Historical Symptomatology
GA 185
1 November 1918, Dornach
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Historical Symptomatology, tr. SOL
Siebenter Vortrag
Seventh Lecture
[ 1 ] Ich möchte in diesen Tagen durch die anzustellenden Betrachtungen zweierlei vor Ihre Seele hinstellen. Das eine und das andere werden scheinbar wenig zusammenhängen, doch werden Sie, wenn wir zum Schluß unserer Betrachtungen gekommen sind, bemerken, daß zwischen dem einen und dem anderen doch ein recht innerlicher Zusammenhang besteht. Ich möchte nämlich, wie ich ja schon gesagt habe, einiges in diesen Betrachtungen vorbringen, was Gesichtspunkte, symptomatische Anhaltspunkte gibt über die Religionsentwickelung der bis jetzt verflossenen Zeit in der fünften nachatlantischen Periode. Aber ich möchte auf der anderen Seite ein wenig vor Ihre Seele führen, inwieferne gerade jene Art geistigen Lebens, das wir pflegen wollen, im Zusammenhange stehen kann mit einer Anstalt, die den Namen Goetheanum führen kann.
[ 1 ] In the coming days, I would like to present two things for your consideration through the reflections I will be sharing. At first glance, the two may seem unrelated, but by the time we reach the end of our reflections, you will notice that there is, in fact, a very deep connection between them. For, as I have already said, I would like to present in these reflections certain points of view and symptomatic indications regarding the development of religion in the fifth post-Atlantean period up to the present time. But on the other hand, I would like to shed some light on how precisely the kind of spiritual life we wish to cultivate can be connected to an institution that bears the name Goetheanum.
[ 2 ] Ich denke mir, daß es in der Gegenwart vor allen Dingen eine gewisse Bedeutung hat, was man in einem solchen Falle beschließt. Wir stehen ja gegenwärtig in einem Entwickelungspunkte der Menschheit, wo die Zukunft gewissermaßen alles mögliche bringen kann und wo es darauf ankommt, auch einer ungewissen Zukunft recht mutig ins Auge schauen zu können, aber wo es auch darauf ankommt, aus dem Nerv der Zeit heraus zu solchen Entschließungen zu kommen, denen man eine gewisse Bedeutung beimißt. Die äußerliche Veranlassung zur Aufstellung des Namens Goetheanum scheint mir ja doch die zu sein, daß ich vor einiger Zeit in öffentlichen Vorträgen gesagt habe, daß ich meiner Privatmeinung nach das Haus, in dem die Geistesrichtung gepflegt werden soll, die ich meine, am liebsten Goetheanum nennen möchte. Es ist ja auch schon im vorigen Jahre über diese Namengebung debattiert worden, und dieses Jahr haben sich einige unserer Freunde entschlossen, nun dafür einzutreten, daß dieser Name Goetheanum gewählt wird. Ich sagte schon neulich: Es gibt für mich eine ganze Anzahl von Gründen — aber die lassen sich nicht so ohne weiteres in Worte kleiden; sie werden aber vielleicht doch zutage treten können, wenn ich heute davon ausgehe, eine Basis zu schaffen durch ähnliche Betrachtungen, wie ich sie das letzte Mal hier vor Ihnen angestellt habe, eine Basis zu schaffen für die religionsgeschichtlichen Betrachtungen, die wir dann in diesen Tagen anstellen wollen.
[ 2 ] I believe that, in the present day, what one decides in such a case is of particular significance. After all, we are currently at a point in human development where the future, so to speak, holds all kinds of possibilities, and where it is important not only to be able to face an uncertain future with courage, but also to arrive at decisions—based on the spirit of the times—to which one attaches a certain significance. The outward impetus for proposing the name “Goetheanum” seems to me to be the fact that some time ago, in public lectures, I stated that, in my personal opinion, I would most like to call the building—in which the spiritual orientation I have in mind is to be cultivated—the “Goetheanum.” This naming issue was, after all, already debated last year, and this year some of our friends have decided to advocate for the name “Goetheanum” to be chosen. As I said recently: There are quite a number of reasons for me—but they cannot be easily put into words; however, they may yet come to light if I proceed today to lay a foundation through reflections similar to those I presented here before you last time—a foundation for the reflections on the history of religion that we then intend to undertake in the coming days.
[ 3 ] Sie wissen ja— und ich würde eben Persönliches nicht berühren, wenn es nicht insbesondere heute mit Sachlichem und auch mit unseren Angelegenheiten bezüglich des Goetheanums zusammenhinge —, Sie wissen ja, daß meine hauptsächlichste erste öffentliche literarische Tätigkeit mit dem Namen Goethe verknüpft ist, und Sie wissen ja wohl auch, daß diese erste öffentliche literarische Tätigkeit sich entwickelte innerhalb eines Territoriums, auf dem ja heute selbst schon für diejenigen, die durchaus nicht sehen wollen, die durchaus schlafen wollen, die gewaltigen katastrophalen Ereignisse zu sehen sind, wahrzunehmen sind. Und auch dasjenige, was ich denken muß vom Gesichtspunkte geisteswissenschaftlicher Weltbetrachtung aus im Zusammenhange mit Goethe, ist für mich ebenso wie das, was ich neulich mit Bezug auf die «Philosophie der Freiheit» gesagt habe, gewiß auf der einen Seite eine persönliche Angelegenheit, auf der anderen Seite aber ist dieses Persönliche durchaus verknüpft mit der Entwickelung der Ereignisse in den letzten Jahrzehnten. Nicht, wirklich nicht ohne einen inneren Zusammenhang mit der Entstehung auf der einen Seite meiner «Philosophie der Freiheit», auf der anderen Seite meiner GoetheSchriften, ist eben doch die Tatsache, daß ich bis zum Ende der achtziger Jahre des 19. Jahrhunderts in Österreich gelebt habe und dann nach Deutschland, zunächst nach Weimar, später nach Berlin gekommen bin. Es ist natürlich in einem äußeren Zusammenhange, aber die Besprechung eines solchen äußeren Zusammenhanges führt nach und nach, wenn man die Symptome richtig ins Auge faßt, auch sachgemäß in das Innere. Sie werden ja schon bemerkt haben, gerade aus den historischen Skizzen, die ich Ihnen gegeben habe, wie ich dasjenige, was ich geschichtliche Symptomatologie nenne, im Leben anwenden muß, wie ich die Geschichte sowohl wie das einzelne Menschenleben aus den Symptomen und ihren Offenbarungen heraus begreifen muß, weil sich von da aus alles zurückführen läßt auf das wirkliche innere Geschehen. Aber man muß wirklich auch den Willen haben, von den äußeren Tatsachen zu dem inneren Geschehen überzugehen.
[ 3 ] As you know—and I would not bring up personal matters if they were not, especially today, connected to factual issues and also to our affairs regarding the Goetheanum— you know, of course, that my most significant early public literary work is linked to the name of Goethe, and you are surely also aware that this early public literary work developed within a realm where, even today, the immense, catastrophic events can be seen and perceived—even by those who absolutely do not want to see, who absolutely want to remain asleep. And what I must think—from the perspective of a spiritual-scientific worldview—in connection with Goethe is, for me, just as much a personal matter as what I recently said regarding the *Philosophy of Freedom*; on the one hand, it is certainly a personal matter, but on the other hand, this personal aspect is thoroughly linked to the course of events over the past decades. The fact that I lived in Austria until the end of the 1880s and then moved to Germany—first to Weimar, later to Berlin—is by no means, truly not, without an inner connection to the emergence, on the one hand, of my *Philosophy of Freedom* and, on the other hand, of my writings on Goethe. Of course, this is an external connection, but a discussion of such an external connection gradually leads—if one correctly grasps the symptoms—to the inner reality as well. You will already have noticed, precisely from the historical sketches I have given you, how I must apply what I call “historical symptomatology” in life, how I must understand both history and the individual human life through the symptoms and their manifestations, because from there everything can be traced back to the actual inner process. But one must truly have the will to move from the external facts to the inner processes.
[ 4 ] Sehen Sie, viele Menschen in der Gegenwart möchten übersinnlich schauen lernen; aber der Weg dazu, der ist dann schwieriger, und den möchten die meisten Menschen vermeiden. Daher ist es auch in der Gegenwart noch vielfach so, daß sich für manche Menschen, die übersinnlich schauen können, das äußere Leben ganz getrennt abspielt von ihrem übersinnlichen Schauen. Allerdings, wenn diese Trennung der Fall ist, dann kann das übersinnliche Schauen auch nicht sehr viel wert sein, kann kaum über die persönlichsten Momente hinauskommen. Unsere Zeit ist eine Zeit des Überganges. Gewiß ist jede Zeit eine Zeit des Überganges, es kommt nur darauf an, einzusehen, was übergeht. Aber es geht Wichtiges über; es geht über dasjenige, was gerade den Menschen im Innersten berührt, was für den Menschen im Innersten wichtig ist. Wenn man wachend verfolgt, was das sogenannte gebildete Publikum in den letzten Jahrzehnten über die ganze zivilisierte Welt hin eigentlich getrieben hat, so kommt man, wie ich schon angedeutet habe, zu einem recht traurigen Bilde einer im Schlafe befindlichen Menschheit. Das soll keine Kritik, auch kein Impuls zum Pessimismus sein, sondern ein Impuls zur Einpflanzung solcher Kräfte, welche den Menschen befähigen, wenigstens zunächst dasjenige zu erreichen, was ja doch das wichtigste ist, vorläufig das wichtigste ist: Einsicht zu bekommen, richtige Einsicht. Die Gegenwart muß über manche Illusion hinwegkommen, muß zu Einsichten kommen.
[ 4 ] You see, many people today would like to learn to see supernaturally; but the path to that is more difficult, and most people would prefer to avoid it. That is why, even today, it is often the case that for some people who can see supernaturally, their outer life unfolds completely separate from their supernatural vision. However, if this separation exists, then the supersensory perception cannot be of great value; it can scarcely extend beyond the most personal moments. Our time is a time of transition. Certainly, every age is a time of transition; it simply depends on recognizing what is changing. But something important is passing away; what is passing away is precisely that which touches people in their innermost being, that which is most important to them in their innermost being. If one closely observes what the so-called educated public has actually been doing throughout the civilized world in recent decades, one arrives, as I have already indicated, at a rather sad picture of a humanity that is asleep. This is not meant to be a criticism, nor an impetus toward pessimism, but rather an impetus to instill the kinds of forces that enable people to achieve, at least for the time being, what is after all the most important—for the time being, the most important: to gain insight, true insight. The present must overcome many illusions; it must arrive at insights.
[ 5 ] Fragen Sie zunächst nicht: Was soll ich tun, oder was soll der oder jener tun? — Das alles sind heute in gewisser Beziehung deplacierte Fragen für die meisten Menschen zunächst. Dagegen ist eine wichtige Frage die: Wie bekomme ich Einsicht in die gegenwärtigen Verhältnisse? — Wird genügend Einsicht da sein, dann wird schon das Richtige geschehen. Dann entwickelt sich ganz gewiß dasjenige, was sich entwickeln soll, wenn sich die richtige Einsicht entwickelt. Aber es muß eben mit vielem gebrochen werden. Es muß vor allen Dingen an die Menschen die Einsicht herankommen, daß die äußeren Ereignisse wirklich nichts anderes sind als Symptome für einen inneren, im übersinnlichen Felde liegenden Gang der Entwickelung, in dem nicht nur das geschichtliche Leben drinnensteht, sondern in dem wir, jeder einzelne, drinnenstehen mit unserem gesamten menschlichen Sein.
[ 5 ] Don’t start by asking: What should I do, or what should this or that person do? — For most people today, these are, in a certain sense, questions that are out of place at first. An important question, on the other hand, is: How can I gain insight into the current circumstances? — If there is sufficient insight, then the right thing will happen. Then, without a doubt, what is meant to develop will develop once the right insight has taken hold. But many things must be broken with. Above all, people must come to realize that external events are really nothing other than symptoms of an inner course of development lying in the supersensible realm—a course in which not only historical life is embedded, but in which we, each and every one of us, are embedded with our entire human being.
