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Historical Symptomatology
GA 185

1 November 1918, Dornach

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Siebenter Vortrag

Siebenter Vortrag

[ 1 ] Ich möchte in diesen Tagen durch die anzustellenden Betrachtungen zweierlei vor Ihre Seele hinstellen. Das eine und das andere werden scheinbar wenig zusammenhängen, doch werden Sie, wenn wir zum Schluß unserer Betrachtungen gekommen sind, bemerken, daß zwischen dem einen und dem anderen doch ein recht innerlicher Zusammenhang besteht. Ich möchte nämlich, wie ich ja schon gesagt habe, einiges in diesen Betrachtungen vorbringen, was Gesichtspunkte, symptomatische Anhaltspunkte gibt über die Religionsentwickelung der bis jetzt verflossenen Zeit in der fünften nachatlantischen Periode. Aber ich möchte auf der anderen Seite ein wenig vor Ihre Seele führen, inwieferne gerade jene Art geistigen Lebens, das wir pflegen wollen, im Zusammenhange stehen kann mit einer Anstalt, die den Namen Goetheanum führen kann.

[ 1 ] Ich möchte in diesen Tagen durch die anzustellenden Betrachtungen zweierlei vor Ihre Seele hinstellen. Das eine und das andere werden scheinbar wenig zusammenhängen, doch werden Sie, wenn wir zum Schluß unserer Betrachtungen gekommen sind, bemerken, daß zwischen dem einen und dem anderen doch ein recht innerlicher Zusammenhang besteht. Ich möchte nämlich, wie ich ja schon gesagt habe, einiges in diesen Betrachtungen vorbringen, was Gesichtspunkte, symptomatische Anhaltspunkte gibt über die Religionsentwickelung der bis jetzt verflossenen Zeit in der fünften nachatlantischen Periode. Aber ich möchte auf der anderen Seite ein wenig vor Ihre Seele führen, inwieferne gerade jene Art geistigen Lebens, das wir pflegen wollen, im Zusammenhange stehen kann mit einer Anstalt, die den Namen Goetheanum führen kann.

[ 2 ] Ich denke mir, daß es in der Gegenwart vor allen Dingen eine gewisse Bedeutung hat, was man in einem solchen Falle beschließt. Wir stehen ja gegenwärtig in einem Entwickelungspunkte der Menschheit, wo die Zukunft gewissermaßen alles mögliche bringen kann und wo es darauf ankommt, auch einer ungewissen Zukunft recht mutig ins Auge schauen zu können, aber wo es auch darauf ankommt, aus dem Nerv der Zeit heraus zu solchen Entschließungen zu kommen, denen man eine gewisse Bedeutung beimißt. Die äußerliche Veranlassung zur Aufstellung des Namens Goetheanum scheint mir ja doch die zu sein, daß ich vor einiger Zeit in öffentlichen Vorträgen gesagt habe, daß ich meiner Privatmeinung nach das Haus, in dem die Geistesrichtung gepflegt werden soll, die ich meine, am liebsten Goetheanum nennen möchte. Es ist ja auch schon im vorigen Jahre über diese Namengebung debattiert worden, und dieses Jahr haben sich einige unserer Freunde entschlossen, nun dafür einzutreten, daß dieser Name Goetheanum gewählt wird. Ich sagte schon neulich: Es gibt für mich eine ganze Anzahl von Gründen — aber die lassen sich nicht so ohne weiteres in Worte kleiden; sie werden aber vielleicht doch zutage treten können, wenn ich heute davon ausgehe, eine Basis zu schaffen durch ähnliche Betrachtungen, wie ich sie das letzte Mal hier vor Ihnen angestellt habe, eine Basis zu schaffen für die religionsgeschichtlichen Betrachtungen, die wir dann in diesen Tagen anstellen wollen.

[ 2 ] Ich denke mir, daß es in der Gegenwart vor allen Dingen eine gewisse Bedeutung hat, was man in einem solchen Falle beschließt. Wir stehen ja gegenwärtig in einem Entwickelungspunkte der Menschheit, wo die Zukunft gewissermaßen alles mögliche bringen kann und wo es darauf ankommt, auch einer ungewissen Zukunft recht mutig ins Auge schauen zu können, aber wo es auch darauf ankommt, aus dem Nerv der Zeit heraus zu solchen Entschließungen zu kommen, denen man eine gewisse Bedeutung beimißt. Die äußerliche Veranlassung zur Aufstellung des Namens Goetheanum scheint mir ja doch die zu sein, daß ich vor einiger Zeit in öffentlichen Vorträgen gesagt habe, daß ich meiner Privatmeinung nach das Haus, in dem die Geistesrichtung gepflegt werden soll, die ich meine, am liebsten Goetheanum nennen möchte. Es ist ja auch schon im vorigen Jahre über diese Namengebung debattiert worden, und dieses Jahr haben sich einige unserer Freunde entschlossen, nun dafür einzutreten, daß dieser Name Goetheanum gewählt wird. Ich sagte schon neulich: Es gibt für mich eine ganze Anzahl von Gründen — aber die lassen sich nicht so ohne weiteres in Worte kleiden; sie werden aber vielleicht doch zutage treten können, wenn ich heute davon ausgehe, eine Basis zu schaffen durch ähnliche Betrachtungen, wie ich sie das letzte Mal hier vor Ihnen angestellt habe, eine Basis zu schaffen für die religionsgeschichtlichen Betrachtungen, die wir dann in diesen Tagen anstellen wollen.

[ 3 ] Sie wissen ja— und ich würde eben Persönliches nicht berühren, wenn es nicht insbesondere heute mit Sachlichem und auch mit unseren Angelegenheiten bezüglich des Goetheanums zusammenhinge —, Sie wissen ja, daß meine hauptsächlichste erste öffentliche literarische Tätigkeit mit dem Namen Goethe verknüpft ist, und Sie wissen ja wohl auch, daß diese erste öffentliche literarische Tätigkeit sich entwickelte innerhalb eines Territoriums, auf dem ja heute selbst schon für diejenigen, die durchaus nicht sehen wollen, die durchaus schlafen wollen, die gewaltigen katastrophalen Ereignisse zu sehen sind, wahrzunehmen sind. Und auch dasjenige, was ich denken muß vom Gesichtspunkte geisteswissenschaftlicher Weltbetrachtung aus im Zusammenhange mit Goethe, ist für mich ebenso wie das, was ich neulich mit Bezug auf die «Philosophie der Freiheit» gesagt habe, gewiß auf der einen Seite eine persönliche Angelegenheit, auf der anderen Seite aber ist dieses Persönliche durchaus verknüpft mit der Entwickelung der Ereignisse in den letzten Jahrzehnten. Nicht, wirklich nicht ohne einen inneren Zusammenhang mit der Entstehung auf der einen Seite meiner «Philosophie der Freiheit», auf der anderen Seite meiner GoetheSchriften, ist eben doch die Tatsache, daß ich bis zum Ende der achtziger Jahre des 19. Jahrhunderts in Österreich gelebt habe und dann nach Deutschland, zunächst nach Weimar, später nach Berlin gekommen bin. Es ist natürlich in einem äußeren Zusammenhange, aber die Besprechung eines solchen äußeren Zusammenhanges führt nach und nach, wenn man die Symptome richtig ins Auge faßt, auch sachgemäß in das Innere. Sie werden ja schon bemerkt haben, gerade aus den historischen Skizzen, die ich Ihnen gegeben habe, wie ich dasjenige, was ich geschichtliche Symptomatologie nenne, im Leben anwenden muß, wie ich die Geschichte sowohl wie das einzelne Menschenleben aus den Symptomen und ihren Offenbarungen heraus begreifen muß, weil sich von da aus alles zurückführen läßt auf das wirkliche innere Geschehen. Aber man muß wirklich auch den Willen haben, von den äußeren Tatsachen zu dem inneren Geschehen überzugehen.

[ 3 ] Sie wissen ja— und ich würde eben Persönliches nicht berühren, wenn es nicht insbesondere heute mit Sachlichem und auch mit unseren Angelegenheiten bezüglich des Goetheanums zusammenhinge —, Sie wissen ja, daß meine hauptsächlichste erste öffentliche literarische Tätigkeit mit dem Namen Goethe verknüpft ist, und Sie wissen ja wohl auch, daß diese erste öffentliche literarische Tätigkeit sich entwickelte innerhalb eines Territoriums, auf dem ja heute selbst schon für diejenigen, die durchaus nicht sehen wollen, die durchaus schlafen wollen, die gewaltigen katastrophalen Ereignisse zu sehen sind, wahrzunehmen sind. Und auch dasjenige, was ich denken muß vom Gesichtspunkte geisteswissenschaftlicher Weltbetrachtung aus im Zusammenhange mit Goethe, ist für mich ebenso wie das, was ich neulich mit Bezug auf die «Philosophie der Freiheit» gesagt habe, gewiß auf der einen Seite eine persönliche Angelegenheit, auf der anderen Seite aber ist dieses Persönliche durchaus verknüpft mit der Entwickelung der Ereignisse in den letzten Jahrzehnten. Nicht, wirklich nicht ohne einen inneren Zusammenhang mit der Entstehung auf der einen Seite meiner «Philosophie der Freiheit», auf der anderen Seite meiner GoetheSchriften, ist eben doch die Tatsache, daß ich bis zum Ende der achtziger Jahre des 19. Jahrhunderts in Österreich gelebt habe und dann nach Deutschland, zunächst nach Weimar, später nach Berlin gekommen bin. Es ist natürlich in einem äußeren Zusammenhange, aber die Besprechung eines solchen äußeren Zusammenhanges führt nach und nach, wenn man die Symptome richtig ins Auge faßt, auch sachgemäß in das Innere. Sie werden ja schon bemerkt haben, gerade aus den historischen Skizzen, die ich Ihnen gegeben habe, wie ich dasjenige, was ich geschichtliche Symptomatologie nenne, im Leben anwenden muß, wie ich die Geschichte sowohl wie das einzelne Menschenleben aus den Symptomen und ihren Offenbarungen heraus begreifen muß, weil sich von da aus alles zurückführen läßt auf das wirkliche innere Geschehen. Aber man muß wirklich auch den Willen haben, von den äußeren Tatsachen zu dem inneren Geschehen überzugehen.

[ 4 ] Sehen Sie, viele Menschen in der Gegenwart möchten übersinnlich schauen lernen; aber der Weg dazu, der ist dann schwieriger, und den möchten die meisten Menschen vermeiden. Daher ist es auch in der Gegenwart noch vielfach so, daß sich für manche Menschen, die übersinnlich schauen können, das äußere Leben ganz getrennt abspielt von ihrem übersinnlichen Schauen. Allerdings, wenn diese Trennung der Fall ist, dann kann das übersinnliche Schauen auch nicht sehr viel wert sein, kann kaum über die persönlichsten Momente hinauskommen. Unsere Zeit ist eine Zeit des Überganges. Gewiß ist jede Zeit eine Zeit des Überganges, es kommt nur darauf an, einzusehen, was übergeht. Aber es geht Wichtiges über; es geht über dasjenige, was gerade den Menschen im Innersten berührt, was für den Menschen im Innersten wichtig ist. Wenn man wachend verfolgt, was das sogenannte gebildete Publikum in den letzten Jahrzehnten über die ganze zivilisierte Welt hin eigentlich getrieben hat, so kommt man, wie ich schon angedeutet habe, zu einem recht traurigen Bilde einer im Schlafe befindlichen Menschheit. Das soll keine Kritik, auch kein Impuls zum Pessimismus sein, sondern ein Impuls zur Einpflanzung solcher Kräfte, welche den Menschen befähigen, wenigstens zunächst dasjenige zu erreichen, was ja doch das wichtigste ist, vorläufig das wichtigste ist: Einsicht zu bekommen, richtige Einsicht. Die Gegenwart muß über manche Illusion hinwegkommen, muß zu Einsichten kommen.

[ 4 ] Sehen Sie, viele Menschen in der Gegenwart möchten übersinnlich schauen lernen; aber der Weg dazu, der ist dann schwieriger, und den möchten die meisten Menschen vermeiden. Daher ist es auch in der Gegenwart noch vielfach so, daß sich für manche Menschen, die übersinnlich schauen können, das äußere Leben ganz getrennt abspielt von ihrem übersinnlichen Schauen. Allerdings, wenn diese Trennung der Fall ist, dann kann das übersinnliche Schauen auch nicht sehr viel wert sein, kann kaum über die persönlichsten Momente hinauskommen. Unsere Zeit ist eine Zeit des Überganges. Gewiß ist jede Zeit eine Zeit des Überganges, es kommt nur darauf an, einzusehen, was übergeht. Aber es geht Wichtiges über; es geht über dasjenige, was gerade den Menschen im Innersten berührt, was für den Menschen im Innersten wichtig ist. Wenn man wachend verfolgt, was das sogenannte gebildete Publikum in den letzten Jahrzehnten über die ganze zivilisierte Welt hin eigentlich getrieben hat, so kommt man, wie ich schon angedeutet habe, zu einem recht traurigen Bilde einer im Schlafe befindlichen Menschheit. Das soll keine Kritik, auch kein Impuls zum Pessimismus sein, sondern ein Impuls zur Einpflanzung solcher Kräfte, welche den Menschen befähigen, wenigstens zunächst dasjenige zu erreichen, was ja doch das wichtigste ist, vorläufig das wichtigste ist: Einsicht zu bekommen, richtige Einsicht. Die Gegenwart muß über manche Illusion hinwegkommen, muß zu Einsichten kommen.

[ 5 ] Fragen Sie zunächst nicht: Was soll ich tun, oder was soll der oder jener tun? — Das alles sind heute in gewisser Beziehung deplacierte Fragen für die meisten Menschen zunächst. Dagegen ist eine wichtige Frage die: Wie bekomme ich Einsicht in die gegenwärtigen Verhältnisse? — Wird genügend Einsicht da sein, dann wird schon das Richtige geschehen. Dann entwickelt sich ganz gewiß dasjenige, was sich entwickeln soll, wenn sich die richtige Einsicht entwickelt. Aber es muß eben mit vielem gebrochen werden. Es muß vor allen Dingen an die Menschen die Einsicht herankommen, daß die äußeren Ereignisse wirklich nichts anderes sind als Symptome für einen inneren, im übersinnlichen Felde liegenden Gang der Entwickelung, in dem nicht nur das geschichtliche Leben drinnensteht, sondern in dem wir, jeder einzelne, drinnenstehen mit unserem gesamten menschlichen Sein.

[ 5 ] Fragen Sie zunächst nicht: Was soll ich tun, oder was soll der oder jener tun? — Das alles sind heute in gewisser Beziehung deplacierte Fragen für die meisten Menschen zunächst. Dagegen ist eine wichtige Frage die: Wie bekomme ich Einsicht in die gegenwärtigen Verhältnisse? — Wird genügend Einsicht da sein, dann wird schon das Richtige geschehen. Dann entwickelt sich ganz gewiß dasjenige, was sich entwickeln soll, wenn sich die richtige Einsicht entwickelt. Aber es muß eben mit vielem gebrochen werden. Es muß vor allen Dingen an die Menschen die Einsicht herankommen, daß die äußeren Ereignisse wirklich nichts anderes sind als Symptome für einen inneren, im übersinnlichen Felde liegenden Gang der Entwickelung, in dem nicht nur das geschichtliche Leben drinnensteht, sondern in dem wir, jeder einzelne, drinnenstehen mit unserem gesamten menschlichen Sein.

