Donate books to help fund our work. Learn more→

The Rudolf Steiner Archive

a project of Steiner Online Library, a public charity

DONATE

Entwicklungsgeschichtliche Unterlagen
zur Bildung eines sozialen Urteils
GA 185a

17 November 1918, Dornach

Fünfter Vortrag

[ 1 ] Frau Dr. Steiner wird heute vor dem Vortrage den «Chor der Urtriebe» zu Ende rezitieren, den Teil, der von ihr noch nicht rezitiert worden ist. Ich möchte dem einige Worte vorausschicken, die ich Sie bitte, ja bitte, nicht anzüglich zu nehmen; sie sollen nur ganz sachlich gemeint sein. Wir haben das so eingerichtet, daß der Vortrag doch so beginnt, daß unsere Züricher Freunde ihn hoffentlich zu Ende oder wenigstens bis zu einem solchen Punkte hören können, daß ihnen nichts Besonderes mehr entgeht. Und ich möchte nur im Anschlusse an mancherlei Wünsche, mehr oder weniger selbstverständlich berechtigte Wünsche, die da oder dort aufgetreten sind, eine Bemerkung nicht unterdrücken. Das ist diese, daß ich es nicht im Sinne unserer Bewegung halten würde, wenn etwa die Meinung allzustark einreißen sollte: Es ist das Hauptsächlichste in unserer Bewegung schon getan, wenn man das Inhaltliche der Vorträge, die hier gehalten werden, ins Auge faßt. Unsere Bewegung soll drinnenstehen im Ganzen der Zeit, und sie soll berücksichtigen die Dinge, die aus den Forderungen der Zeit herausfließen. Und Sie können ganz sicher sein, daß wir auch dasjenige, was Sie glauben durch Aufnahme des Inhaltes der Vorträge zu erreichen, daß wir das nicht erreichen werden, wenn wir uns nicht entgegenkommend, verständnisvoll entgegenkommend zeigen gerade den neueren künstlerischen Betrebungen, die innerhalb unserer Bewegung eingeschlagen werden. Insbesondere gilt ja das natürlich von der eurythmischen Kunst, die in gewisser Beziehung eine neue Kunst sein soll und die als neue Kunst empfunden werden soll, gegenüber allem Ähnlichen auch als neue Kunst empfunden werden soll. Aber ich selbst möchte, daß es bemerkt würde, daß es auch gilt in bezug auf das Rezitatorische. Was man mit Bezug auf das Rezitieren eigentlich, wenn man künstlerische Empfindung in der Welt entfalten möchte, erleidet, das ist etwas ungeheuer Großes, etwas schrecklich Leidvolles, was einem da passiert. Es ist ja wirklich von uns ausgebildet worden eine gewisse Methode, die im Sinne unserer geisteswissenschaftlichen Bewegung liegt, gerade auch mit Bezug auf die rezitative, die rezitatorische Kunst namentlich. Und, nicht wahr, das möchte ich nicht, daß es nur so angesehen würde, als ob es, nun ja, aus einer Liebhaberei von dem oder jenem nun auch als Beigabe zu unserer Sache gegeben wird; nein, es ist mit eine der wichtigsten Sachen, daß wir uns in eine neue künstlerische Empfindungsweise hineinfinden. Bezüglich des Rezitierens haben die meisten Menschen, die — nun, wie soll ich es nennen, damit ich nicht den Ausdruck, der mir auf den Lippen liegt, gebrauche — die primitivsten Vorstellungen. Eigentlich glaubt man doch, rezitieren könne ein jeder, und Rezitieren sei keine besondere Kunst. Rezitieren ist in gewisser Beziehung eine der schwierigsten Künste, weil man sich das Material erst sehr langsam und allmählich erarbeitet. Und da wir gerade anstreben, das künstlerisch geformte Wort zur Geltung zu bringen, und dieses mit ein Wesentliches ist, daß Interesse da ist in der zukünftigen sozialen Ordnung der Menschheit für solche Dinge, daß dieses Interesse nicht verlorengeht, daß nicht da auch allmählich Platz greife die allgemeine bourgeoise Versumpfung, die gerade auf einem solchen Gebiete sich außerordentlich geltend macht, wie es das Rezitatorische ist, was jeder nur für ein Lesen hält, das streben wir an, und das bitte ich, nicht als eine Nebensache zu betrachten, die man unter Umständen, weil die Züge so oder so gehen, eben auf jede beliebige Tag- oder Nachtstunde auch verlegen kann.

[ 2 ] Wie gesagt, es sollte gar nicht anzüglich sein, was ich gesagt habe; aber ich hatte diese meine Meinung mit Bezug auf das, was sonst oftmals nur als Rankenwerk angesehen wird zu unserer Sache, eben einmal aussprechen wollen.

[ 3 ] Nun soll der Schluß vom «Chor der Urtriebe» von Fercher von Steinwand zur Rezitation kommen.

[ 4 ] Dasjenige, wovon ich in diesen Betrachtungen ausgegangen bin: von der Notwendigkeit, die in den Tatsachen der Welt wirkende Wahrheit zu empfinden — ich könnte auch sagen, die wirkende Vernunft oder den wirkenden Geist zu empfinden —, das muß ja ganz besonders Anwendung finden in dem Verständnis, das man sich nun einmal erwerben muß im Zeitalter der Bewußtseinsseele, in dem Verständnis dieses katastrophalen Ereignisses, in dem wir drinnenstehen. Denn im Grunde genommen ist dieses Ereignis ausgegangen von, man möchte sagen, einem Schein, in dem die Menschen gelebt haben. Ich habe es Ihnen nach den verschiedensten Richtungen angedeutet; das könnte weiter ausgeführt werden. Allein Sie haben schon gesehen, daß die Menschen, die beteiligt waren an dem Ausbruche, an dem letzten Ausbruche dieses katastrophalen Ereignisses, sich eigentlich in Scheinen bewegten, daß sie voll waren von Phantasmen und Illusionen, daß sie weit entfernt waren, in der Wirklichkeit drinnenzustehen. Doch muß man sagen, daß im Laufe der Jahre eigentlich immer mehr und mehr aus dem, was man falsch benannt hat, weil man eben in Illusionen und Scheinen lebte, aus dem, worüber man falsch geschimpft hat, weil man in Illusionen und Scheinen lebte, sich allmählich, langsam entwickelte dasjenige, was die Wahrheit der Sache selbst enthielt. Das ist bis jetzt zum Teil schon herausgekommen und wird im Laufe dernächsten Jahrenoch mehr herauskommen. Daß es sich nicht handelte um einen Krieg im alten Sinne zwischen einer Mächtegruppe und der anderen Mächtegruppe, der in einem gewöhnlichen Sinne auch durch einen Friedensschluß beendet werden kann, darauf habe ich ja schon öfter hingewiesen; daß es sich vielmehr handelte um dasjenige, was als Aufwogen in den sozialen Kämpfen sich abspielen wird, was die verschiedensten Formen annehmen wird. Daß das, was allmählich als Wahrheit hervortreten wird: die sozialen Kämpfe, daß dieses, ich möchte sagen, ergriffen hat den an der Oberfläche schwimmenden Schein, sich zunächst auslebt ganz in dem an der Oberfläche schwimmenden Schein, in den Illusionen und Phantasmen, die Taten geworden sind, ist dasjenige, was man ins Auge fassen soll. Und ins Auge fassen soll man, was nun eigentlich lebt in den letzten Konflikten der Gegenwart, was sich in diesen Konflikten der Gegenwart eigentlich in Wirklichkeit verbirgt. Man kann es nicht, ohne daß man immer wieder und wiederum hinweist darauf, wie das Denken und Vorstellen der Menschen, selbst die ganze Lebensauffassung, sich entfernt hat von etwas, was Menschen notwendig ist mit Bezug auf das Weltverständnis, was aber gerade unter dem Einfluß der neueren Entwickelung der Menschheit verlorengegangen ist. Unsere Geisteswissenschaft hat ja im eminentesten Sinne die Aufgabe, auf dieses Verlorene im modernen Sinne wiederum zurückzugreifen und es dem Menschen, dem es so notwendig wird in der Gegenwart und gegen die Zukunft hin, wiederum nahezubringen.

[ 5 ] Ich habe öfter von den verschiedenen Gesichtspunkten auf den dreigeteilten Menschen, auf die dreigeteilte Welt hingewiesen, darauf hingewiesen, daß es notwendig ist, außer dem, was man gewöhnlich Mensch nennt, noch wenigstens zwei andere Gliederungen im Menschen zu unterscheiden; in dem, was man Welt nennt, andere Gliederungen noch zu unterscheiden. Bei all diesen Dingen kommt es nicht darauf an, ob man, was ich aus gewissen Gründen getan habe, aus den Forderungen der Geisteswissenschaft heraus das eine so oder so nennt, oder ob man es aus Ahnungen heraus nennt, wie Fercher von Steinwand in seinem «Geisterzögling». Da, wo er spricht von dem, was Sie in meiner «’Theosophie» benannt finden die Seelenwelt, da spricht er von «Sinnheim»; aus Gründen, die auseinanderzusetzen jetzt zu weit führen würden, spricht er bei dem, was ich das Geisterland genannt habe, von «Wahnheim», meint aber nicht bloß ein Heim, wo der Wahn etwa ist, sondern indem er von «Wahnheim» spricht, meint er eigentlich das Geisterland. Es kommt darauf an, daß man sich in diese Dinge wirklich auf irgendeine Art vertiefe und sie für das Leben ernst nehme. Man kann sagen: Mit dem allmählich verglimmenden Griechentum ging eigentlich der Menschheit in ihrer Entwickelung vom dritten bis fünften nachatlantischen Zeitraum hin recht, recht viel verloren, was in einer anderen Form, eben vom Gesichtspunkt der neuen Geisteswissenschaft, wiederum erweckt werden muß, wenn auch in das soziale Chaos, das sich jetzt entwickeln wird, Ordnung hineingebracht werden soll. Denn man muß immer wieder und wiederum betonen: Das Wichtigste ist heute, daß die wirtschaftliche Kontinuität nicht zerrissen wird, sondern daß gewissermaßen auf dem Felde des wirtschaftlichen Lebens ein Provisorium geschaffen und auch als Provisorium empfunden wird, daß aber daneben tatsächlich in die Hand genommen werde allgemeine Aufklärung über dasjenige, was aufzuklären der Menschheit so notwendig ist. Man kann nicht mit den Begriffen, die heute schon da sind, eine neue soziale Ordnung gründen. Da ist es am allerbesten, man versucht sich in verständnisvoller Art abzufinden mit dem, was nun einmal als die notwendigsten Forderungen zutage tritt, schafft ein Provisorium, damit die wirtschaftliche Kontinuität nicht verlorengeht, und sorgt aber dafür, daß an dem Ende angefangen werde, wo ja der Anfang so nötig ist: auf dem Wege der Erziehung, des Unterrichtswesens im weitesten Sinne, auf dem Wege der Schaffung von Gedanken, die vom Verständnis des Menschen ausgehen in die Köpfe der Menschen hinein. Denn nur mit dem Schaffen von Gedanken in die Köpfe der Menschen hinein können Sie etwas anfangen. Wenn nur diese Gedanken erst da sind in den Menschenköpfen! Sie haben es ja nicht zu tun mit Porzellanfiguren, die Sie beliebig da- und dorthin stellen können, denen Sie beliebige Ordnungen aufdrängen können, sondern Sie haben es zu tun mit Menschen, die erst die Möglichkeit gewinnen müssen, Verständnis zu haben für dasjenige, was im Entwickelungs- und Werdegang der Menschheit notwendig ist. Das Ausgehen vom Menschen hat dahin zu führen, daß allmählich überhaupt in die Köpfe der Menschen Aufklärung komme über dasjenige, was die Menschen zusammen sind — nenne man es nun Reich, nenne man es Staat, nenne man es Demokratie, nenne man es wie man will, auf alle diese Dinge kommt es ja viel weniger an, als auf die Sache. In den Köpfen der Menschen ist über dieses Zusammenleben, über diese Form des Zusammenlebens in den Vorstellungen der reine Brei entstanden, so daß die Menschen gar nicht mehr sich wirklich konkrete plastische Vorstellungen bilden können, warum das eine da ist, warum das andere da ist.

[ 6 ] Aus der Urweisheit heraus, die auf atavistische Art, wie ich es Ihnen öfter auseinandergesetzt habe, von der Menschheit erworben worden ist, in vollbewußter Art aber wiederum errungen werden muß vom Zeitalter der Bewußtseinsseele, aus dieser Urweisheit heraus hat Plato den Menschen dreigegliedert. Das sieht man heute als etwas Kindliches an. Das ist aber aus einer sehr tiefen Weisheit heraus, aus einer Weisheit, die wahrlich tiefer ist als dasjenige, was heute über den Menschen, sei es von Naturwissenschaft, sei es von Nationalökonomie oder von anderen Wissenschaften an unseren Universitäten gelehrt wird.

