführten Leute Nietzsche in das moderne Dekadententum, man könnte sagen, in das literarische Gigerltum, Snobtum — ich weiß nicht, wie ich, um verstanden zu werden, den Ausdruck wählen soll — hineingesegelt worden ist.
[ 21 ] Now this book—and this had nothing to do with its content, but rather with its underlying tendency, which might have led some contemporaries to believe it could find an audience—appeared at a time when, one might even say, the “Nietzsche wave” was sweeping through the entire civilized world of that era. And what I mean by this is the first Nietzsche wave—that very first Nietzsche wave—during which people understood how great, significant impulses of the times surged through Nietzsche’s mind, which often certainly seemed unbalanced. And one could hope—before people like Count Keßler or others of his ilk, including Nietzsche’s sister in league with such individuals as, for example, the Berliner Kurt Breysig or the babbling Horneffer, succeeded in distorting the image—that, thanks to the groundwork laid by Nietzsche among a certain audience, such ideas of freedom might also take root to some extent. However, one could only hope for this until the people mentioned above had steered Nietzsche into modern decadence—one might say, into literary Gigerism, snobbery—I don’t know how to choose the right expression to be understood.
[ 22 ] Dann hatte ich ja, nachdem die «Philosophie der Freiheit» geschrieben war, zunächst zu studieren, wie sich da oder dort das weiter entwickelte. Ich meine nicht die Ideen der «Philosophie der Freiheit», denn ich wußte sehr gut, daß in der ersten Zeit sehr wenige Exemplare des Buches verkauft worden sind, sondern ich meine diejenigen Impulse, aus denen herausgegriffen waren die Ideen der «Philosophie der Freiheit». Ich hatte das zunächst noch eine Anzahl von Jahren von Weimar aus zu studieren, was aber einen guten Gesichtspunkt schon abgab.
[ 22 ] So, after *The Philosophy of Freedom* had been written, I first had to study how things had developed further here and there. I do not mean the ideas in *The Philosophy of Freedom*, for I knew very well that very few copies of the book had been sold in the early days; rather, I mean those impulses from which the ideas in *The Philosophy of Freedom* were drawn. I had to study this for a number of years from Weimar, but it already provided a good perspective.
[ 23 ] Ein Publikum, auf das vielleicht viele als auf ein bängliches zurückschauen, ein Publikum fand ja die «Philosophie der Freiheit». Sie war erst kurze Zeit erschienen, da fand sich gewissermaßen eine Art von bis zu einer gewissen Grenze gehender Zustimmung zur «Philosophie der Freiheit» innerhalb derjenigen Kreise, welche am besten vielleicht charakterisiert sind durch die beiden Namen des Amerikaners Benjamin Tucker und des schottischen Deutschen oder deutschen Schotten John Henry Mackay. Es war dies in dem nun immer mehr und mehr hereinbrechenden Philisterium selbstverständlich nicht gerade ein Empfehlungsschein, weil diese Leute zu den radikalsten Erstrebern einer auf freie Geistigkeit aufgebauten sozialen Ordnung gehörten, und weil man, wenn man gewissermaßen protegiert wurde von diesen Leuten, wie es ja eine Zeitlang der «Philosophie der Freiheit» geschah, sich dadurch höchstens das Anrecht erwarb, daß nicht nur die «Philosophie der Freiheit», sondern auch andere meiner später erscheinenden Schriften zum Beispiel nach Rußland von der Zensur nie durchgelassen worden sind. Das «Magazin für Literatur», das ich später, nach Jahren herausgegeben habe, ist aus diesem Grunde auf seinen meisten Spalten schwarz angestrichen nach Rußland gewandert, und so weiter. Nur war diese Bewegung, um die es sich da handelte und die man durch Namen wie Benjamin Tucker und John Henry Mackay charakterisieren kann, allmählich, ich möchte sagen, versandet in dem heraufkommenden Philisterium des Zeitalters. Und im Grunde genommen war auch die Zeit dem Verständnisse der «Philosophie der Freiheit» nicht besonders günstig. Ich konnte ruhig diese «Philosophie der Freiheit» vorläufig liegen lassen. Jetzt scheint mir aber allerdings die Zeit gekommen zu sein, wo diese «Philosophie der Freiheit» wenigstens wieder da sein muß, wo von den verschiedensten Seiten doch vielleicht die Seelen kommen werden, die Fragen stellen, welche in der Richtung dieser «Philosophie der Freiheit» liegen.
[ 23 ] The *Philosophy of Freedom* did, after all, find an audience that many might look back on with trepidation. It had only been published a short time when, to a certain extent, a kind of limited approval of the *Philosophy of Freedom* emerged within those circles that are perhaps best characterized by the two names of the American Benjamin Tucker and the Scottish German—or German Scot—John Henry Mackay. In the increasingly pervasive philistine atmosphere of the time, this was, of course, not exactly a letter of recommendation, because these people belonged to the most radical advocates of a social order based on free intellectualism, and because, if one was, so to speak, under the patronage of these people—as was indeed the case for a time with the *Philosophy of Freedom*—one thereby earned, at most, the right that not only the *Philosophy of Freedom* but also other writings of mine that appeared later were never allowed through the censors, for example, into Russia. The *Magazin für Literatur*, which I edited years later, was sent to Russia with most of its columns blacked out for this very reason, and so on. However, this movement—which can be characterized by names such as Benjamin Tucker and John Henry Mackay—gradually, I would say, petered out amid the rising philistinism of the age. And, fundamentally speaking, the times were not particularly conducive to an understanding of *The Philosophy of Freedom*. I could safely set aside this “Philosophy of Freedom” for the time being. Now, however, it seems to me that the time has indeed come when this “Philosophy of Freedom” must at least be back in the picture, for perhaps souls will emerge from the most diverse quarters who will ask questions that point in the direction of this “Philosophy of Freedom.”
[ 24 ] Gewiß, Sie können sagen, es wäre immerhin möglich gewesen die ganzen Jahre her, die «Philosophie der Freiheit» neu aufzulegen. Ich zweifle ja auch nicht daran, daß man im Laufe der Jahre viele Auflagen hätte absetzen können. Aber es wäre eben dabei geblieben, daß die «Philosophie der Freiheit» verkauft worden wäre. Und darum handelt es sich mir bei meinen wichtigsten Büchern wahrlich nicht, daß sie in so und so viel Exemplaren durch die Welt wandeln, sondern darum handelt es sich mir, daß sie verstanden und in ihrem eigentlichen inneren Impuls aufgenommen werden.
[ 24 ] Of course, you might say that it would have been possible, after all, to reprint *The Philosophy of Freedom* over the years. I do not doubt, either, that many editions could have been sold over the years. But the fact would have remained that the *Philosophy of Freedom* would have been sold. And that is truly not what matters to me with regard to my most important books—that so many or so few copies circulate throughout the world—but rather that they be understood and received in accordance with their true inner impulse.
[ 25 ] Dann, im Jahre 1897, kam ich von Weimar nach Berlin. Ich trat aus jenem Milieu heraus, von dem aus ich gewissermaßen von außen die Entwickelung der Zeit zu verfolgen hatte. Ich kam nach Berlin. Ich hatte, als Neumann-Hofer das «Magazin» aufgegeben hatte, es erworben, um eine Tribüne zu haben, Ideen, welche ich für wirklich im wahren Sinne des Wortes zeitgemäß halte, vor der Welt vertreten zu können. Allerdings, schon als bald nach meinem Eintreten in das «Magazin» mein Briefwechsel mit John Henry Mackay erschien, tanzte das frühere Philisterium, aus dem die Abonnenten des «Magazin» bestanden, durchaus nicht freudig, und ich bekam von allen Seiten die Vorwürfe: Ja, was macht denn der Steiner eigentlich aus diesem alten «Magazin», was soll das werden? — Die ganze Berliner Professorenschaft, die dazumal, soweit sie für Philologisches oder für Literatur interessiert war, noch das «Magazin» abonniert hatte — es war im Jahre 1832, also schon in Goethes Sterbejahr begründet worden, was unter anderm auch einer der Gründe war, warum die Professorenwelt es abonniert hatte —, diese Professorenwelt bestellte nun bald nach und nach das «Magazin» ab. Und ich hatte auch bei der Herausgabe des «Magazin» eben durchaus das Talent, die Leute vor den Kopf zu stoßen, nicht das Zeitalter, aber die Leute vor den Kopf zu stoßen.