[ 6 ] Ich will Ihnen ein Beispiel sagen, von dem ich ausgehen will: Wir haben hier öfters von dem Dichter Robert Hamerling gesprochen. Die Gegenwart ist sehr stolz darauf, daß sie das sogenannte Kausalgesetz, das Ursachengesetz, auf alle möglichen Dinge anwenden kann. Diese Anwendung des Ursachengesetzes auf alle möglichen Dinge gehört geradezu zu den verhängnisvollsten Illusionen der Gegenwart. Wer Hamerlings Leben kennt, der weiß, welche große Bedeutung für Hamerlings ganze Seelenentwickelung der Umstand hatte, daß er, nachdem er kurze Zeit in Graz «supplierender Lehrer» gewesen war, wie man’s so nennt — das ist so eine Art Provisorium, bevor man angestellt wird als Gymnasiallehrer —, nachdem er in Graz an einem Gymnasium gewesen war, nach Triest versetzt wurde, von wo aus er mehrere Urlaube nehmen konnte, um nach Venedig zu kommen. Wer nun das Leben der zehn Jahre ins Auge faßt, die Hamerling da im Süden an der Adria verbracht hat, zum Teil in seiner Stellung als Gymnasiallehrer in Triest, zum Teil während seiner Besuche in Venedig, der sieht, wie in dieser Hamerling-Seele erstens ein glühender Enthusiasmus war für alles, was ihm der Süden darbieten konnte, wie er aber auch für seine ganze spätere Dichtung Lebensfähigkeit, seelische Lebensfähigkeit gesogen hat aus dem, was er da erfahren hat. Der ganze Hamerling, wie er konkret sich darlebt, müßte ein anderer sein, wenn er nicht die betreffenden zehn Jahre gerade in Triest, und mit den Urlauben in Venedig, verbracht hätte. |
[ 6 ] Let me give you an example that I’d like to use as a starting point: We’ve often spoken here about the poet Robert Hamerling. People today are very proud that they can apply the so-called law of causality—the law of cause and effect—to all manner of things. This application of the law of causality to all manner of things is, in fact, one of the most disastrous illusions of our time. Anyone familiar with Hamerling’s life knows how significant it was for the development of his entire soul that, after having been a “substitute teacher” in Graz for a short time—as it is called—that is, a sort of temporary position before being hired as a high school teacher— after having been at a high school in Graz, was transferred to Trieste, from where he was able to take several leaves of absence to visit Venice. Anyone who now considers the ten years Hamerling spent there in the south on the Adriatic, partly in his position as a high school teacher in Trieste, and partly during his visits to Venice, will see how Hamerling’s soul was, first of all, filled with a burning enthusiasm for everything the South had to offer, but also how he drew the vitality—the spiritual vitality—for all his later poetry from what he experienced there. The whole of Hamerling, as he actually lived his life, would have been a different person had he not spent those ten years precisely in Trieste, with his vacations in Venice. |
[ 7 ] Nun denken wir, es schreibt so ein richtiger spießiger BourgeoisProfessor eine Biographie Robert Hamerlings und wollte die Frage beantworten, wie der innere Zusammenhang ist, daß der Robert Hamerling gerade im rechten Augenblicke seines Lebens nach Triest versetzt wurde, daß er, der gar keine Mittel hatte, der ganz darauf angewiesen war, den Gehalt durch seine Stellung zu bekommen, im richtigen Augenblicke nach Triest versetzt worden ist. Ich will Ihnen erzählen, wie das gekommen ist äußerlich. Also Robert Hamerling war damals provisorischer Gymnasiallehrer — Supplent, wie man das in Österreich nennt — an dem Gymnasium in Graz. Solche supplierenden Lehrer sehnen sich häufig nach einer sogenannten definitiven Anstellung. Dazu muß man, da man es mit Behörden zu tun hat, alle möglichen Gesuche einreichen, «halbbrüchig» geschrieben, Zeugnisse beilegen, und so weiter. Das wird dann der nächsthöchsten Behörde gegeben, nicht wahr, die hat es hinzuleiten zu den übergeordneten Behörden und so weiter, ich will diesen Gang nicht weiter auseinandersetzen. Der Direktor jenes Gymnasiums in Graz, an dem Robert Hamerling supplierender Lehrer war, war damals der brave Kaltenbrunner. Robert Hamerling hörte: In Budapest gibt es eine Vakanz, da gibt es eine Gymnasiallehrerstelle. — Dazumal war der Dualismus Österreich-Ungarn noch nicht vorhanden, sondern es war noch so, daß die Gymnasiallehrer von Graz nach Budapest, von Budapest nach Graz versetzt werden konnten. Er machte sein Gesuch um diese Gymnasiallehrerstelle in Budapest, schrieb es schön und übergab es mit sämtlichen Zeugnissen dem braven Direktor Kaltenbrunner. Nun, der brave Kaltenbrunner legte es ins Fach hinein und vergaß es, vergaß die Geschichte, und das, was geschah, war, daß in Budapest von anderer Seite her die Stelle besetzt worden ist. Hamerling kriegte die Stelle nicht, aber just, weil der brave Kaltenbrunner vergessen hat, das Gesuch zu der höheren Behörde hinaufzuleiten, die es dann, wenn sie es nicht vergessen hätte, zu der nächsthöheren, diese wieder zu der nächsthöheren und so weiter geleitet hätte, bis es dann zum Minister gekommen wäre, dann wiederum herunter, nicht wahr, und so fort. Kurz und gut, es bekam ein anderer die Budapester Stelle, und Robert Hamerling verbrachte die zehn Jahre, um die es sich für ihn als wichtige Jahre handelte, nicht in Budapest, sondern in Triest, weil sich später in Triest eine Stelle fand, die ihm dann zugeteilt wurde, weil selbstverständlich ein zweites Mal der brave Kaltenbrunner das Gesuch Hamerlings nicht wiederum verbummelt hat, nicht wahr!
[ 7 ] Now, let’s imagine that a truly narrow-minded, bourgeois professor is writing a biography of Robert Hamerling and wants to answer the question of what the underlying connection is—that Robert Hamerling was transferred to Trieste at precisely the right moment in his life, that he, who had no means of his own and was entirely dependent on receiving a salary through his position, was transferred to Trieste at just the right moment. I’ll tell you how this came about from an external perspective. So Robert Hamerling was at the time a temporary high school teacher—a “supplent,” as they call it in Austria—at the high school in Graz. Such substitute teachers often long for what is called a permanent position. To achieve this—since one is dealing with government agencies—one must submit all sorts of applications, written in a “half-baked” manner, attach certificates, and so on. These are then forwarded to the next higher authority, which in turn must pass them on to the higher-level authorities, and so on; I won’t go into further detail about this process. The principal of that high school in Graz, where Robert Hamerling was a substitute teacher, was the respectable Kaltenbrunner at the time. Robert Hamerling heard: There’s a vacancy in Budapest—a high school teaching position. — At that time, the Austro-Hungarian dual system did not yet exist; rather, it was still the case that high school teachers could be transferred from Graz to Budapest and from Budapest to Graz. He applied for this high school teaching position in Budapest, wrote a well-crafted application, and submitted it along with all his certificates to the respectable Principal Kaltenbrunner. Well, the good-natured Kaltenbrunner put it in a drawer and forgot about it—forgot the whole matter—and what happened was that the position in Budapest was filled by someone else. Hamerling didn’t get the job, but precisely because the good-natured Kaltenbrunner forgot to forward the application to the higher authority, which—had it not forgotten—would have passed it on to the next higher level, and that one to the next, and so on, until it reached the minister, then back down again, right, and so on. In short, someone else got the Budapest post, and Robert Hamerling spent those ten years—which were crucial for him—not in Budapest but in Trieste, because a position later became available in Trieste that was then assigned to him, since, of course, the good Mr. Kaltenbrunner didn’t mess up Hamerling’s application a second time, did he!
[ 8 ] Also äußerlich betrachtet ist an dem wichtigsten Ereignis in Hamerlings Entwickelungsgange die Bummelei des braven Kaltenbrunners schuld, sonst würde Hamerling in Budapest versauert sein! Damit ist gar nichts gegen Budapest gesagt, selbstverständlich, aber Hamerling wäre ganz gewiß dort versauert und hätte nicht zu dem kommen können, was gerade seinem Herzen und seiner Seele ganz besonders angemessen war. Und ein richtiger, wahrer Biograph würde nun erzählen können, wie es kam, daß Robert Hamerling von Graz nach Triest gekommen ist, indem der Kaltenbrunner sein Gesuch um die Stelle in Budapest einfach verbummelt hat.
[ 8 ] So, viewed from the outside, the most important event in Hamerling’s development is due to the good-natured Kaltenbrunner’s aimless wandering; otherwise, Hamerling would have languished in Budapest! This is by no means a criticism of Budapest, of course, but Hamerling would most certainly have languished there and would not have been able to achieve what was so particularly suited to his heart and soul. And a proper, true biographer would now be able to recount how it came to be that Robert Hamerling ended up in Trieste instead of Budapest, simply because the man from Kaltenbrunn botched his application for the position in Budapest.
[ 9 ] Nun, es ist das ein eklatanter Fall, aber solche Fälle gibt es unzählige, ganz ungezählte im Leben. Und derjenige, der das Leben nur am Faden der äußeren Ereignisse prüfen will, der findet eben, selbst wenn er glaubt, Ursachenzusammenhänge konstatieren zu können, kaum Ursachen, die tiefer zusammenhängen mit ihren Wirkungen, als die Bummelei des braven Kaltenbrunner mit der geistigen Entwickelung des Robert Hamerling. Das ist nur so eine Bemerkung, die ich mache, um Sie darauf aufmerksam zu machen, daß es in der Tat notwendig ist, dringend notwendig ist, daß gerade der Grundsatz in die Seele der Menschen übergeht, das äußere Leben nicht anders zu nehmen in seinem Verlaufe denn als Symptom, das das Innere offenbaren soll.
[ 9 ] Well, this is a striking example, but there are countless such cases—too many to count—in life. And anyone who wants to examine life solely through the lens of external events will find—even if they believe they can identify causal relationships—hardly any causes that are more deeply connected to their effects than the loitering of the good-natured Kaltenbrunner and the intellectual development of Robert Hamerling. This is just a remark I am making to draw your attention to the fact that it is indeed necessary—urgently necessary—for this very principle to take root in people’s souls: that external life should be regarded in its course as nothing other than a symptom intended to reveal what lies within.
[ 10 ] Ich habe das letzte Mal davon gesprochen, wie von den vierziger bis siebziger Jahren gewissermaßen die kritische Zeit für die Bourgeoisie war, wie diese kritische Zeit von der Bourgeoisie verschlafen worden ist, und wie dann die Unheilsjahrzehnte kamen seit dem Ende der siebziger Jahre, die eben die heutigen Zustände herbeigeführt haben. Ich selbst habe den ersten Teil dieser Jahrzehnte in Österreich verbracht. In Österreich war man gerade im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts, wenn man Anteil nehmen wollte an der geistigen Kultur, in einer sehr bemerkenswerten Lage. Es ist natürlich für mich naheliegend, die Sache gerade von dem Gesichtspunkte aus zu beleuchten, in dem ein heranwachsender Mensch gewesen ist innerhalb der österreichischen Entwickelung, der Deutscher ist seiner Abstammung und Blutzusammengehörigkeit nach. Man ist wirklich innerhalb des österreichischen Territoriums in ganz anderer Weise ein Deutscher, als man etwa ein Deutscher ist im Gebiete des sogenannten Deutschen Reiches, oder als man gar ein Deutscher ist im Gebiete der Schweiz. Natürlich, im Laufe des Lebens muß man ja sogar sich bestreben, alles zu verstehen, und man kann auch alles verstehen, man kann sich in alles einleben. Aber wenn man zum Beispiel in Frage ziehen würde, was empfunden wird von einem österreichischen Deutschen mit Bezug auf die soziale Struktur, in der er drinnen lebt, und würde sich dann fragen: Ja, kann, ohne daß er es sich erst aneignet, ein solcher österreichisch Deutscher zum Beispiel überhaupt irgendein Verständnis haben für jenes eigentümliche Staatsbewußtsein, das in der Schweiz vorhanden ist? — so muß man diese Frage im entschiedensten Maße verneinen. Der österreichisch Deutsche wuchs auf in einem Milieu, das ihm, wenn er sich nicht darum künstlich bemühte, durchaus als etwas für ihn Unverständliches dasjJenige erscheinen läßt, was zum Beispiel beim Schweizer eine Art von unbeugsamen Staatsbewußtseins ist. Dafür kann der österreichisch Deutsche nicht das geringste Verständnis aufbringen, wenn er es sich nicht künstlich aneignet.
[ 10 ] Last time, I spoke about how the period from the 1940s to the 1970s was, in a sense, a critical time for the bourgeoisie, how the bourgeoisie failed to seize the moment during this critical period, and how the “decades of calamity” then began in the late 1970s, which have brought about the conditions we see today. I myself spent the first part of those decades in Austria. In Austria, particularly during the last third of the 19th century, anyone who wished to participate in intellectual culture found themselves in a very remarkable situation. It is, of course, natural for me to examine the matter precisely from the perspective of someone who grew up amid Austria’s development and who is German by ancestry and blood ties. One is truly a German within Austrian territory in a very different way than one is, for example, a German within the territory of the so-called German Empire, or even a German within the territory of Switzerland. Of course, in the course of one’s life, one must strive to understand everything, and one can indeed understand everything; one can adapt to anything. But if, for example, one were to examine what an Austrian German feels with regard to the social structure in which he lives, and were then to ask: Can such an Austrian German, without first having to acquire it, have any understanding at all of that peculiar sense of national identity that exists in Switzerland? — then one must answer this question with the most decisive “no.” The Austrian German grew up in an environment that, unless he made a conscious effort to understand it, would make what is, for example, a kind of unyielding national consciousness among the Swiss appear to him as something completely incomprehensible. The Austrian German cannot muster the slightest understanding of this unless he consciously acquires it.
[ 11 ] Auf diese Differenzierung innerhalb der Menschheit nimmt man ja kaum Rücksicht. Und Rücksicht nehmen muß man darauf, wenn man zum Verständnis der schwierigen Probleme kommen will, die in der nächsten Zukunft, ja schon heute, der Menschheit gerade in bezug auf solche Dinge bevorstehen. Für mich war es gewissermaßen, ich möchte sagen, symptomatisch bezeichnend, daß ich gerade in meinen Entwickelungsjahren eigentlich aufwuchs innerhalb eines Milieus, in dem mich selbst die signifikantesten Dinge im Grunde genommen nichts angingen. Das war für mich das Bezeichnendste, daß mich die signifikantesten Dinge nichts angingen. Aber ich würde es gar nicht erwähnen, wenn es nicht eigentlich das bedeutsamste Erlebnis des richtigen Deutsch-Österreichers überhaupt wäre. Sehen Sie, bei dem einen drückt es sich so, bei dem andern anders aus. Ich lebte ja gewissermaßen recht universell österreichisch-deutsch: von meinem elften bis achtzehnten Jahre hatte ich jeden Tag zweimal über die Grenze zu gehen, welche die Leitha zwischen Österreich und Ungarn bildet, denn ich hatte zu wohnen in Ungarn und war auf der Schule in Österreich. Ich wohnte in Neudörfl und ging zur Schule in Wiener-Neustadt. Man hatte eine Stunde zu gehen oder eine Viertelstunde zu fahren — Schnellzüge gab es ja auf jener Strecke noch nicht, ich glaube, auch heute noch nicht —, man mußte immer die österreichisch-ungarische Grenze passieren. Man lernte dabei aber auch jene zwei Gesichter kennen, welche die beiden Hälften desjenigen haben, was man im Ausland «Österreich» genannt hat. Denn im Inlande hatte man es ja früher nicht so einfach wie jetzt. Jetzt ist die Sache ja natürlich, man kann nicht sagen einfacher, es wird wahrhaftig nicht einfacher sein, aber anders. Bis jetzt war es eben so, daß man zu unterscheiden hatte zwei österreichische Reichshälften: eine Hälfte hieß offiziell nicht Österreich, sondern sie hieß «die im Reichsrate vertretenen Königreiche und Länder». Das war die offizielle Bezeichnung für diejenige Hälfte, die diesseits der Leitha liegt, einschließlich Galiziens, Böhmens, Schlesiens, Mährens, Ober- und Niederösterreich, Salzburg, Tirol, Steiermark, Krain, Kärnten, Istrien und Dalmatien. Dann das zweite Gebiet, das waren die Länder der heiligen Stephanskrone; das ist dasjenige, was man im Auslande Ungarn nannte. Zu Ungarn gehörte dann auch Kroatien und Slawonien. Dann gab es noch seit den achtziger Jahren ein gemeinsames, aber bis zum Jahre 1909 nur okkupiertes, erst später annektiertes Gebiet, Bosnien und die Herzegowina, die beiden Reichshälften gemeinsam waren.
