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The Developmental-Historical Basis
of Social Judgment
GA 185a

17 November 1918, Dornach

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Fünfter Vortrag

Fifth Lecture

[ 1 ] Frau Dr. Steiner wird heute vor dem Vortrage den «Chor der Urtriebe» zu Ende rezitieren, den Teil, der von ihr noch nicht rezitiert worden ist. Ich möchte dem einige Worte vorausschicken, die ich Sie bitte, ja bitte, nicht anzüglich zu nehmen; sie sollen nur ganz sachlich gemeint sein. Wir haben das so eingerichtet, daß der Vortrag doch so beginnt, daß unsere Züricher Freunde ihn hoffentlich zu Ende oder wenigstens bis zu einem solchen Punkte hören können, daß ihnen nichts Besonderes mehr entgeht. Und ich möchte nur im Anschlusse an mancherlei Wünsche, mehr oder weniger selbstverständlich berechtigte Wünsche, die da oder dort aufgetreten sind, eine Bemerkung nicht unterdrücken. Das ist diese, daß ich es nicht im Sinne unserer Bewegung halten würde, wenn etwa die Meinung allzustark einreißen sollte: Es ist das Hauptsächlichste in unserer Bewegung schon getan, wenn man das Inhaltliche der Vorträge, die hier gehalten werden, ins Auge faßt. Unsere Bewegung soll drinnenstehen im Ganzen der Zeit, und sie soll berücksichtigen die Dinge, die aus den Forderungen der Zeit herausfließen. Und Sie können ganz sicher sein, daß wir auch dasjenige, was Sie glauben durch Aufnahme des Inhaltes der Vorträge zu erreichen, daß wir das nicht erreichen werden, wenn wir uns nicht entgegenkommend, verständnisvoll entgegenkommend zeigen gerade den neueren künstlerischen Betrebungen, die innerhalb unserer Bewegung eingeschlagen werden. Insbesondere gilt ja das natürlich von der eurythmischen Kunst, die in gewisser Beziehung eine neue Kunst sein soll und die als neue Kunst empfunden werden soll, gegenüber allem Ähnlichen auch als neue Kunst empfunden werden soll. Aber ich selbst möchte, daß es bemerkt würde, daß es auch gilt in bezug auf das Rezitatorische. Was man mit Bezug auf das Rezitieren eigentlich, wenn man künstlerische Empfindung in der Welt entfalten möchte, erleidet, das ist etwas ungeheuer Großes, etwas schrecklich Leidvolles, was einem da passiert. Es ist ja wirklich von uns ausgebildet worden eine gewisse Methode, die im Sinne unserer geisteswissenschaftlichen Bewegung liegt, gerade auch mit Bezug auf die rezitative, die rezitatorische Kunst namentlich. Und, nicht wahr, das möchte ich nicht, daß es nur so angesehen würde, als ob es, nun ja, aus einer Liebhaberei von dem oder jenem nun auch als Beigabe zu unserer Sache gegeben wird; nein, es ist mit eine der wichtigsten Sachen, daß wir uns in eine neue künstlerische Empfindungsweise hineinfinden. Bezüglich des Rezitierens haben die meisten Menschen, die — nun, wie soll ich es nennen, damit ich nicht den Ausdruck, der mir auf den Lippen liegt, gebrauche — die primitivsten Vorstellungen. Eigentlich glaubt man doch, rezitieren könne ein jeder, und Rezitieren sei keine besondere Kunst. Rezitieren ist in gewisser Beziehung eine der schwierigsten Künste, weil man sich das Material erst sehr langsam und allmählich erarbeitet. Und da wir gerade anstreben, das künstlerisch geformte Wort zur Geltung zu bringen, und dieses mit ein Wesentliches ist, daß Interesse da ist in der zukünftigen sozialen Ordnung der Menschheit für solche Dinge, daß dieses Interesse nicht verlorengeht, daß nicht da auch allmählich Platz greife die allgemeine bourgeoise Versumpfung, die gerade auf einem solchen Gebiete sich außerordentlich geltend macht, wie es das Rezitatorische ist, was jeder nur für ein Lesen hält, das streben wir an, und das bitte ich, nicht als eine Nebensache zu betrachten, die man unter Umständen, weil die Züge so oder so gehen, eben auf jede beliebige Tag- oder Nachtstunde auch verlegen kann.

[ 1 ] Before today’s lecture, Dr. Steiner will recite the remainder of the “Chorus of Primitive Instincts”—the part she has not yet recited. I would like to preface this with a few words, which I ask you—indeed, I beg you—not to take as suggestive; they are meant to be entirely objective. We have arranged things so that the lecture begins in such a way that our friends from Zurich will, hopefully, be able to hear it through to the end—or at least to a point where they won’t miss anything of particular importance. And I would just like to make one remark in response to various wishes—more or less naturally justified wishes—that have arisen here and there. This is that I would not consider it in keeping with the spirit of our movement if, for example, the opinion were to take hold too strongly that the most essential part of our movement has already been accomplished simply by considering the content of the lectures held here. Our movement must be rooted in the spirit of the times, and it must take into account the things that arise from the demands of the times. And you can be quite certain that we will not achieve even what you believe can be attained by absorbing the content of the lectures—we will not achieve it unless we show ourselves to be accommodating and understanding toward the newer artistic endeavors that are being pursued within our movement. This applies in particular, of course, to the art of eurythmy, which in a certain sense is meant to be a new art and is meant to be perceived as such—as a new art distinct from everything similar to it. But I myself would like it to be noted that this also applies to the art of recitation. What one actually experiences in relation to recitation—if one wishes to unfold artistic sensibility in the world—is something immensely great, something terribly painful that happens to one there. We have, after all, developed a certain method that is in keeping with the spirit of our spiritual scientific movement, particularly with regard to the art of recitation. And, don’t you think, I wouldn’t want it to be viewed merely as if it were, well, a hobby of one sort or another, offered as an afterthought to our cause; no, it is one of the most important things—that we find our way into a new artistic sensibility. When it comes to recitation, most people have—well, how shall I put it so as not to use the expression that’s on the tip of my tongue—the most primitive notions. People actually believe that anyone can recite, and that recitation is not a special art. In a certain sense, recitation is one of the most difficult arts, because one must first work through the material very slowly and gradually. And since we are striving precisely to bring the artistically shaped word to the fore—and this is an essential part of ensuring that there is interest in such things within the future social order of humanity, that this interest is not lost, and that the general bourgeois stagnation, which makes itself felt particularly strongly in a field such as recitation—which everyone simply regards as reading—that is what we are striving for, and I ask that you not regard this as a trivial matter that, depending on circumstances—because trains run one way or another—can simply be postponed to any arbitrary hour of the day or night.

[ 2 ] Wie gesagt, es sollte gar nicht anzüglich sein, was ich gesagt habe; aber ich hatte diese meine Meinung mit Bezug auf das, was sonst oftmals nur als Rankenwerk angesehen wird zu unserer Sache, eben einmal aussprechen wollen.

[ 2 ] As I said, what I said was not meant to be suggestive at all; but I simply wanted to voice my opinion regarding what is otherwise often viewed as mere embellishment to our cause.

[ 3 ] Nun soll der Schluß vom «Chor der Urtriebe» von Fercher von Steinwand zur Rezitation kommen.

[ 3 ] Now it is time for the conclusion of Fercher von Steinwand’s “Chor der Urtriebe” to be recited.

[ 4 ] Dasjenige, wovon ich in diesen Betrachtungen ausgegangen bin: von der Notwendigkeit, die in den Tatsachen der Welt wirkende Wahrheit zu empfinden — ich könnte auch sagen, die wirkende Vernunft oder den wirkenden Geist zu empfinden —, das muß ja ganz besonders Anwendung finden in dem Verständnis, das man sich nun einmal erwerben muß im Zeitalter der Bewußtseinsseele, in dem Verständnis dieses katastrophalen Ereignisses, in dem wir drinnenstehen. Denn im Grunde genommen ist dieses Ereignis ausgegangen von, man möchte sagen, einem Schein, in dem die Menschen gelebt haben. Ich habe es Ihnen nach den verschiedensten Richtungen angedeutet; das könnte weiter ausgeführt werden. Allein Sie haben schon gesehen, daß die Menschen, die beteiligt waren an dem Ausbruche, an dem letzten Ausbruche dieses katastrophalen Ereignisses, sich eigentlich in Scheinen bewegten, daß sie voll waren von Phantasmen und Illusionen, daß sie weit entfernt waren, in der Wirklichkeit drinnenzustehen. Doch muß man sagen, daß im Laufe der Jahre eigentlich immer mehr und mehr aus dem, was man falsch benannt hat, weil man eben in Illusionen und Scheinen lebte, aus dem, worüber man falsch geschimpft hat, weil man in Illusionen und Scheinen lebte, sich allmählich, langsam entwickelte dasjenige, was die Wahrheit der Sache selbst enthielt. Das ist bis jetzt zum Teil schon herausgekommen und wird im Laufe dernächsten Jahrenoch mehr herauskommen. Daß es sich nicht handelte um einen Krieg im alten Sinne zwischen einer Mächtegruppe und der anderen Mächtegruppe, der in einem gewöhnlichen Sinne auch durch einen Friedensschluß beendet werden kann, darauf habe ich ja schon öfter hingewiesen; daß es sich vielmehr handelte um dasjenige, was als Aufwogen in den sozialen Kämpfen sich abspielen wird, was die verschiedensten Formen annehmen wird. Daß das, was allmählich als Wahrheit hervortreten wird: die sozialen Kämpfe, daß dieses, ich möchte sagen, ergriffen hat den an der Oberfläche schwimmenden Schein, sich zunächst auslebt ganz in dem an der Oberfläche schwimmenden Schein, in den Illusionen und Phantasmen, die Taten geworden sind, ist dasjenige, was man ins Auge fassen soll. Und ins Auge fassen soll man, was nun eigentlich lebt in den letzten Konflikten der Gegenwart, was sich in diesen Konflikten der Gegenwart eigentlich in Wirklichkeit verbirgt. Man kann es nicht, ohne daß man immer wieder und wiederum hinweist darauf, wie das Denken und Vorstellen der Menschen, selbst die ganze Lebensauffassung, sich entfernt hat von etwas, was Menschen notwendig ist mit Bezug auf das Weltverständnis, was aber gerade unter dem Einfluß der neueren Entwickelung der Menschheit verlorengegangen ist. Unsere Geisteswissenschaft hat ja im eminentesten Sinne die Aufgabe, auf dieses Verlorene im modernen Sinne wiederum zurückzugreifen und es dem Menschen, dem es so notwendig wird in der Gegenwart und gegen die Zukunft hin, wiederum nahezubringen.

[ 4 ] The premise from which I have proceeded in these reflections: the necessity of perceiving the truth at work in the facts of the world—I might also say, of perceiving the active reason or the active spirit—must, of course, find particular application in the understanding that one must acquire in the age of the conscious soul, in the understanding of this catastrophic event in which we now find ourselves. For, fundamentally speaking, this event arose from—one might say—an illusion in which people have been living. I have hinted at this to you from various angles; it could be elaborated upon further. Yet you have already seen that the people who were involved in the outbreak—the final outbreak of this catastrophic event—were actually moving within illusions, that they were full of phantasms and delusions, that they were far removed from standing within reality. Yet it must be said that, over the years, more and more of what had been misnamed—precisely because people were living in illusions and appearances—and of what had been wrongly criticized—again because people were living in illusions and appearances—gradually and slowly gave rise to that which contained the truth of the matter itself. This has already come to light to some extent, and will come to light even more over the next few years. I have already pointed out on several occasions that this was not a war in the old sense between one group of powers and another, which in the ordinary sense can also be ended by a peace treaty; rather, it was that which will play out as a surge in social struggles, taking on the most diverse forms. What one must bear in mind is that what will gradually emerge as the truth—the social struggles—has, so to speak, seized upon the superficial appearance, and is initially playing itself out entirely within that superficial appearance, within the illusions and phantasms that have become reality. And one must take into account what is actually alive in the most recent conflicts of the present, what is actually hidden in reality within these conflicts of the present. One cannot do this without repeatedly pointing out how people’s thinking and imagination—even their entire outlook on life—have drifted away from something that is essential to human understanding of the world, but which has been lost precisely under the influence of humanity’s recent development. Our spiritual science, after all, has the task—in the most eminent sense—of drawing upon what has been lost in the modern sense and bringing it back to people, for whom it is so necessary in the present and looking toward the future.

[ 5 ] Ich habe öfter von den verschiedenen Gesichtspunkten auf den dreigeteilten Menschen, auf die dreigeteilte Welt hingewiesen, darauf hingewiesen, daß es notwendig ist, außer dem, was man gewöhnlich Mensch nennt, noch wenigstens zwei andere Gliederungen im Menschen zu unterscheiden; in dem, was man Welt nennt, andere Gliederungen noch zu unterscheiden. Bei all diesen Dingen kommt es nicht darauf an, ob man, was ich aus gewissen Gründen getan habe, aus den Forderungen der Geisteswissenschaft heraus das eine so oder so nennt, oder ob man es aus Ahnungen heraus nennt, wie Fercher von Steinwand in seinem «Geisterzögling». Da, wo er spricht von dem, was Sie in meiner «’Theosophie» benannt finden die Seelenwelt, da spricht er von «Sinnheim»; aus Gründen, die auseinanderzusetzen jetzt zu weit führen würden, spricht er bei dem, was ich das Geisterland genannt habe, von «Wahnheim», meint aber nicht bloß ein Heim, wo der Wahn etwa ist, sondern indem er von «Wahnheim» spricht, meint er eigentlich das Geisterland. Es kommt darauf an, daß man sich in diese Dinge wirklich auf irgendeine Art vertiefe und sie für das Leben ernst nehme. Man kann sagen: Mit dem allmählich verglimmenden Griechentum ging eigentlich der Menschheit in ihrer Entwickelung vom dritten bis fünften nachatlantischen Zeitraum hin recht, recht viel verloren, was in einer anderen Form, eben vom Gesichtspunkt der neuen Geisteswissenschaft, wiederum erweckt werden muß, wenn auch in das soziale Chaos, das sich jetzt entwickeln wird, Ordnung hineingebracht werden soll. Denn man muß immer wieder und wiederum betonen: Das Wichtigste ist heute, daß die wirtschaftliche Kontinuität nicht zerrissen wird, sondern daß gewissermaßen auf dem Felde des wirtschaftlichen Lebens ein Provisorium geschaffen und auch als Provisorium empfunden wird, daß aber daneben tatsächlich in die Hand genommen werde allgemeine Aufklärung über dasjenige, was aufzuklären der Menschheit so notwendig ist. Man kann nicht mit den Begriffen, die heute schon da sind, eine neue soziale Ordnung gründen. Da ist es am allerbesten, man versucht sich in verständnisvoller Art abzufinden mit dem, was nun einmal als die notwendigsten Forderungen zutage tritt, schafft ein Provisorium, damit die wirtschaftliche Kontinuität nicht verlorengeht, und sorgt aber dafür, daß an dem Ende angefangen werde, wo ja der Anfang so nötig ist: auf dem Wege der Erziehung, des Unterrichtswesens im weitesten Sinne, auf dem Wege der Schaffung von Gedanken, die vom Verständnis des Menschen ausgehen in die Köpfe der Menschen hinein. Denn nur mit dem Schaffen von Gedanken in die Köpfe der Menschen hinein können Sie etwas anfangen. Wenn nur diese Gedanken erst da sind in den Menschenköpfen! Sie haben es ja nicht zu tun mit Porzellanfiguren, die Sie beliebig da- und dorthin stellen können, denen Sie beliebige Ordnungen aufdrängen können, sondern Sie haben es zu tun mit Menschen, die erst die Möglichkeit gewinnen müssen, Verständnis zu haben für dasjenige, was im Entwickelungs- und Werdegang der Menschheit notwendig ist. Das Ausgehen vom Menschen hat dahin zu führen, daß allmählich überhaupt in die Köpfe der Menschen Aufklärung komme über dasjenige, was die Menschen zusammen sind — nenne man es nun Reich, nenne man es Staat, nenne man es Demokratie, nenne man es wie man will, auf alle diese Dinge kommt es ja viel weniger an, als auf die Sache. In den Köpfen der Menschen ist über dieses Zusammenleben, über diese Form des Zusammenlebens in den Vorstellungen der reine Brei entstanden, so daß die Menschen gar nicht mehr sich wirklich konkrete plastische Vorstellungen bilden können, warum das eine da ist, warum das andere da ist.

[ 5 ] I have often pointed out the various perspectives on the threefold human being and the threefold world, and emphasized that it is necessary to distinguish, in addition to what is commonly called the human being, at least two other structures within the human being; and to distinguish other structures within what is called the world. In all these matters, it does not matter whether one names one thing one way or another—as I have done for certain reasons—based on the requirements of spiritual science, or whether one names it based on intuition, as Fercher von Steinwand does in his *Geisterzögling*. Where he speaks of what you will find referred to in my *Theosophy* as the “world of souls,” he speaks of “Sinnheim”; for reasons that would take us too far afield to discuss here, he refers to what I have called the “Land of Spirits” as “Wahnheim,” but he does not mean merely a home where delusion resides; rather, when he speaks of “Wahnheim,” he actually means the Land of Spirits. What matters is that one truly delves into these matters in some way and takes them seriously in one’s life. One could say: With the gradual decline of Greek civilization, humanity actually lost a great, great deal in its development from the third to the fifth post-Atlantean epoch; this must be reawakened in a different form—precisely from the perspective of the new spiritual science—if order is to be brought to the social chaos that is now set to unfold. For we must emphasize again and again: The most important thing today is that economic continuity not be severed, but that, so to speak, a provisional arrangement be created in the realm of economic life—and be perceived as such—while at the same time a genuine effort is made to provide general enlightenment regarding what humanity so desperately needs to understand. One cannot establish a new social order using the concepts that already exist today. The very best approach is to try, in a spirit of understanding, to come to terms with what is now emerging as the most essential demands, to create a provisional arrangement so that economic continuity is not lost, and to ensure that we begin at the very point where a beginning is so necessary: through education—in the broadest sense of the word—and through the creation of ideas that spring from human understanding and take root in people’s minds. For it is only by creating ideas in people’s minds that you can make a difference. If only these thoughts were already there in people’s minds! After all, you are not dealing with porcelain figurines that you can place here and there at will, onto which you can impose any order you like, but rather with human beings who must first gain the ability to understand what is necessary for the development and progress of humanity. Taking the human being as the starting point must lead to a gradual awakening in people’s minds regarding what it means for people to be together—whether you call it a kingdom, a state, a democracy, or whatever you like; all these labels matter far less than the substance of the matter itself. In people’s minds, a complete muddle has arisen regarding this coexistence—regarding this form of coexistence—to the point that people can no longer form truly concrete, vivid mental images of why one thing exists and why another does.

[ 6 ] Aus der Urweisheit heraus, die auf atavistische Art, wie ich es Ihnen öfter auseinandergesetzt habe, von der Menschheit erworben worden ist, in vollbewußter Art aber wiederum errungen werden muß vom Zeitalter der Bewußtseinsseele, aus dieser Urweisheit heraus hat Plato den Menschen dreigegliedert. Das sieht man heute als etwas Kindliches an. Das ist aber aus einer sehr tiefen Weisheit heraus, aus einer Weisheit, die wahrlich tiefer ist als dasjenige, was heute über den Menschen, sei es von Naturwissenschaft, sei es von Nationalökonomie oder von anderen Wissenschaften an unseren Universitäten gelehrt wird.

[ 6 ] Based on the primordial wisdom that, as I have often explained to you, was acquired by humanity in an atavistic manner but must be regained in a fully conscious way by the Age of the Conscious Soul—based on this primordial wisdom, Plato divided the human being into three parts. Today, this is regarded as somewhat childish. Yet it springs from a very profound wisdom—a wisdom that is truly deeper than what is taught today about human beings, whether in the natural sciences, economics, or other disciplines at our universities.

