The Fundamental Social Demand of Our Time
In a Different Context
GA 186
14 December 1918, Dornach
Translate the original German text into any language:
Versions Available:
In the Changed Conditions of the Times, tr. Wannamaker
Neunter Vortrag
II. The Logic of Thought and the Logic of Reality
[ 1 ] Ich möchte heute einige prinzipielle Betrachtungen anstellen zu denjenigen Dingen, die wir jetzt schon seit längerer Zeit als unsere Aufgabe betrachtet haben. Wenn darüber nachgedacht wird, wie die hier gemeinte Geisteswissenschaft solche Fragen, die Fragen des Lebens sind, betrachten, beantworten kann, so muß vor allen Dingen Sorgfalt darauf verwendet werden, sich einmal recht klarzumachen, daß diese Geisteswissenschaft, und damit unsere Zeit und die Zukunft überhaupt, andere Anforderungen an die Vorstellungsart, an die Denkart des Menschen stellt, als man es eigentlich nach den Denkgewohnheiten, namentlich nach den aus der Wissenschaft und ihrer Popularisierung hervorgehenden Denkgewohnheiten der unmittelbaren Vergangenheit und auch der Gegenwart gewohnt ist. Sie wissen ja, daß alles, was Geisteswissenschaft auf irgendeinem Gebiete zu sagen hat, also auch auf sozialem Gebiete, und namentlich auf sozialem Gebiete, der Ausdruck von geistigen Forschungstesultaten ist, die nicht auf bloß rationalistischem Wege, auf bloß abstraktem Wege gewonnen werden, sondern die herausgeholt werden aus der geistigen Wirklichkeit. Verstanden werden können sie, das wissen Sie, wenn man einfach den gesunden Menschenverstand auf sie anwendet — aber gefunden können sie nur werden, wenn man aufsteigt von dem gewöhnlichen Bewußtsein, wie es auch das rationelle, das abstrakte Denken, das Naturforschen und so weiter umfaßt, zu dem imaginativen, inspirierten, intuitiven Bewußtsein. Das, was auf dem Wege der Imagination, der Inspiration, der Intuition zutagetritt, das wird formuliert in ausdrucksfähigen Vorstellungen, Ideen, und das bildet den Inhalt der Wissenschaft, welche anthroposophisch orientiertes Forschen zu geben hat.
[ 1 ] Today I would like to bring before you a few important considerations connected with the matters that we have now for a long time regarded as our task. When we reflect on the way in which spiritual science, as here intended, is able to consider and to give answers to the questions of life, we must above all take careful heed to the fact that this spiritual science, and indeed for that matter the whole present and the future time, makes new and different demands on man's powers of comprehension and of thought. He has to think in a different way from what he is accustomed to, in accordance with the habits of thoughts of the immediate past and of the present—especially the habits of thought arising from science and its popularization. You are well aware that all that spiritual science has to say concerning any sphere of life and hence too what it has to say on the social question, indeed especially what it has to say on the social question, is the expression of the results of research—results that have not been obtained on any merely rationalistic or abstract path, but that have been sought and found in the realm of spiritual reality. They can be understood, as we know, with the help of a sound and healthy human intelligence—they can, however, only be discovered when one rises above the ordinary consciousness, such as is comprised within rational thinking, abstract thinking, natural scientific research and so forth—rises above this ordinary consciousness to the Imaginative, Inspired, and Intuitive consciousness. What comes to light on the path of Imagination, Inspiration, and Intuition—this it is, formulated in concepts and ideas that are capable of expression, that fills the content of the science which Anthroposophical research has to give.
[ 2 ] Nun muß man sich eben daran gewöhnen, über das Wahrheitfinden andere Vorstellungen zu haben, als man gewöhnt ist, und das ist es ja, was vielen unserer Zeitgenossen so schwer macht, den notwendigen Weg zu gehen von dem gewöhnlichen, heute üblichen Denken zur anthroposophischen Geisteswissenschaft. Der Mensch fragt heute so leicht: Kann man das eine oder das andere beweisen? — Gewiß, die Frage ist sehr berechtigt. Aber man muß diese Frage auch vom Wirklichkeitsstandpunkt aus ins Auge fassen. Wenn dabei gemeint ist: Kann man nach den Begriffen, die man schon gewonnen hat, kann man nach den landesüblichen Begriffen, die man durch seine Erziehung, dutch sein Leben aufgenommen hat, dasjenige, was der Geistesforscher vorbringt, in irgendeiner Hinsicht beweisen? — dann geht man vielfach in die Irre; denn die geisteswissenschaftlichen Resultate sind aus der Wirklichkeit herausgeholt.
[ 2 ] We have to accustom ourselves—and this is what makes it so hard for many of our contemporaries to tread the necessary path from the usual thinking of today to the Spiritual Science of Anthroposophy—we have to accustom ourselves to quite a new and different conception of wherein the finding of truth consists. Today men ask so lightly: can this or that be proven? The question is justified of course. But, my dear friends, we have also to look at the question from the standpoint of reality. If we mean: can what the spiritual researcher brings forward be proved in accordance with the conceptions and ideas that we have already acquired, in accordance with the customary ideas which we have imbibed through our education, through our everyday life?—If we mean this, we are making a great mistake; for the results of spiritual research are drawn from reality.
[ 3 ] Ich will Ihnen durch einen sehr trivialen, einfachen Vergleich klarmachen, daß für das gewöhnliche, rein abstrakt verlaufende Denken der Irrtum entstehen kann. Es soll ja aus einem Gedanken ein anderer folgen; und wenn man dann sieht, er folgt als Gedanke nicht, so glaubt man, er müsse falsch sein, während der Wirklichkeit gemäß die Sache aber doch richtig ist. Wirklichkeitskonsequenzen fallen nicht zusammen mit bloßen Gedankenkonsequenzen; Wirklichkeitslogik ist etwas anderes als bloße Gedankenlogik. In unserem Zeitalter glaubt man, weil metaphysisch die juristische Denkweise alle Köpfe ergriffen hat, daß alles umfaßt werden muß mit dem, was man als Gedankenlogik gewöhnt ist. Aber das ist nicht der Fall. Sehen Sie, wenn Sie einen Würfel haben, dessen Seiten, sagen wir, dreißig Zentimeter lang sind, also einen Würfel, der nach allen Seiten dreißig Zentimeter Ausdehnung hat, und es sagt Ihnen jemand: Dieser Würfel ist in einer Höhe von anderthalb Metern über dem Fußboden hier in diesem Saal zu finden, so können Sie mit Ihrer bloßen Gedankenlogik schließen aus dem, was er Ihnen sagt, ohne daß Sie in dem Zimmer sind, wo der Würfel ist: er muß auf etwas stehen. Es muß ein Tisch da sein, der entsprechend hoch ist, denn der Würfel kann nicht in der Luft schweben. — Also dies können Sie schließen, auch wenn Sie gar nicht dabei sind und Sie nicht die Erfahrung, das Erlebnis davon haben.
[ 3 ] Let me make clear to you by a quite trivial, simple comparison, how the ordinary thinking that runs on purely abstract lines may fall into error. One thought is supposed to follow from another. The error is that if people see: As a thought it does not follow—they concluded that it must be false, while all the time from the point of view of reality it still may be perfectly true. The consequences in reality are not always the same as the consequences in mere thought; the Logic of Reality is a different thing from the Logic of Thought. In our time, the metaphysical legalistic way of thinking has taken such hold upon men that they are wont to think that everything must be comprehended with the Logic of Thought. But that is not the case. Listen to this, for example. Take a cube measuring—let us say—30 centimeters each way. Now if someone were to say to you: “This cube, measuring 30 centimeters each way, is raised up a meter and a half above the floor”—if you were not yourself in the room where the cube is, you would be able with your pure thought-logic to say one thing: you would be able to conclude from what was said to you: The cube must be standing on something. There must be a table there of the corresponding height, for the cube can certainly not hover in the air. This, then, you can conclude even when you are not present there, even when you have no experience of it.
[ 4 ] Aber nehmen wir an, auf dem Würfel läge ein Ball. Das können Sie nicht gedanklich erschließen, das müssen Sie sehen, das müssen Sie anschauen. Es entspricht aber doch der Wirklichkeit. Also die Wirklichkeit ist durchsetzt von Entitäten, von Dingen, die natürlich in sich eine Logik haben, aber eine Logik, die nicht zusammenfällt mit der bloßen Gedankenlogik. Die Anschauungslogik ist eine andere als die bloße Gedankenlogik.
[ 4 ] But now let us suppose: A ball is lying on the cube; something is lying upon it. That you cannot conclude by thinking, that you must see. You must behold it. And yet the ball, too, corresponds to reality. The reality is thus filled with things and entities that have of course a logic in themselves, a logic, however, that does not coincide with the pure thought-logic; the logic of sight is a different thinking from the logic of mere thought.
[ 5 ] Das bedingt aber, daß man sich schon einmal dazu bequemt, die sogenannten logischen Folgerungen, an die sich das heutige Denken gewöhnt hat, nicht allein nur Beweise zu nennen, sonst wird man nie mit den Dingen zurechtkommen. Auf dem Gebiete, das ich hier nun schon seit Wochen besprochen habe, auf dem Gebiete der sozialen Struktur der menschlichen Gesellschaft, da ergeben sich gar viele Forderungen, einfach aus den Voraussetzungen, die ich Ihnen vorgetragen habe über die dreifache Gliederung der Gesellschaft, die notwendig wird für die Zukunft. Es ergibt sich zum Beispiel daraus ein ganz bestimmtes Steuersystem. Aber dieses Steuersystem kann man eben wiederum nur finden, wenn man die Anschauungslogik zu Hilfe ruft. Mit einer bloßen Gedankenlogik kommt man da nicht zu Rande. Das ist es, was notwendig macht, daß man diejenigen höre, die über diese Dinge etwas wissen; denn wenn die Sache gesagt ist, dann kann der gesunde Menschenverstand, wenn er alle Seiten berücksichtigt, die Sache entscheiden. Der gesunde Menschenverstand, meine lieben Freunde, wird immer ausreichen; der kann immer nachkontrollieren, was der Geistesforscher sagt. Aber der gesunde Menschenverstand ist etwas anderes als die Gedankenlogik, die — namentlich durch die naturwissenschaftlich durchtränkte Denkweise der Gegenwart — heraufgezogen ist. Daraus aber ersehen Sie, daß Geisteswissenschaft selber nicht bloß die Wirkung haben soll auf den Menschen, daß er eine bestimmte Summe von Vorstellungen empfängt und dann glaubt, daß er diese Vorstellungen so behandeln könne wie irgend etwas anderes, was ihm heute durch die Wissenschaft oder dergleichen mitgeteilt wird. Das ist eben durchaus nicht möglich und nicht zu denken. Denn denkt man es, so denkt man in die Irre. Geisteswissenschaft macht, daß die ganze Art zu denken, die Art, die Welt aufzufassen, beim Menschen eine andere wird als sie vorher war, daß der Mensch lernt, nicht nur gründlich einzusehen, sondern auf andere Art einzusehen. Das müssen Sie vor allen Dingen, wenn Sie sich mit der Geisteswissenschaft durchdringen, ins Auge fassen, natürlich ins Seelenauge, daß Sie sich immer fragen können: Lerne ich auf eine andere Weise die Welt anschauen dadurch, daß ich diese Geisteswissenschaft aufnehme — nicht das Hellsehen, sondern die Geisteswissenschaft —, lerne ich auf eine andere Weise die Welt ansehen, als ich sie früher angesehen habe? — Ja, es kann einer, der Geisteswissenschaft als eine Summe von Kompendien betrachtet, sehr vieles wissen; aber wenn er gerade nur so denkt, wie er vorher auch gedacht hat, dann hat er nicht die Geisteswissenschaft aufgenommen. Geisteswissenschaft hat er erst aufgenommen, wenn sich in gewisser Beziehung die Art, die Formation, die Struktur seines Denkens geändert hat, wenn in einer gewissen Beziehung aus ihm ein anderer Mensch geworden ist als er früher war. Das wird einfach durch die Gewalt, durch die Kraft der Vorstellungen, die man durch die Geisteswissenschaft aufnimmt, bewirkt.