[ 11 ] This distinction within humanity is hardly ever taken into account. And it must be taken into account if one wishes to understand the difficult problems that lie ahead for humanity in the near future—indeed, even today—precisely with regard to such matters. For me, it was, in a sense—I would say—symptomatically significant that, precisely during my formative years, I actually grew up in an environment where even the most significant things were, at the root of it, none of my business. That was the most telling thing for me: that the most significant things were none of my business. But I wouldn’t even mention it if it weren’t actually the most significant experience of a true German-Austrian of all. You see, it manifests itself one way in one person and another way in another. In a sense, I lived a truly universal Austro-German life: from the age of eleven to eighteen, I had to cross the border—formed by the Leitha River between Austria and Hungary—twice every day, because I lived in Hungary and attended school in Austria. I lived in Neudörfl and went to school in Wiener-Neustadt. It took an hour to walk or a quarter of an hour by train—there were no express trains on that route back then, and I don’t think there are even today—and you always had to cross the Austro-Hungarian border. But in the process, you also got to know the two faces of the two halves of what was called “Austria” abroad. Because back then, things weren’t as simple at home as they are now. Now, of course, things are—one can’t say simpler, for they certainly won’t be simpler—but different. Until now, it was simply the case that one had to distinguish between two halves of the Austrian Empire: one half was not officially called Austria, but rather “the kingdoms and lands represented in the Imperial Council.” That was the official designation for the half lying on this side of the Leitha River, including Galicia, Bohemia, Silesia, Moravia, Upper and Lower Austria, Salzburg, Tyrol, Styria, Carniola, Carinthia, Istria, and Dalmatia. Then there was the second region, which comprised the lands of the Holy Crown of St. Stephen; which is what was referred to abroad as Hungary. Croatia and Slavonia also belonged to Hungary. Then, since the 1880s, there had been a shared territory—though it was only occupied until 1909 and was annexed later—namely Bosnia and Herzegovina, which was jointly administered by both halves of the Empire.
[ 12 ] Nun, auf jenem Boden, auf dem ich wohnte, gab es selbst unter den signifikantesten Dingen, sagte ich, eigentlich nur solche, die mich in jenen Jahren, von meinem neunten bis achtzehnten Jahre, nichts Rechtes angingen. Das erste, was da als signifikant mir entgegentrat, war Frohsdorf, ein Schloß, in dem der Graf von Chambord wohnte, aus der Bourbonschen Familie, der 1871 den mißlungenen Versuch gemacht hat, unter dem Namen Heinrich V. französischer König zu werden. Sonst hatte er ja auch noch manche andere Eigentümlichkeiten. Er war ein Urklerikaler. Aber an ihm und allem, was zu ihm gehörte, konnte man eine untergehende, verfallende Welt sehen und gewissermaßen die Symptome einer verfallenden Welt in sich aufnehmen. Es war mancherlei, was man da sah, aber es ging einen nichts an. Und man bekam eben den Eindruck: Da ist etwas, was die Welt einmal riesig wichtig genommen hat, was heute noch viele Menschen riesig wichtig nehmen, was aber eigentlich eine Bagatelle ist, was eigentlich gar nichts Besonderes heißt.
[ 12 ] Well, in that part of the country where I lived, I said, even among the most significant things, there were really only those that didn’t really concern me during those years, from the age of nine to eighteen. The first thing that struck me as significant there was Frohsdorf, a castle where the Count of Chambord lived—a member of the Bourbon family who, in 1871, made a failed attempt to become King of France under the name Henry V. He also had many other peculiarities. He was a staunch clericalist. But in him and everything associated with him, one could see a world in decline and decay and, in a sense, take in the symptoms of a decaying world. There were many things to be seen there, but it was none of one’s business. And one simply got the impression: Here is something that the world once took incredibly seriously, that many people still take incredibly seriously today, but which is actually a trifle, which actually means nothing special.
[ 13 ] Das zweite war eine Art Jesuitenkloster. Eigentlich ein richtiges Jesuitenkloster, aber man nannte diese Mönche Liguorianer, es ist eine Abart der Jesuiten. Dieses Kloster war in der Nähe von Frohsdorf. Man sah die Mönche spazierengehen, man hörte von den Bestrebungen der Jesuiten, hörte dies oder jenes, aber es ging einen auch nichts an. Und man bekam wiederum den Eindruck: Was hat denn das alles eigentlich jetzt noch zu tun mit derjenigen Evolution der Menschheit, die der Zukunft entgegengeht? — An den schwarzen Mönchen bekam man den Eindruck, daß das eigentlich ganz herausfällt aus den wirklichen Kräften, die der Menschenzukunft entgegenführen.
[ 13 ] The second was a kind of Jesuit monastery. Actually, it was a real Jesuit monastery, but these monks were called Liguorians—a branch of the Jesuits. This monastery was near Frohsdorf. You’d see the monks going for walks; you’d hear about the Jesuits’ endeavors, hear this or that—but it wasn’t really any of your business. And once again, you got the impression: What does all of this actually have to do anymore with the evolution of humanity as it moves toward the future? — The black monks gave the impression that they were actually completely out of step with the real forces guiding humanity toward the future.
[ 14 ] Das dritte war eine Freimaurerloge an demselben Orte, in dem ich war, über die der Pfarrer fürchterlich schimpfte, aber die mich natürlich auch nichts anging, denn man durfte ja nicht hinein, nicht wahr. Der Hauswart ließ mich zwar einmal hineinschauen, aber ganz im geheimen. Aber am nächsten Sonntag konnte ich gleich wiederum vom Pfarrer die vernichtendste Rede darüber hören. Kurz, auch das war etwas, was einen nichts anging.
[ 14 ] The third was a Masonic lodge in the same place where I was; the pastor railed against it terribly, but of course it was none of my business, since we weren’t allowed in there, were we? The caretaker did let me peek inside once, but it was all in secret. But the very next Sunday, I heard the pastor deliver yet another scathing sermon about it. In short, that, too, was none of one’s business.
[ 15 ] Ich war also gut vorbereitet, als ich dann mehr zum Bewußtsein kam, die Dinge auf mich wirken zu lassen, die einen eigentlich nichts angehen. Innerhalb meiner eigenen Entwickelung — und das ist ja dasjenige, was mich dann zum Goetheanismus, so wie ich ihn auffasse, eigentlich geführt hat — halte ich es für sehr bedeutsam und durch mein Karma gut inszeniert, möchte ich sagen, daß, während mein innerstes Interesse für die geistige Welt ganz früh da war, auch mein Leben ganz früh in der geistigen Welt verlief, ich nicht hingedrängt wurde durch die äußeren Verhältnisse zu dem, was Gymnasialstudium ist. Alles dasjenige, was man sich durch das Gymnasialstudium aneignet, eignete ich mir ja erst später durch eigenes Lernen an. Das Gymnasium in Österreich ist eigentlich damals nicht schlecht gewesen. Es ist nur seit den siebziger Jahren immer schlechter und schlechter geworden und es nähert sich jetzt schon seit Jahren in bedenklicher Weise den Gymnasialeinrichtungen anderer, benachbarter Staaten, aber dazumal war es nicht besonders schlecht. Aber dennoch würde ich mir heute nicht gratulieren können, wenn ich dazumal etwa auf das Gymnasium in Wiener-Neustadt geschickt worden wäre. Ich bin auf die Realschule geschickt worden, und damit kam ich hinein in das, was vorbereitete zu einem modernen Denken, was vor allen Dingen vorbereitete, einen inneren Zusammenhang zu bekommen mit naturwissenschaftlicher Gesinnung. Dieses Zusammengehen mit naturwissenschaftlicher Gesinnung, das war namentlich dadurch möglich, daß gerade die einzelnen besseren Lehrer der österreichischen Realschule, die dazumal im wirklich modernsten Sinne eingerichtet wurde, daß die besten Lehrer — es waren immer ihrer wenige — eigentlich diejenigen waren, die irgendwie mit dem modernen naturwissenschaftlichen Denken zusammenhingen.
[ 15 ] So I was well prepared when I began to become more aware of letting things affect me—things that are actually none of my business. Within my own development—and this is, after all, what actually led me to Goetheanism, as I understand it—I consider it very significant, and well orchestrated by my karma, I might say, that while my deepest interest in the spiritual world was present from a very early age, and my life also unfolded in the spiritual world from a very early age, I was not compelled by external circumstances to pursue a high school education. Everything one acquires through a high school education, I only acquired later through my own studies. High school in Austria wasn’t actually bad back then. It’s only been getting worse and worse since the 1970s, and for years now it has been approaching the high school systems of other neighboring countries in an alarming way, but back then it wasn’t particularly bad. Nevertheless, I wouldn’t be able to congratulate myself today if I had been sent to the high school in Wiener-Neustadt back then. I was sent to the Realschule, and through that I entered into an environment that prepared me for modern thinking—and above all, prepared me to develop an inner connection with a scientific mindset. This alignment with a scientific mindset was made possible in particular by the fact that the individual, more accomplished teachers at the Austrian Realschule—which at the time was organized in the most modern sense—were, in fact, the ones who were somehow connected to modern scientific thinking.
[ 16 ] Bei uns in Wiener-Neustadt war es nicht einmal durchweg so. In den unteren Klassen — und in den österreichischen Realschulen hatte man nur in den unteren vier Klassen einen Religionsunterricht — hatten wir einen Religionslehrer, der ein sehr gemütlicher Mann war, der uns durchaus nicht zu irgendwelchen Frömmlingen zu erziehen geeignet war. Er war katholischer Priester, und daß er uns nicht gerade zu Frömmlingen zu erziehen geeignet war, dafür sorgte schon die Tatsache, daß drei kleine Buben — von denen die ganze Welt sagte, daß sie seine Söhne sind — jedesmal, wenn er unsere Anstalt verließ, ihn abholten. Aber ich schätze den Mann heute noch außerordentlich wegen all desjenigen, was er in der Klasse gesagt hat außerhalb des eigentlichen Religionsunterrichtes. Den erteilte er in der Weise, daß er einen aufrief und einen ein paar Seiten aus dem Buche lesen ließ, und dann bekam man das auf; man wußte nicht, was drinnensteht, man sagte es auf, bekam dann eine ausgezeichnete Note. Aber man verschlief selbstverständlich die Sache, die darinnenstand. Was er außerhalb der Klasse sagte, war manchmal ein schönes, weckendes Wort, war vor allen Dingen sehr gemütvoll und nett.
[ 16 ] Here in Wiener-Neustadt, it wasn’t even consistently like that. In the lower grades—and in Austrian secondary schools, religious instruction was only offered in the lower four grades—we had a religion teacher who was a very easygoing man, by no means suited to raising us to be pious. He was a Catholic priest, and the fact that he wasn’t exactly suited to turning us into devout believers was made clear by the fact that three little boys—whom everyone said were his sons—would pick him up every time he left our school. But I still hold the man in exceptionally high regard today for everything he said in class outside of the actual religion lessons. He taught those lessons by calling on a student and having them read a few pages from the book, and then we’d recite it; we didn’t know what was in it, we just recited it, and then we got an excellent grade. But of course, we completely overlooked the actual content of the book. What he said outside of class was sometimes a beautiful, inspiring word—and above all, it was very heartfelt and kind.
[ 17 ] Nun, man hatte ja in einer solchen Anstalt aufeinanderfolgend die verschiedensten Lehrer. Alles das ist von symptomatischer Bedeutung. Wir hatten zwei Karmeliter, von denen der eine uns Französisch, der andere Englisch beibringen sollte. Der für Englisch besonders konnte vor allen Dingen kaum irgendwie ein englisches Wort, nun, jedenfalls nicht einen Satz sprechen. In der Naturgeschichte hatten wir einen Mann, der verstand wirklich von Gott und der Welt gar nichts. Aber wir hatten ausgezeichnete Leute auf dem Gebiete der Mathematik, Physik, Chemie, vor allen Dingen auf dem Gebiete der darstellenden Geometrie. Und das gab eben dieses Zusammenwachsen mit innerlich naturwissenschaftlichem Denken. Damit war eigentlich für mich das Element, der Impuls gegeben, der mit dem Zukunftsstreben der Menschheit in der Gegenwart denn doch ganz wesentlich zusammenhängt.
[ 17 ] Well, in an institution like that, we had a succession of the most diverse teachers. All of this is symptomatic. We had two Carmelites, one of whom was supposed to teach us French, the other English. The one in charge of English, in particular, could hardly speak a single English word—well, at any rate, not a single sentence. In natural history, we had a man who really knew absolutely nothing about God or the world. But we had excellent teachers in the fields of mathematics, physics, and chemistry—especially in descriptive geometry. And that fostered this growth into a way of thinking rooted in the natural sciences. For me, that actually provided the element, the impulse, that is so fundamentally connected to humanity’s striving toward the future in the present.
[ 18 ] Kam man dann, nachdem man so sich durchgewunden hatte durch solch eine Anstalt, ins Universitäts-, ins Fochschulleben hinein, dann mußte man sich ja auch, wenn man nicht schläfrig war, für das öffentliche Leben interessieren, für dasjenige, was sich abspielt im öffentlichen Leben. Nun handelt es sich darum, daß der österreichisch Deutsche in einer wesentlich anderen Art hineinkommt in die zu erlebende Erkenntnis des deutschen Wesens, als was man den sogenannten Reichsdeutschen nennt. Denn für diejenigen Dinge, die sich, ich möchte sagen, als Staatsdinge abgespielt haben in Österreich, konnte man ja ein gewisses äußerliches Interesse haben, aber einen rechten inneren Zusammenhang kaum, wenn man Interesse hatte für den Entwickelungsgang der Menschheit. Dagegen konnte man verwiesen werden, wie es ja auch bei mir der Fall war, auf dasjenige, was herausgewachsen ist aus der deutschen Kultur am Ende des 18. und am Beginne des 19. Jahrhunderts, und was ich doch in gewissem Sinne Goetheanismus nennen möchte. Das lernt man als Österreichisch Deutscher anders kennen als der Reichsdeutsche. Und man darf nicht vergessen, daß, wenn man mit einer modernen Bildung ins Naturwissenschaftliche hineingewachsen ist, man zu gleicher Zeit herauswächst aus einem gewissen unnatürlichen Milieu, welches sich über den ganzen Westen Österreichs ausgebreitet hat im Laufe der letzten Zeiten. Man wächst heraus aus dem, was in einer äußerlichen Weise die Menschen Westösterreichs ergriffen hat — die zum Teil, ich nehme mich selbstverständlich davon aus, außerordentlich nette Leute sind —, was die Leute Westösterreichs nicht innerlich ergreift: es ist der Katholizismus, der klerikale Katholizismus.