[ 7 ] Plato hat den Menschen dreigeteilt. Wir gliedern heute etwas anders, aber man hat ein Bewußtsein dieser Dreiteilung noch bis in das achtzehnte Jahrhundert hinein gehabt. Dann ist es erst ganz verlorengegangen. Und die Menschen des neunzehnten Jahrhunderts, diese so gescheiten, so aufgeklärten Menschen haben über diese Dreiteilung in ihrer konkreten Form nur gelacht, lachen bis heute. Plato teilte den Menschen, den man verstehen muß, wenn man die gesellschaftliche Struktur verstehen will, zunächst in den Menschen, welcher die Weisheit entfaltet, Erkenntnis, Wissen, den logischen Teil der Seele, dasjenige, was wir an den Kopf-Organismus knüpfen, als sein Wissen an seinen Sinnes- und Nerven-Organismus knüpfen. Plato unterschied dann den sogenannten tatkräfligen, zornmütigen Teil der Seele, den irasziblen, den mutigen, tapferen Teil der Seele, alles dasjenige, was wir an das rhythmische Leben knüpfen. Sie brauchen nur in meinem Buch «Von Seelenrätseln» nachzulesen. Dann unterschied er den Begierdemenschen, den Menschen, insoferne er Quell des Begehrungsvermögens ist, alles das, was wir jetzt in viel vollkommenerer Form kennen; das konnte Plato knüpfen physisch an den Stoffwechsel, spirituell an die Intuition, so wie wir sie meinen in unserer Dreigliederung des höheren Erkenntnisvermögens: Imagination, Inspiration, Intuition. Man kann nicht verstehen, was in der gesellschaftlichen Struktur der Menschheit vorgeht und wie sich die gesellschaftlichen Strukturen ausleben, wenn man den Menschen nicht selbst kennenlernt nach dieser seiner dreigliedrigen Beschaffenheit. Denn der Mensch ist ja nicht so in der Welt, in der er als Angehöriger des physischen Planes ist, daß er diese drei Glieder auch in bezug auf ihre inneren, intimen Gestaltungen und Eigenschaften gleichmäßig ausbildet, sondern er bildet sie in verschiedener Art aus; der eine bildet den einen Teil mehr aus, der andere bildet den anderen Teil mehr aus. Und auf der verschiedenartigen Ausbildung der Teile beruht namentlich die Heranbildung der Klassen, wie sie sich im Laufe der Entwickelung der europäischen Menschheit mit ihrem amerikanischen Anhang ergeben hat.

[ 7 ] Plato divided human beings into three parts. Today we categorize things somewhat differently, but awareness of this tripartite division persisted well into the eighteenth century. It was only then that it was completely lost. And the people of the nineteenth century—those so clever, so enlightened people—merely laughed at this tripartite division in its concrete form, and continue to laugh at it to this day. Plato divided the human being—whom one must understand if one wishes to understand the social structure—first into the part that develops wisdom, insight, and knowledge: the logical part of the soul, that which we associate with the head organism, just as we associate its knowledge with its sensory and nervous organism. Plato then distinguished the so-called active, impetuous part of the soul—the irascible, the courageous, the brave part of the soul—all that which we associate with rhythmic life. You need only look it up in my book *On the Mysteries of the Soul*. He then distinguished the desiring human being—the human being insofar as he is the source of the capacity for desire—all that which we now know in a much more perfect form; Plato was able to link this physically to metabolism and spiritually to intuition, just as we understand it in our threefold division of the higher cognitive faculties: imagination, inspiration, and intuition. One cannot understand what is happening in the social structure of humanity and how social structures play out unless one comes to know human beings themselves according to this threefold nature of theirs. For human beings do not exist in the world—as members of the physical plane—in such a way that they develop these three aspects equally in terms of their inner, intimate forms and qualities; rather, they develop them in different ways; one person develops one aspect more, another develops another aspect more. And it is precisely this varied development of the parts that underlies the formation of social classes, as they have emerged in the course of the development of European humanity and its American offshoot.

[ 8 ] Man kann sagen: Der Teil, der hauptsächlich das rhythmische Leben ins Auge faßte, der Erziehung, Zusammenleben, soziale Anschauung so einrichtete, daß das rhythmische Leben dabei dasjenige war, was man vorzugsweise als das Menschliche fühlte, das ist der Stand oder die Klasse, die sich als der alte Adelsstand herausgebildet hat. Wenn Sie sich denken eine gesellschaftliche Struktur, entstanden dadurch, daß Menschen hauptsächlich sich fühlten als Brustmenschen, dann haben Sie dasjenige, was die Gruppe des Adels, der Adelsklasse ausmacht. Wenn Sie sich denken diejenigen Menschen, welche vorzugsweise die Kopfkräfte, den weisen Teil ausbilden — jetzt sage ich auch einmal etwas, was vielleicht versöhnen kann mit mancherlei, was ich gesagt habe —, diejenigen Menschen, die in der Klasse zusammengeschlossen waren, die vorzugsweise den weisen Teil ausbildet, den Kopf, den Sinnes- und Nerventeil, so ist das diejenige Gruppe, die sich allmählich zusammengeschlossen hat im Bürgerstande, in der Bourgeoiste. Diejenigen Menschen, die ja heute die weitaus zahllosesten bilden, die sich vorzugsweise zusammengeschlossen haben in alledem — Sie wissen aber, die Intuition hängt geistig mit dem Stoffwechsel zusammen —, das seinen Quell im Wollen, im Stoffwechsel hat, das ist das Proletariat. So daß tatsächlich die Menschen sozial so gegliedert sind, wie der Mensch im einzelnen gegliedert ist.

[ 8 ] One could say: The segment that focused primarily on rhythmic life—organizing education, communal living, and social views in such a way that rhythmic life was what people primarily perceived as “human”—that is the estate or class that emerged as the old nobility. If you imagine a social structure that arose because people primarily saw themselves as “chest-oriented” beings, then you have what constitutes the group of the nobility, the noble class. If you imagine those people who primarily develop the powers of the head, the wise part—and here I’ll say something that might reconcile some of what I’ve said—those people who were united in the class that primarily develops the wise part, the head, the sensory and nervous part, that is the group that has gradually coalesced within the bourgeoisie. Those people who today constitute by far the greatest number, who have primarily come together in all of this—but you know, intuition is spiritually connected to metabolism—which has its source in the will, in metabolism, that is the proletariat. So that, in fact, people are socially structured in the same way that the individual human being is structured.

[ 9 ] Nun muß man allerdings die besondere Natur des menschlichen Zusammenschlusses erkennen. Und in dieser Beziehung ist geradezu für das Bewußtsein, für die Vorstellungsgewinnung der Menschen noch alles zu tun, denn in bezug auf das, was ich jetzt meine, hat gerade die moderne Menschheit die allerverkehrtesten Vorstellungen. Diese moderne Menschheit hat es ja sogar dahin gebracht, sich vorzustellen, daß der Mensch als einzelnes Wesen weniger vollkommen ist denn als Staatstier, daß der Mensch etwas gewinne dadurch, daß er Glied eines Staatswesens wird, und es wird sehr schwer werden, in die Köpfe die Vorstellung hineinzubringen, daß der Mensch dadurch, daß er sich in einen staatlichen Organismus hineingliedert, nichts gewinne, sondern verliert. So verliert er auch, indem er sich in Stände hineingliedert, in Klassen hineingliedert. Dasjenige, was der Mensch im einzelnen entwickelt, das wird dadurch, daß es in der sozialen Struktur in der Mehrheit lebt, nicht erwa gefördert, sondern es wird abgelähmt, es wird unterdrückt.

[ 9 ] Now, however, one must recognize the special nature of human association. And in this regard, there is still a great deal to be done for human consciousness and for the development of human concepts, for when it comes to what I am referring to now, modern humanity in particular holds the most completely mistaken ideas. Modern humanity has even gone so far as to imagine that the human being, as an individual, is less perfect than as a creature of the state; that the human being gains something by becoming a member of a state; and it will be very difficult to instill in people’s minds the idea that, by integrating themselves into a state organism, human beings do not gain anything, but rather lose. Likewise, a person loses by integrating into estates or classes. Whatever a person develops as an individual is not fostered—but rather stifled and suppressed—by the fact that it exists within the social structure as part of the majority.

[ 10 ] So unterdrücken die Traditionen, die Vorstellungen der Adelskaste die urindividuellen Kräfte des Brustmenschen. Also nicht, daß sie sie fördern, sondern sie unterdrücken sie, sie lähmen sie zurück. Darauf kommt es an. Es kommt darauf an, einzusehen, daß zwar in der Gruppe der adeligen Menschen diejenigen Menschen vereinigt sind, deren Seelen bei einer Verkörperung vorzugsweise hintendieren nach dem Brustmenschen, daß aber die äußere Vereinigung auf dem physischen Plan ablähmt dasjenige, was aus dem Brustmenschen herauskommen würde. Es würde zu weit führen, wenn ich Ihnen das im einzelnen zeigen würde. Aber nehmen Sie nur einmal an, daß zum Beispiel das, was Ehrgefühl ist, sich auf ganz individuelle Weise aus dem Brustmenschen heraus entwickelt; der äußere Ehrbegriff aber, der ist gerade dazu da, das Äußere zu schaffen, damit das Innere schlafen kann. Alle Zusammenfügung ist eigentlich dazu da, auf äußerliche Weise etwas zu konstituieren, damit das Innerliche, Ursprüngliche, Elementare schlafen kann. Ich brauche nicht wiederum an Roseggers Ausspruch, den ich ja schon oft angeführt habe, zu erinnern: Oaner is a Mensch, Mehre san Leit und Vüle san Viecher. — Der Mensch ist tatsächlich dasjenige, was er ist, aus den elementaren Kräften heraus als Individualität. Das versuchte ich auch in wissenschaftlicher Grundlegung zu zeigen in meiner «Philosophie der Freiheit».

[ 10 ] Thus, the traditions and ideas of the noble caste suppress the primordial individual forces of the “chest-human.” In other words, rather than fostering them, they suppress them and hold them back. That is the crux of the matter. It is crucial to realize that, although the group of noble people unites those whose souls, upon incarnation, tend primarily toward the breast-human, this external union on the physical plane stifles what would otherwise emerge from the breast-human. It would take us too far afield if I were to show you this in detail. But just suppose, for example, that what we call a sense of honor develops in a wholly individual way from the breast-human; the external concept of honor, however, exists precisely to create the external, so that the inner can sleep. All such unification actually serves to constitute something externally, so that the inner, the original, the elemental can sleep. I need not recall once again Rosegger’s saying, which I have already cited many times: “One is a human being, more are people, and many are beasts.” — The human being is indeed what he is, emerging from the elemental forces as an individuality. I also attempted to demonstrate this on a scientific foundation in my *Philosophy of Freedom*.

[ 11 ] Alles dasjenige nun, wonach das moderne Proletariat strebt, das ist nicht geeignet, das, was in ihm gerade elementar wirkt, zur Vollendung zu bringen, sondern es geradezu zu unterdrücken, es in den Hintergrund zu drängen, abzulähmen. Und heute ist die Zeit, wo man so etwas einsehen muß, wo man nur weiterkommt, wenn man die Dinge durchschaut. Denn die instinktiven Kräfte — das habe ich öfter ausgeführt —, die wirken nicht mehr. Und die Bourgeoisie — jetzt kommt die Kehrseite der Sache —, die ist in ihrem Zusammenschlusse hauptsächlich dagewesen, um herabzulähmen die Weisheit. Die Menschen haben sich schon zusammengefunden in der Bourgeoisie, deren Seelen hineingestrebthaben, um den Kopfmenschen auszubilden; aber namentlich die sogenannte Wissenschaftlichkeit der sozialen Bourgeoisie, die hat eine solche Struktur bewirkt, daß der Kopfmensch möglichst kopflos geworden ist. Und er erweist sich ja immer mehr und mehr gegenüber dem Anstürmen der neueren Zeit als ein recht kopfloses Wesen.

[ 11 ] Everything to which the modern proletariat aspires is not suited to bringing to fulfillment what is at work within it at a fundamental level, but rather to suppressing it, pushing it into the background, and dulling it. And today is the time when one must recognize this, when one can only make progress by seeing through things. For the instinctive forces—as I have often explained—no longer have any effect. And the bourgeoisie—here comes the flip side of the matter—has existed in its coalition mainly to dull wisdom. People have already come together in the bourgeoisie, whose souls have striven to shape the intellectual being; but especially the so-called scientific approach of the social bourgeoisie has brought about a structure in which the intellectual being has become as headless as possible. And indeed, in the face of the onslaught of modern times, he is proving more and more to be a truly headless being.

[ 12 ] Nun, auf der einen Seite hat sich in ausgesprochener Weise, in signifikanter Art herausgebildet diese menschliche Gliederung. Aber man hatte den Verständnisanschluß versäumt; man konnte nicht mehr sich Vorstellungen bilden über die Art, wie man unter den Menschen lebt, denn man hatte verloren das Verständnis für den dreigliedrigen Menschen. Es würde zum Beispiel notwendig sein — und so etwas würde auch geschehen müssen, bevor man daran gehen kann, eine neue soziale Ordnung zu begründen irgendwo oder irgendwann —, es wird zum Beispiel notwendig sein, alles das, was zusammenhängt mit dem Impulse des Brustmenschen, zu studieren. Und erst, wenn man das wirklich studiert, nicht so, wie es sich die Theosophen denken, sondern so, wie es der Wirklichkeit entspricht, erst dann bekommt man eine wahrhafte Wissenschaft von der Art, wie Arbeit, Erträgnis der Arbeit, Lohn, Rente, Kapital, Produktionsmittel und so weiter in der Welt angeordnet werden müssen unter den instinktiven Forderungen der neueren Zeit. So weit wie möglich entferntist dasjenige, was man offiziell Nationalökonomie nennt, die eigentlich nur ein Spiel mit Begriffen und Worten ist und die hoffentlich recht bald verschwinden wird vom wissenschaftlichen Schauplatz, so weit entfernt als möglich ist das von dem, was herauskommt, wenn man wirklich den Menschen studiert als Brustmenschen, wo dann herauskommt, was mit Bezug auf die Verteilung der Arbeit, der Produktionsmittel, des Grundes und Bodens und so weiter, als Forderung in der Menschheitsentwickelung verlangt werden muß. Ebenso muß studiert werden dasjenige, was mit dem Kopfmenschen, mit dem Sinnes- und Nervenmenschen zusammenhängt im weitesten Umfange, wiederum nicht so abstrakt, wie es sich die Theosophen vorstellen, sondern es muß in aller Konkretheit studiert werden, was der Mensch ist in der Sinneswelt als ein geistiges, als ein spirituelles Geschöpf mit anderen Menschen zusammen in der Gesellschaft, mit anderen Menschen zusammen in irgendeiner, sei es staatlichen oder sonstigen Struktur. Es muß aus der Beschaffenheit des Nerven- und Sinnesmenschen studiert werden. Das Studium des Nervenund Sinnesmenschen gibt eine wirkliche Gesellschaftswissenschaft. Und endlich das Studium des Stoffwechselmenschen, der mit der Intuition zusammenhängt, das gibt erst eine wirkliche Anschauung über die Entwickelung, über das Werden des Menschen, das gibt erst eine geschichtliche Auffassung der Menschheitsentwickelung.

[ 12 ] Well, on the one hand, this human structure has emerged in a very distinct and significant way. But people had failed to grasp the underlying concept; they could no longer form ideas about the way people live together, because they had lost their understanding of the threefold nature of the human being. For example, it would be necessary—and something like this would also have to happen before one can set about establishing a new social order anywhere or at any time—it will be necessary, for example, to study everything connected with the impulses of the breast-human. And only when this is truly studied—not as the Theosophists imagine it, but as it corresponds to reality—only then will we gain a true science of how labor, the fruits of labor, wages, interest, capital, means of production, and so on must be organized in the world in accordance with the instinctive demands of the modern age. As far removed as possible from this is what is officially called “national economics,” which is really nothing more than a play on concepts and words and which will, hopefully, disappear quite soon from the scientific arena; it is as far removed as possible from what emerges when one truly studies human beings as “breast-centered beings,” which then reveals what must be demanded in the development of humanity with regard to the distribution of labor, the means of production, land, and so on. Likewise, we must study, to the broadest extent possible, that which pertains to the “head-human,” the “sensory-human,” and the “nervous-human”—not, however, in the abstract manner envisioned by the Theosophists, but rather in all its concreteness: what the human being is in the sensory world as a spiritual creature, living together with other human beings in society, and with other human beings within any be it a state or some other structure. This must be studied based on the nature of the nervous and sensory human being. The study of the nervous and sensory human being provides a true social science. And finally, the study of the metabolic human being, which is connected to intuition, is what truly provides a genuine insight into human development and evolution; it is what provides a historical understanding of human evolution.

[ 13 ] Nun werden Sie leicht verstehen, daß man weder eine geschichtliche Auffassung der Menschheitsentwickelung haben konnte, ohne den mikrokosmischen Menschen wirklich zu verstehen, noch auch eine wirkliche Anschauung über die Verteilung der wirtschaftlichen Werte, weil man den Brustmenschen nicht studiert; noch konnte man verstehen, wie der einzelne individuelle Mensch in der menschlichen Gesellschaft drinnensteht, weil man den Kopfmenschen, eben den Sinnes- und Nervenmenschen, in seiner Wirklichkeit, in seinem ganzen Zusammenhange mit dem Kosmos und seiner geschichtlichen Entwickelung nicht studiert; denn man hatte alle diese Dinge eigentlich aus dem Auge verloren. Man hat sich seit Jahrhunderten keine Vorstellung mehr über diese Dinge gemacht oder hat nur gelacht über diese Dinge. Daher ist vor allen Dingen in den Vorstellungen und dann auch in der Wirklichkeit das Chaos gekommen.

[ 13 ] Now you will easily understand that one could have neither a historical view of human development without truly understanding the microcosmic human being, nor a genuine understanding of the distribution of economic values, because one has not studied the “chest human”; nor could one understand how the individual human being is situated within human society, because one has not studied the “head-human”—that is, the sensory and nervous human being—in its reality, in its entire connection with the cosmos and its historical development; for one had actually lost sight of all these things. For centuries, people have not formed any conception of these things, or have merely laughed at them. Consequently, chaos has reigned first and foremost in people’s conceptions and then also in reality.

[ 14 ] Nun entstanden aus derjenigen Menschenklasse, welche sozusagen durch das moderne Leben, das sich nun nicht richtete nach den zurückgebliebenen Vorstellungen, sondern das weiterging, aus jener Klasse, welche geradezu durch das moderne Leben herausgebildet worden ist, da entstanden Forderungen. Das moderne Proletariat ist aus dem modernen Maschinenwesen, Industriewesen, aus der Mechanisierung der Welt heraus entstanden. Daraus entwickelten sich die Forderungen, weil dieses moderne Proletariat in Gegensatz trat zu denjenigen, die die Maschinen als Produktionsmittel besorgen konnten.

[ 14 ] Demands arose from that class of people which had, so to speak, been shaped by modern life—a life that no longer conformed to outdated notions but continued to evolve—from that class which had been formed precisely by modern life. The modern proletariat emerged from the modern world of machinery, industry, and the mechanization of the world. Demands developed from this because this modern proletariat came into conflict with those who were able to procure the machines as means of production.

[ 15 ] Sehen Sie, die Impulse zur Weltanschauung dieses Proletariats kamen aus dem Stoffwechselmenschen. Aber natürlich steht der Mensch mit den anderen Gliedern in Berührung. Dadurch bildeten sich von da ausgehend Ansichten über dasjenige, was auch aus den anderen Gliedern Impulse des dreigliedrigen Menschen ausstrahlte; es bildeten sich Ansichten, die eine Notwendigkeit waren auf der Grundlage der proletarischen Menschenkaste. Es bildeten sich Anschauungen mit Hilfe dessen, was das Bürgertum als Wissenschaft begründet hatte. Denn die Proletarier hatten ja nur die Wissenschaft von den vier oder, was weiß ich, sechs Fakultäten, zu denen sie jetzt angewachsen sind, die das Bürgertum geschaffen hat, geerbt. Mit der rein bürgerlichen Wissenschaft versuchten die Proletarier allmählich sich Vorstellungen zu machen in dem Zeitalter der Bewußtseinsseele über dasjenige, worinnen sie lebten als in der sozialen Struktur. Das konnte natürlich nicht genügen. Aus all den scharfsinnigen und sonstigen Grundlagen heraus, aber wiederum, weil er eben ein Kind seiner Zeit war und gar nichts ahnte von dem Vorhandensein einer Geisteswissenschaft, wie wir sie denken, schuf gerade als Ausdruck dessen, was die Instinkte des Proletariats elementar aus sich selbst heraus entwickeln, eben der gestern erwähnte Karl Marx den Proletariern eine Wissenschaft.

[ 15 ] You see, the impulses shaping this proletariat’s worldview came from the metabolic human. But of course, human beings are in contact with the other members of the threefold human being. As a result, views began to form—starting from there—regarding what also radiated as impulses from the other members of the threefold human being; views took shape that were a necessity based on the proletarian social class. These views were formed with the help of what the bourgeoisie had established as science. For the proletariat had, after all, inherited only the science of the four—or, who knows, six—faculties, to which it has now expanded, that the bourgeoisie had created. Using purely bourgeois science, the proletariat gradually attempted, in the age of the conscious soul, to form conceptions of the social structure in which they lived. Of course, that could not suffice. Drawing on all the astute and other foundations—but again, precisely because he was a child of his time and had no inkling of the existence of a spiritual science as we conceive it—it was none other than Karl Marx, whom I mentioned yesterday, who created a science for the proletariat as an expression of what the instincts of the proletariat develop elementarily from within themselves.