[ 5 ] This necessitates, however, my dear friends, that we should at length learn that we cannot only call proof the so-called logical sequences to which modern thinking has grown accustomed. Unless we learn this, we shall never arrive at a true understanding of things. In the domain in which I have been speaking to you now for some weeks—in the domain of social life, of the structure of human society, many new demands result simply from the fundamental premises that I have set before you concerning the three-fold division of society which will be necessary for the future. One such result is, for example, a quite definite system of taxation. But this system of taxation, once more, can only be found by calling to our help the logic of things seen. The mere logic of thought is insufficient. It is this that makes it necessary that men should listen to those who know something of these things, for when the thing has once been said, then the healthy human intelligence, my dear friends, will always suffice; it can always corroborate and “control” what the spiritual researcher says. The healthy human understanding, however, is something very different from the logic of thought, which is developed especially through the way of thinking that is prevalent today, soaked and steeped as it is in the natural-scientific point of view. From all this you will understand that spiritual science is not intended merely to make us receive a certain collection of ideas and then think that we can handle these ideas much as we would handle information we acquire through natural science or the like. That is absolutely impossible and is not to be imagined for a moment. If we think that we are making a great mistake. Spiritual Science makes a man think in an altogether new way. It makes him comprehend the world in an altogether different way than he has done before, it makes him learn not merely to perceive other things than before, but to perceive in a new way. When you enter into spiritual science you must always bear this in mind, you must be able to ask yourself again and again: Am I learning to look at the world in a new way through my receiving of Spiritual Science—not clairvoyance but Spiritual Science—am I learning to look at the world in another way from what I have done hitherto? For indeed, my dear friends, one who regards Spiritual Science as a collection of facts, a compendium of knowledge, may well know a great deal, but if he still only thinks in the same way as he thought before, then he has not received Spiritual Science. He has only taken up Spiritual Science if the manner, the form, the structure of his thinking has changed, if in a certain respect he has become another man than he was before. And this can only come about through the might and the power of the ideas which we receive through Spiritual Science.
[ 6 ] Nun ist es beim sozialen Denken ganz unerläßlich, daß diese Forderung, die nur durch die Geisteswissenschaft eintreten kann, die Menschen ergreift, denn das, worauf ich gestern aufmerksam gemacht habe, kann nur in diesem Lichte überhaupt verstanden werden. Ich habe gestern darauf aufmerksam gemacht, daß die Schul-Nationalökonomen, die über die wirtschaftlichen Begriffe heute die Menschen unterrichten, eigentlich recht hilflos sind gegenüber der Wirklichkeit. Warum sind sie so hilflos? Weil sie etwas, was sich mit naturwissenschaftlich orientiertem Denken nicht auffassen läßt, eben mit diesem naturwissenschaftlich orientierten Denken auffassen wollen. Erst wenn man sich bequemen wird, gerade das soziale Leben anders aufzufassen als mit naturwissenschaftlich geschultem Denken, dann wird man fruchtbare soziale Ideen, die sich verwirklichen lassen, die eben für das Leben fruchtbar sind, finden können.
[ 6 ] Now if we are to think about the social question, it is absolutely essential that this change, which can only come about through Spiritual Science, should enter our thinking, for only in this light can that be understood to which I directed your attention yesterday. Yesterday I spoke to you of the economists of the schools, the present-day exponents of the theories of economists. I pointed out to you how utterly helpless they are in the face of realities. Why are they so helpless? Because they are bent on understanding with the Natural-Scientific type of thinking something that cannot thus be understood. We shall have to make up our minds to conceive the social life, not with the kind of thinking that is brought up on Natural Science but in an altogether different way. Only then shall we be able to find fruitful social ideas—fruitful in life, capable of realization.
[ 7 ] Ich habe Sie schon früher einmal auf etwas aufmerksam gemacht, was vielleicht den einen oder den anderen erstaunt hat, was aber tiefer bedacht sein muß. Ich habe Sie darauf aufmerksam gemacht, daß die logische Konsequenz, die man geneigt ist, aus gewissen Begriffen oder sogar aus einer Weltanschauung zu ziehen, durchaus nicht immer dasselbe ist, was dem Leben nach aus dieser Weltanschauung folgt. Ich meine folgendes: Irgend jemand kann eine Summe von Begriffen oder sogar eine ganze Weltanschauung haben. Sie können sich diese Weltanschauung rein begriffsmäßig vor Augen führen und dann vielleicht noch andere Konsequenzen daraus ziehen, Konsequenzen, von denen Sie mit Recht voraussetzen, daß sie logisch sind, und Sie können glauben, daß diese Konsequenzen, die Sie logisch daraus ziehen, notwendig aus dieser Weltanschauung folgen müssen. Das ist aber durchaus nicht notwendig, sondern das Leben selber kann ganz andere Konsequenzen daraus ziehen. Sie können höchst erstaunt sein, wie das Leben andere Konsequenzen daraus zieht. Was "heißt das: das Leben zieht andere Konsequenzen? Nehmen wir einmal an, Sie bilden eine Ihnen recht idealistisch erscheinende Weltanschauung aus. Mit Recht, sagen wir, erscheint Ihnen diese Weltanschauung idealistisch. Sie enthält wunderbare idealistische Vorstellungen, wunderbare idealistische Ideen. Es kann der Fall eintreten, je nachdem diese Weltanschauung so oder so ist, daß Sie sie Ihrem Sohn lehren oder Ihren Schülern in einem bestimmten Lebensalter, lassen den Einfluß der Weltanschauung lebensvoll auf sie wirken. Sie selber werden wahrscheinlich nur logische Konsequenzen aus Ihrer Weltanschauung zulassen. Aber senken Sie das in ein anderes Gemüt, betrachten Sie das Leben auch über jene Abgründe hin, wo es von einem Menschen auf den anderen übergeht, so kann nämlich das Folgende eintreten, was Ihnen nur Geisteswissenschaft erklären kann als etwas Notwendiges: Sie bilden aus eine Ihnen idealistisch erscheinende Weltanschauung, die Sie mit Recht zu dem Glauben führt, daß alles, was Sie logisch aus ihr ableiten können, auch wiederum idealistisch, schön und groß sein müßte, und Sie lehren sie einem Sohn oder einer Tochter oder einer Schülerin, und die Betreffenden werden Schlingel, also Halunken. Das kann durchaus sein. Aus Ihrer idealistisch geformten Weltanschauung kann im Leben die Halunkerei folgen.
[ 7 ] I have already once drawn your attention to a thing that may well have astonished one or another among you; yet it needs to be deeply thought over. I said: The logical conclusion which one will tend to draw from such and such ideas, maybe from a whole “world-conception” are by no means always identical with that which follows from such a world-conception in real life. I mean the following: A man may hold a certain number of ideas or even an entire world-conception. You may envisage this world-conception clearly according to the ideas it contains and you may then perhaps draw further conclusions from it—conclusions which you will quite rightly presume to be logical, you may imagine that such conclusions, which you can logically draw from a world-conception, must necessarily follow from it. But that is by no means the case. Life itself may draw altogether different conclusions. And you may be highly astonished to see how life draws its different conclusions. What do I mean by this? Let us assume a world-conception which appears to you highly idealistic, and—we may assume—rightly so. It contains wonderfully idealistic ideas. You yourself will probably admit only the logical conclusions of your world-conception but if you sink this into another mind, if you take into account the reality of life even where it leads you across the chasms that separate one human being from another—the following may happen: and only Spiritual Science can explain the necessity of such a sequence. You instruct your son or daughter or your pupil in your idealistic world-conception, and they afterwards become thorough scamps and rascals. It may well happen in the reality of life that rascality will follow as the consequence from your idealistic philosophy!
[ 8 ] Das ist natürlich ein extremer Fall, der aber auch einmal eintreten könnte, der Ihnen nur begreiflich machen soll, daß im Leben andere Konsequenzen gezogen werden als im bloßen Denken. Deshalb stehen die Menschen heute so furchtbar fern der Wirklichkeit, weil sie solche Dinge nicht durchschauen, weil sie nicht gewillt sind, dasjenige, was sich früher instinktiv gemacht hat, auch wirklich ins Bewußtsein umzusetzen. Die Instinkte der früheren Zeiten, die haben schon gefühlt: Da oder dort wird das oder jenes entstehen. Die Instinkte sind nicht geneigt gewesen, immer nur das Gedankenlogische vorauszusetzen. Die Instinkte haben bereits logisch gewirkt. Aber heute ist man in eine gewisse Unsicherheit hineingekommen, und diese Unsicherheit wird naturgemäß im Zeitalter der Entwickelung der Bewußtseinsseele immer größer und größer werden, wenn nicht das Gegengewicht geschaffen wird, das darin besteht, daß man auch bewußt Wirklichkeitslogik aufnimmt. Und man nimmt sie in dem Augenblicke auf, wo man den hinter der sinnlichen Wirklichkeit befindlichen Geist in seinem Wesen, in seinen Vorgängen wirklich ins Auge faßt.
[ 8 ] That of course is an extreme case, though one that might well happen in real life. I only wish to bring it home to you that other conclusions are drawn in real life than in mere thought. Hence it is that the men of today are so far removed from reality, because they do not see through such things as these; they are not really willing to bring to consciousness what was formerly done instinctively. The instincts of past ages felt clearly enough that this or that would arise from one thing or another in real life. They were by no means inclined only to presume the consequences that follow by the logical thought. The instincts themselves worked with a logic of their own. But today men have come into a kind of uncertainty, and this uncertainty will naturally grow ever greater in the age of the evolution of the Spiritual Soul unless we make the counterbalance, which is: consciously to receive into ourselves the Logic of Reality. And we do receive it the moment we earnestly consider in its own essence and process the Spiritual that lives and moves behind the realities of sense.
[ 9 ] Ich will. Ihnen einen praktischen Fall sagen, der Ihnen illustrieren kann, was ich soeben mehr theoretisch auseinandergesetzt habe. Aber zugleich soll er Ihnen auch noch etwas anderes illustrieren. Er soll Ihnen illustrieren, wie sehr man fehlgehen kann, wenn man die Dinge nur nach ihren äußeren Symptomen betrachtet. Ich habe in den Vorträgen dieser Wochen von Symptomatologie in der Geschichtsbetrachtung gesprochen. Symptomatologie ist überhaupt etwas, was sich die Menschen aneignen müssen, wenn sie von dem Äußeren, von den Phänomenen zu der Wirklichkeit gehen wollen.
[ 9 ] I will tell you a practical case to illustrate what I have just explained in a more theoretic way. It will serve at the same time to illustrate another thing, namely how far we can go wrong, if we merely look at the external symptoms. In my lecture this week, I spoke of the symptomatic method in the study of history. Altogether, the symptomatic method is a thing that we must make our own, if we would pass from the outer phenomena to the underlying Reality.
[ 10 ] Ein russischer Schriftsteller und Philosoph, Berdjajew, hat jüngst einen ganz interessanten Aufsatz geschrieben über die philosophische Entwickelung des russischen Volkes von der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts bis jetzt. In diesem Aufsatze von Berdjajew ist zweierlei recht merkwürdig. Eines ist, daß der Autor von einem merkwürdigen Vorurteil ausgeht, welches beweist, daß er keinen Einblick in diejenigen Wahrheiten hat, die uns jetzt schon sehr geläufig sein müssen, in die Wahrheiten, daß im russischen Osten für den sechsten nachatlantischen Zeitraum, für den Zeitraum der Entwickelung des Geistselbstes, überhaupt ganz neue Elemente im Auftauchen begriffen sind, die heute erst im Keime vorhanden sind. Weil er das nicht weiß, beurteilt er einen Punkt ganz falsch. Er sagt sich, es ist doch merkwürdig — und als russischer Philosoph muß er das wissen —, daß man in Rußland, anders als im Westen der europäischen Zivilisation, für dasjenige, was man im Westen Wahrheit nennt, gerade in der Philosophie eigentlich keinen rechten Sinn hat. Man hat sich zwar viel für die Philosophie des Westens interessiert, aber man hat keinen rechten Sinn für die Philosophie des Westens, insofern sie «Wahrheit» anstrebt; sondern man nimmt philosophische Wahrheit auf, insofern sie dem Leben dient, insofern sie nützlich ist für eine unmittelbare Lebensauffassung. Der Sozialist zum Beispiel interessiert sich für die Philosophie aus dem Grunde, weil er glaubt, daß ihm diese oder jene Philosophie eine Rechtfertigung seines Sozialismus gibt. Ebenso interessiert sich der Orthodoxe für irgendeine Philosophie nicht so wie der Westler, weil sie Wahrheit ist, sondern er interessiert sich dafür, weil sie ihm eine Grundlage, eine Rechtfertigung gibt für seinen orthodoxen Glauben und so weiter. Das betrachtet Berdjajew als einen großen Mangel der heutigen russischen Volksseele. Denn er sagt: Die im Westen wären weit voraus, die glauben nicht, daß sich die Wahrheit nach dem Leben richten müsse, sondern die Wahrheit sei Wahrheit, und sie sei da, und das Leben müsse sich nach der Wahrheit richten. Dazu setzt er ausdrücklich den merkwürdigen Satz merkwürdig allerdings nicht für einen Menschen der Gegenwart, denn ein Mensch der Gegenwart findet ihn selbstverständlich —, aber den für den Geisteswissenschafter höchst merkwürdigen Satz: der russische Sozialist habe kein Recht, den Ausdruck «bürgerliche Wissenschaft», «Bourgeois-Wissenschaft», zu gebrauchen, denn die Bourgeois-Wissenschaft enthalte die Wahrheit, sie habe endlich den Wahrheitsbegriff aufgestellt; und das sei eben die unumstößliche Wahrheit. Daher sei es ein Mangel der russischen Volksseele, wenn sie glaube, daß auch diese Wahrheit überwunden werden könne.