[ 18 ] Once one had managed to make one’s way through such an institution and entered university life, one naturally had to take an interest—provided one wasn’t sleepy—in public life, in what was happening in the public sphere. Now the point is that the Austrian German gains insight into the German essence in a fundamentally different way than what is referred to as the “Reich German.” For those events that, I might say, unfolded as matters of state in Austria, one could certainly have a certain external interest, but hardly a true inner connection, if one was interested in the course of human development. On the other hand, one could be directed—as was indeed the case for me—toward that which emerged from German culture at the end of the 18th and the beginning of the 19th centuries, and which I would, in a certain sense, like to call “Goetheanism.” As an Austrian German, one comes to know this differently than a Reich German. And one must not forget that, when one has grown into the natural sciences through a modern education, one simultaneously grows out of a certain unnatural milieu that has spread throughout the whole of western Austria in recent times. One grows out of what has, in an external sense, taken hold of the people of Western Austria—who, in part, and I naturally exclude myself from this, are exceptionally nice people—but which does not take hold of them internally: it is Catholicism, clerical Catholicism.
[ 19 ] Dieser klerikale Katholizismus in der Form, wie er in Westösterreich lebt, ist ja im wesentlichen ein Produkt der sogenannten Gegenreformation. Es ist das Produkt jener Politik, welche man doch nur bezeichnen kann als die Habsburgische Hausmachtpolitik. Protestantische Ideen und Impulse haben sich ja auch in Österreich ziemlich stark ausgebreitet, allein die Zeiten des Dreißigjährigen Krieges und alles, was damit zusammenhängt, haben es den Habsburgern möglich gemacht, eine Gegenreformation in Szene zu setzen und tatsächlich — bitte, ich nehme mich wieder aus — über das durchaus in seiner Anlage außerordentlich intelligente österreichisch-deutsche Volk diese furchtbare Finsternis auszubreiten, welche ausgebreitet werden muß, wenn man den Katholizismus gerade in derjenigen Form irgendwie verbreitet, in der er da herrschend wurde durch die Gegenreformation. Dadurch kommt ein furchtbar äußerliches Verhältnis zu allem Religiösen in den Menschen hinein. Am glücklichsten sind noch diejenigen, welche sich bewußt werden dieses äußerlichen Verhältnisses zum Religiösen. Diejenigen, die sich dessen nicht bewußt werden, die da meinen, daß ihr Glaube, ihre Religiosität aufrichtig und ehrlich sei, die stecken in einer ungeheuren Lebensillusion, in einer furchtbaren Lebenslüge sogar, ohne daß sie es wissen, denn diese Lebenslüge zersetzt das seelische Innere.
[ 19 ] This clerical Catholicism, as it exists in Western Austria, is essentially a product of the so-called Counter-Reformation. It is the product of a policy that can only be described as the Habsburgs’ power-base politics. Protestant ideas and influences had, after all, spread quite widely in Austria as well; but the era of the Thirty Years’ War and everything associated with it enabled the Habsburgs to stage a Counter-Reformation and, in fact—please, I’ll exclude myself from this again—to spread this terrible darkness over the Austrian-German people, who are, in their very nature, extraordinarily intelligent; a darkness that must be spread if one is to propagate Catholicism in any way in precisely the form in which it became dominant through the Counter-Reformation. This instills in people a terribly superficial relationship to all things religious. The luckiest are still those who become aware of this superficial relationship to religion. Those who do not become aware of it—who believe that their faith and their religiosity are sincere and honest—are caught up in an immense illusion about life, even a terrible lie about life, without realizing it; for this lie about life corrodes the inner soul.
[ 20 ] Allerdings, mit naturwissenschaftlichem Impuls kann man kein Verhältnis gewinnen zu alledem, was da als ein fürchterlicher seelischer Brei sich dann durch die Seele verbreitet. Aber man konnte immer bemerken, wie aus diesem Brei heraus einzelne Individualitäten sich abhebend entwickeln. Diese einzelnen Individualitäten, die sich abhebend entwickeln, die werden dann gerade in einer gewissen Weise hineingetrieben in dasjenige, was Blüte war des mitteleuropäischen Geisteslebens Ende des 18., Beginn des 19. Jahrhunderts. Sie lernen gewissermaßen dasjenige kennen, was in die moderne Menschheit hineingekommen ist, von Lessing angefangen, durch Herder, Goethe, durch die deutschen Romantiker und so weiter, und was in seinem weiteren Umfange doch als Goetheanismus bezeichnet werden kann.
[ 20 ] However, a scientific approach cannot help one relate to all that which then spreads through the soul as a dreadful emotional muddle. But one could always observe how, out of this morass, individual personalities develop in a distinctive way. These individual personalities, which develop in a distinctive way, are then, in a certain sense, propelled into what was the flowering of Central European spiritual life at the end of the 18th and the beginning of the 19th centuries. They come to know, so to speak, what has entered modern humanity—beginning with Lessing, through Herder, Goethe, the German Romantics, and so on—and what, in its broader scope, can indeed be described as Goetheanism.
[ 21 ] Es ist in diesen Jahrzehnten das Bedeutsame gerade für den nach Geist strebenden Deutsch-Österreicher gewesen, daß er, gewissermaßen herausgehoben aus der Volksgemeinschaft, in der Lessing, Goethe, Herder und so weiter, drinnen gestanden haben, über die Grenze hinüber in ein ganz fremdes Milieu hineinversetzt, da das lebendige Anschauen Goethes, Schillers, Lessings, Herders und so weiter bekam. Man bekam alles andere nicht mit, man bekam gewissermaßen nur dasjenige, was dort herausgewachsen war, und man bekam es als einzelne Seele. Denn man hatte wiederum wirklich um sich herum diejenigen Dinge, die einen nichts angehen.
[ 21 ] What has been particularly significant for German-Austrians striving for intellectual enlightenment during these decades is that, having been, so to speak, set apart from the community in which Lessing, Goethe, Herder, and so on were part of, and transported across the border into a completely foreign milieu, where he gained a living, direct experience of Goethe, Schiller, Lessing, Herder, and so on. One was unaware of everything else; one received, so to speak, only what had grown out of that environment, and one received it as an individual soul. For, after all, one was truly surrounded by things that were of no concern to one.
[ 22 ] So lebte man zusammen mit etwas, das man nach und nach eigentlich als sein eigenes Wesen fühlte, das aber herausgerissen war aus seinem Entstehungsboden und das man selber in der Seele trug innerhalb, ich möchte sagen, einer Gemeinschaft, die lauter Dinge enthielt, die einen nichts angingen. Denn es waren ja Anomalien, wenn man in jener Zeit Goethe-Ideen im Kopfe hatte und dann die Welt ringsherum begeistert war — aber die Worte der Begeisterung gingen auf Stelzen und hatten nichts von aufrichtigem und ehrlichem Ringen — für Dinge wie, nun, ich könnte auch etwas anderes nennen, aber sagen wir für das Buch des damaligen österreichischen Kronprinzen Rudolf, das heißt, seine Trabanten haben es geschrieben: «Österreich in Wort und Bild.» Man hatte kein Verhältnis zu solchem Zeug. Man gehörte zwar äußerlich dazu, aber man hatte kein Verhältnis zu solchem Zeug. Man trug dasjenige, was wirklich aus mitteleuropäischem Wesen erwachsen war und was ich dann im weiteren Sinne als Goetheanismus bezeichnen möchte, in seiner Seele.
[ 22 ] So one lived alongside something that one gradually came to feel was, in fact, one’s own essence—something that had, however, been torn from the soil in which it had sprung up, and which one carried within one’s own soul, I might say, as part of a community consisting entirely of things that were none of one’s business. For it was, after all, an anomaly at that time to have Goethean ideas in one’s head while the world around one was enthusiastic—but the words of that enthusiasm were exaggerated and lacked any trace of sincere and honest struggle—about things like, well, I could name something else, but let’s say the book by the then Austrian Crown Prince Rudolf—that is, his courtiers wrote it: “Austria in Word and Image.” One had no connection to such things. Outwardly, one belonged to that world, but one had no connection to such things. One carried within one’s soul that which had truly grown out of the Central European spirit and which I would then like to describe, in a broader sense, as Goetheanism.
[ 23 ] Dieser Goetheanismus — und ich rechne dazu alles dasjenige, was sich dazumal an die Namen Schiller, Lessing, Herder und so weiter noch knüpft, auch an die deutschen Philosophen —, alles das steht ja in einer merkwürdigen Isolierung in der Welt überhaupt da. Diese Isolierung, in der es in der Welt dasteht, die ist außerordentlich bezeichnend für die ganze Entwickelung der neueren Menschheit. Denn diese Isolierung, die veranlaßt denjenigen, der nun mit Ernst an diesen Goetheanismus herangehen will, ein wenig nachdenklich, nachsinnend zu werden.
[ 23 ] This Goetheanism—and I include in this everything that was associated at the time with the names of Schiller, Lessing, Herder, and so on, as well as with the German philosophers—all of this stands, after all, in a remarkable state of isolation in the world at large. This isolation in which it stands in the world is extraordinarily significant for the entire development of modern humanity. For it is this isolation that prompts anyone who now wishes to approach this Goetheanism seriously to become a little pensive and contemplative.
[ 24 ] Sehen Sie, wenn man zurückgeht, kann man sich fragen: Was ist eigentlich in die Welt gebracht worden von Lessing bis zu den deutschen Romantikern, über Goethe hinaus, ungefähr bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts, und wie hängt das, was da in die Welt gebracht worden ist, zusammen mit der vorgängigen geschichtlichen Entwickelung? — Nun wird nicht zu leugnen sein, daß innig zusammenhängt mit mitteleuropäischer geschichtlicher Entwickelung dieEntstehung des Evangelischen aus dem Katholischen. Nicht wahr, wir sehen auf der einen Seite, wie sich innerhalb Mitteleuropas, zum Beispiel im Deutschen Reich — für Österreich habe ich ja dieselben Erscheinungen schon besprochen — dasjenige erhalten hat, was ich hier charakterisiert habe als den römisch-katholischen Universalimpuls, der in Österreich so äußerlich, wie ich es charakterisiert habe, in Deutschland noch innerlicher, viele Seelen eben gefangen hält. Denn es ist ein großer Unterschied zwischen einem österreichischen Katholiken und auch nur einem bayrischen Katholiken, wenn man wirklich auf solche Unterschiede hinschauen kann. Davon ist also vieles geblieben, was in weite, zurückgelegene Jahrhunderte geht. Dann hat hineingeschlagen in diese katholische Kultur die evangelische Kultur, sagen wir die Luther-Kultur, die in der Schweiz die andere Form des Zwinglianismus und Calvinismus und so weiter angenommen hat. Nun sind vom Luthertum wiederum viele, viele Menschen innerhalb des sogenannten deutschen Volkes, namentlich des reichsdeutschen Volkes abhängig. Wenn man aber die Frage aufwirft: Welcher Zusammenhang besteht zwischen dem Goetheanismus und zwischen dem Luthertum? — dann bekommt man die merkwürdige Antwort, daß da eigentlich gar kein Zusammenhang besteht. Gewiß, äußerlich hat sich Goethe auch mit Luther beschäftigt, sich auch mit dem Katholizismus äußerlich beschäftigt. Aber wenn man frägt nach dem inneren Seelenfermente in Goethe, so kann man nur sagen: Es gab für ihn nichts Gleichgültigeres in seiner ganzen Entwickelung als katholisch oder protestantisch sein. — Wie gesagt, in seiner Umgebung lebt es, doch hängt es nicht im entferntesten mit ihm zusammen. Man kann sogar zu diesem Aperçu ein anderes hinzufügen. Herder war Pastor, sogar Superintendent in Weimar. Wer seine Schriften liest, kann auch von Herder sagen, der selbstverständlich als Pastor äußerlich von Luther viel inne hatte und wußte, daß seine Gesinnung, daß sein Denken nicht im allerentferntesten mit dem Luthertum irgendwie zusammenhängt, daß er ganz herausgewachsen ist aus dem Luthertum. So hat man in alledem, was zum Goetheanismus gehört — ich rechne da alles dies dazu —, auch in dieser Beziehung ein völlig Isoliertes. Und wenn man nach der Natur, nach der Wesenheit dieses Isolierten frägt, so bekommt man eigentlich zur Auskunft, daß es herauskristallisiert ist aus allen möglichen Impulsen gerade des fünften nachatlantischen Zeitalters. Luther hat einen Einfluß gleich Null auf Goethe, auf Goethe aber hatte Einfluß Linne, hatte Einfluß Spinoza, hatte Einfluß Shakespeare. Und wenn man nach Einflüssen bei Goethe eben fragen will: nach Goethes eigenem Bekenntnis haben diese drei Persönlichkeiten den allergrößten Einfluß auf seine Seelenentwickelung genommen.
[ 24 ] You see, if one looks back, one might ask: What was actually brought into the world from Lessing through the German Romantics, beyond Goethe, roughly up to the middle of the 19th century, and how does what was brought into the world at that time relate to the preceding historical development? — Well, it cannot be denied that the emergence of Protestantism from Catholicism is intimately connected with Central European historical development. Isn’t it true that, on the one hand, we see how within Central Europe—for example, in the German Empire (I have already discussed the same phenomena with regard to Austria)—that which I have characterized here as the Roman Catholic universal impulse has persisted, holding many souls captive—in Austria as outwardly as I have described it, and in Germany even more inwardly. For there is a great difference between an Austrian Catholic and even just a Bavarian Catholic, if one can truly discern such differences. Much of this has thus remained, dating back to centuries long past. Then Protestant culture—let us say, Lutheran culture—which in Switzerland took on the form of Zwinglianism, Calvinism, and so on, made its way into this Catholic culture. Now, in turn, many, many people within the so-called German people—namely, the people of Imperial Germany—are influenced by Lutheranism. But if one raises the question: What connection exists between Goetheanism and Lutheranism?—one receives the curious answer that there is actually no connection at all. Certainly, on the surface, Goethe also engaged with Luther and with Catholicism. But if one inquires into the inner spiritual ferment within Goethe, one can only say: There was nothing more indifferent to him throughout his entire development than being Catholic or Protestant. — As I said, it exists in his surroundings, yet it is not in the remotest way connected to him. One can even add another insight to this. Herder was a pastor, even a superintendent in Weimar. Anyone who reads his writings can also say of Herder—who, as a pastor, naturally had a great deal of outward familiarity with Luther and knew him well—that his disposition, his thinking, is not in the remotest way connected to Lutheranism in any way, that he had completely outgrown Lutheranism. Thus, in everything that belongs to Goetheanism—and I include all of this in that category—one finds, in this respect as well, something completely isolated. And if one inquires into the nature, the essence of this isolated phenomenon, one actually learns that it has crystallized out of all manner of impulses characteristic of the fifth post-Atlantean epoch. Luther had absolutely no influence on Goethe, but Goethe was influenced by Linnaeus, by Spinoza, and by Shakespeare. And if one wishes to inquire about Goethe’s influences: according to Goethe’s own admission, these three figures had the greatest influence on the development of his soul.
