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The Developmental-Historical Basis
of Social Judgment
GA 185a

24 November 1918, Dornach

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Achter Vortrag

Eighth Lecture

[ 1 ] Ich denke, Sie haben gesehen, daß jene bedeutungsvolle Zeitforderung, welche aus der Flut des menschlichen Geschehens heraufsteigt und die man die soziale Bewegung nennt, gerade dort, wo sie am intensivsten bedacht und empfunden wird, nach den eigentümlichen Kräften der Zeit äußerlich behandelt wird, behandelt wird von dem Gesichtspunkte aus, als ob es eigentlich nur eine physische, eine sinnenfällige Welt gäbe. Die soziale Frage ist ja wirksam geworden als proletarische Forderung. Sie lebt in den proletarischen Forderungen in einer gewissen, man möchte sagen, abstrakt-theoretischen Weise, und die Gefahr ist vorhanden, daß die abstrakt-theoretische Weise, die niemals äußere Tatsache werden sollte, eben äußere Tatsache werden kann, oder wenigstens, daß verlangt wird, daß sie es werde. Aber dieses proletarische Bewußtsein, aus dem heraus sich heute die soziale Frage geltend macht, das ist durchaus durchdrungen von dem Glauben bloß an die materielle Welt mit ihrer ethischen Beigabe des bloßen ethischen Utilitarismus, der bloßen Nützlichkeitsmoral.

[ 1 ] I think you have seen that this significant demand of our time—which rises from the flood of human events and is called the social movement—is, precisely where it is most intensely considered and felt, treated externally according to the peculiar forces of the times, treated from the standpoint that there is, in fact, only a physical, a sensory world. The social question has, after all, taken effect as a proletarian demand. It lives on in proletarian demands in a certain—one might say—abstract-theoretical way, and the danger exists that this abstract-theoretical way, which was never meant to become an external reality, may in fact become one—or at least that it is demanded that it do so. But this proletarian consciousness, from which the social question asserts itself today, is thoroughly permeated by a belief solely in the material world, with its ethical accompaniment of mere ethical utilitarianism—the morality of mere utility.

[ 2 ] Dies ist eine Tatsache, die eigentlich jeder heute mit Händen greifen kann: daß die Ideen für die soziale Bewegung aus einem gewissen Glauben nur an das materielle Dasein und die Nützlichkeit des menschlichen Lebens und an die Nützlichkeitskräfte des menschlichen Lebens herausgeholt werden. Demjenigen aber, der das Leben durchschaut, ist es ganz besonders bedeutsam, daß die eigentliche Aufklärung über die soziale Frage, namentlich über die Ideen, die für diese soziale Frage in der Gegenwart und der nächsten Zukunft notwendig sind, nicht zu holen ist aus irgendeiner, und sei es noch so wissenschaftlichen Betrachtung der äußeren, physisch-materiellen Welt.

[ 2 ] This is a fact that virtually everyone today can see for themselves: that the ideas for the social movement are drawn solely from a certain belief in material existence, the usefulness of human life, and the productive forces of human life. But for those who see through life, it is particularly significant that true enlightenment regarding the social question—namely, regarding the ideas necessary for this social question in the present and the near future—cannot be derived from any, however scientific, consideration of the external, physical-material world.

[ 3 ] Dies ist etwas, was die Gegenwart wissen muß, was die Menschen der Gegenwart werden durchdringen müssen. Sie werden durchdringen müssen, daß die soziale Frage nur lösbar ist auf einer spirituellen Grundlage, und daß heute ihre Lösung gesucht wird ohne alle spirituelle Grundlage. Damit ist etwas ungeheuer Wichtiges für unsere Zeit ausgesprochen. Sehen Sie, auf dem ganzen Felde, das man überschauen kann mit dem bloßen Sinnesvermögen und dem Verstande, der an dieses Sinnesvermögen gebunden ist, auf diesem ganzen Felde sind die Ideen, welche der sozialen Bewegung notwendig sind, nicht zu bilden. Diese Ideen liegen, wenn sie in ihrer unmittelbaren Wirkungskraft geschaut werden sollen, durchaus jenseits der Schwelle, die von der physisch-sinnlichen Welt zur übersinnlichen Welt führt. Das Allernotwendigste für die Gegenwart und für die nächste Zukunft in bezug auf die Entwickelung der menschlichen Geschicke ist das Hereinholen gewisser Ideen von jenseits der Schwelle, und die charakteristischste Erscheinung in der Gegenwart ist diese, daß solches Hereinholen von jenseits der Schwelle geradezu abgelehnt wird. Und alle Arbeit auf diesem Gebiete muß durchdrungen sein von dem Willen, zu überwinden diese Abneigung vor einem Hereinholen von sozial wirksamen Ideen von jenseits der Schwelle des physischen Bewußtseins.

[ 3 ] This is something that the present age must know, something that the people of the present age must come to understand. They must come to understand that the social question can only be solved on a spiritual foundation, and that today its solution is being sought without any spiritual foundation whatsoever. This expresses something immensely important for our time. You see, within the entire realm that can be surveyed by the mere senses and the intellect bound to those senses, within this entire realm, the ideas necessary for the social movement cannot be formed. These ideas, if they are to be perceived in their immediate efficacy, lie entirely beyond the threshold that leads from the physical-sensory world to the supersensory world. What is most essential for the present and for the near future with regard to the development of human destiny is the bringing in of certain ideas from beyond the threshold, and the most characteristic phenomenon of the present is that such a bringing in from beyond the threshold is downright rejected. And all work in this field must be imbued with the will to overcome this aversion to bringing socially effective ideas from beyond the threshold of physical consciousness into the present.

[ 4 ] Es liegt natürlich auf diesem Untergrunde eine außerordentliche Schwierigkeit, eine Schwierigkeit, die einem einfach vor die Seele tritt, wenn man bedenkt, daß, da wir ja im Zeitalter der Bewußtseinsseele leben, also alles eigentlich mehr oder weniger bewußt angestrebt werden soll oder muß, daß es notwendig ist, notwendig für eine wichtige Zeitforderung der Gegenwart, sich bekannt zu machen mit Wahrheiten, die jenseits der Schwelle des physischen Bewußtseins liegen.

[ 4 ] Of course, this background presents an extraordinary difficulty—a difficulty that simply comes to mind when one considers that, since we are living in the Age of the Conscious Soul, so everything should—or must—actually be pursued more or less consciously, it is necessary—necessary as an important demand of our present time—to familiarize ourselves with truths that lie beyond the threshold of physical consciousness.

[ 5 ] Nun kann man ja allerdings sagen: Die wenigsten Menschen der Gegenwart haben eine rechte Würdigung für dasjenige, was jenseits der Schwelle des Bewußtseins liegt. Die wenigsten Menschen der Gegenwart haben eine rechte Würdigung für die Initiation und die Initiationsweisheit, wie sie in der Gegenwart eigentlich herrschen muß oder herrschend werden muß. Jener Fähigkeiten, die in jeder menschlichen Seele liegen und die aus dem Übersinnlichen hereinholen gewisse Ideen, jener Fähigkeiten möchten sich die Menschen der Gegenwart aus der Ihnen oftmals charakterisierten Bequemlichkeit heraus nicht bedienen. Und es ist ja auch so, daß man sagen muß: Es liegt eine durchaus objektive Schwierigkeit auf diesem Gebiete vor. Sie müssen ja nicht vergessen: Ich möchte sagen, in ihrer Urgestalt können die Dinge und Wesenheiten, die jenseits der Schwelle liegen, eben nur von demjenigen beobachtet werden, der diese Schwelle überschritten hat. Aber dieses Überschreiten der Schwelle ist ja ein wichtigstes Ereignis des persönlichen Lebens. Es ist auch ein Ereignis des persönlichen Lebens, das in ein besonderes Licht rückt, wenn man es, wie ich jetzt eben getan habe, in so nahe Beziehung zu bringen hat zu der sozialen Frage. Die soziale Frage, das deutet schon ihr Name an, ist eine Sache von Menschengruppen, Menschenzusammenhängen; das Geheimnis der Schwelle ist eine Sache der Individualität. Man kann sagen: Niemand ist eigentlich unmittelbar in der Lage, wenn er das Geheimnis der Schwelle kennt, es einem andern unmittelbar mitzuteilen. Man kann sogar sagen, daß es eine gewisse Krisis in der menschlichen Seele bedeutet, wenn das Geheimnis der Schwelle aus gewissen Zusammenhängen heraus, die man sonst empfangen hat, einem innerlich aufgeht.

[ 5 ] Now, one might well say: Very few people today have a proper appreciation for what lies beyond the threshold of consciousness. Very few people today have a proper appreciation for initiation and the wisdom of initiation, as it must actually prevail—or must come to prevail—in the present day. People today, out of the complacency that is so often attributed to them, do not wish to make use of those faculties that lie within every human soul and that draw certain ideas from the supersensible realm. And it is indeed true that one must say: There is a thoroughly objective difficulty in this area. You must not forget: I would like to say that, in their primordial form, the things and beings that lie beyond the threshold can only be observed by those who have crossed that threshold. But this crossing of the threshold is, after all, one of the most important events in a person’s life. It is also an event in one’s personal life that takes on a special significance when, as I have just done, one has to relate it so closely to the social question. The social question, as its name already suggests, is a matter of groups of people, of human relationships; the mystery of the threshold is a matter of individuality. One might say: No one who knows the mystery of the threshold is actually in a position to communicate it directly to another. One might even say that it signifies a certain crisis in the human soul when the mystery of the threshold dawns upon one inwardly, emerging from certain contexts that one has otherwise absorbed.

[ 6 ] Sie oder besser gesagt, diejenigen unter Ihnen, die jahrelang mitgemacht haben die geisteswissenschaftlichen Betrachtungen, insofern sie anthroposophisch orientiert sind, Sie haben ja alle Gelegenheit, sich auf dem Weg zu finden, das Geheimnis der Schwelle zu finden. Sie werden, wenn Sie dem Geheimnis der Schwelle nahekommen, durchaus das Bewußtsein durch die Sache selbst empfangen, daß man zwar über die Wege gut sprechen kann, die zum Geheimnis der Schwelle führen, daß man aber nicht eine unmittelbare Mitteilung über das Geheimnis der Schwelle machen kann. So ist in gewisser Beziehung das Geheimnis der Schwelle individuelle Sache eines jeden einzelnen Menschen, und dennoch liegt die Notwendigkeit vor, daß von jenseits der Schwelle gerade die wichtigsten Ideen für das soziale Werden geholt werden. Heute ist es ja überhaupt mit dem Geheimnis der Schwelle so eine eigene Sache, denn heute ist wenig Vertrauen von Mensch zu Mensch. Das ist ja etwas, was furchtbar geschwunden ist unter den Menschen, das Vertrauen von Mensch zu Mensch, und es stünde um unser soziales Leben ganz anders, wenn nur ein wenig größeres Vertrauen von Mensch zu Mensch vorhanden wäre. So kommt es, daß zu demjenigen, der heute das Geheimnis der Schwelle kennt, der das Geheimnis der Schwelle durch Bekanntwerden mit dem Hüter der Schwelle kennt, ein viel zu geringes Vertrauen sich festsetzt, oder ein falsch gerichtetes, ein falsch orientiertes, ein falsch eingestelltes Vertrauen.

[ 6 ] You—or rather, those of you who have been participating for years in the spiritual scientific reflections, insofar as they are anthroposophically oriented—you all have the opportunity to find your way, to discover the mystery of the threshold. As you draw near to the mystery of the threshold, you will certainly come to realize through the matter itself that, while one can speak well of the paths that lead to the mystery of the threshold, one cannot convey the mystery of the threshold directly. Thus, in a certain sense, the mystery of the threshold is an individual matter for each person, and yet it is necessary that the most important ideas for social development be drawn precisely from beyond the threshold. Today, the mystery of the threshold is, after all, such a peculiar matter, for there is little trust between people today. This is something that has terribly dwindled among people—trust between people—and our social life would be quite different if only there were a little more trust between people. Thus it happens that toward those who know the mystery of the threshold today—who know it through their acquaintance with the Keeper of the Threshold—a trust that is far too small takes root, or a trust that is misdirected, misguided, and misguidedly placed.

[ 7 ] Es wäre, wie Sie daraus ersehen können, diese Sache eine ziemlich hoffnungslose, wenn nicht etwas anderes der Fall wäre. Denn man könnte sagen: Also kann zum Beispiel die soziale Frage überhaupt nur von Initiierten gelöst werden. — Man wird aber den Initiierten aus dem Mangel an Vertrauen, das heute der Mensch dem Menschen entgegenbringt, eben einfach nicht glauben. Man wird nicht glauben, daß sie die Einsicht in das Leben haben. Dies ist nur auf einem gewissen Gebiete wahrzunehmen, nämlich jenseits der Schwelle, von dem sie nicht unmittelbar von Mensch zu Mensch, wenigstens nicht jederzeit und aus allen Voraussetzungen heraus von Mensch zu Mensch sprechen können. Würde zum Beispiel jemand in unvorsichtiger Weise seine Erfahrungen, die er mit dem Hüter der Schwelle gemacht hat, einem anderen mitteilen, der sie emotionell oder, sagen wir, so aufnimmt, daß er sich nicht stellt in dasjenige Gebiet seiner Seele, in dem er eine bis zu einem gewissen Grad gedrungene Selbstzucht geübt hat, und würde vielleicht sogar ein solcher, der auf diese Weise das Geheimnis der Schwelle mitgeteilt erhielte, dieses Geheimnis der Schwelle weiter ausplaudern, so würde dies zwar ein Übergang des Geheimnisses der Schwelle in das soziale Leben sein, aber es würde eine sehr schlimme Folge haben. Es würde nämlich, was manchmal schon die bloße Mitteilung des Weges zum Geheimnis der Schwelle bewirkt, die Menschen mehr oder weniger in zwei Lager teilen, es würde die Menschen feindlich gegeneinander stellen. Denn während die Ideen, die von jenseits der Schwelle kommen, geeignet sind, wenn sie in ihrer wahren Kraft, in ihrer gereinigten spirituellen Kraft wirken, geradezu soziale Harmonie unter den Menschen zu bewirken, ist es, wenn sie ungeläutert unter die Menschen verstreut werden, so, daß sie Streit und Krieg unter den Menschen bewirken.

