The Developmental-Historical Basis
of Social Judgment
GA 185a
23 November 1918, Dornach
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The Developmental-Historical Basis of Social Judgment, tr. SOL
Siebenter Vortrag
Seventh Lecture
[ 1 ] Ich habe in den letzten Betrachtungen von den verschiedensten Gesichtspunkten aus versucht, Ihnen die Ideen und Impulse ein wenig vorzuführen, welche seit langer Zeit die proletarischen Kreise bewegen, in den proletarischen Kreisen leben, und die gerade das Allerwesentlichste zu dem beitragen werden, was von der Gegenwart ab in die nächste Zukunft hinein weltbewegende Ereignisse sein werden. Ich möchte heute, um diese Betrachtungen dann morgen zu einer Art von Abschluß zu bringen, auf manches hinweisen, was gewissermaßen aus der Vergangenheit her an Kräften für die Gegenwart vorhanden ist, was für den genauer, namentlich für den geisteswissenschaftlich Beobachtenden, wahrnehmbar ist an die Geschicke der Menschheit bestimmenden Kräften, die sich in der Vergangenheit vorbereitet haben, jetzt da sind, die aber eigentlich nicht so an der Oberfläche liegen, wie die meisten Menschen heute glauben, die aber berücksichtigt werden müssen von jedem, der an irgendeinem Punkte der Weltentwickelung, und an einem Punkte steht ja jeder, wird teilnehmen wollen bei der Gestaltung der Ereignisse — man kann schon von solcher Gestaltung der Ereignisse sprechen —, die sich von der Gegenwart in die Zukunft hinein bilden wird.
[ 1 ] In my recent reflections, I have attempted, from a wide variety of perspectives, to present to you some of the ideas and impulses that have long been stirring within proletarian circles, that live on in those circles, and that will contribute the very essence of what will be world-shaking events from the present into the near future. Today, in order to bring these reflections to a sort of conclusion tomorrow, I would like to point out a number of things that, in a sense, are present in the present as forces stemming from the past—things that are perceptible, especially to the observer with a spiritual-scientific perspective, among the forces determining the destiny of humanity, which have been preparing themselves in the past, are present now, but which are not actually as obvious on the surface as most people today believe; yet they must be taken into account by anyone who, at any point in the development of the world—and indeed, everyone stands at such a point—wishes to participate in shaping the events—one can indeed speak of such a shaping of events—that will unfold from the present into the future.
[ 2 ] Dasjenige, was geschieht, geschieht ja immer aus bestimmten Kräften heraus, die da oder dort ihr Zentrum haben und die dann ausstrahlen nach den verschiedensten Richtungen hin. Wir haben gesehen, wie in den letzten viereinhalb katastrophalen Jahren gewissermaßen nach den verschiedensten Richtungen hin sich lang, lang vorbereitende Kräfte entladen haben, wie sie die verschiedenste Form angenommen haben, so daß tatsächlich dasjenige, was in den letzten viereinhalb Jahren geschehen ist, deutlich voneinander unterscheidbare Epochen, wenn sie auch der Zeit nach kurz sind, zeigt, und man nicht damit auskommt, wenn man etwa in Bausch und Bogen diese Ereignisse der viereinhalb letzten Jahre eben einfach als den «Krieg» der letzten Jahre bezeichnet. Die Ereignisse sind an einem gewissen Punkte, ich möchte sagen, zu einer kriegerischen Entzündung gekommen. Dann aber traten zu den Dingen, die zuerst, ich möchte sagen, mehr illusionär in die Menschenbewußtseine hereinleuchteten und die auch in der allerillusionärsten Weise von den breitesten Kreisen gedeutet worden sind, ganz andere Kräfte hinzu. Die Entschlüsse der Menschen, die Willensimpulse der Menschen wurden in verhältnismäßig kurzer Zeit ganz anders, als sie vorher waren.
[ 2 ] What happens always arises from certain forces that have their center here or there and then radiate out in a wide variety of directions. We have seen how, over the last four and a half catastrophic years, forces that had been preparing for a very, very long time have, in a sense, discharged themselves in the most diverse directions, taking on the most varied forms, so that what has actually happened in the last four and a half years reveals clearly distinguishable epochs—even if they are brief in terms of time— and it is not sufficient to simply lump all these events of the past four and a half years together and call them the “war” of recent years. At a certain point, I would say, the events reached a point of warlike ignition. But then, in addition to the events that initially—I would say—shone into people’s consciousness in a more illusory way and were interpreted in the most illusory manner by the broadest circles, entirely different forces came into play. People’s decisions and their impulses of will changed in a relatively short time to become quite different from what they had been before.
[ 3 ] Das alles will sorgfältig berücksichtigt werden. Man wird nämlich in der Zukunft sehen, daß da und dort diese oder jene Willensrichtungen auftauchen werden. An einer Stelle, in einem Zentrum wird man das, in einem anderen Zentrum jenes wollen. Diese Willensimpulse, die von Menschengruppen ausgehen werden, die werden sich in der mannigfaltigsten Weise durchdringen, gegenseitig bekämpfen. An eine Harmonie der wirksamen Kräfte ist dabei nicht im allerentferntesten zu denken, sondern es ist zunächst nur daran zu denken, daß der einzelne sich wirklich Verständnis für dasjenige erwirbt, was da oder dort auftritt. Heute sind die wenigsten Menschen überhaupt vorbereitet dazu, das oder jenes in der richtigen Weise zu taxieren, was auftreten wird, denn man hat sich zu sehr gewöhnt, die Dinge nach vorgefaßten Meinungen, nach Schlagworten zu beurteilen. Man hat im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts und bis heute sich nach und nach so erzogen, daß man den Blick abgelenkt hat von demjenigen, worauf es eigentlich ankommt. Dadurch ist man auch kaum irgendwo heute leicht in die Lage versetzt, das Gewicht der Willensimpulse, die von dieser oder jener Menschengruppe ausgehen, in der richtigen Weise zu taxieren. Dafür hat der Verlauf der letzten Ereignisse hinlängliche Beweise geliefert. Diese Beweise werden einmal von der Geschichte verzeichnet werden. Vielleicht schneller, als die Menschen glauben, werden sie von der Geschichte verzeichnet werden. Aber für denjenigen, der sich ein irgendwie die Ereignisse berührendes Urteil bilden will, für den ist es notwendig, daß er heute schon den Willen entwickelt, die Freignisse zu taxieren, die Ereignisse abzuschätzen.
[ 3 ] All of this must be carefully taken into account. For in the future, we will see that here and there, this or that direction of will will emerge. In one place, in one center, people will want one thing; in another center, they will want another. These impulses of will, which will emanate from groups of people, will interpenetrate and conflict with one another in the most diverse ways. There is not the remotest possibility of harmony among the active forces at play; rather, the primary concern must be for the individual to truly develop an understanding of whatever arises here or there. Today, very few people are at all prepared to assess this or that in the proper way as it arises, for people have become too accustomed to judging things according to preconceived opinions and catchphrases. Over the course of the nineteenth century and up to the present day, people have gradually trained themselves to the point where they have diverted their attention from what really matters. As a result, it is hardly possible anywhere today to properly assess the weight of the impulses of will emanating from this or that group of people. The course of recent events has provided ample evidence of this. This evidence will one day be recorded by history. Perhaps sooner than people believe, it will be recorded by history. But for anyone who wishes to form a judgment that in any way relates to these events, it is necessary to develop, even today, the will to assess the facts and evaluate the events.
[ 4 ] Ich sage: Beweise finden sich für das, was ich eben gesagt habe, in Hülle und Fülle. Man braucht nur einen schlagenden Beweis zu liefern, einen Beweis, dessen Tragkraft leider, leider noch allzusehr in die Gegenwart hereinragt, indem in dieser Hinsicht noch immer an den Orten, wo die Urteile nicht getrübt sein sollten, diese Urteile vielfach getrübt sind. Wir haben nämlich im Laufe der letzten Jahre die betrübende Erfahrung gemacht, daß gerade Menschen, die in verantwortungsvollen Stellungen waren da oder dort auf den verschiedensten Gebieten, daß Leute, die das oder jenes zu lenken oder zu leiten hatten oder auch nur das oder jenes zu beurteilen hatten — denn vom Urteil hängt ja sehr viel ab, von der sogenannten wahren öffentlichen Meinung, die manchmal eigentlich die unausgesprochene Gedankenmeinung der Menschen ist und die doch eine gewisse tiefe Bedeutung hat —, wir haben die Erfahrung gemacht und sie wirkt eben in die Gegenwart noch herein, daß sich Leute an maßgebenden Stellen oder auch an nichtmaßgebenden Stellen, die aber doch in Betracht kommen, über alles, über was sie hätten ein gesundes Urteil haben sollen, sich Illusionsurteile gebildet haben. Ich habe zum Beispiel berührt die Tatsache, daß gerade dem deutschen Volke vom Auslande dadurch ein übles Urteil angehängt worden ist, das mehr als man glaubt im Laufe der letzten Ereignisse gewirkt hat: das ist das Urteil über den deutschen Kaiser. Dieses Urteil über den deutschen Kaiser, es berichtigt sich ja jetzt durch die allerletzten Ereignisse ein wenig, aber es fängt eigentlich erst an, sich zu berichtigen. Das Übelste an diesen Urteilen war dasjenige, was geradezu verheerend gewirkt hat, daß man diesen Mann für einen bedeutenden Mann gehalten hat. Hätte man ihn nicht für einen bedeutenden Mann, sondern für einen höchst unbedeutenden, überhaupt für die Ereignisse gar nicht in Betracht kommenden Menschen gehalten, wie er war seit seinem Regierungsantritt durch alle Jahre hindurch, so würde auch nicht jenes schlimme Urteil des Auslandes zustandegekommen sein, welches — die Geschichte wird es schon ausweisen — größere Verheerungen angerichtet hat, als man sich heute noch irgendwie vorstellen kann.
[ 4 ] I say: There is an abundance of evidence for what I have just said. One need only provide one compelling piece of evidence—evidence whose significance, alas, alas, still extends far too deeply into the present, in that, in this regard, even in places where judgments ought not to be clouded, such judgments are often clouded. For in the course of recent years, we have had the sad experience that it is precisely those people who held positions of responsibility here and there in a wide variety of fields—people who were tasked with directing or managing this or that, or even merely with judging this or that — for a great deal depends on judgment, on so-called true public opinion, which is sometimes actually the unspoken mental opinion of the people and which nevertheless has a certain profound significance —, we have found—and this continues to have an impact even today—that people in positions of authority, or even in non-authoritative positions that nonetheless carry weight, have formed illusory judgments about everything on which they should have exercised sound judgment. I have, for example, touched upon the fact that the German people, in particular, have been saddled by foreign countries with a negative judgment that has had a greater impact than one might think in the course of recent events: namely, the judgment regarding the German Emperor. This judgment regarding the German Emperor is now being corrected somewhat by the very latest events, but it is actually only just beginning to be corrected. The worst aspect of these judgments—the one that has had a downright devastating effect—was that this man was regarded as a man of significance. Had he not been regarded as a man of significance, but rather as a highly insignificant figure—a man who was, in fact, completely irrelevant to the course of events, as he had been throughout all the years since his accession to the throne—then that terrible judgment from abroad would never have come about, a judgment which—as history will surely show—has wrought greater devastation than one can even begin to imagine today.
[ 5 ] Nicht wahr, es wird allerdings ein wenig zur Berichtigung beitragen, wenn man hinsehen wird auf die heillose Angst, die wenige Leute in Deutschland hatten, als dieser Mann, noch in den letzten Tagen sich sträubend gegen den Rücktritt, ins Hauptquartier floh, um im Hauptquartier möglicherweise irgendeine Auskunft zu finden, sich doch zu halten, die alten Zustände irgendwie doch zu halten. Wenn man richtig taxieren konnte die Stimmen derjenigen, die ja immer rieten, er soll nach Berlin zurückkehren, wohin er gehört, so muß man sagen, daß daran sich eben das Gewicht von notwendigen Urteilen zeigt. Die Dinge müssen eben nicht nur gedacht werden, sie müssen taxiert werden, sie müssen gewogen werden. Es ist im höchsten Grade leichtsinnig, wenn zum Beispiel in einer Basler Zeitung gestern ein Artikel erschienen ist gewissermaßen zur Entschuldigung des deutschen Kaisers und zu einer Anklage des deutschen Volkes. Dieses deutsche Volk hat wahrhaftig genug gelitten durch Jahrzehnte hindurch durch all dasjenige, was gerade durch die Unbedeutendheit und durch die theatralische Aufbauschung aller Verhältnisse, durch das unleidige Tyrannisieren geleistet worden ist. Und wenn von einem «Deutschen im Auslande», so wie es in dieser Basler Zeitung gestern geschehen ist, dieses deutsche Volk jetzt angeklagt wird in der dümmsten Weise, um die törichte Behauptung zu tun, daß dieser Mann bloß ein Exponent des deutschen Volkes gewesen wäre — was er durchaus nicht gewesen ist —, so ist das ein bodenloser Leichtsinn, der unbedingt gerügt werden muß. Es kommt heute darauf an, daß solch leichtsinnige Urteile nicht gerade in den angrenzenden Ländern Platz greifen, daß die Menschen hinschauen auf solche Urteile, die die ganze Atmosphäre, in die wir eintreten müssen, geeignet sind zu verpesten.