[ 25 ] So hebt sich der Goetheanismus als isolierte Erscheinung heraus. Und das ist, was macht, daß wiederum dieser Goetheanismus wirklich dem ausgesetzt war, was man als Unmöglichkeit bezeichnen kann, populär zu werden. Denn, nicht wahr, die alten Erscheinungen bleiben; in den breiten Massen wurde nicht einmal der Versuch gemacht, Lessingsche, Schillersche, Goethesche Ideen irgendwie gangbar zu machen, geschweige denn etwa Gefühle und Empfindungen dieser Persönlichkeiten gangbar zu machen. Dagegen lebten wie antediluvianisch fort auf der einen Seite veralteter Katholizismus, auf der anderen Seite veralteter Lutherismus. Und es ist ja eine bedeutsame, eine signifikante Erscheinung, daß dasjenige, was die Leute geistig treiben innerhalb jener Kulturströmung, der ein Goethe angehört hat, die einen Goethe hervorgebracht hat, mit jenen Kanzelreden zusammenhängt, die die protestantischen Pfarrer halten. Es gibt unter ihnen auch einige, die zu der modernen Bildung ein Verhältnis haben, aber das hilft ihnen nicht für ihre Kanzelreden. Dasjenige, was heute da als geistige Nahrung dargeboten wird, das ist wirklich so, daß man sagen muß: es ist antediluvianisch, es hängt überhaupt nicht im geringsten zusammen mit demjenigen, was die Zeit irgendwie fordert, was der Zeit irgendwie Kraft geben könnte. Es hängt aber allerdings zusammen mit einer gewissen anderen Seite unserer Geisteskultur, mit jener anderen Seite unserer Geisteskultur, welche macht, daß das geistige Leben eines großen Teiles der Menschheit der Gegenwart überhaupt außerhalb der Wirklichkeit verläuft. Und dies ist vielleicht das bedeutsamste Zeichen des modernen Bourgeois-Philisteriums, daß das geistige Leben dieses Bourgeois-Philisteriums außerhalb dieser Wirklichkeit verläuft, daß alles Gerede dieses Bourgeois-Philisteriums eigentlich außerhalb der Wirklichkeit steht.
[ 25 ] Thus, Goetheanism stands out as an isolated phenomenon. And that is what meant that this Goetheanism, in turn, was truly faced with what one might call the impossibility of becoming popular. For, is it not true that the old phenomena persist? Among the broad masses, no attempt was even made to make the ideas of Lessing, Schiller, and Goethe in any way accessible, let alone to make the feelings and sensibilities of these figures accessible. In contrast, on the one hand, outdated Catholicism and, on the other, outdated Lutheranism continued to exist as if from a bygone era. And it is indeed a significant phenomenon that what drives people intellectually within that cultural current to which Goethe belonged—the one that produced Goethe—is connected to the sermons delivered by Protestant pastors. There are also some among them who have a relationship to modern education, but that does not help them with their pulpit sermons. What is presented there today as spiritual nourishment is truly such that one must say: it is antediluvian; it has absolutely no connection whatsoever with what the times in any way demand, with what could in any way give strength to the times. It is, however, connected to a certain other aspect of our intellectual culture—that aspect which causes the spiritual life of a large part of contemporary humanity to take place entirely outside of reality. And this is perhaps the most significant sign of modern bourgeois philistinism—that the spiritual life of this bourgeois philistinism takes place outside of this reality, that all the talk of this bourgeois philistinism actually stands outside of reality.
[ 26 ] Daher sind ja auch nur solche Erscheinungen möglich, die man gewöhnlich gar nicht beachtet, die aber als Symptome tief, tief bezeichnend sind. Sehen Sie, Sie können die Literatur der Kriegsphilister seit Jahrzehnten lesen, und Sie werden innerhalb dieser Literatur immer wieder und wiederum Kant zitiert finden. In den letzten Wochen haben sich zahlreiche dieser Kriegsphilister in Friedensphilister verwandelt, da es vom Krieg zum Frieden herübergeht. Das will ja nichts Besonderes besagen, wesentlich ist, daß sie Philister geblieben sind, denn selbstverständlich ist der Stresemann von heute kein anderer, als der Stresemann von vor sechs Wochen. Heute ist es natürlich wiederum üblich, Kant als den Mann der Friedensphilister zu zitieren. Das ist außerhalb der Wirklichkeit. Die Leute haben kein Verhältnis zu dem, wovon sie vorgeben, daß sie geistig gespeist werden.
[ 26 ] That is why only those phenomena are possible that one usually does not even notice, but which, as symptoms, are deeply, deeply revealing. You see, you can read the literature of the war philistines for decades, and within that literature you will find Kant quoted time and time again. In recent weeks, many of these war philistines have turned into peace philistines, as we transition from war to peace. That doesn’t really mean anything special; what matters is that they have remained philistines, for, of course, the Stresemann of today is none other than the Stresemann of six weeks ago. Today, of course, it is once again customary to quote Kant as the man of the peace-loving philistines. This is divorced from reality. People have no connection to that which they claim nourishes them intellectually.
[ 27 ] Das ist etwas, was zum Charakteristischesten in der Gegenwart gehört. Und so konnte eben die bemerkenswerte Tatsache auftreten, daß eine ganz gewaltige geistige Welle, die mit dem Goetheanismus aufgeworfen war, eigentlich vollständig unverstanden geblieben ist. Das ist der Schmerz, der heute einen befallen kann gegenüber den katastrophalen Ereignissen der Gegenwart, der Schmerz kann einen befallen: Was soll denn werden mit dieser Welle, die eine der allerwichtigsten im fünften nachatlantischen Zeitraum gewesen ist, was soll unter der gegenwärtigen Weltstimmung aus dieser Welle werden?
[ 27 ] This is one of the most characteristic features of the present day. And so it was possible for the remarkable fact to arise that a truly immense intellectual wave, set in motion by Goetheanism, has in fact remained completely misunderstood. This is the pain that can overcome one today in the face of the catastrophic events of the present; the pain can overwhelm one: What is to become of this wave, which was one of the most important in the fifth post-Atlantean epoch? What is to become of this wave given the current global mood?
[ 28 ] Demgegenüber kann man sagen: Es hat eine gewisse Wichtigkeit, wenn man sich entschließt, dasjenige, was zu tun haben will gerade mit den wichtigsten Impulsen des fünften nachatlantischen Zeitraums, Goetheanum zu nennen, ganz gleichgültig, was über diese Anstalt Goetheanum auch kommen mag. — Nicht darum handelt es sich, daß diese Anstalt so und so lange Jahre den Namen Goetheanum trägt, sondern daß einmal der Gedanke da war, den Namen Goetheanum gerade in der schwierigsten Zeit zu gebrauchen.
[ 28 ] In contrast, one might say: It is of some significance to decide to call that which is intended to engage specifically with the most important impulses of the fifth post-Atlantean epoch the “Goetheanum,” regardless of whatever may come to pass regarding this institution known as the Goetheanum. — The point is not that this institution has borne the name Goetheanum for so many years, but that the idea once existed to use the name Goetheanum precisely during the most difficult of times.
[ 29 ] Gerade durch die Tatsache, die ich Ihnen angeführt habe, kann für einen gewissermaßen der Goetheanismus in seiner Isoliertheit etwas ganz Besonderes werden, konnte es werden, wenn man in der angegebenen Zeit in Österreich, wo einen so viel nichts anging, gelebt hat. Denn hätten ihn die Leute als etwas aufgefaßt, was sie etwas angeht, dann wäre die heutige Zeit nicht gekommen, dann wären diese katastrophalen Ereignisse nicht eingetreten. Man möchte sagen: Dieses und vieles andere machte Deutsch-Österreich in einzelnen Individualitäten — denn die breiten Massen stehen eben unter dem furchtbaren Druck des Katholizismus der Gegenreformation —, aber es machte einzelne Individualitäten fähig, den Goetheanismus mit ihrer Seele in inniger Weise zu vereinigen. Ich selber — ich habe es öfter erwähnt — lernte einen solchen Österreicher kennen in Karl Julius Schröer, der in Österreich wirkte; aber ich möchte sagen, so wie er wirkte, auf jedem Gebiete, auf dem er wirkte, war es der Goethe-Impuls, von dem aus er wirkte. Die Geschichte wird einmal zusammenstellen, was solche Leute wie Karl Julius Schröer gedacht haben über die politischen Notwendigkeiten von Österreich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, solche Leute, die keines Menschen Ohr gefunden haben, die aber in einer gewissen Weise gewußt haben, wodurch das «Heute» zu vermeiden gewesen wäre, das dann eben doch kommen mußte, weil sie niemandes Ohr gefunden haben.
[ 29 ] Precisely because of the fact I have mentioned to you, Goetheanism, in its isolation, can—or could have—become something quite special for a person, especially if one lived in Austria during the period in question, where so little concerned one. For if people had regarded it as something that concerned them, then the present era would not have come to pass, and these catastrophic events would not have occurred. One might say: This and much else shaped individual personalities in German-Austria—for the broad masses are, after all, under the terrible pressure of Counter-Reformation Catholicism—but it enabled individual personalities to unite Goetheanism with their souls in a profound way. I myself—as I have often mentioned—came to know one such Austrian in Karl Julius Schröer, who was active in Austria; but I would like to say that, in everything he did, in every field in which he was active, it was the Goethean impulse from which he drew his inspiration. History will one day piece together what people like Karl Julius Schröer thought about Austria’s political necessities in the second half of the 19th century—people who found no one willing to listen to them, but who, in a certain sense, knew how to avert the “present” that was bound to come precisely because they found no one willing to listen to them.
[ 30 ] Kam man dann ins Deutsche Reich, ja, da vor allen Dingen hatte man dann den Eindruck, daß wenn man mit Goethe zusammengewachsen war, man eigentlich nirgends ein offenes Herz für solches Zusammengewachsensein fand. Ich kam im Herbst 1890 nach Weimar, und ich habe Ihnen neulich die schönen Seiten von Weimar geschildert; aber für dasjenige, was ich dazumal — ich hatte ja meine erste wichtige Goethe-Publikation bereits hinter mir — für Goethe in meiner Seele trug, fand ich eigentlich, weil es das Geistige an Goethe war, recht, recht wenig Verständnis, Herzensverständnis da vor. Es war da ein ganz anderes Leben im Äußerlichen und auch im Inneren des Äußeren — oder im Äußerlichen des Inneren, wenn Sie das lieber sagen wollen als irgend etwas, was zusammenhängt mit den Goethe-Impulsen. Diese Goethe-Impulse sind eigentlich in den allerweitesten Kreisen vollständig unbekannt, unbekannt insbesondere aber, total unbekannt bei den Professoren der Literaturgeschichte, die an den Universitäten über Goethe, Lessing, Herder und dergleichen Vorträge halten, unbekannt bei all den Philistern, die die schrecklichen Goethe-Biographien innerhalb der deutschen Literatur verbrochen haben. Ich konnte mich nur trösten über all das Schauerzeug, welches geschrieben worden ist, gedruckt worden ist über Goethe, durch die Publikationen Schröers und durch das schöne Buch von Herman Grimm, das mir verhältnismäßig sehr frühzeitig in die Hände gekommen ist. Aber Herman Grimm zum Beispiel wird ja durchaus von den Universitätsleuten nicht ernst genommen. Sie sagen, er sei ein Spaziergänger auf dem Gebiet des Geisteslebens, kein ernster Forscher.
[ 30 ] When one then entered the German Empire, yes, there above all one had the impression that, even though one had grown up with Goethe, one could actually find nowhere an open heart for such a bond. I arrived in Weimar in the fall of 1890, and I recently described to you the beautiful aspects of Weimar; but for what I carried in my soul for Goethe at that time—I had, after all, already published my first major work on Goethe—I actually found very, very little understanding, very little heartfelt understanding there, precisely because it was the spiritual aspect of Goethe. There was a completely different life there, both outwardly and within the outward—or in the outward aspect of the inner, if you prefer to put it that way—than anything connected with the Goethean impulses. These Goethean impulses are, in fact, completely unknown in the very broadest circles; unknown, in particular, and utterly unknown among the professors of literary history who give lectures at universities on Goethe, Lessing, Herder, and the like; unknown among all the philistines who have perpetrated those dreadful Goethe biographies within German literature. I could only take comfort in all the dreadful drivel that has been written and printed about Goethe, through Schröer’s publications and through Herman Grimm’s beautiful book, which came into my hands relatively early on. But Herman Grimm, for example, is certainly not taken seriously by the university crowd. They say he is a stroller in the realm of intellectual life, not a serious scholar.
[ 31 ] Karl Julius Schröer ernst zu nehmen, dazu hat sich natürlich ein richtiger Universitätsgelehrter niemals aufgeschwungen; der wird ja immer nur so als Bagatelle behandelt. Ja, dieses Kapitel könnte ich in sehr mannigfaltiger Weise ausmalen. Aber man darf ja nicht vergessen bei alledem, daß in das Literatentum mit all seinen verschiedenen Verzweigungen, selbst in die Verzweigungen hinein, die man — mit Respekt zu vermelden — die journalistischen nennen kann, eben seine Ströme sendet, das in den letzten Jahrzehnten versumpfende Bürgertum, das vollständig in Schlaf versunkene Bürgertum, das keine Beziehungen hat, wenn es geistiges Leben treibt, zu dem wirklichen Inhalt dieses Geisteslebens. Von solchen Voraussetzungen aus kann man natürlich nicht irgendwie an den Goetheanismus herankommen. Denn Goethe selber ist im besten, im wahrsten Sinne des Wortes der modernste Geist des fünften nachatlantischen Zeitraums.
