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The Developmental-Historical Basis
of Social Judgment
GA 185a

22 November 1918, Dornach

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Sechster Vortrag

Sixth Lecture

[ 1 ] Fichte, Johann Gottlieb Fichte hat unter anderem Bedeutungsvollen, das er zur Darstellung, zur Aussprache gebracht hat, einen Satz gesagt, der eigentlich im weitesten Umfange ein geweihtes Wort des Lebens werden sollte. Der Satz heißt: «Der Mensch kann, was er soll; und wenn er sagt: ich kann nicht, so will er nicht.» Nun, ich sage: Dieser Satz sollte im weitesten Umfange ein geweihtes Wort des Lebens werden, und gerade wird es und müßte es die Aufgabe geisteswissenschaftlichen Denkens und geisteswissenschaftlichen Empfindens sein, diesen Satz in sich selber voll lebendig zu machen. Denn nur aus jenem Bewußtsein der Persönlichkeit heraus, das getragen und stark gemacht werden kann durch eine solche Gesinnung: der Mensch kann, was er soll; und wenn er sagt: ich kann nicht, so will er nicht — nur durch eine solche Gesinnung werden die Aufgaben, die der Menschheit von der Gegenwart an gegen die nächste Zukunft zu gestellt werden, einigermaßen gelöst werden können.

[ 1 ] Among the many significant ideas that Johann Gottlieb Fichte articulated and expounded upon, he uttered a sentence that, in the broadest sense, should actually become a sacred word of life. The statement reads: “A person can do what he ought to do; and when he says, ‘I cannot,’ it is because he does not want to.” Well, I say: This statement should, in the broadest sense, become a sacred word of life, and indeed it is—and ought to be—the task of spiritual-scientific thought and spiritual-scientific feeling to bring this statement fully to life within themselves. For only out of that awareness of the personality—which can be sustained and strengthened by such an attitude: “A person can do what they ought to do; and when they say, ‘I cannot,’ it is because they do not want to”—only through such an attitude can the tasks that humanity faces from the present into the near future be solved to any degree.

[ 2 ] Nun ist das Eigentümliche — das hängt schon einmal mit dem Entwickelungsgang der Menschheit zusammen —, daß gerade diesem Satze die tonangebende Gesinnung der Gegenwart, die ja ein Ergebnis ist der Gesinnung der letzten Jahrhunderte und ihrer Entwickelung, diesem Satze, beziehungsweise der Kraft, dem Inhalt dieses Satzes vollständig widerspricht. Es ist im Gegenteile in der Menschheit allmählich eingetreten ein, man könnte schon fast sagen, nahezu an das Absolute gehender Unglaube an sich selbst. Dieser Unglaube an sich selbst, er macht sich geltend durch die mannigfaltigsten Finessen des Lebens hindurch. Er macht sich so geltend, daß zuweilen Menschen glauben, großes Vertrauen zu sich selber zu haben, aber sich das nur aus allerlei unterbewußten Untergründen heraus einreden, während es bei ihnen zu einem rechten, wahren, tatkräftigen Selbstvertrauen einfach aus dem Grunde nicht kommt, weil eben das vorliegt, durch die ganze Erziehung des neunzehnten Jahrhunderts das vorliegt, daß die Menschen in bezug auf ihr seelisches Leben, auf die Bloßlegung und Inkraftsetzung der seelischen Kräfte, unendlich bequem geworden sind. Und würde nur einmal das Bewußtsein Wurzel schlagen können, daß zu unendlich vielem, wovon man sagt, man könne es nicht, bloß in Wahrheit der Wille fehlt, so würde schon ungeheuer viel getan sein. Denn das Wichtigste, das Allerwichtigste, was für die Zukunft geschehen soll, wird nicht geschehen durch Institutionen, wird nicht geschehen durch allerlei Einrichtungen, so sehr man heute an Institutionen und Einrichtungen wie an ein Alleinseligmachendes überall glaubt, sondern das Wichtigste für die Zukunft wird geschehen durch die Tüchtigkeit des einzelnen menschlichen Individuums. Diese Tüchtigkeit des einzelnen menschlichen Individuums ergibt sich aber nur aus einem wahrhaften, wirklichen Vertrauen in einen unerschöpflichen Born von göttlicher Kraft in der menschlichen Seele. Aber weit, weit entfernt ist die gegenwärtige Menschheit von diesem Glauben an einen unerschöpflichen Quell in der menschlichen Seele.

[ 2 ] Now, what is peculiar—and this is certainly connected to the course of human development—is that it is precisely this statement that is completely contradicted by the prevailing mindset of the present, which is, after all, a result of the mindset of the past centuries and their development; that is, the prevailing mindset contradicts this statement, or rather the power and content of this statement. On the contrary, a state of self-doubt—one might almost say bordering on the absolute—has gradually taken hold in humanity. This self-doubt manifests itself through the most diverse intricacies of life. It manifests itself in such a way that people sometimes believe they have great confidence in themselves, but they are merely convincing themselves of this from all sorts of subconscious undercurrents, while they simply do not develop genuine, true, active self-confidence for the very reason that—as a result of the entire educational system of the nineteenth century—people have become infinitely complacent with regard to their spiritual life, to the uncovering and activation of their spiritual powers. And if only the awareness could take root, even just once, that for an infinite number of things people say they cannot do, what is truly lacking is simply the will—then an immense amount would already have been accomplished. For the most important thing—the very most important thing—that is to happen in the future will not come about through institutions, will not come about through all manner of organizations, no matter how much people today believe everywhere in institutions and organizations as if they were the sole source of salvation; rather, the most important thing for the future will come about through the competence of the individual human being. This competence of the individual human being, however, arises only from a genuine, true trust in an inexhaustible wellspring of divine power within the human soul. But humanity today is far, far removed from this belief in an inexhaustible wellspring within the human soul.

[ 3 ] Deshalb steht die heutige Menschheit so ratlos vor den großen Aufgaben, die, ich möchte sagen, heute gewissermaßen auf der Straße überall das Leben stellt. Ratlos steht die Menschheit vor den großen Aufgaben. Und die katastrophalen Ereignisse der letzten Jahre, sie haben diese Aufgaben ins Unermeßliche vergrößert, so sehr ins Unermeßliche vergrößert, daß die meisten Menschen, die ja schlafen heute, gar nicht ahnen, wie groß, wie umfassend diese Aufgaben sind, gar nicht sich beschäftigen wollen mit dem Umfassenden, mit dem Großen dieser Aufgaben, die heute im Grunde genommen alles, was um uns herum ist, stellt. Und wenn durch die Verhältnisse, wie es gerade jetzt geschieht, über weite Teile der Welt hin geschieht, dann die Menschen aufgerufen werden, aus ihrem Urteilsvermögen, kurz, aus ihrer Seele heraus irgendwelche Entscheidungen zu treffen, so wachsen ihnen heute die Dinge über den Kopf, aus dem Grunde, weil die Menschen einfach nicht vorbereitet sind auf das Erfassen der Aufgaben im Großen; denn im Kleinen können die Aufgaben heute nicht angegriffen werden, sie können nur im Großen angegriffen werden. Und so werden wir es erleben, daß dasjenige, was die Leute tun werden, um an die Stelle der katastrophalen Zustände geordnete, wie sie meinen, zu setzen, zunächst für lange Zeit unfruchtbare Arbeit bleiben muß, eher ins Chaos hineinführen wird als zu irgendwelcher Ordnung. Einfach deshalb wird es dazu kommen, weil das charakterisierte Vertrauen der Menschen zu sich selbst fehlt. Es ist ja allerdings bequemer, gegenüber Aufgaben, die das Leben stellt, zu sagen: Ich kann sie nicht bewältigen —, als die Mittel und Wege zu suchen, um aus dem Seelenleben heraus wirklich die Kräfte für diese Aufgaben zu gewinnen. Und sie sind im Seelenleben, diese Kräfte, denn der Mensch ist von unendlich weiten göttlichen Kräften durchwallt. Und wenn er diese Kräfte nicht sucht, so läßt er sie eben brach liegen, so will er sie nicht entwickeln.

[ 3 ] That is why humanity today stands so helpless in the face of the great challenges that—I would say—life presents everywhere, so to speak, on the streets today. Humanity stands helpless in the face of these great challenges. And the catastrophic events of recent years have magnified these challenges to immeasurable proportions—so immensely that most people, who are essentially asleep today, have no idea how vast and far-reaching these challenges are; they do not even want to grapple with the scope and magnitude of these challenges, which, in essence, encompass everything around us today. And when, as is happening right now across vast parts of the world, circumstances call upon people to make decisions based on their judgment—in short, from the depths of their souls—these matters overwhelm them today, simply because people are not prepared to grasp the tasks on a grand scale; for these challenges cannot be tackled on a small scale today; they can only be tackled on a grand scale. And so we will see that what people do to replace the catastrophic conditions with what they consider to be order will, at first, remain fruitless for a long time, leading more toward chaos than toward any kind of order. This will happen simply because people lack that characteristic trust in themselves. It is, after all, more convenient to say, in the face of the challenges life presents, “I cannot master them”—than to seek the means and ways to truly draw the strength for these tasks from the life of the soul. And these forces are indeed found in the inner life, for human beings are permeated by infinitely vast divine forces. And if they do not seek these forces, they simply leave them untapped; they do not wish to develop them.

[ 4 ] Sehen Sie, dies muß heute der Mensch im Kleinsten und im Großen sich aneignen: alles an die großen Gesichtspunkte des Lebens irgendwie anzuknüpfen, diese großen Gesichtspunkte des Lebens wirklich lebendig zu machen. Wer das Leben beobachtet, könnte gerade mit Bezug auf solche Dinge in jener Entwickelungsströmung, die nun einmal die heutige Katastrophe gebracht hat, die großen Dekadenzerscheinungen gerade auf diesem Gebiete beobachten. Ich will eine kleine Geschichte erzählen, weil solche kleinen Geschichten vielleicht mehr lehren als theoretisierendes Auseinandersetzen.

[ 4 ] You see, this is what people today must learn to do, in both the smallest and the largest matters: to connect everything in some way to the great perspectives of life, and to truly bring these great perspectives of life to life. Anyone who observes life can see, precisely in relation to such things, within the current of development that has brought about today’s catastrophe, the great signs of decadence in this very area. I want to tell a little story, because such little stories may teach us more than theoretical discussions.

[ 5 ] Mir begegnete vor vielleicht achtzehn, neunzehn Jahren in Berlin ein Mann, der schon damals als nationalökonomischer Denker und Organisator außerordentlich geschätzt war. Mir begegnete er dazumal, ich kannte ihn, ich war da und dort einmal mit ihm zusammengekommen, hatte auch von seiner Berühmtheit gehört. Die Leute erzählten schon dazumal in Berlin, der Mann sei so berühmt, daß er, nachdem jetzt eine große Zeitung gegründet worden sei, mit einem großen Gehalt bei dieser Zeitung angestellt worden sei, und zwar nicht für Artikel, die er für diese Zeitung schreiben sollte, sondern es war ihm freigestellt, wann er wollte, alle Jahre einmal einen Artikel zu schreiben. Aber das einzige, was er zu leisten hatte für das hohe Gehalt, das war, daß er für alle anderen Zeitungen nicht schrieb. So berühmt war der Mann, daß einer der größten Zeitungsunternehmer Berlins ihm einfach ein hohes Gehalt gab dafür, daß ihm keine Konkurrenz erwuchs durch das Schreiben dieses Mannes in anderen Zeitungen, währenddem er ihm freistellte, wann er wollte, in seiner Zeitung zu schreiben. Dieser Mann ging auch immer mehr und mehr schon mit dem Plane um, im Kleinen über ein bestimmtes Terrain hin allerlei soziale Einrichtungen, gewissermaßen kleine soziale Mustergesellschaften oder Musterstaaten, könnte man sagen, zu errichten. Es galt für ungeheuer scharfsinnig, wie er sich diese sozialen Mustergemeinschaften ausgedacht hatte. Und wenn er nicht eigentlich noch viel mehr Anhänger gewann und die Anhänger, die er gewann, nur im Theoretischen blieben, so rührte das auch nicht davon her, daß die Leute ihn nicht für sehr scharfsinnig gehalten hätten, sondern es rührte davon her, daß die Leute zu bequem waren, selbst zu so etwas sich zu bekennen, was sie für sehr scharfsinnig und sehr wohltätig für die Menschheit hielten. Nun begegnete er mir und sagte — ich sah ihn schon mit strahlendem Gesichte kommen —: Jetzt habe ich endlich den Geldmann gefunden, der mir die Summe zur Verfügung stellt, daß ich einmal eine solche Siedelungsgenossenschaft gründen kann. Jetzt wollen wir das Gemeinwesen der Zukunft gründen. — Ich sagte nichts als: Gründen Sie es nur, es wird schon nach nicht allzu langer Zeit verkrachen. — Denn solche Dinge gründet man doch nur in der gegenwärtigen Zeit, damit sie verkrachen, selbstverständlich.