[ 16 ] Dieser Karl Marx ist von den Proletariern eben anders behandelt worden, als die sogenannten Größen von der Bourgeoisie in den letzten Jahrhunderten behandelt worden sind. Er ist wirklich eingedrungen in das ganze Denken des Proletariats über die zivilisierte und industrialisierte Erde hin. Er beherrschte die Gedanken der Proletarier, und er hat diese Gedanken ausgebildet zu einer Lehre. Ja, zum erstenmal eigentlich sind Gedanken Tatsachen geworden, denn die Gedanken der Bourgeoisie sind keine Tatsachen, sind aus Illusionen erwachsen, auch wenn man noch so sehr glaubt, daß sie auf wirklich positiver Wissenschaft fußen. Aber die Gedanken von Karl Marx sind im Proletariat Tatsachen geworden und leben als Tatsachen und wirken sich als Tatsachen aus, so wie sich Tatsachen auswirken, mit allem Widerspruch des Lebens, mit aller Kontradiktion, die im Leben auftritt, mit aller Disharmonie, mit allem Befruchtenden und Zerstörenden und Lähmenden, mit dem das Leben auftritt. In den Instinkten, im Unterbewußtsein der Menschen wirkt mehr, insbesondere in unserem Zeitalter, als in seinem Bewußtsein. Ins Bewußtsein wurde der dreigliedrige Mensch nicht aufgenommen; aber aus Instinkten, und deshalb ungenügend und die Wirklichkeit zwar befruchtend, Gedanken in Taten umsetzend, aber sie ungenügend in Taten umsetzend, so hat Karl Marx seine Lehre von der «politischen Ökonomie» begründet. Sie drang schon 1848 hervor in dem «Kommunistischen Manifest», von dem ich gestern sprach, dann in seinem Buch von der «Politischen Ökonomie», das 1859 erschien, in dem Jahr, das an allerlei Hervorbringungen so unendlich fruchtbar war, wenigstens am Ende der fünfziger Jahre noch. Es gehört zu dem Verschiedenen, was am Ende der fünfziger Jahre aufge treten ist, auch dieses Buch über die «Politische Ökonomie» von Karl Marx. Um andere Sachen zu erwähnen: Es trat gleichzeitig auf — und da ist ein innerer Zusammenhang — die Spektralanalyse von Bunsen. In demselben Jahr ungefähr wurde auch mehr bekannt dasjenige, was man Darwinismus nennt, sowie dasjenige, was auf der einen Seite unendlich anregend gewirkt hat, aber auf der anderen Seite wiederum die Psychologie in Wirrnisse hineingebracht hat: Gustav Theodor Fechners «Vorschule der Asthetik», die dann zu einer Psychophysik geführt hat. Das gehört auch zu diesem Jahre; noch manches andere könnte man anführen. Es sind innere Gründe, daß das miteinander auftrat aus bürgerlicher Wissenschaft heraus. Denn Hegel ist auch bürgerliche Wissenschaft, tiefsinnige bürgerliche Wissenschaft. Aber aus bürgerlicher Wissenschaft heraus versuchte Karl Marx die soziale Struktur der Menschen zu verstehen. So wie er sie verstand, leuchtete es dem Proletariat ein. Aber es war vergessen dasjenige, was das allerwichtigste ist: die Kenntnis des dreigliedrigen Menschen. Die vor allen Dingen muß in die Köpfe der Menschen hinein, bevor man irgendwie fruchtbar weiterkommen kann, nicht theoretisch, sondern indem man wirklich sich hineinlebt in die Situation, die die Gegenwart heraufgebracht hat. Sehen Sie, man kann sagen: Dreigliedrig trat die Welt auch Marx entgegen. Auch diese physisch—sinnliche Welt trat Karl Marx dreigliedrig entgegen, und so suchte er sie auf dreierlei Art zu enträtseln: erstens durch seine Wertlehre, die Mehrwertstheorie — ich habe Ihnen davon schon einiges erwähnt —, zweitens durch seine materialistische Geschichtsauffassung, und drittens durch seine Anschauung von der Vergesellschaftung des Menschen. Es ist merkwürdig, wie ganz im Sinne der chaotischen Entwickelung der neueren Zeit sich im Kopfe von Karl Marx, und in der Weise, in diesem Sinne, wie ich es erörtert habe, in den Köpfen von Millionen von Menschen in Millionen von Proletariern, es ist interessant, wie sich da malt die dreigliedrige gesellschaftliche Struktur, ohne daß man wirkliche, gediegene, auf Grundlagen fußende Vorstellungen hat über das, was der Mensch als Wesenheit lebt und indem er in die Welt als Geisteswesen eintritt.

[ 16 ] This Karl Marx has been treated by the proletariat quite differently than the so-called great figures of the bourgeoisie have been treated over the past few centuries. He has truly penetrated the entire mindset of the proletariat across the civilized and industrialized world. He dominated the thoughts of the proletariat, and he developed these thoughts into a doctrine. Indeed, for the first time ever, thoughts have actually become facts, for the thoughts of the bourgeoisie are not facts; they have grown out of illusions, even if one believes as strongly as possible that they are based on truly positive science. But Karl Marx’s ideas have become facts among the proletariat and live on as facts and exert their influence as facts, just as facts exert their influence—with all the contradictions of life, with all the conflicts that arise in life, with all the disharmony, with everything that is life-giving, destructive, and paralyzing that life brings. More is at work in people’s instincts and subconscious—especially in our age—than in their consciousness. The threefold human being was not incorporated into consciousness; but based on instincts—and therefore insufficiently, though indeed enriching reality and translating thoughts into actions, yet translating them into actions in an insufficient manner—Karl Marx founded his doctrine of “political economy.” It emerged as early as 1848 in the “Communist Manifesto,” which I spoke of yesterday, and then in his book on “Political Economy,” published in 1859—a year that was so infinitely fruitful in all manner of creative output, at least still at the end of the 1850s. This book on “Political Economy” by Karl Marx is among the diverse developments that emerged at the end of the 1850s. To mention a few other things: Bunsen’s spectral analysis emerged at the same time—and there is an intrinsic connection between them. Around the same year, what is known as Darwinism also became more widely known, as did a work that, on the one hand, had an infinitely stimulating effect but, on the other hand, plunged psychology into confusion: Gustav Theodor Fechner’s *Introduction to Aesthetics*, which subsequently led to psychophysics. This, too, belongs to that year; one could cite many other examples. There are internal reasons why all this emerged from bourgeois science. For Hegel, too, is bourgeois science—profound bourgeois science. But it was from within bourgeois science that Karl Marx sought to understand the social structure of humanity. As he understood it, it made sense to the proletariat. But what was forgotten was the most important thing of all: the knowledge of the threefold human being. This, above all else, must take root in people’s minds before any fruitful progress can be made—not theoretically, but by truly immersing oneself in the situation that the present has brought about. You see, one could say: the world also presented itself to Marx in a threefold manner. This physical-sensory world, too, presented itself to Karl Marx in a threefold form, and so he sought to unravel it in three ways: first, through his theory of value—the theory of surplus value—which I have already mentioned to you in some detail; second, through his materialist conception of history; and third, through his view of the socialization of humanity. It is remarkable how, entirely in keeping with the chaotic development of modern times, in the mind of Karl Marx—and in the manner, in the sense that I have discussed—in the minds of millions of people, of millions of proletarians, it is interesting how this threefold social structure takes shape there, without people having any real, sound, well-founded ideas about what human beings experience as beings and as they enter the world as spiritual beings.

[ 17 ] Indem ungenügend, instinktiv wirken die Impulse des Brustmenschen, des rhythmischen Menschen, in welchem das eigentliche Reservoir dessen ist, was dann Arbeit wird im gesellschaftlichen Leben, indem das in ungenügender Weise in die Vorstellungen von Karl Marx und damit in proletarische Vorstellungen hineinkam, entwickelte sich die sogenannte Mehrwertstheorie. Wir wollen noch einmal diese Mehrwertstheorie von einem anderen Gesichtspunkte aus betrachten, als wir das neulich getan haben. Die hauptsächlichste Frage für Karl Marx war: Wie wird eigentlich Wert, sei es so und so gearteter Wert, in der modernen Wirtschaft erzielt? — Es ist ja nicht wahr — darauf kam Karl Marx —, daß in der modernen Wirtschaft dasjenige, was der Mensch zum Beispiel als Entlöhnung erhält, wirklich zusammenhängt mit dem, was er leistet. Solche Illusionsvorstellungen können sich nur diejenigen Menschen machen, die das wirtschaftliche Leben nicht durchschauen, daß man glaubt, der Mensch erwirbt das, was entspricht seiner Arbeit, seiner Leistung. Das ist ja nicht der Fall. Dasjenige, was ein Mensch erwerben kann im modernen wirtschaftlichen Leben, wie es sich durch die letzten vier Jahrhunderte namentlich in der zivilisierten Welt entwickelt hat, was der Mensch erwerben kann, ist ja gebunden nicht an irgendein Verhältnis zwischen Erwerb und Arbeit, sondern es ist gebunden an die Warenzirkulation. Dasjenige, was ein Mensch erwerben kann, hängt ganz wesentlich davon ab, wie Werte erzeugt werden, indem man Waren auf den Markt bringt, verkauft und dafür so und so viel einnimmt. Das ist dasjenige, was den volkswirtschaftlichen Wert erzeugt. Nicht die Arbeit als solche erzeugt heute unmittelbar den Wert, volkswirtschaftlich gedacht, sondern was man dafür bekommt auf dem Warenmarkt, wenn sie fertiggestellt ist und in Zirkulation gebracht wird durch die verschiedensten Faktoren. So daß eigentlich bei der Erzeugung von volkswirtschaftlichen Werten in der modernen Welt nach nichts anderem gefragt werden kann als: Wie stellt sich die Konstellation auf dem Warenmarkt für das eine oder andere? — In weitestem Umfange muß das gedacht werden; aber wenn man es in diesem Umfange denkt, so ist es so.

[ 17 ] Because the impulses of the “chest-centered human,” the “rhythmic human”—in whom lies the actual reservoir of what later becomes labor in social life—were insufficiently and instinctively expressed, and because this found its way only inadequately into the ideas of Karl Marx and thus into proletarian ideas, the so-called theory of surplus value developed. Let us once again examine this theory of surplus value from a different perspective than we did recently. The most fundamental question for Karl Marx was: How is value—be it of one kind or another—actually produced in the modern economy? — It is not true—as Karl Marx concluded—that in the modern economy what a person receives, for example as wages, is truly related to what they produce. Such illusions can only be held by those who do not understand economic life—the belief that a person earns what corresponds to their work, to their output. That is simply not the case. What a person can earn in modern economic life—as it has developed over the last four centuries, particularly in the civilized world—is not tied to any relationship between earnings and work, but rather to the circulation of commodities. What a person can earn depends quite fundamentally on how value is generated—by bringing commodities to market, selling them, and receiving a certain amount in return. That is what generates economic value. It is not labor as such that directly generates value today, in economic terms, but rather what one receives for it on the commodity market once it is completed and brought into circulation through a wide variety of factors. Thus, when it comes to the production of economic value in the modern world, the only question that can really be asked is: What is the constellation on the commodity market for one thing or another? — This must be considered in the broadest sense; but when one considers it in this sense, that is how it is.

[ 18 ] Nun kam Karl Marx darauf, auszusprechen, was instinktiv fühlten diejenigen Menschen, die ins Proletarische gedrängt wurden durch die Lebensverhältnisse, durch ihr Karma. Wenn der Marktwert der Ware eigentlich allein wirklich das Wertverhältnis produziert für alles, was heute vorhanden ist und die Grundlage eines jeglichen Erwerbes ist, so kann es doch unmöglich wahr sein, daß irgendwie ein Arbeiter faktisch entlohnt wird für dasjenige, was er als Arbeit leistet. Denn dasjenige, was man als Arbeit leistet, hat ja keinen Wert in der Zirkulation in der Volkswirtschaft, sondern es hat einen Wert erst dasjenige, was Ware geworden ist. Und da kam Marx zu der Formulierung desjenigen, was eben die Proletarier aus ihren Instinkten heraus fühlten: zu der Formulierung, daß dasjenige, worauf es in der modernen Volkswirtschaft beim Arbeiter ankommt, gar nicht als Leistung, als Tätigkeit, als Hervorbringung taxiert wird, sondern daß auch das als Ware taxiert wird, als die Ware «Arbeitskraft». Man kauft, das formulierte Karl Marx, man kauft Kirschen, man kauft Hemden, Hosen und so weiter, aber man kauft auch die Ware Arbeitskraft. Derjenige, der die Produktionsmittel hat, derjenige, der den Grund und Boden hat, verkauft Kirschen, verkauft Getreide, verkauft Hosen oder Röcke, verkauft Maschinen; derjenige, der nicht die Produktionsmittel hat, der besitzlos ist im modernen Volkswirtschaftsleben, der kann auf den Markt nur dasjenige bringen, was seine Arbeitskraft ist. Da muß er allerdings selber mitgehen. Aber nur das hat einen wirklichen volkswirtschaftlichen Wert, was als Warenwert seiner Arbeit in Betracht kommt.

[ 18 ] It was Karl Marx who first articulated what those people—who had been forced into the proletariat by their living conditions, by their karma—instinctively felt. If the market value of a commodity is, in fact, the sole true determinant of the value relationship for everything that exists today and is the basis of all earnings, then it cannot possibly be true that a worker is in any way actually compensated for the labor he performs. For what one performs as labor has no value in circulation within the national economy; rather, only that which has become a commodity has value. And so Marx arrived at the formulation of what the proletarians instinctively sensed: the formulation that what matters for the worker in the modern economy is not at all assessed as performance, as activity, or as production, but that this, too, is assessed as a commodity—the commodity “labor power.” As Karl Marx put it, people buy cherries, shirts, pants, and so on, but they also buy the commodity “labor power.” The one who owns the means of production—the one who owns the land—sells cherries, sells grain, sells pants or skirts, sells machines; those who do not possess the means of production—those who are propertyless in modern economic life—can bring to the market only their labor power. Of course, they must contribute their own labor. But only that which counts as the commodity value of their labor has real economic value.

[ 19 ] Was heißt das aber? Das heißt: Man muß nachdenken darüber, wie man Ware bezahlt. Ware bezahlt man zunächst nach dem, was notwendig ist für die Herstellung. Was nachher aus der Ware geschieht auf dem Markt, das ist etwas ganz anderes. Man bezahlt Ware zunächst nach der Herstellung. Nicht wahr, man geht zu dem Kirschbaumbesitzer, und der verkauft einem die Ware; da verfrachtet man sie und so weiter, da wird im Zirkulationsprozesse erst der Warenwert bestimmt. Aber die Ware Arbeitskraft muß gewissermaßen an ihrer Quelle eingekauft werden. Der Mensch selber muß sie demjenigen, der sie kaufen will, entgegentragen. Der Mensch muß immer dabei sein. Wonach kann also die Entschädigung, der Kaufpreis der Ware Arbeitskraft bestehen? Ja, danach, was die Herstellungskosten sind. Da muß man nachdenken, wieviel Stunden täglicher Arbeit notwendig sind, um einen Arbeiter mit Bezug auf seine Arbeitskraft instand zu halten, das heißt, so instand zu halten, daß er genährt ist, gekleidet ist und so weiter. Da muß man darüber nachdenken, wieviel verschiedenste andere Menschen arbeiten müssen, wieviel Zeit sie arbeiten müssen; sagen wir zum Beispiel, fünf oder sechs Stunden muß gearbeitet werden, um so viel Lebensmittel, so viel Kleidung und anderes herbeizuschaffen, was notwendig ist, um einen Arbeiter eben als mit Arbeitskraft ausgerüstet, so daß man sie kaufen kann, auf den Arbeitsmarkt hinauszuversetzen. Für dasjenige, was notwendig ist, um den Arbeiter instand zu halten, um die Ware Arbeitskraft zu erzeugen, für das gibt der Bourgeois seine Entschädigung. Er bezahlt dasjenige, was notwendig ist, um Ernährung, Bekleidung und so weiter des Arbeiters zu ermöglichen, seine Familienbedürfnisse und dergleichen, wenn solche vorhanden sind. Dazu sind zum Beispiel fünf bis sechs Stunden Arbeit notwendig. Der Arbeiter verkauft sich aber, und indem er sich verkauft, kommt er durch den allgemeinen Zirkulationsprozeß in die Notwendigkeit hinein, länger zu arbeiten als, sagen wir, fünf bis sechs Stunden. Da arbeitet er dann für denjenigen, der der Unternehmer ist. Da wird der Mehrwert erzeugt. Nur dadurch, daß Arbeitskraft im modernen Zirkulationsprozeß Ware ist und daß man Ware nach den Herstellungskosten bezahlt, dann den Arbeiter länger arbeiten läßt, als er arbeiten würde, wenn er nur dasjenige wieder erarbeitet, was für ihn notwendig ist, dadurch wird im modernen Wirtschaftsleben der Mehrwert erzeugt.

[ 19 ] But what does that mean? It means: One must think about how to pay for commodities. First, one pays for commodities based on what is necessary for their production. What happens to the commodity on the market afterward is something entirely different. You pay for a commodity first based on its production. After all, you go to the cherry tree owner, and he sells you the commodity; then you transport it and so on—it is only in the process of circulation that the value of the commodity is determined. But the commodity “labor power” must, so to speak, be purchased at its source. The person himself must bring it to the one who wants to buy it. The person must always be present. So what, then, can the compensation—the purchase price of the commodity “labor power”—consist of? Well, it consists of the cost of production. One must consider how many hours of daily labor are necessary to sustain a worker in terms of his labor power—that is, to sustain him so that he is fed, clothed, and so on. One must consider how many different people must work, and how much time they must work; let us say, for example, that five or six hours of work are required to produce enough food, clothing, and other necessities to equip a worker with labor power—so that he can be sent out into the labor market ready to be purchased. The bourgeois pays compensation for what is necessary to maintain the worker—that is, to produce the commodity “labor power.” He pays for what is necessary to provide the worker with food, clothing, and so on, as well as for the worker’s family needs and the like, if such exist. This requires, for example, five to six hours of work. But the worker sells himself, and by selling himself, he is compelled by the general circulation process to work longer than, say, five to six hours. There he works for the entrepreneur. That is where surplus value is produced. It is only because labor power is a commodity in the modern circulation process, and because commodities are paid for at their cost of production—thereby causing the worker to work longer than he would if he were merely earning back what is necessary for him—that surplus value is generated in modern economic life.

[ 20 ] Das ist etwas, was eben mit einer Hegelschen Dialektik Karl Marx in seinen Büchern verarbeitet hat. Das ist etwas, was dem Proletariat ungeheuer eingeleuchtet hat, weil es eine Wissenschaft ist, die sozusagen den Menschen in seiner Ganzheit nimmt, denn es ergreift nicht nur den theoretischen Verstand, es ergreift auch in einem gewissen Sinne die moralischen Empfindungen, indem der Arbeiter zwar weiß, man sagt ihm politisch: Du bist ein freier Mensch — aber dadurch, daß nur Waren im modernen Volkswirtschaftsleben einen Wert haben und nur Waren bezahlt werden, wird seine Arbeitskraft im modernen Zirkulationsprozeß zur Ware gemacht. Dadurch schaut er hin auf den Mehrwert, der nicht nur durch Arbeit erzeugt wird, sondern durch bloße Spekulation, durch Unternehmungsgeist, was immer.

[ 20 ] This is something that Karl Marx explored in his books using Hegelian dialectics. This is something that made tremendous sense to the proletariat, because it is a science that, so to speak, considers the human being in his entirety; for it addresses not only the theoretical mind, but also, in a certain sense, moral sensibilities—in that the worker knows, even though he is told politically: “You are a free person”—but because only commodities have value in modern economic life and only commodities are paid for, his labor power is turned into a commodity in the modern process of circulation. As a result, he looks to the surplus value, which is generated not only by labor but also by mere speculation, by entrepreneurial spirit, whatever it may be.