[ 6 ] Ich will Ihnen ein Beispiel sagen, von dem ich ausgehen will: Wir haben hier öfters von dem Dichter Robert Hamerling gesprochen. Die Gegenwart ist sehr stolz darauf, daß sie das sogenannte Kausalgesetz, das Ursachengesetz, auf alle möglichen Dinge anwenden kann. Diese Anwendung des Ursachengesetzes auf alle möglichen Dinge gehört geradezu zu den verhängnisvollsten Illusionen der Gegenwart. Wer Hamerlings Leben kennt, der weiß, welche große Bedeutung für Hamerlings ganze Seelenentwickelung der Umstand hatte, daß er, nachdem er kurze Zeit in Graz «supplierender Lehrer» gewesen war, wie man’s so nennt — das ist so eine Art Provisorium, bevor man angestellt wird als Gymnasiallehrer —, nachdem er in Graz an einem Gymnasium gewesen war, nach Triest versetzt wurde, von wo aus er mehrere Urlaube nehmen konnte, um nach Venedig zu kommen. Wer nun das Leben der zehn Jahre ins Auge faßt, die Hamerling da im Süden an der Adria verbracht hat, zum Teil in seiner Stellung als Gymnasiallehrer in Triest, zum Teil während seiner Besuche in Venedig, der sieht, wie in dieser Hamerling-Seele erstens ein glühender Enthusiasmus war für alles, was ihm der Süden darbieten konnte, wie er aber auch für seine ganze spätere Dichtung Lebensfähigkeit, seelische Lebensfähigkeit gesogen hat aus dem, was er da erfahren hat. Der ganze Hamerling, wie er konkret sich darlebt, müßte ein anderer sein, wenn er nicht die betreffenden zehn Jahre gerade in Triest, und mit den Urlauben in Venedig, verbracht hätte. |

[ 6 ] Ich will Ihnen ein Beispiel sagen, von dem ich ausgehen will: Wir haben hier öfters von dem Dichter Robert Hamerling gesprochen. Die Gegenwart ist sehr stolz darauf, daß sie das sogenannte Kausalgesetz, das Ursachengesetz, auf alle möglichen Dinge anwenden kann. Diese Anwendung des Ursachengesetzes auf alle möglichen Dinge gehört geradezu zu den verhängnisvollsten Illusionen der Gegenwart. Wer Hamerlings Leben kennt, der weiß, welche große Bedeutung für Hamerlings ganze Seelenentwickelung der Umstand hatte, daß er, nachdem er kurze Zeit in Graz «supplierender Lehrer» gewesen war, wie man’s so nennt — das ist so eine Art Provisorium, bevor man angestellt wird als Gymnasiallehrer —, nachdem er in Graz an einem Gymnasium gewesen war, nach Triest versetzt wurde, von wo aus er mehrere Urlaube nehmen konnte, um nach Venedig zu kommen. Wer nun das Leben der zehn Jahre ins Auge faßt, die Hamerling da im Süden an der Adria verbracht hat, zum Teil in seiner Stellung als Gymnasiallehrer in Triest, zum Teil während seiner Besuche in Venedig, der sieht, wie in dieser Hamerling-Seele erstens ein glühender Enthusiasmus war für alles, was ihm der Süden darbieten konnte, wie er aber auch für seine ganze spätere Dichtung Lebensfähigkeit, seelische Lebensfähigkeit gesogen hat aus dem, was er da erfahren hat. Der ganze Hamerling, wie er konkret sich darlebt, müßte ein anderer sein, wenn er nicht die betreffenden zehn Jahre gerade in Triest, und mit den Urlauben in Venedig, verbracht hätte. |

[ 7 ] Nun denken wir, es schreibt so ein richtiger spießiger BourgeoisProfessor eine Biographie Robert Hamerlings und wollte die Frage beantworten, wie der innere Zusammenhang ist, daß der Robert Hamerling gerade im rechten Augenblicke seines Lebens nach Triest versetzt wurde, daß er, der gar keine Mittel hatte, der ganz darauf angewiesen war, den Gehalt durch seine Stellung zu bekommen, im richtigen Augenblicke nach Triest versetzt worden ist. Ich will Ihnen erzählen, wie das gekommen ist äußerlich. Also Robert Hamerling war damals provisorischer Gymnasiallehrer — Supplent, wie man das in Österreich nennt — an dem Gymnasium in Graz. Solche supplierenden Lehrer sehnen sich häufig nach einer sogenannten definitiven Anstellung. Dazu muß man, da man es mit Behörden zu tun hat, alle möglichen Gesuche einreichen, «halbbrüchig» geschrieben, Zeugnisse beilegen, und so weiter. Das wird dann der nächsthöchsten Behörde gegeben, nicht wahr, die hat es hinzuleiten zu den übergeordneten Behörden und so weiter, ich will diesen Gang nicht weiter auseinandersetzen. Der Direktor jenes Gymnasiums in Graz, an dem Robert Hamerling supplierender Lehrer war, war damals der brave Kaltenbrunner. Robert Hamerling hörte: In Budapest gibt es eine Vakanz, da gibt es eine Gymnasiallehrerstelle. — Dazumal war der Dualismus Österreich-Ungarn noch nicht vorhanden, sondern es war noch so, daß die Gymnasiallehrer von Graz nach Budapest, von Budapest nach Graz versetzt werden konnten. Er machte sein Gesuch um diese Gymnasiallehrerstelle in Budapest, schrieb es schön und übergab es mit sämtlichen Zeugnissen dem braven Direktor Kaltenbrunner. Nun, der brave Kaltenbrunner legte es ins Fach hinein und vergaß es, vergaß die Geschichte, und das, was geschah, war, daß in Budapest von anderer Seite her die Stelle besetzt worden ist. Hamerling kriegte die Stelle nicht, aber just, weil der brave Kaltenbrunner vergessen hat, das Gesuch zu der höheren Behörde hinaufzuleiten, die es dann, wenn sie es nicht vergessen hätte, zu der nächsthöheren, diese wieder zu der nächsthöheren und so weiter geleitet hätte, bis es dann zum Minister gekommen wäre, dann wiederum herunter, nicht wahr, und so fort. Kurz und gut, es bekam ein anderer die Budapester Stelle, und Robert Hamerling verbrachte die zehn Jahre, um die es sich für ihn als wichtige Jahre handelte, nicht in Budapest, sondern in Triest, weil sich später in Triest eine Stelle fand, die ihm dann zugeteilt wurde, weil selbstverständlich ein zweites Mal der brave Kaltenbrunner das Gesuch Hamerlings nicht wiederum verbummelt hat, nicht wahr!

[ 7 ] Nun denken wir, es schreibt so ein richtiger spießiger BourgeoisProfessor eine Biographie Robert Hamerlings und wollte die Frage beantworten, wie der innere Zusammenhang ist, daß der Robert Hamerling gerade im rechten Augenblicke seines Lebens nach Triest versetzt wurde, daß er, der gar keine Mittel hatte, der ganz darauf angewiesen war, den Gehalt durch seine Stellung zu bekommen, im richtigen Augenblicke nach Triest versetzt worden ist. Ich will Ihnen erzählen, wie das gekommen ist äußerlich. Also Robert Hamerling war damals provisorischer Gymnasiallehrer — Supplent, wie man das in Österreich nennt — an dem Gymnasium in Graz. Solche supplierenden Lehrer sehnen sich häufig nach einer sogenannten definitiven Anstellung. Dazu muß man, da man es mit Behörden zu tun hat, alle möglichen Gesuche einreichen, «halbbrüchig» geschrieben, Zeugnisse beilegen, und so weiter. Das wird dann der nächsthöchsten Behörde gegeben, nicht wahr, die hat es hinzuleiten zu den übergeordneten Behörden und so weiter, ich will diesen Gang nicht weiter auseinandersetzen. Der Direktor jenes Gymnasiums in Graz, an dem Robert Hamerling supplierender Lehrer war, war damals der brave Kaltenbrunner. Robert Hamerling hörte: In Budapest gibt es eine Vakanz, da gibt es eine Gymnasiallehrerstelle. — Dazumal war der Dualismus Österreich-Ungarn noch nicht vorhanden, sondern es war noch so, daß die Gymnasiallehrer von Graz nach Budapest, von Budapest nach Graz versetzt werden konnten. Er machte sein Gesuch um diese Gymnasiallehrerstelle in Budapest, schrieb es schön und übergab es mit sämtlichen Zeugnissen dem braven Direktor Kaltenbrunner. Nun, der brave Kaltenbrunner legte es ins Fach hinein und vergaß es, vergaß die Geschichte, und das, was geschah, war, daß in Budapest von anderer Seite her die Stelle besetzt worden ist. Hamerling kriegte die Stelle nicht, aber just, weil der brave Kaltenbrunner vergessen hat, das Gesuch zu der höheren Behörde hinaufzuleiten, die es dann, wenn sie es nicht vergessen hätte, zu der nächsthöheren, diese wieder zu der nächsthöheren und so weiter geleitet hätte, bis es dann zum Minister gekommen wäre, dann wiederum herunter, nicht wahr, und so fort. Kurz und gut, es bekam ein anderer die Budapester Stelle, und Robert Hamerling verbrachte die zehn Jahre, um die es sich für ihn als wichtige Jahre handelte, nicht in Budapest, sondern in Triest, weil sich später in Triest eine Stelle fand, die ihm dann zugeteilt wurde, weil selbstverständlich ein zweites Mal der brave Kaltenbrunner das Gesuch Hamerlings nicht wiederum verbummelt hat, nicht wahr!

[ 8 ] Also äußerlich betrachtet ist an dem wichtigsten Ereignis in Hamerlings Entwickelungsgange die Bummelei des braven Kaltenbrunners schuld, sonst würde Hamerling in Budapest versauert sein! Damit ist gar nichts gegen Budapest gesagt, selbstverständlich, aber Hamerling wäre ganz gewiß dort versauert und hätte nicht zu dem kommen können, was gerade seinem Herzen und seiner Seele ganz besonders angemessen war. Und ein richtiger, wahrer Biograph würde nun erzählen können, wie es kam, daß Robert Hamerling von Graz nach Triest gekommen ist, indem der Kaltenbrunner sein Gesuch um die Stelle in Budapest einfach verbummelt hat.

[ 8 ] Also äußerlich betrachtet ist an dem wichtigsten Ereignis in Hamerlings Entwickelungsgange die Bummelei des braven Kaltenbrunners schuld, sonst würde Hamerling in Budapest versauert sein! Damit ist gar nichts gegen Budapest gesagt, selbstverständlich, aber Hamerling wäre ganz gewiß dort versauert und hätte nicht zu dem kommen können, was gerade seinem Herzen und seiner Seele ganz besonders angemessen war. Und ein richtiger, wahrer Biograph würde nun erzählen können, wie es kam, daß Robert Hamerling von Graz nach Triest gekommen ist, indem der Kaltenbrunner sein Gesuch um die Stelle in Budapest einfach verbummelt hat.

[ 9 ] Nun, es ist das ein eklatanter Fall, aber solche Fälle gibt es unzählige, ganz ungezählte im Leben. Und derjenige, der das Leben nur am Faden der äußeren Ereignisse prüfen will, der findet eben, selbst wenn er glaubt, Ursachenzusammenhänge konstatieren zu können, kaum Ursachen, die tiefer zusammenhängen mit ihren Wirkungen, als die Bummelei des braven Kaltenbrunner mit der geistigen Entwickelung des Robert Hamerling. Das ist nur so eine Bemerkung, die ich mache, um Sie darauf aufmerksam zu machen, daß es in der Tat notwendig ist, dringend notwendig ist, daß gerade der Grundsatz in die Seele der Menschen übergeht, das äußere Leben nicht anders zu nehmen in seinem Verlaufe denn als Symptom, das das Innere offenbaren soll.

[ 9 ] Nun, es ist das ein eklatanter Fall, aber solche Fälle gibt es unzählige, ganz ungezählte im Leben. Und derjenige, der das Leben nur am Faden der äußeren Ereignisse prüfen will, der findet eben, selbst wenn er glaubt, Ursachenzusammenhänge konstatieren zu können, kaum Ursachen, die tiefer zusammenhängen mit ihren Wirkungen, als die Bummelei des braven Kaltenbrunner mit der geistigen Entwickelung des Robert Hamerling. Das ist nur so eine Bemerkung, die ich mache, um Sie darauf aufmerksam zu machen, daß es in der Tat notwendig ist, dringend notwendig ist, daß gerade der Grundsatz in die Seele der Menschen übergeht, das äußere Leben nicht anders zu nehmen in seinem Verlaufe denn als Symptom, das das Innere offenbaren soll.

[ 10 ] Ich habe das letzte Mal davon gesprochen, wie von den vierziger bis siebziger Jahren gewissermaßen die kritische Zeit für die Bourgeoisie war, wie diese kritische Zeit von der Bourgeoisie verschlafen worden ist, und wie dann die Unheilsjahrzehnte kamen seit dem Ende der siebziger Jahre, die eben die heutigen Zustände herbeigeführt haben. Ich selbst habe den ersten Teil dieser Jahrzehnte in Österreich verbracht. In Österreich war man gerade im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts, wenn man Anteil nehmen wollte an der geistigen Kultur, in einer sehr bemerkenswerten Lage. Es ist natürlich für mich naheliegend, die Sache gerade von dem Gesichtspunkte aus zu beleuchten, in dem ein heranwachsender Mensch gewesen ist innerhalb der österreichischen Entwickelung, der Deutscher ist seiner Abstammung und Blutzusammengehörigkeit nach. Man ist wirklich innerhalb des österreichischen Territoriums in ganz anderer Weise ein Deutscher, als man etwa ein Deutscher ist im Gebiete des sogenannten Deutschen Reiches, oder als man gar ein Deutscher ist im Gebiete der Schweiz. Natürlich, im Laufe des Lebens muß man ja sogar sich bestreben, alles zu verstehen, und man kann auch alles verstehen, man kann sich in alles einleben. Aber wenn man zum Beispiel in Frage ziehen würde, was empfunden wird von einem österreichischen Deutschen mit Bezug auf die soziale Struktur, in der er drinnen lebt, und würde sich dann fragen: Ja, kann, ohne daß er es sich erst aneignet, ein solcher österreichisch Deutscher zum Beispiel überhaupt irgendein Verständnis haben für jenes eigentümliche Staatsbewußtsein, das in der Schweiz vorhanden ist? — so muß man diese Frage im entschiedensten Maße verneinen. Der österreichisch Deutsche wuchs auf in einem Milieu, das ihm, wenn er sich nicht darum künstlich bemühte, durchaus als etwas für ihn Unverständliches dasjJenige erscheinen läßt, was zum Beispiel beim Schweizer eine Art von unbeugsamen Staatsbewußtseins ist. Dafür kann der österreichisch Deutsche nicht das geringste Verständnis aufbringen, wenn er es sich nicht künstlich aneignet.

[ 10 ] Ich habe das letzte Mal davon gesprochen, wie von den vierziger bis siebziger Jahren gewissermaßen die kritische Zeit für die Bourgeoisie war, wie diese kritische Zeit von der Bourgeoisie verschlafen worden ist, und wie dann die Unheilsjahrzehnte kamen seit dem Ende der siebziger Jahre, die eben die heutigen Zustände herbeigeführt haben. Ich selbst habe den ersten Teil dieser Jahrzehnte in Österreich verbracht. In Österreich war man gerade im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts, wenn man Anteil nehmen wollte an der geistigen Kultur, in einer sehr bemerkenswerten Lage. Es ist natürlich für mich naheliegend, die Sache gerade von dem Gesichtspunkte aus zu beleuchten, in dem ein heranwachsender Mensch gewesen ist innerhalb der österreichischen Entwickelung, der Deutscher ist seiner Abstammung und Blutzusammengehörigkeit nach. Man ist wirklich innerhalb des österreichischen Territoriums in ganz anderer Weise ein Deutscher, als man etwa ein Deutscher ist im Gebiete des sogenannten Deutschen Reiches, oder als man gar ein Deutscher ist im Gebiete der Schweiz. Natürlich, im Laufe des Lebens muß man ja sogar sich bestreben, alles zu verstehen, und man kann auch alles verstehen, man kann sich in alles einleben. Aber wenn man zum Beispiel in Frage ziehen würde, was empfunden wird von einem österreichischen Deutschen mit Bezug auf die soziale Struktur, in der er drinnen lebt, und würde sich dann fragen: Ja, kann, ohne daß er es sich erst aneignet, ein solcher österreichisch Deutscher zum Beispiel überhaupt irgendein Verständnis haben für jenes eigentümliche Staatsbewußtsein, das in der Schweiz vorhanden ist? — so muß man diese Frage im entschiedensten Maße verneinen. Der österreichisch Deutsche wuchs auf in einem Milieu, das ihm, wenn er sich nicht darum künstlich bemühte, durchaus als etwas für ihn Unverständliches dasjJenige erscheinen läßt, was zum Beispiel beim Schweizer eine Art von unbeugsamen Staatsbewußtseins ist. Dafür kann der österreichisch Deutsche nicht das geringste Verständnis aufbringen, wenn er es sich nicht künstlich aneignet.

[ 11 ] Auf diese Differenzierung innerhalb der Menschheit nimmt man ja kaum Rücksicht. Und Rücksicht nehmen muß man darauf, wenn man zum Verständnis der schwierigen Probleme kommen will, die in der nächsten Zukunft, ja schon heute, der Menschheit gerade in bezug auf solche Dinge bevorstehen. Für mich war es gewissermaßen, ich möchte sagen, symptomatisch bezeichnend, daß ich gerade in meinen Entwickelungsjahren eigentlich aufwuchs innerhalb eines Milieus, in dem mich selbst die signifikantesten Dinge im Grunde genommen nichts angingen. Das war für mich das Bezeichnendste, daß mich die signifikantesten Dinge nichts angingen. Aber ich würde es gar nicht erwähnen, wenn es nicht eigentlich das bedeutsamste Erlebnis des richtigen Deutsch-Österreichers überhaupt wäre. Sehen Sie, bei dem einen drückt es sich so, bei dem andern anders aus. Ich lebte ja gewissermaßen recht universell österreichisch-deutsch: von meinem elften bis achtzehnten Jahre hatte ich jeden Tag zweimal über die Grenze zu gehen, welche die Leitha zwischen Österreich und Ungarn bildet, denn ich hatte zu wohnen in Ungarn und war auf der Schule in Österreich. Ich wohnte in Neudörfl und ging zur Schule in Wiener-Neustadt. Man hatte eine Stunde zu gehen oder eine Viertelstunde zu fahren — Schnellzüge gab es ja auf jener Strecke noch nicht, ich glaube, auch heute noch nicht —, man mußte immer die österreichisch-ungarische Grenze passieren. Man lernte dabei aber auch jene zwei Gesichter kennen, welche die beiden Hälften desjenigen haben, was man im Ausland «Österreich» genannt hat. Denn im Inlande hatte man es ja früher nicht so einfach wie jetzt. Jetzt ist die Sache ja natürlich, man kann nicht sagen einfacher, es wird wahrhaftig nicht einfacher sein, aber anders. Bis jetzt war es eben so, daß man zu unterscheiden hatte zwei österreichische Reichshälften: eine Hälfte hieß offiziell nicht Österreich, sondern sie hieß «die im Reichsrate vertretenen Königreiche und Länder». Das war die offizielle Bezeichnung für diejenige Hälfte, die diesseits der Leitha liegt, einschließlich Galiziens, Böhmens, Schlesiens, Mährens, Ober- und Niederösterreich, Salzburg, Tirol, Steiermark, Krain, Kärnten, Istrien und Dalmatien. Dann das zweite Gebiet, das waren die Länder der heiligen Stephanskrone; das ist dasjenige, was man im Auslande Ungarn nannte. Zu Ungarn gehörte dann auch Kroatien und Slawonien. Dann gab es noch seit den achtziger Jahren ein gemeinsames, aber bis zum Jahre 1909 nur okkupiertes, erst später annektiertes Gebiet, Bosnien und die Herzegowina, die beiden Reichshälften gemeinsam waren.