[ 5 ] Isn’t it true, however, that it will contribute somewhat to setting the record straight if one considers the desperate fear that a few people in Germany felt when this man—still resisting resignation in his final days—fled to headquarters, perhaps in the hope of finding some way there to hold on, to somehow preserve the old order after all. If one could properly assess the voices of those who always advised him to return to Berlin, where he belongs, then one must say that this is precisely where the weight of necessary judgments becomes apparent. Things must not only be thought through; they must be assessed, they must be weighed. It is extremely reckless, for example, that an article appeared yesterday in a Basel newspaper that, in a sense, served as an excuse for the German Emperor and an indictment of the German people. This German people has truly suffered enough over the decades from all that has been inflicted upon them—precisely through the trivialization and theatrical exaggeration of every situation, and through relentless tyranny. And when a “German abroad,” as was the case in that Basel newspaper yesterday, is now used to accuse the German people in the most foolish manner—in order to make the absurd claim that this man was merely a representative of the German people—which he most certainly was not—this constitutes a profound recklessness that must absolutely be condemned. What matters today is that such reckless judgments do not take root, especially in neighboring countries, and that people take note of such judgments, which are capable of poisoning the very atmosphere into which we must enter.
[ 6 ] Diese Dinge müssen wirklich heute mit einem durchdringenderen Blick angesehen werden. Man muß nicht schlafen diesen Dingen gegenüber, man muß wachen. Man muß wirklich diese Dinge mit einem nicht emotionellen, aber mit einem wirklich verstandesmäßigen Temperament aufzunehmen in der Lage sein, und man muß eine Entrüstung empfinden, gedankenmäßig empfinden, wenn derlei Torheiten heute in die Welt gesetzt werden, die geeignet sind, ein sachgemäßes Urteil vollständig zu verrücken. Und ein sachgemäßes Urteil ist heute vor allen Dingen notwendig. Versuchen Sie es einmal, die Dinge wirklich so zu nehmen, wie sie heute genommen werden sollen, indem man sie in ihrem Gewichte nimmt, indem man nicht über die Dinge, die Stimmung machen, die Meinungen in der Welt verbreiten, mit einem gleichgültigen Humor, der kein Humor ist, hinweggeht und alle fünfe gerade sein läßt, da es sich doch um Ereignisse handelt, die, jedes einzelne an sich, von einer ungeheueren, weittragenden, welthistorischen Bedeutung sein können. Diese Dinge müssen heute auch auf einem eindringlicheren Hintergrunde beobachtet werden. Und ich möchte so gerne es erleben, daß in den Herzen derer, die sich zur Anthroposophie bekennen wollen, etwas einzöge von dem, was ich ein welthistorisches Urteilsvermögen nennen möchte. Ich möchte, daß etwas einzöge in Ihre Herzen von dem, was die Wichtigkeit des Augenblickes ausmacht, daß wirklich hinausgekommen werde über die Stimmung, die niemals vorhanden war da, wo ich versuchte, anthroposophisch orientierte Weltanschauung in die Welt zu bringen, daß hinausgekommen werde über die Stimmung, die das, was in der Anthroposophie vorgebracht wird, nur nimmt wie eine Sonntagsnachmittagspredigt, wie etwas, was nur zur Wärmung der Herzen und zur Beruhigung, zur Temperierung der Seelen bestimmt ist. Nein, alles gerade auf dem Boden anthroposophisch orientierter Weltanschauung war dazu bestimmt, die Herzen und die Seelen hineinzuleiten in jene Weltenströmung, die sich heraufzog seit dem Ende des neunzehnten Jahrhunderts, die hinwies immer mehr und mehr auf die bedeutenden, großen Ereignisse, die zur Erschütterung der Menschheit kamen und noch immer mehr und mehr kommen werden. Alles war darauf abgesehen, die Herzen hinzulenken auf die Kräfte, die wirken, nicht bloß auf irgendein Gern-Hören desjenigen, was so ein wenig die Seelen temperiert und was so ein wenig die Herzen erwärmt, damit man, wenn man aufgenommen hat, was anthroposophisch orientierte Weltanschauung bietet, dann mit einer gewissen beruhigteren Seele schlafen kann, als man sonst schlafen kann. Der einzelne ist heute gar nicht in der Lage, bloß auf sich zu sehen, bloß gewissermaßen eine Art neue Religion zu empfangen zur Beruhigung seines einzelnen Herzens. Dasjenige, was von der Menschheit gefordert wird, ruft den einzelnen auf, teilzunehmen an demjenigen, was durch die menschliche Sozialität wogt und wallt.
[ 6 ] These matters really must be viewed today with a more penetrating gaze. One must not remain indifferent to these matters; one must be vigilant. One must truly be able to approach these matters not with an emotional, but with a truly rational mindset, and one must feel indignation—intellectually—when such follies are put forth in the world today that are capable of completely distorting sound judgment. And sound judgment is necessary above all else today. Try, just once, to take things truly as they should be taken today—by weighing them for what they are, by not brushing aside the things that set the tone and spread opinions throughout the world with an indifferent “sense of humor” that is no humor at all, and by not turning a blind eye, since these are, after all, events that, each and every one of which, in and of itself, can be of immense, far-reaching, world-historical significance. These things must also be observed today against a more urgent backdrop. And I would so dearly love to see something take root in the hearts of those who wish to profess their commitment to anthroposophy—something I would call a world-historical capacity for judgment. I would like something to take root in your hearts—something that captures the importance of the moment—so that we may truly move beyond the mindset that has never existed wherever I have sought to bring an anthroposophically oriented worldview into the world; so that we may move beyond the mindset that treats what is presented in anthroposophy is taken merely as a Sunday afternoon sermon—as something intended solely to warm the hearts, to soothe, and to temper the souls. No, everything—precisely on the basis of an anthroposophically oriented worldview—was intended to guide hearts and souls into that cosmic current that has been gathering since the end of the nineteenth century, a current that pointed more and more toward the significant, great events that have shaken humanity and will continue to do so with ever-increasing intensity. Everything was aimed at directing hearts toward the forces at work, not merely toward a casual listening to whatever might slightly soothe the soul and slightly warm the heart, so that, having taken in what the anthroposophically oriented worldview offers, one might then sleep with a somewhat calmer soul than one otherwise would. Today, the individual is in no position to look only to himself, to simply receive, as it were, a kind of new religion for the sake of soothing his own heart. What is demanded of humanity calls upon the individual to participate in what surges and swells through human social life.
[ 7 ] Dazu ist eben notwendig, daß man die Dinge auf einem größeren Hintergrund betrachtet. Ich gebe ja zu, daß es notwendig war im Lauf der letzten Jahre, unter den Impulsen, die anthroposophisch orientierte Weltanschauung herantragen soll zu den Herzen der Menschen, schnell hintereinander, weil die Zeit drängte, vieles zu bringen, schnell die Ideen einander ablösen zu lassen. Hätte man manchmal zu demjenigen, was man im Laufe einer Woche vorzubringen hatte, einen Monat oder noch länger Zeit gehabt, hätte man es in kleinen Portionen bieten können, was durch den Drang der Zeit notwendigerweise schnell an die Herzen herangebracht werden mußte, es wäre vielleicht tiefer in die Seelen hineingezogen. Aber das ging ja nicht. Die Zeit drängte, und die Ereignisse haben bewiesen, daß die Zeit drängte. Ich gebe zu, daß durch die Schnelligkeit, mit der die Lehren der anthroposophisch orientierten Weltanschauung an die Mitglieder der anthroposophischen Bewegung herangetreten sind, wirklich zuweilen die Tatsache vorlag, daß das Spätere das Frühere ausgelöscht hat. Allein man kann nicht in einer so ernsten Sache sein, ohne seinen ganzen Sinn zu ändern. Und in gewissem Sinne erneuert sich in der Gegenwart das Wort, welches zur Zeit der Begründung des Christentums immer wieder und wieder gesprochen werden mußte: Ändert den Sinn. Darauf allein kommt es nicht an, daß wir inhaltlich diese oder jene Lehre aufnehmen; darauf kommt es an, daß wir die ganze Sinnesrichtung ändern, daß wir alles abstreifen, was bestimmend war für die Richtung unseres Urteils aus dem neunzehnten Jahrhundert heraus, was man wirklich nennen kann, wie ich es vorhin anläßlich einer Ansprache eben benannt habe, das Jahrhundert der unanständigen Psychologie, der unanständigen Seelenrichtung, wo man, wenn man in die menschliche Seele hineingeschaut hat, wegen jenes mangelnden Vertrauens zu den göttlich-geistigen Kräften der Seele, von dem ich gestern sprach, innerhalb der menschlichen Seelen nur Willkür oder nur Ohnmacht oder nur Tatlosigkeit sehen kann, wo man niemals so etwas begriffen hat wie das Fichtesche Wort: «Der Mensch kann, was er soll; und wenn er sagt: ich kann nicht, so will er nicht.» — Dieses neunzehnte Jahrhundert war ein Jahrhundert großer wissenschaftlicher Errungenschaften. Allein diese Errungenschaften waren derart, daß sie den Willen der Menschen gelähmt haben und daß sie den Glauben erweckt haben, alles das, was aus der Menschenbrust kommt, komme nur als rein Zufälliges aus dieser Menschenbrust heraus. Daß aus jeder Menschenbrust heraus das GöttlichEwige strahle und daß jeder Mensch verantwortlich ist, das Göttlich-Ewige durch sich darzustellen, das ist es, was das neunzehnte Jahrhundert vollständig unterdrückt hat, das ist es, was das GoetheZeitalter hineingeführt hat in das Zeitalter des Spießertums; das ist es, was macht, daß die heutige Intelligenz so unvorbereitet ist für alles das, was ich Ihnen angegeben habe und was durch Millionen und Abermillionen Proletarierseelen als Impuls zieht.
[ 7 ] To do this, it is necessary to view things against a broader backdrop. I do admit that over the past few years, driven by the impulse to bring the anthroposophically oriented worldview to people’s hearts, it was necessary—because time was pressing—to present many things in rapid succession, allowing the ideas to follow one another in quick succession. If, at times, we had had a month or even longer to present what we had to convey in the course of a week—if we could have offered in small portions what, due to the urgency of the situation, necessarily had to be brought quickly to people’s hearts—it might have penetrated more deeply into their souls. But that was not possible. Time was of the essence, and events have proven that time was of the essence. I admit that, due to the speed with which the teachings of the anthroposophically oriented worldview were presented to the members of the anthroposophical movement, it was indeed sometimes the case that what came later overshadowed what came before. Yet one cannot be involved in such a serious matter without changing one’s entire outlook. And in a certain sense, the words that had to be repeated over and over again at the time of Christianity’s founding are being renewed in the present: “Change your outlook.” What matters is not merely that we adopt this or that doctrine in substance; what matters is that we change our entire orientation of mind, that we cast off everything that determined the direction of our judgment from the nineteenth century onward—what one can truly call, as I just mentioned in an earlier address, the century of indecent psychology, of indecent spiritual orientation, where, when looking into the human soul—due to that lack of trust in the divine-spiritual forces of the soul of which I spoke yesterday—one can see within human souls only arbitrariness, or only powerlessness, or only inaction, where one has never grasped anything like Fichte’s words: “Man can do what he ought to do; and when he says, ‘I cannot,’ it is because he does not want to.” — This nineteenth century was a century of great scientific achievements. Yet these achievements were such that they paralyzed people’s will and gave rise to the belief that everything that comes from the human breast emerges from it merely by chance. That the Divine-Eternal radiates from every human heart, and that every human being is responsible for embodying the Divine-Eternal through themselves—this is what the nineteenth century completely suppressed; this is what led the Goethean era into the age of philistinism; this is what makes today’s intelligentsia so unprepared for everything I have described to you and for what drives millions upon millions of proletarian souls as an impulse.