[ 10 ] A Russian author and philosopher of the name of Berdiayeff recently wrote an interesting article on the philosophical evolution in the Russian people in the second half of the nineteenth century and until the present day. There are two remarkable things in this essay of Berdiayeff's. One is that the author takes his start from a peculiar prejudice, proving that he has no insight into those truths, with which you must by now be thoroughly familiar—I mean the truth that in the Russian East, preparing for the Sixth Post-Atlantean Age (the age of the evolution of the Spiritual Life), altogether new elements are on the point of emerging, though today they are only there in embryo. Berdiayeff being ignorant of this fact, his judgment on one point is quite incorrect. He says to himself (and as a Russian philosopher he must surely know the facts), he says: It is strange that in Russia as against the Western European civilizations we have no real sense (especially in philosophy) for what in the West they call the Truth. Russians have been much interested in the philosophy of the West, yet they have no real feeling for it inasmuch as it strives towards “The Truth.” They only take up the truths of philosophy inasmuch as they are serviceable for life, inasmuch as they are directly useful to some conception of life. The Socialist, e.g., is interested in philosophy because he imagines that this or that philosophy will provide him with a justification for his socialism. Similarly the orthodox Believer will interest himself in some philosophy, not, like a Western man because it is the Truth, but because it gives him a justification or a basis for his Orthodox Belief. And so on. Berdiayeff regards this as a great failing in the Folk-Soul of modern Russia. He says: In the West they are far in advance of us. They do not imagine that Truth must follow life; they really believe that Truth is Truth; the Truth is there, and life must take its direction from it. And Berdiayeff actually adds the extraordinary statement (albeit not extraordinary for the men of the present day, who will take it quite as a matter of course, but extraordinary for the Spiritual Scientists) he adds the statement: The Russian socialist has no right to use the expression “bourgeois science,” for bourgeois science contains the truth; it has at last established the concept of Truth, and that is a thing that cannot be refitted. It is therefore a failing on the part of the Russian Folk-Soul to believe that this Truth too can be transcended!
[ 11 ] Berdjajew teilt diese Anschauung nicht nur mit der ganzen Professorenwelt, sondern auch mit der Anhängerschaft der ganzen Professorenwelt, und das ist zum Beispiel die ganze west- und mitteleuropäische Bourgeoisie, der Adel erst recht und so weiter. Berdjajew weiß eben nicht, daß dasjenige, was jetzt in der russischen Volksseele keimhaft ist, gerade deshalb vielfach tumultuarisch und karikiert zum Ausdrucke kommt. In dieser Auffassung der Wahrheit vom Gesichtspunkte des Lebens, die eben heute schief ist, liegt aber auch ein Keim für eine Zukunftsauffassung. In der Zukunft wird sich die Sache schon richtigstellen. Denn wenn erst gediehen sein wird, was sich heute keimhaft vorbereitet: das Hingelenktsein der menschlichen Entwickelung zum Geistselbst, dann wird in der Tat das, was man heute Wahrheit nennt, eine ganz andere Gestalt haben. Und ich habe Sie heute auf einige Eigentümlichkeiten aufmerksam gemacht. Diese Wahrheit wird dem Menschen zum Beispiel zum Bewußtsein bringen — was der heutige Mensch gar nicht einsehen kann —, daß die Tatsachenlogik, die Wirklichkeitslogik, die Anschauungslogik eine andere ist als die bloße Begriffslogik. Und noch andere Rigenschaften wird diese umgeformte Wahrheitsvorstellung haben. Das ist das eine, was Sie bei Berdjajew auftreten sehen und was sehr merkwürdig ist, weil es zeigt, wie wenig solch ein Schriftsteller in dem steckt, was der eigentliche Sinn der Evolution unserer Zeit ist, den er sehr gut gerade bei seinem Volk wahrnehmen könnte, aber unter diesem Vorurteil nicht anerkennen kann.
[ 11 ] Berdiayeff shares this curious opinion, not only with the whole world of professors, but with all their faithful followers, to wit, the whole bourgeois of Western and Middle Europe, the aristocracy especially so, and the rest. Berdiayeff simply does not know what is now germinating in the Russian Folk Soul, which comes to expression for this very reason in a frequently tumultuous and distorted form. He does not know that in this conception of Truth from the standpoint of life, crooked as it may be today, there lies a real seed for the conception of the future. In the future it will right itself, of that we may be sure. When once what is preparing today as a germinating seed will have unfolded, I mean the directing of all human evolution towards the spiritual life, then indeed will that which men call the “Truth” today have an altogether different form. Today I have drawn your attention to some peculiar facts in this respect. This Truth, my dear friends, will among other things bring to man's consciousness what the men of today cannot realize, that the logic of facts, the logic of reality, the logic of things seen is a very different thing from the mere logic of concepts. And this transformed conception of the Truth will have some other interesting qualities. That is the one thing which you see emerging in Berdiayeff's essay. It is remarkable enough, for it shows how little such a learned author lives in the real trend and meaning of the evolution of our time, which he might well perceive in his own nation above all, but cannot recognize, laboring as he does under this prejudice.
[ 12 ] Etwas anderes ist nach einer ganz anderen Richtung hin zu beurteilen. Berdjajew sieht offenbar — das geht aus dem Sinn seines Aufsatzes hervor — mit einem großen Unbehagen das Auftauchen des Bolschewismus. Nun, darin mag der eine oder andere, je nachdem er Bolschewist ist oder nicht, ihm nun recht oder unrecht geben; das ist ja etwas, worüber ich mich jetzt nicht verbreiten will. Ich will die Tatsachen darstellen, ich will nicht kritisieren. Aber was wichtig ist, das ist das Folgende. So wie in den sechziger Jahren — so meint Berdjajew unter dem Gesichtspunkt, die Wahrheit, die Philosophie abhängig von dem Leben zu sehen —, so wie dazumal der Materialismus in Rußland Eingang gefunden und man an den Materialismus geglaubt hat, weil man ihn dienlich dem Leben gefunden hat, hat man in den siebziger Jahren an den Positivismus zum Beispiel von Auguste Comte geglaubt. Dann haben andere Anschauungen, zum Beispiel auch Neeizsche, in Rußland Eingang gefunden bei den Leuten, die der Intelligenz zugehören. Nun fragt sich Berdjajew, was denn jetzt bei den Bolschewisten, die zur Intelligenz gehören, für eine Philosophie Platz gegriffen habe. Es hat tatsächlich eine Philosophie Platz gegriffen. Aber über das Zusammengehen dieser eigentümlichen Philosophie mit dem Bolschewismus, da ist Berdjajew eigentlich ganz ratlos. Er kann gar nicht fassen, wie der Bolschewismus als seine Philosophie kurioserweise die Lehren von Avenarius und Mach betrachtet.
[ 12 ] The other thing must be considered in quite a different direction. Berdiayeff, as the whole spirit of his essay shows, witnesses the rise of Bolshevism with great discomfort. Well, in that respect, the one man or the other, according as he is a Bolshevist or the reverse, will say that Berdiayeff is right or wrong. I do not propose to dilate just now upon this question. I will describe the facts, I will not criticize. But this is the important thing: In the sixties, so says Berdiayeff, there was already the tendency to regard Truth and Philosophy as dependent on life, and at that time materialism found entry into Russia. Men believed in Materialism, because they found it useful and profitable for life. Then, in the seventies, Positivism, such as is held by Auguste Comte for example, came into vogue. And after that, other points of view, for example that of Nietzsche, found entry into Russia among the people known as the Intelligentsia. And now Berdiayeff asks the question: What kind of philosophy do we find among the Intelligentsia of the Bolsheviks? For, indeed, a certain philosophy is prevalent among them. But how this particular philosophy can go with Bolshevism, that Berdiayeff is quite at a loss to explain. He simply cannot understand how Bolshevism can regard as its own philosophy—curiously enough—the doctrine of Avenarius and Mach.
[ 13 ] Wenn man Avenarius und Mach gesagt hätte, daß ihre Philosophie ausgerechnet von solchen Leuten akzeptiert werde, wie es die Bolschewisten sind, so würden sie noch viel ärger erstaunt gewesen sein als Berdjajew. Sie würden, wenn ich den trivialen Ausdruck gebrauchen darf, an den Wänden hinaufgekrochen sein — beide sind ja schon tot —, wenn sie sich hätten vorstellen sollen, als offizielle Philosophen der Bolschewisten zu gelten. Denken Sie sich den braven bürgerlichen Avenarius, der da glaubte, nur in den reifsten Begriffen zu arbeiten, der selbstverständlich vorausgesetzt hat, daß ihn nur Leute verstehen können, welche — nun, sagen wir — anständige Röcke tragen, niemandem in bolschewistischer Weise etwas zuleide tun, kurz, ganz gesittete Menschen sind in dem Sinne, wie man in den sechziger, siebziger, achtziger Jahren sich «gesittete Menschen» gedacht hat. Nur unter solchen Menschen, hat sich Avenarius vorgestellt, könnte seine Philosophie Anhänger finden. Nun, wenn man erst eingeht auf den Inhalt dieser Avenarius-Philosophie, dann wird man das Faktum, daß Avenarius offizieller Philosoph der Bolschewisten ist, erst recht nicht begreifen. Denn was denkt Avenarius? Er sagt sich: Die Menschen leben unter dem Vorurteil, da drinnen in meinem Kopfe oder in meiner Seele oder wo immer sind subjektiv die Vorstellungen, die Wahrnehmungen; draußen sind die Objekte. Das ist aber nicht richtig. Würde ich allein auf der Welt sein, so würde ich überhaupt gar niemals auf den Unterschied kommen zwischen Objekt und Subjekt. Ich komme auf den Unterschied nur dadurch, daß andere Leute auch noch da sind. Ich würde, wenn ich allein einen Tisch anschaue, gar nicht zu der Idee kommen, meint Avenarius, daß der Tisch da draußen in einem Raum ist und ein Abbild davon in meinem Gehirn, sondern ich würde den Tisch haben und würde nicht unterscheiden zwischen Subjekt und Objekt. Die unterscheide ich nur, weil, wenn ich mit einem andern den Tisch anschaue, ich mir sage, der sieht den Tisch, ich nehme ihn wahr, da ist in meinem Kopf noch diese Wahrnehmung drinnen. Nun überlege ich mir, daß das, was er empfindet, auch ich empfinde. Also innerhalb solcher rein theoretischer Erwägungen — ich will sie Ihnen gar nicht alle vorsetzen, Sie würden sagen, das interessiert uns alles nicht —, innerhalb solcher erkenntnistheoretischer, rein abstrakter Erwägungen bewegt sich Avenarius. Er hat 1876 das Büchelchen geschrieben: «Philosophie als Denken der Welt gemäß dem Prinzip des kleinsten Kraftmaßes. » Denn aus solchen Voraussetzungen, wie ich sie Ihnen eben jetzt klargelegt habe, da zeigt er, daß unsere Begriffe, die wir als Menschen haben, überhaupt keinen rechten Wirklichkeitswert haben, sondern daß wir nur Begriffe schaffen zu dem Zwecke, um ökonomisch die Welt zusammenzuhalten. Der Begriff «Löwe» zum Beispiel oder der Begriff, der sich in einem Naturgesetz ausdrückt, ist überhaupt nichts Wirkliches, weist auch nach Avenarius nicht auf etwas Wirkliches hin, sondern es ist unökonomisch, wenn ich im Leben fünf, sechs oder dreißig Löwen gesehen habe und mir alle diese Löwen vorstellen soll; da mache ich die Sache ökonomischer, ich mache mir einen Einzelbegriff, der alle dreißig Löwen zusammenfaßt. Alle Begriffsbildung ist nur eine innere, subjektive Ökonomie.
[ 13 ] And, truth to tell, my dear friends, if you had told Avenarius and Mach that their philosophy was to be accepted by such people as the Bolsheviks, they themselves would have been still more astonished and angry than Berdiayeff. They would have been most indignant (both of them, as you know, are now dead) if they had lived to see themselves as the official philosophers of Bolshevism. Imagine Avenarius, the worthy bourgeois, who of course had always assumed that he could only be understood by people who—well, who wore at any rate decent clothes, people who would never do violence to anyone in the Bolshevist manner, in short, good “respectable” people, in the sense in which one used the expression in the sixties, seventies and eighties. And it is true, if we consider only the content of the philosophy of Avenarius, we are still more at a loss to understand how it happened. For what does Avenarius think? Avenarius says: Men labor under a prejudice. They think: within, in my head, or in my soul or wherever it is, are the ideas, the perceptions, they are there subjectively; outside are the objects. But, says Avenarius, this is not correct. If I were all alone in the world, I should never arrive at the distinction between subject and object. I am led to make the distinction only through the fact that other people are there too. I alone beheld a table, I should never come to the idea that the table is out there in space and a picture of it here in my brain. I would simply have the table, and would not distinguish between subject and object. I only distinguish between them because, when I look at the table with another man, I say to myself: He sees the table, and I too perceive it. The perception is in my head too. I reflect that what he senses I am also sensing. Such are partly theoretical considerations (I will not go into them more fully, you would say: All these things do not interest us) within which Avenarius' thought lives and moves. In 1876 he wrote his book Conception of the World According to the Principle of Least Action. For on such premises as I have here explained to you, he shows how the concepts we have as human beings have no real value, but that we only create them for the sake of mental economy. According to Avenarius, the concept “Lion,” for example, or the concept that finds expression in a “Natural Law” is nothing real, nor does it refer to anything real. It is only uneconomical if in the course of my life I have seen five or six or even thirty lions and am now to conceive them each and severally. I therefore proceed in a more economical way, and make myself a single concept “Lion,” embracing all the thirty. Thus all our forming of concepts is a mere matter of subjective mental economy.