[ 11 ] Auf diese Differenzierung innerhalb der Menschheit nimmt man ja kaum Rücksicht. Und Rücksicht nehmen muß man darauf, wenn man zum Verständnis der schwierigen Probleme kommen will, die in der nächsten Zukunft, ja schon heute, der Menschheit gerade in bezug auf solche Dinge bevorstehen. Für mich war es gewissermaßen, ich möchte sagen, symptomatisch bezeichnend, daß ich gerade in meinen Entwickelungsjahren eigentlich aufwuchs innerhalb eines Milieus, in dem mich selbst die signifikantesten Dinge im Grunde genommen nichts angingen. Das war für mich das Bezeichnendste, daß mich die signifikantesten Dinge nichts angingen. Aber ich würde es gar nicht erwähnen, wenn es nicht eigentlich das bedeutsamste Erlebnis des richtigen Deutsch-Österreichers überhaupt wäre. Sehen Sie, bei dem einen drückt es sich so, bei dem andern anders aus. Ich lebte ja gewissermaßen recht universell österreichisch-deutsch: von meinem elften bis achtzehnten Jahre hatte ich jeden Tag zweimal über die Grenze zu gehen, welche die Leitha zwischen Österreich und Ungarn bildet, denn ich hatte zu wohnen in Ungarn und war auf der Schule in Österreich. Ich wohnte in Neudörfl und ging zur Schule in Wiener-Neustadt. Man hatte eine Stunde zu gehen oder eine Viertelstunde zu fahren — Schnellzüge gab es ja auf jener Strecke noch nicht, ich glaube, auch heute noch nicht —, man mußte immer die österreichisch-ungarische Grenze passieren. Man lernte dabei aber auch jene zwei Gesichter kennen, welche die beiden Hälften desjenigen haben, was man im Ausland «Österreich» genannt hat. Denn im Inlande hatte man es ja früher nicht so einfach wie jetzt. Jetzt ist die Sache ja natürlich, man kann nicht sagen einfacher, es wird wahrhaftig nicht einfacher sein, aber anders. Bis jetzt war es eben so, daß man zu unterscheiden hatte zwei österreichische Reichshälften: eine Hälfte hieß offiziell nicht Österreich, sondern sie hieß «die im Reichsrate vertretenen Königreiche und Länder». Das war die offizielle Bezeichnung für diejenige Hälfte, die diesseits der Leitha liegt, einschließlich Galiziens, Böhmens, Schlesiens, Mährens, Ober- und Niederösterreich, Salzburg, Tirol, Steiermark, Krain, Kärnten, Istrien und Dalmatien. Dann das zweite Gebiet, das waren die Länder der heiligen Stephanskrone; das ist dasjenige, was man im Auslande Ungarn nannte. Zu Ungarn gehörte dann auch Kroatien und Slawonien. Dann gab es noch seit den achtziger Jahren ein gemeinsames, aber bis zum Jahre 1909 nur okkupiertes, erst später annektiertes Gebiet, Bosnien und die Herzegowina, die beiden Reichshälften gemeinsam waren.

[ 12 ] Nun, auf jenem Boden, auf dem ich wohnte, gab es selbst unter den signifikantesten Dingen, sagte ich, eigentlich nur solche, die mich in jenen Jahren, von meinem neunten bis achtzehnten Jahre, nichts Rechtes angingen. Das erste, was da als signifikant mir entgegentrat, war Frohsdorf, ein Schloß, in dem der Graf von Chambord wohnte, aus der Bourbonschen Familie, der 1871 den mißlungenen Versuch gemacht hat, unter dem Namen Heinrich V. französischer König zu werden. Sonst hatte er ja auch noch manche andere Eigentümlichkeiten. Er war ein Urklerikaler. Aber an ihm und allem, was zu ihm gehörte, konnte man eine untergehende, verfallende Welt sehen und gewissermaßen die Symptome einer verfallenden Welt in sich aufnehmen. Es war mancherlei, was man da sah, aber es ging einen nichts an. Und man bekam eben den Eindruck: Da ist etwas, was die Welt einmal riesig wichtig genommen hat, was heute noch viele Menschen riesig wichtig nehmen, was aber eigentlich eine Bagatelle ist, was eigentlich gar nichts Besonderes heißt.

[ 12 ] Nun, auf jenem Boden, auf dem ich wohnte, gab es selbst unter den signifikantesten Dingen, sagte ich, eigentlich nur solche, die mich in jenen Jahren, von meinem neunten bis achtzehnten Jahre, nichts Rechtes angingen. Das erste, was da als signifikant mir entgegentrat, war Frohsdorf, ein Schloß, in dem der Graf von Chambord wohnte, aus der Bourbonschen Familie, der 1871 den mißlungenen Versuch gemacht hat, unter dem Namen Heinrich V. französischer König zu werden. Sonst hatte er ja auch noch manche andere Eigentümlichkeiten. Er war ein Urklerikaler. Aber an ihm und allem, was zu ihm gehörte, konnte man eine untergehende, verfallende Welt sehen und gewissermaßen die Symptome einer verfallenden Welt in sich aufnehmen. Es war mancherlei, was man da sah, aber es ging einen nichts an. Und man bekam eben den Eindruck: Da ist etwas, was die Welt einmal riesig wichtig genommen hat, was heute noch viele Menschen riesig wichtig nehmen, was aber eigentlich eine Bagatelle ist, was eigentlich gar nichts Besonderes heißt.

[ 13 ] Das zweite war eine Art Jesuitenkloster. Eigentlich ein richtiges Jesuitenkloster, aber man nannte diese Mönche Liguorianer, es ist eine Abart der Jesuiten. Dieses Kloster war in der Nähe von Frohsdorf. Man sah die Mönche spazierengehen, man hörte von den Bestrebungen der Jesuiten, hörte dies oder jenes, aber es ging einen auch nichts an. Und man bekam wiederum den Eindruck: Was hat denn das alles eigentlich jetzt noch zu tun mit derjenigen Evolution der Menschheit, die der Zukunft entgegengeht? — An den schwarzen Mönchen bekam man den Eindruck, daß das eigentlich ganz herausfällt aus den wirklichen Kräften, die der Menschenzukunft entgegenführen.

[ 13 ] Das zweite war eine Art Jesuitenkloster. Eigentlich ein richtiges Jesuitenkloster, aber man nannte diese Mönche Liguorianer, es ist eine Abart der Jesuiten. Dieses Kloster war in der Nähe von Frohsdorf. Man sah die Mönche spazierengehen, man hörte von den Bestrebungen der Jesuiten, hörte dies oder jenes, aber es ging einen auch nichts an. Und man bekam wiederum den Eindruck: Was hat denn das alles eigentlich jetzt noch zu tun mit derjenigen Evolution der Menschheit, die der Zukunft entgegengeht? — An den schwarzen Mönchen bekam man den Eindruck, daß das eigentlich ganz herausfällt aus den wirklichen Kräften, die der Menschenzukunft entgegenführen.

[ 14 ] Das dritte war eine Freimaurerloge an demselben Orte, in dem ich war, über die der Pfarrer fürchterlich schimpfte, aber die mich natürlich auch nichts anging, denn man durfte ja nicht hinein, nicht wahr. Der Hauswart ließ mich zwar einmal hineinschauen, aber ganz im geheimen. Aber am nächsten Sonntag konnte ich gleich wiederum vom Pfarrer die vernichtendste Rede darüber hören. Kurz, auch das war etwas, was einen nichts anging.

[ 14 ] Das dritte war eine Freimaurerloge an demselben Orte, in dem ich war, über die der Pfarrer fürchterlich schimpfte, aber die mich natürlich auch nichts anging, denn man durfte ja nicht hinein, nicht wahr. Der Hauswart ließ mich zwar einmal hineinschauen, aber ganz im geheimen. Aber am nächsten Sonntag konnte ich gleich wiederum vom Pfarrer die vernichtendste Rede darüber hören. Kurz, auch das war etwas, was einen nichts anging.

[ 15 ] Ich war also gut vorbereitet, als ich dann mehr zum Bewußtsein kam, die Dinge auf mich wirken zu lassen, die einen eigentlich nichts angehen. Innerhalb meiner eigenen Entwickelung — und das ist ja dasjenige, was mich dann zum Goetheanismus, so wie ich ihn auffasse, eigentlich geführt hat — halte ich es für sehr bedeutsam und durch mein Karma gut inszeniert, möchte ich sagen, daß, während mein innerstes Interesse für die geistige Welt ganz früh da war, auch mein Leben ganz früh in der geistigen Welt verlief, ich nicht hingedrängt wurde durch die äußeren Verhältnisse zu dem, was Gymnasialstudium ist. Alles dasjenige, was man sich durch das Gymnasialstudium aneignet, eignete ich mir ja erst später durch eigenes Lernen an. Das Gymnasium in Österreich ist eigentlich damals nicht schlecht gewesen. Es ist nur seit den siebziger Jahren immer schlechter und schlechter geworden und es nähert sich jetzt schon seit Jahren in bedenklicher Weise den Gymnasialeinrichtungen anderer, benachbarter Staaten, aber dazumal war es nicht besonders schlecht. Aber dennoch würde ich mir heute nicht gratulieren können, wenn ich dazumal etwa auf das Gymnasium in Wiener-Neustadt geschickt worden wäre. Ich bin auf die Realschule geschickt worden, und damit kam ich hinein in das, was vorbereitete zu einem modernen Denken, was vor allen Dingen vorbereitete, einen inneren Zusammenhang zu bekommen mit naturwissenschaftlicher Gesinnung. Dieses Zusammengehen mit naturwissenschaftlicher Gesinnung, das war namentlich dadurch möglich, daß gerade die einzelnen besseren Lehrer der österreichischen Realschule, die dazumal im wirklich modernsten Sinne eingerichtet wurde, daß die besten Lehrer — es waren immer ihrer wenige — eigentlich diejenigen waren, die irgendwie mit dem modernen naturwissenschaftlichen Denken zusammenhingen.

[ 15 ] Ich war also gut vorbereitet, als ich dann mehr zum Bewußtsein kam, die Dinge auf mich wirken zu lassen, die einen eigentlich nichts angehen. Innerhalb meiner eigenen Entwickelung — und das ist ja dasjenige, was mich dann zum Goetheanismus, so wie ich ihn auffasse, eigentlich geführt hat — halte ich es für sehr bedeutsam und durch mein Karma gut inszeniert, möchte ich sagen, daß, während mein innerstes Interesse für die geistige Welt ganz früh da war, auch mein Leben ganz früh in der geistigen Welt verlief, ich nicht hingedrängt wurde durch die äußeren Verhältnisse zu dem, was Gymnasialstudium ist. Alles dasjenige, was man sich durch das Gymnasialstudium aneignet, eignete ich mir ja erst später durch eigenes Lernen an. Das Gymnasium in Österreich ist eigentlich damals nicht schlecht gewesen. Es ist nur seit den siebziger Jahren immer schlechter und schlechter geworden und es nähert sich jetzt schon seit Jahren in bedenklicher Weise den Gymnasialeinrichtungen anderer, benachbarter Staaten, aber dazumal war es nicht besonders schlecht. Aber dennoch würde ich mir heute nicht gratulieren können, wenn ich dazumal etwa auf das Gymnasium in Wiener-Neustadt geschickt worden wäre. Ich bin auf die Realschule geschickt worden, und damit kam ich hinein in das, was vorbereitete zu einem modernen Denken, was vor allen Dingen vorbereitete, einen inneren Zusammenhang zu bekommen mit naturwissenschaftlicher Gesinnung. Dieses Zusammengehen mit naturwissenschaftlicher Gesinnung, das war namentlich dadurch möglich, daß gerade die einzelnen besseren Lehrer der österreichischen Realschule, die dazumal im wirklich modernsten Sinne eingerichtet wurde, daß die besten Lehrer — es waren immer ihrer wenige — eigentlich diejenigen waren, die irgendwie mit dem modernen naturwissenschaftlichen Denken zusammenhingen.

[ 16 ] Bei uns in Wiener-Neustadt war es nicht einmal durchweg so. In den unteren Klassen — und in den österreichischen Realschulen hatte man nur in den unteren vier Klassen einen Religionsunterricht — hatten wir einen Religionslehrer, der ein sehr gemütlicher Mann war, der uns durchaus nicht zu irgendwelchen Frömmlingen zu erziehen geeignet war. Er war katholischer Priester, und daß er uns nicht gerade zu Frömmlingen zu erziehen geeignet war, dafür sorgte schon die Tatsache, daß drei kleine Buben — von denen die ganze Welt sagte, daß sie seine Söhne sind — jedesmal, wenn er unsere Anstalt verließ, ihn abholten. Aber ich schätze den Mann heute noch außerordentlich wegen all desjenigen, was er in der Klasse gesagt hat außerhalb des eigentlichen Religionsunterrichtes. Den erteilte er in der Weise, daß er einen aufrief und einen ein paar Seiten aus dem Buche lesen ließ, und dann bekam man das auf; man wußte nicht, was drinnensteht, man sagte es auf, bekam dann eine ausgezeichnete Note. Aber man verschlief selbstverständlich die Sache, die darinnenstand. Was er außerhalb der Klasse sagte, war manchmal ein schönes, weckendes Wort, war vor allen Dingen sehr gemütvoll und nett.

[ 16 ] Bei uns in Wiener-Neustadt war es nicht einmal durchweg so. In den unteren Klassen — und in den österreichischen Realschulen hatte man nur in den unteren vier Klassen einen Religionsunterricht — hatten wir einen Religionslehrer, der ein sehr gemütlicher Mann war, der uns durchaus nicht zu irgendwelchen Frömmlingen zu erziehen geeignet war. Er war katholischer Priester, und daß er uns nicht gerade zu Frömmlingen zu erziehen geeignet war, dafür sorgte schon die Tatsache, daß drei kleine Buben — von denen die ganze Welt sagte, daß sie seine Söhne sind — jedesmal, wenn er unsere Anstalt verließ, ihn abholten. Aber ich schätze den Mann heute noch außerordentlich wegen all desjenigen, was er in der Klasse gesagt hat außerhalb des eigentlichen Religionsunterrichtes. Den erteilte er in der Weise, daß er einen aufrief und einen ein paar Seiten aus dem Buche lesen ließ, und dann bekam man das auf; man wußte nicht, was drinnensteht, man sagte es auf, bekam dann eine ausgezeichnete Note. Aber man verschlief selbstverständlich die Sache, die darinnenstand. Was er außerhalb der Klasse sagte, war manchmal ein schönes, weckendes Wort, war vor allen Dingen sehr gemütvoll und nett.

[ 17 ] Nun, man hatte ja in einer solchen Anstalt aufeinanderfolgend die verschiedensten Lehrer. Alles das ist von symptomatischer Bedeutung. Wir hatten zwei Karmeliter, von denen der eine uns Französisch, der andere Englisch beibringen sollte. Der für Englisch besonders konnte vor allen Dingen kaum irgendwie ein englisches Wort, nun, jedenfalls nicht einen Satz sprechen. In der Naturgeschichte hatten wir einen Mann, der verstand wirklich von Gott und der Welt gar nichts. Aber wir hatten ausgezeichnete Leute auf dem Gebiete der Mathematik, Physik, Chemie, vor allen Dingen auf dem Gebiete der darstellenden Geometrie. Und das gab eben dieses Zusammenwachsen mit innerlich naturwissenschaftlichem Denken. Damit war eigentlich für mich das Element, der Impuls gegeben, der mit dem Zukunftsstreben der Menschheit in der Gegenwart denn doch ganz wesentlich zusammenhängt.

[ 17 ] Nun, man hatte ja in einer solchen Anstalt aufeinanderfolgend die verschiedensten Lehrer. Alles das ist von symptomatischer Bedeutung. Wir hatten zwei Karmeliter, von denen der eine uns Französisch, der andere Englisch beibringen sollte. Der für Englisch besonders konnte vor allen Dingen kaum irgendwie ein englisches Wort, nun, jedenfalls nicht einen Satz sprechen. In der Naturgeschichte hatten wir einen Mann, der verstand wirklich von Gott und der Welt gar nichts. Aber wir hatten ausgezeichnete Leute auf dem Gebiete der Mathematik, Physik, Chemie, vor allen Dingen auf dem Gebiete der darstellenden Geometrie. Und das gab eben dieses Zusammenwachsen mit innerlich naturwissenschaftlichem Denken. Damit war eigentlich für mich das Element, der Impuls gegeben, der mit dem Zukunftsstreben der Menschheit in der Gegenwart denn doch ganz wesentlich zusammenhängt.

[ 18 ] Kam man dann, nachdem man so sich durchgewunden hatte durch solch eine Anstalt, ins Universitäts-, ins Fochschulleben hinein, dann mußte man sich ja auch, wenn man nicht schläfrig war, für das öffentliche Leben interessieren, für dasjenige, was sich abspielt im öffentlichen Leben. Nun handelt es sich darum, daß der österreichisch Deutsche in einer wesentlich anderen Art hineinkommt in die zu erlebende Erkenntnis des deutschen Wesens, als was man den sogenannten Reichsdeutschen nennt. Denn für diejenigen Dinge, die sich, ich möchte sagen, als Staatsdinge abgespielt haben in Österreich, konnte man ja ein gewisses äußerliches Interesse haben, aber einen rechten inneren Zusammenhang kaum, wenn man Interesse hatte für den Entwickelungsgang der Menschheit. Dagegen konnte man verwiesen werden, wie es ja auch bei mir der Fall war, auf dasjenige, was herausgewachsen ist aus der deutschen Kultur am Ende des 18. und am Beginne des 19. Jahrhunderts, und was ich doch in gewissem Sinne Goetheanismus nennen möchte. Das lernt man als Österreichisch Deutscher anders kennen als der Reichsdeutsche. Und man darf nicht vergessen, daß, wenn man mit einer modernen Bildung ins Naturwissenschaftliche hineingewachsen ist, man zu gleicher Zeit herauswächst aus einem gewissen unnatürlichen Milieu, welches sich über den ganzen Westen Österreichs ausgebreitet hat im Laufe der letzten Zeiten. Man wächst heraus aus dem, was in einer äußerlichen Weise die Menschen Westösterreichs ergriffen hat — die zum Teil, ich nehme mich selbstverständlich davon aus, außerordentlich nette Leute sind —, was die Leute Westösterreichs nicht innerlich ergreift: es ist der Katholizismus, der klerikale Katholizismus.

