Entwicklungsgeschichtliche Unterlagen
zur Bildung eines sozialen Urteils
GA 185a
22 November 1918, Dornach
Sechster Vortrag
[ 1 ] Fichte, Johann Gottlieb Fichte hat unter anderem Bedeutungsvollen, das er zur Darstellung, zur Aussprache gebracht hat, einen Satz gesagt, der eigentlich im weitesten Umfange ein geweihtes Wort des Lebens werden sollte. Der Satz heißt: «Der Mensch kann, was er soll; und wenn er sagt: ich kann nicht, so will er nicht.» Nun, ich sage: Dieser Satz sollte im weitesten Umfange ein geweihtes Wort des Lebens werden, und gerade wird es und müßte es die Aufgabe geisteswissenschaftlichen Denkens und geisteswissenschaftlichen Empfindens sein, diesen Satz in sich selber voll lebendig zu machen. Denn nur aus jenem Bewußtsein der Persönlichkeit heraus, das getragen und stark gemacht werden kann durch eine solche Gesinnung: der Mensch kann, was er soll; und wenn er sagt: ich kann nicht, so will er nicht — nur durch eine solche Gesinnung werden die Aufgaben, die der Menschheit von der Gegenwart an gegen die nächste Zukunft zu gestellt werden, einigermaßen gelöst werden können.
[ 2 ] Nun ist das Eigentümliche — das hängt schon einmal mit dem Entwickelungsgang der Menschheit zusammen —, daß gerade diesem Satze die tonangebende Gesinnung der Gegenwart, die ja ein Ergebnis ist der Gesinnung der letzten Jahrhunderte und ihrer Entwickelung, diesem Satze, beziehungsweise der Kraft, dem Inhalt dieses Satzes vollständig widerspricht. Es ist im Gegenteile in der Menschheit allmählich eingetreten ein, man könnte schon fast sagen, nahezu an das Absolute gehender Unglaube an sich selbst. Dieser Unglaube an sich selbst, er macht sich geltend durch die mannigfaltigsten Finessen des Lebens hindurch. Er macht sich so geltend, daß zuweilen Menschen glauben, großes Vertrauen zu sich selber zu haben, aber sich das nur aus allerlei unterbewußten Untergründen heraus einreden, während es bei ihnen zu einem rechten, wahren, tatkräftigen Selbstvertrauen einfach aus dem Grunde nicht kommt, weil eben das vorliegt, durch die ganze Erziehung des neunzehnten Jahrhunderts das vorliegt, daß die Menschen in bezug auf ihr seelisches Leben, auf die Bloßlegung und Inkraftsetzung der seelischen Kräfte, unendlich bequem geworden sind. Und würde nur einmal das Bewußtsein Wurzel schlagen können, daß zu unendlich vielem, wovon man sagt, man könne es nicht, bloß in Wahrheit der Wille fehlt, so würde schon ungeheuer viel getan sein. Denn das Wichtigste, das Allerwichtigste, was für die Zukunft geschehen soll, wird nicht geschehen durch Institutionen, wird nicht geschehen durch allerlei Einrichtungen, so sehr man heute an Institutionen und Einrichtungen wie an ein Alleinseligmachendes überall glaubt, sondern das Wichtigste für die Zukunft wird geschehen durch die Tüchtigkeit des einzelnen menschlichen Individuums. Diese Tüchtigkeit des einzelnen menschlichen Individuums ergibt sich aber nur aus einem wahrhaften, wirklichen Vertrauen in einen unerschöpflichen Born von göttlicher Kraft in der menschlichen Seele. Aber weit, weit entfernt ist die gegenwärtige Menschheit von diesem Glauben an einen unerschöpflichen Quell in der menschlichen Seele.
[ 3 ] Deshalb steht die heutige Menschheit so ratlos vor den großen Aufgaben, die, ich möchte sagen, heute gewissermaßen auf der Straße überall das Leben stellt. Ratlos steht die Menschheit vor den großen Aufgaben. Und die katastrophalen Ereignisse der letzten Jahre, sie haben diese Aufgaben ins Unermeßliche vergrößert, so sehr ins Unermeßliche vergrößert, daß die meisten Menschen, die ja schlafen heute, gar nicht ahnen, wie groß, wie umfassend diese Aufgaben sind, gar nicht sich beschäftigen wollen mit dem Umfassenden, mit dem Großen dieser Aufgaben, die heute im Grunde genommen alles, was um uns herum ist, stellt. Und wenn durch die Verhältnisse, wie es gerade jetzt geschieht, über weite Teile der Welt hin geschieht, dann die Menschen aufgerufen werden, aus ihrem Urteilsvermögen, kurz, aus ihrer Seele heraus irgendwelche Entscheidungen zu treffen, so wachsen ihnen heute die Dinge über den Kopf, aus dem Grunde, weil die Menschen einfach nicht vorbereitet sind auf das Erfassen der Aufgaben im Großen; denn im Kleinen können die Aufgaben heute nicht angegriffen werden, sie können nur im Großen angegriffen werden. Und so werden wir es erleben, daß dasjenige, was die Leute tun werden, um an die Stelle der katastrophalen Zustände geordnete, wie sie meinen, zu setzen, zunächst für lange Zeit unfruchtbare Arbeit bleiben muß, eher ins Chaos hineinführen wird als zu irgendwelcher Ordnung. Einfach deshalb wird es dazu kommen, weil das charakterisierte Vertrauen der Menschen zu sich selbst fehlt. Es ist ja allerdings bequemer, gegenüber Aufgaben, die das Leben stellt, zu sagen: Ich kann sie nicht bewältigen —, als die Mittel und Wege zu suchen, um aus dem Seelenleben heraus wirklich die Kräfte für diese Aufgaben zu gewinnen. Und sie sind im Seelenleben, diese Kräfte, denn der Mensch ist von unendlich weiten göttlichen Kräften durchwallt. Und wenn er diese Kräfte nicht sucht, so läßt er sie eben brach liegen, so will er sie nicht entwickeln.
[ 4 ] Sehen Sie, dies muß heute der Mensch im Kleinsten und im Großen sich aneignen: alles an die großen Gesichtspunkte des Lebens irgendwie anzuknüpfen, diese großen Gesichtspunkte des Lebens wirklich lebendig zu machen. Wer das Leben beobachtet, könnte gerade mit Bezug auf solche Dinge in jener Entwickelungsströmung, die nun einmal die heutige Katastrophe gebracht hat, die großen Dekadenzerscheinungen gerade auf diesem Gebiete beobachten. Ich will eine kleine Geschichte erzählen, weil solche kleinen Geschichten vielleicht mehr lehren als theoretisierendes Auseinandersetzen.
[ 5 ] Mir begegnete vor vielleicht achtzehn, neunzehn Jahren in Berlin ein Mann, der schon damals als nationalökonomischer Denker und Organisator außerordentlich geschätzt war. Mir begegnete er dazumal, ich kannte ihn, ich war da und dort einmal mit ihm zusammengekommen, hatte auch von seiner Berühmtheit gehört. Die Leute erzählten schon dazumal in Berlin, der Mann sei so berühmt, daß er, nachdem jetzt eine große Zeitung gegründet worden sei, mit einem großen Gehalt bei dieser Zeitung angestellt worden sei, und zwar nicht für Artikel, die er für diese Zeitung schreiben sollte, sondern es war ihm freigestellt, wann er wollte, alle Jahre einmal einen Artikel zu schreiben. Aber das einzige, was er zu leisten hatte für das hohe Gehalt, das war, daß er für alle anderen Zeitungen nicht schrieb. So berühmt war der Mann, daß einer der größten Zeitungsunternehmer Berlins ihm einfach ein hohes Gehalt gab dafür, daß ihm keine Konkurrenz erwuchs durch das Schreiben dieses Mannes in anderen Zeitungen, währenddem er ihm freistellte, wann er wollte, in seiner Zeitung zu schreiben. Dieser Mann ging auch immer mehr und mehr schon mit dem Plane um, im Kleinen über ein bestimmtes Terrain hin allerlei soziale Einrichtungen, gewissermaßen kleine soziale Mustergesellschaften oder Musterstaaten, könnte man sagen, zu errichten. Es galt für ungeheuer scharfsinnig, wie er sich diese sozialen Mustergemeinschaften ausgedacht hatte. Und wenn er nicht eigentlich noch viel mehr Anhänger gewann und die Anhänger, die er gewann, nur im Theoretischen blieben, so rührte das auch nicht davon her, daß die Leute ihn nicht für sehr scharfsinnig gehalten hätten, sondern es rührte davon her, daß die Leute zu bequem waren, selbst zu so etwas sich zu bekennen, was sie für sehr scharfsinnig und sehr wohltätig für die Menschheit hielten. Nun begegnete er mir und sagte — ich sah ihn schon mit strahlendem Gesichte kommen —: Jetzt habe ich endlich den Geldmann gefunden, der mir die Summe zur Verfügung stellt, daß ich einmal eine solche Siedelungsgenossenschaft gründen kann. Jetzt wollen wir das Gemeinwesen der Zukunft gründen. — Ich sagte nichts als: Gründen Sie es nur, es wird schon nach nicht allzu langer Zeit verkrachen. — Denn solche Dinge gründet man doch nur in der gegenwärtigen Zeit, damit sie verkrachen, selbstverständlich.