[ 7 ] As you can see, this would be a rather hopeless situation if it weren’t for one other factor. For one might say: “So, for example, the social question can only be solved by the Initiated.” — But people simply won’t believe the Initiated, given the lack of trust that people have in one another today. People will not believe that they have insight into life. This can only be perceived in a certain realm—namely, beyond the threshold—about which they cannot speak directly from person to person, at least not at all times and under all circumstances. If, for example, someone were to carelessly share his experiences with the Keeper of the Threshold with another person who receives them emotionally or, shall we say, in such a way that he does not place himself in that realm of his soul where he has practiced a certain degree of rigorous self-discipline, and if perhaps even someone who had been told the secret of the threshold in this way were to go on and divulge this secret of the threshold, this would indeed constitute a transfer of the secret of the threshold into social life, but it would have a very serious consequence. For it would—as is sometimes already the effect of merely revealing the path to the mystery of the threshold—divide people more or less into two camps; it would set people against one another. For while the ideas that come from beyond the threshold are capable—when they act in their true power, in their purified spiritual power—of bringing about social harmony among people, when they are scattered among people in an unpurified state, they cause strife and war among them.

[ 8 ] Sie sehen, mit dem Geheimnisse der Schwelle hat es also eine eigentümliche Bewandtnis. Und wäre nicht etwas anderes der Fall, so wäre wirklich jene Hoffnungslosigkeit berechtigt, von der ich Ihnen gesprochen habe. Da aber etwas anderes berechtigt ist, so muß man sagen: Der Weg, den die Zukunft nehmen muß, der kann klar charakterisiert werden. — Es ist ja heute so, daß dasjenige, was sozial fruchtbar ist an Ideen, eigentlich nur gefunden werden kann von den wenigen Menschen, welche sich gewisser spiritueller Fähigkeiten bedienen können, die die weitaus überwiegende Mehrzahl der Menschen heute nicht gebrauchen will, trotzdem sie in jeder Seele liegen, nicht bloß bewußtnicht gebrauchen will, sondern zumeist unbewußt nicht gebrauchen will. Aber diese wenigen, die werden sich die Aufgabe setzen müssen, dasjenige, was sie herausholen aus der geistigen Welt gerade mit Bezug auf soziale Ideen, mitzuteilen. Sie werden es übersetzen in die Sprache, in die eben die geistigen Wahrheiten, die in einer anderen Gestalt jenseits der Schwelle geschaut werden, übersetzt werden müssen, wenn sie populär werden sollen. Sie können populär werden, müssen aber zuerst in eine populäre Sprache übersetzt werden.

[ 8 ] As you can see, there is something peculiar about the “Secrets of the Threshold.” And if it were not for something else, the hopelessness I spoke to you about would indeed be justified. But since something else is valid, one must say: The path that the future must take can be clearly defined. — The fact is that today, socially fruitful ideas can really only be discovered by the few people who are able to make use of certain spiritual faculties—faculties that the vast majority of people today do not wish to use, even though they lie within every soul; they do not merely choose not to use them consciously, but for the most part do not wish to use them unconsciously either. But these few will have to set themselves the task of communicating what they draw from the spiritual world, specifically with regard to social ideas. They will translate it into the language into which the spiritual truths—which are perceived in a different form beyond the threshold—must be translated if they are to become popular. They can become popular, but they must first be translated into a popular language.

[ 9 ] Nach dem allgemeinen Zeitcharakter wird man natürlich solchen in die Geheimnisse der Schwelle Eingeweihten, über die sozialen Ideen Sprechenden, nicht glauben, weil das nötige Vertrauen unter den Menschen nicht da ist. Man wird jede soziale Idee, welche eigentlich keine Wirklichkeit ist, wie Sie aus dem Vorhergehenden ersehen können, jede soziale Idee, die mit dem gewöhnlichen Verstande auf die Sinneswelt gerichtet ist, in der heutigen demokratienärrischen Zeit — wollte sagen: demokratiesüchtigen Zeit — man wird selbstverständlich eine solche rein verstandesmäßig zutage geförderte soziale Idee, die keine ist, für demokratisch gleichwertig halten mit dem, was der Initiierte aus der geistigen Welt herausholt und was wirklich fruchtbar sein kann. Aber würde diese demokratiesüchtige Ansicht oder Empfindung den Sieg davontragen, so würden wir in verhältnismäßig kurzer Zeit eine soziale Unmöglichkeit, ein soziales Chaos im wüstesten Sinne erleben. Aber das andere ist ja eben vorhanden und gilt gerade in hervorragendem Maße für die sozialen Ideen, die von Initiierten von jenseits der Schwelle hergeholt werden. Ich habe es immer wieder und wieder betont: Derjenige, der sich wirklich seines gesunden Verstandes, nicht des wissenschaftlich verdorbenen, aber des gesunden Menschenverstandes bedienen will, der kann jederzeit, wenn er auch nicht finden kann dasjenige, was nur der Initiierte finden kann, er kann es prüfen, er kann es am Leben erproben, und er wird es einsehen können, nachdem es gefunden ist. Und diesen Weg werden für die nächste Zeit die sozial fruchtbaren Ideen zu nehmen haben. Anders wird man nicht vorwärtskommen. Diesen Weg werden die sozial fruchtbaren Ideen zu nehmen haben. Sie werden da und dort auftreten. Man wird zunächst selbstverständlich, solange man nicht geprüft hat, solange man nicht seinen gesunden Menschenverstand darauf angewendet hat, jeden beliebigen marzistischen Gedanken mit einem Gedanken der Initiation verwechseln können. Aber wenn man vergleichen wird, nachdenken wird, wirklich den gesunden Menschenverstand auf die Dinge anwenden wird, dann wird man schon zu der Unterscheidung kommen, dann wird man schon einsehen, daß es etwas anderes ist an Wirklichkeitsgehalt, was aus den Geheimnissen der Schwelle von jenseits der Schwelle hergeholt wird, als dasjenige, was ganz aus der Sinnenwelt herausgeholt ist wie zum Beispiel der Marxismus.

[ 9 ] Given the general spirit of the times, people will naturally not believe those who are initiated into the mysteries of the Threshold and who speak about social ideas, because the necessary trust among people is lacking. In today’s era of democratic frenzy—I mean to say: an era addicted to democracy—one will, of course, regard such a purely intellectual social idea—which is not really a social idea at all—as democratically equivalent to what the initiate draws from the spiritual world and what can truly be fruitful. But if this democracy-addicted view or sentiment were to prevail, we would, in a relatively short time, experience a social impossibility, a social chaos in the most desolate sense. Yet the opposite is, in fact, the case and applies to a remarkable degree to the social ideas drawn by the initiated from beyond the threshold. I have emphasized this time and again: Anyone who truly wishes to make use of their sound judgment—not the scientifically corrupted kind, but sound common sense—can, at any time, even if they cannot find what only the initiate can find, examine it, test it in real life, and come to understand it once it has been found. And this is the path that socially fruitful ideas will have to take in the near future. Otherwise, we will not make any progress. This is the path that socially fruitful ideas will have to take. They will emerge here and there. At first, of course—as long as one has not examined them, as long as one has not applied one’s common sense to them—one might confuse any Marxist idea with a thought of initiation. But when one compares, reflects, and truly applies common sense to these matters, one will come to make the distinction; one will realize that what is drawn from the mysteries of the threshold—from beyond the threshold—has a different reality than that which is drawn entirely from the sensory world, such as Marxism.

[ 10 ] Damit habe ich Ihnen zu gleicher Zeit nicht irgendein Programm charakterisiert, denn mit Programmen wird die Menschheit in der nächsten Zeit sehr schlimme Erfahrungen machen; ich habe Ihnen charakterisiert einen positiven Vorgang, der sich abspielen muß. Diejenigen, die aus der Initiation etwas wissen über soziale Ideen, werden die Verpflichtung haben, diese sozialen Ideen der Menschheit mitzuteilen, und die Menschheit wird sich entschließen müssen dazu, über die Sache nachzudenken. Und durch Nachdenken, bloß durch Nachdenken mit Hilfe des gesunden Menschenverstandes, wird schon das Richtige herauskommen. Das ist so außerordentlich wichtig, daß das, was ich eben jetzt gesagt habe, wirklich angesehen werde als eine fundamentale Lebenswahrheit für die nächsten Zeiten, unmittelbar von der Gegenwart schon angefangen! Nicht das ist die Forderung, daß man glauben soll, man könne dies oder jenes aus jeder beliebigen Idee heraus machen, sondern das ist die Forderung, daß man glauben soll: Menschen müssen zusammenarbeiten. Das unmittelbare persönliche Zusammenarbeiten von Menschen ist notwendig, damit unter den Zusammenarbeitenden auch solche sind, die von jenseits der Schwelle her die betreffenden Ideen haben. Sie sehen also, das, was für die Gegenwart wichtig ist, ist nicht etwas, mit dem sich spielen läßt. Es ist eine ungeheuer ernste Sache, die von der Gegenwart aus an die Menschen herantritt. Und man kann sagen: Im weiten Umkreise des Menschenbewußtseins ist noch wenig Sinn vorhanden für den ungeheuren Ernst, der sich gerade mit Bezug auf diese Dinge geltend macht.

[ 10 ] In doing so, I have not described just any program to you, for humanity is about to have very bad experiences with programs in the near future; rather, I have described a positive process that must take place. Those who, through initiation, have some knowledge of social ideas will have a duty to share these social ideas with humanity, and humanity will have to resolve to reflect on the matter. And through reflection—simply through reflection with the aid of common sense—the right answer will emerge. This is so extraordinarily important that what I have just said must truly be regarded as a fundamental truth of life for the times ahead—beginning immediately from the present! The demand is not that one should believe one can achieve this or that from any arbitrary idea, but rather that one should believe: people must work together. Direct, personal collaboration among people is necessary so that among those working together there are also those who, from beyond the threshold, possess the relevant ideas. So you see, what is important for the present is not something to be trifled with. It is an immensely serious matter that confronts people from the present. And one can say: Within the broad sphere of human consciousness, there is still little sense of the immense seriousness that is making itself felt precisely in relation to these things.

[ 11 ] Es liegt eine weitere Schwierigkeit vor, die wenigstens derjenige wissen muß, der von gewissen geisteswissenschaftlichen Betrachtungen bei diesen Dingen ausgehen kann. So wie das soziale Problem in der Gegenwart auftritt, wirkt es als ein internationales Problem. Darinnen liegt ein verhängnisvoller Irrtum, der sich ja auch praktisch in der letzten Zeit dadurch zum Ausdruck gebracht hat, daß ein ganz und gar westwärts, englisch-amerikanisch orientierter Mann wie Lenin im plombierten Wagen unter der Protektion der deutschen Regierung nach Rußland gefahren worden ist, um dort einen solchen Zustand herbeizuführen, mit dem die deutsche Regierung, namentlich in der Persönlichkeit Ludendorffs, glaubte, einen Frieden schließen zu können und sich weiter halten zu können. Das beruht auf dem Irrtum, daß man etwas wirklich Voll-Internationales, was überall anwendbar ist, überhaupt haben könne. Und gerade an dem Leninismus in Rußland ließe es sich studieren, wie unmöglich es ist, auf das russische Volkstum draufzupfropfen etwas völlig aus dem Westen Entsprungenes, das der Westen aber gar nicht haben will.

[ 11 ] There is another difficulty that at least anyone who approaches these matters from a certain humanistic perspective must be aware of. As the social problem presents itself today, it appears as an international problem. Herein lies a fateful error, which has indeed found practical expression in recent times in the fact that a man entirely oriented toward the West, English-American-oriented man like Lenin was transported to Russia in a sealed car under the protection of the German government in order to bring about a situation there with which the German government—specifically in the person of Ludendorff—believed it could conclude a peace and maintain its position. This is based on the misconception that one could actually have something truly universal—something applicable everywhere. And it is precisely in the case of Leninism in Russia that one can see how impossible it is to graft onto Russian national character something that originated entirely in the West, yet which the West itself does not want at all.

[ 12 ] Nicht darum wird es sich handeln, wenn die soziale Harmonie gesucht werden muß für die nächste Zukunft, in abstrakter Weise immer wieder und wiederum zurückzukommen darauf, daß alle Menschen einander gleich sind mit Bezug auf das Grundwesen, sondern darauf wird es ankommen, daß die Menschen in ihren Individualitäten sich verstehen lernen müssen auch in den großen, ewigen Kräften, die durch die menschlichen Individualitäten gehen. Heute ist es noch für manche Menschen etwas außerordentlich Aufregendes, wenn man einmal diejenigen Dinge sagt, die ja gerade dazu dienen sollen, daß die Menschen sich besser verstehen lernen. Man kann es heute erleben, daß, wenn man jemandem sagt: Das deutsche Volkstum ist dazu angetan, daß der Volksgeist durch das Ich spricht, während das italienische Volkstum dazu angetan ist, daß der Volksgeist durch die Empfindungsseele spricht —, daß da der Mensch heute dazu in der Lage ist, zu sagen: Nun ja, da wird der Italiener weniger geschätzt, weil die Empfindungsseele weniger ist als das Ich zum Beispiel. — So sagt man. Es ist natürlich ein völliger Unsinn, denn bei diesen Dingen handelt es sich nicht darum, Wertigkeiten aufzustellen, sondern etwas an die Hand zu geben, wobei sich die Menschen über das ganze Erdenrund hin — und die Schicksale der Menschen lassen sich heute nicht anders als nur über das Erdenrund hin ordnen — wirklich verstehen lernen. Von einem gewissen Gesichtspunkte aus ist nichts so Geartetes wertvoller oder wertloser, sondern ein jedes hat seine Aufgabe in der Entwickelung der Menschheit. Und dann ist ja natürlich in jedem Menschen etwas, etwas, das aber natürlich zusammenhängt mit dem Geheimnis der Schwelle, wodurch er sich wieder heraushebt aus solchem Gruppenhaften, was dadurch charakterisiert wird, daß man sagt: Da wirkt die Empfindungsseele, da das Ich, da das Geistselbst und so weiter. — Aber kennen muß man heute diese Dinge, sonst werden die Menschen immer aneinander vorbeigehen und doch nicht viel mehr voneinander wissen, als höchstens Kenntnisse von zweierlei Art: erstens, daß die meisten Menschen die Nase mitten im Gesicht haben, oder daß dasjenige richtig ist, was die Journalisten wissen, wenn sie die Länder bereisen. Beides ist ja eine ungefähr gleich wichtige Wahrheit.