[ 5 ] About eighteen or nineteen years ago, I met a man in Berlin who was already highly regarded at the time as an economist and organizer. I met him back then; I knew him, having run into him here and there on occasion, and I had also heard of his fame. Even back then in Berlin, people were saying that the man was so famous that, after a major newspaper had been founded, he had been hired by that newspaper at a high salary—not to write articles for it, but rather he was free to write one article a year whenever he chose. But the only thing he had to do in exchange for that high salary was to refrain from writing for any other newspapers. The man was so famous that one of Berlin’s largest newspaper publishers simply paid him a high salary to ensure he wouldn’t face competition from this man writing in other newspapers, while at the same time giving him the freedom to write for his own newspaper whenever he chose. This man was also increasingly preoccupied with the plan to establish, on a small scale and within a specific area, all sorts of social institutions—in a sense, small model social communities or model states, one might say. The way he had conceived these model social communities was considered immensely astute. And if he did not actually gain many more followers—and if the followers he did gain remained merely theoretical—it was not because people did not consider him very astute, but rather because people were too complacent to commit themselves to something they themselves regarded as very astute and very beneficial to humanity. Now he came up to me and said—I could already see him coming with a beaming face—“I’ve finally found the financier who will provide me with the funds I need to establish such a settlement cooperative. Now let’s found the community of the future.”—I said nothing but: “Go ahead and found it; it’ll fall apart before too long.” — Because, of course, such things are only founded in the present day so that they can fail.

[ 6 ] Ich erzähle Ihnen diese Geschichte aus dem Grunde, weil der Glaube sich leicht festsetzen könnte bei einem nicht energischen Denken, bei einem Denken, das nicht an die großen Probleme des Lebens anknüpfen will, man solle in der Gegenwart mit allerlei Gründungen im Kleinen anfangen; mit nicht umfassenden Gründungen und gerade bei kleinen Gründungen müsse es sich zeigen, ob irgend etwas sich auch im Großen bewähren könne. Das aber ist ein vollständiges Unding, denn Sie begründen dann innerhalb einer kranken gesellschaftlichen Ordnung irgend etwas, was vielleicht ganz musterhaft sein kann, aber gerade, wenn es gut ist und sich dadurch mächtig unterscheidet von all dem, in das es hineingestellt ist, so muß es um so sicherer mißlingen. Sie können unmöglich, so wie die Dinge sich entwickelt haben, wo die Welt im Großen zeigt, wie sie sich ins Absurde geführt hat, auch nur im entferntesten daran denken, irgendwie mit kleinen Teilchen irgend etwas zu erreichen oder im kleinen Maßstabe irgend etwas zu machen. Nur dasjenige kann irgendeine Bedeutung haben, welches das Umfassende heute ergreift, welches seine Strahlen aussenden kann, ich möchte sagen, nach allem, was Mensch ist. Es schadet nichts, wenn solches ins Große Gedachte mißlingt, denn es wird die Anregung bleiben, und auf diese kommt es an. Auf den Impuls kommt es an.

[ 6 ] I am telling you this story because faith could easily take root in a mind that lacks vigor—a mind that refuses to engage with the great problems of life—and suggests that one should begin in the present with all sorts of small-scale foundations; with foundations that are not comprehensive, and that it is precisely through these small foundations that it must become apparent whether anything can prove itself on a larger scale. But that is a complete absurdity, for you are then establishing, within a sick social order, something that may indeed be exemplary—yet precisely because it is good and thereby stands in stark contrast to everything surrounding it, it is all the more certain to fail. Given the way things have developed—with the world demonstrating on a grand scale how it has led itself into the absurd—you cannot possibly even remotely consider achieving anything through small fragments or doing anything on a small scale. Only that which grasps the whole today, which can radiate its light—I would say, toward all that is human—can have any significance. It does no harm if such a grand conception fails, for it will remain an inspiration, and that is what matters. It is the impulse that matters.

[ 7 ] Das, was aber immer mehr notwendig ist, das ist doch das charakterisierte Vertrauen zu dem im Menschen liegenden Quell unermeßlicher göttlicher Kräfte. Nichts hat so sehr im Weltenlauf gesündigt gegen diesen Glauben an den unermeßlichen Quell göttlicher Kräfte in der Menschennatur, als die Bourgeoisie des neunzehnten Jahrhunderts und des angehenden zwanzigsten Jahrhunderts. Deshalb hat diese Bourgeoisie dem aufstrebenden Proletartat ein böses Erbe hinterlassen, und dieses aufstrebende Proletariat wird dieses böse Erbe zunächst übernehmen. Und wenn es nicht begreifen kann, daß es vor allen Dingen nicht darauf ankommt, mit den alten Gedanken Neues machen zu wollen, sondern daß es darauf ankommt, sich zu neuen Gedanken zu wenden, so wird aus allen Einrichtungen nichts herauskommen können, oder besser gesagt: Es wird erst dann aus Einrichtungen etwas werden, wenn diese Einrichtungen aus wirklichen neuen Gedanken, aus dem Impulse, aus der Kraft neuer Gedanken kommen.

[ 7 ] What is becoming increasingly necessary, however, is a deep-seated trust in the source of immeasurable divine powers that lies within human beings. Nothing in the course of world history has sinned so greatly against this faith in the immeasurable source of divine powers within human nature as the bourgeoisie of the nineteenth century and the dawning twentieth century. That is why this bourgeoisie has left a bitter legacy to the rising proletariat, and this rising proletariat will initially have to bear this bitter legacy. And if it cannot grasp that what matters above all is not trying to create something new with old ideas, but rather turning to new ideas, then nothing will come of any institutions—or rather: institutions will only become meaningful when they arise from truly new ideas, from the impulse and the power of new ideas.

[ 8 ] Hier muß das Verständnis einsetzen von mancherlei, das wir angefangen haben zu betrachten, dessen Betrachtung für die Gegenwart, für ein Wirklichkeitsverständnis der Gegenwart außerordentlich wichtig und bedeutsam ist. Ich habe Ihnen davon gesprochen, wie das aufstrebende Proletariat in seinen Gedanken, in seinen Empfindungen erfüllt ist von dem Impulse der Lehren des Karl Marx, und ich habe Ihnen einige Gesichtspunkte aus dieser Lehre desKarl Marx angegeben. Diese Gesichtspunkte, die Millionen und Abermillionen von Menschen heute beherrschen, können Ihnen schon verraten, daß dieser ganze Marxismus eben das Erbe der bürgerlichen Weltanschauung des letzten Jahrhunderts ist. Denn ich habe Ihnen ja, ich möchte sagen, die Strömungen aufgezeigt, aus denen gerade Karl Marx sein Geisteswasser getrunken hat. Ich habe Ihnen gesagt: Aus dreierlei fließt zusammen dasjenige, was proletarische marxistische Lehre der Gegenwart ist, aus dem dialektischen Denken, das Karl Marx aus der Schule der Hegelianer hatte, aus dem sozialistischen Impetus namentlich von SaintSimon und Louis Blanc, also der Franzosen, und aus dem Utilitarismus der Engländer. Diese drei Strömungen waren es, aus denen Karl Marx das zusammensetzte, was er so wirkungsvoll dem Proletariat beibrachte.

[ 8 ] This is where we must begin to understand various things that we have started to examine, the examination of which is extraordinarily important and significant for the present and for an understanding of the reality of the present. I have spoken to you about how the rising proletariat is imbued, in its thoughts and feelings, with the impulse of the teachings of Karl Marx, and I have outlined for you some aspects of these teachings. These perspectives, which dominate the minds of millions upon millions of people today, can already reveal to you that this entire Marxism is, in fact, the legacy of the bourgeois worldview of the last century. For I have, so to speak, pointed out to you the currents from which Karl Marx himself drew his intellectual inspiration. I have told you: What constitutes the contemporary proletarian Marxist doctrine is a convergence of three sources—the dialectical thinking that Karl Marx derived from the Hegelian school, the socialist impetus, notably from Saint-Simon and Louis Blanc (that is, the French), and the utilitarianism of the English. It was from these three currents that Karl Marx synthesized what he so effectively imparted to the proletariat.

[ 9 ] Nun, diese drei Dinge können wir jetzt, nachdem wir einiges über die Gesichtspunkte des Karl Marx selbst kennengelernt haben, für sich im einzelnen betrachten. Deutscher Hegelianismus, man kann ihn von den verschiedensten Seiten her charakterisieren. Um gerade Karl Marx zu verstehen, muß man ihn etwa von der folgenden Seite charakterisieren. Hegelianismus ist die Hingabe an den Gedanken im Menschen selbst. Es ist vielleicht niemals so energisch, so kraftvoll im reinen Gedanken gearbeitet worden, wie von Hegel selbst. Hegels ganzes System, wenn ich den spießbürgerlichen Ausdruck gebrauchen darf, ist Gedankenarbeit, vom Anfang bis zum Ende lauter wirkliche Gedanken. Daraus erklärt sich auch die Schwerverständlichkeit von Hegel, denn da die meisten Menschen in ihrem Leben überhaupt niemals einen einzigen reinen Gedanken haben, so ist natürlich ein Denker, dessen ganzes System aus Jauter reinen Gedanken besteht, selbstverständlich schwer, schwer, sehr schwer verständlich. Aber auch Hegel zu verstehen, dazu gehört nichts als die Überwindung der Bequemlichkeit des Denkens. Fleiß gehört dazu, Fleiß. Wo Fleiß vorhanden ist, da kommt dann die Befolgung des Satzes: Der Mensch kann, was er soll; und wenn er sagt: ich kann nicht, so will er nicht. Hegel ist daher ein energischer Denker, ein Denker, der in der Lage ist, seine Denkkraft so in der Hand zu haben, daß er wirklich in den einzelnen Erscheinungen des Lebens den Gedanken findet.

[ 9 ] Now that we have learned something about Karl Marx’s own perspectives, we can examine these three things in detail, one by one. German Hegelianism can be characterized from a wide variety of angles. To understand Karl Marx in particular, one must characterize it from the following perspective. Hegelianism is a devotion to thought within the human being itself. Perhaps no one has ever worked with such energy and such power in the realm of pure thought as Hegel himself. Hegel’s entire system—if I may use this petty-bourgeois expression—is intellectual labor; from beginning to end, it consists entirely of genuine thoughts. This also explains why Hegel is so difficult to understand; for since most people never have a single pure thought in their entire lives, a thinker whose entire system consists of nothing but pure thought is, of course, difficult—very, very difficult—to understand. But to understand Hegel, too, requires nothing more than overcoming the complacency of thought. Diligence is required—diligence. Where diligence exists, the following principle holds true: A person can do what he ought to do; and when he says, “I cannot,” it is because he does not want to. Hegel is therefore an energetic thinker, a thinker capable of exercising his power of thought to such an extent that he truly finds the thought within the individual phenomena of life.

[ 10 ] Aber dies hat eine gewisse Schattenseite, die ich Sie bitte, wohl zu beachten. Man muß höchste Anstrengungen machen, aber die genügen; Fleiß genügt. Man muß höchste Anstrengungen machen, wenn man sich wirklich hineinarbeiten will in so etwas wie das Hegelsche System. Anstrengungen muß man machen. Dann aber, wenn man diese Anstrengungen gemacht hat, wenn man nun wirklich das Hegelsche System vom Anfange bis zum Ende durchgearbeitet hat — die meisten Philosophieprofessoren machen sehr bald Halt, weil sie glauben, sie haben schon im Prinzip den Hegel verstanden; daher konnte Hartmann, Eduard von Hartmann, in den neunziger Jahren die voll gerechtfertigte Behauptung aufstellen, daß unter allen Universitätsprofessoren der Welt überhaupt nur zwei hegelisch gebildete Leute seien, unter allen Philosophieprofessoren; seit jener Zeit ist von den zweien einer gestorben und keiner hinzugekommen — nun, wenn man Hegel auf diese Weise sich angeeignet hat, ihn gewissermaßen in seinem System durchgeackert und es sich angeeignet hat, wenn man so ein Normalmensch ist — ich will nicht sagen Spießer, aber wenn man so ein Normalmensch ist —, nicht wahr, dann möchte man doch von solch einem anstrengenden Studium etwas haben, man möchte etwas in der Hand halten. Das aber ist gerade in dem gewöhnlichen normalen Menschensinn gar nicht einmal der Fall. Man hat eigentlich in dem Sinne, wie die Menschen wollen, nichts von Hegel, jedenfalls nichts, was man in ein Heft schreiben und getrost nach Hause tragen kann, auch nicht etwas, was man sich in ein kleines Kompendium zusammenfassen und als Auszug hübsch als Lebensweisheit nach Hause tragen kann. Das alles hat man von Hegel nicht. Von Hegel hat man nur das, daß man sein Denken angestrengt hat und daß, wenn man sich überwunden hat, Hegel durchzuackern, man dann denken kann. Man kann mit dem Denken aber weiter nichts machen als: Man kann denken. Man kann denken, aber man steht mit dem Denken außerhalb des ganzen Lebens. Man kann eben nur denken. Man kann gut denken, aber man steht mit diesem Denken, das im reinen Begriffsorganismus verläuft, also dialektisch ist, außerhalb des Lebens.