[ 6 ] Ich erzähle Ihnen diese Geschichte aus dem Grunde, weil der Glaube sich leicht festsetzen könnte bei einem nicht energischen Denken, bei einem Denken, das nicht an die großen Probleme des Lebens anknüpfen will, man solle in der Gegenwart mit allerlei Gründungen im Kleinen anfangen; mit nicht umfassenden Gründungen und gerade bei kleinen Gründungen müsse es sich zeigen, ob irgend etwas sich auch im Großen bewähren könne. Das aber ist ein vollständiges Unding, denn Sie begründen dann innerhalb einer kranken gesellschaftlichen Ordnung irgend etwas, was vielleicht ganz musterhaft sein kann, aber gerade, wenn es gut ist und sich dadurch mächtig unterscheidet von all dem, in das es hineingestellt ist, so muß es um so sicherer mißlingen. Sie können unmöglich, so wie die Dinge sich entwickelt haben, wo die Welt im Großen zeigt, wie sie sich ins Absurde geführt hat, auch nur im entferntesten daran denken, irgendwie mit kleinen Teilchen irgend etwas zu erreichen oder im kleinen Maßstabe irgend etwas zu machen. Nur dasjenige kann irgendeine Bedeutung haben, welches das Umfassende heute ergreift, welches seine Strahlen aussenden kann, ich möchte sagen, nach allem, was Mensch ist. Es schadet nichts, wenn solches ins Große Gedachte mißlingt, denn es wird die Anregung bleiben, und auf diese kommt es an. Auf den Impuls kommt es an.
[ 7 ] Das, was aber immer mehr notwendig ist, das ist doch das charakterisierte Vertrauen zu dem im Menschen liegenden Quell unermeßlicher göttlicher Kräfte. Nichts hat so sehr im Weltenlauf gesündigt gegen diesen Glauben an den unermeßlichen Quell göttlicher Kräfte in der Menschennatur, als die Bourgeoisie des neunzehnten Jahrhunderts und des angehenden zwanzigsten Jahrhunderts. Deshalb hat diese Bourgeoisie dem aufstrebenden Proletartat ein böses Erbe hinterlassen, und dieses aufstrebende Proletariat wird dieses böse Erbe zunächst übernehmen. Und wenn es nicht begreifen kann, daß es vor allen Dingen nicht darauf ankommt, mit den alten Gedanken Neues machen zu wollen, sondern daß es darauf ankommt, sich zu neuen Gedanken zu wenden, so wird aus allen Einrichtungen nichts herauskommen können, oder besser gesagt: Es wird erst dann aus Einrichtungen etwas werden, wenn diese Einrichtungen aus wirklichen neuen Gedanken, aus dem Impulse, aus der Kraft neuer Gedanken kommen.
[ 8 ] Hier muß das Verständnis einsetzen von mancherlei, das wir angefangen haben zu betrachten, dessen Betrachtung für die Gegenwart, für ein Wirklichkeitsverständnis der Gegenwart außerordentlich wichtig und bedeutsam ist. Ich habe Ihnen davon gesprochen, wie das aufstrebende Proletariat in seinen Gedanken, in seinen Empfindungen erfüllt ist von dem Impulse der Lehren des Karl Marx, und ich habe Ihnen einige Gesichtspunkte aus dieser Lehre desKarl Marx angegeben. Diese Gesichtspunkte, die Millionen und Abermillionen von Menschen heute beherrschen, können Ihnen schon verraten, daß dieser ganze Marxismus eben das Erbe der bürgerlichen Weltanschauung des letzten Jahrhunderts ist. Denn ich habe Ihnen ja, ich möchte sagen, die Strömungen aufgezeigt, aus denen gerade Karl Marx sein Geisteswasser getrunken hat. Ich habe Ihnen gesagt: Aus dreierlei fließt zusammen dasjenige, was proletarische marxistische Lehre der Gegenwart ist, aus dem dialektischen Denken, das Karl Marx aus der Schule der Hegelianer hatte, aus dem sozialistischen Impetus namentlich von SaintSimon und Louis Blanc, also der Franzosen, und aus dem Utilitarismus der Engländer. Diese drei Strömungen waren es, aus denen Karl Marx das zusammensetzte, was er so wirkungsvoll dem Proletariat beibrachte.
[ 9 ] Nun, diese drei Dinge können wir jetzt, nachdem wir einiges über die Gesichtspunkte des Karl Marx selbst kennengelernt haben, für sich im einzelnen betrachten. Deutscher Hegelianismus, man kann ihn von den verschiedensten Seiten her charakterisieren. Um gerade Karl Marx zu verstehen, muß man ihn etwa von der folgenden Seite charakterisieren. Hegelianismus ist die Hingabe an den Gedanken im Menschen selbst. Es ist vielleicht niemals so energisch, so kraftvoll im reinen Gedanken gearbeitet worden, wie von Hegel selbst. Hegels ganzes System, wenn ich den spießbürgerlichen Ausdruck gebrauchen darf, ist Gedankenarbeit, vom Anfang bis zum Ende lauter wirkliche Gedanken. Daraus erklärt sich auch die Schwerverständlichkeit von Hegel, denn da die meisten Menschen in ihrem Leben überhaupt niemals einen einzigen reinen Gedanken haben, so ist natürlich ein Denker, dessen ganzes System aus Jauter reinen Gedanken besteht, selbstverständlich schwer, schwer, sehr schwer verständlich. Aber auch Hegel zu verstehen, dazu gehört nichts als die Überwindung der Bequemlichkeit des Denkens. Fleiß gehört dazu, Fleiß. Wo Fleiß vorhanden ist, da kommt dann die Befolgung des Satzes: Der Mensch kann, was er soll; und wenn er sagt: ich kann nicht, so will er nicht. Hegel ist daher ein energischer Denker, ein Denker, der in der Lage ist, seine Denkkraft so in der Hand zu haben, daß er wirklich in den einzelnen Erscheinungen des Lebens den Gedanken findet.