[ 31 ] Of course, no true university scholar has ever bothered to take Karl Julius Schröer seriously; he is always treated merely as a trifle. Yes, I could elaborate on this chapter in many different ways. But one must not forget, in all of this, that literature, with all its various branches—even into those branches that one might respectfully call “journalistic”—sends forth its currents: the bourgeoisie, which has been sinking into a quagmire in recent decades, the bourgeoisie that has fallen completely asleep, the bourgeoisie that has no connections— — as “journalistic,” the bourgeoisie—which has been sinking into stagnation in recent decades, the bourgeoisie that has fallen completely asleep, and which, when it engages in intellectual life, has no connection to the true substance of that intellectual life—sends its currents. Starting from such premises, one cannot, of course, approach Goetheanism in any meaningful way. For Goethe himself is, in the best and truest sense of the word, the most modern spirit of the fifth post-Atlantean epoch.
[ 32 ] Bedenken Sie nur, was in diesem Goethe eigentlich alles als besonders charakteristisch Eigentümliches ist. Erstens, seine gesamte Weltanschauung — die in die geistigen Höhen noch höher hinaufgeführt werden kann, noch höher als sie Goethe selbst führen konnte — ruht auf solidem naturwissenschaftlichem Boden. Es gibt keine solide Weltanschauung in der Gegenwart, die nicht auf naturwissenschaftlichem Boden ruhen könnte. Daher ist so viel Naturwissenschaftliches in dem Buche, mit dem ich 1897 meine damaligen Goethe-Studien abgeschlossen habe, und das jetzt in neuer Auflage wiederum erschienen ist aus ähnlichen Gründen, wie die Neuauflage der «Philosophie der Freiheit» erschienen ist. Das Philisterium hat damals gesagt — damals wurden meine Bücher noch rezensiert —: Der nennt das «Goethes Weltanschauung»; er müßte eigentlich sagen «Goethes Naturanschauung». — Nun ja, daß das, was wirklich Goethes Weltanschauung ist, nur so dargestellt werden kann, daß die solide Grundlage der Goetheschen Naturanschauung geboten wird, das sahen natürlich diejenigen nicht ein, welche maskierte Goethe-Forscher oder dergleichen waren, LiterarhistorikeroderPhilosophen oder so etwas. Ein zweites Charakteristisches für Goethe, was ihn wiederum zu dem modernsten Geiste der fünften nachatlantischen Zeit macht, ist, wie sich in seiner Seelenverfassung jener eigentümliche innere Geistesweg gestaltet, der von der intuitiven Naturanschauung zur Kunst hinführt. Es gehört zu den allerinteressantesten Problemen der GoetheBetrachtung, diesen Zusammenhang von Naturanschauung und künstlerischer Betätigung, künstlerischem Schaffen und künstlerischer Phantasie eben in Goethes Seele zu verfolgen. Nicht auf Hunderte, sondern auf Tausende von Fragen, die aber nicht pedantische theoretische Fragen sind, sondern die lebensvolle Fragen sind, kommt man, wenn man diesen ganz eigenartigen, merkwürdigen Weg betrachtet, der sich bei Goethe immer abspielt, wenn er die Natur künstlerisch, aber darum nicht weniger ihrer Wirklichkeit nach betrachtet, und wenn er in der Kunst so wirkt, daß man, um sein eigenes Wort zu gebrauchen, in seiner Kunst etwas verspürt wie eine auf höherer Stufe erfolgende Fortsetzung des göttlichen Naturschaffens selber.
[ 32 ] Just consider what it is about Goethe that is truly distinctive and characteristic. First, his entire worldview—which can be taken to even greater spiritual heights, higher even than Goethe himself could reach—rests on a solid foundation of natural science. There is no sound worldview today that cannot be grounded in the natural sciences. That is why there is so much scientific content in the book with which I concluded my Goethe studies in 1897, and which has now been republished in a new edition for reasons similar to those behind the new edition of *The Philosophy of Freedom*. The philistines said back then—back when my books were still being reviewed—: “He calls this ‘Goethe’s Worldview’; he should really say ‘Goethe’s View of Nature.’” — Well, of course, those who were disguised Goethe scholars or the like—literary historians, philosophers, or the like—did not realize that what is truly Goethe’s worldview can only be presented by laying the solid foundation of Goethe’s view of nature. A second characteristic of Goethe—which in turn makes him the most modern spirit of the fifth post-Atlantean epoch—is the way in which, within his inner constitution, that peculiar inner spiritual path takes shape, leading from an intuitive view of nature to art. One of the most fascinating problems in the study of Goethe is to trace this connection between the perception of nature and artistic activity, artistic creation, and artistic imagination within Goethe’s own soul. One encounters not hundreds, but thousands of questions—questions that are not pedantic theoretical ones, but rather questions full of life—when one considers this entirely unique, remarkable path that always unfolds in Goethe whenever he approaches nature artistically, yet no less in accordance with its reality, and when he works in art in such a way that, to use his own words, one senses in his art something like a continuation—on a higher level—of the divine creation of nature itself.
[ 33 ] Ein drittes, was für Goethes Weltanschauung so charakteristisch ist, ist, wie Goethe den Menschen hineinstellt in das ganze Weltenall, wie er in dem Menschen die Blüte, die Frucht des ganzen übrigen Weltenalls sieht, wie er immerdar bemüht ist, ihn nicht isoliert zu betrachten, sondern ihn so zu betrachten, daß der Mensch dasteht und gewissermaßen durch ihn durchwirkt die ganze Geistigkeit, die der Natur zugrunde liegt, und der Mensch mit seiner Seele den Schauplatz abgibt, auf dem sich der Geist der Natur selber anschaut. Aber mit diesen also abstrakt ausgesprochenen Gedanken hängt unendlich vieles zusammen, wenn es im Konkreten verfolgt wird. Und all dies ist ja im Grunde genommen erst die solide Grundlage, auf der dann aufgebaut werden kann das, was zu den höchsten Höhen übersinnlicher, geistiger Betrachtung gerade in der heutigen Zeit führen kann. Wenn man heute darauf aufmerksam macht, daß die Welt versäumt hat, sich mit Goethe zu befassen — das hat sie —, daß die Welt versäumt hat, irgendwie eine Beziehung zum Goetheanismus zu gewinnen, ja, dann geschieht das wahrhaftig nicht, um diese Welt auszuzanken, um diese Welt abzukanzeln oder abzukritisieren, sondern nur, um dazu aufzufordern, ein solches Verhältnis zum Goetheanismus zu gewinnen. Denn dieser Goetheanismus, fortgesetzt, bedeutet eben ein Hineinkommen in anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft. Und ohne anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft kommt die Welt aus der heutigen katastrophalen Lage nicht heraus. Man kann in gewisser Weise am sichersten anfangen, wenn man in die Geisteswissenschaft hineinkommen will, indem man mit Goethe anfängt.
[ 33 ] A third aspect that is so characteristic of Goethe’s worldview is the way he places human beings within the entire universe, how he sees in human beings the blossom, the fruit of the entire rest of the universe, and how he is constantly striving not to view human beings in isolation, but rather to view them in such a way that the human being stands there and, as it were, is permeated by the entire spirituality that underlies nature, and the human being, with his soul, serves as the stage upon which the spirit of nature beholds itself. But an infinite number of things are connected to these thoughts—expressed in such abstract terms—when they are pursued in concrete terms. And all of this is, after all, merely the solid foundation upon which what can lead to the highest heights of supersensory, spiritual contemplation—especially in the present age—can then be built. When one points out today that the world has failed to engage with Goethe—which it has—and that the world has failed to establish any kind of relationship with Goetheanism, well, this is truly not done to berate the world, to scold it, or to criticize it, but only to urge it to develop such a relationship with Goetheanism. For this Goetheanism, carried forward, means precisely an entry into anthroposophically oriented spiritual science. And without anthroposophically oriented spiritual science, the world cannot emerge from its current catastrophic situation. In a certain sense, the surest way to begin, if one wishes to enter into spiritual science, is to start with Goethe.
[ 34 ] Das alles hängt mit etwas anderem noch zusammen. Ich habe Sie vorhin darauf aufmerksam gemacht, daß eigentlich dieses breite Geistesleben, das auf den Kanzeln sich entwickelt, das für viele Menschen dann eine Lebenslüge wird, der sie sich gar nicht bewußt sind, eben antediluvianisch ist. Ebenso antediluvianisch ist ja im Grunde die Universitätsgelehrsamkeit aller Fakultäten. Nun wird das aber zur Anomalie, zur historischen Anomalie, auf einem Gebiete, wo es einen Goetheanismus daneben gibt. Denn ein weiteres Eigentümliches in Goethes Persönlichkeit ist die ungeheure Universalität, die so weit geht, daß ja gewiß Goethe auf den verschiedensten Gebieten nur schwache Saatkörner ausgestreut hat; die können aber überall ausgebildet werden, und die sind, indem sie ausgebildet werden, etwas so Großes, enthalten die Keime zu etwas so Großem in sich, daß es das große Moderne ist, von dem aber die Menschheit nichts wissen will, dem gegenüber in seiner Verfassung, in seiner Gesinnung, wie es dasteht, das Antediluvianische die moderne Universitätsbildung ist. Diese moderne Universitätsbildung ist alter Zopf, wenn sie auch dies oder jenes Neuentdeckte und so weiter in sich aufnimmt. Aber daneben gibt es ein nicht beachtetes wirkliches Geistesleben: Goetheanismus. Goethe ist in gewisser Beziehung die Universitas litterarum, die geheime Universitas, und der widerrechtliche Fürst auf dem Gebiete des Geisteslebens ist die Universitätsbildung der Gegenwart. Aber alles Äußere, was Sie erleben, was zu der gegenwärtigen Weltkatastrophe geführt hat, alles dies Äußere ist ja schließlich ein äußeres Resultat dessen, was an den Universitäten gelehrt wird. Da reden die Menschen heute über das oder jenes in der Politik, über diese oder jene Persönlichkeiten, da reden die Menschen darüber, daß der Sozialismus aufgetreten ist, da reden die Menschen über gute und schlechte Seiten der Kunst, da reden die Menschen über den Bolschewismus und so weiter, da fürchten sich die Menschen, daß das oder jenes heraufkomme, da sehen die Menschen an dem einen oder andern Platz den oder jenen stehen, da gibt es Menschen, die vor sechs Wochen das Gegenteil von dem gesagt haben, was sie heute sagen. Alles das gibt es. Woher fließt alles das? Doch schließlich von den Bildungsstätten der Gegenwart! Alles Übrige ist im Grunde genommen sekundäres und sekundärstes Gerede, was nicht aufmerksam darauf wird, daß die Axt an die Wurzel der sogenannten modernen Bildung selbst gelegt werden muß. Was wird es denn nützen, wenn noch so viel da oder dort sogenannte gescheite Ideen entwickelt werden, wenn man nicht einsieht, wo eigentlich der Bruch gemacht werden muß?
[ 34 ] All of this is connected to something else as well. I pointed out to you earlier that this broad intellectual life, which develops from the pulpit and which for many people then becomes a lie they live by—a lie of which they are completely unaware—is, in fact, antediluvian. Equally antediluvian, in essence, is the academic scholarship of all university departments. Yet this becomes an anomaly—a historical anomaly—in a field where Goetheanism exists alongside it. For another distinctive feature of Goethe’s personality is his immense universality, which extends so far that, certainly, Goethe scattered only faint seeds across the most diverse fields; yet these can be cultivated everywhere, and as they are cultivated, they become something so great—they contain within themselves the seeds of something so great—that it is the great modernity, of which, however, humanity wants to know nothing; in contrast to this, in its constitution and mindset as it stands, modern university education is the antediluvian element. This modern university education is an outdated relic, even if it incorporates this or that new discovery and so on. But alongside it there is a neglected, genuine spiritual life: Goetheanism. Goethe is, in a certain sense, the Universitas litterarum, the secret Universitas, and the illegitimate prince in the realm of spiritual life is contemporary university education. But everything external that you experience—everything that has led to the current global catastrophe—all of this external reality is, after all, an external result of what is taught at the universities. People today talk about this or that in politics, about this or that figure; people talk about the emergence of socialism; people talk about the good and bad aspects of art; people talk about Bolshevism and so on; people fear that this or that might arise; people see this or that person standing in one place or another, there are people who, six weeks ago, said the exact opposite of what they are saying today. All of this exists. Where does all of this come from? Ultimately, from the educational institutions of the present! Everything else is, in essence, secondary and trivial talk that fails to recognize that the axe must be laid to the very root of so-called modern education itself. What good will it do if so-called clever ideas are developed here and there, if one does not realize where the break must actually be made?
[ 35 ] Ich habe vorhin davon gesprochen, daß mich selber gewisse Dinge nichts angegangen sind. Ich kann Ihnen noch etwas verraten, was mich nichts angegangen ist. Als ich von der Realschule an die Hochschule kam, da hörte ich verschiedene Dinge, ließ mich in verschiedene Dinge inskribieren. Es waren lauter Dinge, die mich nichts angingen, denn nirgends konnte man den Impuls desjenigen verspüren, was wirklich zusammenhängt mit der Evolution unseres Zeitalters. Und ohne albern werden zu wollen — ich habe ja neulich erzählt, wie ich überall herauslanciert worden bin —, darf ich sagen, daß ich vor allen Dingen eine gewisse Sympathie hatte für jene Universitas, die der Goetheanismus ist dadurch, daß Goethe im Grunde genommen, indem er durch die Universitätsbildung ging, auch durch etwas ging, was ihn nichts anging in Wirklichkeit. Goethe hat sich blutwenig befaßt in Leipzig, in der damaligen Universität im damaligen königlichen Sachsenlande, mit dem, was er da hören konnte, und er hat sich später wiederum in Straßburg blutwenig befaßt mit dem, was er da hören konnte. Und dennoch, alles das, selbst das Künstlerischeste des Künstlerischen bei Goethe ruht auf solidem Boden sogar strengster Naturanschauung. Goethe ist wider alles Universitätswesen in die modernsten Impulse auch des Erkennens hineingewachsen. Das ist dasjenige, was man, wenn man von Goetheanismus spricht, nicht aus dem Auge verlieren darf. Das ist dasjenige, was ich in meinen Goethe-Studien und auch in meinem Buche «Goethes Weltanschauung» gerne den Menschen zum Bewußtsein gebracht hätte. Den wirklichen Goethe hätte ich gerne den Menschen zum Bewußtsein gebracht. Nur — es war das Zeitalter nicht dazu da. Es fehlte sozusagen in ganz erheblichem Maße der Resonanzboden. Daß Ansätze dazu da waren, das habe ich neulich erwähnt; sie waren doch in Weimar gegeben, der Boden war in Weimar gewissermaßen dazu gegeben. Aber auf diesen Boden stellte sich nichts Rechtes, und diejenigen, die darauf gestellt waren, lancierten die anderen weg, die auf diesem Boden hätten stehen können. Wäre die neuere Zeit ein wenig von Goetheanismus durchdrungen, sie würde mit Sehnsucht Geisteswissenschaft aufnehmen, denn der Goetheanismus bereitet den Boden für die Aufnahme der Geisteswissenschaft vor. Dann aber würde wiederum dieser Goetheanismus zur Methode für eine wirkliche Gesundung der Menschen der Gegenwart. Ja, man muß nicht oberflächlich das Leben der gegenwärtigen Zeit betrachten!