[ 18 ] Kam man dann, nachdem man so sich durchgewunden hatte durch solch eine Anstalt, ins Universitäts-, ins Fochschulleben hinein, dann mußte man sich ja auch, wenn man nicht schläfrig war, für das öffentliche Leben interessieren, für dasjenige, was sich abspielt im öffentlichen Leben. Nun handelt es sich darum, daß der österreichisch Deutsche in einer wesentlich anderen Art hineinkommt in die zu erlebende Erkenntnis des deutschen Wesens, als was man den sogenannten Reichsdeutschen nennt. Denn für diejenigen Dinge, die sich, ich möchte sagen, als Staatsdinge abgespielt haben in Österreich, konnte man ja ein gewisses äußerliches Interesse haben, aber einen rechten inneren Zusammenhang kaum, wenn man Interesse hatte für den Entwickelungsgang der Menschheit. Dagegen konnte man verwiesen werden, wie es ja auch bei mir der Fall war, auf dasjenige, was herausgewachsen ist aus der deutschen Kultur am Ende des 18. und am Beginne des 19. Jahrhunderts, und was ich doch in gewissem Sinne Goetheanismus nennen möchte. Das lernt man als Österreichisch Deutscher anders kennen als der Reichsdeutsche. Und man darf nicht vergessen, daß, wenn man mit einer modernen Bildung ins Naturwissenschaftliche hineingewachsen ist, man zu gleicher Zeit herauswächst aus einem gewissen unnatürlichen Milieu, welches sich über den ganzen Westen Österreichs ausgebreitet hat im Laufe der letzten Zeiten. Man wächst heraus aus dem, was in einer äußerlichen Weise die Menschen Westösterreichs ergriffen hat — die zum Teil, ich nehme mich selbstverständlich davon aus, außerordentlich nette Leute sind —, was die Leute Westösterreichs nicht innerlich ergreift: es ist der Katholizismus, der klerikale Katholizismus.

[ 19 ] Dieser klerikale Katholizismus in der Form, wie er in Westösterreich lebt, ist ja im wesentlichen ein Produkt der sogenannten Gegenreformation. Es ist das Produkt jener Politik, welche man doch nur bezeichnen kann als die Habsburgische Hausmachtpolitik. Protestantische Ideen und Impulse haben sich ja auch in Österreich ziemlich stark ausgebreitet, allein die Zeiten des Dreißigjährigen Krieges und alles, was damit zusammenhängt, haben es den Habsburgern möglich gemacht, eine Gegenreformation in Szene zu setzen und tatsächlich — bitte, ich nehme mich wieder aus — über das durchaus in seiner Anlage außerordentlich intelligente österreichisch-deutsche Volk diese furchtbare Finsternis auszubreiten, welche ausgebreitet werden muß, wenn man den Katholizismus gerade in derjenigen Form irgendwie verbreitet, in der er da herrschend wurde durch die Gegenreformation. Dadurch kommt ein furchtbar äußerliches Verhältnis zu allem Religiösen in den Menschen hinein. Am glücklichsten sind noch diejenigen, welche sich bewußt werden dieses äußerlichen Verhältnisses zum Religiösen. Diejenigen, die sich dessen nicht bewußt werden, die da meinen, daß ihr Glaube, ihre Religiosität aufrichtig und ehrlich sei, die stecken in einer ungeheuren Lebensillusion, in einer furchtbaren Lebenslüge sogar, ohne daß sie es wissen, denn diese Lebenslüge zersetzt das seelische Innere.

[ 19 ] Dieser klerikale Katholizismus in der Form, wie er in Westösterreich lebt, ist ja im wesentlichen ein Produkt der sogenannten Gegenreformation. Es ist das Produkt jener Politik, welche man doch nur bezeichnen kann als die Habsburgische Hausmachtpolitik. Protestantische Ideen und Impulse haben sich ja auch in Österreich ziemlich stark ausgebreitet, allein die Zeiten des Dreißigjährigen Krieges und alles, was damit zusammenhängt, haben es den Habsburgern möglich gemacht, eine Gegenreformation in Szene zu setzen und tatsächlich — bitte, ich nehme mich wieder aus — über das durchaus in seiner Anlage außerordentlich intelligente österreichisch-deutsche Volk diese furchtbare Finsternis auszubreiten, welche ausgebreitet werden muß, wenn man den Katholizismus gerade in derjenigen Form irgendwie verbreitet, in der er da herrschend wurde durch die Gegenreformation. Dadurch kommt ein furchtbar äußerliches Verhältnis zu allem Religiösen in den Menschen hinein. Am glücklichsten sind noch diejenigen, welche sich bewußt werden dieses äußerlichen Verhältnisses zum Religiösen. Diejenigen, die sich dessen nicht bewußt werden, die da meinen, daß ihr Glaube, ihre Religiosität aufrichtig und ehrlich sei, die stecken in einer ungeheuren Lebensillusion, in einer furchtbaren Lebenslüge sogar, ohne daß sie es wissen, denn diese Lebenslüge zersetzt das seelische Innere.

[ 20 ] Allerdings, mit naturwissenschaftlichem Impuls kann man kein Verhältnis gewinnen zu alledem, was da als ein fürchterlicher seelischer Brei sich dann durch die Seele verbreitet. Aber man konnte immer bemerken, wie aus diesem Brei heraus einzelne Individualitäten sich abhebend entwickeln. Diese einzelnen Individualitäten, die sich abhebend entwickeln, die werden dann gerade in einer gewissen Weise hineingetrieben in dasjenige, was Blüte war des mitteleuropäischen Geisteslebens Ende des 18., Beginn des 19. Jahrhunderts. Sie lernen gewissermaßen dasjenige kennen, was in die moderne Menschheit hineingekommen ist, von Lessing angefangen, durch Herder, Goethe, durch die deutschen Romantiker und so weiter, und was in seinem weiteren Umfange doch als Goetheanismus bezeichnet werden kann.

[ 20 ] Allerdings, mit naturwissenschaftlichem Impuls kann man kein Verhältnis gewinnen zu alledem, was da als ein fürchterlicher seelischer Brei sich dann durch die Seele verbreitet. Aber man konnte immer bemerken, wie aus diesem Brei heraus einzelne Individualitäten sich abhebend entwickeln. Diese einzelnen Individualitäten, die sich abhebend entwickeln, die werden dann gerade in einer gewissen Weise hineingetrieben in dasjenige, was Blüte war des mitteleuropäischen Geisteslebens Ende des 18., Beginn des 19. Jahrhunderts. Sie lernen gewissermaßen dasjenige kennen, was in die moderne Menschheit hineingekommen ist, von Lessing angefangen, durch Herder, Goethe, durch die deutschen Romantiker und so weiter, und was in seinem weiteren Umfange doch als Goetheanismus bezeichnet werden kann.

[ 21 ] Es ist in diesen Jahrzehnten das Bedeutsame gerade für den nach Geist strebenden Deutsch-Österreicher gewesen, daß er, gewissermaßen herausgehoben aus der Volksgemeinschaft, in der Lessing, Goethe, Herder und so weiter, drinnen gestanden haben, über die Grenze hinüber in ein ganz fremdes Milieu hineinversetzt, da das lebendige Anschauen Goethes, Schillers, Lessings, Herders und so weiter bekam. Man bekam alles andere nicht mit, man bekam gewissermaßen nur dasjenige, was dort herausgewachsen war, und man bekam es als einzelne Seele. Denn man hatte wiederum wirklich um sich herum diejenigen Dinge, die einen nichts angehen.

[ 21 ] Es ist in diesen Jahrzehnten das Bedeutsame gerade für den nach Geist strebenden Deutsch-Österreicher gewesen, daß er, gewissermaßen herausgehoben aus der Volksgemeinschaft, in der Lessing, Goethe, Herder und so weiter, drinnen gestanden haben, über die Grenze hinüber in ein ganz fremdes Milieu hineinversetzt, da das lebendige Anschauen Goethes, Schillers, Lessings, Herders und so weiter bekam. Man bekam alles andere nicht mit, man bekam gewissermaßen nur dasjenige, was dort herausgewachsen war, und man bekam es als einzelne Seele. Denn man hatte wiederum wirklich um sich herum diejenigen Dinge, die einen nichts angehen.

[ 22 ] So lebte man zusammen mit etwas, das man nach und nach eigentlich als sein eigenes Wesen fühlte, das aber herausgerissen war aus seinem Entstehungsboden und das man selber in der Seele trug innerhalb, ich möchte sagen, einer Gemeinschaft, die lauter Dinge enthielt, die einen nichts angingen. Denn es waren ja Anomalien, wenn man in jener Zeit Goethe-Ideen im Kopfe hatte und dann die Welt ringsherum begeistert war — aber die Worte der Begeisterung gingen auf Stelzen und hatten nichts von aufrichtigem und ehrlichem Ringen — für Dinge wie, nun, ich könnte auch etwas anderes nennen, aber sagen wir für das Buch des damaligen österreichischen Kronprinzen Rudolf, das heißt, seine Trabanten haben es geschrieben: «Österreich in Wort und Bild.» Man hatte kein Verhältnis zu solchem Zeug. Man gehörte zwar äußerlich dazu, aber man hatte kein Verhältnis zu solchem Zeug. Man trug dasjenige, was wirklich aus mitteleuropäischem Wesen erwachsen war und was ich dann im weiteren Sinne als Goetheanismus bezeichnen möchte, in seiner Seele.

[ 22 ] So lebte man zusammen mit etwas, das man nach und nach eigentlich als sein eigenes Wesen fühlte, das aber herausgerissen war aus seinem Entstehungsboden und das man selber in der Seele trug innerhalb, ich möchte sagen, einer Gemeinschaft, die lauter Dinge enthielt, die einen nichts angingen. Denn es waren ja Anomalien, wenn man in jener Zeit Goethe-Ideen im Kopfe hatte und dann die Welt ringsherum begeistert war — aber die Worte der Begeisterung gingen auf Stelzen und hatten nichts von aufrichtigem und ehrlichem Ringen — für Dinge wie, nun, ich könnte auch etwas anderes nennen, aber sagen wir für das Buch des damaligen österreichischen Kronprinzen Rudolf, das heißt, seine Trabanten haben es geschrieben: «Österreich in Wort und Bild.» Man hatte kein Verhältnis zu solchem Zeug. Man gehörte zwar äußerlich dazu, aber man hatte kein Verhältnis zu solchem Zeug. Man trug dasjenige, was wirklich aus mitteleuropäischem Wesen erwachsen war und was ich dann im weiteren Sinne als Goetheanismus bezeichnen möchte, in seiner Seele.

[ 23 ] Dieser Goetheanismus — und ich rechne dazu alles dasjenige, was sich dazumal an die Namen Schiller, Lessing, Herder und so weiter noch knüpft, auch an die deutschen Philosophen —, alles das steht ja in einer merkwürdigen Isolierung in der Welt überhaupt da. Diese Isolierung, in der es in der Welt dasteht, die ist außerordentlich bezeichnend für die ganze Entwickelung der neueren Menschheit. Denn diese Isolierung, die veranlaßt denjenigen, der nun mit Ernst an diesen Goetheanismus herangehen will, ein wenig nachdenklich, nachsinnend zu werden.

[ 23 ] Dieser Goetheanismus — und ich rechne dazu alles dasjenige, was sich dazumal an die Namen Schiller, Lessing, Herder und so weiter noch knüpft, auch an die deutschen Philosophen —, alles das steht ja in einer merkwürdigen Isolierung in der Welt überhaupt da. Diese Isolierung, in der es in der Welt dasteht, die ist außerordentlich bezeichnend für die ganze Entwickelung der neueren Menschheit. Denn diese Isolierung, die veranlaßt denjenigen, der nun mit Ernst an diesen Goetheanismus herangehen will, ein wenig nachdenklich, nachsinnend zu werden.

[ 24 ] Sehen Sie, wenn man zurückgeht, kann man sich fragen: Was ist eigentlich in die Welt gebracht worden von Lessing bis zu den deutschen Romantikern, über Goethe hinaus, ungefähr bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts, und wie hängt das, was da in die Welt gebracht worden ist, zusammen mit der vorgängigen geschichtlichen Entwickelung? — Nun wird nicht zu leugnen sein, daß innig zusammenhängt mit mitteleuropäischer geschichtlicher Entwickelung dieEntstehung des Evangelischen aus dem Katholischen. Nicht wahr, wir sehen auf der einen Seite, wie sich innerhalb Mitteleuropas, zum Beispiel im Deutschen Reich — für Österreich habe ich ja dieselben Erscheinungen schon besprochen — dasjenige erhalten hat, was ich hier charakterisiert habe als den römisch-katholischen Universalimpuls, der in Österreich so äußerlich, wie ich es charakterisiert habe, in Deutschland noch innerlicher, viele Seelen eben gefangen hält. Denn es ist ein großer Unterschied zwischen einem österreichischen Katholiken und auch nur einem bayrischen Katholiken, wenn man wirklich auf solche Unterschiede hinschauen kann. Davon ist also vieles geblieben, was in weite, zurückgelegene Jahrhunderte geht. Dann hat hineingeschlagen in diese katholische Kultur die evangelische Kultur, sagen wir die Luther-Kultur, die in der Schweiz die andere Form des Zwinglianismus und Calvinismus und so weiter angenommen hat. Nun sind vom Luthertum wiederum viele, viele Menschen innerhalb des sogenannten deutschen Volkes, namentlich des reichsdeutschen Volkes abhängig. Wenn man aber die Frage aufwirft: Welcher Zusammenhang besteht zwischen dem Goetheanismus und zwischen dem Luthertum? — dann bekommt man die merkwürdige Antwort, daß da eigentlich gar kein Zusammenhang besteht. Gewiß, äußerlich hat sich Goethe auch mit Luther beschäftigt, sich auch mit dem Katholizismus äußerlich beschäftigt. Aber wenn man frägt nach dem inneren Seelenfermente in Goethe, so kann man nur sagen: Es gab für ihn nichts Gleichgültigeres in seiner ganzen Entwickelung als katholisch oder protestantisch sein. — Wie gesagt, in seiner Umgebung lebt es, doch hängt es nicht im entferntesten mit ihm zusammen. Man kann sogar zu diesem Aperçu ein anderes hinzufügen. Herder war Pastor, sogar Superintendent in Weimar. Wer seine Schriften liest, kann auch von Herder sagen, der selbstverständlich als Pastor äußerlich von Luther viel inne hatte und wußte, daß seine Gesinnung, daß sein Denken nicht im allerentferntesten mit dem Luthertum irgendwie zusammenhängt, daß er ganz herausgewachsen ist aus dem Luthertum. So hat man in alledem, was zum Goetheanismus gehört — ich rechne da alles dies dazu —, auch in dieser Beziehung ein völlig Isoliertes. Und wenn man nach der Natur, nach der Wesenheit dieses Isolierten frägt, so bekommt man eigentlich zur Auskunft, daß es herauskristallisiert ist aus allen möglichen Impulsen gerade des fünften nachatlantischen Zeitalters. Luther hat einen Einfluß gleich Null auf Goethe, auf Goethe aber hatte Einfluß Linne, hatte Einfluß Spinoza, hatte Einfluß Shakespeare. Und wenn man nach Einflüssen bei Goethe eben fragen will: nach Goethes eigenem Bekenntnis haben diese drei Persönlichkeiten den allergrößten Einfluß auf seine Seelenentwickelung genommen.

[ 24 ] Sehen Sie, wenn man zurückgeht, kann man sich fragen: Was ist eigentlich in die Welt gebracht worden von Lessing bis zu den deutschen Romantikern, über Goethe hinaus, ungefähr bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts, und wie hängt das, was da in die Welt gebracht worden ist, zusammen mit der vorgängigen geschichtlichen Entwickelung? — Nun wird nicht zu leugnen sein, daß innig zusammenhängt mit mitteleuropäischer geschichtlicher Entwickelung dieEntstehung des Evangelischen aus dem Katholischen. Nicht wahr, wir sehen auf der einen Seite, wie sich innerhalb Mitteleuropas, zum Beispiel im Deutschen Reich — für Österreich habe ich ja dieselben Erscheinungen schon besprochen — dasjenige erhalten hat, was ich hier charakterisiert habe als den römisch-katholischen Universalimpuls, der in Österreich so äußerlich, wie ich es charakterisiert habe, in Deutschland noch innerlicher, viele Seelen eben gefangen hält. Denn es ist ein großer Unterschied zwischen einem österreichischen Katholiken und auch nur einem bayrischen Katholiken, wenn man wirklich auf solche Unterschiede hinschauen kann. Davon ist also vieles geblieben, was in weite, zurückgelegene Jahrhunderte geht. Dann hat hineingeschlagen in diese katholische Kultur die evangelische Kultur, sagen wir die Luther-Kultur, die in der Schweiz die andere Form des Zwinglianismus und Calvinismus und so weiter angenommen hat. Nun sind vom Luthertum wiederum viele, viele Menschen innerhalb des sogenannten deutschen Volkes, namentlich des reichsdeutschen Volkes abhängig. Wenn man aber die Frage aufwirft: Welcher Zusammenhang besteht zwischen dem Goetheanismus und zwischen dem Luthertum? — dann bekommt man die merkwürdige Antwort, daß da eigentlich gar kein Zusammenhang besteht. Gewiß, äußerlich hat sich Goethe auch mit Luther beschäftigt, sich auch mit dem Katholizismus äußerlich beschäftigt. Aber wenn man frägt nach dem inneren Seelenfermente in Goethe, so kann man nur sagen: Es gab für ihn nichts Gleichgültigeres in seiner ganzen Entwickelung als katholisch oder protestantisch sein. — Wie gesagt, in seiner Umgebung lebt es, doch hängt es nicht im entferntesten mit ihm zusammen. Man kann sogar zu diesem Aperçu ein anderes hinzufügen. Herder war Pastor, sogar Superintendent in Weimar. Wer seine Schriften liest, kann auch von Herder sagen, der selbstverständlich als Pastor äußerlich von Luther viel inne hatte und wußte, daß seine Gesinnung, daß sein Denken nicht im allerentferntesten mit dem Luthertum irgendwie zusammenhängt, daß er ganz herausgewachsen ist aus dem Luthertum. So hat man in alledem, was zum Goetheanismus gehört — ich rechne da alles dies dazu —, auch in dieser Beziehung ein völlig Isoliertes. Und wenn man nach der Natur, nach der Wesenheit dieses Isolierten frägt, so bekommt man eigentlich zur Auskunft, daß es herauskristallisiert ist aus allen möglichen Impulsen gerade des fünften nachatlantischen Zeitalters. Luther hat einen Einfluß gleich Null auf Goethe, auf Goethe aber hatte Einfluß Linne, hatte Einfluß Spinoza, hatte Einfluß Shakespeare. Und wenn man nach Einflüssen bei Goethe eben fragen will: nach Goethes eigenem Bekenntnis haben diese drei Persönlichkeiten den allergrößten Einfluß auf seine Seelenentwickelung genommen.