[ 12 ] When seeking social harmony for the near future, the issue will not be to return, time and again in an abstract manner, to the idea that all people are equal in their fundamental nature; rather, what will matter is that people must learn to understand one another in their individuality, even within the great, eternal forces that flow through human individualities. Today, it is still something extraordinarily unsettling for some people when one speaks of precisely those things that are meant to help people understand one another better. One can observe today that when one says to someone: “German national character is such that the national spirit speaks through the ‘I,’ whereas Italian national character is such that the national spirit speaks through the feeling soul”—one may find that people today are inclined to say: “Well, then, Italians are less valued because the feeling soul is less than the ‘I,’ for example.” — That’s what people say. It is, of course, utter nonsense, for these matters are not about establishing hierarchies of value, but about providing a framework through which people across the entire globe—and human destinies today can be arranged only across the entire globe—can truly learn to understand one another. From a certain point of view, nothing of this nature is more or less valuable; rather, each has its own role to play in the development of humanity. And then, of course, there is something in every human being—something that is, of course, connected to the mystery of the threshold—through which the individual rises above such group characteristics, which are characterized by the distinction between the feeling soul, the “I,” the spiritual self, and so on. — But one must know these things today; otherwise, people will always pass each other by and still know little more about one another than, at most, two kinds of knowledge: first, that most people have their noses in the middle of their faces, or that what journalists know when they travel through countries is correct. Both are, after all, truths of roughly equal importance.

[ 13 ] Das ist es, worum es sich handelt: nicht um ein abstraktes, allgemeines Menschentum, sondern um ein wirkliches Verbinden der Menschen auf Grundlage des Interesses für die besondere individuelle Gestaltung, die ein Mensch dadurch erhält, daß er in ein bestimmtes Volksseelentum hineinversetzt ist. Es ist einmal heute die Zeit gekommen, daß solche Dinge, die nicht nur als unbequem, sondern manchmal sogar als verletzend empfunden werden, populär werden müssen. Man kommt nicht weiter, ohne daß solche Dinge populär werden. Das muß gehörig ins Auge gefaßt werden. Aber alle diese Dinge sind ja so, daß sie wirklich dem gesunden Menschenverstande zugänglich sind. Und wenn nur einmal wenigstens dieses Selbstvertrauen eintreten würde bei einer großen Anzahl von Menschen, dieses Selbstvertrauen, das nicht immer sagt: Ja, ich kann ja doch nicht in die geistige Welt hineinschauen, ich muß doch dem Initiierten nur glauben —, sondern welches sagt: Nun, es wird doch das oder jenes behauptet; ich will aber meinen gesunden Menschenverstand anwenden, um es einzusehen —, wenn dieses Selbstvertrauen, aber wirksam, tatkräftig, nicht bloß abstrakt oder theoretisch, einträte bei einer größeren Anzahl von Menschen, dann wäre es schon gut und dann wäre ungeheuer viel insbesondere für den Weg gewonnen, der gegangen werden muß mit Bezug auf das soziale Problem. Aber das ist gerade der Schaden, daß die Menschen dieses Selbstvertrauen zu ihrem gesunden Menschenverstand mehr oder weniger gerade durch die menschliche Erziehung im neunzehnten Jahrhundert eingebüßt haben. Die schädlichen Eigenschaften, durch die dieses Selbstvertrauen und dadurch der Gebrauch der menschlichen Urteilskräfte eingebüßt worden ist, diese schädlichen Eigenschaften waren in früheren Zeiten auch vorhanden, aber sie waren nicht so schädlich, weil der Mensch nicht im naturwissenschaftlichen Zeitalter lebte, das von ihm notwendigerweise aus gewissen Untergründen heraus verlangt, daß er ein einheitliches Urteilsvermögen wirklich anwendet, daß er seinen gesunden Menschenverstand restlos anwendet. Das aber ist es gerade, was am meisten gefehlt hat in der neueren Zeit.

[ 13 ] This is what it is all about: not an abstract, general concept of humanity, but a genuine connection among people based on an interest in the unique individual character that a person acquires by being immersed in a particular national spirit. The time has now come for such things—which are perceived not only as inconvenient but sometimes even as hurtful—to become widely accepted. We cannot move forward unless such things become widely accepted. This must be fully taken into account. But all these things are, in fact, accessible to sound common sense. And if only this self-confidence could take hold among a large number of people—this self-confidence that does not always say, “Well, I can’t really see into the spiritual world anyway, so I must simply believe the initiate”—but rather says, “Well, this or that is claimed; but I want to use my common sense to understand it”—if this self-confidence, effective and active rather than merely abstract or theoretical, were to take hold among a larger number of people, then that would already be a good thing, and an immense amount would be gained, especially for the path that must be taken with regard to the social problem. But that is precisely the problem: that people have more or less lost this self-confidence in their common sense precisely as a result of nineteenth-century education. The harmful traits that led to the loss of this self-confidence—and thereby the use of human powers of judgment—were also present in earlier times, but they were not as harmful because people did not live in the age of natural science, which—for certain underlying reasons—necessarily demands that they truly apply a unified faculty of judgment and that they apply their common sense to the fullest. Yet this is precisely what has been most lacking in recent times.

[ 14 ] Man nimmt gar nicht ernst die Beispiele, die man dafür geben kann. Aber ich will Ihnen ein Beispiel geben, das ich nicht nur verhundertfachen, sondern vertausendfachen könnte. Ich habe eine Abhandlung hier; diese Abhandlung heißt: «Über Tod und Sterben vom rein naturwissenschaftlichen Standpunkte.» Diese Abhandlung ist eine Rede, die Wiedergabe einer Rede, die gehalten wurde in der Aula der Berliner Universität am 3. August 1911 von Friedrich Kraus. Er will naturwissenschaftlich über die Probleme von Tod und Sterben sprechen und sagt da allerhand auf 26 Seiten. Diese Rede, die zur Gedächtnisfeier des Stifters der Berliner Universität, König Friedrich Wilhelm III., gehalten wurde — immer wurde solch eine Rede gehalten, und solche Reden geschehen auch an anderen Universitäten —, diese Rede hat selbstverständlich auch einen Anfang, und diesen Anfang, den will ich Ihnen vorlesen. Also eine Abhandlung «Über Tod und Sterben», die in streng naturwissenschaftlichem Sinne gehalten war, wenigstens nach der Meinung des Vortragenden, nach der Meinung der um die Magnifizenz herumstehenden Dekane und Senatoren und der anderen erlauchten Herren der Wissenschaft, und diese Rede beginnt: «Hochansehnliche Versammlung! Verehrte Kollegen! Kommilitonen! Die Berliner Universität feiert heute ihre Stiftung und ihren königlichen Stifter. Die Redner, welche alljährlich zu dieser Stunde das Wort nehmen, gedenken, in der Erinnerung unseres Ursprungs, gewöhnlich der schweren Zeiten, aus deren Not diese Universität hervorging, und des wahrhaft königlichen Wortes vom Ersatz verlorener physischer durch geistige Kräfte. Heute, in einer Zeit machtvollen Gedeihens, wo des Kaisers starker Arm unsern Frieden in Ehren schirmt, können wir es ruhig erwägen, daß auch das Leben einer Nation mit kräftigstem Herzschlag in Wellen des Hoch- und Niedergehens verläuft.»

[ 14 ] People don’t take the examples one can give in this regard seriously at all. But I want to give you an example that I could multiply not just a hundredfold, but a thousandfold. I have a treatise here; this treatise is titled: “On Death and Dying from a Purely Scientific Point of View.” This treatise is a speech—the transcript of a speech—delivered in the auditorium of the University of Berlin on August 3, 1911, by Friedrich Kraus. He intends to speak from a scientific perspective about the problems of death and dying and says all sorts of things over the course of 26 pages. This lecture, which was delivered in commemoration of the founder of the University of Berlin, King Frederick William III—such lectures were always given, and they are also held at other universities—naturally has a beginning, and I would like to read this beginning to you. So, a treatise “On Death and Dying,” delivered in a strictly scientific spirit—at least in the opinion of the speaker, in the opinion of the deans and senators standing around the university’s leadership, and the other distinguished gentlemen of science—and this speech begins: “Distinguished Assembly! Esteemed Colleagues! Fellow students! Today, the University of Berlin celebrates its founding and its royal founder. The speakers who take the floor at this hour each year, in remembrance of our origins, usually recall the difficult times from whose hardship this university emerged, and the truly royal words about replacing lost physical strength with spiritual strength. Today, in a time of mighty prosperity, when the Emperor’s strong arm honorably shields our peace, we can calmly reflect that even the life of a nation, with its strongest heartbeat, flows in waves of rise and fall.”

[ 15 ] Nun, heute sorgen ja die Ereignisse für die Richtigstellung dieser Dinge; heute sorgen die Ereignisse für die Richtigstellung eines solchen Satzes: «Heute, in einer Zeit machtvollen Gedeihens, wo des Kaisers starker Arm unsern Frieden in Ehren schirmt»! Aber, was sollte in einer solchen Sache der gesunde Menschenverstand sagen? Der gesunde Menschenverstand sollte sagen: Ein Mensch, der in der Lage ist, dieses zu sprechen, was nichts weiter ist als eine große Torheit, von dem muß auch alles übrige, was da über Tod und Sterben gesagt wird, als ein törichtes Zeug angesehen werden. Aber wer entschließt sich zu einer solchen Gesundheit des gesunden Menschenverstandes? Sie sehen also, nicht darum handelt es sich, daß der gesunde Menschenverstand nicht fähig wäre, zu entscheiden, sondern darum handelt es sich, daß man am Gebrauche des gesunden Menschenverstandes aus gewissen Grundeigenschaften der Gegenwart heraus vorbeigeht. Diese Dinge müssen gut ins Auge gefaßt werden.

[ 15 ] Well, today events are setting the record straight on these matters; today events are setting the record straight on a statement such as this: “Today, in an era of mighty prosperity, when the Emperor’s strong arm honorably shields our peace”! But what should common sense say in such a matter? Common sense would say: A person who is capable of uttering this—which is nothing more than utter folly—must also be regarded as spouting foolish nonsense in everything else he says about death and dying. But who is willing to embrace such soundness of common sense? You see, then, that the issue is not that common sense is incapable of deciding, but rather that people, for certain characteristics of the present, choose to disregard the use of common sense. These things must be clearly understood.

[ 16 ] Die Berliner Akademie der Wissenschaften ist von dem großen Philosophen Leibniz gegründet. Das ist ein Beispiel. Man könnte andere Beispiele anführen, die ähnlich charakterisiert werden müßten, von meinetwegen München, Heidelberg. Ein Land will ich auslassen aus einer gewissen Courtoisie heraus — nun, so sagt man heute nicht, also aus einer gewissen Empfindung heraus. Ich will also sagen: Man könnte ähnliches finden in Paris, in London, in Washington und so weiter, in Rom selbstverständlich, in Bologna und so fort. Leibniz hat unter dem Kurfürsten Friedrich die Berliner Akademie der Wissenschaften zu gründen unternommen. Nun ja, es war eine gute Absicht. Sie ließ sich aber nur dadurch verwirklichen, daß sich Leibniz der große Philosoph, herablassen mußte, den Kurfürsten — der das, was Leibniz da sagte, allerdings ganz und gar nicht war — zu vergleichen mit dem König Salomo und ihn den preußischen König Salomo zu nennen. Ja, er mußte sogar die Kurfürstin mit der Königin von Saba vergleichen. Aber diese Berliner Akademie der Wissenschaften, die der große Du Bois-Reymond «das geistige Leibregiment des Hauses Hohenzollern» genannt hat, hat ihr tragikomisches Schicksal mit diesem Schicksal nicht etwa schon erfüllt gehabt. Denn Friedrich Wilhelm I. hat eines Tages gefunden, daß der Professor Gundling zu viel Gehalt bekommt, namentlich weil er zu gescheit ist, zu viel Gehalt bekommt. Da hat er ihn brotlos gemacht, hat ihn davongejagt, und da war der Professor Gundling genötigt, in allerlei Wirtshäusern den Leuten so etwas Varietéhaftes vorzumachen, seine besonderen Anlagen, den Leuten etwas vorzumachen, zu einer Art Varietevorstellung zu benützen. Das hörte dann der König Friedrich Wilhelm I., und da fing ihn der Gundling an etwas zu interessieren, den er früher davongejagt hat. Da machte er ihn zu einem Hofnarren, und jetzt gab er ihm wieder Gehalt. Aber er sagte: Der Hofnarr kann auch etwas anderes dabei besorgen —, da machte er ihn zum Präsidenten der Akademie der Wissenschaften. So daß in der Tat der Professor Gundling der Präsident der Akademie der Wissenschaften ward. Aber das ist nicht nur eine einzelne Tatsache, die aus einer einzelnen Schrulle etwa hervorgegangen ist, sondern noch Friedrich der Große, der dann den Voltaire an die Akademie der Wissenschaften in Berlin berufen wollte, der hörte von dem Gehalt, welches Voltaire verlangte für seinen Eintritt in die Akademie der Wissenschaften; da sagte er: Dies Gehalt ist für einen Hofnarren viel zu groß. — Also, es handelte sich darum, die ganze Akademie der Wissenschaften von der Gesinnung aus, daß man es mit Narren zu tun hat, zu behandeln.

[ 16 ] The Berlin Academy of Sciences was founded by the great philosopher Leibniz. That is one example. One could cite other examples that would have to be characterized similarly—Munich or Heidelberg, for instance. I will omit one country out of a certain courtesy—well, that’s not how one puts it today, so out of a certain sentiment. So let me say: One could find similar examples in Paris, in London, in Washington, and so on, in Rome of course, in Bologna, and so forth. Leibniz undertook to found the Berlin Academy of Sciences under Elector Frederick. Well, it was a good intention. But it could only be realized because Leibniz, the great philosopher, had to condescend to compare the Elector—who was, admittedly, nothing at all like what Leibniz described—to King Solomon and call him the Prussian King Solomon. Yes, he even had to compare the Electress to the Queen of Sheba. But this Berlin Academy of Sciences, which the great Du Bois-Reymond called “the intellectual bodyguard of the House of Hohenzollern,” had by no means already fulfilled its tragicomic fate with this single event. For one day Frederick William I decided that Professor Gundling was receiving too high a salary—specifically because he was too clever. So he left him without a livelihood, drove him away, and Professor Gundling was forced to put on a sort of variety-show act for people in all sorts of taverns, using his special talents to entertain the crowd in a sort of variety performance. King Frederick William I heard about this, and Gundling—whom he had previously driven away—began to interest him. So he made him a court jester and resumed paying him a salary. But he said, “The court jester can also take on another role”—and so he appointed him president of the Academy of Sciences. So, in fact, Professor Gundling became the president of the Academy of Sciences. But this is not merely an isolated incident that arose from a single quirk; even Frederick the Great, who later wanted to appoint Voltaire to the Academy of Sciences in Berlin, heard about the salary Voltaire demanded for joining the Academy of Sciences; so he said: “This salary is far too high for a court jester.” — So, the point was to treat the entire Academy of Sciences based on the assumption that one was dealing with fools.