[ 7 ] Plato hat den Menschen dreigeteilt. Wir gliedern heute etwas anders, aber man hat ein Bewußtsein dieser Dreiteilung noch bis in das achtzehnte Jahrhundert hinein gehabt. Dann ist es erst ganz verlorengegangen. Und die Menschen des neunzehnten Jahrhunderts, diese so gescheiten, so aufgeklärten Menschen haben über diese Dreiteilung in ihrer konkreten Form nur gelacht, lachen bis heute. Plato teilte den Menschen, den man verstehen muß, wenn man die gesellschaftliche Struktur verstehen will, zunächst in den Menschen, welcher die Weisheit entfaltet, Erkenntnis, Wissen, den logischen Teil der Seele, dasjenige, was wir an den Kopf-Organismus knüpfen, als sein Wissen an seinen Sinnes- und Nerven-Organismus knüpfen. Plato unterschied dann den sogenannten tatkräfligen, zornmütigen Teil der Seele, den irasziblen, den mutigen, tapferen Teil der Seele, alles dasjenige, was wir an das rhythmische Leben knüpfen. Sie brauchen nur in meinem Buch «Von Seelenrätseln» nachzulesen. Dann unterschied er den Begierdemenschen, den Menschen, insoferne er Quell des Begehrungsvermögens ist, alles das, was wir jetzt in viel vollkommenerer Form kennen; das konnte Plato knüpfen physisch an den Stoffwechsel, spirituell an die Intuition, so wie wir sie meinen in unserer Dreigliederung des höheren Erkenntnisvermögens: Imagination, Inspiration, Intuition. Man kann nicht verstehen, was in der gesellschaftlichen Struktur der Menschheit vorgeht und wie sich die gesellschaftlichen Strukturen ausleben, wenn man den Menschen nicht selbst kennenlernt nach dieser seiner dreigliedrigen Beschaffenheit. Denn der Mensch ist ja nicht so in der Welt, in der er als Angehöriger des physischen Planes ist, daß er diese drei Glieder auch in bezug auf ihre inneren, intimen Gestaltungen und Eigenschaften gleichmäßig ausbildet, sondern er bildet sie in verschiedener Art aus; der eine bildet den einen Teil mehr aus, der andere bildet den anderen Teil mehr aus. Und auf der verschiedenartigen Ausbildung der Teile beruht namentlich die Heranbildung der Klassen, wie sie sich im Laufe der Entwickelung der europäischen Menschheit mit ihrem amerikanischen Anhang ergeben hat.

[ 8 ] Man kann sagen: Der Teil, der hauptsächlich das rhythmische Leben ins Auge faßte, der Erziehung, Zusammenleben, soziale Anschauung so einrichtete, daß das rhythmische Leben dabei dasjenige war, was man vorzugsweise als das Menschliche fühlte, das ist der Stand oder die Klasse, die sich als der alte Adelsstand herausgebildet hat. Wenn Sie sich denken eine gesellschaftliche Struktur, entstanden dadurch, daß Menschen hauptsächlich sich fühlten als Brustmenschen, dann haben Sie dasjenige, was die Gruppe des Adels, der Adelsklasse ausmacht. Wenn Sie sich denken diejenigen Menschen, welche vorzugsweise die Kopfkräfte, den weisen Teil ausbilden — jetzt sage ich auch einmal etwas, was vielleicht versöhnen kann mit mancherlei, was ich gesagt habe —, diejenigen Menschen, die in der Klasse zusammengeschlossen waren, die vorzugsweise den weisen Teil ausbildet, den Kopf, den Sinnes- und Nerventeil, so ist das diejenige Gruppe, die sich allmählich zusammengeschlossen hat im Bürgerstande, in der Bourgeoiste. Diejenigen Menschen, die ja heute die weitaus zahllosesten bilden, die sich vorzugsweise zusammengeschlossen haben in alledem — Sie wissen aber, die Intuition hängt geistig mit dem Stoffwechsel zusammen —, das seinen Quell im Wollen, im Stoffwechsel hat, das ist das Proletariat. So daß tatsächlich die Menschen sozial so gegliedert sind, wie der Mensch im einzelnen gegliedert ist.

[ 9 ] Nun muß man allerdings die besondere Natur des menschlichen Zusammenschlusses erkennen. Und in dieser Beziehung ist geradezu für das Bewußtsein, für die Vorstellungsgewinnung der Menschen noch alles zu tun, denn in bezug auf das, was ich jetzt meine, hat gerade die moderne Menschheit die allerverkehrtesten Vorstellungen. Diese moderne Menschheit hat es ja sogar dahin gebracht, sich vorzustellen, daß der Mensch als einzelnes Wesen weniger vollkommen ist denn als Staatstier, daß der Mensch etwas gewinne dadurch, daß er Glied eines Staatswesens wird, und es wird sehr schwer werden, in die Köpfe die Vorstellung hineinzubringen, daß der Mensch dadurch, daß er sich in einen staatlichen Organismus hineingliedert, nichts gewinne, sondern verliert. So verliert er auch, indem er sich in Stände hineingliedert, in Klassen hineingliedert. Dasjenige, was der Mensch im einzelnen entwickelt, das wird dadurch, daß es in der sozialen Struktur in der Mehrheit lebt, nicht erwa gefördert, sondern es wird abgelähmt, es wird unterdrückt.

[ 10 ] So unterdrücken die Traditionen, die Vorstellungen der Adelskaste die urindividuellen Kräfte des Brustmenschen. Also nicht, daß sie sie fördern, sondern sie unterdrücken sie, sie lähmen sie zurück. Darauf kommt es an. Es kommt darauf an, einzusehen, daß zwar in der Gruppe der adeligen Menschen diejenigen Menschen vereinigt sind, deren Seelen bei einer Verkörperung vorzugsweise hintendieren nach dem Brustmenschen, daß aber die äußere Vereinigung auf dem physischen Plan ablähmt dasjenige, was aus dem Brustmenschen herauskommen würde. Es würde zu weit führen, wenn ich Ihnen das im einzelnen zeigen würde. Aber nehmen Sie nur einmal an, daß zum Beispiel das, was Ehrgefühl ist, sich auf ganz individuelle Weise aus dem Brustmenschen heraus entwickelt; der äußere Ehrbegriff aber, der ist gerade dazu da, das Äußere zu schaffen, damit das Innere schlafen kann. Alle Zusammenfügung ist eigentlich dazu da, auf äußerliche Weise etwas zu konstituieren, damit das Innerliche, Ursprüngliche, Elementare schlafen kann. Ich brauche nicht wiederum an Roseggers Ausspruch, den ich ja schon oft angeführt habe, zu erinnern: Oaner is a Mensch, Mehre san Leit und Vüle san Viecher. — Der Mensch ist tatsächlich dasjenige, was er ist, aus den elementaren Kräften heraus als Individualität. Das versuchte ich auch in wissenschaftlicher Grundlegung zu zeigen in meiner «Philosophie der Freiheit».

[ 11 ] Alles dasjenige nun, wonach das moderne Proletariat strebt, das ist nicht geeignet, das, was in ihm gerade elementar wirkt, zur Vollendung zu bringen, sondern es geradezu zu unterdrücken, es in den Hintergrund zu drängen, abzulähmen. Und heute ist die Zeit, wo man so etwas einsehen muß, wo man nur weiterkommt, wenn man die Dinge durchschaut. Denn die instinktiven Kräfte — das habe ich öfter ausgeführt —, die wirken nicht mehr. Und die Bourgeoisie — jetzt kommt die Kehrseite der Sache —, die ist in ihrem Zusammenschlusse hauptsächlich dagewesen, um herabzulähmen die Weisheit. Die Menschen haben sich schon zusammengefunden in der Bourgeoisie, deren Seelen hineingestrebthaben, um den Kopfmenschen auszubilden; aber namentlich die sogenannte Wissenschaftlichkeit der sozialen Bourgeoisie, die hat eine solche Struktur bewirkt, daß der Kopfmensch möglichst kopflos geworden ist. Und er erweist sich ja immer mehr und mehr gegenüber dem Anstürmen der neueren Zeit als ein recht kopfloses Wesen.

[ 12 ] Nun, auf der einen Seite hat sich in ausgesprochener Weise, in signifikanter Art herausgebildet diese menschliche Gliederung. Aber man hatte den Verständnisanschluß versäumt; man konnte nicht mehr sich Vorstellungen bilden über die Art, wie man unter den Menschen lebt, denn man hatte verloren das Verständnis für den dreigliedrigen Menschen. Es würde zum Beispiel notwendig sein — und so etwas würde auch geschehen müssen, bevor man daran gehen kann, eine neue soziale Ordnung zu begründen irgendwo oder irgendwann —, es wird zum Beispiel notwendig sein, alles das, was zusammenhängt mit dem Impulse des Brustmenschen, zu studieren. Und erst, wenn man das wirklich studiert, nicht so, wie es sich die Theosophen denken, sondern so, wie es der Wirklichkeit entspricht, erst dann bekommt man eine wahrhafte Wissenschaft von der Art, wie Arbeit, Erträgnis der Arbeit, Lohn, Rente, Kapital, Produktionsmittel und so weiter in der Welt angeordnet werden müssen unter den instinktiven Forderungen der neueren Zeit. So weit wie möglich entferntist dasjenige, was man offiziell Nationalökonomie nennt, die eigentlich nur ein Spiel mit Begriffen und Worten ist und die hoffentlich recht bald verschwinden wird vom wissenschaftlichen Schauplatz, so weit entfernt als möglich ist das von dem, was herauskommt, wenn man wirklich den Menschen studiert als Brustmenschen, wo dann herauskommt, was mit Bezug auf die Verteilung der Arbeit, der Produktionsmittel, des Grundes und Bodens und so weiter, als Forderung in der Menschheitsentwickelung verlangt werden muß. Ebenso muß studiert werden dasjenige, was mit dem Kopfmenschen, mit dem Sinnes- und Nervenmenschen zusammenhängt im weitesten Umfange, wiederum nicht so abstrakt, wie es sich die Theosophen vorstellen, sondern es muß in aller Konkretheit studiert werden, was der Mensch ist in der Sinneswelt als ein geistiges, als ein spirituelles Geschöpf mit anderen Menschen zusammen in der Gesellschaft, mit anderen Menschen zusammen in irgendeiner, sei es staatlichen oder sonstigen Struktur. Es muß aus der Beschaffenheit des Nerven- und Sinnesmenschen studiert werden. Das Studium des Nervenund Sinnesmenschen gibt eine wirkliche Gesellschaftswissenschaft. Und endlich das Studium des Stoffwechselmenschen, der mit der Intuition zusammenhängt, das gibt erst eine wirkliche Anschauung über die Entwickelung, über das Werden des Menschen, das gibt erst eine geschichtliche Auffassung der Menschheitsentwickelung.

[ 13 ] Nun werden Sie leicht verstehen, daß man weder eine geschichtliche Auffassung der Menschheitsentwickelung haben konnte, ohne den mikrokosmischen Menschen wirklich zu verstehen, noch auch eine wirkliche Anschauung über die Verteilung der wirtschaftlichen Werte, weil man den Brustmenschen nicht studiert; noch konnte man verstehen, wie der einzelne individuelle Mensch in der menschlichen Gesellschaft drinnensteht, weil man den Kopfmenschen, eben den Sinnes- und Nervenmenschen, in seiner Wirklichkeit, in seinem ganzen Zusammenhange mit dem Kosmos und seiner geschichtlichen Entwickelung nicht studiert; denn man hatte alle diese Dinge eigentlich aus dem Auge verloren. Man hat sich seit Jahrhunderten keine Vorstellung mehr über diese Dinge gemacht oder hat nur gelacht über diese Dinge. Daher ist vor allen Dingen in den Vorstellungen und dann auch in der Wirklichkeit das Chaos gekommen.

[ 14 ] Nun entstanden aus derjenigen Menschenklasse, welche sozusagen durch das moderne Leben, das sich nun nicht richtete nach den zurückgebliebenen Vorstellungen, sondern das weiterging, aus jener Klasse, welche geradezu durch das moderne Leben herausgebildet worden ist, da entstanden Forderungen. Das moderne Proletariat ist aus dem modernen Maschinenwesen, Industriewesen, aus der Mechanisierung der Welt heraus entstanden. Daraus entwickelten sich die Forderungen, weil dieses moderne Proletariat in Gegensatz trat zu denjenigen, die die Maschinen als Produktionsmittel besorgen konnten.

[ 15 ] Sehen Sie, die Impulse zur Weltanschauung dieses Proletariats kamen aus dem Stoffwechselmenschen. Aber natürlich steht der Mensch mit den anderen Gliedern in Berührung. Dadurch bildeten sich von da ausgehend Ansichten über dasjenige, was auch aus den anderen Gliedern Impulse des dreigliedrigen Menschen ausstrahlte; es bildeten sich Ansichten, die eine Notwendigkeit waren auf der Grundlage der proletarischen Menschenkaste. Es bildeten sich Anschauungen mit Hilfe dessen, was das Bürgertum als Wissenschaft begründet hatte. Denn die Proletarier hatten ja nur die Wissenschaft von den vier oder, was weiß ich, sechs Fakultäten, zu denen sie jetzt angewachsen sind, die das Bürgertum geschaffen hat, geerbt. Mit der rein bürgerlichen Wissenschaft versuchten die Proletarier allmählich sich Vorstellungen zu machen in dem Zeitalter der Bewußtseinsseele über dasjenige, worinnen sie lebten als in der sozialen Struktur. Das konnte natürlich nicht genügen. Aus all den scharfsinnigen und sonstigen Grundlagen heraus, aber wiederum, weil er eben ein Kind seiner Zeit war und gar nichts ahnte von dem Vorhandensein einer Geisteswissenschaft, wie wir sie denken, schuf gerade als Ausdruck dessen, was die Instinkte des Proletariats elementar aus sich selbst heraus entwickeln, eben der gestern erwähnte Karl Marx den Proletariern eine Wissenschaft.