[ 8 ] Verstehen, darauf kommt es zunächst in der Gegenwart an. Tun, dazu wird erst die Gelegenheit kommen, wenn die Menschen sich wirklich angestrengt haben zu verstehen. Nichts von dem, wovon heute zum Beispiel das Bürgertum glaubt, daß es gut sein könnte in der Zukunft, nichts von dem wird irgendwie angreifen diejenigen Impulse, die ich Ihnen in diesen Tagen als die Impulse des von unten nach oben strebenden Proletariats angegeben habe. Manches wirkte, wenn es nicht so tragisch wäre, tragikomisch, was heute an Quacksalberei ausgeht von denjenigen, die durch Jahrzehnte Gelegenheit gehabt hätten, zu lernen an den Ereignissen und die an diesen Ereignissen gar nichts gelernt haben.
[ 8 ] Understanding—that is what matters most in the present. Action—the opportunity for that will only come once people have truly made an effort to understand. Nothing that the middle class, for example, believes today might be good in the future—nothing of that sort—will in any way counteract the impulses that I have described to you in recent days as the impulses of the proletariat striving upward from below. If it weren’t so tragic, much of the quackery emanating today from those who have had decades to learn from events—and who have learned absolutely nothing from them—would seem tragicomic.
[ 9 ] So wollen wir denn heute einmal, um eine Vorbereitung zu schaffen für unmittelbar Aktuelles, das ich noch vorzubringen habe, ich möchte sagen, ein größeres Grundtableau uns schaffen, gewissermaßen einen Hintergrund schaffen. Sehen Sie, alles dasjenige, was in die moderne Sozietät hineinwirkt, was da wirkt als Kräfte, die sich entladen werden in der verschiedensten Weise gegen die Zukunft zu, das kommt heraus aus gewissen Grundkräften, die in der mannigfaltigsten Weise durcheinanderwirken. Ich habe gestern am Schlusse darauf hingewiesen, daß immer mehr und mehr vom Westen aus der Kampf inszeniert werden wird, der ein rein materieller Kampf ist und der die Menschheit in die materialistischen Kämpfe hineinstürzen wird: daß vom Osten her das Blut konterkarieren wird dasjenige, was da vom Westen her als wirtschaftlicher Kampf kommt. Dieses Wort, das in der Zukunft außerordentlich wichtig sein wird in sozialer Beziehung, das für jeden wichtig ist, der sich ein helles Urteil wird bilden wollen, dieses Wort müssen wir näher interpretieren. Ich habe Gelegenheit gehabt im Laufe der letzten Jahre, mit den allerverschiedensten Leuten über die Dinge zu sprechen, welche aus den wirkenden Kräften herausgeholt werden sollten, um der Zukunft da oder dort diese oder jene Richtung zu geben. Man war bei jeder Gelegenheit, wo es sich darum handelte, etwas Wirksames zu besprechen, geradezu furchtbar, ich möchte sagen, beklemmt von der Kurzsinnigkeit, die allmählich die Urteilskraft der modernen Menschheit angenommen hat. Man spricht heute ja selbstverständlich gern davon, daß derjenige, der irgendwie mitdenken will über das, was sich entwickelt, die volksmäßigen Verhältnisse da oder dort kennen soll. Allein gerade dieses Kennenlernen, die Leute suchen es ja gar nicht auf den Wegen, auf denen es heute notwendigerweise gesucht werden muß, und daher die grotesken und grandiosen Irrtümer. Der eine Irrtum, den ich Ihnen angeführt habe, der ist ja nur ein Teilirrtum. Man muß, um sich das ganze Gewicht dessen, was dabei in Betracht kommt, vor die Augen zu stellen, darauf hinweisen, daß jetzt ja eben die Zeit abläuft, in der ganze weite Massen in die unsinnigsten Urteile hineingetrieben worden sind.
[ 9 ] So today, in order to lay the groundwork for the immediately relevant points I still have to address, I would like to say that we should establish a broader framework—create a backdrop, so to speak. You see, everything that influences modern society—everything that acts as forces which will unleash themselves in the most diverse ways toward the future—stems from certain fundamental forces that interact in the most varied ways. I pointed out yesterday at the end that the struggle—which is a purely material one and will plunge humanity into materialistic conflicts—will increasingly be orchestrated from the West; and that from the East, the blood will counteract what is coming from the West as an economic struggle. This concept, which will be extraordinarily important in the future in social terms—and which is important for anyone who wishes to form a clear judgment—must be interpreted in greater detail. Over the past few years, I have had the opportunity to speak with a wide variety of people about the factors that should be drawn from the active forces in order to steer the future in one direction or another. On every occasion when it came to discussing something of practical significance, one was, quite frankly, overwhelmed—I would say oppressed—by the short-sightedness that has gradually taken hold of modern humanity’s power of judgment. Today, of course, people are quick to say that anyone who wishes to think critically about current developments should be familiar with the conditions of the people here and there. But it is precisely this process of getting to know the people that people do not even seek through the channels by which it must necessarily be sought today—and hence the grotesque and grandiose errors. The one error I have cited to you is, after all, only a partial error. To fully grasp the gravity of what is at stake here, one must point out that the period in which vast masses have been driven into the most absurd judgments is now coming to an end.
[ 10 ] Ich habe Ihnen gestern gezeigt, daß allerdings bei der Mehrheit der Menschen, denn das ist ja das Proletariat, Glaubenskraft ist, die sich nur auf rein materielle Dinge erstreckt. Ich habe Ihnen sagen müssen: Wenn die Glaubenskraft, die zum Beispiel mit marxistischen Impulsen beim Proletariat durch die Jahrzehnte sich herausgebildet hat, wenn diese Glaubenskraft nur im allergeringsten Maße irgendwie beim Bürgertum vorhanden gewesen wäre, es wäre etwas anders als dasjenige, was leider heute der Fall ist. Aber es wäre dann notwendig gewesen, daß gerade diejenigen Menschen, die Gelegenheit gehabt haben durch ihre soziale Stellung, diese Gelegenheit ausgenützt hätten — da sie es nicht getan haben, müssen sie es in der Zukunft tun —, um die Wege zum Urteilen zu betreten, auf denen einzig und allein wirkliches Urteil zu gewinnen ist; ich meine nicht Urteil über das oder jenes, sondern Urteil überhaupt. Bedenken Sie doch nur einmal, daß nicht ein Volk, sondern über eine ganze weite Fläche hin Menschen in der Lage waren, durch Jahre zwei Generäle für bedeutende Menschen zu halten, die höchst unbedeutende Menschen waren: Hindenburg und Ludendorff. Eine solche Verfälschung des Urteiles für ganze weite Menschenkreise, das ist ein Charakteristikon unserer Gegenwart. Hauptsächlich hängt dies damit zusammen, daß die Menschen nicht die Verantwortlichkeit fühlen bei der Bildung eines Urteils. Ich weiß selbstverständlich, daß zunächst gesagt werden kann: Ja, wenn schon jemand ein Urteil gehabt hätte, ein richtiges Urteil zum Beispiel über Ludendorff, der ja als eine pathologische Natur genommen werden muß, der als eine Natur genommen werden muß, die sozusagen seit Kriegsanfang nicht mehr anders als vom psychiatrischen Standpunkte aus zu beurteilen ist —, ich weiß, daß man sagen kann: Was hätte solch ein Urteil geholfen in einer Zeit, wo ein Urteil nicht ausgesprochen werden durfte. — Gewiß, das gilt, aber darauf kommt es nicht an, sondern darauf kommt es an, daß der Mensch zunächst das Urteil wenigstens in sich selber bildet; dann wird schon das andere kommen, daß er sich nicht bis in die innersten Gründe seiner Eigenheit hinein benebeln läßt. Und jetzt muß das um so mehr ausgesprochen werden, denn die Macht der Ereignisse hat es mit sich gebracht, daß einzelne Urteile berichtigt werden müssen bei den sogenannten Zentralmächten. Diese Macht der Ereignisse ist noch nicht da für die Berichtigung der Urteile der Entente und der amerikanischen Mächte. Und das würde ein ungeheures Unheil über die Menschheit bringen, wenn auch da abgewartet würde mit der Berichtigung der Urteile, bis die Macht der Ereignisse spricht; wenn jetzt etwa der Ausgang da wäre für eine Anbetung der Entente-Machthaber; wenn nicht in den Herzen der Entschluß reif würde, klar zu sehen, wie es sich da verhält. Wenn jetzt Anbetung des Erfolges auftritt, wenn die Bestimmung der Urteile auch nur durch den äußeren Gang der Ereignisse geschehen sollte, so müßte das für die Entwickelung der Menschheit von ungeheuer verheerenden Folgen sein. Das wird ja nicht ein Zeichen sein, wie der eine oder der andere unter der Knebelung des Urteiles sich wird äußern können, aber wenigstens in seiner Eigenheit sollte sich der Mensch ein unabhängiges Urteil über dasjenige bilden, was ist. Das bildet man sich, wenn man in sich selber fühlt, daß man nicht eine durch den Zufall in die Welt geschleuderte Persönlichkeit ist, die denken kann, was sie will, sondern wenn man fühlt, daß man ein Glied der göttlichen Weltordnung ist und daß die Kraft, welche ein Urteil hereinsetzt in dieses Herz, in diese Seele, eine Kraft ist, der man selbst mit seinen intimsten Gedanken verantwortlich ist. Im Laufe der Ereignisse der letzten viereinhalb Jahre geschah so manches. Das oder jenes hat sich da oder dort abgespielt. Man kann sagen: Fast nichts hat sich abgespielt, worüber zum Beispiel die deutsche Regierung oder die deutsche Heeresführung an verantwortungsvoller Stelle ein richtiges Urteil sich gebildet hat. Über alles hat sie falsch geurteilt und unter falschem Urteil weiter gehandelt. — Das sind schon Beweise dafür, wie wenig die Gegenwart und die jüngste Vergangenheit die Menschen dazu erzogen hat, die Dinge zu beurteilen.
[ 10 ] Yesterday I showed you that, for the majority of people—that is, the proletariat—the power of belief extends only to purely material things. I had to tell you: If the power of belief—which, for example, has developed among the proletariat over the decades through Marxist influences—had been present even in the slightest degree among the bourgeoisie, things would be somewhat different from what is unfortunately the case today. But it would then have been necessary for precisely those people who had the opportunity, by virtue of their social position, to have taken advantage of that opportunity—since they did not do so, they must do so in the future—to embark on the paths of judgment along which true judgment alone can be attained; I do not mean judgment about this or that, but judgment in general. Just consider for a moment that it was not a single nation, but people across a vast expanse who, for years, were able to regard two generals—Hindenburg and Ludendorff—as significant figures, when in fact they were utterly insignificant: Hindenburg and Ludendorff. Such a distortion of judgment among vast swaths of the population is a defining characteristic of our present age. This is primarily due to the fact that people do not feel a sense of responsibility when forming a judgment. I am, of course, aware that one might initially say: “Yes, even if someone had formed a judgment—a correct judgment, for example, about Ludendorff, who must be regarded as a pathological case, a person who, so to speak, since the beginning of the war can no longer be assessed except from a psychiatric standpoint”—I know that one might say: “What good would such a judgment have done at a time when it was forbidden to voice a judgment?” — Certainly, that is true, but that is not the point; rather, the point is that a person must first form that judgment, at least within themselves; then the rest will follow—that they do not allow themselves to be clouded even in the innermost reasons for their own uniqueness. And now this must be stated all the more emphatically, for the force of events has brought about a situation in which certain judgments must be corrected by the so-called Central Powers. This force of events has not yet brought about a correction of the judgments of the Entente and the American powers. And that would bring immense calamity upon humanity if, in that case as well, one were to wait to correct these judgments until the power of events speaks; if, for example, the outcome were now to lead to the worship of the Entente’s rulers; if the resolve did not mature in people’s hearts to see clearly how things really stand. If adoration of success were to arise now, if the determination of judgments were to be dictated even merely by the external course of events, this would have immensely devastating consequences for the development of humanity. This would not, of course, be a sign of how one person or another might express themselves under the suppression of judgment, but at least in their individuality, human beings should form an independent judgment about what is. One forms such a judgment when one feels within oneself that one is not a personality hurled into the world by chance, capable of thinking whatever one wills, but when one feels that one is a member of the divine world order and that the power which instills a judgment into this heart, into this soul, is a power for which one is responsible even with one’s most intimate thoughts. In the course of the events of the last four and a half years, many things have happened. This or that has taken place here or there. One could say: Almost nothing has taken place about which, for example, the German government or the German military leadership in positions of responsibility has formed a correct judgment. They have misjudged everything and continued to act on the basis of those false judgments. — This is already evidence of how little the present and the recent past have taught people to judge matters.
