Geschichtliche Symptomatologie
GA 185
20 Oktober 1918, Dornach
Dritter Vortrag
[ 1 ] Wir haben einige der symptomatischen Kräfte kennengelernt, welche in der Entwickelung der neuzeitlichen Geschichte spielen. Selbstverständlich nur einige; es würde sehr, sehr weit führen, wenn man alle Kräfte — denn das sind selbstverständlich unendlich viele, sobald man in Einzelheiten geht — besprechen wollte. Aber auch nur die wichtigsten, wenn man sie besprechen wollte, würde zu weit führen. Es scheint ein Wunsch vorhanden zu sein, daß noch besonders berücksichtigt werden sollten spezielle Impulse symptomatischer Art. Das kann ein nächstes Mal geschehen, so daß ich an einem der Tage der nächsten Woche gerne sprechen will über solche Symptome, die sich insbesondere auf die Schweiz beziehen. Da wollen wir also einmal versuchen, ein Tableau Schweizer Geschichte vor unsere Seele zu stellen, um dies auch zu haben.
[ 2 ] Heute aber wollen wir versuchen, wenigstens ein Stück weiterzukommen von den Ausgangspunkten aus, auf die wir unsere Betrachtung erstreckt haben. Ich habe Ihnen gestern zuletzt ein Bild, wenn auch ein sehr dürfliges, davon gegeben, wie eines der bedeutsamsten Symptome neuerer Geschichtsentwickelung, der Sozialismus, sich hineinstellt in die Entwickelung der neueren Zeit. Nun hat für viele Menschen, welche bestrebt sind, wirklicheMotive der Entwickelung kennenzulernen, diese soziale, sagen wir besser, sozialistische Bewegung alles überstrahlt, und sie sind nicht recht dazugekommen, etwas anderes daneben gelten zu lassen. So daß auf den ganz bedeutenden Einfluß von etwas, was sich mehr den Blicken entzieht, die Aufmerksamkeit der neueren Zeit nicht intensiv genug gelenkt worden ist. Auch da, wo man wirklich suchte nach neueren Motiven. Es ist nicht die Aufmerksamkeit verwendet worden auf etwas, was geistiger Art ist. Nicht wahr, diejenigen Persönlichkeiten, welche im Sinne des gestern Besprochenen die neuere Entwickelung mehr verschliefen — namentlich im Laufe des 19. Jahrhunderts und als dieses zu Ende ging, und im 20. Jahrhundert ja erst recht —, die Persönlichkeiten, die den Kreisen angehörten, welche sich wenig bekümmerten um die in der Zeitentwickelung liegenden Impulse, die kommen ja von vornherein wenig in Betracht, wenn man frägt: Was ist den Menschen vor Augen getreten an symptomatischen Impulsen der neueren Entwickelung? — Die Historiker haben, insofern sie den alten Ständen angehörten, sich darauf beschränkt, weiter die Genealogie der Herrscherhäuser, die Geschichte der Kriege, höchstens noch einiges, was sich rund um diese Dinge heranreihen läßt, zu verzeichnen. Man hat wohl auch Kulturgeschichte geschrieben, aber diese Kulturgeschichten, ich möchte sagen, von Buckle bis Ratzel, sie halten sich ziemlich ferne von den wirklich treibenden Kräften. Neben all dem war allerdings im Proletariat außerordentlich viel neueres Bildungsstreben nach derjenigen Richtung hin, die ich gestern charakterisiert habe, ein sich immer weiter und weiter ausbreitendes Bildungsstreben, welches die drei Fragen stellte, von denen ich gestern gesprochen habe. Aber innerhalb dieses Proletariats war kein Wille, in die feineren Zusammenhänge des geschichtlichen Werdens hineinzublicken. Und so ist denn bis jetzt gar nicht stark genug hervorgetreten die geschichtliche, die historische Bedeutung der naturwissenschaftlichen Denkweise als geschichtliches Symptom.
[ 3 ] Man kann natürlich über die naturwissenschaftliche Denkweise in ihrem Inhalte, man kann über sie mit Bezug auf die Umgestaltung des modernen Denkens sprechen. Aber es ist wichtig, daß man auch noch von dem Gesichtspunkte aus spricht, inwiefern diese naturwissenschaftliche Denkweise ein geschichtliches Symptom geworden ist wie die anderen, die ich aufgezählt habe, wie der nationale Impuls, wie das Auftürmen von unlösbaren politischen Problemen und so weiter. Denn in der Tat hat sich seit dem Beginne des Bewußtseinszeitalters die naturwissenschaftliche Denkweise in weitesten Kreisen immer mehr und mehr herausgebildet. Und es ist eben falsch, wenn man glaubt, daß nur diejenigen naturwissenschaftlich denken, welche etwas von Naturwissenschaft wissen. Das ist ganz falsch. Das Umgekehrte ist richtig. Die Leute, die Naturwissenschafter sind, denken so naturwissenschaftlich, wie man heute naturwissenschaftlich denkt, weil die große Masse der zivilisierten Menschheit heute nach dieser Richtung hinneigt, weil man so denkt auch im alleralltäglichsten Handeln, weil so der Bauer denkt, wenn er draußen arbeitet, der Arbeiter in der Fabrik, wenn er seine Arbeit verrichtet, der Finanzmann, wenn er seine Finanzunternehmungen macht. Da überall drinnen ist naturwissenschaftliches Denken, und deshalb hat auch die Naturwissenschaft selbst nach und nach dieses naturwissenschaftliche Denken angenommen. Also man muß eine Sache, die in der Einbildung der Menschen nach dieser Richtung auf dem Kopf gestanden ist, wiederum auf die Beine stellen. Man muß nicht hinsehen auf die Denkweise der Naturwissenschafter oder gar der monistischen Phantasten, sondern man muß heute hinsehen auf die Denkweise des großen Publikums. Denn die Naturwissenschaft bildet keinen hinreichenden Impuls zur Opposition gegen den römischkatholischen Universalimpuls, aber das allgemeine, nach der Natur hin, nach der Naturordnung hin geordnete Denken der zivilisierten Menschheit, das bildet den Oppositionsimpuls. Und diesen Impuls muß man als Symptom in Zusammenhang betrachten mit der ganzen übrigen Entwickelung des neuzeitlichen Menschen.