[ 10 ] But there is a certain downside to this, which I ask you to bear in mind. One must make the greatest effort, but that is enough; diligence is enough. One must make the greatest possible effort if one truly wants to work one’s way into something like the Hegelian system. One must make an effort. But then, once one has made this effort, once one has truly worked through the Hegelian system from beginning to end—most philosophy professors stop very soon because they believe they have already understood Hegel in principle; which is why Hartmann—Eduard von Hartmann—was able to make the fully justified claim in the 1890s that, among all university professors in the world, there were only two people who were truly educated in Hegel, among all philosophy professors; since that time, one of the two has died and none have been added—now, if one has mastered Hegel in this way, has, so to speak, plowed through his system and made it one’s own, if one is such a normal person—I don’t want to say a philistine, but if one is just an ordinary person—don’t you think so?—then one would surely want to gain something from such an arduous course of study; one would want to have something tangible to show for it. But that is precisely not the case in the ordinary, common sense of the matter. In the sense that people want, you actually get nothing from Hegel—at least nothing you can write down in a notebook and confidently take home with you, nor anything you can summarize in a little compendium and take home as a nice excerpt of wisdom for life. You get none of that from Hegel. All one gets from Hegel is that one has strained one’s thinking and that, once one has overcome the challenge of plowing through Hegel, one is then able to think. But one can do nothing else with this thinking except: one can think. One can think, but with this thinking one stands outside of life as a whole. One can simply only think. One can think well, but with this thinking—which takes place within a pure conceptual organism and is thus dialectical—one stands outside of life.

[ 11 ] Das war es ungefähr, was Marx von Hegel lernen konnte: Denken konnte er lernen, sich wirklich im Gedanken virtuos bewegen, das konnte er lernen. Aber er suchte etwas anderes. Er suchte nach einer Lebensauffassung für das Proletariat, für die weitaus größte Anzahl der besitzlosen neueren Menschheit. An der — wenn ich mich so ausdrücken darf — Richtigkeit des Hegelschen Denkens konnte er nicht zweifeln, aber anfangen konnte er in bezug auf seine Aufgabe mit diesem bloßen Hegelschen Denken eben nichts. Das gab, wenn ich so sagen darf, seinem Karma den entsprechenden Schwung, das führte ihn über das bloße Hegeltum, in dem sich sein Denken geschärft hatte, eben zu den französischen Utopisten, zu Saint-Simon, Louis Blanc. Wenn sich Marx fragte: Wie muß man die soziale Ordnung gestalten? —, dann gab ihm das Hegeltum keine Antwort, denn Hegel selbst hat, ich möchte sagen, nur das jedem Menschen bieten können: tief, durchdringend rein zu denken. Aber wenn man Hegel gefragt hat in späteren Jahren, welches die beste soziale Ordnung ist, da hatte er eigentlich seine Jugendanschauungen vergessen gehabt. Es ist außerordentlich interessant. Eine der signifikantesten Jugendanschauungen Hegels mit Bezug auf die soziale Ordnung ist die, daß der Staat alles wirklich Menschliche vernichtet; daher muß er aufhören. Das ist ein Hegelscher Jugendsatz: Der Staat muß aufhören. Da rumorte noch dieses großartige Denken in Hegel, als er diesen Satz hinschrieb. Als er es ausgebildet hatte bis zum reinen Gedanken, mit dem eben nur das anzufangen war, daß man denken konnte, da hatte er in bezug auf die beste soziale Ordnung allerdings nur diejenige Antwort, die man ihm heute sehr zum Vorwurf machen kann, wenn man eben alles einseitig beurteilen will, da hatte er nur die Antwort aus seinem scharfsinnigen Denken heraus: Die beste soziale Einrichtung ist der preußische Staat, und der Mittelpunkt der Welt, alles Vollkommenen, ist Berlin. Berlin ist der Mittelpunkt der Welt, und die Universität von Berlin ist wiederum der Mittelpunkt Berlins. So daß wir hier sind — so sagte er in einer Antrittsrede — im Mittelpunkte des Mittelpunktes, — Wer keinen Sinn hat für Größe, welche oftmals eben auch grotesk, gerade deshalb, weil sie groß ist, irren kann, der wird natürlich alle jene Einwände, die ja billig sind, gegen einen solchen Satz ins Feld führen. Daß hinter all diesen Dingen vom Wirklichkeitsstandpunkt aus unendlich Bedeutungsvolles steckt, das könnte aber Geisteswissenschaft Sie ahnen lassen. Denn aus einer bloßen Albernheit sagte natürlich Hegel solche Dinge nicht. Und das Urteil über das Große, Einzige, das niemals sonst in der Menschheit da war: das Sich-Bewegen im reinen Gedanken, das niemals sonst in der Welt da war als bei Hegel, das wird nicht beeinträchtigt dadurch, daß dann unter gewissen Voraussetzungen von Hegel selbst eine solche Folgerung gezogen ward. Aber begreiflich wird es scheinen, daß Karl Marx nicht viel für die besten sozialen Interessen aus Hegel holen konnte,

[ 11 ] That was, roughly speaking, what Marx could learn from Hegel: he could learn to think, to maneuver with true virtuosity in the realm of ideas—that he could learn. But he was seeking something else. He was searching for a philosophy of life for the proletariat, for the vast majority of the propertyless members of modern humanity. He could not doubt—if I may put it this way—the correctness of Hegel’s thought, but with regard to his task, he could simply not get started with this mere Hegelian thought alone. This, if I may put it that way, gave his karma the necessary momentum; it led him beyond mere Hegelianism—in which his thinking had been sharpened—to the French utopians, to Saint-Simon and Louis Blanc. When Marx asked himself, “How should the social order be shaped?”—Hegelianism offered him no answer, for Hegel himself, I would say, could offer every human being only this: to think deeply, penetratingly, and purely. But when Hegel was asked in his later years what the best social order was, he had actually forgotten the views of his youth. It is extraordinarily interesting. One of Hegel’s most significant youthful views regarding the social order is that the state destroys everything that is truly human; therefore, it must come to an end. This is a statement from Hegel’s youth: “The state must come to an end.” That magnificent thinking was still stirring within Hegel when he wrote down this sentence. Once he had developed it into a pure idea—one that could only serve as a starting point for further thought—he had, with regard to the best social order, only the answer that one might very well hold against him today if one wishes to judge everything one-sidedly; he had only the answer derived from his astute thinking: The best social institution is the Prussian state, and the center of the world—of all that is perfect—is Berlin. Berlin is the center of the world, and the University of Berlin is, in turn, the center of Berlin. So that we are here—as he said in an inaugural address—at the center of the center. Anyone who lacks a sense of grandeur—which can often be grotesque precisely because it is grand—will naturally raise all those objections, which are indeed valid, against such a statement. Yet the humanities might allow you to sense that, from the standpoint of reality, there lies something infinitely significant behind all these things. For Hegel, of course, did not say such things out of mere folly. And the judgment regarding the Great, the Unique—which has never otherwise existed in humanity: the self-movement in pure thought, which has never otherwise existed in the world except in Hegel—is not compromised by the fact that, under certain conditions, Hegel himself drew such a conclusion. But it will seem understandable that Karl Marx could not draw much from Hegel for the best social interests,

[ 12 ] So brachte ihn eben zunächst sein Karma den französischen Utopisten nahe. Die habe ich Ihnen ja zum Teil schon charakterisiert. Es handelte sich zum Beispiel für Saint-Simon hauptsächlich darum, den von ihm vorgefundenen Staat durch eine andere Einrichtung zu ersetzen, und indem er an diese andere Einrichtung dachte, stellte sich ihm gleich vor Augen dasjenige, was das Bezeichnendste und Eingreifendste für die neuere Zeit ist: die Industrialisierung des Lebens. Daher forderte er an Stelle aller alten politischen Einrichtungen die Verwaltung der verschiedenen Produktionszweige, so daß im Grunde genommen von ihm das Heil der sozialen Ordnung gesucht wird in der möglichst besten Verwaltung der sozialen Struktur nach der Ordnung eines Fabrikzusammenhanges. Louis Blanc richtete ja bekanntlich 1848 die verschiedensten nationalen Werkstätten ein, in denen solche SaintSimonsche Gedanken verwirklicht werden sollten. Nun, sie gingen eben sehr bald zugrunde, wie es ja selbstverständlich ist, daß solche Dinge zugrunde gehen. Als den Grundimpuls, der aller solcher Verwaltung von Produktionszweigen zugrunde liegen sollte, dachte sich SaintSimon eine Art sehr, sehr vereinfachten Christentums. Nicht das alte Dogmen-Christentum soll fortgehen, meinte er, sondern fortgehen soll ein praktisches Christentum, das eigentlich in dem einzigen Satze bestehen sollte: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. — Ein sehr schöner Satz, aber wenn man ihn predigt, ebenso unwirksam, wie wenn man dem Ofen predigt, er soll warm sein, und ihn nicht heizt.

[ 12 ] Thus, his karma initially brought him into contact with the French utopians. I have already described some of their characteristics to you. For Saint-Simon, for example, the main concern was to replace the state he found with a different institution, and as he contemplated this different institution, what immediately came to mind was the most defining and far-reaching phenomenon of modern times: the industrialization of life. Consequently, he called for the administration of the various branches of production to replace all old political institutions, so that, in essence, he sought the salvation of the social order in the best possible administration of the social structure according to the order of a factory system. As is well known, Louis Blanc established a wide variety of national workshops in 1848, in which such Saint-Simonian ideas were to be put into practice. Well, they very soon failed, as is only to be expected when such things are attempted. As the fundamental impulse underlying all such administration of branches of production, Saint-Simon envisioned a kind of very, very simplified Christianity. It is not the old, dogmatic Christianity that should be abolished, he argued, but rather a practical Christianity that should consist essentially of a single sentence: “Love your neighbor as yourself.”—A very beautiful sentence, but when preached, it is just as ineffective as preaching to a stove that it should be warm without actually heating it.

[ 13 ] Nun, so ward Karl Marx unter diese Utopisten geworfen. Bei Hegel konnte er sich sagen: Wunderbares Denken, aber es ist nicht durchführbar, wenn man in dies wirkliche Leben hineingehen soll. Man faßt es nicht an, dieses wirkliche Leben. Es bleibt in der Höhe des rein dialektischen Denkens, nicht des abstrakten, aber des rein dialektischen Denkens. — Hier bei den Utopisten fand er in gewissem Sinne ein eindringliches Fühlen, denn sowohl bei Saint-Simon wie bei Louis Blanc ging der soziale Impetus vom Fühlen aus — ein eindringliches Fühlen. Aber Karl Marx war durch seine Hegelsche Schulung erstens ein zu großer Denker, als daß er nicht gesehen hätte die Stumpfheit — ich meine damit nichts Übles, aber dem Leben gegenüber so, wie man ein stumpfes Messer hat —, die Stumpfheit dieser utopistischen Lehre und Anschauung dem Leben gegenüber. Und auf der anderen Seite mußte Karl Marx sich sagen: Um solche Einrichtungen, wie sie Saint-Simon zum Heile der Menschheit forderte, zu treffen, braucht man eben innerhalb des Bürgertums guten Willen, praktisches Christentum. Wo soll das aber herkommen? — Das wird ihm ja die Hauptsache: Wo soll dieses praktische Christentum herkommen?

[ 13 ] Well, that is how Karl Marx came to be lumped in with these utopians. With Hegel, he could say to himself: “Marvelous thinking, but it is not feasible if one is to enter into this real life.” One cannot grasp this real life. It remains at the level of purely dialectical thought—not abstract thought, but purely dialectical thought. — Here, among the utopians, he found, in a certain sense, a profound sense of feeling, for in both Saint-Simon and Louis Blanc, the social impetus sprang from feeling—a profound sense of feeling. But Karl Marx, thanks to his Hegelian training, was, first of all, too great a thinker not to have seen the bluntness—I mean no offense by this, but in relation to life, just as one has a blunt knife—the bluntness of this utopian doctrine and worldview in relation to life. And on the other hand, Karl Marx had to tell himself: To establish institutions such as those Saint-Simon called for as a remedy for humanity, one needs, within the bourgeoisie, good will and practical Christianity. But where is that to come from?—That, after all, becomes the main question for him: Where is this practical Christianity to come from?