[ 11 ] Ich sagte, ich habe Gelegenheit gehabt, mit den verschiedensten Menschen zu sprechen. Die Menschen haben schon einmal äußerlich abstrakt die Meinung, man müsse kennenlernen, was zum Beispiel in den verschiedenen Volkskräften spielt. Da sind sie dann zufrieden, wenn der eine oder andere Journalist in diese oder jene Gegend geschickt wird und seine Zeitungsartikel schreibt, und die Menschen wissen gar nichts damit anzufangen, wenn man ihnen einfach auch auf dem Gebiete des geistigen Lebens mit demselben Prinzip kommt, mit dem man kommen muß zum Beispiel in der Mathematik, wo von elementaren Grundmaximen ausgegangen wird und zu den weitesten Schlüssen gekommen wird. Müssen Brücken gebaut werden oder Eisenbahnen, da geben die Menschen zu, daß zum Aufbau die Wissenschaft davon nötig ist, die von den einfachsten Dingen ausgeht, um dann zu den weittragendsten Schlüssen zu kommen. Aber Geschichte treiben, Geschichte machen wollen die Leute ohne irgendwelche Prinzipien und sie werden gar nichts damit machen können, wenn man ihnen sagt: Niemand kann die europäischen Verhältnisse beurteilen, der nicht wenigstens das Elementare weiß, daß auf der italienischen Halbinsel die Empfindungsseele das vorzugsweise volksmäßig Wirksame ist, in Frankreich die Verstandes- oder Gemütsseele, im Britischen Reiche die Bewußtseinsseele und so weiter —, wie wir das kennengelernt haben. Diese Dinge liegen zugrunde demjenigen, was geschieht, wie das Einmaleins zugrunde liegt dem Rechnen. Und bevor man nicht mit Bezug auf Kenntnis der realen Verhältnisse in der Welt von diesen Dingen ausgeht, ist man, welche Stelle man auch einnimmt im Gefüge des sozialen oder politischen Lebens der heutigen Zeit, ein unfähiger Mensch, geradeso wie man ein unfähiger Mensch beim Brückenbau wäre, wenn man nicht die einfachsten Dinge der Mathematik kennen würde. Die Menschen müssen dazu kommen, dieses einzusehen; sie müssen das durchschauen lernen. Denn davon hängt die Zukunft der Menschheit ab, daß die Menschen dieses durchschauen können. Das ist es, worauf es ankommt.
[ 11 ] I said that I’ve had the opportunity to speak with a wide variety of people. People tend to hold the abstract, superficial view that one must understand, for example, what is happening within the various social forces. They are satisfied when one journalist or another is sent to this or that region to write newspaper articles, and people have no idea what to make of it when the same principle is applied to the realm of intellectual life—the same principle that must be applied, for example, in mathematics, where one starts from elementary principles and arrives at the most far-reaching conclusions. When bridges or railroads need to be built, people admit that the science behind them is necessary—a science that starts with the simplest things in order to reach the most far-reaching conclusions. But when it comes to engaging with history or shaping history, people want to do so without any principles at all, and they will be completely at a loss if you tell them: No one can assess European conditions who does not know at least the basics—that on the Italian Peninsula the soul of feeling is the primary force at work among the people, in France the soul of understanding or sentiment, in the British Empire the soul of consciousness, and so on—as we have come to understand. These things underlie what is happening, just as the multiplication tables underlie arithmetic. And unless one proceeds from these things with an understanding of the real conditions in the world, one is, no matter what position one occupies in the fabric of contemporary social or political life, an incompetent person—just as one would be incompetent at building a bridge if one did not know the simplest principles of mathematics. People must come to realize this; they must learn to see through it. For the future of humanity depends on people being able to see through this. That is what matters.
[ 12 ] Denn allein, wenn man erst diese Grundtatsachen kennt, dann kennt man die verschiedenen Kräfte, die hereinstrahlen in dasjenige, was geschieht. Sie können den Weg einer Hökerfrau vom Land zur Stadt nicht in richtiger Weise beurteilen, wenn Sie nicht imstande sind, den Gang der Hökerfrau vom Lande zur Stadt hineinzustellen in das Gefüge des sozialen Lebens. Es war der Menschheit bis zu einem gewissen Grade gestattet, in atavistisch-schläfrigem Zustande das soziale Leben zu durchleben, und diesen Zustand haben sich die Menschen im neunzehnten Jahrhundert, um tiefer auszuschlafen, konserviert. Es wird der Menschheit in der Zukunft nicht gestattet sein, in dieser Weise weiterzuleben, sondern es wird ihr die notwendige Verpflichtung auferlegt, mitzudenken, was die Hierarchien der Angeloi, Archangeloi, Archai und so weiter für den Gang der Entwickelung der Menschheit ihrerseits denken und was sie hineinstrahlen lassen in das, was die Menschen tun. Das Kleinste muß an das Größte geknüpft werden in der alltäglichen Beurteilung. Wenn Sie heute in diesen oder jenen Ländern Räte, Arbeiter- und Soldatenräte auftauchen sehen, wenn Sie in die Gefahr, daß überall, mit Ausnahme der Länder der Entente, Arbeiter- und Soldatenräte auftauchen, kommen werden, dann müssen Sie das Gewicht einer solchen Tatsache in der richtigen Weise würdigen können. Ein Urteil zu gewinnen über diese Dinge, das ist es, was vor allen Dingen notwendig ist. Fragen Sie nicht zunächst: Was istzu tun? — Was zu tun ist, wird schon kommen, wenn nur ein wirkliches Urteil, aber ein Urteil so vorhanden ist, daß das Kleinste an die großen Linien des Weltgeschehens geknüpft werden kann. Das große Weltgeschehen, das ist das Eigentümliche unserer Zeit, wird in diesen Tagen aktuell; es wird nicht mehr eine bloße Theorie sein, sondern es wird aktuell.
[ 12 ] For only when one knows these basic facts does one understand the various forces that influence what is happening. You cannot properly assess a country peddler’s journey from the countryside to the city unless you are able to place that journey within the fabric of social life. Humanity was permitted, to a certain extent, to live through social life in an atavistic, slumbering state, and people in the nineteenth century preserved this state in order to sleep more deeply. In the future, humanity will not be permitted to continue living in this way; rather, it will be subject to the necessary obligation to consider what the hierarchies of the Angeloi, Archangeloi, Archai, and so on think, for their part, regarding the course of human development, and what they allow to radiate into what people do. In our daily assessments, the smallest details must be linked to the greatest. If you see councils—workers’ and soldiers’ councils—emerging today in this or that country, if you face the danger that workers’ and soldiers’ councils will spring up everywhere except in the Entente countries, then you must be able to properly appreciate the significance of such a fact. Forming a judgment about these things—that is what is necessary above all else. Do not ask at first: What is to be done? — What is to be done will become clear in due course, provided only that a genuine judgment exists—a judgment such that even the smallest detail can be linked to the broad outlines of world events. The great course of world events—which is the defining feature of our time—is becoming a reality these days; it will no longer be a mere theory, but will become a reality.
[ 13 ] In den Gang der europäischen Ereignisse zum Beispiel — die amerikanischen sind ja nur ein kolonialhafter Anhang der europäischen Ereignisse — spielen Kräfte herein, die sich lange, lange vorbereitet haben. Der Beobachter der europäischen Verhältnisse — wir haben von den verschiedenen Gesichtspunkten gerade in diesen Tagen darauf hinzudeuten — sollte auf die besondere Konfiguration, sagen wir, der sozialen Verhältnisse im Britischen Reich achthaben, er sollte auf die besondere Konfiguration der sozialen Verhältnisse im Osten Europas, in Rußland und in der Mitte Europas wohl achthaben, sollte acht darauf haben, welche Kräfte da hereinspielen. Denn an der Oberfläche der Ereignisse maskieren sich diese Ereignisse vielfach, und wer nur die Oberfläche der Ereignisse beobachtet, der wird leicht zu, wie man sagt, Schlagworten, man kann ja auch sagen Schlagvorstellungen, Schlagbegriffen kommen, durch die er die Ereignisse beherrschen will. In den Köpfen der Menschen spielt heute vielfach recht oberflächliches Zeug. Aber in den Impulsen der Menschen, da spielen Kräfte, die sich seit Jahrhunderten nicht bloß, sondern seit Jahrtausenden vorbereitet haben und die heute gerade erst ihre ganz signifikante Gestalt annehmen werden.
[ 13 ] In the course of European events, for example—since American events are, after all, merely a colonial-like appendage to European events—forces come into play that have been preparing for a long, long time. Anyone observing European conditions—and we have been pointing this out from various perspectives in recent days—should pay attention to the particular configuration, shall we say, of social conditions in the British Empire; they should pay close attention to the particular configuration of social conditions in Eastern Europe, in Russia, and in Central Europe; and they should be mindful of the forces at play there. For on the surface of events, these events are often masked, and anyone who observes only the surface of events will easily resort to—as one might say—slogans, or one might also call them catchphrases or catch-all terms, through which they seek to master the events. Today, people’s minds are often filled with rather superficial stuff. But at the root of human impulses, there are forces at work that have been building not just for centuries, but for millennia, and which are only now beginning to take on their truly significant form.
[ 14 ] Sehen Sie, es ist keineswegs die Möglichkeit vorhanden, daß sich jenes internationale Wesen, das ich Ihnen charakterisiert habe als die Stimmung des Proletariats, das vorzugsweise von marxistischen Ideen genährt ist, im weitesten Umfange natürlich marxistischen Ideen, wirklich über ganz Europa etwa verbreitet. Das ist eine Illusion des Proletariats. Und da das Proletariat eine gewisse Macht darstellen wird, so ist das eine sehr verderbliche Illusion des Proletariats. Übersehen wir das nicht, daß das Schlimmste herauskommen würde, wenn diese Illusion des Proletariats über die Welt Herrschaft gewinnen würde, denn man wäre dann genötigt, diese Herrschaft wiederum zu überwinden. Besser wäre es, wenn man sehen würde, wie sich die Dinge vorbereiten und wie den Dingen begegnet werden kann. Selbst angenommen, daß die Impulse des Proletariats in gewissen Gegenden zur Herrschaft gelangen, was würde daraus geschehen? Nun gut, sie würden äußerlich zur Herrschaft gelangen, man kann ebensoviele Leute da oder dort abmurksen, wie der Bolschewismus in Rußland abgemurkst hat. Aber alle diese Ideen sind lediglich geeignet, Raubbau zu treiben, sind lediglich geeignet, das Alte zu verzehren und Neues nicht zu begründen. Wenn die Ideen des Proletariats soziale Gestaltung werden, sich einleben, so wird dasjenige, was an Werten da ist, nach und nach verbraucht werden, in einer schnellen Progression verbraucht werden. Bitte nehmen Sie nur solche Tatsachen — ich will Ihnen einzelne vorführen, sie könnten sehr vermehrt werden —, nehmen Sie eine einzige solche Tatsache: Die Staatskasse in Rußland hatte zum Beispiel noch im Jahre 1917 eine Einnahme von 2852 Millionen Rubel, im Unglücksjahre 1917: 2852 Millionen Rubel. Der Bolschewismus brach herein. Er trieb Raubbau. Die Staatseinnahmen von Rußland 1918: 539 Millionen Rubel! Das ist etwa der fünfte Teil des im vorherigen Jahre Eingenommenen. Sie können sich aus solchen Zahlen die Progression selber ausrechnen, die eintreten muß, wenn Raubbau getrieben wird. Man muß diese Dinge nicht nach den Urteilen, die sich obenhin bilden, betrachten, sondern man muß sie nach dem betrachten, wie der objektive Gang der Ereignisse in der Menschheitsgeschichte unter dem Einfluß dieser Tatsache verläuft. Man käme eben, wenn diese soziale Ordnung sich verbreitete, bei Null an, beim Nichts. Aber bevor dieses Nichts eintritt, treten die Reaktionen auf aus dem Unterbewußten der Menschen da oder dort, und in den sich ausbreitenden Proletarismus, der marxistisch durchsetzt ist, muß sich überall in den verschiedensten Zentren dasjenige wiederum hineinmischen, was in dem Glauben, in den Impulsen oder auch in den Illusionen oder selbst in den Narrheiten der Menschen durch Jahrhunderte, manchmal durch Jahrtausende sich vorbereitet hat. Es wird sich ja nicht hineinmischen in derselben Gestalt, in der es da war, aber es wird sich hineinmischen in verwandelter Gestalt. Daher muß man es kennen und muß in der Lage sein, es in der richtigen Weise zu taxieren.