[ 25 ] Then, in 1897, I moved from Weimar to Berlin. I stepped out of that milieu, from which I had, so to speak, been observing the developments of the times from the outside. I came to Berlin. When Neumann-Hofer had given up the *Magazin*, I had acquired it in order to have a platform from which to present to the world ideas that I consider truly contemporary in the truest sense of the word. However, as soon as my correspondence with John Henry Mackay appeared shortly after I joined the *Magazin*, the former philistines—who made up the *Magazin*’s subscriber base—were by no means pleased, and I was bombarded from all sides with accusations: “Well, what on earth is Steiner doing to this old *Magazin*? What’s it all coming to?” — The entire Berlin professoriate, which at that time—insofar as it was interested in philology or literature—had still subscribed to the *Magazin*—it was in the year 1832, —founded in 1832, the very year of Goethe’s death, which was, among other things, one of the reasons why the professorial community had subscribed to it—this professorial community soon began, little by little, to cancel their subscriptions to the *Magazin*. And I, too, in publishing the *Magazin*, certainly had a knack for offending people—not the age, but the people themselves.
[ 26 ] Ich möchte nur an eine kleine Episode dabei erinnern. Unter denjenigen Männern innerhalb der zeitgenössischen Geisteskultur, die sich am allerintensivsten einsetzten für dasjenige, was ich auf dem Gebiete des Goetheanismus geleistet hatte, befand sich ein Professor an einer Universität. Ich erzähle nur eine Tatsache. Diejenigen, die mich kennen, werden es mir nicht als eine Albernheit auslegen, wenn ich Ihnen sage, daß mir jener Professor im «Russischen Hof» in Weimar einmal gesagt hat: Ach, gegenüber dem, was Sie über Goethe geschrieben haben, verblaßt doch alles, was wir irgendwie Unbedeutendes in Anknüpfung an Goethe sagen können. — Ich erzähle eine Tatsache, und ich sehe nicht ein, warum unter den Verhältnissen, wie sie geworden sind, man just solche Dinge verschweigen soll. Denn schließlich bleibt ja doch auch der zweite Teil des Goetheschen Ausspruchs wahr — der erste Teil ist ja nicht von Goethe —: Eitel Eigenlob stinkt, aber wie fremder ungerechter Tadel duftet, darüber unterrichten sich die Leute eben seltener.
[ 26 ] I would just like to recall a small episode from that time. Among those men in contemporary intellectual circles who were most ardently committed to what I had accomplished in the field of Goetheanism was a university professor. I am simply stating a fact. Those who know me will not take it as a trifle when I tell you that this professor once said to me at the “Russischer Hof” in Weimar: “Oh, compared to what you have written about Goethe, everything we can say that is in any way insignificant in connection with Goethe pales in comparison.” — I am recounting a fact, and I do not see why, given the circumstances as they have developed, one should keep such things to oneself. For after all, the second part of Goethe’s saying remains true—the first part, of course, is not by Goethe—: “Vain self-praise stinks, but how sweetly unjust criticism from others smells—that is something people rarely learn.”
[ 27 ] Nun, jener selbige Literaturprofessor, der mir dieses gesagt hatte, war auch Abonnent des «Magazin». Sie wissen ja, welche weltgeschichtlichen Fragen dazumal der Dreyfus-Prozeß aufgewirbelt hat. Ich hatte im «Magazin» nicht nur über den Dreyfus-Prozeß selber eine Mitteilung gemacht, die eigentlich nur von mir gemacht werden konnte, sondern ich war auch mit aller Energie eingetreten für die berühmte Rede, welche dazumal als «J’accuse-Rede» Emile Zola für Dreyfus gehalten hat. Ich bekam darauf von jenem Literaturprofessor, der mir früher manches Anbeterische in allerlei Briefen geschrieben hat, es auch hat drucken lassen, ich könnte es heute noch zeigen, auf einer Postkarte die Nachricht: Hierdurch bestelle ich das «Magazin für Literatur» ein für allemal ab, da ich ein Organ, das für den sein Vaterland verratenden Judensöldling Emile Zola eintritt, nicht in meiner Bibliothek dulden mag. — Das ist nur eine solche Episode, die ich, ich darf schon sagen in diesem Falle, ins Hundertfache vermehren könnte. Es würde sich manches Charakteristische ergeben, wenn ich Ihnen erzählen würde, in welche Kenntnis erweckenden Zusammenhänge mich dann die Redaktion des «Magazin für Literatur» gebracht hat. Sie brachte mich ja auch in Zusammenhang mit alledem, was jung aufstrebte im modernen Kunst- und Literatentum. Nun ja, auch das ist ein Kapitel, ich möchte sagen, das sich anschließt an die Geschichte der «Philosophie der Freiheit».
[ 27 ] Well, that very same literature professor who had told me this was also a subscriber to *Magazin*. As you know, the Dreyfus trial stirred up some major questions of world history at the time. Not only had I published an article in *Magazin* about the Dreyfus trial itself—an article that really could only have been written by me—but I had also thrown my full support behind the famous speech that Émile Zola delivered on Dreyfus’s behalf, known at the time as the “J’accuse” speech. In response, I received a message on a postcard from that professor of literature—who had previously written me many adoring letters, some of which he even had printed (I could still show them to you today)—stating: “I hereby cancel my subscription to the *Magazin für Literatur* once and for all, as I cannot tolerate in my library a publication that defends Emile Zola, that Jewish mercenary who betrayed his fatherland.” — That is just one such episode which I could—and I may well say in this case—multiply a hundredfold. Many characteristic details would emerge if I were to tell you about the eye-opening connections to which the editorial staff of the *Magazin für Literatur* then introduced me. It also brought me into contact with everything that was emerging in modern art and literature. Well, that, too, is a chapter—I would say—that follows on from the history of *The Philosophy of Freedom*.
[ 28 ] Ich war nach Berlin gekommen, vielleicht naiverweise, um zu beobachten, wie durch solch eine Tribüne wie das «Magazin» sich Zukunftsideen einleben könnten bei einigen Menschen, wenigstens solange die materiellen Mittel vorhielten, die das «Magazin» zur Verfügung hatte, und solange das alte Ansehen, das ich allerdings gründlich untergrub, vorhielt. Aber ich konnte ja naiverweise zusehen, wie sich solche Ideen unter derjenigen Bevölkerung ausbreiteten, die sich ihre Weltanschauung auf den die Menschen so sehr vergründlichenden Bierphilister Wilhelm Bölsche und ähnliche Helden aufbaute. Das alles waren außerordentlich interessante Studien, die man machen konnte und die nach den verschiedensten Richtungen hin mancherlei Aufschlüsse gaben über dasjenige, was in der Zeit steckt und nicht steckt.
[ 28 ] I had come to Berlin—perhaps naively—to observe how, through a platform such as *Magazin*, ideas about the future might take root among some people, at least as long as the material resources available to *Magazin* lasted, and as long as its old prestige—which I, admittedly, thoroughly undermined—endured. But I was, naively enough, able to watch as such ideas spread among the segment of the population that based its worldview on Wilhelm Bölsche—that beer-drinking philistine who so thoroughly dulled people’s minds—and similar heroes. All of these were extraordinarily interesting studies to undertake, and they provided all sorts of insights in various directions into what the times did and did not entail.
[ 29 ] Durch meine Freundschaft mit Otto Erich Hartleben kam ich dann eigentlich mit allen oder wenigstens mit einer großen Zahl der jung aufstrebenden Literaten, die zum großen Teil jetzt schon wieder abgewirtschaftet haben, gerade in der damaligen Zeit zusammen. Ob ich nun in diese Gesellschaft hineinpaßte oder nicht, das habe ich nicht zu entscheiden. Eines der Mitglieder dieser Gesellschaft hat jüngst einen Artikel in der «Vossischen Zeitung» geschrieben, worin er mit einer gewissen Pedanterie zu beweisen versucht, daß ich allerdings in diese Gesellschaft nicht hineingepaßt hätte und mich ausgenommen hätte wie ein «freischweifender unbesoldeter Gottesgelehrter» innerhalb von Leuten, die eben allerdings nicht freischweifende unbesoldete Gottesgelehrte waren, aber die wenigstens junge Literaten waren.
[ 29 ] Through my friendship with Otto Erich Hartleben, I actually came into contact with all—or at least a large number—of the young, up-and-coming writers of that time, most of whom have since fallen on hard times. Whether I fit into that circle or not is not for me to decide. One of the members of this circle recently wrote an article in the *Vossische Zeitung* in which he attempts, with a certain pedantry, to prove that I certainly would not have fit into this circle and would have stood out like a “wandering, unsalaried theologian” among people who, admittedly, were not wandering, unsalaried theologians, but who were, at the very least, young writers.