[ 10 ] Aber dies hat eine gewisse Schattenseite, die ich Sie bitte, wohl zu beachten. Man muß höchste Anstrengungen machen, aber die genügen; Fleiß genügt. Man muß höchste Anstrengungen machen, wenn man sich wirklich hineinarbeiten will in so etwas wie das Hegelsche System. Anstrengungen muß man machen. Dann aber, wenn man diese Anstrengungen gemacht hat, wenn man nun wirklich das Hegelsche System vom Anfange bis zum Ende durchgearbeitet hat — die meisten Philosophieprofessoren machen sehr bald Halt, weil sie glauben, sie haben schon im Prinzip den Hegel verstanden; daher konnte Hartmann, Eduard von Hartmann, in den neunziger Jahren die voll gerechtfertigte Behauptung aufstellen, daß unter allen Universitätsprofessoren der Welt überhaupt nur zwei hegelisch gebildete Leute seien, unter allen Philosophieprofessoren; seit jener Zeit ist von den zweien einer gestorben und keiner hinzugekommen — nun, wenn man Hegel auf diese Weise sich angeeignet hat, ihn gewissermaßen in seinem System durchgeackert und es sich angeeignet hat, wenn man so ein Normalmensch ist — ich will nicht sagen Spießer, aber wenn man so ein Normalmensch ist —, nicht wahr, dann möchte man doch von solch einem anstrengenden Studium etwas haben, man möchte etwas in der Hand halten. Das aber ist gerade in dem gewöhnlichen normalen Menschensinn gar nicht einmal der Fall. Man hat eigentlich in dem Sinne, wie die Menschen wollen, nichts von Hegel, jedenfalls nichts, was man in ein Heft schreiben und getrost nach Hause tragen kann, auch nicht etwas, was man sich in ein kleines Kompendium zusammenfassen und als Auszug hübsch als Lebensweisheit nach Hause tragen kann. Das alles hat man von Hegel nicht. Von Hegel hat man nur das, daß man sein Denken angestrengt hat und daß, wenn man sich überwunden hat, Hegel durchzuackern, man dann denken kann. Man kann mit dem Denken aber weiter nichts machen als: Man kann denken. Man kann denken, aber man steht mit dem Denken außerhalb des ganzen Lebens. Man kann eben nur denken. Man kann gut denken, aber man steht mit diesem Denken, das im reinen Begriffsorganismus verläuft, also dialektisch ist, außerhalb des Lebens.
[ 11 ] Das war es ungefähr, was Marx von Hegel lernen konnte: Denken konnte er lernen, sich wirklich im Gedanken virtuos bewegen, das konnte er lernen. Aber er suchte etwas anderes. Er suchte nach einer Lebensauffassung für das Proletariat, für die weitaus größte Anzahl der besitzlosen neueren Menschheit. An der — wenn ich mich so ausdrücken darf — Richtigkeit des Hegelschen Denkens konnte er nicht zweifeln, aber anfangen konnte er in bezug auf seine Aufgabe mit diesem bloßen Hegelschen Denken eben nichts. Das gab, wenn ich so sagen darf, seinem Karma den entsprechenden Schwung, das führte ihn über das bloße Hegeltum, in dem sich sein Denken geschärft hatte, eben zu den französischen Utopisten, zu Saint-Simon, Louis Blanc. Wenn sich Marx fragte: Wie muß man die soziale Ordnung gestalten? —, dann gab ihm das Hegeltum keine Antwort, denn Hegel selbst hat, ich möchte sagen, nur das jedem Menschen bieten können: tief, durchdringend rein zu denken. Aber wenn man Hegel gefragt hat in späteren Jahren, welches die beste soziale Ordnung ist, da hatte er eigentlich seine Jugendanschauungen vergessen gehabt. Es ist außerordentlich interessant. Eine der signifikantesten Jugendanschauungen Hegels mit Bezug auf die soziale Ordnung ist die, daß der Staat alles wirklich Menschliche vernichtet; daher muß er aufhören. Das ist ein Hegelscher Jugendsatz: Der Staat muß aufhören. Da rumorte noch dieses großartige Denken in Hegel, als er diesen Satz hinschrieb. Als er es ausgebildet hatte bis zum reinen Gedanken, mit dem eben nur das anzufangen war, daß man denken konnte, da hatte er in bezug auf die beste soziale Ordnung allerdings nur diejenige Antwort, die man ihm heute sehr zum Vorwurf machen kann, wenn man eben alles einseitig beurteilen will, da hatte er nur die Antwort aus seinem scharfsinnigen Denken heraus: Die beste soziale Einrichtung ist der preußische Staat, und der Mittelpunkt der Welt, alles Vollkommenen, ist Berlin. Berlin ist der Mittelpunkt der Welt, und die Universität von Berlin ist wiederum der Mittelpunkt Berlins. So daß wir hier sind — so sagte er in einer Antrittsrede — im Mittelpunkte des Mittelpunktes, — Wer keinen Sinn hat für Größe, welche oftmals eben auch grotesk, gerade deshalb, weil sie groß ist, irren kann, der wird natürlich alle jene Einwände, die ja billig sind, gegen einen solchen Satz ins Feld führen. Daß hinter all diesen Dingen vom Wirklichkeitsstandpunkt aus unendlich Bedeutungsvolles steckt, das könnte aber Geisteswissenschaft Sie ahnen lassen. Denn aus einer bloßen Albernheit sagte natürlich Hegel solche Dinge nicht. Und das Urteil über das Große, Einzige, das niemals sonst in der Menschheit da war: das Sich-Bewegen im reinen Gedanken, das niemals sonst in der Welt da war als bei Hegel, das wird nicht beeinträchtigt dadurch, daß dann unter gewissen Voraussetzungen von Hegel selbst eine solche Folgerung gezogen ward. Aber begreiflich wird es scheinen, daß Karl Marx nicht viel für die besten sozialen Interessen aus Hegel holen konnte,
[ 12 ] So brachte ihn eben zunächst sein Karma den französischen Utopisten nahe. Die habe ich Ihnen ja zum Teil schon charakterisiert. Es handelte sich zum Beispiel für Saint-Simon hauptsächlich darum, den von ihm vorgefundenen Staat durch eine andere Einrichtung zu ersetzen, und indem er an diese andere Einrichtung dachte, stellte sich ihm gleich vor Augen dasjenige, was das Bezeichnendste und Eingreifendste für die neuere Zeit ist: die Industrialisierung des Lebens. Daher forderte er an Stelle aller alten politischen Einrichtungen die Verwaltung der verschiedenen Produktionszweige, so daß im Grunde genommen von ihm das Heil der sozialen Ordnung gesucht wird in der möglichst besten Verwaltung der sozialen Struktur nach der Ordnung eines Fabrikzusammenhanges. Louis Blanc richtete ja bekanntlich 1848 die verschiedensten nationalen Werkstätten ein, in denen solche SaintSimonsche Gedanken verwirklicht werden sollten. Nun, sie gingen eben sehr bald zugrunde, wie es ja selbstverständlich ist, daß solche Dinge zugrunde gehen. Als den Grundimpuls, der aller solcher Verwaltung von Produktionszweigen zugrunde liegen sollte, dachte sich SaintSimon eine Art sehr, sehr vereinfachten Christentums. Nicht das alte Dogmen-Christentum soll fortgehen, meinte er, sondern fortgehen soll ein praktisches Christentum, das eigentlich in dem einzigen Satze bestehen sollte: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. — Ein sehr schöner Satz, aber wenn man ihn predigt, ebenso unwirksam, wie wenn man dem Ofen predigt, er soll warm sein, und ihn nicht heizt.
[ 13 ] Nun, so ward Karl Marx unter diese Utopisten geworfen. Bei Hegel konnte er sich sagen: Wunderbares Denken, aber es ist nicht durchführbar, wenn man in dies wirkliche Leben hineingehen soll. Man faßt es nicht an, dieses wirkliche Leben. Es bleibt in der Höhe des rein dialektischen Denkens, nicht des abstrakten, aber des rein dialektischen Denkens. — Hier bei den Utopisten fand er in gewissem Sinne ein eindringliches Fühlen, denn sowohl bei Saint-Simon wie bei Louis Blanc ging der soziale Impetus vom Fühlen aus — ein eindringliches Fühlen. Aber Karl Marx war durch seine Hegelsche Schulung erstens ein zu großer Denker, als daß er nicht gesehen hätte die Stumpfheit — ich meine damit nichts Übles, aber dem Leben gegenüber so, wie man ein stumpfes Messer hat —, die Stumpfheit dieser utopistischen Lehre und Anschauung dem Leben gegenüber. Und auf der anderen Seite mußte Karl Marx sich sagen: Um solche Einrichtungen, wie sie Saint-Simon zum Heile der Menschheit forderte, zu treffen, braucht man eben innerhalb des Bürgertums guten Willen, praktisches Christentum. Wo soll das aber herkommen? — Das wird ihm ja die Hauptsache: Wo soll dieses praktische Christentum herkommen?