[ 14 ] You see, there is absolutely no possibility that this international phenomenon—which I have described to you as the mood of the proletariat, a mood nourished primarily by Marxist ideas, and naturally by Marxist ideas in the broadest sense—will actually spread throughout all of Europe, for example. That is an illusion of the proletariat. And since the proletariat will come to represent a certain power, this is a very pernicious illusion of the proletariat. Let us not overlook the fact that the worst possible outcome would result if this illusion of the proletariat were to gain dominion over the world, for one would then be compelled to overcome that dominion in turn. It would be better to see how things are unfolding and how they can be addressed. Even assuming that the impulses of the proletariat were to gain dominance in certain regions, what would come of it? Well, they would gain dominance outwardly; one could slaughter just as many people here or there as Bolshevism slaughtered in Russia. But all these ideas are merely suited to exploitation; they are merely suited to consuming the old and failing to establish the new. If the ideas of the proletariat take on a social form and take root, then the existing values will be gradually consumed—consumed at a rapid pace. Please consider just these facts—I will present a few examples to you, though there are many more—take just one such fact: The Russian treasury, for example, still had revenue of 2,852 million rubles in 1917, in that fateful year of 1917: 2,852 million rubles. Bolshevism swept in. It engaged in predatory exploitation. Russia’s state revenue in 1918: 539 million rubles! That is about one-fifth of what was collected the previous year. You can calculate for yourselves from such figures the progression that is bound to occur when predatory exploitation takes place. One must not view these matters through the lens of the judgments formed at face value, but rather in light of how the objective course of events in human history unfolds under the influence of this fact. If this social order were to spread, one would simply end up at zero, at nothing. But before this nothingness sets in, reactions emerge from the subconscious of people here and there, and within the spreading proletarianism—which is permeated by Marxism—what has been prepared over the centuries, sometimes over millennia. It will not, of course, intermingle in the same form in which it existed, but it will intermingle in a transformed form. Therefore, one must understand it and be able to assess it correctly.
[ 15 ] Nun haben die Mächte, die jetzt zum Teil dem Untergang verfallen sind, zum Teil aber noch die Welt beherrschen, diese Mächte haben es sich ja immer zu ihrer mehr oder weniger bewußten oder unbewußten Aufgabe gemacht, die Menschen zu täuschen. Was ist nicht alles getäuscht worden auf dem Umwege des sogenannten geschichtlichen Unterrichtes! In allen möglichen Ländern ist ja Geschichte nichts weiter als eine Legende, ist Geschichte nur dazu da, um die Menschenköpfe so zu dressieren, daß sie mit ihren Gedanken diejenige Richtung einschlagen, die den Machthabern angenehm erscheint und als die richtige erscheint. Aber die Zeit ist gekommen, wo sich die Menschen ihr eigenes Urteil werden bilden müssen. Hier ist ja im Laufe der Jahre verschiedenes getan worden, gerade an dieser Stelle, um das eine oder andere Urteil richtigzustellen. Aber heute muß noch etwas anderes gefragt werden. Heute muß unter den — man weiß gar nicht wieviel man der Zahl nach sagen soll —, unter den hunderten von Fragen, die brennend auftauchen, vor allen Dingen auch die Frage gestellt werden: Wie sind die verschiedenen Herrschaftsverhältnisse, die verschiedenen sozialen Strukturverhältnisse entstanden, für die die Menschen da oder dort schwärmen oder geschwärmt haben oder schnell verlernt haben zu schwärmen in den letzten Wochen? — Die Menschheit hat ja durch Jahre von Schlagworten gelebt, Schlagworten wie «preußischer Militarismus» oder «deutscher Militarismus», «Völkerbund», «internationales Recht», nun, und so weiter, was eben nur Schlagworte waren. Das hat eigentlich die Köpfe der Menschen beherrscht und verwirrt. Wie gesagt, hier ist ja manches zur Berichtigung dieser Urteile gesagt worden. Das Wichtige ist aber, daß man einsähe, daß ja die Dinge in der nächsten Zeit natürlich nicht in derselben Gestalt auftreten werden, aber daß man sie kennen muß, damit man weiß, wenn sie in einer neuen Gestalt auftreten, daß sie es sind.
[ 15 ] Now, the powers—some of which have fallen into decline, while others still rule the world—have always made it their more or less conscious or unconscious mission to deceive people. What has not been distorted through the detour of so-called history lessons! In all sorts of countries, history is nothing more than a legend; history exists solely to condition people’s minds so that their thoughts take the direction that seems pleasing to those in power and appears to be the correct one. But the time has come when people will have to form their own judgments. Over the years, various efforts have been made here, in this very place, to correct one judgment or another. But today, another question must be asked. Today, among the—one doesn’t even know how many there are—hundreds of questions that are urgently arising, the question that must be asked above all else is: How did the various power structures and social structures come into being—the ones that people here and there have raved about, or used to rave about, or have quickly stopped raving about in recent weeks? — Humanity has, after all, lived for years on slogans—slogans like “Prussian militarism” or “German militarism,” “League of Nations,” “international law,” and so on—which were, in fact, nothing more than slogans. These have actually dominated and confused people’s minds. As I said, much has already been said here to correct these judgments. The important thing, however, is to realize that, of course, things will not appear in the same form in the near future, but that one must be familiar with them so that, when they appear in a new form, one will recognize them for what they are.
[ 16 ] Nicht wahr, es ist anzunehmen zum Beispiel, daß die HohenzollernDynastie nicht wiederum als solche auftaucht. Aber die Gefühle der Menschen, unter denen die Hohenzollern-Dynastie leben konnte, diese Gefühle der Menschen leben fort, maskieren sich in anderer Form. Oder, es ist nicht einmal sehr wahrscheinlich, daß, selbst unter dem bis zu einem gewissen Grade ja gewiß vorhandenen Willen der Entente, die unselige Habsburg-Dynastie wiederum irgendwie auftaucht. Aber darauf kommt es nicht an. Die Gefühle, welche in der Lage waren, in den Menschenherzen diese Habsburger-Dynastie zu halten, die werden weiterleben. Sie werden natürlich nicht darauf gehen, diese Habsburger-Dynastie wieder einzusetzen, aber sie werden mitwirken, diese selben Gefühle, an jener Reaktion gegen den Proletarismus, von der ich gesprochen habe; sie werden in einer ganz anderen Form wiederum auftreten. Daher ist es notwendig, dasjenige, was von den verschiedensten Zentren auftreten wird, wirklich mit gesundem Urteil zu durchschauen. Es handelt sich dann dabei darum, hinzuschauen auf die Verhältnisse, aber hinzuschauen mit einem durch die Wirklichkeit gerichteten Blick. Die Tatsachen als solche haben keinen Wert. Ich habe in meinen Büchern — Sie können das an den verschiedensten Stellen finden — von Tatsachenfanatismus gesprochen, der so verheerend wirkt. Dieser Tatsachenfanatismus wurzelt in dem Glauben, daß dasjenige, was man außen sieht, schon eine Tatsache ist. Es wird eine Tatsache erst dadurch, daß es ins richtige Urteil eingespannt wird. Das richtige Urteil muß aber hinter sich den Impuls der rechten Richtkraft haben.
[ 16 ] Isn’t it reasonable to assume, for example, that the Hohenzollern dynasty will not reappear as such? But the sentiments of the people—among whom the Hohenzollern dynasty was able to thrive—these sentiments live on, taking on a different form. Or, it is not even very likely that, even given the Entente’s desire—which certainly exists to a certain degree—the ill-fated Habsburg dynasty will somehow reappear. But that is not the point. The sentiments that were capable of keeping the Habsburg dynasty alive in people’s hearts will live on. They will not, of course, lead to the restoration of the Habsburg dynasty, but these very sentiments will contribute to that reaction against proletarianism of which I have spoken; they will reappear in a completely different form. Therefore, it is necessary to truly see through, with sound judgment, what will emerge from the most diverse centers. It is then a matter of looking at the circumstances, but looking with a gaze guided by reality. The facts as such have no value. In my books—you can find this in various places—I have spoken of “fact fanaticism,” which has such a devastating effect. This fact fanaticism is rooted in the belief that what one sees on the outside is already a fact. Something only becomes a fact when it is integrated into correct judgment. But correct judgment must be driven by the impulse of the right guiding force.


[ 17 ] Nehmen Sie ein Beispiel. Sie wissen, ich habe oft gesagt, daß in Mitteleuropa vorzugsweise alle völkischen Impulse dadurch bedingt sind, daß in diesem Mitteleuropa der Volksgeist durch das Ich wirkt im Gegensatz zu den verschiedensten Gebieten Westeuropas. Aber das Ich hat die Eigentümlichkeit, daß es, ich möchte sagen, auf- und abkreist unter den anderen Gebieten, die fest sind. Nehmen Sie also an: im Süden und Westen Empfindungsseele, Verstandes- oder Gemütsseele, Bewußtseinsseele, in der Mitte aber das Ich (es wird gezeichnet). Das Ich kann in der Bewußtseinsseele, in der Verstandesseele, in der Empfindungsseele sein. Es pendelt gewissermaßen auf und ab, es findet sich in alles hinein. Daher die Eigentümlichkeit: Wenn Sie nach dem Westen von Europa schauen, haben Sie, ich möchte sagen, scharfumrissene Volkskonturen. Da ist scharfumrissenes Volkstum, Volkstum, das Sie wirklich, ich möchte sagen, definieren können, das in einem guten Rahmen darinnen ist. Schauen Sie nach Mitteleuropa, vorzugsweise zum deutschen Volke, so haben Sie ein nach allen möglichen Seiten bestimmtes Wesen. Und jetzt verfolgen Sie die Geschichte, indem Sie diese Grundmaximen in der richtigen Weise beurteilen. Sehen Sie hin, wo Sie wollen, im Westen bis Amerika hinüber, im Osten bis nach Rußland, und sehen Sie an, wie da überall deutsches Volkstum als Ferment gewirkt hat. Es geht in diese fremden Gebiete hinein, ist heute drinnen, wird in der Zukunft wirken, auch wenn es sich entnationalisiert hat, wie man sagt; es geht in diese Gebiete hinein, weil das Ich auf- und abschwebt. Es verliert sich darinnen. Das finden Sie aus dem Grundwesen des Volkstums ganz genau heraus. Sehen Sie doch an, wie diese ganze russische Kultur durchsetzt ist von deutschem Wesen, wie Hunderttausende von Deutschen dort eingewandert sind im Laufe einer verhältnismäßig kurzen Zeit, wie sie bis in unendliche Tiefen hinein dem volksmäßigen Wesen das Gepräge gegeben haben. Sehen Sie nach dem ganzen Osten, so werden Sie überall dieses Gepräge finden, und gehen Sie selbst auf die Jahrhunderte zurück, fragen Sie heute an, gehen wir zum Beispiel nach Ungarn, wo angeblich eine magyarische Kultur ist. Diese magyarische Kultur beruht vielfach darauf, daß alles mögliche Deutsche dort als Ferment hineingegangen ist. Der ganze Nordrand Ungarns ist von den sogenannten Zipser-Deutschen bewohnt, die natürlich dann majorisiert, tyrannisiert, entnationalisiert worden sind, die Unsägliches gelitten haben, die aber ein Kulturferment abgaben. Gehen wir weiter nach dem Osten, Siebenbürgen, da finden wir die Siebenbürger Sachsen, die einst am Rhein gewohnt haben. Gehen wir weiter zu dem sogenannten Banat, da haben Sie die Schwaben, die aus dem Württembergischen eingewandert sind, die das Kulturferment abgegeben haben. Und würde ich Ihnen die Karte von Ungarn aufzeichnen, so würden Sie sehen hier den breiten Rand der in das Magyarentum hineingegangenen deutschen Menschen, hierin die Zipser-Deutschen, im Südosten die Siebenbürger Sachsen, hier im Banat die Schwaben, gar nicht gerechnet dasjenige, was an einzelnen da hineingegangen ist. Und das Eigentümliche dieses deutschen Volkstums besteht darin, daß es eben, weil sein Volksgeist durch das Ich wirkt, gewissermaßen äußerlich als Volk untergeht, aber ein Kulturferment bildet. Das ist dasjenige, was beitragen kann zur Beurteilung der wirksamen Kräfte. Das ist eine solch wirksame Kraft.