[ 4 ] Sehen Sie, die Schulgeschichte, die beginnt von ihrem Gesichtspunkte aus, der hauptsächlich ein gedankenloser ist, gewöhnlich die Neuzeit mit der Entdeckung Amerikas, mit der Erfindung des Schießpulvers, mit der Erfindung der Buchdruckerkunst und ähnlichen Dingen. Wer aber sich darauf einläßt, den Gang der neueren Geschichte zu betrachten, der kommt diesen Symptomen gegenüber — Entdeckung Amerikas, Erfindung der Buchdruckerkunst und so weiter — darauf, daß sie eigentlich zwar die Menschen hinausführen in die weite Welt auf die Entdeckungsreisen, daß sie das alte Wissen, welches die Menschheit gehabt hat, ungeheuer populär machen und verbreiten, daß sie aber im Grunde genommen das inhaltliche Bild der europäischen Zivilisation in den nächsten Jahrhunderten nach ihrem Auftreten gar nicht gleich besonders ändern. Man kommt darauf, daß die alten politischen Impulse, welche in den verschiedenen Ländern auch sich regeneriert haben, aber welche doch die alten politischen Impulse in dem Sinne geblieben sind, wie ich das gestern und vorgestern ausgeführt habe, gar nicht in der Lage waren, irgend etwas Erhebliches zum Beispiel mit den Entdekkungsfahrten zu machen. Sie haben höchstens die Möglichkeit gehabt; in diesen Ländern, die entdeckt worden sind, Eroberungen zu machen, so wie man früher in anderen Gegenden Eroberungen gemacht hat, sie haben die Möglichkeit gehabt, das Gold von dort herzuholen und dadurch einige Bereicherung zu erzielen. Sie haben die Möglichkeit gehabt, auf dem Gebiete der Buchdruckerkunst nach und nach immer mehr und mehr die Zensurverhältnisse anzuspannen. Aber irgend etwas, was man nennen kann einen durchgreifenden Impuls, haben die alten politischen Kräfte nicht herausziehen können aus dem, womit man gewöhnlich die neuere Geschichte beginnen läßt. Erst aus der Verbindung der naturwissenschaftlichen Denkweise — als diese naturwissenschaftliche Denkweise zu einigen Ergebnissen geführt hatte — mit dem, was als Erfindungen und Entdeckungen da aufgetreten ist, ohne daß die neuere Naturwissenschaft schon drinnen war, ist das gekommen, was nach dieser Richtung hin ein wirklich bedeutsamer, wichtiger Impuls der neueren Zeit ist. Man kann sich nämlich nicht denken, daß die Kolonisationsbestrebungen, insoferne sie von den verschiedensten Ländern in der neueren Zeit ausgegangen sind, ohne die modernen naturwissenschaftlichen Errungenschaften sich vollzogen hätten; und nur was Naturwissenschaft in Technik umgesetzt schaffen konnte, das führte zu den modernen Kolonisationsbestrebungen. Nur naturwissenschaftliche Ergebnisse konnten die Erde so erobern, wie sie erobert werden mußte im Verlauf der modernen Kolonisationsbestrebungen. Und daher sehen wir diese Kolonisationsbestrebungen im Grunde genommen erst im 18. Jahrhundert richtig einsetzen, als die Naturwissenschaft anfing, sich umzusetzen in technische Ergebnisse.
[ 5 ] Damit beginnt aber auch das Maschinenzeitalter. Das Maschinenzeitalter beginnt, als die Naturwissenschaft sich umsetzt in technische Ergebnisse. Und damit beginnt ein neues Zeitalter des Kolonisierens, das allmählich seine Kräfte über die ganze Erde ausspannt. Damit beginnt ein außerordentlich wichtiger Impuls der neuzeitlichen Entwickelung in der Bewußtseinsseele. Denn derjenige, der die Verhältnisse, die hier in Betracht kommen, durchschaut, der weiß, daß gerade jene Impulse, die im Kolonisieren liegen, in dem Kolonisieren, das die ganze Erde umspannt, daß jene Bewegungen und Bestrebungen gerade dem Zeitalter der Bewußtseinsseele angehören. Und dieses Zeitalter der Bewußtseinsseele, von dem Sie ja wissen, daß es im vierten Jahrtausend sein Ende finden und in das Zeitalter des Geistselbstes eingehen wird, wird über die ganze Erde hin eine andere Konfiguration der Menschheit bringen. Diese Konfiguration wird hervorgehen aus den Kolonisationsbestrebungen. Nicht wahr, das Bewußtseinsseelenzeitalter hat gefunden sogenannte zivilisierte, höchst zivilisierte und ganz wilde Menschen — so wild, daß sich in ihre Wildheit der Rousseau verliebt hat und eine ganze Theorie von dem Ideal des wilden Menschen aufgestellt hat. Diese ganze Differenzierung der Menschen wird aufhören im Verlaufe des Zeitalters der Bewußtseinsseele. Wie sie aufhören wird, auf die Einzelheiten, darauf können wir natürlich heute nicht eingehen. Aber es gehört zu den Impulsen der Bewußtseinsseele, diese Differenzierung, die althergebracht ist, im wesentlichen aufzuheben.
[ 6 ] Dann, wenn man das weiß, stellen sich in die neuzeitlichen Bestrebungen solche Kriege wie der zwischen den Nord- und Südstaaten Amerikas und so weiter erst in den rechten Zusammenhang hinein, und dann erst, wenn man die Dinge so ansieht, wenn man die Wichtigkeit der Kolonisationsbestrebungen für den Bewußtseinszeitraum ins Auge faßt, gewinnt man einen Einblick in die ganze Bedeutung von einzelnen Symptomen, die auf diesem Gebiete auftreten. Und diese Bestrebungen, die sind undenkbar, ohne daß die Menschheit naturwissenschaftlich denkt.
[ 7 ] Nun, naturwissenschaftlich denken, da liegt gerade dasjenige, was man so recht ins Auge fassen muß, wenn man gewissermaßen vom Gesichtspunkte des fünften nachatlantischen Zeitraums, des Bewußtseinsseelenzeitalters, einbrechen will in die wahre Wirklichkeit der menschlichen Entwickelung. Diese neuere naturwissenschaftliche Denkweise hat das Eigentümliche — ich habe es jetzt hinlänglich hier charakterisiert —, daß sie nur das Tote, das Gespenstische fassen kann von der Wirklichkeit, daß sie überall auf das Tote geht. Seien wir uns ganz klar über diese wichtige Tatsache. Die neuere naturwissenschaftliche Denkweise strebt von der Beobachtung zum Experiment. Auf allen Gebieten wird von der Beobachtung zum Experiment gestrebt. Es ist ein wichtiger Unterschied zwischen der Naturbeobachtung und jener Erkenntnis, die durch das Experiment erwiesen wird. Die Naturbeobachtung war, so oder so nuanciert, allen Zeiten eigen. Aber wenn der Mensch die Natur beobachtet, da ist er mit der Natur verbunden, da lebt er sich in die Natur ein, er lebt das Leben der Natur mit. Da tritt das Eigentümliche ein, daß ihn sein Zusammenleben mit der Natur in einer gewissen Weise betäubt. Man kann nicht mit der Natur leben und zu gleicher Zeit im neueren Sinne der Bewußtseinsseele erkennen. Man kann nicht beides, geradesowenig, wie man zugleich wachen und schlafen kann. Will man mit der Natur zusammenleben, so muß man sich von der Natur in einem gewissen Sinne betäuben lassen. Daher kann auch die Naturbeobachtung nicht eindringen in die Geheimnisse der Natur, denn indem der Mensch die Natur beobachtet, wird er ein bißchen eingeschläfert, wird er betäubt. Dadurch fällt aus seiner Erkenntnis das Geheimnis der Natur heraus. Er muß aufwachen auf dem Gebiete des Übersinnlichen, wenn er in die Geheimnisse der Natur eindringen will.