[ 25 ] So hebt sich der Goetheanismus als isolierte Erscheinung heraus. Und das ist, was macht, daß wiederum dieser Goetheanismus wirklich dem ausgesetzt war, was man als Unmöglichkeit bezeichnen kann, populär zu werden. Denn, nicht wahr, die alten Erscheinungen bleiben; in den breiten Massen wurde nicht einmal der Versuch gemacht, Lessingsche, Schillersche, Goethesche Ideen irgendwie gangbar zu machen, geschweige denn etwa Gefühle und Empfindungen dieser Persönlichkeiten gangbar zu machen. Dagegen lebten wie antediluvianisch fort auf der einen Seite veralteter Katholizismus, auf der anderen Seite veralteter Lutherismus. Und es ist ja eine bedeutsame, eine signifikante Erscheinung, daß dasjenige, was die Leute geistig treiben innerhalb jener Kulturströmung, der ein Goethe angehört hat, die einen Goethe hervorgebracht hat, mit jenen Kanzelreden zusammenhängt, die die protestantischen Pfarrer halten. Es gibt unter ihnen auch einige, die zu der modernen Bildung ein Verhältnis haben, aber das hilft ihnen nicht für ihre Kanzelreden. Dasjenige, was heute da als geistige Nahrung dargeboten wird, das ist wirklich so, daß man sagen muß: es ist antediluvianisch, es hängt überhaupt nicht im geringsten zusammen mit demjenigen, was die Zeit irgendwie fordert, was der Zeit irgendwie Kraft geben könnte. Es hängt aber allerdings zusammen mit einer gewissen anderen Seite unserer Geisteskultur, mit jener anderen Seite unserer Geisteskultur, welche macht, daß das geistige Leben eines großen Teiles der Menschheit der Gegenwart überhaupt außerhalb der Wirklichkeit verläuft. Und dies ist vielleicht das bedeutsamste Zeichen des modernen Bourgeois-Philisteriums, daß das geistige Leben dieses Bourgeois-Philisteriums außerhalb dieser Wirklichkeit verläuft, daß alles Gerede dieses Bourgeois-Philisteriums eigentlich außerhalb der Wirklichkeit steht.

[ 25 ] So hebt sich der Goetheanismus als isolierte Erscheinung heraus. Und das ist, was macht, daß wiederum dieser Goetheanismus wirklich dem ausgesetzt war, was man als Unmöglichkeit bezeichnen kann, populär zu werden. Denn, nicht wahr, die alten Erscheinungen bleiben; in den breiten Massen wurde nicht einmal der Versuch gemacht, Lessingsche, Schillersche, Goethesche Ideen irgendwie gangbar zu machen, geschweige denn etwa Gefühle und Empfindungen dieser Persönlichkeiten gangbar zu machen. Dagegen lebten wie antediluvianisch fort auf der einen Seite veralteter Katholizismus, auf der anderen Seite veralteter Lutherismus. Und es ist ja eine bedeutsame, eine signifikante Erscheinung, daß dasjenige, was die Leute geistig treiben innerhalb jener Kulturströmung, der ein Goethe angehört hat, die einen Goethe hervorgebracht hat, mit jenen Kanzelreden zusammenhängt, die die protestantischen Pfarrer halten. Es gibt unter ihnen auch einige, die zu der modernen Bildung ein Verhältnis haben, aber das hilft ihnen nicht für ihre Kanzelreden. Dasjenige, was heute da als geistige Nahrung dargeboten wird, das ist wirklich so, daß man sagen muß: es ist antediluvianisch, es hängt überhaupt nicht im geringsten zusammen mit demjenigen, was die Zeit irgendwie fordert, was der Zeit irgendwie Kraft geben könnte. Es hängt aber allerdings zusammen mit einer gewissen anderen Seite unserer Geisteskultur, mit jener anderen Seite unserer Geisteskultur, welche macht, daß das geistige Leben eines großen Teiles der Menschheit der Gegenwart überhaupt außerhalb der Wirklichkeit verläuft. Und dies ist vielleicht das bedeutsamste Zeichen des modernen Bourgeois-Philisteriums, daß das geistige Leben dieses Bourgeois-Philisteriums außerhalb dieser Wirklichkeit verläuft, daß alles Gerede dieses Bourgeois-Philisteriums eigentlich außerhalb der Wirklichkeit steht.

[ 26 ] Daher sind ja auch nur solche Erscheinungen möglich, die man gewöhnlich gar nicht beachtet, die aber als Symptome tief, tief bezeichnend sind. Sehen Sie, Sie können die Literatur der Kriegsphilister seit Jahrzehnten lesen, und Sie werden innerhalb dieser Literatur immer wieder und wiederum Kant zitiert finden. In den letzten Wochen haben sich zahlreiche dieser Kriegsphilister in Friedensphilister verwandelt, da es vom Krieg zum Frieden herübergeht. Das will ja nichts Besonderes besagen, wesentlich ist, daß sie Philister geblieben sind, denn selbstverständlich ist der Stresemann von heute kein anderer, als der Stresemann von vor sechs Wochen. Heute ist es natürlich wiederum üblich, Kant als den Mann der Friedensphilister zu zitieren. Das ist außerhalb der Wirklichkeit. Die Leute haben kein Verhältnis zu dem, wovon sie vorgeben, daß sie geistig gespeist werden.

[ 26 ] Daher sind ja auch nur solche Erscheinungen möglich, die man gewöhnlich gar nicht beachtet, die aber als Symptome tief, tief bezeichnend sind. Sehen Sie, Sie können die Literatur der Kriegsphilister seit Jahrzehnten lesen, und Sie werden innerhalb dieser Literatur immer wieder und wiederum Kant zitiert finden. In den letzten Wochen haben sich zahlreiche dieser Kriegsphilister in Friedensphilister verwandelt, da es vom Krieg zum Frieden herübergeht. Das will ja nichts Besonderes besagen, wesentlich ist, daß sie Philister geblieben sind, denn selbstverständlich ist der Stresemann von heute kein anderer, als der Stresemann von vor sechs Wochen. Heute ist es natürlich wiederum üblich, Kant als den Mann der Friedensphilister zu zitieren. Das ist außerhalb der Wirklichkeit. Die Leute haben kein Verhältnis zu dem, wovon sie vorgeben, daß sie geistig gespeist werden.

[ 27 ] Das ist etwas, was zum Charakteristischesten in der Gegenwart gehört. Und so konnte eben die bemerkenswerte Tatsache auftreten, daß eine ganz gewaltige geistige Welle, die mit dem Goetheanismus aufgeworfen war, eigentlich vollständig unverstanden geblieben ist. Das ist der Schmerz, der heute einen befallen kann gegenüber den katastrophalen Ereignissen der Gegenwart, der Schmerz kann einen befallen: Was soll denn werden mit dieser Welle, die eine der allerwichtigsten im fünften nachatlantischen Zeitraum gewesen ist, was soll unter der gegenwärtigen Weltstimmung aus dieser Welle werden?

[ 27 ] Das ist etwas, was zum Charakteristischesten in der Gegenwart gehört. Und so konnte eben die bemerkenswerte Tatsache auftreten, daß eine ganz gewaltige geistige Welle, die mit dem Goetheanismus aufgeworfen war, eigentlich vollständig unverstanden geblieben ist. Das ist der Schmerz, der heute einen befallen kann gegenüber den katastrophalen Ereignissen der Gegenwart, der Schmerz kann einen befallen: Was soll denn werden mit dieser Welle, die eine der allerwichtigsten im fünften nachatlantischen Zeitraum gewesen ist, was soll unter der gegenwärtigen Weltstimmung aus dieser Welle werden?

[ 28 ] Demgegenüber kann man sagen: Es hat eine gewisse Wichtigkeit, wenn man sich entschließt, dasjenige, was zu tun haben will gerade mit den wichtigsten Impulsen des fünften nachatlantischen Zeitraums, Goetheanum zu nennen, ganz gleichgültig, was über diese Anstalt Goetheanum auch kommen mag. — Nicht darum handelt es sich, daß diese Anstalt so und so lange Jahre den Namen Goetheanum trägt, sondern daß einmal der Gedanke da war, den Namen Goetheanum gerade in der schwierigsten Zeit zu gebrauchen.

[ 28 ] Demgegenüber kann man sagen: Es hat eine gewisse Wichtigkeit, wenn man sich entschließt, dasjenige, was zu tun haben will gerade mit den wichtigsten Impulsen des fünften nachatlantischen Zeitraums, Goetheanum zu nennen, ganz gleichgültig, was über diese Anstalt Goetheanum auch kommen mag. — Nicht darum handelt es sich, daß diese Anstalt so und so lange Jahre den Namen Goetheanum trägt, sondern daß einmal der Gedanke da war, den Namen Goetheanum gerade in der schwierigsten Zeit zu gebrauchen.

[ 29 ] Gerade durch die Tatsache, die ich Ihnen angeführt habe, kann für einen gewissermaßen der Goetheanismus in seiner Isoliertheit etwas ganz Besonderes werden, konnte es werden, wenn man in der angegebenen Zeit in Österreich, wo einen so viel nichts anging, gelebt hat. Denn hätten ihn die Leute als etwas aufgefaßt, was sie etwas angeht, dann wäre die heutige Zeit nicht gekommen, dann wären diese katastrophalen Ereignisse nicht eingetreten. Man möchte sagen: Dieses und vieles andere machte Deutsch-Österreich in einzelnen Individualitäten — denn die breiten Massen stehen eben unter dem furchtbaren Druck des Katholizismus der Gegenreformation —, aber es machte einzelne Individualitäten fähig, den Goetheanismus mit ihrer Seele in inniger Weise zu vereinigen. Ich selber — ich habe es öfter erwähnt — lernte einen solchen Österreicher kennen in Karl Julius Schröer, der in Österreich wirkte; aber ich möchte sagen, so wie er wirkte, auf jedem Gebiete, auf dem er wirkte, war es der Goethe-Impuls, von dem aus er wirkte. Die Geschichte wird einmal zusammenstellen, was solche Leute wie Karl Julius Schröer gedacht haben über die politischen Notwendigkeiten von Österreich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, solche Leute, die keines Menschen Ohr gefunden haben, die aber in einer gewissen Weise gewußt haben, wodurch das «Heute» zu vermeiden gewesen wäre, das dann eben doch kommen mußte, weil sie niemandes Ohr gefunden haben.

[ 29 ] Gerade durch die Tatsache, die ich Ihnen angeführt habe, kann für einen gewissermaßen der Goetheanismus in seiner Isoliertheit etwas ganz Besonderes werden, konnte es werden, wenn man in der angegebenen Zeit in Österreich, wo einen so viel nichts anging, gelebt hat. Denn hätten ihn die Leute als etwas aufgefaßt, was sie etwas angeht, dann wäre die heutige Zeit nicht gekommen, dann wären diese katastrophalen Ereignisse nicht eingetreten. Man möchte sagen: Dieses und vieles andere machte Deutsch-Österreich in einzelnen Individualitäten — denn die breiten Massen stehen eben unter dem furchtbaren Druck des Katholizismus der Gegenreformation —, aber es machte einzelne Individualitäten fähig, den Goetheanismus mit ihrer Seele in inniger Weise zu vereinigen. Ich selber — ich habe es öfter erwähnt — lernte einen solchen Österreicher kennen in Karl Julius Schröer, der in Österreich wirkte; aber ich möchte sagen, so wie er wirkte, auf jedem Gebiete, auf dem er wirkte, war es der Goethe-Impuls, von dem aus er wirkte. Die Geschichte wird einmal zusammenstellen, was solche Leute wie Karl Julius Schröer gedacht haben über die politischen Notwendigkeiten von Österreich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, solche Leute, die keines Menschen Ohr gefunden haben, die aber in einer gewissen Weise gewußt haben, wodurch das «Heute» zu vermeiden gewesen wäre, das dann eben doch kommen mußte, weil sie niemandes Ohr gefunden haben.

[ 30 ] Kam man dann ins Deutsche Reich, ja, da vor allen Dingen hatte man dann den Eindruck, daß wenn man mit Goethe zusammengewachsen war, man eigentlich nirgends ein offenes Herz für solches Zusammengewachsensein fand. Ich kam im Herbst 1890 nach Weimar, und ich habe Ihnen neulich die schönen Seiten von Weimar geschildert; aber für dasjenige, was ich dazumal — ich hatte ja meine erste wichtige Goethe-Publikation bereits hinter mir — für Goethe in meiner Seele trug, fand ich eigentlich, weil es das Geistige an Goethe war, recht, recht wenig Verständnis, Herzensverständnis da vor. Es war da ein ganz anderes Leben im Äußerlichen und auch im Inneren des Äußeren — oder im Äußerlichen des Inneren, wenn Sie das lieber sagen wollen als irgend etwas, was zusammenhängt mit den Goethe-Impulsen. Diese Goethe-Impulse sind eigentlich in den allerweitesten Kreisen vollständig unbekannt, unbekannt insbesondere aber, total unbekannt bei den Professoren der Literaturgeschichte, die an den Universitäten über Goethe, Lessing, Herder und dergleichen Vorträge halten, unbekannt bei all den Philistern, die die schrecklichen Goethe-Biographien innerhalb der deutschen Literatur verbrochen haben. Ich konnte mich nur trösten über all das Schauerzeug, welches geschrieben worden ist, gedruckt worden ist über Goethe, durch die Publikationen Schröers und durch das schöne Buch von Herman Grimm, das mir verhältnismäßig sehr frühzeitig in die Hände gekommen ist. Aber Herman Grimm zum Beispiel wird ja durchaus von den Universitätsleuten nicht ernst genommen. Sie sagen, er sei ein Spaziergänger auf dem Gebiet des Geisteslebens, kein ernster Forscher.

[ 30 ] Kam man dann ins Deutsche Reich, ja, da vor allen Dingen hatte man dann den Eindruck, daß wenn man mit Goethe zusammengewachsen war, man eigentlich nirgends ein offenes Herz für solches Zusammengewachsensein fand. Ich kam im Herbst 1890 nach Weimar, und ich habe Ihnen neulich die schönen Seiten von Weimar geschildert; aber für dasjenige, was ich dazumal — ich hatte ja meine erste wichtige Goethe-Publikation bereits hinter mir — für Goethe in meiner Seele trug, fand ich eigentlich, weil es das Geistige an Goethe war, recht, recht wenig Verständnis, Herzensverständnis da vor. Es war da ein ganz anderes Leben im Äußerlichen und auch im Inneren des Äußeren — oder im Äußerlichen des Inneren, wenn Sie das lieber sagen wollen als irgend etwas, was zusammenhängt mit den Goethe-Impulsen. Diese Goethe-Impulse sind eigentlich in den allerweitesten Kreisen vollständig unbekannt, unbekannt insbesondere aber, total unbekannt bei den Professoren der Literaturgeschichte, die an den Universitäten über Goethe, Lessing, Herder und dergleichen Vorträge halten, unbekannt bei all den Philistern, die die schrecklichen Goethe-Biographien innerhalb der deutschen Literatur verbrochen haben. Ich konnte mich nur trösten über all das Schauerzeug, welches geschrieben worden ist, gedruckt worden ist über Goethe, durch die Publikationen Schröers und durch das schöne Buch von Herman Grimm, das mir verhältnismäßig sehr frühzeitig in die Hände gekommen ist. Aber Herman Grimm zum Beispiel wird ja durchaus von den Universitätsleuten nicht ernst genommen. Sie sagen, er sei ein Spaziergänger auf dem Gebiet des Geisteslebens, kein ernster Forscher.

[ 31 ] Karl Julius Schröer ernst zu nehmen, dazu hat sich natürlich ein richtiger Universitätsgelehrter niemals aufgeschwungen; der wird ja immer nur so als Bagatelle behandelt. Ja, dieses Kapitel könnte ich in sehr mannigfaltiger Weise ausmalen. Aber man darf ja nicht vergessen bei alledem, daß in das Literatentum mit all seinen verschiedenen Verzweigungen, selbst in die Verzweigungen hinein, die man — mit Respekt zu vermelden — die journalistischen nennen kann, eben seine Ströme sendet, das in den letzten Jahrzehnten versumpfende Bürgertum, das vollständig in Schlaf versunkene Bürgertum, das keine Beziehungen hat, wenn es geistiges Leben treibt, zu dem wirklichen Inhalt dieses Geisteslebens. Von solchen Voraussetzungen aus kann man natürlich nicht irgendwie an den Goetheanismus herankommen. Denn Goethe selber ist im besten, im wahrsten Sinne des Wortes der modernste Geist des fünften nachatlantischen Zeitraums.