[ 30 ] Vielleicht interessiert Sie auch das als eine Episode, wie ich gerade zu der wirklich eine Zeitlang anhänglichen Freundschaft Otto Erich Hartlebens gekommen bin. Es war noch während meiner Weimarer Zeit. Er kam zwar immer nach Weimar zu den Goethe-VersammJungen, die er aber regelmäßig verschlief, denn er hatte es zu seiner Lebensgewohnheit gemacht, erst um zwei Uhr nachmittags aufzustehen, und um zehn Uhr fingen die Goethe-Versammlungen an. Wenn die Goethe-Versammlungen aus waren, besuchte ich ihn und traf ihn dann regelmäßig noch im Bette. Dann saßen wir aber abends noch zuweilen zusammen. Und seine besondere Anhänglichkeit, die dauerte, bis die ja viel Staub aufwirbelnde, sich um mich herumspinnende Nietzsche-Affäre auch diesen Otto Erich Hartleben von mir wegbrachte. Wir saßen zusammen, und ich weiß, wie er Freundschaftsfunken fing, als ich dazumal mitten im Gespräch epigrammatisch die Worte hinwarf: Schopenhauer ist eben ein borniertes Genie gewesen. — Das gefiel Otto Erich Hartleben. Es gefiel ihm an demselben Abend, als ich noch manches andere sprach, so daß der später bekannt gewordene Max Martersteig über meine Reden aufsprang und sagte: Reizen Sie mich nicht, reizen Sie mich nicht!
[ 30 ] You might also be interested in this anecdote about how I came to form a friendship with Otto Erich Hartleben that lasted for quite some time. It was still during my time in Weimar. He did come to Weimar for the Goethe gatherings, but he regularly overslept them, since he had made it a habit to get up only at two in the afternoon, and the Goethe gatherings began at ten. When the Goethe gatherings were over, I would visit him and would regularly find him still in bed. But then we would sometimes sit together in the evenings. And his special affection lasted until the Nietzsche affair—which stirred up so much dust and swirled around me—also drove this Otto Erich Hartleben away from me. We sat together, and I know how he caught the spark of friendship when, in the middle of our conversation at that time, I epigrammatically tossed out the words: Schopenhauer was, after all, a narrow-minded genius. — That pleased Otto Erich Hartleben. It pleased him that very same evening, when I said many other things as well, so that Max Martersteig—who later became well-known—jumped up in response to my remarks and said: “Don’t provoke me, don’t provoke me!”
[ 31 ] Nun ja, an einem der Abende, die dazumal im Kreise des hoffnungsvollen Otto Erich Hartleben und des hoffnungsvollen Max Martersteig und anderer Leute zugebracht worden waren, entstand ja auch die erste Serenissimus-Anekdote, von der ja alle Serenissimus-Anekdoten ihren Ausgangspunkt genommen haben. Ich möchte dieses nicht unerwähnt lassen, es gehört ganz gewißlich zu dem Milieu der «Philosophie der Freiheit», denn die Stimmung der «Philosophie der Freiheit» lag doch wenigstens über dem Kreise, in dem ich verkehrte, und ich weiß heute noch, welche Anregung — wenigstens hat er es so gesagt — Max Halbe gerade von der «Philosophie der Freiheit» empfangen hat. Also diese Leute haben sie schon gelesen, und es ist manches aus der «Philosophie der Freiheit» an Impulsen eingeflossen in manches, was immerhin in der Welt weht. Diese Ur-Serenissimus-Anekdote, von der dann alle anderen Serenissimus-Anekdoten Kinder sind, ist also durchaus nicht hervorgegangen aus einer Stimmung, um, sagen wir, sich bloß lustig zu machen über irgendeine Persönlichkeit, sondern sie ist hervorgegangen aus jener Stimmung, die auch verknüpft sein muß mit dem, was der Impuls der «Philosophie der Freiheit» ist: mit einer gewissen humoristischen Lebensauffassung, oder, wie ich oftmals sage, mit einer gewissen unsentimentalen Lebensauffassung, die insbesondere dann notwendig ist, wenn man sich auf den Standpunkt des intensivsten geistigen Lebens stellt. Diese Ur-Anekdote, sie ist ja diese.
[ 31 ] Well, on one of the evenings spent back then in the circle of the hopeful Otto Erich Hartleben, the hopeful Max Martersteig, and others, the first “Serenissimus” anecdote—from which all “Serenissimus” anecdotes originated—was born. I would not want to leave this unmentioned; it certainly belongs to the milieu of the *Philosophy of Freedom*, for the spirit of the *Philosophy of Freedom* certainly extended beyond the circle in which I moved, and I still know today what inspiration—at least that is what he said—Max Halbe received specifically from the *Philosophy of Freedom*. So these people had already read it, and many of the impulses from *The Philosophy of Freedom* have flowed into much of what is, after all, circulating in the world. This original “Serenissimus” anecdote—from which all the other “Serenissimus” anecdotes are derived—did not, therefore, arise from a mood intended, let’s say, merely to make fun of some personality, but rather from that mood which must also be linked to the impulse of *The Philosophy of Freedom*: a certain humorous outlook on life, or, as I often say, a certain unsentimental outlook on life, which is particularly necessary when one adopts the standpoint of the most intense intellectual life. This original anecdote—well, it is this one:
[ 32 ] Serenissimus besucht das Zuchthaus seines Landes, und er will sich einen Sträfling vorführen lassen, worauf ihm ein Sträfling wirklich vorgeführt wird. Er stellt dann eine Reihe von Fragen an diesen Sträfling: Wie lange halten Sie sich hier auf? — Bin schon zwanzig Jahre hier, — Schöne Zeit das, schöne Zeit, zwanzig Jahre, schöne Zeit das! Was hat Sie denn veranlaßt, mein Lieber, hier Ihren Aufenthaltsort zu nehmen? — Ich habe meine Mutter ermordet. — Ach so, so! Merkwürdig, höchst merkwürdig, Ihre Frau Mutter haben Sie ermordet? Merkwürdig, höchst merkwürdig! Ja, sagen Sie mir, mein Lieber, wie lange gedenken Sie sich noch hier aufzuhalten? — Bin lebenslänglich verurteilt. — Merkwürdig! Schöne Zeit das! Schöne Zeit! Na, ich will Ihre kostbare Zeit nicht weiter mit Fragen in Anspruch nehmen. Mein lieber Direktor, diesem Manne werden die letzten zehn Jahre seiner Strafe in Gnaden erlassen.
[ 32 ] His Serene Highness visits his country’s prison and asks to be shown a prisoner, whereupon a prisoner is indeed brought before him. He then asks this prisoner a series of questions: How long have you been here? — I’ve been here for twenty years, — What a fine time that is, what a fine time—twenty years, what a fine time! What, my dear fellow, led you to take up residence here? — I murdered my mother. — Oh, I see, I see! Strange, most strange—you murdered your own mother? Strange, most strange! Yes, tell me, my dear fellow, how much longer do you intend to stay here? — I’ve been sentenced to life. — Strange! What a lovely time! What a lovely time! Well, I won’t take up any more of your precious time with questions. My dear warden, this man’s last ten years of his sentence will be remitted as an act of clemency.
[ 33 ] Nun, das war die Ur-Anekdote. Sie war durchaus nicht hervorgegangen aus einer niederträchtigen Stimmung, sondern sie war hervorgegangen aus einem Humoristisch-Nehmen desjenigen, was, wenn es not tut, durchaus auch in allen seinen ethischen Werten genommen werden konnte und so weiter. Ich bin überzeugt davon, daß, wenn es je hätte vorkommen können, daß die Persönlichkeit, auf die, vielleicht mit Unrecht, diese Anekdote vielfach gemünzt wurde, diese Anekdote selber gelesen hätte, sie herzlichst darüber gelacht hätte.
[ 33 ] Well, that was the original anecdote. It certainly did not stem from a malicious spirit, but rather from a humorous take on something that, when necessary, could certainly also be taken in all its ethical seriousness, and so on. I am convinced that, if it had ever been possible for the person to whom—perhaps unjustly—this anecdote was often attributed to have read it himself, he would have laughed heartily at it.
[ 34 ] Dann konnte ich, wie gesagt, in Berlin beobachten, sehen, wie in dem Kreise, den ich Ihnen eben angegeben habe, versucht wurde, etwas von der neuen Zeit heraufzuführen. Aber es spielte ja schließlich in alles ein wenig Bölsche hinein, und ich meine damit natürlich nicht den in Friedrichshagen wohnhaften dicken Bölsche allein, sondern ich meine die ganze Bölscherei, die ja in der Philisterwelt unserer Zeit eine außerordentlich breite Rolle spielt. Schon die ganze saftige Art der Darstellungen des Bölsche ist ja für unsere Zeitgenossen so ganz besonders geeignet. Nicht wahr, wer Bölsches Aufsätze liest, muß alle Augenblicke irgend etwas von Exkrementen oder dergleichen in die Hand nehmen. So ist sein Stil: Man nehme nur ja recht das und das in die Hand —, und es sind nicht immer bloß Quallen, die man in die Hand zu nehmen hat, wozu er einen einladet, daß man es in die Hand nehmen soll, sondern es ist wahrhaftig noch manches andere, was man da in die Hand zu nehmen hat. Aber diese Bölscherei ist so recht ein Leckerbraten für das in dieser Zeit heraufkommende Philistertum geworden.