[ 16 ] Dieser Karl Marx ist von den Proletariern eben anders behandelt worden, als die sogenannten Größen von der Bourgeoisie in den letzten Jahrhunderten behandelt worden sind. Er ist wirklich eingedrungen in das ganze Denken des Proletariats über die zivilisierte und industrialisierte Erde hin. Er beherrschte die Gedanken der Proletarier, und er hat diese Gedanken ausgebildet zu einer Lehre. Ja, zum erstenmal eigentlich sind Gedanken Tatsachen geworden, denn die Gedanken der Bourgeoisie sind keine Tatsachen, sind aus Illusionen erwachsen, auch wenn man noch so sehr glaubt, daß sie auf wirklich positiver Wissenschaft fußen. Aber die Gedanken von Karl Marx sind im Proletariat Tatsachen geworden und leben als Tatsachen und wirken sich als Tatsachen aus, so wie sich Tatsachen auswirken, mit allem Widerspruch des Lebens, mit aller Kontradiktion, die im Leben auftritt, mit aller Disharmonie, mit allem Befruchtenden und Zerstörenden und Lähmenden, mit dem das Leben auftritt. In den Instinkten, im Unterbewußtsein der Menschen wirkt mehr, insbesondere in unserem Zeitalter, als in seinem Bewußtsein. Ins Bewußtsein wurde der dreigliedrige Mensch nicht aufgenommen; aber aus Instinkten, und deshalb ungenügend und die Wirklichkeit zwar befruchtend, Gedanken in Taten umsetzend, aber sie ungenügend in Taten umsetzend, so hat Karl Marx seine Lehre von der «politischen Ökonomie» begründet. Sie drang schon 1848 hervor in dem «Kommunistischen Manifest», von dem ich gestern sprach, dann in seinem Buch von der «Politischen Ökonomie», das 1859 erschien, in dem Jahr, das an allerlei Hervorbringungen so unendlich fruchtbar war, wenigstens am Ende der fünfziger Jahre noch. Es gehört zu dem Verschiedenen, was am Ende der fünfziger Jahre aufge treten ist, auch dieses Buch über die «Politische Ökonomie» von Karl Marx. Um andere Sachen zu erwähnen: Es trat gleichzeitig auf — und da ist ein innerer Zusammenhang — die Spektralanalyse von Bunsen. In demselben Jahr ungefähr wurde auch mehr bekannt dasjenige, was man Darwinismus nennt, sowie dasjenige, was auf der einen Seite unendlich anregend gewirkt hat, aber auf der anderen Seite wiederum die Psychologie in Wirrnisse hineingebracht hat: Gustav Theodor Fechners «Vorschule der Asthetik», die dann zu einer Psychophysik geführt hat. Das gehört auch zu diesem Jahre; noch manches andere könnte man anführen. Es sind innere Gründe, daß das miteinander auftrat aus bürgerlicher Wissenschaft heraus. Denn Hegel ist auch bürgerliche Wissenschaft, tiefsinnige bürgerliche Wissenschaft. Aber aus bürgerlicher Wissenschaft heraus versuchte Karl Marx die soziale Struktur der Menschen zu verstehen. So wie er sie verstand, leuchtete es dem Proletariat ein. Aber es war vergessen dasjenige, was das allerwichtigste ist: die Kenntnis des dreigliedrigen Menschen. Die vor allen Dingen muß in die Köpfe der Menschen hinein, bevor man irgendwie fruchtbar weiterkommen kann, nicht theoretisch, sondern indem man wirklich sich hineinlebt in die Situation, die die Gegenwart heraufgebracht hat. Sehen Sie, man kann sagen: Dreigliedrig trat die Welt auch Marx entgegen. Auch diese physisch—sinnliche Welt trat Karl Marx dreigliedrig entgegen, und so suchte er sie auf dreierlei Art zu enträtseln: erstens durch seine Wertlehre, die Mehrwertstheorie — ich habe Ihnen davon schon einiges erwähnt —, zweitens durch seine materialistische Geschichtsauffassung, und drittens durch seine Anschauung von der Vergesellschaftung des Menschen. Es ist merkwürdig, wie ganz im Sinne der chaotischen Entwickelung der neueren Zeit sich im Kopfe von Karl Marx, und in der Weise, in diesem Sinne, wie ich es erörtert habe, in den Köpfen von Millionen von Menschen in Millionen von Proletariern, es ist interessant, wie sich da malt die dreigliedrige gesellschaftliche Struktur, ohne daß man wirkliche, gediegene, auf Grundlagen fußende Vorstellungen hat über das, was der Mensch als Wesenheit lebt und indem er in die Welt als Geisteswesen eintritt.

[ 17 ] Indem ungenügend, instinktiv wirken die Impulse des Brustmenschen, des rhythmischen Menschen, in welchem das eigentliche Reservoir dessen ist, was dann Arbeit wird im gesellschaftlichen Leben, indem das in ungenügender Weise in die Vorstellungen von Karl Marx und damit in proletarische Vorstellungen hineinkam, entwickelte sich die sogenannte Mehrwertstheorie. Wir wollen noch einmal diese Mehrwertstheorie von einem anderen Gesichtspunkte aus betrachten, als wir das neulich getan haben. Die hauptsächlichste Frage für Karl Marx war: Wie wird eigentlich Wert, sei es so und so gearteter Wert, in der modernen Wirtschaft erzielt? — Es ist ja nicht wahr — darauf kam Karl Marx —, daß in der modernen Wirtschaft dasjenige, was der Mensch zum Beispiel als Entlöhnung erhält, wirklich zusammenhängt mit dem, was er leistet. Solche Illusionsvorstellungen können sich nur diejenigen Menschen machen, die das wirtschaftliche Leben nicht durchschauen, daß man glaubt, der Mensch erwirbt das, was entspricht seiner Arbeit, seiner Leistung. Das ist ja nicht der Fall. Dasjenige, was ein Mensch erwerben kann im modernen wirtschaftlichen Leben, wie es sich durch die letzten vier Jahrhunderte namentlich in der zivilisierten Welt entwickelt hat, was der Mensch erwerben kann, ist ja gebunden nicht an irgendein Verhältnis zwischen Erwerb und Arbeit, sondern es ist gebunden an die Warenzirkulation. Dasjenige, was ein Mensch erwerben kann, hängt ganz wesentlich davon ab, wie Werte erzeugt werden, indem man Waren auf den Markt bringt, verkauft und dafür so und so viel einnimmt. Das ist dasjenige, was den volkswirtschaftlichen Wert erzeugt. Nicht die Arbeit als solche erzeugt heute unmittelbar den Wert, volkswirtschaftlich gedacht, sondern was man dafür bekommt auf dem Warenmarkt, wenn sie fertiggestellt ist und in Zirkulation gebracht wird durch die verschiedensten Faktoren. So daß eigentlich bei der Erzeugung von volkswirtschaftlichen Werten in der modernen Welt nach nichts anderem gefragt werden kann als: Wie stellt sich die Konstellation auf dem Warenmarkt für das eine oder andere? — In weitestem Umfange muß das gedacht werden; aber wenn man es in diesem Umfange denkt, so ist es so.

[ 18 ] Nun kam Karl Marx darauf, auszusprechen, was instinktiv fühlten diejenigen Menschen, die ins Proletarische gedrängt wurden durch die Lebensverhältnisse, durch ihr Karma. Wenn der Marktwert der Ware eigentlich allein wirklich das Wertverhältnis produziert für alles, was heute vorhanden ist und die Grundlage eines jeglichen Erwerbes ist, so kann es doch unmöglich wahr sein, daß irgendwie ein Arbeiter faktisch entlohnt wird für dasjenige, was er als Arbeit leistet. Denn dasjenige, was man als Arbeit leistet, hat ja keinen Wert in der Zirkulation in der Volkswirtschaft, sondern es hat einen Wert erst dasjenige, was Ware geworden ist. Und da kam Marx zu der Formulierung desjenigen, was eben die Proletarier aus ihren Instinkten heraus fühlten: zu der Formulierung, daß dasjenige, worauf es in der modernen Volkswirtschaft beim Arbeiter ankommt, gar nicht als Leistung, als Tätigkeit, als Hervorbringung taxiert wird, sondern daß auch das als Ware taxiert wird, als die Ware «Arbeitskraft». Man kauft, das formulierte Karl Marx, man kauft Kirschen, man kauft Hemden, Hosen und so weiter, aber man kauft auch die Ware Arbeitskraft. Derjenige, der die Produktionsmittel hat, derjenige, der den Grund und Boden hat, verkauft Kirschen, verkauft Getreide, verkauft Hosen oder Röcke, verkauft Maschinen; derjenige, der nicht die Produktionsmittel hat, der besitzlos ist im modernen Volkswirtschaftsleben, der kann auf den Markt nur dasjenige bringen, was seine Arbeitskraft ist. Da muß er allerdings selber mitgehen. Aber nur das hat einen wirklichen volkswirtschaftlichen Wert, was als Warenwert seiner Arbeit in Betracht kommt.

[ 19 ] Was heißt das aber? Das heißt: Man muß nachdenken darüber, wie man Ware bezahlt. Ware bezahlt man zunächst nach dem, was notwendig ist für die Herstellung. Was nachher aus der Ware geschieht auf dem Markt, das ist etwas ganz anderes. Man bezahlt Ware zunächst nach der Herstellung. Nicht wahr, man geht zu dem Kirschbaumbesitzer, und der verkauft einem die Ware; da verfrachtet man sie und so weiter, da wird im Zirkulationsprozesse erst der Warenwert bestimmt. Aber die Ware Arbeitskraft muß gewissermaßen an ihrer Quelle eingekauft werden. Der Mensch selber muß sie demjenigen, der sie kaufen will, entgegentragen. Der Mensch muß immer dabei sein. Wonach kann also die Entschädigung, der Kaufpreis der Ware Arbeitskraft bestehen? Ja, danach, was die Herstellungskosten sind. Da muß man nachdenken, wieviel Stunden täglicher Arbeit notwendig sind, um einen Arbeiter mit Bezug auf seine Arbeitskraft instand zu halten, das heißt, so instand zu halten, daß er genährt ist, gekleidet ist und so weiter. Da muß man darüber nachdenken, wieviel verschiedenste andere Menschen arbeiten müssen, wieviel Zeit sie arbeiten müssen; sagen wir zum Beispiel, fünf oder sechs Stunden muß gearbeitet werden, um so viel Lebensmittel, so viel Kleidung und anderes herbeizuschaffen, was notwendig ist, um einen Arbeiter eben als mit Arbeitskraft ausgerüstet, so daß man sie kaufen kann, auf den Arbeitsmarkt hinauszuversetzen. Für dasjenige, was notwendig ist, um den Arbeiter instand zu halten, um die Ware Arbeitskraft zu erzeugen, für das gibt der Bourgeois seine Entschädigung. Er bezahlt dasjenige, was notwendig ist, um Ernährung, Bekleidung und so weiter des Arbeiters zu ermöglichen, seine Familienbedürfnisse und dergleichen, wenn solche vorhanden sind. Dazu sind zum Beispiel fünf bis sechs Stunden Arbeit notwendig. Der Arbeiter verkauft sich aber, und indem er sich verkauft, kommt er durch den allgemeinen Zirkulationsprozeß in die Notwendigkeit hinein, länger zu arbeiten als, sagen wir, fünf bis sechs Stunden. Da arbeitet er dann für denjenigen, der der Unternehmer ist. Da wird der Mehrwert erzeugt. Nur dadurch, daß Arbeitskraft im modernen Zirkulationsprozeß Ware ist und daß man Ware nach den Herstellungskosten bezahlt, dann den Arbeiter länger arbeiten läßt, als er arbeiten würde, wenn er nur dasjenige wieder erarbeitet, was für ihn notwendig ist, dadurch wird im modernen Wirtschaftsleben der Mehrwert erzeugt.

[ 20 ] Das ist etwas, was eben mit einer Hegelschen Dialektik Karl Marx in seinen Büchern verarbeitet hat. Das ist etwas, was dem Proletariat ungeheuer eingeleuchtet hat, weil es eine Wissenschaft ist, die sozusagen den Menschen in seiner Ganzheit nimmt, denn es ergreift nicht nur den theoretischen Verstand, es ergreift auch in einem gewissen Sinne die moralischen Empfindungen, indem der Arbeiter zwar weiß, man sagt ihm politisch: Du bist ein freier Mensch — aber dadurch, daß nur Waren im modernen Volkswirtschaftsleben einen Wert haben und nur Waren bezahlt werden, wird seine Arbeitskraft im modernen Zirkulationsprozeß zur Ware gemacht. Dadurch schaut er hin auf den Mehrwert, der nicht nur durch Arbeit erzeugt wird, sondern durch bloße Spekulation, durch Unternehmungsgeist, was immer.