[ 31 ] Karl Julius Schröer ernst zu nehmen, dazu hat sich natürlich ein richtiger Universitätsgelehrter niemals aufgeschwungen; der wird ja immer nur so als Bagatelle behandelt. Ja, dieses Kapitel könnte ich in sehr mannigfaltiger Weise ausmalen. Aber man darf ja nicht vergessen bei alledem, daß in das Literatentum mit all seinen verschiedenen Verzweigungen, selbst in die Verzweigungen hinein, die man — mit Respekt zu vermelden — die journalistischen nennen kann, eben seine Ströme sendet, das in den letzten Jahrzehnten versumpfende Bürgertum, das vollständig in Schlaf versunkene Bürgertum, das keine Beziehungen hat, wenn es geistiges Leben treibt, zu dem wirklichen Inhalt dieses Geisteslebens. Von solchen Voraussetzungen aus kann man natürlich nicht irgendwie an den Goetheanismus herankommen. Denn Goethe selber ist im besten, im wahrsten Sinne des Wortes der modernste Geist des fünften nachatlantischen Zeitraums.

[ 32 ] Bedenken Sie nur, was in diesem Goethe eigentlich alles als besonders charakteristisch Eigentümliches ist. Erstens, seine gesamte Weltanschauung — die in die geistigen Höhen noch höher hinaufgeführt werden kann, noch höher als sie Goethe selbst führen konnte — ruht auf solidem naturwissenschaftlichem Boden. Es gibt keine solide Weltanschauung in der Gegenwart, die nicht auf naturwissenschaftlichem Boden ruhen könnte. Daher ist so viel Naturwissenschaftliches in dem Buche, mit dem ich 1897 meine damaligen Goethe-Studien abgeschlossen habe, und das jetzt in neuer Auflage wiederum erschienen ist aus ähnlichen Gründen, wie die Neuauflage der «Philosophie der Freiheit» erschienen ist. Das Philisterium hat damals gesagt — damals wurden meine Bücher noch rezensiert —: Der nennt das «Goethes Weltanschauung»; er müßte eigentlich sagen «Goethes Naturanschauung». — Nun ja, daß das, was wirklich Goethes Weltanschauung ist, nur so dargestellt werden kann, daß die solide Grundlage der Goetheschen Naturanschauung geboten wird, das sahen natürlich diejenigen nicht ein, welche maskierte Goethe-Forscher oder dergleichen waren, LiterarhistorikeroderPhilosophen oder so etwas. Ein zweites Charakteristisches für Goethe, was ihn wiederum zu dem modernsten Geiste der fünften nachatlantischen Zeit macht, ist, wie sich in seiner Seelenverfassung jener eigentümliche innere Geistesweg gestaltet, der von der intuitiven Naturanschauung zur Kunst hinführt. Es gehört zu den allerinteressantesten Problemen der GoetheBetrachtung, diesen Zusammenhang von Naturanschauung und künstlerischer Betätigung, künstlerischem Schaffen und künstlerischer Phantasie eben in Goethes Seele zu verfolgen. Nicht auf Hunderte, sondern auf Tausende von Fragen, die aber nicht pedantische theoretische Fragen sind, sondern die lebensvolle Fragen sind, kommt man, wenn man diesen ganz eigenartigen, merkwürdigen Weg betrachtet, der sich bei Goethe immer abspielt, wenn er die Natur künstlerisch, aber darum nicht weniger ihrer Wirklichkeit nach betrachtet, und wenn er in der Kunst so wirkt, daß man, um sein eigenes Wort zu gebrauchen, in seiner Kunst etwas verspürt wie eine auf höherer Stufe erfolgende Fortsetzung des göttlichen Naturschaffens selber.

[ 32 ] Bedenken Sie nur, was in diesem Goethe eigentlich alles als besonders charakteristisch Eigentümliches ist. Erstens, seine gesamte Weltanschauung — die in die geistigen Höhen noch höher hinaufgeführt werden kann, noch höher als sie Goethe selbst führen konnte — ruht auf solidem naturwissenschaftlichem Boden. Es gibt keine solide Weltanschauung in der Gegenwart, die nicht auf naturwissenschaftlichem Boden ruhen könnte. Daher ist so viel Naturwissenschaftliches in dem Buche, mit dem ich 1897 meine damaligen Goethe-Studien abgeschlossen habe, und das jetzt in neuer Auflage wiederum erschienen ist aus ähnlichen Gründen, wie die Neuauflage der «Philosophie der Freiheit» erschienen ist. Das Philisterium hat damals gesagt — damals wurden meine Bücher noch rezensiert —: Der nennt das «Goethes Weltanschauung»; er müßte eigentlich sagen «Goethes Naturanschauung». — Nun ja, daß das, was wirklich Goethes Weltanschauung ist, nur so dargestellt werden kann, daß die solide Grundlage der Goetheschen Naturanschauung geboten wird, das sahen natürlich diejenigen nicht ein, welche maskierte Goethe-Forscher oder dergleichen waren, LiterarhistorikeroderPhilosophen oder so etwas. Ein zweites Charakteristisches für Goethe, was ihn wiederum zu dem modernsten Geiste der fünften nachatlantischen Zeit macht, ist, wie sich in seiner Seelenverfassung jener eigentümliche innere Geistesweg gestaltet, der von der intuitiven Naturanschauung zur Kunst hinführt. Es gehört zu den allerinteressantesten Problemen der GoetheBetrachtung, diesen Zusammenhang von Naturanschauung und künstlerischer Betätigung, künstlerischem Schaffen und künstlerischer Phantasie eben in Goethes Seele zu verfolgen. Nicht auf Hunderte, sondern auf Tausende von Fragen, die aber nicht pedantische theoretische Fragen sind, sondern die lebensvolle Fragen sind, kommt man, wenn man diesen ganz eigenartigen, merkwürdigen Weg betrachtet, der sich bei Goethe immer abspielt, wenn er die Natur künstlerisch, aber darum nicht weniger ihrer Wirklichkeit nach betrachtet, und wenn er in der Kunst so wirkt, daß man, um sein eigenes Wort zu gebrauchen, in seiner Kunst etwas verspürt wie eine auf höherer Stufe erfolgende Fortsetzung des göttlichen Naturschaffens selber.

[ 33 ] Ein drittes, was für Goethes Weltanschauung so charakteristisch ist, ist, wie Goethe den Menschen hineinstellt in das ganze Weltenall, wie er in dem Menschen die Blüte, die Frucht des ganzen übrigen Weltenalls sieht, wie er immerdar bemüht ist, ihn nicht isoliert zu betrachten, sondern ihn so zu betrachten, daß der Mensch dasteht und gewissermaßen durch ihn durchwirkt die ganze Geistigkeit, die der Natur zugrunde liegt, und der Mensch mit seiner Seele den Schauplatz abgibt, auf dem sich der Geist der Natur selber anschaut. Aber mit diesen also abstrakt ausgesprochenen Gedanken hängt unendlich vieles zusammen, wenn es im Konkreten verfolgt wird. Und all dies ist ja im Grunde genommen erst die solide Grundlage, auf der dann aufgebaut werden kann das, was zu den höchsten Höhen übersinnlicher, geistiger Betrachtung gerade in der heutigen Zeit führen kann. Wenn man heute darauf aufmerksam macht, daß die Welt versäumt hat, sich mit Goethe zu befassen — das hat sie —, daß die Welt versäumt hat, irgendwie eine Beziehung zum Goetheanismus zu gewinnen, ja, dann geschieht das wahrhaftig nicht, um diese Welt auszuzanken, um diese Welt abzukanzeln oder abzukritisieren, sondern nur, um dazu aufzufordern, ein solches Verhältnis zum Goetheanismus zu gewinnen. Denn dieser Goetheanismus, fortgesetzt, bedeutet eben ein Hineinkommen in anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft. Und ohne anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft kommt die Welt aus der heutigen katastrophalen Lage nicht heraus. Man kann in gewisser Weise am sichersten anfangen, wenn man in die Geisteswissenschaft hineinkommen will, indem man mit Goethe anfängt.

[ 33 ] Ein drittes, was für Goethes Weltanschauung so charakteristisch ist, ist, wie Goethe den Menschen hineinstellt in das ganze Weltenall, wie er in dem Menschen die Blüte, die Frucht des ganzen übrigen Weltenalls sieht, wie er immerdar bemüht ist, ihn nicht isoliert zu betrachten, sondern ihn so zu betrachten, daß der Mensch dasteht und gewissermaßen durch ihn durchwirkt die ganze Geistigkeit, die der Natur zugrunde liegt, und der Mensch mit seiner Seele den Schauplatz abgibt, auf dem sich der Geist der Natur selber anschaut. Aber mit diesen also abstrakt ausgesprochenen Gedanken hängt unendlich vieles zusammen, wenn es im Konkreten verfolgt wird. Und all dies ist ja im Grunde genommen erst die solide Grundlage, auf der dann aufgebaut werden kann das, was zu den höchsten Höhen übersinnlicher, geistiger Betrachtung gerade in der heutigen Zeit führen kann. Wenn man heute darauf aufmerksam macht, daß die Welt versäumt hat, sich mit Goethe zu befassen — das hat sie —, daß die Welt versäumt hat, irgendwie eine Beziehung zum Goetheanismus zu gewinnen, ja, dann geschieht das wahrhaftig nicht, um diese Welt auszuzanken, um diese Welt abzukanzeln oder abzukritisieren, sondern nur, um dazu aufzufordern, ein solches Verhältnis zum Goetheanismus zu gewinnen. Denn dieser Goetheanismus, fortgesetzt, bedeutet eben ein Hineinkommen in anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft. Und ohne anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft kommt die Welt aus der heutigen katastrophalen Lage nicht heraus. Man kann in gewisser Weise am sichersten anfangen, wenn man in die Geisteswissenschaft hineinkommen will, indem man mit Goethe anfängt.

[ 34 ] Das alles hängt mit etwas anderem noch zusammen. Ich habe Sie vorhin darauf aufmerksam gemacht, daß eigentlich dieses breite Geistesleben, das auf den Kanzeln sich entwickelt, das für viele Menschen dann eine Lebenslüge wird, der sie sich gar nicht bewußt sind, eben antediluvianisch ist. Ebenso antediluvianisch ist ja im Grunde die Universitätsgelehrsamkeit aller Fakultäten. Nun wird das aber zur Anomalie, zur historischen Anomalie, auf einem Gebiete, wo es einen Goetheanismus daneben gibt. Denn ein weiteres Eigentümliches in Goethes Persönlichkeit ist die ungeheure Universalität, die so weit geht, daß ja gewiß Goethe auf den verschiedensten Gebieten nur schwache Saatkörner ausgestreut hat; die können aber überall ausgebildet werden, und die sind, indem sie ausgebildet werden, etwas so Großes, enthalten die Keime zu etwas so Großem in sich, daß es das große Moderne ist, von dem aber die Menschheit nichts wissen will, dem gegenüber in seiner Verfassung, in seiner Gesinnung, wie es dasteht, das Antediluvianische die moderne Universitätsbildung ist. Diese moderne Universitätsbildung ist alter Zopf, wenn sie auch dies oder jenes Neuentdeckte und so weiter in sich aufnimmt. Aber daneben gibt es ein nicht beachtetes wirkliches Geistesleben: Goetheanismus. Goethe ist in gewisser Beziehung die Universitas litterarum, die geheime Universitas, und der widerrechtliche Fürst auf dem Gebiete des Geisteslebens ist die Universitätsbildung der Gegenwart. Aber alles Äußere, was Sie erleben, was zu der gegenwärtigen Weltkatastrophe geführt hat, alles dies Äußere ist ja schließlich ein äußeres Resultat dessen, was an den Universitäten gelehrt wird. Da reden die Menschen heute über das oder jenes in der Politik, über diese oder jene Persönlichkeiten, da reden die Menschen darüber, daß der Sozialismus aufgetreten ist, da reden die Menschen über gute und schlechte Seiten der Kunst, da reden die Menschen über den Bolschewismus und so weiter, da fürchten sich die Menschen, daß das oder jenes heraufkomme, da sehen die Menschen an dem einen oder andern Platz den oder jenen stehen, da gibt es Menschen, die vor sechs Wochen das Gegenteil von dem gesagt haben, was sie heute sagen. Alles das gibt es. Woher fließt alles das? Doch schließlich von den Bildungsstätten der Gegenwart! Alles Übrige ist im Grunde genommen sekundäres und sekundärstes Gerede, was nicht aufmerksam darauf wird, daß die Axt an die Wurzel der sogenannten modernen Bildung selbst gelegt werden muß. Was wird es denn nützen, wenn noch so viel da oder dort sogenannte gescheite Ideen entwickelt werden, wenn man nicht einsieht, wo eigentlich der Bruch gemacht werden muß?

[ 34 ] Das alles hängt mit etwas anderem noch zusammen. Ich habe Sie vorhin darauf aufmerksam gemacht, daß eigentlich dieses breite Geistesleben, das auf den Kanzeln sich entwickelt, das für viele Menschen dann eine Lebenslüge wird, der sie sich gar nicht bewußt sind, eben antediluvianisch ist. Ebenso antediluvianisch ist ja im Grunde die Universitätsgelehrsamkeit aller Fakultäten. Nun wird das aber zur Anomalie, zur historischen Anomalie, auf einem Gebiete, wo es einen Goetheanismus daneben gibt. Denn ein weiteres Eigentümliches in Goethes Persönlichkeit ist die ungeheure Universalität, die so weit geht, daß ja gewiß Goethe auf den verschiedensten Gebieten nur schwache Saatkörner ausgestreut hat; die können aber überall ausgebildet werden, und die sind, indem sie ausgebildet werden, etwas so Großes, enthalten die Keime zu etwas so Großem in sich, daß es das große Moderne ist, von dem aber die Menschheit nichts wissen will, dem gegenüber in seiner Verfassung, in seiner Gesinnung, wie es dasteht, das Antediluvianische die moderne Universitätsbildung ist. Diese moderne Universitätsbildung ist alter Zopf, wenn sie auch dies oder jenes Neuentdeckte und so weiter in sich aufnimmt. Aber daneben gibt es ein nicht beachtetes wirkliches Geistesleben: Goetheanismus. Goethe ist in gewisser Beziehung die Universitas litterarum, die geheime Universitas, und der widerrechtliche Fürst auf dem Gebiete des Geisteslebens ist die Universitätsbildung der Gegenwart. Aber alles Äußere, was Sie erleben, was zu der gegenwärtigen Weltkatastrophe geführt hat, alles dies Äußere ist ja schließlich ein äußeres Resultat dessen, was an den Universitäten gelehrt wird. Da reden die Menschen heute über das oder jenes in der Politik, über diese oder jene Persönlichkeiten, da reden die Menschen darüber, daß der Sozialismus aufgetreten ist, da reden die Menschen über gute und schlechte Seiten der Kunst, da reden die Menschen über den Bolschewismus und so weiter, da fürchten sich die Menschen, daß das oder jenes heraufkomme, da sehen die Menschen an dem einen oder andern Platz den oder jenen stehen, da gibt es Menschen, die vor sechs Wochen das Gegenteil von dem gesagt haben, was sie heute sagen. Alles das gibt es. Woher fließt alles das? Doch schließlich von den Bildungsstätten der Gegenwart! Alles Übrige ist im Grunde genommen sekundäres und sekundärstes Gerede, was nicht aufmerksam darauf wird, daß die Axt an die Wurzel der sogenannten modernen Bildung selbst gelegt werden muß. Was wird es denn nützen, wenn noch so viel da oder dort sogenannte gescheite Ideen entwickelt werden, wenn man nicht einsieht, wo eigentlich der Bruch gemacht werden muß?

[ 35 ] Ich habe vorhin davon gesprochen, daß mich selber gewisse Dinge nichts angegangen sind. Ich kann Ihnen noch etwas verraten, was mich nichts angegangen ist. Als ich von der Realschule an die Hochschule kam, da hörte ich verschiedene Dinge, ließ mich in verschiedene Dinge inskribieren. Es waren lauter Dinge, die mich nichts angingen, denn nirgends konnte man den Impuls desjenigen verspüren, was wirklich zusammenhängt mit der Evolution unseres Zeitalters. Und ohne albern werden zu wollen — ich habe ja neulich erzählt, wie ich überall herauslanciert worden bin —, darf ich sagen, daß ich vor allen Dingen eine gewisse Sympathie hatte für jene Universitas, die der Goetheanismus ist dadurch, daß Goethe im Grunde genommen, indem er durch die Universitätsbildung ging, auch durch etwas ging, was ihn nichts anging in Wirklichkeit. Goethe hat sich blutwenig befaßt in Leipzig, in der damaligen Universität im damaligen königlichen Sachsenlande, mit dem, was er da hören konnte, und er hat sich später wiederum in Straßburg blutwenig befaßt mit dem, was er da hören konnte. Und dennoch, alles das, selbst das Künstlerischeste des Künstlerischen bei Goethe ruht auf solidem Boden sogar strengster Naturanschauung. Goethe ist wider alles Universitätswesen in die modernsten Impulse auch des Erkennens hineingewachsen. Das ist dasjenige, was man, wenn man von Goetheanismus spricht, nicht aus dem Auge verlieren darf. Das ist dasjenige, was ich in meinen Goethe-Studien und auch in meinem Buche «Goethes Weltanschauung» gerne den Menschen zum Bewußtsein gebracht hätte. Den wirklichen Goethe hätte ich gerne den Menschen zum Bewußtsein gebracht. Nur — es war das Zeitalter nicht dazu da. Es fehlte sozusagen in ganz erheblichem Maße der Resonanzboden. Daß Ansätze dazu da waren, das habe ich neulich erwähnt; sie waren doch in Weimar gegeben, der Boden war in Weimar gewissermaßen dazu gegeben. Aber auf diesen Boden stellte sich nichts Rechtes, und diejenigen, die darauf gestellt waren, lancierten die anderen weg, die auf diesem Boden hätten stehen können. Wäre die neuere Zeit ein wenig von Goetheanismus durchdrungen, sie würde mit Sehnsucht Geisteswissenschaft aufnehmen, denn der Goetheanismus bereitet den Boden für die Aufnahme der Geisteswissenschaft vor. Dann aber würde wiederum dieser Goetheanismus zur Methode für eine wirkliche Gesundung der Menschen der Gegenwart. Ja, man muß nicht oberflächlich das Leben der gegenwärtigen Zeit betrachten!