[ 34 ] Then, as I said, I was able to observe in Berlin how, within the circle I just mentioned to you, attempts were being made to bring in something of the new era. But in the end, a little bit of “Bölsche” crept into everything—and by that I don’t mean just the fat Bölsche who lives in Friedrichshagen, of course, but rather the whole “Bölsche” phenomenon, which plays an extraordinarily prominent role in the philistine world of our time. Even the whole lurid style of Bölsche’s writings is, after all, so particularly suited to our contemporaries. Isn’t it true that anyone who reads Bölsche’s essays has to deal with something involving excrement or the like at every turn? Such is his style: “Just be sure to pick up this and that”—and it’s not always just jellyfish that one is invited to pick up, but there are truly many other things one is expected to handle. But this vulgarity has truly become a delicacy for the philistinism that is on the rise in this day and age.
[ 35 ] Es war ja nicht gerade eine richtige Art, das «Magazin» zu lancieren, was ich eines Tags in einer Nummer des «Magazins» tat. Der Max Halbe hatte eben seinen «Eroberer» aufführen lassen, der sicherlich das Stück mit dem besten Halbe-Wollen ist, das aber deshalb grandios durchgefallen ist in Berlin, und ich habe eine Kritik geschrieben, über die Max Halbe in heller Verzweiflung war, denn ich habe alle Berliner Zeitungen durchgenommen und einem nach dem anderen der Berliner Theaterkritiker das Nötige gesagt über ihren Verstand. Es war nicht gerade die richtige Art, das «Magazin» zu lancieren. Und so, nicht wahr, wurde das eine schöne Studienzeit. Man konnte wiederum in vieles von einem anderen Gesichtspunkte aus hineinschauen als von Weimar aus. Immer stand bei mir im Hintergrunde die Frage: Wie könnte die Zeit so etwas aufnehmen, wie es die Ideen der «Philosophie der Freiheit» sind? — Man wird schon, wenn man will, durch alles das, was ich in dem «Magazin für Literatur» geschrieben habe, den Geist der «Philosophie der Freiheit» wehen sehen. Doch das «Magazin für Literatur» wurde nicht in das moderne Philistertum hineinlanciert. Ich aber wurde selbstverständlich unter diesen verschiedenen Einflüssen nach und nach durch das moderne Philistertum herauslanciert.
[ 35 ] It wasn’t exactly the right way to launch the “Magazin,” which is what I did one day in an issue of the “Magazin.” Max Halbe had just staged his *Eroberer*, which is certainly the play that best embodies Halbe’s vision, but which, for that very reason, was a spectacular flop in Berlin, and I wrote a review that left Max Halbe in utter despair, because I went through all the Berlin newspapers and told each and every one of the Berlin theater critics exactly what I thought of their judgment. It wasn’t exactly the right way to launch the *Magazin*. And so, wasn’t it, it turned out to be a wonderful time of study. Once again, one could look at many things from a different perspective than from Weimar. The question was always in the back of my mind: How could the times accept something like the ideas of the *Philosophy of Freedom*? — If one wishes, one can indeed see the spirit of the *Philosophy of Freedom* blowing through everything I wrote in the *Magazin für Literatur*. Yet the *Magazin für Literatur* was not launched into modern philistinism. I, however, was of course gradually propelled out of modern philistinism by these various influences.
[ 36 ] Da bot sich gerade Gelegenheit, eine andere Tribüne zu finden angesichts der großen Fragen, welche um die Jahrhundertwende alle Welt bewegten und mit denen ich ja schon in so innige Beziehungen getreten war durch John Henry Mackay, durch Tucker, der von Amerika nach Berlin gekommen war und mit dem sehr interessante Abende zugebracht worden waren. Es bot sich mir die Gelegenheit, eine andere Tribüne zu finden. Es war die Tribüne der sozialistischen Arbeiterschaft. Und ich habe Jahre hindurch den Unterricht auf den verschiedensten Gebieten geleitet in der Berliner Arbeiterbildungsschule, von da ausgehend dann in allen möglichen Vereinigungen der sozialistischen Arbeiterschaft Vorträge gehalten, da ich nach und nach aufgefordert worden bin, nicht nur diese Vorträge zu halten, sondern mit den Leuten auch Redeübungen zu treiben. Die Leute waren ja nicht nur darauf aus, dasjenige klar kennenzulernen, was ich Ihnen in diesen Tagen auseinandergesetzt habe, sondern sie waren immer darauf aus, wirklich auch reden zu können, das vertreten zu können, was sie als das Richtige glaubten vertreten zu müssen. Da gab es selbstverständlich über alle möglichen Gebiete die eingehendsten Diskussionen in allen möglichen Kreisen. Es war wiederum ein anderer Gesichtspunkt, die Weltentwickelung der neueren Zeit kennenzulernen.
[ 36 ] At that very moment, an opportunity arose to find a different platform in light of the major issues that were stirring the entire world at the turn of the century—issues with which I had already formed such close ties through John Henry Mackay and through Tucker, who had come to Berlin from America and with whom I had spent many fascinating evenings. I was given the opportunity to find a different platform. It was the platform of the socialist working class. And for years I led classes in a wide variety of subjects at the Berlin Workers’ Educational School; from there, I went on to give lectures in all sorts of socialist workers’ associations, as I was gradually asked not only to give these lectures but also to conduct public speaking exercises with the people. People were not only interested in clearly understanding what I have explained to you these past few days, but they were always eager to actually be able to speak and defend what they believed was right. Naturally, there were the most in-depth discussions on all sorts of topics in all kinds of circles. It was, in turn, another perspective: gaining an understanding of recent global developments.
[ 37 ] Nun, gerade innerhalb dieser Kreise konnte man interessant finden, wie eines nicht hineinspielen durfte, und das ist dasjenige, was für die heutige Zeit und ihr richtiges Verständnis von so unendlicher Wichtigkeit ist. Ja, ich konnte von allem möglichen sprechen — denn wenn man sachlich spricht, kann man heute, ganz abgesehen von Standpunkten der proletarischen Bevölkerung, von allem möglichen sprechen —, just nicht von Freiheit. Von Freiheit zu sprechen, das erschien als das außerordentlich Gefährliche. Ich hatte nur einen einzigen Anhänger, der immer aufstand, wenn ich meine Freiheitstiraden, wie sie selbstverständlich die anderen nannten, gehalten hatte und der hierbei an meiner Seite stand. Ich weiß nicht, was aus ihm geworden ist. Es war der Pole Siegfried Nacht, der immer an meine Seite getreten ist, wenn es sich darum handelte, gerade die Freiheit gegenüber dem Sozialismus mit seinem absolut unfreien Programm zu betrachten.
[ 37 ] Well, it was precisely within these circles that one might find it interesting to note what was not allowed to be discussed—and that is precisely what is of such immense importance for the present day and for a proper understanding of it. Yes, I could speak about all sorts of things—because if one speaks objectively, one can speak about all sorts of things today, quite apart from the viewpoints of the proletarian population—but just not about freedom. To speak of freedom seemed extraordinarily dangerous. I had only one supporter who always stood up after I had delivered my “tirades on freedom”—as the others, of course, called them—and who stood by my side on these occasions. I do not know what became of him. It was the Pole Siegfried Nacht, who always stood by my side whenever it came to considering freedom in contrast to socialism with its utterly unfree program.
[ 38 ] Wer die heutige Zeit betrachtet mit alledem, was heraufzieht, der wird finden, daß in dem, was heraufzieht, gerade dasjenige fehlt, was die «Philosophie der Freiheit» will. Die «Philosophie der Freiheit» begründet in einer freien, geistigen Denkerarbeit eine zwar mit der Naturwissenschaft völlig im Einklang stehende, aber über die Naturwissenschaft eben frei hinausgehende Wissenschaft von der Freiheit. Dieser Teil, der macht es möglich, daß wirklich freie Geister sich innerhalb der heutigen sozialen Ordnung ausbilden könnten. Denn würde die Freiheit bloß als Wirklichkeit der Freiheit ergriffen ohne die solide Grundlage der Wissenschaft von der Freiheit, so würde im Zeitalter, in dem sich das Böse so einnistet, wie ich es gestern charakterisiert habe, die Freiheit notwendigerweise nicht führen müssen zu freien Geistern, sondern zu zuchtlosen Geistern. Einzig und allein in der strengen inneren Zucht, welche in dem nicht am Gängelbande der Sinne lebenden Denken gefunden werden kann, in wirklich denkerischer Wissenschaft ist dasjenige zu finden, was für das gegenwärtige Zeitalter, das die Freiheit realisieren muß, eben notwendig ist.