[ 21 ] Aber es bildet sich dadurch etwas anderes heraus. Dadurch bildet

[ 21 ] But something else emerges as a result. This leads to

[ 22 ] sich für den Arbeiter, ganz im Sinne von Marx, ein Bewußtsein heraus: All die Redereien, daß man durch Brüderlichkeit, daß man durch Mildtätigkeit, daß man durch Wohltätigkeitssinn irgend etwas erreichen kann, das sind immer Redereien, das müssen soziale Phrasen sein. — Denn er sieht ja das, was sich da herausgebildet hat: daß Arbeitskraft, seine Arbeitskraft, Ware geworden ist, das sieht er als eine Notwendigkeit in der modernen Entwickelung an, und er sagt: Nun, mag der Fabrikant noch so wohltätig, noch so brüderlich, noch so menschenfreundlich gesinnt sein, er kann ja gar nicht anders — dazu zwingt ihn die geschichtliche Entwickelung —, als die Ware Arbeitskraft kaufen für ihre Herstellungskosten und dann das andere in seiner Art dem Zirkulationsprozesse zuführen. Es hat daher gar keinen Wert für irgendein soziales Denken, wenn man Moral predigt, wenn man spekuliert auf Impulse von Brüderlichkeit, von Menschenfreundlichkeit, denn auf alles das kommt es nicht an. Der Unternehmer kann nicht anders als den Mehrwert einheimsen.

[ 22 ] A consciousness emerges among the workers, entirely in the spirit of Marx: All this talk about achieving anything through brotherhood, through benevolence, or through a spirit of charity—it’s all just talk; it must be nothing but social rhetoric. — For he sees what has emerged: that labor power—his labor power—has become a commodity; he regards this as a necessity of modern development, and he says: Well, no matter how charitable, how fraternal, or how philanthropic the factory owner may be—he simply cannot do otherwise; historical development compels him to do so—he must buy the commodity “labor power” at its cost of production and then feed the rest, in its own way, into the process of circulation. It is therefore of no value whatsoever to any social thinking to preach morality or to speculate on impulses of brotherhood or philanthropy, for none of that matters. The entrepreneur has no choice but to reap the surplus value.

[ 23 ] Das sind die Dinge, die außerordentlich wichtig sind: daß dem Proletarier sozusagen eingebleut wurde, daß es ja gar nicht von der Moral oder Unmoral des Unternehmertums abhänge, daß er in einem menschenunwürdigen Dasein ist, sondern daß das eine historische Notwendigkeit ist, daß das aber auch mit historischer Notwendigkeit zum Klassenkampf führen muß; das heißt, daß es gar nicht anders geht, als daß derjenige, der der Proletarierkaste angehört, bekämpft denjenigen, der der Besitzerklasse angehört, denn sie sind durch den historischen Prozeß selber Gegner. Das kann also nicht anders geschehen, als daß durch den mächtigen sozialen Proletarierkampf eine andere Ordnung komme als diejenige ist, die die letzten vier Jahrhunderte oder die bisherige geschichtliche Entwickelung auf den Plan gerufen hat. Was der Proletarier will, das ist so unendlich wichtig, das ist Geschichte machen, aus Gedanken heraus Geschichte machen, indem er sich sagt: Da es einmal in der modernen Wirtschaftsentwickelung dazu gekommen ist, daß nur Waren bezahlt werden, ich also als Proletarier meine Arbeitskraft als Ware verkaufen muß, die anderen aber etwas haben, was nicht aus der Ware Arbeitskraft hervorgeht, sondern vom Mehrwert stammt, so will ich selbst an dem Mehrwert mitpartizipieren, will nicht den Unternehmer abschaffen — denn der Unternehmer ist hervorgebracht durch den notwendigen historischen Prozeß —, sondern will selber Unternehmer werden, will mich als Proletarier, als Gesellschafter, kommunistisch der Produktionsmittel bemächtigen; dann bin ich als Gesellschafter selber Unternehmer. Nur dadurch kann der Klassenkampf wegfallen, wenn ich nicht mehr den Unternehmer neben mir habe, sondern selber Unternehmer bin. — Vorrücken zu der nächsten historischen Phase, das ist es, was aus der marxistischen Lehre für den Proletarier folgt, Geschichte machen, wenn das auch mehr oder weniger Kautskyisch oder mehr Leninisch oder Trotzkiüsch dargestellt werden kann, was verschiedene Schattierungen sind. Aber es liegt das, was ich gesagt habe mit Bezug auf das eine, was man in seiner richtigen Grundlage erkennt: nämlich alles aufzubauen auf den Brustmenschen, auf den Rhythmusmenschen, es liegt das dem Bewußtsein des modernen Proletariats zugrunde. Es ist etwas, was anders gesehen werden sollte, mit riesiger Kraft gesehen und Tat geworden. Und es gibt keine andere Heilung, als die Sache zu durchschauen; es gibt keine andere Heilung, nachdem die bürgerliche Bildung mit all ihrem Universitätswesen versäumt hat, in diese Dinge hineinzuleuchten, da sie gar nicht einmal die wissenschaftlichen Methoden hat, um hineinzuleuchten, es gibt keine andere Möglichkeit als: ein Provisorium zu schaffen, daß die wirtschaftliche Kontinuität nicht verloren gehe, und für Aufklärung von unten auf zu wirken. Von da muß ausgegangen werden. Aufklärung von unten auf kann nur geschehen, indem man wirklich wiederum die Erkenntnis des dreigliedrigen Menschen in den Menschen der Gegenwart hineinbringt.

[ 23 ] These are the things that are of extraordinary importance: that it has been, so to speak, drummed into the proletarian that his inhuman existence does not depend on the morality or immorality of the business class, but rather that this is a historical necessity, and that this, too, must inevitably lead to class struggle; that is to say, there is no other way but for those belonging to the proletarian class to fight those belonging to the owning class, for they are adversaries by virtue of the historical process itself. Therefore, it cannot happen any other way than that, through the powerful social struggle of the proletariat, a different order will emerge than the one brought about by the last four centuries or by historical development to date. What the proletarian wants is of such infinite importance: it is to make history, to make history out of ideas, by saying to himself: Since modern economic development has led to a situation where only commodities are paid for—meaning that I, as a proletarian, must sell my labor power as a commodity, while others possess something that does not derive from the commodity of labor power but stems from surplus value—I myself want to share in that surplus value; I do not want to abolish the entrepreneur — for the entrepreneur is a product of the necessary historical process — but rather I want to become an entrepreneur myself; I want, as a proletarian and as a partner, to take communist possession of the means of production; then, as a partner, I myself am an entrepreneur. Only in this way can the class struggle come to an end—when I no longer have the entrepreneur standing beside me, but am an entrepreneur myself. —Advancing to the next historical phase: that is what follows for the proletarian from Marxist doctrine—making history, even if this can be portrayed in a more or less Kautskyite, Leninist, or Trotskyist manner, which are different shades of the same concept. But what I have said with regard to the one thing that is recognized in its true foundation—namely, building everything upon the human being of the heart, upon the human being of rhythm—lies at the root of the consciousness of the modern proletariat. It is something that should be viewed differently, viewed with immense power and turned into action. And there is no other remedy than to see through the matter; there is no other remedy, now that bourgeois education, with its entire university system, has failed to shed light on these things—since it does not even possess the scientific methods to do so—there is no other option but to create a provisional arrangement so that economic continuity is not lost, and to work toward enlightenment from the bottom up. That is where we must begin. Enlightenment from the bottom up can only take place by truly reintroducing the understanding of the threefold human being into the people of the present.

[ 24 ] Aber selbstverständlich, wenn Sie heute zu dem modernen Proletarier so sprechen, wie ich jetzt zu Ihnen nach achtzehnjähriger Vorbereitung spreche, dann werden Sie von ihm nicht verstanden, sondern ausgelacht werden. Sie müssen zu ihm in seiner Sprache sprechen. Dazu müssen Sie natürlich zunächst selber die Dinge beherrschen und dann den guten Willen haben, auf die Sprache, die dort verstanden wird, einzugehen. Sehen Sie, diese Mehrwertslehre, die ist so, daß sie wirklich, ich möchte sagen, mit geschlossener Hegelscher Dialektik aufgebaut ist. Das Kuriose dabei ist: Als Karl Marx in den achtziger Jahren starb, 1883 starb, da waren die bürgerlichen Nationalökonomen, wie sie sich später nannten, Sozialwissenschafter und so weiter, sehr geneigt zu sagen: Nun, sozialistischer Agitator — hat keinen wissenschaftlichen Wert; wissenschaftlicher Sozialist! — Man sagt das gewöhnlich mit einem gewissen buttrigen Mund, mit dem buttrigen Munde des Fachmenschen, der die Dinge beherrscht. Nun ja, das war dazumal so. Aber diese bürgerliche Wissenschaft hat es nicht dazu gebracht, die Dinge zu vertiefen, höchstens Leute wie Sombart und ähnliche Menschen, sie haben einiges aufgenommen, sie haben sich anstecken lassen. Das eigentliche bürgerliche Publikum, das ging ja vorbei an dem Fühlen und Denken des Proletariats, ließ es sich höchstens in Theaterstücken vorführen, wie ich Ihnen sagte. Aber die Universitätsprofessoren, die selber unfruchtbar sind, die haben einiges angenommen und dann wieder in Bausch und Bogen herübergenommen. Und so finden Sie wiederum in vielen Büchern, die von Universitätsprofessoren herrühren, auch allerlei marxistische Ideen, verballhornt, manchmal kritisiert, aber alles unfruchtbar, weil die Dinge nicht durchschaut werden, weil man vor allen Dingen nicht den Willen hatte, eine wirkliche Erkenntnis, ein wirkliches Verständnis für den dreigliedrigen Menschen hervorzurufen. Würde man dieses Verständnis haben, dann würde man auf das Fundamentale kommen, welches notwendig ist zu verstehen, und was ich Ihnen nur andeuten kann, wovon aber ein Verständnis hervorgerufen werden muß. Denn erst, wenn dieses fundamentale Verständnis in bezug auf zwei Punkte einsetzt, wird auf der einen Seite das Grandiose der Mehrwertstheorie des Karl Marx und der Proletarier erscheinen, aber man wird dann auch erst sehen, wo die Korrektur einzugreifen hat, wo dasjenige einzugreifen hat, was auf eine Wirklichkeit, nicht wiederum auf marxistische Illusion geht. Aber dafür ist noch schwer Verständnis zu finden.

[ 24 ] But of course, if you speak to the modern proletarian today the way I am speaking to you now, after eighteen years of preparation, he will not understand you—he will simply laugh at you. You must speak to him in his own language. To do that, of course, you must first master the subject matter yourself and then have the willingness to adapt to the language that is understood there. You see, this theory of surplus value is structured—I would say—according to a closed Hegelian dialectic. The curious thing about this is: When Karl Marx died in the 1880s—in 1883—the bourgeois economists, as they later called themselves, social scientists, and so on, were very inclined to say: “Well, a socialist agitator—has no scientific value; a scientific socialist!” — One usually says that with a certain smug tone, with the smug tone of the expert who has things under control. Well, that’s how it was back then. But this bourgeois science never managed to delve deeper into things; at most, people like Sombart and others like him took some ideas on board—they let themselves be influenced. The actual bourgeois public, which, after all, remained oblivious to the feelings and thoughts of the proletariat, allowed itself to be exposed to them at most in plays, as I told you. But the university professors, who are themselves unproductive, have adopted some ideas and then regurgitated them wholesale. And so, in turn, you find in many books written by university professors all sorts of Marxist ideas—distorted, sometimes criticized—but all of it unproductive, because the issues are not truly grasped, and above all because there was no will to bring about a genuine insight, a genuine understanding of the threefold human being. If one had this understanding, one would arrive at the fundamental principles that are necessary to grasp—principles I can only hint at to you, but an understanding of which must be brought about. For only when this fundamental understanding takes hold with regard to two points will, on the one hand, the grandeur of Karl Marx’s theory of surplus value and that of the proletariat become apparent; but only then will one also see where the correction must be made—where that which is grounded in reality, and not once again in Marxist illusion, must come into play. But it is still difficult to find understanding for this.

[ 25 ] Es gibt ja die verschiedensten Ableger — wenn sie auch manchmal Gegner sind — der modernen proletarischen Gesinnung. So ein Ableger von einer ganz anderen Couleur — verzeihen Sie den Ausdruck —, der trat mir in den neunziger Jahren in Berlin in der Person des Adolf Damaschke, in der Bodenreform entgegen. Dieser Adolf Damaschke hatte ja Anhänger, und eine Anzahl von Anhängern waren zu gleicher Zeit unsere Mitglieder, Mitglieder der Theosophischen Gesellschaft. Die hatten das Bedürfnis, daß ich einmal mit diesem Damaschke in eine Art von Diskussion vor ihnen kam. Es waren Anhänger von uns, die zu gleicher Zeit eine Gruppe von Bodenreformern gebildet haben, und Damaschke sollte nun vortragen, was er über das eine oder andere dachte. Ich hatte dann, nachdem Damaschke seine Ansichten vorgebracht hatte, gesagt: Sehen Sie, die Sache verhält sich folgendermaßen. Dasjenige, was Sie ausführten, wird ganz gewiß die Menschen bestricken, denn es ist mit einer gewissen volkswirtschaftlichen Klarheit — Wasserklarheit, das habe ich nicht gesagt, aber gedacht — vorgebracht, es leuchtet manchmal ein, auf dem Wege, den ich gestern angedeutet habe. Sie wollen zwar nicht die Produktionsmittel, wie dieSozialdemokratie, wollen aber den Boden, und zwar den Boden, auf dem Häuser stehen, also den gesamten Boden gewissermaßen kommunistisch verstaatlichen, Gemeinsamkeit im Bodenbesitz hervorrufen, um dadurch eine Lösung der sozialen Frage hervorzurufen. Es ist alles teilweise richtig, was Sie entwickelt haben, nur an einem Kapitalfehler, der Ihnen natürlich entgehen muß, wenn Sie bloß theoretisch, nicht wirklichkeitsgemäß verfahren, an einem Fehler leidet das Ganze. Es ist nicht richtig, was Sie sagen, aber es wäre unter einer gewissen Voraussetzung richtig. Könnte man zum Beispiel, wenn in einer Stadt zwei Häuser aneinandergrenzen und ein drittes Haus gebaut werden sollte, da, wo die zwei Häuser aneinandergrenzen, den Boden elastisch ausdehnen, so daß das eine Haus da steht und das andere Haus da, und dazwischen würde man für das dritte Haus Platz schaffen — wenn der Boden elastisch wäre, dann wäre alles richtig. Da aber die Erde eine bestimmte Fläche hat und nicht elastisch ist, nicht wächst, so ist die ganze Bodenreformtheorie in Wahrheit falsch.

[ 25 ] There are, of course, all sorts of offshoots—even if they are sometimes opponents—of the modern proletarian mindset. One such offshoot of a completely different stripe—if you’ll pardon the expression—came my way in Berlin in the 1890s in the person of Adolf Damaschke, in connection with land reform. This Adolf Damaschke did, of course, have followers, and a number of them were at the same time our members—members of the Theosophical Society. They felt it necessary for me to engage in a sort of discussion with this Damaschke in their presence. They were our followers who had at the same time formed a group of land reformers, and Damaschke was now to present his views on one thing or another. After Damaschke had presented his views, I then said: “Look, the situation is as follows. What you have outlined will certainly captivate people, for it is presented with a certain economic clarity—crystal clear, though I didn’t say that, but I thought it—and it sometimes makes sense, in the way I hinted at yesterday.” You do not, like the Social Democrats, want to nationalize the means of production, but you do want to nationalize the land—specifically, the land on which houses stand—that is, to nationalize all land in a sense in a communist manner, to establish common ownership of land, and thereby bring about a solution to the social question. Everything you’ve outlined is partly correct, but the whole argument suffers from a fundamental flaw—one that you’re bound to overlook, of course, if you proceed purely theoretically rather than in accordance with reality. What you say isn’t correct, but it would be correct under certain conditions. For example, if in a city two houses were adjacent to one another and a third house were to be built, and if the land where the two houses meet could be elastically expanded so that one house stood here and the other there, and space were created in between for the third house—if the land were elastic, then everything would be correct. But since the earth has a fixed area and is not elastic—it does not grow—the entire theory of land reform is, in truth, false.

[ 26 ] Das ist von dieser Seite her der allergewichtigste Einwand. Ich kann ihn nur skizzenhaft andeuten. Damaschke hat mir dazumal gesagt, das sei ihm noch nie aufgefallen, aber er hat mir versprochen, er würde tief nachdenken über die Sache. Ich habe nichts weiter gehört, ich weiß nicht, wie tief er nachgedacht hat. In seinen folgenden Schriften war nichts davon zu bemerken, Er hat fortgewurstelt in der alten Weise und hat alle seine Bodenreformideen doch in dieser Richtung weitergeführt. Es kamen immer wieder Leute, die sagten: Ja, die sozialdemokratische Idee geht nicht, aber Bodenreform, das ist doch etwas, was sicherlich verwirklicht werden kann.

[ 26 ] From this perspective, that is the most weighty objection of all. I can only sketch it out briefly. Damaschke told me at the time that it had never occurred to him, but he promised me he would think deeply about the matter. I haven’t heard anything further; I don’t know how deeply he reflected on it. There was no sign of it in his subsequent writings. He muddled on in the old way and continued to pursue all his ideas on land reform in this direction after all. Time and again, people would come along and say: “Yes, the Social Democratic idea won’t work, but land reform—that’s something that can certainly be realized.”

[ 27 ] Da ist der eine Pol, der studiert werden muß in seinem weiteren Umfange; denn die Sozialdemokratie betrachtet auch den Grund und Boden als Produktionsmittel. Das wäre er nur, wenn er elastisch wäre. Diejenigen Produktionsmittel, die in elastischer Weise, was man eben nicht berücksichtigt, wirklich so betrachtet werden können, wie sie im Marxismus betrachtet werden, das sind die Produktionsmittel, die man auch im Bedarfsfalle erzeugen, also hervorrufen kann. Sie können, wenn Sie Maschinen brauchen, sie herstellen, um das oder jenes zu erzeugen, und wenn Sie mehr Maschinen erzeugen wollen, so können Sie mehr Arbeiter hinstellen; da ist die Elastizität vorhanden. In dem Augenblicke, wo man dieselbe Denkweise — und auf die Denkweise kommt es an — auf den Grund und Boden anwendet, scheitert es an der Unelastizität des Bodens.

[ 27 ] There is one aspect that must be studied in greater depth; for social democracy also regards land as a means of production. It would be so only if it were elastic. Those means of production that—in an elastic manner, which is precisely what is not taken into account—can truly be regarded as they are in Marxism are the means of production that can also be produced, that is, brought into being, when needed. If you need machines, you can manufacture them to produce this or that, and if you want to produce more machines, you can employ more workers; that is where the flexibility lies. The moment one applies the same line of reasoning—and it is the line of reasoning that matters—to land, the approach fails due to the inflexibility of land.

[ 28 ] Das ist das eine, wo man einsetzen muß. Das andere, wo man einsetzen muß, ist, daß notwendigerweise das soziale marxistische Denken scheitern muß daran, daß es ganz aus dem wirtschaftlichen Prozeß herausgebildet ist und die Produktionsmittel, die es also kommunistisch verwalten will, im wirtschaftlichen Prozeß nur so denkt, wie sie als reelle Produktionsmittel, als Produktionsmittel für die Handarbeit, sind. Dadurch wird ausgeschaltet die unendliche wichtige Stellung, welche das Geistige im ganzen Entwickelungsprozeß, auch im sozialen Prozeß der Menschheit hat. Denn das Geistige hat die Eigentümlichkeit, ein Minimum von Produktionsmitteln zu haben. Eigentliches Produktionsmittel zum Beispiel für mich ist ja nur die Feder. Man kann nicht einmal sagen, daß das Papier Produktionsmittel ist, denn das ist Zirkulationsobjekt. Eigentliches Produktionsmittel ist nur die Feder im marxistischen Sinne. Dadurch aber muß notwendigerweise der ganze Impuls, der vom Geistigen ausgehen muß, und der lahmgelegt würde, wenn die Welt sozial marxistisch angeordnet würde, dieser geistige Prozeß muß durch das marxistische Denken ausgeschaltet werden. Das ist der andere Pol.

[ 28 ] That is one area where we must take action. The other area where one must focus is that Marxist social thought is bound to fail because it is derived entirely from the economic process and conceives of the means of production—which it thus seeks to manage communistically—within the economic process solely as they are in reality: as means of production for manual labor. This excludes the infinitely important role that the spiritual plays in the entire process of development, including in the social process of humanity. For the spiritual has the peculiarity of requiring a minimum of means of production. For me, for example, the only actual means of production is the pen. One cannot even say that paper is a means of production, for it is an object of circulation. The only true means of production, in the Marxist sense, is the pen. Consequently, however, the entire impulse that must emanate from the spiritual—and which would be paralyzed if the world were organized according to Marxist social principles—this spiritual process must be eliminated by Marxist thinking. That is the other pole.