[ 14 ] Mach ist ähnlicher Anschauung. Mach ist derselbe, von dem ich Ihnen erzählt habe, daß er einmal in ermüdetem Zustande in einen Omnibus einstieg, der einen Spiegel hatte. Er stieg also ein und sah einen Menschen da von der andern Seite kommen. Nun, der Mensch war ihm höchst unsympathisch, und da sagte er sich: Was ist denn das für ein unsympathisch aussehender Schulmeister? — Und dann kam er darauf, daß ein Spiegel dort hing, und er sich selber gesehen hatte. Er wollte damit eben nur andeuten, wie wenig man sich auch nur in bezug auf seine äußere menschliche Gestalt kennt, wie wenig man Selbsterkenntnis hat. Er erzählt sogar noch einen zweiten Fall, wo er an einem Schaufenster, das spiegelte, vorbeigegangen war, wo er also auf diese Weise sich selbst begegnete, und wo er wütend darüber war, daß ihm da ein so häßlich aussehender Schulmeister begegnete. Derselbe Mach, von dem ich Ihnen diese Dinge erzählt habe, der ist in einer etwas populäreren Weise vorgegangen, aber er hat dieselbe Anschauung wie Avenarius. Er sagt: Es gibt nicht subjektive Vorstellungen, nicht objektive Dinge, sondern es gibt eigentlich nur Empfindungsinhalte. Und ich bin mir selber nur Empfindungsinhalt. Draußen der Tisch ist Empfindungsinhalt, mein Gehirn ist Empfindungsinhalt, alles ist nur Empfindungsinhalt. Und die Begriffe, die sich die Menschen machen, die sind auch nur aus Ökonomie da. Es war vielleicht im Jahre 1881 oder 1882, ich war bei jener Sitzung der Akademie der Wissenschaften in Wien anwesend, wo Mach seinen Vortrag über «Die ökonomische Natur der physikalischen Forschung», über die Ökonomie des Denkens, gehalten hatte. Ich muß sagen, es hat auf mich, der ich damals ein ganz junger Dachs war, im Anfang meiner Zwanzigerjahre, einen ganz schrecklichen Eindruck gemacht, als ich hörte, daß es Menschen von solchem Radikalismus gab, die gar keine Ahnung davon haben, daß auf dem Wege des Denkens in die menschliche Seele die erste Ankündigung, die erste Offenbarung des Übersinnlichen hereinkommt; die die Begriffe so sehr leugnen, daß sie in ihnen nur ein Ergebnis der menschlichen Seelentätigkeit, die auf Ökonomie geht, sehen. Aber all das verfließt bei Mach und bei Avenarius innerhalb der Grenzen des — Sie werden mich nicht mißverstehen — ganz anständigen Denkens. Man braucht durchaus nicht irgendwie vertrackt zu sein, wenn man voraussetzt: Die beiden Herren und alle ihre Anhänger sind gut bürgerlich denkende Menschen, denen jeder auch nur einigermaßen praktisch-radikale Gedanke oder gar ein revolutionärer Gedanke so fern wie möglich liegt. Und nun sind sie die Amtsphilosophen der Bolschewisten geworden! Niemals konnte man darauf kommen! Wenn Sie das Büchelchen vom kleinsten Kraftmaß von Avenarius lesen, so würde Sie das vielleicht interessieren, das ist ganz nett geschrieben; aber wenn Sie anfangen würden, seine «Kritik der reinen Erfahrung» zu lesen, würden Sie wahrscheinlich bald aufhören, denn Sie fänden es gräßlich langweilig. Es ist absolut in professorenmäßigem Ton geschrieben, und es ist nicht irgendwie die Möglichkeit vorhanden, daß Sie da irgend etwas von Bolschewismus als Konsequenz daraus ziehen würden. Nicht einmal eine praktische Weltanschauung von auch nur ganz leisem Radikalismus könnten Sie daraus ziehen.
[ 14 ] Mach holds a similar view. It was Mach of whom I told you how he once got into an omnibus where there was a mirror. As he got in, he saw a man coming in from the other side. Now the appearance of this man was highly antipathetic to him, and he said to himself: “What a weedy-looking schoolmaster.”—only then did he perceive that there was a mirror hanging there and that he had simply seen himself. Mach tells the story to indicate how little one knows oneself, even in one's external human form how little self-knowledge man has. He even tells of another occasion when he passed a shop window which acted as a mirror and thus again met himself and was quite annoyed to come across such an ugly-looking pedant. Mach proceeded in a rather more popular fashion, but his idea is the same as that of Avenarius. He says: there are not subjective ideas on the one hand, and objective things on the other. All that exists in reality is the content of our sensations. I, to myself, am only a content of sensation, the table outside me is a content of sensation, my brain is a content of sensation. Everything is a content of sensation, and the concepts men make for themselves only exist for the purpose of economy. It was about the year 1881; I was present at a meeting of the Academy of Sciences in Vienna where Mach gave his lecture on the Economy of Thought, entitled: “Thought as a Principle of the Least Action.” I must say, it made quite a terrible impression upon me, who was then a mere boy, at the very beginning of the twenties. It made a terrible impression on me when I saw that there were men so radical in their ideas, without an inkling of the fact that on the paths of thought there enters into the human soul the first beginning of a manifestation of the super-sensible, the spiritual. Here was a man who denied the reality of concepts to such an extent as to see in them the mere results of a mental activity bent upon economy. But in Mach and Avenarius—you will not misunderstand my words—all this takes place entirely within the limit of thoroughly “respectable” thinking. We should naturally assume that these two men and all their followers are worthy folk of sound middle-class opinion, utterly removed from any even moderately radical, let alone revolutionary ideas, in practice. And now all of a sudden they have become the official Philosophers of the Bolsheviks! No one could have dreamt of such a thing. Perhaps you may read Avenarius' booklet on the “Principle of Least Action.” It may interest you, it is quite well written. But if you were to tackle his “Philosophy of Experience,” I fancy you would not get very far, you would find it appallingly dull. Written as it is in an absolutely professorial style, there is not the slightest possibility of your drawing even the least vestige of Bolshevism as a conclusion from it. You would not even derive from it a practical world-conception of the most gentle radicalism.
[ 15 ] Nun weiß ich, daß natürlich diejenigen Menschen, die Symptome für Wirklichkeiten nehmen, mir jetzt eine Erwiderung machen könnten. Ein handfester Positivist, der würde sagen: Oh, das ist so einfach wie möglich zu erklären. Die Bolschewisten haben ihre intelligenten Leute alle aus Zürich bezogen. In Zürich hat Avenarius gelehrt, und die sind Schüler des Avenarius gewesen, die jetzt unter den Bolschewisten als intelligente Leute wirken. Außerdem hat als Privatdozent ein Schüler Machs gewirkt, der junge Adler, der dann den Srürgkh in Österreich erschossen hat. Bei dem haben zahlreiche Anhänger von Lenin, sogar vielleicht Lenin selber, verkehrt, die haben diese Dinge aufgenommen, das hat sich übertragen. Das ist also ein reiner Zufall. — Ich weiß selbstverständlich, daß handfeste, klotzig positivistische Leute das so erklären können. Aber ich habe Ihnen auch neulich auseinandergesetzt, daß man dann die ganze dichterische Persönlichkeit Robert Hamerlings zurückführen kann darauf, daß der brave Rektor Kaltenbrunner das Gesuch des Hamerling um eine Lehrstelle in Budapest verbummelt hat und infolgedessen ein anderer die Stelle in Budapest bekommen hat. Hätte der Kaltenbrunner dieses Gesuch nicht verbummelt, so wäre Hamerling damals in den sechziger Jahren nach Budapest als Gymnasiallehrer gekommen und nicht nach Triest. Und wenn Sie nun ins Auge fassen, was Hamerling alles geworden ist dadurch, daß er in Triest an der Adria sein Leben zugebracht hat zehn Jahre lang, so werden Sie sehen, daß das ganze dichterische Leben Hamerlings ein Ergebnis davon ist. Äußerlich hat aber der brave Rektor Kaltenbrunner am Gymnasium in Graz das Gesuch verbummelt, und dadurch hat er Veranlassung gegeben, daß Hamerling nach Triest gekommen ist. Man muß eben nicht diese Dinge als Wirklichkeiten, sondern als Symptome nehmen für dasjenige, was sie innerlich ausdrücken.
[ 15 ] I am well aware, my dear friends, of the objection which those who take symptoms for realities might now bring forward against me. An easy-going, hard-and-fast Positivist, for instance, would say: The explanation is as simple as can be! The Bolshevists took their Intellectuals from Zurich. Avenarius was a professor in Zurich, and those who are now working as intellectual leaders among the Bolsheviks were his pupils. Moreover there was a University lecturer there, a pupil of Mach's Adler, the man who afterwards shot the Austrian statesman Count Stügh. Many followers of Lenin, perhaps even Lenin himself, were well-acquainted with Adler. They absorbed these ideas and carried them to Russia. It is therefore a pure coincidence. Needless to say I am well aware that a cock-sure hard-and-fast Positivist can explain the whole thing in this way. But did I not tell you the other day how the whole poetic character of Robert Hamerling can be shown to have arisen from the unreliability of the worthy Rector Kaltenbrunner, who forgot to forward Hamerling's application for a post in Budapest, as a result of which someone else got the post instead. If only Kaltenbrunner had not been so slack, Hamerling would certainly have gone as a schoolmaster to Budapest in the 1860's instead of to Trieste. Now if you consider all that Hamerling became through spending ten years of his life on the shores of the Adriatic at Trieste, you will see that his whole poetic life was a result. This was the external fact. The worthy Rector Kaltenbrunner, headmaster of the Grammar School at Graz, forgot to forward his application and was therefore the occasion of Hamerling's going to Trieste. You see, these things must not be taken as realities but as symptomatic of inner things which come to expression through them.
[ 16 ] Und dasjenige, was Berdjajew so auffaßt, daß die Bolschewisten die braven bürgerlichen Philosophen Avenarius und Mach zu ihren Götzen ausersehen haben, das führt schon zurück auf das, was ich heute eingangs auseinandergesetzt habe: daß die Lebenswirklichkeit, die Anschauungswirklichkeit eine andere ist als die bloße logische Wirklichkeit. Natürlich folgt niemals aus Avenarius und Mach die Tatsache, daß diese Leute Amtsphilosophen der Bolschewisten werden könnten. Aber das alles, was Sie logisch auch aus einer Sache schließen können, ist auch nur äußerlich symptomatisch bedeutsam. Auf die Wirklichkeit kommt man eben nur durch eine Forschung, die auf diese Wirklichkeit selbst geht. In der Wirklichkeit wirken die geistigen Wesenheiten.
[ 16 ] Thus what Berdiayeff conceives in this way—that the Bolsheviks chose as their idols the worthy middle-class philosophers Avenarius and Mach—does indeed take us back to what I said at the beginning of the present lecture: The reality of life, the reality of things seen is very different from the merely logical reality. Of course you cannot deduce from Avenarius and Mach that they could have become the official philosophers of the Bolsheviks. But, my dear friends, even what you can deduce by logic is only of importance as an external symptom. In effect, we only get at Reality by a research which goes straight for it. And in the Reality the Spiritual Beings work.
[ 17 ] Und nun könnte ich Ihnen vieles erzählen, was allerdings Ihnen als eine Notwendigkeit erscheinen lassen würde, daß solche Philosophien, wie die des Avenarius und des Mach lebensgemäß schon zu den Konsequenzen des allerradikalsten Sozialismus der Gegenwart führen. Denn hinter den Kulissen des Daseins sind es dieselben Geister, welche Avenariussche oder Machsche Philosophie hereinträufeln in die menschlichen Bewußtseine, und welche das in die menschlichen Bewußtseine hineinträufeln, was zum Beispiel zum Bolschewismus führt. Nur kann man nicht logisch das eine von dem andern ableiten. Aber die Wirklichkeit leitet es ab. Die ist etwas, was ich Sie bitte, sich tief in Ihre Herzen einzuschreiben, damit Sie auch darinnen etwas haben von dem, was ich immer wieder betone. Es ist heute einmal vonnöten, daß man von dem bloßen logischen Gestrüppe, von dem man heute illusionär die Wirklichkeiten durchsetzt denkt, zu der wahren Wirklichkeit den Übergang findet. Sieht man auf Symptome, weiß man Symptome zu werten, dann wird die Sache vielleicht doch manchmal ernster. Da will ich Sie auf etwas hinweisen, auf das der andere, der nicht Geisteswissenschafter ist, nicht so aufmerksam wird, weil er es mehr als Phrase, als etwas Gleichgültiges nimmt. Sehen Sie, Mach, der Positivist, aber radikaler Positivist ist, er kommt darauf, daß eigentlich alles Empfindung ist. Die Lehre, die auch der junge Adler als Privatdozent in Zürich vorgetragen hat, die sicher viele für ihn, für Mach und für Avenarius eingenommen hat, besagt, daß alles Empfindung ist, daß wir keine Berechtigung haben, Physisches und Psychisches zu unterscheiden. Draußen der Tisch ist genau in demselben Sinne physisch-psychisch, wie meine Vorstellungen physisch- psychisch sind, und Begriffe sind bloß zur Ökonomie da.