[ 38 ] Anyone who looks at the present age, with all that is on the horizon, will find that what is on the horizon lacks precisely what the *Philosophy of Freedom* seeks. The *Philosophy of Freedom* establishes, through free, intellectual thought, a science of freedom that is fully in harmony with the natural sciences but also freely transcends them. It is this aspect that makes it possible for truly free spirits to develop within today’s social order. For if freedom were grasped merely as the reality of freedom without the solid foundation of the science of freedom, then in an age in which evil takes root as I characterized it yesterday, freedom would not necessarily lead to free spirits, but rather to undisciplined spirits. It is solely in the strict inner discipline found in thought that is not bound by the leashes of the senses—in truly intellectual science—that we find what is precisely necessary for the present age, which must realize freedom.
[ 39 ] Aber was dem, was sich als radikale Partei herauferhebt, was schon seine Impulse geltend machen wird auch gegen die ihre Zeit gründlich mißverstehenden Nationalisten aller Schattierungen, was diesem Sozialismus fehlt, das ist die Möglichkeit, zu einer Wissenschaft der Freiheit zu kommen. Denn wenn es eine für die Gegenwart wichtige Wahrheit gibt, so ist es die: Von dem Vorurteil des alten Adels, des alten Bürgertums, der alten militaristischen Ordnungen hat sich der Sozialismus freigemacht. Dagegen ist er um so mehr verfallen dem Glauben an die unfehlbare materialistische Wissenschaft, an den Positivismus, wie er heute gelehrt wird. Dieser Positivismus, von dem ich Ihnen zeigen konnte, daß er nichts anderes ist als die Fortsetzung des Beschlusses vom achten ökumenischen Konzil von Konstantinopel, 869, dieser Positivismus ist dasjenige, welches wie ein unfehlbarer abstrakter Papst gerade die radikalsten Parteien bis zum Bolschewismus hin mit eisernen Fangklammern umgibt und sie hindert, irgendwie ins Reich der Freiheit hereinzukommen.
[ 39 ] But what this party—which is emerging as a radical force and will certainly assert its influence even against nationalists of all stripes who thoroughly misunderstand their own times—lacks is the ability to arrive at a science of freedom. For if there is one truth of importance for the present, it is this: Socialism has freed itself from the prejudices of the old aristocracy, the old bourgeoisie, and the old militaristic orders. In contrast, it has all the more succumbed to the belief in infallible materialist science, in positivism as it is taught today. This positivism—which, as I have shown you, is nothing other than the continuation of the resolution of the Eighth Ecumenical Council of Constantinople, 869—this positivism is the very force that, like an infallible, abstract pope, encircles even the most radical parties, right up to Bolshevism, with iron clamps and prevents them from entering the realm of freedom in any way.
[ 40 ] Das ist auch der Grund, warum, auch wenn er noch so sehr sich geltend machen wird, dieser Sozialismus, der nicht begründet ist in der Entwickelung der Menschheit, nichts anderes kann, als vielleicht lange Zeit die Welt erschüttern, aber niemals kann er sie erobern. Dies ist auch der Grund, warum er nicht selber die Schuld hat an dem, was er schon verschuldet hat, sondern warum die anderen die Schuld haben, jene, die ihn nicht zu einem Druckproblem, wie ich gezeigt habe, sondern zu einem Saugproblem werden ließen, werden lassen wollen.
[ 40 ] That is also the reason why, no matter how strongly it asserts itself, this socialism—which is not grounded in the development of humanity—can do nothing more than perhaps shake the world for a long time, but it can never conquer it. This is also why it is not itself to blame for what it has already caused, but rather why the others are to blame—those who, as I have shown, have allowed it to become not a problem of pressure but a problem of suction, and who wish to continue allowing it to be so.
[ 41 ] Gerade diese Unmöglichkeit, aus der Umklammerung der positivistischen Wissenschaft, der materialistischen Wissenschaft loszukommen, das ist das Charakteristische der modernen Arbeiterbewegung von dem Standpunkte aus, der seinen Gesichtspunkt bei der Entwickelung der Menschheit sucht und nicht bei den, seien es veralteten Ideen des Bürgertums, oder seien es oftmals neue Ideen genannte sozialen Ideen, oder dem Wilsonismus und so weiter.
[ 41 ] It is precisely this inability to break free from the stranglehold of positivist science and materialist science that characterizes the modern labor movement from a standpoint that seeks its perspective in the development of humanity, rather than in the outdated ideas of the bourgeoisie, or in so-called “new” social ideas, or in Wilsonism, and so on.
[ 42 ] Nun, ich habe öfter erwähnt, daß es ja sehr gut ginge, in die Arbeiterschaft geistiges Leben hineinzubringen. Aber die Führerschaft der Arbeiterschaft will das nicht haben, was nicht auf marxistischem Boden gewachsen ist. Und so wurde ich ja auch da nach und nach herauslanciert. Ich lancierte Geist, versuchte es, es gelang auch bis zu einem gewissen Grade, aber mich lancierte man nach und nach heraus. Als ich das einmal geltend machte in einer Versammlung, wo alle meine Schüler waren, die nach Hunderten zählten, und nur vier Leute waren, die von der Parteileitung gegen mich hineingeschickt waren, aber die doch bewirkten, daß ich natürlich nicht bleiben konnte — ich höre noch lebhaft, wie ich sagte: Nun, wenn man schon will, daß der Sozialismus irgendwie etwas zu tun habe mit der Entwickelung nach der Zukunft hin, so muß er doch die Freiheit des Lehrens, die freien Ideen gelten lassen —, da rief einer der abgeschickten Trabanten der Parteileitung: Es kann sich innerhalb unserer Partei und deren Schulen nicht handeln um Freiheit, sondern um einen vernünftigen Zwang. — Solche Dinge charakterisieren, ich möchte sagen, tief symptomatisch dasjenige, was pulst und west in unserer Zeit.
[ 42 ] Well, I have often mentioned that it would be quite possible to bring intellectual life into the working class. But the leadership of the working class does not want anything that has not grown out of Marxist soil. And so I was gradually pushed out of that circle as well. I promoted intellectual life, I tried, and I succeeded to a certain extent, but they gradually pushed me out. Once, when I raised this issue at a meeting where all my students were present—numbering in the hundreds—and there were only four people sent in by the party leadership to oppose me, yet they managed to ensure that I, of course, could not stay—I can still vividly hear myself saying: “Well, if one wants socialism to have anything to do with development toward the future, then it must allow for freedom of teaching and free ideas”—at that moment, one of the henchmen sent by the party leadership shouted: “Within our party and its schools, it cannot be a matter of freedom, but of reasonable coercion.” — Such things characterize—I would say, are deeply symptomatic of—what is pulsing and stirring in our time.
[ 43 ] Man muß die Zeit auch an ihren bedeutungsvollen Symptomen erfassen. Man soll ja nicht glauben, daß das moderne Proletariat nicht nach geistiger Nahrung drängt. Es drängt furchtbar und intensiv darnach. Aber die Nahrung, die geboten wird, sie ist zum Teil diejenige, auf die ohnedies das moderne Proletariat schwört, nämlich die positivistische Wissenschaft, die materialistische Wissenschaft, oder zum Teil ist es unverdauliches Zeug, das den Leuten eben Steine statt Brot gibt.
[ 43 ] One must also understand the times through their significant symptoms. One should not believe that the modern proletariat does not crave intellectual nourishment. It craves it terribly and intensely. But the nourishment that is offered is, in part, the very thing to which the modern proletariat swears by anyway—namely, positivist science, materialist science—or, in part, it is indigestible stuff that gives people stones instead of bread.
[ 44 ] Sie sehen, die «Philosophie der Freiheit» mußte sich auch da stoßen, weil gerade ihr Fundamentalimpuls, der Freiheitsimpuls, keinen Platz hat in dieser modernsten Bewegung.
[ 44 ] As you can see, the “Philosophy of Freedom” was bound to meet with resistance there as well, because its very fundamental impulse—the impulse toward freedom—has no place in this most modern movement.