[ 29 ] An zwei Polen scheitert die marxistische Denkweise. In der Mitte sitzt sie fest. In der Mitte ist sie dialektisch ungemein scharfsinnig ausgebildet; an zwei Polen scheitert sie. Und sie scheitert im allereminentesten Sinne, radikal scheitert sie an diesen zwei Polen. Zunächst die Mehrwertstheorie. Sie scheitert an der Unelastizität des Bodens. Sie scheitert daran, an der Unelastizität des Bodens, in viel stärkerem Sinne als man denkt. Denn die gesamte Bevölkerungsstatistik kommt auf einem begrenzten Territorium volkswirtschaftlich nicht zu ihrem Rechte, weil der Boden derselbe bleibt, auch wenn zum Beispiel eine Bevölkerungsvermehrung eintritt. Dadurch werden Veränderungen in der Wertskala hervorgerufen, die nicht in Rechnung gezogen werden können bei bloßem marxistischem Denken. Ferner kann nicht, bei bloßem marxistischem Denken, in Rechnung gezogen werden dasjenige, was nun wiederum nicht im wirtschaftlichen Prozeß selbst vermehrt und vermindert werden kann. Merkwürdig, die beiden Dinge stehen an den äußersten Enden des volkswirtschaftlichen Prozesses: dasjenige, was Ihnen als «Grütze» — verzeihen Sie — im Kopfesitzt, und dasjenige, was als Boden daliegt. Was dazwischen ist, das unterliegt eigentlich dem Denken der Produktionsmittel so, wie es das marxistische Denken hat. Aber der Boden, der hängt eben von der Witterung, von allen möglichen anderen Dingen ab, der hängt ab von seiner Ausdehnung — also, wie gesagt, er ist nicht elastisch. Das steht auf dem einen Pol.

[ 29 ] Marxist thinking fails at two extremes. It is stuck in the middle. In the middle, it is dialectically extremely astute; at the two extremes, it fails. And it fails in the most eminent sense; it fails radically at these two extremes. First, the theory of surplus value. It fails because of the inelasticity of the land. It fails because of the inelasticity of the land, to a much greater extent than one might think. For, within a limited territory, the entire population statistic does not come into its own economically, because the land remains the same, even if, for example, the population increases. This brings about changes in the scale of value that cannot be taken into account by mere Marxist thinking. Furthermore, pure Marxist thinking cannot account for that which, in turn, cannot be increased or decreased within the economic process itself. It is curious that these two things lie at the very extremes of the economic process: that which sits in your head as “grit”—pardon me—and that which lies there as soil. What lies in between is actually subject to the concept of the means of production as understood in Marxist thought. But the soil—it depends on the weather, on all sorts of other factors; it depends on its extent—so, as I said, it is not elastic. That is at one pole.

[ 30 ] Ich kann das nur andeuten wie gewissermaßen als Ergebnis. Würde ich Ihnen nun davon sprechen, in allem einzelnen beweisen, daß der Marxismus scheitern muß gerade als Tatsache, weil er an diesen beiden Polen scheitern muß, so würde ich zunächst viel reden müssen. Das könnte schon sein, aber es würde zunächst zu weit führen. Aber man kann es beweisen. Und das ist das Gefährlichste in dem gegenwärtigen sozialen wirtschaftlichen Experimente, daß mit diesen beiden Polen nicht gerechnet wird, daß alles, was aus dem hervorgeht, bloß den industriell gedachten marxistisch-dialektischen Gedankenbildern entspricht und nur mit industriellen Begriffen eben rechnet, mit demjenigen, was unberücksichtigt läßt links und rechts Grund und Boden und dasjenige, worüber ebensowenig Willkür herrschen kann: Begabungen, Einfälle. Bedenken Sie, was alles davon abhängt! Der volkswirtschaftliche Prozeß steht still, wenn Sie nicht den Boden in die richtige soziale Struktur hineinbringen, und wenn Sie nicht dasjenige, was menschliche Erfindungsgabe ist, im weitesten Sinne in die richtige soziale Struktur hereinbringen. Alles steht still. Es kann nur über eine gewisse Zeit hinaus Raubbau getrieben werden an dem, was schon da ist. Es kann Raubbau getrieben werden in bezug auf das, was schon vorhandene volkswirtschaftliche Werte sind. Allein eines Tages wird der Stillstand kommen über dasjenige, was schon da ist, wenn man nicht wirklich real denkt, nicht entfaltet, was ich immer wirklichkeitsgemäßes Denken nenne, wenn man nicht wirklichkeitsgemäß denkt, sondern nur illusorisch denkt, nämlich auch wiederum allein das, was in der Mitte drinnen steht, ins Auge faßt, und nicht das Totale, das volle Totale wieder ins Auge faßt.

[ 30 ] I can only hint at this, as a sort of conclusion. If I were to discuss this with you now and prove, point by point, that Marxism is bound to fail—precisely because it must fail at these two poles—I would first have to say a great deal. That might well be the case, but it would take us too far afield for now. But it can be proven. And that is the most dangerous aspect of the current social and economic experiment: that these two poles are not taken into account, that everything that emerges from it merely corresponds to Marxist-dialectical concepts conceived in industrial terms and relies solely on industrial concepts—concepts that leave out, on both the left and the right, land and property, as well as that which is equally beyond the reach of arbitrariness: talents and ideas. Consider how much depends on this! The economic process comes to a standstill if you do not incorporate land into the proper social structure, and if you do not incorporate human ingenuity—in the broadest sense—into the proper social structure. Everything comes to a standstill. You can only overexploit what already exists for so long. You can overexploit existing economic assets. But one day, stagnation will set in regarding what already exists if one does not think in a truly realistic way, if one does not develop what I always call “realistic thinking,” if one does not think realistically but only illusorily—that is, if one focuses solely on what lies in the middle and fails to take the whole, the complete whole, into account again.

[ 31 ] Daraus aber sehen Sie, daß es vor allen Dingen notwendig ist, Aufklärung zu schaffen. Und ich kann Ihnen die Versicherung geben: Die Funktion von Grund und Boden und die Funktion der geistigen Betätigung, sie ist schwieriger zu verstehen im volkswirtschaftlichen Prozeß als dasjenige, was der Marxismus im wirtschaftlichen Prozeß als Einsicht in schöner und scharfsinniger Weise hineingetragen hat. Aber für das andere ist alles noch zu tun. Gehen Sie hausieren, bei wieviel Menschen Sie heute noch Interesse finden für diese Dinge! Aber es gibt kein Heil in der Zukunft, ohne daß man für diese Dinge Interesse hat. Und richtig studiert können sie nur werden, wenn man die Prinzipien der Geisteswissenschaft hat. Wie heute nur Brücken gebaut werden können, wenn man Mathematiker ist und Mathematik studiert hat, so können soziale Strukturen nur begriffen werden, wenn man die elementaren Begriffe aus der Geisteswissenschaft heraus bildet. Das ist es, was ins Auge gefaßt werden muß. Fassen Sie das nicht ins Auge, daß es vor allen Dingen nötig ist, überall und überall Schulen, Unterrichtsmöglichkeiten zu schaffen, damit dasjenige, was auf diesem Gebiete die Menschen verstehen müssen, um miteinander leben zu können, auch in die Köpfe hineinkomme, dann schaffen Sie mit allem, mit bestem Willen, mit allen möglichen Lenins und Trotzkis und Scheidemanns und allen Näherliegenden, die zu nennen vielleicht hier nicht gestattet ist, nur illusionäre Gebilde, die Raubbau treiben können, die aber nicht reale Gebilde sind. Da ist es besser, man schafft mit dem Bewußtsein, daß es ein Provisorium ist, eine Kontinuität des Wirtschaftslebens, betrachtet das als Provisorium und wirkt vor allen Dingen dahin, daß das bürgerliche Unterrichtswesen verschwindet mit seinem Unverstand.

[ 31 ] But from this you can see that, above all, it is necessary to provide clarification. And I can assure you: the role of land and the role of intellectual activity are more difficult to understand within the economic process than the insights that Marxism has brought to the economic process in such a beautiful and astute manner. But as for the rest, everything still needs to be done. Go out and see how many people today still take an interest in these matters! But there is no hope for the future unless people take an interest in these matters. And they can only be properly studied if one possesses the principles of the spiritual sciences. Just as bridges can be built today only if one is a mathematician and has studied mathematics, so social structures can be understood only if one forms the elementary concepts from the science of the spirit. That is what must be taken into account. Do not fail to realize that it is necessary, above all else, to create schools everywhere and in every place, educational opportunities everywhere and in every place so that what people need to understand in this field in order to live together can actually take root in their minds—then, no matter what you do, no matter how well-intentioned you are, no matter how many Lenins, Trotskys, Scheidemanns, and others of a similar ilk you might invoke (whose names perhaps cannot be mentioned here)—you will create only illusory constructs that can lead to overexploitation but are not real structures. It is better, then, to create—with the awareness that it is a provisional measure—a continuity of economic life, to regard this as a provisional measure, and to work above all toward the disappearance of the bourgeois educational system with its lack of understanding.

[ 32 ] Sie betrachten das vielleicht als etwas, was schwierig ist und was unbequem ist, aber es ist eben eine Notwendigkeit. Man kann nur wollen entweder, daß die Menschheit ins Chaos kommt, oder daß wirklich das geschieht — man kann das nicht als Unbequemlichkeit empfinden —, daß nun wirklich an den richtigen Enden angefangen wird, nämlich zunächst mit der radikalen Aufklärung der Menschen. Da muß eingesetzt werden, das ist es, was verlangt werden muß. Vor allen Dingen muß man dann sich klar sein darüber, daß dadurch, daß ja Karl Marx im Grunde genommen nur das bürgerliche Denken aufgenommen und sehr scharfsinnig dialektisch durchgebildet hat, daß Karl Marx auch über die anderen beiden Gebiete ungenügende Vorstellungen hervorruft. Man kann über die Art, wie der Mensch sich mit anderen Menschen zusammenfindet — das Zusammenfinden geht ja aus dem Interesse, aus dem Gefühl hervor —, man kann ein Verständnis dafür, wie die soziale Struktur in diesem Sinne sich bilden muß, nur gewinnen, wenn man den Nerven- oder Kopfmenschen studiert. Aber den hat ja abgelähmt das Bourgeoistum, das besondersauf den NervenKopfmenschen hin organisiert ist, aber in der Klasse, im Stand ihn gerade abgelähmt hat, so daß eigentlich alle wirklichen, lichtvollen spirituellen Begriffe auf diesem Gebiete verschwunden sind. Nun, sie sind ja eigentlich recht sichtbarlich verschwunden, kann man sagen, sie sind so anschaulich verschwunden: Sie können heute noch Bilder sehen aus dem achtzehnten Jahrhundert — die Gesinnung hat sich ins neunzehnte Jahrhundert, wenn auch in weniger augenfälliger Form, fortgepflanzt —, wo sich die Leute ergötzen daran, wie der Mensch ursprünglich ein geselliges Wesen ist, Bilder: Prinzessinnen, Königinnen, kurz, lauter Leute, die es ja heute schon fast nicht mehr gibt, sie tanzen im Schäferkostüm, ergehen sich in dem, was der ursprüngliche elementare Mensch an Herzlichkeit und Brüderlichkeit im geselligen Leben entwickelt. Man kann sich nichts Verlogeneres denken als alle diese Dinge, die nur im neunzehnten und zwanzigsten Jahrhundert dann andere Formen angenommen haben. Aber die Lüge und Illusion und Phantastik, sie beherrschten so sehr das Denken, daß ja wirklich wie ein Blitzstrahl hineinfällt dasjenige, was von dieser Seite aus, die ich auseinandersetzte, der Mehrwertstheorie, der Marxismus als Ausdruck der Proletarierstimmung geltend machte: Ach was, Wischiwaschi all das Reden von Brüderlichkeit, von Drinnenstehen des Menschen in der Gesellschaft, vom Gehören eines Menschen zum andern; man sehe hin, wie sich herausgebildet hat gerade in bezug auf das industrielle Leben die Geselligkeit, die herrscht zwischen dem Grubenbesitzer und denen, die da in fortgesetzter Arbeit in den Steinkohlenbergwerken drinnen tätig sind und so und soviel arbeiten müssen. Man sehe an das menschlich-gesellige Verhältnis zwischen Unternehmern und Besitzern von Schwefelgruben in Sizilien und denjenigen Menschen, die unten in dieser lebenvernichtenden Arbeit stehen, und deren Mehrwert jene besitzen. — In diese eigentümliche Art, wie Mensch zu Mensch wirkt, wie Mensch den Menschen braucht im menschlichen Leben, da hinein hat Karl Marx wahrhaftig auf eine dem Proletariat verständliche Weise gewirkt. Und das wurde wiederum verstanden, daß das Wirken von Mensch zu Mensch vor allen Dingen wirkt in der Differenzierung in Klassen von Besitzenden und Besitzlosen. Und Programme entstanden mit der Konsequenz: Wenn das anders werden soll, so kann es nur anders werden durch den Kampf der proletarischen Klasse gegen die Bourgeoisie, denn das ist eine Notwendigkeit.

[ 32 ] You may view this as something difficult and inconvenient, but it is simply a necessity. One can only want either for humanity to descend into chaos, or for this to actually happen—one cannot regard this as an inconvenience—namely, that we truly begin at the right ends, starting first with the radical enlightenment of the people. That is where we must begin; that is what must be demanded. Above all, one must then be clear about the fact that, since Karl Marx essentially only took up bourgeois thinking and developed it very astutely through dialectics, Karl Marx also gives rise to inadequate conceptions regarding the other two areas. One can, with regard to the way in which people come together with one another—this coming together arises, after all, from interest and from feeling— one can only gain an understanding of how social structure must form in this sense by studying the nervous or intellectual type. But bourgeois society—which is organized specifically around the nervous-intellectual type—has, within that very class and social stratum, numbed this type, so that virtually all genuine, enlightened spiritual concepts in this area have vanished. Well, they have in fact quite visibly disappeared; one might say they have disappeared so strikingly: You can still see paintings today from the eighteenth century—the spirit has carried over into the nineteenth century, albeit in a less conspicuous form—in which people delight in how human beings are, by nature, social beings: princesses, queens—in short, all sorts of people who hardly exist anymore—dancing in shepherds’ costumes, reveling in the warmth and brotherhood that the original, elemental human being developed in social life. One cannot imagine anything more hypocritical than all these things, which merely took on different forms in the nineteenth and twentieth centuries. But the lies, illusions, and fantasies dominated thought to such an extent that what Marxism—as an expression of the proletarian spirit—advocated from this perspective, which I have analyzed, namely the theory of surplus value, truly strikes like a bolt of lightning: Oh, come on—all that wishy-washy talk of brotherhood, of people’s place within society, of one person belonging to another; just look at how, particularly in relation to industrial life, the “sociality” that prevails between the mine owner and those who toil ceaselessly inside the coal mines—and who are forced to work so hard and for so long—has taken shape. Just look at the human and social relationship between the entrepreneurs and owners of sulfur mines in Sicily and the people who are down there engaged in this life-destroying labor, whose surplus value is appropriated by those owners. — It was precisely within this peculiar way in which people interact with one another—how people need one another in human life—that Karl Marx truly made an impact in a way that the proletariat could understand. And it was further understood that this human-to-human interaction manifests itself above all in the division into classes of the haves and the have-nots. Consequently, programs emerged with the conclusion: If this is to change, it can only change through the struggle of the proletarian class against the bourgeoisie, for that is a necessity.

[ 33 ] Selbstverständlich wird es viele geben, die Grubenbesitzer sind, und wenn ihnen einmal im 'ITheater vorgeführt werden die Leiden der Grubenarbeiter, dann wird ihr Herz voll Mitleid, voller Mitgefühl, vielleicht füllt sich sogar das Auge mit Tränen. Aber das ist ja alles nichts wert, sagt der Proletarier, denn den Leuten hilft nichts dieses Mitleid; sie können ja nicht anders, sie sind ja persönlich, individuell gar nicht Schuld daran. Der Mensch ist ja nicht ein individuelles Wesen, der Mensch ist durch die historische Notwendigkeit in eine gewisse Vergesellschaftung — nicht Geselligkeit, wie die idealistischen Vorstellungen des achtzehnten Jahrhunderts waren, sondern in eine Vergesellschaftung, die nicht anders werden kann als durch einen Kampf, hineingestellt. Das Einsehen dieser Sache ist eine Notwendigkeit. Es ist gar nicht von persönlicher Verantwortlichkeit zu reden, denn es ist Notwendigkeit, einen historischen Prozeß zu fördern. — Das ist dasjenige, was Karl Marx seinen Proletariern eingebleut hat und was man im Bourgeoistum so wenig verstanden hat.

[ 33 ] Of course, there will be many who are mine owners, and when the sufferings of the miners are once presented to them in the theater, their hearts will be filled with pity, with compassion—perhaps even their eyes will fill with tears. But that’s all for nothing, says the proletarian, because this pity doesn’t help the people; after all, they can’t help it—they aren’t personally, individually to blame for it. Human beings are not individual entities; through historical necessity, they are placed within a certain form of socialization—not “sociability,” as the idealistic notions of the eighteenth century would have it, but a form of socialization that can only come about through struggle. Understanding this is a necessity. There is no question of personal responsibility, for it is a necessity to promote a historical process.—This is what Karl Marx drummed into his proletarians and what the bourgeoisie has so little understood.

[ 34 ] Und das dritte war die materialistische Geschichtswissenschaft. Wir können aber vorher noch fragen, bevor wir diesen dritten Punkt ins Auge fassen: Worauf kommt es an, wenn man die Vergesellschaftung verstehen will? — Denn Karl Marx hat eben nicht begriffen, was der Mensch ist als Nerven- und Sinneswesen: daß er eine Individualität ist, daß er mehr ist, als jede Gesellschaft ihm geben kann, als Individualität. Das ist dasjenige, was ich entgegenhalten mußte in meiner «Philosophie der Freiheit», die den Grundnerv der sozialen Frage gerade in diesem Punkt berührt; das ist wiederum dasjenige, was ebenso der Vergesellschaftungslehre bei Karl Marx, wo das Individuum vollständig verschwindet, entgegengehalten werden muß, wie entgegengehalten werden muß die Funktion des Grundes und Bodens und der geistigen Arbeit der Vergesellschaftung der Produktionsmittel. Denn wiederum kann man zeigen, daß aller sozialer Prozeß stillstehen muß, wenn ihm nicht die Quellen zufließen, die aus der menschlichen Individualität kommen.

[ 34 ] And the third was materialist historical science. But before we turn our attention to this third point, we can ask: What is essential if one wants to understand socialization? — For Karl Marx simply did not grasp what a human being is as a nervous and sensory being: that he is an individual, that he is more than any society can give him as an individual. This is precisely what I had to counter in my *Philosophy of Freedom*, which touches on the very heart of the social question in this very point; this, in turn, is precisely what must be held against Karl Marx’s theory of socialization—where the individual disappears entirely—just as the role of land and soil and of intellectual labor must be held against the socialization of the means of production. For, once again, it can be shown that every social process must come to a standstill if it is not fed by the sources that spring from human individuality.

[ 35 ] Das ist wichtig, das aber wird wiederum nur möglich sein, wenn man eben diesen Quell menschlicher Impulse, menschliches Sinnes- und Nervenwesen kennt. Wiederum ist notwendig, daß man an der Gesellschaftsarbeit beginnt. Man kann erst aus den anderen Gedanken folgern dasjenige, was Tatsache ist. Karl Marx hat aus einem schönen Instinkt heraus das wunderbare Wort geprägt: Die Philosophen haben bisher nur die Tatsachen verschieden interpretiert; wir aber wollen Tatsachen schaffen, die Tatsachen verändern. — Und die Tatsachen wollte er verändern aus seinen Gedanken, wollte Gedanken schaffen, die Tatsachen werden können, hat es auch erreicht; aber er hat nur erreicht, daß eben das Proletariat selbst, die Denkweise, die Empfindungsweise des Proletariats da ist. Aber was lebt in ihm? Die Gedankenableger des Bourgeoistums leben im Proletariat, die Erbschaft der Gedanken des Bourgeoistums. Das ist es, was der Proletarier vor allen Dingen begreifen muß, daß er nicht weiterkommen kann auf seinem Wege mit seinen Forderungen ohne eine wirkliche geisteswissenschaftliche Erkenntnis des Menschen, und daß ihm diese nie zukommen kann, wenn er beibehält die bourgeoise Wissenschaft. Er wird verstehen, wenn man ihn in der richtigen Weise aufklärt und die Möglichkeit hat, ihn in der richtigen Weise aufzuklären. Diese Möglichkeitmuß geschaffen werden.