[ 17 ] I might tell you many things which would indeed enable you to perceive it as a necessity, in reality of life, that such philosophies as that of Avenarius and Mach lead to the conclusion of the most revolutionary socialism of our time. For behind the scenes of existence it is the very same spirits who instill into men's consciousness philosophies after the style of Avenarius or Mach, and who instill once more into men's consciousness that which leads on to Bolshevism for example. Only in Logic you cannot derive the one thing from the other. But the Reality of Life performs this derivation. I beg you inscribe this deep into your hearts, for here too you will have something of what I am constantly emphasizing. It is needful to us to find the transition from the mere tangle of logical ideas, within which the people of today in their illusions imagine the realities of life to be imbued, to the true reality. If we look at the symptoms, and know how to value them, the thing does indeed become far more earnest. Here I will draw your attention to something to which another who is not a Spiritual Scientist will not pay so much attention; for he will take it more as a phrase, as something more or less indifferent. Mach, you see, who is a Positivist, and a radical one at that, comes to the idea that all things are really sensations. This doctrine, which young Adler also expounded in his lectures at Zurich, whereby he will undoubtedly have gained many adherents for himself, and for Mach and for Avenarius—this doctrine declares that everything is sensation, and that we are quite unjustified in distinguishing the physical from the psychical. The table outside us is physical and psychical in precisely the same sense as my ideas are physical and psychical: and we only have concepts for the sake of mental economy.
[ 18 ] Aber bei Mach war das Eigentümliche, daß er instinktiv manchmal zurücktrat von seiner eigenen Weltanschauung, von dieser radikalen, positivistischen Weltanschauung. Er trat zurück und sagte dann: Ja, wenn ich mir nun nach allen Errungenschaften der Neuzeit klarmache: Es hat keinen Sinn, davon zu sprechen, daß außer meiner Empfindung noch etwas da ist, oder daß ich physisch oder psychisch unterscheiden soll, so werde ich doch immer wieder veranlaßt, wenn ich den Tisch vor mir habe, nicht bloß von der Empfindung zu sprechen, sondern zu glauben, daß da draußen noch etwas physisch vorhanden ist. Und wiederum, wenn ich eine Vorstellung, eine Empfindung, ein Gefühl habe, so habe ich nicht bloß die Wahrnehmung, das, was sich abspielt, das Phänomen, sondern ich glaube — obwohl ich weiß nach der Wissenschaft, die ich mir bilden kann, daß das keine Berechtigung hat —, daß drinnen Seele ist und draußen Objekt. Ich fühle mich veranlaßt, das zu unterscheiden. Was ist denn das eigentlich? — Mach sagt sich: Wie komme ich zu solch einer Sache, daß ich ganz plötzlich annehmen muß: da drinnen ist irgend etwas Seelisches, da draußen etwas Außerseelisches. Ich weiß, daß das aber gar keine Unterscheidung ist. Ich werde veranlaßt, etwas anderes zu denken, als was mir meine Wissenschaft sagt — sagt sich Mach zuweilen, wenn er von den Dingen zurücktritt, das steht in seinen Büchern. Er macht dann eine Bemerkung und sagt: Manchmal ist es einem dann so, daß man die Frage aufwirft, ob man denn als Mensch von einem bösen Geiste im Kreise herumgeführt werde? Und er antwortet: Ich glaube das letztere.
[ 18 ] Now the peculiar thing in Mach was that instinctively, every now and then, he withdrew from his own world-conception—from his radical, positivist world-conception. He withdrew a little, saying to himself: These then are the results of truly modern thought. It is meaningless to say that anything exists beyond my sensation or that I should distinguish the physical and the psychical. And yet I am impelled again and again whenever I have the table before me, to speak not merely of the sensation, but to believe that there is something out there, quite physically. And again when I have an idea, a sensation or a feeling, I have not merely the perception of the phenomenon which takes place, but though by my scientific insight I realize that it is quite unjustified—still I believe that here within me is the soul, and out there is the object. I feel myself impelled again and again to make this distinction how does it come about? Mach said to himself: however does it come about that I am suddenly impelled to assume; in here is something of the soul, and out there is something external to the soul. I know that it is no true distinction, yet am I continually compelled to think something different from what my scientific insight tells me. This is what Mach says to himself, every now and then when he withdraws a little from these things and considers them again. You will find it in his books. And he then makes a peculiar remark; he says: sometimes one has a feeling that makes one ask:—Can it be that we human beings are just being led round and round in a circle by some evil spirit? And he answers: Sometimes I really think so.
[ 19 ] Ich weiß, wie viele Menschen über eine solche Stelle einfach als über eine Phrase hinweglesen. Aber solch eine Stelle ist symptomatisch. Da guckt manchmal über die Schultern der Seele dasjenige, was wahrhaftiger Tatbestand ist. Es ist der ahrimanische Geist, der die Menschen im Kreise herumführt, daß sie so denken, wie Avenarius und Mach denken. Und Mach wird in solchen Augenblicken auf diesen ahrimanischen Geist aufmerksam. Es ist derselbe ahrimanische Geist, der nun auch in der bolschewistischen Denkweise wirkt. Daher ist es kein Wunder, daß die Wirklichkeitslogik dieses als Ergebnis geliefert hat. Sie sehen aber, man muß, wenn man die Dinge des Lebens einsehen will, tiefer in dieses Leben hineinschauen. Das ist wahrhaftig gerade auf sozialem Gebiete heute und für die nächste Zukunft nicht unbedeutend. Denn die Schlußfolgerungen, die gezogen werden müssen, sind nicht solche, wie sie Schmoller oder Brentano, Wagner, Spencer, John Stuart Mill oder wer immer gezogen haben, sondern auf dem sozialen Gebiete müssen wirklichkeitsgemäße, logisch wirklichkeitsgemäße Schlußfolgerungen gezogen werden. Und das Schlimme ist, daß in unseren gegenwärtigen agitatorischen Bestrebungen und in dem, was aus diesen agitatorischen Bestrebungen geworden ist, den bloß logischen Schlußfolgerungen, Illusionen leben, und Illusionen äußere Wirklichkeit geworden sind. Dafür will ich Ihnen zwei Beispiele anführen. Das eine kennen Sie schon gut, nur brauchen Sie noch die Beleuchtung, in die ich das Beispiel jetzt rücke.
[ 19 ] I know, my dear friends, how many people will read just such a passage, taking it as an empty phrase. Yet it is truly symptomatic. For here, every now and then, there peers over the shoulder of the human soul something that is real fact. It is indeed the Ahrimanic spirit who leads men round and round in a circle, making them think in the way of Avenarius and Mach. And at such moments Mach suddenly becomes aware of it. And it is the same Ahrimanic spirit who is working now, in the Bolshevist way of thought. Hence it is no wonder, my dear friends, that the logic of realities has produced this result. You see, however, that if we would understand the things of life, we must look into them more deeply. Truly this is of no small importance, especially for the domain of social life, today and in the near future. For the conclusions that must be drawn are not such as were drawn by Schmoller or Brentano, Wagner, Spencer, John Stuart Mill or whoever it may be. No, in the domain of social life, real conclusions must be drawn, i.e., conclusions according to the logic of realities. This is the bad thing, that in the social agitations and movements of today, and in all that they have produced, merely logical deductions—i.e., illusions—are living. Illusions have become external reality. I will give you two examples. The one is already well-known to you, you will only need to see it in the light in which I shall now place it.
[ 20 ] Die marxistisch gefärbten Sozialisten — ich habe Ihnen ja gestern und oft schon auseinandergesetzt, das ist fast das ganze Proletariat der Gegenwart — sagen unter dem Einfluß von Marx: Wirtschaft, wirtschaftliche Gegensätze, Klassengegensätze, die von den wirtschaftlichen Gegensätzen herrühren, die sind die wahre Wirklichkeit, das andere ist ideologischer Überbau. Was der Mensch denkt und dichtet, künstlerisch schafft, was er über den Staat, über das Leben, über alles denkt, das ist nur das Ergebnis der Art und Weise, wie er wirtschaftlich lebt. Aus diesem Grunde sagt ja auch der Proletarier der Gegenwart: Wir brauchen nicht eine allgemeine Nationalversammlung, wenn wir eine Neuordnung herbeiführen wollen, denn da werden wiederum die Bürger drinnen sein und aus ihrem wirtschaftlich determinierten Bürgertum heraus mitreden. Das können wir nicht brauchen. Wir können nur diejenigen brauchen, welche so reden, wie es aus den proletarischen Köpfen kommt, denn das sind heute diejenigen, die die Welt gestalten müssen. Da brauchen wir überhaupt nicht erst Versammlungen einzuberufen, sondern die paar Proletarier, die eben gerade obenauf sind, die üben die Diktatur aus, denn sie haben proletarische Anschauungen, sie werden also das Richtige denken. — Wie Lenin und Trotzki in Rußland, so weist Karl Liebknecht in Berlin die Nationalversammlung zurück. Er sagt: Das wird ja doch nichts sein als eine neue Auflage der alten Reichs-Schwätzerbande damit meint er den Reichstag.
[ 20 ] The Marxian Socialists (and as I have often told you, this includes almost the whole of the proletariat today), the Marxian Socialists declare, under the influence of Marx: Economic life, economic oppositions, and the class oppositions that arise from them—these things are the true reality. Everything else is an ideological superstructure. What man thinks, what he creates in poetry and art, what he thinks about the State or about life in general, all this is a mere result of his economic mode of life. And for this reason the proletariat of today declares:—We need no National Assemblies to bring about a new social order. For in the National Assemblies there will be the bourgeois folk once more and they will have their say out of their economically-determined bourgeois minds. We have no use for that. We can only do with those who will voice the thoughts of Proletarian minds. It is they who must re-mold the world today. To this end we do not first need to summon National Assemblies. Let the few Proletarians who happen to be on top exercise a dictatorship. They have proletarian ideas, they will think the right thoughts. Not only Lenin and Trotsky in Russia, Karl Liebknecht in Berlin repudiates the National Assembly. He says: After all, it will be no more than a reassembly of the talk-shop—meaning the Reichstag, the Houses of Parliament.