[ 17 ] Man muß schon auf solche Dinge hinweisen können, wenn man darauf aufmerksam machen will, was für eine Diskrepanz in den Ereignissen drinnenliegt, daß aus einem gewissen Fürstenhause heraus die Gelehrten den Hofnarren an die Seite gestellt werden, in aller Realität, und nachher die Gelehrten so quittieren wie das eine Exemplar, von dem ich Ihnen jetzt eben vom Jahre 1911 erzählt habe. Es handelt sich eben wirklich darum, daß man nicht zu gesundem Menschenverstand kommen kann, wenn man nicht den Willen hat, die Wirklichkeit ungeschminkt wirklich anzusehen, nachzugehen den Dingen, die einem zugänglich sind. Und nachzugehen den Dingen auf einem oder auf dem anderen Gebiete ist eigentlich jedem Menschen etwas, was ihn schulen kann mit Bezug auf Wirklichkeitssinn, mit Bezug auf alles dasjenige, was einem gesunder Menschenverstand gibt. Hat man — man hat natürlich, selbstverständlich, ich werde nicht so unhöflich sein, irgend jemand den gesunden Menschenverstand abzusprechen, denn ich glaube ja gerade, daß ihn jeder Mensch hat —, aber hat man die Handhabe, den Willen zum Gebrauch des gesunden Menschenverstandes, so kann man das nur dadurch haben, daß man den Dingen auf irgendeinem Gebiete ganz vorurteilslos und unbefangen zu Leibe geht. Versuchen Sie sich nur einmal klarzumachen, daß das eine Schwierigkeit ist, aber eine überwindliche Schwierigkeit. Versuchen Sie nachzudenken, wie viel in Ihnen steckt von nationalen oder sonstigen menschlichen Vorurteilen, die Sie hindern, den Dingen unbefangen und vorurteilslos zu Leibe zu gehen. Zu diesen Selbstbetrachtungen muß man schon den guten Willen haben, sonst kann man nie und nimmer irgendein vernünftiges Wort mitreden, wenn es sich darum handelt, zu entscheiden: Welche Ideen sind sozial fruchtbar für die Gegenwart und nächste Zukunft, und welche Ideen sind nicht sozial fruchtbar?

[ 17 ] One must be able to point out such things if one wants to draw attention to the discrepancy inherent in these events—that in a certain princely house, scholars are actually placed alongside the court jester, and then the scholars are dismissed just like the one individual I just told you about from the year 1911. The point is, quite simply, that one cannot arrive at common sense unless one has the will to look at reality unvarnished, to investigate the things that are accessible to one. And investigating things in one field or another is actually something that can train every person in their sense of reality, in everything that gives one common sense. If one has—one has, of course, naturally, I won’t be so rude as to deny anyone common sense, for I believe, in fact, that every person possesses it—but if one has the ability and the will to use common sense, one can only acquire it by approaching things in any field completely without prejudice and with an open mind. Just try to realize that this is a difficulty, but one that can be overcome. Try to reflect on how much of national or other human prejudice lies within you, preventing you from approaching matters with an open mind and without prejudice. One must have the good will to engage in this self-reflection; otherwise, one can never, ever contribute any sensible input when it comes to deciding: Which ideas are socially fruitful for the present and the near future, and which ideas are not socially fruitful?

[ 18 ] Betrachten wir, nachdem wir dies, ich möchte sagen, mehr zur Charakteristik der Gesinnung als zur Charakteristik irgendwelcher theoretischer Grundlage aufgestellt haben, betrachten wir von diesem Gesichtspunkte aus rhapsodisch, aphoristisch manche Einzelheiten, die uns wichtig sein können zum Verständnis und zu unserem Tun in der Gegenwart und in der nächsten Zukunft. Ich will ausgehen von einer der Grundideen, die im modernen Proletariate wirklich mit großer Intensität verankert sind. Aus dem Marxismus heraus hat dieses moderne Proletariat die Empfindung gesogen, daß im wirklichen Fortgang der Menschheit die Meinung des einzelnen Menschen, die Meinung der einzelnen Individualität eigentlich keine Bedeutung hat. Die Meinung der einzelnen Individualität hat nur für diejenigen Dinge eines Menschen eine Bedeutung, die seine Privatangelegenheiten sind — so meint die proletarische Weltanschauung von heute —, aber alles, was geschichtlich wird, geschieht aus notwendigen wirtschaftlichen Untergründen heraus, wie ich sie Ihnen vorgestern charakterisiert habe. Das war gerade der Gegensatz, in den ich zu dem modernen Proletariat gekommen bin durch meine «Philosophie der Freiheit», daß da verlangt wird, alles zu bauen gerade auf die menschliche Individualität, auf den Inhalt und die Tatkraft der menschlichen Individualität, der diese modernen proletarischen Ideen gar keine Bedeutung beimessen, sondern die nur den Menschen als soziales Tier, als Gesellschaftswesen gelten lassen wollen. Die Gesellschaft bewirkt alles, was in der Geschichte irgendeinen Werdecharakter hat, was in der Geschichte irgendwie fruchtbar ist. Dasjenige, was ein Minister oder ein Fabrikherr oder irgendein anderer macht aus seiner Individualität heraus — so denkt der Proletarier —, das hat innerhalb der vier Wände seines Hauses oder an seinem Skat-Tisch oder wo er sonst ein Privatmensch ist, eine Bedeutung, das hat eine Bedeutung für sein Amusement, das hat eine Bedeutung für die persönlichen Beziehungen, die er zu dem oder jenem Menschen anknüpft; was aber wird durch ihn als der Menschheit angehörig, das stamme nicht aus seiner Individualität, sondern das stamme aus dem ganzen gesellschaftlichen Klassen-Zusammenhang und so weiter, wie ich es Ihnen charakterisiert habe.

[ 18 ] Now that we have established this—which, I would say, pertains more to the nature of our mindset than to any theoretical foundation—let us consider, from this perspective, in a rhapsodic and aphoristic manner, certain details that may be important to our understanding and to our actions in the present and in the near future. I want to start with one of the fundamental ideas that is truly and deeply rooted in the modern proletariat. Drawing on Marxism, this modern proletariat has come to feel that, in the actual progress of humanity, the opinion of the individual, the opinion of the individual person, is actually of no significance. The opinion of the individual has significance only for those aspects of a person’s life that are private matters—so goes the proletarian worldview of today—but everything that becomes historical arises from necessary economic foundations, as I characterized them for you the day before yesterday. This was precisely the contrast I encountered with the modern proletariat through my *Philosophy of Freedom*: that it demands that everything be built precisely upon human individuality—upon the content and vitality of human individuality—to which these modern proletarian ideas attach no significance whatsoever, but which they wish to regard human beings solely as social animals, as social beings. Society brings about everything in history that has any value, everything that is in any way fruitful. Whatever a minister or a factory owner or anyone else does out of their individuality—so the proletarian thinks—has significance within the four walls of their home or at their card table or wherever else they are a private individual; it has significance for their amusement; it has significance for the personal relationships they form with this or that person; but what becomes part of humanity through him does not stem from his individuality; rather, it stems from the entire social and class context and so on, as I have described it to you.

[ 19 ] Diese Idee ist fest verankert in dem modernen Proletariat. Sie hängt innig zusammen mit dem Unglauben des modernen Proletariats an den einzelnen Menschen und seine Einsicht. Es hilft nämlich dem modernen Proletariat gegenüber nicht so leicht, wenn der Einzelmensch diesem Proletariat irgendwelche Erkenntnisse mitteilt, denn dieses Proletariat sagt dann: Was der einzelne denkt, hat ja doch nur für ihn einen Privatwert; nur dasjenige, was er sagt als Angehöriger einer Klasse, meinetwillen als Angehöriger des Proletariats selber, was also jeder sagen kann, das hat einen wirklichen äußeren Gesellschaftswert. Es ist verbunden mit den Ideen des modernen Proletariats ein furchtbares Nivellement mit Bezug auf die menschliche Individualität, ein absoluter Unglaube an diese menschliche Individualität. Daraus werden Sie sehen, wie ungeheuer schwierig es ihm wird, sich zu durchdringen mit dem, was aus dem Allerindividuellsten herauskommt, nämlich mit den wirklich fruchtbaren sozialen Ideen. Aber in unserer Zeit ist der Werdegang der Ereignisse selber dazu angetan, solche großen welthistorischen Vorurteile — denn wenn Millionen sich dazu bekennen, so kann man sprechen von welthistorischen Vorurteilen — durch die Tatsachen, durch die Wirklichkeit zu widerlegen. Es könnte keine stärkere Widerlegung geben für die proletarische Theorie, die alles Werden aus der Verelendung der Masse, kurz aus sozialen Erscheinungen ableiten will, aus den notwendig von Zeit- zu Zeitperiode eintretenden wirtschaftlichen Krisen und so weiter — daraus, meint sie, ginge der Werdegang der Dinge hervor, nicht aus dem, was die Menschen meinen oder erkennen —, es könnte keine stärkere Widerlegung dieses Prinzips, dieses welthistorischen Vorurteils geben, als gerade durch die in den neuesten Ereignissen gegebene Tatsache, daß letzten Endes — ich sage, letzten Endes allerdings, aber dieses «letzten Endes» hat gerade für diese Weltkatastrophe eine große Bedeutung — von ganz wenigen Menschen die Entscheidung dieser Weltkatastrophe abhing. Von ganz wenigen Menschen. Dasjenige, was geworden ist, hing zuletzt an dem Faden der Ängste, der Beargwöhnungen, der Aspirationen von ganz wenigen Menschen. Und man kann sagen: Wie Herden sind von ganz wenigen Menschen Millionen anderer Menschen in diese Katastrophe hineingetrieben worden. — Das ist leider die traurige Wahrheit, die sich dem darbietet, der aus der Wirklichkeit heraus die Verhältnisse der Gegenwart durchschaut.

[ 19 ] This idea is deeply rooted in the modern proletariat. It is intimately connected with the modern proletariat’s lack of faith in the individual and his insight. For it does not help the modern proletariat very much when an individual shares any insights with it, because the proletariat then says: What the individual thinks has, after all, only private value for him; only what he says as a member of a class—for my sake, as a member of the proletariat itself—that is, what anyone can say—has real external social value. Linked to the ideas of the modern proletariat is a terrible leveling of human individuality, an absolute disbelief in this human individuality. From this you will see how immensely difficult it becomes for them to grasp what emerges from the most individual of sources—namely, the truly fruitful social ideas. But in our time, the course of events itself is capable of refuting such great world-historical prejudices—for when millions profess them, one can speak of world-historical prejudices—through facts, through reality. There could be no stronger refutation of the proletarian theory, which seeks to derive all development from the impoverishment of the masses—in short, from social phenomena—from the economic crises that inevitably occur from time to time, and so on—from these, it claims, the course of events emerges, not from what people think or recognize— there could be no stronger refutation of this principle, of this world-historical prejudice, than precisely the fact revealed by the most recent events that, in the final analysis—I say, in the final analysis, to be sure, but this “final analysis” is of great significance precisely for this world catastrophe—the outcome of this world catastrophe depended on a very small number of people. On a very small number of people. What has come to pass ultimately hung by a thread of the fears, suspicions, and aspirations of a very few people. And one can say: Like flocks, millions of other people were driven into this catastrophe by a very few people. — That, unfortunately, is the sad truth that presents itself to anyone who, based on reality, sees through the circumstances of the present.

[ 20 ] Nicht wahr, jetzt wird den Leuten ein bißchen klar, was alles von dem in so vieler Richtung außerordentlich bornierten Willen Ludendorffs abhing. Denken Sie nur einmal, wie leicht so etwas verborgen bleiben könnte! Es wäre ja der Fall denkbar, durchaus denkbar, daß es nicht zu dieser furchtbaren Katastrophe der Gegenwart mit all ihren schrecklichen Folgen gekommen wäre, und daß dann Ludendorffs merkwürdige Handlungsart nicht an den Tag gekommen wäre. Da ist es an den Tag gekommen. Andere Staatsmänner, die durchaus nicht den Mittelmächten angehören, sie werden vielleicht bei der nächsten Wahl durchfallen, ins Privatleben zurücktreten; man wird dieses Ereignis besprechen, gleichgültig, aber man wird bei ihnen nicht darauf kommen, daß sie der Menschheit ebenso geschadet haben wie dieser Ludendorff. Das ist auch ein Kapitel, welches zur Ausbildung des gesunden Menschenverstandes gehört, weil man leicht vorbeigeht an dem gesunden Menschenverstand eben aus der Anbetung des Erfolges oder aus irgend anderem heraus. Derjenige, der den gesunden Menschenverstand hat, wird sich nicht dazu bewegen lassen, Woodrow Wilson, nein, ich meine diejenigen Menschen, die vor Woodrow Wilson heute kriechen — und schließlich, wie wenige tun es nicht! —, diejenigen Menschen, die vor Woodrow Wilson heute kriechen, anders anzusehen als jenen Professor Kraus, der 1911 den Satz, den ich Ihnen vorgelesen habe, gesprochen hat. Das ist es, was man ja möchte: die Menschen anregen zum Gebrauche ihres gesunden Menschenverstandes. Natürlich hängt das innig zusammen mit dem Willen, Tatsachen ins Auge zu fassen. Ein ungeheurer Schaden für die Gegenwart ist es, daß sich die unpraktischesten Leute heute eben gerade als die stärksten Praktiker fühlen. Was hat sich nicht außerordentlich praktisch gefühlt, sagen wir auf dem Gebiete des Militarismus der Mittelmächte! Die Leute haben sich ungeheuer praktisch gefühlt und waren die größten Illusionäre, waren die größten Phantasten, haben fast über alle Dinge, die geschehen sind im Laufe der letzten, nun, ich will sagen, zweieinhalb Jahre, namentlich nicht nur unrichtige, sondern grotesk unrichtige Urteile gefällt und aus diesen grotesk unrichtigen Urteilen heraus gehandelt.