[ 35 ] This is important, but it, in turn, will only be possible if one understands this very source of human impulses—the human sensory and nervous system. Once again, it is necessary to begin with social work. Only from these other ideas can one deduce what is fact. Karl Marx, guided by a fine instinct, coined the wonderful phrase: “Philosophers have hitherto only interpreted the facts in various ways; we, however, want to create facts, to change facts.” — And he wanted to change the facts through his thoughts; he wanted to create thoughts that could become facts, and he did achieve this; but all he achieved was that the proletariat itself—the proletariat’s way of thinking and feeling—exists. But what lives within it? The intellectual offshoots of bourgeoisie live within the proletariat—the legacy of bourgeois thought. This is what the proletarian must understand above all else: that he cannot advance on his path with his demands without a genuine, humanistic understanding of humanity, and that he can never attain this if he clings to bourgeois science. He will understand if he is enlightened in the right way—and if there is an opportunity to enlighten him in the right way. This opportunity must be created.

[ 36 ] Und endlich das dritte, das ist, daß man einsieht, inwiefern der Mensch das Wesen ist, das er ist aus seinem Stoffwechselprozeß heraus, der gerade mit seinem Geistigsten zusammenhängt. Da ergibt sich eine wirkliche Geschichtsauffassung. Weil aber Karl Marx von dem dreigliedrigen Menschen gar keine Ahnung hatte, weil der vergessen worden ist, so wurde eben die Geschichtsauffassung eine bloße materialistische Geschichtsauffassung. Er erkannte richtig, daß wichtiger ist als das, was die Menschen sich vormachen als ihre Illusionen, das, was sie in sich tragen als ihre Instinkte. Das kommt von den Klassen her. Er sagte den Leuten: Seht ihn an, den Bourgeois! Verurteilt ihn doch nicht, er ist doch wahrhaftig nicht, weil er etwas dafür kann, so geworden, sondern im historischen Prozeß hat sich halt die Klasse der Bourgeoisie gebildet; dadurch lebt er in einer ganz gewissen Weise in seiner Klasse drinnen. Dieses Leben in seiner Klasse erzeugt die Richtung seiner Gedanken. Bei euch werden andere Gedanken erzeugt. Ihr könnt nichts für eure Gedanken, er kann nichts für seine Gedanken, denn das alles kommt aus dem Unterbewußten heraus, nämlich aus der Klassenstruktur, aus der sozialen Struktur. Beurteilt die Sache nicht moralisch, sondern seht die Notwendigkeit ein, daß er gar nicht anders kann als euch unterdrücken, daß er gar nicht anders kann als euer Gegner sein. Daher werdet sein Gegner. Schafft euch dasjenige, was notwendig ist, durch den Klassenkampf.

[ 36 ] And finally, the third point is that one must recognize the extent to which human beings are the beings they are precisely because of their metabolic processes, which are intimately connected with their most spiritual aspects. This gives rise to a genuine conception of history. But because Karl Marx had no concept whatsoever of the threefold human being—because this had been forgotten—his conception of history became a purely materialistic one. He correctly recognized that what people carry within themselves as their instincts is more important than what they delude themselves into believing—their illusions. This stems from the classes. He told the people: Look at him, the bourgeois! Don’t condemn him; after all, he truly didn’t become that way through any fault of his own, but rather the bourgeoisie as a class simply emerged through the historical process; as a result, he lives, in a very specific way, within his class. This life within his class shapes the direction of his thoughts. Different thoughts are generated within you. You can’t help your thoughts, and he can’t help his—because all of this comes from the subconscious, namely from the class structure, from the social structure. Don’t judge the matter morally, but recognize the necessity that he has no choice but to oppress you, that he has no choice but to be your opponent. Therefore, become his opponent. Achieve what is necessary through the class struggle.

[ 37 ] Alle drei Punkte gipfeln zuletzt in dem Klassenkampf, der hingestellt wurde als die große Forderung der neuen Zeit. Karl Marx knüpfte in echt Hegelscher Weise an die Dialektik an. Er sagte: Wir wollen als Proletarier gar nichts, was wir erfinden, sondern was uns die Entwickelung selber lehrt; wir wollen bloß das Rad etwas ins Rollen bringen, daß es bewußt weiterrollt. All das, was wir wollen, würde schon von selber kommen, indem sich das Unternehmertum immer mehr und mehr in Gesellschaften, in Trusts und so weiter zusammentut. Indem es die staatlichen Impulse in seinen Dienst stellt, sorgt das Unternehmertum schon dafür, daß es sich immer mehr und mehr als eine Klasse absondert von der Klasse des Proletariats, daß die Besitzenden und Besitzlosen immer schroffer einander gegenüberstehen, aber so, daß das alles immer mehr und mehr uniformiert wird, daß immer weniger einzelne Besitzende da sind, sondern immer größere Gesellschaften von Besitzenden, die notwendigerweise auch gerade in dieser Weise vom Proletariat hervorgerufen würden, Der Besitz organisiert sich. — Kampfstimmung war vor allen Dingen das, was im Proletariat aufdämmerte aus der marxistischen Dialektik, aus der marxzistischen Wissenschaft. Und diese Kampfstimmung lebte seit Jahrzehnten in dem Gegensatze zwischen dem Proletariat, das über alle nationalen, über alle sonstigen Grenzen hin sich bloß als Proletariat fühlte, und zwischen dem Unternehmertum, das sich immer mehr und mehr auch vergesellschaftete und endlich auswuchs in den Imperialismus. So daß nach und nach das moderne Leben die alte politische Form immer mehr und mehr verlor und dasjenige, wovon man konfuserweise sich noch die Illusion machte, daß es alte Staatsgebilde seien, zu den neuen Imperialismen wurde, die eigentlich nichts anderes sind als die Verkörperung desjenigen, was dem Proletariat gegenübersteht als das Unternehmertum. Und im eminentesten Sinne gehört zu solchen Imperialismen dasjenige, was sich einbildet, ein altes politisches Gebilde zu sein, was aber nach und nach ganz und gar nur eine Unternehmerveranstaltung geworden ist: das Britische Reich; dazu gehören die Vereinigten Staaten. Sie können das in den älteren Schriften und Vorträgen von Wilson nachlesen, der ja das alles bewiesen hat, daß es so ist in Wirklichkeit, denn in diesem Gebiete, in bezug auf das Sehen in diesem Gebiete — ich habe es ja schon von anderer Seite gezeigt — ist Woodrow Wilson wirklich ein einsichtiger Mann.

[ 37 ] All three points ultimately culminate in the class struggle, which was presented as the great demand of the new era. Karl Marx took up the dialectic in a truly Hegelian manner. He said: As proletarians, we want nothing that we invent ourselves, but rather what development itself teaches us; we merely want to set the wheel in motion so that it continues to roll of its own accord. Everything we want would come about on its own as entrepreneurship increasingly consolidates into corporations, trusts, and so on. By harnessing state initiatives to its own ends, entrepreneurship is already ensuring that it increasingly separates itself as a class from the proletariat, that the haves and the have-nots stand in ever sharper opposition to one another, but in such a way that everything becomes increasingly standardized, so that there are fewer and fewer individual property owners, but rather ever larger corporations of property owners, which would necessarily be brought about by the proletariat in precisely this manner. Property is organizing itself. — A spirit of struggle was, above all, what dawned upon the proletariat from Marxist dialectics, from Marxist science. And this spirit of struggle had been alive for decades in the contrast between the proletariat—which, transcending all national and other boundaries, saw itself simply as the proletariat—and the business class, which became increasingly socialized and ultimately grew into imperialism. Thus, little by little, modern life shed the old political forms more and more, and what people still confusedly imagined to be old state structures became the new imperialisms, which are in fact nothing other than the embodiment of that which stands opposed to the proletariat as the capitalist class. And in the most eminent sense, among such imperialisms is that which imagines itself to be an old political entity, but which has gradually become nothing more than a capitalist enterprise: the British Empire; the United States also belongs to this category. You can read about this in Wilson’s earlier writings and lectures; he, after all, proved that this is indeed the case in reality, for in this area—in terms of insight into this area—as I have already demonstrated from another perspective—Woodrow Wilson is truly a man of insight.

[ 38 ] Also das ist es, was, man könnte sagen, eigentlich zugrunde liegt diesem Kriege, sogenannten Kriege; das ist es, was lauerte, und was sich maskiert hat in dem sogenannten Gegensatze der Zentralmächte und der Entente. Das hat sich seit Jahrzehnten herausgebildet. Das mußte zum Ausdruck kommen in irgendeiner Weise und wird weiter zum Ausdruck kommen. Immer mehr und mehr wird der Kampf die Form annehmen, in irgendeiner Maske den Gegensatz, der sich in dem Unternehmertum und dem Millionen-Proletariat vorgebildet hat, zum Ausdruck zu bringen. Staat heißen in dem Sinne, wie die westlichen Staaten Staaten bleiben wollen, Staat heißen wird man nur können, wenn man in irgendeiner Weise den Staat benützt als Rahmen für Unternehmerbestrebungen, Kapitalistenbestrebungen; und Gegner, Gegnerschaft wird sich herausbilden da, wo das Bewußtsein des Proletariats überwiegt. Das gloste, wenn ich mich des Ausdrucks bedienen darf, gloste, glimmte, sengte — was nicht ganz glimmt, das glost —, glomm unter dem, was sich als eine große Lüge, als die Lüge des sogenannten Weltkriegs über die Welt hin erstreckte; das benützte all dasjenige, was nun phrasenhaft hineinklang von «Freiheit der Nationen, Selbstbestimmungsrecht jeder Nation». «Freiheit der Nationen» klingt ja schöner, als wenn man sagt: Wir brauchen im Osten von Europa ein Absatzgebiet, denn wo Produktion ist, muß Konsumtion sein. — Man sagt es vielleicht nur dann, wenn man einer ganz geheimen Loge angehört, die von den hinteren Machtgefilden aus die ganze Situation beherrscht. An der Außenseite verbrämt man die ganze Sache mit schönklingenden Phrasen, putzt sie dadurch auf, daß man möglichst Worte prägt, über die sich die Leute entrüsten können, von allen möglichen ungeheuerlichen Taten und so weiter. Dasjenige aber, was als Wahrheit hinter den Dingen ist, das wird sich den Menschen schon zeigen; das wird sich eben zeigen, daß herausspringt aus der Summe von Unwahrhaftigkeit dasjenige, was dahintersitzt und was nur geheilt werden kann durch ein so tiefes Verständnis der Wirklichkeit, wie es einzig und allein der Geisteswissenschaft möglich sein kann.

[ 38 ] So that is what, one might say, actually underlies this war—this so-called war; that is what lay in wait, and what masked itself in the so-called opposition between the Central Powers and the Entente. This has been developing for decades. It had to find expression in some way and will continue to do so. More and more, the struggle will take the form of expressing—under some guise—the opposition that has already taken shape between the business class and the millions of the proletariat. To be a “state”—in the sense that the Western states wish to remain states—will only be possible if the state is used in some way as a framework for entrepreneurial and capitalist endeavors; and opposition will emerge wherever the consciousness of the proletariat prevails. It smoldered—if I may use the expression—it smoldered, it glowed, it scorched—what does not quite glow, that smolders—it smoldered beneath what spread across the world as a great lie, as the lie of the so-called World War; that exploited all the rhetoric that was now being bandied about regarding “freedom of nations, the right of every nation to self-determination.” “Freedom of nations” certainly sounds nicer than saying: We need a market in Eastern Europe, for where there is production, there must be consumption. — Perhaps one says this only if one belongs to a completely secret lodge that controls the entire situation from the hidden corridors of power. On the surface, the whole affair is embellished with fine-sounding phrases; it is dressed up by coining words—as much as possible—that people can take offense at, referring to all sorts of monstrous deeds and so on. But the truth that lies behind these things will reveal itself to people; it will become clear that what emerges from the sum of all this untruth is what lies behind it—and that this can only be healed through such a deep understanding of reality as is possible solely through spiritual science.

[ 39 ] Denn dasjenige, was sich in der alten Art, sei es bewußt oder unbewußt, organisiert hat und was sich aus dem Geistigen heraus in neuer Art organisiert, das nimmt ja in einer eigentümlichen Weise an dem Prozeß teil. Wir leben im Zeitalter der Bewußtseinsseele. Durch die Bewußtseinsseele wird vorzugsweise in alledem, was sich als Britische Reichsgemeinschaft in der englischsprechenden Bevölkerung zusammenschließt, gewirkt. Sie wissen, ich habe das zu anderer Zeit ausführlich entwickelt; das ist also das hauptsächlich Zeitgemäße. Aber dieses Zeitgemäße, das muß sich kleiden eigentlich in Unternehmertum, in Imperialismus. Das muß Weltherrschaft werden in bezug auf das äußere Materielle. Wird das nun mit solchen Mitteln geführt, wie ich sie auch auseinandergesetzt habe hier in den Weihnachtsvorträgen 1916, dann muß eben das herauskommen, was bisher herausgekommen ist, was weiterhin herauskommen wird. Das ist es, was trotzdem der eigentliche treibende Motor ist hinter den Kulissen der Geschichte, das andere ist etwas, wovon man gut reden kann. Aber die Ausbreitung der Weltherrschaft, und zwar der materialistischen, der materiellen Weltherrschaft, das ist es, was — von der einen Seite wird es gefördert, von der anderen Seite bäumen sich die Leute dagegen auf — da eigentlich läuft. Alles andere sind Bekleidungsstücke. Denn dasjenige, was sich in einer anderen Ordnung gebildet hat, was weniger zeitgemäß sich in den Entwickelungsprozeß der Menschheit hineinstellt, das muß auch in anderer Weise seine Entwickelung finden. So kommt es, daß das romanische Element, als dessen vorzüglichste Träger, wenn wir vom Spanischen, das korrupt ist, absehen, wir das Italienische und das Französische sehen, das romanische Element, welches aus ganz anderen Voraussetzungen, durch Erbschaft aus der früheren Kulturperiode, aus der vierten nachatlantischen Kulturperiode herein in die fünfte sich erhalten hat, gerade durch die Siege, die es jetzt erfochten hat, in die Dekadenz, in seinen Untergang kommen wird. Das können Sie aber auch aus gewissen Dingen entnehmen, die Ihnen gerade zeigen können, wie Geisteswissenschaft der Wirklichkeit entnommen ist.

[ 39 ] For that which has organized itself in the old way—whether consciously or unconsciously—and that which is organizing itself in a new way out of the spiritual realm participates in this process in a unique way. We live in the age of the consciousness soul. The consciousness soul is at work primarily in all that unites the English-speaking population as the British Commonwealth. As you know, I have elaborated on this at length on other occasions; this, then, is the main feature of our time. But this contemporary reality must, in fact, clothe itself in entrepreneurship, in imperialism. It must become world domination in relation to the external material realm. If this is pursued with the means I have also outlined here in the 1916 Christmas Lectures, then what has emerged so far—and what will continue to emerge—is bound to result. That is what, despite everything, is the actual driving force behind the scenes of history; the other is something one can easily talk about. But the expansion of world domination—specifically, materialistic, material world domination—that is what is actually taking place: on the one hand, it is promoted; on the other, people are rebelling against it. Everything else is mere window dressing. For that which has taken shape within a different order—that which fits less seamlessly into the process of human development—must also find its own path of development. Thus it is that the Romance element, as its preeminent bearer—if we set aside Spanish, which is corrupt— we see Italian and French—the Romance element, which has been preserved from a completely different set of conditions, through inheritance from the earlier cultural period, from the fourth post-Atlantean cultural period into the fifth, will, precisely because of the victories it has now won, fall into decadence and meet its downfall. But you can also deduce this from certain things that can show you precisely how spiritual science is derived from reality.

[ 40 ] Sehen Sie, ich habe Ihnen ausgeführt, was französisches Zusammenschließen ist in staatlicher Form. Ich rede selbstverständlich nicht von den einzelnen Franzosen, sondern von dem Franzosen, der sich als Franzose fühlt, insoferne er dem Staate Frankreich angehört, jenem Staate Frankreich, der Wert darauf legt, Elsaß-Lothringen zu besitzen und so weiter. Das ist ein großer Unterschied; nichts richtet sich gegen den einzelnen Menschen, was gesagt wird, es richtet sich überhaupt nicht gegen irgend etwas, sondern charakterisiert nur. Aber es richtet sich darauf, insoferne der Mensch Angehöriger dieser oder jener Gruppe ist, was einen ja immer schlechter macht: «Oaner is a Mensch... .», denn Nationen sind gewöhnlich viele, nun ja! Also bedenken Sie, daß wir in einer dreifachen Entwickelung drinnenstehen. Das Französische ist insbesondere da, um auf der Stufe, in der es jetzt möglich ist, auszubilden, was wir Verstandes- oder Gemütsseele nennen; darüber haben wir schon gesprochen. Diese Verstandes- oder Gemütsseele fällt in ihrer besonderen Entwickelung in die Jahre des Menschen von 28 bis 35, wie Sie wissen: astralischer Leib bis zum 21. Jahre, Empfindungsseele bis zum 28. Jahre, Verstandes- oder Gemütsseele bis zum 35. Jahre, vom 35. bis 42. Bewußtseinsseele, dann kommt das Geistselbst.

[ 40 ] You see, I have explained to you what French unity means in a state context. Of course, I’m not talking about individual French people, but about the French person who feels French insofar as he belongs to the state of France—that state of France which attaches importance to possessing Alsace-Lorraine and so on. That’s a big difference; nothing that’s said is directed against the individual; it’s not directed against anything at all, but merely characterizes. But it does apply insofar as a person belongs to this or that group, which, of course, always makes one worse: “He’s just a person…,” because there are usually many nations, well, yes! So bear in mind that we are in the midst of a threefold development. The French stage is there in particular to develop, at the level where it is now possible, what we call the intellectual or emotional soul; we have already spoken about this. This intellectual or emotional soul, in its specific development, corresponds to the years between 28 and 35, as you know: the astral body up to the age of 21, the feeling soul up to the age of 28, the intellectual or emotional soul up to the age of 35, and from 35 to 42, the soul of consciousness, and then comes the spiritual self.

[ 41 ] Nun aber laufen ja Entwickelungsströmungen durcheinander. Sie wissen, der einzelne Mensch als Einzelmensch ist heute in der Entwickelung der Bewußtseinsseele begriffen, das heißt, er wird eigentlich nur so recht erst in dieKräfte eingeführt, die ihm sein Zeitalter geben kann, wenn er über das 35. Jahr hinaus lebt. Vorher muß er das lernen, muß erzogen werden darinnen, aber niemals kann man selbst das nur lernen, was das Zeitalter einem dann gibt, wenn man über das 35. Jahr hinaus lebt. Das ist unangenehm für diejenigen, die das Wahlalter hinausschieben wollen, aber es ist eben eine Entwickelungstatsache. So daß man sagen kann: Diese Entwickelung ist besonders günstig der Teilnahme von 35 bis 42 Jahren. Da entwickeln sich für dasjenige, was am allerzeitgemäßesten ist im Zeitalter der Bewußtseinsseele, die Kräfte, die so recht konsolidieren können. Das könnte natürlich dazu führen, daß ein Verständnis dafür vorhanden ist, wie gerade von 35- bis 42jährigen englischsprechenden Männern und Frauen die Konsolidierung desjenigen ausgehen kann, was das Britische Weltreich innerlich groß macht — wenn auch Lloyd George ein Siebenundzwanzigjähriger geblieben ist, aber Lloyd George ist dafür kein typischer Mensch, sondern ein typischer Mensch für die Menschheit der Gegenwart, nicht für das Britentum.

[ 41 ] But now, various currents of development are running counter to one another. You know that the individual human being, as a single person, is currently in the process of developing the soul of consciousness; that is to say, he is only truly introduced to the forces that his age can offer him if he lives beyond the age of 35. Before that, they must learn this, must be educated in it; but one can never learn on one’s own what the age will then provide if one lives past the age of 35. This is unpleasant for those who wish to postpone the age of choice, but it is simply a fact of development. So one can say: This development is particularly conducive to participation between the ages of 35 and 42. It is during this period that the forces capable of truly consolidating what is most in keeping with the times in the age of the consciousness soul develop. This could, of course, lead to an understanding of how it is precisely from 35- to 42-year-old English-speaking men and women that the consolidation of what makes the British Empire great from within can emanate—even if Lloyd George remained a twenty-seven-year-old; but Lloyd George is not a typical example of this, rather he is a typical example of contemporary humanity, not of Britishness.