[ 8 ] Aber wenn man betäubt ist, kann man nicht zur Bewußtseinsseele kommen. Daher strebt die neuere Naturbetrachtung ganz instinktiv danach, die Beobachtung allmählich zu überwinden und durch das Experiment alles zu gewinnen. Man sucht ja auch auf dem Gebiete der Biologie, auf dem Gebiete der Anthropologie zu experimentieren. Aber wenn man experimentiert, ist die Hauptsache dabei, daß man das Experiment zusammenstellt, daß man die Ordnung bestimmt, in welcher man beobachtet. Wie die Dinge selbst angeordnet sind, wenn man zum Beispiel Embryologie experimentell treibt, das ist nicht durch die Natur bestimmt, sondern das ist durch den menschlichen Intellekt, durch den menschlichen Verstand bestimmt, das ist durch das bestimmt, von dem ich Ihnen gesagt habe, daß es sich von der Natur entfernt, um gerade in dem Menschen innerlich zu sein. Wir ertöten die Natur, um sie erkennen zu lernen im Experiment. Aber nur das, was wir durch das Experiment gewinnen, können wir technisch anwenden. Naturerkenntnis wird erst reif zur technischen Anwendung, wenn sie auf dem Umwege durch das Experiment sich reif dazu macht. Was vorher Einführung der Naturerkenntnis ist in das soziale Leben, ist noch nicht Technik. Es wäre sogar barbarisch, von Technik zu sprechen, wenn man es nicht zu tun hat mit der reinen Umsetzung eines Experimentes in die soziale Ordnung oder in diejenigen Dinge, die im Dienste der sozialen Ordnung stehen.
[ 9 ] Dann aber schafft die moderne Menschheit in die soziale Ordnung hinein Ergebnisse der Experimentierkunde als Technik: Totes. Und das ist das Wesentliche: Totes schaffen wir hinein in die Kolonisationsbestrebungen, Totes schaffen wir hinein, wenn wir für die Industrie unsere Maschinen bauen. Aber nicht nur dann, sondern wenn wir unsere Arbeiter in einer gewissen sozialen Ordnung zu diesen Maschinen hinzubringen. Totes schaffen wir hinein in unsere neuere geschichtliche Ordnung, indem wir unsere Finanzwirtschaft über kleinere oder größere Territorien ausbilden. Totes schaffen wir hinein, wenn wir eine soziale Ordnung überhaupt nach dem Muster der modernen Naturwissenschaft aufbauen wollen, wie es instinktiv die moderne Menschheit getan hat. Totes schaffen wir überall hinein in das menschliche Zusammenleben, wenn wir Naturwissenschaft hineinschaffen in dieses menschliche Zusammenleben, Totes, sich selbst Ertötendes.
[ 10 ] Das ist eines der wichtigsten Symptome. Wir können sehr aufrichtige und ehrliche Deklamationen anstellen — ich meine jetzt nicht bloß rhetorische Deklamationen, sondern eben ehrlich gemeinte Deklamationen — über die großen Errungenschaften der neueren Zeit, über all dasjenige, was Naturwissenschaft ausgebildet hat, was sie der Technik einverleibt und dann dem sozialen Leben einverleibt hat. Aber wir sagen nur eine halbe Wahrheit, wenn wir von diesen Errungenschaften sprechen, denn alle diese Errungenschaften haben das Wesentliche in sich, daß sie ein unbedingt Totes, das durch sich selber nicht entwickelungsfähig ist, in das moderne Leben hineinstellen. Das Größte, was seit Jahrhunderten, seit dem 15. Jahrhundert hineingestellt worden ist in die Entwickelung der modernen zivilisierten Menschheit, ist ein solches, das, wenn es sich selbst überlassen wird, sich selber zum Tode führt. Und das mußte sein. Denn man kann die Frage aufwerfen: Wenn moderne Technik Keim des Todes nur ist, wie sie es auch ist und sein muß, warum trat diese moderne Technik in Erscheinung? — Wahrhaftig nicht trat die moderne Technik in Erscheinung im Laufe der Zeit, weil den Menschen das Schauspiel der Maschine und der Industrie gegeben werden sollte, sondern die moderne Technik trat in Erscheinung aus einem ganz anderen Grunde. Sie trat in Erscheinung gerade wegen ihres zum Tode führenden Charakters, weil nur dann, wenn der Mensch hineingestellt ist in eine tote, mechanische Kultur, er durch den Gegenschlag die Bewußtseinsseele entwickeln kann. Solange der Mensch hineingestellt war in ein Zusammenleben mit der Natur, ohne daß die Maschinen hineingestellt waren, solange wurde er geneigt gemacht zu einer gewissen suggestiven Behandlung, weil er bis zu einem gewissen Grade betäubt wurde. Man konnte nicht ganz auf sich selbst sich stellen, als man noch nicht in den Tod hineingestellt war. Auf sich selbst gestelltes Bewußtsein und Todbringendes ist innig miteinander verwandt. Das habe ich in den verschiedensten Formen schon versucht, den Menschen klarzumachen. Ich habe versucht, den Menschen klarzumachen: Wenn sie vorstellen und erkennen, so ist das nicht gebunden an die sprießenden, sprossenden Kräfte des Menschen, sondern gerade an den Abbau des Organismus. Ich habe versucht, den Menschen klarzumachen, daß es Rückbildung des Organismus ist, daß es die Abbau- und Sterbeprozesse sind, die uns befähigen, im selbstbewußten Sinne zu denken. Könnten wir nicht Gehirnhunger entwickeln, das heißt Abbauprozesse, Zersetzungsprozesse, Zerstörungsprozesse in uns, wir könnten keine gescheiten Menschen sein, sondern könnten nur hintaumelnde Menschen sein, schlafende, träumende Menschen. Gescheite Menschen sind wir durch die Abbauprozesse in unserem Gehirn. Und das Zeitalter der Bewußtseinsseele mußte dem Menschen die Gelegenheit geben, den Abbau in seiner Umgebung zu haben. Nicht dadurch wurde das moderne, selbstbewußte Denken groß, daß blühende Lebensprozesse hereingestellt wurden, sondern dadurch wurde gerade das Innerste im Menschen, das selbstbewußte Denken groß, daß Todesprozesse in der modernen Technik, in der modernen Industrie, im modernen finanziellen Zusammenhang in dieses Leben hereingestellt wurden. Denn das forderte dieses Leben in der Bewußstseinsseele.