[ 35 ] I mentioned earlier that certain things were none of my business. I can tell you something else that was none of my business. When I went from middle school to college, I heard all sorts of things and signed up for all sorts of courses. They were all things that were none of my business, because nowhere could one sense the impulse of what is truly connected to the evolution of our age. And without wanting to sound silly—I did, after all, recently recount how I was kicked out of everywhere—I may say that, above all, I felt a certain affinity for that “universitas” that is Goetheanism, precisely because Goethe, in essence, while going through his university education, was also going through something that, in reality, was none of his business. In Leipzig, at the university of that time in what was then the Kingdom of Saxony, Goethe paid very little attention to what he could hear there, and later, in Strasbourg, he again paid very little attention to what he could hear there. And yet, all of this—even the most artistic of the artistic in Goethe—rests on solid ground, rooted in the strictest view of nature. Goethe, in defiance of the entire university system, grew into the most modern impulses of knowledge as well. That is what one must not lose sight of when speaking of Goetheanism. That is what I would have liked to bring to people’s awareness in my Goethe studies and also in my book *Goethe’s Worldview*. I would have liked to bring the real Goethe to people’s awareness. However—the times were not ripe for it. There was, so to speak, a significant lack of a receptive audience. I mentioned recently that there were initial signs of this; they were present in Weimar, after all—the groundwork was, in a sense, laid there. But nothing substantial took root on that ground, and those who were positioned there pushed aside the others who could have stood on that ground. If the modern era were imbued even a little with Goetheanism, it would embrace spiritual science with longing, for Goetheanism prepares the ground for the reception of spiritual science. Then, in turn, this Goetheanism would become the method for a genuine healing of the people of the present. Indeed, one must not view the life of the present time superficially!
[ 36 ] Als ich gestern den Vortrag gehalten hatte in Basel, da mußte ich doch denken: Dasjenige, was da zu sagen wäre, ist eigentlich so, daß es heute keinen ehrlichen Wissenschafter geben könnte, der, wenn er sich darauf einläßt, die Sache nicht zugibt. — Wenn er sich darauf einläßt! Was die Sache zurückhält, sind ja nicht logische Gründe, sondern ist jene Brutalität, welche als Brutalität auch auf allen Gebieten der zivilisierten Welt die gegenwärtige Katastrophe herbeigeführt hat. Tief symbolisch selbstverständlich bleibt immer eine solche Tatsache, daß es eine Goethe-Gesellschaft gibt, welche vor einigen Jahren nichts Besseres zu tun hatte, als einen gewesenen, abgewirtschafteten Finanzminister zum Präsidenten zu machen, so richtig ein Symptom für das Außenstehen der Menschen gegenüber dem, was sie glauben, zu verehren. Dieser Finanzminister, der, wie ich neulich schon sagte, vielleicht auch symptomatisch den Vornamen hat «Kreuzwendedich», dieser Finanzminister glaubt ja selbstverständlich in der Lebenslüge, in der er drinnensteht, daß er Goethe verehrt, weil er ja keine Ahnung haben kann, aus der gegenwärtigen Bildung heraus keine Ahnung haben kann, wie fern, wie — man könnte kosmische Entfernungen, Sternenweiten oder so irgend etwas zu Hilfe nehmen, wenn man die Fernigkeit auch nur irgendwie ausmessen würde, in welcher dieser Präsident der Goethe-Gesellschaft selbst zu dem Allerelementarsten des Goetheanismus steht.
[ 36 ] When I gave the lecture in Basel yesterday, I couldn’t help but think: What really needs to be said is that there could be no honest scientist today who, if he were to consider the matter, would not admit it. — If he were to engage with it! What holds the matter back are not logical reasons, but rather that brutality which, as brutality, has brought about the current catastrophe in all areas of the civilized world. Of course, a fact such as this always remains deeply symbolic: that there is a Goethe Society which, a few years ago, had nothing better to do than to appoint a former, failed finance minister as its president—a true symptom of how disconnected people are from what they believe they are honoring. This finance minister—who, as I mentioned recently, perhaps symptomatically bears the first name “Kreuzwendedich”—naturally believes in the life-long lie he is caught up in, namely that he venerates Goethe, because he can have no idea—given the state of contemporary education, he simply cannot have any idea—how far, how—one might invoke cosmic distances, stellar distances or something of the sort—if one were to measure that remoteness in any way at all—at which this president of the Goethe Society stands even in relation to the most elementary tenets of Goetheanism.
[ 37 ] Dieses Zeitalter war natürlich nicht dazu da, um irgendwie in das Innere des Goetheanismus hineinzuführen. Denn der Goetheanismus ist nichts Nationales, der Goetheanismus ist nichts Deutsches. Gespeist ist, wie ich Ihnen gezeigt habe, dieser Goetheanismus von Spinoza, nun, der war ja schließlich kein Deutscher, von Shakespeare — war ja schließlich kein Deutscher; von Linné — war ja schließlich kein Deutscher. Und Goethe selbst sagt es, daß diese drei Persönlichkeiten von allen Persönlichkeiten auf ihn den größten Einfluß gehabt haben, und er irrt sich darin gewiß nicht. Wer Goethe kennt, weiß, wie gerechtfertigt dies ist. Aber Goethe ist dagewesen — Goetheanismus könnte da sein! Goetheanismus könnte walten in allem menschlichen Denken, könnte walten im religiösen Leben, könnte walten in jedem wissenschaftlichen Zweige, könnte walten in sozialen Ausgestaltungen des menschlichen Zusammenlebens, Goetheanismus könnte walten im politischen Leben, überall könnte der Goetheanismus walten. Und die Welt hört sich heute die Schwätzer an, Eucken oder Bergson, wie sie auf den verschiedensten Gebieten heißen. Ich will schon gar nicht von irgendwelchen politischen Schwätzern sprechen, denn auf diesem Gebiete ist ja in der heutigen Zeit das Eigenschaftswort mit dem Hauptwort fast identisch geworden.
[ 37 ] This era was, of course, not intended to provide any kind of introduction to the essence of Goetheanism. For Goetheanism is not a national phenomenon; Goetheanism is not a German phenomenon. As I have shown you, this Goetheanism draws its inspiration from Spinoza—who, after all, was no German—from Shakespeare—who, after all, was no German—and from Linnaeus—who, after all, was no German. And Goethe himself says that these three figures, of all figures, had the greatest influence on him, and he is certainly not mistaken in this. Anyone who knows Goethe knows how justified this is. But Goethe was here—Goetheanism could be here! Goetheanism could prevail in all human thought, could prevail in religious life, could prevail in every branch of science, could prevail in the social structures of human coexistence; Goetheanism could prevail in political life—Goetheanism could prevail everywhere. And today the world listens to the windbags—Eucken or Bergson, whatever their names may be in the most diverse fields. I certainly do not wish to speak of any political windbags, for in this realm, in the present day, the adjective has become almost identical to the noun.
[ 38 ] Gegen die Fremdheit des heutigen Geistesgetriebes gegenüber der Wirklichkeit ist schließlich das, was hier gewollt worden ist, was ja in der Zukunft so stark gehaßt werden wird, daß natürlich seine Fertigstellung selbstverständlich sehr problematisch ist, besonders in dem gegenwärtigen Zeitpunkte, demgegenüber ist dasjenige, was hier gewollt worden ist, ein lebendiger Protest. Und dieser Protest kann nicht schöner ausgedrückt werden, als wenn man sagt: Das, was hier gewollt worden ist, ist ein Goetheanum. — Es ist gewissermaßen ein Bekenntnis zu den wichtigsten Eigenschaften und auch zu den wichtigsten Forderungen der Gegenwart, wenn hier von einem Goetheanum gesprochen wird. Und dieses Goetheanum ist wenigstens gewollt worden inmitten des gegenwärtigen Philisteriums — will sagen, der gegenwärtigen zivilisierten Welt —, sollte herausragen aus dieser gegenwärtigen sogenannten zivilisierten Welt.
[ 38 ] In the face of the alienation of today’s intellectual machinery from reality—which is ultimately what was intended here, and which will be so intensely hated in the future that its completion is, of course, highly problematic, especially at the present moment—what was intended here stands as a living protest. And this protest cannot be expressed more beautifully than by saying: What has been intended here is a Goetheanum. — In a sense, speaking of a Goetheanum here is a commitment to the most important characteristics and also to the most important demands of the present. And this Goetheanum was intended, at the very least, to stand out from the midst of the present philistine world—that is to say, the present so-called civilized world.
[ 39 ] Selbstverständlich, wenn es nach dem Herzen vieler Zeitgenossen ginge, würde man vielleicht sagen, es wäre gescheiter gewesen, «Wilsonianum» zu sagen, denn das ist ja die Flagge der gegenwärtigen Zeit. Das ist ja dasjenige, dem sich gegenwärtig die Welt beugen will und wahrscheinlich auch beugen wird.
[ 39 ] Of course, if it were up to many of our contemporaries, one might say it would have been wiser to say “Wilsonianum,” for that is, after all, the banner of our time. That is, after all, what the world currently wishes to submit to—and will likely do so.
[ 40 ] Nun, es mag manchem sonderbar erscheinen, wenn heute einer kommt und sagt: Die einzige Hilfe gegen den Wilsonismus ist der Goetheanismus. — Dann kommen diejenigen Menschen, die das besser wissen wollen und sagen: Das ist ein Ideologe, der so spricht! — Nun, wer sind denn jene Menschen, die dieses Wort prägen: Das ist ein weltenfremder Mensch — wer sind sie denn? Diese weltenverwandten Menschen sind es, welche die heutige Weltordnung herbeigeführt haben, welche die heutige Weltordnung herbeigeschaffen haben; die sind es, welche sich besonders praktisch immer gedünkt haben, die sind es, welche sich selbstverständlich auflehnen gegen das, was aus den Zusammenhängen gerade tiefster Wirklichkeit heraus gesprochen werden muß: Die Welt wird krank werden am Wilsonismus, die Welt wird auf allen Gebieten des Lebens ein Heilmittel brauchen, und das wird der Goetheanismus sein!
[ 40 ] Well, it may seem strange to some if someone were to come along today and say: “The only remedy for Wilsonism is Goetheanism.” — Then those who think they know better will say: “That’s just an ideologue talking!” — Well, who are these people who coin the phrase: “That’s a person out of touch with reality”—who are they, exactly? It is these people who are so attuned to the world who have brought about today’s world order, who have created today’s world order; they are the ones who have always considered themselves particularly practical; they are the ones who, naturally, rebel against what must be spoken from the very depths of reality: The world will fall ill with Wilsonism; the world will need a remedy in all areas of life, and that remedy will be Goetheanism!
[ 41 ] Und wenn ich mit einer persönlichen Bemerkung abschließen darf zu dieser Interpretation meines Goethe-Buches, «Goethes Weltanschauung», das jetzt auch in einer zweiten Auflage erschienen ist: Durch eine merkwürdige Verkettung der Umstände ist dieses Buch noch nicht da, nämlich, man ist ja immer noch, nicht wahr, insbesondere in der Gegenwart, ein bißchen zu Konzessionen bereit. Praktische Menschen haben uns vor einiger Zeit den Vorschlag gemacht, vor Monaten schon, man solle direkt von der Druckerei diese Bücher «Philosophie der Freiheit» und «Goethes Weltanschauung» hierher schicken, damit sie nicht erst den Umweg nach Berlin machen und so lange brauchen, bis sie hier sind. Und man meint. doch, die Praktiker, die kennen sich aus in diesen Dingen. Nun, die «Philosophie der Freiheit» wurde als von den Praktikern abgesendet gemeldet, kam aber Wochen und Wochen und Wochen nicht hier an. Von Berlin konnten die Leute schon längst Exemplare bekommen; hier war keines zu haben, weil irgendwo unterwegs von den Praktikern die Sache besorgt worden war, weil wir «unpraktischen» Leute nicht eingreifen sollten in die Sache. Aber was war mit der «Philosophie der Freiheit» geschehen? Da war nämlich das Folgende passiert: Die Sendung war von den Praktikern der Firma aufgegeben worden, und es war mitgeteilt worden, daß sie es schicken sollen nach Dornach bei Basel. Aber diese Firma, der betreffende Herr, der es gemacht hat, der hat sich gesagt: Dornach bei Basel, das ist im Elsaß — denn da gibt es auch ein Dornach, und das ist ja auch in der Nähe von Basel —, und da braucht man keine Auslandsmarken draufzukleben, da können wir deutsche Inlandspostmarken draufkleben. — Nun, so ging denn durch praktische Anordnungen die ganze Sendung nach Dornach im Elsaß, wo man natürlich nicht wußte, was damit anfangen. Die Sache mußte durch die unpraktischen Menschen reklamiert werden, und endlich, nach langen Umwegen, nachdem sich der Praktiker dazu bequemt hatte, einzusehen, daß Dornach bei Basel nicht Dornach im Elsaß ist, kam die «Philosophie der Freiheit» hier an. Ob nun «Goethes Weltanschauung» von irgendeinem Praktiker statt von Stuttgart nach Dornach bei Basel nach dem Nordkap herumgeschickt worden ist, um vielleicht um die Erde herum in Dornach einzutreffen, das weiß ich nicht. Aber jedenfalls, das sollte nur solch ein Beispiel sein, das wir zunächst unmittelbar am eigenen Leibe erlebt haben über den Anteil der Praktiker am Leben, an der wirklichen Lebenspraxis.