[ 21 ] Nun, was liegt denn da zugrunde? Das, was da zugrunde liegt, das bildete hauptsächlich gerade den Gegenstand, wegen dessen ich vor jetzt sechzehn Jahren — ich habe Ihnen das erzählt, als ich Ihnen die Geschichte meiner «Philosophie der Freiheit» auseinandersetzte — in der Hauptsache herausgedrängt worden bin aus der sozialistischen Arbeiterbildungsschule in Berlin. Ich hatte unter anderem auch naturwissenschaftliche Fragen vorzutragen, hatte auch Redeübungen geleitet, aber ich hatte auch Geschichte gelehrt. Ich habe sie so gelehrt, wie ich angenommen habe, daß man sie objektiv zu lehren hat. Das hat durchaus genügt für diejenigen, die meine Schüler waren. Hätte das fortgesetzt werden können, hätte es nicht ein künstliches Ende gefunden, ich weiß, es hätte schon gute Früchte tragen können. Aber es sind die sozialdemokratischen Führer darauf gekommen, daß ich nicht Marxismus, nicht marxistische Geschichtsauffassung vortrage, sondern daß ich sogar kurioserweise, was den Arbeitern, die meine Schüler waren, sehr gut gefallen hat, sogar solche Bocksprünge gemacht habe, von denen ich Ihnen jetzt erzählen will. Ich habe zum Beispiel gesagt: Die gewöhnlichen Historiker, die können nicht dahinterkommen, was es mit den sieben römischen Königen ist, die betrachten das sogar als eine Mythe, weil die Aufeinanderfolge der sieben Könige, so wie sie im Livius erzählt ist, so ein Auf- und Niedergang ist, immer eine Art Steigerung bis zum Marcius, dem vierten, dann ein Niedergehen bis zur Dekadenz, bis zum siebenten, Tarquinius Superbus. Und ich erklärte dann den Leuten, daß man da eben zurückgeht in die älteste Zeit der römischen Entwickelung, in die Zeit vor der Republik, daß der Umschwung zur Republik eben darin bestanden hat, daß die alten atavistisch geistigen Regelmäßigkeiten in ein gewisses volksmäßiges Chaos übergegangen sind, während in der Tat in der älteren Zeit, wie es noch beim ägyptischen Pharaonentum ja handgreiflich ist, eine durch spirituelle Wissenschaft erforschbare Weisheit in den Einrichtungen liegt. Es wurde nicht umsonst erzählt, daß Numa Pompilius von der Nymphe Egeria Einflüsse empfangen hat, um das Ganze anzuordnen. Ich habe dann auseinandergesetzt, wie die Leute überhaupt Inspirationen bekommen haben, um Anordnungen zu treffen, wie in der Tat, nicht wie es später war, der eine Machthaber dem andern gefolgt ist, sondern wie das bestimmt war nach den Gesetzen, die man aus der geistigen Welt heraus hatte. Daher dieses Regelmäßige in der Aufeinanderfolge der ägyptischen Pharaonen und auch noch der römischen Könige, die so aufeinanderfolgen in Romulus, Numa Pompilius und so weiter bis zum Tarquinius Superbus. Wenn Sie jetzt die sieben Prinzipien so, wie ich sie in meiner «Theosophie» zusammengefaßt habe, hintereinander von einem gewissen Gesichtspunkte anschauen, dann haben Sie in der Aufeinanderfolge der sieben römischen Könige diese sieben Prinzipien. Das ist etwas, was ich jetzt nur andeute; hier unter Ihnen brauche ich es ja nur anzudeuten, aber es ist etwas, was man, wenn man es entsprechend einkleidet, durchaus als eine ganz objektive Wahrheit darzustellen hat und was Licht wirft auf dieses Eigentümliche, das ja der gewöhnliche materialistische Historiker nicht begreifen kann. Daher werden heute die sieben römischen Könige von einem waschechten — nein, wissenschaftlichen! — Historiker ja überhaupt als nicht vorhanden, sondern als Mythus betrachtet. Sehen Sie, so weit bin ich gegangen und habe auch in anderer Weise diese Dinge vorgetragen; und wenn man es entsprechend macht, so wirkt es natürlich schon als etwas, was der Wirklichkeit entspricht. Aber «materialistische Geschichtsauffassung » ist es nicht. Denn materialistische Geschichtsauffassung bedingt, daß man untersucht, welches die wirtschaftlichen Verhältnisse waren, wie dazumal Ackerbau sich zu Viehzucht, wie sich der Ackerbau zum Handel verhalten hat, wie die Städte begründet worden sind, welche Wirtschaft die Etrusker gehabt haben, wie die Etrusker mit den aufkeimenden Römern gehandelt haben, und wie sich unter diesem Einfluß des wirtschaftlichen Elements die Verhältnisse dann unter Romulus, Numa Pompilius, Tullus Hostilius und so weiter gestaltet haben.
[ 21 ] What is the underlying reason, my dear friends? It is the same reason on account of which, in the main, I was driven out of the Socialist Working Men's College in Berlin sixteen years ago, as I told you recently when giving you the history of my Philosophy of Spiritual Activity. In that College I had to lecture among other things on scientific matters; I conducted practical lessons in public speaking. But I also had to teach History. And I taught it in the way in which I assumed, objectively, that it should be taught. This was certainly satisfying to those who were my pupils, and if it could have been continued—if it had not been brought to an artificial end—I know it would have borne good fruit. But the Social-Democratic leaders discovered that I was not teaching Marxism or the Marxian conception of history. Nay more, they discovered that I even did such curious wild things as I will now relate (which incidentally were very well-received by the workers who were my pupils). I said, for instance, on one occasion: The ordinary historian cannot make anything of the story of the seven Roman kings, they even regard it as a myth. For the succession of the seven kings, as described by Livy, shows a kind of rise and decline. Up to Marcius, the fourth, it rises to a kind of climax. Then it declines to decadence in the seventh, Tarquinius Superbus. And I explained to my pupils that we were here going back to the most ancient period in Roman evolution, the period before the Republic, and that the change to the Republic had in fact consisted in this: that the ancient atavistic spiritual regularities had passed into a kind of popular chaos; whereas, in the more ancient period, as we can see quite tangible in the history of the Egyptian Pharaohs, the social institutions contained a certain wisdom, discoverable by Spiritual Science. It is not for nothing that we are told how Numa Pompilius received influences from the Nymph Egeria, to order the social life. Then I explained how men did indeed receive Inspirations for the social institutions which they were to make; and how in truth it was not merely the one monarch following the other as in later times, but these things were determined according to the laws received from the Spiritual World. Hence the regularity in the succession of the Egyptian Pharaohs and even of the Roman kings, Romulus, Numa Pompilius, and so on down to Tarquinius Superbus. Now you may take the seven principles of man which I summed up in my Theosophy and regard them one after another from a certain point of view. You will find these seven principles in the succession of the Roman kings. Here, at this present moment, I am only hinting at the fact, and among you I need do no more. Nevertheless it is a thing which, rightly expressed, can well be described as an objective truth, throwing real light on the peculiar circumstances which the ordinary materialistic historian cannot understand. Today indeed, the “genuinely scientific” historians simply regard the seven kings as non-existent, and describe them as a myth. So you see, I really went so far as this. And in other matters, too, I spoke to them in this way. If it is done rightly, it gives the impression of answering to the realities. Still it is not the “Materialistic Conception of History.” For that would mean that we should have to investigate what were the economic conditions in ancient Roman times, what was the relation of the tillage of the soil to the breeding of cattle and to trade and the life; and how the cities were founded, and what was the economic life of the Etruscans, and how the Etruscans traded with the young Roman people; and how under the influence of these economic elements, conditions took shape under Romulus, Numa Pompilius, Tullus Hostilius, and so on, in succession.
[ 22 ] Aber sehen Sie, so ganz ohne weiteres würde auch das natürlich nicht durchgedrungen sein. Aber da kam mir wiederum die wahre Wirklichkeit doch zu Hilfe; gerade weil ich auf die wahre Wirklichkeit ging, kam mir die wahre Wirklichkeit zu Hilfe. Natürlich sind es ja nicht lauter junge Leute, die solchen Zuhörerkreis bilden. Es waren unter ihnen auch solche, die schon proletarisches Denken bis zu einem gewissen Grade aufgenommen hatten, auch solche, die schon mit allen Vorurteilen gespickt waren; leicht sind solche Leute durchaus nicht zu überzeugen, selbst bei Dingen, die ihnen fernliegen. Als ich zum Beispiel einmal über Kunst sprach, wo ich auseinandergesetzt hatte, was Kunst ist und wie Kunst wirkt, schrie plötzlich ganz im Hintergrund eine Dame: Na, und der Verismus, ist der keine Kunst? Also die Leute, die nahmen das nicht so auf Autorität bloß hin. Es handelte sich schon darum, daß man die Wege zu den Leuten fand, nicht etwa durch schlaue Schleichwege, sondern aus dem Wirklichkeits- und Wahrhaftigkeitssinn heraus. Da kam es, daß man sagen mußte, nicht nur sagen konnte, sondern sagen mußte: Ja, aber Ihr seid angefüllt mit solchen Begriffen, die der materialistischen Geschichtsauffassung entsprechen, die da glaubt, daß alles nur von wirtschaftlichen Verhältnissen abhängt und alles geistige Leben nur auf Ideologie beruht, welche die Fata Morgana ist, die sich oben ausbreitet auf Grundlage der wirtschaftlichen Verhältnisse. Und Marx hat es sehr scharfsinnig und geistreich auseinandergesetzt. Aber warum ist das alles geschehen? Warum hat er es auseinandergesetzt, und warum glaubt er es? Weil Marx nur seine unmittelbare Gegenwart gesehen hat und nicht zu älteren Zeiten zurückgegangen ist. Marx legt nur zugrunde die historische Menschheitsentwickelung seit dem sechzehnten Jahrhundert. Da ist es so, daß tatsächlich die Epoche in der Menschheitsentwickelung eingetreten ist, wo das Geistesleben, wenn auch nicht genau so, wie es bei Karl Marx ist, doch auch in einer gewissen Weise über große Teile der Welt hin ein Ausdruck der wirtschaftlichen Verhältnisse wurde. — Der Goetheanismus ist nicht aus dem wirtschaftlichen Leben heraus abzuleiten, aber Goethe wird auch von diesen Leuten als dem wirtschaftlichen Leben fernstehend angesehen. Also man könnte sagen: Der Fehler besteht darin, daß dasjenige, was nur für einen bestimmten Zeitraum, und gerade für den neuesten Zeitraum gilt, verallgemeinert wurde. Und nur die letzten vier Jahrhunderte konnte man verstehen, wenn man sie im Sinne der materialistischen Geschichtsauffassung vortrug.
[ 22 ] You see, even this would not have been effected quite so simply. But here again the true Reality came to my assistance. Of course, such an audience did not consist merely of young people. There were many among them who had already absorbed the Proletarian thought to a considerable extent and who were well-equipped, well-armed with all these prejudices. Such people are by no means easy to convince, even when one is speaking of things remote from their domain of knowledge. On one occasion I was speaking about Art. I had described what Art is, and its influence, and suddenly from the back of the hall a lady cried out, interrupting: “Well, and Verism, isn't that Art?” So you see, these people were not prone to take things simply on authority. It was a question of finding a way to them; not of finding the way to them by all manner of sly devices, but out of a sense of Reality and Truthfulness. And so it came about that one had to say—not only could, but had to say—“You folk are primed with ideas of the ‘Materialist Conception of History,’ which believes that all things depend on the economic conditions, and that the spiritual life is but an ideology, spreading itself out on the basis of the economic conditions, and indeed, Marx expounded these things with clear and sharp insight. But why did all this come about? Why did he describe and believe all this? Because Marx only saw the immediate and present age in which he lived. He did not go back to former ages. Marx only based himself on the historic evolution of man since the sixteenth century, and here in deed and truth there came into the evolution of mankind an epoch during which over a large part of the world the spiritual life became an expression of the economic conditions, though not exactly as Marx describes it. True, Goetheanism is not to be derived from the economic life; but Goethe was regarded even by these people as a man remote from the economic life. Thus we might say that this was the mistake, that which held true only for a certain space of time, notably for the most recent time of all, was generalized. Indeed, only the last four centuries could be truly understood by describing them in the sense of the Materialist Conception of History.
[ 23 ] Jetzt aber kommt das Wichtige, und dieses Wichtige besteht darin, daß man nicht bloß begriffslogisch vorgeht, denn begriffslogisch läßt sich gegen die straff geschürzten Sätze von Karl Marx furchtbar wenig anführen, sondern man muß lebenslogisch vorgehen, wirklichkeitslogisch, anschauungslogisch. Dann zeigt sich aber, daß unter dieser Evolution, die seit dem sechzehnten Jahrhundert so stattgefunden hat, daß man sie geschichtsmaterialistisch interpretieren kann, eine wichtige Involution stattfindet, etwas, was unsichtbar, übersinnlich unter dem äußerlich Sinnlich-Sichtbaren verläuft. Und das ist das, was sich auf die Oberfläche bringen will, was sich herausarbeiten will aus den menschlichen Seelen — gerade der Widerpart des Materialismus. So daß der Materialismus nur so groß wird und so stark wirkt, damit der Mensch sich dagegen aufbäumt, damit er die Möglichkeit findet, das Geistige aus sich heraus zu suchen im Bewußtseinsseelenzeitalter, und es zum Selbstbewußtsein des Geistigen zu bringen. So daß die Aufgabe nicht ist, wie Karl Marx glaubt, einfach die Wirklichkeit anzuschauen und von ihr abzulesen: Die Wirtschaft ist die Wirklichkeitsgrundlage der Ideologie — sondern sich zu sagen: Die Wirklichkeit bietet uns seit dem sechzehnten Jahrhundert nicht dasjenige, was wahrhaftig wirklich ist, sondern das muß im Geiste gesucht werden. Man muß gerade solche soziale Ordnung finden, welche das, was äußerlich erscheint, was äußerlich beobachtet werden kann seit dem sechzehnten Jahrhundert, überwiegt. Die Zeit selbst zwingt dazu, nicht bloß die äußeren Vorgänge zu beobachten, sondern etwas zu finden, was in diese Vorgänge korrigierend eingreifen kann. Man muß dasjenige, was der Marxismus auf den Kopf gestellt hat, wiederum auf die Beine stellen.
[ 23 ] Now this is the important thing: We must not proceed by the mere logic of concepts; for by the logic of concepts very little can be said against the carefully and strictly guarded propositions of Karl Marx. We must proceed by the logic of life, the logic of realities, the logic of things seen. If we do so, the following will be revealed. Beneath this evolution which has taken place since the 16th century in a way that can well be interpreted through the materialist conception of history—beneath this Evolution there is a deeply significant Involution. That is to say, there is something that takes its course invisibly, supersensibly, beneath what is visible to the outer senses. This is seeking to come forth to the surface, to work its way forth out of the souls of men; and it is the very opposite of Materialism. Materialism only becomes so great and works so in order that man may rear himself up against it, in order that he may find the possibility to seek the Spiritual out of the depths of his own Being during this age of the Spiritual Soul, and thus attain Self-consciousness in the Spirit. Thus the task is not, as Karl Marx believes, simply to look at the outer reality and read from it the proposition that economic life is the real basis of ideology; but the task is rather this: We must say to ourselves, the outer reality since the 16th century does not reveal the true reality. The true reality must be sought for in the spirit; we must find, above all, that social order which will counter-balance and overcome what appears outwardly or is outwardly observable since the 16th century. The age itself compels us, not merely to observe the outer processes but to discover something that can work into them as a corrective. What Marxism has turned upside down must be set right again.