[ 17 ] Take an example. You know, I have often said that in Central Europe, virtually all nationalistic impulses are due to the fact that in this region the national spirit acts through the “I,” in contrast to the various regions of Western Europe. But the “I” has the peculiarity that it, I might say, circles up and down among the other spheres, which are fixed. So suppose: in the south and west, the feeling soul, the intellectual or emotional soul, the conscious soul; but in the center, the “I” (it is drawn). The “I” can be in the soul of consciousness, in the soul of understanding, or in the soul of feeling. It oscillates, as it were, up and down; it finds its way into everything. Hence the peculiarity: when you look toward the west of Europe, you see, I would say, sharply defined national contours. There you find sharply defined national character—a character that you can truly, I would say, define, one that is well-defined within a clear framework. Look at Central Europe, particularly at the German people, and you will see a nature defined in every possible respect. And now trace history by evaluating these fundamental principles correctly. Look wherever you wish—westward all the way to America, eastward as far as Russia—and observe how German national character has acted as a catalyst everywhere. It penetrates these foreign territories, is present there today, and will continue to exert its influence in the future, even if it has become “denationalized,” as they say; it penetrates these territories because the “I” soars up and down. It loses itself within them. You can discern this quite precisely from the fundamental nature of folk culture. Just look at how the entire Russian culture is permeated by the German spirit, how hundreds of thousands of Germans have immigrated there over a relatively short period of time, and how they have imprinted the folk character to its very depths. Look across the entire East, and you will find this imprint everywhere; go back through the centuries yourself, ask about it today—let’s go, for example, to Hungary, where there is supposedly a Magyar culture. This Magyar culture is based in many ways on the fact that all manner of German elements have entered it as a cultural catalyst. The entire northern border of Hungary is inhabited by the so-called Spiš Germans, who were, of course, subsequently marginalized, tyrannized, and denationalized—who suffered unspeakably—but who nevertheless served as a cultural catalyst. Let’s continue eastward to Transylvania, where we find the Transylvanian Saxons, who once lived along the Rhine. Let’s move on to the so-called Banat, where you’ll find the Swabians, who immigrated from Württemberg and who contributed this cultural influence. And if I were to draw you a map of Hungary, you would see here the broad belt of German people who have been absorbed into Magyar culture—here the Spiš Germans, in the southeast the Transylvanian Saxons, here in the Banat the Swabians—not to mention those who have been absorbed there as individuals. And the distinctive feature of this German folk character is that, precisely because its national spirit acts through the “I,” it, so to speak, ceases to exist externally as a people, yet forms a cultural catalyst. This is what can contribute to the assessment of the active forces. This is such an active force.


[ 18 ] Lassen Sie ruhig, ob es Andrássy oder Karolyi ist, lassen Sie ruhig einen alten Politiker im alten feudalen Sinne, wie man sagt, wirken; dasjenige, was wirkt, ist nur dann nicht Schlagwort, wenn man berücksichtigt, was aus dem Unterbewußtsein der Leute durch solche historische Vorgänge, wie ich Ihnen einen aufgezeigt habe — und Hunderte andere wirken dabei mit —, in der Zukunft bewirkt wird. Und das strahlt aus in das übrige Geschehen von Europa, und man muß im Grunde genommen recht gründlich vorgehen, wenn man heute dieses komplizierte Gefüge von Europa kennenlernen will. Man darf zum Beispiel nicht vergessen, wenn man ein wichtig Mittuendes beurteilen will bei der künftigen europäischen Gestaltung, nämlich den europäischen Osten, daß gewissermaßen jeder nicht nur ein Ketzer war, sondern jeder in Lebensgefahr war, der in Rußland über Rußland die Wahrheit sprach in geschichtlicher Beziehung. Die russische Geschichte ist Ja, zwar nicht viel mehr als die übrigen Geschichten, aber sie ist eben auch durchaus eine Geschichtslegende. So zum Beispiel kommt es denjenigen, die im gewöhnlichen Sinne russische Geschichte lernen, gar nicht zum Bewußtsein — was hier vor einigen Jahren entwickelt worden ist —, daß etwa zu derselben Zeit, als die Normannen im Westen Europas ihren Einfluß geltend machten, Normannisch-Germanisches auch nach dem Osten hin seinen Einfluß geltend machte. Und die russische Geschichte von heute hat ein Interesse daran, im Zurückgehen immer mehr und mehr zu zeigen, wie alles, alles von slawischen Menschen abstammt, von slawischen Elementen abstammt, auch ein Interesse zu verleugnen, daß das maßgebende Element, dasjenige Element, von dem heute noch tief beeinflußt ist, was im Osten ist, von Impulsen herkommt, die normannisch-germanischen Ursprungs sind. Man kommt ja mit der russischen Geschichte nicht viel weiter zurück, als daß man etwa den Leuten erzählt — nun ja, das ist, nicht wahr, der stereotype Satz, der immer wiederum gesagt wird —: Wir haben ein großes Land, aber wir haben keine Ordnung, kommt und beherrscht uns. — So ungefähr beginnt das, während in Wahrheit hingewiesen werden müßte darauf, daß dasjenige, was bis zum Einfall der Mongolen in Rußland sich ausgebreitet hat, germanisch-normannischen Ursprungs war, germanisch-normannische soziale Konfiguration hatte. Das heißt aber so viel, daß sich in Rußland damals etwas ausbreitete, was durch spätere Verhältnisse überwuchert worden ist, was, ich möchte sagen, in Reinkultur sich weiter erhalten und konserviert hat zum Beispiel innerhalb des sozialen Gefüges des Britischen Reiches. Da ist die gradlinige Fortentwickelung. Wenn Sie also die soziale Entwickelung des Britischen Reiches nehmen, so haben Sie die eine Strömung, die natürlich im Laufe der Jahrhunderte sich ändert, die heute aber die gradlinige Fortsetzung der alten normannisch-germanischen sozialen Konstitution ist. Sie haben im Osten nach Rußland hin denselben Strom sich ausbreitend, aber unter dem Mongolenjoch, unter dem Mongoleneinfluß, möchte ich sagen, von einem gewissen Punkte ab abbrechend. Das heißt: Würde dasselbe, was zur Zeit Wilhelms des Eroberers unter normannisch-germanischem Einflusse in der sozialen Struktur des Britischen Reiches vorbereitet worden ist und bis zum neunzehnten Jahrhundert sich so entwickelt hat, daß es die heutige Stellung in der Welt einnimmt, würde sich das in Rußland weiterentwickelt haben, so würde Rußland England ähnlich sein.
[ 18 ] Never mind whether it’s Andrássy or Karolyi; let an old-school politician, in the old feudal sense, as they say, have his way; what works is only not a mere catchphrase if one takes into account what such historical events—as I have shown you one example of, and hundreds of others are at play here—will bring about in the future from the depths of people’s subconscious. And this radiates out into the rest of European affairs, and one must, in essence, proceed quite thoroughly if one wishes to understand this complex structure of Europe today. For example, when assessing a key player in the future shaping of Europe—namely, Eastern Europe—one must not forget that, in a sense, anyone who spoke the truth about Russia in a historical context was not only a heretic but also in mortal danger. Russian history is, admittedly, not much different from other histories, but it is also, in its own right, a historical legend. For example, it does not even occur to those who study Russian history in the conventional sense—as was discussed here a few years ago—that at roughly the same time that the Normans were asserting their influence in Western Europe, Norman-Germanic influences were also making their mark in the East. And today’s Russian history has an interest in looking further and further back to show more and more how everything—absolutely everything—derives from Slavic peoples, from Slavic elements; it also has an interest in denying that the defining element—the very element that still profoundly influences what exists in the East today—stems from impulses of Norman-Germanic origin. After all, one doesn’t go much further back in Russian history than telling people—well, that’s, isn’t it, the stereotypical phrase that’s repeated over and over again—: “We have a great country, but we have no order; come and rule over us.” —That’s roughly how it begins, whereas in reality one should point out that what had spread throughout Russia up until the Mongol invasion was of Germanic-Norman origin and had a Germanic-Norman social structure. But that means that what spread in Russia at that time has since been overgrown by later circumstances—something that, I would say, has been preserved and maintained in its pure form, for example, within the social fabric of the British Empire. There is a linear progression. So if you consider the social development of the British Empire, you have a single current that, of course, changes over the centuries, but which today is the direct continuation of the old Norman-Germanic social constitution. To the east, toward Russia, you see the same current spreading out, but—under the Mongol yoke, or rather under Mongol influence, I would say—it breaks off at a certain point. In other words: If the same social structure—which was laid out in the British Empire under Norman-Germanic influence during the time of William the Conqueror and developed through the nineteenth century to the point where it occupies its current position in the world—had continued to develop in Russia, then Russia would be similar to England.
[ 19 ] Nun hat nirgends mehr als in Rußland alles dasjenige, was gewirkt hat, tief in die Herzen und in die Seelen der Menschen hineingewirkt. Nun muß man nicht vergessen: Was ist es denn eigentlich, was da mit dem normannisch-germanischen Einflusse kommt? — Dieser normannisch-germanische Einfluß hat, sich herausarbeitend, auch im Westen Gegenwirkungen gehabt. Ich sage: Hier hat er sich gradlinig entwickelt, er hat sich am gradlinigsten entwickelt, aber er hat auch hier Gegenwirkungen gehabt. — Dasjenige, was er hier als Gegenwirkung gehabt hat, wovon er sich in einer gewissen Weise emanzipiert und was seine Entwickelungsströmung modifiziert hat, das ist auf der einen Seite die westliche römisch-katholische Kirche und das ist der Romanismus überhaupt, der ein abstrakt juristisches Element, ein abstrakt politisches Element in sich enthält. So daß wir zu dem völkischen Einfluß, von dem alle Ständegliederungen, alle Klassen- und Kastenbildung, wie sie sich innerhalb des britischen Wesens findet, herrühren, dasjenige hinzutreten sehen, was von der Kirche und was von dem Romanismus gekommen ist. Das wirkt alles darin, aber so, daß sich in einer gewissen Weise, aber frühzeitig, das britische Wesen emanzipiert hat von jenem tiefgehenden Einfluß der Kirche, der dann in Mitteleuropa weitergewirkt und gewuchert hat und heute noch wirkt und wuchert; daß sich verhältnismäßig aber weniger emanzipiert hat dieses Wesen von dem romanisch-abstrakten Elemente des juristisch-politischen Denkens. Die Wahrheit ist, daß dieses normannisch-germanische Element auch sich als Herrschaftselement, als dasjenige Element, was gerade die soziale Struktur angegeben hat, in die verschiedenen Slawengebiete, die ja seit ältesten Zeiten auf dem Boden des heutigen Rußlands vorhanden waren, hineinerstreckt hat.
[ 19 ] Nowhere more than in Russia has everything that has had an impact penetrated so deeply into the hearts and souls of the people. Now we must not forget: What, exactly, is it that comes with the Norman-Germanic influence? — As this Norman-Germanic influence took shape, it also encountered counterforces in the West. I say: Here it developed in a straightforward manner—it developed in the most straightforward way—but it also encountered counterforces here. — What it encountered here as a counterforce—from which it emancipated itself in a certain way and which modified its course of development—is, on the one hand, the Western Roman Catholic Church, and, on the other, Romanism in general, which contains within itself an abstract legal element and an abstract political element. Thus, alongside the national influence from which all the estates-based structures, all class and caste formations—as found within the British character—stem, we see the addition of what has come from the Church and from Romanism. All of this is at work there, but in such a way that, in a certain sense—albeit at an early stage—the British character emancipated itself from that profound influence of the Church, which then continued to operate and proliferate in Central Europe and still operates and proliferates today; whereas this character has, relatively speaking, emancipated itself to a lesser extent from the Roman-abstract element of legal-political thought. The truth is that this Norman-Germanic element also extended into the various Slavic regions—which, after all, have existed on the territory of present-day Russia since the earliest times—as a dominant element, as the very element that defined the social structure.