[ 20 ] Isn’t it true that people are now beginning to realize just how much depended on Ludendorff’s will, which was extraordinarily narrow-minded in so many respects? Just think how easily something like that could have remained hidden! It is, after all, conceivable—entirely conceivable—that this terrible catastrophe of the present, with all its dreadful consequences, might never have occurred, and that Ludendorff’s peculiar way of acting might never have come to light. Yet it has come to light. Other statesmen, who certainly do not belong to the Central Powers, may fail in the next election and retire to private life; people will discuss this event, albeit indifferently, but it will not occur to them that these statesmen have harmed humanity just as much as this Ludendorff. This, too, is a chapter that is part of the development of common sense, because one can easily stray from common sense—whether out of a worship of success or for some other reason. Anyone with common sense will not be swayed into viewing Woodrow Wilson—no, I mean those people who grovel before Woodrow Wilson today—and after all, how few do not!—those people who grovel before Woodrow Wilson today, any differently than that Professor Kraus, who in 1911 uttered the sentence I read to you. That is, after all, what one would like to achieve: to encourage people to use their common sense. Of course, this is intimately connected with the willingness to face facts. It is a tremendous detriment to the present that the most impractical people today feel themselves to be precisely the most practical. How extraordinarily practical it all felt—let’s say, in the realm of the Central Powers’ militarism! People felt incredibly practical, yet they were the greatest dreamers, the greatest fantasists; they passed judgments—not merely incorrect, but grotesquely incorrect—on almost everything that has happened over the course of the last, well, let’s say, two and a half years, and acted on the basis of these grotesquely incorrect judgments.

[ 21 ] Es ist schwierig, wenn man sieht, wie die Menschen, die eigentlich gute Menschen sind, oftmals in dem Sinne wie man das so nennt, gute Menschen sind, gar nicht herankommen lassen an sich den gesunden Menschenverstand. In dieser Beziehung konnte man wiederum im Laufe der letzten vier Jahre die übelsten Erfahrungen machen, wenn man so sah, was zum Beispiel in den letzten Jahren geschehen ist in Deutschland von Offizieren, die die Volksbildung leiten wollten, die dem Volk einbleuen wollten, wie es zu denken habe, damit alles richtig geht, damit auch die Menschen hinter der Front «durchhalten», wie man das so schön spießig nannte. Es war furchtbar. Wenn man dann einen genaueren Einblick hatte in das, was dann den Leuten eingebleut werden sollte, und was diejenigen, die es einbleuten, oftmals mit dem allerbesten Willen vorbrachten — es war wahrscheinlich, in Wirklichkeit meinetwillen, die Sache in ihrer Art ehrlich, aber sie wollten sich ihres gesunden Menschenverstandes nicht bedienen. Und darauf kommt es an. Und das ist für die Gegenwart das ungeheuer Wichtige, denn dieser gesunde Menschenverstand muß überall auf die Wirklichkeit hinsehen, muß nicht, weil er irgend etwas aus einem Vorurteil heraus unangenehm empfindet, es ablehnen. Nicht wahr, wir haben in unserer Zeit die groteske Zusammenstellung erlebt des fast schon an den Absolutismus grenzenden monarchischen Prinzips mit der Ludendorfferei — mit dem Leninismus in Rußland, mit dem Bolschewismus, denn der Bolschewismus ist eigentlich ein Geschöpf Ludendorffs. Der Bolschewismus ist von Ludendorff in Rußland erzeugt worden, weil Ludendorff meinte, mit niemandem anderen in Rußland Frieden schließen zu können als mit den Bolschewisten, so daß nicht nur dasjenige, was als Unglück über das deutsche Volk hereingebrochen ist, in vieler Beziehung von einem einzelnen Menschen im Laufe von zweieinhalb Jahren bewirkt worden ist, sondern daß auch das Unglück Rußlands in vieler Beziehung mit den grotesken Irrtümern dieses einzelnen Menschen zusammenhängt. Diese Dinge zeigen, wie kolossal der Irrtum des Proletariats ist, daß die Meinung des einzelnen Menschen keine Bedeutung habe in der sozialen Gestaltung der Verhältnisse. Diese Dinge müssen eben ganz objektiv mit dem gesunden Menschenverstand durchschaut werden.

[ 21 ] It is difficult to see how people who are actually good people—in the sense that they are, as one might say, “good people”—often fail to let common sense get through to them. In this regard, one has had the worst experiences over the past four years, seeing, for example, what has happened in Germany in recent years with officers who wanted to control public education, who wanted to drill into the people’s minds how they were supposed to think so that everything would go right, so that the people behind the front lines would “hold out,” as they so nicely and narrow-mindedly put it. It was terrible. When one then gained a closer insight into what was supposed to be drummed into people—and what those who were drumming it in often presented with the very best of intentions—it was likely, in reality, for my sake, an honest endeavor in its own way, but they refused to make use of their common sense. And that is what matters. And that is what is immensely important for the present, because this common sense must look to reality everywhere; it must not reject something simply because it finds it unpleasant based on some prejudice. Isn’t it true that in our time we have witnessed the grotesque combination of the monarchical principle—bordering almost on absolutism—with Ludendorffism—with Leninism in Russia, with Bolshevism, for Bolshevism is actually a creation of Ludendorff’s. Bolshevism was created by Ludendorff in Russia because Ludendorff believed he could make peace with no one else in Russia but the Bolsheviks, so that not only was the misfortune that befell the German people was in many respects brought about by a single individual over the course of two and a half years, but also that Russia’s misfortune is in many respects linked to the grotesque errors of this single individual. These things show just how colossal the proletariat’s error is in believing that the opinion of a single individual has no significance in the social shaping of conditions. These matters must be viewed entirely objectively, using common sense.

[ 22 ] Wenn wir von dieser Gesinnung ausgehen, so finden wir namentlich einen Satz, den ich Sie bitte, sich recht zu Herzen zu nehmen, denn dieser eine Satz kann unter anderem Richtkraft für soziales Denken in der Zukunft geben. Dieser eine Satz ist der: Man reicht aus, ohne daß man Ideen hat, in Zeiten von Revolutionen und Kriegen, man kann aber nicht ausreichen ohne Ideen in Zeiten des Friedens; denn werden die Ideen in Zeiten des Friedens rar, dann müssen Zeiten von Revolutionen und von Kriegen kommen. — Zum Kriegführen und zu Revolutionen braucht man keine Ideen. Um den Frieden zu halten, braucht man Ideen, sonst kommen Kriege und Revolutionen. Und das ist ein innerer spiritueller Zusammenhang. Und alle Deklamationen über den Frieden nützen nichts, wenn nicht diejenigen, die die Geschicke der Völker zu leiten haben, sich bemühen, gerade in Friedenszeiten Ideen zu haben. Und sollen es soziale Ideen sein, so müssen sie sogar von jenseits der Schwelle herrühren. Wird eine Zeit ideenarm, so schwindet aus dieser Zeit der Friede.

[ 22 ] If we take this mindset as our starting point, we find, in particular, a statement that I ask you to take to heart, for this one statement, among other things, can provide a guiding principle for social thought in the future. That one sentence is this: One can get by without ideas in times of revolution and war, but one cannot get by without ideas in times of peace; for if ideas become scarce in times of peace, then times of revolution and war are bound to follow. — One does not need ideas to wage war or carry out revolutions. To maintain peace, one needs ideas; otherwise, wars and revolutions will ensue. And this is an inner spiritual connection. And all the rhetoric about peace is of no use unless those who are charged with guiding the destinies of nations make an effort to have ideas, especially in times of peace. And if these are to be social ideas, they must even originate from beyond the threshold. When a time becomes poor in ideas, peace vanishes from that time.

[ 23 ] Man kann so etwas sagen; wenn die Menschen es nicht prüfen wollen, so werden sie es einfach nicht glauben. Aber an dem Unglauben an solche Dinge hängt das furchtbare Geschick der Gegenwart. Das ist ein solcher Richtsatz, den aufzunehmen außerordentlich wichtig ist für die Gegenwart und die nächste Zukunft. Einen anderen Richtsatz finden Sie in der angefangenen Abhandlung über «Theosophie und soziale Frage», die ich vor Jahren in «Lucifer-Gnosis» veröffentlicht habe, einen Richtsatz, von dem ich mich überzeugt habe, daß er von den wenigsten Menschen mit dem vollen Gewicht genommen wird. Ich habe da auf etwas aufmerksam zu machen versucht, was als ein soziales Axiom wirken soll. Darauf habe ich aufmerksm gemacht, daß schon einmal in jeglicher sozialer Struktur nichts Gedeihliches herauskommen kann, wenn das Verhältnis eintritt, daß der Mensch für seine unmittelbare Arbeit entlohnt wird. Soll eine gedeihliche soziale Struktur herauskommen, so darf das nicht sein — lesen Sie den Aufsatz, er wird ja doch noch zu haben sein —, so darf das nicht sein, daß der Mensch bezahlt wird für seine Arbeit. Die Arbeit gehört der Menschheit, und die Existenzmittel müssen den Menschen auf anderem Wege geschaffen werden als durch Bezahlung seiner Arbeit. Ich möchte sagen, wie ich es schon in jener Abhandlung getan habe: Wenn gerade das Prinzip des Militarismus, aber ohne Staat, übertragen werden würde auf einen gewissen Teil — ich will gleich von diesem Teil sprechen — der sozialen Ordnung, dann würde ungeheuer viel gewonnen werden. — Aber zugrunde liegen muß eben die Einsicht, daß gleich Unheil da ist auf sozialem Boden, wenn der Mensch so in der Sozietät drinnensteht, daß er für seine Arbeit, je nachdem er viel oder wenig tut, also nach seiner Arbeit eben, bezahlt wird. Der Mensch muß aus anderer sozialer Struktur heraus seine Existenz haben. Der Soldat bekommt seine Existenzmittel, dann muß er arbeiten; aber er wird nicht unmittelbar für seine Arbeit entlohnt, sondern dafür, daß er als Mensch an einer bestimmten Stelle steht. Darum handelt es sich. Das ist es, was das notwendigste soziale Prinzip ist, daß das Erträgnis der Arbeit von der Beschaffung der Existenzmittel völlig getrennt wird, wenigstens auf einem gewissen Gebiete des sozialen Zusammenhangs. Solange nicht diese Dinge klar durchschaut werden, solange kommen wir zu nichts Sozialem, solange werden Dilettanten, die manchmal aber Professoren sind, wie Menger, von «vollem Arbeitsertrag» und dergleichen sprechen, was alles Wischiwaschi ist. Denn gerade der Arbeitsertrag muß von der Beschaffung der Existenzmittel in einer gesunden sozialen Ordnung völlig getrennt werden. Der Beamte, wenn er nicht durch den Mangel an Ideen Bureaukrat würde, der Soldat, wenn er nicht durch den Mangel an Ideen Militarist würde, ist in gewisser Beziehung — in gewisser Beziehung, mißverstehen Sie mich nicht — das Ideal des sozialen Zusammenhanges. Und kein Ideal des sozialen Zusammenhanges, sondern der Widerpart des sozialen Zusammenhanges ist es, wenn dieser soziale Zusammenhang so ist, daß der Mensch nicht arbeitet für die Gesellschaft, sondern für sich. Das ist die Übertragung des unegoistischen Prinzips auf die soziale Ordnung. Wer nur in sentimentalem Sinne Egoismus und Altruismus versteht, der versteht eigentlich nichts von den Dingen. Derjenige aber, der praktisch, ohne Sentimentalität, mit reinem gesundem Menschenverstand durchschaut, daß jede Sozietät notwendigerweise zugrunde gehen muß, indem der Mensch nur für sich selber arbeitet also rein das, mit anderen Worten, was in der sozialen Ordnung egoistisch gestaltet ist—, der weiß das Richtige.

[ 23 ] One could put it that way; if people are unwilling to examine it, they simply won’t believe it. But the terrible fate of the present hinges on this disbelief in such things. This is a guiding principle that is of extraordinary importance for the present and the near future. You will find another guiding principle in the essay I began on “Theosophy and the Social Question,” which I published years ago in *Lucifer-Gnosis*—a guiding principle that I have come to believe very few people take seriously. In it, I tried to draw attention to something that should serve as a social axiom. In it, I pointed out that, in any social structure, nothing fruitful can emerge if the situation arises where a person is paid for their direct labor. If a fruitful social structure is to emerge, this must not be the case—read the essay; it should still be available—it must not be the case that a person is paid for their work. Work belongs to humanity, and the means of subsistence must be provided to people by means other than payment for their work. I would like to say, as I already did in that treatise: If the very principle of militarism—but without the state—were to be applied to a certain part—I will speak of this part right away—of the social order, then an immense amount would be gained. — But the underlying insight must be that social disaster is inevitable when people are situated in society in such a way that they are paid for their work—depending on whether they do much or little, that is, according to their work. People must derive their means of subsistence from a different social structure. A soldier receives his means of subsistence, and he must work; but he is not directly remunerated for his work, but rather for occupying a specific position as a human being. That is the crux of the matter. This is the most essential social principle: that the fruits of labor be completely separated from the procurement of the means of subsistence, at least within a certain sphere of the social order. As long as these things are not clearly understood, we will achieve nothing socially; as long as that is the case, dilettantes—who are sometimes even professors, such as Menger—will speak of “full return on labor” and the like, all of which is mere hot air. For it is precisely the return on labor that must be completely separated from the procurement of the means of subsistence in a healthy social order. The civil servant—if he were not turned into a bureaucrat by a lack of ideas—and the soldier—if he were not turned into a militarist by a lack of ideas—is, in a certain sense—in a certain sense, do not misunderstand me—the ideal of social cohesion. And it is not an ideal of social cohesion, but rather the antithesis of social cohesion, when this social cohesion is such that people do not work for society, but for themselves. That is the application of the unselfish principle to the social order. Anyone who understands egoism and altruism only in a sentimental sense actually understands nothing at all. But the person who, in a practical way, without sentimentality, and with pure, sound common sense, sees through the fact that any society must necessarily collapse when people work only for themselves—that is, in other words, when the social order is structured in an egoistic manner—that person knows the truth.