[ 35 ] Ich habe vorhin davon gesprochen, daß mich selber gewisse Dinge nichts angegangen sind. Ich kann Ihnen noch etwas verraten, was mich nichts angegangen ist. Als ich von der Realschule an die Hochschule kam, da hörte ich verschiedene Dinge, ließ mich in verschiedene Dinge inskribieren. Es waren lauter Dinge, die mich nichts angingen, denn nirgends konnte man den Impuls desjenigen verspüren, was wirklich zusammenhängt mit der Evolution unseres Zeitalters. Und ohne albern werden zu wollen — ich habe ja neulich erzählt, wie ich überall herauslanciert worden bin —, darf ich sagen, daß ich vor allen Dingen eine gewisse Sympathie hatte für jene Universitas, die der Goetheanismus ist dadurch, daß Goethe im Grunde genommen, indem er durch die Universitätsbildung ging, auch durch etwas ging, was ihn nichts anging in Wirklichkeit. Goethe hat sich blutwenig befaßt in Leipzig, in der damaligen Universität im damaligen königlichen Sachsenlande, mit dem, was er da hören konnte, und er hat sich später wiederum in Straßburg blutwenig befaßt mit dem, was er da hören konnte. Und dennoch, alles das, selbst das Künstlerischeste des Künstlerischen bei Goethe ruht auf solidem Boden sogar strengster Naturanschauung. Goethe ist wider alles Universitätswesen in die modernsten Impulse auch des Erkennens hineingewachsen. Das ist dasjenige, was man, wenn man von Goetheanismus spricht, nicht aus dem Auge verlieren darf. Das ist dasjenige, was ich in meinen Goethe-Studien und auch in meinem Buche «Goethes Weltanschauung» gerne den Menschen zum Bewußtsein gebracht hätte. Den wirklichen Goethe hätte ich gerne den Menschen zum Bewußtsein gebracht. Nur — es war das Zeitalter nicht dazu da. Es fehlte sozusagen in ganz erheblichem Maße der Resonanzboden. Daß Ansätze dazu da waren, das habe ich neulich erwähnt; sie waren doch in Weimar gegeben, der Boden war in Weimar gewissermaßen dazu gegeben. Aber auf diesen Boden stellte sich nichts Rechtes, und diejenigen, die darauf gestellt waren, lancierten die anderen weg, die auf diesem Boden hätten stehen können. Wäre die neuere Zeit ein wenig von Goetheanismus durchdrungen, sie würde mit Sehnsucht Geisteswissenschaft aufnehmen, denn der Goetheanismus bereitet den Boden für die Aufnahme der Geisteswissenschaft vor. Dann aber würde wiederum dieser Goetheanismus zur Methode für eine wirkliche Gesundung der Menschen der Gegenwart. Ja, man muß nicht oberflächlich das Leben der gegenwärtigen Zeit betrachten!

[ 36 ] Als ich gestern den Vortrag gehalten hatte in Basel, da mußte ich doch denken: Dasjenige, was da zu sagen wäre, ist eigentlich so, daß es heute keinen ehrlichen Wissenschafter geben könnte, der, wenn er sich darauf einläßt, die Sache nicht zugibt. — Wenn er sich darauf einläßt! Was die Sache zurückhält, sind ja nicht logische Gründe, sondern ist jene Brutalität, welche als Brutalität auch auf allen Gebieten der zivilisierten Welt die gegenwärtige Katastrophe herbeigeführt hat. Tief symbolisch selbstverständlich bleibt immer eine solche Tatsache, daß es eine Goethe-Gesellschaft gibt, welche vor einigen Jahren nichts Besseres zu tun hatte, als einen gewesenen, abgewirtschafteten Finanzminister zum Präsidenten zu machen, so richtig ein Symptom für das Außenstehen der Menschen gegenüber dem, was sie glauben, zu verehren. Dieser Finanzminister, der, wie ich neulich schon sagte, vielleicht auch symptomatisch den Vornamen hat «Kreuzwendedich», dieser Finanzminister glaubt ja selbstverständlich in der Lebenslüge, in der er drinnensteht, daß er Goethe verehrt, weil er ja keine Ahnung haben kann, aus der gegenwärtigen Bildung heraus keine Ahnung haben kann, wie fern, wie — man könnte kosmische Entfernungen, Sternenweiten oder so irgend etwas zu Hilfe nehmen, wenn man die Fernigkeit auch nur irgendwie ausmessen würde, in welcher dieser Präsident der Goethe-Gesellschaft selbst zu dem Allerelementarsten des Goetheanismus steht.

[ 36 ] Als ich gestern den Vortrag gehalten hatte in Basel, da mußte ich doch denken: Dasjenige, was da zu sagen wäre, ist eigentlich so, daß es heute keinen ehrlichen Wissenschafter geben könnte, der, wenn er sich darauf einläßt, die Sache nicht zugibt. — Wenn er sich darauf einläßt! Was die Sache zurückhält, sind ja nicht logische Gründe, sondern ist jene Brutalität, welche als Brutalität auch auf allen Gebieten der zivilisierten Welt die gegenwärtige Katastrophe herbeigeführt hat. Tief symbolisch selbstverständlich bleibt immer eine solche Tatsache, daß es eine Goethe-Gesellschaft gibt, welche vor einigen Jahren nichts Besseres zu tun hatte, als einen gewesenen, abgewirtschafteten Finanzminister zum Präsidenten zu machen, so richtig ein Symptom für das Außenstehen der Menschen gegenüber dem, was sie glauben, zu verehren. Dieser Finanzminister, der, wie ich neulich schon sagte, vielleicht auch symptomatisch den Vornamen hat «Kreuzwendedich», dieser Finanzminister glaubt ja selbstverständlich in der Lebenslüge, in der er drinnensteht, daß er Goethe verehrt, weil er ja keine Ahnung haben kann, aus der gegenwärtigen Bildung heraus keine Ahnung haben kann, wie fern, wie — man könnte kosmische Entfernungen, Sternenweiten oder so irgend etwas zu Hilfe nehmen, wenn man die Fernigkeit auch nur irgendwie ausmessen würde, in welcher dieser Präsident der Goethe-Gesellschaft selbst zu dem Allerelementarsten des Goetheanismus steht.

[ 37 ] Dieses Zeitalter war natürlich nicht dazu da, um irgendwie in das Innere des Goetheanismus hineinzuführen. Denn der Goetheanismus ist nichts Nationales, der Goetheanismus ist nichts Deutsches. Gespeist ist, wie ich Ihnen gezeigt habe, dieser Goetheanismus von Spinoza, nun, der war ja schließlich kein Deutscher, von Shakespeare — war ja schließlich kein Deutscher; von Linné — war ja schließlich kein Deutscher. Und Goethe selbst sagt es, daß diese drei Persönlichkeiten von allen Persönlichkeiten auf ihn den größten Einfluß gehabt haben, und er irrt sich darin gewiß nicht. Wer Goethe kennt, weiß, wie gerechtfertigt dies ist. Aber Goethe ist dagewesen — Goetheanismus könnte da sein! Goetheanismus könnte walten in allem menschlichen Denken, könnte walten im religiösen Leben, könnte walten in jedem wissenschaftlichen Zweige, könnte walten in sozialen Ausgestaltungen des menschlichen Zusammenlebens, Goetheanismus könnte walten im politischen Leben, überall könnte der Goetheanismus walten. Und die Welt hört sich heute die Schwätzer an, Eucken oder Bergson, wie sie auf den verschiedensten Gebieten heißen. Ich will schon gar nicht von irgendwelchen politischen Schwätzern sprechen, denn auf diesem Gebiete ist ja in der heutigen Zeit das Eigenschaftswort mit dem Hauptwort fast identisch geworden.

[ 37 ] Dieses Zeitalter war natürlich nicht dazu da, um irgendwie in das Innere des Goetheanismus hineinzuführen. Denn der Goetheanismus ist nichts Nationales, der Goetheanismus ist nichts Deutsches. Gespeist ist, wie ich Ihnen gezeigt habe, dieser Goetheanismus von Spinoza, nun, der war ja schließlich kein Deutscher, von Shakespeare — war ja schließlich kein Deutscher; von Linné — war ja schließlich kein Deutscher. Und Goethe selbst sagt es, daß diese drei Persönlichkeiten von allen Persönlichkeiten auf ihn den größten Einfluß gehabt haben, und er irrt sich darin gewiß nicht. Wer Goethe kennt, weiß, wie gerechtfertigt dies ist. Aber Goethe ist dagewesen — Goetheanismus könnte da sein! Goetheanismus könnte walten in allem menschlichen Denken, könnte walten im religiösen Leben, könnte walten in jedem wissenschaftlichen Zweige, könnte walten in sozialen Ausgestaltungen des menschlichen Zusammenlebens, Goetheanismus könnte walten im politischen Leben, überall könnte der Goetheanismus walten. Und die Welt hört sich heute die Schwätzer an, Eucken oder Bergson, wie sie auf den verschiedensten Gebieten heißen. Ich will schon gar nicht von irgendwelchen politischen Schwätzern sprechen, denn auf diesem Gebiete ist ja in der heutigen Zeit das Eigenschaftswort mit dem Hauptwort fast identisch geworden.

[ 38 ] Gegen die Fremdheit des heutigen Geistesgetriebes gegenüber der Wirklichkeit ist schließlich das, was hier gewollt worden ist, was ja in der Zukunft so stark gehaßt werden wird, daß natürlich seine Fertigstellung selbstverständlich sehr problematisch ist, besonders in dem gegenwärtigen Zeitpunkte, demgegenüber ist dasjenige, was hier gewollt worden ist, ein lebendiger Protest. Und dieser Protest kann nicht schöner ausgedrückt werden, als wenn man sagt: Das, was hier gewollt worden ist, ist ein Goetheanum. — Es ist gewissermaßen ein Bekenntnis zu den wichtigsten Eigenschaften und auch zu den wichtigsten Forderungen der Gegenwart, wenn hier von einem Goetheanum gesprochen wird. Und dieses Goetheanum ist wenigstens gewollt worden inmitten des gegenwärtigen Philisteriums — will sagen, der gegenwärtigen zivilisierten Welt —, sollte herausragen aus dieser gegenwärtigen sogenannten zivilisierten Welt.

[ 38 ] Gegen die Fremdheit des heutigen Geistesgetriebes gegenüber der Wirklichkeit ist schließlich das, was hier gewollt worden ist, was ja in der Zukunft so stark gehaßt werden wird, daß natürlich seine Fertigstellung selbstverständlich sehr problematisch ist, besonders in dem gegenwärtigen Zeitpunkte, demgegenüber ist dasjenige, was hier gewollt worden ist, ein lebendiger Protest. Und dieser Protest kann nicht schöner ausgedrückt werden, als wenn man sagt: Das, was hier gewollt worden ist, ist ein Goetheanum. — Es ist gewissermaßen ein Bekenntnis zu den wichtigsten Eigenschaften und auch zu den wichtigsten Forderungen der Gegenwart, wenn hier von einem Goetheanum gesprochen wird. Und dieses Goetheanum ist wenigstens gewollt worden inmitten des gegenwärtigen Philisteriums — will sagen, der gegenwärtigen zivilisierten Welt —, sollte herausragen aus dieser gegenwärtigen sogenannten zivilisierten Welt.

[ 39 ] Selbstverständlich, wenn es nach dem Herzen vieler Zeitgenossen ginge, würde man vielleicht sagen, es wäre gescheiter gewesen, «Wilsonianum» zu sagen, denn das ist ja die Flagge der gegenwärtigen Zeit. Das ist ja dasjenige, dem sich gegenwärtig die Welt beugen will und wahrscheinlich auch beugen wird.

[ 39 ] Selbstverständlich, wenn es nach dem Herzen vieler Zeitgenossen ginge, würde man vielleicht sagen, es wäre gescheiter gewesen, «Wilsonianum» zu sagen, denn das ist ja die Flagge der gegenwärtigen Zeit. Das ist ja dasjenige, dem sich gegenwärtig die Welt beugen will und wahrscheinlich auch beugen wird.

[ 40 ] Nun, es mag manchem sonderbar erscheinen, wenn heute einer kommt und sagt: Die einzige Hilfe gegen den Wilsonismus ist der Goetheanismus. — Dann kommen diejenigen Menschen, die das besser wissen wollen und sagen: Das ist ein Ideologe, der so spricht! — Nun, wer sind denn jene Menschen, die dieses Wort prägen: Das ist ein weltenfremder Mensch — wer sind sie denn? Diese weltenverwandten Menschen sind es, welche die heutige Weltordnung herbeigeführt haben, welche die heutige Weltordnung herbeigeschaffen haben; die sind es, welche sich besonders praktisch immer gedünkt haben, die sind es, welche sich selbstverständlich auflehnen gegen das, was aus den Zusammenhängen gerade tiefster Wirklichkeit heraus gesprochen werden muß: Die Welt wird krank werden am Wilsonismus, die Welt wird auf allen Gebieten des Lebens ein Heilmittel brauchen, und das wird der Goetheanismus sein!

[ 40 ] Nun, es mag manchem sonderbar erscheinen, wenn heute einer kommt und sagt: Die einzige Hilfe gegen den Wilsonismus ist der Goetheanismus. — Dann kommen diejenigen Menschen, die das besser wissen wollen und sagen: Das ist ein Ideologe, der so spricht! — Nun, wer sind denn jene Menschen, die dieses Wort prägen: Das ist ein weltenfremder Mensch — wer sind sie denn? Diese weltenverwandten Menschen sind es, welche die heutige Weltordnung herbeigeführt haben, welche die heutige Weltordnung herbeigeschaffen haben; die sind es, welche sich besonders praktisch immer gedünkt haben, die sind es, welche sich selbstverständlich auflehnen gegen das, was aus den Zusammenhängen gerade tiefster Wirklichkeit heraus gesprochen werden muß: Die Welt wird krank werden am Wilsonismus, die Welt wird auf allen Gebieten des Lebens ein Heilmittel brauchen, und das wird der Goetheanismus sein!

[ 41 ] Und wenn ich mit einer persönlichen Bemerkung abschließen darf zu dieser Interpretation meines Goethe-Buches, «Goethes Weltanschauung», das jetzt auch in einer zweiten Auflage erschienen ist: Durch eine merkwürdige Verkettung der Umstände ist dieses Buch noch nicht da, nämlich, man ist ja immer noch, nicht wahr, insbesondere in der Gegenwart, ein bißchen zu Konzessionen bereit. Praktische Menschen haben uns vor einiger Zeit den Vorschlag gemacht, vor Monaten schon, man solle direkt von der Druckerei diese Bücher «Philosophie der Freiheit» und «Goethes Weltanschauung» hierher schicken, damit sie nicht erst den Umweg nach Berlin machen und so lange brauchen, bis sie hier sind. Und man meint. doch, die Praktiker, die kennen sich aus in diesen Dingen. Nun, die «Philosophie der Freiheit» wurde als von den Praktikern abgesendet gemeldet, kam aber Wochen und Wochen und Wochen nicht hier an. Von Berlin konnten die Leute schon längst Exemplare bekommen; hier war keines zu haben, weil irgendwo unterwegs von den Praktikern die Sache besorgt worden war, weil wir «unpraktischen» Leute nicht eingreifen sollten in die Sache. Aber was war mit der «Philosophie der Freiheit» geschehen? Da war nämlich das Folgende passiert: Die Sendung war von den Praktikern der Firma aufgegeben worden, und es war mitgeteilt worden, daß sie es schicken sollen nach Dornach bei Basel. Aber diese Firma, der betreffende Herr, der es gemacht hat, der hat sich gesagt: Dornach bei Basel, das ist im Elsaß — denn da gibt es auch ein Dornach, und das ist ja auch in der Nähe von Basel —, und da braucht man keine Auslandsmarken draufzukleben, da können wir deutsche Inlandspostmarken draufkleben. — Nun, so ging denn durch praktische Anordnungen die ganze Sendung nach Dornach im Elsaß, wo man natürlich nicht wußte, was damit anfangen. Die Sache mußte durch die unpraktischen Menschen reklamiert werden, und endlich, nach langen Umwegen, nachdem sich der Praktiker dazu bequemt hatte, einzusehen, daß Dornach bei Basel nicht Dornach im Elsaß ist, kam die «Philosophie der Freiheit» hier an. Ob nun «Goethes Weltanschauung» von irgendeinem Praktiker statt von Stuttgart nach Dornach bei Basel nach dem Nordkap herumgeschickt worden ist, um vielleicht um die Erde herum in Dornach einzutreffen, das weiß ich nicht. Aber jedenfalls, das sollte nur solch ein Beispiel sein, das wir zunächst unmittelbar am eigenen Leibe erlebt haben über den Anteil der Praktiker am Leben, an der wirklichen Lebenspraxis.