[ 11 ] Das zeigt sich auch auf anderen Gebieten. Nehmen Sie die Impulse selbst, die wir ins Auge gefaßt haben. Fangen wir einmal an bei England, wo wir gesehen haben, wie der Parlamentarismus sich bildet durch die Jahrhunderte als eine gewisse Nuance, wie die auf sich selbst gestellte Persönlichkeit sich realisieren will. Nicht wahr, die Persönlichkeit will sich emanzipieren, sie will sich auf sich selbst stellen. Das heißt aber, indem sie zu gleicher Zeit soziale Persönlichkeit sein will, will sie sich geltend machen als Persönlichkeit. Der Parlamentarismus ist nur ein Weg, sich geltend zu machen als Persönlichkeit. Aber indem derjenige, der teilnimmt am Parlamentarismus, sich geltend macht, vernichtet er seine Persönlichkeit in dem Augenblicke, wo aus seinem Wollen die Abstimmung wird. Die Persönlichkeit hört auf in dem Augenblicke, wo aus dem Wollen die Abstimmung wird. Und richtig studiert bedeutet das Heranreifen des Parlamentarismus in der englischen Geschichte in den Jahrhunderten, seit dem Bürgerkriege im 15. Jahrhundert, nichts anderes als dieses. Wir erblicken beim Ausgangspunkt dieses parlamentarischen Lebens, dieses nach dem Parlamentarismus hintendierenden Lebens Stände, verschiedenste Stände. Diese Stände wollen sich nicht als Stände bloß geltend machen, sondern als Votum; sie wollen reden, indem sie sich geltend machen als Stände. Nun, reden konnten sie. Aber die Leute sind nicht zufrieden mit dem Reden und Sich-Verständigen, sondern sie wollen dann abstimmen. Indem man abstimmt, indem man die Rede ausfließen läßt in die Abstimmung, ertötet man dasjenige, was in der Seele lebt, auch noch so lange man redet. Und so redet sich jede Parlamentarisierung hinein in das absolute Menschheitsnivellement. Sie geht hervor aus der Geltendmachung der Persönlichkeit und endet mit der Auslöschung der Persönlichkeit. Es gibt keine andere Möglichkeit auf diesem Gebiete, als daß die Tendenz hervorsprießt aus der Geltendmachung der Persönlichkeit und endet mit der Auslöschung der Persönlichkeit. Es ist ein vollständiger Kreislaufprozeß, wie das Menschenleben selbst. Es beginnt mit der Geburt und endet mit dem Tode. Nur ist beim Menschen das auf zwei Zeitpunkte verteilt; im historischen Leben greift das eine unmittelbar in das andere ein, ist Geburt und Tod miteinander vermischt. Das ist es, was man ins Auge fassen muß.
[ 12 ] Fassen Sie ja das, was ich gesagt habe, nicht etwa auf wie eine Kritik des Parlamentarismus. Denn wenn Sie es auffassen würden wie eine Kritik des Parlamentarismus, dann würden Sie mir insinuieren, daß ich sagte: Der Mensch wird geboren — das ist ein Unsinn, denn er stirbt wieder, also, da er wieder stirbt, so sollte er nicht geboren werden. Man sollte der Welt diese Torheit nicht zumuten, daß sie den Menschen geboren werden läßt, wenn sie den Menschen wieder sterben läßt. — Ich bitte, insinuieren Sie mir nicht, daß ich sage: Der Parlamentarismus ist ein Unsinn, weil die Persönlichkeit ihn gebiert und ihn, aus deren Impuls er hervorgeht, selbst wieder vernichtet. — Ich stelle den Parlamentarismus ja nur aus der Rhetorik ins unmittelbare Leben hinein. Ich stelle ihn hinein in dasjenige, was allem Leben eigen ist: in Geburt und Tod, und zeige ihn daher gerade als etwas der Wirklichkeit Angehöriges, zeige Ihnen damit aber auch das Charakteristikon aller äußeren Erscheinungen solcher Art im Zeitalter der Bewußtseinsseele, denn sie alle stehen in diesem Zeichen von Geburt und Tod, das ich eben jetzt angeführt habe.
[ 13 ] Nun, unendlich oft ist es ausgesprochen worden in kleinen Kreisen der okkulten Logen der englischsprechenden Welt, wenn man unter sich war: Klären wir die Welt ja nicht auf über das Geheimnis von Geburt und Tod! Denn wenn wir sie aufklären über das Geheimnis von Geburt und Tod, klären wir sie über das jetzige Zeitalter auf. Wir überliefern ihnen ein Wissen, das wir nicht aus der Hand geben wollen. — Daher wurde es als erste Regel geltend gemacht, ja nicht zu sprechen im äußeren Leben über das Geheimnis von Geburt und Tod, daß das in allem, und zwar zunächst in den historischen Erscheinungen, drinnensteckt. Denn dadurch wird dem modernen Leben der tragische Stempel aufgedrückt und dieses moderne Leben nach und nach zu etwas gezwungen, zu dem es sich gar nicht leicht zwingen lassen will. Es wird dieses moderne Leben gezwungen, von dem Ergebnis der Arbeit die Blicke hinwegzulenken und zur Arbeit selbst hinzuschauen. Man muß Freude haben am Arbeiten, indem man sich sagt: Was man in diesem Zeitalter an Äußerem erarbeiten kann, das erarbeitet man für den Tod und nicht für das Geborenwerden. — Und will man nicht für den Tod arbeiten, so kann man nicht im modernen Sinne arbeiten, denn man muß im modernen Zeitalter maschinenmäßig arbeiten. Und wer das nicht will, will einfach zurückführen in frühere Zeitalter.
[ 14 ] Sie können dann die französische Geschichte studieren, wie versucht wird, die Emanzipation der Persönlichkeit nach innen zu treiben. Es führt zu jener furchtbaren Aufhebung der Persönlichkeit, die die Schlußepisode der Revolution und das Aufkommen des Napoleonismus zeigt. Und betrachten Sie die Sache gar in Italien. Woraus schöpfte das neuere Italien jene impulsive Kraft, mit der dort das nationale Element bis zum sogenannten «sacro egoismo», bis zum heiligen Egoismus sich geltend machte, woraus schöpfte dieses neue Italien diese Kraft? Die Dinge, die den Erscheinungen der Welt zugrunde liegen, muß man oft in Tiefen suchen. Gehen Sie zurück bis zu jenem wichtigen Zeitpunkt, der vor dem Aufkommen des Bewußtseinszeitalters liegt: Diese Kraft ist in allen ihren Seiten geschöpft aus dem, was das römische Papsttum dem italienischen Wesen eingepflanzt hat. Dieses römische Papsttum hat sich für Italien gerade dadurch in seiner Bedeutung gezeigt, daß es sein Wesen in die italienische Seele hineingeträufelt hat; und daraus ist entsprungen, wie es oftmals dem Zauberlehrling so geht, dasjenige, was nicht gewollt worden ist: die Abkehr von dem Papsttum selber mit aller Intensität im modernen Italien. Da sehen Sie am besten zusammenstoßen dasjenige, was angestrebt wird und was sich zu gleicher Zeit selber aufhebt. Nicht die Gedanken, wohl aber die Empfindungskräfte und die Begeisterungskräfte, auch diejenigen, die in Garibaldi gesteckt haben, sie sind die Reste der alten katholischen Begeisterung; aber indem sie sich umgekehrt haben, haben sie sich gegen den Katholizismus gewendet.