[ 21 ] Aber es bildet sich dadurch etwas anderes heraus. Dadurch bildet

[ 22 ] sich für den Arbeiter, ganz im Sinne von Marx, ein Bewußtsein heraus: All die Redereien, daß man durch Brüderlichkeit, daß man durch Mildtätigkeit, daß man durch Wohltätigkeitssinn irgend etwas erreichen kann, das sind immer Redereien, das müssen soziale Phrasen sein. — Denn er sieht ja das, was sich da herausgebildet hat: daß Arbeitskraft, seine Arbeitskraft, Ware geworden ist, das sieht er als eine Notwendigkeit in der modernen Entwickelung an, und er sagt: Nun, mag der Fabrikant noch so wohltätig, noch so brüderlich, noch so menschenfreundlich gesinnt sein, er kann ja gar nicht anders — dazu zwingt ihn die geschichtliche Entwickelung —, als die Ware Arbeitskraft kaufen für ihre Herstellungskosten und dann das andere in seiner Art dem Zirkulationsprozesse zuführen. Es hat daher gar keinen Wert für irgendein soziales Denken, wenn man Moral predigt, wenn man spekuliert auf Impulse von Brüderlichkeit, von Menschenfreundlichkeit, denn auf alles das kommt es nicht an. Der Unternehmer kann nicht anders als den Mehrwert einheimsen.

[ 23 ] Das sind die Dinge, die außerordentlich wichtig sind: daß dem Proletarier sozusagen eingebleut wurde, daß es ja gar nicht von der Moral oder Unmoral des Unternehmertums abhänge, daß er in einem menschenunwürdigen Dasein ist, sondern daß das eine historische Notwendigkeit ist, daß das aber auch mit historischer Notwendigkeit zum Klassenkampf führen muß; das heißt, daß es gar nicht anders geht, als daß derjenige, der der Proletarierkaste angehört, bekämpft denjenigen, der der Besitzerklasse angehört, denn sie sind durch den historischen Prozeß selber Gegner. Das kann also nicht anders geschehen, als daß durch den mächtigen sozialen Proletarierkampf eine andere Ordnung komme als diejenige ist, die die letzten vier Jahrhunderte oder die bisherige geschichtliche Entwickelung auf den Plan gerufen hat. Was der Proletarier will, das ist so unendlich wichtig, das ist Geschichte machen, aus Gedanken heraus Geschichte machen, indem er sich sagt: Da es einmal in der modernen Wirtschaftsentwickelung dazu gekommen ist, daß nur Waren bezahlt werden, ich also als Proletarier meine Arbeitskraft als Ware verkaufen muß, die anderen aber etwas haben, was nicht aus der Ware Arbeitskraft hervorgeht, sondern vom Mehrwert stammt, so will ich selbst an dem Mehrwert mitpartizipieren, will nicht den Unternehmer abschaffen — denn der Unternehmer ist hervorgebracht durch den notwendigen historischen Prozeß —, sondern will selber Unternehmer werden, will mich als Proletarier, als Gesellschafter, kommunistisch der Produktionsmittel bemächtigen; dann bin ich als Gesellschafter selber Unternehmer. Nur dadurch kann der Klassenkampf wegfallen, wenn ich nicht mehr den Unternehmer neben mir habe, sondern selber Unternehmer bin. — Vorrücken zu der nächsten historischen Phase, das ist es, was aus der marxistischen Lehre für den Proletarier folgt, Geschichte machen, wenn das auch mehr oder weniger Kautskyisch oder mehr Leninisch oder Trotzkiüsch dargestellt werden kann, was verschiedene Schattierungen sind. Aber es liegt das, was ich gesagt habe mit Bezug auf das eine, was man in seiner richtigen Grundlage erkennt: nämlich alles aufzubauen auf den Brustmenschen, auf den Rhythmusmenschen, es liegt das dem Bewußtsein des modernen Proletariats zugrunde. Es ist etwas, was anders gesehen werden sollte, mit riesiger Kraft gesehen und Tat geworden. Und es gibt keine andere Heilung, als die Sache zu durchschauen; es gibt keine andere Heilung, nachdem die bürgerliche Bildung mit all ihrem Universitätswesen versäumt hat, in diese Dinge hineinzuleuchten, da sie gar nicht einmal die wissenschaftlichen Methoden hat, um hineinzuleuchten, es gibt keine andere Möglichkeit als: ein Provisorium zu schaffen, daß die wirtschaftliche Kontinuität nicht verloren gehe, und für Aufklärung von unten auf zu wirken. Von da muß ausgegangen werden. Aufklärung von unten auf kann nur geschehen, indem man wirklich wiederum die Erkenntnis des dreigliedrigen Menschen in den Menschen der Gegenwart hineinbringt.

[ 24 ] Aber selbstverständlich, wenn Sie heute zu dem modernen Proletarier so sprechen, wie ich jetzt zu Ihnen nach achtzehnjähriger Vorbereitung spreche, dann werden Sie von ihm nicht verstanden, sondern ausgelacht werden. Sie müssen zu ihm in seiner Sprache sprechen. Dazu müssen Sie natürlich zunächst selber die Dinge beherrschen und dann den guten Willen haben, auf die Sprache, die dort verstanden wird, einzugehen. Sehen Sie, diese Mehrwertslehre, die ist so, daß sie wirklich, ich möchte sagen, mit geschlossener Hegelscher Dialektik aufgebaut ist. Das Kuriose dabei ist: Als Karl Marx in den achtziger Jahren starb, 1883 starb, da waren die bürgerlichen Nationalökonomen, wie sie sich später nannten, Sozialwissenschafter und so weiter, sehr geneigt zu sagen: Nun, sozialistischer Agitator — hat keinen wissenschaftlichen Wert; wissenschaftlicher Sozialist! — Man sagt das gewöhnlich mit einem gewissen buttrigen Mund, mit dem buttrigen Munde des Fachmenschen, der die Dinge beherrscht. Nun ja, das war dazumal so. Aber diese bürgerliche Wissenschaft hat es nicht dazu gebracht, die Dinge zu vertiefen, höchstens Leute wie Sombart und ähnliche Menschen, sie haben einiges aufgenommen, sie haben sich anstecken lassen. Das eigentliche bürgerliche Publikum, das ging ja vorbei an dem Fühlen und Denken des Proletariats, ließ es sich höchstens in Theaterstücken vorführen, wie ich Ihnen sagte. Aber die Universitätsprofessoren, die selber unfruchtbar sind, die haben einiges angenommen und dann wieder in Bausch und Bogen herübergenommen. Und so finden Sie wiederum in vielen Büchern, die von Universitätsprofessoren herrühren, auch allerlei marxistische Ideen, verballhornt, manchmal kritisiert, aber alles unfruchtbar, weil die Dinge nicht durchschaut werden, weil man vor allen Dingen nicht den Willen hatte, eine wirkliche Erkenntnis, ein wirkliches Verständnis für den dreigliedrigen Menschen hervorzurufen. Würde man dieses Verständnis haben, dann würde man auf das Fundamentale kommen, welches notwendig ist zu verstehen, und was ich Ihnen nur andeuten kann, wovon aber ein Verständnis hervorgerufen werden muß. Denn erst, wenn dieses fundamentale Verständnis in bezug auf zwei Punkte einsetzt, wird auf der einen Seite das Grandiose der Mehrwertstheorie des Karl Marx und der Proletarier erscheinen, aber man wird dann auch erst sehen, wo die Korrektur einzugreifen hat, wo dasjenige einzugreifen hat, was auf eine Wirklichkeit, nicht wiederum auf marxistische Illusion geht. Aber dafür ist noch schwer Verständnis zu finden.

[ 25 ] Es gibt ja die verschiedensten Ableger — wenn sie auch manchmal Gegner sind — der modernen proletarischen Gesinnung. So ein Ableger von einer ganz anderen Couleur — verzeihen Sie den Ausdruck —, der trat mir in den neunziger Jahren in Berlin in der Person des Adolf Damaschke, in der Bodenreform entgegen. Dieser Adolf Damaschke hatte ja Anhänger, und eine Anzahl von Anhängern waren zu gleicher Zeit unsere Mitglieder, Mitglieder der Theosophischen Gesellschaft. Die hatten das Bedürfnis, daß ich einmal mit diesem Damaschke in eine Art von Diskussion vor ihnen kam. Es waren Anhänger von uns, die zu gleicher Zeit eine Gruppe von Bodenreformern gebildet haben, und Damaschke sollte nun vortragen, was er über das eine oder andere dachte. Ich hatte dann, nachdem Damaschke seine Ansichten vorgebracht hatte, gesagt: Sehen Sie, die Sache verhält sich folgendermaßen. Dasjenige, was Sie ausführten, wird ganz gewiß die Menschen bestricken, denn es ist mit einer gewissen volkswirtschaftlichen Klarheit — Wasserklarheit, das habe ich nicht gesagt, aber gedacht — vorgebracht, es leuchtet manchmal ein, auf dem Wege, den ich gestern angedeutet habe. Sie wollen zwar nicht die Produktionsmittel, wie dieSozialdemokratie, wollen aber den Boden, und zwar den Boden, auf dem Häuser stehen, also den gesamten Boden gewissermaßen kommunistisch verstaatlichen, Gemeinsamkeit im Bodenbesitz hervorrufen, um dadurch eine Lösung der sozialen Frage hervorzurufen. Es ist alles teilweise richtig, was Sie entwickelt haben, nur an einem Kapitalfehler, der Ihnen natürlich entgehen muß, wenn Sie bloß theoretisch, nicht wirklichkeitsgemäß verfahren, an einem Fehler leidet das Ganze. Es ist nicht richtig, was Sie sagen, aber es wäre unter einer gewissen Voraussetzung richtig. Könnte man zum Beispiel, wenn in einer Stadt zwei Häuser aneinandergrenzen und ein drittes Haus gebaut werden sollte, da, wo die zwei Häuser aneinandergrenzen, den Boden elastisch ausdehnen, so daß das eine Haus da steht und das andere Haus da, und dazwischen würde man für das dritte Haus Platz schaffen — wenn der Boden elastisch wäre, dann wäre alles richtig. Da aber die Erde eine bestimmte Fläche hat und nicht elastisch ist, nicht wächst, so ist die ganze Bodenreformtheorie in Wahrheit falsch.

[ 26 ] Das ist von dieser Seite her der allergewichtigste Einwand. Ich kann ihn nur skizzenhaft andeuten. Damaschke hat mir dazumal gesagt, das sei ihm noch nie aufgefallen, aber er hat mir versprochen, er würde tief nachdenken über die Sache. Ich habe nichts weiter gehört, ich weiß nicht, wie tief er nachgedacht hat. In seinen folgenden Schriften war nichts davon zu bemerken, Er hat fortgewurstelt in der alten Weise und hat alle seine Bodenreformideen doch in dieser Richtung weitergeführt. Es kamen immer wieder Leute, die sagten: Ja, die sozialdemokratische Idee geht nicht, aber Bodenreform, das ist doch etwas, was sicherlich verwirklicht werden kann.

[ 27 ] Da ist der eine Pol, der studiert werden muß in seinem weiteren Umfange; denn die Sozialdemokratie betrachtet auch den Grund und Boden als Produktionsmittel. Das wäre er nur, wenn er elastisch wäre. Diejenigen Produktionsmittel, die in elastischer Weise, was man eben nicht berücksichtigt, wirklich so betrachtet werden können, wie sie im Marxismus betrachtet werden, das sind die Produktionsmittel, die man auch im Bedarfsfalle erzeugen, also hervorrufen kann. Sie können, wenn Sie Maschinen brauchen, sie herstellen, um das oder jenes zu erzeugen, und wenn Sie mehr Maschinen erzeugen wollen, so können Sie mehr Arbeiter hinstellen; da ist die Elastizität vorhanden. In dem Augenblicke, wo man dieselbe Denkweise — und auf die Denkweise kommt es an — auf den Grund und Boden anwendet, scheitert es an der Unelastizität des Bodens.

[ 28 ] Das ist das eine, wo man einsetzen muß. Das andere, wo man einsetzen muß, ist, daß notwendigerweise das soziale marxistische Denken scheitern muß daran, daß es ganz aus dem wirtschaftlichen Prozeß herausgebildet ist und die Produktionsmittel, die es also kommunistisch verwalten will, im wirtschaftlichen Prozeß nur so denkt, wie sie als reelle Produktionsmittel, als Produktionsmittel für die Handarbeit, sind. Dadurch wird ausgeschaltet die unendliche wichtige Stellung, welche das Geistige im ganzen Entwickelungsprozeß, auch im sozialen Prozeß der Menschheit hat. Denn das Geistige hat die Eigentümlichkeit, ein Minimum von Produktionsmitteln zu haben. Eigentliches Produktionsmittel zum Beispiel für mich ist ja nur die Feder. Man kann nicht einmal sagen, daß das Papier Produktionsmittel ist, denn das ist Zirkulationsobjekt. Eigentliches Produktionsmittel ist nur die Feder im marxistischen Sinne. Dadurch aber muß notwendigerweise der ganze Impuls, der vom Geistigen ausgehen muß, und der lahmgelegt würde, wenn die Welt sozial marxistisch angeordnet würde, dieser geistige Prozeß muß durch das marxistische Denken ausgeschaltet werden. Das ist der andere Pol.