[ 14 ] Sehen Sie, selbst einfach praktisch gedacht gibt es ja keine Möglichkeit, daran zu glauben, daß die gewöhnliche Bourgeois-Anschauung und Bourgeois-Gesinnung in der Lage ist, das, was eben von Karl Marx, von Saint-Simon und all denen soziale Frage genannt werden konnte, zu lösen. Denn aus den sozialen Gesichtspunkten heraus, aus denen die Bourgeoisie arbeitete, ergab sich ja mancherlei, ich will sagen, als Lebenswerte für die Bourgeoisie, aber das reichte ja nur aus für eine kleine Minderheit, für eine wirklich kleine Minderheit. Eine kleine Minderheit konnte angenehm leben, konnte reisen, konnte alle mögliche Kunst genießen — ich will nur die schönsten Sachen nennen. Aber die große Mehrheit konnte an all das ja nicht heran. Und wie sollte das Bürgertum, das eben nur in der Lage war, für eine kleine Minderheit zu sorgen, wie sollte das etwas tun aus dem bloßen Mitleid oder Mitgefühl heraus für die ganze proletarische Masse? Ich meine, der einfache Gedanke ergibt das ja, daß auf diese Weise nichts zu erreichen ist, abgesehen von dem Gedanken, den Karl Marx dann geltend machte, und den ich Ihnen neulich anführte: daß eben vermöge der sozialen Struktur dieses Bürgertum gar nicht im entferntesten in der Lage ist, selbst wenn es wollte, irgend etwas für das Proletariat Wirksames zu tun. Nun, auf das haben wir ja neulich hingewiesen als einer Anschauung von Karl Marx. So fand Karl Marx im deutschen Hegeltum das der neuen Zeit angemessene Denken, bei Saint-Simon das der neuen Zeit angemessene Fühlen. Aber mit beiden konnte er nach seiner Ansicht nichts machen.
[ 15 ] So führte ihn denn sein Karma weiter nach dem englischen Utilitarismus, nach jener sozialen Struktur, innerhalb welcher das neuzeitliche industrielle Wesen, ich möchte sagen am weitesten vorgeschritten war, schon als Karl Marx sich seine Weltanschauung bildete. Diejenigen, die innerhalb des englischen Denkens selber bis zu Karl Marx Sozialismus getrieben haben, entwickelten ihren Sozialismus — ich erinnere nur an Robert Owen — vorzugsweise aus dem Wollen heraus. Karl Marx konnte aber studieren, wie aus einem gewissen Wollen heraus, wenn es auf ein kleines Gebiet eingeschränkt wird — Sie erinnern sich dessen, was ich gerade vorhin gesagt habe —, auch nichts erreicht werden kann. Man weiß ja, daß Robert Owen Musterwirtschaften eingeführt hat, die wirklich praktisch eingerichtet waren. Allein man kann in der modernen Welt mit kleinen Musterwirtschaften eben nichts anderes einrichten als dasjenige, was verkracht. Selbstverständlich sind auch Robert Owens Versuche im Grunde verkracht; das ist nur eine Selbstverständlichkeit. Und so wurde denn Karl Marx durch alles das durchgeführt, besonders aber angezogen durch das praktische Denken, das rein im Mechanistischen des Industrialismus aufgeht, und bildete daraus seine proletarische Weltanschauung, diese proletarische Weltanschauung, die nun nicht sich basiert auf das Denken, obwohl sie das Denken verwendet, die nicht sich basiert auf das Fühlen, obwohl sie das Fühlen verwendet, sich auch nicht basiert auf das Wollen, sondern sich basiert auf dasjenige, was äußerlich, rein äußerlich in der sinnenfälligen Welt vor sich geht, und zwar gerade unter der Hand des Proletariers vor sich geht in der industriellen Welt, in der Welt der modernen Produktionsweise. Und da zeigte sich Karl Marx, der in einer so großartigen Weise durchgegangen war durch modernes Denken, Fühlen und Wollen, daß ihm anhing gerade, und zwar ihm jetzt anhing im klassischen Sinne, ich möchte sagen, mit einer gewissen Größe diese Vertrauenslosigkeit, die das moderne Seelenleben eigentlich charakterisiert. Denn bei Hegel hatte zum Beispiel Karl Marx vernehmen können, daß die Weltgeschichte der Fortschritt der Menschheit im Bewußtsein der Freiheit ist; also etwas Ideelles liegt als Impuls der Menschheitsentwickelung in ihrer Geschichte zugrunde. Es ist ein abstrakter Satz, mit dem nicht viel anzufangen ist. Bei SaintSimon hatte er lernen können, daß da, wo praktisches Christentum waltet und insoweit praktisches Christentum waltet, die Menschheitsentwickelung vorwärtskommen mußte. Sie ist aber nicht vorwärts gekommen, sie hat eben gerade zu der modernen Verelendung, zu dem modernen Proletarierelend geführt und so weiter. Da setzte sich in Karl Marx eine Idee fest, ein Empfindungsimpuls fest, der wirklich geeignet war, in allerweitesten proletarischen Kreisen Verständnis zu finden, in den Bürgerkreisen nur deshalb nicht, weil die Bürgerkreise faul waren und solche Sachen nicht aufnahmen, sich um solche Sachen nicht kümmerten. Es setzte sich der Gedanke fest bei Karl Marx: Es ist überhaupt ganz gleichgültig letzten Endes, was die Menschen denken, was sie fühlen, was sie wollen, denn dasjenige, was das geschichtliche Werden bedingt, das hängt doch nur ab von dem ökonomischen Prozeß, von dem, wie gewirtschaftet wird. Ob einer ein Unternehmer ist, ob einer ein Arbeiter ist, ob einer in dieser oder jener Weise im Wirtschaftlichen drinnensteht, das fügt, daß er in einer bestimmten Weise Gedanken hat, daß er in einer bestimmten Weise fühlt, daß er bestimmte Willensimpulse hat. Wer als Kind in einer Beamtenfamilie aufwächst, der hält anderes für richtig, der hält anderes für falsch, fühlt und empfindet einfach dadurch, daß er in der wirtschaftlichen Ordnung einer Beamtenfamilie aufwächst, anders als das Proletarierkind, das sich selber überlassen ist, während Vater und Mutter in die Fabrik gehen und so weiter. — Und so kam Karl Marx zu seinem eiinschlägigen, beim Proletariat einschlägigen Satze: Die Einrichtungen, welche die Menschen treffen, richten sich nicht nach dem Bewußtsein der Menschen, sondern das Bewußtsein der Menschen richtet sich nach den Einrichtungen, welche von selber entstehen, durch eine bloße tatsächliche Notwendigkeit entstehen. Die Menschen glauben, daß sie denken und fühlen und wollen aus ihren inneren Impulsen heraus. O nein, sie denken und fühlen und wollen nicht aus ihren inneren Impulsen heraus, sondern sie fühlen und denken und wollen nach der Klasse, in die sie hineingeboren sind ohne ihr Verdienst und ohne ihre Schuld.