[ 45 ] Dann, noch ehe dieses gewissermaßen zu Ende gegangen war, kam das andere. Ich wurde aufgefordert, in der Berliner «Theosophischen Gesellschaft» einen Vortrag zu halten, der dann dazu führte, daß ich einen ganzen Winter hindurch Vorträge zu halten hatte. Ich habe das erzählt in der Vorrede zu meiner «Mystik im Aufgange des neuzeitlichen Geisteslebens». Und das Ganze brachte dann das von verschiedenen Seiten her Ihnen ja erzählte Verhältnis zur sogenannten theosophischen Bewegung. Es muß immer wieder betont werden, weil das immer wieder verkannt wird, daß ich niemals irgendwie gesucht habe Anschluß an die Theosophische Gesellschaft. So albern es klingt: die «Theosophische Gesellschaft» hat Anschluß an mich gesucht. Und als mein Buch «Die Mystik im Aufgange des neuzeitlichen Geisteslebens» erschienen ist, wurde es nicht nur in vielen Kapiteln für die «Theosophical Society» in England übersetzt, sondern Bertram Keightley und George Mead, die dazumal eine hohe Stellung einnahmen in der «Theosophical Society», sagten mir: Da steht eigentlich alles das schon drin, und zwar in einer richtigen Weise, was wir zu verarbeiten haben. — Ich hatte dazumal überhaupt noch nichts von den Büchern der «Theosophical Society» gelesen, und las es dann — ich hatte immer einen kleinen Horror davor — mehr oder weniger «amtlich».
[ 45 ] Then, even before that had come to an end, so to speak, the other thing happened. I was asked to give a lecture at the Berlin “Theosophical Society,” which then led to my having to give lectures throughout an entire winter. I recounted this in the preface to my book *Mysticism at the Dawn of Modern Spiritual Life*. And all of this then led to the relationship with the so-called Theosophical Movement that has been described to you from various perspectives. It must be emphasized again and again—because this is repeatedly misunderstood—that I never in any way sought to join the Theosophical Society. As silly as it sounds: the “Theosophical Society” sought to connect with me. And when my book *Mysticism at the Dawn of Modern Spiritual Life* was published, not only were many of its chapters translated for the “Theosophical Society” in England, but Bertram Keightley and George Mead, who at that time held high positions in the “Theosophical Society,” told me: “Everything we need to work through is actually already in there, and in just the right way.” — At that time, I hadn’t read any of the books published by the “Theosophical Society” at all, and then I read them—I’d always been a bit wary of them—more or less “officially.”
[ 46 ] Aber es handelte sich darum, gewissermaßen den Zuschnitt, den Impuls auch da aus dem Wirken und Wesen und Weben der Zeit heraus zu ergreifen. Man hatte mich aufgefordert einzutreten. Ich konnte mit Fug und Recht eintreten, folgend meinem Karma, weil ich vielleicht eine Tribüne finden konnte, um das, was ich zu sagen hatte, vorzubringen. Allerdings, man mußte viel Plackereien übernehmen. Ich möchte wiederum einiges nur symptomatologisch andeuten. So zum Beispiel versuchte ich, als ich das erstemal teilnahm an einem Kongreß der «Theosophical Society» in London, einen gewissen Gesichtspunkt hineinzubringen. Ich hielt eine ganz kurze Rede. Es war in der Zeit, als eben die Entente cordiale geschlossen worden war, und als alles unter dem Eindrucke der eben abgeschlossenen Entente cordiale stand. Ich hatte versucht zu charakterisieren, daß es sich in der Bewegung, die die «Theosophical Society» darstellen will, nicht darum handeln kann, von irgendeinem Zentrum aus irgend etwas als theosophische Weisheit zu verbreiten, sondern daß es sich lediglich darum handeln kann, daß das, was die neuere Zeit von allen Seiten der Welt heraufbringt, gewissermaßen an einer gemeinsamen Stätte eine Art Vereinigungspunkt hat. Und ich hatte dazumal geschlossen mit den Worten: Wenn wir auf den Geist bauen, wenn wir geistige Gemeinschaft.in wirklich konkreter, positiver Weise suchen, so daß der Geist, der da und dort erzeugt wird, nach einem gemeinsamen Zentrum der «Theosophical Society» getragen wird, dann bauen wir eine andere Entente cordiale.
[ 46 ] But the point was, in a sense, to seize the opportunity, the impulse, from the workings, essence, and fabric of time itself. I had been asked to join. I was fully justified in joining, in accordance with my karma, because I might be able to find a platform from which to present what I had to say. However, there was a lot of drudgery involved. I would like, once again, to hint at a few things merely as symptoms. For example, when I first attended a congress of the “Theosophical Society” in London, I tried to introduce a certain point of view. I gave a very short speech. It was at a time when the Entente Cordiale had just been concluded, and when everything was under the influence of that recently concluded Entente Cordiale. I had tried to explain that the movement the “Theosophical Society” seeks to represent cannot be about disseminating anything as theosophical wisdom from some central hub, but rather that it can only be about providing a kind of unifying focal point—in a sense—where the developments emerging from all corners of the world in modern times converge. And I had concluded at the time with the words: If we build upon the Spirit, if we seek spiritual communion in a truly concrete, positive way, so that the Spirit generated here and there is carried toward a common center of the “Theosophical Society,” then we are building a different Entente cordiale.
[ 47 ] Von dieser anderen Entente cordiale sprach ich dazumal in London. Es war meine erste Rede, die ich in der «Theosophical Society» gehalten habe, und ganz in aller Absicht sprach ich von dieser anderen Entente cordiale. Mrs. Besant fand ja, wie sie sich ausdrückte — sie fügte immer zu all den Dingen, die gesprochen wurden, solche obrigkeitlichen Schwänze hinzu —, daß der «German speaker» elegant gesprochen hatte. Aber die Sympathien waren durchaus nicht auf meiner Seite, sondern es war dasjenige, was ich sagte, eben so, daß es ertrank in der Flut von Redensarten und von Worten, während das, was die Leute wollten, doch mehr bei dem Buddhistengigerl Jinarajadasa war. Und auch das nahm ich dazumal symptomatologisch: Nachdem ich von etwas doch welthistorisch Wichtigem, der anderen Entente cordiale, gesprochen hatte, setzte ich mich wieder nieder, und von seinem etwas erhöhten Platze wankte, trippelte herab — ich muß sagen trippelte, um die Sache ganz genau zu bezeichnen —, sein Spazierstöckchen auf den Boden stampfend, das Buddhistengigerl Jinaradjadasa, welches die Sympathien hatte, während vielleicht bei mir dazumal einiger Wortschwall hängenblieb.
[ 47 ] I spoke about this other Entente cordiale back then in London. It was the first speech I gave at the Theosophical Society, and I spoke quite deliberately about this other Entente cordiale. Mrs. Besant thought—as she put it—she always added such pompous flourishes to everything that was said—that the “German speaker” had spoken elegantly. But the audience’s sympathies were by no means on my side; rather, what I said was simply lost in the flood of clichés and empty words, while what the people really wanted was more in line with what the young Buddhist, Jinarajadasa, had to say. And I took that as symptomatic at the time as well: After I had spoken of something of world-historical importance—the other Entente cordiale—I sat down again, and from his somewhat elevated seat, the little Buddhist Jinarajadasa staggered, tripped down—I must say “tripped” to describe the matter quite precisely— stamping his little walking stick on the floor—the Buddhist Jinarajadasa, who had everyone’s sympathy, while perhaps a torrent of words of mine lingered in the air at the time.
[ 48 ] Ich habe vom Anfange an betont — Sie brauchen nur meine «Theosophie» in die Hand zu nehmen, lesen Sie die Vorrede —, daß dasjenige, was da kommen wird auf theosophischem Gebiete, in der Linie laufen wird, welche durch die «Philosophie der Freiheit» eröffnet worden ist. Ich habe vielleicht es manchem schwierig gemacht, die geradlinige Fortsetzung zu finden zwischen den Impulsen, die in der «Philosophie der Freiheit» lagen und demjenigen, was ich später geschrieben habe und was so genommen worden ist, daß sich die Leute doch außerordentlich schwer bequemt haben, gerade und wahr das zu nehmen, was ich zu sprechen versuchte, was ich drucken zu lassen versuchte. Man mußte Plackereien auf sich nehmen. Man wurde ja keineswegs innerhalb der Gesellschaft, in die man sich nicht selbst hineingestellt hatte, die einen in sich hineingestellt hatte, nach dem genommen, was man gab, sondern nach Schlagworten, nach Schablonen. Und das dauerte ja ziemlich lange, bis, wenigstens in einer Art von Kreis, man nicht mehr bloß nach Schablonen, nach Schlagworten genommen wurde. Im Grunde genommen war es ziemlich gleichgültig, was ich selber sagte, war es ziemlich gleichgültig, was ich selber drucken ließ. Gewiß, die Leute lasen es, aber daß man etwas liest, das besagt ja noch nicht, daß man etwas aufgenommen hat. Die Leute lasen es; es erlebte sogar Auflagen, immer wieder und wiederum neue Auflagen. Die Leute lasen es, aber dasjenige, wonach sie es beurteilten, war nicht das, was aus meinem Munde kam, was in meinen Büchern stand, sondern es war das, was sich der eine ausgebildet hatte als das Mystische, der andere als das Theosophische, der dritte als das, der vierte als das, und in einen Nebel von Anschauungen, die sich die Leute selber zusammenbrauten, kam dann dasjenige, was als Urteil in der Welt figurierte. Es war keineswegs außerordentlich reizvoll und ideal, danach die «Philosophie der Freiheit» wieder auflegen zu lassen. Diese «Philosophie der Freiheit» wollte herausgeschrieben sein — wenn sie auch natürlich nur einseitig und nur unvollkommen, manchmal ungeschickt darstellt einen kleinen Impuls aus dem fünften nachatlantischen Zeitraum —, sie wollte herausgeschrieben sein aus dem, was das Wesentliche, das Bedeutungsvolle, das eigentlich Wirksame in dieser fünften nachatlantischen Kulturperiode ist.