[ 20 ] Dieses normannisch-germanische Wesen, das beruht auf einer gewissen Anschauung, die dann in sozialen Tatsachen sich auslebt. Dieses normannisch-germanische Wesen beruht auf der Anschauung, daß dasjenige, was Blutszusammenhang, engeren Blutszusammenhang hat, diesen Blutszusammenhang auch erbschaftsmäßig oder erbgemäß in sozialer Weise auswirken soll, beruht auf einer gewissen sozialen Institution der Sippe und der Übersippe, der nächsten Familiensippe und der darüberstehenden Sippe, was dann zum Fürsten führt, der die Untersippe, die weitergehende Sippe beherrscht. Das ist dasjenige, was also eine soziale Konstitution hervorruft nach einer gewissen Blutskonfiguration.
[ 20 ] This Norman-Germanic essence, which is based on a certain worldview that then manifests itself in social realities. This Norman-Germanic essence is based on the view that whatever has a blood relationship, closer blood ties should also have a social impact in terms of inheritance or lineage, is based on a certain social institution of the clan and the over-clan—the immediate family clan and the clan above it—which then leads to the prince who rules over the sub-clan and the broader clan. This is what gives rise to a social constitution based on a certain configuration of blood ties.
[ 21 ] Das ist es, was in denkbar schärfsteem Widerspruch steht zu dem, was zum Beispiel vom romanisch-juristisch-politischen Wesen ausgeht. Das romanisch-juristisch-politische Wesen, das bringt überall abstrakte Zusammenhänge, richtet alles nach Verträgen und dergleichen, nicht nach dem Blute ein, Das ist alles etwas, was die Tatsachen weniger ins Gemüt als aufs Papier bringt, etwas radikal gesprochen. Nur eines ist gründlich abgebogen worden von diesem germanisch-normannischen Wesen. Hätte es allein gewirkt — es ist dies natürlich eine Hypothese, es hat ja nicht allein wirken können —, aber hätte es allein gewirkt, es hätte niemals kommen können zu einer monarchischen Staatsverfassung auf irgendeinem europäischen Gebiete. Denn eine monarchische Staatsverfassung liegt nicht in der Entwickelung derjenigen sozialen Impulse, die vom normannisch-germanischen Wesen ausgehen, sondern es liegt diesem normannisch-germanischen Wesen zugrunde der Impuls einer Gliederung nach Sippen, nach Familien-Konfigurationen, die verhältnismäßig individuell und selbständig gegeneinander sind, und nur unter gewissen Gesichtspunkten sich verbünden unter einem Fürsten, der dann die Übersippe kontrolliert. Und vor allen Dingen: Außer diesem, daß niemals ein Monarch hätte Platz greifen können aus diesem normannisch-germanischen Wesen heraus, hätte niemals aus diesem Wesen der reine Monotheismus kommen können, denn der kam vom Süden her — ich möchte eigentlich sagen: vom Süd-Osten her — durch das theokratisch-jüdische Element. Wäre das normannischgermanische Element rein für sich fortwirkend gewesen, dann würde man es heute leichter haben, jenen berechtigten Monotheismus zur Geltung zu bringen, der wiederum nicht den abstrakten Einzelgott annimmt, sondern der annimmt die Aufeinanderfolge der Hierarchien, Angeloi, Archangeloi und so weiter, der nicht den Unsinn annimmt, daß der eine Gott zum Beispiel zwei Heere, die einander wütend gegenüberstehen, da durchdringend und da durchdringend, den Christen und den Türken zugleich beschützt und dergleichen, weil er eben der eine Gott der ganzen Welt ist. Es würde niemals der Unsinn haben Platz greifen können, der als abstrakter Monotheismus fortwuchert, denn innerhalb diese Elementes war der abstrakte Monotheismus nicht da. Die Leute waren im modernen Sinne Heiden, das heißt, sie haben die verschiedensten geistigen Wesen, die die Naturkräfte leiten, anerkannt, lebten also in einer spirituellen Welt, wenn auch auf atavistische Weise. Dasjenige, was der Unsinn des Monotheismus ist, wurde erst durch das theokratische Element von Süd-Osten aufgedrängt. Daher hat man es heute so schwer mit dem Durchbringen desjenigen, was notwendig durchkommen muß: die Vielseitigkeit der die Naturkräfte und die Naturereignisse lenkenden geistigen Wesenheiten, der Götter. Gerade aber auf russischem Boden spielte sich in gewisser Weise die Abdumpfung desjenigen, was ja vom Norden her kam, ab. Ich habe vor längerer Zeit hier sogar einmal über den Namen Russe gesprochen. Sie werden sich erinnern, daß ich darauf hingewiesen habe, daß der Name Russe darauf hinweise, woher diese Menschen da vom Norden kamen. Sie nannten sich selbst Vaeringjar.
[ 21 ] This is what stands in the sharpest possible contrast to what, for example, stems from the Romanic-legal-political nature. The Romanic-legal-political nature introduces abstract relationships everywhere, organizing everything according to contracts and the like, not according to blood, All of this, to put it radically, is something that brings facts to paper rather than to the heart. Only one thing has been thoroughly diverted from this Germanic-Norman essence. Had it acted alone—this is, of course, a hypothesis, since it could not have acted alone—but had it acted alone, a monarchical constitution could never have come into being in any European territory. For a monarchical form of government does not arise from the development of those social impulses that stem from the Norman-Germanic nature; rather, underlying this Norman-Germanic nature is the impulse toward an organization based on clans, on family structures that are relatively individual and independent of one another, and which unite under a prince—who then controls the overarching clan—only under certain conditions. And above all: Aside from the fact that a monarch could never have taken root within this Norman-Germanic essence, pure monotheism could never have emerged from this essence, for it came from the south—I would actually say: from the southeast—through the theocratic-Jewish element. Had the Norman-Germanic element continued to operate purely on its own, it would be easier today to assert that legitimate monotheism, which in turn does not accept an abstract, singular God, but rather accepts the succession of hierarchies, angeloi, archangels, and so on; a monotheism that does not accept the nonsense that the one God, for example, protects both the Christians and the Turks at the same time—penetrating one army and then the other as they rage against each other—and the like, precisely because he is the one God of the whole world. The nonsense that proliferates as abstract monotheism would never have been able to take root, for within this element, abstract monotheism did not exist. The people were pagans in the modern sense—that is, they recognized a wide variety of spiritual beings who guide the forces of nature, and thus lived in a spiritual world, albeit in an atavistic manner. The very nonsense that is monotheism was only imposed from the southeast through the theocratic element. That is why it is so difficult today to get across what must necessarily be understood: the diversity of the spiritual beings—the gods—who guide the forces of nature and natural phenomena. But it was precisely on Russian soil that, in a certain sense, the dulling of what had come from the north took place. Some time ago, I even spoke here once about the name “Russian.” You will recall that I pointed out that the name “Russian” indicates where these people came from in the north. They called themselves Vaeringjar.
[ 22 ] Dasjenige aber, was eigentlicher Staatsgedanke ist, das ist ein Gebilde, das sorgfältig studiert sein sollte. Dieser Staatsgedanke kommt in einer gewissen Beziehung aus demselben Wetterwinkel her, woher manches andere für Europa Bedeutungsvolle kommt. Gerade wenn man so etwas bespricht, muß man sich intensiv erinnern, daß Geschichte ja nur symptomatisch betrachtet werden kann. Wenn man also irgendeine Erscheinung betrachtet, die eine äußere Tatsache ist, so muß man diese als Symptom taxieren. In diesem Rußland war, solange dieser normannisch-germanische Einfluß sozial strukturbildend da war, nichts von einem Staatsgedanken vorhanden. Es waren gewissermaßen in sich geschlossene slawische Gebiete, und ausgebreitet hatte sich also das, was ich Sippengedanke genannt habe. Der Sippengedanke hat das so netzförmig umschlungen. Die verschiedenen geschlossenen Slawengebiete, die hatten in sich dasjenige Element, was vielleicht der moderne Mensch demokratisches Element nennen würde, aber zu gleicher Zeit verknüpft mit einer gewissen Sehnsucht nach Herrschaftslosigkeit, mit einer gewissen Einsicht darin, daß man zentralisierte herrschaftliche Mächte eigentlich zum Ordnungmachen der Welt nicht braucht, sondern nur zum Unordnungmachen. Das lebte in diesen geschlossenen Slawengebieten. Und in dem, was sich vom normannisch-germanischen Elemente hineinerstreckte, lebte eigentlich der Sippengedanke, der Gedanke, der mit dem Blute zusammenhing.
[ 22 ] But what the true concept of the state actually is—that is a construct that should be carefully studied. In a certain sense, this concept of the state originates from the same region as many other things of significance to Europe. Precisely when discussing such matters, one must keep firmly in mind that history can only be viewed symptomatically. Thus, when examining any phenomenon that is an external fact, one must assess it as a symptom. In Russia, as long as this Norman-Germanic influence was shaping the social structure, there was no concept of the state. They were, so to speak, self-contained Slavic territories, and what I have called the “clan mentality” had thus spread throughout them. The clan mentality enveloped them in a network-like structure. The various self-contained Slavic regions possessed within themselves that element which modern people might call a democratic element, but at the same time linked to a certain longing for the absence of domination, to a certain insight that centralized, authoritarian powers are not actually needed to bring order to the world, but only to create disorder. This was alive in these self-contained Slavic regions. And in what extended inward from the Norman-Germanic element, the concept of the clan actually thrived—the concept tied to blood.
[ 23 ] Nun kam der Mongoleneinfall. Diese Mongolen, sie werden ja recht schlimm geschildert. Aber das Allerschlimmste, was sie getan haben, ist ja eigentlich doch das, daß sie hohe Tribute, Steuern eingefordert haben, und sie waren mehr oder weniger damit zufrieden, wenn ihnen die Leute die Steuern, natürlich namentlich in Gestalt von Naturalien, abgegeben haben. Dasjenige aber, was sie brachten — aber bitte das jetzt symptomatisch aufzufassen und nicht etwa zu meinen, ich sage, der Staatsgedanke käme von den Mongolen —, dasjenige, was sie damals gebracht haben also, symptomatisch aufgefaßt, das ist der Staatsgedanke. Der monarchische Staatsgedanke, der kommt gerade aus diesem Wetterwinkel, aus dem die Mongolen auch gekommen sind, nur daß er nach dem weiteren Westen Europas schon früher gebracht worden ist. Er kommt aus jenem Wetterwinkel der Welt, den man findet, wenn man die von Asien sich herüberwälzende Kultur, oder meinetwillen sagen sie: barbarische Welle, verfolgt. Was in Rußland geblieben ist von den Mongolen, das ist im wesentlichen die Meinung, daß ein einzelner Herrscher mit seinen Paladinen eine Art Staatsherrschaft auszuüben hat. Das ist im wesentlichen getragen gewesen von dem monarchischen Gedanken der Khane, und das ist dort übernommen worden. Im Westen von Europa ist es nur früher übernommen worden, aber es kam aus demselben Wetterwinkel. Und im wesentlichen war es ein tatarisch-mongolischer Gedanke, der das sogenannte Staatswesen in Rußland zusammengefügt hat. Und so hat sich lange Zeit gerade in Rußland dasjenige einflußlos gezeigt, was die Kultur des Westens ausgemacht hat von vielen Gesichtspunkten her: der Feudalismus, der eigentlich in Rußland einflußlos war, weil sich mit Überspringung des Feudalismus die Monarchie ausgebreitet hat, die immer im Westen gestört war zunächst durch den Feudalismus, durch die Feudalherren, die eigentlich die zentralmonarchische Gewalt immer bekämpften und die ein Gegenpol gegen die monarchische Gewalt waren.
[ 23 ] Then came the Mongol invasion. These Mongols—they’re often portrayed in a very negative light. But the very worst thing they did was actually that they demanded high tributes and taxes, and they were more or less satisfied when the people paid them—naturally, mainly in the form of payments in kind. But what they brought—and please take this as symbolic and do not think I am saying that the concept of the state came from the Mongols—what they brought at that time, taken symbolically, is the concept of the state. The monarchical concept of the state originates precisely from that corner of the world from which the Mongols also came, except that it had already been brought further west into Europe earlier. It comes from that corner of the world that one encounters when tracing the culture—or, if you will, the “barbarian wave”—sweeping over from Asia. What has remained in Russia from the Mongols is essentially the belief that a single ruler, together with his paladins, must exercise a kind of state sovereignty. This was essentially borne of the monarchical concept of the khans, and it was adopted there. In Western Europe, it was adopted earlier, but it came from the same corner of the world. And essentially, it was a Tatar-Mongolian idea that shaped the so-called state system in Russia. And so, for a long time, precisely in Russia, that which constituted Western culture from many perspectives remained without influence: feudalism, which actually had no influence in Russia because, by bypassing feudalism, the monarchy spread—a monarchy that in the West had always been disrupted initially by feudalism, by the feudal lords, who in fact always fought against central monarchical authority and served as a counterweight to it.