[ 14 ] Sehen Sie, selbst einfach praktisch gedacht gibt es ja keine Möglichkeit, daran zu glauben, daß die gewöhnliche Bourgeois-Anschauung und Bourgeois-Gesinnung in der Lage ist, das, was eben von Karl Marx, von Saint-Simon und all denen soziale Frage genannt werden konnte, zu lösen. Denn aus den sozialen Gesichtspunkten heraus, aus denen die Bourgeoisie arbeitete, ergab sich ja mancherlei, ich will sagen, als Lebenswerte für die Bourgeoisie, aber das reichte ja nur aus für eine kleine Minderheit, für eine wirklich kleine Minderheit. Eine kleine Minderheit konnte angenehm leben, konnte reisen, konnte alle mögliche Kunst genießen — ich will nur die schönsten Sachen nennen. Aber die große Mehrheit konnte an all das ja nicht heran. Und wie sollte das Bürgertum, das eben nur in der Lage war, für eine kleine Minderheit zu sorgen, wie sollte das etwas tun aus dem bloßen Mitleid oder Mitgefühl heraus für die ganze proletarische Masse? Ich meine, der einfache Gedanke ergibt das ja, daß auf diese Weise nichts zu erreichen ist, abgesehen von dem Gedanken, den Karl Marx dann geltend machte, und den ich Ihnen neulich anführte: daß eben vermöge der sozialen Struktur dieses Bürgertum gar nicht im entferntesten in der Lage ist, selbst wenn es wollte, irgend etwas für das Proletariat Wirksames zu tun. Nun, auf das haben wir ja neulich hingewiesen als einer Anschauung von Karl Marx. So fand Karl Marx im deutschen Hegeltum das der neuen Zeit angemessene Denken, bei Saint-Simon das der neuen Zeit angemessene Fühlen. Aber mit beiden konnte er nach seiner Ansicht nichts machen.

[ 14 ] You see, even from a purely practical standpoint, there is simply no way to believe that the typical bourgeois outlook and bourgeois mindset are capable of resolving what Karl Marx, Saint-Simon, and all the others referred to as the “social question.” For from the social perspectives from which the bourgeoisie operated, various things emerged—I would say, as values of life for the bourgeoisie—but that was sufficient only for a small minority, for a truly small minority. A small minority could live comfortably, could travel, could enjoy all kinds of art—I’ll mention only the finest things. But the vast majority had no access to any of that. And how could the bourgeoisie—which was, after all, only capable of providing for a small minority—how could it do anything out of mere pity or compassion for the entire proletarian masses? I mean, simple reasoning shows that nothing can be achieved in this way, apart from the idea that Karl Marx later put forward, and which I cited for you recently: that, precisely because of its social structure, the bourgeoisie is not in the least bit capable—even if it wanted to—of doing anything effective for the proletariat. Well, we pointed this out recently as one of Karl Marx’s views. Thus, Karl Marx found in German Hegelianism the thinking appropriate to the new era, and in Saint-Simon the feeling appropriate to the new era. But in his view, he could do nothing with either of them.

[ 15 ] So führte ihn denn sein Karma weiter nach dem englischen Utilitarismus, nach jener sozialen Struktur, innerhalb welcher das neuzeitliche industrielle Wesen, ich möchte sagen am weitesten vorgeschritten war, schon als Karl Marx sich seine Weltanschauung bildete. Diejenigen, die innerhalb des englischen Denkens selber bis zu Karl Marx Sozialismus getrieben haben, entwickelten ihren Sozialismus — ich erinnere nur an Robert Owen — vorzugsweise aus dem Wollen heraus. Karl Marx konnte aber studieren, wie aus einem gewissen Wollen heraus, wenn es auf ein kleines Gebiet eingeschränkt wird — Sie erinnern sich dessen, was ich gerade vorhin gesagt habe —, auch nichts erreicht werden kann. Man weiß ja, daß Robert Owen Musterwirtschaften eingeführt hat, die wirklich praktisch eingerichtet waren. Allein man kann in der modernen Welt mit kleinen Musterwirtschaften eben nichts anderes einrichten als dasjenige, was verkracht. Selbstverständlich sind auch Robert Owens Versuche im Grunde verkracht; das ist nur eine Selbstverständlichkeit. Und so wurde denn Karl Marx durch alles das durchgeführt, besonders aber angezogen durch das praktische Denken, das rein im Mechanistischen des Industrialismus aufgeht, und bildete daraus seine proletarische Weltanschauung, diese proletarische Weltanschauung, die nun nicht sich basiert auf das Denken, obwohl sie das Denken verwendet, die nicht sich basiert auf das Fühlen, obwohl sie das Fühlen verwendet, sich auch nicht basiert auf das Wollen, sondern sich basiert auf dasjenige, was äußerlich, rein äußerlich in der sinnenfälligen Welt vor sich geht, und zwar gerade unter der Hand des Proletariers vor sich geht in der industriellen Welt, in der Welt der modernen Produktionsweise. Und da zeigte sich Karl Marx, der in einer so großartigen Weise durchgegangen war durch modernes Denken, Fühlen und Wollen, daß ihm anhing gerade, und zwar ihm jetzt anhing im klassischen Sinne, ich möchte sagen, mit einer gewissen Größe diese Vertrauenslosigkeit, die das moderne Seelenleben eigentlich charakterisiert. Denn bei Hegel hatte zum Beispiel Karl Marx vernehmen können, daß die Weltgeschichte der Fortschritt der Menschheit im Bewußtsein der Freiheit ist; also etwas Ideelles liegt als Impuls der Menschheitsentwickelung in ihrer Geschichte zugrunde. Es ist ein abstrakter Satz, mit dem nicht viel anzufangen ist. Bei SaintSimon hatte er lernen können, daß da, wo praktisches Christentum waltet und insoweit praktisches Christentum waltet, die Menschheitsentwickelung vorwärtskommen mußte. Sie ist aber nicht vorwärts gekommen, sie hat eben gerade zu der modernen Verelendung, zu dem modernen Proletarierelend geführt und so weiter. Da setzte sich in Karl Marx eine Idee fest, ein Empfindungsimpuls fest, der wirklich geeignet war, in allerweitesten proletarischen Kreisen Verständnis zu finden, in den Bürgerkreisen nur deshalb nicht, weil die Bürgerkreise faul waren und solche Sachen nicht aufnahmen, sich um solche Sachen nicht kümmerten. Es setzte sich der Gedanke fest bei Karl Marx: Es ist überhaupt ganz gleichgültig letzten Endes, was die Menschen denken, was sie fühlen, was sie wollen, denn dasjenige, was das geschichtliche Werden bedingt, das hängt doch nur ab von dem ökonomischen Prozeß, von dem, wie gewirtschaftet wird. Ob einer ein Unternehmer ist, ob einer ein Arbeiter ist, ob einer in dieser oder jener Weise im Wirtschaftlichen drinnensteht, das fügt, daß er in einer bestimmten Weise Gedanken hat, daß er in einer bestimmten Weise fühlt, daß er bestimmte Willensimpulse hat. Wer als Kind in einer Beamtenfamilie aufwächst, der hält anderes für richtig, der hält anderes für falsch, fühlt und empfindet einfach dadurch, daß er in der wirtschaftlichen Ordnung einer Beamtenfamilie aufwächst, anders als das Proletarierkind, das sich selber überlassen ist, während Vater und Mutter in die Fabrik gehen und so weiter. — Und so kam Karl Marx zu seinem eiinschlägigen, beim Proletariat einschlägigen Satze: Die Einrichtungen, welche die Menschen treffen, richten sich nicht nach dem Bewußtsein der Menschen, sondern das Bewußtsein der Menschen richtet sich nach den Einrichtungen, welche von selber entstehen, durch eine bloße tatsächliche Notwendigkeit entstehen. Die Menschen glauben, daß sie denken und fühlen und wollen aus ihren inneren Impulsen heraus. O nein, sie denken und fühlen und wollen nicht aus ihren inneren Impulsen heraus, sondern sie fühlen und denken und wollen nach der Klasse, in die sie hineingeboren sind ohne ihr Verdienst und ohne ihre Schuld.

[ 15 ] Thus, his karma led him on to English utilitarianism, to that social structure within which modern industrial life—I would say—had reached its highest stage of development, even as Karl Marx was forming his worldview. Those who, within English thought itself, had already been driven toward socialism by the time of Karl Marx developed their socialism—I need only mention Robert Owen—primarily out of a sense of will. Karl Marx, however, was able to study how, even when driven by a certain will, if that will is restricted to a small area—you recall what I just said a moment ago—nothing can be achieved. It is well known that Robert Owen introduced model farms that were truly set up in a practical way. Yet in the modern world, small model farms can achieve nothing other than failure. Of course, Robert Owen’s experiments also essentially failed; that goes without saying. And so Karl Marx was guided through all of this, but was particularly drawn to the practical thinking that is purely absorbed in the mechanistic nature of industrialism, and from this he formed his proletarian worldview—this proletarian worldview that is not based on thinking, although it makes use of thinking; that is not based on feeling, although it makes use of feeling, nor is it based on volition, but is based on that which takes place externally—purely externally—in the sensible world, and specifically takes place under the hands of the proletarian in the industrial world, in the world of the modern mode of production. And there Karl Marx revealed himself—he who had so magnificently traversed modern thinking, feeling, and willing—that this distrust, which actually characterizes modern spiritual life, clung to him, and indeed now clung to him in the classical sense, I might say, with a certain grandeur. For from Hegel, for example, Karl Marx had learned that world history is the progress of humanity toward the consciousness of freedom; thus, something ideal lies at the root of human development as its driving force. It is an abstract proposition that is of little practical use. From Saint-Simon, he had learned that wherever practical Christianity prevails—and to the extent that practical Christianity prevails—human development was bound to advance. But it has not advanced; rather, it has led precisely to modern impoverishment, to the modern misery of the proletariat, and so on. That is when an idea took root in Karl Marx—an emotional impulse that was truly capable of finding understanding in the broadest proletarian circles, but not in bourgeois circles, simply because the bourgeoisie were apathetic and did not take such matters to heart, nor did they concern themselves with them. The thought took root in Karl Marx: Ultimately, it is completely irrelevant what people think, what they feel, or what they want, for what determines historical development depends solely on the economic process—on how the economy is managed. Whether one is an entrepreneur, whether one is a worker, whether one is involved in the economy in this or that way—this determines that one thinks in a certain way, that one feels in a certain way, that one has certain impulses of will. A child who grows up in a civil servant’s family considers different things to be right and different things to be wrong; simply by growing up within the economic order of a civil servant’s family, they feel and perceive things differently from a proletarian child who is left to their own devices while their father and mother go to the factory and so on. — And so Karl Marx arrived at his famous statement, which applies to the proletariat: The institutions that people establish are not determined by people’s consciousness, but rather people’s consciousness is determined by the institutions that arise of their own accord, arising out of a mere practical necessity. People believe that they think, feel, and will based on their inner impulses. Oh no, they do not think, feel, and will based on their inner impulses; rather, they feel, think, and will according to the class into which they were born, through no merit of their own and through no fault of their own.

[ 16 ] Man kann es empfinden, daß, wenn der Grundimpuls einer Lehre dieser ist, dieser Grundimpuls gerade auf entgegenkommendes Verständnis in der proletarischen Klasse führen mußte, denn durch diese Lehre war man überhoben jeglichen Vertrauens zu sich selbst. Man brauchte nichts von Vertrauen zu sich selbst zu haben, denn es half einem gar nichts, ob man energisch oder nicht energisch dachte, ob man energisch oder nicht energisch fühlte, ob man energisch oder nicht energisch will; das alles ist ja doch nur der Ausfluß, der Überbau aus der Grundlage, die einem die soziale Ordnung, die wirtschaftliche Stellung, in die man hineingeboren ist, anweist. Ihr könnt daher so etwa würde der richtige Marzist sagen — die schönsten Systeme ausdenken, wie die Menschen die besten sozialen Strukturen sich einrichten, wie das beste wirtschaftliche Leben sich gestalten kann, was man machen soll, daß die Menschen glücklich seien, zufrieden seien, daß sie zu essen haben, daß sie ein angenehmes Leben führen können, ihr mögt denken wie ihr wollt, das alles hat doch gar keinen Wert, davon hängt doch nichts ab, das alles ist nur ein Spiegel des wirtschaftlichen Lebens, wie ihr denkt und fühlt und wollt, denn das, was alles macht, ist das wirtschaftliche Leben. — Daher gab Karl Marx überhaupt alle sozialistischen Theorien als Theorien auf und sagte: Es kommt bloß darauf an, daß man das wirtschaftliche Leben versteht, daß man weiß, wie das wirtschaftliche Leben verläuft. Dann kann man höchstens der Lokomotive da oder dort einen Ruck geben, daß sie schneller geht, aber sie geht von selbst, die Dinge entwickeln sich von selbst.