[ 42 ] Dagegen die Gesamtmenschheit, die entwickelt sich so, daß die Menschen bei ihrem immer Jünger- und Jüngerwerden gegenwärtig gerade dabei stehen, den Zeitraum vom 21. bis 28. Jahre zu entwickeln, die Empfindungsseele, Diese zwei Strömungen laufen nun in der Vorwärtsentwickelung der Menschheit durcheinander. Sie sehen, da bleibt der Zeitraum vom 28. bis 35. Jahre brach, unfruchtbar. Der aber ist gerade zugewiesen der französischen Entwickelung: 28. bis 35. Jahr. Das drückt sich so stark aus, was Sie da geisteswissenschaftlich erforschen können, daß sogar die Unfruchtbarkeit der französischen Bevölkerung darinnen ausgesprochen ist, die äußere physische Unfruchtbarkeit. Das ist zu gleicher Zeit der perspektivische Hinweis auf dasjenige, was sich sonst in zahlreichen okkulten Forschungen darstellen ließe: daß das französische Volk nicht weiterhin in der Lage ist, aus den Wirrnissen heraus aufrechtzuerhalten dasjenige, was die Erbschaft des Romanismus ist. Nur daß, was zufließt dem Italienertum aus dem Umstande, daß das Italienertum sich gerade in der Entwickelung der Empfindungsseele, 21. bis 28. Jahr, befindet, daß gerade dem Italienischen durch diese Auffrischung zufällt die Übernahme der Hegemonie der romanischen Völker, soweit sie noch eine, Aufgabe haben in der zukünftigen Zeit. Das ist so besonders wichtig, daß man sich im europäischen Prozeß solche großen Dinge vor Augen führt, daß man also weiß zum Beispiel, daß etwas, was aus ganz anderen als Gegenwartsimpulsen hervorgegangen ist wie die Nachwirkung des Romanismus in der europäischen Kultur, daß das ja allerdings in der Dekadenz ist, daß aber zunächst in die Hegemonie das italienische Volk kommt.

[ 42 ] In contrast, humanity as a whole is developing in such a way that, as people become younger and younger, they are currently in the process of developing the period from the 21st to the 28th year—the soul of feeling. These two currents are now intertwined in the forward development of humanity. You see, the period from the 28th to the 35th year remains fallow, barren. Yet this is precisely the period assigned to French development: the 28th to the 35th year. This is expressed so strongly in what you can investigate from a spiritual-scientific perspective that even the infertility of the French population—the external, physical infertility—is reflected in it. At the same time, this is a perspective that points to what could otherwise be demonstrated in numerous occult studies: that the French people are no longer able to preserve, amidst the turmoil, that which is the legacy of Romanism. However, what flows to Italian culture from the fact that it is currently in the phase of development of the feeling soul—between the ages of 21 and 28—is that it is precisely through this renewal that Italian culture is destined to assume the hegemony of the Romance peoples, insofar as they still have a role to play in the future. This is so particularly important that one must keep such great matters in mind within the European process—so that one knows, for example, that something which arose from impulses entirely different from those of the present—such as the aftereffects of Romanism in European culture—is indeed in a state of decadence, but that, for the time being, the Italian people are assuming hegemony.

[ 43 ] Vielleicht weist mir jemand nicht das Recht zu, über diese 'Tragik zu sprechen. Das ist aber auch dasjenige, was man mit einer gewissen Tragik aussprechen kann: daß weder nach der einen Seite, noch nach der anderen Seite hin die Franzosen für die französische Sache sich eingesetzt haben, sondern alles mögliche aufgebracht haben, um dasjenige zu fördern, was das französische Wesen aus dem Entwickelungsprozesse der neueren Menschheit verschwinden machen wird.

[ 43 ] Perhaps someone would deny me the right to speak about this “tragedy.” But that is also precisely what can be expressed with a certain sense of tragedy: that the French have not committed themselves to the French cause on either side, but have done everything in their power to promote that which will cause the French essence to vanish from the process of development of modern humanity.

[ 44 ] Im Osten wartet das russische Slawentum; es kann abwarten, weil es für die Zukunft bestimmt ist, all dasjenige, was aus dem wirren Chaos hervorgehen wird desjenigen, was sich da oder dort entwickelt. Solche Dinge, die sind nun das andere, welches hervorgehen muß aus geisteswissenschaftlicher Durchdringung der Tatsachen. Auf was ich immer wieder und wiederum hinweisen möchte durch solche Betrachtungen, die ja nächstens einmal wiederum vermehrt werden können, wenn uns Möglichkeiten noch eröffnet sind, ist: sich zu entschließen, die Dinge in ihrer Wahrheit zu sehen, wirklich ein wenig darauf auszugehen, nicht stehenzubleiben bei den Illusionen und Phantasmen, sondern die Dinge in ihrer Wahrheit zu sehen. Geisteswissenschaft ist ja etwas, was nicht nur abstrakte Begriffe gibt, sondern was mit der Wirklichkeit bekannt machen kann. Dann wird man auch, wenn man so mit der Wirklichkeit durch die Geisteswissenschaft bekannt werden kann, all die sonderbaren Begriffe nicht überschätzen, mit denen sich das geistige Leben, auch die Menschheit in den letzten Zeiten, vielfach genährt hat. Diese Begriffe sind vielfach, ich möchte sagen, luziferisch-ahrimanisch gebildet worden, indem man mit Empfindungen aus der urältesten Zeit, die man fortgetragen hat, mit der Zeit fortgetragen hat, in seinem Denken, in seinem Vorstellen sich genährt hat. Die Menschen hängen so an altererbten Begriffen, und man kann tiefes Leid empfinden, wenn man dieses Hängen, dieses starre Hängen an altererbten Begriffen bei den Menschen bemerkt. So haben die Menschen sogar in dieser Zeit von «großen Feldherren» gesprochen, so ist genährt worden auf einem bestimmten Gebiete ein wahrer Götzendienst für Leute wie Hindenburg und Ludendorff, ein wahrer Götzendienst, als ob überhaupt in dem ganzen Zusammenhang der Katastrophe, die sich zugetragen hat, dieser alte Heroendienst noch eine Bedeutung haben konnte! Alle die Fähigkeiten, durch die früher Schlachten gewonnen worden sind, oder die Unfähigkeiten, durch die früher Schlachten verlorengegangen sind, haben ja in diesem Kriegsprozesse gar keine Bedeutung mehr gehabt. Man hat gesiegt oder nicht gesiegt, je nachdem Material, Material an Kanonen, Material an Munition, Material an Menschen gerade an einem Orte vorhanden war und man es hatte, oder der andere eshatte, danach wurde gesiegt; oder jenachdem der eine oder der andere ein wirksameres oder unwirksameres Gas hatte. Danach wurde gesiegt oder wurden Schlachten verloren. In dem Grade kam die persönliche Tüchtigkeit der Strategie ja gar nicht in Betracht, in dem sie früher in Betracht kam. Und man stößt auch da auf eine furchtbare Unwahrheit in der Beurteilung des einen oder anderen Menschen. Sie glauben gar nicht, wo überall es heute nötig ist, die Begriffe von Wahrheit und Unwahrheit zu korrigieren. So tief verstrickt in Phrasentum und Unwahrheit, in Illusionen und Phantasmen ist schon einmal unsere Zeit. Deshalb muß es immer wieder betont werden, daß herausgekommen werden muß aus diesem Verstricktsein in diesen Vorstellungen. Und diese Vorstellungen, sie sind vorhanden namentlich auf dem Gebiete des Bildungswesens. Fangen Sie oben an und gehen Sie bis zum niedersten Schulwesen herunter, überall ist es notwendig: Medizin und Theologie und Jurisprudenz und Philosophie, und was alles sich noch darangegliedert hat an diesen Universitäten, dann das mittlere Schulwesen und alles mögliche, das ist dasjenige, was geeignet war, den Boden der Wahrheit zu untergraben und was die Leute am allermeisten mit Bezug auf dieses Untergraben des Bodens für die Wahrheit in Schlaf gelullt hat.

[ 44 ] In the East, Russian Slavic culture awaits; it can wait, for it is destined for the future to embody all that will emerge from the bewildering chaos of developments here and there. Such things are precisely the “other” that must emerge from a spiritual-scientific understanding of the facts. What I would like to point out again and again through such reflections—which may well be expanded upon in the near future, if opportunities still present themselves—is this: to resolve to see things in their truth, to truly engage with them a little, not to remain stuck in illusions and phantasms, but to see things in their truth. Spiritual science, after all, is something that does not merely provide abstract concepts, but can familiarize us with reality. Then, when we are able to become acquainted with reality in this way through spiritual science, we will not overestimate all those peculiar concepts with which spiritual life—and indeed humanity in recent times—has so often nourished itself. These concepts have, in many cases—I would say—been formed in a Luciferic-Ahrimanic way, in that people have nourished their thinking and imagination with feelings from the most ancient times, which they have carried forward through the ages. People are so attached to these inherited concepts, and one can feel deep sorrow when one observes this attachment—this rigid clinging to inherited concepts—in people. Thus, even in this day and age, people have spoken of “great generals”; in a certain sphere, a veritable idolatry has been fostered for figures like Hindenburg and Ludendorff—a veritable idolatry, as if, in the entire context of the catastrophe that has unfolded, this old hero-worship could still have any significance at all! All the abilities that had previously won battles—or the inabilities that had previously caused battles to be lost—had, after all, ceased to have any significance whatsoever in the course of this war. Victory or defeat depended on whether the necessary resources—guns, ammunition, and manpower—were available in a particular place and in the hands of one side or the other; that is what determined victory. Or it depended on whether one side or the other had a more effective or less effective poison gas. That is what determined whether battles were won or lost. To that extent, the personal competence of the strategist was not even a factor, as it had been in the past. And here, too, one encounters a terrible falsehood in the assessment of one person or another. You have no idea how widespread the need is today to correct the concepts of truth and falsehood. Our age is already so deeply entangled in empty rhetoric and falsehood, in illusions and phantasms. That is why it must be emphasized again and again that we must break free from this entanglement in these notions. And these notions are particularly prevalent in the field of education. Start at the top and work your way down to the lowest levels of schooling—it is necessary everywhere: Medicine, theology, jurisprudence, and philosophy—and everything else that has become attached to these universities—then secondary education and all manner of things; this is precisely what has served to undermine the foundation of truth and what has lulled people into complacency more than anything else with regard to this undermining of the foundation for truth.

[ 45 ] Es ist ja so ungeheuer schwierig, gerade in diesem Punkte Verständnis zu finden, und es gibt kein Heil, wenn man nicht in diesem Punkte Verständnis findet. Vielleicht ist es mir leichter, in diesem Punkte Verständnis mir errungen zu haben, als manchem anderen. Denn ich glaube allerdings, daß es viel, viel Schaden bringt in der gegenwärtigen Zeit, daß jene Denkweise eben so lange geherrscht und wirklich breite Massen der menschlichen Bevölkerung ergriffen hat, jene Denkweise, die darinnen besteht, daß die Eltern schon sorgen für den jungen Menschen — ich will jetzt absehen davon, wie sie für die Töchter sorgen, denn das würde ein Kapitel für sich bilden —, daß er nur ja in eine staatliche Anstellung hineinkomme, wo er, wenn er auch spät hineinkommt — nun, da muß der Alte nachhelfen —, dann steigt, ohne daß er etwas dazu zu tun braucht, von Quinquennium zu Quinquennium steigt in seinem Gehalte. Er ist lebenslänglich versorgt, denn er ist pensionsberechtigt. Das lullt in eine gewisse Sorglosigkeit ein. Es ist ja nur eine Nebensache gegenüber diesem Grundlegenden, daß man ja auch noch neben dem Verschiedensten wußte: Wenn man lange genug an einem Orte sitzt, so bekommt man den Roten Adlerorden 4. Güte, dann 3. Klasse —, das kommt noch dazu. So etwa tut sich auf, wenn man am ersten Tore des Lebens ist, dasjenige, was einen so sorglos machen kann, weil es einen heraushebt aus dem Lebenskampfe. Proletarische Theorie, Marxismus würde sagen: Das ist ganz selbstverständlich; wer in bourgeoiser Weise unterbewußt die Vorstellungen erzeugt, die aus diesem Sicherheitsgefühl, pensionsberechtigt zu sein, hervorkommen, der kann nichts verstehen von demjenigen Menschen, der, wenn er noch so sehr dasjenige zerstört, was gegenwärtig ist, als Proletarier nichts zerstört als seine Ketten. — Das ist ja eine ständige Redensart in Proletarierkreisen. Man fühlt aber solchen Dingen an, wie wirklich Vorstellungen in ihren Formen erzeugt werden durch die Art und Weise, wie man im sozialen Prozeß drinnensteht. Man hört auf, jenen intensiven, interessierten Anteil zu haben am Lebenskampfe, von dem allein das gedeihliche, fruchtbare Leben abhängt, wenn man weiß, man steigt alle fünf Jahre im Gehalt und hat so und soviel Pension, ist lebenslänglich versorgt. Wie gesagt, von den Töchtern möchte ich nicht reden. Die Denkweise ist aber durchaus nicht etwa anders in dem sozialen Prozeß in bezug auf das Hineinstellen der Töchter und der Frauen in das soziale Leben.

[ 45 ] It is, after all, so incredibly difficult to find understanding on this very point, and there is no hope unless one finds understanding on this point. Perhaps it has been easier for me to gain understanding on this point than for many others. For I do believe that it causes a great deal of harm in the present age that this way of thinking has prevailed for so long and has truly taken hold of broad segments of the human population—that way of thinking which consists in parents already providing for their young—I will leave aside for now how they provide for their daughters, for that would be a chapter in itself—but that they ensure he secures a government position, where, even if he enters it late—well, then the old man has to give him a helping hand—he then rises, without having to do anything about it, from five-year term to five-year term in his salary. He is provided for life, for he is entitled to a pension. This lulls one into a certain carelessness. It is, after all, only a minor matter compared to this fundamental fact, and one also knew, among other things: If you stay in one place long enough, you’ll receive the Order of the Red Eagle, 4th Class, then 3rd Class—that comes on top of it all. This is roughly what unfolds when one stands at the first gate of life—that which can make one so carefree because it lifts one out of the struggle for existence. Proletarian theory, or Marxism, would say: This is perfectly natural; anyone who, in a bourgeois manner, subconsciously generates the ideas that arise from this sense of security—the belief that one is entitled to a pension—cannot understand the person who, no matter how much he destroys what is present, as a proletarian destroys nothing but his chains. —That is, after all, a constant refrain in proletarian circles. But one senses in such things how ideas are truly shaped by the way one is situated within the social process. One ceases to take that intense, interested part in the struggle for life—on which alone a prosperous, fruitful life depends—when one knows that one’s salary increases every five years and that one will receive such-and-such a pension, ensuring one’s livelihood for life. As I said, I do not wish to speak of daughters. However, the mindset is by no means different in the social process with regard to the integration of daughters and women into social life.

[ 46 ] Aber ich glaube, daß davon sehr viel abhängt. Nur sind jetzt die Tatsachen so, daß sie anfangen, vielleicht gerade durch das Rütteln an manchem, was fest war, was man recht fest glaubte, den Leuten andere Begriffe einzuhämmern. Es werden ja manche, die bisher ruhig warten konnten, was alle Jahre dazugekommen ist, für den Ablauf des nächsten Quinquenniums sonderbar in die Zukunft schauen können. Vielleicht hat mir das Erleben, wie gesagt, daß ich niemals in meinem Leben bewußt irgendeinen Berufs- oder sonstigen Zusammenhang gesucht habe mit irgend etwas, was mit staatlicher Anstellung oder sonst auch nur in irgendeiner Weise mit Staat zu tun hat, dazu verholfen, daß ich mir für diese Vorgänge Verständnis errungen habe. Es verursachte mir immer einen Degout, mit irgend etwas zu tun zu haben, was nach Staat roch. Ich rühme mich dessen nicht, denn das ist natürlich ein großer Mangel; man ist dann ein Bohemien. Nun, wie nannte mich Harlan für die neunziger Jahre im Feuilleton der «Vossischen Zeitung»? «Einen unbesoldeten freischweifenden Gottesgelehrten.» Jemand, mit dem ich dazumal befreundet war und der mich so schilderte, daß seine Schilderung auch in der jetzigen Zeit noch paßt; er schilderte so manches, und er meinte, daß ich ebensowenig wie er hineinpaßte in die damalige Gesellschaft der Bohemiens. Er nannte mich einen unbesoldeten freischweifenden Gottesgelehrten, der ich schon dazumal war, und der nicht recht hineinpaßte in den damaligen Kreis. Aber die ganze Gesellschaft dazumal — das sage ich jetzt in Parenthese, nehmen Sie das nicht übel, wir kennen uns zu gut, als daß Sie mich mißverstehen würden —, die ganze Gesellschaft nannte sich nämlich den «Verbrechertisch», und unter diesem Titel wurde zusammengefaßt eine Anzahl von Leuten, welche sich namentlich das harmlose Programm, wenn man von einem Programm sprechen kann, machten, die Philister damit zu ärgern. Scherze sind eben dazu da, den Ernst zu verbergen, und sie sind oft doch nur der lebenskünstlerische selbsterzieherische Ausdruck des Ernstes.

[ 46 ] But I believe that a great deal depends on this. The fact is, however, that they are beginning—perhaps precisely by shaking up some things that were once considered certain, things people firmly believed in—to instill different ideas in people’s minds. Indeed, some who until now have been able to wait calmly for what has come along each year may find themselves looking strangely toward the future as the next five-year plan comes to an end. Perhaps, as I said, the fact that I have never in my life consciously sought any professional or other connection with anything related to government employment or, for that matter, to the state in any way at all, has helped me gain an understanding of these developments. It always filled me with disgust to have anything to do with anything that smacked of the state. I do not boast of this, for it is, of course, a great shortcoming; one then becomes a bohemian. Well, what did Harlan call me in the 1890s in the literary section of the *Vossische Zeitung*? “An unsalaried, free-roaming theologian.” Someone with whom I was friends at the time described me in such a way that his characterization still holds true today; he described many things, and he believed that I, just as little as he did, fit into the bohemian society of that time. He called me an unpaid, free-spirited theologian—which I already was back then—and who didn’t quite fit into that circle. But the whole crowd back then—I’ll say this in parentheses, please don’t take offense, we know each other too well for you to misunderstand me—the entire circle called itself the “Criminals’ Table,” and this name encompassed a number of people whose harmless agenda—if one can speak of an agenda at all—was specifically to annoy the philistines. Jokes are, after all, meant to conceal seriousness, and they are often nothing more than the self-educational expression of that seriousness through the art of living.

[ 47 ] Aber ich habe vorgestern am Schlusse davon gesprochen, wie zum Judentum und Griechentum aus dem gegenwärtigen Geschehen heraus doch in einer gewissen Weise das Deutschtum kommen muß, jenes Deutschtum, welches ja zunächst durch Brutalisation wenigstens als deutsches Wesen ausgelöscht werden wird, nicht wahr. Aber es wird eine Rolle spielen. Es ist ja auch das Griechentum ausgelöscht worden, das Judentum ausgelöscht worden in einer gewissen Weise. Es wird seine Rolle spielen. Und es ist mir gerade recht, daß durch die Rezitation des «Chors der Urtriebe» jetzt einer der ausgesprochensten Geister der neueren Zeit, Fercher von Steinwand, der so recht aus deutschem Volkstum heraus spricht, auch aus jenem deutschen Volkstum, das insbesondere in deutsch-österreichischen Gegenden gedeiht, daß das in jenen konkreten, plastischen Ideen vor Ihre Seele getreten ist, die Ihnen zeigen werden, daß eine gewisse Aufgabe gegeben ist gerade für dieses Deutschtum, das für ein äußerliches Staatengebilde nie ein rechtes Talent hatte; daß dieses Deutschtum gewisse Möglichkeiten guter Selbsterkenntnis gerade in solchen ausgezeichneten Individuen hat, wie Fercher von Steinwand war.

[ 47 ] But the day before yesterday, at the end of my talk, I spoke of how, out of current events, German identity must emerge in a certain way alongside Judaism and Hellenism—that German identity which, at first, will be eradicated, at least as a German essence, through brutalization, won’t it? But it will play a role. After all, Hellenism has also been wiped out, and Judaism has been wiped out in a certain sense. It will play its role. And I am quite pleased that, through the recitation of the “Chorus of Primordial Instincts,” one of the most outspoken minds of modern times, Fercher von Steinwand—who speaks so authentically from German folk culture, including that German folk culture which flourishes particularly in German-Austrian regions—has now stepped before your soul in those concrete, vivid ideas that will show you that a certain task is assigned precisely to this German spirit, which never had a true talent for an external state structure; that this German spirit possesses certain possibilities for sound self-knowledge precisely in such outstanding individuals as Fercher von Steinwand was.