[ 16 ] Man kann es empfinden, daß, wenn der Grundimpuls einer Lehre dieser ist, dieser Grundimpuls gerade auf entgegenkommendes Verständnis in der proletarischen Klasse führen mußte, denn durch diese Lehre war man überhoben jeglichen Vertrauens zu sich selbst. Man brauchte nichts von Vertrauen zu sich selbst zu haben, denn es half einem gar nichts, ob man energisch oder nicht energisch dachte, ob man energisch oder nicht energisch fühlte, ob man energisch oder nicht energisch will; das alles ist ja doch nur der Ausfluß, der Überbau aus der Grundlage, die einem die soziale Ordnung, die wirtschaftliche Stellung, in die man hineingeboren ist, anweist. Ihr könnt daher so etwa würde der richtige Marzist sagen — die schönsten Systeme ausdenken, wie die Menschen die besten sozialen Strukturen sich einrichten, wie das beste wirtschaftliche Leben sich gestalten kann, was man machen soll, daß die Menschen glücklich seien, zufrieden seien, daß sie zu essen haben, daß sie ein angenehmes Leben führen können, ihr mögt denken wie ihr wollt, das alles hat doch gar keinen Wert, davon hängt doch nichts ab, das alles ist nur ein Spiegel des wirtschaftlichen Lebens, wie ihr denkt und fühlt und wollt, denn das, was alles macht, ist das wirtschaftliche Leben. — Daher gab Karl Marx überhaupt alle sozialistischen Theorien als Theorien auf und sagte: Es kommt bloß darauf an, daß man das wirtschaftliche Leben versteht, daß man weiß, wie das wirtschaftliche Leben verläuft. Dann kann man höchstens der Lokomotive da oder dort einen Ruck geben, daß sie schneller geht, aber sie geht von selbst, die Dinge entwickeln sich von selbst.
[ 17 ] Sie werden natürlich fühlen, daß da allerlei Widersprüche rumoren. Darauf werden wir noch zu sprechen kommen. Aber jetzt wollen wir die Sache einmal darstellen, wie sie sich in den Köpfen der marxzistischen Proletarier spiegelt. So sagte Karl Marx, und so sagen diese: Die hauptsächlichsten Formen des Wirtschaftslebens haben sich im Laufe der Zeit auseinander entwickelt. In früheren orientalischen Zuständen war das Zusammenleben der Menschen in Barbarei getaucht. Dann kam jene wirtschaftliche Ordnung, die die Menschen teilte in Herren und in Sklaven, was noch im Griechischen geradezu selbst von Aristoteles als eine Notwendigkeit angesehen wurde: daß die Menschen geteilt werden in Herren und Sklaven. Dann kam die mehr mittelalterliche Ordnung der Leibeigenschaft, des Feudalwesens, wo die Menschen zwar nicht Sklaven waren, aber Leibeigene, gebunden an den Herrn, der das Feudum inne hatte, so daß sie gewissermaßen zum Feudum, zum Gute gehörten. Dann kam die neuere Zeit, das Lohnsystem, wo in einer solchen Weise, wie ich es Ihnen neulich charakterisiert habe, der Arbeiter seine Arbeitskraft als Ware an den Unternehmer verkauft und den Preis für die Ware in Form des Lohnes erhält. Barbarei, Sklaverei, Leibeigenschaft, Lohnsystem sind im wesentlichen die Formen, in denen sich das Wirtschaftsleben entwickelt hat. Das Denken der Menschen muß ein anderes sein da, wo Sklaverei herrscht, ein anderes da, wo Leibeigenschaft herrscht, ein anderes da, wo das moderne Lohnsystem ist. Denn alles das, was die Menschen denken, womit sie glauben, die Welt beglücken zu können, ist ideologischer Oberbau. Das kann sich konsolidieren, was die Menschen über das denken; es kann dann wiederum zurückwirken, was sich so konsolidiert hat an Anschauungen, an Meinungen und Gedanken, so daß tatsächlich diese Gedanken der Menschen in der Ideologität wiederum zurückwirken in die wirtschaftliche Ordnung. Aber ursprünglich stammen sie doch aus der wirtschaftlichen Ordnung. Dieses moderne Lohnsystem hat sich ja am intensivsten ausgebildet eben in dem modernen wirtschaftlichen Leben unter dem Einflusse des modernen Industrialismus durch den Gegensatz von Unternehmertum und Arbeitertum. Es hat sich so ausgebildet, daß, wie ich Ihnen schon von einem anderen Gesichtspunkte dargestellt habe, der Unternehmer der Besitzer der Produktionsmittel ist. Dadurch, daß er der Besitzer der Produktionsmittel ist, kann nur durch ihn gearbeitet werden. Der Arbeiter ist gezwungen, seine Arbeitskraft als Ware an den Unternehmer zu verkaufen und sich eben entlohnen zu lassen, wodurch sich in der Art, wie ich es Ihnen dargestellt habe, der Mehrwert ergibt.
[ 18 ] Dieses moderne Wirtschaftsleben, von dem nimmt nun Karl Marx an, daß es die Tendenz hat, den Besitz an Produktionsmitteln immer mehr und mehr zu konzentrieren. Dieses Wirtschaftsleben bringt es von selbst mit sich, daß das Unternehmertum sich vereinigen muß vom einzelnen Unternehmer zur Gesellschaft, zum Trust und so weiter. Und dadurch kommt, indem sich die Unternehmer vereinigen, Summe von Produktionsmitteln zu Summe. Dadurch aber wird der Weg vorbereitet, die Produktionsmittel überhaupt zu sozialisieren. Die Unternehmer arbeiten schon vor, und wenn ein bestimmter Punkt gekommen ist, dann müssen die Produktionsmittel so weit konzentriert sein, daß es dann nur einer Umlagerung bedarf. Dann verstaatlicht man, sozialisiert man Produktionsmittel, die ja ohnedies schon zusammengestrebt haben in Gesellschaften und 'Trusts und lagert die Sache nur um, indem derjenige, der bisher der Arbeiter war, eben als Gesamtgesellschaft sich in den Besitz der Produktionsmittel setzt, indem er durch einen notwendigen Prozeß jetzt das hat. Was jetzt so dargestellt wird, das muß geschehen. Die Unternehmer arbeiten der Sozialisierung vor; indem sie immer mehr und mehr die Sozialisierung selber besorgen, bringen sie sie an einen Punkt, wo das Proletariat sie übernehmen kann. Hegel ging in Gedanken von "These zu Antithese und zu Synthese. Karl Marx setzt das in die Wirklichkeit des ökonomischen Prozesses um: Unternehmerordnung, sie schlägt in ihr Gegenteil um; der Proletarier bemächtigt sich ganz von selbst der Produktionsmittel. Der wirtschafttliche Prozeß macht sich selber. Man ist bloß der Geburtshelfer dessen, was von selbst geschieht, glaubt nicht, daß dieser ideologische Oberbau von Denken, Fühlen und Wollen etwas Besonderes ausmachen kann. Der ökonomische Prozeß, so sagt Karl Marx, der macht alles; was ihr denkt, das sind bloß die Schaumwellen oben aus dem ökonomischen Prozeß. Je nachdem die wirtschaftliche Ordnung ist, erzeugt das in diesen oder jenen Menschenköpfen diese oder jene Gedanken. Das sind die Schaumwellen da oben. Das Wichtigste ist der ökonomische Prozeß, der aber führt ganz notwendig von der Thesis zur Antithesis. Dasjenige, was das Proletariat erarbeitet hat, wurde von den Unternehmern den eigentlichen Eigentümern, den Proletariern, weggenommen. Die Unternehmer wurden die Expropriateure. Aber dieser Prozeß, den Proprietär zu expropriieren, der schlägt notwendig in der ökonomischen Entwickelung in sein Gegenteil um. Es entsteht, wie in der Natur Ursache und Wirkung folgt, die Expropriation der Expropriateure.
[ 19 ] Man brauchte gar kein Vertrauen zu den seelischen Kräften. Man konnte gerade mit dem schlimmsten Erbe der bürgerlichen Bildung der neueren Zeit, mit dem Mißtrauen in die seelischen Kräfte des Menschen arbeiten bei dieser proletarischen Theorie. Der Proletarier sah sich hilflos ausgeliefert dem Unternehmertum. Er hatte Verständnis für eine Theorie, welche gar nicht den Anspruch darauf macht, daß er sich selber helfen soll, weil die Expropriation der Expropriateure schon von selbst dasjenige herbeiführt, was die Sozialisierung der Produktionsmittel ergeben muß. Die moderne Produktionsweise schlägt notwendigerweise in ihr Gegenteil um.