[ 16 ] One can sense that, if this is the fundamental impulse behind a doctrine, that impulse was bound to lead to a receptive understanding within the proletarian class, for this doctrine stripped people of all self-confidence. There was no need to have any self-confidence, for it did not help one at all whether one thought energetically or not, whether one felt energetically or not, whether one willed energetically or not; all of that is, after all, merely the outflow, the superstructure arising from the foundation dictated by the social order and the economic position into which one was born. You can therefore—as a true Marxist might say—devise the most beautiful systems, imagine how people might establish the best social structures, how the best economic life might take shape, what one should do to ensure that people are happy, content, have enough to eat, and can lead a pleasant life, but think what you will—none of that has any value at all; nothing depends on it; it’s all just a reflection of economic life—how you think, feel, and desire—because economic life is what drives everything. — That is why Karl Marx abandoned all socialist theories as mere theories and said: What matters is simply that one understands economic life, that one knows how economic life unfolds. Then, at most, one can give the locomotive a nudge here or there to make it go faster, but it moves on its own; things develop on their own.

[ 17 ] Sie werden natürlich fühlen, daß da allerlei Widersprüche rumoren. Darauf werden wir noch zu sprechen kommen. Aber jetzt wollen wir die Sache einmal darstellen, wie sie sich in den Köpfen der marxzistischen Proletarier spiegelt. So sagte Karl Marx, und so sagen diese: Die hauptsächlichsten Formen des Wirtschaftslebens haben sich im Laufe der Zeit auseinander entwickelt. In früheren orientalischen Zuständen war das Zusammenleben der Menschen in Barbarei getaucht. Dann kam jene wirtschaftliche Ordnung, die die Menschen teilte in Herren und in Sklaven, was noch im Griechischen geradezu selbst von Aristoteles als eine Notwendigkeit angesehen wurde: daß die Menschen geteilt werden in Herren und Sklaven. Dann kam die mehr mittelalterliche Ordnung der Leibeigenschaft, des Feudalwesens, wo die Menschen zwar nicht Sklaven waren, aber Leibeigene, gebunden an den Herrn, der das Feudum inne hatte, so daß sie gewissermaßen zum Feudum, zum Gute gehörten. Dann kam die neuere Zeit, das Lohnsystem, wo in einer solchen Weise, wie ich es Ihnen neulich charakterisiert habe, der Arbeiter seine Arbeitskraft als Ware an den Unternehmer verkauft und den Preis für die Ware in Form des Lohnes erhält. Barbarei, Sklaverei, Leibeigenschaft, Lohnsystem sind im wesentlichen die Formen, in denen sich das Wirtschaftsleben entwickelt hat. Das Denken der Menschen muß ein anderes sein da, wo Sklaverei herrscht, ein anderes da, wo Leibeigenschaft herrscht, ein anderes da, wo das moderne Lohnsystem ist. Denn alles das, was die Menschen denken, womit sie glauben, die Welt beglücken zu können, ist ideologischer Oberbau. Das kann sich konsolidieren, was die Menschen über das denken; es kann dann wiederum zurückwirken, was sich so konsolidiert hat an Anschauungen, an Meinungen und Gedanken, so daß tatsächlich diese Gedanken der Menschen in der Ideologität wiederum zurückwirken in die wirtschaftliche Ordnung. Aber ursprünglich stammen sie doch aus der wirtschaftlichen Ordnung. Dieses moderne Lohnsystem hat sich ja am intensivsten ausgebildet eben in dem modernen wirtschaftlichen Leben unter dem Einflusse des modernen Industrialismus durch den Gegensatz von Unternehmertum und Arbeitertum. Es hat sich so ausgebildet, daß, wie ich Ihnen schon von einem anderen Gesichtspunkte dargestellt habe, der Unternehmer der Besitzer der Produktionsmittel ist. Dadurch, daß er der Besitzer der Produktionsmittel ist, kann nur durch ihn gearbeitet werden. Der Arbeiter ist gezwungen, seine Arbeitskraft als Ware an den Unternehmer zu verkaufen und sich eben entlohnen zu lassen, wodurch sich in der Art, wie ich es Ihnen dargestellt habe, der Mehrwert ergibt.

[ 17 ] You will, of course, sense that all sorts of contradictions are brewing here. We will come back to that later. But for now, let us present the matter as it is reflected in the minds of Marxist proletarians. As Karl Marx said, and as they say: The principal forms of economic life have developed separately over time. In earlier Oriental societies, human coexistence was steeped in barbarism. Then came that economic order which divided people into masters and slaves—a division that was even regarded in ancient Greece, by Aristotle himself, as a necessity: that people be divided into masters and slaves. Then came the more medieval order of serfdom and feudalism, where people were not slaves, but serfs, bound to the lord who held the fief, so that they belonged, as it were, to the fief, to the estate. Then came the modern era, the wage system, where, as I recently described to you, the worker sells his labor power as a commodity to the employer and receives the price for the commodity in the form of wages. Barbarism, slavery, serfdom, and the wage system are essentially the forms in which economic life has developed. People’s thinking must be different where slavery prevails, different where serfdom prevails, and different where the modern wage system exists. For everything that people think—with which they believe they can bring happiness to the world—is an ideological superstructure. What people think about this can become consolidated; and what has thus become consolidated—in the form of views, opinions, and thoughts—can in turn have a reciprocal effect, so that these very thoughts of people, in their ideological nature, actually feed back into the economic order. Yet they originally stem from the economic order itself. This modern wage system has, after all, developed most intensively precisely within modern economic life under the influence of modern industrialism, through the contrast between entrepreneurship and the working class. It has developed in such a way that, as I have already explained to you from another perspective, the entrepreneur is the owner of the means of production. Because he is the owner of the means of production, work can only be performed through him. The worker is forced to sell his labor power as a commodity to the entrepreneur and to be paid for it, which results in surplus value in the manner I have described to you.

[ 18 ] Dieses moderne Wirtschaftsleben, von dem nimmt nun Karl Marx an, daß es die Tendenz hat, den Besitz an Produktionsmitteln immer mehr und mehr zu konzentrieren. Dieses Wirtschaftsleben bringt es von selbst mit sich, daß das Unternehmertum sich vereinigen muß vom einzelnen Unternehmer zur Gesellschaft, zum Trust und so weiter. Und dadurch kommt, indem sich die Unternehmer vereinigen, Summe von Produktionsmitteln zu Summe. Dadurch aber wird der Weg vorbereitet, die Produktionsmittel überhaupt zu sozialisieren. Die Unternehmer arbeiten schon vor, und wenn ein bestimmter Punkt gekommen ist, dann müssen die Produktionsmittel so weit konzentriert sein, daß es dann nur einer Umlagerung bedarf. Dann verstaatlicht man, sozialisiert man Produktionsmittel, die ja ohnedies schon zusammengestrebt haben in Gesellschaften und 'Trusts und lagert die Sache nur um, indem derjenige, der bisher der Arbeiter war, eben als Gesamtgesellschaft sich in den Besitz der Produktionsmittel setzt, indem er durch einen notwendigen Prozeß jetzt das hat. Was jetzt so dargestellt wird, das muß geschehen. Die Unternehmer arbeiten der Sozialisierung vor; indem sie immer mehr und mehr die Sozialisierung selber besorgen, bringen sie sie an einen Punkt, wo das Proletariat sie übernehmen kann. Hegel ging in Gedanken von "These zu Antithese und zu Synthese. Karl Marx setzt das in die Wirklichkeit des ökonomischen Prozesses um: Unternehmerordnung, sie schlägt in ihr Gegenteil um; der Proletarier bemächtigt sich ganz von selbst der Produktionsmittel. Der wirtschafttliche Prozeß macht sich selber. Man ist bloß der Geburtshelfer dessen, was von selbst geschieht, glaubt nicht, daß dieser ideologische Oberbau von Denken, Fühlen und Wollen etwas Besonderes ausmachen kann. Der ökonomische Prozeß, so sagt Karl Marx, der macht alles; was ihr denkt, das sind bloß die Schaumwellen oben aus dem ökonomischen Prozeß. Je nachdem die wirtschaftliche Ordnung ist, erzeugt das in diesen oder jenen Menschenköpfen diese oder jene Gedanken. Das sind die Schaumwellen da oben. Das Wichtigste ist der ökonomische Prozeß, der aber führt ganz notwendig von der Thesis zur Antithesis. Dasjenige, was das Proletariat erarbeitet hat, wurde von den Unternehmern den eigentlichen Eigentümern, den Proletariern, weggenommen. Die Unternehmer wurden die Expropriateure. Aber dieser Prozeß, den Proprietär zu expropriieren, der schlägt notwendig in der ökonomischen Entwickelung in sein Gegenteil um. Es entsteht, wie in der Natur Ursache und Wirkung folgt, die Expropriation der Expropriateure.

[ 18 ] Karl Marx assumes that this modern economic life has a tendency to concentrate ownership of the means of production more and more. This economic life inherently necessitates that entrepreneurship must unite—from the individual entrepreneur to the corporation, to the trust, and so on. And as a result—as entrepreneurs unite—the sum of the means of production adds up to a larger sum. This, in turn, paves the way for the means of production to be socialized altogether. The entrepreneurs are already laying the groundwork, and once a certain point is reached, the means of production will be concentrated to such an extent that all that remains is a redistribution. Then the means of production—which have in any case already converged into corporations and trusts—are nationalized and socialized, and the process is merely reorganized: the workers, acting as society as a whole, take possession of the means of production, having acquired them through a necessary process. What is described here must happen. Entrepreneurs pave the way for socialization; by increasingly taking charge of socialization themselves, they bring it to a point where the proletariat can take it over. Hegel’s thought progressed from “thesis to antithesis to synthesis.” Karl Marx translates this into the reality of the economic process: the entrepreneurial order turns into its opposite; the proletariat seizes the means of production entirely of its own accord. The economic process unfolds on its own. One is merely the midwife of what happens of its own accord; do not believe that this ideological superstructure of thought, feeling, and will can make any difference. The economic process, says Karl Marx, is what does everything; what you think are merely the foam waves on the surface of the economic process. Depending on the nature of the economic order, it generates these or those thoughts in people’s minds. Those are the foam waves up there. The most important thing is the economic process, which, however, inevitably leads from thesis to antithesis. What the proletariat has produced was taken away from the actual owners—the proletarians—by the entrepreneurs. The entrepreneurs became the expropriators. But this process of expropriating the proprietor necessarily reverses itself into its opposite in the course of economic development. Just as cause and effect follow one another in nature, the expropriation of the expropriators ensues.

[ 19 ] Man brauchte gar kein Vertrauen zu den seelischen Kräften. Man konnte gerade mit dem schlimmsten Erbe der bürgerlichen Bildung der neueren Zeit, mit dem Mißtrauen in die seelischen Kräfte des Menschen arbeiten bei dieser proletarischen Theorie. Der Proletarier sah sich hilflos ausgeliefert dem Unternehmertum. Er hatte Verständnis für eine Theorie, welche gar nicht den Anspruch darauf macht, daß er sich selber helfen soll, weil die Expropriation der Expropriateure schon von selbst dasjenige herbeiführt, was die Sozialisierung der Produktionsmittel ergeben muß. Die moderne Produktionsweise schlägt notwendigerweise in ihr Gegenteil um.

[ 19 ] There was no need whatsoever to have faith in the spiritual powers. One could work with this proletarian theory precisely by drawing on the worst legacy of modern bourgeois education: distrust of the spiritual powers of human beings. The proletarian saw himself as helplessly at the mercy of the capitalist class. He could relate to a theory that made no claim that he should help himself, because the expropriation of the expropriators would automatically bring about what the socialization of the means of production must result in. The modern mode of production necessarily turns into its opposite.