[ 29 ] An zwei Polen scheitert die marxistische Denkweise. In der Mitte sitzt sie fest. In der Mitte ist sie dialektisch ungemein scharfsinnig ausgebildet; an zwei Polen scheitert sie. Und sie scheitert im allereminentesten Sinne, radikal scheitert sie an diesen zwei Polen. Zunächst die Mehrwertstheorie. Sie scheitert an der Unelastizität des Bodens. Sie scheitert daran, an der Unelastizität des Bodens, in viel stärkerem Sinne als man denkt. Denn die gesamte Bevölkerungsstatistik kommt auf einem begrenzten Territorium volkswirtschaftlich nicht zu ihrem Rechte, weil der Boden derselbe bleibt, auch wenn zum Beispiel eine Bevölkerungsvermehrung eintritt. Dadurch werden Veränderungen in der Wertskala hervorgerufen, die nicht in Rechnung gezogen werden können bei bloßem marxistischem Denken. Ferner kann nicht, bei bloßem marxistischem Denken, in Rechnung gezogen werden dasjenige, was nun wiederum nicht im wirtschaftlichen Prozeß selbst vermehrt und vermindert werden kann. Merkwürdig, die beiden Dinge stehen an den äußersten Enden des volkswirtschaftlichen Prozesses: dasjenige, was Ihnen als «Grütze» — verzeihen Sie — im Kopfesitzt, und dasjenige, was als Boden daliegt. Was dazwischen ist, das unterliegt eigentlich dem Denken der Produktionsmittel so, wie es das marxistische Denken hat. Aber der Boden, der hängt eben von der Witterung, von allen möglichen anderen Dingen ab, der hängt ab von seiner Ausdehnung — also, wie gesagt, er ist nicht elastisch. Das steht auf dem einen Pol.

[ 30 ] Ich kann das nur andeuten wie gewissermaßen als Ergebnis. Würde ich Ihnen nun davon sprechen, in allem einzelnen beweisen, daß der Marxismus scheitern muß gerade als Tatsache, weil er an diesen beiden Polen scheitern muß, so würde ich zunächst viel reden müssen. Das könnte schon sein, aber es würde zunächst zu weit führen. Aber man kann es beweisen. Und das ist das Gefährlichste in dem gegenwärtigen sozialen wirtschaftlichen Experimente, daß mit diesen beiden Polen nicht gerechnet wird, daß alles, was aus dem hervorgeht, bloß den industriell gedachten marxistisch-dialektischen Gedankenbildern entspricht und nur mit industriellen Begriffen eben rechnet, mit demjenigen, was unberücksichtigt läßt links und rechts Grund und Boden und dasjenige, worüber ebensowenig Willkür herrschen kann: Begabungen, Einfälle. Bedenken Sie, was alles davon abhängt! Der volkswirtschaftliche Prozeß steht still, wenn Sie nicht den Boden in die richtige soziale Struktur hineinbringen, und wenn Sie nicht dasjenige, was menschliche Erfindungsgabe ist, im weitesten Sinne in die richtige soziale Struktur hereinbringen. Alles steht still. Es kann nur über eine gewisse Zeit hinaus Raubbau getrieben werden an dem, was schon da ist. Es kann Raubbau getrieben werden in bezug auf das, was schon vorhandene volkswirtschaftliche Werte sind. Allein eines Tages wird der Stillstand kommen über dasjenige, was schon da ist, wenn man nicht wirklich real denkt, nicht entfaltet, was ich immer wirklichkeitsgemäßes Denken nenne, wenn man nicht wirklichkeitsgemäß denkt, sondern nur illusorisch denkt, nämlich auch wiederum allein das, was in der Mitte drinnen steht, ins Auge faßt, und nicht das Totale, das volle Totale wieder ins Auge faßt.

[ 31 ] Daraus aber sehen Sie, daß es vor allen Dingen notwendig ist, Aufklärung zu schaffen. Und ich kann Ihnen die Versicherung geben: Die Funktion von Grund und Boden und die Funktion der geistigen Betätigung, sie ist schwieriger zu verstehen im volkswirtschaftlichen Prozeß als dasjenige, was der Marxismus im wirtschaftlichen Prozeß als Einsicht in schöner und scharfsinniger Weise hineingetragen hat. Aber für das andere ist alles noch zu tun. Gehen Sie hausieren, bei wieviel Menschen Sie heute noch Interesse finden für diese Dinge! Aber es gibt kein Heil in der Zukunft, ohne daß man für diese Dinge Interesse hat. Und richtig studiert können sie nur werden, wenn man die Prinzipien der Geisteswissenschaft hat. Wie heute nur Brücken gebaut werden können, wenn man Mathematiker ist und Mathematik studiert hat, so können soziale Strukturen nur begriffen werden, wenn man die elementaren Begriffe aus der Geisteswissenschaft heraus bildet. Das ist es, was ins Auge gefaßt werden muß. Fassen Sie das nicht ins Auge, daß es vor allen Dingen nötig ist, überall und überall Schulen, Unterrichtsmöglichkeiten zu schaffen, damit dasjenige, was auf diesem Gebiete die Menschen verstehen müssen, um miteinander leben zu können, auch in die Köpfe hineinkomme, dann schaffen Sie mit allem, mit bestem Willen, mit allen möglichen Lenins und Trotzkis und Scheidemanns und allen Näherliegenden, die zu nennen vielleicht hier nicht gestattet ist, nur illusionäre Gebilde, die Raubbau treiben können, die aber nicht reale Gebilde sind. Da ist es besser, man schafft mit dem Bewußtsein, daß es ein Provisorium ist, eine Kontinuität des Wirtschaftslebens, betrachtet das als Provisorium und wirkt vor allen Dingen dahin, daß das bürgerliche Unterrichtswesen verschwindet mit seinem Unverstand.

[ 32 ] Sie betrachten das vielleicht als etwas, was schwierig ist und was unbequem ist, aber es ist eben eine Notwendigkeit. Man kann nur wollen entweder, daß die Menschheit ins Chaos kommt, oder daß wirklich das geschieht — man kann das nicht als Unbequemlichkeit empfinden —, daß nun wirklich an den richtigen Enden angefangen wird, nämlich zunächst mit der radikalen Aufklärung der Menschen. Da muß eingesetzt werden, das ist es, was verlangt werden muß. Vor allen Dingen muß man dann sich klar sein darüber, daß dadurch, daß ja Karl Marx im Grunde genommen nur das bürgerliche Denken aufgenommen und sehr scharfsinnig dialektisch durchgebildet hat, daß Karl Marx auch über die anderen beiden Gebiete ungenügende Vorstellungen hervorruft. Man kann über die Art, wie der Mensch sich mit anderen Menschen zusammenfindet — das Zusammenfinden geht ja aus dem Interesse, aus dem Gefühl hervor —, man kann ein Verständnis dafür, wie die soziale Struktur in diesem Sinne sich bilden muß, nur gewinnen, wenn man den Nerven- oder Kopfmenschen studiert. Aber den hat ja abgelähmt das Bourgeoistum, das besondersauf den NervenKopfmenschen hin organisiert ist, aber in der Klasse, im Stand ihn gerade abgelähmt hat, so daß eigentlich alle wirklichen, lichtvollen spirituellen Begriffe auf diesem Gebiete verschwunden sind. Nun, sie sind ja eigentlich recht sichtbarlich verschwunden, kann man sagen, sie sind so anschaulich verschwunden: Sie können heute noch Bilder sehen aus dem achtzehnten Jahrhundert — die Gesinnung hat sich ins neunzehnte Jahrhundert, wenn auch in weniger augenfälliger Form, fortgepflanzt —, wo sich die Leute ergötzen daran, wie der Mensch ursprünglich ein geselliges Wesen ist, Bilder: Prinzessinnen, Königinnen, kurz, lauter Leute, die es ja heute schon fast nicht mehr gibt, sie tanzen im Schäferkostüm, ergehen sich in dem, was der ursprüngliche elementare Mensch an Herzlichkeit und Brüderlichkeit im geselligen Leben entwickelt. Man kann sich nichts Verlogeneres denken als alle diese Dinge, die nur im neunzehnten und zwanzigsten Jahrhundert dann andere Formen angenommen haben. Aber die Lüge und Illusion und Phantastik, sie beherrschten so sehr das Denken, daß ja wirklich wie ein Blitzstrahl hineinfällt dasjenige, was von dieser Seite aus, die ich auseinandersetzte, der Mehrwertstheorie, der Marxismus als Ausdruck der Proletarierstimmung geltend machte: Ach was, Wischiwaschi all das Reden von Brüderlichkeit, von Drinnenstehen des Menschen in der Gesellschaft, vom Gehören eines Menschen zum andern; man sehe hin, wie sich herausgebildet hat gerade in bezug auf das industrielle Leben die Geselligkeit, die herrscht zwischen dem Grubenbesitzer und denen, die da in fortgesetzter Arbeit in den Steinkohlenbergwerken drinnen tätig sind und so und soviel arbeiten müssen. Man sehe an das menschlich-gesellige Verhältnis zwischen Unternehmern und Besitzern von Schwefelgruben in Sizilien und denjenigen Menschen, die unten in dieser lebenvernichtenden Arbeit stehen, und deren Mehrwert jene besitzen. — In diese eigentümliche Art, wie Mensch zu Mensch wirkt, wie Mensch den Menschen braucht im menschlichen Leben, da hinein hat Karl Marx wahrhaftig auf eine dem Proletariat verständliche Weise gewirkt. Und das wurde wiederum verstanden, daß das Wirken von Mensch zu Mensch vor allen Dingen wirkt in der Differenzierung in Klassen von Besitzenden und Besitzlosen. Und Programme entstanden mit der Konsequenz: Wenn das anders werden soll, so kann es nur anders werden durch den Kampf der proletarischen Klasse gegen die Bourgeoisie, denn das ist eine Notwendigkeit.

[ 33 ] Selbstverständlich wird es viele geben, die Grubenbesitzer sind, und wenn ihnen einmal im 'ITheater vorgeführt werden die Leiden der Grubenarbeiter, dann wird ihr Herz voll Mitleid, voller Mitgefühl, vielleicht füllt sich sogar das Auge mit Tränen. Aber das ist ja alles nichts wert, sagt der Proletarier, denn den Leuten hilft nichts dieses Mitleid; sie können ja nicht anders, sie sind ja persönlich, individuell gar nicht Schuld daran. Der Mensch ist ja nicht ein individuelles Wesen, der Mensch ist durch die historische Notwendigkeit in eine gewisse Vergesellschaftung — nicht Geselligkeit, wie die idealistischen Vorstellungen des achtzehnten Jahrhunderts waren, sondern in eine Vergesellschaftung, die nicht anders werden kann als durch einen Kampf, hineingestellt. Das Einsehen dieser Sache ist eine Notwendigkeit. Es ist gar nicht von persönlicher Verantwortlichkeit zu reden, denn es ist Notwendigkeit, einen historischen Prozeß zu fördern. — Das ist dasjenige, was Karl Marx seinen Proletariern eingebleut hat und was man im Bourgeoistum so wenig verstanden hat.

[ 34 ] Und das dritte war die materialistische Geschichtswissenschaft. Wir können aber vorher noch fragen, bevor wir diesen dritten Punkt ins Auge fassen: Worauf kommt es an, wenn man die Vergesellschaftung verstehen will? — Denn Karl Marx hat eben nicht begriffen, was der Mensch ist als Nerven- und Sinneswesen: daß er eine Individualität ist, daß er mehr ist, als jede Gesellschaft ihm geben kann, als Individualität. Das ist dasjenige, was ich entgegenhalten mußte in meiner «Philosophie der Freiheit», die den Grundnerv der sozialen Frage gerade in diesem Punkt berührt; das ist wiederum dasjenige, was ebenso der Vergesellschaftungslehre bei Karl Marx, wo das Individuum vollständig verschwindet, entgegengehalten werden muß, wie entgegengehalten werden muß die Funktion des Grundes und Bodens und der geistigen Arbeit der Vergesellschaftung der Produktionsmittel. Denn wiederum kann man zeigen, daß aller sozialer Prozeß stillstehen muß, wenn ihm nicht die Quellen zufließen, die aus der menschlichen Individualität kommen.