[ 41 ] And if I may conclude with a personal remark regarding this interpretation of my book on Goethe, *Goethe’s Worldview*, which has now been published in a second edition: Due to a strange chain of circumstances, this book isn’t here yet—after all, we’re still, aren’t we, especially these days, a bit too willing to make concessions. Some time ago—months ago, in fact—practical-minded people suggested to us that the books *Philosophy of Freedom* and *Goethe’s Worldview* be sent here directly from the printer, so they wouldn’t have to make the detour to Berlin and take so long to arrive. And one does suppose that these practical people know what they’re doing. Well, the *Philosophy of Freedom* was reported as having been shipped by the practical people, but it didn’t arrive here for weeks and weeks and weeks. People in Berlin had been able to get copies long ago; here, none were available because the practical people had taken care of the matter somewhere along the way, since we “impractical” people weren’t supposed to interfere. But what had happened to *The Philosophy of Freedom*? Well, here’s what had happened: The shipment had been arranged by the company’s “practitioners,” and they had been instructed to send it to Dornach near Basel. But this company—the gentleman in question who handled it—thought to himself: Dornach near Basel—that’s in Alsace—because there’s also a Dornach there, and that’s also near Basel—and since you don’t need to put international stamps on it there, we can just use German domestic stamps. — Well, as a result of these practical arrangements, the entire shipment ended up in Dornach in Alsace, where, of course, no one knew what to do with it. The matter had to be resolved by the “impractical” people, and finally, after many detours, once the “practical” person had deigned to realize that Dornach near Basel is not Dornach in Alsace, *The Philosophy of Freedom* arrived here. Whether “Goethe’s Worldview” was sent by some practical person from Stuttgart to Dornach near Basel, all the way around to the North Cape—perhaps to circle the globe and arrive back in Dornach—I do not know. But in any case, this was meant to be just one example that we experienced firsthand regarding the role of practical people in life, in the actual practice of living.
[ 42 ] Das also ist, was ich zunächst persönlich als Versuch machen konnte auf dem Gebiete, das mir nahelag — nahelag mehr durch die Verhältnisse als durch meine Neigungen —, der Zeit wirklich zu dienen. Und ich glaube schon einmal, wenn ich betrachte, was mich mit meinen verschiedenen Büchern aus dem Impulse der Zeit heraus verbindet, daß diese Bücher wirklich der Zeit auf den verschiedensten Gebieten dienen. Daher haben sie mich auch gelehrt, wieviel in diesen letzten Jahrzehnten gegen die Zeit eigentlich wirklich getrieben und unternommen worden ist. Die Leute mögen in ihrer Brutalität noch so sehr glauben, daß irgend etwas eben sich durchdrücken läßt: es läßt sich nichts in Wahrheit durchdrücken, was gegen die Impulse der Zeit ist. Es läßt sich manches, was mit dem Impulse der Zeit ist, zurückhalten! Nun, wenn es zurückgehalten wird, es wird später seinen Weg finden, wenn auch vielleicht unter ganz anderen Namen und in ganz anderem Zusammenhange. Aber ich glaube doch, diese Bücher haben neben manchem anderen vielleicht doch auch dieses, daß man an ihnen sehen kann, wie man aus der Beobachtung der Zeit heraus seiner Zeit selber dienen kann. Man kann aber mit allem, mit der kleinsten, mit der elementarsten Tätigkeit kann man der Zeit dienen. Man muß nur den Mut haben, zum Goetheanismus überzugehen, der sich wie eine Universitas liberarum scientiarum hinstellt neben das, was heute alle Menschen anbeten, die radikalsten Sozialisten am allermeisten: die antediluvianische Universität.
[ 42 ] So this, then, is what I was initially able to attempt on a personal level in the field that was closest to me—closest to me more because of circumstances than because of my inclinations—in order to truly serve the times. And I do believe, when I consider what connects me to the spirit of the times through my various books, that these books truly serve the times in a wide variety of fields. That is why they have also taught me just how much has actually been driven and undertaken against the spirit of the times in these last few decades. People may, in their brutality, believe as strongly as they like that something can simply be forced through: in truth, nothing can be forced through that runs counter to the spirit of the times. Many things that are in line with the spirit of the times can be held back! Well, if it is held back, it will find its way later, even if perhaps under a completely different name and in a completely different context. But I do believe that, among many other things, these books perhaps also have this quality: that through them one can see how, by observing the times, one can serve one’s own era. One can serve the times through everything—even the smallest, most elementary activity. One need only have the courage to turn to Goetheanism, which stands—like a *Universitas liberarum scientiarum*—beside what all people worship today, and the most radical socialists above all: the antediluvian university.
[ 43 ] Es könnte sehr leicht scheinen, als ob diese Dinge persönlich gemeint seien; daher zögere ich auch immer, solche Dinge auszusprechen. Wenn man natürlich dem billigen Einwand ausgesetzt ist: Aha, der ist nicht Universitätsprofessor geworden, also schimpft er über die Universitäten — nun ja, diesen billigen Einwand muß man sich schon gefallen lassen, wenn man eben notwendig hat, darauf hinzuweisen, daß das eigentliche Übel der Zeit nicht diejenigen treffen, die von irgendeinem politischen, irgendeinem spezialwissenschaftlichen, irgendeinem nationalökonomischen, irgendeinem religiösen oder sonstigen Gesichtspunkte das oder jenes vorbringen. Den eigentlichen Gesichtspunkt, der in Betracht kommt, den treffen allein diejenigen, die hinweisen auf das allerschlimmste Infallibilitätsdogma, auf jenes Infallibilitätsdogma, das durch eine verhängnisvolle Übereinstimmung der Menschheit dazu geführt hat, daß alles unterstellt ist dem, was gegenwärtig die Menschheit führt: das, was gegenwärtig offizielle wissenschaftliche Stätten sind, in denen so viel Unkraut — selbstverständlich neben ein paar guten Pflänzchen — gedeiht. Ich werde durchaus nicht, geradesowenig wie ich, wenn ich über Staaten oder Nationen spreche, niemals den einzelnen meine, so niemals den einzelnen Universitätslehrer oder dergleichen meinen. Das können ausgezeichnete Leute sein; darauf kommt es nicht an: es kommt auf das Wesen der Einrichtung an.
[ 43 ] It could very easily seem as if these remarks were meant personally; that is why I always hesitate to voice such things. Of course, one is then exposed to the cheap objection: “Ah, he didn’t become a university professor, so he’s railing against the universities”—well, one must simply put up with this cheap objection when one is compelled to point out that the real evil of our time does not affect those who raise this or that issue from some political, some specialized scientific, some economic, some religious, or some other perspective. The only ones who address the real issue at hand are those who point to the very worst dogma of infallibility—that dogma of infallibility which, through a fateful consensus of humanity, has led to everything being subordinated to what currently guides humanity: what are currently official scientific institutions, in which so much weeds—alongside a few good plants, of course—thrive. I certainly do not—just as I never mean the individual when I speak of states or nations—mean the individual university professor or the like. These may be excellent people; that is not the point: what matters is the nature of the institution.
[ 44 ] Und wie schlimm dieses Wesen ist, das zeigt sich heute schon darinnen, daß diejenigen Schulen, die angefangen haben, ein wenig aus dem Natürlichen selbst heraus sich zu entwickeln, die technischen Hochschulen, nun auch schon universitäre Allüren annehmen und damit eigentlich schon einen großen Schritt in die Versumpfung hinein gemacht haben.
[ 44 ] And just how bad this situation is can already be seen today in the fact that those schools that have begun to develop somewhat organically—the technical colleges—are now already adopting university-like airs and graces, and have thus, in effect, already taken a major step toward stagnation.
[ 45 ] Betrachten Sie solche Auseinandersetzungen, wie ich sie heute wieder gemacht habe, wie eine Art von Episode in unseren anthroposophischen Besprechungen. Aber ich denke, die gegenwärtige Zeit ist eine so sehr unsere Gedanken und unsere Empfindungen nach dieser Richtung herausfordernde, daß ja solche Betrachtungen bei uns angestellt werden sollten. Sie müssen insbesondere deshalb von uns angestellt werden, weil sie ja leider nirgend anderswo angestellt werden.
[ 45 ] Consider such discussions, as I have had again today, as a kind of interlude in our anthroposophical meetings. But I think that the present time is one that so strongly challenges our thoughts and feelings in this direction that such reflections should indeed be undertaken by us. We must undertake them in particular because, unfortunately, they are not being undertaken anywhere else.
[ 46 ] Ja, recht weit, weit entfernt vom Goetheanismus, der wahrhaftig nicht im Goethe-Studium besteht und nicht im Verfolgen der Goetheschen Werke allein, weit entfernt vom Goetheanismus ist noch unsere Gegenwart. Furchtbar nötig, auf allen Gebieten des Lebens sich diesem Goetheanismus zu nähern, hat es diese unsere Gegenwart. Es scheint ideologisch und nicht praktisch zu sein, wenn man dieses sagt, aber es ist das Aller-allerpraktischeste in der Gegenwart. Man wird es zu ganz anderem bringen als zu diesem rationalisieren, dem einzigen, zu dem es in der Gegenwart das Bourgeoistum doch noch bringt, wenn man die verschiedenen Zweige des Lebens auf den Boden des Goetheanismus stellt. Und Geisteswissenschaft, die wird schon derjenige finden, der auf dem Boden des Goetheanismus steht. Das ist etwas, was man heute mit flammender Schrift in die Herzen der Menschen hineingießen möchte.
[ 46 ] Yes, our present is still quite far, far removed from Goetheanism—which truly does not consist in the study of Goethe or in the mere pursuit of Goethe’s works—far removed from Goetheanism. Our present time has a desperate need to draw closer to this Goetheanism in all areas of life. It may seem ideological rather than practical to say this, but it is the very, very most practical thing in the present. Placing the various branches of life on the foundation of Goetheanism will lead to something entirely different from the rationalization—the only thing to which bourgeois society still manages to arrive in the present. And spiritual science—that will be found by those who stand on the foundation of Goetheanism. This is something one would like to pour into people’s hearts today with fiery words.
[ 47 ] Es ist dies von mir versucht worden in der verschiedensten Weise seit Jahrzehnten. Aber vieles von dem, was aus dem Herzblut heraus geredet worden ist, um der Zeit zu dienen, ist von der Zeit als erbauliche Sonntagnachmittagspredigt genommen worden. Denn im Grunde genommen haben die Leute, die so gern den Kulturschlaf schlafen, auch nichts anderes gewollt wie Sonntagnachmittagspredigten, nicht wahr? Das wäre der Menschheit so notwendig, daß man das konkret für die Zeit Erforderliche, Notwendige sucht! Und das müßte man vor allen Dingen in seine Einsicht hereinzubringen suchen, denn auf die Einsicht kommt es heute vor allen Dingen an. Es ist doch wiederum trivial, wenn man heute in dieser ungeheueren Verwirrung, die bald noch größer sein wird, frägt: Was soll der einzelne tun? — Vor allen Dingen nötig ist es, sich um Einsicht zu bekümmern, damit die Infallibilität namentlich auf dem Gebiete, das ich gerade heute gemeint habe, in ein richtiges Fahrwasser gebracht wird.
[ 47 ] I have been attempting this in a wide variety of ways for decades. But much of what has been spoken from the heart, in order to serve the times, has been treated by the times as an edifying Sunday afternoon sermon. For, when it comes down to it, the people who are so fond of slumbering in cultural complacency have wanted nothing more than Sunday afternoon sermons, haven’t they? It is so essential for humanity to seek out what is concretely required and necessary for our time! And above all, we must strive to bring this into our understanding, for understanding is what matters most of all today. After all, it is trivial to ask today, amid this immense confusion—which will soon become even greater—“What should the individual do?” — Above all, it is necessary to concern oneself with insight, so that infallibility—particularly in the area I was referring to today—may be steered onto the right course.
[ 48 ] Und dieses Büchelchen «Goethes Weltanschauung» ist vorzugsweise dazu geschrieben, um zu zeigen, daß es zwei Strömungen in der Gegenwart auf dem Gebiete alles Erkennens gibt: eine in der Dekadenz lebende Strömung, die alle anbeten, und eine, die die fruchtbarsten Keime für die Zukunft enthält, und die alle meiden. Mancherlei schlechte Erfahrungen haben die Menschen gemacht in den letzten Jahrzehnten, gewiß viele durch eigene Schuld. Aber darauf sollten die Menschen kommen, daß sie mit denen, auf die sie am stolzesten sind, ihre Schulmeister, doch im Grunde genommen die schlechtesten Erfahrungen schon gemacht haben und noch viel schlechtere machen werden. Zunächst scheint aber die Menschheit nötig zu haben, erst durch die Erfahrungen durchzugehen, die sie mit dem Weltenschulmeister zu machen hat, denn die Welt hat es dazu gebracht, nun endlich einen Schulmeister als Weltenordner hinzustellen! Zu denjenigen Schwätzern, die überall aus universitärem Zeug heraus die Welt beschwätzt haben, tritt nun auch noch derjenige, der die ganze Welt ordnen soll aus universitärem Geschwätze heraus.
[ 48 ] And this little book, *Goethe’s Worldview*, was written primarily to show that there are two currents in the present day in the realm of all knowledge: one that thrives on decadence, which everyone adores, and one that contains the most fruitful seeds for the future, which everyone shuns. People have had all sorts of bad experiences in recent decades, certainly many through their own fault. But people should come to realize that with those of whom they are most proud—their schoolmasters—they have, in fact, already had the worst experiences and will have much worse ones yet. For now, however, humanity seems to need to first go through the experiences it is destined to have with the world’s schoolmaster, for the world has finally managed to install a schoolmaster as the world’s organizer! Joining the ranks of those windbags who have been spouting nonsense about the world based on academic drivel is now the one who is supposed to organize the entire world based on academic drivel.
[ 49 ] Nicht um zum Pessimismus, sondern um zu denjenigen Impulsen anzuregen, die den Goetheanismus dem Wilsonismus gegenüberstellen, sind diese Worte gesprochen. Auch nicht aus irgend etwas Nationalem heraus, denn Goethe ist selber wahrhaftig kein nationaler Geist, sondern ein recht sehr internationaler. Die Welt sollte davor behütet werden, sich den Schaden anzutun, an die Stelle des Goetheanismus den Wilsonismus zu setzen.
[ 49 ] These words are spoken not to encourage pessimism, but to stimulate those impulses that set Goetheanism in opposition to Wilsonism. Nor are they motivated by any national sentiment, for Goethe himself is truly not a national spirit, but rather a very international one. The world should be protected from inflicting harm upon itself by substituting Wilsonism for Goetheanism.