[ 20 ] Daß sich die Sachen von selbst machen, das war das so ungeheuer Einleuchtende für die proletarische Welt. Und will man sich Verständnis erwerben gerade für die Psychologie dieses proletarischen Empfindens, so muß man schon darauf Rücksicht nehmen, daß eben dieses absolute Mißtrauen in die Seelenkräfte ein bedeutendes Triebrad war in dem Siegeszug, den das marxistische Denken durch die Welt machte. Marxismus ist eben durchaus nicht ein Dogma, sondern Marxismus ist eine Methode, die Welt — und zwar für den Proletarier die einzige ihm zugängliche Welt —, die Welt der wirtschaftlichen Ordnung, der wirtschaftlichen Entwickelung zu beobachten. Ich möchte sagen — ich glaube, das trifft wirklich die Sache —, der Proletarier vertraut nicht auf irgendeine Gedankenkraft, obwohl Karl Marx sagt: Die Philosophen haben immer nur die Welt interpretiert durch Gedanken; man muß durch Gedanken in der Welt schaffen —, aber eigentlich vertraut er nicht auf Gedanken und ihre Kraft, auf das Wirksame von Gedanken für irgendwelche Einrichtungen, sondern er vertraut nur auf den Selbststeuerungsprozeß der wirtschaftlichen Ordnung. Das war im wesentlichen auch dasjenige, auf das man stieß, wenn man sich bekannt machte mit dem wirklichen Leben im modernen Proletariat. Man möchte sagen: Man stieß auf die schier apokalyptische Hoffnung, daß die Expropriation der Expropriateure, die notwendige Sozialisierung der Produktionsmittel, mit einer großen Krise kommen muß.

[ 20 ] The fact that things take care of themselves—that was what was so incredibly compelling to the proletarian world. And if one wishes to gain an understanding of the psychology of this proletarian sensibility, one must take into account that it was precisely this absolute distrust of the powers of the soul that served as a significant driving force in the triumphant march of Marxist thought across the world. Marxism is by no means a dogma; rather, Marxism is a method for observing the world—and, for the proletarian, the only world accessible to him—the world of the economic order and economic development. I would like to say—and I believe this truly captures the essence of the matter—that the proletarian does not place his trust in any kind of intellectual power, even though Karl Marx says: “Philosophers have only ever interpreted the world in various ways; the point, however, is to change it”—but in reality, the proletarian does not place his trust in ideas and their power, nor in the effectiveness of ideas for any kind of institution; rather, he trusts solely in the self-regulating process of the economic order. This was essentially what one encountered when becoming acquainted with the real life of the modern proletariat. One might say: One encountered the almost apocalyptic hope that the expropriation of the expropriators—the necessary socialization of the means of production—must come with a great crisis.

[ 21 ] Das Bürgertum machte sich darüber lustig, so daß es wieder und wiederum wiederholte, das moderne Proletariat warte auf den großen Kladderadatsch. Unter diesem großen Kladderadatsch wurde eben vorgestellt, daß, ich möchte sagen, das Gefäß, welches das Unternehmertum begründete, selbst zerspringt, daß durch Selbstregulierung das Unternehmertum übergeht in die gemeinschaftliche Verwaltung der Produktionsmittel durch das Proletariat. Das war gewissermaßen die apokalyptische Hoffnung. In dieser Hoffnung arbeitete mit festem Glauben eben dieses moderne Proletariat. Man war felsenfest davon überzeugt, daß es gar nicht anders kommen könne, als daß diese Sozialisierung einzutreten hätte.

[ 21 ] The bourgeoisie mocked this, repeating time and again that the modern proletariat was waiting for the great upheaval. By this “great upheaval,” it was imagined—I might say—that the very vessel upon which entrepreneurship was founded would shatter, and that through self-regulation, entrepreneurship would give way to the collective management of the means of production by the proletariat. That was, in a sense, the apocalyptic hope. It was with firm faith in this hope that the modern proletariat itself worked. People were absolutely convinced that it could not be any other way—that this socialization was bound to occur.

[ 22 ] Sehen Sie, hier ist im Marxismus jede bloße theoretische Anschauung abgewiesen. Eine bloße theoretische Anschauung ist Ideologie oder Überbau, der ja zurückwirken kann, aber der auch, wenn er zurückwirkt, doch ursprünglich entstanden ist aus der bloßen wirtschaftlichen Ordnung. Und doch, das Ganze ist doch eine Theorie. Es läßt sich doch nicht leugnen, daß es eine Theorie ist. Und als Theorie hat es gerade eingeschlagen; es hat die Leute gehoben, es hat den Leuten einen bestimmten Glauben beigebracht. Und das Merkwürdige war: Als der Glaube des Bürgertums, der ja kein neuer war, sondern nur ein traditionell alter war, immer mehr und mehr versumpfte, verlotterte und korrumpierte, erstand ein allerdings bloßer materialistischer Glaube, der Glaube an die Apokalypse der wirtschaftlichen Ordnung, felsenfest im Proletariat. — Wenn man nur auf die Kraft des Glaubens sieht, bloß auf den Impetus des Glaubens sieht, so kann man sagen: Es ist ganz gewiß auch innerhalb der ersten Christengemeinden niemals fester geglaubt worden, mit größerer Kraft geglaubt worden als vom modernen Proletariat an die Apokalypse der wirtschaftlichen Entwickelung: Expropriierung der Expropriateure. — Man konnte da schon Glaubenskraft kennenlernen, wenn sie auch nach der Meinung der Leute — anderer Leute als der Proletarier — an nichts sehr Hohes sich wendete, man konnte schon lernen, was Kraft eines Glaubens, eines Bekenntnisses ist; denn Bekenntnis wurde das für das Proletariat.

[ 22 ] You see, in Marxism, any purely theoretical view is rejected. A purely theoretical view is ideology or the superstructure, which can indeed have a retroactive effect, but which, even when it does, originated in the purely economic order. And yet, the whole thing is still a theory. It cannot be denied that it is a theory. And as a theory, it has made a real impact; it has uplifted people, it has instilled a certain belief in them. And the remarkable thing was this: as the bourgeoisie’s faith—which was, after all, not a new one but merely a traditional, age-old one—became increasingly mired, dilapidated, and corrupted, a purely materialist faith—the faith in the apocalypse of the economic order—took root, rock-solid, within the proletariat. — If one looks only at the power of faith, merely at the impetus of faith, then one can say: It is quite certain that even within the early Christian communities, faith was never held more firmly, never believed in with greater power, than by the modern proletariat in the apocalypse of economic development: the expropriation of the expropriators. — One could already recognize the power of faith there, even if, in the opinion of people—people other than the proletariat—it was not directed toward anything particularly lofty; one could already learn what the power of a faith, of a confession, is; for that became a confession for the proletariat.

[ 23 ] Nun, das Merkwürdige ist dieses, daß aus der Beobachtung vorzugsweise des Lebens im Britischen Reiche Karl Marx und sein Freund Friedrich Engels diese Lehre gewonnen haben; eingeschlagen aber, so daß sie zur Orthodoxie geworden ist, am intensivsten eingeschlagen hat diese Lehre innerhalb der deutschen Arbeiterschaft. Die echtesten Marzisten gab es unter der deutschen Arbeiterschaft. Und für den, der solche Dinge studieren kann nach den Wirklichkeitsgrundlagen, liegt die Sache so, daß er einsieht, daß wirklich die marxistische Lehre nur innerhalb des Britischen Reiches, aus der Beobachtung der britischen Verhältnisse entstehen konnte. Nur ein durch Hegelsches dialektisches Denken, ein durch utopistisches Fühlen der Saint-Simon-Schule hindurchgegangener und ein auf dieOwenschen und andere sozialistischen Experimente blickender Mann, der nun aber zu gleicher Zeit beobachtet, wie sich im englischen Industrialismus Unternehmertum und Proletariat gegenseitig verhalten, wie da ein absolutes Nichtverstehen, sich bloßes Einstellen auf einen Kampf stattfindet, nur ein solcher Mensch, der das alles durchgemacht hat, der eben mit seiner Beobachtung gelandet war da, wo gewissermaßen der wirtschaftliche, der rein ökonomische Prozeß in Reinkultur vor ihm stand, der konnte so etwas ausdenken. Als Marx das ausdachte, war zum Beispiel Deutschland noch lange nicht ein Industriestaat, in dem man das hätte ausdenken können, was Karl Marx gedacht hat. Man brauchte deutsche Gedanken der Hegelschen Lehre, um so scharfsinnig das industriell-wirtschaftliche System durchzudenken. Aber Deutschland selbst war zu der Zeit viel zu sehr noch Agrar- und gar nicht Industrieland, um irgendwie das beobachten zu können, was nötig war, um zu dieser marxistischen Methode, das wirtschaftliche Leben zu beobachten, eben zu kommen.

[ 23 ] Well, the curious thing is that Karl Marx and his friend Friedrich Engels derived this doctrine primarily from their observations of life in the British Empire; yet it took root—and indeed became orthodoxy—most deeply among the German working class. The most genuine Marxists were found among the German working class. And for anyone capable of studying such matters on the basis of reality, the situation is such that they come to realize that the Marxist doctrine could truly have arisen only within the British Empire, from the observation of British conditions. Only a man who had been shaped by Hegelian dialectical thought, imbued with the utopian sensibilities of the Saint-Simon school, and who had observed Owen’s and other socialist experiments—but who at the same time observed how, within English industrialism, the capitalist class and the proletariat relate to one another, how there is an absolute lack of understanding and a mere preparation for struggle— only such a person—who had gone through all of that, who had arrived through his observations at a point where, so to speak, the economic, the purely economic process stood before him in its purest form—could conceive of such a thing. When Marx conceived of this, for example, Germany was still far from being an industrial nation in which one could have conceived of what Karl Marx had conceived. German ideas rooted in Hegelian doctrine were needed to think through the industrial-economic system with such acuity. But Germany itself was still far too much of an agrarian country—and not at all an industrial one—at that time to be able to observe what was necessary to arrive at this Marxist method of observing economic life.

[ 24 ] Es gibt ja ältere sozialistische Lehren innerhalb Deutschlands, zum Beispiel Weitlings «Evangelium eines armen Sünders», oder Marlos sozialistischer Versuch. Marlo war Professor in Kassel, Winkelblech heißt er mit seinem wirklichen Namen. Dann Rodbertus; aber Rodbertus stützt sich namentlich auf agrarische Verhältnisse. Alle diese Dinge sind eben wirklich kleine Anfänge des sozialen Fühlens gegenüber dem Eindringlichen der marxistischen Anschauung. Was Karl Marx gemacht hat, das konnte nur durch die Beobachtung am Objekte, nämlich im Britischen Reiche, wo der Industrialismus dazumal schon so weit vorgeschritten war in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts, gewonnen werden. Dann aber konnte es, nachdem es gewonnen war, gerade im aufkeimenden Industrialismus gründlich Wurzel schlagen, beim Proletariate des aufkeimenden Industrialismus innerhalb Deutschlands gründlich Wurzel schlagen.

[ 24 ] There are, of course, older socialist doctrines within Germany, such as Weitling’s *The Gospel of a Poor Sinner* or Marlo’s socialist treatise. Marlo was a professor in Kassel; his real name is Winkelblech. Then there is Rodbertus; but Rodbertus relies primarily on agrarian conditions. All these things are really just small beginnings of social awareness compared to the forcefulness of the Marxist perspective. What Karl Marx accomplished could only have been achieved through observation of the subject matter—namely, in the British Empire, where industrialization had already advanced so far in the first half of the nineteenth century. But once it had been achieved, it was able to take deep root precisely in the burgeoning industrialization, taking deep root among the proletariat of that burgeoning industrialization within Germany.

[ 25 ] Das ist durchaus begreiflich, daß es da gründlich Wurzel schlagen konnte. Denn wenn in einem solchen Gebiete ein Mensch wie Hegel lebt, so ist er ja nicht wie ein Meteor aus dem Himmel heruntergefallen, sondern er stellt nur dar die konzentrierte Kraft gerade mit Bezug auf eine solche Eigenschaft, wie es bei Hegel ist, die konzentrierte Kraft von Anlagen, die doch im Volke schon sind. Karl Marx hatte gewissermaßen sein dialektisches Denken in Deutschland gelernt, aus Deutschland nach England hinübergetragen. Daß er mit dem, was er dort ausgebildet hatte, in Deutschland wiederum das tiefste Verständnis fand, daß da das Denken geeignet war, als es sich jetzt umgesetzt hatte von den Höhen, wo man nur denken gelernt hatte, in das Begreifen, in das Versuchen, zu begreifen den wirtschaftlichen Prozeß, das ist ja verständlich. Wenn man bloß Hegel hat — nicht wahr, ich habe Ihnen das charakterisiert —, nun ja, da kann man nachher denken, aber man hat nichts in der Hand. Aber jetzt hat Marx unter dem Einflusse des Britischen Reiches, des Industrialismus des Britischen Reiches das Denken so verändert, daß er dem Proletariat hinstellte: Du wirst, wenn die Krisis herangekommen ist, all das haben, was die Leute haben, die dich aussaugen. Du brauchst nur so zu denken, dann tust du schon genug. Habe nur Verständnis; die Lokomotive fährt, gib nur manchmal einen Schubs, damit sie schneller fährt. Das ist das einzige, was du kannst. Das, was du denkst, ist natürlich auch nur eine Ideologie, aber das, was du denkst, wirkt wiederum zurück. Sie stammen vom wirtschaftlichen Leben, deine Gedanken, und gesundes wirtschaftliches Denken kann man nicht durch Studium, sondern nur dadurch, daß man Proletarier ist, erreichen, denn nur aus dieser Klasse heraus kommt das wirtschaftliche Denken. Also du bist Proletarier. Weil du Proletarier bist, denkst du richtig im Sinne der modernen Zeit. Da entwickelt sich deine Ideologie, mit der kannst du ja wieder zurückwirken, da gibst du der Lokomotive einen Puff. — Jetzt hat man etwas davon! Das ist nicht nur Hegelismus, auch nicht Saint-Simonismus und auch nicht Owensches, denn der Hegelismus gibt Gedanken, die nicht eingreifen in die Wirklichkeit, der Saint-Simonismus gibt soziale Gefühle, die aber so sind wie wenn man sagen wollte: Mach warm, lieber Ofen, — ohne daß man Holz hineintut. Robert Owen und andere sind gescheitert mit einzelnen sozialistischen Unternehmungen; aber Karl Marx hat hingewiesen auf einen Prozeß, den die ganze Menschheit durchmacht, das Proletariat durch alle Länder über die ganze Erde hin, der darinnen besteht, daß die Expropriation expropriiert werde, daß die Produktionsmittel sozialisiert werden. Es gibt also schon einen inneren Grund, daß gewissermaßen das, was mit deutschem Denken ergriffen worden ist, auch wiederum in Deutschland am intensivsten eingeschlagen hat, so daß da der orthodoxeste Marxismus entstanden ist.