[ 48 ] Man glaubt heute in die Notwendigkeit versetzt zu sein, den Deutschen so verschiedenes sagen zu müssen. Insbesondere in den letzten viereinhalb Jahren hat man sich immer gedrängt gefühlt, den Deutschen von außen das und jenes sagen zu müssen. Wir haben es ja noch in diesen Tagen erlebt, nicht wahr, ich glaube, es war Lloyd George, seine Exzellenz selber meine ich selbstverständlich, der nun nach so und so vielen anderen Reden wieder einmal über all das Verworfene, Unmoralische des Deutschtums gesprochen hat, als ob so gar nicht die Möglichkeit vorhanden wäre, daß gerade innerhalb dieses Volkstums aufsprieße dasjenige, was dieses Volkstum an Selbsterkenntnis braucht. Dafür ist nun wiederum Fercher von Steinwand eine außerordentlich gute Probe. Sehen Sie, ich habe Ihnen gesprochen von dem Vortrage, den er, Fercher von Steinwand, 1859 über die Zigeuner gehalten hat vor dem späteren König von Sachsen, dazumal Kronprinz Georg, vor Ministern und vielen Generälen — merken Sie sich das: vor vielen Generälen, denn das ist ja der Militarismus, nicht wahr —; vor vielen Generälen hat er diesen Vortrag gehalten. Er sprach so verschiedenes über die Zigeuner, denn die Zigeuner erschienen ihm gewissermaßen als dasjenige, was so verwandt ist mit der Rolle, welche das deutsche Volk in der Zukunft spielen wird. 1859, nicht wahr, es ist ein starkes Stück von Selbsterkenntnis, wie er sich das ausmalt nach der einen Seite hin, Ich habe es Ihnen vorgestern vorgelesen, ich will es Ihnen aber noch nach einer anderen Seite charakterisieren. Und dazu erlauben Sie mir, daß ich Ihnen noch ein kleines Stück aus diesem Zigeunervortrag Ferchers von Steinwand vorlese. Stellen Sie sich also vor, daß Fercher von Steinwand spricht, spricht über dasjenige, was der Fortentwickelung des deutschen Volkes günstig und ungünstig ist, vor einem Kronprinzen, vor Ministern und vor Generälen, stellen Sie sich vor, daß er spricht in folgender Weise:

[ 48 ] Today, people feel compelled to tell the Germans all sorts of things. Especially over the past four and a half years, there has been a constant sense of pressure to tell the Germans this and that from the outside. We have seen it just recently, haven’t we? I believe it was Lloyd George—His Excellency himself, of course—who, after so many other speeches, has once again spoken of all that is reprehensible and immoral about German culture, as if there were absolutely no possibility that precisely within this culture might spring forth what it needs in terms of self-knowledge. Fercher von Steinwand, on the other hand, is an exceptionally good example of this. You see, I told you about the lecture that he—Fercher von Steinwand—gave in 1859 on the Gypsies before the future King of Saxony, then Crown Prince Georg, before ministers and many generals—take note of that: before many generals, for that is militarism, isn’t it—; he gave this lecture before many generals. He spoke about such a wide range of topics concerning the Gypsies, for to him the Gypsies appeared, in a sense, to be something closely related to the role that the German people will play in the future. In 1859—isn’t that a remarkable display of self-awareness, the way he envisions this from one perspective? I read it to you the day before yesterday, but I’d like to characterize it for you from another angle as well. And to that end, allow me to read you another short excerpt from this lecture on Gypsies by Fercher von Steinwand. So imagine that Fercher von Steinwand is speaking—discussing what is favorable and unfavorable to the further development of the German people—before a crown prince, ministers, and generals; imagine that he speaks as follows:

[ 49 ] «In unserm Gebirgslande herrscht der übrigens lobenswerte Brauch, daß unmittelbar vor Schlafenszeit der Hausherr zu Tische kniet und sich zum Vorsprecher eines Gebetes macht, das als Rosenkranz bekannt ist. Dieses Gebet wird von der gesamten Familie mit Inbegriff des Dienstvolkes in gegenwortigen Absätzen laut mit- und nachgesprochen und füllt seiner Dauer nach eine nicht zu bezweifelnde Stunde aus. Ja, es kann durch angefügte Vaterunser einer frommen Hausfrau noch beträchtlich verlängert werden. Aus diesem Grunde wird man’s nicht unnatürlich finden, wenn der ersehnte, aber durch fortgesetzte heilige «Bitt’ für un» hinausgeschobene Schlaf manchmal voreilig zu seinem Rechte greift, den ermüdeten Arbeiter mitten im lauten «Ave Maria» unterbricht und die knieende Stellung desselben wiederholentlich erschüttert und so fort, bis sich die sprechend begonnene Frömmigkeit lallend zu Ende geschleift hat. Diesmal ward der Herr des Hauses selbst von der leisen Hand der Natur angefaßt und seine «Herr, erbarme dich unser» hatten nach und nach allen gewohnten Nachdruck eingebüßt. Ich selbst kniete in einer Ecke der Stube und nickte mehr zur Schlafstätte, als zu Gott hin.

[ 49 ] “In our mountainous region, there is a custom—which is, incidentally, commendable—that immediately before bedtime, the head of the household kneels at the table and leads a prayer known as the Rosary. This prayer is recited aloud in unison by the entire family—including the servants—in alternating verses, and its duration undoubtedly fills an entire hour. Indeed, it can be considerably extended by a devout housewife adding the Lord’s Prayer. For this reason, it will not seem unnatural if the longed-for sleep—which has been postponed by the continued recitation of the holy “Pray for us”—sometimes prematurely claims its due, interrupting the weary worker in the midst of the loud “Hail Mary” and repeatedly shaking him from his kneeling position, and so on, until the piety that began so eloquently has dragged itself to a slurred conclusion. This time, the master of the house himself was touched by the gentle hand of nature, and his “Lord, have mercy on us” had gradually lost all its usual force. I myself was kneeling in a corner of the room, nodding more toward my bed than toward God.

[ 50 ] Vor der Schwelle der offen stehenden Zimmertür lagerte lautlos die schwarzbraune Horde» — es war nämlich Zigeunerbesuch da —, «manchmal kristallblanke Zähne enthüllend. Das früh abgeblühte Gesicht eines jungen Weibes, das ruhig dem Eingange zugewendet war, wurde von der Glutröte des Kamins schwankend bestrahlt. Das Weiß in ihrem Auge schien in zunehmender Schläfrigkeit zu ersterben. Desto sichtlicher trat der mattgelbe Schmelz am lasurenen Kreisrande des Augapfels hervor, ein zarter mattgelber Schmelz, der jedes Zigeunerauge kennzeichnet und manchmal nur dem Maler entdeckbar ist.

[ 50 ] “The dark-brown horde lay silently on the threshold of the open room door”—for there were Gypsies visiting—“sometimes revealing crystal-clear teeth.” The face of a young woman, whose beauty had faded early, calmly turned toward the doorway, was bathed in the flickering glow of the fireplace. The white of her eye seemed to be fading as drowsiness set in. All the more clearly, the pale yellow iridescence at the glazed edge of her eyeball stood out—a delicate pale yellow iridescence that characterizes every Gypsy eye and is sometimes discernible only to the painter.

[ 51 ] All unser Verdruß gegen die Fremdlinge war gewichen, denn Müdigkeit beherrschte das Haus. Niemand außer der uns schon bekannten Zigeunermutter, die ihre Kniee mitten auf den Fußboden gepflanzt hatte, war mit ausharrend tapferer Stimme dem Gebet gefolgt, und der Frömmigkeit stand eine allgemeine Niederlage bevor.

[ 51 ] All our annoyance with the strangers had vanished, for fatigue had taken hold of the house. No one except the Gypsy mother we already knew—who had planted her knees right in the middle of the floor—had followed the prayer with a steadfast, courageous voice, and piety was on the verge of a general defeat.

[ 52 ] Plötzlich raffte sich die Alte, wie eine Viper zuckend, mit furchtbarer Heftigkeit von der Diele empor, stürmte mit schnellkräftiger Übermacht auf den erlahmenden Vorbeter los und riß ihm das beperlte Sinnbild des Rosenkranzes aus der erschlafften Hand, in cherubischer Wut aufsprühend. Alles andächtige Gelalle stockte wie vor dem Posaunenschmettern des Weltgerichtes, und das Zimmer schien zu zittern, vom heiligen Erdbeben betroffen. Da sprang oder schnellte sich das pythisch begeisterte Weib mitten in den Kreis der Betenden; ihr Gesichtsumriß hatte sich gorgonenhaft verklärt, ihre Stimme sich zum Gewitterton gesteigert. Beide Arme gegen den Himmel reckend, rief sie: «Wer aber lau ist, o Herr, den wirst du aus deinem Munde speien» — Flatternd fiel der dämmerhafte Glanz der Beleuchtung auf ihre kupfrige schwarzumringelte Stirne, und unter dieser loderte es wie der Blitz des Erzengels Michael feuergewaltig hervor. Niemals ist mir mit so zündender Eindringlichkeit gesagt worden, daß die schwankenden und unentschiedenen Menschen die schlechtesten und wertlosesten Machwerke des Schöpfers sind.

[ 52 ] Suddenly, the old woman, writhing like a viper, rose from the floor with terrible ferocity, stormed toward the faltering prayer leader with swift, overwhelming force, and snatched the bejeweled rosary from his limp hand, bursting into a fit of cherubic rage. All the devout murmuring ceased as if at the blare of the trumpets of the Last Judgment, and the room seemed to tremble, struck by a holy earthquake. Then the woman, in a fit of Pythian ecstasy, leaped or sprang into the midst of the circle of worshippers; the outline of her face had become Gorgon-like, her voice had risen to the tone of a thunderstorm. Stretching both arms toward the heavens, she cried out: “But whoever is lukewarm, O Lord, you will spew out of your mouth”—the twilight glow of the lighting fluttered upon her coppery brow, rimmed with black, and beneath it it blazed forth with fiery power like the lightning of the Archangel Michael. Never before had I been told with such fiery urgency that wavering and indecisive people are the Creator’s worst and most worthless creations.

[ 53 ] Welch unermeßliche Fülle religiösen Reichtums durchwalter dieses Weib, also dacht’ ich, wie beneidenswert!

[ 53 ] What an immeasurable abundance of religious wealth permeated this woman—that’s what I thought; how enviable!

[ 54 ] Ich armer Schüler! Ich hatte noch nicht in Erfahrung gebracht, welch

[ 54 ] Poor student that I was! I hadn't yet discovered what

[ 55 ] ein verschiedenes Ding es sei, einen Seelengehalt zu besitzen und einen solchen zur Darstellung zu bringen. Ich wußte noch nicht, daß es hinreichend sei, dürflige Ansätze zu einem Gehalt in sich zu fühlen, um unter Umständen einen ausgezeichneten Dolmetsch schwerwiegenden Seelengehaltes abzugeben.

[ 55 ] that it is one thing to possess a depth of feeling and quite another to convey it. I did not yet know that it was enough to sense within oneself the faint beginnings of such depth to, under certain circumstances, serve as an excellent interpreter of profound emotional depth.

[ 56 ] Ich saß einmal unter einem Ahorn, der im Wachstum begriffen war. Das aber gab er durch keinen Trommelton zu verstehen. Allein es ist nicht zu bestreiten, daß zu einer guten Trommel innere Hoblheit notwendig ist. Wär’ es nicht also, so müßten die größten Lärmmacher und Prahlhänse, müßten die gewandtesten Gebärdendrechsler zugleich die größten schöpferischen Geister unter den Sterblichen, und keck um sich greifende Schauspieler die tiefsinnigsten Dramendichter sein und das moderne Deutschland hätte sich nicht über den Mangel an trefllichen Tragödien zu beklagen.

[ 56 ] I once sat under a maple tree that was in the process of growing. But it gave no indication of this through the sound of a drum. Yet it cannot be denied that a good drum requires inner smoothness. Were this not the case, the greatest noise-makers and braggarts, the most adept manipulators of gestures, would also have to be the greatest creative minds among mortals, and bold, flamboyant actors would have to be the most profound playwrights—and modern Germany would have no cause to complain about the lack of excellent tragedies.

[ 57 ] Wo wäre eine solche Betrachtung passender, als in einer Geschichte der Zigeuner?»

[ 57 ] Where would such a perspective be more appropriate than in a history of the Gypsies?

[ 58 ] Das ist doch Anlage zu einer solchen Selbsterkenntnis, die nicht notwendig hat, sich von der Welt Moralpredigten halten zu lassen, die schon selbst beurteilen könnte, daß dasjenige, was vorhanden war, vom Jahre 1870 an in die Dekadenz gekommen ist. Allein, wenn man die Dinge verstand, so hat man es getan, wie ich es getan habe in meinem Buche über Friedrich Nietzsche, wo ich Nietzsches Wort zitierte: «Exstirpation des deutschen Geistes zugunsten des «deutschen Reiches.» Ich habe das Buch über Friedrich Nietzsche während des Krieges nicht erscheinen lassen können im Neudruck, weil das darinnen steht. Fercher von Steinwand sagt weiter:

[ 58 ] This is, after all, the foundation for a kind of self-knowledge that does not need to be lectured on morality by the world, a self-knowledge that could already judge for itself that what existed had fallen into decadence beginning in 1870. However, if one understood these things, one acted as I did in my book on Friedrich Nietzsche, where I quoted Nietzsche’s words: “Exstirpation of the German spirit in favor of the ‘German Empire.’” I was unable to have the book on Friedrich Nietzsche reprinted during the war because of what is written in it. Fercher von Steinwand goes on to say:

[ 59 ] «Die Luft ist schwül und schweflig von den Schwüren, die seit acht Jahrzehnten auf die Verfassungen geschworen wurden. Wie viele Staaten gibt es, in denen man diese Eide nicht vielfach zu brechen wußte? Unser Geist ist taub von den Drommetenstößen, dem Jubelgeschrei, mit dem wir die himmlische Wohltäterin Freiheit bewillkommten.»

[ 59 ] “The air is stifling and sultry from the oaths that have been sworn to the constitutions for eight decades. How many states are there where people have not broken these oaths time and again? Our minds are numbed by the blare of trumpets and the cheers with which we welcomed Freedom, our heavenly benefactress.”

[ 60 ] Man glaubt, Fercher von Steinwand rede über Wilsonianismus und Entente-Anschauungen!

[ 60 ] People think Fercher von Steinwand is talking about Wilsonianism and Entente views!

[ 61 ] «Zählt jedoch die Sterblichen, die Mannes genug sind, um frei zu sein! Wo gäb’ esnoch vier Wände, die nicht von schwunghaften Zitaten aus Schillers Schriften erdröhnten? Aber wo, in welcher Hütte, in welchem Palaste, unter welchem Sterne deutscher Zone lebt noch etwas von des Dichters tatkräftiger Seele, von seiner feurigen Ader, von seinem hartnäckigen Drängen nach einem großen Ziel? Wer hätte auch nur den Mut und die Gabe, seine Fehler zu begehen? Die 'Tribunen aller europäischen Reiche wanken unter der Last der Beredsamkeit und Wissenschaft, durch welche die Ordnung und das Glück in der menschlichen Gesellschaft eingebürgert werden sollen.»

[ 61 ] “But count the mortals who are man enough to be free! Where are there still four walls that do not resound with spirited quotations from Schiller’s writings? But where—in what hut, in what palace, under what star in the German realm—does anything of the poet’s energetic soul, of his fiery spirit, of his tenacious drive toward a great goal still live on? Who would even have the courage and the gift to commit his mistakes? “The ‘tribunes of all European empires’ stagger under the weight of eloquence and scholarship, through which order and happiness are to be established in human society.”

[ 62 ] Deshalb habe ich gestern auch gesagt: Wenigstens wird es in Mitteleuropa dahin gekommen sein, daß einiges beigetragen sei zur Durchbrechung der Lüge. Wo sie gesiegt hat, wird sie weiterleben.

[ 62 ] That is why I said yesterday: At least in Central Europe, we have reached a point where some contribution has been made toward exposing the lie. Where it has triumphed, it will live on.

[ 63 ] «Ihr Mattherzigen! Wie lautet der Gedanke, den ihr gedacht habt? Wer unter euch ist ein Mirabeau? Wie glühend ist euer Bild vom glücklichen Staate, wenn es nicht schon leichenkalt ist, bevor ihr’s bekanntgegeben? Sagt, wer von euch ist größer als der Augenblick? Wie viel schlechte Kerle habt ihr eingeschüchtert, wie viel edelgesinnte Menschen ermutigt? Wie viel Klagen loben euch durch Schweigen? Redet das Unglück nicht lauter als je? Ist es denn so furchtbar schwer, den Gedanken festzuhalten, daß jeder Mensch, ohne Ausnahme, für Freiheit, Ordnung und Glück, ja sogar für die Kunst, sich selbst zu erziehen, von Kindesbeinen erzogen werden muß, erzogen weit weniger durch Beweisführungen, als durch Liebe, Geduld, Strenge und empfindliche Opfer? Ist es denn so furchtbar schwer, statt den Lärm zu besolden, ein ergiebiges Wirken zu bezahlen? Ist es denn so furchtbar schwer, statt den Bajonetten zu gehorchen, der milden, alles ausgleichenden Vernunft zu dienen?»

[ 63 ] “You fools! What is the thought you have been thinking? Who among you is a Mirabeau? How fervent is your vision of a happy state—if it isn’t already cold as a corpse before you’ve even announced it? Tell me, who among you is greater than the moment? How many scoundrels have you intimidated, how many noble-minded people have you encouraged? How many complaints praise you through their silence? Does misfortune not speak louder than ever? Is it really so terribly difficult to hold fast to the idea that every human being, without exception, must be raised from childhood for freedom, order, and happiness—indeed, even for the art of educating oneself—raised far less through reasoning than through love, patience, strictness, and selfless sacrifice? Is it really so terribly difficult to reward productive work instead of rewarding noise? Is it really so terribly difficult to serve gentle, all-balancing reason instead of obeying bayonets?”

[ 64 ] «Man denke sich einen Staat» — bitte, da sitzen die Generäle! —, «man denke sich einen Staat ersten oder zweiten Ranges. Man denke sich dazu einen einsichtsvollen Minister» — die Minister sitzen auch da —, «der sich das nicht zum Ruhme anrechnet, was einem Nachbar zum Schaden oder zur Unehre gereicht, mit einem Wort, einen Minister, der zwei Dritteile seiner ungeheuren Militärkasse für die Erziehung der untersten Volksschichten verwendet — was meint ihr? Würde ein solcher Minister nicht binnen wenigen Jahren den gewaltigsten Umschwung aller Verhältnisse bewirken, zu seinem eigenen Vorteil, zum Vorteil seines Volkes, zum Vorteil seines Herrn und Königs? Würde ein solcher Minister nicht in weniger als einem halben Menschenalter den Charakter der Weltgeschichte ändern? Ich hätte wohl das Herz, zum wiederholtenmale «Ja> zu sagen; denn es liegt mir nichts daran, von irgend einem glattgebügelten Säbelhelden oder dickleibigen Paradebeamten ein närrischer Ideologe gescholten zu werden.

[ 64 ] “Imagine a state”—there they are, the generals!—“imagine a state of the first or second rank. Imagine, in addition, a discerning minister”—the ministers are sitting there too—“who does not take credit for what brings harm or disgrace to a neighbor; in a word, a minister who devotes two-thirds of his immense military budget to the education of the lowest classes of the people—what do you think? Wouldn’t such a minister bring about, within a few years, the most profound transformation of all conditions—to his own advantage, to the advantage of his people, to the advantage of his sovereign and king? Wouldn’t such a minister change the course of world history in less than half a generation? I would certainly have the heart to say “Yes” once again; for I care not a whit about being scolded as a foolish ideologue by some smooth-talking sabre-rattler or portly ceremonial official.

[ 65 ] Inzwischen tröstet euch, ihr Zigeuner! Ihr seid in eurer Art nicht allein; ihr droht nicht auszusterben: aus allen Richtungen des Lebens fließen euch täglich neue Ergänzungsscharen zu!»

[ 65 ] Take heart, you Gypsies! You are not alone in your kind; you are not in danger of dying out: every day, new reinforcements flow to you from all walks of life!»

[ 66 ] Es ist schon eine Lebensauffassung, die in den Impulsen, in denen sie auf wirklichem Volkstum fußt, gute Wurzeln getrieben hat, die einen in gewissem Sinne berechtigen zu solchen Behauptungen, wie ich sie getan habe und wie ich sie nicht aus irgendeinem bloßen Gefühlsimpulse heraus machen will, sondern wie sie Stück für Stück belegt werden können.

[ 66 ] It is indeed a philosophy of life that has taken deep root in the impulses grounded in genuine folklore—impulses that, in a certain sense, justify assertions such as those I have made, which I do not wish to make merely on the basis of emotional impulse, but which can be substantiated point by point.

[ 67 ] Am nächsten Freitag um 7 Uhr finden wir uns wieder, und dann wollen wir weiter sprechen.

[ 67 ] We'll meet again next Friday at 7 a.m., and then we'll continue our discussion.