[ 20 ] Daß sich die Sachen von selbst machen, das war das so ungeheuer Einleuchtende für die proletarische Welt. Und will man sich Verständnis erwerben gerade für die Psychologie dieses proletarischen Empfindens, so muß man schon darauf Rücksicht nehmen, daß eben dieses absolute Mißtrauen in die Seelenkräfte ein bedeutendes Triebrad war in dem Siegeszug, den das marxistische Denken durch die Welt machte. Marxismus ist eben durchaus nicht ein Dogma, sondern Marxismus ist eine Methode, die Welt — und zwar für den Proletarier die einzige ihm zugängliche Welt —, die Welt der wirtschaftlichen Ordnung, der wirtschaftlichen Entwickelung zu beobachten. Ich möchte sagen — ich glaube, das trifft wirklich die Sache —, der Proletarier vertraut nicht auf irgendeine Gedankenkraft, obwohl Karl Marx sagt: Die Philosophen haben immer nur die Welt interpretiert durch Gedanken; man muß durch Gedanken in der Welt schaffen —, aber eigentlich vertraut er nicht auf Gedanken und ihre Kraft, auf das Wirksame von Gedanken für irgendwelche Einrichtungen, sondern er vertraut nur auf den Selbststeuerungsprozeß der wirtschaftlichen Ordnung. Das war im wesentlichen auch dasjenige, auf das man stieß, wenn man sich bekannt machte mit dem wirklichen Leben im modernen Proletariat. Man möchte sagen: Man stieß auf die schier apokalyptische Hoffnung, daß die Expropriation der Expropriateure, die notwendige Sozialisierung der Produktionsmittel, mit einer großen Krise kommen muß.
[ 21 ] Das Bürgertum machte sich darüber lustig, so daß es wieder und wiederum wiederholte, das moderne Proletariat warte auf den großen Kladderadatsch. Unter diesem großen Kladderadatsch wurde eben vorgestellt, daß, ich möchte sagen, das Gefäß, welches das Unternehmertum begründete, selbst zerspringt, daß durch Selbstregulierung das Unternehmertum übergeht in die gemeinschaftliche Verwaltung der Produktionsmittel durch das Proletariat. Das war gewissermaßen die apokalyptische Hoffnung. In dieser Hoffnung arbeitete mit festem Glauben eben dieses moderne Proletariat. Man war felsenfest davon überzeugt, daß es gar nicht anders kommen könne, als daß diese Sozialisierung einzutreten hätte.
[ 22 ] Sehen Sie, hier ist im Marxismus jede bloße theoretische Anschauung abgewiesen. Eine bloße theoretische Anschauung ist Ideologie oder Überbau, der ja zurückwirken kann, aber der auch, wenn er zurückwirkt, doch ursprünglich entstanden ist aus der bloßen wirtschaftlichen Ordnung. Und doch, das Ganze ist doch eine Theorie. Es läßt sich doch nicht leugnen, daß es eine Theorie ist. Und als Theorie hat es gerade eingeschlagen; es hat die Leute gehoben, es hat den Leuten einen bestimmten Glauben beigebracht. Und das Merkwürdige war: Als der Glaube des Bürgertums, der ja kein neuer war, sondern nur ein traditionell alter war, immer mehr und mehr versumpfte, verlotterte und korrumpierte, erstand ein allerdings bloßer materialistischer Glaube, der Glaube an die Apokalypse der wirtschaftlichen Ordnung, felsenfest im Proletariat. — Wenn man nur auf die Kraft des Glaubens sieht, bloß auf den Impetus des Glaubens sieht, so kann man sagen: Es ist ganz gewiß auch innerhalb der ersten Christengemeinden niemals fester geglaubt worden, mit größerer Kraft geglaubt worden als vom modernen Proletariat an die Apokalypse der wirtschaftlichen Entwickelung: Expropriierung der Expropriateure. — Man konnte da schon Glaubenskraft kennenlernen, wenn sie auch nach der Meinung der Leute — anderer Leute als der Proletarier — an nichts sehr Hohes sich wendete, man konnte schon lernen, was Kraft eines Glaubens, eines Bekenntnisses ist; denn Bekenntnis wurde das für das Proletariat.
[ 23 ] Nun, das Merkwürdige ist dieses, daß aus der Beobachtung vorzugsweise des Lebens im Britischen Reiche Karl Marx und sein Freund Friedrich Engels diese Lehre gewonnen haben; eingeschlagen aber, so daß sie zur Orthodoxie geworden ist, am intensivsten eingeschlagen hat diese Lehre innerhalb der deutschen Arbeiterschaft. Die echtesten Marzisten gab es unter der deutschen Arbeiterschaft. Und für den, der solche Dinge studieren kann nach den Wirklichkeitsgrundlagen, liegt die Sache so, daß er einsieht, daß wirklich die marxistische Lehre nur innerhalb des Britischen Reiches, aus der Beobachtung der britischen Verhältnisse entstehen konnte. Nur ein durch Hegelsches dialektisches Denken, ein durch utopistisches Fühlen der Saint-Simon-Schule hindurchgegangener und ein auf dieOwenschen und andere sozialistischen Experimente blickender Mann, der nun aber zu gleicher Zeit beobachtet, wie sich im englischen Industrialismus Unternehmertum und Proletariat gegenseitig verhalten, wie da ein absolutes Nichtverstehen, sich bloßes Einstellen auf einen Kampf stattfindet, nur ein solcher Mensch, der das alles durchgemacht hat, der eben mit seiner Beobachtung gelandet war da, wo gewissermaßen der wirtschaftliche, der rein ökonomische Prozeß in Reinkultur vor ihm stand, der konnte so etwas ausdenken. Als Marx das ausdachte, war zum Beispiel Deutschland noch lange nicht ein Industriestaat, in dem man das hätte ausdenken können, was Karl Marx gedacht hat. Man brauchte deutsche Gedanken der Hegelschen Lehre, um so scharfsinnig das industriell-wirtschaftliche System durchzudenken. Aber Deutschland selbst war zu der Zeit viel zu sehr noch Agrar- und gar nicht Industrieland, um irgendwie das beobachten zu können, was nötig war, um zu dieser marxistischen Methode, das wirtschaftliche Leben zu beobachten, eben zu kommen.
[ 24 ] Es gibt ja ältere sozialistische Lehren innerhalb Deutschlands, zum Beispiel Weitlings «Evangelium eines armen Sünders», oder Marlos sozialistischer Versuch. Marlo war Professor in Kassel, Winkelblech heißt er mit seinem wirklichen Namen. Dann Rodbertus; aber Rodbertus stützt sich namentlich auf agrarische Verhältnisse. Alle diese Dinge sind eben wirklich kleine Anfänge des sozialen Fühlens gegenüber dem Eindringlichen der marxistischen Anschauung. Was Karl Marx gemacht hat, das konnte nur durch die Beobachtung am Objekte, nämlich im Britischen Reiche, wo der Industrialismus dazumal schon so weit vorgeschritten war in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts, gewonnen werden. Dann aber konnte es, nachdem es gewonnen war, gerade im aufkeimenden Industrialismus gründlich Wurzel schlagen, beim Proletariate des aufkeimenden Industrialismus innerhalb Deutschlands gründlich Wurzel schlagen.