[ 24 ] Das ist ein Gesetz, so sicher wirksam, wie die Gesetze der Natur wirken, und man muß dieses Gesetz einfach kennen. Man muß einfach die Möglichkeit besitzen, den gesunden Menschenverstand so zu handhaben, daß einem ein solches Gesetz als ein Axiom der sozialen Wissenschaft erscheint. Man ist heute noch weit entfernt davon, so etwas einzusehen. Aber die Gesundung der Verhältnisse hängt doch ganz und gar davon ab, daß geradeso, wie jemand den pythagoräischen Lehrsatz in der Mathematik als etwas Grundlegendes ansieht, er diesen Satz zugrunde legt der sozialen Struktur: Alles Arbeiten in der Gesellschaft muß so sein, daß der Arbeitsertrag der Sozietät zufällt und die Existenzmittel nicht als Arbeitsertrag, sondern durch die soziale Struktur geschaffen werden.

[ 24 ] This is a law as reliably effective as the laws of nature, and one simply must be aware of this law. One must simply be able to apply common sense in such a way that such a law appears to be an axiom of social science. Today, we are still far from understanding this. But the restoration of healthy conditions depends entirely on the fact that, just as one regards the Pythagorean theorem in mathematics as something fundamental, one must apply this principle to the social structure: All work in society must be such that the fruits of labor accrue to society, and the means of subsistence are created not as the fruits of labor, but through the social structure.

[ 25 ] Solche sozialen Axiome gibt es natürlich eine ganze Anzahl, denn das soziale Leben ist natürlich kompliziert. Aber wir stehen heute einmal vor der Notwendigkeit, auf irgendeine Weise daran zu denken, wie die soziale Struktur der menschlichen Entwickelung in gesunde Bahnen gebracht werden soll. Da muß man vor allen Dingen einen gesunden Blick haben für die Partien, für die Teile, für die Glieder des sozialen Lebens. Man muß in gesunder Weise auseinanderhalten können die verschiedenen Glieder des sozialen Lebens. Sehen Sie, bei all den Dingen, um die es sich heute handelt, kommt es nicht so sehr darauf an, daß man auf die Schlagworte hört, die, sei es von bolschewistischer, sei es von der Entente-Seite her kommen, denn das sind ja heute fast Gegensätze, nicht wahr, sondern darauf kommt es an, daß man einsieht, was der Menschheit nottut, daß man ein gesundes Urteil für die Gliederung des sozialen Lebens sich aneignet. Natürlich, soziales Leben muß da sein. Und gerade, weil soziales Leben da sein muß, deshalb hängen die Menschen so sehr an der mongolischen — nun, verzeihen Sie, es ist Ja nur symptomatisch gemeint —, an der mongolischen Staatsidee, an der Allmacht des Staates, weil sich die Menschen vorstellen: Was der Staat nicht tut, das kann gar nicht zum Heile der Menschen geschehen. — Es ist übrigens diese Ansicht noch nicht so sehr alt. Denn es war das neunzehnte Jahrhundert schon ziemlich weit herangerückt, da hat ein einsichtiger Mann die schöne Abhandlung geschrieben: «Ideen zu einem Versuch, die Grenzen der Wirksamkeit des Staates zu bestimmen.» Es war ein preußischer Minister, Wilbelm von Humboldt. Diese Abhandlung lag mir ganz besonders deshalb am Herzen, weil in den neunziger Jahren und noch etwas in das zwanzigste Jahrhundert herein gerade meine «Philosophie der Freiheit» — nicht durch meinen Willen, aber durch andere — immer unter die Literatur «individualistischer Anarchismus» gestellt wurde. Das erste Werk war immer Wilhelm von Humboldts «Grenzen der Wirksamkeit des Staates zu bestimmen», als das letzte Werk war gewöhnlich immer meine «Philosophie der Freiheit», zeitlich angeordnet, eingereiht worden. Nun, Sie sehen, es ist möglich gewesen, registriert zu werden unter «individualistischer Anarchismus», aber immerhin zusammen mit einem preußischen Minister!

[ 25 ] There are, of course, quite a number of such social axioms, for social life is, naturally, complicated. But today we are faced with the necessity of considering, in some way, how the social structure of human development can be steered onto a healthy course. Above all, one must have a sound understanding of the various aspects, parts, and elements of social life. One must be able to distinguish clearly between the different elements of social life. You see, with all the issues at hand today, it is not so much a matter of paying attention to the slogans coming from either the Bolshevik or the Entente side, for today they are almost opposites, aren’t they—but rather, what matters is that one recognizes what humanity needs, that one develops sound judgment regarding the structure of social life. Of course, social life must exist. And precisely because social life must exist, people cling so strongly to the Mongolian—well, forgive me, I mean this only symbolically—to the Mongolian concept of the state, to the omnipotence of the state, because people imagine: Whatever the state does not do cannot possibly be for the good of humanity. — Incidentally, this view is not all that old. For it was already well into the nineteenth century when a discerning man wrote the fine treatise: “Ideas for an Attempt to Determine the Limits of the State’s Effectiveness.” He was a Prussian minister, Wilhelm von Humboldt. This treatise was particularly close to my heart because, in the 1890s and even into the early 20th century, my *Philosophy of Freedom*—not by my own will, but by others—was consistently classified as part of the literature of “individualist anarchism.” Wilhelm von Humboldt’s “On the Limits of the State’s Power” was always listed first, while my “Philosophy of Freedom” was usually placed last, arranged chronologically. Well, as you can see, it was possible to be classified under “individualist anarchism”—but at least alongside a Prussian minister!

[ 26 ] Soziale Gestaltung, soziale Struktur muß da sein, aber sie kann nicht uniformiert werden. Sie kann nicht so gemacht werden, daß alles gewissermaßen unter einen Hut gebracht wird. Was heute nottut, was das Wichtige ist, hätte in einer bestimmten Gestalt geschehen können vor langer Zeit schon, hätte auch während dieser Kriegskatastrophe entstehen können, kann auch jetzt entstehen, aber immer modifiziert. Denn Sie müssen nicht vergessen, daß die Welt in den letzten Wochen für Mitteleuropa eine andere geworden ist, und daß das eine auf das andere wirkt. Nun, ich habe mich bemüht die ganzen Jahre her, da oder dort Verständnis zu erwecken für diejenige Form, die zum Beispiel von Mitteleuropa aus wirksam nach Osteuropa — denn die Entente ist nicht belehrbar, selbstverständlich, und sollte auch nicht belehrt werden —, die für Mittel- und Osteuropa wirksam sein soll; ich habe mich bemüht, das geltend zu machen. Da handelt es sich darum, daß man, wenn man so etwas geltend machen will, das Leben, das die Menschen zusammen führen müssen, in der richtigen Weise gliedern muß. Als diese Ideen, nun, sagen wir, Staatsmännern vorgelegt wurden — ich kann Ihnen diese Ideen nur kurz skizzieren; dasjenige, um was es sich handelt, ist, daß sie immer mehr individualisiert werden müssen —, als diese Ideen einem Staatsmanne vorgelegt wurden vor einiger Zeit, wo es ohnedies schon ziemlich zu spät war für die damalige Gestalt, die ich diesen Ideen gegeben hatte, da habe ich aber immerhin dem Herrn gesagt: Wenn er irgendwie daran dächte, an diese Ideen heranzutreten, so würde ich natürlich gern bereit sein, auch für die Zeit, die damals die Gegenwart war, sie in entsprechender Weise umzuarbeiten. — Heute müßten sie selbstverständlich wiederum für die besonderen Verhältnisse umgearbeitet werden. Da handelt es sich darum, daß man wirklich appellieren muß an den gesunden Menschenverstand, wenn man solche Ideen zunächst gibt. Dann handelt es sich darum, daß jemand einsehen kann, daß das soziale und sonstige menschliche Zusammenleben wirklich richtig gegliedert wird. Die Frage entsteht als Hauptfrage: Wie muß man unterscheiden in dem, was Menschen als gemeinschaftliches Leben führen? — Und da handelt es sich darum, daß man drei Glieder unterscheiden muß. Ohne diese Unterscheidung geht es nicht, und keine Vorwärtsentwickelung von der Gegenwart aus in die nächste Zukunft wird kommen, ohne daß diese dreigliedrige Unterscheidung gemacht wird. Da handelt es sich darum, daß erstens einmal es mag die soziale Gruppe, die da vorliegt, so oder so gestaltet sein, klein oder groß sein, darauf kommt es nicht an —, aber daß irgendeine soziale Gruppe so gestaltet sein muß, daß darinnen in bezug auf Sicherheit des Lebens und Sicherheit nach außen Ordnung herrscht. Der Sicherheitsdienst im weitesten Umfange gedacht — ich muß solche umfassenden Worte gebrauchen —, das ist das eine Glied. Dieser Sicherheitsdienst ist aber auch das einzige Glied, welches in das Licht der Idee der Gleichheit gelenkt werden kann. Dieser Sicherheitsdienst, alles Polizeilich-Militärische, wenn ich jetzt im alten Sinne sprechen will, der ist auch das einzige, was im Sinne zum Beispiel eines demokratischen Parlamentes behandelt werden kann. Mitbestimmend an diesem Sicherheitsdienst kann jeder Mensch sein. Es muß also ein Parlament geben, wie die soziale Gruppe auch beschaffen ist, in dem Abgeordnete, meinetwillen nach ganz allgemeinem, geheimem, direktem Wahlrecht sein können, welche die Gesetze und alles das zu bilden haben, was für diesen Sicherheitsdienst bestimmt ist. Denn das, dieser Sicherheitsdienst, ist ein Glied der Ordnung, aber er muß abgesondert von dem übrigen behandelt werden und nur von höherem Gesichtspunkte aus dann wiederum harmonisiert werden mit anderem.

[ 26 ] Social organization and social structure must exist, but they cannot be standardized. They cannot be designed in such a way that everything is, so to speak, brought under one umbrella. What is needed today—what is important—could have taken a specific form long ago, could have emerged even during this catastrophe of war, and can still emerge now, though always in a modified form. For you must not forget that, in recent weeks, the world has become a different place for Central Europe, and that one thing affects another. Well, I have endeavored all these years to foster understanding here and there for the form that, for example, should be effective from Central Europe to Eastern Europe—for the Entente is not open to instruction, of course, and should not be instructed—a form that is intended to be effective for Central and Eastern Europe; I have endeavored to make this point. The point is that, if one wishes to assert such a thing, one must structure the life that people must lead together in the right way. When these ideas—well, let’s say—were presented to statesmen—I can only briefly outline these ideas to you; the point is that they must become increasingly individualized—when these ideas were presented to a statesman some time ago, when it was already quite late, in any case, for the form I had given these ideas at that time, I nevertheless said to the gentleman: If he were in any way considering taking up these ideas, I would of course be more than willing to adapt them appropriately for the time, which was then the present. — Today, of course, they would have to be adapted once again to the specific circumstances. The point is that one really must appeal to common sense when first presenting such ideas. Then it is a matter of someone being able to see that social and other forms of human coexistence are truly structured correctly. The main question that arises is: How must one distinguish between the various aspects of human communal life? — And the point here is that one must distinguish three elements. Without this distinction, it is impossible to move forward, and no progress from the present into the near future will occur unless this threefold distinction is made. The point is this: first of all, the social group in question may be structured in one way or another, be small or large—that is irrelevant—but any social group must be structured in such a way that order prevails within it with regard to the security of life and security vis-à-vis the outside world. Security services, conceived in the broadest sense—I must use such comprehensive terms—constitute one element. But this security service is also the only element that can be brought into the light of the idea of equality. This security service—all police and military matters, if I may speak in the traditional sense—is also the only aspect that can be treated in the spirit of, for example, a democratic parliament. Every person can have a say in this security service. There must therefore be a parliament—regardless of the nature of the social group—in which representatives, elected—for my part—by universal, secret, and direct suffrage, are responsible for enacting the laws and establishing everything pertaining to this security service. For this security service is a component of the order, but it must be treated separately from the rest and then, from a higher perspective, harmonized with the other elements.

[ 27 ] Ein zweites, das aber ganz abgesondert werden muß von all dem, was Sicherheitsdienst ist, Sicherheit im Innern und Sicherheit nach außen, was auch nicht nach der Idee der Gleichheit behandelt werden kann, das ist dasjenige, was die eigentliche wirtschaftliche Gestaltung der sozialen Gruppen ist. Diese wirtschaftliche Gestaltung, die darf nicht im unmittelbaren Zusammenhange stehen mit dem, was ich als erstes Glied genannt habe, sondern sie muß für sich behandelt sein. Sie muß ihr eigenes Ministerium, ihr eigenes Volkskommissariat — heute sagt man Volkskommissariat — haben, das vollständig unabhängig von dem Ministerium, vom Kommissariat des Sicherheitsdienstes sein muß. Sie muß ihr eigenes Ministerium haben, das vollständig unabhängig ist, das nach rein ökonomischen Gesichtspunkten gewählt wird, so daß Leute in diesem ökonomischen Ministerium sind, die etwas von den einzelnen Zweigen verstehen, sowohl als Produzenten wie als Konsumenten. Nach ganz anderen Gesichtspunkten muß sowohl parlamentarisch wie ministeriell dieses zweite Glied der sozialen Ordnung gelenkt werden. Das erste Glied kann also, sagen wir, in die Demokratie eingestellt werden; wenn es nach dem Geschmack besser ist, könnte es auch in das Konservative eingestellt werden. Das kommt ganz darauf an; wenn es ordentlich gemacht wird, wird es schon etwas werden, und das andere ist Geschmacksache. Dasjenige, worauf es ankommt, ist diese Dreiheit. Denn auf dem Gebiete des wirtschaftlichen Lebens muß Brüderlichkeit herrschen. Geradeso wie alles auf dem Gebiete des Sicherheitsdienstes gerückt werden muß unter den Gesichtspunkt der Gleichheit, so muß auf dem Gebiete des wirtschaftlichen Lebens überall die Maxime der Brüderlichkeit herrschen.

[ 27 ] A second aspect—which, however, must be kept entirely separate from everything related to security services, both internal and external security, and which cannot be treated according to the principle of equality—is the actual economic organization of social groups. This economic organization must not be directly linked to what I referred to as the first component; rather, it must be treated as a separate matter. It must have its own ministry, its own People’s Commissariat—as it is called today—which must be completely independent of the ministry and the commissariat responsible for security services. It must have its own ministry that is completely independent, one whose personnel are selected based on purely economic criteria, so that the people in this economic ministry understand the various sectors, both as producers and as consumers. This second element of the social order must be governed—both in parliament and at the ministerial level—according to entirely different criteria. The first branch can thus, let’s say, be organized along democratic lines; if it suits one’s taste better, it could also be organized along conservative lines. It all depends on the circumstances; if it is done properly, it will work out, and the other aspect is a matter of taste. What really matters is this triad. For in the realm of economic life, fraternity must prevail. Just as everything in the realm of security must be viewed from the perspective of equality, so too must the maxim of fraternity prevail everywhere in the realm of economic life.