[ 24 ] Das ist außerordentlich wichtig, daß man weiß, daß in diesem Falle die Wirklichkeitslogik geradezu umkehrt die bloß scharfsinnige Dialektik des Karl Marx. Es wird noch einiges Wasser den Rhein hinunterfließen, bevor eine genügende Anzahl von Menschen diese Notwendigkeit, zur Wirklichkeitslogik, zur Anschauungslogik zu kommen, einsehen. Aber notwendig ist es, daß man das einsieht. Notwendig ist es gerade wegen der brennenden sozialen Fragen. Das ist das eine Beispiel.
[ 24 ] It is extraordinarily important for us to know this. In this instance the logic of realities actually reverses the mere sharp-witted dialectics of Karl Marx. Alas, much water will have yet to flow down the Rhine before a sufficient number of people will realize this necessity, to find the logic of reality, the logic of things seen. Yet it is necessary—necessary above all on account of the burning social questions.
[ 25 ] Das andere Beispiel kann angeknüpft werden an einiges, was ich Ihnen gestern sagte. Ich sagte Ihnen, daß charakteristisch ist seit Ricardo, seit Adam Smith und so weiter, daß man bemerkt hat, die wirtschaftliche Ordnung hat zur Folge, daß im menschlichen sozialen Zusammensein menschliche Arbeitskraft verwendet wird, wie Ware auf den Markt gebracht und wie Ware nach Angebot und Nachfrage behandelt wird. Ich habe Ihnen gestern auseinandergesetzt, wie das gerade das Aufregende, der eigentliche Motot ist in der proletarischen Weltanschauung. Wer bloß begriffslogisch denkt, der beobachtet, daß das so ist, und sagt sich: Also müssen wir eine Volkswirtschaftslehre, eine soziale Lehre, eine soziale Lebensanschauung haben, welche mit dem rechnet, welche in der möglichst besten Weise die Frage beantwortet, wie man, weil Arbeitskraft Ware ist, diese Ware Arbeitskraft schützen kann vor Ausbeutung des Menschen. — Die Frage ist falsch gestellt. Sie ist nicht nur aus der Theorie, sie ist aus dem Leben falsch gestellt. Falsche Fragestellung wirkt heute zerstörend, verwüstend, Raubbau treibend. Wenn nicht eine Umkehr stattfindet, wird sie immer mehr Raubbau treibend wirken. Denn hier muß ebenfalls dasjenige, was auf dem Kopf steht, auf die Beine gestellt werden. Es darf nicht gefragt werden: Wie muß man die soziale Struktur machen, damit der Mensch nicht ausgebeutet werden kann, trotzdem seine Arbeitskraft eben als Ware nach Angebot und Nachfrage auf den Markt gebracht wird wie eine andere Ware? Denn das widerspricht einem inneren Impuls der Entwickelung, der sich der Wirklichkeitslogik ergibt; es entspricht jerzerz inneren Impuls, der gar nicht so ausgesprochen wird, der aber eben doch der Wirklichkeit entspricht und der so ausgedrückt werden kann: Noch die griechische Zeit, diese uns so wichtig gewordene griechische Kultur, ist ja nur denkbar dadurch, daß ein großer Teil der griechischen Bevölkerung Sklaven waren. Die Sklaverei ist die Voraussetzung jener Kultur, die für uns so große Bedeutung hat. Aber in der griechischen Kultur war so sehr die Sklaverei Voraussetzung, daß ein so eminent gut denkender Philosoph wie Plato überhaupt für die menschliche Kultur die Sklaverei als das Berechtigte und Notwendige ansah.
[ 25 ] That is the one example. For the other, we may take our start from some of the things I told you yesterday. I said: It is characteristic how men have observed, ever since Ricardo, Adam Smith and the rest, that the economic order entails this consequence: That in the social life of man together, human labor-power is used like a commodity, brought on to the market like a commodity, treated like a commodity after the laws of supply and demand. As I explained yesterday, this is the very thing that excites and acts as motive impulses in the proletarian world-conception. Now one who merely thinks in the logic of concepts, observing that this is so, will say to himself: we must therefore find an economic science, a social science, a conception of social life, which reckons with this fact. We must find the best possible answer to the question: “Seeing that labor power is a commodity, how can we protect this commodity, labor power, from exploitation?” But the question is wrongly put, wrongly put not only out of theory, but out of life itself. The putting of questions wrongly is having a destructive, devastating effect in real life today. And it will continue to do so if we do not find the way to reverse it. For here once more the thing is standing on its head and must be set upright again, we must not ask: How shall we make the social structure so that man cannot be exploited, in spite of the fact that his labor power is brought on to the market like any other commodity, according to supply and demand. For there is an inner impulse in human evolution which works in the logic of realities, although people may not express it in these words. It corresponds to reality and we can state it thus: Even the Grecian Age, the Grecian civilization which has come to mean so much for us, is only thinkable through the fact that a large proportion of the population of Greece were slaves. Slavery, therefore, was the premise of that ancient civilization which signifies so very much to us. So much that the most excellent philosopher, Plato, considered slavery altogether as a justified and necessary thing in human civilization.
[ 26 ] Aber die menschliche Entwickelung schreitet fort. Die Sklaverei war im Altertum, und Sie wissen, die Menschheit hat sich aufgelehnt gegen die Sklaverei, instinktiv dagegen aufgelehnt, daß der Mensch verkauft oder gekauft werden kann. Der ganze Mensch kann nicht gekauft oder verkauft werden. Das ist heute ein Axiom, kann man sagen, und wo noch Sklaverei herrscht, betrachtet man das als eine Barbarei. Für Plato ist es keine Barbarei, sondern eine Selbstverständlichkeit, daß es Sklaven gibt. Für ihn ist es eine Selbstverständlichkeit wie für jeden Griechen von platonischer Gesinnung, überhaupt für jeden Griechen, der staatsmännisch gedacht hat. Der Sklave hat nicht anders gedacht als: Es ist eine Selbstverständlichkeit, daß Menschen verkauft werden können, daß Menschen auf den Markt gebracht werden nach Angebot und Nachfrage — natürlich nicht wie die Kühe. Aber das ist ja nur eine Maske, nur kaschiert, denn das ist übergegangen auf die mildere Sklaverei, die Leibeigenschaft. Die hat sehr lange gedauert. Aber auch dagegen hat sich die Menschheit aufgelehnt. Übriggeblieben ist, in unsere Zeit hereinragend, daß zwar nicht der ganze Mensch verkauft werden kann, aber ein Teil des Menschen, die Arbeitskraft. Aber heute lehnt sich der Mensch dagegen auf, daß die Arbeitskraft verkauft wird. Es ist nur die Fortsetzung der Ablehnung der Sklaverei, was gefordert wird in der Ablehnung der Kaufbarkeit und Verkaufbarkeit der Arbeitskraft. Daher ist es ganz selbstverständlich, daß im Laufe der Menschheitsentwickelung die Opposition sich dagegen erhebt, daß Arbeitskraft als Ware gilt, und als Ware in der sozialen Struktur funktioniert. Die Frage kann also nicht so gestellt werden: Wie kann der Mensch vor der Ausbeutung geschützt werden? — wenn man von der axiomatischen Voraussetzung ausgeht, Arbeitskraft ist Ware, so wie es seit Ricardo, seit Adam Smith und anderen üblich geworden ist, und wie es eigentlich Karl Marx und auch die ganze proletarische Lebensauffassung betrachtet. Denn das betrachtet man schon als ein Axiom, daß Arbeitskraft Ware ist. Aber man will, trotzdem sie Ware ist, sie nur vor Ausbeutung bewahren, respektive den Arbeiter vor Ausbeutung seiner Arbeitskraft. Das ganze Denken bewegt sich so, daß mehr oder weniger instinktiv oder auch nicht instinktiv, wie bei Marx selber, dieses als Axiom angenommen wird, namentlich bei dem gewöhnlichen Dutzend von Volkswirtschaftslehrern, wie sie eben an den Fakultäten tätig sind; da gilt das als Axiom, daß Arbeitskraft gleich zu behandeln ist der Ware.
[ 26 ] But the evolution of mankind goes forward. Slavery existed in antiquity and as you know, mankind began to rebel against it, quite instinctively to rebel against men being bought and sold. Today we may say it is an axiom: The whole human being can no longer be bought and sold; and where slavery still exists, we regard it as a relic of barbarism. For Plato, it was not barbarism; it went without saying that there were slaves, just as it did for every Greek who had the Platonic mind, nay every Greek who thought in terms of the state. The slave himself thought just the same, it went without saying that men could be sold, could be put on the market according to the laws of supply and demand, though of course not like mere cattle. Then, in a masked and veiled form, the thing passed over into the milder form of slavery which we call serfdom. Serfdom lasted very long, but here again mankind revolted. And to our own time this relic has remained. The whole human being can no longer be sold, but only part of him, namely his labor-power. And today man is revolting against this too. It is only a continuation of the repudiation of slavery, if in our time it is demanded that the buying and selling of labor-power be repudiated. Hence it lies in the natural course of human evolution for this opposition to arise against labor-power being treated as a commodity, functioning as a commodity in the social structure. The question, therefore, cannot be put in this way: How shall man be protected from exploitation?—assuming as an axiomatic premise that labor-power is a commodity. This way of thinking has become habitual since Ricardo, Adam Smith and others, and is in reality included in Karl Marx and in the proletarian conception. Today it is taken as an axiom that labor-power is a commodity. All they want to do is, in spite of its being a commodity, to protect it from exploitation, or rather to protect the worker from the exploitation of his labor-power. Their whole thought moves along these lines. More or less instinctively or—as in Marx himself—not instinctively, they take it as an axiom. Notably the ordinary run of Political Economists who occupy the professional chairs assume it is an axiom from the very outset, that labor-power is to be treated, economically speaking, on the same basis as a commodity.
[ 27 ] Ja, in solchen Dingen herrschen heute überhaupt lauter Vorurteile, und die Vorurteile werden gestaltend. Vorurteile sind ja ganz furchtbar gerade auf diesem Gebiete. Ich weiß nicht, wie viele vielleicht sogar hier unter Ihnen sein werden, die es als eine Zumutung betrachten, daß der Mensch sich mit diesen Dingen beschäftigen soll, daß man diese Dinge betrachten soll. Aber man kann ja das ganze Leben nicht betrachten, wenn man über diese Dinge nicht nachdenken kann. Man läßt sich alles mögliche vormachen, wenn man über diese Dinge nicht nachdenken kann. Die letzten vier Jahre haben alle diese Dinge anschaulich bewiesen. Was haben diese letzten vier Jahre nicht alles gebracht! Man konnte da die kuriosesten Dinge erleben. Ich will Ihnen als Beispiel nur eines sagen. Wenn man immer wieder hinauskam nach Deutschland — und anderswo war es ja nicht anders —, da erlebte man: Alle Augenblicke war etwas Neues, was neue Anleitung zum Patriotismus war. Gerade als wir das letztemal nach Deutschland zurückkamen, da war zum Beispiel wieder so ein neues patriotisches Schlagwort für den bargeldlosen Verkehr aufgekommen: Man sollte nicht mehr mit Bargeld bezahlen, sondern den Scheckverkehr fördern, also möglichst nicht Geld zirkulieren lassen, sondern Schecks. Da wurde den Leuten gesagt, das sei besonders patriotisch, bargeldlosen Verkehr zu fördern, denn das sei notwendig, wie man meinte, um den Krieg zu gewinnen. Niemand ist darauf gekommen, daß es der platte Unsinn ist, wenn man es so sagt. Aber es wurde ja nicht bloß gesagt, es wurde auch wirklich propagiert, und die Leute richteten sich danach, die unglaublichsten Leute richteten sich danach — Leute, von denen man annehmen müßte, weil sie Werke leiteten, weil sie Industrieunternehmungen leiteten, sie verständen irgend etwas von der Volkswirtschaft! Sie behaupteten: Bargeldloser Verkehr, das ist patriotisch! — Nur unter einer Voraussetzung wäre der bargeldlose Verkehr patriotisch: Wenn man jedes Mal ausrechnen würde, wieviel Zeit man erspart durch den bargeldlosen Verkehr; was ja nur gewisse Leute können, die meisten können das ja nicht. Diese Zeit müßten sie zusammenaddieren und dann müßten sie hergehen und müßten sagen: Ja, ich habe durch den bargeldlosen Verkehr so und so viel Zeit erspart, bitte, verwenden Sie mich nun zu dem und dem, ich will dafür die und die Arbeit leisten. Nur dann wäre es eine wirkliche Ersparnis. Das haben aber die Leute nicht getan, auch gar nicht daran gedacht, daß es nur unter dieser Voraussetzung volkswirtschaftlich patriotische Bedeutung haben könnte. Und solches Zeug ist ja in den letzten viereinhalb Jahren, weil alles in Umschwung kam, in der fürchterlichsten Weise geredet worden. Die unglaublichsten Dilettantismen sind realisiert worden. Unmöglichkeiten sind Wirklichkeiten geworden, weil die Leute, auch diejenigen, die es angeordnet haben, gar nicht wissen, welche Zusammenhänge auf diesem Gebiete in der Wirklichkeit vorhanden sind.