[ 25 ] It is entirely understandable that it was able to take such deep root there. For when a man like Hegel lives in such a region, he has not fallen from the sky like a meteor; rather, he represents the concentrated force—precisely in relation to a characteristic such as Hegel’s—of the potential that is already present within the people. Karl Marx had, in a sense, learned his dialectical thinking in Germany and carried it over from Germany to England. That he found the deepest understanding in Germany once again through what he had developed there—that thinking was suited to this, having now shifted from the heights where one had merely learned to think, to comprehension, to the attempt to grasp the economic process—is, of course, understandable. If one has only Hegel—don’t you agree, I’ve described this to you—well, then you can think afterward, but you have nothing in your hands. But now Marx, under the influence of the British Empire—of the British Empire’s industrialism—has transformed thought in such a way that he told the proletariat: When the crisis comes, you will have everything that the people who exploit you have. You just need to think that way; that’s already enough. Just be understanding; the locomotive is moving—just give it a nudge now and then so it goes faster. That’s the only thing you can do. What you think is, of course, just an ideology, but what you think, in turn, has an effect. Your thoughts stem from economic life, and sound economic thinking cannot be attained through study, but only by being a proletarian, for economic thinking arises solely from this class. So you are a proletarian. Because you are a proletarian, you think correctly in the spirit of the modern age. That is where your ideology develops; with it, you can exert a counter-effect—you give the locomotive a nudge. — Now that’s useful! This is not merely Hegelianism, nor Saint-Simonism, nor Owenism, for Hegelianism offers ideas that do not intervene in reality, while Saint-Simonism offers social sentiments that are like saying: “Warm up, dear stove”—without putting any wood in it. Robert Owen and others failed with individual socialist ventures; but Karl Marx pointed to a process that all of humanity is undergoing—the proletariat across all countries throughout the entire world—which consists in the expropriation of expropriation, in the socialization of the means of production. There is thus already an intrinsic reason why, so to speak, what has been grasped by German thought has also taken root most intensely in Germany, so that the most orthodox Marxism has emerged there.

[ 26 ] Das Eigentümliche ist: Der Marx konnte eine solche Lehre in England fabrizieren, aber auf England selbst ist sie nicht anwendbar, weil die Menschen sie nicht annehmen wegen dieses Grundes, daß ja dort jener Gegensatz zwischen Unternehmer und Arbeiter gar nicht besteht in demselben Maße. Ich habe das, glaube ich, erwähnt. Da stehen Unternehmer und Arbeiter sich näher. Dafür kann ich Ihnen auch einzelne Beweise anführen. Ich will Ihnen einen solchen Beweis anführen. Alle diese Dinge, die vom geisteswissenschaftlichen Gesichtspunkte aus angeführt werden, die lassen sich nämlich auch durch empirische Tatsachen durchaus beweisen. Sehen Sie, Marx arbeitete mit scharfsinnigem Hegelschem Denken, welches vorzugsweise deutsches Denken ist. Sein marxistisches System, das fand verständnisvolles Entgegenkommen gerade im deutschen Proletariat. Der Bernstein, Eduard Bernstein, der hielt sich dann länger in England auf, studierte weniger den industriellen ökonomischen Prozeß als die Ansicht, die die Leute haben, die Proletarier haben, die dortigen sozialen Strömungen. Er ist weniger Hegelisch geschult — Bernstein lebt ja noch —, er richtete also nicht das scharfsinnige dialektische Denken Hegels auf die englischen Verhältnisse, sondern paßte sein Denken mehr dem englischen proletarischen Denken selber an, und als er nach Deutschland zurückkam, nachdem er lange verbannt war aus Deutschland und ein Asyl in London gefunden hatte, da wurde aus seiner Anschauung der sogenannte sozialistische Revisionismus, das heißt, ein abgeschwächtes, nicht mehr marxistisches Denken, das doch eigentlich wenig verstanden worden ist, das dann nur—nicht innerhalb der proletarisch-sozialistischen Partei, aber innerhalb der verschiedenen gewerkschaftlichen Kreise Anhängerschaft gewonnen hat, weil es etwas bequemer ist gegenüber den Regierungsmächten als der Marxismus. Sehen Sie, da haben Sie den lebendigen Beweis: Einer, der sich angepaßt hat an das englische proletarische Denken, der ist nicht zum Marxismus gekommen, so wie das deutsche Proletariat unmittelbar den Marxismus ergriffen hat, weil dieser Marxismus zwar in England fabriziert werden konnte, aber in England selber nicht den Boden hat, in den Menschen nicht den Boden hat. Er hatte den Boden in den deutschen Arbeitern vor allen Dingen. Von da aus breitete er sich dann nach den verschiedensten Richtungen aus, aber in derselben orthodoxen Starrheit, Festigkeit, mit jener ungeheuren Glaubenskraft doch nicht so leicht sonstwo als innerhalb des deutschen Proletariats.

[ 26 ] The peculiar thing is this: Marx was able to concoct such a theory in England, but it does not apply to England itself, because people there do not accept it for the simple reason that the contrast between entrepreneurs and workers does not exist to the same extent there. I believe I have mentioned this. There, entrepreneurs and workers are closer to one another. I can also provide you with specific evidence of this. Let me give you one such example. All these points, which are presented from a humanities perspective, can in fact be thoroughly substantiated by empirical facts. You see, Marx worked with astute Hegelian thinking, which is primarily a German way of thinking. His Marxist system found a sympathetic reception precisely among the German proletariat. Eduard Bernstein, on the other hand, spent a longer period in England; he focused less on the industrial economic process than on the views held by the people—the proletarians—and on the social currents there. He was less schooled in Hegelian thought—Bernstein is, after all, still alive—so he did not apply Hegel’s astute dialectical thinking to English conditions, but rather adapted his thinking more to English proletarian thought itself; and when he returned to Germany, after having been exiled from Germany for a long time and having found asylum in London, his outlook evolved into what is known as socialist revisionism—that is, a watered-down, no longer Marxist way of thinking that has actually been little understood, and which then gained a following—not within the proletarian-socialist party, but within various trade union circles—because it is somewhat more accommodating toward the ruling powers than Marxism. You see, there you have the living proof: someone who adapted to English proletarian thought did not come to Marxism in the same way that the German proletariat immediately embraced Marxism, because although this Marxism could be manufactured in England, it had no foundation in England itself—no foundation in the people. It had its foundation above all in the German workers. From there, it then spread in a wide variety of directions, but with the same orthodox rigidity, steadfastness, and that immense power of conviction—it did not take root as easily anywhere else as it did within the German proletariat.

[ 27 ] Das ist sehr wichtig festzuhalten, weil es gerade für den gegenwärtigen Zeitpunkt, wo die soziale Frage ihre große Rolle spielt, das deutsche Wesen, das deutsche Proletarierwesen charakterisiert, seine ganze Stellung zur Welt charakterisiert. Und dies muß man auch ins Auge fassen, wenn man die gegenwärtige welthistorische Stellung der sozialen Fragen durchgreifend verstehen will, wenn man sie verstehen will im Zusammenhang mit den katastrophalen politischen Ereignissen der Gegenwart.

[ 27 ] It is very important to note this, because—especially at the present time, when the social question plays such a major role—it characterizes the German essence, the essence of the German proletariat, and defines its entire relationship to the world. And this must also be taken into account if one wishes to thoroughly understand the current world-historical significance of social issues, if one wishes to understand them in the context of the catastrophic political events of the present.

[ 28 ] Sehen Sie, es ist eine Theorie, sagte ich vorhin — trotzdem alle Theorie als eine bloße Ideologie erklärt wird —, es ist eine Theorie, die eingedrungen ist in Herzen, in Seelen, die ungeheure Glaubensintensität entwickelt hat. Aber indem sie als Theorie Tatsache geworden ist, hat sie als Tatsache gewissermaßen die Starrheit von Theorien entwickelt. Das brachte es dahin, daß das moderne Proletariat, namentlich das deutsche Proletariat, fest geschult, glaubenskräftig erfüllt vom Marxismus in seiner Mehrheit war, aber für gewisse elementare Dinge, wenn sie mit dem zur Tatsache gewordenen Marxismus nicht übereinstimmten, gar kein rechtes Verständnis hatte. Wer viel diskutiert hat mit modernen Proletariern, wie ich es konnte in der Zeit, als ich Lehrer einer Arbeiter-Bildungsschule war und mit den verschiedensten gewerkschaftlichen, auch politischen Verbänden der Sozialdemokratie gesprochen habe, wer die tatsächlichen Verhältnisse da studieren konnte — ich habe ja auch Redeübungen abgehalten, denn die Leute waren aufs Praktische gestellt, sie wollten teilnehmen am politischen Leben, wollten reden lernen —, wer da namentlich Diskutierübungen abgehalten hat, also drinnenstand in der Art und Weise, wie die Leute miteinander diskutierten, der weiß natürlich, für welche Dinge die Leute zugänglich waren. Nicht wahr, wenn man Diskutierübungen leitet, wirft man ja, das ist einfach ein technisches Hilfsmittel, da oder dort, um die Diskussion anzuregen, irgend etwas ein. Gerade wenn man bloß Diskutierübungen leitet, weiß man ja — jeder weiß das —, daß man das, was man einwirft, nicht als seine Meinung, sondern probeweise einwirft. Man könnte auch das sagen: Was würde man darauf antworten, wenn man zum Beispiel dem Proletarier sagen wollte: Ja, sehen Sie, der Streik gilt Ihnen als etwas, was eine ganz brauchbare Wafle im modernen proletarischen Klassenkampfe ist; warum streikt Ihr nicht gegenüber den Kanonenfabriken? Ihr begeht den großen Widerspruch, daß Ihr genau wißt: Die Kanonen sind Eure schärfsten Feinde, aber Ihr fabriziert sie. Ihr würdet ja Unendliches im Sinne des realen Effektes Eurer Theorie erreichen, wenn Ihr Euch weigertet, Kanonen zu fabrizieren. — Sehen Sie, diesen ganz elementaren Einwand verstand kein Proletarier, denn so weit ging er nicht. Für ihn handelte es sich nicht darum, irgendwie zunächst sachlich einzugreifen in dasjenige, was sich eigentlich entwickelte. Ihm war es ganz gleich, was fabriziert wird. Ihm handelte es sich nur um den einzigen Punkt: Übergang der Produktionsmittel, gleichgültig für das, was produziert wird, in die soziale Ordnung, Sozialisierung der Produktionsmittel, gleichgültig, was diese Produktionsmittel hervorbringen.