[ 28 ] Dann gibt es ein drittes Gebiet, das ist das Gebiet des geistigen Lebens. Zu dem rechne ich alles Religionstreiben, das gar nichts zu tun haben darf mit demjenigen, was Sicherheitsdienst ist und wirtschaftliches Leben; dazu rechne ich allen Unterricht, dazu rechne ich alle übrige freie Geistigkeit, allen wissenschaftlichen Betrieb, und dazu rechne ich auch alle Jurisprudenz. Ohne daß die Jurisprudenz dazu gerechnet wird, ist alles übrige falsch. Sie kommen sogleich zu einer widersinnigen Dreigliederung, wenn Sie nicht so gliedern: Sicherheitsdienst nach dem Prinzip der Gleichheit, wirtschaftliches Leben nach dem Prinzip der Brüderlichkeit, die Gebiete, die ich eben aufgezählt habe: Jurisprudenz, Unterrichtswesen, freies geistiges Leben, religiöses Leben, unter dem Gesichtspunkte der Freiheit, der absoluten Freiheit. Wiederum muß aus absoluter Freiheit die notwendige Verwaltung dieses dritten Gliedes der gesellschaftlichen Ordnung hervorgehen. Und der notwendige Ausgleich, der kann erst durch den freien Verkehr der diese drei Glieder Leitenden und Bestimmenden gesucht werden. Auf dem Gebiete des geistigen Lebens, zu dem eben die Jurisprudenz gehört, wird sich ja nicht so etwas herausstellen, wenn es wirklich einmal durchgeführt würde, wie ein Ministerium oder Parlament, sondern etwas viel freieres; es wird die Struktur ganz anders verlaufen.

[ 28 ] Then there is a third sphere, namely that of intellectual life. I include in this all religious activity, which must have absolutely nothing to do with security services or economic life; I include in this all education, all other forms of free intellectual activity, all scientific endeavor, and I also include all jurisprudence. Without including jurisprudence, everything else is wrong. You immediately arrive at an absurd threefold division if you do not structure it as follows: security services based on the principle of equality, economic life based on the principle of brotherhood, and the areas I have just listed—jurisprudence, education, free intellectual life, and religious life—from the perspective of freedom, of absolute freedom. Again, the necessary administration of this third element of the social order must arise from absolute freedom. And the necessary balance can only be sought through the free interaction of those who guide and determine these three components. In the realm of spiritual life—to which jurisprudence belongs—such a structure, if it were ever truly implemented, would not take the form of a ministry or a parliament, but rather something much freer; its structure would be entirely different.

[ 29 ] Zu dem, was da angestrebt werden muß, müssen natürlich Übergangsformen sein. Aber das sollte den Menschen einleuchten. Und nicht früher kommen wir zu einer Gesundung, bevor es den Menschen einleuchtet, daß in dieser Weise diese Dreigliederung, von der ich gesprochen habe, zugrunde liegen muß, daß alles so gedacht werden muß, daß man nicht einen uniformierten Staat beibehalten kann. Denn die Staatsidee ist unmittelbar nur anzuwenden auf den ersten Teil, auf den Sicherheits- und Militärdienst. Was unter Staatsomnipotenz gestellt wird außer Sicherheits- und Militärdienst, das steht auf ungesunder Basis, denn das wirtschaftliche Leben muß auf rein, sei es korporativer, sei es auf assoziativer Basis aufgebaut werden, wenn es sich gesund entwickeln will. Und das geistige Leben einschließlich der Jurisprudenz ist nur dann auf gesunder Basis aufgebaut, wenn der einzelne vollständig frei ist. Er muß frei sein in bezug auf alles andere. Er muß auch, meinetwillen von fünf zu fünf, von zehn zu zehn Jahren seinen Richter bestellen können, der sowohl sein Privat-, wie sein Strafrichter ist. Ohne das geht es nicht, ohne das kommen Sie zu keiner entsprechenden Struktur. Diese nationalen Fragen hätten ohne territoriale Verschiebungen gelöst werden können! Das sagt Ihnen ein Mann, der studiert hat an den schwierigen österreichischen Verhältnissen, wo dreizehn verschiedene Amtssprachen oder wenigstens Gebrauchssprachen sind im amtlichen Verkehre, und der studieren konnte an diesen österreichischen Verhältnissen, was gerade auf dem Gebiete der Jurisprudenz nötig ist. Nehmen Sie an, es stoßen an irgendeiner Grenze zwei Länder zusammen, meinetwillen seien sie getrennt durch Nationalität oder durch etwas anderes. Hier ist ein Gericht und hier ist ein Gericht, da ist die Grenze hinüber. Der Mann hier bestimmt sich: Ich werde in den nächsten zehn Jahren von diesem Gerichte abgeurteilt —, der andere bestimmt sich: Ich werde von diesem Gerichte abgeurteilt. Die Sache ist absolut durchführbar, wenn man sie im einzelnen durchführt. Aber alle anderen Dinge sind unwirksam, wenn nicht solche Dinge da sind. Denn alles muß in der Tat zusammenwirken. Es wirkt aber nur zusammen, wenn die Dinge so gestellt sind, daß sie mit wirklichem Verständnis desjenigen, was da ist, gemacht werden.

[ 29 ] Of course, there must be transitional forms leading to what we are striving for. But that should be obvious to people. And we will not achieve a recovery until people realize that this threefold structure I have spoken of must underlie everything, that everything must be conceived in such a way that a uniformed state cannot be maintained. For the concept of the state is directly applicable only to the first part—security and military service. Whatever is placed under the omnipotence of the state beyond security and military service rests on an unhealthy foundation, for economic life must be built on a purely corporate or associative basis if it is to develop healthily. And intellectual life, including jurisprudence, is built on a sound foundation only when the individual is completely free. He must be free with regard to everything else. He must also—if you will—be able to appoint his own judge every five or ten years, a judge who serves as both his civil and criminal judge. Without this, it won’t work; without this, you will not achieve an appropriate structure. These national issues could have been resolved without territorial shifts! This is coming from a man who has studied the complex Austrian circumstances, where thirteen different official languages—or at least languages in common use—are employed in official communications, and who was able to learn from these Austrian circumstances precisely what is necessary in the field of jurisprudence. Suppose two countries meet at some border—let them be separated by nationality or by something else, for my sake. Here is one court, and here is another; the border lies between them. The man here decides: “I will be tried by this court over the next ten years”—the other decides: “I will be tried by that court.” The matter is entirely feasible if it is carried out in detail. But all other aspects are ineffective if such conditions are not in place. For everything must, in fact, work together. However, it only works together if things are arranged in such a way that they are carried out with a genuine understanding of what is actually there.

Diagram 1Diagram 1

[ 30 ] Ich habe früher Gelegenheit gehabt, diese Dinge den verschiedensten Menschen vorzutragen, denn ich war sicher und bin es auch heute noch, daß die Verhältnisse der letzten Jahre eine ganz andere Wendung genommen hätten, wenn dem Wilson-Programm dieses Programm entgegengesetzt worden wäre. Und dieses Programm wäre das einzig wirkliche Programm gewesen, welches, wenn es vor Brest-Litowsk vorgebracht worden wäre, wirksam gewesen wäre. Natürlich wäre BrestLitowsk nie erfolgt, wenn solchem Programm Verständnis entgegengebracht worden wäre. Die Dinge hätten einen ganz anderen Verlauf nehmen müssen. Denn ich hatte es in diesen Jahren ausgearbeitet als Richtschnur nicht nur einer inneren Politik, sondern einer äußeren Politik; Innenpolitik schien mir überflüssig zu sein, wenn alles beschäftigt ist damit, Munition zu fabrizieren. Alle Redereien des Dreiklassen-Rechts und seiner Änderung schienen mir Wischiwaschi zu sein, aber notwendig schien mir zu sein ein wirklicher Impuls — nicht ein Programm —, ein wirklicher Impuls, der imstande gewesen wäre, den Dingen eine andere Wendung zu geben. Ich kann Ihnen hier nur ein paar Gesichtspunkte angeben, wie ich es getan habe. Allein die Sache kann so im einzelnen ausgearbeitet werden, daß sie durchaus wirksam ist gerade für die Lösung der allerwichtigsten Fragen. Man hat allerdings dabei seine schmerzlichen Erfahrungen gemacht. Ich habe die Ausarbeitung einem Manne gegeben — nicht nur einem, sondern vielen, aber von einem will ich Ihnen als Beispiel einen Fall erzählen —, der mir nach Monaten schrieb. Das war ein gutes Zeichen, denn er hatte die Sache wirklich studiert, hatte sich redliche Mühe gegeben, hatte auch mit mir darüber gesprochen. Sowohl in seinen Briefen, als wie er mit mir sprach, kamen zum Beispiel zwei Einwendungen, die sehr charakteristisch sind. Ich habe solche Einwendungen im Laufe der letzten Jahre in furchtbarster Weise immer wieder, unzählige Male gehört, so geartete Einwendungen. Eine Einwendung war diese: Ja, man weiß doch, daß die bisherigen Kriege zumeist kaschierte, maskierte Rohstoffkriege sind, daß es also zumeist sich handelt um Kriegszustände, welche aus Rohstoffinteressen herrühren, aus internationalen, also gegenseitigen Rohstoffinteressen. Wenn man aber das anschaut, was Sie gemacht haben, dann könnte es ja keine widerstreitenden Rohstoffinteressen mehr geben. — Ja, sagte ich, Herr Geheimrat, wenn Sie mir das sagen würden zur Bekräftigung dessen, was ich Ihnen da geschrieben habe, dann würde ich das verstehen; wenn Sie fänden, daß das gut wäre, was ich geschrieben habe, weil dann endlich die schrecklichen maskierten Rohstoffkriege aus der Welt geschaft wären durch die endliche Lösung der Zollverhältnisse, die in diesem zweiten Teile des Wirtschaftsprogrammes, wenn ich es so nennen darf, also gelöst sind. Wenn Sie mir etwas sagen, was der Wirklichkeit des Lebens entspricht, so würde ich das verstehen; daß Sie es mir als eine Widerlegung sagen, das kann ich allerdings nicht verstehen.

[ 30 ] I have had the opportunity in the past to present these ideas to a wide variety of people, for I was certain—and still am today—that the circumstances of recent years would have taken a completely different turn if this program had been put forward as an alternative to the Wilson Program. And this program would have been the only real program that, had it been put forward before Brest-Litovsk, would have been effective. Of course, Brest-Litovsk would never have taken place if such a program had been met with understanding. Things would have had to take a completely different course. For I had worked it out during those years as a guiding principle not only for domestic policy but also for foreign policy; Domestic policy seemed superfluous to me when everyone was busy manufacturing ammunition. All the talk about the three-class law and its amendment seemed like hot air to me, but what seemed necessary to me was a real impetus—not a program—a real impetus that would have been capable of turning things around. I can only give you a few points of view here, as I have done. Yet the matter can be worked out in such detail that it is thoroughly effective precisely for resolving the most important issues. Admittedly, painful experiences have been had in the process. I entrusted the task to a man—not just one, but many, but I’ll tell you about one case as an example—who wrote to me after several months. That was a good sign, because he had really studied the matter, had made a sincere effort, and had also discussed it with me. Both in his letters and in our conversations, for example, two objections arose that are very characteristic. Over the course of the last few years, I have heard such objections time and again, countless times, in the most dreadful way—objections of this nature. One objection was this: Yes, it is well known that wars to date have mostly been disguised, masked resource wars—that is, they are mostly states of war stemming from resource interests, from international, that is, mutual resource interests. But if one looks at what you have done, then there could no longer be any conflicting resource interests. — Yes, I said, “Mr. Privy Councilor, if you were to tell me this to confirm what I have written to you, then I would understand it; if you were to find that what I have written is good, because then the terrible, disguised resource wars would finally be eliminated from the world through the definitive resolution of tariff relations, which are resolved in this second part of the economic program, if I may call it that.” If you were to tell me something that corresponds to the reality of life, I would understand that; but if you are telling me this as a rebuttal, I certainly cannot understand that.

[ 31 ] Die zweite Einwendung war diese, daß er mir schrieb, nachdem er sich monatelang damit beschäftigt hatte: Ja, ich kann mir gar nicht vorstellen, wie, wenn Sie Glück hätten mit so etwas, dann noch eine sozialdemokratische Politik getrieben werden könnte, denn durch Ihr Wirtschaftsprogramm würde ja keine sozialdemokratische Politik mehr möglich sein. — Ja, Sie lachen. Ich habe nicht gelacht, denn ich habe aus diesen Dingen, die ich Ihnen sehr, sehr vervielfältigen könnte, und die Sie überall heute finden, die Lehre gezogen, wie schlimm die Selektion ist, die heute durch die Verhältnisse geübt wird in der Bestimmung derjenigen Menschen, die die verantwortlichen Führer auf diesem oder jenem Gebiete sein sollen. Ich habe vor langer Zeit zu Ihnen hier gesprochen davon, daß wir heute leiden unter der Selektion der Schlechtesten, die immer obenauf kommen. Das ist auch etwas, was zum gesunden Wirklichkeitssinn und damit auch zum gesunden Menschenverstand gehört: eben einsehen diese Selektion der Schlechtesten.

[ 31 ] The second objection was this: after spending months thinking it over, he wrote to me, “Yes, I simply cannot imagine how, if you were to succeed with something like that, it would still be possible to pursue social democratic policies, because your economic program would make social democratic policies impossible.” — Yes, you’re laughing. I didn’t laugh, because from these things—which I could multiply many, many times over, and which you can find everywhere today—I have learned just how terrible the selection process is that current circumstances impose in determining which people are to be the responsible leaders in this or that field. I spoke to you here a long time ago about how we suffer today from the selection of the worst, who always rise to the top. This is also something that is part of a healthy sense of reality and thus also of common sense: namely, recognizing this selection of the worst.