[ 15 ] Die Menschen werden ihr eigenes heutiges Zeitalter nur verstehen, wenn sie diese Dinge im rechten Zusammenhange fassen. Ich habe Ihnen gesagt: In Europa tragen sich jene verschiedenen symptomatischen Ereignisse zu, die ich vor Ihre Seele hingestellt habe. Wie im Hintergrunde ist im Osten das russische Gebilde, zusammengeschweißt aus den Resten byzantinisch-religiöser Struktur, aus normannischslawischem Blutimpuls, aus dem Asiatismus, wie er sich in der verschiedensten Weise über den Osten von Europa ergossen hat. Das alles aber ist unproduktiv, diese Dreiheit ist ja nichts, was aus der russischen Seele selbst hervorgeht. Diese Dreiheit ist auch dasjenige, was nicht bezeichnend ist für das, was in der russischen Seele lebt. — Welches ist der größte, der allergrößte denkbare Gegensatz zu der Emanzipation der Persönlichkeit? Das byzantinische Element. Es gibt eine große Persönlichkeit in der neueren Zeit, die unterschätzt wird, es ist Pobjedonoszew, der ein bedeutender Mensch war, aber ein Mensch, welcher ganz das byzantinische Element in sich trug. Er war ein Mensch, der das Gegenteil von dem nur wollen konnte, was das Zeitalter des Bewußtseins will und auf naturgemäße Weise aus dem Menschen hervorbringt. Man könnte sich denken, daß selbst noch intensiver das byzantinische Element in der russischen Orthodoxie sich weiter ausgebreitet hätte, daß dieser Tod alles Individuell-Persönlichen noch viel intensiver gewirtschaftet hätte, es würde doch nichts anderes hervorgegangen sein als der stärkste Drang nach Emanzipation der Persönlichkeit. Sie können die neuere russische Geschichte durchlesen: Wenn Sie nicht das in dieser neueren russischen Geschichte lesen, was sich abspielt so, daß dessen Verzeichnung immer verboten worden ist, dann haben Sie nicht dasjenige, was eigentlich russische Geschichte ist, das heißt das wirklich bewegende Element. Wenn Sie aber dasjenige in der russischen Geschichte lesen, was die herrschenden Mächte bisher erlaubt haben als Geschichte zu verzeichnen, dann haben Sie alles dasjenige, was als todbringendes Element über das russische Leben sich ausbreitet. Da tritt es am allercharakteristischesten hervor, weil im russischen Leben am meisten Zukunft liegt. Weil geradezu die Keime zur Entwickelung des Geistselbstes im russischen Leben liegen, deshalb ist dasjenige, was äußerlich aufgetreten ist im Zeitalter der Bewußtseinsseele bis jetzt, lauter Todbringendes, lauter Verwesungsduftendes, aber etwas, was da sein mußte, gerade weil dasjenige, was sich herausbilden will als Geistleben, den Untergrund des Todes braucht.
[ 16 ] Das muß man einsehen für die Entwickelurig des Zeitalters der Bewußtseinsseele, sonst wird man niemals eindringen in die wirklichen Bedürfnisse der Gegenwart. Man wird auch kein Bild sich machen können von dem, was so zerstörerisch heraufgezogen ist über die Menschheit, wenn man nicht wissen wird, daß in diesen vier letzten Jahren sich nur wie in einem großen Resumé zusammenfaßt dasjenige, was verbreitet war über das menschliche Leben als Tod seit dem Beginne des Bewußtseinszeitalters.
[ 17 ] Es ist charakteristisch, daß gerade die Todnatur der naturwissenschaftlichen Denkungsweise in einer merkwürdigen Weise gewirkt hat für eine der prophetischesten Persönlichkeiten der neueren Zeit, Ganz denkwürdig wird das folgende kleine symptomatische Ereignis immer dastehen in der neueren Geschichtsentwickelung: 1830, in Weimar, kommt Soret zu Goethe. Goethe empfängt ihn mit einer gewissen Aufregung, ich meine Aufregung in der Façon des Benehmens, nicht etwa in leidenschaftlicher Aufregung. Er sagt: Nun ist sie endlich hereingebrochen, die Bewegung, alles steht in Flammen! — Und einige andere Sätze sagte Goethe noch, so daß Soret glaubte, Goethe rede von der 1830 in Paris ausgebrochenen Revolution und antwortete auch in diesem Sinne. Aber Goethe redete gar nicht von dieser Revolution. Er sagte: Ach, das meine ich gar nicht, das ist für mich nicht so besonders wichtig. Dagegen wichtig ist, was in der Akademie in Paris verhandelt wird zwischen Cuvier und Geoffroy de Saint-Hilaire. — Da ist Cuvier, der Vertreter der alten Naturanschauung, derjenigen Naturanschauung, die nur dieLebewesen nebeneinanderstellt, eben derjenigen Naturanschauung, die vor allem in die Technik hineingeht, müssen wir sagen, und Geoffroy de Saint-Hilaire, derjenige, der Leben hineinbringt in diesen ganzen Verlauf des Lebens selbst. In Geoffroy de Saint-Hilaire sah Goethe den Anführer eines naturwissenschaftlichen Denkens der neueren Zeit, das nicht mehr in dem Sinne der bloßen Kopernikus, Kepler, Galilei naturwissenschaftlich sein will. Der Vertreter dieses Zeitalters ist Cuvier; dagegen ist Geoffroy de Saint-Hilaire der Vertreter desjenigen naturwissenschaftlichen Anschauens, das die Beweglichkeit des Lebens selbst hineinträgt in die Naturanschauung. Darum sah Goethe den Aufgang eines ganz neuen Zeitalters, indem sich Geoffroy de Saint-Hilaire in seinen Gedanken ein naturwissenschaftliches Denken zurechtlegte, welches übergehen muß, wenn es sich wirklich entwickelt, in übersinnliche Aufklärung über die Natur, welches gar nicht anders kann, als endlich in übersinnliche Erkenntnisse, in hellseherische Erkenntnisse überzugehen. Darin sah Goethe die Revolution von 1830, nicht in dem, was politisch in Paris vorgeht. Darin bewies Goethe sich als einer der intensivsten prophetischen Geister seiner Zeit. Er bewies, daß er fühlte und empfand, um was es sich in dieser neueren Zeit handelt.
[ 18 ] Man muß in dieser neueren Zeit Mut haben, wirklich hineinzuschauen in die Verhältnisse. Diesen Mut brauchten alte Zeitalter noch nicht. In die Verhältnisse des Geschehens muß man den Mut haben hineinzuschauen, denn es wird wichtig, daß die Bewußtseinsseele entwickelt werden kann. Ja, in früheren Zeitaltern war die Entwickelung dieser Bewußtseinsseele noch nicht wichtig. Dadurch, daß die Bewußtseinsseele gerade das Bedeutungsvolle in diesem Zeitalter wird, dadurch muß alles im Wachen vor sich gehen, was der Mensch für das soziale Leben entwickelt; dadurch kann er nicht die alten Instinkte in das soziale Leben hereintragen. Und er kann nicht allein hereintragen in das soziale Leben das, was Ergebnis der Naturwissenschaft ist, denn das ist das Tote und kann das Leben nicht beleben, kann das Leben nur mit toten Produkten durchsetzen und in solche zerstörenden Dinge hineinführen, wie sie die letzten vier Jahre gebracht haben. Denn in diesem Zeitalter wird folgendes wichtig.