[ 48 ] I have emphasized from the very beginning—you need only pick up my *Theosophy* and read the preface—that what is to come in the field of theosophy will follow the line opened up by *The Philosophy of Freedom*. I may have made it difficult for some to see the direct continuity between the impulses contained in *The Philosophy of Freedom* and what I wrote later—which was interpreted in such a way that people found it extraordinarily difficult to accept, accurately and truthfully, precisely what I was trying to say and what I was trying to have published. One had to put up with a lot of hassle. After all, within a society into which one had not placed oneself—but which had placed one within itself—one was by no means judged by what one contributed, but rather by catchphrases and stereotypes. And it took quite a long time before, at least within a certain circle, one was no longer judged merely by stereotypes and catchphrases. Basically, it didn’t really matter what I said myself, nor did it really matter what I had published. Sure, people read it, but just because you read something doesn’t mean you’ve taken it in. People read it; it even went through print runs, again and again, with new editions each time. People read it, but what they used to judge it by was not what came from my mouth or what was written in my books; rather, it was what one person had conceived as “mystical,” another as “theosophical,” a third as one thing, a fourth as another, and into a fog of views that people concocted for themselves, and that is what then emerged as the judgment circulating in the world. It was by no means particularly appealing or ideal to have the *Philosophy of Freedom* reprinted on that basis. This “Philosophy of Freedom” needed to be written down—even if, naturally, it presents only one side of the story and only imperfectly, sometimes clumsily, a small impulse from the fifth post-Atlantean epoch—it needed to be written down from what is essential, significant, and truly effective in this fifth post-Atlantean cultural epoch.
[ 49 ] So möchte ich jetzt, wo nach einem Vierteljahrhundert diese «Philosophie der Freiheit» wieder erscheint, eben betont haben, daß sie erst hervorgegangen ist aus einem intensiven Miterleben mit der Zeit, wirklich aus einem Hineinschauen in die Zeit, aus dem Versuch zu erlauschen, was die Zeit an Impulsen braucht. Und jetzt, nachdem diese Katastrophe über die Menschheit gekommen ist, nach fünfundzwanzig Jahren, sehe ich, daß — man möge mir das zur Albernheit auslegen — dieses Buch ein wahrhaft im wahrsten Sinne des Wortes zeitgemäßes ist, allerdings in jenem absonderlichen Sinne zeitgemäß, daß die Zeitgenossen alles dasjenige nicht haben und oftmals nichts davon wissen wollen, was in diesem Buche steht.
[ 49 ] Now that this *Philosophy of Freedom* is being republished after a quarter-century, I would like to emphasize that it arose precisely from an intense engagement with the times—truly from a deep look into the times—and from an attempt to discern what impulses the times require. And now, after this catastrophe has befallen humanity, twenty-five years later, I see that—though one might dismiss this as foolishness—this book is truly contemporary in the truest sense of the word, albeit in that peculiar sense that our contemporaries lack everything contained in this book and often do not even want to know about it.
[ 50 ] Würde man verstehen, was mit diesem Buche gewollt war für die Grundlegung des ethischen Individualismus, für die Grundlegung eines sozialen und eines politischen Lebens, würde man richtig verstanden haben, was mit diesem Buche gemeint war, dann würde man wissen: Es gibt Mittel und Wege, die Menschheitsentwickelung heute in fruchtbare Bahnen zu leiten, andere Mittel und Wege, als es der falscheste wäre, den man nur einschlagen könnte: bloß zu schimpfen über die radikalen Parteien, bloß zu schimpfen und Anekdoten zu erzählen über den Bolschewismus. — Es wäre traurig, wenn das Bürgertum nicht darüber hinauskäme, sich nur dafür zu interessieren, was die Bolschewiken da und dort gemacht haben, wie sie sich gegen diese und jene Leute benehmen; denn das trifft nichts in Wirklichkeit. Dasjenige, um was es sich handelt, ist, daß man wirklich studiert, welche in einem gewissen Sinne berechtigte Forderungen sich da von einer Seite erheben. Und kann man eine Weltanschauung und eine Lebensauffassung finden, welche zu sagen wagen darf: Dasjenige, was ihr wollt mit euren unvollkommenen Mitteln, erlangt ihr, wenn ihr den Weg, der hier verzeichnet wird, geht, und noch vieles andere —, wenn man wagen darf, das zu sagen — und ich bin überzeugt davon, daß, wenn man durchdrungen ist von der «Philosophie der Freiheit», man das sagen darf —, dann würde sich ein Licht finden. Dazu ist das Einleben einer wirklichen Weltanschauung der Freiheit aber dringend notwendig. Dazu ist notwendig, daß man den ethischen Individualismus in seiner Wurzel zu erfassen vermag, wie er sich aufbaut auf der Einsicht, daß der Mensch den geistigen Intuitionen des Weltengeschehens gegenübersteht, daß der Mensch, indem er in sich erfaßt nicht den Hegelschen Gedanken, sondern das freie Denken, tatsächlich, wie ich es einmal populär auszudrücken versuchte in meiner kleinen Schrift «Grundlinien einer Erkenntnistheorie der Goetheschen Weltanschauung», mit dem in Zusammenhang steht, was man nennen kann das Durchpulsieren der kosmischen Impulse durch das menschliche Innere,
[ 50 ] If one were to understand what this book intended to achieve in laying the foundation for ethical individualism, for the foundation of social and political life—if one were to have truly grasped the meaning of this book—then one would know: There are ways and means to steer humanity’s development onto a fruitful path today—ways and means other than the most misguided course one could possibly take: merely railing against the radical parties, merely railing and telling anecdotes about Bolshevism. — It would be sad if the bourgeoisie could not move beyond merely taking an interest in what the Bolsheviks have done here and there, or how they behave toward this or that group of people; for that misses the point entirely. What is at stake is that one truly examine which demands—justified in a certain sense—are being raised by one side. And if one can find a worldview and a philosophy of life that dares to say: “What you seek to achieve with your imperfect means, you will attain if you follow the path outlined here, and much more besides”—if one dares to say so—and I am convinced that, if one is imbued with the “Philosophy of Freedom,” if one may say so—then a light would be found. For this, however, it is urgently necessary to internalize a genuine worldview of freedom. To this end, it is necessary to grasp ethical individualism at its root, as it is built upon the insight that human beings stand face to face with the spiritual intuitions of world events; that human beings, by embracing within themselves not Hegelian thought but free thinking, in fact—as I once attempted to express in popular terms in my short work “Grundlinien einer Erkenntnistheorie der Goetheschen Weltanschauung,” is in fact connected to what might be called the pulsing of cosmic impulses through the human inner being,
[ 51 ] Von da aus aber allein ist der Freiheitsimpuls zu fassen, von da aus aber allein ist es möglich, an eine Regeneration derjenigen Impulse heranzutreten, die jetzt alle in Sackgassen enden. Der Tag, der da bringen wird die Einsicht, was es für ein Wortgepränge ist, wenn man diskutiert über solche Begriffe, die nur noch Worthülsen sind, wie Recht, Gewalt und so weiter, der Tag, der die Einsicht bringen wird, daß man es da mit Worthülsen zu tun hat, und der die Einsicht bringen wird, daß die durch geistige Erlebnisse erfaßte Idee der Freiheit allein zur Wirklichkeit führen kann, der Tag allein wird eine neue Morgenröte über die Menschheit heraufbringen können. Dazu muß überwunden werden der Bequemlichkeitssinn, der jetzt tief eingewurzelt ist in den Menschen. Gewöhnen müssen sich die Menschen, nicht herumzureden, wie es heute in der landläufigen Wissenschaft geschieht, über alles mögliche Soziale, über alle möglichen Quacksalbereien zur Verbesserung der sozialen, der politischen Ordnung, gewöhnen müssen sich die Menschen, zu verankern dasjenige, was sie auf diesem Felde suchen, in einer gediegenen, soliden geisteswissenschaftlihen Weltanschauung. Der Freiheitsgedanke muß in einer Wissenschaft der Freiheit verankert sein.