[ 25 ] Das ist durchaus begreiflich, daß es da gründlich Wurzel schlagen konnte. Denn wenn in einem solchen Gebiete ein Mensch wie Hegel lebt, so ist er ja nicht wie ein Meteor aus dem Himmel heruntergefallen, sondern er stellt nur dar die konzentrierte Kraft gerade mit Bezug auf eine solche Eigenschaft, wie es bei Hegel ist, die konzentrierte Kraft von Anlagen, die doch im Volke schon sind. Karl Marx hatte gewissermaßen sein dialektisches Denken in Deutschland gelernt, aus Deutschland nach England hinübergetragen. Daß er mit dem, was er dort ausgebildet hatte, in Deutschland wiederum das tiefste Verständnis fand, daß da das Denken geeignet war, als es sich jetzt umgesetzt hatte von den Höhen, wo man nur denken gelernt hatte, in das Begreifen, in das Versuchen, zu begreifen den wirtschaftlichen Prozeß, das ist ja verständlich. Wenn man bloß Hegel hat — nicht wahr, ich habe Ihnen das charakterisiert —, nun ja, da kann man nachher denken, aber man hat nichts in der Hand. Aber jetzt hat Marx unter dem Einflusse des Britischen Reiches, des Industrialismus des Britischen Reiches das Denken so verändert, daß er dem Proletariat hinstellte: Du wirst, wenn die Krisis herangekommen ist, all das haben, was die Leute haben, die dich aussaugen. Du brauchst nur so zu denken, dann tust du schon genug. Habe nur Verständnis; die Lokomotive fährt, gib nur manchmal einen Schubs, damit sie schneller fährt. Das ist das einzige, was du kannst. Das, was du denkst, ist natürlich auch nur eine Ideologie, aber das, was du denkst, wirkt wiederum zurück. Sie stammen vom wirtschaftlichen Leben, deine Gedanken, und gesundes wirtschaftliches Denken kann man nicht durch Studium, sondern nur dadurch, daß man Proletarier ist, erreichen, denn nur aus dieser Klasse heraus kommt das wirtschaftliche Denken. Also du bist Proletarier. Weil du Proletarier bist, denkst du richtig im Sinne der modernen Zeit. Da entwickelt sich deine Ideologie, mit der kannst du ja wieder zurückwirken, da gibst du der Lokomotive einen Puff. — Jetzt hat man etwas davon! Das ist nicht nur Hegelismus, auch nicht Saint-Simonismus und auch nicht Owensches, denn der Hegelismus gibt Gedanken, die nicht eingreifen in die Wirklichkeit, der Saint-Simonismus gibt soziale Gefühle, die aber so sind wie wenn man sagen wollte: Mach warm, lieber Ofen, — ohne daß man Holz hineintut. Robert Owen und andere sind gescheitert mit einzelnen sozialistischen Unternehmungen; aber Karl Marx hat hingewiesen auf einen Prozeß, den die ganze Menschheit durchmacht, das Proletariat durch alle Länder über die ganze Erde hin, der darinnen besteht, daß die Expropriation expropriiert werde, daß die Produktionsmittel sozialisiert werden. Es gibt also schon einen inneren Grund, daß gewissermaßen das, was mit deutschem Denken ergriffen worden ist, auch wiederum in Deutschland am intensivsten eingeschlagen hat, so daß da der orthodoxeste Marxismus entstanden ist.
[ 26 ] Das Eigentümliche ist: Der Marx konnte eine solche Lehre in England fabrizieren, aber auf England selbst ist sie nicht anwendbar, weil die Menschen sie nicht annehmen wegen dieses Grundes, daß ja dort jener Gegensatz zwischen Unternehmer und Arbeiter gar nicht besteht in demselben Maße. Ich habe das, glaube ich, erwähnt. Da stehen Unternehmer und Arbeiter sich näher. Dafür kann ich Ihnen auch einzelne Beweise anführen. Ich will Ihnen einen solchen Beweis anführen. Alle diese Dinge, die vom geisteswissenschaftlichen Gesichtspunkte aus angeführt werden, die lassen sich nämlich auch durch empirische Tatsachen durchaus beweisen. Sehen Sie, Marx arbeitete mit scharfsinnigem Hegelschem Denken, welches vorzugsweise deutsches Denken ist. Sein marxistisches System, das fand verständnisvolles Entgegenkommen gerade im deutschen Proletariat. Der Bernstein, Eduard Bernstein, der hielt sich dann länger in England auf, studierte weniger den industriellen ökonomischen Prozeß als die Ansicht, die die Leute haben, die Proletarier haben, die dortigen sozialen Strömungen. Er ist weniger Hegelisch geschult — Bernstein lebt ja noch —, er richtete also nicht das scharfsinnige dialektische Denken Hegels auf die englischen Verhältnisse, sondern paßte sein Denken mehr dem englischen proletarischen Denken selber an, und als er nach Deutschland zurückkam, nachdem er lange verbannt war aus Deutschland und ein Asyl in London gefunden hatte, da wurde aus seiner Anschauung der sogenannte sozialistische Revisionismus, das heißt, ein abgeschwächtes, nicht mehr marxistisches Denken, das doch eigentlich wenig verstanden worden ist, das dann nur—nicht innerhalb der proletarisch-sozialistischen Partei, aber innerhalb der verschiedenen gewerkschaftlichen Kreise Anhängerschaft gewonnen hat, weil es etwas bequemer ist gegenüber den Regierungsmächten als der Marxismus. Sehen Sie, da haben Sie den lebendigen Beweis: Einer, der sich angepaßt hat an das englische proletarische Denken, der ist nicht zum Marxismus gekommen, so wie das deutsche Proletariat unmittelbar den Marxismus ergriffen hat, weil dieser Marxismus zwar in England fabriziert werden konnte, aber in England selber nicht den Boden hat, in den Menschen nicht den Boden hat. Er hatte den Boden in den deutschen Arbeitern vor allen Dingen. Von da aus breitete er sich dann nach den verschiedensten Richtungen aus, aber in derselben orthodoxen Starrheit, Festigkeit, mit jener ungeheuren Glaubenskraft doch nicht so leicht sonstwo als innerhalb des deutschen Proletariats.
[ 27 ] Das ist sehr wichtig festzuhalten, weil es gerade für den gegenwärtigen Zeitpunkt, wo die soziale Frage ihre große Rolle spielt, das deutsche Wesen, das deutsche Proletarierwesen charakterisiert, seine ganze Stellung zur Welt charakterisiert. Und dies muß man auch ins Auge fassen, wenn man die gegenwärtige welthistorische Stellung der sozialen Fragen durchgreifend verstehen will, wenn man sie verstehen will im Zusammenhang mit den katastrophalen politischen Ereignissen der Gegenwart.
[ 28 ] Sehen Sie, es ist eine Theorie, sagte ich vorhin — trotzdem alle Theorie als eine bloße Ideologie erklärt wird —, es ist eine Theorie, die eingedrungen ist in Herzen, in Seelen, die ungeheure Glaubensintensität entwickelt hat. Aber indem sie als Theorie Tatsache geworden ist, hat sie als Tatsache gewissermaßen die Starrheit von Theorien entwickelt. Das brachte es dahin, daß das moderne Proletariat, namentlich das deutsche Proletariat, fest geschult, glaubenskräftig erfüllt vom Marxismus in seiner Mehrheit war, aber für gewisse elementare Dinge, wenn sie mit dem zur Tatsache gewordenen Marxismus nicht übereinstimmten, gar kein rechtes Verständnis hatte. Wer viel diskutiert hat mit modernen Proletariern, wie ich es konnte in der Zeit, als ich Lehrer einer Arbeiter-Bildungsschule war und mit den verschiedensten gewerkschaftlichen, auch politischen Verbänden der Sozialdemokratie gesprochen habe, wer die tatsächlichen Verhältnisse da studieren konnte — ich habe ja auch Redeübungen abgehalten, denn die Leute waren aufs Praktische gestellt, sie wollten teilnehmen am politischen Leben, wollten reden lernen —, wer da namentlich Diskutierübungen abgehalten hat, also drinnenstand in der Art und Weise, wie die Leute miteinander diskutierten, der weiß natürlich, für welche Dinge die Leute zugänglich waren. Nicht wahr, wenn man Diskutierübungen leitet, wirft man ja, das ist einfach ein technisches Hilfsmittel, da oder dort, um die Diskussion anzuregen, irgend etwas ein. Gerade wenn man bloß Diskutierübungen leitet, weiß man ja — jeder weiß das —, daß man das, was man einwirft, nicht als seine Meinung, sondern probeweise einwirft. Man könnte auch das sagen: Was würde man darauf antworten, wenn man zum Beispiel dem Proletarier sagen wollte: Ja, sehen Sie, der Streik gilt Ihnen als etwas, was eine ganz brauchbare Wafle im modernen proletarischen Klassenkampfe ist; warum streikt Ihr nicht gegenüber den Kanonenfabriken? Ihr begeht den großen Widerspruch, daß Ihr genau wißt: Die Kanonen sind Eure schärfsten Feinde, aber Ihr fabriziert sie. Ihr würdet ja Unendliches im Sinne des realen Effektes Eurer Theorie erreichen, wenn Ihr Euch weigertet, Kanonen zu fabrizieren. — Sehen Sie, diesen ganz elementaren Einwand verstand kein Proletarier, denn so weit ging er nicht. Für ihn handelte es sich nicht darum, irgendwie zunächst sachlich einzugreifen in dasjenige, was sich eigentlich entwickelte. Ihm war es ganz gleich, was fabriziert wird. Ihm handelte es sich nur um den einzigen Punkt: Übergang der Produktionsmittel, gleichgültig für das, was produziert wird, in die soziale Ordnung, Sozialisierung der Produktionsmittel, gleichgültig, was diese Produktionsmittel hervorbringen.