[ 19 ] Nicht wahr, die Menschen müssen auch schlafen. Wenn sie wachen, haben sie ihren gewöhnlichen freien Willen — nun, den können sie zu noch allerlei, das ihnen auf ahrimanisch-luziferischem Wege zukommt, verwenden, um Richtkräfte zu entwickeln. Aber wenn sie einschlafen, dann hört dieser freie, sogenannte freie Wille auf; dann denken die Menschen, ohne daß sie es wissen. Aber es ist nicht minder wirksam. Dann denken die Menschen durchaus auch. Man hört nicht auf zu denken, indem man einschläft; man denkt, bis man aufwacht. Man vergißt dies nur in dem Moment, wo man aufwacht. Daher weiß man nicht, welche Gewalt diejenigen Gedanken haben, die in die menschliche Seele hineinspielen vom Einschlafen bis zum Aufwachen. Aber bedenken wir, daß für das Zeitalter der Bewußtseinsseele die Götter verlassen haben die menschliche Seele während des Schlafens. In früheren Zeitaltern haben die Götter vom Einschlafen bis zum Aufwachen hineingeträufelt in die Seele das, was sie wollten. Der Mensch wäre nicht frei geworden, wenn sie es weiter hineinträufelten. Dadurch aber ist der Mensch zugänglich allen möglichen anderen Einflüssen vom Einschlafen bis zum Aufwachen. Ja, wir können zur Not wachen und zur Not leben, aber wir können nicht schlafen und sterben mit der Naturwissenschaft und mit dem, was aus der Naturwissenschaft folgt. Denn naturwissenschaftlich denken kann man nur vom Aufwachen bis zum Einschlafen. In dem Augenblicke, wo Sie einschlafen, wo Sie im Schlafe sind, hat das naturwissenschaftliche Denken ungefähr so viel Sinn, wie wenn Sie in einem Lande, wo kein Mensch Französisch versteht, überall Französisch sprechen würden. Da hat nur die Sprache Bedeutung, die man durch die übersinnliche Erkenntnis sich aneignet, die aus dem Übersinnlichen kommt. Die übersinnliche Erkenntnis muß an die Stelle desjenigen treten, was die Götter früher in die Instinkte hineinverpflanzt haben. Das ist der Sinn des Bewußtseinszeitalters, daß der Mensch aufsteigen muß zu übersinnlichen Impulsen und durchdringen muß zur Erkenntnis. Wenn man glaubt, alles das, was das Zeitalter hervorgebracht hat und noch hervorbringt ohne übersinnliche Impulse, sei etwas Lebendiges und nicht etwas Todbringendes, gibt man sich der gleichen Illusion hin, wie wenn man glauben würde, ein Weib der modernen Zeit könnte gebären ohne zu empfangen. Ein Weib der modernen Zeit bleibt unfruchtbar und stirbt ohne Nachkommenschaft, wenn sie nicht empfängt. Die moderne Kultur, wie sie sich im Zeitalter der Naturwissenschaft seit dem Beginne des 15. Jahrhunderts entwickelt hat gerade in den größten modernen Errungenschaften, bleibt steril und unfruchtbar, wenn sie nicht befruchtet wird von jetzt ab durch Impulse aus der übersinnlichen Welt. Tod muß werden alles dasjenige, was nicht befruchtet wird von der übersinnlichen Welt. Führen Sie ein in diesem Zeitalter der Bewußtseinsseele Demokratie, Parlamentarismus, Technik, modernes Finanzwesen, modernes Industriewesen, führen Sie ein das nationale Prinzip über die ganze Welt, führen Sie ein all diejenigen Gesichtspunkte, die die Menschen jetzt zugrunde legen dem, was sie Neuordnung der Welt nennen und mit dem sie reden wie Trunkene, die nicht wissen, wovon sie reden — Sie fördern dann den Tod, wenn Sie nicht all das befruchten wollen durch die Impulse der übersinnlichen Welt. Dann allein hat dasjenige, was wir schaffen müssen, das Todbringende auf allen Gebieten, einen Wert, wenn wir es zu befruchten wissen durch die Errungenschaften des Übersinnlichen. Es bringt nur Tod über die Menschheit, wenn wir es nicht zu befruchten wissen durch die Impulse des Übersinnlichen.
[ 20 ] Fassen wir das nur im vollen Ernste auf, erheben wir uns, gerade aus einer symptomatologischen Geschichtsbetrachtung der neueren Zeit, zu dem Gedanken: Da stellen sich herein in die menschliche Entwickelung seit dem 15. Jahrhundert diejenigen Dinge, welche die Menschheit verzeichnet als die größte Errungenschaft: die moderne Naturwissenschaft, die moderne Soziologie, das moderne technische Leben, das moderne industrielle Leben, das moderne finanzielle Leben. Die stellen sich herein. Sie sind todbringend, wenn sie nicht befruchter werden durch Übersinnliches. Sie sind allein befähigt, die Menschheit weiterzubringen dahin, wohin sie gehen muß, wenn sie befruchtet werden durch Impulse des Übersinnlichen. Dann sind sie gut. Sie sind nicht an sich gut. Nichts ist an sich gut von dem, was die moderne Menschheit heute in einem gewissen Übermut und Hochmut als ihre größten Errungenschaften hinstellt. Erst dann wird es gut, wenn es durchgeistigt wird.