[ 35 ] Das ist wichtig, das aber wird wiederum nur möglich sein, wenn man eben diesen Quell menschlicher Impulse, menschliches Sinnes- und Nervenwesen kennt. Wiederum ist notwendig, daß man an der Gesellschaftsarbeit beginnt. Man kann erst aus den anderen Gedanken folgern dasjenige, was Tatsache ist. Karl Marx hat aus einem schönen Instinkt heraus das wunderbare Wort geprägt: Die Philosophen haben bisher nur die Tatsachen verschieden interpretiert; wir aber wollen Tatsachen schaffen, die Tatsachen verändern. — Und die Tatsachen wollte er verändern aus seinen Gedanken, wollte Gedanken schaffen, die Tatsachen werden können, hat es auch erreicht; aber er hat nur erreicht, daß eben das Proletariat selbst, die Denkweise, die Empfindungsweise des Proletariats da ist. Aber was lebt in ihm? Die Gedankenableger des Bourgeoistums leben im Proletariat, die Erbschaft der Gedanken des Bourgeoistums. Das ist es, was der Proletarier vor allen Dingen begreifen muß, daß er nicht weiterkommen kann auf seinem Wege mit seinen Forderungen ohne eine wirkliche geisteswissenschaftliche Erkenntnis des Menschen, und daß ihm diese nie zukommen kann, wenn er beibehält die bourgeoise Wissenschaft. Er wird verstehen, wenn man ihn in der richtigen Weise aufklärt und die Möglichkeit hat, ihn in der richtigen Weise aufzuklären. Diese Möglichkeitmuß geschaffen werden.

[ 36 ] Und endlich das dritte, das ist, daß man einsieht, inwiefern der Mensch das Wesen ist, das er ist aus seinem Stoffwechselprozeß heraus, der gerade mit seinem Geistigsten zusammenhängt. Da ergibt sich eine wirkliche Geschichtsauffassung. Weil aber Karl Marx von dem dreigliedrigen Menschen gar keine Ahnung hatte, weil der vergessen worden ist, so wurde eben die Geschichtsauffassung eine bloße materialistische Geschichtsauffassung. Er erkannte richtig, daß wichtiger ist als das, was die Menschen sich vormachen als ihre Illusionen, das, was sie in sich tragen als ihre Instinkte. Das kommt von den Klassen her. Er sagte den Leuten: Seht ihn an, den Bourgeois! Verurteilt ihn doch nicht, er ist doch wahrhaftig nicht, weil er etwas dafür kann, so geworden, sondern im historischen Prozeß hat sich halt die Klasse der Bourgeoisie gebildet; dadurch lebt er in einer ganz gewissen Weise in seiner Klasse drinnen. Dieses Leben in seiner Klasse erzeugt die Richtung seiner Gedanken. Bei euch werden andere Gedanken erzeugt. Ihr könnt nichts für eure Gedanken, er kann nichts für seine Gedanken, denn das alles kommt aus dem Unterbewußten heraus, nämlich aus der Klassenstruktur, aus der sozialen Struktur. Beurteilt die Sache nicht moralisch, sondern seht die Notwendigkeit ein, daß er gar nicht anders kann als euch unterdrücken, daß er gar nicht anders kann als euer Gegner sein. Daher werdet sein Gegner. Schafft euch dasjenige, was notwendig ist, durch den Klassenkampf.

[ 37 ] Alle drei Punkte gipfeln zuletzt in dem Klassenkampf, der hingestellt wurde als die große Forderung der neuen Zeit. Karl Marx knüpfte in echt Hegelscher Weise an die Dialektik an. Er sagte: Wir wollen als Proletarier gar nichts, was wir erfinden, sondern was uns die Entwickelung selber lehrt; wir wollen bloß das Rad etwas ins Rollen bringen, daß es bewußt weiterrollt. All das, was wir wollen, würde schon von selber kommen, indem sich das Unternehmertum immer mehr und mehr in Gesellschaften, in Trusts und so weiter zusammentut. Indem es die staatlichen Impulse in seinen Dienst stellt, sorgt das Unternehmertum schon dafür, daß es sich immer mehr und mehr als eine Klasse absondert von der Klasse des Proletariats, daß die Besitzenden und Besitzlosen immer schroffer einander gegenüberstehen, aber so, daß das alles immer mehr und mehr uniformiert wird, daß immer weniger einzelne Besitzende da sind, sondern immer größere Gesellschaften von Besitzenden, die notwendigerweise auch gerade in dieser Weise vom Proletariat hervorgerufen würden, Der Besitz organisiert sich. — Kampfstimmung war vor allen Dingen das, was im Proletariat aufdämmerte aus der marxistischen Dialektik, aus der marxzistischen Wissenschaft. Und diese Kampfstimmung lebte seit Jahrzehnten in dem Gegensatze zwischen dem Proletariat, das über alle nationalen, über alle sonstigen Grenzen hin sich bloß als Proletariat fühlte, und zwischen dem Unternehmertum, das sich immer mehr und mehr auch vergesellschaftete und endlich auswuchs in den Imperialismus. So daß nach und nach das moderne Leben die alte politische Form immer mehr und mehr verlor und dasjenige, wovon man konfuserweise sich noch die Illusion machte, daß es alte Staatsgebilde seien, zu den neuen Imperialismen wurde, die eigentlich nichts anderes sind als die Verkörperung desjenigen, was dem Proletariat gegenübersteht als das Unternehmertum. Und im eminentesten Sinne gehört zu solchen Imperialismen dasjenige, was sich einbildet, ein altes politisches Gebilde zu sein, was aber nach und nach ganz und gar nur eine Unternehmerveranstaltung geworden ist: das Britische Reich; dazu gehören die Vereinigten Staaten. Sie können das in den älteren Schriften und Vorträgen von Wilson nachlesen, der ja das alles bewiesen hat, daß es so ist in Wirklichkeit, denn in diesem Gebiete, in bezug auf das Sehen in diesem Gebiete — ich habe es ja schon von anderer Seite gezeigt — ist Woodrow Wilson wirklich ein einsichtiger Mann.

[ 38 ] Also das ist es, was, man könnte sagen, eigentlich zugrunde liegt diesem Kriege, sogenannten Kriege; das ist es, was lauerte, und was sich maskiert hat in dem sogenannten Gegensatze der Zentralmächte und der Entente. Das hat sich seit Jahrzehnten herausgebildet. Das mußte zum Ausdruck kommen in irgendeiner Weise und wird weiter zum Ausdruck kommen. Immer mehr und mehr wird der Kampf die Form annehmen, in irgendeiner Maske den Gegensatz, der sich in dem Unternehmertum und dem Millionen-Proletariat vorgebildet hat, zum Ausdruck zu bringen. Staat heißen in dem Sinne, wie die westlichen Staaten Staaten bleiben wollen, Staat heißen wird man nur können, wenn man in irgendeiner Weise den Staat benützt als Rahmen für Unternehmerbestrebungen, Kapitalistenbestrebungen; und Gegner, Gegnerschaft wird sich herausbilden da, wo das Bewußtsein des Proletariats überwiegt. Das gloste, wenn ich mich des Ausdrucks bedienen darf, gloste, glimmte, sengte — was nicht ganz glimmt, das glost —, glomm unter dem, was sich als eine große Lüge, als die Lüge des sogenannten Weltkriegs über die Welt hin erstreckte; das benützte all dasjenige, was nun phrasenhaft hineinklang von «Freiheit der Nationen, Selbstbestimmungsrecht jeder Nation». «Freiheit der Nationen» klingt ja schöner, als wenn man sagt: Wir brauchen im Osten von Europa ein Absatzgebiet, denn wo Produktion ist, muß Konsumtion sein. — Man sagt es vielleicht nur dann, wenn man einer ganz geheimen Loge angehört, die von den hinteren Machtgefilden aus die ganze Situation beherrscht. An der Außenseite verbrämt man die ganze Sache mit schönklingenden Phrasen, putzt sie dadurch auf, daß man möglichst Worte prägt, über die sich die Leute entrüsten können, von allen möglichen ungeheuerlichen Taten und so weiter. Dasjenige aber, was als Wahrheit hinter den Dingen ist, das wird sich den Menschen schon zeigen; das wird sich eben zeigen, daß herausspringt aus der Summe von Unwahrhaftigkeit dasjenige, was dahintersitzt und was nur geheilt werden kann durch ein so tiefes Verständnis der Wirklichkeit, wie es einzig und allein der Geisteswissenschaft möglich sein kann.

[ 39 ] Denn dasjenige, was sich in der alten Art, sei es bewußt oder unbewußt, organisiert hat und was sich aus dem Geistigen heraus in neuer Art organisiert, das nimmt ja in einer eigentümlichen Weise an dem Prozeß teil. Wir leben im Zeitalter der Bewußtseinsseele. Durch die Bewußtseinsseele wird vorzugsweise in alledem, was sich als Britische Reichsgemeinschaft in der englischsprechenden Bevölkerung zusammenschließt, gewirkt. Sie wissen, ich habe das zu anderer Zeit ausführlich entwickelt; das ist also das hauptsächlich Zeitgemäße. Aber dieses Zeitgemäße, das muß sich kleiden eigentlich in Unternehmertum, in Imperialismus. Das muß Weltherrschaft werden in bezug auf das äußere Materielle. Wird das nun mit solchen Mitteln geführt, wie ich sie auch auseinandergesetzt habe hier in den Weihnachtsvorträgen 1916, dann muß eben das herauskommen, was bisher herausgekommen ist, was weiterhin herauskommen wird. Das ist es, was trotzdem der eigentliche treibende Motor ist hinter den Kulissen der Geschichte, das andere ist etwas, wovon man gut reden kann. Aber die Ausbreitung der Weltherrschaft, und zwar der materialistischen, der materiellen Weltherrschaft, das ist es, was — von der einen Seite wird es gefördert, von der anderen Seite bäumen sich die Leute dagegen auf — da eigentlich läuft. Alles andere sind Bekleidungsstücke. Denn dasjenige, was sich in einer anderen Ordnung gebildet hat, was weniger zeitgemäß sich in den Entwickelungsprozeß der Menschheit hineinstellt, das muß auch in anderer Weise seine Entwickelung finden. So kommt es, daß das romanische Element, als dessen vorzüglichste Träger, wenn wir vom Spanischen, das korrupt ist, absehen, wir das Italienische und das Französische sehen, das romanische Element, welches aus ganz anderen Voraussetzungen, durch Erbschaft aus der früheren Kulturperiode, aus der vierten nachatlantischen Kulturperiode herein in die fünfte sich erhalten hat, gerade durch die Siege, die es jetzt erfochten hat, in die Dekadenz, in seinen Untergang kommen wird. Das können Sie aber auch aus gewissen Dingen entnehmen, die Ihnen gerade zeigen können, wie Geisteswissenschaft der Wirklichkeit entnommen ist.

[ 40 ] Sehen Sie, ich habe Ihnen ausgeführt, was französisches Zusammenschließen ist in staatlicher Form. Ich rede selbstverständlich nicht von den einzelnen Franzosen, sondern von dem Franzosen, der sich als Franzose fühlt, insoferne er dem Staate Frankreich angehört, jenem Staate Frankreich, der Wert darauf legt, Elsaß-Lothringen zu besitzen und so weiter. Das ist ein großer Unterschied; nichts richtet sich gegen den einzelnen Menschen, was gesagt wird, es richtet sich überhaupt nicht gegen irgend etwas, sondern charakterisiert nur. Aber es richtet sich darauf, insoferne der Mensch Angehöriger dieser oder jener Gruppe ist, was einen ja immer schlechter macht: «Oaner is a Mensch... .», denn Nationen sind gewöhnlich viele, nun ja! Also bedenken Sie, daß wir in einer dreifachen Entwickelung drinnenstehen. Das Französische ist insbesondere da, um auf der Stufe, in der es jetzt möglich ist, auszubilden, was wir Verstandes- oder Gemütsseele nennen; darüber haben wir schon gesprochen. Diese Verstandes- oder Gemütsseele fällt in ihrer besonderen Entwickelung in die Jahre des Menschen von 28 bis 35, wie Sie wissen: astralischer Leib bis zum 21. Jahre, Empfindungsseele bis zum 28. Jahre, Verstandes- oder Gemütsseele bis zum 35. Jahre, vom 35. bis 42. Bewußtseinsseele, dann kommt das Geistselbst.

[ 41 ] Nun aber laufen ja Entwickelungsströmungen durcheinander. Sie wissen, der einzelne Mensch als Einzelmensch ist heute in der Entwickelung der Bewußtseinsseele begriffen, das heißt, er wird eigentlich nur so recht erst in dieKräfte eingeführt, die ihm sein Zeitalter geben kann, wenn er über das 35. Jahr hinaus lebt. Vorher muß er das lernen, muß erzogen werden darinnen, aber niemals kann man selbst das nur lernen, was das Zeitalter einem dann gibt, wenn man über das 35. Jahr hinaus lebt. Das ist unangenehm für diejenigen, die das Wahlalter hinausschieben wollen, aber es ist eben eine Entwickelungstatsache. So daß man sagen kann: Diese Entwickelung ist besonders günstig der Teilnahme von 35 bis 42 Jahren. Da entwickeln sich für dasjenige, was am allerzeitgemäßesten ist im Zeitalter der Bewußtseinsseele, die Kräfte, die so recht konsolidieren können. Das könnte natürlich dazu führen, daß ein Verständnis dafür vorhanden ist, wie gerade von 35- bis 42jährigen englischsprechenden Männern und Frauen die Konsolidierung desjenigen ausgehen kann, was das Britische Weltreich innerlich groß macht — wenn auch Lloyd George ein Siebenundzwanzigjähriger geblieben ist, aber Lloyd George ist dafür kein typischer Mensch, sondern ein typischer Mensch für die Menschheit der Gegenwart, nicht für das Britentum.