[ 29 ] Gerade wenn Sie dies nehmen, dann werden Sie sehen, daß es eigentlich auf ein bestimmtes Ziel hinauskam. Wenn man natürlich, wie der moderne Proletarier, in seiner Seele nicht durchaus kriegerisch gestimmt ist — der Proletarier ist natürlich nicht kriegerisch gestimmt, weil er sich vom Kriege keinen Nutzen verspricht —, dann kann man nur hoffen, daß man etwas beiträgt zur Überwindung des Krieges, indem man Kanonen ebensogut fabriziert wie etwas anderes, wenn man selbst nur zur Macht kommt, denn dann kann man, wenn man die alten Mächte gestürzt hat und selber zur Macht kommt, das Kanonenfabrizieren ja abschaffen! Und so war auch ungefähr, oder ist auch ungefähr die Denkweise. Es handelt sich um die Erwerbung der Macht.
[ 30 ] Da haben Sie den Punkt angegeben, wo der Marxismus gewissermaßen umschlägt, wo er in eine Art von Widerspruch hineinkommt, wo der dialektische Prozeß, ich möchte sagen, sich an ihm rächte. Denn er geht davon aus, daß das wirtschaftliche Leben gewissermaßen der Selbststeuerung unterliegt, daß also dasjenige, was geschehen soll, von selbst geschieht; man braucht nur hie und da einmal die Lokomotive zu schubsen. Und dennoch muß er danach trachten, die alten Regierungsmächte zu stürzen und sich selber an deren Stelle zu stellen, also nach der Macht, die vom Menschen ausgeht, zu streben. Er will machen, was geschehen soll. Er appelliert also doch eigentlich wiederum an den Menschen, rechnet darauf, daß er obenauf kommt und dann die Macht hat, während früher die anderen die Macht hatten.
[ 31 ] Dies lag schon gewissermaßen in der Theorie. In der Praxis wirkte, ich möchte sagen, wie Rache der Dialektik am Marxismus auch noch diese moderne furchtbare Kriegskatastrophe, die nun plötzlich über weite Gebiete der Erde die Macht mehr oder weniger in die Hände des Proletariats spielt, jetzt gar nicht aus der wirtschaftlichen Ordnung heraus, sondern aus einer ganz anderen Ordnung, besser gesagt Unordnung heraus dem Proletarier die Macht in die Hände spielt. Das ist ein merkwürdiger Prozeß, außerordentlich merkwürdig. Und noch merkwürdiger wird er, wenn man ihn sieht, diesen Prozeß, in seiner Gesamtausbreitung, wenn man ihn jetzt sieht gewissermaßen übergreifen über die Verhältnisse der ganzen Erde. Denn wie ich Ihnen letzthin sagte: Die Wahrheit hat sich erst im Laufe der Jahre aus diesem sogenannten Krieg heraus entwickelt. Daß Mittelmächte und Entente einander gegenüberstanden, war ja die Unwahrheit; in Wirklichkeit sprang heraus dieser furchtbare wirtschaftliche Kampf, der da nun seinen Anfang nimmt. — Das ist die Wahrheit, die heraussprang aus jener Unwahrheit, in die maskiert war dasjenige, was eigentlich welthistorisch zugrunde liegt. Und eigentlich heben sich heute schon ein bißchen die beiden Lager ab. Die beiden Lager, wirtschaftlich heben sie sich ab, indem immer mehr und mehr sich zeigt, daß die englischsprechende Bevölkerung geographisch-welthistorisch darstellt eine Art Unternehmertum als herrschendes Element, das auf die eine oder andere Art besiegt die andere Welt, Mitteleuropa, Osteuropa, mehr oder weniger das Proletariat als herrschende Welt. Wie in der modernen Fabrik sich gegenüberstehen Unternehmer und Arbeiter, so stehen sich in der Welt Unternehmertum der alten Entente mit Amerika und Proletariat in den besiegten Mächten gegenüber. Das ist das großartig, bedrückend, tragisch-großartig Wirkende. Man kann nicht dasjenige, was heute geschieht, anders studieren, als indem man es im Zusammenhang begreift mit der ganzen proletarisch-sozialistischen Frage.
[ 32 ] Aber auf dem weltgeschichtlichen Plan wird sich nicht bloß dasjenige abspielen, was ich eben angedeutet habe, sondern beunruhigend in dasjenige, was eigentlich nur ein wirtschaftlicher Kampf, ein riesiger wirtschaftlicher Kampf ist, beunruhigend mischt sich da hinein ein anderes Element. Der wirtschaftliche Kampf entsteht innerhalb der Menschheit, und ein wirtschaftlicher Kampf wird es sein, der zwischen der einen Hälfte der Erde und der anderen Hälfte der Erde in furchtbarer Art ausgefochten wird. Der wirtschaftliche Kampf innerhalb der Menschheit beruht auf der Ausbildung der Sinne und des Nervensystems. Und im fünften nachatlantischen Zeitraum, im Zeitalter der Bewußtseinsseele, ist die englischsprechende Welt besonders organisiert für das Sinnes-Nerven-System, weil in diesem Zeitraum das Nervensystem lediglich utilitaristische, materielle Gedanken entwickelt, dahin tendierend, die Welt zu einem großen Warenhausunternehmen zu machen. Aber beunruhigend wirkt hinein in diese Welt des SinnesNervensystems die Welt des Blutes, der andere Pol im Leben des Menschen, die Welt des Blutes. Die wird ihre Welle hineinwerfen in dasjenige, was das Sinnes-Nervenleben auf der einen Seite aufwirbelt als rein wirtschaftlichen Kampf, die Welt des Blutes, zunächst vertreten durch die vereinigten slawischen Vorposten: Tschechen, Slowenen, Polen, Slowaken und so weiter, bis die andere Welle mit dem gereinigten Blute, mit dem spiritualisierten Blute im Osten Europas, das Russisch-Slawische, dann hineinspielen wird. Während von Westen her der Osten und Mitteleuropa nur gemacht werden sollen zu einem großen Konsumtionsgebiet für eine produzierende Welt des Westens, wird nicht nur die Auflehnung des konsumierenden Proletariats von Osten gegen Westen strahlen, sondern vor allen Dingen die unruhige Welle des Blutes. Blut und Nerven könnte man auch dasjenige nennen, was in die Welt hineinkommt und was verstanden sein will, was mit dem Verständnis bewältigt werden will. In diese kriegerische Katastrophe spielte es schon hinein. Studieren Sie die Wirkungen des deutschen Schiffsbaues und der deutschen Flotte, Kriegsflotte, des deutschen Kolonisierungssystems, studieren Sie dasjenige, was der weitsichtige, aber selbstsüchtige Chamberlain verhandelt hat mit der einfältigen deutschen Regierung um die Wende des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts, und was dann nicht zustandegekommen ist, dann werden Sie solche Ansätze haben, aber einige von den vielen Ansätzen zum großen wirtschaftlichen Prozeß, der in diesen sogenannten Krieg hineinspielte. Und studieren Sie die sogenannte orientalische Frage mit ihrer letzten Phase, dem unglückseligen Balkankrieg, dann haben Sie das andere, dasjenige, was als Welle des Blutes den wirtschaftlichen Krieg konterkariert. Das spielt schon in die gegenwärtige Katastrophe hinein, Diese Dinge wollen verstanden werden.