[ 21 ] Das ist nicht eine Lehre, welche in willkürlicher Weise vor Sie hingestellt wird, das ist eine Lehre, die dann, wenn man die moderne Geschichtsentwickelung symptomatologisch betrachtet, sich aus dieser modernen Geschichtsentwickelung selber ergibt. Und die Zeit ist da, wo wir das Bewußtsein entwickeln müssen. Aber wir müssen auch wissen, was wir diesem Bewußtsein zumuten dürfen. In dem Augenblicke, wo wir auch nur innerlich unbewußt Dogmatiker sein wollen, können wir das Bewußtsein nicht mehr entwickeln. Daher muß ich immer wiederum, wie ich es erst vor kurzem vor Ihre Seele hingestellt habe, erinnern an solche Dinge wie das Folgende: Ich habe einmal in einer Stadt Vorträge gehalten über Bibel und Weisheit. Da waren auch zwei katholische Geistliche drinnen — die meisten von Ihnen wissen das kleine Faktum schon —, die kamen, da ich nichts Sonderliches gesagt habe, was anfechtbar war für einen katholischen Geistlichen, und da es nicht gerade Jesuiten waren, die sorgfältig alles studieren und die Aufgabe haben, in alles ihre Nase hineinzustecken, sondern katholische Durchschnittspfarrer, die kamen heran: Ja, wir haben das Purgatorium. Sie sprechen auch von einer solchen Prüfungszeit nach dem Tode. Wir haben das Paradies. Sie sprechen von dem Geist-Erleben, und man kann eigentlich gegen die Sache inhaltlich nicht viel haben. Sie würden schon genügend dagegen haben, wenn sie weiter eingedrungen wären, aber in einem Vortrage fanden sie das natürlich nicht! — Dann sagten sie weiter: Wissen Sie, der Unterschied ist der: Wie Sie reden, so reden Sie nur zu einer gewissen Schicht der Bevölkerung, welche die Vorbedingungen sich dazu geschaffen hat, eine gewisse Bildung sich angeeignet hat, gewisse Vorstellungen sich angeeignet hat, und wir sprechen zu allen Menschen. Daher finden wir eben die Worte für alle Menschen, und das ist daher das Richtige, für alle Menschen zu sprechen. — Darauf sagte ich zu ihnen: «Hochwürden» — selbstverständlich, einen katholischen Geistlichen spricht man mit Hochwürden an, ich bin immer für Beibehaltung der äußeren Titulatur — «Hochwürden, sehen Sie, darauf kommt es nicht an, was Sie jetzt sagen. Ich will gar nicht daran zweifeln, daß Sie glauben, Sie sprechen für alle Menschen, daß Sie meinen, Ihr Reden so einrichten zu können, als ob Sie für alle Menschen sprechen. Aber das ist eine subjektive Meinung, nicht wahr, sie ist dasjenige, was man in der Regel hat, um überhaupt sein Reden vor sich selber zu rechtfertigen. Aber es kommt nicht darauf an, ob wir diesen Glauben haben oder nicht haben, daß wir für alle Menschen sprechen, sondern auf die Tatsachen, auf die Wirklichkeit kommt es an. Und da frage ich Sie jetzt nicht theoretisch-logisch: Welches sind die Gründe, warum ich nicht für alle Leute reden sollte, während Sie für alle Leute reden — da würden wir natürlich unendlich viel finden, was für Sie sprechen würde. Aber ich frage Sie nach den Tatsachen: Gehen alle Leute heute noch zu Ihnen in die Kirche herein, für die Sie glauben, zu ihnen sprechen zu können? Sehen Sie, das ist die Tatsache.» Da konnten sie natürlich nicht sagen, daß alle Leute heute noch zu ihnen in die Kirche gehen! «Sehen Sie», sagte ich ihnen, «und ich rechne mit den Tatsachen, ich rede für diejenigen, die heraus bleiben, die aber auch ein Recht haben, zu dem Christus geführt zu werden, Für die rede ich. Ich sehe, daß da Menschen sind, die die Sache so und so hören wollen. Das ist eine Tatsache, und auf die Tatsache kommt es an, auf die subjektiven Meinungen kommt es gar nicht an.»
[ 22 ] Das ist vor allen Dingen gesund, daß man lernt, von der Wirklichkeit sich die Ansicht zu bilden, nicht aus seinem Subjektiven heraus, denn nichts ist gefährlicher, als gerade im Zeitalter der Bewußtseinsseele sich Subjektivitäten hinzugeben, mit Vorliebe hinzugeben. Damit wir die Bewußtseinsseele entwickeln, dürfen wir nicht im Unbewußten Dogmatiker werden, sondern wir müssen alles das, was wir zu Triebfedern unseres Handelns und Denkens machen, uns von der Tatsachenwelt diktieren lassen. Darauf kommt es gerade an. Und darin besteht ein wesentlicher Kampf in der neueren Zeit unter der Oberfläche des geschichtlichen Werdens, ein wesentlicher Kampf zwischen dem Annehmen dessen, was man für richtig hält, und dem Diktat der Tatsachen. Und bei der Geschichtsbetrachtung wird das ganz besonders wichtig. Denn man wird niemals die Geschichte richtig betrachten, wenn man sie nicht zu gleicher Zeit als die große wirkliche Lehrmeisterin kennenlernt. Dann darf man aber nicht die Tatsachen, so wie man sie will, hineintragen in die Geschichte, sondern dann muß man wirklich die Geschichte sprechen lassen können. In den letzten vier Jahren wurde über die ganze Welt hin gerade mit Bezug auf dieses Sprechenlassen der Geschichte unendlich viel verlernt. Es spricht sozusagen kaum leicht noch die Tatsache irgendwie, sondern dasjenige, was man für die Tatsache hält, Nun, es wird noch lange so sein, daß man nicht lernen wird, die Tatsachen sprechen zu lassen, aber ebenso lange wird man auch noch nicht bei derjenigen Kraft angelangt sein, die die Menschheit wirklich hinausführt zu einem unbefangenen Auffassen der Wirklichkeit. Und auf ein unbefangenes Auffassen der Wirklichkeit und auf das Erringen einer unbefangenen Stellung zur Wirklichkeit kommt es auf allen Gebieten des Lebens gerade im Zeitalter der Bewußtseinsseele an.
[ 23 ] Was wird erfordert — wenn ich das noch anfügen darf —, wenn wir so aus den Symptomen der Geschichte allmählich vordringen wollen wir werden in den nächsten Vorträgen weiter davon sprechen — zur Wirklichkeit? Es wird erfordert, daß man gerade in diesem Zeitalter auf das hinschauen kann, was von der übersinnlichen Welt her dem Menschen wieder Produktivität gibt. Denn das Ersterben der Produktivität haben wir als das Charakteristischeste in allen Erscheinungen hereinkommen sehen. Der Mensch muß seine Sinne der übersinnlichen Welt eröffnen, damit in sein Ich hereingeht dasjenige, was sein Geistselbst vorbereitet, sonst würde er sich die Wege zum Geistselbst vollständig abschneiden. Das bedeutet, daß der Mensch Bekanntschaft machen muß mit dem reinen Geistigen, mit dem, was gewissermaßen nur in das Zentrum seines Seelischen hinein kann. Wird er einmal geneigt sein, in dieses Zentrum seines Seelischen durch eine vernünftige symptomatologische Geschichtsbetrachtung hineinzuschauen, dann wird er auch geneigt werden, dasjenige, was jetzt nicht Mittelpunkt, sondern Peripherie ist, unbefangener zu betrachten.