[ 42 ] Dagegen die Gesamtmenschheit, die entwickelt sich so, daß die Menschen bei ihrem immer Jünger- und Jüngerwerden gegenwärtig gerade dabei stehen, den Zeitraum vom 21. bis 28. Jahre zu entwickeln, die Empfindungsseele, Diese zwei Strömungen laufen nun in der Vorwärtsentwickelung der Menschheit durcheinander. Sie sehen, da bleibt der Zeitraum vom 28. bis 35. Jahre brach, unfruchtbar. Der aber ist gerade zugewiesen der französischen Entwickelung: 28. bis 35. Jahr. Das drückt sich so stark aus, was Sie da geisteswissenschaftlich erforschen können, daß sogar die Unfruchtbarkeit der französischen Bevölkerung darinnen ausgesprochen ist, die äußere physische Unfruchtbarkeit. Das ist zu gleicher Zeit der perspektivische Hinweis auf dasjenige, was sich sonst in zahlreichen okkulten Forschungen darstellen ließe: daß das französische Volk nicht weiterhin in der Lage ist, aus den Wirrnissen heraus aufrechtzuerhalten dasjenige, was die Erbschaft des Romanismus ist. Nur daß, was zufließt dem Italienertum aus dem Umstande, daß das Italienertum sich gerade in der Entwickelung der Empfindungsseele, 21. bis 28. Jahr, befindet, daß gerade dem Italienischen durch diese Auffrischung zufällt die Übernahme der Hegemonie der romanischen Völker, soweit sie noch eine, Aufgabe haben in der zukünftigen Zeit. Das ist so besonders wichtig, daß man sich im europäischen Prozeß solche großen Dinge vor Augen führt, daß man also weiß zum Beispiel, daß etwas, was aus ganz anderen als Gegenwartsimpulsen hervorgegangen ist wie die Nachwirkung des Romanismus in der europäischen Kultur, daß das ja allerdings in der Dekadenz ist, daß aber zunächst in die Hegemonie das italienische Volk kommt.

[ 43 ] Vielleicht weist mir jemand nicht das Recht zu, über diese 'Tragik zu sprechen. Das ist aber auch dasjenige, was man mit einer gewissen Tragik aussprechen kann: daß weder nach der einen Seite, noch nach der anderen Seite hin die Franzosen für die französische Sache sich eingesetzt haben, sondern alles mögliche aufgebracht haben, um dasjenige zu fördern, was das französische Wesen aus dem Entwickelungsprozesse der neueren Menschheit verschwinden machen wird.

[ 44 ] Im Osten wartet das russische Slawentum; es kann abwarten, weil es für die Zukunft bestimmt ist, all dasjenige, was aus dem wirren Chaos hervorgehen wird desjenigen, was sich da oder dort entwickelt. Solche Dinge, die sind nun das andere, welches hervorgehen muß aus geisteswissenschaftlicher Durchdringung der Tatsachen. Auf was ich immer wieder und wiederum hinweisen möchte durch solche Betrachtungen, die ja nächstens einmal wiederum vermehrt werden können, wenn uns Möglichkeiten noch eröffnet sind, ist: sich zu entschließen, die Dinge in ihrer Wahrheit zu sehen, wirklich ein wenig darauf auszugehen, nicht stehenzubleiben bei den Illusionen und Phantasmen, sondern die Dinge in ihrer Wahrheit zu sehen. Geisteswissenschaft ist ja etwas, was nicht nur abstrakte Begriffe gibt, sondern was mit der Wirklichkeit bekannt machen kann. Dann wird man auch, wenn man so mit der Wirklichkeit durch die Geisteswissenschaft bekannt werden kann, all die sonderbaren Begriffe nicht überschätzen, mit denen sich das geistige Leben, auch die Menschheit in den letzten Zeiten, vielfach genährt hat. Diese Begriffe sind vielfach, ich möchte sagen, luziferisch-ahrimanisch gebildet worden, indem man mit Empfindungen aus der urältesten Zeit, die man fortgetragen hat, mit der Zeit fortgetragen hat, in seinem Denken, in seinem Vorstellen sich genährt hat. Die Menschen hängen so an altererbten Begriffen, und man kann tiefes Leid empfinden, wenn man dieses Hängen, dieses starre Hängen an altererbten Begriffen bei den Menschen bemerkt. So haben die Menschen sogar in dieser Zeit von «großen Feldherren» gesprochen, so ist genährt worden auf einem bestimmten Gebiete ein wahrer Götzendienst für Leute wie Hindenburg und Ludendorff, ein wahrer Götzendienst, als ob überhaupt in dem ganzen Zusammenhang der Katastrophe, die sich zugetragen hat, dieser alte Heroendienst noch eine Bedeutung haben konnte! Alle die Fähigkeiten, durch die früher Schlachten gewonnen worden sind, oder die Unfähigkeiten, durch die früher Schlachten verlorengegangen sind, haben ja in diesem Kriegsprozesse gar keine Bedeutung mehr gehabt. Man hat gesiegt oder nicht gesiegt, je nachdem Material, Material an Kanonen, Material an Munition, Material an Menschen gerade an einem Orte vorhanden war und man es hatte, oder der andere eshatte, danach wurde gesiegt; oder jenachdem der eine oder der andere ein wirksameres oder unwirksameres Gas hatte. Danach wurde gesiegt oder wurden Schlachten verloren. In dem Grade kam die persönliche Tüchtigkeit der Strategie ja gar nicht in Betracht, in dem sie früher in Betracht kam. Und man stößt auch da auf eine furchtbare Unwahrheit in der Beurteilung des einen oder anderen Menschen. Sie glauben gar nicht, wo überall es heute nötig ist, die Begriffe von Wahrheit und Unwahrheit zu korrigieren. So tief verstrickt in Phrasentum und Unwahrheit, in Illusionen und Phantasmen ist schon einmal unsere Zeit. Deshalb muß es immer wieder betont werden, daß herausgekommen werden muß aus diesem Verstricktsein in diesen Vorstellungen. Und diese Vorstellungen, sie sind vorhanden namentlich auf dem Gebiete des Bildungswesens. Fangen Sie oben an und gehen Sie bis zum niedersten Schulwesen herunter, überall ist es notwendig: Medizin und Theologie und Jurisprudenz und Philosophie, und was alles sich noch darangegliedert hat an diesen Universitäten, dann das mittlere Schulwesen und alles mögliche, das ist dasjenige, was geeignet war, den Boden der Wahrheit zu untergraben und was die Leute am allermeisten mit Bezug auf dieses Untergraben des Bodens für die Wahrheit in Schlaf gelullt hat.

[ 45 ] Es ist ja so ungeheuer schwierig, gerade in diesem Punkte Verständnis zu finden, und es gibt kein Heil, wenn man nicht in diesem Punkte Verständnis findet. Vielleicht ist es mir leichter, in diesem Punkte Verständnis mir errungen zu haben, als manchem anderen. Denn ich glaube allerdings, daß es viel, viel Schaden bringt in der gegenwärtigen Zeit, daß jene Denkweise eben so lange geherrscht und wirklich breite Massen der menschlichen Bevölkerung ergriffen hat, jene Denkweise, die darinnen besteht, daß die Eltern schon sorgen für den jungen Menschen — ich will jetzt absehen davon, wie sie für die Töchter sorgen, denn das würde ein Kapitel für sich bilden —, daß er nur ja in eine staatliche Anstellung hineinkomme, wo er, wenn er auch spät hineinkommt — nun, da muß der Alte nachhelfen —, dann steigt, ohne daß er etwas dazu zu tun braucht, von Quinquennium zu Quinquennium steigt in seinem Gehalte. Er ist lebenslänglich versorgt, denn er ist pensionsberechtigt. Das lullt in eine gewisse Sorglosigkeit ein. Es ist ja nur eine Nebensache gegenüber diesem Grundlegenden, daß man ja auch noch neben dem Verschiedensten wußte: Wenn man lange genug an einem Orte sitzt, so bekommt man den Roten Adlerorden 4. Güte, dann 3. Klasse —, das kommt noch dazu. So etwa tut sich auf, wenn man am ersten Tore des Lebens ist, dasjenige, was einen so sorglos machen kann, weil es einen heraushebt aus dem Lebenskampfe. Proletarische Theorie, Marxismus würde sagen: Das ist ganz selbstverständlich; wer in bourgeoiser Weise unterbewußt die Vorstellungen erzeugt, die aus diesem Sicherheitsgefühl, pensionsberechtigt zu sein, hervorkommen, der kann nichts verstehen von demjenigen Menschen, der, wenn er noch so sehr dasjenige zerstört, was gegenwärtig ist, als Proletarier nichts zerstört als seine Ketten. — Das ist ja eine ständige Redensart in Proletarierkreisen. Man fühlt aber solchen Dingen an, wie wirklich Vorstellungen in ihren Formen erzeugt werden durch die Art und Weise, wie man im sozialen Prozeß drinnensteht. Man hört auf, jenen intensiven, interessierten Anteil zu haben am Lebenskampfe, von dem allein das gedeihliche, fruchtbare Leben abhängt, wenn man weiß, man steigt alle fünf Jahre im Gehalt und hat so und soviel Pension, ist lebenslänglich versorgt. Wie gesagt, von den Töchtern möchte ich nicht reden. Die Denkweise ist aber durchaus nicht etwa anders in dem sozialen Prozeß in bezug auf das Hineinstellen der Töchter und der Frauen in das soziale Leben.

[ 46 ] Aber ich glaube, daß davon sehr viel abhängt. Nur sind jetzt die Tatsachen so, daß sie anfangen, vielleicht gerade durch das Rütteln an manchem, was fest war, was man recht fest glaubte, den Leuten andere Begriffe einzuhämmern. Es werden ja manche, die bisher ruhig warten konnten, was alle Jahre dazugekommen ist, für den Ablauf des nächsten Quinquenniums sonderbar in die Zukunft schauen können. Vielleicht hat mir das Erleben, wie gesagt, daß ich niemals in meinem Leben bewußt irgendeinen Berufs- oder sonstigen Zusammenhang gesucht habe mit irgend etwas, was mit staatlicher Anstellung oder sonst auch nur in irgendeiner Weise mit Staat zu tun hat, dazu verholfen, daß ich mir für diese Vorgänge Verständnis errungen habe. Es verursachte mir immer einen Degout, mit irgend etwas zu tun zu haben, was nach Staat roch. Ich rühme mich dessen nicht, denn das ist natürlich ein großer Mangel; man ist dann ein Bohemien. Nun, wie nannte mich Harlan für die neunziger Jahre im Feuilleton der «Vossischen Zeitung»? «Einen unbesoldeten freischweifenden Gottesgelehrten.» Jemand, mit dem ich dazumal befreundet war und der mich so schilderte, daß seine Schilderung auch in der jetzigen Zeit noch paßt; er schilderte so manches, und er meinte, daß ich ebensowenig wie er hineinpaßte in die damalige Gesellschaft der Bohemiens. Er nannte mich einen unbesoldeten freischweifenden Gottesgelehrten, der ich schon dazumal war, und der nicht recht hineinpaßte in den damaligen Kreis. Aber die ganze Gesellschaft dazumal — das sage ich jetzt in Parenthese, nehmen Sie das nicht übel, wir kennen uns zu gut, als daß Sie mich mißverstehen würden —, die ganze Gesellschaft nannte sich nämlich den «Verbrechertisch», und unter diesem Titel wurde zusammengefaßt eine Anzahl von Leuten, welche sich namentlich das harmlose Programm, wenn man von einem Programm sprechen kann, machten, die Philister damit zu ärgern. Scherze sind eben dazu da, den Ernst zu verbergen, und sie sind oft doch nur der lebenskünstlerische selbsterzieherische Ausdruck des Ernstes.

[ 47 ] Aber ich habe vorgestern am Schlusse davon gesprochen, wie zum Judentum und Griechentum aus dem gegenwärtigen Geschehen heraus doch in einer gewissen Weise das Deutschtum kommen muß, jenes Deutschtum, welches ja zunächst durch Brutalisation wenigstens als deutsches Wesen ausgelöscht werden wird, nicht wahr. Aber es wird eine Rolle spielen. Es ist ja auch das Griechentum ausgelöscht worden, das Judentum ausgelöscht worden in einer gewissen Weise. Es wird seine Rolle spielen. Und es ist mir gerade recht, daß durch die Rezitation des «Chors der Urtriebe» jetzt einer der ausgesprochensten Geister der neueren Zeit, Fercher von Steinwand, der so recht aus deutschem Volkstum heraus spricht, auch aus jenem deutschen Volkstum, das insbesondere in deutsch-österreichischen Gegenden gedeiht, daß das in jenen konkreten, plastischen Ideen vor Ihre Seele getreten ist, die Ihnen zeigen werden, daß eine gewisse Aufgabe gegeben ist gerade für dieses Deutschtum, das für ein äußerliches Staatengebilde nie ein rechtes Talent hatte; daß dieses Deutschtum gewisse Möglichkeiten guter Selbsterkenntnis gerade in solchen ausgezeichneten Individuen hat, wie Fercher von Steinwand war.