[ 28 ] You see, it is a theory, as I said earlier—even though all theory is dismissed as mere ideology—it is a theory that has penetrated hearts and souls and has given rise to an immense intensity of belief. But by becoming a fact as a theory, it has, in a sense, developed the rigidity of theories as a fact. This led to a situation where the modern proletariat—namely, the German proletariat—was, for the most part, thoroughly schooled in and deeply imbued with Marxism, yet had no real understanding of certain elementary matters when they did not align with Marxism as it had become a fact. Anyone who has discussed matters extensively with modern proletarians—as I was able to do during the time I was a teacher at a workers’ educational school and spoke with a wide variety of trade union and political organizations of the Social Democratic Party—and who was able to study the actual conditions there—I also conducted speech exercises, since the people were focused on practical matters, they wanted to participate in political life, wanted to learn to speak—anyone who has specifically led discussion exercises there, that is, who was immersed in the way people discussed things with one another, naturally knows what kinds of ideas people were open to. Isn’t it true that when you lead discussion exercises, you throw in something here and there—it’s simply a technical tool—to stimulate the discussion? Especially when you’re merely leading discussion exercises, you know—everyone knows—that what you throw in isn’t your own opinion, but is merely a trial suggestion. One could also put it this way: How would one respond, for example, if one wanted to say to a proletarian: “Yes, you see, you regard the strike as a very useful weapon in the modern proletarian class struggle; why don’t you go on strike against the cannon factories?” You’re committing the great contradiction of knowing full well that the cannons are your fiercest enemies, yet you manufacture them. You would achieve an infinite amount in terms of the real-world impact of your theory if you refused to manufacture cannons. — You see, no proletarian understood this very elementary objection, because they didn’t think that far ahead. For him, it was not a matter of intervening in any practical way, at least initially, in what was actually unfolding. He didn’t care at all what was being manufactured. He was concerned with only one point: the transfer of the means of production—regardless of what is produced—into the social order; the socialization of the means of production, regardless of what these means of production produce.

[ 29 ] Gerade wenn Sie dies nehmen, dann werden Sie sehen, daß es eigentlich auf ein bestimmtes Ziel hinauskam. Wenn man natürlich, wie der moderne Proletarier, in seiner Seele nicht durchaus kriegerisch gestimmt ist — der Proletarier ist natürlich nicht kriegerisch gestimmt, weil er sich vom Kriege keinen Nutzen verspricht —, dann kann man nur hoffen, daß man etwas beiträgt zur Überwindung des Krieges, indem man Kanonen ebensogut fabriziert wie etwas anderes, wenn man selbst nur zur Macht kommt, denn dann kann man, wenn man die alten Mächte gestürzt hat und selber zur Macht kommt, das Kanonenfabrizieren ja abschaffen! Und so war auch ungefähr, oder ist auch ungefähr die Denkweise. Es handelt sich um die Erwerbung der Macht.

[ 29 ] If you take this into account, you will see that it actually led to a specific goal. Of course, if—like the modern proletarian—one is not entirely warlike at heart—the proletarian is naturally not warlike, because he expects no benefit from war— then one can only hope to contribute to the end of war by manufacturing cannons just as well as anything else—provided one comes to power oneself—because then, once the old powers have been overthrown and one has come to power, one can, of course, abolish the manufacture of cannons! And that was roughly—or is roughly—the line of thinking. It is a matter of seizing power.

[ 30 ] Da haben Sie den Punkt angegeben, wo der Marxismus gewissermaßen umschlägt, wo er in eine Art von Widerspruch hineinkommt, wo der dialektische Prozeß, ich möchte sagen, sich an ihm rächte. Denn er geht davon aus, daß das wirtschaftliche Leben gewissermaßen der Selbststeuerung unterliegt, daß also dasjenige, was geschehen soll, von selbst geschieht; man braucht nur hie und da einmal die Lokomotive zu schubsen. Und dennoch muß er danach trachten, die alten Regierungsmächte zu stürzen und sich selber an deren Stelle zu stellen, also nach der Macht, die vom Menschen ausgeht, zu streben. Er will machen, was geschehen soll. Er appelliert also doch eigentlich wiederum an den Menschen, rechnet darauf, daß er obenauf kommt und dann die Macht hat, während früher die anderen die Macht hatten.

[ 30 ] You have identified the point at which Marxism, so to speak, takes a turn, where it enters into a kind of contradiction, where the dialectical process, I would say, takes its revenge on it. For it assumes that economic life is, so to speak, self-regulating—that is, that what is meant to happen happens of its own accord; one need only give the locomotive a nudge here and there. And yet it must strive to overthrow the old ruling powers and take their place, that is, to strive for the power that emanates from human beings. It wants to bring about what is supposed to happen. So, in fact, it appeals once again to human beings, counting on them to come out on top and then hold power, whereas previously others held power.

[ 31 ] Dies lag schon gewissermaßen in der Theorie. In der Praxis wirkte, ich möchte sagen, wie Rache der Dialektik am Marxismus auch noch diese moderne furchtbare Kriegskatastrophe, die nun plötzlich über weite Gebiete der Erde die Macht mehr oder weniger in die Hände des Proletariats spielt, jetzt gar nicht aus der wirtschaftlichen Ordnung heraus, sondern aus einer ganz anderen Ordnung, besser gesagt Unordnung heraus dem Proletarier die Macht in die Hände spielt. Das ist ein merkwürdiger Prozeß, außerordentlich merkwürdig. Und noch merkwürdiger wird er, wenn man ihn sieht, diesen Prozeß, in seiner Gesamtausbreitung, wenn man ihn jetzt sieht gewissermaßen übergreifen über die Verhältnisse der ganzen Erde. Denn wie ich Ihnen letzthin sagte: Die Wahrheit hat sich erst im Laufe der Jahre aus diesem sogenannten Krieg heraus entwickelt. Daß Mittelmächte und Entente einander gegenüberstanden, war ja die Unwahrheit; in Wirklichkeit sprang heraus dieser furchtbare wirtschaftliche Kampf, der da nun seinen Anfang nimmt. — Das ist die Wahrheit, die heraussprang aus jener Unwahrheit, in die maskiert war dasjenige, was eigentlich welthistorisch zugrunde liegt. Und eigentlich heben sich heute schon ein bißchen die beiden Lager ab. Die beiden Lager, wirtschaftlich heben sie sich ab, indem immer mehr und mehr sich zeigt, daß die englischsprechende Bevölkerung geographisch-welthistorisch darstellt eine Art Unternehmertum als herrschendes Element, das auf die eine oder andere Art besiegt die andere Welt, Mitteleuropa, Osteuropa, mehr oder weniger das Proletariat als herrschende Welt. Wie in der modernen Fabrik sich gegenüberstehen Unternehmer und Arbeiter, so stehen sich in der Welt Unternehmertum der alten Entente mit Amerika und Proletariat in den besiegten Mächten gegenüber. Das ist das großartig, bedrückend, tragisch-großartig Wirkende. Man kann nicht dasjenige, was heute geschieht, anders studieren, als indem man es im Zusammenhang begreift mit der ganzen proletarisch-sozialistischen Frage.

[ 31 ] This was, in a sense, already inherent in the theory. In practice, I would say that this modern, terrible catastrophe of war—which now suddenly plays power more or less into the hands of the proletariat across vast areas of the earth—seems, as it were, like dialectics taking its revenge on Marxism; it does not play power into the hands of the proletariat from within the economic order at all, but rather from a completely different order—or rather, disorder. This is a strange process, extraordinarily strange. And it becomes even stranger when one sees this process in its full scope, when one now sees it, so to speak, spreading across the conditions of the entire world. For as I told you recently: The truth has only emerged over the course of the years from this so-called war. The idea that the Central Powers and the Entente were pitted against one another was, after all, a falsehood; in reality, what emerged was this terrible economic struggle that is now beginning. — That is the truth that emerged from that falsehood, behind which lay masked what actually underlies world history. And in fact, the two camps are already beginning to stand out from one another a little today. Economically, the two camps are beginning to stand apart, as it becomes increasingly clear that the English-speaking population—in geographical and world-historical terms—represents a form of entrepreneurship as the dominant element, which, in one way or another, is defeating the other world—Central Europe, Eastern Europe, and, to a greater or lesser extent, the proletariat—as the dominant world. Just as entrepreneurs and workers stand opposed to one another in the modern factory, so too do the entrepreneurship of the old Entente and America stand opposed to the proletariat in the defeated powers. This is what is magnificent, oppressive, and tragically magnificent. One cannot study what is happening today in any other way than by understanding it in the context of the entire proletarian-socialist question.

[ 32 ] Aber auf dem weltgeschichtlichen Plan wird sich nicht bloß dasjenige abspielen, was ich eben angedeutet habe, sondern beunruhigend in dasjenige, was eigentlich nur ein wirtschaftlicher Kampf, ein riesiger wirtschaftlicher Kampf ist, beunruhigend mischt sich da hinein ein anderes Element. Der wirtschaftliche Kampf entsteht innerhalb der Menschheit, und ein wirtschaftlicher Kampf wird es sein, der zwischen der einen Hälfte der Erde und der anderen Hälfte der Erde in furchtbarer Art ausgefochten wird. Der wirtschaftliche Kampf innerhalb der Menschheit beruht auf der Ausbildung der Sinne und des Nervensystems. Und im fünften nachatlantischen Zeitraum, im Zeitalter der Bewußtseinsseele, ist die englischsprechende Welt besonders organisiert für das Sinnes-Nerven-System, weil in diesem Zeitraum das Nervensystem lediglich utilitaristische, materielle Gedanken entwickelt, dahin tendierend, die Welt zu einem großen Warenhausunternehmen zu machen. Aber beunruhigend wirkt hinein in diese Welt des SinnesNervensystems die Welt des Blutes, der andere Pol im Leben des Menschen, die Welt des Blutes. Die wird ihre Welle hineinwerfen in dasjenige, was das Sinnes-Nervenleben auf der einen Seite aufwirbelt als rein wirtschaftlichen Kampf, die Welt des Blutes, zunächst vertreten durch die vereinigten slawischen Vorposten: Tschechen, Slowenen, Polen, Slowaken und so weiter, bis die andere Welle mit dem gereinigten Blute, mit dem spiritualisierten Blute im Osten Europas, das Russisch-Slawische, dann hineinspielen wird. Während von Westen her der Osten und Mitteleuropa nur gemacht werden sollen zu einem großen Konsumtionsgebiet für eine produzierende Welt des Westens, wird nicht nur die Auflehnung des konsumierenden Proletariats von Osten gegen Westen strahlen, sondern vor allen Dingen die unruhige Welle des Blutes. Blut und Nerven könnte man auch dasjenige nennen, was in die Welt hineinkommt und was verstanden sein will, was mit dem Verständnis bewältigt werden will. In diese kriegerische Katastrophe spielte es schon hinein. Studieren Sie die Wirkungen des deutschen Schiffsbaues und der deutschen Flotte, Kriegsflotte, des deutschen Kolonisierungssystems, studieren Sie dasjenige, was der weitsichtige, aber selbstsüchtige Chamberlain verhandelt hat mit der einfältigen deutschen Regierung um die Wende des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts, und was dann nicht zustandegekommen ist, dann werden Sie solche Ansätze haben, aber einige von den vielen Ansätzen zum großen wirtschaftlichen Prozeß, der in diesen sogenannten Krieg hineinspielte. Und studieren Sie die sogenannte orientalische Frage mit ihrer letzten Phase, dem unglückseligen Balkankrieg, dann haben Sie das andere, dasjenige, was als Welle des Blutes den wirtschaftlichen Krieg konterkariert. Das spielt schon in die gegenwärtige Katastrophe hinein, Diese Dinge wollen verstanden werden.

[ 32 ] But on the world-historical stage, it will not merely be what I have just hinted at that will unfold; rather, another element will disturbingly intermingle with what is actually nothing more than an economic struggle—a massive economic struggle. The economic struggle arises within humanity, and it will be an economic struggle that is fought out in a terrible manner between one half of the earth and the other half. The economic struggle within humanity is based on the development of the senses and the nervous system. And in the fifth post-Atlantean epoch, the Age of the Consciousness Soul, the English-speaking world is particularly organized around the sensory-nervous system, because in this epoch the nervous system develops only utilitarian, materialistic thoughts, tending to turn the world into one giant department store. But the world of blood—the other pole in human life—is having a disturbing effect on this world of the sensory-nervous system. The world of blood will send its wave into what the sensory-nervous life stirs up on one side as a purely economic struggle; this world of blood is initially represented by the united Slavic outposts: Czechs, Slovenes, Poles, Slovaks, and so on, until the other wave—with purified blood, with spiritualized blood—from Eastern Europe, the Russian-Slavic wave, then comes into play. While from the West, Eastern and Central Europe are to be turned into nothing more than a vast consumer market for the productive world of the West, it is not only the rebellion of the consuming proletariat from the East against the West that will radiate outward, but above all the restless wave of blood. One could also call “blood and nerves” that which enters the world and demands to be understood, that which must be mastered through understanding. It has already played a role in this war-torn catastrophe. Study the effects of German shipbuilding and the German fleet—the naval fleet—and the German system of colonization; study what the far-sighted but self-serving Chamberlain negotiated with the naive German government at the turn of the nineteenth and twentieth centuries, and what ultimately did not come to pass—then you will have some of the building blocks but some of the many factors contributing to the great economic process that played a role in this so-called war. And study the so-called Eastern Question with its final phase, the ill-fated Balkan War, and you will have the other aspect—that which, as a wave of blood, counteracts the economic war. This, too, plays a role in the current catastrophe. These things must be understood.