[ 41 ] Und wenn ich mit einer persönlichen Bemerkung abschließen darf zu dieser Interpretation meines Goethe-Buches, «Goethes Weltanschauung», das jetzt auch in einer zweiten Auflage erschienen ist: Durch eine merkwürdige Verkettung der Umstände ist dieses Buch noch nicht da, nämlich, man ist ja immer noch, nicht wahr, insbesondere in der Gegenwart, ein bißchen zu Konzessionen bereit. Praktische Menschen haben uns vor einiger Zeit den Vorschlag gemacht, vor Monaten schon, man solle direkt von der Druckerei diese Bücher «Philosophie der Freiheit» und «Goethes Weltanschauung» hierher schicken, damit sie nicht erst den Umweg nach Berlin machen und so lange brauchen, bis sie hier sind. Und man meint. doch, die Praktiker, die kennen sich aus in diesen Dingen. Nun, die «Philosophie der Freiheit» wurde als von den Praktikern abgesendet gemeldet, kam aber Wochen und Wochen und Wochen nicht hier an. Von Berlin konnten die Leute schon längst Exemplare bekommen; hier war keines zu haben, weil irgendwo unterwegs von den Praktikern die Sache besorgt worden war, weil wir «unpraktischen» Leute nicht eingreifen sollten in die Sache. Aber was war mit der «Philosophie der Freiheit» geschehen? Da war nämlich das Folgende passiert: Die Sendung war von den Praktikern der Firma aufgegeben worden, und es war mitgeteilt worden, daß sie es schicken sollen nach Dornach bei Basel. Aber diese Firma, der betreffende Herr, der es gemacht hat, der hat sich gesagt: Dornach bei Basel, das ist im Elsaß — denn da gibt es auch ein Dornach, und das ist ja auch in der Nähe von Basel —, und da braucht man keine Auslandsmarken draufzukleben, da können wir deutsche Inlandspostmarken draufkleben. — Nun, so ging denn durch praktische Anordnungen die ganze Sendung nach Dornach im Elsaß, wo man natürlich nicht wußte, was damit anfangen. Die Sache mußte durch die unpraktischen Menschen reklamiert werden, und endlich, nach langen Umwegen, nachdem sich der Praktiker dazu bequemt hatte, einzusehen, daß Dornach bei Basel nicht Dornach im Elsaß ist, kam die «Philosophie der Freiheit» hier an. Ob nun «Goethes Weltanschauung» von irgendeinem Praktiker statt von Stuttgart nach Dornach bei Basel nach dem Nordkap herumgeschickt worden ist, um vielleicht um die Erde herum in Dornach einzutreffen, das weiß ich nicht. Aber jedenfalls, das sollte nur solch ein Beispiel sein, das wir zunächst unmittelbar am eigenen Leibe erlebt haben über den Anteil der Praktiker am Leben, an der wirklichen Lebenspraxis.

[ 42 ] Das also ist, was ich zunächst persönlich als Versuch machen konnte auf dem Gebiete, das mir nahelag — nahelag mehr durch die Verhältnisse als durch meine Neigungen —, der Zeit wirklich zu dienen. Und ich glaube schon einmal, wenn ich betrachte, was mich mit meinen verschiedenen Büchern aus dem Impulse der Zeit heraus verbindet, daß diese Bücher wirklich der Zeit auf den verschiedensten Gebieten dienen. Daher haben sie mich auch gelehrt, wieviel in diesen letzten Jahrzehnten gegen die Zeit eigentlich wirklich getrieben und unternommen worden ist. Die Leute mögen in ihrer Brutalität noch so sehr glauben, daß irgend etwas eben sich durchdrücken läßt: es läßt sich nichts in Wahrheit durchdrücken, was gegen die Impulse der Zeit ist. Es läßt sich manches, was mit dem Impulse der Zeit ist, zurückhalten! Nun, wenn es zurückgehalten wird, es wird später seinen Weg finden, wenn auch vielleicht unter ganz anderen Namen und in ganz anderem Zusammenhange. Aber ich glaube doch, diese Bücher haben neben manchem anderen vielleicht doch auch dieses, daß man an ihnen sehen kann, wie man aus der Beobachtung der Zeit heraus seiner Zeit selber dienen kann. Man kann aber mit allem, mit der kleinsten, mit der elementarsten Tätigkeit kann man der Zeit dienen. Man muß nur den Mut haben, zum Goetheanismus überzugehen, der sich wie eine Universitas liberarum scientiarum hinstellt neben das, was heute alle Menschen anbeten, die radikalsten Sozialisten am allermeisten: die antediluvianische Universität.

[ 42 ] Das also ist, was ich zunächst persönlich als Versuch machen konnte auf dem Gebiete, das mir nahelag — nahelag mehr durch die Verhältnisse als durch meine Neigungen —, der Zeit wirklich zu dienen. Und ich glaube schon einmal, wenn ich betrachte, was mich mit meinen verschiedenen Büchern aus dem Impulse der Zeit heraus verbindet, daß diese Bücher wirklich der Zeit auf den verschiedensten Gebieten dienen. Daher haben sie mich auch gelehrt, wieviel in diesen letzten Jahrzehnten gegen die Zeit eigentlich wirklich getrieben und unternommen worden ist. Die Leute mögen in ihrer Brutalität noch so sehr glauben, daß irgend etwas eben sich durchdrücken läßt: es läßt sich nichts in Wahrheit durchdrücken, was gegen die Impulse der Zeit ist. Es läßt sich manches, was mit dem Impulse der Zeit ist, zurückhalten! Nun, wenn es zurückgehalten wird, es wird später seinen Weg finden, wenn auch vielleicht unter ganz anderen Namen und in ganz anderem Zusammenhange. Aber ich glaube doch, diese Bücher haben neben manchem anderen vielleicht doch auch dieses, daß man an ihnen sehen kann, wie man aus der Beobachtung der Zeit heraus seiner Zeit selber dienen kann. Man kann aber mit allem, mit der kleinsten, mit der elementarsten Tätigkeit kann man der Zeit dienen. Man muß nur den Mut haben, zum Goetheanismus überzugehen, der sich wie eine Universitas liberarum scientiarum hinstellt neben das, was heute alle Menschen anbeten, die radikalsten Sozialisten am allermeisten: die antediluvianische Universität.

[ 43 ] Es könnte sehr leicht scheinen, als ob diese Dinge persönlich gemeint seien; daher zögere ich auch immer, solche Dinge auszusprechen. Wenn man natürlich dem billigen Einwand ausgesetzt ist: Aha, der ist nicht Universitätsprofessor geworden, also schimpft er über die Universitäten — nun ja, diesen billigen Einwand muß man sich schon gefallen lassen, wenn man eben notwendig hat, darauf hinzuweisen, daß das eigentliche Übel der Zeit nicht diejenigen treffen, die von irgendeinem politischen, irgendeinem spezialwissenschaftlichen, irgendeinem nationalökonomischen, irgendeinem religiösen oder sonstigen Gesichtspunkte das oder jenes vorbringen. Den eigentlichen Gesichtspunkt, der in Betracht kommt, den treffen allein diejenigen, die hinweisen auf das allerschlimmste Infallibilitätsdogma, auf jenes Infallibilitätsdogma, das durch eine verhängnisvolle Übereinstimmung der Menschheit dazu geführt hat, daß alles unterstellt ist dem, was gegenwärtig die Menschheit führt: das, was gegenwärtig offizielle wissenschaftliche Stätten sind, in denen so viel Unkraut — selbstverständlich neben ein paar guten Pflänzchen — gedeiht. Ich werde durchaus nicht, geradesowenig wie ich, wenn ich über Staaten oder Nationen spreche, niemals den einzelnen meine, so niemals den einzelnen Universitätslehrer oder dergleichen meinen. Das können ausgezeichnete Leute sein; darauf kommt es nicht an: es kommt auf das Wesen der Einrichtung an.

[ 43 ] Es könnte sehr leicht scheinen, als ob diese Dinge persönlich gemeint seien; daher zögere ich auch immer, solche Dinge auszusprechen. Wenn man natürlich dem billigen Einwand ausgesetzt ist: Aha, der ist nicht Universitätsprofessor geworden, also schimpft er über die Universitäten — nun ja, diesen billigen Einwand muß man sich schon gefallen lassen, wenn man eben notwendig hat, darauf hinzuweisen, daß das eigentliche Übel der Zeit nicht diejenigen treffen, die von irgendeinem politischen, irgendeinem spezialwissenschaftlichen, irgendeinem nationalökonomischen, irgendeinem religiösen oder sonstigen Gesichtspunkte das oder jenes vorbringen. Den eigentlichen Gesichtspunkt, der in Betracht kommt, den treffen allein diejenigen, die hinweisen auf das allerschlimmste Infallibilitätsdogma, auf jenes Infallibilitätsdogma, das durch eine verhängnisvolle Übereinstimmung der Menschheit dazu geführt hat, daß alles unterstellt ist dem, was gegenwärtig die Menschheit führt: das, was gegenwärtig offizielle wissenschaftliche Stätten sind, in denen so viel Unkraut — selbstverständlich neben ein paar guten Pflänzchen — gedeiht. Ich werde durchaus nicht, geradesowenig wie ich, wenn ich über Staaten oder Nationen spreche, niemals den einzelnen meine, so niemals den einzelnen Universitätslehrer oder dergleichen meinen. Das können ausgezeichnete Leute sein; darauf kommt es nicht an: es kommt auf das Wesen der Einrichtung an.

[ 44 ] Und wie schlimm dieses Wesen ist, das zeigt sich heute schon darinnen, daß diejenigen Schulen, die angefangen haben, ein wenig aus dem Natürlichen selbst heraus sich zu entwickeln, die technischen Hochschulen, nun auch schon universitäre Allüren annehmen und damit eigentlich schon einen großen Schritt in die Versumpfung hinein gemacht haben.

[ 44 ] Und wie schlimm dieses Wesen ist, das zeigt sich heute schon darinnen, daß diejenigen Schulen, die angefangen haben, ein wenig aus dem Natürlichen selbst heraus sich zu entwickeln, die technischen Hochschulen, nun auch schon universitäre Allüren annehmen und damit eigentlich schon einen großen Schritt in die Versumpfung hinein gemacht haben.

[ 45 ] Betrachten Sie solche Auseinandersetzungen, wie ich sie heute wieder gemacht habe, wie eine Art von Episode in unseren anthroposophischen Besprechungen. Aber ich denke, die gegenwärtige Zeit ist eine so sehr unsere Gedanken und unsere Empfindungen nach dieser Richtung herausfordernde, daß ja solche Betrachtungen bei uns angestellt werden sollten. Sie müssen insbesondere deshalb von uns angestellt werden, weil sie ja leider nirgend anderswo angestellt werden.

[ 45 ] Betrachten Sie solche Auseinandersetzungen, wie ich sie heute wieder gemacht habe, wie eine Art von Episode in unseren anthroposophischen Besprechungen. Aber ich denke, die gegenwärtige Zeit ist eine so sehr unsere Gedanken und unsere Empfindungen nach dieser Richtung herausfordernde, daß ja solche Betrachtungen bei uns angestellt werden sollten. Sie müssen insbesondere deshalb von uns angestellt werden, weil sie ja leider nirgend anderswo angestellt werden.

[ 46 ] Ja, recht weit, weit entfernt vom Goetheanismus, der wahrhaftig nicht im Goethe-Studium besteht und nicht im Verfolgen der Goetheschen Werke allein, weit entfernt vom Goetheanismus ist noch unsere Gegenwart. Furchtbar nötig, auf allen Gebieten des Lebens sich diesem Goetheanismus zu nähern, hat es diese unsere Gegenwart. Es scheint ideologisch und nicht praktisch zu sein, wenn man dieses sagt, aber es ist das Aller-allerpraktischeste in der Gegenwart. Man wird es zu ganz anderem bringen als zu diesem rationalisieren, dem einzigen, zu dem es in der Gegenwart das Bourgeoistum doch noch bringt, wenn man die verschiedenen Zweige des Lebens auf den Boden des Goetheanismus stellt. Und Geisteswissenschaft, die wird schon derjenige finden, der auf dem Boden des Goetheanismus steht. Das ist etwas, was man heute mit flammender Schrift in die Herzen der Menschen hineingießen möchte.

[ 46 ] Ja, recht weit, weit entfernt vom Goetheanismus, der wahrhaftig nicht im Goethe-Studium besteht und nicht im Verfolgen der Goetheschen Werke allein, weit entfernt vom Goetheanismus ist noch unsere Gegenwart. Furchtbar nötig, auf allen Gebieten des Lebens sich diesem Goetheanismus zu nähern, hat es diese unsere Gegenwart. Es scheint ideologisch und nicht praktisch zu sein, wenn man dieses sagt, aber es ist das Aller-allerpraktischeste in der Gegenwart. Man wird es zu ganz anderem bringen als zu diesem rationalisieren, dem einzigen, zu dem es in der Gegenwart das Bourgeoistum doch noch bringt, wenn man die verschiedenen Zweige des Lebens auf den Boden des Goetheanismus stellt. Und Geisteswissenschaft, die wird schon derjenige finden, der auf dem Boden des Goetheanismus steht. Das ist etwas, was man heute mit flammender Schrift in die Herzen der Menschen hineingießen möchte.

[ 47 ] Es ist dies von mir versucht worden in der verschiedensten Weise seit Jahrzehnten. Aber vieles von dem, was aus dem Herzblut heraus geredet worden ist, um der Zeit zu dienen, ist von der Zeit als erbauliche Sonntagnachmittagspredigt genommen worden. Denn im Grunde genommen haben die Leute, die so gern den Kulturschlaf schlafen, auch nichts anderes gewollt wie Sonntagnachmittagspredigten, nicht wahr? Das wäre der Menschheit so notwendig, daß man das konkret für die Zeit Erforderliche, Notwendige sucht! Und das müßte man vor allen Dingen in seine Einsicht hereinzubringen suchen, denn auf die Einsicht kommt es heute vor allen Dingen an. Es ist doch wiederum trivial, wenn man heute in dieser ungeheueren Verwirrung, die bald noch größer sein wird, frägt: Was soll der einzelne tun? — Vor allen Dingen nötig ist es, sich um Einsicht zu bekümmern, damit die Infallibilität namentlich auf dem Gebiete, das ich gerade heute gemeint habe, in ein richtiges Fahrwasser gebracht wird.

[ 47 ] Es ist dies von mir versucht worden in der verschiedensten Weise seit Jahrzehnten. Aber vieles von dem, was aus dem Herzblut heraus geredet worden ist, um der Zeit zu dienen, ist von der Zeit als erbauliche Sonntagnachmittagspredigt genommen worden. Denn im Grunde genommen haben die Leute, die so gern den Kulturschlaf schlafen, auch nichts anderes gewollt wie Sonntagnachmittagspredigten, nicht wahr? Das wäre der Menschheit so notwendig, daß man das konkret für die Zeit Erforderliche, Notwendige sucht! Und das müßte man vor allen Dingen in seine Einsicht hereinzubringen suchen, denn auf die Einsicht kommt es heute vor allen Dingen an. Es ist doch wiederum trivial, wenn man heute in dieser ungeheueren Verwirrung, die bald noch größer sein wird, frägt: Was soll der einzelne tun? — Vor allen Dingen nötig ist es, sich um Einsicht zu bekümmern, damit die Infallibilität namentlich auf dem Gebiete, das ich gerade heute gemeint habe, in ein richtiges Fahrwasser gebracht wird.

[ 48 ] Und dieses Büchelchen «Goethes Weltanschauung» ist vorzugsweise dazu geschrieben, um zu zeigen, daß es zwei Strömungen in der Gegenwart auf dem Gebiete alles Erkennens gibt: eine in der Dekadenz lebende Strömung, die alle anbeten, und eine, die die fruchtbarsten Keime für die Zukunft enthält, und die alle meiden. Mancherlei schlechte Erfahrungen haben die Menschen gemacht in den letzten Jahrzehnten, gewiß viele durch eigene Schuld. Aber darauf sollten die Menschen kommen, daß sie mit denen, auf die sie am stolzesten sind, ihre Schulmeister, doch im Grunde genommen die schlechtesten Erfahrungen schon gemacht haben und noch viel schlechtere machen werden. Zunächst scheint aber die Menschheit nötig zu haben, erst durch die Erfahrungen durchzugehen, die sie mit dem Weltenschulmeister zu machen hat, denn die Welt hat es dazu gebracht, nun endlich einen Schulmeister als Weltenordner hinzustellen! Zu denjenigen Schwätzern, die überall aus universitärem Zeug heraus die Welt beschwätzt haben, tritt nun auch noch derjenige, der die ganze Welt ordnen soll aus universitärem Geschwätze heraus.

[ 48 ] Und dieses Büchelchen «Goethes Weltanschauung» ist vorzugsweise dazu geschrieben, um zu zeigen, daß es zwei Strömungen in der Gegenwart auf dem Gebiete alles Erkennens gibt: eine in der Dekadenz lebende Strömung, die alle anbeten, und eine, die die fruchtbarsten Keime für die Zukunft enthält, und die alle meiden. Mancherlei schlechte Erfahrungen haben die Menschen gemacht in den letzten Jahrzehnten, gewiß viele durch eigene Schuld. Aber darauf sollten die Menschen kommen, daß sie mit denen, auf die sie am stolzesten sind, ihre Schulmeister, doch im Grunde genommen die schlechtesten Erfahrungen schon gemacht haben und noch viel schlechtere machen werden. Zunächst scheint aber die Menschheit nötig zu haben, erst durch die Erfahrungen durchzugehen, die sie mit dem Weltenschulmeister zu machen hat, denn die Welt hat es dazu gebracht, nun endlich einen Schulmeister als Weltenordner hinzustellen! Zu denjenigen Schwätzern, die überall aus universitärem Zeug heraus die Welt beschwätzt haben, tritt nun auch noch derjenige, der die ganze Welt ordnen soll aus universitärem Geschwätze heraus.

[ 49 ] Nicht um zum Pessimismus, sondern um zu denjenigen Impulsen anzuregen, die den Goetheanismus dem Wilsonismus gegenüberstellen, sind diese Worte gesprochen. Auch nicht aus irgend etwas Nationalem heraus, denn Goethe ist selber wahrhaftig kein nationaler Geist, sondern ein recht sehr internationaler. Die Welt sollte davor behütet werden, sich den Schaden anzutun, an die Stelle des Goetheanismus den Wilsonismus zu setzen.

[ 49 ] Nicht um zum Pessimismus, sondern um zu denjenigen Impulsen anzuregen, die den Goetheanismus dem Wilsonismus gegenüberstellen, sind diese Worte gesprochen. Auch nicht aus irgend etwas Nationalem heraus, denn Goethe ist selber wahrhaftig kein nationaler Geist, sondern ein recht sehr internationaler. Die Welt sollte davor behütet werden, sich den Schaden anzutun, an die Stelle des Goetheanismus den Wilsonismus zu setzen.