[ 51 ] But it is only from there that the impulse toward freedom can be grasped; and it is only from there that it is possible to approach a regeneration of those impulses that now all end in dead ends. The day will come when people realize what empty rhetoric it is to discuss concepts that are nothing more than empty phrases—such as “justice,” “violence,” and so on— the day that will bring the realization that we are dealing with empty phrases, and that will bring the realization that the idea of freedom grasped through spiritual experiences alone can lead to reality—that day alone will be able to bring a new dawn upon humanity. To this end, the sense of complacency that is now deeply rooted in people must be overcome. People must accustom themselves not to prattle on, as is done today in mainstream academia, about all manner of social issues, about all manner of quackery aimed at improving the social and political order; people must accustom themselves to grounding what they seek in this field in a sound, solid spiritual-scientific worldview. The idea of freedom must be anchored in a science of freedom.
[ 52 ] Daß man der durchbölschten Bourgeoisie nicht leicht das beibringen kann, wohl aber dem Proletariat, das hat sich mir manchmal gezeigt. Unter anderem auch, als ich in Spandau einmal aus den Reihen der dort versammelten Arbeiter, zunächst um ein paar Worte zu sagen, was aber dann eine fünf Viertelstunden lange Rede geworden ist, nachdem Rosa Luxemburg — sie ist ja hinlänglich bekannt — ihre große Rede gehalten hatte, vor einer Arbeiterschaft, die aber nicht nur eine Arbeiterschaft war, sondern die Weib und Kind mitgebracht hatte, Wickel- und kleine Kinder, die geschrien hatten, Hunde und alles mögliche war im Saal — als ich hinterher, nachdem die Rosa Luxemburg ihre Rede über «die Wissenschaft und die Arbeiter» gehalten hatte, gerade daran anknüpfte, daß ein wirkliches Fundament schon daläge: das wäre, Wissenschaft geistig zu erfassen, das heißt, aus dem Geiste heraus nach einer neuen Lebensgestaltung zu suchen, da fand ich mit solchen Dingen immer einige Zustimmung. Aber es riß eben bis heute alles ab an der Indolenz derjenigen, welche Wissenschaft treiben und von denen ja die Arbeiter schließlich auch die Wissenschaft haben, an der Indolenz der Naturforscher, der Ärzte, der Juristen, der Philosophen, der Philologen und so weiter. Wir hatten alle möglichen Leute erlebt; wir haben erlebt den Hertzka mit seinem «Freiland», wir haben Michael Flürscheim erlebt, wir hatten manchen anderen erlebt, der große soziale Ideen verwirklichen wollte, alle scheiterten an dem, woran gescheitert werden muß: daß diese Ideen nicht aufgebaut sind auf einer geisteswissenschaftlichen Grundlage, auf der Grundlage eines freien wissenschaftlichen Denkens, sondern eines am Gängelbande der äußeren sinnenfälligen Welt sich korrumpierenden Denkens, wie das Denken der modernen positivistischen Wissenschaft ist. Der Tag, der brechen wird mit jener Verleugnung des Geistes, die der modernen positivistischen Wissenschaft eignet, der Tag, an dem man erkennen wird, daß gebaut werden muß auf dem von der Sinnlichkeit emanzipierten Denken und den Untersuchungen der geistigen Welt, an Stelle alles desjenigen, was auf ethischem, sozialem und politischem Gebiete als sogenannte Wissenschaft aufgerufen wird, der Tag wird wirklich die Morgenröte einer neuen Menschheit sein. Der Tag wird die Morgenröte einer neuen Menschheit sein, der solche Worte, wie ich sie höchst unvollkommen heute zu prägen versuchte, nicht mehr finden wird als die Worte eines Predigers in der Wüste, sondern als die Worte, die den Weg finden zu den Herzen, zu den Seelen der Zeitgenossen. Alles mögliche, sogar Woodrow Wilson hören sich die Leute an, und noch viel mehr tun sie, als ihn anhören; aber dasjenige, was herausgeholt ist aus dem Geiste der Entwickelung der Menschheit, das findet schwer Zugang zu den Herzen und zu den Seelen der Menschen. Das aber muß den Zugang finden! Ergreifen muß es die Herzen und die Seelen der Menschen, was durch die Welt gehen würde, wenn Freiheit verstanden würde, Freiheit verstanden aber nicht aus zuchtlosem Geiste, sondern aus freiem, aus solidest denkendem Geiste. Wenn verstanden würde, was Freiheit und ihre Ordnung in der Welt bedeuten würde, dann würde in das Dunkel Licht hineinkommen, das heute vielfach angestrebt wird.
[ 52 ] It has sometimes become clear to me that this is not something that can easily be taught to the complacent bourgeoisie, but certainly to the proletariat. Among other things, this became clear to me once in Spandau, when I stepped out of the ranks of the workers gathered there—initially to say a few words, but which then turned into a speech lasting five quarters of an hour—after Rosa Luxemburg—who, as is well known, had delivered her great speech—before a crowd of workers who were not merely workers, but had brought their wives and children with them, infants and small children who had been crying, dogs, and all sorts of things in the hall—when, afterward, after Rosa Luxemburg had delivered her speech on “Science and the Workers,” I picked up on the very point that a real foundation already existed: that is, to grasp science intellectually, which means to seek a new way of life from within the spirit—I always found some agreement on such matters. But right up to today, everything has come to a halt because of the indolence of those who pursue science—and from whom the workers ultimately derive their science—because of the indolence of natural scientists, doctors, lawyers, philosophers, philologists, and so on. We had encountered all sorts of people; we had encountered Hertzka with his “Freiland,” we had encountered Michael Flürscheim, and we had encountered many others who wanted to realize great social ideas; all of them failed at the very point where failure was inevitable: that these ideas are not built upon a foundation of the humanities, upon the basis of free scientific thought, but rather upon a mode of thought that becomes corrupted while tethered to the external, sensory world—just as the thinking of modern positivist science is. The day that will dawn, breaking with that denial of the spirit characteristic of modern positivist science—the day when people will recognize that we must build upon thinking emancipated from sensuality and upon investigations of the spiritual world, instead of everything that is invoked as so-called science in the ethical, social, and political spheres—that day will truly be the dawn of a new humanity. That day will be the dawn of a new humanity, in which words such as these—which I have attempted to articulate today, however imperfectly—will no longer be regarded merely as the words of a preacher in the wilderness, but as words that find their way into the hearts and souls of our contemporaries. People listen to all sorts of things—even Woodrow Wilson—and they do far more than just listen to him; but that which is drawn from the spirit of humanity’s evolution finds it difficult to gain access to the hearts and souls of people. Yet it is precisely that which must find its way in! It must seize the hearts and souls of people—that which would spread throughout the world if freedom were understood, not in the spirit of licentiousness, but in the spirit of freedom and soundest thinking. If it were understood what freedom and its order in the world would mean, then light would enter the darkness that is so often sought today.
[ 53 ] Das wollte ich auch einmal gerade im Anschluß an historische Ideen zu Ihnen sprechen. Die Zeit ist um. Ich hätte noch vieles andere auf dem Herzen, darüber kann ein andermal gesprochen werden. Wenn ich es ein wenig durchsetzt habe mit allerlei symptomatischen persönlichen Dingen aus der Zeit, die ich in dieser Inkarnation selbst durchlebt habe, so nehmen Sie mir das nicht übel, denn ich wollte Ihnen dadurch zeigen, daß es stets mein Bestreben war, die Dinge, die auch persönlich an mich herantreten, nicht persönlich zu nehmen, sondern selbst als Symptome, die dasjenige offenbaren, was die Zeit und der Zeitgeist von uns wollen.
[ 53 ] I wanted to mention that to you as well, right after discussing historical ideas. Time is up. I still have many other things on my mind, but we can talk about those another time. If I have interspersed my remarks with all sorts of symptomatic personal details from the time I myself lived through in this incarnation, please do not hold it against me, for I wanted to show you that it has always been my aim not to take things that affect me personally to heart, but rather to view them as symptoms that reveal what the times and the spirit of the age demand of us.