[ 32 ] Damit habe ich Ihnen, ich möchte sagen Richtlinien gegeben. Auf dieser Dreigliedrigkeit beruht die Gesundung der Verhältnisse gegen die Zukunft hin. Auf der Konfundierung dieser drei Glieder beruht alles Unheil. Dasjenige, was eigentlich nur auf das erste Glied anwendbar ist, auf den Sicherheits- und Militärdienst, das wird angewendet auf das wirtschaftliche Leben, wo es unmöglich herbeiführen kann irgendwelche gesunden Zustände, wird aber auch sogar angewendet auf das geistige Leben mit Einschluß der Jurisprudenz, wo es ganz unmöglich ist. Oh, würden die Menschen nur ein wenig nahetreten wollen demjenigen, was aus den Geheimnissen von jenseits der Schwelle folgt, sie würden ja so unendlich leicht einsehen können, daß eben solche Wahrheiten, wie ich sie Ihnen gesagt habe von der Dreigliedrigkeit des gesellschaftlichen Lebens, schon geholt werden müssen aus der übersinnlichen Welt, aber begriffen werden können hier von dem Sinnlichen. Das ist es gerade. Ich habe Ihnen Richtlinien angegeben, aber es sind nicht Richtlinien, die irgendein abstraktes Programm darstellen, sondern es sind solche Richtlinien, von denen ich sagen konnte, als ich zum Beispiel einem Manne die Sache übergab, der eine ganz wichtige Stellung, ich will gar nicht sagen, was für eine wichtige Stellung hatte in dem abgelaufenen Zeitraume und bei dem es eine ungeheuer bedeutungsvolle Tat gewesen wäre, wenn er nach dieser Richtung hin ein Manifest gemacht hätte —, ja, ich habe dem Manne gesagt: Sie haben die Wahl, entweder tun Sie das eine, oder erleben Sie das andere. Dasjenige, was ich hier ausgearbeitet habe, das ist nicht aus solchen Ideen heraus, wie irgend, nun, Frauenklubs oder Pazifistengesellschaften oder dergleichen arbeiten, sondern das ist aus dem Studium der Entwickelung der Menschheit in den nächsten dreißig bis vierzig oder fünfzig Jahren. Das ist der Inhalt dessen, was in Mittel- und Osteuropa sich gestalten will und sich gestalten wird, und Sie haben die Wahl, entweder es durch Vernunft zu fördern oder zu erwarten, bis es sich durch Revolutionen auf ungeheuren Umwegen und durch großes Elend hindurch verwirklicht. — Aber sehen Sie, solche Dinge müssen einem die Leute glauben, glauben dadurch, daß sie ihren gesunden Menschenverstand anwenden, um die Dinge nachzuprüfen. Einsicht müssen einem die Leute entgegenbringen darinnen, daß man die Wirklichkeit zu prüfen hat. Denn dasjenige, was in der Menschheit sich entwickelt, entwickelt sich nach gewissen Impulsen, die man studieren muß und von denen man sagen kann: sie wollen sich gestalten. Stemmt man sich ihnen entgegen, so regiert man schlecht, ganz gleichgültig, ob man Sozialist oder Monarchist oder ob man Republikaner oder Fürst von Monaco oder was alles ist.

[ 32 ] With this, I have, so to speak, provided you with guidelines. The restoration of healthy conditions for the future is based on this threefold social order. All misfortune stems from the confusion of these three elements. What is actually applicable only to the first element—security and military service—is applied to economic life, where it cannot possibly bring about any healthy conditions, and is even applied to spiritual life, including jurisprudence, where it is entirely impossible. Oh, if only people would be willing to draw a little closer to what follows from the mysteries beyond the threshold, they would be able to see so easily that precisely such truths as I have told you about the threefold structure of social life must indeed be drawn from the supersensible world, but can be understood here through the sensible realm. That is precisely the point. I have given you guidelines, but they are not guidelines that represent some abstract program; rather, they are guidelines about which I could say—for example, when I entrusted the matter to a man who held a very important position, I don’t even want to say what an important position he held during the past period, and for whom it would have been an immensely significant act if he had drafted a manifesto along these lines—yes, I told that man: You have a choice—either you do one thing, or you experience the other. What I have worked out here does not stem from the kind of ideas that, say, women’s clubs or pacifist societies or the like work with, but rather from the study of humanity’s development over the next thirty to forty or fifty years. This is the essence of what is about to take shape—and will take shape—in Central and Eastern Europe, and you have a choice: either to promote it through reason, or to wait until it is realized through revolutions, via immense detours and through great suffering. —But you see, people must believe such things—believe them by applying their common sense to examine the facts. People must show understanding that reality must be examined. For what develops within humanity does so according to certain impulses that must be studied—impulses of which one can say: they are destined to take shape. If one resists them, one governs poorly, regardless of whether one is a socialist or a monarchist, a republican or the Prince of Monaco, or whatever else one may be.

[ 33 ] Aber gerade den Mut zu solchen Dingen konnten in der letzten Zeit die Menschen nicht mehr aufbringen, weil ihnen eben gerade fehlte jenes Vertrauen, von dem ich in diesen Tagen gesprochen habe, und das beruht auf dem Fichte-Satze, das heißt auf der Gesinnung, die aus dem Fichte-Satze kommt: Der Mensch kann, was er soll; und wenn er sagt: ich kann nicht, so will er nicht. — Menschen, die bis zu einem gewissen Grade verstanden haben, was ich wollte, fanden sich; die aber den Mut — der nur eben aus dem wirklichen Gebrauch und aus der Handhabung des gesunden Menschenverstandes heraus folgt — gehabt hätten, so etwas in die Wirklichkeit umzusetzen, die fanden sich nicht, Und man kann sich nur der Hoffnung hingeben, daß, nachdem jetzt die Kräfte der Prüfung noch stärker geworden sind, nach und nach sich Menschen finden. Aber man soll nur nicht glauben, daß dasjenige, was hier formuliert vor Jahren war, jetzt nicht umformuliert werden muß auf die neuen Verhältnisse, die eingetreten sind. Man muß eben so wirklichkeitsgemäß denken, daß man weiß: In jedem Zeitpunkte müssen, wenn die Dinge in die Wirklichkeit hineingeworfen werden sollen, die Dinge etwas anders gedacht werden. — Und so konnte man wahrhaftig recht tragische Erfahrungen in den letzten Jahren machen. Wenn man zum Beispiel solches erfahren hat, daß einer derjenigen Monarchen, die jetzt auch abgegangen sind, als er schon so herankommen sah, was herankommt, noch einmal gefordert hat diese Ideen und sich seinen Ratgeber kommen ließ, um sie von dem zu hören, weil er die Dinge vergessen hatte und sie noch einmal hören wollte; er konnte sie nicht schnell genug verstehen, da sagte er zu dem betreffenden Ratgeber: Also schreiben Sie mir noch einmal kurz diese Dinge auf! Ja, aber ich weiß nicht, wie soll ich den Brief kriegen? Wie soll ich zu diesem Briefe kommen, den Sie mir da schreiben sollen? Der muß ja doch durch das Ministerium gehen oder durch die Kabinettskanzlei! — Es wurde aus dieser Angelegenheit eben nichts, weil die Sache durch das Ministerium ging, wo alles umgeschrieben wurde.

[ 33 ] But lately, people have been unable to muster the courage for such things precisely because they lacked that very confidence I have been speaking of these days—and that confidence is based on Fichte’s maxim, that is, on the mindset that stems from Fichte’s maxim: A person can do what he ought to do; and if he says, “I cannot,” then he does not want to. — There were people who, to a certain extent, understood what I meant; but those who would have had the courage—which arises solely from the actual use and application of common sense—to put such a thing into practice, they did not come forward. And one can only hope that, now that the forces of trial have grown even stronger, such people will gradually emerge. But one must not believe that what was formulated here years ago does not now need to be reformulated in light of the new circumstances that have arisen. One must think in a way that is so grounded in reality that one knows: at every moment, if things are to be brought into reality, they must be conceived somewhat differently. — And so one has indeed had some truly tragic experiences in recent years. For example, one has heard of a case where one of those monarchs who have now also passed away, when he could already see what was coming, once again asked for these ideas and summoned his advisor to hear them from him, because he had forgotten them and wanted to hear them again; he could not grasp them quickly enough, so he said to the advisor in question: “So write these things down for me again briefly! Yes, but I don’t know—how am I supposed to get the letter? How am I supposed to receive this letter that you’re supposed to write for me? It has to go through the ministry or the Cabinet Office, doesn’t it!” — Nothing came of this matter because it went through the ministry, where everything was rewritten.

[ 34 ] Ich erzähle heute solche Dinge — ich werde sie auch schon in weiterem Umfange erzählen —, weil es notwendig ist, daß von der jüngsten Vergangenheit recht, recht viel gelernt werde. Denn wir kommen nicht vorwärts auf einem gedeihlichen Wege, wenn nicht von der Vergangenheit gelernt wird. Das allein macht es nicht aus, daß das Allernächste ins Auge gefaßt wird, sondern das macht es aus, daß man den Willen hat, in die Untergründe, die hinter den bloßen Symptomen liegen, hineinzuschauen. Und man kann nicht hineinschauen, wenn man nicht einen gesunden Menschenverstand entwickelt für die Auffassung der Symptome, wenn man sich nicht aneignet den Willen, die Symptome wirklich zu taxieren. Die Dinge sind heute brennend. Man möchte immer wieder und wiederum sagen: Wenn sie nur nicht schläfrig erfaßt würden, sondern wenn sie erfaßt würden mit dem vollen Ernste, zu dem auch gehört, daß man einen Sinn dafür hat, wie sehr verfahren die Dinge sind durch die Selektion der Schlechtesten, und wie geneigt die Menschen sind, ihr Urteil in falsche Bahnen zu bringen, von falschen Impulsen durchpulsen zu lassen! — Wir müssen auf alle mögliche Weise dahin kommen, daß die Kontinuität des Wirtschaftslebens nicht früher gestört wird, bevor in einer gewissen Weise in die Menschenköpfe Gedanken hineingekommen sind, die brauchbar sind zur weiteren Ausgestaltung des Wirtschaftslebens. Wir müssen die Möglichkeit gewinnen, an die Stelle des — ich hätte bald ein furchtbares Wort gesagt — Quatsches, sage ich lieber, um nicht das furchtbare Wort zu sagen, an die Stelle des nationalökonomischen Quatsches, der von nationalökonomischen Universitätsprofessoren aller Länder heute hervorgebracht wird, an diese Stelle so etwas zu setzen, was nun wirklichkeitsgemäß ist. Wir kommen nicht weiter, wenn wir nicht in der Lage sind, das Unterrichtswesen im weitesten Sinne zunächst in Angriff zu nehmen. Denn Verständnis brauchen wir. Alles dasjenige, was die bisherigen Bildungsanstalten liefern über eine notwendige Gestaltung des sozialen Lebens oder des sozialen Körpers, ist unbrauchbar. Das ist aber auch dasjenige, was die Sozialdemokratie als Erbe übernommen hat, und was unbrauchbar ist. Erstens ist notwendig, verständige Ideen in die Köpfe hineinzubringen. Daher ist es notwendig, daß derjenige, der mitarbeiten will am sozialen Leben gerade der gegenwärtigen Zeit, zunächst findet die Möglichkeit eines solchen Übergangszustandes, der dasjenige am nächsten befriedigt, was am nächsten befriedigt werden kann. Das ist: Sicherheits- und Ordnungsdienst. Da kann man ja den Leuten auch dasjenige Parlament geben, nach dem sich heute, nun ja, das demokratische Element besonders sehnt. Aber darum handelt es sich, daß das Wirtschaftliche wirklich eine selbständige Stellung erlangt neben den anderen Dingen. Das muß zunächst sorgfältig umgewandelt werden in eine vollständige Summe von Provisorien. Nur auf dem ersten Gliede kann man heute radikal vorgehen; das andere muß umgewandelt werden in eine Reihe von Provisorien. Und das geistige Leben ist dasjenige, was unmittelbar angegriffen werden müßte. Das dritte Glied, das ist dasjenige, wobei angefangen werden müßte. Und wenn jemand darauf kommen würde, daß dann vor allen Dingen die Universitäten ausgekehrt werden müßten, und das nicht will, dann, dann ist eben auf diesem Gebiete mit ihm nicht zu reden. Allerdings müssen die zuerst ausgekehrt werden!

[ 34 ] I am talking about these things today—and I will discuss them in greater detail later—because it is essential that we learn a great, great deal from the recent past. For we cannot move forward on a path of prosperity unless we learn from the past. It is not enough simply to focus on what is immediately at hand; rather, what matters is having the will to look into the underlying causes that lie behind the mere symptoms. And one cannot look into them unless one develops sound common sense in understanding the symptoms, unless one cultivates the will to truly assess them. Things are urgent today. One wants to say again and again: If only they were not approached half-heartedly, but with the full seriousness that also entails having a sense of just how entangled things have become through the selection of the worst elements, and how prone people are to letting their judgment be led astray, to be driven by false impulses! — We must do everything in our power to ensure that the continuity of economic life is not disrupted before ideas that are useful for the further development of economic life have, in a certain sense, taken root in people’s minds. We must gain the ability to replace—I was about to say a terrible word—nonsense; I’d rather say that, so as not to use the terrible word—to replace the economic nonsense produced today by university professors of economics in every country with something that is truly grounded in reality. We will not make any progress unless we are first able to tackle the education system in the broadest sense. For we need understanding. Everything that educational institutions have provided so far regarding the necessary structuring of social life or the social body is useless. But this is also what social democracy has inherited, and it is useless. First, it is necessary to instill sensible ideas into people’s minds. Therefore, it is necessary for anyone who wishes to participate in social life—especially in the present era—to first find the possibility of a transitional state that most closely satisfies what can be satisfied at this time. That is: security and public order services. There, one can indeed give the people the very parliament that, well, the democratic element particularly longs for today. But the point is that the economic sphere must truly attain an independent position alongside the other spheres. This must first be carefully transformed into a complete set of provisional measures. Only in the first sphere can one proceed radically today; the others must be transformed into a series of provisional measures. And intellectual life is what must be tackled immediately. The third link—that is where we must begin. And if someone were to suggest that, above all else, the universities must be swept out, and refuses to do so, then—well, then there is simply no talking to him in this area. Of course, they must be swept out first!

[ 35 ] Solches wollte ich im Zusammenhange mit den wichtigen Fragen der Gegenwart zu Ihnen sprechen.

[ 35 ] I wanted to discuss these matters with you in the context of the important issues of our time.