[ 27 ] In these matters countless prejudices are dominating our life today: and prejudices are disastrous above all in this sphere of life. I am well aware how many there may be, even among you, who will regard it as a strange expectation, that you should spend your time in going into all these things. But we cannot possibly study the fullness of life if we are unable to think about these things. For if we cannot do so, we become the victims of all manner of absurd suggestions. How many an illustration the last four years have provided; what have they not brought forth? One could witness the most extraordinary things: I will only give you one example. Returning again and again to Germany—and in other places it was no different—every time, one found there was some new watchword, some new piece of instruction for the true patriot. Thus, the last time we went back to Germany, once more there was a new patriotic slogan: Do not pay in cash! Deal in checks as much as possible! i.e., do not let money circulate, but use checks. People were told that this was especially patriotic, for, as they thought, this was necessary in order to help win the war. No one saw through this most obvious piece of nonsense. But it was not merely said, it was propagated with a vengeance, and the most unbelievable people acted up to it—people of whom you might have supposed that they would understand the rudiments of economics—directors of factories and industrial undertakings. They too declared: pay in check and not in ready money, that is patriotic! That fact is, it would be patriotic, but only under one assumption, namely this: you would have to calculate on each occasion how much time you saved in dealing in checks instead of ready money. True, most people cannot perform such a reckoning, but there are those who can. Then you would have to add up all the time that was saved, and come up and say: I have been paying my accounts in checks and have saved so much time, I want to spend it usefully; please give me a job! Only if you did so would it be a real saving. But of course they did not do so, nor did it ever occur to them that the thing would only have a patriotic importance on economic grounds on this assumption. Such nonsense was talked during the last four and a half years to an appalling extent. The most unbelievably dilettante propositions were realized. Impossibilities became realities, because of the utter ignorance of people—even of those who gave out such instructions—as to the real connections in this domain of life.
[ 28 ] Um was es sich handelt mit Bezug auf die Fragen, die ich zuletzt berührt habe, ist, daß gerade die Untersuchung darauf gehen muß: Wie gestaltet man die soziale Struktur, das soziale Zusammenleben, damit man loslöst die objektive Ware, das Gut, das Erzeugnis, das Produkt, von der Arbeitskraft? Und darauf kommt es an bei allem, was für die Volkswirtschaft angestrebt werden muß, daß das Produkt, das Erzeugnis, so auf den Markt gebracht wird und so zirkuliert, daß losgelöst ist von dem Produkt die Arbeitskraft. Dieses Problem muß gerade volkswirtschaftlich gelöst werden. Wenn man aber ausgeht davon wie von einem Axiom, daß in die Ware hineinkristallisiert ist die Arbeitskraft, daß das nicht trennbar ist, dann verdeckt man sich ja gerade das Hauptproblem, da stellt man ja das, was auf den Füßen stehen soll, auf den Kopf. Man merkt gar nicht, daß die wichtigste Frage, von der das Glück oder Unglück der zivilisierten Welt auf volkswirtschaftlichem Gebiet abhängt und auf die jeder Impuls des Denkers gerichtet sein muß, diese ist: Wie löst sich die objektive Ware, das Gut, ab von der Arbeitskraft, so daß Arbeitskraft nicht mehr Ware sein kann? Das kann man erreichen. Wenn man die Einrichtungen trifft im Sinne jener Dreigliederung, die ich Ihnen vorgetragen habe, so ist dies der Weg, um dasjenige, was objektiv vom Menschen losgelöste Ware, losgelöstes Gut ist, von der Arbeitskraft loszulösen.
[ 28 ] Now with respect to the questions I have just raised, the point is this: It must be the very aim of our investigations to find out—How shall we shape the social structure, the social life of man together, so as to loosen and free the objective commodity, the goods, the product, from the labor-power? This must be the point, my dear friends, in all our economic endeavors. The product should be brought onto the market and circulated in such a way that the labor-power is loosed and freed from it. This is the problem in economics that we must solve. If we start with the axiom that the labor-power is crystallized into the commodity and inseparable from it, we begin by eclipsing the essential problem and then we put things upside-down. We fail to notice the most important question—the question on which, in the realm of political economy, the fortunes and misfortunes of the civilized world will depend. How shall the objective commodity, the goods, the product, be loosed and severed from the labor-power, so that the latter may no longer be a commodity? For this can be done if we believe in that three-folding of the social order which I have explained to you, if we make our institutions accordingly. This is the way to separate from the labor-power of man the objective commodities, the goods, which are, after all, loosed and separated from the human being.
[ 29 ] Verständnis für diese Dinge, die gerade aus der Wirklichkeit herausgegriffen sind, findet man allerdings jetzt noch wenig. Ich habe 1905 in «Luzifer-Gnosis» den Aufsatz « Theosophie und soziale Frage » veröffentlicht. Ich habe damals aufmerksam gemacht auf den obersten Grundsatz, der geltend gemacht werden muß, um das Produkt von der Arbeit loszulösen: daß nur darinnen das Heil der sozialen Frage bestehen kann, daß man richtig denkt über Produktion und Konsumtion. Heute denkt man ganz im Sinne der Produktion. Umgedacht muß werden! Die Frage muß von der Produktion abgelenkt, auf die Konsumtion gerichtet werden. Man konnte im einzelnen manchen Ratschlag geben, der aber wiederum durch die Unzulänglichkeit der Verhältnisse und durch sonstiges Unzulängliche nicht die rechten realen Folgen haben konnte. Das hat man ja auch manchmal erfahren. Aber es ist tatsächlich so, daß die Menschen heute durch den Glauben an gewisse logische Konsequenzen, die sie als wirkliche Konsequenzen nehmen, keinen Sinn dafür haben, daß auf die Wirklichkeit hingeschaut werden muß. Die Wirklichkeit ergibt aber auch gerade auf sozialem Gebiete erst die richtigen Fragestellungen. Sie werden es natürlich heute leicht erleben, daß Ihnen die Leute sagen: Ja, aber siehst du denn nicht, daß gearbeitet werden muß, wenn Ware da sein soll? — Gewiß muß gearbeitet werden, wenn Ware da sein soll. Logisch folgt ja auch die Ware aus der Arbeit. Aber die Wirklichkeit ist etwas anderes als die Logik.
[ 29 ] It must be admitted, my dear friends, that we find little understanding as yet for these things, derived as they are from the realities. In 1905 I published my essay on “Theosophy and the Social Question,” in the periodical Lucifer-Gnosis. I then drew attention to the first and foremost principle which must be maintained in order to sever the product from the labor. Here alone, I said, could we find salvation in the social question, and I emphasized that this question depends on our thinking rightly about production and consumption. Today men are thinking altogether on the lines of Production. We must change the direction of our thought. The whole question must be diverted from Production to Consumption. In detail, one had occasion to give many a piece of advice: but through the inadequate conditions and other insufficiencies, such advice could not really take effect, as one experienced—unhappily—in many cases. And it is so indeed; the men of today, through their faith in certain logical conclusions, which they mistake for real conclusions, have no sense for the need of looking at the Realities. But in the social domain above all it is only the Reality which can teach us the right way to put our questions. Of course people will say to you: Do you not see that it is necessary for labor to be done if commodities are to be produced? That is so indeed. Logically, commodities are the result of labor. But Reality is a very different thing from Logic.
[ 30 ] Ich habe das unsern Freunden wiederholt von einem anderen Gesichtspunkte aus klargemacht. Ich habe gesagt: Man sehe es sich nur an dem Denken der darwinistischen Materialisten an. Ich habe es lebhaft vor mir, wie ich vor vielen Jahren im Münchener Zweig zum erstenmal versuchte — und dann habe ich es oftmals wiederholt —, unsern Freunden klarzumachen: Man versuche nur einmal sich vorzustellen so einen richtigen Haeckelianer. Er denkt, aus einem affenähnlichen Tier ist der Mensch entstanden. Nun soll er als Naturforscher den Begriff des affenähnlichen Tieres sich bilden und dann den Begriff des Menschen. Er würde, wenn noch kein Mensch da wäre und er nur den Begriff des affenähnlichen Tieres hätte, aus seinem Begriff niemals den Begriff des Menschen herausklauben, herausschälen können. Er glaubt nur, daß der Begriff des Menschen aus dem Begriff des Affentieres hervorgehe, weil es in der Wirklichkeit daraus hervorgegangen ist. Im realen Leben unterscheiden die Menschen schon zwischen der reinen Begriftslogik, Vorstellungslogik und der Anschauungslogik. Aber das muß durchgreifen, sonst wird man niemals zu solcher Ordnung der sozialen und politischen Verhältnisse kommen, wie das für die Gegenwart und die nächste Zukunft notwendig ist. Wenn man sich nicht hinwenden will zu dem wirklichkeitsgemäßen Denken, wie ich es Ihnen heute wieder dargestellt habe, so wird man niemals auf öffentlichem Gebiete zum Goetheanismus kommen. Aber daß Goetheanismus in die Welt eintreten möge, das sollte symbolisiert werden dadurch, daß es hier auf diesem Hügel einmal ein Goetheanum gibt.
[ 30 ] I have explained this to our friends again and again from another aspect. Look at the thought of the Darwinian Materialists. I remember vividly the first occasion—it was in the Munich group—when I tried to make this clear to our friends. Imagine a real, thorough-going follower of Haeckel. He thinks that man has arisen from an apelike beast. Well, let him as a scientist form the concept of an ape-like animal and then let him form the concept of Man. If as yet no man existed and he only had the concept of the ape-like animal, he would certainly never be able to “catch,” out of this concept of the animal, the concept Man. He only believes what [in?] the ape-like creature, because the one proceeded out of the other in reality. Thus in real life men do after all distinguish between the logic of pure concepts and ideas and the logic of things seen. But this distinction must be applied through and through; otherwise we shall never gain an answer to the social and political questions, such as is necessary for the present and the immediate future. If we will not turn to that realistic thinking which I have explained to you once more today, we shall never come to the Goetheanic principle in public life. And that the Goetheanic principle shall enter into the world, this we desired to signalize by erecting, upon this hill, a “Goetheanum.”
[ 31 ] Nur spaßhaft möchte ich Ihnen raten, lesen Sie die große Annonce, die in den «Basler Nachrichten » auf der letzten Seite heute erschienen ist, wo aufgefordert worden ist, alles zu tun für den größten Tag der Weltgeschichte, der anbrechen soll, indem begründet wird das Wilsoneanum! Nun, es ist ja zunächst, nicht wahr, nur eine Annonce, und ich wollte es auch nur spaßhaft erwähnen. Aber in den Seelen der Menschen wird mindestens sehr stark das «Wilsoneanum» begründet.
[ 31 ] In humorous vein, I would advise you to read the huge advertisement that appeared on the last page of today Basler Nachrichten, calling on everyone to do all in his power for the greatest day in world-history which is now about to dawn, by founding a “Wilsoneanum.” True, as yet, it is only an advertisement, and I only mention it in a jocular spirit. Nevertheless, in the souls of men, to say the least of it, the “Wilsoneanum” is being founded pretty intensely at the present moment.
[ 32 ] Ich habe Ihnen vor kurzem auseinandergesetzt, daß es schon eine gewisse Bedeutung hat, daß es hier nun ein Goetheanum gibt, und nannte das dazumal eine «negative Feigheit». Das Gegenteil von Feigheit sollte damit zum Ausdruck kommen. Und es ist schon so, daß in der Zukunft Ereignisse kommen werden — wenn diese Annonce auch nur eine spaßhafte Vorausnahme ist —, die diesen Protest aus einer gewissen Weltanschauung heraus prophetisch gerechtfertigt erscheinen lassen. Wenn man auch die halbe Seite Annonce von dem Wilsoneanum nicht ernst nimmt, so ist es schon gut, wenn man weiß: Wilsoneana werden schon begründet werden. Deshalb sollte vorher ein Protest da sein: ein Goetheanum!
[ 32 ] As I said a short while ago, it has indeed a certain meaning that there is now a Goetheanum standing here. I called it a piece of “negative cowardice.” The opposite of cowardice was to come to expression in this action. And it is indeed the case, my dear friends, events are coming in the future—though this advertisement is only an amusing prelude—events are coming which will seem to justify this prophetic action which is being made out of the spirit of a certain world-conception. Though we need not take the half-page advertisement for a “Wilsoneanum” seriously, it is well for us to know that “Wilsoniananum” will indeed be founded. Therefore a Goetheanum was to stand here as a kind of protest in advance.