[ 24 ] Der Mensch hat schon einmal diesen Gegensatz: Seelisches Zentrum und äußere Peripherie. Indem er immer mehr seelisch-geistig in sich selbst eindringt, kommt er zum Zentrum. In diesem Zentrum muß er aufnehmen diejenigen Impulse, die ich Ihnen als historische charakterisiert habe. Da wird er nach Geistigerem und immer Geistigerem streben, wenn er die geschichtliche Wirklichkeit kennenlernen will. Dafür wird er aber auch einen Sinn bekommen, an der Peripherie nach dem entgegengesetzten Pol zu streben. Er wird einen Sinn bekommen für dasjenige, was nach der Peripherie dringt, sein Leibliches. Muß die Geschichte den Weg finden, den ich vorgezeichnet habe durch die Symptomatologie nach dem Inneren zu, so muß die Medizin zum Beispiel und die Hygiene und das Sanitätswesen den Weg finden zur Symptomatologie nach außen. Geradesowenig, wie die neuere Geschichte an die Wirklichkeiten dringt, so wenig dringt die neuere Medizin, das neuere Sanitätswesen, die neuere Hygiene zu den Symptomen nach außen durch. Und ich habe es immer wieder betont: Der einzelne kann dem einzelnen nicht helfen, und wenn er noch so gründlich die Dinge durchschaute, weil es sich darum handelt, daß heute gerade diese Dinge in den Händen derjenigen sind, die nach der falschen Richtung hin ziehen. Es muß wirklich in die Verantwortung derjenigen gegeben werden, die nach der richtigen Richtung hin ziehen. Gewiß, die äußeren Tatsachen sind ebenso wahr, wie wahr ist, nun ja, daß schließlich Jakob I. so oder so ausgesehen hat, wie ich Ihnen das charakterisiert habe; so sind natürlich auch die äußeren Tatsachen wahr, daß die oder jene Bazillenart etwas zu tun hat, sagen wir, mit der Grippe, die jetzt so verbreitet ist. Aber wenn es wahr ist, daß zum Beispiel für die Verbreitung einer gewissen epidemischen Krankheit die Ratten Krankheitsträger sind — ich will jetzt nur den Gedanken nehmen —, so kann man doch nicht sagen, daß von den Ratten diese Krankheit kommt, sondern man hat sich immer vorgestellt, daß die Ratten diese Krankheit verbreiten. An sich haben natürlich die Bazillen mit alledem, was die Krankheit ist, in Wirklichkeit nichts zu tun. Dasjenige, um was es sich bei solchen Dingen handelt, das ist, daß geradeso, wie wir es hinter den Symptomen der Geschichte mit geistig-seelischen Ereignissen zu tun haben, so haben wir es hinter den Symptomen der äußeren Körperlichkeit mit kosmologischen Ereignissen zu tun bei einer solchen Erscheinung. Bei anderen natürlich ist wieder anderes der Fall, nicht wahr. Was besonders wichtig ist in einem solchen Falle, ist der rhythmische Gang der kosmischen Ereignisse. Der muß studiert werden. Es muß gefragt werden: In welcher kosmischen Konstellation lebten wir, als in den achtziger Jahren die heutige Grippe in der milderen Form der Influenza auftrat? In welcher Konstellation kosmischer Natur leben wir jetzt? Wie vollzieht sich der kosmische Rhythmus, da die damalige Influenza in der etwas härteren Form der Grippe auftritt? — So wie Rhythmus gesucht werden muß hinter der historischen Symptomenreihe, so muß ein gewisser Rhythmus gesucht werden hinter dem Auftreten gewisser epidemischer Krankheiten.
[ 25 ] Es gibt Gegenden der Erde, Sie brauchen nur einen Papierfetzen anzuzünden und von der Erde kommen alle möglichen Dämpfe herauf; es sind die Solfatare-Gegenden in Italien. Das beweist Ihnen, daß Sie etwas über der Erde vollziehen können, und die Erde sendet Ihnen im Zusammenhang der Naturwirkungen diese Dinge herauf. Ja, halten Sie es für unmöglich, daß an der Sonne etwas geschieht — da doch die Sonnenstrahlen jeden Tag zur Erde fallen —, was eine Bedeutung hat für dasjenige, was aus der Erde aufsteigt und mit dem Leben des Menschen im Zusammenhange steht, und daß das wiederum sich verschieden konfiguriert, je nach den verschiedenen Gegenden der Erde? Glauben Sie denn, daß man wirklich über diese Dinge etwas erkennen wird, bevor man sich herbeiläßt, durch eine geistig-seelische Erkenntnis zu einer richtigen Kosmologie überzugehen? Gewiß, man hat es als eine Narrheit aufgefaßt — in dieser Weise ist es eine Narrheit —, daß die Leute gesagt haben: Mit den Sonnenfleckenperioden hängt die Neigung der Menschen zu Kriegen zusammen. — Aber es gibt einen Punkt, wo selbst das nicht mehr eine reine Narrheit ist, wo das Auftreten gewisser pathologischer Impulse im Temperamentenleben selbst zusammenhängt mit solchen kosmologischen Erscheinungen wie den rhythmisch auftretenden Sonnenfleckenperioden. Und wenn dann diese kleine Gesellschaft, diese winzigen Herrschaften — Bazillen, Ratten —, dasjenige, was einen kosmologischen Zusammenhang hat, wirklich von einem Menschen zum anderen tragen, dann ist das nur etwas Sekundäres, das leicht bewiesen werden kann, das selbstverständlich dadurch ein großes Publikum findet; aber die Hauptsache ist es nicht. Und vor allen Dingen, hinter die Hauptsache kommt man nicht, wenn man nicht den Willen hat, wirklich auch die Peripheriesymptome zu studieren.
[ 26 ] Daher glaube ich nicht, daß die Menschen vernünfligere Anschauungen über die Geschichte bekommen werden, wenn sie nicht geschichtliche Symptomatologie mit dem Hintergrunde der übersinnlichen Erkenntnis, wie es so notwendig ist für die moderne Menschheit, treiben, sondern ich muß sagen: Die Menschen werden auch dadurch erst auf dem Gebiete des Sanitätswesens, der Hygiene, der Medizin zu etwas kommen, wenn sie auf diesem Gebiete nunmehr eine kosmologische, nicht eine historische, aber eine kosmologische Symptomatologie treiben. Denn dasjenige, was auf der Erde als Krankheiten lebt, das wird uns vom Himmel heruntergeschickt. — Nur muß man natürlich dann nicht in dem Vorurteil leben, in dem die moderne Menschheit lebt. Diese moderne Menschheit hat es sich sehr bequem gemacht: Ein Gott lebt überall. — Nun ja, dann ist sie nur nicht in der Lage, diese moderne Menschheit, indem sie den Gott in der Geschichte anerkennt, auch alle möglichen retardierenden und schädlichen Vorgänge in der Geschichte zu erklären. Und wenn solche Jahre eintreten wie die letzten vier, dann wird diese Sache mit dem Gott in der Geschichte, mit dem Einheitsgott in der Geschichte, wirklich recht, recht stark sengerig, denn dann bekommt dieser Gott in der Geschichte einen sonderbaren Trieb nach Vermehrung, und ein jeder verteidigt dann auf seinem Terrain seinen Gott in der Geschichte, ärgert den anderen damit. Und erst, wenn man zur Kosmologie übergehen soll und zugleich bei dem bequemen Einheitsgotte bleibt, dann schickt dieser Gott die Krankheiten! Aber wenn man zu der Trinität aufzusteigen weiß: Gott, Luzifer, Ahriman, wenn man diese Trinität weiß in dem Übersinnlichen hinter den historischen Betrachtungen, hinter den historischen Symptomen, wenn man diese Trinität weiß draußen im kosmischen Weltall, dann hat man nicht nötig, auf den guten Gott sich zu berufen, wenn man sagt: Die Krankheiten sendet uns der Himmel, indem er mit der Erde zusammenwirkt, — so wie ich nur durch ein Blatt Papier auf einem Schwefelboden Schwefeldämpfe in die Höhe bringe. Erst dann aber kann mit der Wahrheit geholfen werden, wenn die Menschen die Wahrheit anerkennen im Zeitalter der Bewußtseinsseele. Daher kommt alles doch auf das eine an: die Wahrheit zu suchen.