[ 24 ] Die römische Kirche ist das zweite. Das ist ja unwirksam gewesen im Osten, weil schon im zehnten Jahrhundert die östliche Kirche sich getrennt hat von der westlichen Kirche. Die griechisch-römische, römisch-griechische Bildung ist auch, so wie sie im Westen gewirkt hat und sehr viel beigetragen hat zur Heranziehung des modernen Bürgertums, in Rußland unwirksam gewesen. Daher hat gerade der monarchische Staatsgedanke, der durch das Mongolentum hereingetragen worden ist, da seine tiefsten Wurzeln geschlagen.
[ 24 ] The Roman Church is the second. This had no effect in the East, because as early as the tenth century, the Eastern Church had separated from the Western Church. Greco-Roman, or Roman-Greek, culture—which had a significant impact in the West and contributed greatly to the emergence of the modern bourgeoisie—was also ineffective in Russia. That is why the monarchical concept of the state, which was introduced by the Mongols, took root most deeply there.
[ 25 ] Sehen Sie, da haben Sie so einige von den Impulsen, die man kennen muß, weil sie in der mannigfaltigsten Weise maskiert, verändert, in Metamorphose auftreten werden. Da oder dort werden Sie dies oder jenes aufleuchten sehen. Sie werden es nur richtig taxieren, wenn Sie es von diesem Gesichtspunkte aus, den ich jetzt angeführt habe, taxieren. Und Sie werden vor allen Dingen die Wichtigkeit davon einsehen, daß innerhalb der Begründung der Weltherrschaft durch die englischsprechende Bevölkerung, von der ich jetzt seit vielen Jahren spreche, die Ausbildung der Bewußtseinsseele im wesentlichen wirkt, daß diese gerade unserem Zeitalter angemessen ist, und daß da einsetzen müßte ein gesundes Urteil in der Beurteilung der Verhältnisse.
[ 25 ] You see, here are some of the impulses you need to be aware of, because they will appear in the most diverse ways—masked, altered, and transformed. Here and there you will see this or that come to light. You will only be able to assess it correctly if you evaluate it from the perspective I have just outlined. And above all, you will realize the importance of the fact that, within the establishment of world domination by the English-speaking population—which I have been speaking about for many years now—the development of the consciousness soul plays an essential role; that this is precisely appropriate to our age; and that sound judgment must be applied in assessing the circumstances.
[ 26 ] Die soziale Frage wird eine große Rolle spielen bei aller Gestaltung der Verhältnisse nach der Zukunft hin. Dasjenige, was jetzt schon soziales Denken auch beim Proletariat ist, das kann nur zum Raubbau führen, zum Abbau, zur Zerstörung. Es handelt sich darum, daß nun wirklich eingesehen werde, daß die Gestaltung, die die soziale Frage annimmt, die Gestaltung namentlich, die die proletarische Bewegung annehmen wird, notwendig macht, daß dasjenige, was heute als proletarisches Fühlen am weitesten entfernt ist von Spiritualität, gerade an die Spiritualität herangeführt werden muß. Innig verwandt innerlich ist dasjenige, was scheinbar äußerlich am weitesten voneinander entfernt steht: proletarisches Wollen und Spiritualität. Der Proletarier bekämpft natürlich heute mit Händen und Füßen — man kann sagen: mit Händen und Füßen, denn er kämpft ja nicht viel mit dem Kopf die Spiritualität. Aber das, was er, ohne es zu wissen, will, das ist ohne Spiritualität nicht zu erreichen. Zu dem muß sich die Spiritualität hinzugesellen. Und sie muß sich auf allen Gebieten hinzugesellen. Und man muß wirklich ein Gefühl sich aneignen, daß man an einem wichtigen Zeitenwendepunk steht. Jene Stimmung muß vorbeigehen, welche sich im neunzehnten Jahrhundert auf den verschiedensten Gebieten geltend gemacht hat.
[ 26 ] The social question will play a major role in shaping all future conditions. The kind of social thinking that already exists among the proletariat can only lead to overexploitation, decline, and destruction. The point is that it must now truly be recognized that the form the social question takes—specifically, the form the proletarian movement will take—necessitates that what is today, as proletarian sentiment, furthest removed from spirituality must, in fact, be brought closer to spirituality. What appears outwardly to be the furthest apart is, in fact, intimately connected inwardly: proletarian will and spirituality. Today, of course, the proletarian fights spirituality tooth and nail—one might say “tooth and nail,” for he does not fight it much with his head. But what he wants, without knowing it, cannot be achieved without spirituality. Spirituality must join forces with this. And it must do so in all areas. And one must truly come to feel that we are standing at an important turning point in history. The mood that prevailed in the nineteenth century in a wide variety of fields must give way.
[ 27 ] Sie können, wenn Sie einzelnes sehen und es richtig taxieren, heute schon sehen, ich möchte sagen, wenn ich mich trivial ausdrücken darf, wie der Hase läuft. Durch Herrn Englerts Güte wurde mir neulich ein Brief gegeben, der aus Rußland hergeschrieben war, wo russische Verhältnisse von heute sehr anschaulich geschildert werden. Da ist auch die Rede von Kunst. Die Art und Weise, wie die Leute an die Kunst herangezogen werden, sie ist ja sehr interessant; aber dasjenige, was sie malen, diese Leute, die unmittelbar aus der Fabrik herangezogen werden, Leute, die lungenkrank sind und in der Fabrik nicht weiterarbeiten können und dann in eine künstlerische Anstalt gestellt werden, damit sie da irgend etwas, zum Beispiel malen lernen, also unmittelbar aus dem Proletariat heraus in die Kunst hineingetrieben werden, die malen — sie malen ja nicht ganz so, wie in unserer Kuppel gemalt wird, aber man sieht es, sie fangen an so zu malen, daß sich aus diesem Anfange zuletzt das ergeben wird, was in unserer Kuppel gemalt wird, wenn man es auch heute noch Futurismus nennt, was in unserer Kuppel gemalt wird. Das ist auf dem Marsche dahin. Gerade in den Dingen, wo nicht programmäßig vorgegangen wird, da zeigt es sich, was an Impulsen in der Gegenwart liegt. Wer auf Programme schaut — von Regierungsprogrammen gar nicht zu sprechen —, der wird immer fehlgehen. Wer auf die Impulse schaut, die neben und zwischen den Programmen sich entwickeln, namentlich aus dem Unbewußten heraus, der wird vieles sehen, was heute aufstrahlt in der Welt. Sie können ganz sicher sein: Die Wege, wenn es auch mühsam sein wird, die werden gefunden werden. Wenn man einmal gerade aus den Impulsen, die heute so primitiv, so raubbauerisch im Proletariat hervortreten, so etwas lesen wird — ich will nicht sagen, die Dinge selbst, die ja unvollkommene sind, die durch andere ersetzt werden müssen —, aber solche Dinge, wie meine Mysterien sind oder auch die anthroposophischen Bücher, man wird sie gerade in den besseren Elementen, die aus dem Proletariat nach oben strömen, erst mit dem richtigen Interesse lesen, während dasjenige, wobei das Bürgertum im neunzehnten Jahrhundert sich die Finger abgeleckt hat: Gustav Freytag «Soll und Haben» oder ähnliches, oder Gottfried Keller, niemanden interessieren wird. Heute zum Beispiel wird die Menschheit damit beleidigt, daß man Gottfried Keller neben Conrad Ferdinand Meyer nennt. Während man an Conrad Ferdinand Meyer ein Element der Zukunft hat, ein Element, welches tatsächlich wahres spirituelles Leben für die Zukunft in sich enthält, ist Gottfried Keller der Bourgeoisdichter der schlafenden Menschheit der Seldwyler Schweiz.
[ 27 ] If you look at individual cases and assess them correctly, you can already see today—if I may put it simply—how things are going. Thanks to Mr. Englert’s kindness, I was recently given a letter written from Russia, which vividly describes current conditions there. It also mentions art. The way in which people are drawn to art is, of course, very interesting; but what these people paint—people who are recruited directly from the factory, people who suffer from lung disease and can no longer work in the factory and are then placed in an art institute so that they can learn to do something there, such as painting— —in other words, they are driven directly from the proletariat into art—they don’t paint quite the way things are painted in our circle, but you can see that they are beginning to paint in such a way that, from this beginning, what will ultimately emerge is what is painted in our circle, even if what is painted in our circle is still called Futurism today. That is on its way. It is precisely in those areas where one does not proceed according to a program that the impulses of the present reveal themselves. Anyone who looks to programs—not to mention government programs—will always go astray. Those who look at the impulses developing alongside and between the programs—namely, those emerging from the unconscious—will see much of what is shining forth in the world today. You can be quite certain: the paths, even if they are arduous, will be found. Once people begin to read—not the things themselves, which are, after all, imperfect and must be replaced by others—but rather the very impulses that are emerging today in the proletariat in such a primitive, predatory manner— but works such as my Mysteries or the anthroposophical books—it is precisely the better elements rising up from the proletariat who will read them with genuine interest, whereas the very works that the bourgeoisie relished in the nineteenth century—such as Gustav Freytag’s *Soll und Haben* or similar works, or Gottfried Keller—will interest no one. Today, for example, humanity is insulted by the fact that Gottfried Keller is mentioned in the same breath as Conrad Ferdinand Meyer. While Conrad Ferdinand Meyer represents an element of the future—an element that truly contains within itself genuine spiritual life for the future—Gottfried Keller is the bourgeois poet of the slumbering people of Seldwyler Switzerland.
[ 28 ] Überall, auf allen Gebieten muß es durchschaut werden. Dafür wird in der Zukunft kein Interesse sein, wenn die Leute sich in die Ateliers Modelle stellen und dasjenige, was die Natur viel besser kann, nachmalen und dann sich daran ergötzen, ob das nun wirklich natürlich ausschaut, ob das nun wirklich modellgemäß ist. Danach wird man verlangen, daß etwas da ist in der Welt, was durch die Natur selber nicht gemacht wird. Dafür wird Verständnis vorbereitet werden müssen. Daher mußte auch hier das Modell als solches bekämpft werden. Sie erinnern sich, wie ich von diesem Gesichtspunkte aus einmal vor Jahren über Kunst gesprochen habe. Dadurch muß ein Verständnis geschaffen werden, daß man die Impulse verfolgt, die da sind. Jene Blödigkeit zum Beispiel muß aufhören, daß die Leute kennenlernen wollen, wie das Volk lebt, etwa, sagen wir, dadurch, daß sie Berthold Auerbachs «Dorfgeschichten» oder dergleichen Zeug lesen, wo ein Mensch, der das Volk, nun ja, so kennt, wie einer, der am Sonntagnachmittag aufs Land hinausgeht und die Leute von außen ansieht, beschreibt, wie man so recht schön das Volk beschrieben hat. Darauf kommt es nicht an. Überhaupt kommt es nicht darauf an, das Vorübergehende zu beobachten, sondern das Ewige, das in dem Menschen lebt, muß immer mehr und mehr beobachtet werden. Das ist es, worauf es ankommt.
[ 28 ] Everywhere, in every field, this must be understood. There will be no interest in this in the future, when people set up models in their studios and copy what nature does so much better, and then take delight in debating whether it really looks natural or whether it truly conforms to the model. People will then demand that there be something in the world that is not created by nature itself. An understanding of this will have to be cultivated. That is why the model as such had to be challenged here as well. You may recall how I once spoke about art from this perspective years ago. This must foster an understanding that one should follow the impulses that are present. That nonsense, for example, must stop—the idea that people want to learn how the common folk live, say, by reading Berthold Auerbach’s *Dorfgeschichten* or similar works, where a person who knows the common folk, well, as well as someone who goes out to the countryside on a Sunday afternoon and observes people from the outside, describes them in the way the common people have so beautifully been described. That is not what matters. In general, it is not a matter of observing the transitory, but rather the eternal, which lives within the human being—that is what must be observed more and more. That is what matters.
[ 29 ] Über diese Dinge werden wir dann morgen weiter sprechen.
[ 29 ] We'll talk more about these things tomorrow.