[ 48 ] Man glaubt heute in die Notwendigkeit versetzt zu sein, den Deutschen so verschiedenes sagen zu müssen. Insbesondere in den letzten viereinhalb Jahren hat man sich immer gedrängt gefühlt, den Deutschen von außen das und jenes sagen zu müssen. Wir haben es ja noch in diesen Tagen erlebt, nicht wahr, ich glaube, es war Lloyd George, seine Exzellenz selber meine ich selbstverständlich, der nun nach so und so vielen anderen Reden wieder einmal über all das Verworfene, Unmoralische des Deutschtums gesprochen hat, als ob so gar nicht die Möglichkeit vorhanden wäre, daß gerade innerhalb dieses Volkstums aufsprieße dasjenige, was dieses Volkstum an Selbsterkenntnis braucht. Dafür ist nun wiederum Fercher von Steinwand eine außerordentlich gute Probe. Sehen Sie, ich habe Ihnen gesprochen von dem Vortrage, den er, Fercher von Steinwand, 1859 über die Zigeuner gehalten hat vor dem späteren König von Sachsen, dazumal Kronprinz Georg, vor Ministern und vielen Generälen — merken Sie sich das: vor vielen Generälen, denn das ist ja der Militarismus, nicht wahr —; vor vielen Generälen hat er diesen Vortrag gehalten. Er sprach so verschiedenes über die Zigeuner, denn die Zigeuner erschienen ihm gewissermaßen als dasjenige, was so verwandt ist mit der Rolle, welche das deutsche Volk in der Zukunft spielen wird. 1859, nicht wahr, es ist ein starkes Stück von Selbsterkenntnis, wie er sich das ausmalt nach der einen Seite hin, Ich habe es Ihnen vorgestern vorgelesen, ich will es Ihnen aber noch nach einer anderen Seite charakterisieren. Und dazu erlauben Sie mir, daß ich Ihnen noch ein kleines Stück aus diesem Zigeunervortrag Ferchers von Steinwand vorlese. Stellen Sie sich also vor, daß Fercher von Steinwand spricht, spricht über dasjenige, was der Fortentwickelung des deutschen Volkes günstig und ungünstig ist, vor einem Kronprinzen, vor Ministern und vor Generälen, stellen Sie sich vor, daß er spricht in folgender Weise:

[ 49 ] «In unserm Gebirgslande herrscht der übrigens lobenswerte Brauch, daß unmittelbar vor Schlafenszeit der Hausherr zu Tische kniet und sich zum Vorsprecher eines Gebetes macht, das als Rosenkranz bekannt ist. Dieses Gebet wird von der gesamten Familie mit Inbegriff des Dienstvolkes in gegenwortigen Absätzen laut mit- und nachgesprochen und füllt seiner Dauer nach eine nicht zu bezweifelnde Stunde aus. Ja, es kann durch angefügte Vaterunser einer frommen Hausfrau noch beträchtlich verlängert werden. Aus diesem Grunde wird man’s nicht unnatürlich finden, wenn der ersehnte, aber durch fortgesetzte heilige «Bitt’ für un» hinausgeschobene Schlaf manchmal voreilig zu seinem Rechte greift, den ermüdeten Arbeiter mitten im lauten «Ave Maria» unterbricht und die knieende Stellung desselben wiederholentlich erschüttert und so fort, bis sich die sprechend begonnene Frömmigkeit lallend zu Ende geschleift hat. Diesmal ward der Herr des Hauses selbst von der leisen Hand der Natur angefaßt und seine «Herr, erbarme dich unser» hatten nach und nach allen gewohnten Nachdruck eingebüßt. Ich selbst kniete in einer Ecke der Stube und nickte mehr zur Schlafstätte, als zu Gott hin.

[ 50 ] Vor der Schwelle der offen stehenden Zimmertür lagerte lautlos die schwarzbraune Horde» — es war nämlich Zigeunerbesuch da —, «manchmal kristallblanke Zähne enthüllend. Das früh abgeblühte Gesicht eines jungen Weibes, das ruhig dem Eingange zugewendet war, wurde von der Glutröte des Kamins schwankend bestrahlt. Das Weiß in ihrem Auge schien in zunehmender Schläfrigkeit zu ersterben. Desto sichtlicher trat der mattgelbe Schmelz am lasurenen Kreisrande des Augapfels hervor, ein zarter mattgelber Schmelz, der jedes Zigeunerauge kennzeichnet und manchmal nur dem Maler entdeckbar ist.

[ 51 ] All unser Verdruß gegen die Fremdlinge war gewichen, denn Müdigkeit beherrschte das Haus. Niemand außer der uns schon bekannten Zigeunermutter, die ihre Kniee mitten auf den Fußboden gepflanzt hatte, war mit ausharrend tapferer Stimme dem Gebet gefolgt, und der Frömmigkeit stand eine allgemeine Niederlage bevor.

[ 52 ] Plötzlich raffte sich die Alte, wie eine Viper zuckend, mit furchtbarer Heftigkeit von der Diele empor, stürmte mit schnellkräftiger Übermacht auf den erlahmenden Vorbeter los und riß ihm das beperlte Sinnbild des Rosenkranzes aus der erschlafften Hand, in cherubischer Wut aufsprühend. Alles andächtige Gelalle stockte wie vor dem Posaunenschmettern des Weltgerichtes, und das Zimmer schien zu zittern, vom heiligen Erdbeben betroffen. Da sprang oder schnellte sich das pythisch begeisterte Weib mitten in den Kreis der Betenden; ihr Gesichtsumriß hatte sich gorgonenhaft verklärt, ihre Stimme sich zum Gewitterton gesteigert. Beide Arme gegen den Himmel reckend, rief sie: «Wer aber lau ist, o Herr, den wirst du aus deinem Munde speien» — Flatternd fiel der dämmerhafte Glanz der Beleuchtung auf ihre kupfrige schwarzumringelte Stirne, und unter dieser loderte es wie der Blitz des Erzengels Michael feuergewaltig hervor. Niemals ist mir mit so zündender Eindringlichkeit gesagt worden, daß die schwankenden und unentschiedenen Menschen die schlechtesten und wertlosesten Machwerke des Schöpfers sind.

[ 53 ] Welch unermeßliche Fülle religiösen Reichtums durchwalter dieses Weib, also dacht’ ich, wie beneidenswert!

[ 54 ] Ich armer Schüler! Ich hatte noch nicht in Erfahrung gebracht, welch

[ 55 ] ein verschiedenes Ding es sei, einen Seelengehalt zu besitzen und einen solchen zur Darstellung zu bringen. Ich wußte noch nicht, daß es hinreichend sei, dürflige Ansätze zu einem Gehalt in sich zu fühlen, um unter Umständen einen ausgezeichneten Dolmetsch schwerwiegenden Seelengehaltes abzugeben.

[ 56 ] Ich saß einmal unter einem Ahorn, der im Wachstum begriffen war. Das aber gab er durch keinen Trommelton zu verstehen. Allein es ist nicht zu bestreiten, daß zu einer guten Trommel innere Hoblheit notwendig ist. Wär’ es nicht also, so müßten die größten Lärmmacher und Prahlhänse, müßten die gewandtesten Gebärdendrechsler zugleich die größten schöpferischen Geister unter den Sterblichen, und keck um sich greifende Schauspieler die tiefsinnigsten Dramendichter sein und das moderne Deutschland hätte sich nicht über den Mangel an trefllichen Tragödien zu beklagen.

[ 57 ] Wo wäre eine solche Betrachtung passender, als in einer Geschichte der Zigeuner?»

[ 58 ] Das ist doch Anlage zu einer solchen Selbsterkenntnis, die nicht notwendig hat, sich von der Welt Moralpredigten halten zu lassen, die schon selbst beurteilen könnte, daß dasjenige, was vorhanden war, vom Jahre 1870 an in die Dekadenz gekommen ist. Allein, wenn man die Dinge verstand, so hat man es getan, wie ich es getan habe in meinem Buche über Friedrich Nietzsche, wo ich Nietzsches Wort zitierte: «Exstirpation des deutschen Geistes zugunsten des «deutschen Reiches.» Ich habe das Buch über Friedrich Nietzsche während des Krieges nicht erscheinen lassen können im Neudruck, weil das darinnen steht. Fercher von Steinwand sagt weiter:

[ 59 ] «Die Luft ist schwül und schweflig von den Schwüren, die seit acht Jahrzehnten auf die Verfassungen geschworen wurden. Wie viele Staaten gibt es, in denen man diese Eide nicht vielfach zu brechen wußte? Unser Geist ist taub von den Drommetenstößen, dem Jubelgeschrei, mit dem wir die himmlische Wohltäterin Freiheit bewillkommten.»

[ 60 ] Man glaubt, Fercher von Steinwand rede über Wilsonianismus und Entente-Anschauungen!

[ 61 ] «Zählt jedoch die Sterblichen, die Mannes genug sind, um frei zu sein! Wo gäb’ esnoch vier Wände, die nicht von schwunghaften Zitaten aus Schillers Schriften erdröhnten? Aber wo, in welcher Hütte, in welchem Palaste, unter welchem Sterne deutscher Zone lebt noch etwas von des Dichters tatkräftiger Seele, von seiner feurigen Ader, von seinem hartnäckigen Drängen nach einem großen Ziel? Wer hätte auch nur den Mut und die Gabe, seine Fehler zu begehen? Die 'Tribunen aller europäischen Reiche wanken unter der Last der Beredsamkeit und Wissenschaft, durch welche die Ordnung und das Glück in der menschlichen Gesellschaft eingebürgert werden sollen.»

[ 62 ] Deshalb habe ich gestern auch gesagt: Wenigstens wird es in Mitteleuropa dahin gekommen sein, daß einiges beigetragen sei zur Durchbrechung der Lüge. Wo sie gesiegt hat, wird sie weiterleben.

[ 63 ] «Ihr Mattherzigen! Wie lautet der Gedanke, den ihr gedacht habt? Wer unter euch ist ein Mirabeau? Wie glühend ist euer Bild vom glücklichen Staate, wenn es nicht schon leichenkalt ist, bevor ihr’s bekanntgegeben? Sagt, wer von euch ist größer als der Augenblick? Wie viel schlechte Kerle habt ihr eingeschüchtert, wie viel edelgesinnte Menschen ermutigt? Wie viel Klagen loben euch durch Schweigen? Redet das Unglück nicht lauter als je? Ist es denn so furchtbar schwer, den Gedanken festzuhalten, daß jeder Mensch, ohne Ausnahme, für Freiheit, Ordnung und Glück, ja sogar für die Kunst, sich selbst zu erziehen, von Kindesbeinen erzogen werden muß, erzogen weit weniger durch Beweisführungen, als durch Liebe, Geduld, Strenge und empfindliche Opfer? Ist es denn so furchtbar schwer, statt den Lärm zu besolden, ein ergiebiges Wirken zu bezahlen? Ist es denn so furchtbar schwer, statt den Bajonetten zu gehorchen, der milden, alles ausgleichenden Vernunft zu dienen?»

[ 64 ] «Man denke sich einen Staat» — bitte, da sitzen die Generäle! —, «man denke sich einen Staat ersten oder zweiten Ranges. Man denke sich dazu einen einsichtsvollen Minister» — die Minister sitzen auch da —, «der sich das nicht zum Ruhme anrechnet, was einem Nachbar zum Schaden oder zur Unehre gereicht, mit einem Wort, einen Minister, der zwei Dritteile seiner ungeheuren Militärkasse für die Erziehung der untersten Volksschichten verwendet — was meint ihr? Würde ein solcher Minister nicht binnen wenigen Jahren den gewaltigsten Umschwung aller Verhältnisse bewirken, zu seinem eigenen Vorteil, zum Vorteil seines Volkes, zum Vorteil seines Herrn und Königs? Würde ein solcher Minister nicht in weniger als einem halben Menschenalter den Charakter der Weltgeschichte ändern? Ich hätte wohl das Herz, zum wiederholtenmale «Ja> zu sagen; denn es liegt mir nichts daran, von irgend einem glattgebügelten Säbelhelden oder dickleibigen Paradebeamten ein närrischer Ideologe gescholten zu werden.

[ 65 ] Inzwischen tröstet euch, ihr Zigeuner! Ihr seid in eurer Art nicht allein; ihr droht nicht auszusterben: aus allen Richtungen des Lebens fließen euch täglich neue Ergänzungsscharen zu!»

[ 66 ] Es ist schon eine Lebensauffassung, die in den Impulsen, in denen sie auf wirklichem Volkstum fußt, gute Wurzeln getrieben hat, die einen in gewissem Sinne berechtigen zu solchen Behauptungen, wie ich sie getan habe und wie ich sie nicht aus irgendeinem bloßen Gefühlsimpulse heraus machen will, sondern wie sie Stück für Stück belegt werden können.

[ 67 ] Am nächsten Freitag um 7 Uhr finden wir uns wieder, und dann wollen wir weiter sprechen.